Die 74. Ruhrfestspiele sind abgesagt und auch mit dem angedachten Herbstfestival im Oktober 2020 wird es nichts

Nun steht es fest und es ist bitter für Veranstalter wie für das Publikum: Nicht nur die 74. Ruhrfestspiele – die seit ihrer Gründung im Jahre 1946 alljährlich mit vielen Höhepunkten stattfanden, finden – wie bereits angekündigt nicht nur nicht statt; auch das angedachte Herbstfestival im Oktober kommt nicht zustande.

„Liebes Publikum“, schreibt Intendant Olaf Kröck,

Das Ruhrfestspielhaus mit Moore-Plastik davor. Fotos (3): C. Stille

„aufgrund der Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus haben wir uns in enger Abstimmung mit unseren Gesellschaftern und dem Aufsichtsrat schweren Herzens entschieden, die Planungen für das angedachte Herbstfestival im Oktober 2020 abzubrechen. Die offiziellen Bestimmungen, die bis in den Spätsommer reichen, machen die Planungen zurzeit auf einer seriösen Grundlage unmöglich. Das Großveranstaltungsverbot besteht bis zum 31.8.2020 mit ungewisser Konsequenz für das Produzieren und Zeigen von Darstellender Kunst. Die Theater sind nach wie vor geschlossen, Proben für geplante Premieren ausgesetzt, internationales Reisen nicht möglich. Mögliche Aufführungstermine im Rahmen einer Herbstspielzeit sind daher nicht realistisch disponierbar. Eine Planungssicherheit für die Wiederaufnahme von Kulturveranstaltungen im Herbst ist zudem weiterhin ungewiss. Es gibt derzeit keine klaren, behördlichen Hinweise in Bezug auf Hygiene-Regelungen für Zuschauerräume, Publikumsgrößen etc.“

Olaf Kröck weiter:

„Wir haben in den letzten Wochen intensiv versucht, Teile des Programms der Ruhrfestspiele im Herbst präsentieren zu können. Alle beteiligten Partner haben sich nach Kräften bemüht und wir haben uns über die große

Zur Eröffnung in früheren Zeiten. An der Spitze des 1.Mai-Demozugs die Kohlekumpel.

Kooperationsbereitschaft sehr gefreut. Dennoch herrscht überall, national und international, große Unsicherheit, welche Planungssicherheit überhaupt gegeben werden kann. Es fällt schwer, endgültig anzuerkennen, dass wir in diesem Jahr keine Ruhrfestspiele haben werden.“

Das Publikum wird weiter informiert:

„Einige Produktionen und Projekte der abgesagten Spielzeit können voraussichtlich, neben der inhaltlichen Entwicklung und Disponierung der neuen Festspielsaison, in die Planungen für 2021 integriert werden. Wichtig wird dabei sein, die Entwicklungen der Theater- und Kunstlandschaft im deutschsprachigen Raum und im internationalen Kontext auf der Grundlage der aktuellen Situation genau und kritisch zu verfolgen.“

Olaf Kröck abschließend:

„Wir blicken nun gespannt und neugierig in das nächste Jahr, in dem die Ruhrfestspiele ihr 75-jähriges Jubiläum begehen. Wir müssen die Planungen mit Weitsicht und größtmöglicher Offenheit und Flexibilität betreiben. Neue Zeiten bringen möglicherweise neue Ruhrfestspiele hervor. Das wollen wir jetzt mit Lust und großer Kreativität angehen.“

Quelle: Ruhrfestspiele Recklinghausen

Neues vom „Ohrenkuss“: Film-Besprechung „The Peanut Butter Falcon“, Interview mit US-Schauspieler Zack Gottsagen und eine Verlosung

Film-Besprechung The Peanut Butter Falcon
Mitglieder der Ohrenkuss-Redaktion haben den Film The Peanut Butter Falcon gesehen.
Lesen Sie die Ohrenkuss-Film-Kritik (Link dazu hier).

Ohrenkuss macht Werbung für den Film!
Dass ein Mensch mit Down-Syndrom die Hauptrolle in einem Hollywood-Film spielt, kommt selten vor.
Dass er sie so fantastisch spielt wie Zack Gottsagen auch.
Darum empfiehlt Ohrenkuss-Autor David Blaeser:

„Ich finde andere Leute sollten sich den Film ansehen um etwas über das Down-Syndrom zu erfahren – sie werden es gerne tun.“

Wir möchten ausnahmsweise mal Werbung machen:
Schauen Sie den Film an, denn:
Der Film ist sehr cool, aber auch etwas hart. Eine heiße Geschichte. Ich würde ihn nochmals ansehen wollen.“
Das sagt Ohrenkuss-Autorin Christina Groß.

Wie bitte? Sie können gerade nicht ins Kino gehen?
Und haben kein Auto-Kino in der Nähe?!
Dann gibt es jetzt eine gute Nachricht:
Den Film The Peanut Butter Falcon gibt es ab sofort als DVD, Blue-Ray und als Stream.

Der Schauspieler Zack Gottsagen
Sie möchten mehr über Zack Gottsagen erfahren?
Und über ihn berichten?
Wir finden: Er ist der großartigste Schauspieler des Jahres 2020.
Ohrenkuss-Autor David Blaeser sagt über ihn:
Ich finde, den Namen Zack Gottsagen toll, weil ich auch diesen Namen haben möchte, aber das geht leider nicht.“
Lesen Sie ein Portrait des Schauspielers Zack Gottsagen (Link dazu hier).

Das Ohrenkuss-Interview mit Zack Gottsagen
Hier klicken für 1A Ohrenkuss-Interview mit Zack Gottsagen.
Die Mitglieder der Ohrenkuss-Teams haben schon viele Interviews geführt.
Wir haben schon mit vielen Menschen gesprochen.
Aber Hollywood-Schauspieler und -Schauspielerinnen treffen auch wir nicht oft.
Ohrenkuss-Autorin Natalie Dedreux schreibt:
Und ich finde es auch cool, das wir mit ein Amerikaner mit Down-Syndrom skypen können und da gibt es ja unterschiedliche Uhrzeiten.

Es macht auch Spaß, mit anderen Leuten mit Down-Syndrom aus anderen Ländern zu sprechen.

Und es macht schon Spaß, das man auch mit jemanden mit Down-Syndrom, der aus einen andren Kontinent kommt wie zum Beispiel Zak Gottsagen.“
Erfahren Sie, was das Ohrenkuss-Team zum Interview mit Zack meint (Link dazu hier).

Verlosung
Im Interview mit Zack Gottsagen haben wir etwas erfahren.
Zack hat uns mitgeteilt, dass er 3 weitere Film-Projekte plant.
Unsere Ohrenkuss-Frage an alle:
In welcher Film-Rolle möchten Sie Zack Gottsagen sehen?
Bitte schickt uns Eure Vorschläge an: info@ohrenkuss.de
.
Frist: 21. Mai 2020

Ohrenkuss sammelt die Vorschläge.
Wir schicken sie an Zack Gottsagen.
Und wir verlosen unter den Einsendungen 5 DVDs von seinem Film The Peanut Butter Falcon.

Quelle: Pressemeldung Ohrenkuss.de

Ohrenkuss/Ohrenblog – arbeiten momentan auch im Home-Office

#Keuninghaus_to_Go: Der Dortmunder Stadtdirektor Jörg Stüdemann im Gespräch mit Aladin El-Mafaalani zur aktuellen Lage in der Coronakrise

Geschuldet der Coronakrise steht u.a. überall auch das Kulturleben still. So auch in Dortmund. Im neu geschaffenen Format Keuninghaus to Go sprach Aladin El-Mafaalani, der sonst den „Talk im DKH“ moderiert mit Stadtdirektor Jörg Stüdemann, der in Personalunion Kulturdirektor und Kämmerer der Stadt Dortmund, ist über die  über die aktuelle Lage in der Stadt Dortmund:

Dortmund: Gast beim nächsten „Talk im DKH“ am kommenden Freitag ist der Soziologe Aladin El-Mafaalani mit seinem neuen Buch „Mythos Bildung

Am kommenden Freitag steht ein weiterer „Talk im DKH“ ins Haus, zu dem das Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus herzlich einlädt.

Gesprochen wird über das jüngste Buch des Soziologen Aladin El-Mafaalani, der ansonsten den „Talk im DKH“ moderiert

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani. Foto: C. Stille

Am 13. Februar erschien Aladin El-Mafaalanis zweites Buch „Mythos Bildung – Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft“. Grund genug für ein „Talk im DKH SPECIAL“, bei dem Aladin El-Mafaalani ausnahmsweise nicht als Moderator, sondern selbst als Referent auftritt.

Moderiert wird das SPECIAL deshalb diesmal von Julia Wissert, die ab Sommer 2020 die Leitung des Dortmunder Schauspielhauses übernimmt.

Zum Buch

In einer ungerechten Gesellschaft kann das Bildungssystem nicht gerecht sein.
In diesem grundlegenden Buch analysiert Aladin El-Mafaalani aus unterschiedlichen Perspektiven die Probleme und paradoxen Effekte des Bildungssystems, seine Dynamik und seine Trägheit. Eine umfassende Diagnose, ein Plädoyer dafür, soziale Ungleichheit im Bildungswesen endlich in den Fokus der Bildungspolitik und -praxis zu rücken, und zugleich eine Absage an Visionen und Revolutionen: Es geht darum, was jetzt wichtig und realistisch ist.

„Mit Bildung löst man kein einziges der großen gesellschaftlichen Probleme, etwa die vielen offenen Fragen der Digitalisierung, den fortschreitenden Klimawandel oder den Umgang mit globaler Migration. Selbst die aufgeheizte gesellschaftliche Stimmung oder die Konzentration von Problemlagen in bestimmten Stadtteilen wird sich durch eine Ausweitung und Aufwertung von Bildungsinstitutionen nicht abschwächen. Es geht um eine Verringerung von Chancenungleichheit, um die Erweiterung von Erfahrungshorizonten und Zukunftsperspektiven für alle Kinder und um die Vorbereitung der nächsten Generationen auf die unbekannten Herausforderungen einer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft. Nur darum geht es. Nicht mehr und nicht weniger.“ Aladin El-Mafaalani

Quelle: Kiepenheuer & Witsch

Im Anschluss an die Buchvorstellung gibt es wie immer die Möglichkeit zur Diskussion sowie einen Büchertisch und eine Signierstunde.

Ort:

Dietrich-Keuning-Haus

Leopoldstr. 50-58 · 44147 Dortmund

Wann?

Los geht es um 19 Uhr, der Einlass beginnt ab 18.30 Uhr.

