Respektable Leute auf schwarzer Liste des ukrainischen Zentrums für Desinformationsbekämpfung. Auch der Autor Dr. Wolfgang Bittner gilt da als „Informationsterrorist“, der sich als „Kriegsverbrecher“ verantworten müsse

Heftiges Kopfschütteln und eine darob aufkommende ehrliche Empörung ist noch immer zu wenig, wenn man von dergleichen Kenntnis erhält. Am gestrigen Abend erreichte mich ein Anruf des Schriftstellers, Autors und Publizisten Dr. Wolfgang Bittner, von dem ich in der Vergangenheit einige Bücher rezensiert hatte (z. B. „Der neue West-Ost-Konflikt“). Die aufschreckende Information, welche ich von ihm erhielt, formulierte er auch schriftlich und sendete sie u.a. auch an Medien. Sie erschien u.a. in der „Sicht vom Hochblauen“:

Liebe Freundinnen und Freunde,

wie ich vor Kurzem erfuhr, stehe ich auf einer schwarzen Liste des ukrainischen Zentrums zur Desinformationsbekämpfung (CCD) mit etwa hundert weiteren Personen.

Scott Ritter, ehemaliger Geheimdienstoffizier des Marine Corps und UN-Waffeninspektor, der ebenfalls auf der CCD-Liste steht, schrieb dazu einen offenen Brief an seine Kongressabgeordneten (die US-Senatoren Chuck Schumer und Kirsten Gillibrand sowie den Kongressabgeordneten Paul Tonko), worin er sie auffordert, „die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass die vom US-Kongress bewilligten Mittel nicht zur Unterdrückung des Rechts auf freie Meinungsäußerung verwendet werden, das den Bürgern der Vereinigten Staaten, einschließlich mir, durch den ersten Zusatzartikel der US-Verfassung zusteht.“ Ritter merkt an, dass alle drei Abgeordneten eine Resolution unterstützt haben, um Mittel für die ukrainische Regierung und ihr Zentrum zur Desinformationsbekämpfung bereitzustellen, das ihn ins Visier genommen hat.

Ritter schreibt: „Als Bürger meines Wahlkreises, dessen Name auf einer vom ukrainischen Zentrum für Desinformationsbekämpfung veröffentlichten sogenannten ‘schwarzen Liste’ steht, wurde und wird mein persönliches und berufliches Leben nachteilig beeinflusst durch die abschreckende Wirkung, als ‘russischer Propagandist’ bezeichnet zu werden, nur weil ich das von der Verfassung der Vereinigten Staaten garantierte Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen habe. Darüber hinaus hat die Ukraine in der Vergangenheit ,schwarze Listen’ dieser Art in ,Abschusslisten’ umgewandelt, auf denen diejenigen, die sich gegen die Politik der ukrainischen Regierung aussprechen, ermordet oder mit Gewalt bedroht werden. Ich bin mir sicher, dass Sie mit mir darin übereinstimmen, dass der Kongress nicht die Befugnis haben darf, durch sein Handeln ausländischen Regierungen die Mittel an die Hand zu geben, um Bürger der Vereinigten Staaten davon abzuhalten, ihre verfassungsmäßig geschützten Rechte auf freie Meinungsäußerung wahrzunehmen.“

Der Leiter des ukrainischen Zentrums zur Desinformationsbekämpfung, Andriy Shapovalov, soll in einer Rede vor einem Runden Tisch über Desinformationsbekämpfung die Personen auf der Liste als „Informationsterroristen“ bezeichnet haben, und dass „Informationsterroristen wissen sollten, dass sie sich vor dem Gesetz als Kriegsverbrecher verantworten müssen.“ Der Runde Tisch wurde zum Teil von der U.S. Civilian Research and Development Foundation mit Unterstützung des US-Außenministeriums organisiert.

Liebe Freundinnen und Freunde, das ist ein gravierender Angriff nicht nur auf mich und meine Arbeit, es ist ein neuer Höhepunkt der Einschüchterung und in diesem Fall auch einer physischen Bedrohung Andersdenkender und Oppositioneller, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch genommen haben. Die Bundesregierung wird wohl kaum etwas dagegen unternehmen. Ich bin erst einmal ratlos und möchte über diesen unerhörten Vorgang informieren.

Mit besten Grüßen

Wolfgang Bittner

Auf der ukrainischen schwarzen Liste stehen außer Wolfgang Bittner u.a.:

John J. Mearsheimer

Ray McGovern

Richard Black

Rolf Mützenich

Helga Zepp-LaRouche

Alice Schwarzer

Scott Ritter

Jacques Baud

Jay Naidoo

Douglas Macgregor

Leonardo Tricarico

Johannes Varwick

Prof. Christian Hacke

Jaques Baud

Tulsi Gabbard

Glen Greenwald

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Solidaritätsbekundung

Folgendem schließe ich mich als Journalist und Blogger ausdrücklich an und versichere Dr. Wolfgang Bittner meiner Solidarität. Willy Brandt hätte vermutlich zu dieser unsäglichen Praktik der Ukraine gesagt: Das darf nicht durchgehen.

„Wolfgang Bittner ist ein wichtiger Publizist und Autor, der wahrgenommen wird und darauf kann er stolz sein!

Diese Faschisten kennen keine Hemmungen mehr, es ist ein Wahnsinn. Wollen wir wirklich eine Regierung, die mit solchen Faschisten und Denunzianten zusammenarbeitet, diese mit allen Mitteln und Kräften unterstützt und damit ihren Amtseid bricht “Schaden vom deutschen Volk abzuwenden”.

Solidarität mit Wolfgang Bittner, Gut, dass es noch mutige Publizisten und Menschen wie ihn gibt“!

Evelyn Hecht-Galinski (Sicht vom Hochblauen)

Update vom 6. August 2022:

Scott Ritter: Es ist mir eine Ehre, auf der Liste der „russischen Propagandisten“ zu stehen

Wer durch das Aussprechen der Wahrheit auf der schwarzen Liste der „russischen Propagandisten“ landet, sollte dies mit Stolz als Auszeichnung tragen, sagt der politische Analyst Scott Ritter. Wenn es um faktenbasierte Analysen geht, dann ziehe er die sogenannte „russische Propaganda“ jederzeit der „ukrainischen Wahrheit“ vor.

Im Jahr 1997 flog ich im Auftrag einer Sonderkommission der Vereinten Nationen nach Kiew, um die ukrainische Regierung um Unterstützung bei der Untersuchung der Aktivitäten eines ukrainischen Staatsbürgers zu bitten. Dieser wurde verdächtigt, unter Verletzung von Bestimmungen des UN-Sicherheitsrates, illegal Komponenten und Herstellungskapazitäten für ballistische Raketen an den Irak verkauft und damit gegen verhängte Wirtschaftssanktionen verstoßen zu haben.

Während meines Besuchs kam es zu mehreren Treffen mit hochrangigen Beamten des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, darunter auch ihrem damaligen Direktor Wladimir Horbulin. Ich verließ Kiew in dem Einvernehmen, die ukrainische Seite hätte sich bereit erklärt, zu kooperieren – was sie letztlich nicht tat – und sie hoffte, dass ich ihre guten Absichten an die US-Behörden weitergeben würde – was ich tatsächlich auch tat – in der Erwartung, dass dies ihren Wunsch nach einer Mitgliedschaft in der NATO unterstützen würde.

Fünfundzwanzig Jahre später hat derselbe Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat über sein „Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation“ eine schwarze Liste von Personen veröffentlicht, von denen angenommen wird, dass sie „russische Propaganda“ verbreiten.

Mein Name steht auf dieser Liste. Zu meinen „Verbrechen“ gehören, die Ukraine als Stützpunkt der NATO beschrieben zu haben, das Narrativ um das Massaker von Butscha in Frage gestellt zu haben und den anhaltenden Konflikt zwischen der Ukraine und Russland als „Stellvertreterkrieg zwischen der NATO und Russland“ bezeichnet zu haben.

Ich erkläre mich in allen drei Anklagepunkten für schuldig – und noch für viel mehr. Aber ich bin kein russischer Propagandist.

Das „Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation“ wurde im Jahr 2021 auf Anordnung des ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenskij gegründet. Das Zentrum wird von Polina Lysenko geleitet, einer Rechtsanwältin, die sechs Jahre zuvor ihren Abschluss in Rechtswissenschaften gemacht hat und deren Lebenslauf eine Zeit beim Nationalen Büro für die Bekämpfung der Korruption aufweist, einer Amtsstelle, die dem Generalstaatsanwalt unterstellt ist. Dort wurde ihr eine Dienstauszeichnung des amerikanischen FBI verliehen.

Bis sie an ihren jetzigen Posten berufen wurde, arbeitete sie zwischenzeitlich als Leiterin der Abteilung für Informationspolitik und Öffentlichkeitsarbeit bei einem staatlichen Eisenbahnunternehmen.

Kurz nach ihrer Ernennung, stellte Lysenko die Arbeit des „Zentrums zur Bekämpfung von Desinformation“ den Botschaftern der G7-Staaten, sowie jenen von Finnland, Israel und der NATO vor. Ihr Vorgesetzter, der Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, Alexei Danilow, betonte dabei „die Bedeutung der Koordinierung von Maßnahmen mit strategischen Partnern bei der Bekämpfung feindlicher Informationsoperationen und der Bekämpfung von Desinformation“, während der Leiter des Büros des Präsidenten, Andrei Jermak, angab, er hoffe, „dass das Zentrum nicht nur ein ukrainisches Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation wird, sondern auch ein internationales“. Laut Yermak sei das Zentrum „operativ funktionsfähig“. Polina Lysenko betonte bei der Darlegung der Ziele und der Mission ihrer Organisation, dass „die Wahrheit unsere Hauptwaffe sein wird“.

Sie hätte damit beginnen sollen, die Aussage von Yermak auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Zwei Monate, nachdem er ihr Zentrum für „operativ funktionsfähig“ erklärt hatte, berichteten ukrainische Medien, dass es dem Zentrum an „Räumlichkeiten, Finanzierung und Personal“ fehle. Lysenko war die einzige Angestellte, und „ihr wurde ihr Gehalt über mehrere Monate nicht ausbezahlt“. Das Zentrum sollte eigentlich 52 Mitarbeiter haben, die mit etwa 2.000 Euro pro Monat entlohnt werden sollten. Eigentlich wäre das ukrainische Finanzministerium dafür verantwortlich gewesen, die Mittel für das Zentrum bereitzustellen, was es aber bis Mitte Juni 2021 nicht getan hat. Lysenko arbeitete allein in einem „winzigen Büro im Erdgeschoss des Gebäudes des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates“. Es scheint schwierig zu sein, „die Wahrheit als Hauptwaffe“ zu führen, wenn man nicht mal dafür bezahlt wird.

Ein Jahr später, während die Finanzierung und das Personal kein Problem mehr zu sein schienen – zum großen Teil dank der Übernahme der Gehaltsabrechnungen durch die US-Steuerzahler –, blieb die Qualität weiterhin ein Problem. Nehmen wir zum Beispiel den Fall, den Lysenko und ihr neues Zentrum gegen Desinformation in Bezug auf mich dargestellt hat.

Wenn die „Beschreibung der Ukraine als Stützpunkt der NATO“ jemanden zu einem russischen Propagandisten macht, dann hätte man mir Ben Watson zur Seite stellen sollen, ein Redakteur der notorisch „pro-russischen“ – Achtung: Sarkasmus! – Online-Zeitschrift Defense One, der im Oktober 2017 einen Artikel veröffentlichte, mit der selbsterklärenden Überschrift „In der Ukraine bilden die USA eine Armee im Westen aus, um mit ihr im Osten zu kämpfen“.

Der Artikel beschrieb die Arbeit von Militärpersonal der NATO und aus den USA im Rahmen der Vereinigten Multinationalen Trainingsgruppe im ukrainischen Zentrum für Gefechtstraining in Yaworiw. Dieses befindet sich in der Westukraine befindet und stellt buchstäblich einen NATO-Stützpunkt in dem Land dar. Alle 55 Tage wurde in dem Zentrum ein komplettes ukrainisches Armeebataillon nach NATO-Standards dafür ausgebildet, in die Ostukraine geschickt zu werden, um dort gegen von Russland unterstützte Separatisten im Donbass zu kämpfen.

Ein professioneller Tipp am Rande für Frau Lysenko: Wenn ein Land ein ständiges Kontingent von NATO-Truppen auf seinem Boden beherbergt, dann macht sich dieses Land zu einer Basis der NATO.

Lysenkos Stab erstklassiger Analysten zur Bekämpfung von Desinformation – wiederum Sarkasmus! – monierte ebenfalls meine Einschätzung des Massakers an Zivilisten in Butscha von Ende März/Anfang April als ein von ukrainischen Streitkräften begangenes Verbrechen. Lysenko war hierbei in guter Gesellschaft, ich wurde für dieselbe Analyse von Twitter gesperrt.

Auch vier Monate nach den in Butscha begangenen Gräueltaten bleibe ich bei meiner Analyse – die Faktenlage hat sich seither nicht geändert. Und ich wäre jederzeit bereit, dieses Thema mit Polina Lysenko und ihrem gesamten Personal live im ukrainischen Fernsehen zu debattieren. Ich würde mit jedem und überall darüber diskutieren – so zuversichtlich bleibe ich bei meiner ursprünglichen Analyse. Die Wahrheit ist schließlich meine Hauptwaffe.

Der letzte Vorwurf der unerschrockenen Wahrheitsdetektive rund um Lysenko gegen mich, dass ich den anhaltenden Konflikt zwischen der Ukraine und Russland als „Stellvertreterkrieg zwischen der NATO und Russland“ bezeichnet habe, stellt erneut die Professionalität ihrer Mitarbeiter infrage. Schließlich nannte der in Moskau geborene, sich selbst hassende Russe Max Boot in einem am 22. Juni in der Washington Post veröffentlichten Meinungsartikel den Ukraine-Konflikt „auch unseren Krieg“. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten, in denen ich Max Boot in etwas zustimme. Boot wiederholte jedoch lediglich die Aussage von US-Verteidigungsminister Lloyd Austin, dass die US-Politik in Bezug auf den Ukraine-Konflikt darauf ausgerichtet sei, Russland durch die Unterstützung der Ukraine zu schwächen – was einer Definition aus dem Lehrbuch für einen „Stellvertreterkonflikt“ nahekommt.

Geben Sie sich mehr Mühe, Polina Lysenko. Versuchen Sie zumindest, ein paar einfache Punkte zu sammeln, indem Sie die Tatsache hervorheben, dass ein Großteil meiner Analysen zur Ukraine von Russia Today veröffentlicht werden – wie auch dieser Artikel. Dann könnten Sie zumindest sagen, dass ich von Russland bezahlt werde. Natürlich müssen Sie damit klarkommen, dass meine Analysen auch in zahlreichen nicht-russischen Medien veröffentlicht werden – ich meine, was für ein russischer Propagandist wird von amerikanischen und britischen Verlegern veröffentlicht?

Und dann ist da natürlich noch das heikle Thema der überwachten russischen Redaktion. Als Orientierung dient folgender Austausch:

Ich: „Irgendwelches Interesse daran, dass ich Stoltenbergs Präsentation zum Thema ‚den Preis zahlen‚ genauer unter die Lupe nehme?“

Der überwachte russische Redakteur: „Was ist Ihre Meinung?“

Ich: „Ich glaube nicht, dass Stoltenberg die Summe auf dem Preisschild versteht.“

Der überwachte russische Redakteur: „Ist es dieselbe Rede, in der er sagte: ‚Hört auf, euch zu beschweren‘, ja?“

Ich: „Ja.“

Der überwachte russische Redakteur: „Cool, lass es uns machen.“

Die strategische Hinterlist der russischen Propagandamaschine ist durch dieses kurze Gespräch gut dokumentiert. Ich kann nicht glauben, dass ich darauf hereingefallen bin.

Aber den Sarkasmus mal beiseitegeschoben, sollte die Veröffentlichung einer schwarzen Liste sogenannter „russischer Propagandisten“ durch das von Lysenko geleitete Zentrum, eine Beleidigung für jeden sein, der an die Konzepte der freien Meinungsäußerung glaubt. Ich bin stolz darauf, mit vielen von denen verbunden zu sein, die sich mit mir auf dieser Liste wiederfinden – Ray McGovern, Tulsi Gabbard, Douglas MacGregor, John Mearsheimer und viele andere.

Ich bin zuversichtlich, dass alle hier Genannten sagen werden, dass ihre Motivation für ihre Haltung zum Ukraine-Konflikt darin bestehe, der Wahrheit nachzugehen – der wahren Wahrheit, nicht der verwirrten Version, die von Lysenko und ihren von den USA bezahlten Analysten verbreitet wird. Niemand betrachtet sich selbst als russischen Propagandisten, sondern eher als amerikanischen Praktizierenden der Redefreiheit jener Art, die durch dieselbe US-Verfassung geschützt ist, auf deren Einhaltung und Verteidigung viele der genannten Personen – wie auch ich – einen Eid geschworen haben.

Ich schließe meinen Text damit, für mich selbst zu sprechen. Wenn das Festhalten an einer faktenbasierten Analyse, die den Test der Zeit überstanden hat, die neue Definition von „russischer Propaganda“ ist, dann bin ich dabei. Sie ist sicherlich besser, als die Orwellsche Version der Meinungsfreiheit, die von der US-Regierung und ihren Stellvertretern in der Ukraine verbreitet wird.

Ups! Jetzt habe ich es wieder getan!

Scott Ritter ist ein ehemaliger Geheimdienstoffizier des US Marine Corps. Er diente in der Sowjetunion als Inspektor bei der Umsetzung des INF-Vertrags, im Stab von General Schwarzkopf während des Golfkriegs und von 1991 bis 1998 als UN-Waffeninspektor. Man kann ihm auf Telegram folgen.

Quelle: https://freeassange.rtde.me/meinung/144857-scott-ritter-es-ist-mir-eine-ehre/?fbclid=IwAR2iPHjCzv4YJIW_o6DdWA5pKuNfPhxPCRrsDf5qhaxc_nUUmkCGF5BghEQ

„Egon Krenz. Aufbruch und Aufstieg. Erinnerungen“ – Rezension

Menschen müssen immer auch im Kontext der Zeit verstanden werden, in welche sie hineingeboren und fortan aufgewachsen sind. Und auf welche Weise sie sozialisiert und politisiert wurden. Egon Krenz wurde 1937 in Kolberg (Pommern; heute Kołobrzeg, Republik Polen) geboren. Also zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Mutter ist eine einfache Frau. Den Vater lernte er nicht kennen. Egon Krenz entstammt kleinsten Verhältnissen. Nun hat Egon Krenz eine Autobiografie vorgelegt. Wenn man darin am Ende liest:

„Honeckers kameradschaftliches Verhältnis zu mir beeindruckte mich. Es war herzlich und produktiv. Das sollte sich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, als Gorbatschow in Moskau das Ruder übernahm, ändern. Eine Freundschaft ging zu Ende. Da widerrief Honecker, was im Westen seit Jahren über mich kolportiert worden war, nämlich dass ich sein ‚Kronprinz‘ sei. Doch dazu später.“ Wenn man das richtig versteht, dann dürfte also ein zweiter Teil seiner Erinnerungen folgen.

