Auf dem 10. Afro Ruhr Festival: „Bald 60 Jahre Unabhängigkeit. Immer noch in den Fängen des Kolonialismus? – Podiumsdiskussion mit Experten

Moderator, Dr. Boniface Mabanza Bambu, Martial Ze Belinga und Dr. Dereje Alemayyehu (v.l.). Fotos: C. Stille

Ein interessanter Programmpunkt neben vielen kulturellen Höhepunkten auf dem 10. Afrika Ruhr Festival (28.6 bis 30.6.2019) im Dietrich-Keuning-Haus in Dortmund waren Vorträge und eine sich anschließende Podiumsdiskussion unter dem Titel „Bald 60 Jahre Unabhängigkeit. Immer noch in den Fängen des Kolonialismus?“. Ins Visier genommen waren diesbezüglich afrikanische Staaten

Die brillant und kenntnisreich vortragenden und bis in kleinste Detail überzeugend argumentierenden Experten, die Impulsvorträge hielten, waren Dr. Boniface Mabanza Bambu (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika KASA), der Wirtschaftswissenschaftler Martial Ze Belinga und Dr. Dereje Alemayehu (Executive Coordinator der Global Alliance for Tax Justice).

60 Jahre Unabhängigkeit – Haben 17 afrikanische Ländern nächstes Jahr Grund zum feiern?

Im Jahre 2020 können 17 afrikanische Länder 60 Jahre Unabhängigkeit von ihren einstigen Kolonialstaaten feiern. Viele Afrikaner dürften allerdings der Meinung sein, dass diese Jubiläen weniger einen Anlass zum Feiern als vielmehr zum Nachdenken bieten. Wenn schon gefeiert wird, hätten gewiss einige afrikanische Staaten

Dr. Boniface Mabenza Bambu. Fotos: C. Stille

mehr als andere zu feiern, merkte eingangs der Moderator der Veranstaltung an.

Dr. Boniface Mabanza Bambu sprach davon, dass etwa Botswana ab der Unabhängigkeit einen Weg genommen habe, der möglicherweise Grund zum Feiern gibt. Der Umgang mit Ressourcen sei vonseiten der Eliten Botswanas von Anfang an klug geregelt worden. Sie schrieben fest, dass das Land an den Gewinnen etwa aus dem Abbau von Diamanten beteiligt wird und die multinationalen Konzerne besteuert werden.

Dagegen gebe es auf den afrikanischen Kontinent jedoch Länder die rohstoffreicher sind als Botswana, aber unterproportional wenig Nutzen für sich daraus ziehen könnten.

Was Kolonialismus bedeutete

Es sei aus seiner Sicht, so Dr. Mabanza, daran zu erinnern, was Kolonialismus bedeutete. Er zitierte zu diesem Behufe einen Staatsekretär des deutschen Reichskolonialamtes, der 1907 über Kolonialisierung gesagt habe:

Kolonisation heißt, die Nutzbarmachung des Bodens, seiner Schätze, der Flora, der Fauna und vor allem der Menschen zugunsten der Wirtschaft der kolonialisierenden Nation. Und diese ist dafür mit der Gegengabe ihrer höheren Kultur, ihrer sittlichen Begriffe und ihrer besseren Methoden verpflichtet.“

Dr. Mabanza: „Wir kommen aus dem Kontext einer deklarierten Überlegenheit. Und aus dieser Überlegenheit wird ein Recht abgeleitet, andere auszubeuten.“

Dieser „Logik“ hätten Dekolonialisierungsbewegungen versucht ein Ende zu setzen. Doch schon am Vorabend der Unabhängigkeit hätten die Kolonialmächte Mechanismen entwickelt, die ihnen ermöglichen sollten, den Zugriff sowohl auf die Ressourcen als auch auf Menschen aufrechtzuerhalten. So sei die Unabhängigkeit für die so viele gekämpft hatten, – u.a. Patrice Lumumba (im Gedenken an ihn trug Dr. Mabanza ein T-Shirt, dessen Aufdruck an ihn erinnerte) im Kongo – von vornherein auf formelle Verfahren reduziert worden. Boniface Mabanza:

Die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen ist die gleiche geblieben, nur die Formen haben sich geändert.“

Anstelle der Kolonialverwaltungen seien Konzerne getreten, die die Vorherrschaft übernahmen.

Betreffs des Handels seien die afrikanischen entkolonialisierten Staat stets benachteiligt gewesen. Das setze sich heute erst wieder mittels der seit 2020 verhandelten „Freihandelsabkommen“ der EU und den Ländern Afrikas (EPA). Alles diese Instrumente hätten eines gemeinsam, so Mabanza: Sie sollten den Zugriff auf die Rohstoffe dieser Länder sichern. Gleichzeitig wurde und wird eine Industrialisierung (um die Rohstoffe vor Ort zu verarbeiten) in den afrikanischen Staaten verhindert. Momentan hätten sich die Elfenbeiküste und Ghana mit einem Exportstopp für Kakao zu Wort gemeldet. Mabanza: „Was hätte passieren können, wenn diese Länder von Anfang an die Möglichkeit gehabt hätten diese Rohstoffe und andere Rohstoffen vor Ort zu verarbeiten?“ Das habe man aber verhindert durch tarifäre und nichttarifäre Maßnahmen.

Hausgemachte Probleme und die Verhinderung einer Industrialisierung afrikanischer Länder seitens der Länder des Westens

Freilich wären damit noch nicht alle Probleme der Länder Afrikas gelöst gewesen, weiß Mabanza. Auf dem afrikanischen Kontinent gebe es hausgemachte Probleme, aber eben auch welche, die mit den postkolonialen Entwicklung der jeweiligen Ländern zu tun hätten.

Auch sei die wirtschaftliche Entwicklung in manchen dieser Länder zu wenig diversifiziert, weil sie sich auf Druck ehemaliger Kolonialstaaten auf bestimmte Produkte spezialisiert hätten (Blumen, Kaffee, Tee usw.). Für alles was verarbeitet werden müsse, seien sie auf die Staaten angewiesen, an welche sie ihre Rohstoffe liefern. Die verarbeiteten Produkte kämen dann zum teureren Preis zurück auf den afrikanischen Kontinent. Die entsprechenden afrikanischen Länder seien zu Absatzmärkten der Länder des Westens reduziert worden. Man denke nur an von der EU subventionierte und beispielsweise nach Ghana exportierten Tomaten, an Schweinefleisch oder Hähnchenteile. Die afrikanischen Bauern können mit diese Preisen nicht mithalten und gingen pleite. Was wiederum Flüchtlinge produziere.

Grundlegende Reformierung der Bildungssysteme blieb aus

Hinzu käme, gab Dr. Mabanza zu bedenken, dass ein koloniales Bildungssystem in afrikanischen Ländern nach wie vor zum Blick nach außen erziehe. Eine generelle grundlegende Reformierung der Bildungssystem – wenngleich es auch löbliche Ausnahmen gebe – sei ausgeblieben.

Allerdings wäre eine solche Entwicklung auch nicht möglich gewesen durch, wenn nicht bestimmten afrikanische Eliten da mitgemacht hätten, sagte Mabanza.

Den Menschen in Afrika müsse endlich vermittelt werden, dass nicht alles was von außen, aus dem Westen gut und passend für sie ist. Genauso aber auch, dass nicht alles, was zu den Traditionen gehört, automatisch gut ist.

Kritiker sagen: Der CFA-Franc spielt eine negative Rolle. Er induzierte ein System „freiwilliger Knechtschaft“, ist ein „imperiales Machtinstrument“ und hält afrikanische Länder bis heute in Abhängigkeit

Der Ökonom und Soziologe Martial Ze Belinga hielt seinen Vortrag mit dem Titel „Der CFA-Franc, eine hyperkoloniale Währung“ auf Französisch. Ze

Martial Ze Belinga.

Belinga spricht zwar Deutsch. Aber, sagte er entschuldigend, er habe es sehr lange nicht mehr benutzt. Er stützte sein Referat auf die Veröffentlichung des Buches „Kako Nubukpo, Martial Ze Belinga, Bruno Tinel & Demba Mussa Dembele (Hg.): Sortir l‘Afrique de la servitude monétaire. À qui profi te le franc CFA?“ (leider nur auf Französisch erhältlich: hier).

Ein anwesender Herr von der Auslandsgesellschaft NRW e.V. Dortmund erklärte sich freundlicherweise bereit, den Vortrag auf Deutsch zu übersetzen. Zusätzlich wurden Ausdrucke auf Deutsch von wesentlichen Teilen des Vortrags zum Mitlesen ans Publikum ausgeteilt.

Nach der Entlassung in die Unabhängigkeit blieben bis heute viele afrikanische Staaten in Abhängigkeit der einstigen Kolonialherren. Ein negative Rolle dabei spielt der CFA-Franc, erfuhren die interessierten ZuhörerInnen im voll besetzen Raum 204 des DKH. 14 ehemalige französische Kolonien benutzen seit 1945 eine Währung, die in der Kolonialzeit von französischen Kolonialherren eingeführt worden war. Kritiker sprechen von einen System „freiwilliger Knechtschaft“ und verurteilen den CFA-Franc als „imperiales Machtinstrument“. Wirtschaftswissenschaftler Martial Ze Belinga erklärte, wie der CFA-Franc afrikanische Länder, einstige Kolonien, bis dato in Abhängigkeit gefangen hält.

Die entscheidende Frage in Afrika sei: Wer ist abhängig von wem? Andererseits sei auch die Welt von Afrika abhängiger geworden als man annehme. Weiterhin seien, Ze Belinga, im Westen weiterhin negative Diskurse über Afrika im Umlauf.

Der CFA-Franc bedinge es, dass von den afrikanischen Ländnern erwirtschaftete Devisen in Frankreich deponiert werden: Afrikanische Länder haben exportiert, Devisen kassiert – diese müssen aber dann nach Frankreich (als Sicherheit für den Wechselkurs) geschickt werden.

Martial Ze Belingas Fazit: „Alternativen zum CFA-Franc müssen kreativ bleiben und offen für Optionen auf gemeinsame Währungen, lokale Währungen und Steuerwährungen sein. Das wichtigste ist die industrielle, sozial nachhaltige und ökologische Transformation. Dies bedeutet eine Abkehr von den klassischen Kriterien der nicht-interventionistischen Makroökonomie, die Annahme einer Dosis wirtschaftlichen Schutzes.“ Und weiter: „Die Afrikaner müssen auch die Werte, die ihnen wichtig sind, wie Ubuntu*, in ihre Institutionen integrieren, denn Geld vermittelt Werte. So wie der CFA-Franc die Kolonialbeziehungen (Zwangsarbeit, Rohstoffe usw.) vermittelt hat, müssen sich die Post-CFA-Währungen auf die alten monetären Vorstellungen des Kontinents (Nzimbu, Shat usw. und auf andere Erfahrungen der Welt stützen, um an afrikanischen Werten und Projekten in der heutigen Welt angepasten Währungsinstitutionen aufzubauen.“

Über den CFA-Franc lesen Sie bitte hier und hier mehr.

*Über Ubuntu hier mehr

Dr. Dereje Alemayehu: Die Länder des globalen Südens leiden am stärksten unter der Gewinnverschiebung multinationaler Konzerne

Dr. Dereje Alemayehu ist derzeit Executive Coordinator der Global Alliance for Tax Justice, war ander Gründung des Steuergerechtigkeitsnetzwerks

Dr. Dereje Alemayehu.

Afrika beteiligt und Vorsitzender des Globalen Bündnisse für Steuergerechtigkeit.

Dereje Alemayehu spricht sehr gut Deutsch. Dennoch bat er das Publikum vor eventuellen Fehlern in seinem Vortrag im Vorhinein um Verständnis. Mit seinem Bonmot „Deutsche Grammatik war immer ausländerfeindlich“, sorgte Dr. Dereje Alemayehu für zustimmende allgemeine Heiterkeit im Raume.

In seinem Vortrag erinnerte Alemayehu an den 100. Jahrestag der Berlin-Konferenz (auch Kongo-Konferenz genannt) im Jahre 1985, auf welcher der afrikanische Kontinent an westliche Kolonialmächte verteilt wurde. Damals sei Willy Brandt (Vorsitzender der Nord-Südkommission) gewesen.

Während einer Podiumsdiskussion habe deren Moderator den Präsidenten von Tansania Julius Kambarage Nyerere, Vorsitzender der Süd-Kommission („Nyerere-Kommission“)

gefragt, für was alles dem Kolonialismus die Schuld gegeben werden könne. Dereje Alemayehu erinnert sich noch heute genau an die Antwort: Julius Kambarage Nyerere, der wie ein guter Onkel wirkte, habe sinngemäß Folgendes geantwortet: Von hundert Jahren habe der Kolonialismus 70 Jahre regiert und 30 Jahre das unabhängige Tansania. Die Verantwortung liege demnach bei 70 zu 30.

NGOs, so Alemayehu, hätten einmal gefragt, wer für Geldabflüsse, resp. Ressourcenabflüsse, aus Afrika verantwortlich sei. Ressourcenabflüsse Die Masse dürfte antworten: korrupte afrikanische Länder. Dass Korruption ein ernstzunehmendes Problem sei, wolle er nicht bestreiten, räumte der Referent ein. Da gebe es auch nichts daran zu verteidigen. Allerdings stünde Korruption bei weitem nicht an erster Stelle, der Geldabflüsse. 2013 sei die UN-Kommsission für Wirtschaft dieser Frage nachgegangen. Das Ergebnis: Zu 60 Prozent resultierten Ressourcenabflüsse aus Afrika aus Handelstätigkeiten und wirtschaftlichen Tätigkeiten. Vierzig Prozent gingen auf das Konto von Korruption und Kriminalität. OSZE-Generalsekretär habe einmal in einem Bericht zu bedenken gegeben, dass für jeden Dollar, der als Entwicklungshilfe in die Entwicklungsländer kommt, drei Dollar als illegale Ressourcenabflüsse die Länder verlassen.

Ein Beispiel, das wir auch in Europa betreffs der Steuerzahlungen großer Konzerne kennten, wurde genannt: Ein Kiosk in Accra zahle mehr Steuern als ein großer Brauereikonzern in Ghana.

Ein weiteres Beispiel, dass einen die Haare zu Berge stehen lasse, sei die Tatsache, dass die britische Kanalinsel Jersey als größter Bananen-Exporteur nach Europa gelte. Und das, obwohl dort keine einzige Bananenpalme gedeihe!

Und noch etwas, dass bezeichnend ist und dem Fass den Boden ausschlage: Im Steuerparadies Cayman Islands seien an einer Adresse 18 000 Firmen registriert.

Es müsse doch gefragt werden, warum es solche Strukturen gibt.

Ginge es nach Transperency International wäre die Schweiz eines der saubersten Länder der Welt. Indes, wir wüssten es besser, warf der Referent in den Raum.

Bestechung sei nur ein Teil von Korruption. Wenn ein Polizist in Afrika bestochen werde, sei das sichtbar. Unsichtbar dagegen seien die Praktiken der großen Bonzen weltweit.

Die Schweiz verdiene mehr Geld an Kupfer als der Kupferexporteur Sambia, obwohl im Land der Eidgenossen kein Kupfer vorkäme. Steuerflucht, Steuerhinterziehung und vielfältiger Betrug seien ein weltweites Problem. Dr. Dereje Alemayehu mit seiner schmunzelnd hervorgebrachten Feststellung:

„Korrupte afrikanische Eliten haben die Schweiz nicht gegründet.“

Afrikanische Staaten seien mehr von Steuern abhängig als reiche Länder. Afrika sei heute ein Gläubigerkontinent gegenüber Westen.