 

Der Eintritt ist wie immer frei

RuhrHOCHdeutsch – Das größte Festival seiner Art im deutschsprachigen Raum präsentiert in Dortmund Kabarett, Comedy und Musik vom Feinsten. Vorverkauf ab 1. Februar

Der künstlerische Direktor von RuhrHOCHdeutsch, Horst Hanke-Lindemann (rechts) informiert die Presse über das Festivalprogramm. Links im Bild: Dirk Schaufelberger (Vorstandsvorsitzender Sparkasse Dortmund. Fotos: C. Stille

Ruhrdeutsch heißt es, sei der „märchenhafteste aller deutschen Dialekte“. Die Fans können sich freuen: vom 17. Juni bis 11. Oktober läuft wieder „RuhrHOCHdeutsch“, das größte Festival seiner Art im deutschsprachigen Raum. Präsentiert wird Kabarett, Comedy und Musik vom Feinsten im historischen, über hundertjährigem Spiegelzelt – an den Dortmunder Westfalenhallen am Ruhrschnellweg 200. Auftreten werden schon bekannte Größen der Kabarett- und Comedy-Szene, Geheimtipps zum Weitersagen aber auch Newcomer & Aufsteiger. Der Vorverkauf beginnt am 1. Februar.

In unvergleichlicher Atmosphäre des 1892 gebauten Spiegelzelt kommt auch die Lebensart der Menschen im Ruhrgebiet zum Ausdruck

Das inzwischen im deutschsprachigen Raum bestens etablierte größte Festival „RuhrHOCHdeutsch“ ist mit seiner programmatischen Mischung und der Fülle des Dargebotenen, sowie nicht zuletzt wegen der unvergleichlichen Atmosphäre, die das 1892 gebaute Spiegelzelt vermittelt, etwas ganz besonderes. In diesem Jahr werden über 150 Künstler*innen an 117 Programmtagen präsentiert. Fast die Hälfte der auftretenden Künstler*innen, informierte Horst Hanke-Lindemann, künstlerischer Direktor des Theater Fletch Bizzel, auf einer Pressekonferenz, kommen aus unserer Region. So werde auch die Lebensart und die Kultur des Ruhrgebiets – das, was die hier lebenden Menschen auszeichne, auf die Bühne gebracht.

Zwei Premieren und zwei Dutzend Künstler*innen mit neuen Programmen

Die Programme – von Kai Magnus Sting, Fischer & Jung – feiern im Spiegelzelt Premiere. Leider ist der eingeplant gewesenen großartige Philip Simon mit der Premiere seines Programms nicht mit dabei – er musste aus Krankheitsgründen absagen. Für ihn ist Comedian Micky Beisenherz kurzfristig eingesprungen. Beisenherz wird einen Abend mit eingeladenen Gästen gestalten. Neben weiteren Vorpremieren gibt es auch Programme von zwei Dutzend Künstler*innen, die sich auf Tournee befinden. Sie werden für frischen Comedy-Input sorgen.

Die Specials

Die beliebten …immer-Veranstaltungen

  • …immer montags mit Pommes, Currywurst und ein Getränk Ihrer Wahl und Kabarett vom Feinsten für 22.00 €

  • …immer dienstags, das Spiegelzelt-Ensemble mit „Kuballa anne Bude – jetzt auch Heimatmuseum“ – Ein 5-Gänge-Menü mit für 49.00 € inklusive Speisen und Getränken. Die Bude schmeißt sich ins Zeug. Die schrillen Vögel des Reviers feiern einen bunten Abend der komischen Art mit Sketchen und Liedern und einem köstlichen Fünf-Gänge-Menü.

Und ist die Bude dann mal urlaubsbedingt geschlossen, wird hochkarätiger Ersatz geboten. Die moderne und verblüffende Zaubershow von Siegfried & Joy hat sich im letzten Jahr bewährt und wird ergänzt durch die ganz überdrehte „Comedy-Dinnershow“ von „Die Buschs“ (Vater und Sohn) – Tempo, Witz und Improvisationen, Magie und Parodie in einer komischen, magischen, anarchischen Show.

  • Die Konkurrenz der Fußball-EM müssen wir erfahrungsgemäß nicht fürchten – wir geben die ultimative, schlagfertige Antwort auf das Geschehen auf und neben dem Platz mit „Der Trainer muss weg – Ausgabe 2020“. Die unterhaltsame Sportrevue in zwei Halbzeiten wird nicht nur die EM sondern auch die zurückliegende Bundesliga-Saison und viele weitere Randsportarten kabarettistisch aufarbeiten.
    Mit Fritz Eckenga, Peter Großmann
    , Peter Freiberg, Thomas Koch, Peter Krettek, Ulli Schlitzer und Mathias Schubert.

  • Die Geier kreisen zum Glück nicht über dem Spiegelzelt an den Dortmunder Westfalenhallen sondern geben wie im letzten Jahr die Höhepunkte der diesjährigen Session sowie zahlreiche Klassiker zum Besten also den einzigartigen Geierabend-Mix aus Ruhrpott-Charme und rotziger Musik, frecher Satire, bissigem Kabarett und jeder Menge Klamauk.

  • Der Tana Schanzara Preis wird im zweijährigen Turnus verliehen und steht in diesem Jahr wieder auf dem Programm. In den letzten Jahren hat die Jury mit den Gewinnern einen „guten Riecher“ bewiesen – ob Jochen Malmsheimer, Kai Magnus Sting, Gerburg Jahnke, Maja Beckmann- die Preisträger sind aus der Kulturszene nicht wegzudenken.


Näheres zu den diesjährigen Preisträgern werden die Veranstalter zeitnah auf ihrer Internetpräsenz und via Presse verlautbaren lassen.

Beliebte Vertreter der vielfältigen Humor-Szene des Reviers und Gäste aus dem Sauerland

Wieder mit von der Partie sind die „Ruhrpott-Heroen und die beliebten Vertreter der vielfältigen Humor-Szene des Reviers, wie Carmala de Feo, René Steinberg, Fritz Eckenga, Frank Goosen, Jochen Malmsheimer, Lioba Albus, Hennes Bender, der Dortmunder Lokalmatador Bruno „Günna“ Knust und viele andere. Aus dem Sauerland werden Frieda Braun und Martin F. Risse mit seinem Schnöttentroper Männergesangverein „Singmanntau“ auf dem Festival vertreten sein.

Künstler aus dem „befreundeten Inland“, wie Urban Priol, Sebastian Pufpaff oder Dave Davis schlagen ihrer Zelte gleich für mehrere Tage an der B 1 auf

Programmheft RuhrHOCHdeutsch (Screenhot via RuhrHOCHdeutsch)

Die Künstler aus dem „befreundeten Inland“ seien aus dem seit 2010 stattfindenden Festival natürlich genauso wenig wegzudenken, so Hanke-Lindemann. Einige Künstler wie Urban Priol, Sebastian Pufpaff oder Dave Davis schlagen gleich für mehrere Tage ihre Zelte an der B1 auf – aus der Erfahrung heraus, wie schön ein besonderer Campingurlaub im Pott sein kann!

Weitere vielfältige Künstler*innen geben sich ein Stelldichein

Erstmals beim Festival sind in diesem Jahr unter anderem Frieda Braun, Daphne de Luxe, Tutty Tran (Koreaner mit Berliner Schnauze), Michael Feindler (Poertry-Slammer), oder Tino Bomelino mit von der Partie. Neue musikalische Highlights werden auch aufgeboten, das exzellente A-Capella-Aufgebot mit Storno, Basta und LaLeLu wird in diesem Jahr ergänzt durch die Ex-Wise-Guys Produktion Eddi plus Sari – diese allerdings mit Instrumenten!

Die Soul-Legende Theo Spanke (Soulfingers-Frontmann) wird bei Fred Ape & Freunde zu Gast sein und Lisa Fitz tritt mit „Flüsterwitz“, Gitarre und Jodelkompetenz in Aktion. Die Konzerte und Musik-Comedy-Programme von Stoppok, Pawel Popolski, GlasBlasSing, William Wahl werden für abwechslungsreiche Unterhaltung sorgen.

Der Hauptsponsor Sparkasse Dortmund möchte den Bürger*innen der Stadt etwas zurückgeben

Die Sparkasse Dortmund ist wieder Hauptsponsor von „RuhrHOCHdeutsch“. Vertreten auf der Pressekonferenz durch den Vorstandsvorsitzenden Dirk Schaufelberger. Schaufelberger sprach mit Hochachtung und purer Begeisterung von diesem beliebten Festival. Es sei der Sparkasse eine Freude etwas davon zurückgeben zu können, was „RuhrHOCHdeutsch“ den Bürger*innen einer wachsenden Stadt wie es Dortmund ist an Lebensfreude und Kultur vermittele.

Im Vergleich zu anderen Städten und ähnlichen Festivals müsse sich „RuhrHOCHdeutsch“ nicht verstecken. Im Gegenteil: Es sei einmalig und eine gelungene

Beteiligte an der Pressekonferenz in der Sparkasse Dortmund.

Veranstaltung von hohem künstlerischem Niveau.

Fürs beim Kabarett nicht wegzudenkende „Kühle Nass“ sorgt ein weiterer Sponsor

Als Vertreter eines weiteren Sponsors, nämlich der Radeberger Gruppe KG, war Marketing Manager Andreas Thielemann gekommen. Unerlässlich schon deshalb, meinte Horst Hanke-Lindemann, weil verantwortlich für das beim Kabarett nicht wegzudenkende „kühle Nass“.

Kulturbüro-Leiterin will ihr RuhrHOCHdeutsch verbessern

Ebenso zugegen war die neue, nicht aus dem Ruhrgebiet stammende Leiterin des ebenfalls „RuhrHOCHdeutsch“ unterstützenden Kulturbüros Hendrikje Spengler, spaßte, sie müsse in Volkshochschulkursen immer mal wieder ihr RuhrHOCHdeutsch verbessern. Das Kulturbüro ist Förderer des Festivals.

Eröffnung von „RuhrHOCHdeutsch“ mit Benefiz-Gala

Lachen für ’nen guten Zweck“ ist von Anbeginn des Festivals das Thema der Spiegelzelt-Eröffnung. Die traditionelle Benefiz-Gala wird am 17. Juni 2020 zugunsten der „Halte-Stelle e.V.“ durchgeführt. Die Halte-Stelle e.V. versteht sich als ein professioneller Dienstleister im Bereich psychosozialer Betreuung psychisch kranker Erwachsener. Beratungsangebote in der Kontaktstelle, das Ambulant Betreute Wohnen und die Tagesstätte haben das Ziel, die die Versorgung psychisch Kranker zu verbessern und diese aus ihrer randständigen Isolierung herauszuführen.

Alle an der Gala mitwirkenden Künstlerinnen und Künstler treten ohne Gage auf und der gesamte Erlös der Veranstaltung wird an die Halte-Stelle e.V. gespendet. Wie gewohnt werden über den gesamten Verlauf der Spiegelzelt-Spielzeit Barspenden und überzählige Wertmarken gesammelt und den Spendenempfängern zugeführt.