Egon Krenz zu seinem Vater: „Wer immer mein Vater gewesen sein mag: Er kehrte aus dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder. Die Überzeugung meiner Mutter ‚Nie wieder Krieg!‘ wurde mir gleichsam in die Wiege gelegt. Sie blieb ein Element meines Denkens und Handelns.“

Krenz‘ Entwicklung und dessen Handeln nicht untypisch

Der Verlag schreibt zur Person Egon Krenz: „Seine Entwicklung: nicht untypisch. Sein Handeln ebenso. Egon Krenz, Kriegskind aus Kolberg, fand in Damgarten eine neue Heimat und nahm die Chance wahr, die ihm die neue Ordnung in Ostdeutschland bot. Fördern und fordern, lautete deren Losung für den Umgang mit der jungen Generation. Schickte die Kinder armer Leute an hohe Schulen und vertraute ihnen Funktionen an, die sie unter anderen gesellschaftlichen Umständen nie hätten ausüben dürfen. Die Biografien, die daraus wurden, waren einzigartig. Typisch DDR.“

Der Westen war keine Alternative: „„Bei euch regieren ja immer noch die Nazis“

Krenz schreibt, 1947 als Zehnjähriger, einige Wochen auf Sylt verbracht zu haben, wohin ihn die Mutter zwecks Besuchs ihrer dort lebenden Tochter mitnahm. Der Grenzübertritt gestaltete die Mutter illegal, bediente sich eines Fluchthelfers. Bis nach Westerland in der britischen Zone brauchten die beiden mehrere Tage. Wie selbstverständlich kehrte die Mutter mit Egon wieder nach Ostdeutschland zurück. Ihre Begründung laut Egon Krenz: „Bei euch regieren ja immer noch die Nazis.“

Krenz klärt über den Hintergrund auf: der Bürgermeister von Westerland auf Sylt war von 1951 bis 1964 ein gewisser Heinz Reinefahrth. Studierter Rechtsanwalt, als Generalleutnant der Waffen-SS 1944 Befehlshaber die Niederschlagung des Warschauer Aufstandes befehligt. Unter seinem Befehl seien bis zu 50 000 Polen erschossen worden, schreibt Krenz. 1949 wurde Reinefahrth, der bereits für den US-Geheimdienst CIC arbeitete, 1949 vom Spruchgericht Hamburg-Bergedorf von jeder Schuld freigesprochen. Einem Auslieferungsantrag Polens gegen den Kriegsverbrecher hatte die britische Besatzungsmacht nicht stattgegeben …

Diese Zeilen von Egon Krenz erinnerten mich an eine andere Biografie

Darüber hatte vor vielen Jahren einmal eine Rezension geschrieben hatte. Manfred Liebscher (inzwischen leider verstorben) hatte seine Erinnerungen aufgeschrieben. Die hatte er ursprünglich nur für seine Enkel schreiben zu schreiben gedacht. Schließlich aber veröffentlichte er sie aber dennoch („Im Paradies der Erinnerungen“, Manfred Liebscher; im Netz noch erhältlich). Daraus:

Als Kind einfacher Leute hatte Manfred Liebscher selbst zunächst als Knecht gearbeitet. In den Anfangsjahren der DDR fand er den Weg zur Kasernierten Volkspolizei. Und von dort warb man ihn zum Ministerium für Staatssicherheit ab. Da arbeitete Liebscher für die eigene Kriminalpolizei der Staatssicherheit. Nach dem Ende der DDR rümpfte man die Nase über derartige Biografien. Doch gilt es zu differenzieren. Manfred Liebscher leistete über viele Jahre Wichtiges in seinem Bereich. Das vereinigte Deutschland konnte ihm keine Vergehen oder Straftaten nachweisen. Manfred Liebscher konnte noch eine Weile beim Bundesarchiv in Koblenz arbeiten. Damit seine Enkel verstünden, schrieb er ein Buch für sie. Das es doch noch das Licht der Öffentlichkeit erblickte, war eine gute Entscheidung. Ich empfehle meinen Lesern diese Autobiografie gleichsam als Geschichtsbuch zu lesen. (…)

Die DDR war für ihn “die Heimat der kleine Leute”. Ja: das in vielfacher Hinsicht bessere Deutschland… (…) Hier mein damaliger Beitrag.

Egon Krenz war mit 52 Jahren zwar nur kurz Staats- und Parteichef. Aber er sorgte dafür, dass im Herbst 89 kein Schuss fiel

Als einstiger Bürger der DDR war mir Egon Krenz natürlich bekannt. Ich erinnere mich seiner etwa als er zu meiner Schulzeit als oberster Funktionär der DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) auf einer Veranstaltung im Blauhemd eine Rede in unserer Stadt hielt. Oft erschien er auch – auf zahlreichen Anlässen abgelichtet – auf diversen Zeitungsseiten oder in Berichten der DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“, die viele Menschen in der DDR – meine Person eingeschlossen – aber eher selten konsumierten.

Damals schimpften Krenz nicht wenige abschätzig einen „Berufsjugendlichen“. Eine Titulierung, die sie vermutlich aus dem Westfernsehen übernommen hatten. Wer kannte oder traf den Menschen Egon Krenz damals schon persönlich und konnte sich ein einigermaßen objektives Bild von ihm machen? Erst gegen Ende der DDR hatten viele Leute den Menschen Egon Krenz wieder – und zwar positiv! – auf dem Schirm: Für kurze Zeit war er mit 52 Jahren Staats- und Parteichef geworden. „Wenngleich nur für kurze Zeit“, schreibt der Verlag. „Sie genügte jedoch, um Geschichte zu schreiben: Krenz sorgte dafür, dass im Herbst 89 kein Schuss fiel und Frieden im Land blieb.“

Begegnung mit Egon Krenz „tief im Westen“

Anlässlich des 20. Pressefests der DKP-Zeitung „UZ“ (mein Bericht) lief mir der letzte Staatsratsvorsitzende Egon Krenz erstmals ganz nahebei über den Weg. Noch dazu „tief im Westen“, in Dortmund, meiner neuen Heimat. Im Ernst-Thälmann-Zelt stellte er damals sein Buch „China, wie ich es sehe“ vor. Überdies hielt er des einen Tags eine Rede, die heute noch aktuell wäre. Und während des gleichen Pressefests saß er während des Konzerts von Konstantin Wecker am Abend dicht hinter mir. Ich ärgere mich bis heute, ihn nicht angesprochen zu haben, um ihm einige Fragen zu stellen …

Aber nun halte ich ja seine Autobiografie in Händen und erfahre mehr als genug. Freilich wäre eine persönliche Begegnung zugegebenermaßen schon etwas, das mich nach wie vor, interessieren täte. Nun ja …

Krenz‘ Autobiografie: sachlich, hoch interessant und auch Emotionen nicht aussparend

Krenz beschreibt seinen Lebensweg sachlich, hochinteressant, aber gar nicht nüchtern und staubtrocken: denn er offenbart auch seine Emotionen, welche ihn in dieser oder jener Lebensphase beschäftigten und welche Gedanken und auch Bedenken ihn überhaupt jeweils umtrieben. Aus Krenz‘ Zeilen spricht dessen ehrliches Engagement von frühester Jugend an. Von je her hat er es vermieden sich in den Vordergrund zu spielen. Hinterhältigkeit und Falschheit, um Vorteile zu erlangen, waren ihm offenbar schon sehr früh fremd und dementsprechend ein Gräuel. Er hat immer beides verachtet. Dafür war er offen und ehrlich und hat auch – wie zu lesen ist – öfters auch vor Parteifunktionären oder Vorgesetzten, selbst während seines Wehrdienstes bei der Armee nicht gezögert, Kritik zu äußern. Auch wenn ihm das durchaus auch hätte Nachteile betreffs seiner beruflichen wie politischen Entwicklung bescheren können.

Nicht zuletzt dürfte es Krenz mit ziemlicher Sicherheit zugute gekommen sein, dass er vielen Funktionären begegnete, die zuvor den Krieg erlebt hatten, Spanien-Kämpfer, Kommunisten oder engagierte Gewerkschafter gewesen waren. Viele dieser Menschen prägten Egon Krenz.

Ein Bildungsweg, welcher immer wieder Unterbrechungen erfuhr

Sein Bildungsweg verlief durchaus nicht so, wie von ihm gewünscht. Zunächst gedachte er 1953 im Dieselmotorenwerk Rostock eine zweijährige Lehre zum Maschinenschlosser zu machen. Sein altgedienter Meister legte alles daran, ihm betreffs der Herstellung eines Werkstücks „deutsche Werkarbeit“ beizubringen.

Doch bald schon trat im Werk ein Mitarbeiter der FDJ-Bezirksleitung auf den Plan: Man brauche ihn. „An den Lehrerbildungsinstituten fehlen Studenten“, beschied ihm der Mann. Inzwischen war Egon Krenz mit 16 Jahren in die SED eingetreten. Der FDJ-Mann appellierte an Krenz (S.93): „Denk dran, die Partei erwartet von dir, dass du dort hingehst, wo es für unsere Sache am wichtigsten ist!“

Krenz (S.94) schreibt: „Niemand hatte mich gezwungen, in die SED zu gehen. Es war meine eigene Entscheidung gewesen. Wenn die Partei nun von mir erwarte, ich sollte ihrem Ruf folgen, sei dies nur logisch, dachte ich mir.“

Er habe schlaflose Nächte gehabt. „Schließlich entschied ich mich für ‚unsere Sache’“, erzählt Krenz. Er machte das Lehrerstudium. Krenz: „Ich greife vor: Bereut habe ich die Entscheidung nicht. Lehrer wurde mein Traumberuf. Ich bedauerte nur, dass ich ihn nicht lange ausüben konnte.“

Auch Journalist, erfahren wir, wäre Egon Krenz gerne geworden. Doch die Partei stellte ihn immer wieder an andere Stellen. Nur die Nationale Volksarmee (NVA) blitzte bei ihm ab: ein Offizierslaufbahn einzuschlagen, lehnte er ab. Krenz sei verblüfft gewesen, dass der zu Besuch weilende damalige Generaloberst und Vize-Verteidiungsminister Heinz Hoffmann nichts dagegen einzuwenden hatte. Der beschied ihm: „Das ist richtig.“ Auf der Insel Rügen brauchten sie ihn als Funktionär der FDJ. Krenz: Dieses „Kadergespräch“ sei es gewesen, das „mein weiteres Leben bestimmen sollte.“

Warum die NVA-Uniformen weiter deutsch aussehen sollten

Interessant: In seiner NVA-Zeit hatte Egon Krenz Anstoß an der Ähnlichkeit der grauen DDR-Armeeuniform mit jener der faschistischen Wehrmacht genommen. Diese Uniform hatte man ihm auf Nachfrage erzählt, gehe auf die antinapoleonischen Befreiungskriege zurück. Krenz plaudert aus dem Nähkästchen: Die Entwürfe für die NVA-Uniformen ähnelten allein schon in der Farbe denen der Sowjetarmee. Dies sei in einem Gespräch zwischen SED-Chef Walter Ulbricht und KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow auf den Tisch gekommen: „Chruschtschow kommentierte: Die DDR-Deutschen hätten wohl Angst sich auf deutsche Traditionen zu besinnen. Warum wollt ihr sowjetische Uniformen? Es reicht doch, wenn die Westdeutschen amerikanische Uniformen tragen. Ihr braucht deutsche Uniformen.“ So kam es dann. Um ein Argument in der Hand zu haben, dass die Ähnlichkeit der NVA-Uniform mit den früheren Wehrmachtsuniformen erklärte, kam dann wohl die oben genannte Erklärung ins Spiel.

Egon Krenz und der 17. Juni

Das Buch ist in vielerlei Hinsicht interessant und informativ. Denn auch kritisches wird nicht ausgeblendet. So schreibt Krenz auch über „Mein 17. Juni“. Im deutschen Westen sei vom „Volksaufstand“ geschrieben worden, in der DDR sein habe es geheißt: „faschistischer Putsch“. Krenz: „Als Schüler habe ich von beidem nichts gespürt.“ Später habe er davon gehört, dass etwa sechs Millionen Beschäftigte in der Industrie und 300 000 an den Aktionen beteiligt gewesen sein sollen.

Krenz: „Als bekannt wurde, dass Aufständische in Halle eine vermutlich ehemalige KZ-Aufseherin aus dem Gefängnis geholt und in einer Stadt im Bezirk Potsdam einen SED-Funktionär barbarisch ermordet hatten sagte ich mir: So etwas macht kein vernünftiger Arbeiter.“

Als einmal im Jahr 2011 kritische Geister in einer Radiosendung betreffs des 17. Juni zu Gericht über die DDR gesessen hatten, fragte sich Egon Krenz, warum da in der Regel die Geschichte ihres eigenen Landes ausgeblendet würde.

Schließlich hätte es doch nach der Einführung der D-Mark im Juni 1948 in den Westzonen als die Preise freigegeben wurden und so für die Masse unbezahlbar geworden seien auch spontane lokale Proteste und einen Generalstreik in der Bi-Zone gegeben. Gegen Unruhen in Stuttgart sei US-Militär mit Panzern und Tränengas vorgegangen. General Clay hatte ein Ausgehverbot verhängt. Es sei der größte Streik in Deutschland seit dem Kapp-Putsch 1920 gewesen.

Hatten „die Freunde“ um Lawrentij Berija ihre Hand im Spiele bei der Auslösung des „Volksaufstandes“?

Zum Thema 17. Juni gehört auch dies, was uns Krenz da eröffnet: Selbst ein SED-Generalsekretär konnte sozusagen nicht dekretieren, dass Stefan Heyms Buch „Fünf Tage im Juni“ in der DDR erscheinen konnte. Erich Honecker war dafür. „Die Freunde“, wie der Große Bruder in Moskau oft in der DDR genannt wurde, sagten jedoch „Njet!“. Moskaus Leute im SED-Politbüro, der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke wohl vorn dran, spurten entsprechend. Heym war der historischen Wahrheit zu offenbar zu nahegekommen: Dass nämlich bei der Auslösung des „Volksaufstandes“ vom 17. Juni 1953 sowjetische Kräfte um den potenziellen Stalin-Nachfolger Lawrentij Berija ihre Finger maßgeblich mit im Spiel hatten, Kräfte, die in der DDR lediglich noch die Verfügungsmasse für einen Deal mit dem Westen zur angestrebten Neutralisierung ganz Deutschlands sahen.

Berija wurde übrigens später erschossen.

Orientierungslos nach Stalins Tod

Apropos Stalin. Nach der Wende bezeichneten eigene Genossen Krenz als Stalinist. Der Autor bekennt freimütig, dass er von Stalin einmal viel gehalten hatte. Als er aus dem Radio von dessen Tod erfährt, habe er sich wie gelähmt und geradezu verwaist gefühlt. Im Kapitel „Orientierungslos“ (S.76) hat Krenz darüber geschrieben.

„Was war Stalin nicht alles bis jetzt gewesen? Genius der Epoche, Vater der Völker, Sieger über Hitler, Bester Freund des deutschen Volkes, Führer des Weltfriedenslager … Für mich war er ein Phänomen. Mit politischer Logik allein und trotz Kenntnis, wie Öffentlichkeit wirkt, kann ich seinen Einfluss damals auf mich noch heute nicht erklären. Von Winston Churchill ist der Satz überliefert: Stalin „übernahm das Russland des Hakenpflugs und hinterließ es im Besitz der Atomwaffe“.

Eine Seite weiter schreibt Krenz: „Erst später, als die Mythen fielen und Stalins Verbrechen bekannt wurden, als ich begann, Marx, Engels und Lenin nicht nur zu lesen, sondern auch ihre Gedankengänge zu verstehen, verblasste mir das Heldenbild des Generalissimus. Freilich unter großen Schmerzen und nie vergessend, dass es gesellschaftliche Umstände gab, die sein Handeln begünstigt hatten. Und dass nie vergessen werden darf, dass er der oberste Kommandierende jener Armee war, die Deutschland vom Faschismus befreit hat.“

Viermächteabkommen: Leonid Breshnew stimmte sich eng mit Erich Honecker ab – hinter dem Rücken Walter Ulbrichts

Die Ausführungen in Krenz‘ Kapitel „Abkommen, Anerkennung, Abgrenzung“ (S.217) enthalten Informationen, die zumindest ich so noch nie zuvor irgendwo gelesen hatte. Das Kapitel und behandelt im Besonderen das sogenannte Viermächteabkommen über Berlin, das 1971 zwischen der UdSSR, den USA, Frankreich und Großbritannien abgeschlossen wurde. Man ist erstaunt, zu erfahren, dass sich KPdSU-Chef Leonid Breshnew betreffs dieser Verhandlungen eng mit SED-Politbüromitglied Erich Honecker abstimmte. Der Normalzustand war ja, dass die Besatzungsmacht Sowjetunion bestimmte, was in der DDR umgesetzt werden musste. Wie umgekehrt vorauszusetzen war, dass in Westdeutschland hauptsächlich die westlichen Alliierten – allen voran die USA – bestimmten wie der Hase zu laufen hatte.

Was ja, nebenbei bemerkt, noch heute so zu sein scheint. Würde sich sonst die Bundesregierung wie ein Vasall gegenüber den USA verhalten?

Im Fall des Viermächteabkommens aber legte offenbar der KPdSU-Generalsekretär Breshnew großen Wert auf die Zustimmung der DDR. Tief blicken dabei lässt die Tatsache, dass Breshnew und Honecker hinter Walter Ulbrichts Rücken handelten.

Ebenso ging es beim bemerkenswerten Besuch des damaligen Bundeskanzlers Willi Brandt in Breshnews Urlaubsdomizil Oreanda auf der Krim 1971 am Schwarzen Meer zu. Der Gastaufenthalt Brandts war zwischen dem KPdSU-Generalsekretär und Honecker abgestimmt worden. Brandt und Breshnew am Strand des Schwarzen Meeres beim Baden und bei Bootsfahrten. Was dort besprochen wurde, „erfuhr Honecker noch am gleichen Abend“ – sozusagen brühwarm.

Paranthese: Sehr aufschlussreich ist auch das Kapitel „Zwischen Ulbricht und Honecker“ (S.163). Auch Walter Ulbricht bekommt in Krenz‘ Erinnerung sozuagen ein ganz anderes Gesicht. In westlichen Erzählungen kaprizierte man sich immer hauptsächlich auf dessen Sächseln beim Reden. Und lachte über „Spitzbart“. Ein bisschen ließ man ihn so als eine Art Tölpel aussehen. Egon Krenz (S.172): „Ulbricht war eine Autorität und genoss hohen Respekt. National wie international. ‚In Deutschland hat er‘, urteilte der bürgerliche Publizist Sebastian Haffner über Ulbricht ’nach Adenauers Abgang keinen Gegenspieler, der ihm das Wasser reichen könnte.‘ Der weltläufige Historiker nannte ihn gar den ‚erfolgeichsten deutschen Politiker seit Bismarck.“

Die SPD hat aber ihre Entspannungspolitik nicht mit sich selbst gemacht – ohne die DDR wäre die Ostpolitik der SPD unmöglich gewesen.“

Egon Krenz erinnert sich: „Während Gromyko und Falin noch bis Anfang 1971 versuchten, Ulbricht von der Notwendigkeit des Abkommens zu überzeugen, hatten gleichzeitig Breshnew und Honecker hinter deren Rücken alles bereits besprochen und verabredet: Was für die Entspannung notwendig sei, könne die UdSSR auch im Namen der DDR tun. Breshnew hatt vor der endgültigen Abstimmung der Vier Mächte Honecker gefragt, ob die DDR-Führung mit dem Entwurf des Abkommens einverstanden sei. ‚Völlig einverstanden‘, hatte Honecker erklärt.

