Wie mir die Prager Polizei zu einem zweiten Leben verhalf. Ein aufregendes Vor-der-Wende-Urlaubserlebnis

Der Artikel in der Prager Volkszeitung. Repro: C. Stille

Und nochmals: Ein Artikelfund …

Für Judith, das Kind, das leider in den 1990er Jahren viel zu früh verstarb.

Repro: C. Stille

Ohne ihn der Mensch aufgeschmissen und verloren. Ohne ihn ist der Mensch da, existiert aber nicht, ist für die Behörden eine Null. Schon auf seiner ersten Seite stand deutlich und unmissverständlich:

Dieser Personalausweis ist ihr wichtiges Dokument. Sie haben deshalb – den Personalausweis stets bei sich zu tragen, vor Verlust zu schützen und auf Verlangen den Angehörigen der Sicherheitsorgane der Deutschen Demokratischen Republik auszuhändigen bzw. anderen dazu berechtigten Personen vorzuzeigen …“

Was sollte ich bloß machen? Ich saß gewaltig in der Patsche. Hatte ich mich nicht gewaltig auf denn Abschluss unseres Urlaubs in Prag gefreut? War nicht der bisherige Urlaub genügend aufreibend und nervenverzerrend gewesen? Bereits die Hinfahrt hatte es in sich. Einen Tag vor Antritt unserer Fahrt war mit Hängen und Würgen der Trabi vom Lackierer zurückgekehrt. Dem war es doch egal, ob ich rechtzeitig in den Urlaub fuhr oder nicht, ihm war sein saftiger Lohn sicher.

Also ließ er sich Zeit.

Vom Einbauen der Verkleidungen und der Sitze fix und fertig starteten wir knackevoll beladen.

Das Kind bekundete seine Urlaubs-Vorfreude durch ohrenbetäubendes Geschrei. Wir waren alle glücklich!

Schon an der Grenze die erste Überraschung die erste Überraschung: Etwa zwanzig Kilometer vor Zinnwald überholte uns in einer Kurve (!) ein blauer Sattelschlepper des ČSAD aus Aussig/Usti. Es ging alles sehr schnell, und bis heute ist mir unerklärlich, wie dieses Fahrzeug dermaßen rasch an uns vorbeiziehen konnte. Und das alles noch bergauf!

Der Fahrer dieses Ungetüms nahm unsere Nuckelpinne wohl nicht ernst, da er er kurzentschlossen wieder rechts einscherte. Dass uns der Spaß fast unser Leben gekostet hätte, scherte ihn scheinbar wenig.

Wir jedenfalls spürten einen gewaltigen Stoß von links, schleuderten gegen den rechten Bordstein und erhielten von ihm einen zweiten Stüber, worauf der Wagen endlich zum Stehen kam.

Kreidebleich und wir versteinert saßen wir drei da, nur das Kind schlummerte selig. Ich dachte noch: „Jetzt ist der Urlaub vorbei.“

Ein Rundgang um den Wagen ergab: nur der linke Kotflügel war hinüber. Schnell gab ich dem Gefährt die Sporen, wir mussten den Kerl aus Aussig noch an der Grenze erwischen!

In einem Trabant 601, wie diesen, fuhren wir damals in die CSSR. Foto: Joachim Reisig  / pixelio.de

An der Grenze hatte ich es dann so eilig aus dem Auto zu kommen, dass ich fast im Fahren ausstieg.

Rasch war der Sachverhalt dem Oberleutnant der Grenztruppen verklickert, doch auf die Verkehrspolizei – so meinte er – müssten wir mindestens eine Stunde warten, da unterwegs ein Unfall mit einem schwedischen PKW passiert sei. Das stimmte, wir hatten den auf dem Dach liegenden Volvo gesehen.

„Sie können sich aber auch so mit dem tschechischen Bürger einigen“, schlug der Grenzer vor.

Kriminalistisch, wie man nun einmal nach jahrelangem Genuss von „Polizeiruf 110“ oder „Major Zeman“ vorgebildet war., rückte ich mit schwer zu widerlegenden Fakten und dem Oberleutnant an meiner Seite beim Fahrer des Aussiger LKW an, um ihn zur Rede zu stellen. Eindeutig haftete an meinem Kotflügel die blaue Farbe des CSAD-Fahrzeugs und -logischerweise – an der rechten Seite seines Gefährts die meine.

Nun, was interessierte mich, dass der Bursche es eilig hatte nach Hause zu kommen, weil er in Schottland war. Musste er uns deshalb umbringen? Er palaverte etwas von „grüner Karte“, doch konnte ich mit seiner grünen Versicherungskarte meinen Kotflügel nicht reparieren. Erst einmal einen neuen kriegen!

Endlich klappte er die Brieftasche auf, die gefüllt war mit allerlei Währungen. „Neunzig?“ – Ich war doch nicht verrückt. Neunzig Kronen reichten niemals. Auch der Oberleutnant schüttelte den Kopf. Zum ersten Mal war mir ein Grenzer sympathisch. Mutig geworden, setzte ich alles auf eine Karte: „Dveste korun!“ (200 Kronen; d. A.) Der Ritter der Landstraße fiel die Kinnlade herunter. Aber er zahlte, nicht aber ohne mir sein Missfallen auszudrücken: „Du musst haben ein Kotflügel von Gold …“

Hatte der eine Ahnung, was mich ein neuer Kotflügel kosten würde, falls ich überhaupt einen bekam.

Angekommen bei meinem slowakischen Freund Ivan, musste ich die Geschichte immer wieder erzählen. Wir hatten eine Menge Spaß dabei.

Wie überhaupt beim Urlaub in der herrlichen Natur. Am besten war die Ruhe. Wir genossen sie in vollen Zügen. Auch das Kind war ruhig, sehr ruhig. Seit einer guten Stunde schien es, als sei es verschwunden. Ich muss zugeben, ich wäre nicht böse gewesen, denn es war ein kleiner Teufel. Der Mutter schwante ob dieser ungewöhnlichen Stille nichts Gutes.