Fred Ape, als ein Vertreter der beim Festival mitwirkenden Künstler*innen in der Pressekonferenz, pflichtete Horst Hanke-Lindemann bei, der hervorgehoben hatte, wie wichtig es ist zu möglichst vielen Künstler*innen ein persönliches Verhältnis zu pflegen. Was helfe, wenn einmal jemand ausfalle und man Ersatz benötige. Der künstlerische Direktor von „RuhrHOCHdeutsch“, Horst Hanke-Lindemann ist im Übrigen überzeugt: „Dortmund wird wieder einen tollen Kabarett- und Comedy-Sommer erleben. Wir haben ein spannendes, vielseitiges Programm zusammengestellt, bei dem für jeden Geschmack etwas dabei ist.“

Schirmherr von „RuhrHOCHdeutsch“ ist in diesem Jahr zum letzten Mal Ullrich Sierau, der ja bekanntlich als Oberbürgermeister nicht wieder antritt. Er freue sich, so der Oberbürgermeister, dass es gelungen sei, für das Spiegelzelt ein hochkarätiges Programm auf die Bühne zu stellen. Alle Dortmunder*innen sowie Gäste aus

Von links: Andreas Thielemann (Radeberger Gruppe), Hendrikje Spenger (Kulturbüro Dortmund), Jana-Larissa Marx (DEW21), Dirk Schaufelberger (Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Dortmund, Horst Hanke-Lindemann (Künstlerischer Direktor RuhrHOCHdeutsch und Fred Ape (Liedermacher).

nah und fern seien herzlich eingeladen, dieses Veranstaltungs- Highlight in Dortmund mitzuerleben.

Der Veranstalter:

Veranstaltet wird das Festival „RuhrHOCHdeutsch“ vom Theater Fletch Bizzel.

Die Sponsoren:

Als Hauptsponsor präsentiert die Sparkasse Dortmund das Festival RuhrHOCHdeutsch. Außerdem unterstützen die DEW21, DOGEWO21, BRINKHOFF‘s No.1 und smply.gd GmbH Essen das Programm.

Tickets / Vorverkauf:

Der Vorverkauf beginnt am Samstag, 01. Februar 2020 ab 08.00 (bis 12.00 Uhr) im

Ticket Shop des Theaters Fletch Bizzel, Humboldtstr.45, Ticket-Hotline: 0231- 14 25 25

Ab 10.00 Uhr in allen anderen bekannten Vorverkaufsstellen.

sowie online im Internet.

Dortmund: Alice Hasters zu Gast beim „Talk im DKH“: „Warum ist es eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen?“

Das neue Jahr hat nicht lange warten lassen auf den ersten „Talk im DKH“. Am Freitag gingen dafür wieder die Lichter auf der Bühne des Dietrich-Keuning-Hauses an. Das Format wird anscheinend immer beliebter. Thema des Abends, „Warum ist es eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen?“ Mit Alice Hasters aus Berlin. Fazit: Nachdenken darüber, was wir „entlernen“ müssen. Dinge müssen beim Namen genannt werden.

Erfreulich viele Besucher bei Alice Hasters

Trotzdem der erste Talk-Gast, die Journalistin und Autorin Alice Hasters aus Berlin gewiss nur Wenigen bekannt gewesen sein dürfte, begehrten am vergangenen Freitag 500 Zuhörer Einlass ins Dietrich-Keuning-Haus im Dortmunder Norden. Aus diesem Grunde begann die Veranstaltung etwa gut 15 Minuten später. Bei den bereits Platz genommen habenden Besucher*innen kam indes keine Langeweile auf. Das bestens aufgelegte Duo Rasta Pacey & Jojo Boedecker unterhielt sie famos.

Vier Jahre „Talk im DKH“ – Ein kleiner Rückblick

DKH-Direktor Levent Arslan. Fotos: C. Stille

Der Direktor des DKH, Levent Arslan, erinnerte in seiner herzlichen Begrüßung des Gastes und des Publikums daran, dass den „Talk im DKH“ inzwischen nun bereits vier Jahre gibt. Arslan erzählte kurz die Entstehungsgeschichte. Im Jahre 2012 habe es eine vom Dortmunder Kulturdezernenten Jörg Stüdemann, der wie sooft auch am vergangenen Freitagabend wieder persönlich anwesend war, initiierte türkische Kulturwoche gegeben. Im Rahmen dieses türkischen Kulturfestivals haben Aladin El-Mafaalani und Levent Arslan einen Abend mit Jugendlichen und Lokalpolitikern organisiert, wobei es um die Frage gegangen war: „Wie wollen wir zusammenleben?“ habe man auch – wie an diesem Freitagabend – mit wenig Zuspruch gerechnet. Aber das Thema habe offenbar die Leute so bewegt und bewege sie noch heute, dass sie den Austausch suchten. Der Gedanke habe, Arslan weiter, sie fortan nicht mehr losgelassen. Und man habe beschlossen ihn „in so ein Format gießen“ wie es nun bestehe. Allerdings habe die Realisierung dann noch etwas gedauert. 2015 wurde Levent Arslan Programmleiter des DKH und das angestrebte Format – genannt „Talk im DKH“ – wurde aufgesetzt. Etwa 25 Veranstaltungen habe man bis dato gemacht und damit zirka 8000 Menschen erreicht. Rechne man den Schülertalk dazu, organisiert von Kati Stüdemann, der immer vor dem Talk am Abend vormittags im stattfindet Helmholtz-Gymnasium stattfindet, sei man bei ungefähr 10.000 Menschen.

Die Meilensteine der Özge Cakirbay

Özge Cakirbey beim Vortrag „Meilensteine“.

Co-Moderatorin Özge Cakirbay eröffnete den diesmaligen „Talk im DKH“ auf besondere Weise und bestens zum Thema des Abends, „Warum ist eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen?“, passend.

Mit ihrem sehr persönlichen Text folgte sie einer Aufforderung doch mal zu etwas über ihre „Meilensteine“ in ihrem Leben und darüber zu sprechen, wohin sie letztlich hingekommen sein.

Die wollte sie nun ablesen, aber es fehlte ihr etwas, wofür ihr die richtige Bezeichnung fehlte, weshalb Özge Cakirbay sagte, sie habe gehofft, dass sie „so ein Stehdingen“ dafür bekäme – herzliche Heiterkeit im Publikum – was halt aber fehlte. Schon eilte flugs ein umsichtiger Techniker mit einem Mikrofonständer herbei und es konnte losgehen.

In der schönen Geschichte erfuhr das Publikum, dass Özge in der Kindheit jede Voraussetzung, „es nicht hierher zu schaffen“ erfüllt habe. Vor dem Niederschreiben des Textes hätten die Kritikerin in ihr mit der Romantikerin in ihr gestritten. Letztlich sei es aber Özge Cakirbay gelungen, die Stolpersteine in ihrem Leben hinter sich zu lassen. Und „prächtige Meilensteine“ hätten ihr den Weg ihrer Entfaltung geebnet. Von „mächtig tollen Menschen“, von Liebe und Bildung, von Potential und Entfaltung sprach sie. Da seien Menschen gewesen, die ihren Intelligenzquotienten nicht anhand ihrer Hautfarbe, sondern

FLugs bringt der Veranstaltungstechniker das „Stehdingen“.

anhand ihres Verstandes gemessen haben. Von Lehrern, war die Rede, die sich nicht erschraken und mehr freuten also sonst, weil ihre Antwort richtig war. Von Meilensteinen sollte sie also erzählen, die nicht einmal wussten, dass sie Meilensteine sind. Meilensteine, die ihr auf die Schulter geklopft haben. Jeder könne ein Meilenstein werden. Menschen in ihrem Leben hätten schließlich dazu beigetragen, ihr Stolpersteine aus dem Weg zu räumen. Und Cakirbay zählte diese Menschen auf. Letztlich hat Özge über die Meilensteine und Menschen, die sie über Stolpersteine gehoben haben, selbst geschafft. Mit Herz. Und die Kritikerin in ihr sagte: „Das war eben authentisch“. Und die Romantikerin in ihr: „Das war eben echt.“ Özge sagt: „Das war eben auf Augenhöhe.“ Ein prächtiger Text, in welchem Özge Cakirbey humorvoll und poetisch über ihren eigenen mit Hürden gespickten, aber auch von helfenden Händen gesäumten Lebensweg erzählte.

Alice Hasters hatte das Gefühl, dass weiße Menschen nichts dazu lernen

Grund für das Schreiben ihres Buches, erzählte Alice Hasters, sei 2017 Einzug der AfD in den Bundestag gewesen. Im Buch selbst, sagt sie jedoch, werde die AfD nicht einmal genannt. Immer wieder habe man ihr gesagt, was sie fühle, sei kein Rassismus. Gedacht habe sie aber selbst auch manchmal, eigentlich treffe sie Rassismus nicht.

Hasters (weißer Vater, schwarze Mutter aus den USA, in Köln aufgewachsen) habe das Gefühl gehabt, dass weiße Menschen nichts dazu lernen. Sie habe dann gedacht, „weiße Menschen sollten vielleicht dringend wissen“, wie sie sich fühle.

Vorurteil plus Macht = Rassismus

Fragen wie „Darf ich mal deine Haare anfassen?“ oder „Wo kommst du her?“ wurden ihr immer wieder von weißen Menschen gestellt. All das habe

Moderator Aladin El-Mafaalani.

auch zu bestimmten, mit ihrer Hautfarbe korrelierenden Zuschreibungen geführt: „Du kannst bestimmt gut singen oder rappen“. Sie hätte zunächst gedacht, sie müsse das tolerieren. Dennoch: Rassismus passiere auch da, wo man ihn nicht vermute. Über diesen Rassismus habe sie in ihrem Buch sprechen wollen. Gerade weil es demgegenüber eine Ignoranz gebe. In der Schweiz, erzählte Alice Hasters, habe sie folgende interessante Definition gehört: Vorurteil plus Macht = Rassismus

Alice Hasters: Grundmuster des Rassismus sind „schon hunderte Jahre lang Bestandteil dieser Gesellschaft“

Alice Hasters beschreibt also im Buch, wie Rassismus ihren Alltag als schwarze Frau in Deutschland prägt. Dabei mache sie klar: Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft. Und sich mit dem eigenen Rassismus zu konfrontieren, sei im ersten Moment schmerzhaft, aber der einzige Weg, ihn zu überwinden, meint sie. Rassismus sei keineswegs immer nur individuell oder nur böswillig. Vielmehr seien entsprechende Grundmuster des Rassismus „schon hunderte Jahre lang Bestandteil dieser Gesellschaft“, aber auch global existent und die Gesellschaft prägend. Es müsse ein besserer Umgang miteinander gefunden werden, findet Alice Hasters.

Der Rassismus vor unserer Nase

Man müsse sich diesbezüglich wappnen, „weil der Rassismus vor unserer Nase ist“.

Gelernt müsse auch werden, zu versuchen besser darüber zu sprechen. Sonst gelänge es nicht etwas zu verändern. Oft nämlich schlage ihr nämlich eine Abwehr entgegen, werde versucht darzustellen, dieses oder jenes sei doch gar kein Rassismus.

Rassistisch denken: „Wir tun es natürlich alle“

Alice Hasters.

In Hasters Buch geht es um ihren Alltag, um die Schule, aber auch intimere Dinge wie Liebe und selbstredend auch um die Familie.