Krenz erklärt zur engen Koordinierung: „Die DDR saß zwar nicht mit am Verhandlungstisch, aber ohne ihre Zustimmung wurde nichts vereinbart. Dafür sorgte Breshnew persönlich. Regelmäßig rief er Honecker an, stimmte sich über wichtige Schritte der Verhandlungen mit ihm ab.“

Egon Krenz weist zum Abschluss dieses Kapitels auf eine Fehlstelle hin: „Heutzutage ist es üblich die Ostpolitik der SPD als Beitrag zur Entspannung zu loben. Den Beitrag der DDR kennt kaum jemand. Die SPD hat aber ihre Entspannungspolitik nicht mit sich selbst gemacht – ohne die DDR wäre die Ostpolitik der SPD unmöglich gewesen.“ (S.224)

Egon Krenz auf der Parteihochschule in Moskau und der Unterschied zwischen Kommunismus und Sozialismus

Nicht nur im Kapitel „Parteihochschule Moskau“ erinnert sich Krenz gewiss leicht schlechten Gewissens daran, dass es während seines Aufstiegs in der Politik immer wieder seine Frau Erika (sie starb 2017) war, die ihm immer wieder Kraft gab, obwohl sie oft mit dem Alltag daheim allein da stand. Dabei hätte auch sie durchaus das Zeug dafür gehabt, höher aufzusteigen. Das Studium in der Sowjetunion bedeutete Krenz viel. Er lernte die Leute dort kennen. Schließlich erlernte er die Russische Sprache perfekt sprechen und schreiben. Und da er darauf bestanden hatte mit einem sowjetischen Kommilitonen auf einer Studentenbude zu wohnen, wurde er auch schon mal beschämt. Während er Anzüge und reichlich Kleidung mitgebracht hatte, die kaum in den schmalen Einbaukleiderschrank passten, war sein sowjetischer Stubengenosse Wolodja mehr als bescheiden ausgestattet: „Er öffnete seinen Kleiderschrank. Darin hing eine Hose und eine Jacke. ‚Das ist Kommunismus‘. Dann zeigte er auf meinen vollen Schrank: ‚Das ist euer Sozialismus.’“ (S.157)

Einmal traf Krenz einen Mann am Tag der Oktoberrevolution in einer Runde anderer Menschen. Der besaß nur ein halbes Gesicht. Krenz: „Als er deutsche Worte hörte, belegte er mich mit russischen Flüchen. ‚Ich kann diese Mördersprache nicht hören‘, rief er in den Raum. Krenz schwieg betreten, erzählt er. Krenz entgegnete ihm auf Russisch: „Was sind Sie für ein Kommunist? Marx und Engels waren auch Deutsche!“

Der in der Runde wohl hoch respektierte Mann antwortete: „Sie sind Kommunist?“ Krenz bejahte.

Der Gast, ein in seiner Funktion als Partisanenkommandeur im Zweiten Weltkrieg schwer verwundetet gewesener Mann, schwieg. Er verlangte einen Wodka. Nachdem er das Wasserglas leergetrunken hatte, drückte er Krenz ein gefülltes Glas in die Hand und sprach: „Entschuldigen Sie. Trinken wir auf die Zukunft.“

Egon Krenz früher in ein Licht gesetzt haben, in welches er nicht gehört – den Schuh muss ich mir anziehen

Zugegebenermaßen hielt ich Egon Krenz – wie viele andere führende Genossen – zu DDR-Zeiten für einen der üblichen Apparatschiks in der DDR, noch dazu für einen „Berufsjugendlichen“, wie er ob seiner früheren Funktionen geschimpft wurde. Für einen der Leute eben, die im stocksteifen, ideologiegetränkten Deutsch, in der SED-Propaganda, namentlich im Neuen Deutschland, aber auch andren SED-Blättern und in leicht abgeschwächter Form auch in den Zeitungen der Blockparteien vorkamen. Auch Krenz, der ja vorhatte, Journalist zu werden, kritisiert diese Sprache heute. Und wohl auch damals gefiel es ihm bereits nicht.

Ich fühle, dass ich Egon Krenz damals in ein Licht gesetzt habe, in welches er nicht gehört. Den Schuh muss ich mir anziehen. Da habe ich zu kurz gedacht. Ich muss einiges revidieren.

Menschen müssen immer auch im Kontext der Zeit verstanden werden, in welche sie hineingeboren und fortan aufgewachsen sind, schrieb ich eingangs.

Als die DDR an ihrem Ende stand, wurde jemand wie Egon Krenz einmal mehr verächtlich gemacht und schnell ins Abseits gestellt. Aber er erfuhr auch Beistand

Die Autobiografie ist sehr gut geschrieben. Mit Herzblut, ohne ideologisch oder agitatorisch zu tönen. Es erklärt den Menschen Egon Krenz. Sein Wirken. Und den Anspruch, welcher er dabei an sich selbst gelegt hat. Da wird auch nicht mit Selbstkritik gespart. Auch nicht an Kritik an der DDR und deren führender Partei der SED, sowie an bestimmen politischen Entscheidungen und eingeschlagenen Entwicklungswegen, gerade auch auf ökonomischen Gebiet. All das klingt an. Nun wird es sicher Leserinnen und Leser geben, denen im Buch zu wenig Kritik an der DDR vorkommt. Mag sein. Dann ist das eben so.

Die Lektüre des ersten Bandes von Krenz‘ Erinnerungen ist spannend von Zeile zu Zeile. Es fällt schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Und es enthält einiges an Informationen, welche einen entweder so oder eben auch noch gar nicht untergekommen sind.

Als die DDR an ihrem Ende stand, wurde jemand wie Egon Krenz einmal mehr verächtlich gemacht und schnell ins Abseits gestellt.

Aber fast ähnlich wie bei Erich Honecker gab es auch bei Egon Krenz jemand, in dem Fall ein Superintendent, welcher ihm – noch dazu am Heiligen Abend 1989 – versprach, Beistand zu leisten.

Zu lesen gleich im Prolog zum ersten Erinnerungsband. Beide, der Kirchendiener und der vor kurzem noch gewesene Parteidiener, sprachen am Heiligen Abend über Gott und die Welt. Kirchenmann Krätschell sprach Krenz gegenüber, „dass er nun vom Leben beurlaubt sei“. Krenz: „Mit 52 Jahren? Soll alles vergebens gewesen sein, wofür ich seit meiner frühsten Kindheit gelebt hatte?“

Klein ließ sich Krenz durch die und auch durch andere nicht kriegen

Seine Partei, die SED, entledigte sich seiner schnöde. „Manche Weggefährten nannten sich jetzt ‚demokratischen Sozialisten‘, mich einen ‚Stalinisten‘. In der ihrer Partei gebe es keinen Platz für mich, meinten die Eifrigsten. Wirklich kurios. Dieser Partei nannte sich seit einigen Tagen SED-PDS. Ich war seit 1953 in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, aus der diese SED-PDS hervorgegangen war. Die eilig Gewendeten beabsichtigten, mich zum Parteilosen zu machen?“ Krenz entschied sich nicht zu schmollen.

In ihm reifte ein Entschluss, dem er bis heute folgt: „klein kriegen die dich nicht. Ich hatte zwar verloren, war gestrauchelt, gestürzt, aber ich würde nicht liegenbleiben. Ich nicht. Schon um niemanden diesen Triumph zu gönnen, mich Fall gebracht zu haben. Da bin ich wie meine Landsleute hier oben im Norden: eindeutig, stur und beharrlich. Prinzipien brauchen eben einen harten Schädel. Das ist auch gut für die Beulen, die mir nicht nur der politische Gegner zugefügt hat.“

Lest dieses Buch! Auch den Altbundesbürgern rufe ich zu: Wagt es wacker! Greift zu diesem Buch

Leute, lest dieses Buch! Es erweitert den Denkhorizont. Auch wenn in den Altbundesländern sozialisierte Menschen womöglich das Gesicht verziehen mögen (jahrzehntelange Indoktrination sitzt halt tief), wie ich früher, wenn mir meine Mutter Wirsingkohlsuppe vorsetzte: Wagt es wacker! Greift zu diesem Buch.

Zum Buch

»dass ein gutes Deutschland blühe«
Die Memoiren des einstigen Staatschefs der DDR

Der einstige Staatschef der DDR legt seine Memoiren vor. Egon Krenz berichtet über seinen Weg, der nicht untypisch für die DDR und dennoch ein besonderer war und ihn nach Schlosserlehre, Lehrerstudium und Arbeit als Jugendfunktionär zum »Nachwuchskader« der Partei machte. Und, wie alsbald in den Westmedien gemunkelt wurde, zu »Honeckers Kronprinzen«. Als er dessen Nachfolger an der Spitze des Staates wurde, war der Untergang des Landes nicht mehr aufzuhalten. Durch sein gesamtes Leben zieht sich gleichsam leitmotivisch die Vorstellung von einer besseren Gesellschaft, »dass ein gutes Deutschland blühe«, wie es in Brechts »Kinderhymne« heißt, die in jener Zeit entstand, in die auch der Beginn des politischen Lebens von Krenz fällt. Die Memoiren sind auf drei Bände angelegt, setzen je einen zeitlichen Rahmen, sind jedoch nicht chronologisch und linear erzählt. Durch Vor- und Rückgriffe ordnet Krenz seine biografischen Stationen in die Zeitgeschichte ein und wertet aus der Fülle und Differenziertheit der Erkenntnisse seiner langen politischen Laufbahn und natürlich auch jener Erkenntnisse, die er nach dem Untergang seines Staates machen musste. Dadurch bekommt dieser erste – wie auch jeder weitere – Teil der Autobiografie des DDR-Staatsmannes absolute Eigenständigkeit.
Der in Kolberg geborene Krenz berichtet über seine Kindheit, die durch die Kriegsflucht mit seiner Mutter nach Ribnitz-Damgarten 1945 ein ungewolltes jähes Ende fand. Zu diesem Lebensabschnitt gehört der Umstand, dass der siebenjährige Krenz in einer der Massenszene des Ufa-Films »Kolberg« mitspielte. Es sollte der letzte Spielfilm sein, der im untergehenden Reich Premiere hatte. In seiner neuen Heimat, bei den Wahlen 1946, machte Krenz für die CDU Wahlkampf, indem er SED-Plakate überklebte. Aus dieser ersten Begegnung mit Politik entwickelten sich Kontakte, die für ihn prägend wurden und zu seinem entschiedenen Ja zum Sozialismus führten. Wer waren die Leute, die in der DDR Politik machten? Welche Politik? War der Wechsel von Ulbricht zu Honecker eine Umbruchszeit? Krenz erzählt pointiert, verwebt Damaliges mit Heutigem, liefert Fakten, reflektiert seine Erfahrungen tief, kritisch und streitbar. Dadurch entsteht ein dichter, lebhafter, höchst informativer Text, der die Memoiren zu einem herausragenden Leseerlebnis macht und darüber hinaus auch eine Quelle für all jene ist, die sachlich an Geschichte, Politik und einem Nachdenken über die Gesellschaft interessiert sind.

Quelle: edition ost

Egon Krenz

Aufbruch und Aufstieg

Erinnerungen

352 Seiten, 14,5 x 21 cm, gebunden
mit 32 Seiten Bildteil, Lesebändchen, Personenregister

erscheint 02. August 2022

Buch 24,– €

ISBN 978-3-360-02805-1

eBook 19,99 €

ISBN 978-3-360-51052-5

Anbei Video zur Buchpremiere:

OVALmedia – You Tube löscht alle Kanäle!

Gestern erreichte uns ein betrüblich stimmen müssendes Statement von Robert Cibis, Filmproduzent und Filmregisseur sowie Gründer und CEO der OVALmedia Group:

Vor mehr als zwei Jahren wurde “trustWHO” von Vimeo zensiert… mit dem Start von “CORONA.film – prologue” löschte Vimeo all unsere Videos, Hunderte… Auch blockiert YouTube immer mal wieder einzelne Videos. Mal auch Facebook. In den letzten Wochen ist es ruhig geworden. Keine Einschränkungen auf drei von vier Kanälen. Keine “Strikes”…
Plötzlich wurden die OVALmedia-Kanäle auf YouTube gelöscht, sowohl auf Deutsch, Englisch, Französisch, als auch Italienisch… Wir haben den Kontakt zu circa
200.000 Abonnenten verloren… ohne Vorwarnung, ohne Begründung…
Dieses Ereignis kann nur politisch motiviert sein! Diese Löschung zeigt auf dramatische Weise, wie Großkonzerne und Regierungen die Pressefreiheit in Deutschland einschränken.“

Hier finden Sie, liebe Leserinnen und Leser das Statement in Wort und Bild. 16986237843449359858

Grundgesetz Artikel 5.1„Zensur findet nicht statt“

Artikel 5, Abs. 1: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“

Das liest sich schön. Und die Bundesregierung kann – mit Verweis auf den betreffenden Grundgesetzartikel – behaupten, eine Zensur werde hierzulande regierungsseitig nicht ausgeübt. Dabei verschweigend, dass Zensur wie viele andere Aufgaben heutzutage auch, einfach outgesourct sind an Private. Beispielsweise an You Tube oder Facebook. Perfide.

Zensur“ (Buch von Hannes Hofbauer)

Zensur fand zu allen Zeiten statt. Diese üble Erscheinung bleibt zwar vielen Menschen verborgen, aber sie wird durchaus auch mehr und mehr erkannt und benannt. Etwa vom österreichischen Historiker, Autoren und Verleger Hannes Hofbauer. Hofbauer veröffentlichte dieses Jahr bei Promedia sein Buch „Zensur“. Dazu lesen wir: b11493c086791b014d037bb4f463deda-329x469-1

„Zwischen staatlichen Wahrheitswächtern und privaten Medienmonopolen entwickelt sich in unseren Tagen eine neue Zensur-Praxis, für die beide nicht zuständig sein wollen und sich gegenseitig die Verantwortung zuspielen; eine Zensur des post-industriellen, kybernetischen Zeitalters.

„Gefährliche Falschinformation“ lautet die Punze, die Konzerne wie Alphabet/Google oder Facebook/Meta all jenen Publikationen auf ihren Plattformen aufdrücken, die dem transatlantisch-liberalen Weltbild ihrer Betreiber nicht passen. Gelöscht und blockiert wird von politisch und kulturell gesteuerten Algorithmen. In den vergangenen Jahren ist dies millionenfach geschehen, wenn Beiträge über Corona, Russland, den Islam oder den Klimawandel nicht der herrschenden Meinung entsprechen.

Der Wiener Historiker Hannes Hofbauer geht in die Geschichte zurück, um die aktuellen Verbotspraktiken besser verstehen zu können. Moderne Zensur beginnt mit der Erfindung des Buchdrucks zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Sie orientierte sich an den bereits davor gängigen Werten, mit der die katholische Inquisition gotteslästerliche und kirchenkritische Stimmen zum Schweigen gebracht hatte. Bis ins 18. Jahrhundert gehen die Träger der verordneten Wahrheit Schritt für Schritt von der Kirche auf den Staat über, wobei erstere als „Schutzwächter des Pöbels“ wichtig blieb. Der Band enthält viele Biographien von zensierten Autoren, kämpferischen Verlegern wie Friedrich Brockhaus und standhaften Buchhändlern wie dem 1806 hingerichteten Johann Philipp Palm.

Die Wiederkehr der Zensur in unseren Tagen wurzelt in der ökonomischen Schwäche des transatlantischen Raums. Im Niedergang kämpft eine immer autoritärer agierende Elite um ihre Diskurshegemonie. Je erfolgreicher eine der herrschenden Meinung entgegenstehende Position unter die Menschen gebracht wird, desto aggressiver wird ihr von Brüssel oder Berlin begegnet, wobei immer häufiger die Zensurkeule zum Einsatz kommt.

Das Bewusstsein, dass unsere Gesellschaften langsam aber stetig in Richtung Orwell’scher Wahrheitsministerien schlittern, ist (noch) schwach entwickelt. Es zu schärfen, dazu soll dieses Buch beitragen; und um historische Parallelen erkennen zu können, wie z.B. jene der Zensurstriche in Heinrich Heines „Reisebildern“ und den geschwärzten Videos auf YouTube.“

Apropos Heinrich Heine!

Aus: vorgänge Nr.24 (Heft 6/1976), S. 73-77

„Ihr Toren, die ihr im Koffer sucht!

Hier werdet ihr nichts entdecken!

Die Konterbande, die mit mir reist,

Die hab‘ ich im Kopfe stecken. (…)

Und viele Bücher trag‘ ich im Kopf !

Ich darf es euch versichern,

Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest

Von konfiszierlichen Büchern.”

Aus Heinrich Heine: Deutschland, ein Wintermärchen

Eine Zensur findet nicht statt

„Eine Zensur findet, nach Art 5 des Grundgesetzes, nicht statt. Doch die im Zensurverbot verbriefte Freiheit ist eine Frage der Definition. Nur die Vor-Zensur gilt als solche. Ist eine Schrift, ein Film oder eine sonstige Darstellung aber erst einmal an die Öffentlichkeit gelangt, so gelten – so sagt das Bundesverfassungsgericht – die allgemeinen Gesetze(1). An der Rotationsmaschine hat der Bürger noch Narrenfreiheit, beim Buchhändler wartet die Polizei.

Der Versuch der Unterdrückung von (fremden wie eigenen) Gedanken ist wohl so alt wie das Denken selbst. Denken, Erkenntnis scheint den Wunsch nach Zensur des Gedachten, Erkannten nach sich zu ziehen. Sigmund Freud hat die Bedeutung zensorischer Instanzen und ihre Wirksamkeit im endopsychischen Bereich beschrieben(2). Das Prinzip der Zensur besteht in der Unterdrückung bestimmter Gedankeninhalte, die so „undenkbar” sind, bestimmter Gefühle, die so unannehmbar erscheinen, daß wir sie uns nicht bewußt zu machen wagen.

Das gilt auch für soziopsychische Vorgänge. „Zensur ist ihrem Wesen nach eine Tätigkeit des Verbietens und Unterdrückens bestimmter Gedanken und Handlungen durch die Auferlegung eines Tabus.” Die Einübung von Sitten – Unterlassungsvorschriften und Verhaltensritualen – in Kindheit und Jugend erscheint so als Tätigkeit des Verbietens, des Unterdrückens und des Zwangs vonseiten der erzieherischen Autoritäten, die ihrerseits ein gewisses Maß an Feindseligkeit gegen jene Autoritäten hervorbringt(3).

Zensur ist also bereits das Aufstellen des Verbots. Die subtile Unterscheidung der Juristen zwischen (verbotener) Vor- und (erlaubter) Nachzensur erweist sich so als untauglicher Versuch, die verschiedenen Methoden der Ausübung der Zensur für deren Wesen auszugeben, als handele es sich um materiell und nicht nur graduell unterschiedliche Verhaltensweisen.