Als sie aus dem Haus zurückkehrte, hörte man das Kind wir am Spieße schreien. Zu mir sagte sie dann ganz ruhig: „Du musst jetzt ganz tapfer sein.“ Und da ich nickte, fuhr sie fort: „Dein Ausweis ist tausend Stücken, wie ein Puzzle.“ – „Was? Wie ein Puzzle?!“

Wie von einer Tarantel gestochen stürzte ich in das Zimmer zu dem weinenden Kind. Und da lag er, mein Ausweis, mein Personaldokument! Schon im Alter von vierzehn Jahren, als wir stolz den Ausweis überreicht bekamen, schärfte man uns ein, dass wir mit ihm sorgfältig umzugehen hätten.“

Und nun? Mir fielen die ganzen Behördengänge ein, hörte die dummen Fragen. Grauenvoll! Mein schöner Ausweis lag in unzähligen Stücken am Boden verteilt. Eine Ecke, wo noch der Geburtsort und „ledig“ zu lesen waren, konnte ich gerade noch aus dem Mund des kleinen Teufels klauben.

Natürlich hielt mich nichts mehr länger im Urlaubsort. Ich hatte keine Ruhe mehr und startete in Richtung Prag.

Je näher wir der Goldenen Stadt kamen, desto mulmiger wurde mir in der Magengegend. „Würde auf der Botschaft alles gutgehen?“

Mit klopfenden Herzen stand ich am nächsten Tag vor der DDR-Botschaft am Moldau-Kai vor einer mickrigen und unscheinbaren Tür. Mit mir warteten noch einige Vietnamesen, die offenbar ein Einreisevisum in die DDR brauchten. Endlich an der Reihe, schilderte ich mit hochrotem Kopf meine Misere, hegte die leise Hoffnung, der Genosse Diplomat würde mir ein Ersatzdokument ausstellen. Doch – weit gefehlt. Er hörte sich alles an, verzog nicht einmal die Miene, schalt mich aber auch nicht. Dann schickte er mich, mit einer fotokopierten Lageskizze, zur Polizeistelle von Prag-Mitte. Prima! Warum sollte ich nicht auch mal die Prager Polizei kennenlernen?

Ich fuhr also die Nationalstraße lang, bog in eine Seitengasse ein und stand bald vor der Machtzentrale des Reviers Mitte.

An einer Tür enträtselte ich eine Schrift, die „Diensthabender“ bedeuten konnte und hatte recht. Hinter der Glasscheibe saß ein gemütlich, aber dennoch streng wirkender Oberleutnant Mitte vierzig, der einem Mädchen sprach, das keinen besonderen Eindruck auf mich machte.

Um was es ging, war mir nicht ganz klar, vielleicht war es bestohlen worden.

Mit „Prosim, pane?“ (Bitte, mein Herr; d. Autor) wandte er sich mir zu. Radebrechend machte ich dem arg in sein Uniformhemd gezwängten Genossen mein Unglück klar. Er hatte wohl Schwierigkeiten, mir zu folgen und fragte: „Jak, prosim?“. Ich begann zu zittern und schaute mich um, ob nicht um die Ecke zwei Polizisten stehen, die mich wegen Irreführung der Behörden in Gewahrsam nehmen würden. Ich begann also noch einmal von vorn, die Reste meines Personaldokuments unter den Schlitz der Glasscheibe hin und her schiebend: „Dite, je cert, delat toto! Je nemesti! Rozumet?“ (Ein Kind, ein Teufel, tat dies. Verstehen Sie?; d. Autor)

Der Diensthabende begann schallend zu lachen und rief zwei seiner Kollegen in sein Kabuff, um sie an dieser lustigen Begebenheit teilhaben zu lassen. Vielleicht ging es sonst auf dem Revier weniger lustig zu.

Nachdem er sich vor Lachen immer noch den Bauch haltend, mir wieder zuwandte, sagte er fast väterlich-verständnisvol: „Ano, rozumim, deti, deti. Keine Problema, ja schreiben ein Papiert, ano? (Ja, ich verstehe, Kind, Kind. Kein Problem, ich schreibe ein Papier, ja?; d. Autor)

Mir fiel ein Stein vom Herzen, sofort sprudelte ich hervor: „Ano, dekuji!“ (Ja, danke; d. Autor)

Ich erhielt ein Dokument, einmalig auf der ganzen Welt, so schien mir. Geschrieben stand da, sinngemäß übersetzt: „Dem Inhaber dieses Papiers hat ein kleines Kind seinen Personalausweis kaputtgemacht.“ Unter dieser in Schreibschrift gehaltenen Erklärung prangte – wie es sich für eine anständige Polizeibehörde gehört – der prächtige Stempel der Sicherheitsbehörde.

Der neuausgestellte Personalausweis. Repro: C. Stille

Stolz war ich damals auf dieses Dokument. Leider habe ich es nicht mehr. Die Volkspolizei der DDR hat es wahrscheinlich in ihrem Archiv verschwinden lassen. Schade!

In einem Weinberger Hotel wurde das Ereignis mit einem prächtigen Tafelspitz gebührend gefeiert, wobei weiter nichts passierte, als dass dass Kind bei Tische ein Wasserglas zerbiß. Aber was ist schon ein Wasserglas gegen ein Ausweisdokument?

An der Grenze angekommen, vermochte das Prager Papier die tschechischen Grenzorgane noch einmal in Heiterkeit versetzen. Nachdem sie einem Blick auf den maly cert, den kleinen Teufel, geworfen hatten, ließen sie uns lachend passieren. Nur die Unsrigen prüften alles mit deutscher Gründlichkeit und fanden die Sache überhaupt nicht zum Lachen.