Dr. Dereje Alemayehus Fazit:

Korruption ist eine Krankheit, aber bei weitem nicht die einzige. Hinzu kämen Steuerflucht und Steuervermeidung. Das System werde global von reichen Ländern beibehalten. Ressourcen würden abgesaug, was die Reichen immer reicher mache und die Kluft zwischen Arm und Reich stetig besorgniserregend vergrößere. Die Länder des globalen Südens leiden am stärksten unter der Gewinnverschiebung multinationaler Konzerne – auch aus Deutschland – und illegitimen Finanzströmen in Richtung der internationalen Finanzmärkte. Geld, das dringend für Bildung, Gesundheit und soziale Sicherung benötigt wird.

(Dazu passend ein Interview mit Dr. Dereje Alemayehu via africavenir2009/You Tube)

10. Afrika Ruhr Festival in Dortmund bot viele Höhepunkte und war Begegnungsplattform für viele unterschiedliche Menschen

Kolumbianerinnen vor der Friedenssäule in Dortmund auf dem Friedensplatz. Fotos: C. Stille

Zwanzig Jahre gibt es den Verein Africa Positive e.V. Dortmund. Die umtriebige Vereinsvorsitzende Veye Tatah hat dieses Jahr einmal mehr mit vielen ehrenamtlichen HelferInnen das nun bereits 10. Afro Ruhr Festival organisiert. Es ist das im Ruhrgebiet wohl größte interkulturelle Festival. Vom 28. bis 30 Juni standen im Dietrich-Keuning-Haus (DKH) Tanz, viel Life-Musik – bestritten u.a. von Instrumentalisten und Sängern aus Kolumbien und Jamaika, die verschiedene traditionelle Musikstile präsentierten – auf dem Programm. Des Weiteren zogen ein Jugendprogramm, Vorträge mit einer Podiumsdiskussion, Fachforen und ein Afrika-Markt die BesucherInnen an. Menschen unterschiedlichster Herkunft – bei weitem nicht nur mit afrikanischen Wurzeln, sondern auch aus Kolumbien, Chile, Vietnam und vielen anderen Gegenden unserer Welt viele davon zuhause in der Nordstadt – begegneten sich in vielfältiger Form, tauschten sich aus und hatten Spaß zusammen. Bei brütender Hitze boten draußen vor dem Dietrich-Keuning-Haus mehrere Stände kulinarische Speisen und Getränke an. Das Fazit von DKH-Chef Levent Arslan: „Es war

Kinder von einem tamilischen Verein. Hinten Mitte: DKH-Leiter Levent Arslan.

in der Tat in diesem Jahr eine ganz besondere Stimmung. Mittlerweile hat sich das Festival zu einem Ereignis über unsere Stadt- und Ruhrgebietsgrenzen hinaus entwickelt. Das freut uns natürlich sehr.“ Arslan sprach davon, dass zirka mehr als 4000 Gäste das Afro Ruhr Festival 2019 besucht hätten.

Parade der Vielfalt“ vom Friedensplatz mit Höhepunkten unterwegs in die Gefilde der Nordstadt

Die „Parade der Vielfalt“ bringt Lebensfreude in die Dortunder City.

Zu einem Höhepunkt auch des diesjährigen Festivals gestaltete sich die „Parade der Vielfalt“. Sie eröffnete das dreitägige Festival am vergangenen Freitag. DortmunderInnen mit oder ohne Migrationshintergrund, sowie Gäste der Stadt, fanden sich als bunte Truppe, darunter auch Kinder, bekleidet mit phantasievollen und traditionellen Kostümen und Gewändern am Freitagnachmittag auf dem Friedensplatz vor dem Rathaus ein und präsentierten sich zu Trommelklängen auf dessen Treppe mit Blick auf die Friedenssäule. Bürgermeisterin Birgit Jörder war zum Empfang der Parade erschienen. Dann starteten die Menschen zur „Parade der Vielfalt“, angeführt von der Formation Schwarz-Rot Atemgold 09 sowie anderen Musikern, ihren Marsch durch die Stadt. Es ging hinunter in die Stadt über den Westenhellweg zur Kampstraße. Unmittelbar an der Fußgängerzone wurde ein Kreis gebildet. Bei Blasmusik und zu leidenschaftlichen Trommelklängen und zu heißen Rhythmen tanzten kolumbianische Frauen leidenschaftlich und verkörperten, natürliche ungebremste Lebensfreude. Tamilische Kinder in ihren schönen Trachten und dem Schmuck im Gesicht eroberten die Herzen Menschen.

Ein Feuerspucker in der Dortmunder Innenstadt.

Ein Feuerspucker war das absolute absolute Highlight bei diesem Stopp der Parade. Dann ging es weiter über die Kampstraße und die Katharinentreppe hinab. Auf dem Platz davor gab es abermals ein Halt mit Tanz- und Musikdarbietungen, welche die Passanten neugierig machten. Dann zog die „Parade der Vielfalt“ unter wolkenlosem Himmel und bei brütender Hitze – die Menschen im Pulk schon von weitem als knallbunte Tupfer sichtbar – in die Gefilde der Nordstadt ein, um schließlich den Festivalort, das DKH, zu erreichen.

Das dreitägige Programm eröffnete nach Begrüßungsworten von Veye Tatah und Levent Arslan eine Kindergruppe eines tamilischen Vereins

Dort eröffneten Veye Tatah und Levent Arslan – sie hatten ebenfalls an der Parade teilgenommen – gemeinsam feierlich das 10. Afrika Ruhr Festival, das eine einzigartige Begegnungsplattform für möglichst viele unterschiedliche Menschen, sein will. Eine Kindergruppe eines tamilischen Vereins eröffnete das Programm. Musik und Tanzgruppen aus Europa, Afrika, Lateinamerika sowie Asien

Levent Arslan und Veye Tatah eröffnen im Dietrich-Keuning-Haus das Afro Ruhr Festival 2019.

trafen aufeinander und feierten drei Tage gemeinsam. Ein Glanzlicht des ersten Festivaltages dürfte Aicha Kouyate aus Oberguinea gewesen sein, die vor allem in Westafrika eine bekannte Griot-Sängerin ist.

Life-Musik unterschiedlicher Stile, Tänze mit Trommelbegleitung, ein Kinder- und Jugendprogramm – pickepacke voll das Programm am Samstag

Pickepackevoll auch das Programm des zweiten Tages des Afro Ruhr Festivals, der Samstag. Trotz kleiner Verzögerungen im Programmablauf war in der Agora des DKH fast ständig etwas los. Trommelaktionen und Tanz, ein Kinderprogramm und Programm von Jugendlichen mit Poetry Slam, Chorgesang und Tanz auf der offenen Bühne u.a. mit Voice of Tomorrow, Sing 4 you und der Gruppe Dance 4 you – als Aktion der Koordinierungsstelle des Jugendamtes Dortmund, Bereich Kinder- und Jugendförderung aus dem afrikanischen Kulturbereich.

Roughhouse.

Begeistert waren das Publikum vom traditionellen Tanz der Gruppe Mecuda NRW und nicht weniger von Auftritt von Roughhouse, der mit seiner Band und einer

Die Gruppe Mecuda NRW.

harmonisch-fließenden musikalischen Mischung aus Roots-Reggae und Dancehall zu gefallen wusste. Der für den Abend angekündigte Act es Kameruners „Mr. Leo“ musste entfallen: Der Künstler hatte kein Visum für Deutschland bekommen.

Weiter zu erleben waren Tänze aus dem Senegal mit Trommelbegleitung mit Dame Diop und Joe Camara & friends.

Alexandra Wiemer von Radio 91,2 interviewte Veye Tatah zum Thema „10 Jahre Afro Ruhr Festival – Rückblick und Ausblick“. Die Zuschauer erfuhren viel über

Als Miss und Mister Afro Ruhr 2019 gekürt: Geraldine und Khaled.

die nicht immer einfachen Anfänge des Festivals. Alexandra Wiemer überreichte Veye Tatah sozusagen als süßen Dank für das jahrelange Engagement nicht nur für das Afro Ruhr Festival eine Schale selbst gepflückter Kirschen.

Geraldine und Khaled wurden zu Miss und Mister Afro Ruhr 2019 gekürt

Nicht einfach gestaltete sich zunächst die Wahl Miss und Mister Afro Ruhr 2019 – zu viele aussichtsreiche KandidatInnen machten sie zu einer Qual der Wahl. Dann

Gruß- und Dankesworte vom Dortmunder Stadtdirektor und Kulturdezernenten Jörg Stüdemann.

aber eroberten Geraldine und Khaled die Herzen des Publikums. Ihr Preis: jeweils ein 100-Euro-Gutschein für jeweils zwei unterschiedliche Afro-Shops.

Gruß- und Dankesworte von Kulturdezernent Jörg Stüdemann

Stadtdirektor und Kulturdezernent Jörg Stüdemann überbrachte Grüße der Stadt Dortmund und beglückwünschte alle am Gelingen des nunmehr schon 10. Afro Ruhr Festivals zu ihrer wertvollen Arbeit und sprach ihnen seinen Dank aus.

Catalina Valencia und Baterimba Band vermittelten lateinamerikanisches Feeling

Auf eine rhythmische Reise zwischen Jazz, Funk, und lateinamerikanische Musik nahmen Catalina Valencia und Baterimba Band aus ihrem Projekt „Marices“ das Publikum mit. Ihre Songs erzählten vom Alltäglichen, der Liebe, bunten Charakteren und der Sehnsucht. Sie

Catalina Valencia and Baterimba Band.

vermittelten lateinamerikanischen Feeling. Große Emotionen! Kolumbischstämmige Frauen und auch ein paar Mutige aus dem Publikum tanzten, dass der Schweiß in Strömen floss.

Hochinteressant am Samstagnachmittag die Vorträge und eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Bald 60 Jahre Unabhängigkeit und immer noch in den Fängen des Kolonialismus?“. Unter anderen getragen Attac. Die brillant und kenntnisreich argumentierenden Experten die referierten, waren Dr. Boniface Mabanza Bambu (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika KASA), der Wirtschaftswissenschaftler Martial Ze Belinga und Dr. Dereje Alemayehu (Executive Coordinator der Global Alliance for Tax Justice). Eine Erkenntnis daraus: Nach der Entlassung blieben bis heute viele afrikanische Staaten in Abhängigkeit der einstigen Kolonialherren. Ein negative Rolle dabei spielt der CFA-Franc, erfuhren die interessierten ZuhörerInnen im voll besetzen Raum 204 des DKH. 14 ehemalige französische Kolonien benutzen seit 1945 eine Währung, die in der Kolonialzeit von französischen Kolonialherren eingeführt wurde. Kritiker sprechen von einen System „freiwilliger Knechtschaft“ und verurteilen den CFA-Franc als „imperiales Machtinstrument“. Wirtschaftswissenschaftler Martial Ze Belinga erklärte wie der CFA-Franc afrikanische Länder, einstige Kolonien, in Abhängigkeit gefangen hält.

Moderator, Dr. Bonface Mabanza Bambu, Martial Ze Belinga und Dr. Dereje Alemayyehu (v.l.)

Auch mit einem immer wiederkehrenden Argument, wonach die afrikanischen Länder allein an ihrer Korruption krankten, wurde aufgeräumt. Freilich sei die nicht kleinzureden. Aber seien auch Ressourcenabflüsse aus Afrika durch die Ausbeutung seitens der westlichen Wirtschaft mit zu bedenken, die den afrikanischen Ländern für deren Entwicklung fehlen. Ein UN-Panel, so referierte Dr. Dereje Alemayehu habe 2013 herausgefunden, dass zu sechzig Prozent Ressourcenabflüsse aus Afrika Handels- und Wirtschaftsaktivitäten von meistens westlichen Unternehmen stammten. Vierzig Prozent aus Korruption und aus Kriminalität. Der OECD-Generalsekretär habe in einem Bericht einmal gesagt, für jeden Dollar der an Entwicklungshilfe in die Entwicklungsländer kommt, gingen drei Dollar als illegale Ressourcenabflüsse.

Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion.

Erzähl mal, wie du es geschafft hast! – zu Gast die künftige Intendantin des Schauspiels Dortmund

In der Afrika Positive-Reihe „Erzähl mal, wie du es geschafft hast! – Jugendliche sprechen mit einem Vorbild“ war Julia Wissert zu Gast, die ab der Spielzeit 2020/2021 Intendantin des Schauspiels Dortmund sein wird.

Familiensonntag zum Abschluss des Afrika Ruhr Festivals

Afrika Markt.

Der letzte Tag des Festivals ist traditionell ein Familiensonntag. Dargeboten wurde ein buntes Programm für alle Generationen. Sowohl im Außenbereich als auch im Haus fanden Aktionen und Workshops für Kinder- und Jugendliche statt. Das Bühnenprogramm war ebenfalls auf die ganze Familie und ausgerichtet und wurde mit Freude aufgenommen.

Weitere Impressionen im Bild

„Globalisierung konkret“ bei Attac Dortmund: Merle Groneweg von PowerShift e.V. referierte zum Thema „Alles für uns!? – Die EU-Handelspolitik und der Globale Süden“

Till Strucksberg (Attac Dortmund). Fotos (3): C. Stille.

Was Till Strucksberg von Attac Dortmund zur Einstimmung dem Vortrag von Merle Groneweg (PowerShift e.V.) voran schickte stand im Zusammenhang mit dessen Thema: „Alles für uns!? – Die EU-Handelspolitik und der Globale Süden“. Die Dortmunder Stadtwerke DSW21 und die Dortmunder Energie und Wasser DSW21 seien nämlich an einem Stadtwerkekonsortium beteiligt, dass der STEAG gehört. STEAG beziehe seine Importkohle hauptsächlich vom größten Tagebau der Welt, der Mine El Cerrejón, gelegen in einer der ärmsten Regionen Kolumbiens. Wo, wie Strucksberg informierte, die Kohle „zu unsäglichen Bedingungen abgebaut wird“. „Menschen werden teilweise gemeinsam vertrieben, die Anwohner – meistens Indigene – leiden unter schwerer Luftverschmutzung und dem Abbau des größten Tagebaues in Lateinamerika.“ Der Abbau werde durch stündliche Sprengungen mit Dynamit betrieben (Attac Dortmund dazu hier und hier.)

Kein Einzelfall

Zwei große Konzerne, so Till Strucksberg, machten erhebliche Gewinne, „doch nichts kommt vor Ort an“. Die Stadt Dortmund verzeichne „erhebliche Gewinne – etwa 30 Millionen jährlich“ durch die Beteiligung an STEAG, was „unseren Haushalt aufhübscht“. Doch wie es dort vor sich geht, darum kümmere sich kaum einer. Unterdessen habe es Attac durch Aktivitäten über einen längeren Zeitpunkt hinweg geschafft, dass man inzwischen vom Oberbürgermeister gehört werde, der einen Gesprächskreis eingerichtet habe. Dies, betonte Strucksberg, sei kein Einzelfall. Damit leitete der Attac-Aktivist zur Vorstellung der Referentin aus Berlin über.

Global Europe und Handel für alle

Zunächst sprach Merle Groneweg über Global Europe and Trade for all (dazu hier und hier etwas) – Handelsstrategien der EU. Letzteres sei eine Reaktion auf den Stillstand betreffs der WTO-Verhandlungen. Dazu hier mehr und zu den Free Trade Agreements (FTAs). Eine Reaktion sei das auch auf den Widerstand von Ländern des Globalen Südens ihre Märkte für die EU und der Liberalisierung (sprich: weitere Privatisierungen zu fordern) zu öffnen. So habe sich die EU eben etwas anderes ausgedacht, um ihre Ziele quasi geschickt über gewisse Umwege doch noch zu erreichen. Es gehe der EU im Wesentlichen auf darum, sogenannte nichttarifere Handelshemmnisse (Steuern auf Ex- bzw. Importe) abzubauen.