Letztlich müsse man sich klarmachen, dass nicht nur weiße Menschen rassistisch dächten oder handelten. „Wir tun es natürlich alle“, ist sich Alice Hasters sicher. Es habe nur unterschiedliche Konsequenzen.

Uns darüber im Klaren sein, was wir „entlernen“ müssen

Wir müssten uns damit konfrontieren, was wir gelernt haben und darüber klarwerden, was wir „entlernen“ müssen.

Und dahin kommen Rassismus ernster zu nehmen „und verstehen, dass man nicht nicht rassistisch sein kann“. Man könne antirassistisch sein und aktiv gegen den eigenen Rassismus vorgehen. Aber einfach so zu tun, als wenn wir nichts mit dem Thema zu tun hätten, glaubt Hasters, das bringe uns nicht weiter.

Sie habe halt versucht gegen die Ignoranz anzuschreiben. Dinge müssten beim Namen genannt werden.

Kategorisierungen, Zuspitzungen, Verwirrungen, Fallstricke und Unsicherheiten kontrovers diskutiert

Kontrovers wurde die nicht unwichtige Frage der Hautfarbe diskutiert. Schwarze und Weiße. Und neuerdings käme, warf Moderator El-Mafaalani ein, nach der Kategorisierung „weiße Männer“, die Zuspitzung „alte weiße Männer“. Er erinnerte daran, dass er damit beim Talk mit Reyhan Sahin über problemorientierte Kategorisierungen gesprochen habe und man darauf gekommen sei, dass das notgedrungen abgelehnt werde. „Alte weiße Männer“, dieser Begriff sei nun einmal negativ konnotiert. Da fühlten sich mindestens 40 Prozent der deutschen Männer angesprochen. Klar sei doch wohl, wer mit „alte weiße Männer“ gemeint sei – diejenigen nämlich, die nicht nur in Sachen Rassismus etwas auf dem Kerbholz haben. Alice Hasters wollten dann auch lieber von den „Mächtigen“ sprechen.

Auch Co-Moderatorin Özge Cakirbey gestand, als Türkin betreffs ihrer Hautfarbe oft verwirrt zu sein. Sei sie doch eher braun. Wohin gehöre sie denn nun? Sei sie denn farbig? Aber „farbig“ zu sagen ist nun wiederum auch negativ besetzt. Fallstricke und Unsicherheiten überall. Oder sei sie nun

Alice Hasters (li) und Özge Cakirbey (re.) im Zwiegespräch.

Person of color (POC)?

Alice Hasters erinnerte schließlich daran, dass sich diese Kategorisierungen weiße Menschen ausgedacht hätten.

Rassistisches in der Literatur – Wenn kann man noch zitieren? Märchen umschreiben?

Dann wurde aufgrund einer von Aladin El-Mafaalani erzählten Anekdote (eine Studentin von ihm hatte sich vorgenommen nie wieder Autoren zu zitieren, die Rassistisches geschrieben haben) darüber diskutiert, dass man dann kaum jemanden in der Literatur mehr finden könne, der noch zitierfähig sei. Sogar bei großen Aufklärern seien letztlich rassistische Stellen zu finden, erklärte El-Mafaalani.

Alice Hasters riet dazu, einen Umgang damit finden. Sollte man da etwas streichen, ändern, fragte El-Mafaalani? Gar Märchen umschreiben? Man denke nur, an Gruseliges in Grimms Märchen! Schon, fand, die Autorin. Applaus eines Teils des Publikums. Märchen, in denen Rassistisches vorkomme, würde sie ihren Kindern jedenfalls nicht vorlesen, macht Alice Hasters deutlich.

Stolz sein auf die Hautfarbe?

Beim Schüler-Talk am Morgen hatte Alice Hasters gesagt, sie sei stolz darauf schwarz zu sein. Worauf ein Schüler feststellte, sie sei doch gar nicht schwarz. Aber Hasters fühle sich nun einmal Schwarzen zugehörig. Faktisch erkenne sie auch an, das sie „mixed“ ist.

Jetzt am Abend einigte sich die Runde auf dem Podium nicht vom Stolz auf die Hautfarbe zu sprechen, sondern lieber zu sagen: Ich liebe meine Hautfarbe. Alice Hasters: „Okay. I take it.“

Das Dschungelbild am Eingang der Nordstadt und der in der Gesellschaft verankerte Rassismus

Diskutiert wurde auch das eingangs der Dortmunder Nordstadt befindliche – am Abend gezeigte – Graffito mit dem Spruch „Welcome to the Jungle“, das den wilden Charme der Nordstadt spiegeln soll. Das jedoch von manchen Menschen nun als nicht nur geschmacklos – sondern auch als menschenverachtend gesehen wird. Dabei war es gewiss nicht so gemeint. Darin fällt ein Gorilla besonders ins Auge. Alice Hasters „gefällt es nicht so sehr“, weil es triggere. Allein schon das Stereotyp Dschungel! Man müsse nur an die aus der Vergangenheit stammenden, aber immer noch benutzten Vergleiche von Affen mit schwarzen Menschen denken. Und die Affenlaute, die beim Fußball in eindeutig rassistischer Absicht getan würden, wenn schwarze Fußballer spielten. Und diese dann auch noch mit Bananen beworfen würden!

Das sei sehr in der Gesellschaft verankert. Es führe sogar bei ihr so weit, dass sie ein Unwohlsein entwickle wenn sie in der Öffentlichkeit eine Banane

Das Dschungelbild wird diskutiert.

esse, sagte Alice Hasters.

Es bleibe schwierig, hieß es. Vielleicht rege das Dschungelbild zum Nachdenken an und man spreche darüber.

Es nun einfach zu übermalen, sagte Aladin El-Mafaalani, wäre sicher das Falscheste was man machen könnte.

Über Wirkungen von etwas müsse halt gesprochen werden, warf Alice Hasters ein.

Weitere interessante Problematiken sprachen Besucher des Talks an

In der Fragerunde für das Publikum wurden viele weitere interessanten Problematiken angesprochen. Etwa, ob womöglich Postkolonialismus noch nachwirke. Besprochen wurde u.a. das Zurückziehen in die eigene Community und die eigene Befangenheit in bestimmten Situationen.

Man kam mit Alice Hasters darauf, manchmal auch einfach nur Zuzuhören und „mal selbst einfach die Klappe zu halten“.

Unbedingt wichtig sei auch der Wille zum Dazulernen und Empathie. Einfach mal darüber nachzudenken, stieß Alice Hasters an: „Wie würde ich mich fühlen in einer bestimmten Situation?“

Wie, fragte eine Frau, laute nun die richtige Bezeichnung für schwarze Menschen. Alice Hasters wie aus der Pistole geschossen: „Schwarze Menschen.“ Wenn es nur so einfach wäre. Auch unter Schwarzen gebe es dazu aber unterschiedliche Ansichten, kam zum Ausdruck.

Özge Cakirbey erzählte noch eine Begebenheit: Eine Bekannte setze sich oft der Bahn explizit dorthin, wo gerade schwarze Menschen sitzen. Um ihnen das Gefühl des Zugehörigkeit und Verbundenheit zu geben. Alice Hasters fand: Das sei zwar sicher gut gemeint, aber doch wohl eher etwas, das in die falsche Richtung gehe.

Gegen Ende der Veranstaltung kassierte Aladin El-Mafaalani von einer jungen Frau noch einen kleinen Rüffel, den er annahm. Er habe ihr zu oft unterbrochen, zu viele eigene Anmerkungen gemacht und damit seiner Rolle als Moderator nicht entsprochen.

Wieder ein interessanter „Talk im DKH“ war, den Hirnen der Besucher*innen ordentlich Futter zum nachdenken brachte, was reichlich zu Diskussionen bei den Besuchern im Nachhinein führen kann. Und im besten Fall dann auch und Reflexionen auslöst und einen allmählichen Wandel in der Gesellschaft herbeizuführen imstande sein könnte. Wenigstens auf lange Sicht gesehen. Denn per Knopfdruck findet so etwas nun einmal nicht statt. Das Thema – dass machte der Abend mit dem interessanten Gast im Dietrich-Keuning-Haus überdeutlich – ist ein weites Feld. Missverständnisse lauern da in vielen Ecken. Auch Fallstricke unter Umständen. Gegensteuern vs. Rassismus ist aber zweifelsohne vonnöten.

Es gab wieder einen vom Taranta Babu und Hassan verantworteten Büchertisch, an welchem die Autorin Alice Hasters nach dem Talk ihr Buch signierte.

Ausblick

Der nächste „Talk im DKH“ findet am 21. Februar 2020 um 19 Uhr statt. Julia Wissert, künftige Dortmunder Schauspieldirektorin, spricht mit Aladin El-Mafaalani über sein Buch „Mythos Bildung“.

Und am 3. April 2020 um 19 Uhr kommt der Journalist Michel Friedman. Er wird zum Thema „Was tun gegen Hass und Gewalt?“ zum Jahrestag des NSU-Anschlags auf Mehmet Kubasik in Dortmund am 4. April 2006  sprechen.

Zum Buch von Alice Hasters

„Talk im DKH“ beendete mit brillanten Gästen das spannende Jahr 2019: Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray und Ahmet Toprak langweilten keine Sekunde

Mit einem äußerst unterhaltsamen, informativen und keine Sekunde langweiligen Abend beendete der „Talk im DKH“ das spannende Jahr 2019. Als Gäste brillierten Reyhan Şahin und Ahmet Toprak.

Beide Gäste sind Gastarbeiterkinder und Aufsteiger

Zu Gast bei Moderator Aladin El-Mafaalani sind Prof. Dr. Ahmet Toprak (Dekan Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der FH Dortmund) sowie Dr. Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray (Sprachwissenschaftlerin) mit ihren aktuellen, spannenden Büchern „Muslimisch, männlich, desintegriert“ und „Yalla, Feminismus!“. Beide sind nicht nur Gastarbeiterkinder, sondern auch Aufsteiger. Nicht wie Aladin El-Mafaalani, der auf Nachfrage von Dr. Şahin sagen wird, er sei „relativ privilegiert“ in eine intellektuellen Familie aufgewachsen ist. Was Rayhan Şahin so quitiert: „Aha, ein weißer Araber“.

Begrüßung durch Levent Arslan und dessen neue Stellvertreterin Rena Schölzig

Begrüßt wird das Publikum vom Direktor des Dietrich-Keuning-Hauses (DKH), Levent Arslan sowie Rena Schölzig, seiner Stellvertreterin, Wahlnordstädterin und verantwortlich für die Programmleitung.

DKH-Direktor Levent Arslan und Stellvertreterin Rena Schölzig. Fotos: Stille

Rena Schölzig sagt, sie begreife ihre neue Arbeitsstätte „als Herausforderung “. Ein Dankeschön für die exzellente Arbeit das ganze Jahr über richtet Direktor Arslan an die Technik des Hauses

Moderator El-Mafaalani über Reyhan Şahin: „Das ist eine ernstzunehmende Intellektuelle“

Aladin El-Mafaalani hat Reyhan Şahin vor einiger Zeit bei der Verleihung des Deutschen Studienpreises kennengelernt. Beide hatten “nur“ den 2. Preis bekommen. An der Stelle ruft Reyhan Şahin: „Das ist ungerecht gewesen!“. Was El-Mafaalani bestätigt. Später wird er zwar nicht sagen, wer damals den 1. Preis bekommen hat, aber Folgendes: „Auf uns ist was geworden. Aus den anderen nicht.“

Moderator Aladin El-Mafaalani.