Das Zensurverbot der Verfassung gilt für Zensurhandlungen vor Veröffentlichung eines Geistesprodukts zwar absolut, unterliegt aber weiteren Einschränkungen. Verboten ist nur die staatliche Zensur. Erlaubt ist folglich: private Verbandszensur und Selbstzensur. Untersagt sind nur direkte Eingriffe des Staates (Verbote). Erlaubt ist staatliche Kulturpolitik, auch wo sie zur Diskriminierung führt. Die Zensur in der BRD, die, da sie nicht stattfindet, keine ist, hat folglich viele Gesichter.“

vorgängevorgänge 2412/1976Seite 73

von Sieghart Ott

Quelle: Humanistische Union

Die Löschung auf You Tube ist zwar ein harter Schlag. Aber der gegen OVALmedia gerichtete Schlag könnte wie beim Kung Fu umgekehrt werden. Davon ist Robert Cibis überzeugt

Das Löschen aller Kanäle von OVALmedia auf You Tube ist ohne Frage ein schwerer Schlag. Hinzu kommt, dass nun die Abonnenten der Kanäle keine Meldungen mehr über neue Beiträge von OVALmedia erhalten. Deshalb seien auch meine Leserinnen und Leser gebeten andere, die sie bislang rezipiert haben, darüber zu informieren. OVALmedia ist allerdings einfach auf der Seite Oval.Media (hier) zu finden. Das Schlimmste in der Medienwelt sei, so Robert Cibis: „Wenn Zensur stattfindet und es keiner merkt.“

Wir haben jetzt einen großen Schlag gegen uns erlebt. Die Frage ist jetzt, wie man die Energie die gegen uns gerichtet ist nutzt, für uns. Diese quasi umzukehren. So wie beim Kung Fu. Dass man sagt, hey Leute, das zeigt wie schwach ihr seid. Ihr könnt nicht mal ein bisschen gut fundierte, höfliche Kritik vertragen. Nicht mal das. Es soll gar keine Kritik geben.“ Hier nachzuhören.

Also, liebe Leserinnen und Leser, sie müssen sicher auch künftig nicht auf die hervorragenden Sendungen von OVALMedia, beispielsweise sei hier nur einmal die #Narrative-Reihe genannt, verzichten. Besuchen Sie die Seite Oval.Media im Netz.

#LongWalk4Assange – Aktivist Kolja besuchte auf dem Weg von Hamburg nach London Dortmund

Der Artikel „Der Freiheitsläufer“ meiner Journalistenkollegin Andrea Drescher im „Rubikon“ (erschienen ebenfalls auf tkp.at) machte mich auf eine wichtige und lobenswerte Aktion eines entschlossenen Mitbürgers und wahrhaften Demokraten für Julian Assange aufmerksam. Drescher schreibt eingangs: „Es heißt immer, der Einzelne könne nichts tun, er sei zu schwach. Aber es braucht nur mutige Menschen, die etwas tun, und schon ist Veränderung möglich.“

Ein wenig erinnerte mich das entfernt an die Aktion „Trekhaak gezocht!“ (deutsch: „Anhängerkupplung gesucht!“) des niederländischen Theatermachers Tjerk Ridder aus Utrecht vor einigen Jahren. Die Idee war ihm im Beisein von Freunden während eines Kneipenabends gekommen: Die Metapher über all dem: „Man braucht andere, um voranzukommen“. Wer wollte das bestreiten? Nur ist uns das sehr oft überhaupt nicht (mehr) bewußt. Ganz einfach. Ridder hatte einen Wohnwagen. Damit hatte er vor, von Utrecht nach Istanbul zu gelangen. Allerdings ohne eigenes Zugfahrzeug. Also stellte er sich an die Straße und hielt ein Schild mit der Aufschrift „Anhängerkupplung gesucht!“ hoch. Und siehe da: der Mann wurde Stück für Stück von Leuten mit einem Auto mit Anhängerkupplung mitgenommen …

Aktivist ist, wer aktiv ist!

„Es sind gerade die Aktionen der Einzelnen, die diese herbeiführen können“, schreibt Kollegin Drescher weiter. „Wenn sie wahrgenommen werden.“ Da klangen mir die Worte eines mir bekannten politischen Aktivisten im Ohr: „Aktivist ist, wer aktiv ist!“ Und Kolja Rewin, „Der Freiheitsläufer“ aus Hamburg, wurde – ist! – aktiv.

Kolja startete die Aktion LongWalk4Assange. Dabei geht es nicht mehr aber auch nicht weniger um das Leben des Journalisten und Wikileaks-Gründers Julian Assange. Seit über elf Jahren wird der australische Journalist und Publizist Julian Assange wegen der Veröffentlichung unbequemer Wahrheiten – u.a. betreffs Kriegsverbrechen der USA – politisch verfolgt, seit fast drei Jahren unter nachgewiesenen Folter-Bedingungen im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh in London gefangengehalten. Es ist ein Skandal und deutet auf eine verkehrte Welt hin: Die Kriegsverbrecher sind auf freiem Fuß und derjenige, welcher die Kriegsverbrechten öffentlich machte, ist eingekerkert! Liefert Großbritannien Julian Assange an die USA aus, drohen ihm dort 175 Jahre Haft unter erschwerten Bedingungen. Für einen geschwächten und – wie der frühere UN-Beauftragte für Folter, Nils Melzer, selbst vor Ort im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh gewesen, sich auf die Befunde der ihn dorthin begleitet habenden Ärzte stützend, öffentlich gemacht und auch Regierungen – u.a. die deutsche – informiert hat, gesundheitlich schwer angeschlagenen Menschen wie Julian Assange könne die Auslieferung an die USA letztlich den Tod bedeuten.

Im Rubikon-Beitrag lesen wir weiter:

„Der LongWalk4Assange sollte von viel mehr Menschen wahrgenommen werden. Kolja Rewin ist ein Mitstreiter der Mahnwachen für Julian Assange in Hamburg. Durch seinen Marsch nach London will er mehr Menschen auf den Fall des WikiLeaks-Gründers, seine Verurteilung und seine drohende Auslieferung an die USA aufmerksam machen. Dadurch brachte er viele Menschen, denen er begegnete, innerlich in Bewegung.Aus Protest gegen die Auslieferung des Wikileaks-Gründers Julian Assange an die USA hat sich am 2. Juli 2022 der Aktivist Kolja Rewin zu Fuß vom britischen Konsulat in Hamburg auf den Weg nach London gemacht. Ziel seines LongWalk4Assange ist das Londoner Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh, in dem der mehrfach ausgezeichnete Journalist Assange (z.B. hier) seit mittlerweile fast 1.200 Tagen festgehalten wird. Die Route führt unter anderem über Köln und Brüssel. Wer mag, kann beim LongWalk4Assange dabei sein.“

Und weiter informiert Andrea Drescher: „Seit über zwei Jahren steht die Mahnwache in Hamburg jede Woche für Julian auf der Straße und organisiert Demos und Kundgebungen. Es ist sehr mühselig, Menschen zu erreichen, zu sensibilisieren und zu motivieren. Kolja Rewin ist ein Mitstreiter der Gruppe und sieht bei den Demos, dass sich nur wenige für den Fall interessieren. Er will durch seinen Marsch mehr Menschen auf den Fall Julian Assange, seine Verurteilung und seine drohende Auslieferung an die USA aufmerksam machen. Unterwegs mit Handwagen und Zelt wird er Hotels meiden und nur bei lieben Menschen, die es ihm anbieten, übernachten. Auch Bahn fahren will er nur im Notfall. Ein Paar neue Schuhe waren schon fällig, und der Handwagen hatte einen Radbruch und musste repariert werden.

Es ist kein professionelles, durchorganisiertes Projekt, es entstand einfach aus dem Bauch heraus. Aber es hebt sich wohltuend von vielen professionellen Projekten ab: Kolja macht das aus eigenen Mitteln, er bittet nicht um Spenden, es gibt kein Spendenkonto. Vor seiner Abreise haben ihm auf der letzten Demo einige Aktivisten und Teilnehmer etwas Geld zugesteckt.

Ein Ankunftstermin steht nicht fest. Bei geschätzt über 1.000 km Wegstrecke und unzähligen möglichen Problemen lässt sich dieser auch nicht mal annähernd abschätzen. Der Weg ist das Ziel.“

Was treibt Kolja an? Weitere Informationen (dem Rubikon-Beitrag entnommen)

Auf der letzten Demo und Kundgebung, die von der Gruppe organisiert wurde, erklärt Kolja auch ganz persönlich, warum er sich auf die Straße begibt. Er findet es sehr schade, dass über westliche Kriegsverbrechen, die Deutschland mit Milliarden unterstützt hat, nicht berichtet werden darf. Er erinnert sich an 60 Milliarden für den Irakkrieg von der Bundesregierung — also deutsche Steuergelder. Geteilt durch 80 Millionen kann jeder Deutschen seinen Beitrag berechnen. Er möchte Julian Assange danken, deswegen macht er diesen Lauf, da Julian das derzeit nicht möglich ist.

Sein Ziel ist es, Bilder für Julian zu sammeln, Menschen daran zu erinnern, dass es ihn noch gibt, dass er immer noch im Gefängnis sitzt und dass jeder Einzelne die Macht hat, für Werte einzustehen, für Demokratie und Pressefreiheit. Er ist ihm für seine Arbeit unheimlich dankbar, und deswegen macht er sich auf die Strecke.

Seine Erwartungen schildert er folgendermaßen:

„Ein bisschen müde und aufgeregt bin ich. Jeder ist willkommen mitzumachen, meine Route verläuft durch Deutschland. Dabei habe ich nicht den kürzesten Weg gewählt, sondern den, wo ich vermutlich die meisten Menschen erreichen kann. Ich gehe durch große Städte wie Bremen und Osnabrück, Münster, dann kommt Essen, Dortmund, Köln, und dann biege ich nach Westen ab, durch Maastricht und Brüssel bis nach Calais. Dann über den Kanal, wie, wird sich noch zeigen, ob man schwimmen muss. Ja, ich hoffe, die Briten lassen mich auch rein, sodass ich den Lauf fortsetzen kann. Ich hoffe, ich komme bis zum Gefängnis und werde meinen persönlichen Protest dem Gefängnis überreichen können. Ich werde einen kleinen Schlenker über London machen, um die aktiven Leute in London mitzunehmen, und dann – es sind 7 Meilen von London Zentrum bis Belmarsh — gehen wir zusammen hin und lassen Julian wissen, dass es Menschen gibt, die an ihn denken und ihm dankbar sind.“

Er hat mehrere Social-Media-Kanäle eingerichtet, aber erst einmal keinen Plan, was er damit tun wird. Er wusste beim Start noch nicht, welcher der Hauptkanal sein wird. Es gibt einen Telegram-Kanal, einen Facebook-Account und eventuell auch jeweils einen auf Signal und Instagram. Alle heißen LongWalkfourAssange beziehungsweise LongWalk4Assange.

Er will abends oder mittags, wenn die Sonne zu heiß ist, um zu gehen, von der Reise berichten. Er hofft auf massive Unterstützung, damit möglichst viele Menschen den Protest zur Kenntnis nehmen, will aber auch gehen, wenn ihn niemand unterstützt.

„Ich mache das dann für Julian auch alleine. Also hoffentlich komme ich an. Pläne sind ja immer so, dass sie dazu tendieren, schiefzulaufen, aber dennoch nehme ich mir das vor, und ich habe ganz fest vor, dort anzukommen.“

Er freut sich auf jeden, der eine Stunde, einen Tag oder eine Woche mit ihm geht, und sagt:

„Das 9-€-Ticket darf gerne genutzt werden, zumindest deutschlandweit, kommt mich besuchen für Julian.“

Angela Berg, eine der Organisatorinnen der Hamburger Mahnwache, gibt weitere Informationen zum Marsch und zu begleitenden Aktionen.

Andrea Drescher: Wie unterstützt ihr Kolja?

Angela Berg: Wir arbeiten etwas hinterher, da alles aus dem Bauch heraus organisiert wurde und man überhaupt nicht von einer Planung sprechen kann. Er hat uns mit seiner Idee ja völlig überrascht, es uns erst kurze Zeit vorher erzählt. Wir mussten ihm erst mal ein Smartphone besorgen, damit er die sozialen Medien, die er bis dato kaum nutzte, von unterwegs bedienen kann. Er mag diese Form der Kommunikation eigentlich gar nicht, lebt lieber im richtigen Leben.

Wir sind alle Laien, versuchen jetzt, das Beste daraus zu machen. Ich bin seit heute telefonische Ansprechpartnerin für ihn und übernehme die Koordination mit den anderen Mahnwachen in Deutschland. Es gibt weitere Unterstützer, wie zum Beispiel Heike, die ich über die nächsten Standorte seines Walks informiere. Heike wird dann die jeweiligen Lokalredaktionen anrufen, um diese zu informieren, dass Kolja mit seiner Aktion vor Ort sein wird. Bei Interesse gibt sie Koljas Nummer weiter, damit die Redakteure ihn direkt kontaktieren können. Heike hat auch die erste Pressemitteilung geschrieben und an verschiedene Medien geschickt. Da hoffen wir auch auf Resonanz. Am 12.7.2022 hatte er sein erstes Interview bei der Diepholzer Kreiszeitung, nachdem am Anfang das Interesse eher verhalten war. Medienseitig wird er jetzt besser unterstützt.

Nachdem auf Facebook eine Gruppe und eine Seite eingerichtet wurden, pflege ich die Inhalte dort ein. Er stellt die Informationen auf seinem Telegram-Kanal ein, und von dort übernehme ich Texte und Bilder, schreibe manchmal auch noch einen Satz dazu. Aber das Wichtigste sind seine persönlichen Berichte.

Wie sind die Reaktionen auf seinem Marsch?

Er hat schon ersten Zuspruch bekommen, Autofahrer haben angehalten und sich bedankt, andere hupen im Vorbeifahren und winken ihm zu. Als seine Schuhe kaputt waren und er sich neue kaufen musste, bekam er im Schuhgeschäft ein paar Socken geschenkt.

Er führt immer wieder Gespräche mit Passanten auf der Straße und hat unter anderem festgestellt, dass verschiedene Menschen auf solch eine Einzelaktion besser reagieren als auf Demonstrationen oder Mahnwachen. Er hat sich mit Handwagen und gut erkennbarem Schild auf eine Autobahnbrücke gestellt — da gab es innerhalb weniger Minuten sieben Hup-Reaktionen. Das sind die kleinen positiven Erlebnisse, von denen es aber noch viel mehr werden dürfen.

Er hofft immer noch, auf der Straße jemanden zu treffen, der ihn mal übernachten lässt. Das ist aber noch nicht passiert. Auf Facebook steigen langsam die Follower-Zahlen, bei Telegram stagniert es leider noch bei circa 160 Teilnehmern. Bisher sind das wohl primär die Organisatoren der Mahnwachen, die auf die tägliche Meldung darüber, was er so am Tag erlebt hat, warten. Diese kleinen Geschichten sind für uns alle ganz, ganz wichtig.

Wie kann man Kolja unterstützen?

Das Verbreiten seiner Aktion ist das Wichtigste. Aber natürlich hoffen wir auch, dass ganz viele Menschen ihm auf seinen Kanälen folgen und ihn im besten Fall vor Ort begleiten. Die Aktion soll ja publik werden.

Er selbst steht nicht gerne in der Öffentlichkeit, mag keine Selfies machen. Er will sich nicht so gerne ablichten, nicht in den Vordergrund drängen. So haben wir ihn auf der Mahnwache in Hamburg kennengelernt. Er ist eher introvertiert, redet nicht viel, sondern überlegt sich etwas und tut. Darum ist es wichtig, dass andere auf ihn aufmerksam machen, wenn er das schon selbst nicht tut.

Wo findet man ihn?

Aktuelle Informationen findet man unter:

https://t.me/longwalk4assange
https://www.facebook.com/profile.php?id=100083178522266
https://www.facebook.com/groups/1235139973964566

Am vergangenen Dienstag erreichte Kolja Dortmund

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Dienstagnachmittag erreichte Kolja Rewin die Ruhrgebietsmetropole Dortmund, wo ich ihn an der Reinoldikirche traf. Es war meinerseits der zweite Anlauf ihn zu treffen. Einen Tag zuvor hatte es Kolja nicht geschafft, Dortmund zu erreichen. Was verständlich ist, denn eine Ankunftszeit genau vorauszusagen ist im Grunde nicht möglich. Irgendetwas auf dem Wege kann immer dazwischen kommen. Außerdem begleiteten ihn derzeit eine Freundin und drei Kinder ein Stück des Weges. Klar, dass da beim Lauftempo darauf Rücksicht genommen wird. Zusammen haben sie heiße Tage auf dem Weg von Münster über Lünen hinter sich gebracht. Ab und zu gab es auch einmal Schauer. Materialermüdungen beim geschobenen Wagen, die kleine Reparaturen notwendig machten, sowie beim Schuhwerk traten auf. Kolja und sein kleiner Trupp erreichte aus Richtung Norden kommend das Dortmunder Zentrum über den multikulturell geprägten Schmelztiegel Nordstadt, wo 60.000 Menschen aus 138 Nationen ihr Zuhause haben.

Hut ab und Respekt, meinerseits ob der bislang erbrachten menschlichen Leistung beim Marsch nach London! Besonders hervorgehoben und gelobt gehören da mitlaufenden drei Kindern. Bewundernswert, wie sie klaglos sozusagen ihren Stiefel laufen. Und sie wissen sehr wohl, weswegen und für wen sie dies tun. Nämlich für den in Belmarsh eingesperrten Julian Assange im Besonderen und die Pressefreiheit im Allgemeinen. Zwischendurch – etwa am Dortmund-Ems-Kanal in Münster – wurde schon einmal Abkühlung in dem Gewässer gesucht, dass bis in die Nordsee fließt. Mit dem sympathischen, bescheidenen Kolja kam ich rasch ins Gespräch. Über Persönliches und die momentan negative, besorgniserregende gesellschaftliche Entwicklung haben wir gesprochen. Sowie über vieles andere mehr.

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Am Europabrunnen auf der Dortmunder Kleppingstraße gab es erst einmal erfrischende Melone, zu welcher ich herzlich eingeladen wurde. Mit zwei Passanten kam Kolja über sein Anliegen ins Gespräch. Beide standen der Aktion wohlwollend gegenüber. Die Polizisten eines vorbeifahrenden Streifenfahrzeugs nickten freundlich herüber.

Allerdings hat Kolja unterwegs in den Einkaufszonen anderer bisher besuchter Städte leider auch erleben müssen, dass Passanten eher Desinteresse betreffs seiner Aktion zeigten. Er vermutet, dass viele Menschen allzu sehr auf Konsum fixiert sind. Andererseits dürften nicht wenige Menschen gar nicht oder auch falsch über die Causa Julian Assange informiert sein, zieht Kolja in Betracht. Von den Mainstream-Medien und der Politik wird das Thema ja eher bedauerlicherweise vernachlässigt. Wo doch sonst doch immer so viel die Rede von Menschenrechten und vom „Wertewesten“ ist.