Druck auf die Staaten des Globalen Südens, dem die kaum Paroli bieten können

Seit den Widerständen gegen TTIP und Ceta, war zu erfahren, habe die EU dazugelernt und etwa der Passus „verantwortungsbewusstere Handels- und Industriepolitik“ in einen Text eingefügt. Was nicht heißt, dass die Länder des Globalen Südens heute wirklich gleichberechtigte Handelsbedingungen im Vergleich zu ihren EU-Partnern erhalten hätten. Auf sie wird ein ziemlicher Druck aufgebaut, dem die wenigsten Länder des Globalen Südens Paroli bieten können. Zumal, wie Till Strucksberg zu sagen wusste, dann die Länder des Westens schon einmal mit der kaum verhüllten Drohung winkten, die Entwicklungshilfe bei wenig oder keinem Entgegenkommen auch zu drosseln können. Im Grunde, sagte Groneweg, mache die EU selber klar, Entwicklungshilfe gebe es gegen entsprechendes Entgegenkommen der Länder und für die ungehinderte und sozusagen „diskriminierungsfreie“ Lieferung von Rohstoffen. Schon deshalb sind die Handelsbeziehungen nicht im Gleichgewicht, weil viele Rohstoffe nicht Vorort veredelt, in geringem Maße oder überhaupt nicht weiterverarbeitet werden, was – wäre dem nicht so – eigentlich Arbeitsplätze schüfe. Der Westen respektive die EU und die dortigen Konzerne hätten meist auch gar kein Interesse eine verarbeitende Industrie in den Staaten des Globalen Südens durch Investitionen zu befördern.

EU braucht „ungehinderten Zugang zu Rohstoffen“

Merle Groneweg zitierte in diesem Kontext den früheren EU-Handelskommissar Karel de Gucht: „Wir sind die größte Volkswirtschaft der Welt,

Die Referentin reagiert auf das Publikum.

deshalb brauchen wir ungehinderten Zugang zu Rohstoffen.“ Einem Zuhörer entfuhren ob diesem Zitat die nicht ins ganz Abwegige gehenden Fragen: „Was steckt da dahinter? Unter allen Umständen? Muss man auch Krieg führen deswegen?“ Soweit wollte indes Merle Groneweg nicht gehen.

Der Export von landwirtschaftlichen Produkten aus der EU beraubt lokale Bauern in den Entwicklungsländern ihrer Einnahmequellen

Des Weiteren mache die EU durch einen Export von landwirtschaftlichen Produkten (hier in irrsinniger Überproduktion entstanden bzw. hier nicht absetzbar: Schweine, Hühnerfüße oder Milch und Milchpulver) etwa nach Afrika die dortigen Bauern kaputt, die preislich gegenüber diesen Mengen überhaupt nicht mithalten könnten. Da nütze es auch nicht sonderlich viel, dass die EU frühere Direktsubventionen dieser Exporte eingestellt habe. Denn nun fordere man halt stattdessen die Absenkung bzw. Abschaffung von Zöllen. Afrikanische Staaten dürften etwa gar keine Einfuhrzölle mehr erheben, wenn sie Nahrungsprodukte importieren.

An der Demokratie vorbei

Angesprochen wurde auch die Praxis der Regulatorischen Kooperation (im Rahmen von TTIP ruchbar geworden). Was nichts anderes heißt, wie Till Strucksberg auf Nachfrage der Referentin einwarf, im Grunde nichts anderes heiße, als das etwa ein Gremium eingerichtet werde, das „schon im Vorfeld einer Gesetzgebungsinitiative darüber informiert werde, was ablaufen soll und beratend eingreifen kann“. Heiße, das geschehe schon bevor unsere Abgeordneten die Gesetze überhaupt vorgesetzt bekämen. Schon wisse das Gremium was beabsichtigt ist und könne Einfluss nehmen. Was also freilich der Demokratie zuwiderlaufe. Dazu käme der Race to the bottom, was einen Abwärtswettlauf, den stetigen Abbau von Sozial-, Arbeits- und Umweltstandards bedeute. Der Bevölkerung werde das oft über Banalitäten verkauft, etwa der Vereinheitlichung von Pkw-Blinkerhöhen in den USA und der EU – wer werde da schon dagegen sein?

Ein interessantes Thema, alles in allem ein interessanter Vortrag, der gewiss dazu anregt sich noch umfangreicher darüber zu informieren. Es war dies eine weitere Veranstaltung in der Reihe „Globalisierung konkret“ in Kooperation mit: Attac Dortmund,  DGB Dortmund-Hellweg

Am Rande bemerkt: Wir müssen uns nicht „totgoogeln“

Gastgeber Till Strucksberg ging nach dem Referat noch kurz schmunzelnderweise auf eine Äußerung ein, die Merle Groneweg sicher gewohnheitsmäßig über die Lippen gegangen war. Sie hatte an einer Stelle gesagt, sie habe sich wegen einer Informationen „beinahe totgegoogelt“. Strucksberg wies freundlich und durchaus zum Nachdenken animierend daraufhin, dass es auch noch andere Suchmaschinen gebe, die man benutzen könne.

24. Friedenspolitischer Ratschlag in Kassel (Teil 3) – Karin Leukefeld: „Teile und herrsche in Syrien – wie Deutschland in der Levante Einfluss nehmen will

Eine ziemlich sichere Bank, wenn es um Informationen über die Situation in Syrien geht, ist die Journalistin und Nahost-Korrespondentin Karin Leukefeld (ihre Homepage finden Sie hier) mit ihren Berichten. Sie lebt längere Zeit immer auch selbst im Land. Leukefeld hat eine Wohnung in Damaskus. Im Jahre 2010 wurde sie von der syrischen Regierung akkreditiert. Nach Beginn des Syrien-Krieges war sie zeitweise die einzige deutsche Journalistin mit Akkreditierung in Syrien.

Einstieg über die Geschichte Syriens

Am 2. Dezember 2017 war Karin Leukefeld zu Gast beim 24. Friedenspolitischen Ratschlag in Kassel. Thema ihres Referats: „Teile und herrsche in Syrien – wie Deutschland in der Levante Einfluss nehmen will“

Als Einstieg informierte die Journalistin noch einmal kurz über die Geschichte Syriens, deren Kenntnis äußerst wichtig ist, will man heute die immer noch damit in Korrespondenz stehenden Konflikte in der Region verstehen. (Dazu erfahren Sie hier mehr in einem meiner frühere Berichte über einen Vortrag Leukefelds in Herne.)

Der Kampf um Rohstoffe, Wasser und die Restaurierung von Kulturstätten

Leukefeld wies auf die in Sachen Rohstoffen, Landwirtschaft und geostrategischer Hinsicht wichtige Region besonders des Gebietes „Fruchtbarer Halbmond“ hin. (Dazu ist hier mehr zu erfahren. Quelle: NachDenken … in München)

Darüber hinaus machte die Journalistin darauf aufmerksam, dass Wasser im Begriff ist zu einer Kriegswaffe zu werden. Ebenso rückten seltener werdende Rohstoffe in den Fokus der Interessen. Öl und Gas (in der Levante vorhanden) würden knapper. Selbst um Kulturstätten – Syrien gehöre zur Wiege der Zivilisation – wie etwa Palmyra – verzeichne man einen Kampf, in welchem es darum gehe, wer diese wieder wird restaurieren dürfen. Jede Menge Konflikte seien also programmiert.

Deutschland mischt wieder mit. „Alles Kriege hin nach Osten“

Deutschland, das nach dem Ersten Weltkrieg und dann erst recht wieder nach dem Zweiten Weltkrieg nichts oder kaum etwas zu sagen hatte in der Region und auch sonst, habe – so Karin Leukefeld – nach der Wiedervereinigung nun wieder einen anderen Weg einschlagen können. Während die BRD den Kalten Krieg hindurch bis 1989 im Grunde eine eigenständige Außenpolitik nicht hatte machen können, mische Berlin nun wieder mit. Zudem sei Deutschland wieder in Kriege eingetreten. Im Jugoslawien-Krieg wäre es um die Aufteilung des Landes gegangen. Sowie sei Berlin im Afghanistan-Krieg engagiert und indirekt im Irak-Krieg involviert gewesen. Und nun sei Deutschland gar in Sachen Syrien (im sogenannten Anti-IS-Krieg) im Spiele.

Leukefeld:

„Alles Kriege hin nach Osten.“

Mit jenem Agieren Deutschland sei auch eine Schwächung der Friedensbewegung einhergegangen (nur vor dem völkerrechtswidrigen Irak-Krieg sei es noch einmal zu enormen Protest gekommen – der allerdings ignoriert worden sei), konstatierte Karin Leukefeld in Kassel. Heute nun ginge es um die Frage „Wer regiert die Welt – nur die Amerikaner?“ Die führende Macht in Europa – das müsse man sich klarmachen – sei Deutschland. Oder werde es eine multipolare Weltordnung mit verschiedenen Machtzentren geben?

Mit diesem Machtkampf um die Weltherrschaft sei die Rohstoffknappheit ein wichtiger Punkt. Wenn es die Elektroautos geben soll, brauche es bestimmte seltene Rohstoffe. Die seien u.a. in Afrika zu finden.

Deutschland forcierte gegen Syrien: „Das schärfste Sanktionsregime, dass es seit der Gründung der Vereinten Nationen gegeben hat“

Syrien betreffend hätten die Deutschen nachdem Beginn des Krieges 2011 „ganz klar Position bezogen, indem sie gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien ihre Botschaften 2012 geschlossen haben“. Schon im Herbst 2011 habe man Sanktionen gegen Syrien verhängt. Deutschland habe diese immer wieder von der EU gefordert und stets vehement weiter zu deren Verschärfung beigetragen.

Leukefeld:

„Das schärfste Sanktionsregime, dass es seit der Gründung der Vereinten Nationen gegeben hat.“

Diese Vorreiterrolle Berlins, so die Referentin, „spielte in unseren Medien übrigens so gut wie keine Rolle“.

Fragwürdiges Agieren Deutschlands

Als fragwürdig bezeichnete Karin Leukefeld auch die seinerzeitige Stationierung von niederländischen und deutschen Patriot-Raketen auf dem Gebiet der Türkei. Vorgeblich hätten sie vor syrischen Angriffen schützen sollen – die hätte es aber nicht gegeben. Die Journalistin vermutet, sie sollten vielmehr die Waffenlieferungen an die „Rebellen“ und deren Zufluss absichern, die gegen Syrien kämpften.

Auch ein deutsches Aufklärungsschiff im Rahmen einer UNO-Mission, ausgerüstet mit Lauschsystemen, sei im östlichen Mittelmeerraum stationiert worden. Es habe Waffenschmuggel in den Libanon verhindern sollen. „Dieses Schiff hat nicht mitbekommen, dass schiffeweise Waffen aus Libyen in den Libanon oder in den türkischen Hafen Iskenderun gebracht wurden.“ Erst als die Libanesen selbst ein Schiff mit Waffen festgehalten hätten, habe sich offiziell herausgestellt, dass es diesen Waffentransport aus Libyen gibt. Um letztlich Waffen nach Syrien zu transportieren. Ein libanesischer Sicherheitsoffizier habe Leukefeld gegenüber berichtet, „dass es die Deutschen tatsächlich geschafft haben acht Schiffe nicht mitzukriegen.“ Man könne das so interpretieren, „dass die Deutschen absichtlich in die andere Richtung geguckt haben“. Überdies soll es in Syrien 50 deutsche Spezialkräfte in Syrien gegeben haben, die kurdische Kräfte ausgebildet hätten. Die Bundesregierung dementiere das jedoch.

Humanitäre Hilfe direkt an Damaskus verweigere Deutschland allerdings Syrien solange bis Assad nicht mehr Präsident sei. Die Opposition allerdings habe Berlin von Anfang unterstützt. Sogar die Partei des Politischen Islam, die syrische Muslimbruderschaft, unterstütze Westdeutschland bereits seit 1982.

Wie Oppositionelle im Interesse Deutschlands benutzt und Fachkräfte aus Syrien gezielt abgeworben werden

Übrigens, merkte Karin Leukefeld an, habe schon das deutsche Deutsche Reich den heiligen Krieg für den Kaiser instrumentalisiert, um den Gegner zu schwächen. Die Wahrnehmung deutscher Interessen in der Region lägen bereits 150 Jahre zurück. Auch die Taktik, fremde Gruppen, Oppositionelle, aus anderen Ländern aufzunehmen, um sie gegebenenfalls später im eignen Interesse ins Spiel zu bringen, verfolge (nicht nur) Deutschland schon lange – bis heute. Auch Fachkräfte aus Syrien würden mithilfe der deutschen Industrie und deutscher Organisationen gezielt abgeworben. Des Weiteren werbe man ebenso Journalisten und Künstler aus Syrien ab. Deutschland und die Vereinigten Arabischen Emirate finanzierten mittels eines Fonds gemeinsam die syrische Opposition. Auch diese Bestrebung gebe es: Die Provinz Idlib solle zu einer modernen Republik gemacht werden. Dies u.a. meint Karin Leukefeld mit „Teile und herrsche“. Die Journalistin gibt dazu zu bedenken:

„Wenn man die Gesellschaft nicht insgesamt unterstützt, sondern nur einzelne Bereiche und gleichzeitig die andere Seite verteufelt und den Dialog und die Unterstützung nicht aufnimmt, dann ist es ganz klar, dass man eine Gesellschaft auseinandertreibt und damit natürlich auch eine Spaltung vornimmt.“

Humanitäre Hilfe – so stellt Leukefeld klar – müsse unabhängig von politischer Zuordnungen allen Menschen im Lande zugänglich gemacht werden. Dazu gehöre ihrer Meinung nach die Beendigung der Sanktionen.

Karin Leukefeld vermittelte, dass die ganze Region und somit auch Syrien in das neue Projekt Neue Seidenstraße eingebunden ist. Es ginge um den Zugang zu Rohstoffen sowie Wirtschaftstransporte mit China als die neue große Weltmacht.

Einen endgültigen Frieden für Syrien vermochte die Referentin in nächster Zeit

Karin Leukefeld beim 24. Friedensratschlag in Kassel. Fotos. C. Stille

noch nicht zu vorherzusehen. Zu viele Interessen stießen dort zusammen.

Quelle Video: Das Interview mit Karin Leukefeld haben die Kollegen von weltnetz.tv geführt und aufgezeichnet.

24. Friedenspolitischer Ratschlag in Kassel (Teil 2) – Prof. Domenico Losurdo: „Dekret über den Frieden“ so aktuell wie vor 100 Jahren

Der italienische Philosoph Prof. Domenico Losurdo sprach in seinem Vortrag auf dem 24. Friedenspolitischen Ratschlag in Kassel von einer ernsten Gefahr eines dritten Weltkrieges. Und als er feststellte, „Wir leben in einer Vorkriegszeit“, fühlte man sich sogleich an den verstorbenen Sozialdemokraten Egon Bahr erinnert, welcher im Jahre 2013 SchülerInnen schockte, indem er mit der Erinnerung an die eigne Vergangenheit gleiches konstatierte: „Hitler bedeutet Krieg“, habe sein Vater 1933 zu ihm gesagt. Als Heranwachsender habe er das nicht geglaubt. Und so sei das jetzt wieder: „Ich, ein alter Mann, sage euch, dass wir in einer Vorkriegszeit leben.“ (Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung) Thema seines Referats: 100 Jahre „Dekret über den Frieden“ (und dessen Bedeutung in der angespannten weltpolitischen Lage von heute).