Ihr Problem, finde ich.

Erstmals erschien mein Text am 10.9.1993 in der Prager Volkszeitung (2006 eingestellt).

Beitragbild: Grafik Prager Volkszeitung

Boleslavská – Sehnsucht

Für Frau P.

Prag. Ein sonderbares Gefühl, hier zu sein. Fast ein heimatliches. Ein glückliches, ein der Seele gut tuendes – allemal. Wenn das Auto, der gute alte Trabant (ob es ihn wohl noch gibt?), das Schild PRAHA passierte, setzte es ein – das Herzklopfen, um schließlich in der Leninova (ob die denn jetzt noch so heißt?, weiter anzuschwellen und letzten Endes an der ecke Italaská/Vinohradská in eine Euphorie zu münden, die mich fast verführt, die erlaubten „60“ zu überschreiten.

Fast war es, als käme ich von einer langen Reise in meinen Bezirk – Vinohrady/Weinberge – zurück. Die Häuser, die Geschäfte, die Menschen, alles waren gute alte Bekannte. Natürlich auch die Elektrische, die neben mir herdonnert und schrill klingelt, wenn ihr etwas in die Quere kommt. Das duldet sie nicht. Die Prager Straßenbahn behauptet sich. Deshalb schon ist es ratsam, sie nicht zu erzürnen, nicht zu reizen. Die Tram ist nun einmal die Stärkere. Deshalb zügele ich auch meine Ungeduld, die lasse sie rumpelnd passieren, bis ich die Gleise überquere, einige Meter in die Gegenrichtung fahre, um dann in die der Boleslavska gegenüberliegende Straße rechts einzubiegen, wo ich ein Plätzchen zum Parken fand.

Die ersten Schritte vom Auto, die etwas ansteigende Straße hinauf, müssen für andere Passanten wohl etwas ungelenk und tapsig wirken. Die Strecke Halle – Prag hat die Glieder, trotz kleiner Gymnastik unterwegs halt etwas „einrosten“ lassen.

Nachdem es mir gelungen ist, die lebhafte Vinohradská zu überqueren, sind es nur noch wenige Schritte bis zur Nummer 11, meinem Ziel die Häuser, so auch das Elfer, haben nichts besonderes, eher sind sie grau, hoch und klotzig. Es sind Wohnhäuser – nicht mehr und nicht weniger.

Im Hausflur strömt mir muffig-kühle Luft entgegen. Sie ist mir vertraut wir auch der Aufzug, der nach einigen Minuten des Wartens klacksend und rappelnd im Patro (Parterre) hält. Es riecht nach Holz und vor allem nach Schmiere. Wer gut fährt, der gut fährt? Zunächst einmal betrachte ich das liebenswürdig Ungetüm. Plumps. Mit meinem Körpergewicht habe ich den Kontakt geschlossen, und siehe da – es wurde Licht!

Ich entsinne mich an früher. Da gab es bei uns einst Telefonzellen mit ebensolchem Fußkontakt. Nostalgie? Ja, etwas Schönes, besonders in Prag. Was wäre die Goldene Stadt ohne sie?

Ruckend zieht der Motor unterm Dach des Hauses das Seil und mit ihm den hölzernen Kasten und mich in die Höhe. Beim Passieren der einzelnen Stockwerke klickt und klackt es, die Kabine schüttelt sich ein wenig.

Ich habe Respekt vor dem Dinosaurier der Aufzugstechnik und rühre mich nicht von der Stelle, als fürchte ich, die Kabine aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch alles geht gut.

Wie jedesmal hat mich das Ungetüm sicher hinaufgebracht. Ich öffne die Tür, verlasse die Kabine und rums. Der Kontakt öffnet sich, das Licht verlöscht.

Gleich neben den nun wieder freien Vehikel wird mir die nette Frau die Wohnungstür öffnen. Sie freut sich über den Besuch. Lange schon ist der Mann von ihr gegangen, da ist der Gast willkommen – auch und vor allem zum Plaudern. Zur Begrüßung gibt es einen guten Kaffee, der tut gut nach so langer Fahrt. Man tauscht sich aus über Neuigkeiten, das Wetter und die Politik.

Kurz mache ich mich frisch unter der Dusche im Bad, welches gleich neben dem Aufzug liegt. Das Rumpeln desselben macht mich neugierig, und ich muss das kleine Fensterchen öffnen.

Es dient normalerweise der Lüftung, mir hingegen zur Befriedigung meiner nicht zu bremsenden Neugierde. Wieder kriecht er bekannte Geruch nach Schmiere und irgendwie auch Elektrizität in meine Nase, die ich durchs Fenster in den dunklen Schacht, an dessen Grund verschiedener Unrat liegt, stecke.

Doch schon wird der Blick nach unten wieder abgeschnitten. Klackend und schleifend kommt die Kabine von den oberen Stockwerken herabgefahren – vorbei an meiner neugierigen Nase. Die Schienen, an denen der Kasten vorbeigleitet, sind dick und fett geschmiert. Fast unheimlich, dieser Blick aus dem Fensterchen in die Tiefe, begleitet von allen möglichen Geräuschen. Es war immer ein besonderer Sound, ja ein Klangteppich, in dessen Mitte der Aufzug natürlich der König der Instrumente war. Nebenher drang ein Zischen, Klappern, Wispern und undefinierbares Rascheln aus dem Schlund nach oben zu mir.

Es mochte wohl hauptsächlich aus den anderen Wohnungen unter und über mir stammen, deren Lüftungsfensterchen in den Aufzugsschacht mündeten.

Faszinierender Ort. Vielleicht sogar als Drehort für einen Krimi denkbar. Vorerst aber hielt ich dieses phänomenale Bild fest, mit der Kamera in meinem Kopf.