Gerade aber, der Journalismus als vierte Säule in der Demokratie und watchdog der Regierenden und Mächtigen, findet Kolja Rewin, hätte bei diesem Thema (wie übrigens auch in der Corona-Krise) zum größten Teil versagt. Ein zupackendes Engagement gegen die Verfolgung von Journalisten wie Assange – auch das der maßgebenden Journalistenverbände – täte seitens der schreibenden und sendenden Zunft bitter Not. Denn müssten sich nicht gerade Journalisten im Klaren darüber sein, dass sie, wenn sie ähnliche investigative Arbeit täten wie Assange, ebenfalls – zumal wenn sie Kriegsverbrechen der USA offenbare – damit rechnen, ein ähnliches Schicksal wie Julian Assange zu erleiden?

Möglichst viele Menschen erreichen, um eine größere Öffentlichkeit für den Fall Julian Assange und dessen Schicksal herzustellen

Kolja Rewin wünscht und erhofft sich, dass möglichst viele Menschen, welche durch seine Aktion mit dem Fall Assange konfrontiert wurden, das Gespräch mit anderen Menschen suchen, um eine größere Öffentlichkeit herzustellen. Im Gespräch mit mir, gestand er ein zutage liegendes Manko ein: Um über die Fall Julian Assange zu informieren sei es eigentlich nötig, dementsprechende Flyer mitzuführen. Bislang wäre man jedoch nicht dazu gekommen. Wenn er nach Dortmund die Stadt Witten erreiche, so Kolja, würde er versuchen Flyer drucken zu lassen.

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Ich begleitete den sympathischen und hoch engagierten Aktivisten noch bis in den Dortmunder Südwesten. An der Friedenssäule auf dem Friedensplatz zwischen altem und neuem Rathaus (derzeit wird es renoviert) wurde noch einmal haltgemacht, um Fotos zu machen.

Vorbei ging es am Platz der Alten Synagoge, wo das Dortmunder Opernhaus mit seiner interessanten Kuppel steht, die Hohe Straße hinauf. Sowie via Wittekindstraße und Krückenweg, das Westfalensstation – Signal Iduna Park geheißen – ,Spielstätte von Borussia Dortmund, links liegen lassend, nach Barop. Unterwegs hupten noch einige Autofahrer und bekundeten ihre solidarische Zustimmung zur Aktion

Dort verabschiedeten sich der Freiheitsläufer und seine Begleiter, um noch ein ziemliches Stück Richtung Witten zu laufen. Dort erwartete sie jemand, der sie für diesen Abend beherbergen wollte.

Ein beeindruckende Begegnung war das, liebe Leserinnen und Leser. Ich werde den #longwalk4assange für Sie so gut es eben geht verfolgen. Was ich Ihnen ebenfalls empfehle. Wie und auf welche Weise Kolja nach Großbritannien gelangen wird, weiß er noch nicht zu sagen. Drücken wir ihm die Daumen, dass er gut nach London und bis hin zum Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh gelangt. Behalten wir das Schicksal von Julian Assange im Auge. Und hoffen wir, ihn baldmöglichst in Freiheit begrüßen zu können!

Bedauerlich anzumerken, dass die über Koljas Besuch in Dortmund offenbar informiert gewesenen anderen Medien (auch der Lokalzeit Dortmund des WDR hätte es gut angestanden, einen kleinen Beitrag zu machen) gestern durch Abwesenheit glänzten.

Fotos: Claus Stille

Update:

„Laut-Werden“ von der Sondermahnwache für Julian Assange mit Video vom 5. August 2022 in Köln:

https://laut-werden.de/v/243?seite=#it

 

 

Empörend: Parteivorstand der Linkspartei verweigert aus politischen Gründen Räume für das UZ-Pressefest

Das Pressefest der DKP-Zeitung „Unsere Zeit“ (UZ) gilt als das größte Fest der Linken in Deutschland. Zu welchem immer auch Linke aus verschiedenen Teilen der Welt eingeladen waren. Das Fest wurde bereits zweimal wegen der Corona-Pandemie verschoben. Nun sollte es endlich wieder dort stattfinden, wo das letzte Pressefest vor der Corona-Pandemie stattgefundene hatte: Im Revierpark Wischlingen in Dortmund.

Dann erreichte die DKP eine erneute Hiobsbotschaft:

Ein Höhepunkt des UZ-Pressefestes 2016: Grup Yorum aus der Türkei; Fotos: C.-D. Stille

In einer Erklärung unter dem Titel „UZ-Pressefest: Wir feiern trotzdem!“ von Wera Richter, stellvertretende Parteivorsitzende der DKP und Chefredakteurin der UZ vom 12. April heißt es:

„Die schlechten Nachrichten reißen nicht ab. Das UZ-Pressefest kann in diesem Jahr nicht im Dortmunder Revierpark Wischlingen stattfinden. Die Baumaßnahmen im Park verzögern sich, aber vor allem werden in der Eissporthalle und auf dem Gelände Geflüchtete aus der Ukraine untergebracht. Die Parkleitung sah sich gezwungen, das Fest kurzfristig abzusagen. Das ist ein herber Schlag für die Organisatoren, für die DKP und alle Friedensfreunde.

Das große Fest des Friedens und der Solidarität der DKP wird gerade heute in Zeiten von Hochrüstung und Kriegshysterie gebraucht. Viele freuen sich darauf – Künstlerinnen und Künstler, Bündnispartner, Besucherinnen und Besucher, Genossinnen und Genossen von DKP und SDAJ und Kommunistischen Parteien vieler anderer Länder.

Das Fest, zweimal wegen der Corona-Pandemie verschoben, soll kein drittes Mal weichen. Es soll wie geplant am Wochenende des 27. und 28. August stattfinden. Unter Hochdruck werden nun geeignete Plätze gesucht. Von ihnen wird es abhängen, wie groß das Fest werden kann, wie viele Bühnen und welche Bestandteile es haben wird. Sicher ist, es wird unter diesem Zeitdruck kleiner werden, ebenso sicher ist aber: Es wird ein starkes Signal für den Frieden sein – weil wir es brauchen.“ (Hier mein Beitrag aus dem Frühjahr 2022.)

Schließlich hatte sich ein Platz gefunden: Der Rosa-Luxemburg-Platz vor der Volksbühne in Berlin. Doch schon wieder erreicht die DKP eine neue schlechte Nachricht. Hier die Pressemitteilung der DKP daraufhin:

Parteivorstand der Linkspartei verweigert aus politischen Gründen Räume für das UZ-Pressefest

„Wer sich an die vergangenen UZ-Pressefeste erinnert, weiß, dass es immer große Zelte der Linkspartei gab. Für die UZ und deren Herausgeber die DKP war klar: Das UZ-Pressefest ist auch ein großes Treffen Linker unterschiedlicher Couleur.

Solch ein Treffen wird offensichtlich vom Parteivorstand der Linkspartei nicht gewollt und hintertrieben. Die (kostenpflichtige) Anmietung von Räumlichkeiten im Karl-Liebknecht-Haus wird nun mit der Begründung verweigert, dass die DKP eine „konkurrierende Partei“ sei.

Diese Entscheidung wurde der DKP im Auftrag des Bundesgeschäftsführers und „nach Rücksprache mit den Parteivorsitzenden“ mitgeteilt.

Patrik Köbele, Vorsitzender der DKP, erklärt dazu: „Es ist ein Skandal, dass die Führung der Linkspartei diese unsolidarische Abgrenzung betreibt. Für das Pressefest bedeutet das höhere Kosten, da für die geplanten Veranstaltungen nun ein Zelt angemietet und aufgebaut werden muss.

Aber: Das wird nicht verhindern, dass das UZ-Pressefest ein großes, ausstrahlendes Treffen von Linken, Sozialisten, Kommunisten aus dem In- und Ausland wird. Wir freuen uns darauf und nehmen diese Entscheidung des Parteivorstands der Linkspartei zum Anlass insbesondere Mitglieder und Wählerinnen und Wähler der Linkspartei einzuladen das UZ-Pressefest mit uns zu feiern – 27. Und 28. August, Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin.“

Essen, 14. Juli 2022

Quelle: Pressemitteilung der DKP

Es folgte ein Appell an die Führung der Partei DIE LINKE des Präsidiums des OKV: Appell an die Führung der Partei „Die Linke“

„Wie wir einer Pressemitteilung der DKP entnahmen, verweigert die Partei „Die Linke“ die Nutzung von Räumen zum UZ-Pressefest Ende August im Karl-Liebknecht-Haus Berlin. Die Begründung, die DKP sei eine „konkurrierende“ Partei. Für solch ein unsolidarisches Verhalten fehlt uns jegliches Verständnis.

Im Ostdeutschen Kuratorium von Verbänden (OKV) mit weit über 15.000 Mitgliedern sind neben Parteilosen auch Mitglieder anderer Parteien organisiert, so auch der Linken und der DKP. Uns vereint vor allem der Kampf um Frieden, Gerechtigkeit und soziale Sicherheit. Bei allen Unterschieden zu Einzelfragen, eines unserer wichtigen Anliegen ist die Zusammenarbeit linker Kräfte, unabhängig von Parteien. Das müsste auch für den Vorstand der Linken gelten. Beide Parteien, „Die Linke“ und DKP, sollten sich nicht gegenseitig ausgrenzen und nicht noch weiter spalten, sondern um die besten Ideen und Vorschläge konkurrieren, wie wichtige gesellschaftliche Probleme gelöst werden können. Friedens- und sozialpolitische Aktivitäten der jeweils anderen Partei sind selbstverständlich zu unterstützen. Vom Pressefest der UZ sind mit Sicherheit fortschrittliche Gedanken und Impulse für die Stärkung der linken Bewegung in Deutschland zu erwarten.

Wir appellieren an die Führung der Linken, die Entscheidung schnellstens zu überprüfen und zu korrigieren.

Berlin, am 14. Juli 2022
Präsidium des OKV

Quelle: Pressemitteilung des Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden (OKV)

Kommentar

Empörend zu nennen ist die Reaktion der Partei DIE LINKE! Und eine Erklärung hat man auch parat: Die DKP sei eine „konkurrierende“ Partei. Nun ja, das mag ja sein. Aber die DKP gehört zum linken Spektrum. Wie DIE LINKE auch. Wobei einen da – nicht zuletzt seit dem vergangenen Parteitag – Bedenken immer mehr kommen, ob dem noch so ist.

Die gesellschaftliche Linke hält seit jeher den Gedanken der Solidarität hoch. Solidarität wird mit Menschen geübt, die vom kapitalistischen System unterdrückt werden und um Gerechtigkeit kämpfen. Auch international. Für Che Guevara stand fest: „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“. Und einer Partei wie die DKP, die angesichts widriger Umstände Probleme hat das Pressefest der UZ durchzuführen, auf welchem stets Platz auch für DIE LINKE gewesen war, stößt DIE LINKE mit dem Segen der Parteiführung unsolidarisch vor den Kopf? Das schlägt doch dem Fass den Boden aus! Haben die Genossinnen und Genossen (wollen sie überhaupt noch so angesprochen werden) der Linkspartei Angst vor Kontaktschuld? Angst, dass kräftiges DKP-Rot im Karl-Liebknecht-Haus auf ihre neue Bunt-Woke-Farbe abfärbt? Zuvor war das PDS- und Linkspartei-Rot eh schon immer mehr verblasst. Man lässt sich – nur mit Ach und Krach wieder in den Bundestag eingezogen – mehr und mehr rundlutschen, will augenscheinlich immer mehr im System ankommen. Doch DIE LINKE sei gewarnt: Sie haben es doch das Negativbeispiel mit den ehemals Grünen, die nun kriegsgeil und olivgrün geworden sind, ständig vor Augen, wohin das führt!

Dennoch sollte DIE LINKE bedenken, was im Appell des OKV formuliert ist: „Uns vereint vor allem der Kampf um Frieden, Gerechtigkeit und soziale Sicherheit. Bei allen Unterschieden zu Einzelfragen, eines unserer wichtigen Anliegen ist die Zusammenarbeit linker Kräfte, unabhängig von Parteien. Das müsste auch für den Vorstand der Linken gelten. Beide Parteien, „Die Linke“ und DKP, sollten sich nicht gegenseitig ausgrenzen und nicht noch weiter spalten, sondern um die besten Ideen und Vorschläge konkurrieren, wie wichtige gesellschaftliche Probleme gelöst werden können. Friedens- und sozialpolitische Aktivitäten der jeweils anderen Partei sind selbstverständlich zu unterstützen. Vom Pressefest der UZ sind mit Sicherheit fortschrittliche Gedanken und Impulse für die Stärkung der linken Bewegung in Deutschland zu erwarten.“

Und ein Austausch unter linken Parteien sowie auch die Diskussion zwischen Linken selbst unterschiedlicher Meinung war immer auch auf dem UZ-Pressefest möglich. Und das mag die Linkspartei nicht solidarisch unterstützen, wo doch das UZ-Fest noch dazu direkt vor der eigenen Haustüre stattfindet? Die Parteiführung möge das einmal erklären.

Ich vermute, das unsolidarische Gegen-den-Kopf-stoßen der Linkspartei einer anderen Partei aus dem linken Spektrum – und mögen beide Parteien auch Konkurrenten an der Wahlurne sein, sowie auf bestimmten Feldern andere politische Vorstellungen vertreten, dürfte nicht wenigen Linksparteimitgliedern und Wähler*innen der Linkspartei ebenfalls missfallen.

Überhaupt ist es wahrlich kein neues Problem in Deutschland, dass dafür gesorgt wird, dass die gesellschaftliche Linke gespalten wird. Man schaue in die Geschichtsbücher! So wird der Linken Kraft genommen. Dem könnte entgegengewirkt werden. Viel schlimmer ist, dass Linke selbst dazu beitragen, dass die gesellschaftliche Linke sich spaltet. Weil man sich für dieses „Wohlverhalten“ offenbar verspricht Plätze an den Futtertrögen der Macht zu erhalten. Doch um welchen Preis? Denn dafür muss man möglichst systemkonform – eben entsprechend rundgelutscht – sein. Aber letztlich macht man sich so auch überflüssig. DIE LINKE müsste eigentlich bereits etwas davon merken. Aber merkt sie noch etwas?

Die Linksparteiführung wäre gut beraten, sich noch einmal zu besprechen und ihren unsolidarischen Entschluss zurückzunehmen. Immerhin will ja die DKP nicht einmal etwas geschenkt – die begehrten Räumlichkeiten würden ja kostenpflichtig angemietet. Tut sie das nicht, bleibt dieser Vorgang als Skandal an der Partei DIE LINKE pappen.


			

„Lügen in Kriegszeiten“ Von Arthur Ponsonby. Rezension

Man mag sich in seinem Leben durchaus schon ab und an der Hoffnung hingegeben haben, dass der Mensch lernfähig sei. Zumal wenn man nach 1945 – nach dem schrecklichen Zweiten Weltkrieg geboren ist. „Nie wieder Krieg!“, so schworen sich manche, die mehr oder weniger lebendig aus diesem Krieg zurückgekommen waren. Je älter ich werde, desto mehr schwindet indes meine Hoffnung, die Menschen mögen gelernt bzw. wenigstens dazu gelernt haben. Pustekuchen! Denn Kriege hat es durch die Bank immer wieder gegeben. Und der Mensch ist bekanntlich vergesslich. Aktuell beschäftigt uns der Ukraine-Krieg. Und eines steht fest wie das Amen in der Kirche: Im Krieg wird gelogen. Manchmal so stark, dass sich die Balken biegen. „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ – schon im Ersten Weltkrieg zeigte sich das Phänomen, das für uns heute alltäglich geworden ist und welches Arthur Ponsonby mit seinem weltbekannten Ausspruch zusammenfasste. Wer hat diesen Satz noch nicht gehört oder gelesen?

Die Ursprünge all dessen hat Arthur Ponsonby akribisch in seinem Buch „Lügen in Kriegszeiten“ aus dem Jahr 1928 untersucht, sowohl am Beispiel seines Heimatlandes Großbritannien als auch den USA, Frankreich, Italien und Deutschland. Ein aufklärerischer und friedenspolitischer Klassiker von erschreckender Aktualität, der nun dankenswerterweise mitten hinein in den Ukraine-Krieg in einer Neuübersetzung aus dem Englischen (besorgt von Lena Gundrum und Charlyne Huckins) im Westend Verlag erschienen ist.

Dank der Lektüre dieses Buches können die Leserinnen und Leser in diesen düsteren Zeiten, in welchen der Journalismus – von der derzeit herrschenden Politik, welche unser Land vor die Wand fährt ganz zu schweigen – hierzulande dermaßen auf den Hund gekommen ist, dass man sich von früh bis abends schämt, erfahren – wie im Verlauf des Ersten Weltkriegs gelogen und verbogen wurde. Und sie können auf Basis dessen, was sie dadurch erfuhren, mindestens erahnen, in welchem Maße derzeit Ähnliches geschieht. Ebenso mit wachem Geist erspüren, wie hier einem fürchterlichen Schwarzweißdenken gefrönt wird: Der „regelbasierte Wertewesten“ ist der Unschuldige und Gute – Putin ist der Aggressor und der Böse, ja (nach Saddam Hussein und Milosevic) ein neuer Hitler, den manche mit Schaum vorm Mund dann abgewandelt zynisch Putler nennen. Schaut man Nachrichten der Tagesschau oder das heute journal (was ich mir längst erspare) spritzt einem üble Propaganda und Meinungsmache entgegen, dass es einem nur so graust.

Die öffentlich-rechtlichen Sender arbeiten längst nicht mehr so, wie es einmal gut gedacht gewesen war, handeln nicht mehr nach den festgelegten Grundsätzen. Da stimmt es einen nicht verwunderlich, dass für den heutigen Tag zu Mahnwachen vor Rundfunkanstalten und Medienhäusern aufgerufen worden war. Der Blog tkp schrieb gestern: „ Am historischen Tag des 14. Juli ruft die Initiative >>Leuchtturm ARD<< zu bundesweiten Mahnwachen vor rund 50 Rundfunkanstalten und Medienhäusern in ganz Deutschland auf. Die Initiative des Filmemachers Jimmy Gerum fordert Presse- und Informationsfreiheit und will ein sichtbares Zeichen gegen Diskursverengung setzen.“ Möge dieses Zeichen wahrgenommen werden und schnellstmöglich ein Ruck durch die Anstalten gehen. Einen solchen Ruck durch Deutschland hatte bekanntlich schon einmal Bundespräsident Roman Herzog gefordert. Doch es ruckte nicht bzw. der Ruck ging nach hinten los, ins Zurück …

Eine Erklärung aus der Einleitung des Buches: „Wir wir alle wissen, wird nicht nur in Kriegszeiten gelogen. Der Mensch, so wurde gesagt, ist kein >>wahrheitsliebendes Tier>>, doch ist seine Gewohnheit zu lügen nicht annähernd so außergewöhnlich wie seine erstaunliche Bereitschaft zu glauben. Tatsächlich ist es die menschliche Leichtgläubigkeit, die Lügen aufblühen lässt. Doch in Kriegszeiten wird die maßgebliche Organisation der Lüge nicht ausreichend anerkannt. Die Täuschung ganzer Völker ist keine Angelegenheit, die auf die leichte Schulter genommen werden kann.“ (…)

Und, heißt es: „Es gibt verschiedene Arten von Verkleidungen, in die sich Unwahrheiten hüllen können. Es gibt die vorsätzliche offizielle Lüge, die entweder der Täuschung der Menschen in Inland oder der Irreführung des Feindes im Ausland dient; dafür gibt es verschiedene Beispiele. Wie ein Franzose gesagt hat:

>>Solange die Völker bewaffnet sind, die einen gegen die anderen, werden sie lügende Staatsmänner haben, genau wie sie Kanonen und Maschinengewehre haben>> (S. 16)

Was heute nicht viel anders ist. Außer, dass es nun auch lügende Staatsfrauen (welch Fortschritt!) und Atomwaffen gibt. Und die sogenannten sozialen Medien. Sowie den technischen Fortschritt, welcher digitale Möglichkeiten eröffnet, Fotos noch überzeugender zu fälschen. Wer einen Krieg anzetteln will, muss die Menschen zunächst einmal reif dafür schießen. Erst mal mit publizistischen, medialen Kanonen. Der Feind muss dämonisiert – am Besten als ein neuer Hitler – und zum allein Schuldigen am Krieg erklärt werden. Dazu muss er entmenschlicht oder zumindest zum Irren gestempelt werden.