Ideologie des Krieges abermals auf dem Marsch

Die Ideologie des Krieges beginne wieder zu greifen, mahnte Prof. Losurdo. Und zwar nach bekannten Mustern der Vergangenheit. Jedenfalls sei die derzeitige Lage wenig ermutigend. Die Erzählung von aktuellen Kriegsgefahr töne immer prominenter in der internationalen Presse. China und Russland sind Gegner der Demokratie heißt es. Der Westen und dessen stets apostrophierten Werte würde dagegen als der Hort der Demokratie hochgehalten. Es entstünde eine konfrontative Situation. Dies sei aber keinesfalls neu, betonte Prof. Losurdo. Und er sprach die Gründung der NATO an. Da sei die Situation ebenfalls besorgniserregend gewesen. Es sei überlegt worden, einen nuklearen Angriff zu entfesseln. Die bürgerliche, die westliche Demokratie hieß seinerzeit, sei eine Garantie für die Frieden. Als Italien der NATO beitrat habe Palmiro Togliatti, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei (PCI), einst darauf hingewiesen, dass es einfach nicht wahr sei, dass Demokratien keine Krieg führte. Die USA hätten Angriffskriege gegen Spanien geführt und zuvor gegen Indianerstämme, um diese zu vernichten. Die Beispiele könnten bis in die Gegenwart fortgesetzt werden.

Domenico Losurdo: Die Kriegsideologie wendet sich direkt gegen China und Russland

Domenico Losurdo warf einen Blick auf die zahlreichen aktuellen Krisenherde im Mittleren Osten und Afrika. Er nahm aber auch die Lage in Korea, der Ukraine und nicht zuletzt Venezuela in den Fokus. All dies seinen Anzeichen einer sich zuspitzenden Situation. Sukzessive Kriegsvorbereitungen würden getroffen. Die Kriegsideologie wende die sich direkt gegen China und Russland. Diese beiden Staaten seien jedoch gerade diejenigen, welche sich den imperialistischen Abenteuern der letzten Zeit widersetzten und auf der Seite des Völkerrechts stünden.

Die USA und die NATO tragen die Verantwortung für verheerende Interventionen

Den USA und der NATO wies Losurdo die Verantwortung für die direkt oder indirekt geführten, ganze Regionen verheerenden militärischen Interventionen der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart in Afghanistan, Irak, Syrien sowie Libyen und weiteren Staaten Afrikas zu – mit tausenden von Opfern. Vor allem Russland und China träten diesen geostrategischen Machtinteressen dienenden Interventionen strikt entgegen. Weshalb sie den Aggressionen der USA und ihrer westlichen Verbündeten ausgesetzt seien.

Kritik am „barocken Aberglauben“ westlicher Linke

Der Referent kritisierte den „barocken Aberglauben“ westlicher Linke, dass alle Staaten auf eine Stufe zu stellen seien, gleich kapitalistisch bzw. gleich imperialistisch agierten.

Linke Kräften muss es wie vor 100 Jahren um den Kampf für den Frieden gehen

Heute so Losurdo, gehe es darum die Interessen der ganzen Nation zu erkennen. Dabei müsse es gerade den linken Kräften genauso wie vor 100 Jahren um den Kampf für den Frieden gehen. Besonders mit Blick auf die aktuellen Krisenherde in Korea, im Irak, in Syrien oder im Jemen. Hierbei sollte stets die schwelende Weltkriegsgefahr im Hinterkopf behalten werden. Der absoluten Macht der USA, die diese nahezu um jeden Preis erhalten wollten, müsse der Kampf für den Frieden entgegen stehen „Haben wir keine Angst vor einer massenhaften Friedensbewegung!“, machte Losurdo den ZuhörerInnen im Hörsaal Mut.

Das „Dekret über den Frieden“ wieder aktuell wie zur Zeit seines Erlasses

Das „Dekret über den Frieden“ sei heute 100 Jahre nach dessen Erlass, ist sich Domenico Losurdo sicher, in der derzeit zugespitzten weltpolitischen

Prof. Domenico Losurdo (rechts) während seines Vortrags. Fotos (2) Claus Stille.

Situation ebenso aktuell wie seinerzeit. Damals ein wichtiges Ergebnis der russischen Oktoberrevolution von 1917 und der aus ihr siegreich hervorgegangenen Arbeiter- und Bauernregierung. Ziel des Dekrets waren ein sofortiger Friedensschluss „ohne Annexionen und Kontributionen“ und das Ende der Teilnahme Russlands am Ersten Weltkrieg. Es ist der erste von einer staatlichen Regierung verfasste Erlass, der Krieg als Mittel der Politik verurteilt. Es war eine klare Ansage gegen den imperialistischen Krieg, der ein Konkurrenzkrieg der Großmächte um die Kolonien und die Versklavung der kolonialen Völker war. Das Dekret hat im Ersten Weltkrieg die Friedenskräfte in den kriegführenden Staaten unterstützt. Und darüber hinaus weltweit antikoloniale Bewegungen und auf den Plan gerufen.

Update vom 3. Februar 2018: Aufzeichnung des Vortrags von Prof. Domenico Losurdo durch Weltnetz.TV

 

Konferenz in Leipzig: „Selbstbestimmt und solidarisch! Zu Migration, Entwicklung und ökologischer Krise“

Morgen beginnt in Leipzig eine interessante Konferenz, auf welcher wichtige Themen unserer Zeit beackert werden. Sie steht unter dem Motto „Selbstbestimmt und solidarisch! Zu Migration, Entwicklung und ökologischer Krise“. Die Konferenz vom 6. – 8. Oktober 2017 ist intitiert, geplant

Vor einiger Zeit war das Fluchtschiff im Dortmunder Hafen zu Besuch, um auf die Situation von Flüchtlingsfrauen aufmerksam zu machen. Foto: C.-D.Stille

und wird durchgeführt von Geflüchteten und Migranten zusammen mit Einheimischen. Bis zu 400 TeilnehmerInnen werden erwartet. Auch aus Afrika, Lateinamerika und Asien. Die Konferenz wird organisiert von einem basisdemokratischen Vorbereitungskreis mit AktivistInnen von afrique-europe-interact, corasol, glokal e.V. und dem Konzeptwerk Neue Ökonomie Kooperation mit Brot für die Welt. Das Programm als pdf (dreisprachig) finden Sie hier.

Wie degrowth.info auf seiner Website mitteilt, ist Konferenz voll. Weitere TeilnehmerInnen können deshalb leider nicht mehr angenommen werden. Auf der Konferenz, die im Westbad, einem umgebauten Schwimmbad, stattfindet (hier mehr), treffen sich Aktivisten Bewegungsfreiheit, welche sich mit Antirassismus, Landwirtschaft, Degrowth, Klimagerechtigkeit beschäftigen.

Die Veranstalter informieren:

„Was verbindet die Diskussionen über eine gerechte Gestaltung von Migration mit der Bewegung für eine ökologisch und sozial verträgliche Wirtschaftsweise? Wie hängen alternative Konzepte wie „Degrowth“ oder „Post-Development“ mit einer dekolonialen Perspektive auf Fluchtursachen zusammen?

Flüchtlingscamp in der Dortmunder Innenstadt 2015. Foto: Stille

Diese Konferenz will die Zusammenhänge zwischen Flucht und Migration, selbstbestimmter Entwicklung und ökologischen Krisen aufzeigen. Damit wollen wir auf den ersten Blick voneinander unabhängige Fragen verknüpfen und in einem größeren Zusammenhang stellen. Und wir wollen mit der Konferenz Brücken zwischen unterschiedlichen Bewegungen schlagen.“

Zu Awareness:

to be aware = sich bewusst sein, sich informieren, für gewisse Problematiken sensibilisiert sein

„Manche von Euch“, schreiben die Veranstalter dazu, „werden sich schon mit Awareness auseinandergesetzt haben, andere lesen vielleicht zum ersten Mal davon. Wir halten es für wichtig uns alle darüber Gedanken zu machen, weil wir mit Euch zusammen ein Konferenz gestalten wollen, auf der sich niemand unwohl fühlen sollte. Awareness ist nicht nur Aufgabe des Awareness-Teams, sondern aller Teilnehmenden.

Auf dieser Konferenz treffen sich Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, gesellschaftlichen Positionierungen, vielfältigen Erfahrungen, Geschichten und Idealen. Das ist eine Vielfalt, die wir bereichernd finden. Damit sich dabei alle wohl und sicher fühlen, ist es wichtig, dass wir uns unserer eigenen Position bewusst und offen für die Positionen anderer sind. Dieses Bewusstmachen ist Teil unseres Awareness-Konzepts.

Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie und jegliche Form von Diskriminierung werden auf der Konferenz nicht gedultet. Deshalb bitten wir euch, achtsam und respektvoll miteinander umzugehen und offen für die Postionen anderer zu sein. Diskriminierungen und Grenzen verletzendes Verhalten werden klar als solche benannt, ebenso deutlich wird einem solchen Verhalten entschlossen entgegengetreten und Betroffene werden unterstützt.“ […]

Gastgeber Mark Brill (Bildung für Frieden e.V.) mit Peter Donatus (re.) Foto: Stille

Der Journalist Peter Donatus (Köln) gehört dem Organisationsteam (Presse u.a.) an. Er wird in Leipzig den Workshop Ökozid im Nigerdelta: Flucht und Migration als Folge westlicher Rohstoffpolitik (zum Thema hielt Donatus u.a. einen spannenden und hochinformativen Vortrag bei #Friedensfragen in Dortmund) leiten. Darüber hinaus wird er am Samstag (7.10.) das Große Podium am Samstag moderieren.

Eine Konferenz für alle will die Veranstaltung mit Podien, Workshops, Theater, Kultur, Open Space und ganz viel Freiraum in Leipzig sein. Und allen Beteiligten ein Höchstmaß an Austausch untereinander ermöglichen.

 

 

Zum Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus erinnert der Journalist Peter Donatus an die vergessenen Befreier

Peter Donatus während eines Vortrags in Dortmund. Foto: C.-D. Stille

Die vergessenen Befreier

von Peter Donatus

Seit gestern hat die Großmacht Frankreich einen neuen Präsidenten. In diesem Moment findet in Frankreich die diesjährige Feierlichkeit zum Kriegsende statt. Denn heute ist der 8. Mai – Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Nicht nur in Frankreich. Der historisch wichtige 8. Mai gilt traditionell in Deutschland und vielen europäischen Ländern als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus.

„(…) Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. (…)”

Ein Auszug aus der Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard Weizsäcker vor dem Bundestag im Jahr 1985. Er war der erste Bundespräsident, der Bundesrepublik Deutschland, der den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ nannte. Hierzulande gilt diese Rede als eine der wichtigsten Reden der Nachkriegsgeschichte.

Doch dieses historische Datum gibt nicht überall einen Anlass zum Feiern: In Algerien etwa gilt dieser Tag als Volkstrauertag. Zehntausende Algerier kämpften bei der Befreiung in Europa mit. Am 8. Mai 1945 wurden in der algerischen Hauptstadt/ Algier tausende Menschen von Franzosen massakriert, nur weil sie bei den Umzügen zur Feier des Kriegsendes in Europa auch algerische Fahnen bei sich trugen und damit, nach ihrem Einsatz für die Befreiung Frankreichs, auch Freiheit und Unabhängigkeit für ihr eigenes Land forderten.

Die Befreiung selbst stellt die Grundlage des heutigen modernen, bunten Wohlstandstaates Deutschlands dar. Bei den heutigen Feierlichkeiten in Deutschland und in Europa wird das Thema Die „Dritte Welt!“ im Zweiten Weltkrieg höchstwahrscheinlich wieder keine Rolle spielen, obwohl der Beitrag und die Verluste der „Dritten Welt!“ enorm sind.

Da fragt man sich:

** Wer hat eigentlich Deutschland bzw. die Welt von der Schreckensherrschaft der faschistischen Troika (Deutschland, Italien und Japan) befreit? Waren es tatsächlich die Siegermächte USA, Russland, Großbritannien und Frankreich?

** Haben die Deutschen sich selbst befreit? Wollten die Deutschen überhaupt die Befreiung?

** Wer hat den Marshallplan für den Wiederaufbau Europas und Japans finanziert? Waren es tatsächlich die Siegermächte USA, Russland, Großbritannien und Frankreich?

Obwohl der Beitrag und die Verluste der „Dritten Welt!“ bei der Befreiung Europas und der Welt von der Schreckensherrschaft der faschistischen Troika (Deutschland, Italien und Japan) enorm waren, wird die Rolle der „Dritten Welt!“ im Zweiten Weltkrieg bis heute weitgehend verdrängt, sowohl im politischen Diskurs als auch in der gängigen Geschichtsschreibung. Die gängigen Angaben über diesen Krieg gelten oft nur für den Kontinent Europa, dabei sind in der „Dritten Welt!“ mehr Menschen umgekommen als in Deutschland, Italien und Japan zusammen. In China gab es mehr 25 Millionen Kriegstote, mehr als in der UdSSR. Rund 90 Millionen Chinesen wurden vertrieben. Bei der Befreiung der philippinischen Hauptstadt Manila von den japanischen Besatzern starben rund hunderttausend Zivilist*innen und damit mehr als in Berlin, Dresden oder Köln. Zudem verschleppten japanische Militärs hunderttausende Frauen aus Asien in ihre Frontbordelle, wo sie sexuell versklavt wurden – die sogenannten Comfort Women (Trostfrauen), wie die Japaner diese Frauen zynisch titulierten. Die Kriegstoten aus anderen Teilen Asiens sowie aus Afrika, Ozeanien und Südamerika kommen in den Statistiken erst gar nicht vor.

Millionen Kolonialsoldaten aus Afrika, Asien und Ozeanien kämpften bei der Befreiung mit – vom Maghreb bis zum Kap, Inder und Pazifikinsulaner, Juden und Araber aus Palästina, Mexikaner und Brasilianer, Aborigines und Maoris, Afroamerikaner und Native Americans, Christen und Muslime. Zwangsrekrutiert und als Kanonenfutter an vorderster Front eingesetzt und wussten oft nicht, wofür sie kämpften. Ausgegrenzt, ausgetrickst, ausgebeutet und getötet, namenlos begraben. Undokumentiert und vergessen – wie vom Winde verweht!

Bei der Rekrutierung haben die Briten und Franzosen den Schwarzafrikanern z.B. erzählt, dass die Nazis alle Schwarzen töten und ihre Haut anschließend als Schuhleder verwenden wollten. Schwarzafrikanische Studenten in Frankreich hatten damals die Übersetzung des Buchs „Mein Führer“ gelesen und das Vorhaben der Nationalsozialisten verstanden. Viele meldeten sich deshalb freiwillig, um bei der Befreiung Europas mitzuhelfen. Vor allem weil der britische Premierminister Winston Churchill und der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt 1941 die berühmte Atlantikcharta unterzeichneten, die den Kolonialisierten das Selbstbestimmungsrecht nach dem Kriegsende versprach. Hier wurde jedoch getrickst, denn die meisten afrikanischen Staaten beispielweise wurden erst in den 1960ern „politisch unabhängig“! Solange brauchten die Kolonialherren Afrika noch. Um Kriegsschulden zu begleichen und den Marshallplan zu finanzieren, brauchten die Kriegsherren Divisen, die mit den Rohstoffen aus Afrika erwirtschaftet wurden.