Dann sagt er etwas, das – hat man sich über die Jahre genauer mit Lady Bitch Ray befasst, nur unterstreichen kann: „Das ist eine ernstzunehmende Intellektuelle. Auch wenn das permanent Leute versuchen anders darzustellen.“ Sie sei eine Frau, die sich an Grenzen bewegt und Grenzen, regelmäßig überschreitet, die Rapperin war und sich selbst als „Undercover-Feministin“ und deren wichtigste Eigenschaft die Wissenschaft sei. Ihr Buch „Yalla, Feminismus“, lobte der Moderator, sei sprachlich sehr interessant: „Nicht ganz Straßensprache und nicht ganz Elfenbeinturm. Aber irgendwie doch beides.“ Eine Erkenntnis auch dem Buch sei: Dass der Sexismus in der Wissenschaft manchmal schlimmer ist als im Gangsta-Rap.

Reyhan Şahin macht den Anfang an diesem Abend

Reyhan Şahin verkörpert eine ebenso einzigartige wie aufregende Position im feministischen Diskurs: Als promovierte Linguistin, Rapperin und alevitische Muslimin spricht sie über Sexualität, Islam, Popkultur und Antirassismus wie keine andere.

Dr. Reyhan Sahin mit ihrem Buch





Die Rolle der Frau in der „Fuckademia“

Warum Reyhan Şahin das Buch geschrieben hat, habe mit der Erforschung des Kopftuches zu tun. Und da ging es darum, die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs in Deutschland zu ergründen. Weitere Aspekte: Islamischer Feminismus, oder Hip-Hop im Feminismus oder die Rolle der Frau im Wissenschaftsbetrieb, wie sie sagt in der „Fuckademia“. Um all das nicht immer wieder erklären zu müssen, habe sie das Buch geschrieben. Das Buch, erklärt sie, hat sie in drei große Abschnitte aufgeteilt: Hip-Hop-Feminismus, wo es darum gehe, wie man aus feministischer, aus feministisch-kritischer Perspektive Deutschraps analysieren kann. Wie man als Frau mit dem Zwiespalt zwischen der Liebe zum Hiphop und dem Feminismus-Sein zurechtkommt. Şahin: „Die sexistischen Formen sind nicht so mein Ding. Die Situation beschreibe ich als hip-hopsches Stockholm-Syndrom.“ Oder sie gehe auf lyrische Ich-Schizophrenie bei Rappern ein, die, wenn es ihnen recht sei, ihr lyrisches Ich und ihr Gangsta-Rap-Ich sehr trennen.

Die Sicht aufs Kopftuch und dessen Vielfalt

Zur Kopftuchdebatte in Deutschland empfinde sie, dass da immer mehr über die Meinung der Menschen debattiert werde, anstatt über die Kopftuchvarianten. Sie beschreibe im Buch „für jedermann sehr verständlich“, was Bedeutungsvarianten das Kopftuch haben kann. Und auch, was aus feministisch-kritischer Perspektive wichtig wäre zukünftig, wie man diese Debatte führen sollte.

Auffällig in Deutschland, so Şahin, sei der sogenannte „weiße Feminismus“, den sie auch als rechtlich kodierten Feminismus beschreibe. Die bekannteste Vertreterin sei z.B. Alice Schwarzer. Auch Necla Kelek nannte Şahin. Problematisch an deren Arbeit sei für sie, dass sie zum einen die Diskussion über den Islam vereinnahmt haben und bezüglich des Kopftuchs vom Befreiungsmotiv ausgegangen seien. Das Kopftuch würde von ihnen ausschließlich als Unterdrückungszeichen propagiert. Und z.B. andere Bedeutungsvarianten unsichtbar gemacht hätten. Dadurch sei nicht nur das Image des Kopftuchs negativ (gemacht) worden. Die eigentliche „feministische oder islamkritische Kritik am Kopftuch, die ja stattfinden sollte, es gibt ja durchaus patriarchalische Bedeutungsvarianten bis hin zu islamistischen Bedeutungsvarianten des Kopftuchs“, wo Frauen das aufgezwungen werde. Diese Frauen, findet Şahin, würden dadurch „unsichtbar gemacht“. Viele Menschen hätten leider keine Ahnung über die Vielfalt des Kopftuches bzw. von der Diversität muslimischer Communitys.

Intersektionaler Feminismus

In den letzten Jahren gebe es jüngere Frauen, die sich einem intersektionalen Feminismus (meint einen Feminismus für alle) verpflichtet fühlen. Das bedeutet nicht, dass er für alle sprechen will: Gerade die Erkenntnis, dass das überhaupt nicht möglich ist, gehört zu seinen Errungenschaften. Es ist der Versuch, Unterschiede anzuerkennen und uns nicht trotz, sondern wegen diesen Unterschieden zu einen.

Schnell merkte Şahin, was der Wissenschaftsbetrieb für ein Haifischbecken ist

Im letzten Kapitel ihres Buches, referiert Dr. Şahin, habe sie sich mit dem Wissenschaftsbetrieb auseinandergesetzt. Um ihre Arbeiten sichtbar zu machen. Denn diese vollzöge man quasi „als Aschenputtel im einsamen Kämmerlein und niemand sieht diese Arbeit, obwohl man sehr sehr viel arbeite“. Und schreibe man darüber, dann in „ziemlich hochgestochener Sprache“. In ihrem Buch habe sie versucht, all das in allgemein verständlicher Sprache herüberzubringen.

„Als türkisch-muslimisch-alevitische Frau, die halt auch Rap gemacht hat und in die Wissenschaft gekommen ist“, sei das am Anfang so gewesen, dass sie aufgehört habe zu rappen, weil sie einfach gesehen habe, dass das zu viel zu Stigmatisierung bis hin zu Morddrohungen geführt habe. Als sie mit der Musik aufgehört habe, sei es für sie teilweise schwer gewesen ihre Existenz zu sichern.

Als sie in die Wissenschaft gekommen sei, habe sie geglaubt dort mit klugen, geerdeten Menschen zu tun zu haben. Dr. Şahin. „Nach kurzer Zeit habe ich ganz schnell gemerkt, das sind ja die wirklich Verrückten!“ Bei Rappern wisse man das, weil die Künster*innen seien. „Bei Professor*innen rechnet man nicht damit, dass sie so verrückt sind. Und so ungerecht. Und nach Unten treten. Und ihre Mitarbeit*innen belästigen.“

Schnell habe sie gemerkt, „was das für ein Haifischbecken ist“.

Was Şahins Buch bewirken soll

Mit dem Buchtitel „Yalla, Feminismus“ habe sie zum einen erreichen wollen, dass muslimische, alevitische Themen behandelt, aber auch junge Frauen und queere Menschen motivieren werden, bei diesen feministischen und Antirassismus-Debatten mitzureden.

Ahmet Toprak – Vom Gastarbeiterkind zum Dekan

Der zweite Gast des Abends ist Ahmet Toprak. Torak, geboren 1970, kam mit zehn Jahren aus einem zentralanatolischen Dorf zu seinen Eltern nach Deutschland. Nach dem Hauptschulabschluss ging er zurück in die Türkei, machte Abitur und studierte ein Jahr lang Anglistik. 1991 setzte er sein Studium in Deutschland fort und wechselte schließlich zur Pädagogik. Nach dem Diplom 1997 arbeitete er als Anti-Gewalt-Trainer mit mehrfach straffälligen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und promovierte parallel. Seit 2007 ist er Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Dortmund. Und inzwischen der Dekan diese Fachbereiches.

Verfehlte Integrationspolitik erzeugt die neuen Bildungsverlierer

Jungen aus türkischen und arabischen Familien brechen öfter die Schule ab, werden häufiger arbeitslos und gewalttätig. Zudem sind sie oft anfällig für religiöse oder nationalistische Radikalisierung. Ist das alles mit dem Bildungsniveau der Eltern und gesellschaftlicher Ausgrenzung zu erklären? Dem Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak zufolge gründet das Problem der neuen Bildungsverlierer nicht nur in einer verfehlten Integrationspolitik. Ausgehend von seiner Forschung, seinen Erfahrungen als Sozialarbeiter und seiner eigenen Biographie belegt er, dass der gesellschaftliche Misserfolg der Jungen in erster Linie an der Erziehung im Elternhaus liegt.

Reyhan Sahin mit Ahmet Toprak.

Zu seinem Buch „Muslimisch, männlich, desintegriert“ hat Ahmet Toprak fünf Thesen vorbereitet

Bevor Toprak aber zum Referieren seiner Thesen kommt, findet eine vom Publikum sehr heiter aufgenommene, von Reyhan Şahin gekonnt zugespitzte Kabbelei mit Ahmet Toprak statt. Das Publikum hat viel zu lachen. Toprak kontert: „Wenn Reyhan hier rumbitcht, dann kommen wir hier nicht weiter.“ Schließlich kann er zum Punkt kommen: „Der neue Bildungsverlierer ist männlich, aus der Vorstadt und muslimisch.“ Sein Hintergrund: An frühere Benachteiligungen anknüpfend, fragt Prof. Toprak: „Warum wird aus dem katholischen Mädchen ein muslimischer Junge aus der Vorstadt?“

Es werden nach wie vor die traditionellen Rollenbilder eingeübt

Toprak ist der Meinung, dass traditionelle Erziehung den Jungen den Aufstieg in der Schule und darüber hinaus erschwert.

Er merkt jedoch differenzierend an, dass er – eingedenk von über 4 Millionen Muslimen hierzulande – damit nicht alle Muslime meine. Er rede vielmehr von traditionellen, konservativen muslimischen Elterhäusern.

In denen würden halt in Sachen Kindererziehung nach wie vor die traditionellen Rollenbilder eingeübt. Toprak: „Der Junge soll ein Alleskönner, erfolgreich und später das Familienoberhaupt sein.“ Er dürfe eben auch mal widersprechen und über die Strenge schlagen.

Demgegenüber werden den Mädchen angelernt, ordentlich zu sein, zielgerichtet und sauber arbeiten. Aber mit eine anderen Intension: Nämlich später einmal den Haushalt zu führen.

Reyhan Şahin grätscht da rein: „Das habe ich erfolgreich boykottiert.“ Toprak nickt: „Deshalb bist du auch hier.“

Diese Erziehung kommt den Mädchen in der Schule zugute.