Das prickelnde Wasser ließ ich lauwarm über meinen von der Fahrt in Anspruch genommenen Körper laufen, der langsam erwachte und fit wurde für die so lange entbehrte Stadt, Wieder einal musste sie für meine seelische Entspannung herhalten. Sie würde das verschmerzen. Eine Stadt wie Prag musst mit ganz anderen Sachen fertig werden.

Ein Hotel war nicht denkbar für mich. Es musste die Boleslavská 11 sein. Mittendrin in der Stadt wollte ich sein, der Stadt, die mich – wie so viele andere vor mir in ihren Bann gezogen hatte, und zwar von Anfang an.

Damals im Jahre 1973, fing ich an, die wunderbare Stadt von draußen, vom Studentenwohnheim „Vetrnik“ aus, zu beschnuppern. Seitdem ließ mich Prag nicht mehr los. Ohne Prag mochte manches anders verlaufen sein in meinem Leben. Auch die gute Frau weiß, dass es mich nicht mehr hält. Ich muss hinaus.

Heute muss es wenigstens noch der Wenzelsplatz sein, die Karlsbrücke vielleicht und auch ein bisschen die Kleinseite. Im „Slavia“ werde ich in mitten einer illustren Publiumschar mit dem Blick auf das prächtige Nationaltheater (wie gerne sähe ich endlich einmal eine Oper dort) einen Wiener Kaffee trinken. Dann wird es schon dunkel sein und Zeit für die Metro am Wenzelsplatz. Auch die Metro ist mir ans Herz gewachsen. Gern brause ich unter Prag hinweg, von Station zu Station von der netten weiblichen Stimme begleitet, die einer reizenden Schauspielerin (wie hieß die man bloß?) gehört.

Viel zu kurz wird die Fahrt wieder gewesen sein, wenn ich an der „Flora“ aussteige. Tief werde ich den Geruch der Metro, den kürzlich einmal in der Dortmunder U-Bahn wiedergefunden geglaubt hatte, einatmen. Auch der gehört zu Prag. Mittlerweile.

Von der „Flora“ sind es nur noch wenige Schritte in die Boleslavská. Schlafen werde ich noch nicht gleich, in dem herrlich-weichen Bett, welches auf mich wartet. Die gute Frau wird noch wach sein und erzählen vom alten Prag im schrecklichen Krieg. Ich will das alles wissen, sauge die Stadt und ihre Geschichte auf …

Doch zunächst wartet wieder das klacksende, klappernde und auch schon vertraut gewordene, liebevolle Beförderungsmittel auf mich …

Erinnerungen. Das letzte Mal war es ’88 oder ’89? Neunundachtzig jedenfalls war es, als ich einer damals ungewissen Zukunft entgegenflog, hinweg über „mein“ Prag, welches unter mir und der Tupolew 134 lag und pulsierte wie immer. Auch einer aufregenden Zukunft entgegen.

Jetzt habe ich wieder Sehnsucht nach Prag. Nicht etwa, weil es in Dortmund kein gutes Bier gäbe. Nein, das ist es nicht. Es ist auch ein bisschen wegen der Boleslavká 11 und dem Blick aus dem kleinen Fensterchen, herab auf den hölzernen Fahrkorb und die Lust auf den Geruch nach Schmiere. Wie ich weiß, gibt es ihn noch und auch die liebenswürdige alte Prager Dame. Ich werde kommen, denn lange hält es mich nicht mehr, mein Prag!

Hinweis: Rückblickend auf die 1980er aufgeschrieben, Anfang der 1990er Jahre. Der Text erschien in der deutschsprachigen Prager Volkszeitung.

Dortmund: Alice Hasters zu Gast beim „Talk im DKH“: „Warum ist es eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen?“

Das neue Jahr hat nicht lange warten lassen auf den ersten „Talk im DKH“. Am Freitag gingen dafür wieder die Lichter auf der Bühne des Dietrich-Keuning-Hauses an. Das Format wird anscheinend immer beliebter. Thema des Abends, „Warum ist es eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen?“ Mit Alice Hasters aus Berlin. Fazit: Nachdenken darüber, was wir „entlernen“ müssen. Dinge müssen beim Namen genannt werden.

Erfreulich viele Besucher bei Alice Hasters

Trotzdem der erste Talk-Gast, die Journalistin und Autorin Alice Hasters aus Berlin gewiss nur Wenigen bekannt gewesen sein dürfte, begehrten am vergangenen Freitag 500 Zuhörer Einlass ins Dietrich-Keuning-Haus im Dortmunder Norden. Aus diesem Grunde begann die Veranstaltung etwa gut 15 Minuten später. Bei den bereits Platz genommen habenden Besucher*innen kam indes keine Langeweile auf. Das bestens aufgelegte Duo Rasta Pacey & Jojo Boedecker unterhielt sie famos.

Vier Jahre „Talk im DKH“ – Ein kleiner Rückblick

DKH-Direktor Levent Arslan. Fotos: C. Stille

Der Direktor des DKH, Levent Arslan, erinnerte in seiner herzlichen Begrüßung des Gastes und des Publikums daran, dass den „Talk im DKH“ inzwischen nun bereits vier Jahre gibt. Arslan erzählte kurz die Entstehungsgeschichte. Im Jahre 2012 habe es eine vom Dortmunder Kulturdezernenten Jörg Stüdemann, der wie sooft auch am vergangenen Freitagabend wieder persönlich anwesend war, initiierte türkische Kulturwoche gegeben. Im Rahmen dieses türkischen Kulturfestivals haben Aladin El-Mafaalani und Levent Arslan einen Abend mit Jugendlichen und Lokalpolitikern organisiert, wobei es um die Frage gegangen war: „Wie wollen wir zusammenleben?“ habe man auch – wie an diesem Freitagabend – mit wenig Zuspruch gerechnet. Aber das Thema habe offenbar die Leute so bewegt und bewege sie noch heute, dass sie den Austausch suchten. Der Gedanke habe, Arslan weiter, sie fortan nicht mehr losgelassen. Und man habe beschlossen ihn „in so ein Format gießen“ wie es nun bestehe. Allerdings habe die Realisierung dann noch etwas gedauert. 2015 wurde Levent Arslan Programmleiter des DKH und das angestrebte Format – genannt „Talk im DKH“ – wurde aufgesetzt. Etwa 25 Veranstaltungen habe man bis dato gemacht und damit zirka 8000 Menschen erreicht. Rechne man den Schülertalk dazu, organisiert von Kati Stüdemann, der immer vor dem Talk am Abend vormittags im stattfindet Helmholtz-Gymnasium stattfindet, sei man bei ungefähr 10.000 Menschen.