Nach Kriegsende erhielten unzählige Kolonialsoldaten aus Afrika weder die versprochenen Kriegsprämien noch Kriegsrente. Die noch Lebenden erzählen, dass ihre Kriegsrente zwischen 12 und 15 Euro betragen – Almosen statt Rente!

Heute wissen wir, dass die Befreiung Europas ohne den Beitrag der „Dritten Welt!“ nicht möglich gewesen wäre. De Gaulles Befreiungsarmee des „Freien Frankreichs“ bestand bis zu 65 Prozent aus Afrikanern. Allein 2,5 Millionen Inder kämpften etwa auf der Seite Großbritanniens. Weite Teile der „Dritten Welt!“ dienten als Schlachtfelder und blieben nach Kriegsende verwüstet und vermint zurück. Es gab in der „Dritten Welt!“ keinen Marshall-Plan für den Wiederaufbau.

Die damaligen Kolonien lieferten Nahrungsmittel für die kämpfenden Truppen, Zwangsarbeiter*innen für die gesamte Kriegswirtschaft und Rohstoffe für die Rüstungsproduktion.

Den Afrikaner*innen beispielweise wurden außergewöhnliche Kriegsleistungen abverlangt. Auch wegen der Dimension des Beitrages und der Verluste bezeichnete der berühmte Historiker Joseph Ki-Zerbo aus Burkina Faso den Zweiten Weltkrieg als „größten historischen Einschnitt für Afrika seit dem Sklavenhandel und der Zerstückelung des afrikanischen Kontinentes bei der Berliner Kongo-Konferenz im Jahre 1884/1885“. Joseph Ki-Zerbo vertritt zudem die These, dass die Industrialisierung Europas durch die Gewinne der europäischen Handelsgesellschaften aus dem transatlantischen Sklavenhandel finanziert wurde. Einige afrikanische Historiker*innen sehen den Zweiten Weltkrieg sogar als „Zweiten Kolonialismus“.

Millionen afrikanische Kolonialsoldaten kämpften bei der Befreiung Europas und der Welt vom Faschismus mit. Das Prinzip des Einsatzes von afrikanischen Kolonialsoldaten war nicht neu. Sowohl im Deutsch-Französischen Krieg im Jahr 1870 als auch während des Ersten Weltkrieges wurden hunderttausende Afrikaner durch ihre jeweiligen Kolonialherren zwangsrekrutiert. Neu waren die Millionenzahl und die ungeheure Brutalität gegenüber den Zwangsrekrutierten während des Zweiten Weltkrieges.

Die heutigen Erkenntnisse zeigen, dass die Befreiung Europas und der Welt von der faschistischen Troika (Deutschland, Italien und Japan) ohne den Beitrag Afrikas nicht möglich gewesen wäre. De Gaulles Befreiungsarmee des Freien Frankreichs bestand beispielsweise bis zu 65 Prozent aus Afrikanern.

Überall in der Welt wurden afrikanische Kolonialsoldaten eingesetzt. Insgesamt waren rund 11 Millionen britische Soldaten im Zweiten Weltkrieg im Einsatz; fünf Millionen davon kamen aus den Kolonien der Briten. So kämpften viele afrikanische Kolonialsoldaten 1940/41 auf der britischen Seite gegen italienische Kolonialtruppen in Somali-Land und Äthiopien; 1940 bis 1943 gegen die deutsch-italienischen Verbände sowie gegen Rommels berühmt-berüchtigten Truppen im lybisch-ägyptischen Grenzgebiet in Nordafrika; 1942 gegen das faschistische Vichy-Regime in Madagaskar und 1944 gegen japanische Truppen in Burma, weil Afrikaner die Hitze und den Dschungel angeblich besser aushalten könne als die Europäer. In Indien kamen rund 100.000 afrikanische Kolonialsoldaten zur Abwehr japanischer Angriffe zum Einsatz. Die Zwangsrekrutierten aus Afrika kämpften auch auf der Seite der Franzosen, um unter anderem Dakar (Senegal), Libanon, Syrien sowie einige französische Städte und das faschistische Italien zu befreien.

Hunderttausende kämpften auf der Seite der Alliierten, um Europa vom Faschismus zu befreien. Unzählige kamen dabei ums Leben. Tausende gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft und genauso viele wurden in Konzentrationslagern ermordet. Ein Racheakt gegen das „verniggerte“ Frankreich, wie die Nationalsozialisten Frankreich nannten. So befahl der Stabschef der Panzergruppe „Guderian“, Oberst Walter Nehring: „Gegenüber eingeborenen Gefangenen ist jede Milde fehl am Platze“.

Die afrikanischen Kolonialsoldaten hatten kaum eine militärische Ausbildung und wurden zudem im Gegensatz zu ihren „weißen Kameraden“ schlecht ausgerüstet. Sie bekamen für ihren Einsatz Macheten oder Waffen aus dem Bestand des Ersten Weltkrieges. Viele mussten barfuß im Dschungel kämpfen. Das erklärt die extrem hohen Verluste bei den afrikanischen Kolonialsoldaten. Faktisch waren sie Soldaten zweiter Klasse.

Kolonialsoldaten aus Afrika mussten sich mit weniger Sold, schlechteren Unterkünften und geringeren Kriegsrenten als ihre „weißen Kameraden“ zufrieden geben. Selbst dieser geringere Sold sowie die versprochenen Prämien und Renten wurden oft nicht ausgezahlt, was wiederum zu Protesten der Soldaten bei ihrer Heimkehr führte. Viele wurden bei solchen Protesten massakriert und inhaftiert, wie etwa im Senegal 1944 und in Algerien 1945. Die Kolonialherren antworteten auf die zahlreichen Kriegsdienstverweigerungen, Proteste und Meutereien der Afrikaner*innen mit Prügel-, Haft- und Todesstrafen sowie außergerichtlichen Hinrichtungen.

Selbst an Kriegsfronten herrschte strengste Rassentrennung. Es gab de facto keine schwarzen Offiziere. Die Einheiten wurden nach Hautfarben gebildet. Die Einheiten der Schwarzen leiteten jedoch die Weißen, da die Schwarzen angeblich in vielerlei Hinsicht „den Geisteszustand von Kindern“ hätten, so die Begründung der Kolonialherren.

In einem Interview mit dem Kölner „Recherche International“ beschrieb ein ehemaliger Kolonialsoldat und Zeitzeuge aus dem Senegal die Rassentrennung an der Front so: „Weiße und afrikanische Soldaten waren schon in der Ausbildung strikt voneinander getrennt. In der Armee kochten französische Köche für die Franzosen; und Schwarze für die Tirailleurs. Die Weißen erhielten französisches Essen; alle anderen Maniok und Maisbrei mit Erdnusssoße. Noch auf dem Schlachtfeld waren wir Afrikaner benachteiligt. Ich weiß nicht mehr genau, wie hoch der Sold der europäischen Soldaten war. Unsere waren jedenfalls geringer. Und manchmal haben sie nicht einmal das ausgezahlt, was sie versprochen hatten“

Ein Weltkrieg und die damit verbundene Kriegswirtschaft verschlingen in der Regel unglaubliche Geldsummen aber auch Bodenschätze und menschliche Ressourcen. Neben den erzwungenen militärischen Einsätzen von afrikanischen Männern diente Afrika sowohl für die Alliierten als auch für die Achsenmächte als Rohstoffreservoir oder mit anderen Worten als Nachschub für die gesamte Kriegswirtschaft; zumal Südostasien als Rohstoffbasis für das britische Empire nach der Eroberung der Japaner wegfiel. Afrika blieb somit das einzige Rohstoffreservoir für die Briten.

Einige Beispiele:

Nach Großbritannien lieferte Westafrika Öl und Kakao. Sisal, Gold, Mais, Kaffee, Baumwolle, Tee etc. Rindfleisch kamen aus Ost- und Zentralafrika, Asbest, Kupfer und Erze aus Südrhodesien (Zimbabwe). In Nordrhodesien (Sambia) gab es Hirse, Zink, Kupfer, Kobalt und Vanadium, in Südafrika Gold, Platin und Kohle. Zudem wurde im südafrikanischen Dublin das größte Trockendock gebaut, das rund 400 Schiffskonvois und sechs Millionen Soldaten versorgte. In diesem Dock sowie in den Waffenfabriken in Südafrika arbeiteten überwiegend Schwarze, darunter unzählige Frauen. Sie wurden außergewöhnlich schlecht entlohnt. Die Fabriken stellten Waffen, Munition und Ersatzteile für die Alliierten her. Ebenso 32.000 Kraftwagen, 12 Millionen Stiefel und mehr als fünf Millionen Decken.

Die französischen Kolonien belieferten zunächst das faschistische Vichy-Regime und später die Truppen des Freien Frankreichs beispielweise mit Sisal und Baumwolle. Zentralafrika lieferte 1943 rund 70.000 Tonnen Lebensmittel wie Öl, Kakao, Zucker und Kaffee. Hauptlieferant des Freien Frankreichs war jedoch Kamerun. Aus dem Belgisch-Kongo stammte das Uran für den ersten Atomwaffeneinsatz in Japan.

Zudem wurden Hundertausende zwangsrekrutierte Hilfstruppen, sogenannte Pioneers, an den Kriegsfronten eingesetzt, die noch schlechter bezahlt wurden als die Kolonialsoldaten. Diese Hilfstruppen bildeten das Rückgrat für den Krieg. Sie wurden für den Transport für Kriegsmaterialien, den Bau von Straßen und Häfen u. a. eingesetzt.

Zwangsarbeiter*innen gab es in Afrika millionenfach. Obwohl Sklaverei offiziell abgeschafft wurde und trotz der Verabschiedung der Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gegen Zwangsarbeit im Jahr 1930, missachteten alle beteiligten Kriegsherren die Bestimmungen dieser Konvention. Statt von Zwangsarbeit sprachen die Kriegsherren von „Arbeitspflicht“, die die Einheimischen aus ihrer Apathie und der Barbarei herausführen sollte. Gegen den heftigen Protest der oppositionellen Labour Partei verabschiedete das britische Parlament ein Gesetz zur Zwangsarbeit von Einheimischen in den Kolonien. Afrikaner*innen wurden in Minen und Farmen verschickt und ließen ihre eigenen Felder im Stich. Dies markiert den Niedergang der Subsistenzwirtschaft in Afrika, mit verheerenden Folgen bis in die Gegenwart.

Die Ausbeutung ging so weit, dass die Kriegsherren die wirklich verarmten Menschen in Afrika um „Spenden?!“ baten (vor allem Geld und Lebensmittel) sowohl für Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft, für die Anschaffung von Kriegsgeräten und Munition als auch für den Wiederaufbau zerstörter europäischer Städte. Messer, Gabeln, Teller, Gläser, Salz, Kleider, Betttücher, Altmetall etc. wurden gesammelt und „gespendet?!“. Es wurde für die Anschaffung von Kampfflugzeugen gesammelt, wie z.B. für das kleine britische Flugzeug „Spit-Fire“ (zu Deutsch etwa: Feuerspucker). Dafür wurden in zahlreichen afrikanischen Städten und Dörfern das sogenannte „Spendenbarometer“ eingerichtet. Erreichte eine Stadt oder ein Dorf bei diesen „Spendenaktionen?!“ den Anschaffungspreis (5.000 Britische Pfund) für ein Jagdflugzeug namens „Spit-Fire“, so wurde das Flugzeug nach diesem Ort benannt. Deshalb gab es solche „Spit-Fires“ mit dem Namen Mombasa, Gamba Mayu, Kalahari, Sierra Leone I, II und III, Sansibar I, II und III, Cape Town, um einige zu nennen. Zu Beginn jedes Schuljahres mussten Eltern rund fünf französische Franc zahlen – damals ein Vermögen! Das Geld wurde wiederum für die Anschaffung von „Spit-Fires“ verwendet. Außerdem „spendeten?!“ Staatsbedienstete einen halben Monatslohn und Bauern mussten 10 Kilo Kakao „spenden?!“. Die Massai in Kenia haben jährlich sechstausend Rinder abgeführt. Insgesamt sollen Afrikaner*innen sechs Millionen Britische Pfund für den Krieg und den Wiederaufbau in Europa bar „gespendet?!“ haben. Das sind umgerechnet 73,02 Millionen Reichsmark (Stand 1938: 1 Pfund = 12,17 Reichsmark). Zum Vergleich: Der Kredit der griechischen Zentralbank an der Reichsbank 1942 betrug 476 Millionen Reichsmark. Heute fordern die Griechen mehr als 300 Milliarden Euro zurück.

An den Befreiungsfeierlichkeiten 1944 in Paris durfte kein einziger Schwarzer teilnehmen, obwohl sie Europa vom Faschismus befreit hatten. Ihnen wurde jegliche Anerkennung für ihre Leistungen verwehrt. Die schwarzen Soldaten wurden in Transitlagern unter äußerst schlechten Bedingungen untergebracht und mussten sogar mehr als zwei Jahre warten, bis sie nachhause zurückkehren durften. Auch viele von Ihnen waren in Deutschland stationiert.

Eine verheerende Folge der Zwangsbewirtschaftung Afrikas durch die Kolonialmächte während des Zweiten Weltkrieges war die grundlegende Veränderung der afrikanischen Wirtschaftsstruktur und Gesellschaft. Die Subsistenzwirtschaft wurde durch Monokultur ersetzt. Monopole wurden gebildet, rigide Devisenkontrollen verhängt und der Konsum rationiert, indem Lebensmittelkarten eingeführt wurden. Alle wirtschaftlichen Tätigkeiten wurden auf die Kriegswirtschaft zugeschnitten. Oft hungerte deshalb die einheimische Bevölkerung. Die Kriegsherren hinterließen Kolonialstrukturen, die die Wirtschaft und Gesellschaft Afrikas bis dato prägen, und die die Ausplünderung der Bodenschätze und die Ausbeutung von Mensch und Natur weiter ungehindert ermöglichen; nach dem Motto: „Come Rain Or Shine, The Show Must Go On!“. Zur Realisierung dieses Zieles setzt man heute bewusst auf die Förderung des Prinzips „Schwache Staaten“.

Während die Kriegsverursacher Deutschland und Japan Wiederaufbauhilfen erhielten, den sog. Marshallplan, den Afrika wiederum mindestens finanzierte, gab es keinen Marshallplan für Afrika, obwohl weite Teile des Kontinents verwüstet und vermint zurückblieb; obwohl die Wirtschaftsstrukturen zerschlagen wurden.

Die Ereignisse in Afrika während des Zweiten Weltkrieges sind ein weiterer Beleg dafür, wie Afrika die Entwicklung Europas ermöglicht und angekurbelt hat. Sie haben den Wohlstand bis heute mitfinanziert, Europa wiederum hat Afrika in die wirtschaftliche „Unterwicklung“ getrieben. Eine traurige Bilanz über die bisherige Beziehung zwischen den beiden Nachbarkontinenten Afrika und Europa.