Prof. Toprak: „Bei gleicher Schulnote kriegt derjenige mit Migrationsnamen eine schlechtere Empfehlung als ein Biodeutscher

Die zweite These behandelt institutionelle und gesellschaftliche Benachteiligungen und Zuschreibungen – sie hindern den Aufstieg. Es gebe auch Lehrkräfte, die Jungen mit Migrationshintergrund – besonders bei Übergängen zwischen den Schulformen – bewusst (das Denken, derjenige schaffe das nicht) oder unbewusst (man unterstelle dem Jugendlichen, im Elternhaus fehlte, etwa wegen unzureichender Sprachkompetenz die Unterstützung) diskriminierten. Ahmet Toprak geht davon aus: bei gleicher Schulnote kriegt derjenige mit Migrationsnamen eine schlechtere Empfehlung als ein Biodeutscher.

Warum sich hier geborene Jugendliche aus der dritten Generation nicht einheimisch fühlen

Toprak dritte These Verfehlte Integration und Bildungspolitik trage dazu bei, dass auch der Großteil der hierzulande geborenen Jugendlichen aus der dritten Generation sich nicht einheimisch fühle.

Man habe das Gefühl – in Wechselwirkung zur Mehrheitsgesellschaft – trotzdem man Deutscher geworden ist und gut Deutsch spricht, nicht dazu gehören.

Ahmet Toprak flicht dazu eine Anekdote ein: Er bekommt durch die dünnen Wände zum Vorzimmer seines Büros mit, dass ein junger Mann dort Einlass zum Dekan begehrt. Die Sekretärin verwehrt ihn. Da bittet Prof. Toprak den jungen Mann zu sich herein. Der junge Mann zu ihm: „Ich möchte aber nicht zu Ihnen. Ich möchte zum Dekan.“

Toprak: „Ich bin der Dekan.“ Der junge Mann gibt zurück: „Hat man für diesen Job keinen Deutschen gefunden?“ Toprak: „Nein. Entweder Sie nehmen mit mir Vorlieb oder Sie gehen.“

Der junge Mann wollte sich auf eine Stelle für Politikwissenschaften bewerben. Er bekam sie dann aber nicht. Aber aus anderen Gründen: er war nicht promoviert. Der Mann gab nicht auf und verwies auf im Hochschulgesetz vorgesehene Ausnahmen. Die gebe es, stimmte ihm Toprak zu, würden aber nur für Künstler gelten. Der junge Mann: „Ich werde wegen Diskriminierung gegen Sie vorgehen.“

Was er damit sagen wolle, so Toprak: Der gelungene Aufstieg macht es nicht unbedingt einfacher.

Seine vierte These: Die hohen Erwartungen an die Jungen erschweren den Bildungsaufstieg.

Ahmet Toprak: Wenn man sein Buch in Gänze gelesen habe, würde klar, dass er eigentlich die „Jungen in Schutz nehme und als Opfer des Patriarchats beschreibe. Die Ansprüche der Eltern an sie sein zu hoch. Am liebsten sollen sie Medizin oder Jura studieren. Die Jungen könnten so mehr oder weniger versagen oder gar in den Extremismus abrutschen, oder dem Nationalismus des türkischen Präsidenten Erdoğan, der ein großer Vereinfacher sei, verfallen.

Topraks letzte These: Familie und Schule oder Bildungseinrichtungen sind oft Gegner und keine Kooperationspartner

Eltern und Schule misstrauten und missverstanden nicht selten einander. Auch wüssten Eltern selten wie Schule funktioniere. Auf der Strecke blieben die Kinder, die sich in der Mitte befänden.

Die Mütter müssten oft quasi den ganzen Landen schmeißen, die Verantwortung übernehmen. Denn Väter seien oft ein Totalausfall, weil nicht da. Entweder sie arbeiteten, seien im Männercafé oder gar im Spielsalon.

Ein lebhafte und teilweise auch heitere Diskussion

In der Diskussion der Gäste und des Moderatoren mit- und untereinander postuliert Reyan Şahin feministisch weise, auf Ahmet Topraks Forschungsresultate reagierend: „Dass das Patriarchat allen schadet, weiß man ja.“

Allerdings wollte Şahin das nicht nur auf Muslime beschränkt verstanden wissen. Auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft würden durchaus noch Jungs bevorzugt. Geschlechterrollen seien auch da teilweise noch „konservativ und festgewachsen“.

Es gebe aber auch Mütter, steuert Şahin bei, die gezielt das Patriarchat unterstützten.

Und Moderator Aladin El-Mafaalani offenbart eine vor Jahren erlangte interessante Erkenntnis, die in vor einigen Jahren regelrecht erschüttert habe: Bereits vor 150 Jahren (seitdem man dazu Daten hat) sei herausgefunden worden, dass Mädchen in der Schule besser waren als Jungen.

Reyan Şahin zur Erheiterung des Publikums: „Also die Männer lernen nicht dazu.“

Gerade als Rapperin habe Reyhan Şahin gegen Muster ankämpfen müssen. Nach dem Motto: Die Frau ist entweder Heilige oder Hure.

Sexismus in der Wissenschaft, sagt sie, erwarte man dort eigentlich nicht.

Auch Şahin hat eine Anekdote zu erzählen:

Sie habe als Rapperin gut damit umgehen können, wenn ein Raper zu ihr gesagt habe: „Verpiss dich, Bitch! Als wenn ein Professor, wo ich mich beworben habe, nicht einmal eine Begründung sagen muss, warum er meine Bewerbung weglegt.“ Alles sei im Wissenschaftsbetrieb subversiver. Ein anderer Professor, der sie von oben bis unten gemustert (obwohl sie keine Kleidung mit tiefem Ausschnitt wie beim Talk trug) und gefragt habe: „Was wollen Sie hier?“ Auf ihren Wunsch nach Vernetzung reagierend, habe er gefragt, was denn ihr Ziel sei und da habe sie geantwortet: „Professorin.“ Der habe er sie abwertend angeguckt an und sagte: „Glauben Sie, Sie schaffen das?“ Sie sei ziemlich demotiviert weggegangen.

Solle sie sich vielleicht bei Topraks Hochschule bewerben, fragte sie. Toprak: „Sprachwissenschaftler brauchen wir nicht.“ Aber sie sei nicht nur Sprachwissenschaftlern. Toprak: Sozialwissenschaften käme auch nicht infrage.

Sowohl Toprak als El-Mafaalani sind zuversichtlich, dass Reyhan Şahin ihr Ziel erreichen wird

Aber abseits jeglicher Frotzelei zeigt sich Ahmet Toprak überzeugt davon, dass Reyhan Şahin irgendwann gefragt sein würde im Wissenschaftsbetrieb: „Man muss nur die richtige Stelle finden. Das kommt schon. Nicht aufgeben, weiter machen!“

Aladin El-Mafaalani an Reyan Şahin: „Ich würde die Uni abfeiern, die dich ruft, auf ’ne Professur.“

Vor Abhängigkeiten und Verfänglichkeiten müsse man sich hüten, rät Toprak. Er verfahre so: Wenn er Sprechstunde halte, dann lasse er die Tür zum Vorzimmer stets offen.

Reyhan Şahin: Universitäten sind seit über 200 Jahren eine „Institution der alten weißen Männer“

Reyhan Şahin gab zu bedenken, dass viele Probleme gerade von Frauen an den Universitäten auch damit zu tun hätten, die „eine Institution der alten weißen Männer sei“. Und das seit etwa über 200 Jahren! Immer hätten diese „alten weißen Männer“ ihre Nachfolger bestimmt und auf die entsprechenden Plätze gesetzt.

In der Fragerunde dreht sich dann ebenfalls viel um Feminismus, Antirassismus und Sexismus

Auch Ratschläge, etwa wie man gegen hartnäckige männliche Erkenntnisverweigerer angehen könnte, sind gefragt. Reyan Şahin: Sie habe inzwischen gelernt mit ihren Kräften hauszuhalten bzw. selbige besser zu dosieren. Nur dürfe man niemals verzweifeln, nie aufgeben. Und mit Menschen solle Frau reden, die einen verstehen. Eine Lehrerin aus Duisburg machte deutlich, man wolle ja gerade auch die Mädchen mit Migrationshintergrund dazu erziehen, dass sie nicht den Lehrer*innen nach dem Mund reden, sondern zu Selbstbewusstsein, damit sie sich eine eigene Meinung zu bilden imstande sind. Wer das eigne Milieu nicht verlasse, könne nicht aufsteigen, meint die Lehrerin.

Dann entwickelt sich wieder eine kleine, aber lustige Kabbelei zwischen Dr. Şahin und Dr. Toprak in Sachen Genderfragen. Um beim Rap Anleihe zu nehmen: zum Battle und schon gar nicht zum Dissen (Diffamieren) des sich anscheinend ganz leicht vergaloppiert habenden Professors seitens der gewesenen Rapperin kommt es dann aber nicht. Heiterkeit im Publikum. Dann beendet auch schon der Moderator den letzten „Talk im DKH“, von dem das Publikum viel mitnehmen konnte und bei dem auch herzhaft gelacht werden konnte. Gewohnt feinfühlig begrüßte Ester Festus am Klavier das Publikum musikalisch.

Ester Festus.

Vorschau:

Am 17. Januar 2020 findet der nächste Talk im DKH mit Alice Hasters statt und dem Thema:

„Warum ist es eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen?

Aladin El-Mafaalani spricht mit Alice Haster über die Themen ihres neuen Buchs „Was weiße Menschen über Rassismus nicht hören wollen – aber wissen sollten“

Zum Buch:


„Darf ich mal deine Haare anfassen?“, „Kannst du Sonnenbrand bekommen?“, „Wo kommst du her?“ Wer solche Fragen stellt, meint es meist nicht böse. Aber dennoch: Sie sind rassistisch. Warum, das wollen weiße Menschen oft nicht hören.
Alice Hasters erklärt es trotzdem. Eindringlich und geduldig beschreibt sie, wie Rassismus ihren Alltag als Schwarze Frau in Deutschland prägt. Dabei wird klar: Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft. Und sich mit dem eigenen Rassismus zu konfrontieren, ist im ersten Moment schmerzhaft, aber der einzige Weg, ihn zu überwinden.

Anbei gegeben

Und ein Video, dass Lady Bitch Ray beim Auftritt in der österreichischen Show „Willkommen Österreich“ vor einiger Zeit zeigt. Interessant die Reaktion des offenbar wasserscheuen Ulf Poschardt.

Dortmund: Termine für den „Talk im DKH“ stehen bis Mitte 2020 fest

Die Veranstaltungsreihe „Talk im DKH“ im Dietrich-Keuning-Haus in Dortmund nimmt Themenbereiche aus Politik und Gesellschaft in den Fokus, denn nationale und internationale Ereignisse schaffen ständig neue Strukturen und werfen Fragen auf. Hier werden komplexe Zusammenhänge durchleuchtet und eine Plattform zum Austausch und zur Begegnung mit ExpertInnen und Prominenten angeboten.

„TALK IM DKH“ findet etwa sechsmal im Jahr freitags von 19 bis 22 Uhr statt. Um 14 Uhr findet jeweils am selben Tag ein SchülerTALK im Helmholz-Gymnasium statt.