Die zehn „Prinzipien der Kriegspropaganda“ nach Lord Arthur Ponsonby, dem britischen Politiker und Diplomaten

  1. Wir wollen keinen Krieg
  2. Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg
  3. Der Feind hat dämonische Züge
  4. Wir kämpfen für eine gute Sache und nicht für eigennützige Ziel
  5. Der Feind begeht mit Absicht Grausamkeiten. Wenn uns Fehler unterlaufen, dann nur versehentlich
  6. Der Feind verwendet unerlaubte Waffen
  7. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners aber enorm.
  8. Unsere Sache wird von Künstler und Intellektuellen unterstützt
  9. Unsere Mission ist heilig
  10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter.

Anne Morelli, 2004 in deutscher Übersetzung

Propaganda, die nur der Gegner macht, doppelte Standards und zweierlei Maß

Der Diplom-Journalist, Medienwissenschaftler und Autor („Meinungsmacht“), Dr. Uwe Krüger fragte sich auf einer Medientagung (hier mein damaliger Bericht) einmal in einem Vortrag, worauf das Wort Propaganda eigentlich zurückgehe.

Krüger ging dazu an die Wurzel und ins Herkunftswörterbuch. Dort finde man, so Krüger, das Wort „propagare“, was nichts anderes als verbreiten, ausdehnen oder fortpflanzen bedeute.

Später im Ersten Weltkrieg sei Propaganda zur „Herrschaftstechnik“ geworden. Und Edward Bernays, der „Vater der Public Relations“, habe im Folgenden auch die Produktwerbung befeuert und festgestellt, ob man nun eine Waschmaschine oder einen Krieg verkaufen wolle sei egal und letztlich dasselbe. Durch die Nazis habe der Begriff später einen äußerst negativ konnotierte Bedeutung bekommen. Heute gehe man halt davon aus, dass es in liberalen Demokratien keine Propaganda, sondern höchstens Public Relations gebe. Selbst in der Kommunikationswissenschaft sei der Begriff Propaganda nahezu verschwunden, bzw. habe diesen, kritischer ausgedrückt, „marginalisiert“. Propaganda machen nur die anderen, die Gegner.

Da werden bestimmten Rahmungen („Frames“) zu Ereignissen und Personen, oder deren Dämonisierung (etwa gegnerischer Staatschefs oder von Positionen im eignen Land) benutzt oder bestimmte Hintergründe unerwähnt gelassen oder in ein gänzlich anderes Licht gerückt und so weiter. Fakten oder Statements würden durch deren Platzierung in den Medien heruntergespielt. „Es werden Etiketten verteilt, die nicht zur Faktenlage passen“, etwa „Hitler-Vergleiche“, die unpassend sind.

Krüger weiter: „Oder, dass man Gräueltaten unserer Gegner betont oder übertreibt. Auch bei unsicherer Faktenlage.“ Dazu: „Wir erwarten unkritische Akzeptanz von bestimmten Prämissen, wenn es um uns und unsere Freunde geht – etwa, dass wir Frieden und Demokratie wollen, Terrorismus bekämpfen und die Wahrheit sagen – Prämissen, die bei Feindstaaten nicht angenommen werden.“

Andersherum jedoch, „wenn dasselbe von uns oder unseren Freunden ausgeht, das also da das genaue Gegenteil passiert“. Was heruntergespielt werde. Ein Übel nicht nur unserer Tage: Doppelte Standards. Zweierlei Maß.

Beispiel betreffs Bombardierungen etwa von Krankenhäusern in Syrien durch russische Flugzeuge und Bombardierungen von Krankenhäusern in Afghanistan durch US-amerikanische Flugzeugen Bei Ersteren ist Putin schuld. Im zweiten Fall ist Obama nicht schuld gewesen, obwohl er Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte war. Und was erleben wir heute im Ukraine-Krieg?

Uwe Krüger stellte damals klar: Das sei „sozusagen eine These“, aber nicht immer so. Aber es sei „ein Schema, eine Brille, ein Werkzeugkasten mit dem man auf Berichterstattung schauen kann – auch als Normalbürger“. Es müsse stets auch auf die Nachrichtenquellen geschaut werden.

Ganz in diesem Sinne wurde das bereits vor hundert Jahren erschienene Buch „Lügen in Kriegszeiten“ ein Werkzeugkasten mit welchem man Lügen von Politikern und Militärs entlarven konnte (meist leider erst im Nachhinein). Und das Buch – mit dem von Lord Ponsonby zusammengetragenem Material – ist dennoch heute umso mehr ein Werkzeugkasten, aus welchem man sich reichlich zu seinem Nutzen bedienen kann. Es hat quasi an Wert nichts verloren. Das Buch sollte in keinem Haushalt fehlen.

Wie im Ersten Weltkrieg gelogen, betrogen und verbogen wurde

In 30 Kapiteln lässt sich im Buch lesen, wie gelogen, betrogen und verbogen wurde. Ob es nun um die (behaupteten) Ursachen des Ersten Weltkriegs und (angebliche) Alleinschuld Deutschlands daran geht (S.43 und S.50) oder um einen vermeintlichen Durchmarsch russischer Truppen durch Großbritannien (S.55) – da hatte fortgesetzter Wahnsinn Methode. Und Leute sollten dran glauben. Nicht wenige auf allen kriegsbeteiligten Seiten mussten letztlich dran glauben und mit ihrem Leben bezahlen.

Im Kapitel 6. „Die verstümmelte Krankenschwester“ (S.58) lesen wir: „Es wurden viele Gräueltaten in Umlauf gebracht die sich weder beweisen noch widerlegen ließen, doch in den ersten Monaten des Krieges wurde die Öffentlichkeit von einer schrecklichen Geschichte barbarischer Grausamkeit erschüttert, die vollständig wiedergegeben kann. Sie ist ein bemerkenswertes Beispiel für den Einfallsreichtum eines einzelnen, vorsätzlichen Lügners.“ Von schrecklichen Grausamkeiten deutscher Soldaten ist da die Rede. Eine Krankenschwester in Belgien sei gestorben nachdem ihr die Deutschen die Brüste abgeschnitten hätten. Schließlich wurde klar, dass sich sich die Briefe, die Zeitungen kolportiert hatten, in welchen von diesen Gräueltaten die Rede war, als Fälschungen herausstellten.

Ein weitere Ungeheuerlichkeit machte die Runde durch Westeuropa und Amerika bis in den Fernen Westen. (S. 67 „Der belgische Säugling ohne Hände“. Es ging um einen belgischen Säugling, dem die Deutschen angeblich die Hände abgeschnitten hatten. „Niemand wurde stutzig und fragte sich, wie lange ein Säugling mit abgetrennten Händen überleben könnte, wenn nicht fachkundige chirurgische Hilfe zur Stelle wäre, um Arterien zu verschließen (die Antwort lautet: nur wenige Minuten). Jeder wollte die Geschichte glauben, und viele gingen so weit zu behaupten, sie hätten den Säugling gesehen. Die Lüge wurde genauso allgemein akzeptiert wie der Durchmarsch der russischen Truppen durch Großbritannien.“

Auch eine Erklärung für die Tat war parat: „Am 2. September 1914 zitiert der Korrespondent der Times französische Flüchtlinge, die behaupten: >>Sie schneiden den kleinen Jungen die Hände ab, damit es keine weiteren Soldaten mehr für Frankreich gibt.<<

Da fühlt man sich als Leser doch gleich an die „Brutkastenlüge“ erinnert:

„Als Brutkastenlüge wird die über längere Zeit als Tatsache verbreitete Lüge bezeichnet, dass irakische Soldaten bei der Invasion Kuwaits im August 1990, dem Beginn des Zweiten Golfkriegs, kuwaitische Frühgeborene getötet hätten, indem sie diese aus ihren Brutkästen gerissen und auf dem Boden hätten sterben lassen. Diese Behauptung wurde 1990 von Nayirah as-Sabah (auch Naijirah) im Kongress der Vereinigten Staaten kolportiert. Sie hatte Einfluss auf die öffentliche Debatte über die Notwendigkeit eines militärischen Eingreifens zugunsten Kuwaits und wurde unter anderem vom damaligen US-Präsidenten George H. W. Bush und von Menschenrechtsorganisationen vielfach zitiert. Erst nach der US-geführten militärischen Intervention zur Befreiung Kuwaits stellte sich die Geschichte als Erfindung der amerikanischen PR-Agentur Hill & Knowlton heraus. Diese war von der im Exil befindlichen kuwaitischen Regierung bezahlt worden, um eine Rückeroberung Kuwaits mittels Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen.“ Quelle: Wikipedia

Apropos Lügen und Krieg! Da fällt mir doch glatt noch Karl Kraus ein:

„Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s lesen.“


Karl Kraus | (1874 – 1936), österreichischer Schriftsteller, Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker und Dramatiker Quelle: Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924.

Ich weiß nicht, ob das Buch Schullektüre ist. Wenn nicht, sollte es zukünftig zur Pflichtlektüre gemacht werden. Dem Westend Verlag kann nicht genug gedankt werden, dass er diese Neuübersetzung jetzt herausgebracht hat. „Lügen in Kriegszeiten“ sollte auch in Journalistenschulen (aus Gründen!) gelesen, besprochen und letztlich der Inhalt dieses wichtigen Buches auch in der Ausübung des Berufes gefälligst beherzigt werden. Und angesichts des Tuns unserer derzeitigen Bundesregierung, muss man eigentlich ernsthaft fragen: Kennen die Ministerinnen und Minister und der Herr Bundeskanzler dieses Buch etwa nicht? Das wäre erschreckend. Also: Lesen! Anbei angemerkt: Ich vermute ja, als die Grünen noch nicht olivgrün waren kannten sie das Buch und zitierten gewiss auch ab und an daraus auf Demos. Doch das ist lange her und vorbei …

Werden wir eines Tages endlich dazugelernt haben? Wird uns unsere unterirdische Bundesregierung noch Zeit dafür lassen – möglichst noch vor dem Knall gegen die Wand? Fraglich. Denn die Bundesregierung hat sich für ein Sondervermögen der Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro ausgeprochen.

Nachdenklich machende Worte von Anne Morelli

“Wir schenken heute Lügenmärchen genauso Glauben wie die Generationen vor uns. Das Märchen von kuwaitischen Babys, die von irakischen Soldaten aus ihren Brutkästen gerissen wurden, steht dem von belgischen Säuglingen, denen man angeblich die Hände abgehackt hat (dies wurden den deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg zugeschrieben), in nichts nach. Beide haben ihren Zweck erfüllt, unser Mitgefühl zu wecken … Vielleicht im ersten Golfkrieg noch bereitwilliger, hat sich doch die Kommunikation inzwischen zu einer perfekten Kunst entwickelt. Da ohne die Zustimmung der Bevölkerung heute ein Krieg weder erklärt noch geführt werden kann, haben sich die persuasiven Methoden, mit denen diese Zustimmung erreicht werden soll, immer mehr verfeinert. …

Die Schaffung eines geradezu hypnotischen Zustands, in dem sich die gesamte Bevölkerung im tugendhaften Lager des gekränkten Gutmenschen wähnt, entspricht wahrscheinlich einem pathologischen Bedürfnis. Wie gerne reden wir uns selbst und anderen ein, wir würden uns an einer noblen Operation beteiligen, das Gute gegen das Böse zu verteidigen”

Und bedenkt:

„Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ (George Santayan)

Ich fürchte, wir sind gerade dabei …

Arthur Ponsonby

Lügen in Kriegszeiten

Kritische Betrachtungen

Übersetzt von Lena Gundrum, Übersetzt von Charlyne Huckins

Erscheinungstermin:11.07.22
Seitenzahl:176
Ausstattung:Broschur
Artikelnummer:9783864893872

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Lügen in Kriegszeiten

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ – schon im Ersten Weltkrieg zeigte sich das Phänomen, das für uns heute alltäglich geworden ist und welches Arthur Ponsonby mit seinem weltbekannten Ausspruch zusammenfasste. Die Ursprünge all dessen hat Ponsonby akribisch in seinem Buch „Lügen in Kriegszeiten“ aus dem Jahr 1928 untersucht, sowohl am Beispiel seines Heimatlandes Großbritannien als auch den USA, Frankreich, Italien und Deutschland. Ein aufklärerischer und friedenspolitischer Klassiker von erschreckender Aktualität, der nun in einer Neuübersetzung erscheint. Ein Auszug.

Unwahrheiten sind eine anerkannte und extrem nützliche Waffe bei der Kriegsführung und jedes Land setzt sie bewusst ein, um die eigene Bevölkerung zu täuschen, Neutrale anzuziehen und den Feind in die Irre zu führen. Die unwissenden und unschuldigen Massen in jedem Land sind sich zu der Zeit nicht bewusst, dass sie getäuscht werden, und wenn alles vorbei ist, werden die Unwahrheiten nur vereinzelt erkannt und aufgedeckt. Da alles in der Vergangenheit liegt und die Geschichten und Stellungnahmen den gewünschten Effekt bereits erzielt haben, macht sich niemand die Mühe, die Fakten zu untersuchen und die Wahrheit offenzulegen.

Wie wir alle wissen, wird nicht nur in Kriegszeiten gelogen. Der Mensch, so wurde gesagt, ist kein »wahrheitsliebendes Tier«, doch ist seine Gewohnheit zu lügen nicht annähernd so außergewöhnlich wie seine erstaunliche Bereitschaft zu glauben. Tatsächlich ist es die menschliche Leichtgläubigkeit, die Lügen aufblühen lässt. Doch in Kriegszeiten wird die maßgebliche Organisation der Lüge nicht ausreichend anerkannt. Die Täuschung ganzer Völker ist keine Angelegenheit, die auf die leichte Schulter genommen werden kann.

Daher kann im Zeitraum des sogenannten Friedens eine Warnung, die die Menschen in aller Ruhe prüfen können, nützlich sein, dass die Behörden jedes Landes zu dieser Methode greifen, sogar greifen müssen, um sich erstens selbst zu rechtfertigen, indem sie den Feind als reinen Verbrecher darstellen, und um zweitens die Leidenschaft des Volkes hinlänglich zu entfachen, um Rekruten für die Fortsetzung des Kampfes zu gewinnen. Sie können es sich nicht leisten, die Wahrheit zu sagen. In manchen Fällen muss sogar zugegeben werden, dass sie zu dem Zeitpunkt nicht einmal wissen, was die Wahrheit ist.

Der psychologische Faktor im Krieg ist genauso wichtig wie der militärische Faktor. Die Moral der Zivilisten muss, genau wie die der Soldaten, aufrechterhalten werden. Die Kriegsämter, Marine- und Luftfahrtministerien kümmern sich um die militärische Seite. Für die psychologische Seite müssen Abteilungen gebildet werden. Die Menschen dürfen unter keinen Umständen ihren Mut verlieren; daher müssen Siege überhöht und Niederlagen, falls nicht vertuscht, um jeden Preis heruntergespielt werden, und Empörung, Entsetzen und Hass müssen durch »Propaganda« gewissenhaft und fortlaufend in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht werden. […]

Der Einsatz der Waffe der Unwahrheiten ist in einem Land, in dem die Wehrpflicht nicht im Gesetz verankert ist, notwendiger als in Ländern, in denen alle Männer der Nation automatisch in die Armee, die Marine oder die Luftwaffe eingezogen werden. Die Öffentlichkeit kann durch trügerische Scheinideale emotional aufgewühlt werden. Eine Art kollektive Hysterie verbreitet und steigert sich, bis sie schließlich die Überhand über nüchterne Menschen und seriöse Zeitungen gewinnt.