Im hiesigen Geschichtsdiskurs werden bis heute Fakten wie diese immer noch ignoriert. Im Vorwort des Buches: „Unsere Opfer zählen nicht. Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ kritisiert der kamerunische Geschichtsprofessor der Universität Jaunde, Prinz Kum’a Ndumbe III, die westlichen Historiker*innen scharf und wirft ihnen einen „stillen Rassismus“ vor:

„(…) Aber da dies in erster Linie im Interesse der betroffenen Länder der Peripherie liegt, die heute zwar unabhängig sind, sich jedoch aus wirtschaftlichen Gründen solche Forschungen und Publikationen nur selten leisten können, kommen Stimmen aus diesen Staaten nur selten zu Wort und fehlen so in der internationalen Diskussion. Die Forscher aus den wohlhabenden Staaten aber unterliegen bewusst oder unbewusst einem stillen Rassismus, der sie dazu führt, Geschehnisse außerhalb ihres eigenen „Wohlstandszentrums“ als wenig relevant für ihre Arbeit zu betrachten.
So entsteht eine Literatur über den Zweiten Weltkrieg, die sich hauptsächlich mit den reichen Nationen befasst. Wer die Mittel besitzt, bestimmt auch die Themen, Theorien und Richtungen der Forschung. Opfer aus der Peripherie zählen deshalb nicht. Und die Opfer selbst lesen und lernen die von den Zentren der Wohlhabenden veröffentlichte und weltweit verbreitete Literatur zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs und erkennen ihre eigene Geschichte darin nicht wieder. (…)“

An diesem historisch wichtigen Tag lade ich Euch daher nun ein, mitzudiskutieren:
Wer hat eigentlich Deutschland bzw. die Welt von der Schreckensherrschaft der faschistischen Troika (Deutschland, Italien und Japan) befreit?
Haben die Deutschen sich selbst befreit? Wollten die Deutschen überhaupt die Befreiung?
Wer hat den Marshallplan für den Wiederaufbau Europas und Japans finanziert?

Diese Diskussion ist insofern existentiell wichtig, wie immer mehr Deutschen meinen, die Geschichte des größten militärischen Konfliktes, den es je gab, sei längst aufgearbeitet. Von einem abgeschlossenen Aufarbeitungsprozess kann aber nicht die Rede sein, da mindestens die Hälfte seiner Geschichte und die der Befreiung Europas vom Faschismus noch nicht erzählt wurde.

Ich freue mich auf neue Anregungen und Informationen. Vor allem freue ich auf eine konstruktive Diskussion auf Augenhöhe aber auch auf der Basis des respektvollen Umgangs.

Let the Debate begin!!!

Quelle: Peter Donatus via Facebook

Zu Gast bei #Friedensfragen in Dortmund: Journalist und Menschenrechtsaktivist Peter Donatus zum Ökozid im Nigerdelta

Der Journalist und Menschenrechtsaktivist Peter Donatus. Fotos: C.-D. Stille

Der Journalist und Menschenrechtsaktivist Peter Donatus. Fotos: C.-D. Stille

Der Verein Bildung für Frieden e.V. hatte dieses Jahr in der Veranstaltungsreihe „Friedensfragen“ schon einige kompetente Persönlichkeiten zu Gast. Es waren dies Rudi Trautvetter, Frieder Wagner, Reiner Braun, Jürgen Grässlin und Willi Hoffmeister. Sie alle standen Rede und Antwort. Immer ging es um die Bedrohung des Friedens und darum, wie eine friedliche Welt zu erreichen wäre. Naturgemäß musste dabei immer auch über Krieg und Rüstung gesprochen werden, da beides den Frieden zerstört bzw. auf längere Sicht bedroht. Und die Lebensgrundlagen der Menschen zunichte macht. Schließlich wissen wir: Jede Waffe findet ihren Krieg.

Die Menschenrechtsaktivist und Journalist beschäftigt sich seit gut 30 Jahren mit den Umweltsünden des Shell-Konzerns in Nigeria

Am vergangenen Dienstag nun war Peter Donatus unter der Rubrik „Friedensfragen“ bei Bildung für Frieden in den Räumlichkeiten der Auslandsgesellschaft NRW e.V. in Dortmund eingeladen. Peter Donatus ist ein in Nigeria geborener freier Journalist und Menschenrechtsaktivist. Als Umweltaktivist beschäftigt er sich seit gut 30 Jahren radikal kritisch mit den Umweltsünden des Shell-Konzerns, welche dieser bei der Ölförderung im Nigerdelta in Nigeria verursachte bzw. hinterlassen hat.

Donatus konnte vor fast 28 Jahren nach mehrmonatiger Incommunicado-Haft im Staatssicherheitsgefängnis und schwerer Folter aus Nigeria fliehen. Seither lebt er in Deutschland.

Inhaftiert worden war er und vieler seiner Komilitonen nach Studentenprotesten und einem Generalstreik in seiner Heimat unter der damaligen Diktatur. Nach einem Strukturanpassungsprogramm, erklärte Donatus, vergleichbar mit der Situation heute in Griechenland, sei das Leben in Nigeria damals nicht mehr zu finanzieren gewesen. Besonders für Studenten.

Wie Krieg zerstören auch Umweltverbrechen die Lebensgrundlagen der Menschen

Von Donatus war zu erfahren, dass Umweltverbrechen nicht weniger als Kriege geeignet sind, die Lebensgrundlagen der Menschen anhaltend zu zerstören. Sein Vortrag unter dem Titel „Nigeria – Ökozid, Flucht und Migration als Folge der westlichen Rohstoffpolitik“ sollte dem Publikum im

Gastgeber Mark Brill (Bildung für Frieden e.V.) mit Peter Donatus.

Gastgeber Mark Brill (Bildung für Frieden e.V.) mit Peter Donatus.

Verlaufe des Abends unglaublich tief unter die Haut gehen. Der Begriff Ökozid setzt sich aus den Worten Ökologie und Genozid zusammen. Der Gast gab zu bedenken, dass man bei einem Krieg zumeist jemanden benennen könne, der der Aggressor sei. Anders im Falle von Ökozid. Die Täter seien erst einmal einmal Vertreter von gesichtslosen, unsichtbaren globale kapitalistische Machtstrukturen.

Donatus: „Derzeit leben wir in einem Land, in der Fakten nicht mehr zählen. Sondern nur Gefühle“

„Jeden Tag“, hob Peter Donatus an, „wenn ich mich wasche, begrüßen mich meine Narben“ und erinnerten ihn an die Folter einst in nigerianischer Haft (zu Peter Donatus gibt es weitere, ausführliche Informationen im (Greenpeace Magazin) im Alter von 109 Jahren verstorbener Vater hatte ihn freikaufen können.

Indem Donatus davon sprach, dass dieser Ökozid in der Lage dazu ist Kettenreaktionen bis hin Kriegen zu uns nach Europa auszulösen, schlug er einen Bogen zur hiesigen Debatte über Geflüchtete. „Derzeit leben wir in einem Land, in der Fakten nicht mehr zählen. Sondern nur Gefühle“, stellte Peter Donatus betreffs der momentanen Situation hierzulande fest. „Automatismen ersetzen die Vernunft. Wir erleben eine Gefühlsdemokratie.“ Rechter Terror, Populismus, Rassismus, des Antisemitismus und die Islamophobie zögen sich bedrohlich durch unser Land. Auslöser, hieße es sei die „Flüchtlingskrise“. Und er fragte: „Haben wir wirklich eine Flüchtlingskrise in Deutschland, in Europa?“ Davon habe er nichts mitbekommen: „In Europa haben wir nichts weiter als eine Solidaritätskrise.“

Das arme Afrika hat 2014 Millionen Flüchtlinge versorgt, während Europa nur 700 000 Geflüchtete aufnahm

In arme Afrika habe im Jahr 2014 14 Millionen Flüchtlinge versorgt. Im selben Jahr habe das reiche Europa nur 700 000 Menschen aufgenommen. Wo also sei diese Krise? Noch nie zuvor sei Flucht für Afrikaner so schwierig bis unmöglich und vor allem so teuer gewesen wie derzeit. Über 4500 Menschen hätten dieses Jahr „in Europas größtem Massengrab, dem Mittelmeer“ ihr Leben verloren. In den letzten 20 Jahren weit über 30 000! Eine Reise ohne Rückkehr. Menschen, die es nach Europa geschafft hätten, müssten damit rechnen, wieder abgeschoben zu werden. Donatus wies daraufhin, dass die CDU gerade in Essen einen Schwerpunkt diskutiere: Abschiebung. „Das ist kein Kinderspiel!“ Leben werde ruiniert, Menschen stürben dabei. Fragwürdig sei, dass deutsche Behörden Botschaften afrikanischer Länder Kopfgelder (300 oder 350 Euro) zahle, für erfolgreiche Abschiebungen.

Bundeskanzlerin Merkel gehe es darum, Flüchtlinge zu reduzieren, meint Peter Donatus

Grenzen würden seitens der EU bis in die Mitte Afrikas verschoben. Um Menschen abzuhalten nach Europa zu fliehen. Das, so Donatus, erinnere gewissermaßen an die unrühmlichen Taten einstiger Kolonialmächte, die 1885 willkürlich Grenzen auf dem afrikanischen Kontinent (Berliner Afrika-konferenz) gezogen hätten. Donatus empörte sich über die neuerliche Arroganz der Europäer: „Was erlauben, Strunz? Europa ist nicht Afrika!“

Frau Merkel gehe es nicht darum Fluchtursachen zu bekämpfen, sondern darum Flüchtlinge zu reduzieren.

Der Referent: „Überall in der Welt hat der Westen Chaos angerichtet. Militärisch, politisch, wirtschaftlich und soziokulturell“

Dabei sorgte gerade auch die EU mit für leergefischte afrikanische Meeresgebiete, mit hoch subventionierten Importen (z.B. Tomaten und Hähnchenteile) nach Afrika für den Ruin der Farmer dort und neben China mittels des Land Grabbing dafür, die Lebensgrundlagen von Afrikanern

Peter Donatus prangerte die Machenschaften des Westens in der Welt an.

Peter Donatus prangerte die Machenschaften des Westens in der Welt an.

zu zerstören. Donatus sprach es deutlich aus: „Überall in der Welt hat der Westen Chaos angerichtet. Militärisch, politisch, wirtschaftlich und soziokulturell.“ Hinzu komme die ökologische Katastrophe.

Ken Saro-Wiwa benannte die Folgen ökologischer Zerstörung drastisch als Genozid

Peter Donatus sprach die juristische Definition, die er „akzeptabel aber schwach“ nannte, von Ökozid aus: „die erhebliche Beschädigung, Zerstörung oder der Verlust von Ökosystemen eines bestimmten Gebietes durch menschliches Handeln oder andere Ursachen in einem Ausmaß, das die friedliche Nutzung dieses Gebietes durch seine Bewohner stark einschränkt oder einschränken wird“.

Der nigerianische Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa (hingerichtet 1995) aber habe die Folgen der ökologischen Zerstörung des Nigerdeltas drastischer als Genozid benannt.

Donatus benannte hinsichtlich des Ökozids zwar Faktoren: Natur (Klimawandel, Erderwärmung) und Mensch (rücksichtslose Geschäftspraktiken westlicher Konzerne, Subventionspolitik). Eigentlich Unsinn, fand der Gast. Denn den Faktor Natur müsse eigentlich Faktor Mensch genannte werden. Schließlich sei der Klimawandel von Menschen verursacht.

Wohlstand für den Westen. Die Folgen der Ausbeutung müssen die Afrikaner ausbaden

Der Westen ziehe aus der Ausbeutung seinen Wohlstand. Die Menschen in Afrika oder anderswo hätten dagegen fast ausschließlich allein die Folgen der Ausbeutung von Mensch und Natur auszubaden.

Man rechne für das Jahr 2050 allein mit 200 Millionen Klimaflüchtlingen. Die Lage in Afrika spitze sich zu. Etwa trockne der Tschadsee in atemberaubender Geschwindigkeit aus. Jetzt aber bereits spreche man in Europa und Deutschland von einer „Flüchtlingskrise“. Wo die denn sei, hinterfragte Donatus. Und stets hieße es dann, wenn Flüchtlinge kämen: damit habe man nicht rechnen können. Darauf sind wir nicht vorbereitet. Obwohl das doch seit Jahrzehnten abzusehen gewesen war!

Ein Blick zurück zeigt: Die Benachteiligung Afrikas sind nicht neu

Rückblickend machte der Gast aus Köln klar, dass die Benachteiligung des afrikanischen Kontinentes nicht neu ist. Dabei seien doch Afrika und Europa Nachbarn. Aber immer gehe es um Rohstoffe. Wovon der Wohlstand und die Erweiterung des Wohlstandes in Europa unmittelbar mit Afrika verknüpft sei. Dagegen habe er nichts, so Donatus: „Aber bitte nicht auf Kosten anderer Menschen!“ Dabei seien die ersten Europäer in Afrika sehr willkommen geheißen worden. Und er musste schmunzeln: „Heute sprechen wir bezüglich der Flüchtlinge von Willkommenskultur.“ Die Europäer missbrauchten die afrikanische Willkommenskultur seinerzeit. „Die Menschen wurden beraubt“ und versklavt. Ganze Generationen der produktiven Gruppe von Menschen im Alter von 17 bis 35 Jahren sei Afrika so verloren gegangen. Wissenschaftler meinten, Afrika habe sich bis heute nicht davon erholt.

Donatus: Befreiung Deutschlands vom Faschismus war nicht ohne Afrika möglich

Die eingeblendete Folie brachte es mit einer simplen Gleichung auf den Punkt: „Wir sind arm, weil ihr reich seid. Ihr seid reich, weil wir arm sind.“ Und Peter Donatus ging sogar soweit, zu sagen, nicht einmal die Befreiung Deutschlands vom Faschismus wäre ohne die Beteiligung von Millionen von Afrikanern gelungen: Zu Soldaten für europäische Armeen (in der französischen waren 25 Prozent der Soldaten Afrikaner) gemacht dienten sie als „Kanonenfutter“. Sogar der Marshall-Plan habe mit Afrika zu tun: Afrikaner seien gepresst worden, Lebensmittel, Kakao, Kaffee, ja gar Bettwäsche, Geschirr und vieles andere mehr zu spenden, um es in zerstörte Gebiete in Deutschland und anderswo zu liefern. Geld habe ebenso gespendet werden müssen. Den Massai seien 6000 Rinder abgepresst worden. Hungersnöte habe das ausgelöst. So habe sozusagen Afrika den darniederliegenden ehemals faschistischen Staaten Italien, Japan und Deutschland wieder auf die Beine geholfen! Und wieder brach Donatus das praktisch aufs Heute herunter. Hier höre man manchmal, Deutschland sei nicht das Sozialamt der Welt. Afrika aber sei einmal quasi das Sozialamt für Europa gewesen.

Donatus zitierte Konrad Adenauer aus dem Jahr 1928, der vor 1933 nicht nur Oberbürgermeister von Köln, sondern auch stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft war:

„Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärts strebenden Elemente, die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten, aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden, gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien.“

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hätten afrikanische Länder, so auch Nigeria, bis in die 1960er Jahre gebraucht, um unabhängig zu werden. Sie mussten riesige Schuldenberge abtragen.

Sittenwidrige „Freihandelsabkommen“ mit afrikanischen Staaten

Peter Donatus erzählte, wie er mit tausenden anderen Menschen gegen TTIP und CETA demonstriert hat. Richtig fand er das. Doch im gleichen Moment sei ein sittenwidriges „Freihandelsabkommen“ der EU mit afrikanischen Staaten geschlossen worden. Dagegen habe er keinen Protest gesehen.Es gehe einfach darum, der EU die Märkte Afrikas zu öffnen. Afrika kann aber nicht mithalten mit diesem starken Europa.

Unwort „Wirtschaftsflüchtling“

Donatus wäre sehr dafür, das Wort „Wirtschaftsflüchtlinge“ zum Unwort des Jahres zu machen. Weil es nämlich scheinheilig sei. Weil es verblende,

Peter Donatus ist dafür, dass Wort "Wirtschaftsflüchtling" zum Unwort des Jahres zu machen.