Die Meilensteine der Özge Cakirbay

Özge Cakirbey beim Vortrag „Meilensteine“.

Co-Moderatorin Özge Cakirbay eröffnete den diesmaligen „Talk im DKH“ auf besondere Weise und bestens zum Thema des Abends, „Warum ist eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen?“, passend.

Mit ihrem sehr persönlichen Text folgte sie einer Aufforderung doch mal zu etwas über ihre „Meilensteine“ in ihrem Leben und darüber zu sprechen, wohin sie letztlich hingekommen sein.

Die wollte sie nun ablesen, aber es fehlte ihr etwas, wofür ihr die richtige Bezeichnung fehlte, weshalb Özge Cakirbay sagte, sie habe gehofft, dass sie „so ein Stehdingen“ dafür bekäme – herzliche Heiterkeit im Publikum – was halt aber fehlte. Schon eilte flugs ein umsichtiger Techniker mit einem Mikrofonständer herbei und es konnte losgehen.

In der schönen Geschichte erfuhr das Publikum, dass Özge in der Kindheit jede Voraussetzung, „es nicht hierher zu schaffen“ erfüllt habe. Vor dem Niederschreiben des Textes hätten die Kritikerin in ihr mit der Romantikerin in ihr gestritten. Letztlich sei es aber Özge Cakirbay gelungen, die Stolpersteine in ihrem Leben hinter sich zu lassen. Und „prächtige Meilensteine“ hätten ihr den Weg ihrer Entfaltung geebnet. Von „mächtig tollen Menschen“, von Liebe und Bildung, von Potential und Entfaltung sprach sie. Da seien Menschen gewesen, die ihren Intelligenzquotienten nicht anhand ihrer Hautfarbe, sondern

FLugs bringt der Veranstaltungstechniker das „Stehdingen“.

anhand ihres Verstandes gemessen haben. Von Lehrern, war die Rede, die sich nicht erschraken und mehr freuten also sonst, weil ihre Antwort richtig war. Von Meilensteinen sollte sie also erzählen, die nicht einmal wussten, dass sie Meilensteine sind. Meilensteine, die ihr auf die Schulter geklopft haben. Jeder könne ein Meilenstein werden. Menschen in ihrem Leben hätten schließlich dazu beigetragen, ihr Stolpersteine aus dem Weg zu räumen. Und Cakirbay zählte diese Menschen auf. Letztlich hat Özge über die Meilensteine und Menschen, die sie über Stolpersteine gehoben haben, selbst geschafft. Mit Herz. Und die Kritikerin in ihr sagte: „Das war eben authentisch“. Und die Romantikerin in ihr: „Das war eben echt.“ Özge sagt: „Das war eben auf Augenhöhe.“ Ein prächtiger Text, in welchem Özge Cakirbey humorvoll und poetisch über ihren eigenen mit Hürden gespickten, aber auch von helfenden Händen gesäumten Lebensweg erzählte.

Alice Hasters hatte das Gefühl, dass weiße Menschen nichts dazu lernen

Grund für das Schreiben ihres Buches, erzählte Alice Hasters, sei 2017 Einzug der AfD in den Bundestag gewesen. Im Buch selbst, sagt sie jedoch, werde die AfD nicht einmal genannt. Immer wieder habe man ihr gesagt, was sie fühle, sei kein Rassismus. Gedacht habe sie aber selbst auch manchmal, eigentlich treffe sie Rassismus nicht.

Hasters (weißer Vater, schwarze Mutter aus den USA, in Köln aufgewachsen) habe das Gefühl gehabt, dass weiße Menschen nichts dazu lernen. Sie habe dann gedacht, „weiße Menschen sollten vielleicht dringend wissen“, wie sie sich fühle.

Vorurteil plus Macht = Rassismus

Fragen wie „Darf ich mal deine Haare anfassen?“ oder „Wo kommst du her?“ wurden ihr immer wieder von weißen Menschen gestellt. All das habe

Moderator Aladin El-Mafaalani.

auch zu bestimmten, mit ihrer Hautfarbe korrelierenden Zuschreibungen geführt: „Du kannst bestimmt gut singen oder rappen“. Sie hätte zunächst gedacht, sie müsse das tolerieren. Dennoch: Rassismus passiere auch da, wo man ihn nicht vermute. Über diesen Rassismus habe sie in ihrem Buch sprechen wollen. Gerade weil es demgegenüber eine Ignoranz gebe. In der Schweiz, erzählte Alice Hasters, habe sie folgende interessante Definition gehört: Vorurteil plus Macht = Rassismus

Alice Hasters: Grundmuster des Rassismus sind „schon hunderte Jahre lang Bestandteil dieser Gesellschaft“

Alice Hasters beschreibt also im Buch, wie Rassismus ihren Alltag als schwarze Frau in Deutschland prägt. Dabei mache sie klar: Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft. Und sich mit dem eigenen Rassismus zu konfrontieren, sei im ersten Moment schmerzhaft, aber der einzige Weg, ihn zu überwinden, meint sie. Rassismus sei keineswegs immer nur individuell oder nur böswillig. Vielmehr seien entsprechende Grundmuster des Rassismus „schon hunderte Jahre lang Bestandteil dieser Gesellschaft“, aber auch global existent und die Gesellschaft prägend. Es müsse ein besserer Umgang miteinander gefunden werden, findet Alice Hasters.