Mit einer Warnung vor Augen ist die Allgemeinheit vielleicht eher auf der Hut, wenn die Kriegswolke das nächste Mal am Horizont erscheint, und weniger geneigt, die Gerüchte, Erklärungen und Behauptungen, die für ihren Konsum verbreitet werden, als Wahrheit zu akzeptieren. Sie sollte sich bewusst machen, dass eine Regierung, die sich dazu entschieden hat, sich auf die gefährliche und schreckliche Unternehmung des Krieges einzulassen, von vornherein eine einseitige Argumentation zur Rechtfertigung ihres Handelns vorlegen muss und es sich nicht leisten kann, dem Volk, gegen das sie zu kämpfen beschlossen hat, in irgendeinem Punkt auch nur das geringste Maß an Recht oder Vernunft zuzugestehen. Tatsachen müssen verdreht, wichtige Sachverhalte verheimlicht und ein Bild muss präsentiert werden, das die unwissenden Menschen durch seine grobe Färbung davon überzeugt, dass ihre Regierung schuldlos, ihre Gründe rechtmäßig und die unbestreitbare Bosheit des Feindes zweifellos bewiesen ist. Ein kurzer Moment des Nachdenkens würde jede vernünftige Person davon überzeugen, dass solch eine offensichtliche Einseitigkeit nicht der Wahrheit entsprechen kann. Aber ein kurzes Nachdenken ist nicht erlaubt; Lügen werden mit großer Schnelligkeit verbreitet. Die gedankenlose Masse nimmt sie an und ihre Aufregung beeinflusst das Übrige. Die Menge an Unsinn und Schwindel, die in Kriegszeiten in allen Ländern unter dem Namen des Patriotismus verbreitet wird, reicht aus, um anständige Menschen erröten zu lassen, wenn sie nachträglich ihre Illusionen verlieren. […]

Möglicherweise hat nichts die öffentliche Meinung stärker beeindruckt – und das gilt für sämtliche Länder – als die Unterstützung der Propaganda durch Intellektuelle und literarische Berühmtheiten. Sie verstanden es besser als die Staatsmänner, den schwierigen Stoff der Unwahrheit mit literarisch wertvollen Formulierungen und wortgewandten Äußerungen zu bedecken. Auch ohne den Schatten eines Beweises konnten sie mithilfe ihrer literarischen Fähigkeiten dieser oder jener Lüge einen Stempel unzweifelhafter Glaubwürdigkeit aufdrücken oder sie beiläufig als eine anerkannte Tatsache ausgeben, manchmal durch Ausdrücke falscher Unvoreingenommenheit, ein anderes Mal durch rhetorische Empörung. Der engstirnigste Patriotismus konnte edel erscheinen, die widerlichsten Anschuldigungen konnten als entrüsteter Ausbruch von Menschlichkeit dargestellt werden und die bösartigsten und rachsüchtigsten Ziele konnten fälschlicherweise als Idealismus getarnt werden. Alles war legitim, was die Soldaten zum Weiterkämpfen bewegen konnte. […]

In diesem Nebel der Unwahrheiten, ein großer Teil davon unentdeckt und als Wahrheit anerkannt, werden Kriege geführt. Der Nebel entsteht aus Angst und wird durch Panik genährt. Jeder Versuch, auch nur die unwahrscheinlichste Geschichte anzuzweifeln oder abzustreiten, muss sofort als unpatriotisch, wenn nicht gar als verräterisch verurteilt werden. Dadurch hat die rasche Verbreitung von Lügen freie Bahn. Würden sie nur dazu dienen, den Feind im Kriegsspiel zu täuschen, wären sie nicht die Mühe wert, sich darüber Gedanken zu machen. Da aber die meisten von ihnen darauf abzielen, Empörung zu entfachen und die Blüte der Jugend des Landes darauf vorzubereiten, das höchste Opfer zu bringen, werden sie zu einer ernsten Angelegenheit. Daher kann ihre Enthüllung auch nach dem Kampf noch nützlich sein, um den Betrug, die Heuchelei und den Schwindel aufzudecken, auf denen jeder Krieg beruht, sowie die unverhohlenen und geschmacklosen Mittel, die seit so langer Zeit angewandt werden, um das arme, unwissende Volk daran zu hindern, den wahren Sinn des Krieges zu erkennen. Quelle: Westend Verlag

Arthur Ponsonby

Arthur Ponsonby, 1. Baron Ponsonby of Shulbrede (geb.1871; gest.1946) war ein britischer Staatsbeamter, Politiker, Schriftsteller und Pazifist. Zunächst war Ponsonby Mitglied der Liberal Party, für die er 1908 in das Unterhaus einzog. 1914 gründete Ponsonby mit anderen die „Union of Democratic Control“ (UDC). Ziel dieser Gruppe war es, den vermeintlichen militärischen Einfluss auf die britische Regierung zurückzudrängen und sich für den Frieden einzusetzen. Die UDC war insbesondere gegen die Zensur und die Einführung der Wehrpflicht anstelle des im Vereinigten Königreich üblichen Freiwilligensystems. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wechselte Ponsonby zur Labour Party (die er 1940 wieder verließ) und war seit 1922 wieder Mitglied des Unterhauses. Er war von 1934 bis 1937 Vorsitzender der „War Resisters International“.

„SOS. Worte – Wege – Werte“. Rezension

Yaşamak zor, sagt man in der Türkei, wo ich gerade herkomme: Es ist schwer zu leben. Das kann ich persönlich nur unterschreiben. Nur muss ich dann betreffs meiner Wenigkeit zugeben, mir das Leben hin und wieder durchaus selbst schwer gemacht zu haben. Daraus kann man lernen. Immerhin. Auch, wenn manche Erkenntnis daraus einen gerne auch früher gekommen wäre. „So ist Läbe“, pflegte ein frühere Kollege oft als Reaktion auf Schicksale sagen, der aus Polen zu uns gekommen und ein Schlesier war. Menschen sind durchaus auch der Meinung: Das Leben ist toll! Das Leben ist eben auch von den jeweiligen Lebensumständen und der im Laufe der Zeit von der in einem gewachsenen Lebenseinstellung abhängig. Welche wiederum u.a. von der Lebens-Einstellung der eigenen Eltern geprägt wird. Nicht selten kommt mir der Satz: „Werde, der du bist“ in den Sinn. Der zu werden, der du bist, ist ja gar nicht so einfach. Mancheine/r wird nie werden, wer sie/er ist. Das hier besprochene Buch könnte uns dabei helfen, zu werden wer wir sind. Zumindest wäre damit ein Samen ausgebracht, der reiche Frucht bringen könnte.

Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) hat sich zwischen den Jahren 1876 und 1888 an mehreren Stellen seines Werkes auf den berühmten Satz des griechischen Dichters Pindar bezogen: „Werde, der du bist“. Dieser stammt aus dessen Pythischen Oden.“ (Quelle: tabularasa – Zeitung für Gesellschaft & Kultur)

Kürzlich kam mir ein schwerer Wälzer zwecks Rezension aus dem Hause „ars vobiscum“ ins Haus. Optisch schon einmal ein wahrer Hingucker! Vorder- und Rückseite, die beiden Buchdeckel, zeigen einen Sternenhimmel. Dazu befindet sich jeweils ein Guckloch in deren Mitte. Die Gucklöcher geben den Blick auf die Erdkugel frei. Nebenbei können sie – so fand ich für mich jedenfalls heraus – auch helfen, mit einem Fingergriff ins jeweilige Guckloch, das schwere Buch beim Lesen besser zu halten. Rund um die Gucklöcher lesen wir: … ICH BIN nur was ICH KANN nur was ICH WILL nur was ICH WEISS nur was ICH BIN ...

Der Buchtitel: „SOS. Worte Wege Werte“. Da ich nicht sofort Zeit hatte mit dem Lesen zu beginnen, schaute ich zunächst ein Video zur Einführung in „SOS“. Diese besorgte der Herausgeber des Buches Harald im Spring. Er ist vor einem Waldbild zu sehen. Sonnenstrahlen brechen durch die Baumwipfel. Harald im Spring mit Rauschebart im weißen Hemd. Hatte ich mir so nicht als Kind Gott vorgestellt? Seine Worte unterstützt er mit markanten Gesten. Die Frage ist gestellt: „Kann ein Buch die Welt verändern?“ Das durch die Baumwipfel dringende Sonnenlicht – verführt irgendwie dazu zu denken, es imaginiere göttliche Strahlen. Zunächst schrecke ich etwas zurück – habe ich es hier etwa mit einem Guru zu tun? Wie man doch von Vor-Urteilen (und Bildern im Kopf!) geprägt ist und beeinflusst wird! Ich musste sogleich etwas beschämt an Sir Peter Ustinovs Buch „Achtung! Vorurteile“ denken und lauschte Harald im Springs Worten interessiert weiter. Er berichtet von einem Anruf im Jahre 2019, der ihn erreichte, mit dem Ansinnen, ob er zur Herausgabe eines Buches bereit wäre, da die Autoren ungenannt bleiben wollten. Im Spring: „Das Manuskript überzeugte mich. Es folgten drei fruchtbare Jahre der Kooperation. Ohne sich persönlich jemals begegnet zu sein. Das erste gemeinsame Werk der Autoren in deutscher Sprache.“ (Hier und unter diesem Beitrag können Sie das Video anschauen.)

Die nicht genannt werden wollenden Autoren tragen im vorliegenden Buch die Namen Frieda und Freimut Freudenreich. Zum Buch „SOS“ lesen wir folgendes Zitat:

Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.

lucius annaeus seneca
epistulae morales ad lucilium, reclam 2018 (S. 1066)

Ars vobiscum zum Buch: „Frieda und Freimut Freudenreich haben ihre Bücher allen Kindern dieser Welt in tiefer Verbundenheit und Dankbarkeit gewidmet. Ein philosophisch-spirituell-politisch-literarisches Vermächtnis und Meisterwerk in hochwertig verarbeiteter Ausführung mit dreidimensional gestalteten Buchdeckeln.“

Ratgeberliteratur hat es in unseren Buchhandlungen zuhauf. Dieses Buch aber ist anders. Freilich können die Leser*innen darin auch Rat finden. Doch es ist eben keiner jener Ratgeber, die einen mit mehr oder weniger klugen Ratschlägen „beglücken“. Welche Leser*innen dann meinen, sozusagen nur der Reihe nach „abarbeiten“ zu müssen, um hernach „glücklich“ zu sein. Was bei den wenigsten Menschen von Erfolg gekrönt sein dürfte. Die Autoren und Herausgeber dieser Bücher, profitieren – Ausnahmen dürften die Regel bestätigen – von den Sorgen und Lebensängsten der Leser*innen.

SOS“ erfüllt in meinen Augen was es verspricht. Nämlich Gedanken zu transportieren, die Samen sind und keine Früchte. Dafür, dass der Samen keimt und daraus Früchte der Erkenntnis erwachsen, braucht es Zeit und Geduld. Damit das geschehen kann, sollten die Leser*innen durchaus ab und an im Buch innehalten und auch Zitate (die es in großer Fülle im Buch gibt) oder eine bestimmte Textstelle noch einmal oder sogar mehrfach wieder zu lesen. Vielen Dingen und Erscheinungen wird im Buch wirklich tief auf den Grund gegangen. Da wäre es doch schade, etwas überlesen zu haben. Und, spürt man sich – vielleicht aufgrund der Fülle der zu bewältigenden 388 Seiten – bisweilen möglicherweise getrieben, ist es auch nicht schlimm, das Buch einmal für ein paar Tage aus der Hand zu legen.

Überhaupt sollten wir das Buch immer in der Nähe griffbereit aufbewahren. Es ist ein wahrer Schatz. Gewissermaßen auch als Nachschlagewerk benutzbar, dank umfangreicher Quellen-Nachweise (Zitatseiten), Quellen-Nachweise (Textseiten), Literaturempfehlungen sowie eines Stichwort- und Namensregisters A-Z. Auch das quer zu beiden Büchern befindliche – sie zu einem Band vereinigende –   ausgezeichnete Etymologische Fremdwort-Verzeichnis von A – Z ist nicht zu verachten. Befasst man sich intensiv mit diesen zwei Büchern merkt man ihnen an, mit welcher Akribie an ihnen gearbeitet worden ist.

Das Kapitel „Corona sei Dank“ (S.34) – darauf wird hingewiesen – sei Ende März 2020 entstanden „und wurde in das Buch eingefügt, als dieser Buchteil bereits geschrieben war, der andere verfassungsmäßige Teil aber erst ganz am Anfang seiner Entwicklung stand.“ Und weiter steht da: „Für das bessere Verständnis der dortigen Kapitel ‚Grundwerte – Wirtschaft – Wissenschaft – Politik – Kultur‘ dürfte dieser Zusammenhang bedeutsam sein, weshalb hier darauf hingewiesen wird.“ Von der Hand zu weisen ist das Folgende jedenfalls nicht: „Seit 1945 gab es einige Ereignisse, Erfahrungen, Entscheidungen … die eine von Menschenhirn und Menschenhand geschaffene (irdische) „Weltordnung“ geprägt haben. Doch keine wird weltpolitisch vermutlich so umwälzende Folgen haben, wie die 2020 global und viral eingeleiteten „Corona-Zeiten“.“ Ohne dieses Kapitel hätte etwas gefehlt in diesen zwei sich mit so vielen wichtigen Themen beschäftigenden Büchern.

23 Verfassungsartikel als Grundlage für ein liebevoll-ethisch-global-achtsames Leben

Großes Augenmerk sollten die Leser auf den präzise und umfangreich ausgeführten verfassungsmäßigen Teil des Buches (S.27 bis S.123) legen. In 23 Verfassungsartikeln wurde vorgezeichnet, welche Worte, Wege und Werte für ein liebevoll-ethisch-global-achtsames-Leben erforderlich wären. Betreffs der Grundwerte geht es um die Themen Leben, Gemeinschaft, Freiheit, Frieden, Gesundheit, Würde, Arbeit und Schutz. In Sachen Wirtschaft wird behandelt: Finanzen, Gemeinwohl, Energie, Boden, Gewerbe und Industrie. Unter Wissenschaft stehen die Themen Geist, Natur und Soziales im Fokus. Unter Politik hat man sich der Ordnung, der Justiz und den Medien gewidmet. Und bei der Kultur geht es um Sprache, Schöpfung und Reisen.

 

… ZEIT ist GELD regiert die WELT hat ZEIT …

Die folgenden Kapitel“, erfahren wir, „behandeln verinnerlichte Glaubenssätze und vergessene Weisheiten, nicht hinterfragte Annahmen und zu prüfende Wahrheiten. Wann ihre Zeit gekommen ist – und ob sie reiche Frucht tragen können – werden kommende Generationen entscheiden. Mögen die Kinder der Zukunft mit Liebe, Vertrauen und Weisheit gesegnet sein. Das Paradies auf Erden liegt in ihren Händen.“ (S.40)

Angesichts der unerfreulichen Gegenwart könnten wir vielleicht auf düstere Gedanken kommen. Zu wünschen und zu hoffen wäre indes, eine solche – oben beschriebene – Zukunft würde wahr …

Die beiden Bücher in einem Band sind so leicht nicht unter einem Begriff zu fassen und schon gar nicht einem einzigen Genre zuzuordnen. Wir haben es vielmehr mit einem breiten Spektrum zu tun, das im Buch zu aller Nutzen aufzublättern ist. Wir bekommen nicht selten beim Lesen ein Gefühl dafür, dass Alles mit Allem zusammenhängt und alles Sehen, wie Nietzsche wusste, perspektivisches Sehen ist. Wir erfahren: „Nicht was ein Mensch tut, ist entscheidend, sondern wie ein Mensch etwas tut – vor allem warum, aus welchem Grund oder Motiv, zu welchem Zweck oder Ziel. Dieses Buch ist weder wissenschaftliche Abhandlung noch philosophischer Diskurs, weder literarische Sammlung noch gesellschaftliches Traktat, weder spirituelle Streitschrift noch politisches Manifest … und doch könnte es all dies werden.“

Das Buch könnte als geistiges Handwerkszeug dienen, damit der in den Boden gebrachte Samen zu reicher Frucht geführt wird. Das Buch selbst wäre sogar als ein solcher Samen zu betrachten – wenn das nicht zu vermessen ist, zu sagen! Ob der Samen aufgeht und reiche Frucht trägt – sprich: eine lebenswerte Gesellschaft zum Blühen bringt – liegt nicht zuletzt auch bei dessen künftigen Leser*innen, denen ich den im zweifachen Sinne gewichtigen Doppelband wärmstens ans Herz legen möchte. Unter günstigen Voraussetzungen kommen wir mit der Lektüre von „SOS“ sogar dem „Werde, der du bist“ ein Stückchen näher …

Die im Buch enthaltenen Gedanken sind Samen, keine Früchte. Möge dieses Buch Menschen berühren, mit Worten heilen und befreiende Ideen in die Welt unserer Kinder tragen

… ICH BIN nur was ICH KANN nur was ICH WILL nur was ICH WEISS nur was ICH BIN …

Zum Buch: „Wie oft reagieren wir, anstatt innezuhalten und zu danken … für die Offenheit eines Menschen, sich verletzlich zu zeigen, für die Bedürfnisse eines Menschen, auch wenn wir sie nicht verstehen, für die Wünsche eines Menschen, auch wenn es nicht unsere eigenen sind?
Wie oft urteilen wir, anstatt innezuhalten und nachzufragen … ob wir richtig empfangen haben, was gesendet wurde, ob wir beim Anderen sehen, was in uns selbst zu finden wäre, ob wir mit unseren Reaktionen aus Furcht oder aus Liebe handeln? Möge dieses Buch Herz und Verstand berühren und Ihnen helfen, zu werden, wer Sie sein wollen.“

Sozusagen als Leitgedanke ist der gesamte Band von der Goldenen Regel durchzogen: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu“.  Interessant zu wissen: Die Goldene Regel gilt bei fast allen Völkern als Maßstab den Zusammenlebens der Menschen. Man findet sie in den Lehren des chinesischen Philosophen Konfuzius, der griechischen Sieben Weisen, in der jüdischen Thora sowie im Neuen Testament.

SOS. Worte – Wege – Werte

Zwei Bücher in einem Band enthalten:

über 500 Zitate aus zwei Jahrtausenden (mit Stichwort- und Namensregistern) • 85 Seiten Grundrechte und Gemeinwohlpflichten mit 23 Verfassungsartikeln
• 50 Seiten etymologisches Fremdwort-Verzeichnis
• 27 Seiten Quellen-Nachweise

Zwei Bücher in einem Band • Frieda und Freimut Freudenreich (Pseudonyme)

388 Seiten, gebunden, 24×17 cm ISBN: 978-3-9505234-0-9

mit ganzseitigen farbigen Bildern von Priestermaler Sieger Köder (†) und Kunstmalerin Christine Zanella sowie sechs farbigen Cartoons von Künstler und Bildhauer Frank Speth

Nur 999 Exemplare • limitierte & nummerierte Erstausgabe in einmaliger Sonderausstattung • 38 € / 45 CHF Infos & Leseproben • SOS-WWW.DE • Videos & Audios

BUCHHANDEL: ars-vobiscum.com • thomas.stimmel@ars-vobiscum.com • +43 (0) 6641 – 224 334 

LESERINNEN & LESER: das-freie-buch.de • lektorat@das-freie-buch.de • +49 (0) 7836 – 955 744 (Versand mit Vorauskasse)

Hardcover, gebunden, 999 Exemplare, nummerierte und  limitierte Erstausgabe, 170 x 240 mm, 388 Seiten, 38 € / 45 CHF Fachbuchhandel: ars-vobiscum.com 1 Expl. 30% / 5 Expl. 35 % / 10 Expl. 40% zzgl. Versandkosten gemäß Auftragsbestätigung.

Einführung ins Buch durch Herausgeber Harald im Spring


Kontrafunk.radio als „Stimme der Vernunft“ mit Vollprogramm auf Sendung gegangen

Der Journalismus ist seit Jahren an Erbärmlichkeit kaum mehr zu übertreffen. Als vierte Gewalt im Staate, als watchdog, um die Herrschenden zu kontrollieren und zu kritisieren, ist der Journalismus für alle Demokraten ein schmerzender Ausfall. Zudem haben wir es bei den Medien mit einem ohrenbetäubenden Gleichklang zu tun. Vieles läuft auf Propaganda, Regierungspropaganda hinaus. Weist jemand die Journalisten an so zu tun? Dies mag selten der Fall sei. Es dürfte eher so sein, dass Journalisten wissen, was von ihnen erwartet wird. Und dann so schreiben, dass sie bloß nicht anecken. Wer als Journalist*n Familie hat und noch dazu ein Eigenheim abzahlen muss, wird sich hüten aus der Reihe zu tanzen. Auch haben viele angehende Journalisten einen familiären Hintergrund, welcher ihr Denken und Handeln einschlägig prägte.

KONTRAFUNK will „Stimme der Vernunft“ sein

In diesen Zeiten, da Wokeness und Haltungsjournalismus zur Ideologie geworden sind und offenbar mehr zählen als ein vernünftiger Menschenverstand sind Alternativen dringend gefragt. Eine solche Alternative und „Stimme der Vernunft“ möchte KONTRAFUNK sein. Seit dem 21. Juni ist der Internet-Radiosender KONTRAFUNK mit einem 24-Stunden-Programm auf Sender. KONTRAFUNK hatte es zuvor nur als Podcast mit Sendungen Donnerstags und Sonntags gegeben. Sendungen des nunmehrigen Internet-Radiosenders soll es auch künftig als Podcast geben.