Zum „Talk im DKH“-Team gehören: Levent Arslan (Direktor DKH), Kati Stüdemann (SchülerTALK), Aladin El-Mafaalani (Moderator) und seit Frühjahr 2019 auch Özge Cakirbey (Moderatorin). Künstlerische Darbietungen begleiten jede Veranstaltung, regelmäßig mit dabei sind Ilhan Atasoy, Esther Festus und Zijah Jusufovic.

Özge Cakirbey (links) und Aladin El-Mafaalani (rechts).

Nach einem kurzen Impulsvortrag folgt ein Dialog zwischen Referentin bzw. Referent und Moderator. Anschließend bleibt ausreichend Zeit für Diskussionen mit dem Publikum. Zu jeder Veranstaltung wird eine Künstlerin oder ein Künstler engagiert, sodass stets auch für Unterhaltung gesorgt ist.

„TALK IM DKH“ findet sechsmal im Jahr freitags von 19 bis 21 Uhr statt. Die Termine werden gesondert bekannt gegeben.

Veranstaltungsort: Dietrich-Keuning-Haus, Leopoldstraße 50-58, 44147 Dortmund (100m vom Hbf)

Anmeldungen sind aus organisatorischen Gründen unter http://www.talk-im-dkh.dortmund.de wünschenswert.

Der Eintritt ist frei

Hier (auf Nordstadtblogger) und hier (auf diesem Blog hier) einige Berichte von vorangegangenen Veranstaltungen innerhalb der Reihe Talk im DKH.

Nächster Talk im DKH am 29. November 2019 mit dem Journalisten Deniz Yücel

29.11.2019 // Deniz Yücel mit seinem neuen Buch „Agentterrorist“

Zum Buch

Die Inhaftierung des Türkei-Korrespondenten der Welt führte in Deutschland zu einer riesigen Solidaritätsbewegung und sorgte für die größte Belastung der deutsch-türkischen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Zugleich entfacht der Fall in Deutschland eine Debatte über das Verhältnis der Deutschtürken zu beiden Ländern. In seinem Buch erzählt Deniz Yücel, wie er dieses Jahr in Einzelhaft verbrachte, welchen Schikanen er ausgesetzt war und wie es ihm gelang, immer wieder die Überwachung zu überlisten. Er schildert, was ihm die Unterstützung seiner Frau Dilek Mayatürk und die »Free Deniz«-Kampagne bedeutete und warum der Kühlschrank das sicherste Versteck in der Gefängniszelle ist. Es ist eine Geschichte von Willkür und Erpressung, aber auch eine Geschichte von Solidarität, Liebe und Widerstand. Zugleich zeichnet Deniz Yücel die Entwicklung nach, die die Türkei in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, vom hoffnungsvollen Aufbruch der Gezi-Revolte über den Kurdenkonflikt, die Flüchtlingskrise und den Putschversuch bis zum vorläufigen Ende:
Erdogans Festigung der Macht mit den Wahlen vom Frühjahr 2018.

Die Talk im DKH-Termine bis Mitte 2020

29.11.2019 // Deniz Yücel mit seinem neuen Buch „Agentterrorist“

20.12.2019 // Ahmet Toprak & Reyhan Sahin (aka Lady Bitch Ray) mit den beiden aktuellen Büchern „Yalla Feminismus“ vs. „Muslimisch, männlich, desintegriert“

17.01.2020 // Alice Hasters mit ihrem neuen Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“

21.02.2020 // Julia Wissert & Aladin El-Mafaalani: Buchvorstellung „Mythos Bildung“

03.04.2020 // Michel Friedman: Was tun gegen Hass und Gewalt? Zum Jahrestag des NSU-Anschlags in Dortmund am 4.4.2006

19.06.2020 // Kübra Gümüsay mit ihrem neuen Buch „Sprache und Sein“

Carol Strauss schenkte der Stadt Dortmund ein Ölgemälde von der in der Nazizeit zerstörten Synagoge

Die US-Amerikanerin Carol Strauss hat der Stadt Dortmund ein Gemälde geschenkt. Es handelt sich bei der Schenkung um ein Öl-Gemälde des Berliner Malers Alexander Dettmar aus der Ausstellungsreihe „Painting to remember – Zerstörung deutscher Synagogen“, der die Dortmunder Synagoge in seinem Werk künstlerisch rekonstruiert hat. Das Gemälde soll auf Wunsch von Frau Strauss dauerhaft seinen Platz in Dortmund finden. Zunächst wird das Bild im Dortmunder Opernhaus ausgestellt, das am Platz der Alten Synagoge steht und so an das 1938 in der Nazizeit zerstörte jüdische Gotteshaus erinnern. Im Foyer der Oper gab es es anlässlich der Überreichung des Gemäldes durch Carol Strauss im Beisein des Malers Alexander Dettmar ein Empfang.

Von links: Alexander Dettmar, Prof. Dr. Dr. Ursula Gather, Carol Strauss und OB Ullrich Sierau. Foto: Roland Gorecki

Theaterdirektor Tobias Ehinger: Vom Bewusstsein darüber, welche „Lücke in der Mitte von Dortmund klafft“ wo einst die Synagoge stand

Herzlich begrüßt wurden die geladenen Gäste, zuvörderst Carol Strauss, die mit ihrem Cousin, Rabbiner Mr. Fox und dessen Ehefrau angereist war, vom Geschäftsführenden Direktor des Theater Dortmund, Tobias Ehinger.

Ehinger brachte zum Ausdruck, wie sehr nicht nur ihm täglich bewusst sei, welche „Lücke in der Mitte von Dortmund klafft“, wo einst die alte Synagoge stand. Die Theatermitarbeiter behielten das in ihrem künstlerischen und kulturellen Handeln stets im Hinterkopf. Wenn er an diese Lücke denke, werde ihm immer wieder aufs Neue klar, so Ehinger, welche Lücken auch in die jüdischen Familien in Dortmund durch Mord und Vertreibung geschlagen worden seien. Dasselbe gelte für das kulturelle Leben in Deutschland.

Von links: Carol Straus, Rabbiner Mr. Fox mit Ehefrau und Alexander Dettmar. Foto: C. Stille

Hintergrund der Schenkung

Carol Strauss (geb. 1944 in New York City) ist die Nachfahrin des jüdischen Dortmunder Juristen Alfred Kahn und Lotte Landau, die 1938 aus Deutschland fliehen mussten. Carol Strauss hat eine enge Verbundenheit zu Dortmund aufgebaut, die aufgrund der geschichtlichen Ereignisse nicht selbstverständlich ist.

Carol Strauss war zwanzig Jahre Direktorin des Leo Baeck Institutes in New York City, ein wissenschaftliches Archiv, das die Geschichte und Kultur deutschsprachiger Juden dokumentiert.

Strauss hatte die Idee zu der Schenkung. In ihrem Auftrag hat Prof. Dr. Dr. h.c. Ursula Gather, Rektorin der Technischen Universität Dortmund, den Kontakt zur Stadt Dortmund hergestellt. Wie sie in ihrer Ansprache auf dem Empfang am vergangenen Mittwoch im Foyer des Opernhauses verriet, indem sie Oberbürgermeister Ullrich Sierau auf einer Mobilnummer anrief, die er ihr eigentlich für Notfälle gegeben hatte. Sierau sei sofort unmittelbar begeistert von der „großartigen Idee“ gewesen und habe gesagt, „Ja, das tut Dortmund gut.“, so Gather.

Prof. Ursula Gather lobte Carol Strauss für ihre Arbeit

Ursula Gather erwähnte lobend, dass Carol Strauss mit ihrer Arbeit stets dafür gesorgt habe, dass sie nicht allein den faschistischen Gräueltaten in der Erinnerung Raum gebe, sondern auch den Blick geweitet und gerichtet habe auf die lange und unendlich vielseitige Tradition des deutschsprachigen Judentums. Und so auch das friedvolle Zusammenleben nicht in Vergessenheit gerate. Das „kostbare Geschenk“ an die Stadt Dortmund stehe „repräsentativ eben für dieses Wirken, etwas zurück zu schenken, wo wir doch gar nichts verdient haben“.

Das Bild der Synagoge wird dessen Betrachter ein Impuls geben, sich mit deren Geschichte zu befassen, meint Oberbürgermeister Ullrich Sierau

In einer bewegenden Rede vor den versammelten Gästen – darunter u.a. Rabbiner Baruch Babaev – sprach der Dortmunder Oberbürgermeister noch unter dem Eindruck eines ziemlichen Schreckens (Sierau hatte den Treppensturz von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier beim Digitalgipfel erleben müssen) stehend. Es sei, so Ullrich Sierau, „in der Tat auch eine kleine Metapher, dass das Schreckliche auch Menschen zusammenbringe“. So sei es auch „heute wieder“.

Das Ölgemälde der Dortmunder Synagoge, gemalt vor Alexander Dettmar. Foto: C. Stille

Ullrich Sierau verlieh seiner Freunde darüber Ausdruck, dass mit dem Bild die Synagoge wieder ein Platz ganz nah an ihrem einstigen Standort erhalte, der heute ein Ort sei, „der in multidimensionaler Weise deutsche Geschichte widerspiegelt“. Besser wäre es, die Synagoge wäre noch da und man könne sie besuchen und sinnlich erleben, sinnierte Sierau. Die Synagoge sei eines „der beeindruckendsten Gebäude Dortmunds“ gewesen. Aber immerhin könne man nun dank des Gemäldes die Synagoge nicht nur wieder sehen, sondern sich auch mit ihr auseinandersetzen. Sierau:“Bei vielen Veranstaltungen werden viele Menschen das Bild sehen und als Impuls erleben, sich selber mit der Geschichte des Standortes zu befassen.“

OB Sierau: Die jüdische Gemeinde hat einen festen Platz in der Stadtgesellschaft

Dieser Standort sei der Stadt Dortmund nicht nur ein historischer, sondern auch sehr wichtiger Ort. Sierau erinnerte daran, dass anlässlich des Evangelischen Kirchentages auf dem Platz der Alten Synagoge eine Aktion stattgefunden habe, die an die Menschen erinnerte, die im Mittelmeer auf der Flucht ertrunken sind. „Auch das war mit Bedacht gewählt“, unterstrich der OB.

Der Dortmunder OB Ullrich Sierau. Foto: C. Stille

Ullrich Sierau zeigte sich darüber froh, dass Dortmund heute wieder eine große jüdische Gemeinde beherberge, die einen festen Platz in der Stadtgesellschaft habe. Er versicherte: „Dafür werden wir immer eintreten und kämpfen“. Dazu zählte Sierau auch den entschlossenen Kampf gegen die Neonazis in Dortmund. Sehr froh sei er, dass „der zivilgesellschaftliche Widerstand dazu geführt habe, dass die Neonazis ihre unsäglichen Aufmärsche jetzt erst mal eingestellt haben“.