Der Rassismus vor unserer Nase

Man müsse sich diesbezüglich wappnen, „weil der Rassismus vor unserer Nase ist“.

Gelernt müsse auch werden, zu versuchen besser darüber zu sprechen. Sonst gelänge es nicht etwas zu verändern. Oft nämlich schlage ihr nämlich eine Abwehr entgegen, werde versucht darzustellen, dieses oder jenes sei doch gar kein Rassismus.

Rassistisch denken: „Wir tun es natürlich alle“

Alice Hasters.

In Hasters Buch geht es um ihren Alltag, um die Schule, aber auch intimere Dinge wie Liebe und selbstredend auch um die Familie.

Letztlich müsse man sich klarmachen, dass nicht nur weiße Menschen rassistisch dächten oder handelten. „Wir tun es natürlich alle“, ist sich Alice Hasters sicher. Es habe nur unterschiedliche Konsequenzen.

Uns darüber im Klaren sein, was wir „entlernen“ müssen

Wir müssten uns damit konfrontieren, was wir gelernt haben und darüber klarwerden, was wir „entlernen“ müssen.

Und dahin kommen Rassismus ernster zu nehmen „und verstehen, dass man nicht nicht rassistisch sein kann“. Man könne antirassistisch sein und aktiv gegen den eigenen Rassismus vorgehen. Aber einfach so zu tun, als wenn wir nichts mit dem Thema zu tun hätten, glaubt Hasters, das bringe uns nicht weiter.

Sie habe halt versucht gegen die Ignoranz anzuschreiben. Dinge müssten beim Namen genannt werden.

Kategorisierungen, Zuspitzungen, Verwirrungen, Fallstricke und Unsicherheiten kontrovers diskutiert

Kontrovers wurde die nicht unwichtige Frage der Hautfarbe diskutiert. Schwarze und Weiße. Und neuerdings käme, warf Moderator El-Mafaalani ein, nach der Kategorisierung „weiße Männer“, die Zuspitzung „alte weiße Männer“. Er erinnerte daran, dass er damit beim Talk mit Reyhan Sahin über problemorientierte Kategorisierungen gesprochen habe und man darauf gekommen sei, dass das notgedrungen abgelehnt werde. „Alte weiße Männer“, dieser Begriff sei nun einmal negativ konnotiert. Da fühlten sich mindestens 40 Prozent der deutschen Männer angesprochen. Klar sei doch wohl, wer mit „alte weiße Männer“ gemeint sei – diejenigen nämlich, die nicht nur in Sachen Rassismus etwas auf dem Kerbholz haben. Alice Hasters wollten dann auch lieber von den „Mächtigen“ sprechen.

Auch Co-Moderatorin Özge Cakirbey gestand, als Türkin betreffs ihrer Hautfarbe oft verwirrt zu sein. Sei sie doch eher braun. Wohin gehöre sie denn nun? Sei sie denn farbig? Aber „farbig“ zu sagen ist nun wiederum auch negativ besetzt. Fallstricke und Unsicherheiten überall. Oder sei sie nun

Alice Hasters (li) und Özge Cakirbey (re.) im Zwiegespräch.

Person of color (POC)?

Alice Hasters erinnerte schließlich daran, dass sich diese Kategorisierungen weiße Menschen ausgedacht hätten.

Rassistisches in der Literatur – Wenn kann man noch zitieren? Märchen umschreiben?

Dann wurde aufgrund einer von Aladin El-Mafaalani erzählten Anekdote (eine Studentin von ihm hatte sich vorgenommen nie wieder Autoren zu zitieren, die Rassistisches geschrieben haben) darüber diskutiert, dass man dann kaum jemanden in der Literatur mehr finden könne, der noch zitierfähig sei. Sogar bei großen Aufklärern seien letztlich rassistische Stellen zu finden, erklärte El-Mafaalani.

Alice Hasters riet dazu, einen Umgang damit finden. Sollte man da etwas streichen, ändern, fragte El-Mafaalani? Gar Märchen umschreiben? Man denke nur, an Gruseliges in Grimms Märchen! Schon, fand, die Autorin. Applaus eines Teils des Publikums. Märchen, in denen Rassistisches vorkomme, würde sie ihren Kindern jedenfalls nicht vorlesen, macht Alice Hasters deutlich.

Stolz sein auf die Hautfarbe?

Beim Schüler-Talk am Morgen hatte Alice Hasters gesagt, sie sei stolz darauf schwarz zu sein. Worauf ein Schüler feststellte, sie sei doch gar nicht schwarz. Aber Hasters fühle sich nun einmal Schwarzen zugehörig. Faktisch erkenne sie auch an, das sie „mixed“ ist.

Jetzt am Abend einigte sich die Runde auf dem Podium nicht vom Stolz auf die Hautfarbe zu sprechen, sondern lieber zu sagen: Ich liebe meine Hautfarbe. Alice Hasters: „Okay. I take it.“

Das Dschungelbild am Eingang der Nordstadt und der in der Gesellschaft verankerte Rassismus

Diskutiert wurde auch das eingangs der Dortmunder Nordstadt befindliche – am Abend gezeigte – Graffito mit dem Spruch „Welcome to the Jungle“, das den wilden Charme der Nordstadt spiegeln soll. Das jedoch von manchen Menschen nun als nicht nur geschmacklos – sondern auch als menschenverachtend gesehen wird. Dabei war es gewiss nicht so gemeint. Darin fällt ein Gorilla besonders ins Auge. Alice Hasters „gefällt es nicht so sehr“, weil es triggere. Allein schon das Stereotyp Dschungel! Man müsse nur an die aus der Vergangenheit stammenden, aber immer noch benutzten Vergleiche von Affen mit schwarzen Menschen denken. Und die Affenlaute, die beim Fußball in eindeutig rassistischer Absicht getan würden, wenn schwarze Fußballer spielten. Und diese dann auch noch mit Bananen beworfen würden!