Peter Donatus ist dafür, dass Wort „Wirtschaftsflüchtling“ zum Unwort des Jahres zu machen.

warum die Menschen aus Afrika flüchteten. Also müsse die Frage „Wer sind die Täter?“ gestellt und Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Freilich sei das nicht zu erwarten. Hinsichtlich dessen müssten wir eigentlich auch über uns selbst reden.

Nigeria und dessen spätere Abhängigkeit vom Erdöl

Nach diesem vorausgehenden etwas langen, aber zum Verständnis des Ganzen m.E. notwendigen Schlenker in die Geschichte, kam Peter Donatus auf sein Geburtsland Nigeria zu sprechen. Nebenbei bemerkt erfuhren die ZuhörerInnen von der Frechheit, dass der Brite Lord Frederik Lugard (dazu hier mehr) einst als der Vater Nigerias galt. Der Ländername geht auf dessen Gattin zurück: Niger Area. Daraus wurde letztlich Nigeria. Einst sei das Land der größte Exporteur von Kakao, Erdnüssen und Palmöl gewesen. Später aber wurde es dann sehr abhängig von seinen Erdölexporten. Heute muss Nigeria Lebensmittel importieren.

Im Nigerdelta findet man ein Desaster vor

Das Nigerdelta gehört zu den größten Mangrovenregionen der Welt. Heute finde man ein Desaster dort vor. Es ist ölverseucht. Und die von Peter Donatus vorgeführten aktuellen Bilder sprachen für sich. Und das Schlimmste: inmitten der apokalyptisch anmutenden, verseuchten Gegend leben weiterhin 20 Millionen Menschen, die 40 verschiedenen Ethnien angehören. Sie essen giftigen Fisch oder schwer belastete Lebensmittel. Pipelines schlängeln sich mitten durch die Dörfer. Immer wieder träten Lecks auf. Entstehen Brände und ereignen sich Explosionen. Der Konzern Shell schicke irgendwann Trupps, die Sand über das ausgelaufene Öl kippten. Der Konzern deklariere das Gebiet hernach als „saniert“. In Ogoniland sei seit den großen Protesten von 1996 Shell nicht mehr tätig. Aber die Ölanlagen habe man zurückgelassen. Diese spuckten manchmal noch Öl aus. An manchen Stellen – das ist bekannt – ist der Boden bis in fünf Meter Tiefe verseucht. Die Frauen trocknen Maniok am abgefackelten Gas. Paradox, meint Donatus. Während die Wälder für Brennholz abgeholzt würden. Wo es manchmal nur drei Stunden am Tag Strom gibt. Und das Gas vergiftet das wichtige Lebensmittel. „Die Zukunft für mein Land“, sagte Peter Donatus, „sieht schwarz aus“. Er zeigte das Foto eines Kindes: „Es hat wahrscheinlich keine Zukunft. Außer vielleicht später als Zwangsprostituierte zu arbeiten.“

In zwanzig bis dreißig Jahren steht Nigeria vermutlich eine Krebsepedemie bevor

Nigeria sei nach Russland Nummer 2 beim Thema Gasabfackeln. „Die Umweltgesetze sind verdammt gut. Gut auf dem Papier“, so Donatus. In zwanzig bis dreißig Jahren, hat der Gast gelesen, stehe Nigeria vermutlich eine Krebsepedemie bevor. Fünfundzwanzig Prozent der Bevölkerung Nigerias, habe es da geheißen, wird Krebs bekommen. Illegal stelle die Not leidende Bevölkerung Benzin her. Explosionen seien keine Seltenheit.

Das Grundwasser im Nigerdelta ist durch Kohlenwasserstoff verseucht. Die Regierung muss Wasser in Tanks anliefern.

Schizophren, stellte Peter Donatus gegen Ende seines Vortrags fest: Das Nigerdelta gilt als reichste Region der Welt, ist jedoch die ärmste Region Nigerias.

Noch einmal erinnerte der Gast an die Verdienste von Ken Saro-Wiwa im Kampf gegen die Umweltzerstörung und dessen Hinrichtung.

Bislang sei es nur einmal gelungen, dass vier nigerianische Bauern und Fischer vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag Recht bekamen und mit Shell erstmals ein europäischer Konzern für außerhalb Europas vergangene Verbrechen verurteilt wurde.

Peter Donatus appellierte: Die politisch Verantwortlichen unter Druck setzen!

Seinen Vortrag schloss Peter Donatus mit drei Zitaten von Ken Saro-Wiwa (im Video, sh. unten, zu hören)

Hartes Brot war dieser interessante Vortrag bei „Friedensfragen“. Schwer danach, einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen.Im Anschluss entspann sich noch eine interessante Diskussion mit dem Gast aus Köln.

Peter Donatus appellierte an seine ZuhörerInnen, die ein Parteibuch hätten, in einem Verein organisiert seien bzw. an die Menschen als WählerInnen. Speziell die Partei DIE LINKE sei bekannt dafür, wichtige Kleine Anfragen im Deutschen Bundestag einzubringen. Dadurch könnten die politisch Verantwortlichen unter massiven Druck setzen. Auch im Fall des nun in Dortmund diskutierten Ökozids. Bereits in 1990er Jahren sei es Donatus gelungen zwei Hearings zum Thema im Bundestag zu machen. Er hoffe, dass das nochmals gelinge.

Hinweis: Das Weltnetz.tv-Video mit der Rede Fidel Castros vor der UNO im Jahre 1979 habe ich in den Text eingefügt, weil es m. E. bestens zum Thema passt und die Worte des Comandante nach wie vor aktuell geblieben sind.

Der Vortrag wurde auf Video aufgezeichnet. Er ist auf  Weltnetz.tv veröffentlicht worden

 

Passendes zum Thema auch hier und hier.

Dr. Winfried Wolf referierte in Dortmund zum Thema „Flucht und Fluchtursachen: Deutsche Verantwortung – unsere Solidarität“

Dr. Winfried Wolf nach seinem Vortrag in Dortmund; Fotos: C.-D. Stille

Dr. Winfried Wolf nach seinem Vortrag in Dortmund; Fotos: C.-D. Stille

Diesen Montag holte Dr. Winfried Wolf, Chefre­dakteur von lunapark21, Zeitschrift zur
Kritik der globalen Ökonomie und ehemaliger Bundestagsabgeordnete der Partei DIE LINKE, seinen ursprünglich für März geplanten Vortrag „Flucht & Fluchtursachen: Deutsche Verantwortung – unsere Solidarität“ an der Auslandsgesellschaft in Dortmund nach. Zufall, aber passend zum Thema: der 20. Juni war der Weltflüchtlingstag.

Keine deutsche Verantwortung für Flüchtlingsströme?

Verantwortung, hub Winfried Wolf, auf Angela Merkels entsprechende Meinung verweisend, an, trage Deutschland angeblich keine für die Flüchtlingsströme. Aufgenommen würden die Flüchtlinge jedoch nach Meinung der Bundeskanzlerin aus Mitleid und christlicher Barmherzigkeit. Im Folgenden machte Wolf klar, dass die Fluchtursachen der zu uns gekommenen Menschen vom Westen – und ja: sogar von Deutschland bedingt seien.

Fluchtregion Balkan

Zu diesem Behufe begann der Referent bei der Fluchtregion Balkan. Und er legte dar, wie die Bundesrepublik Jugoslawien, die nach 1945 immerhin eine lange Periode – gut ein halbes Jahrhundert – des Friedens bei einer erquicklichen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung erlebt hatte, anscheinend plötzlich destabilisiert wurde. Und zwar war durch das Aufbrechen der Bundesrepublik Jugoslawien. Schon lange geplant von westlicher Seite. Wolf verwies auf die vom BND-Aussteiger Erich Schmidt-Eenboom (auch hier), der in seinem Buch Der Schattenkrieger, Klaus Kinkel und der BND schrieb: „In Rom gab es bereits 1981 ernsthafte Konsultationen zwischen Deutschland, Österreich und Italien über die Frage, wer welche Aufgabe habe beim Zerfall des Tito-Staates nach dem Tod des Marschalls am 5. Mai 1980 übernehmen sollte.“

Und der einstige bundesdeutsche Verteidigungsminister Rupert Scholz (CDU) wird durch Wolf mit diesen Worten (aus dem Jahr 1991) zitiert: „Nach der Überwindung der wichtigsten Folgen des Zweiten Weltkriegs sind wir heute damit befasst die Folgen des Ersten Weltkriegs zu bewältigen. Denn Jugoslawien ist als Folge des Ersten Weltkriegs eine sehr künstliche, mit dem Selbstbestimmungsgedanken nie vereinbar gewesene Konstruktion.“ Schließlich preschte – wir erinnern uns – Außenminister Hans-Dietrich Genscher vor und Deutschland einschließlich der EU erkannte einen „Spaltstaat“ Jugoslawiens nach dem anderen an: Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Slowenien. Nationalisten wie der Kroate Franjo Tudjman, der Serbe Slobodan Milošević taten das Ihre von innen heraus.

All das sei, so Wolf, noch einmal gesteigert worden mit dem Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien 1999. Vorausgegangen waren Verhandlungen Rambouillet angeblich zur Verhinderung eines Krieges. Der Vertrag von Rambouillet rief aber gerade jenen hervor. Denn Serbien konnte zumindest das, was im Anhang B gefordert keineswegs akzeptieren: „Das Nato-Personal wird in der gesamten Bundesrepublik Jugoslawien freien und ungehinderten Zugang genießen.“

Das Verrückte, sagte Dr. Wolf sei, dass quasi „die gleiche Formulierung der Beginn des Ersten Weltkriegs war.“ Nach der Ermordung des österreichischen Kronprinzen in Sarajevo hatte man das ultimativ damit begründet, die österreichischen Beamten müssten in Serbien aus- und eingehen können, um die Mörder des Kronprinzen zu finden. Serbien konnteda nicht annehmen. Der deutsche Kaiser wusste das. Österreich erklärte Serbien den Krieg.

Winfried Wolf: „Ich bin absolut sicher, dass die deutschen Diplomatie ein Elefantengedächtnis hat“ und den selben Trick ein zweites Mal angewendet hat.

Unter anderem das Nato-Bombardement 1999 habe eine Million Flüchtlinge im Balkan produziert. Allein 330.000 seien nach Deutschland gekommen. Eine nennenswerte Stabilität auf den Balkan sei nicht eingetreten durch diesen Krieg. Zwar sei Kosovo nun selbständig. Dafür unterdrückten allerdings die Albaner die serbische Minderheit. Die Arbeitslosigkeit liege über 40 Prozent. Im gesamten Balkan schwanke die Arbeitslosigkeit zwischen 15 und 50 Prozent.

Region Syrien

Zur Region Syrien gelangend – dorther kommt der zweitgrößte Flüchtlingsstrom zu uns – führte Winfried Wolf aus, dass auch da der Westen die vor dem Hintergrund des Arabischen Frühlings, die dortigen berechtigten Proteste mit Forderungen nach mehr Demokratie, für seine Zwecke ausnutzte, gezielt mit Waffenlieferungen in die Konflikte eingriff, indem er auch islamistischen Gruppen unterstützte. In Syrien – einst ein durchaus wohlhabendes Land – lägen infolgedessen Infrastruktur und Gesundheitswesen in Schutt und Trümmern. Das Bildungswesen sei weitgehend kaputt gegangen. Die Mehrheit der Syrer befänden sich auf der Flucht. Baschar al Assad – gewiss ein Diktator – wurde für den Westen zum Bösen. Dabei hatte man jahrelang mit ihm ihm zusammengearbeitet. Der Westen ließ gar nach 9/11 vermeintliche Terroristen dort foltern. Assad sei gar Teil des internationalen Bündnisses gegen den Terror gewesen. Der BND unterhielt ohnehin traditionelle enge Beziehungen nach Damaskus. Berlin, die Schröder-Fischer-Regierung, gewährte gar Damaskus gut 150 Millionen Euro Unterstützung. Hilfe und einen Schuldenerlass, das „was man später dem EU-Partner Griechenland“ eiskalt verwehrte.

Afghanistan

Und schon kam Wolf auf das Debakel in Afghanistan, die dritte Fluchtquelle, zu sprechen. Einem Land, in dem Frauen, wie Winfried Wolf gestand, erst kürzlich erfahren zu haben, „im Zeitraum nach dem Ersten Weltkrieg bis Anfang der 1980er Jahre keinen Schleier getragen haben“. Hervorgerufen durch „östlichen und westlichen Einfluss“ kehrte diese Kopfbedeckung und die Scharia wieder in das Land zurück. Schuld trüge u.a. auch der sowjetische Einmarsch und deren Folgen. Eine Moskau hörige Regierung wurde eingesetzt. Fast eine Millionen Menschen flüchteten. Daraufhin bildeten islamistische Widerstandsorganisationen. Der Westen – voran die USA und Pakistan – lieferten moderne Waffen. Warlords und Islamisten übernahmen nach dem schmachvollen Abzug der Sowjetarmee die Macht. Die Taliban wurden vom Westen unterstützt. Die USA betrieben das Ziel eine Öl-Pipeline aus den südlichen GUS-Staaten über Afghanistan hin zum Indischen Ozean zu bauen. Nach den Terrorangriffen von 9/11 habe es einen kurzen Krieg gegen Afghanistan gegeben. Danach wurde das Land bis heute von westlichen Militär besetzt. Westliches Militär – darunter die BRD (das vom damaligen Bundeswehroberst Georg Klein angeforderten Tankwagenbombardement am Kunduzfluss forderte über 100 Tote) – richteten viele Massaker an der Zivilbevölkerung an.

Auf Anfrage der LINKEn, was der Afghanistan-Einsatz im Vergleich zu den Flüchtlingsausgaben gekostet habe, habe die Bundesregierung mitgeteilt, dass bisher 8 Milliarden Euro dafür habe ausgeben müssen. Das DIW hält dem entgegen, 20 bis 45 Milliarden Euro wären es gewesen. Wolf: „Damit könnte man 5 bis 10 Jahre lang alle möglichen Flüchtlingskosten bezahlen, die wie von Bundesregierung behauptet, anfallen würden.“

Afghanistan, gab Winfried Wolf zu bedenken, ist „nach einem 35-jährigen Krieg völlig ausgeblutet und zerstört“.

Viele Millionen Flüchtlingen seien „produziert“ worden.

Afrika/Libyen

Vor einiger Zeit machte das Fluchtschiff im Dortmunder Hafen fest, um auf die Situation von Flüchtlingsfrauen aufmerksam zu machen. Vom kommenden Dienstag an werden fast an gleicher Stelle 180 Flüchtlinge auf zwei Flusskreuzfahrtschiffen wohnen; Foto: C.-D.Stille

Vor einiger Zeit machte das Fluchtschiff im Dortmunder Hafen fest, um auf die Situation von Flüchtlingsfrauen aufmerksam zu machen. Vom kommenden Dienstag an werden fast an gleicher Stelle 180 Flüchtlinge auf zwei Flusskreuzfahrtschiffen wohnen; Foto: C.-D.Stille

Die vierte von Wolf erwähnte Flüchtlingsregion ist Afrika und speziell Libyen. Auch Libyen wurde vom Westen nach Protesten vor dem Hintergrund der Arabischen Rebellion durch Krieg destabilisiert. Libyen war das entwickelteste Land Afrikas. Die Scharia galt nicht. Diktator Gaddafi, auch einst ein vom Westen nicht ungern gesehener und für eigne Zwecke (Flüchtlingsabwehr) benutzt, wurde blutig ermordet. Heute ist der Islamismus im Vormarsch. Der Luftkrieg war nicht zuletzt auch ein „Werbefliegen“ (so damals die Financial Times Deutschland) für die Kampfjets diverser westlicher Kampfflugzeughersteller. Milliardenaufträge winkten.