KONTRAFUNK versteht sich als das erste Radio „mit gesundem Menschenverstand“ und möchte ein Gegenpol zu dem täglichen bunt-grünen Haltungs-Einerlei im etablierten Radio sein, das den meisten Menschen nur noch zum Halse raushängt. Den Anstoß für dieses Radioformat gab der gestandene Journalist Burkhard-Müller Ullrich, der einst – unter anderem – für Redaktionen wie den Bayerischen Rundfunk (er war vierzig Jahre bei den Öffentlich-Rechtlichen) und die Süddeutsche Zeitung gearbeitet hat. Müller-Ullrich, der auch Initiator der corona-kritischen Website ichhabemitgemacht.de ist – war lange Jahre beim Deutschlandfunk. Dort stieg er aus, als in den letzten Jahren die Ideologie bei den öffentlich-rechtlichen Sendern immer mehr Raum einnahm.

Der bürgerlich-konservative Internetradiosender KONTRAFUNK startete am Dienstag um sechs Uhr mit seinem 24-Stunden-Programm. Erster Interviewpartner war der ehemalige ZDF-Moderator Peter Hahne.

KONTRAFUNK. Die Stimme der Vernunft“ tritt für „eine freiheitliche, rechtsstaatliche, demokratische, bürgerliche Gesellschaft“ ein und versteht sich dezidiert als liberal-konservativ und mittelstandsorientiert, sagte der Gründer des Senders, Burkhard Müller-Ullrich. Künftig werden dort unter anderem der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, die Publizistin Birgit Kelle, der Twitterer Argo Nerd, der Journalist Boris Reitschuster sowie die österreichische Moderatorin Milena Preradovic zu hören sein.

KONTRAFUNK sieht sich als Teil des „bürgerlichen Widerstands“ für „Hörer, die noch alle Tassen im Schrank haben“, sagte Müller-Ulrich. Eine eigene Nachrichtenredaktion soll ständig aktualisierte Kurznachrichten sowie eine Morningshow inklusive Kommentar, Kurzinterview sowie einer Medienschau, die gleichermaßen etablierte wie alternative Medien abbilden wird, produzieren.

Benutzer von Internetradios können diesen Stream direkt einprogrammieren: http://s5.radio.co/sca4082ebb/listen

Eine App für Smartphones ist in Arbeit und wird demnächst publiziert.

Dem Sender ist viel Erfolg zu wünschen. Kleine Fehler – Burkhard Müller-Ullrich sagte: „Wir machen jetzt alle möglichen Fehler, damit wir daran lernen“ – in Technik und Ablauf möge man den Machern, die kein Funkhaus haben und mit Computer-Technik umgehen lernen müssen, verzeihen.

Milena Preradovic hat mit dem Gründer von KONTRAFUNK gesprochen

Auf ihrem You Tube Kanal Punkt.PRERADOVIC lesen wir:

Am 21. Juni 2022 ist der neue Sender „Kontrafunk.radio.“ on air gegangen. Ein Vollprogramm mit Nachrichten, Politsendungen, Talks und Interviews. Gründer und Podcaster Burkhard Müller-Ullrich erläutert das „Kontra“ im Namen und will dem Mainstream Paroli bieten. „Ein Deutschlandfunk, wie er früher war“, soll es werden, sagt der frühere, langjährige Leiter der aktuellen Kulturredaktion beim Deutschlandfunk.  Ein Gespräch über traurige Kollegen bei den ÖR, die Macht der Nachrichten-Agenturen und „After-Medien“.

Beitragsbild: Claus Stille

Kampagne „Stopp Air Base Ramstein“ 2022

Der US-Militärstützpunkt Ramstein ist ein zentrales Drehkreuz für die Vorbereitung und Durchführung völkerrechtwidriger Angriffskriege.

Die meisten tödlichen Einsätze US-amerikanischer Kampfdrohnen, u.a. in Irak, Afghanistan, Pakistan, Jemen, Syrien und Afrika, werden über die Satellitenrelaisstation auf der US-Air-Base Ramstein durchgeführt.

US-Drohnenpiloten auf verschiedensten Militärbasen nutzen Ramstein für die Steuerung der Killerdrohnen in weltweiten und illegalen Kriegseinsätzen. In Ramstein analysieren und aktualisieren ca. 650 MitarbeiterInnen ständig die Überwachungsdaten der vermeintlichen Zielpersonen und leiten ihre Daten dann weiter.

Die US-Regierung hat mittels Drohnen in Pakistan, Jemen und Somalia fast 5000 Menschen außergerichtlich getötet sowie über 13.000 im Afghanistan-Krieg. Ungezählte Opfer gab es durch US-Drohnen im Irak, in Syrien und in Libyen. Die große Mehrzahl der Opfer waren Unbeteiligte wie Frauen, Kinder und alte Menschen. Die Mordbefehle werden per Joystick über die Satelliten-Relaisstation in Ramstein an die jeweiligen Drohnen übermittelt. Ohne Ramstein würde der gesamte Drohnenkrieg auf unbestimmte Zeit empfindlich behindert. Gegen die Air Base erhebt sich in diesem Jahr wieder Protest. Viele interessante Veranstaltungen mit interessanten Gästen sind geplant.

Zugleich war Ramstein logistisch unverzichtbar für die Durchführung des brutalen US/NATO-Kriegs in Afghanistan und des US-Angriffskriegs in Irak. Gleiches gilt für drohende US-Interventionskriege, einschließlich an den Grenzen zu Russland.

Die Komponenten des US-Raketenabwehrschildes sind in verschiedenen NATO-Staaten stationiert, eine seiner Befehlszentralen ist in das AIRCOM, das Hauptquartier aller NATO-Luftwaffen, auf der US-Air Base Ramstein integriert.

Außergerichtliches Töten von BürgerInnen anderer Staaten auf deren Territorien verstößt nicht nur gegen die Menschenrechts-Charta der UNO und gegen das Völkerrecht, sondern auch – wenn das Verbrechen von deutschem Hoheitsgebiet ausgeht – gegen unser Grundgesetz. Das wollen wir nicht länger hinnehmen, weder das illegale Treiben der USA in Deutschland noch deren Völkerrechtsverbrechen von deutschem Boden aus, noch deren Unterstützung durch die Bundesregierung.

Wir fordern daher vom Deutschen Bundestag und von der Bundesregierung, den USA die Nutzung von Ramstein als Basis zur Drohnenkriegsführung zu verbieten und die Satelliten-Relaisstation zu schließen, zugleich selbst auf die Anschaffung von Kampfdrohnen für die Bundeswehr zu verzichten und die Einführung von Kampfrobotern im Militär zu ächten, sowie die illegalen Ausspähpraktiken der NSA in Zusammenarbeit mit dem BND, wofür Ramstein ein Kristallisationspunkt ist, zu beenden.

Ohne persönlichen Einsatz und demonstrative Aktionen kann die brandgefährliche Militärpolitik der Bundesregierung und die Kriegshandlungen der US/NATO nicht gestoppt werden.

Deswegen rufen wir im Rahmen einer längerfristigen und umfassenden Kampagne auf zur Demonstration und Kundgebung vor der Air Base Ramstein“, so die Information der Kampagne „Stopp Air Base Ramstein“.

Warum die die Kampagne „Stopp Air Base Ramsten“ initiiert wurde und um was es ihr geht

Die Kampagne „Stopp Air Base Ramstein“ wurde initiiert von Personen aus der Friedensbewegung, anderer sozialen Bewegungen, der Wissenschaft sowie der Politik. Alle sind seit Jahren in der Friedensbewegung aktiv. Dabei sind Friedensengagierte aus der Region, die schon seit Jahren gegen die US Militärbasis protestieren.

Die Kampagne will die Kriege, die von Ramstein ausgehen, verstärkt in die Öffentlichkeit bringen, will aufklären über die zentrale Rolle, die Ramstein in der NATO Kriegsführung spielt und mit vielfältigen Aktionen ein Klima in der Gesellschaft schaffen, das eine Schließung der Militärbasis auf die politische Tagesordnung setzt. Dabei setzt die Kampagne auf Mitmachen, Ideen und Kreativität, will die neuen Medien einsetzen und ruft alle Interessierten auf, beteiligt euch an der Kampagne Stopp Ramstein. Infomationen zum diesjährigen Programm finden Sie hier. Vom Fernsehen des Saarländischen Rundfunks (SR) wurde Pascal Luig zur Kampagne befragt: hier (via Ralf Jahn/Facebook)

Ergänzende Informationen zum offiziellen Programm

In Ergänzung zum offiziellen, insgesamt sehr vielversprechenden Programm der Aktionswoche des Friedenscamps im Rahmen v. Stopp Airbase Ramstein [20. – 26.06.], sämtliche Podiumsteilnehmer, die zu den beiden Veranstaltungen fest zugesagt haben; dies auch deshalb, weil diese zu 2. im offiziellen Programm nicht erwähnt sind:

1. Coronakrise und Impfdebatte [Di, 21.06., 14 – 18 h (mit Pause)]

Vortrag von Prof. Arne Burkhardt: Pathologische Untersuchungsergebnisse zu den als Impfstoffe bezeichneten Covid-19-Therapien

Im Anschluss: Diskussionspodium mit Publikumsbeteiligung zur Einordnung der vorgestellten Befunde in das gegenwärtige Infektions- und Injektionsgeschehen

Podiumsteilnehmer:

Rolf Kron [praktischer Arzt / Ärzte stehen auf / MWGFD / Ärzte für Aufklärung]

RA Frank Großenbach [Anwälte für Aufklärung]

Prof. Arne Burkhardt [Pathologie-Konferenz]

Dr. Uwe Genz [Biochemiker / Neurobiologe / Intiative 1bis19]

Jan Veil [Moderation / Main Frankfurt Verbindet / Freie Linke / Stopp Airbase Ramstein]

2. Vernetzung für Grundrechte und Frieden [Fr, 24.06., 14 – 18 h (mit Pause)]

Diskussionspodium

Demokratieabbau und individuelle Grundrechte | Konsens und Dissens: „Coronaleugner“ und „Putinversteher“ | Brauchen wir eine übergreifende soziale Bewegung? | Wie lassen sich Ab- und Ausgrenzungsdebatten vermeiden? | Wie lässt sich Medienkompetenz stärken?

Podiumsteilnehmer:

Reiner Braun [Präsident des IPB]

Ralph Boes [unsere-verfassung.de]

Hendrik Sodenkamp [Demokratischer Widerstand]

Jimmy Gerum [leuchtturmard.de]

Malte Klingauf [Pax Terra]

Heinz Mauelshagen [Aufstehen Diez-Limburg / Nachdenkseiten-Gesprächskreis]

Pedro Kreye [Freie Linke]

Karl-Heinz Peil [Moderation / Frankf. Friedens- u. Zukunftswerkstatt / Stopp Airbase Ramstein]

Jan Veil [Moderation / Main Frankfurt Verbindet / Freie Linke / Stopp Airbase Ramstein]

An diesem Podium sollen noch weitere Vertreter der ‚alten‘ Friedensbewegung teilnehmen, um die sich Karl-Heinz Peil bemüht.

Beide Podien sind – gerade im Umfeld einer primär friedensbewegten Veranstaltungswoche/ Initiative – von größter Wichtigkeit, nicht zuletzt, da sie das zunehmend totalitäre Kontaktschuld-Narrativ bzw. dessen rigide und verleumderische Handhabung – zumindest punktuell – zu überwinden bzw. zu durchbrechen versuchen.

Eben solche Ansätze sind in ‚Aufbau u. Ausrichtung, ‚Strukturierte Forderungen u. Zielvorstellungen‘ des gleichnamigen Arbeitskreise beschrieben, und diese müssen zumind. Teil des Weges wieder hin zu einer wahrhaft demokratischen und menschenwürdigen Gesellschaft sein.

Die Veranstaltung zu 1. wird aufgezeichnet werden.

https://www.stoppramstein.de/

https://www.stoppramstein.de/event/

https://www.stoppramstein.de/event/friedenswerkstatt/

Weg:

https://www.google.de/…/data=!3m1!4b1!4m5!3m4…

(Info: Jan Veil via Sabiene Jahn)

Sonstige Informationen: Kampagne „Stopp Air Base Ramstein“

Friedensfreund*innen rufen zu einer bundesweiten Demo am 2. Juli in Berlin auf: „Wir zahlen nicht für eure Kriege!“

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Liebe FriedensfreundInnen in NRW,

*Wir zahlen nicht für eure Kriege! 100 Milliarden für eine
demokratische, zivile und soziale Zeitenwende statt für Aufrüstung*“

/Gebt auf! Sagt der General, der Politiker, der Vorstand von Rheinmetall
und der Talkshow-Moderator!/

/Das hättet Ihr wohl gerne! Antwortet die Krankenschwester, der Student,
die Rentnerin, der Hausmeister in der Kita, die Kranführerin im Hafen.
Jetzt erst recht! Wir haben besseres vor!“/

Und wie! Dafür fahren wir zur bundesweiten Demo in Berlin am Samstag den
2. Juli 2022.

Aus NRW haben wir ein großes Kontingent an günstigen Fahrkarten gebucht
und fahren mit den Friedenszug nach Berlin, wo wir dort auch
mobilisieren können!

Der Zug von Train-Flix geht folgende Strecke, überall können Menschen
einsteigen:

06:45

        

Köln Hbf (FlixTrain)

07:12

        

Düsseldorf Hbf (FlixTrain)

07:28

        

Duisburg Hbf (FlixTrain)

07:42

        

Essen Hbf (FlixTrain)

08:04

        

Dortmund Hbf (FlixTrain)

08:32

        

Hamm Hbf (FlixTrain)

08:53

        

Gütersloh Hbf (FlixTrain)

09:04

        

Bielefeld Hbf (FlixTrain)

10:03

        

Hannover Hbf (FlixTrain)

11:03

        

Stendal Bf (FlixTrain)

11:52

        

Berlin Hbf (FlixTrain)

Die Rückfahrt soll individuell organisiert werden.

*Preis für die Hinfahrt:*

20 Euro ermäßigt

25 Euro regulär

35 Euro Soli

Meldet Euch bitte mit dem gewünschten Preis, der Anzahl an Tickets und
die Namen der Mitfahrenden bei: */friedensbus@yahoo.com/
<friedensbus@yahoo.com>*

Den gelungenen Aufruf zur Demo, die fortlaufend ergänzte Liste der
UnterstützerInnen sowie Material zur Mobilisierung und weitere Infos
findet Ihr hier:

https://zivilezeitenwende.de
Der Aufruf

  *Kommt zur bundesweiten Demonstration*
    *am Samstag, den 02.07.2022,*
    *um 14 Uhr, Bebelplatz in Berlin!*

      *NEIN zur Aufrüstung – JA zur zivilen, solidarischen Entwicklung!*

Wir – Friedensbewegte in der BRD aus der ganzen Welt – rufen dazu auf, das angekündigte Aufrüstungspaket von 100 Milliarden Euro im Grundgesetz gemeinsam zu stoppen und für die Umwidmung der Mittel zum Ausbau des Sozialstaats zu kämpfen. Die Aufrüstungspolitik ist grundfalsch, hochgefährlich und zynisch, weil sie bedeutet, die gesellschaftliche Krise mit Militarismus zu beantworten statt mit sozialem Fortschritt zur Mehrung des Allgemeinwohls. Rüstungs- und Kriegspolitik stehen immer im Gegensatz zur solidarischen Kultivierung der Gesellschaft. Deswegen engagieren wir uns stattdessen für massive öffentliche Investitionen und dauerhafte Ausgabenerhöhungen für Soziales, Gesundheit, Bildung, Kultur und Klima – zur zivilen, demokratischen und sozialen Wohlentwicklung weltweit.

Die Waffen nieder!
Den Krieg in der Ukraine wird diese Aufrüstung weder stoppen noch verkürzen. Vielmehr hat das neue globale Wettrüsten der vergangenen Jahre die verschärfte Konfrontation der großen Machtblöcke mit verursacht und eskaliert sie weiter. Auch geht es bei dem Aufrüstungspaket nicht um Landesverteidigung, sondern um national eigenständige Kriegsbefähigung. Die auf der Einkaufsliste stehenden F35-Tarnkappenbomber und Drohnensysteme sind aggressives Angriffskriegsgerät und sollen zudem die atomare Teilhabe verstetigen. Dagegen ist der einzige Weg zum Frieden: Abrüstung, Deeskalation, internationale Diplomatie und soziale Gerechtigkeit weltweit!

Nie wieder Krieg!
Aufrüstung gehört nicht ins Grundgesetz. Im Gegenteil: Als Konsequenz aus zwei imperialistischen Weltkriegen, die von deutschem Boden ausgingen, sowie als Schlussfolgerungen aus der Befreiung vom deutschen Faschismus, flossen ins Grundgesetz das Gebot zum Frieden, zu Gewaltverzicht, Völkerverständigung, Asylrecht und Sozialstaat ein: „Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten sind verfassungswidrig“ (Art. 26). Ein bis heute und für heute gültiges Entwicklungsprogramm, damit nie wieder Krieg von Deutschland ausgehe!

Gemeinsame Entwicklung statt Aufrüstung
Mehr Waffen schaffen keinen Frieden und Sicherheit gibt es nur gemeinsam, nicht gegeneinander! Das Potential für zivile, demokratische und soziale Wohlentwicklung für alle ist vorhanden. Eine gerechte Ressourcenverteilung würde die Hungerkrisen insbesondere im globalen Süden beenden; der Umstieg auf erneuerbare Energien für eine nachhaltige Klimapolitik ist technologisch möglich; eine umfassende Gesundheitsversorgung kann für alle gewährleistet und solidarische Entfaltung durch vernünftige Arbeit, soziale Sicherheit und demokratisch-offene Bildung und Kultur für Alle geschaffen werden. All dies erfordert globale Kooperation, demokratische Aushandlung und kluge Investitionen für die gemeinsame Lösung von Problemen.

Gemeinsam sagen wir NEIN zur Aufrüstung und JA zur Zukunft!
Das Aufrüstungspaket ist gegen die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung weltweit gerichtet. Es geht einher mit gesteigert unsozialer und autoritärer Politik, mit Nationalismus und Chauvinismus. Die ohnehin enorme Ungleichheit wächst weiter. Profiteure sind einzig die Chefetagen von Banken und Rüstungskonzernen. Statt dieser destruktiven Hinterzimmerpolitik braucht es eine tatsächlich demokratische, zivile und soziale Zeitenwende – hervorzubringen von uns Allen in Gewerkschaften, Schüler:innen- und Studierendenvertretungen, Friedens-, Antifa-, Umwelt- und sozialen Bewegungen, in Kirche und Kultur-, Bildungs-, Sozialeinrichtungen sowie in Parteien. Allein mit je 20 Milliarden in die öffentliche Energie- und Verkehrsinfrastruktur, in die Sanierung von Schulen und Hochschulen, in den personellen Ausbau des Gesundheitswesens, in sanktionsfreie soziale Mindestsicherungen und in die Förderung von Museen, Theatern, Kinos und Bücherhallen würde ein notwendiger Schritt zur Lösung der vordringlichsten Probleme der Mehrheit getan. Wir rufen daher auf, eine solche Kehrtwende gemeinsam durchzusetzen!

Kommt zur bundesweiten Demonstration
am Samstag, den 02.07.2022,
um 14 Uhr, Bebelplatz
in Berlin!

NEIN zur Aufrüstung – JA zur zivilen, solidarischen Entwicklung!