Das sei sehr in der Gesellschaft verankert. Es führe sogar bei ihr so weit, dass sie ein Unwohlsein entwickle wenn sie in der Öffentlichkeit eine Banane

Das Dschungelbild wird diskutiert.

esse, sagte Alice Hasters.

Es bleibe schwierig, hieß es. Vielleicht rege das Dschungelbild zum Nachdenken an und man spreche darüber.

Es nun einfach zu übermalen, sagte Aladin El-Mafaalani, wäre sicher das Falscheste was man machen könnte.

Über Wirkungen von etwas müsse halt gesprochen werden, warf Alice Hasters ein.

Weitere interessante Problematiken sprachen Besucher des Talks an

In der Fragerunde für das Publikum wurden viele weitere interessanten Problematiken angesprochen. Etwa, ob womöglich Postkolonialismus noch nachwirke. Besprochen wurde u.a. das Zurückziehen in die eigene Community und die eigene Befangenheit in bestimmten Situationen.

Man kam mit Alice Hasters darauf, manchmal auch einfach nur Zuzuhören und „mal selbst einfach die Klappe zu halten“.

Unbedingt wichtig sei auch der Wille zum Dazulernen und Empathie. Einfach mal darüber nachzudenken, stieß Alice Hasters an: „Wie würde ich mich fühlen in einer bestimmten Situation?“

Wie, fragte eine Frau, laute nun die richtige Bezeichnung für schwarze Menschen. Alice Hasters wie aus der Pistole geschossen: „Schwarze Menschen.“ Wenn es nur so einfach wäre. Auch unter Schwarzen gebe es dazu aber unterschiedliche Ansichten, kam zum Ausdruck.

Özge Cakirbey erzählte noch eine Begebenheit: Eine Bekannte setze sich oft der Bahn explizit dorthin, wo gerade schwarze Menschen sitzen. Um ihnen das Gefühl des Zugehörigkeit und Verbundenheit zu geben. Alice Hasters fand: Das sei zwar sicher gut gemeint, aber doch wohl eher etwas, das in die falsche Richtung gehe.

Gegen Ende der Veranstaltung kassierte Aladin El-Mafaalani von einer jungen Frau noch einen kleinen Rüffel, den er annahm. Er habe ihr zu oft unterbrochen, zu viele eigene Anmerkungen gemacht und damit seiner Rolle als Moderator nicht entsprochen.

Wieder ein interessanter „Talk im DKH“ war, den Hirnen der Besucher*innen ordentlich Futter zum nachdenken brachte, was reichlich zu Diskussionen bei den Besuchern im Nachhinein führen kann. Und im besten Fall dann auch und Reflexionen auslöst und einen allmählichen Wandel in der Gesellschaft herbeizuführen imstande sein könnte. Wenigstens auf lange Sicht gesehen. Denn per Knopfdruck findet so etwas nun einmal nicht statt. Das Thema – dass machte der Abend mit dem interessanten Gast im Dietrich-Keuning-Haus überdeutlich – ist ein weites Feld. Missverständnisse lauern da in vielen Ecken. Auch Fallstricke unter Umständen. Gegensteuern vs. Rassismus ist aber zweifelsohne vonnöten.

Es gab wieder einen vom Taranta Babu und Hassan verantworteten Büchertisch, an welchem die Autorin Alice Hasters nach dem Talk ihr Buch signierte.

Ausblick

Der nächste „Talk im DKH“ findet am 21. Februar 2020 um 19 Uhr statt. Julia Wissert, künftige Dortmunder Schauspieldirektorin, spricht mit Aladin El-Mafaalani über sein Buch „Mythos Bildung“.

Und am 3. April 2020 um 19 Uhr kommt der Journalist Michel Friedman. Er wird zum Thema „Was tun gegen Hass und Gewalt?“ zum Jahrestag des NSU-Anschlags auf Mehmet Kubasik in Dortmund am 4. April 2006  sprechen.

Zum Buch von Alice Hasters

Dortmund: Termine für den „Talk im DKH“ stehen bis Mitte 2020 fest

Die Veranstaltungsreihe „Talk im DKH“ im Dietrich-Keuning-Haus in Dortmund nimmt Themenbereiche aus Politik und Gesellschaft in den Fokus, denn nationale und internationale Ereignisse schaffen ständig neue Strukturen und werfen Fragen auf. Hier werden komplexe Zusammenhänge durchleuchtet und eine Plattform zum Austausch und zur Begegnung mit ExpertInnen und Prominenten angeboten.

„TALK IM DKH“ findet etwa sechsmal im Jahr freitags von 19 bis 22 Uhr statt. Um 14 Uhr findet jeweils am selben Tag ein SchülerTALK im Helmholz-Gymnasium statt.

Zum „Talk im DKH“-Team gehören: Levent Arslan (Direktor DKH), Kati Stüdemann (SchülerTALK), Aladin El-Mafaalani (Moderator) und seit Frühjahr 2019 auch Özge Cakirbey (Moderatorin). Künstlerische Darbietungen begleiten jede Veranstaltung, regelmäßig mit dabei sind Ilhan Atasoy, Esther Festus und Zijah Jusufovic.

Özge Cakirbey (links) und Aladin El-Mafaalani (rechts).