Eine deutsche Firma habe einst, daran erinnerte Wolf, wichtige Bauteile für eine Giftgasfabrik geliefert, von der Gaddafi unumwunden sagte, er brauche das Giftgas zum Kampf gegen Israel. Andere westliche Länder waren darüber empört. Die internationale Presse, wie z.B. die New York Times, schäumte. Die Kohl-Regierung habe es mit einer breiten Kampagne gegen sie zu tun bekommen. Das Zustandekommen der Deutschen Einheit, mutmaßte Dr. Winfried Wolf, haben womöglich den Sturz Kohls verhindert.

Irak

Als fünfte und letzte Quelle für Flüchtlinge kam der Irak aufs Tapet. Drei Golfkriege beutelten das Land. Vom Westen unterstützt, führte er Krieg gegen den Iran. Dann ließ sich, von der USA-Botschafterin in Bagdad quasi dazu ermuntert, Diktator Saddam Hussein darauf ein, Kuweit zu besetzen. Die USA führten einen Krieg gegen den Irak. Der wurde aus Kuweit vertrieben. Hussein ließ Bush Vater im Amt. Sohn Bush stürzte ihn bekanntlich im Krieg von 2003. Hussein wurde hingerichtet. Schwersten Menschenrechtsverletzungen (Stichwort: Folterskandal Abu Ghraib) wurden seitens der USA und wohl auch von Großbritannien begangen. Das Land ist destabilisiert. Der IS kontrolliert 40 Prozent des Staatsgebietes. Religionskonflikte – früher dort kaum auftretend – spielen nun eine blutige Rolle. Auch hier die Heuchelei des Westens: Einst war – solange er nach der Pfeife der USA tanzte – Saddam Hussein jemand, dem westliche Staatenlenker gerne die Hände schüttelten. Die Kohl-Regierung gewährte trotzdem der Giftgasangriffe gegen die Kurden auch Hussein ein Kredit von 100 Millionen DM.

Auch Rüstungsgüter stammten aus der BRD. Irakische Offiziere seien an der Münchner Bundeswehrhochschule ausgebildet worden.

Die USA, meinte Dr. Wolf, habe damals geschwiegen. Wohl weil die Bundesrepublik damals zur Kasse gebeten wurde, um 16, 9 Milliarden DM an die USA zwecks Kriegskofinanzierung zu berappen.

Auch der Irak wurde so durch westliche Einflussnahme zur einer Quellregion für Flüchtlinge, stellte Winfried Wolf fest.

Alternativen gegen kriegerische Eingriffe gab es wohl

Angeblich, so heiße es immer, habe es zu diesen westlichen, auch kriegerischen Eingriffen keine Alternativen gegegeben. Schließlich sei es um Menschenrechte gegangen. Wolf: „In allen einzelnen Fällen könne man im Detail nachweisen, dass es friedliche, zivilgesellschaftliche Möglichkeiten“ der Konfliktbeilegung gegeben habe.

Als Beispiel nannte der Referent den kosovarischen Schriftsteller Ibrahim Rugova. Dieser habe stets im Sinne Mahatma Gandhis für gewaltfreie Lösungen plädiert. Letztlich setzte sich der Westen für eine Hochrüstung der Terrororganisation UCK ein.

Winfried Wolf zur Gesamtbilanz: Der Westen, Europäische Union, deutsche Bundesregierung und US-Regierung im Fall dieser fünf wichtigsten

Über die Einsatzleitung der Feuerwehr Dortmund am Nordausgang des Hauptbahnhofes erfolgte vor einem Jahr die nötige Koordinierung; Foto: C.-D. Stille

Über die Einsatzleitung der Feuerwehr Dortmund am Nordausgang des Hauptbahnhofes erfolgte vor einem Jahr die nötige Koordinierung; Foto: C.-D. Stille

Quellregionen der aktuellen Flüchtlingsbewegung haben den größten Beitrag dafür geleistet, dass das Leben der Menschen dort zunehmend unerträglich geworden sei. Dass sich Millionen Menschen auf den Weg in Gebiete aufmachen, wo sie glaubten ein normales ziviles Leben führen zu können. Und eine Perspektive für ihre Kinder sehen. Schlussfolgerung: Nur eine Stärkung der Zivilgesellschaft dort und eine Umsetzung von bestehenden Friedensvorschlägen könnten dazu dienen, die Flüchtlingsbewegung zu begrenzen. Der zynische Deal der EU und der Bundesregierung mit Erdogan sei der falsche Weg. Schon deshalb, weil der türkische Präsident einen Krieg gegen die eigene (kurdische) Bevölkerung führe, was wohl weitere Flüchtlinge produzieren dürfte. Stattdessen bräuchten wir offene Grenzen für Menschen in Not. In der EU leben 450 Millionen Menschen. Wenn 3 Millionen Flüchtlinge nach Europa, in die EU kommen würden, wären dies weniger als ein Prozent von deren Bevölkerung. Dieses eine Prozent pro Jahr an Einwanderung würden Länder wie Australien oder Kanada für machbar halten. Vorausgesetzt man mache entsprechende Integrationsprogramme, die finanziert sein. Was wiederum wie ein Konjunkturprogramm wirken könne.

Fazit

Wie pflegt doch Dr. Michael Lüders zu sagen? Alles hat mit allem zu tun. Und der Westen hat einiges damit zu tun, dass Menschen aus dem von ihm destabilisierten Ländern zu uns fliehen. Dieser Wahrheit müssen wir uns stellen. Ein faktenreicher,  interessanter und spannender Vortrag von Dr. Wilfried Wolf.

Podiumsdiskussion im Dortmunder Rathaus: „Globaler Rohstoffhandel – wer zahlt, wer profitiert?“

Die Diskutanten v.l.n.r: Vincent Neussl, Dr. Médard Kabanda, Johanna Sydow und Matthias Baier; Fotos: C.-D. Stille

Die Diskutanten v.l.n.r: Vincent Neussl, Dr. Médard Kabanda, Johanna Sydow und Matthias Baier; Fotos: C.-D. Stille

Eine interessante Diskussion zum globalen Rohstoffhandel fand am Dienstagabend im Dortmunder Rathaus statt.

Konkret ging es um folgenden Fragen: „Wer und was macht Coltan zum Konfliktrohstoff? Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer der globalen Wirtschaftsbeziehungen? Welche Forderungen gilt es an Regierungen, internationale Konzerne und Konsumenten zu stellen, um ein faires und zukunftsfähiges Wirtschaften zu fördern?“ Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Globaler Rohstoffhandel – wer zahlt, wer profitiert?“

Begrüßung der Gäste durch Birgit Jörder

Begrüßt die Gäste: Bürgermeisterin Birgit Jörder.

Begrüßt die Gäste: Bürgermeisterin Birgit Jörder.

Bürgermeisterin Birgit Jörder begrüßte die Gäste. Sie wies daraufhin, dass wir alle u.a. durch Nutzung der nicht mehr aus unseren Leben wegzudenkenden Smartphones mit dem Thema in Berührung stehen: Denn Smartphones sind ohne den Rohstoff Coltan nicht herstellbar.

„Global denken – lokal handeln ist die Maxime. Auf nachhaltiges Handeln kommt es an.“ Sie denke, in Dortmund sei man da ganz gut eingestellt.

Coltan-Fieber“ auf NRW-Tournee

Zum Auftakt der NRW-Tournee des Bildungs- und Theaterprojektes „Coltan-Fieber“ für Schulen und Erwachsene informierte Christa Morgenrath, Projektleitung „stimmen afrikas/ Allerweltshaus Köln“ und „africologne/ Theater im Bauturm/Köln“ über das Projekt. Dieses könne beispielhaft über die Problematik globaler Rohstoffhandel informieren.

Über die Entstehungsgeschichte des Theaterprojektes

Gerhardt Haag, Theaterleitung & Künstlerische Leitung africologne, berichtete über die Entstehungsgeschichte des Theaterprojektes „Coltan-Fieber“.

Christa Morgenrath und Gerhardt Haag (links) zum Theaterprojekt.

Christa Morgenrath und Gerhardt Haag (links) zum Theaterprojekt.

Den Anstoß dafür lieferte die Goethe-Gesellschaft in Kigali/Rwanda. Doch das Thema war für das Land zu heiß. Man sei dennoch dran geblieben und habe das von Jan-Christoph Gockel inszenierte Stück zusammen mit dem Theater FALINGA Ouagadougou/Burkina Faso entwickelt. Autor ist Aristide Tarnagda. Dessen Skizze wurde in Köln gezeigt.

Coltan-Fieber“: Aufführung am 11. Juni im Theater im Depot

Letztlich kristallisierten sich daraus zwei Stücke heraus. „Coltan-Fieber“ hatte am 31.10.2014 in Ouagadougou verspätet nach einem Volksaufstand in sehr aufgeheizter Situation Premiere. Das deutsche Auswärtige Amt hat das Projekt unterstützt. Das Stück konnte dann auch in Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo – wenngleich nicht direkt in der Coltan-Region im Ostkongo – aufgeführt werden. Einer der damaligen Schauspieler, freute sich Gerhardt Haag, sei nun auch endlich dank Hilfe des deutschen Außenamtes nach mehrmaliger Ablehnung eines Visas, am Montagabend in Deutschland eingetroffen. Er befand sich im Publikum.

Das Stück „Coltan-Fieber wird übrigens am 11. Juni im Dortmunder Theater im Depot um 20:00 Uhr zu sehen sein.

Die Diskutanten

Die von Sandrine Blanchard, Redaktion frankophones Afrika, Deutsche Welle, moderierte Diskussion ging auf viele Aspekte des sehr komplexen

Johanna Sydow von Germanwatch.

Johanna Sydow von Germanwatch.

Themas der Veranstaltung ein. Die Expertin in der Runde, Johanna Sydow, Referentin für Ressourcenpolitik, Germanwatch Berlin, und deren männliche Expertenkollegen, Vincent Neussl, Referent der Afrika Abteilung, Misereor Aachen, Dr. Phil Médard Kabanda, Dozent der Kultur- und Sozialwissenschaften der Uni Osnabrück und des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität Berlin, sowie Matthias Baier, Internationale Kooperationen – Afrika, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hannover informierten über den aktuellen wissenschaftlichen und politischen Stand der Debatte und das komplexe Gefüge der Konfliktlage in der Region der Großen Seen zu durchleuchten.

Sandrine Blanchard wies daraufhin, dass allein dort 50 bis 60 bewaffnete Gruppen den Coltanabbau kontrollierten. Wobei die Rohstoffe nicht die Ursache der Konflikte seien, sie jedoch anheizten.

Die Lage aus Sicht der einzelnen Diskutanten

Zunächst zeigte Matthias Baier zwecks Einführung den interessanten Film eines Journalisten über die Arbeitsbedingungen in einer zertifizierten

Martin Baier.

Martin Baier.

Coltanmine im Osten Kongos. Er handelt u.a. von einem einstigen Farmer, der sich – verschuldet – in einer Coltanmine verdingt hat. Dort wird mit Schaufeln und bloßen Händen wie zu Goldgräberzeiten gearbeitet. Reich kann davon niemand werden. Eine Zertifizierung ermöglicht die Bestimmung der genauen Herkunft der Rohstoffe.

Zwei Drittel der Minen gelten immerhin als konfliktfrei. Heißt, dort gibt es keine bewaffneten Auseinandersetzungen oder Kinderarbeit. Von dort kommt auch das Coltan, das etwa im Fairphone, dass Beier auch privat nutzt, verarbeitet ist.

Verbindliche Vorschriften statt freiwilliger Selbstverpflichtungen

Die weitere Diskussion erbrachte, dass freiwillige Selbstverpflichtungen der Importeure von Rohstoffen sowie der Hersteller von Handys, Laptops oder Autos bezüglich der Konfliktfreiheit der verwendeten Rohstoffe nicht zielführend sind. Sondern ausschließlich verbindliche Vorschriften. Daran ließ Johanna Sydow keinen Zweifel.

Kritik an Staat und Medien der Demokratischen Republik Kongo

Dr. Médard Kabanda beschrieb und skandalisierte die Ohnmacht des Staates gegenüber dem stattfindenden Unrecht sowie dessen beklagenswerte

Dr. Médard Kabanda.

Dr. Médard Kabanda.

Handlungsunfähigkeit in weiten Bereichen im Kongo. Der doch eigentlich ein reiches Land sei. Profitieren vom Rohstoffabbau würde hauptsächlich – und dass bereits seit Kolonialzeiten – Cliquen und Clans im Lande. Viele Menschen rackerten sich dagegen in den Rohstoffminen barfuß und mit bloßen Händen für lächerlich geringen Lohn ab. Auch kriegerische Auseinandersetzungen nicht nur in Rwanda, sondern auch im Kongo hätten tiefe Spuren in der Bevölkerung hinterlassen. Der Staat komme seinen Aufgaben nicht nach. Rohstoffe verschwänden in die Nachbarländern. Es gebe weder Kontrolle, noch würden Zölle erhoben. Ein Manko an ermöglichter Bildung sei zu konstatieren. Die aus den Ressourcen des Landes erzielten Gewinne würden nicht gerecht über die Bevölkerung verteilt. „Die Masse der Bevölkerung leidet.“

Die eigene „Verfassung wird mit Füßen getreten“. Kabanda: „Der Staat ist eine Katastrophe.“ Die Medien seien alle von der Regierung gekauft.

Kongo hat sogar einen Minen-Kodex. Dieser werde aber nicht angewandt, wusste Sandrine Blanchard. Der Staatshaushalt des Kongo, auch das darf nicht unbedacht bleiben, beträgt gerade einmal um die acht Milliarden Euro.

Bemühungen um fairen Rohstoffabbau

Vincent Neussl sprach über die starken Bemühungen betreffs fairen Rohstoffabbaus

Vincent Neussl.

Vincent Neussl.

der fest in der kongolesischen Zivilgesellschaft verankerte katholischen Kirche des Landes. Er wollte dank der Dodd-Frank-Gesetzgebung in den USA und der Europäischen Richtlinien, die kein zahnloser Tiger sein dürften, zwecks fairen Rohstoffhandels zarte Verbesserungen der Situation auch der Kleinschürfer sehen.

Hundertfünfzig Euro verdiene ein General, schob die Moderatorin ein. Wie solle der denn zu ordentlicher Kontrolle motiviert sein und Bestechungsversuchen gegenüber immun sein?

Keine einfachen Lösungen

Matthias Baier wandte ein, einfache Lösungen gebe es nicht. Auch verbindliche Verpflichtungen der Industrie hätten nicht unbedingt Verbesserungen zur Folge. Schließlich gingen auch die Kosten für Kontrollen letztlich zulasten der Minenarbeiter. Und natürlich sei auch die katholische Kirche zwar Teil der – aber letztlich nicht die Zivilgesellschaft an sich. Viele Kongolesen hätten keinerlei Stimme.

Die Runde war einig in de Analyse der Situation. Doch die Probleme sind komplex

Die spannende Diskussion zu einem hochwichtigen Thema hatte zum Ergebnis, dass die Probleme und die daraus resultierenden Notwendigkeiten des Handeln erkannt sind. Man war sich, wie Martin Baier einvernehmlich für die Runde feststellte schon ziemlich einig. Es ging gar nicht so kontrovers zu wie zu erwarten gewesen war. Dennoch sind die Probleme sehr komplex. Einfache Lösungen zu finden zu wollen, hieße naiv sein. Wobei auch zu beachten wäre, was Dr. Kabanda sagte:

„Die Worte der Politiker sind oft sehr groß, die Wirkungen vor Ort jedoch klein. Auf Menschlichkeit kommt es an.“