Nach einem kurzen Impulsvortrag folgt ein Dialog zwischen Referentin bzw. Referent und Moderator. Anschließend bleibt ausreichend Zeit für Diskussionen mit dem Publikum. Zu jeder Veranstaltung wird eine Künstlerin oder ein Künstler engagiert, sodass stets auch für Unterhaltung gesorgt ist.

„TALK IM DKH“ findet sechsmal im Jahr freitags von 19 bis 21 Uhr statt. Die Termine werden gesondert bekannt gegeben.

Veranstaltungsort: Dietrich-Keuning-Haus, Leopoldstraße 50-58, 44147 Dortmund (100m vom Hbf)

Anmeldungen sind aus organisatorischen Gründen unter http://www.talk-im-dkh.dortmund.de wünschenswert.

Der Eintritt ist frei

Hier (auf Nordstadtblogger) und hier (auf diesem Blog hier) einige Berichte von vorangegangenen Veranstaltungen innerhalb der Reihe Talk im DKH.

Nächster Talk im DKH am 29. November 2019 mit dem Journalisten Deniz Yücel

29.11.2019 // Deniz Yücel mit seinem neuen Buch „Agentterrorist“

Zum Buch

Die Inhaftierung des Türkei-Korrespondenten der Welt führte in Deutschland zu einer riesigen Solidaritätsbewegung und sorgte für die größte Belastung der deutsch-türkischen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Zugleich entfacht der Fall in Deutschland eine Debatte über das Verhältnis der Deutschtürken zu beiden Ländern. In seinem Buch erzählt Deniz Yücel, wie er dieses Jahr in Einzelhaft verbrachte, welchen Schikanen er ausgesetzt war und wie es ihm gelang, immer wieder die Überwachung zu überlisten. Er schildert, was ihm die Unterstützung seiner Frau Dilek Mayatürk und die »Free Deniz«-Kampagne bedeutete und warum der Kühlschrank das sicherste Versteck in der Gefängniszelle ist. Es ist eine Geschichte von Willkür und Erpressung, aber auch eine Geschichte von Solidarität, Liebe und Widerstand. Zugleich zeichnet Deniz Yücel die Entwicklung nach, die die Türkei in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, vom hoffnungsvollen Aufbruch der Gezi-Revolte über den Kurdenkonflikt, die Flüchtlingskrise und den Putschversuch bis zum vorläufigen Ende:
Erdogans Festigung der Macht mit den Wahlen vom Frühjahr 2018.

Die Talk im DKH-Termine bis Mitte 2020

29.11.2019 // Deniz Yücel mit seinem neuen Buch „Agentterrorist“

20.12.2019 // Ahmet Toprak & Reyhan Sahin (aka Lady Bitch Ray) mit den beiden aktuellen Büchern „Yalla Feminismus“ vs. „Muslimisch, männlich, desintegriert“

17.01.2020 // Alice Hasters mit ihrem neuen Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“

21.02.2020 // Julia Wissert & Aladin El-Mafaalani: Buchvorstellung „Mythos Bildung“

03.04.2020 // Michel Friedman: Was tun gegen Hass und Gewalt? Zum Jahrestag des NSU-Anschlags in Dortmund am 4.4.2006

19.06.2020 // Kübra Gümüsay mit ihrem neuen Buch „Sprache und Sein“

Vorgestellt: Buchkomplizen

Hinter der Idee der Buchkomplizen steht die Überzeugung, dass eine lebendige und funktionierende Demokratie von Meinungsvielfalt und einem kritischen Diskurs zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen steht. Der Fokus des Marktes richtet sich aber immer stärker auf aktuelle Bestseller aus. Das bedeutet: Tief sortierte politische Abteilungen werden in Buchhandel immer seltener  und wichtige AutorInnen und Titel verschwinden nach wenigen Wochen aus dem Blickfeld der Leserinnen und Leser. Dieser Entwicklung arbeiten die Buchkomplizen mit einer kritisch geprüften Buchauswahl entgegen.

Wie erfolgt unsere Titel-Auswahl bei Buchkomplizen?

Buchkomplizen wurde von Menschen/Partnern initiiert, die sich seit Jahren für einen unabhängigen Journalismus und die Meinungsvielfalt im politisch-gesellschaftlichen Diskurs einsetzen. Statt vorgestanzter Mainstream-Meinungsmache sind die Buchkomplizen an einer seriösen Meinungsbildung interessiert und bieten deshalb immer wieder überraschende Perspektiven auf aktuelle Themen.

Wir unterstellen unseren Leserinnen und Lesern, so wie uns selbst, aufgeklärt und kritisch zu sein. Entscheiden Sie selbst, mit welchen Positionen sie sich auseinandersetzen und welche dieser zuweilen durchaus extremen Positionen Sie überprüfen wollen. Die Buchkomplizen bieten ein breites Spektrum an AutorInnen und Büchern, die vielleicht von Anderen als zu links, zu rechts, zu kritisch oder zu „gegen den Strich“ eingestuft und durch Nichtbeachtung aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden. Dass dieses Konzept der Buchkomplizen zu Diskussionen führen wird, ist uns bewusst und so gewollt. In diesem Sinne plädieren wir für eine offene Streitkultur und fordern Sie auf, auch unsere Kommentarfunktion aktiv zu nutzen.

BUCHKOMPLIZEN

Sind Menschen, die kritisch denken und ihre Bücher, wenn sie nicht im stationären Buchhandel kaufen, auf keinen Fall bei Amazon bestellen! Buchkomplizen kaufen Books vertraulich und tracking-frei. Unser Buchtipp für Buchkomplizen: Johannes Bröckers, „Schnauze Alexa, Ich kaufe nicht bei Amazon“

Quelle: Buchkomplizen

Beitragsbild: via Buchkomplizen

Für die Buchkomplizen arbeiten die NachDenkSeiten, KenFM sowie der Westend Verlag zusammen. Angedacht ist übrigens wichtige Bücher, die vergriffen sind, wieder nachzudrucken, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.