Kein Platz für extremistisches Gedankengut und schreckliche Taten in Dortmund

In Dortmund dürfe es keinen Platz für extremistisches Gedankengut und schreckliche Taten geben. Sierau erinnerte daran, dass erst vor Kurzem drei Brandsätze vor einer Dortmunder Moschee gezündet worden sind: „Auch das ist für eine Stadt, die sich dem interreligiösen Dialog und der interreligiösen Gemeinsamkeit verpflichtet fühlt, nicht hinnehmbar.“

Dank für die Schenkung an Carol Strauss und das künstlerische Engagement von Alexander Dettmar für dessen Reihe „Painting to remember – Zerstörung deutscher Synagogen“

Ullrich Sierau dankte Carol Strauss herzlich für die Schenkung und dem Künstler Alexander Dettmar für sein künstlerisches Engagement im Rahmen von dessen Ausstellungsreihe „Painting to remember – Zerstörung deutscher Synagogen“.

Von links: Carol Strauss und OB Ullrich Sierau. Foto: C. Stille

Die steigende Anzahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland besorgt Carol Strauss

Carol Strauss berichtete von einer Mail, die ihr eine gute Freundin nach dem furchtbaren rechtsterroristischen Anschlag von Halle vom 9. Oktober 2019, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, dem zwei Menschen zum Opfer gefallen waren, geschickt hatte. Die Freundin schrieb: „Wo sind wir nur hingekommen nach all den Jahren der Offenheit und dem Wiederaufbau von Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland?“

Dass sich in Deutschland, in Halle, so ein schrecklicher Vorfall ereignet hat und sich die Anzahl von antisemitischen Anschlägen erhöht hat, sei für sie sehr traurig: „Ich habe mein Leben lang gehört, dass Deutschland ein gutes, schönes Land ist, dass die Literatur und Geschichte Deutschlands enorm bedeutet ist, das die Sprache etwas Besonderes ist.“ Das erste Buch, das der Vater ihr vorgelesen habe, sei „Nathan der Weise“ gewesen. „Die Jahre 1933 bis 1945“, habe man ihr gesagt, „sind nicht die Geschichte Deutschlands“. Oft habe sie in New York dafür gestritten, dass Deutschland nun ein Land sei, wo Juden sich sicher fühlen können.

Carol Strauss geht es auch darum, dass Juden nicht ihre Identität verlieren

Die frühere Synagoge in Dortmund, die Synagoge ihrer Eltern und Großeltern, „stand für etwas“, sagte Strauss, das „heute kaum noch existiert: echtes, tiefes Bekenntnis zu glauben, dass der Mensch sich bessern kann, das tägliches Benehmen eine tiefere Bedeutung hat und dass alle in den Augen Gottes gleich sind.“

Dieser Glaube sei offenbar „heute altmodisch“, merkte Carol Strauss, bezugnehmend auf ihre Erfahrungen in den USA, an. Viel moderner sei heute offenbar der politische Glaube. Juden und Christen stritten sich in ganz anderem Kontext: Emigration, Rechte, Unrecht. Strauss fehlt die Verbindung „zu unseren Texten mit den Philosophien, die unsere jüdische Zivilisation ganz einzigartig mache“. Es gehe darum, die Identität nicht zu verlieren. „Die Predigten, die meine Eltern hier in der Synagoge gehört haben, sind ein Grundstein meiner Erziehung“, erinnerte sich Carol Strauss.

Für ihre Arbeit der Verständigung hat Carol Strauss 2005 das Bundesverdienstkreuz und 2015 das Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik erhalten.

Carol Strauss ist darüber „beglückt“, dass das Bild „nun an diesem Ort angekommen ist“

Für Carol Strauss sei es eine besondere Ehre dieses Bild der Stadt Dortmund zu übergeben, unterstrich sie „beglückt“ – vor allem darüber, dass es nun „an diesem Ort angekommen ist“.

Zusammen mit dessen Urheber, Alexander Dettmar, enthüllte Carol Strauss unter dem Beifall der Anwesenden das auf einer Staffelei stehende Gemälde.

Der Künstler Alexander Dettmar regte an: Warum nicht einfach die nächste Schule in Dortmund nach Carol Strauss benennen?

Alexander Dettmar hob in einer kurzen Rede hervor, dass Carol Strauss in ihrem Institut immer dafür geworben habe, dass die ganze Besitze des Leo Baeck Institutes zurück nach Deutschland kommen. In ihrem ganzen, zupackenden Temperament stehe sie den Menschen im Ruhrgebiet in nichts nach. Sie sei in ihrer Art hilfsbereit, direkt und ehrlich.

Warum, fragte Dettmar fordernd, benenne man nicht einfach die nächste Schule in Dortmund nach Carol Strauss?! Sie sei ein Mensch, der Brücken baue. Gewiss käme sie dann auch gern nach Dortmund, um mit den SchülerInnen zu sprechen. Sie hätte ihnen doch so viel zu bieten, sagte der Künstler.

Oberbürgermeister Ullrich Sierau schien dieser Idee gegenüber durchaus aufgeschlossen zu sein.

Geflügelte Nashörner als Geschenk an die Gäste aus den Händen des Oberbürgermeisters

Als Zeichen der Dankbarkeit und zur Erinnerung überreichte der Oberbürgermeister der edlen Spenderin des Gemäldes, Carol Strauss, ein Geflügeltes Nashorn: das Wappentier des Dortmunder Konzerthauses. Das Nashorn, so Sierau, sei auch in Bezug gesetzt zur sprichwörtlichen Dickköpfigkeit der Westfalen. Weil wir alle unsere Projekte zum Fliegen brächten, habe das Nashorn Flügel, erklärte der OB. Überdies überreichte Sierau dem Gast aus New York als ein weiteres Stück Dortmund ein Foto, welches das Haus ihrer Familie mit einem Firmenschild abbildet. Es hatte sich im Stadtarchiv gefunden. Eine kleinere Ausführung des Geflügelten Nashorns bekam der Künstler Alexander Dettmar zum Dank und als Erinnerung überreicht.

Ein Trio von MusikerInnen des Dortmunder Philharmonischen Orchesters bestritt die musikalischen Beiträge anlässlich des Empfangs im Foyer des Opernhauses am Platz der Alten Synagoge.

Das als Schenkung von Carol Strauss an die Stadt Dortmund überreichte Gemälde wird zunächst im Theater Dortmund ausgestellt.

Beitragsbild: Roland Gorecki

Die kubanische Ballett-Legende Alicia Alonso starb mit 98 Jahren in Havanna

Gestern erst erreichte mich die traurige Nachricht via Facebook: „Die Prima Ballerina Assoluta Alicia Alonso ist verstorben“ – eine Meldung der deutschen Ausgabe der kubanischen Zeitung „Granma“. Ich habe den Beitrag hier verlinkt. Bei mir allerdings funktioniert der Link nicht. Möglicherweise wird diese Adresse seitens der USA blockiert? Sollte es LeserInnen dieses Beitrags gelingen, die Seite zu erreichen, bitte ich um eine kurze Nachricht, auf welche Weise dies gelang. Immerhin funktioniert ein Link zum Nationalballett Kuba.

Alicia Alonso im Jahre 1955. Foto: Wikipedia

Alicia Alonso wurde 98 Jahre alt. Sie starb am 17. Oktober 2019 in einem Krankenhaus in Havanna.

Im Nachruf der Compagnie heißt es (Auszug; via Google Übersetzung aus dem Spanischen):

Alicia Alonso. Foto via Nationalballett Kuba.

„Heute, am 17. Oktober 2019, hat Alicia Alonso uns verlassen. Ihr Vermächtnis ist riesig, ebenso wie ihre Kunst. Alicia ist eine jener Künstlerinnen, die im Herzen der Menschen stehen. Dr. Miguel Cabrera, Historiker des Nationalen Balletts von Kuba, hinterlässt diese aufgeregten Worte.

 Im CIMEIQ-Krankenhaus in Havanna starb am Donnerstag, den 17. Oktober, um 11 Uhr morgens die große Kunst, das Ansehen seiner Heimat auf den höchsten Platz in den vier Winkeln der Welt zu setzen. (…)

(…)Aber die Größe der Alonso, für uns seine Landsleute, besteht nicht nur darin, uns in 65 Ländern triumphierend vertreten zu haben und die meisten donnernden Ovationen zu empfangen, die unmöglich zu erklären sind, von Helsinki nach Buenos Aires, von New York nach Tokio oder Melbourne, sondern zu setzen Im Dienst seines Landes erhielten alle Ehrungen, darunter die 266 internationalen Preise und Auszeichnungen, 225 mit nationalem Charakter und die 69 von ihm verfassten choreografischen Kreationen – romantisch, klassisch und zeitgenössisch (…)“

Ein Deutsche-Welle-Text vom 17. Oktober 2019 ist folgendermaßen überschrieben:

Über Jahrzehnte begeisterte Alicia Alonso als Tänzerin, Ballettdirektorin und Choreografin weltweit als eine der besten ihres Fachs. Auch ihre Sehbehinderung stand ihrem Erfolg nicht im Weg. Nun starb sie mit 98 Jahren“

Und weiter heißt es bei der Deutschen Welle:

„Die „Primaballerina Assoluta“ hinterlasse eine gewaltige Lücke, aber auch ein unübertreffbares Vermächtnis, twitterte der Staatschef des sozialistischen Karibikstaates, Miguel Diáz-Canel, zum Tod von Alicia Alonso. Sie ist die einzige lateinamerikanische Tänzerin, die mit dem dem Titel „allerbeste Balletttänzerin ihrer Zeit“ geehrt wurde – eine Auszeichnung, die nur sehr wenigen Tänzern vorbehalten ist.

Dabei war Alonso schon sehr früh in ihrer Karriere stark sehbehindert: Nach einer doppelten Netzhausablösung konnte sie nur noch Schatten unterscheiden. Seitdem orientierte sie sich auf der Bühne mit Hilfe von Lichtmarkierungen. Außerdem unterstützte sie ihre Vorstellungskraft. „Ich tanze in meinem Kopf“, sagte sie immer wieder.

Mit ihrer enormen Disziplin gelang es Alicia Alonso auch danach, das Publikum mit ihren eleganten und gleichzeitig temperamentvollen Sprüngen zu verführen. Mit 40 Jahren schaffte sie immer noch die 32 raschen Drehungen des schwarzen Schwans in Schwanensee.

Kuba stets verbunden

Nach dem Sieg der Revolution auf Kuba wurde Alonsos eigene Kompanie zum Nationalballett Kubas. Mit ihrer Schule schuf sie einen unverkennbaren Tanzstil. Als Gast tanzte sie weiter an den besten Häusern der Welt, darunter an der Pariser Oper und dem Moskauer Bolschoi Theater. Erst mit 74 Jahren hörte sie auf zu tanzen. Als Choreografin aber machte sie auch dann noch weiter.

An Kuba hing Alonso bis zum Schluss. Allen finanziell verlockenden Angeboten und ihrem hohen Ansehen im Ausland zum Trotz blieb sie ihrer Heimat treu, wo sie tief verehrt wird.

Dem von ihr gegründeten kubanischen Nationalballett zufolge starb Alonso im Alter von 98 Jahren in einem Krankenhaus in der kubanischen Hauptstadt. Die Todesursache blieb zunächst unklar.

ust/ml (afp, dpa, ap, rtr)“

Meine persönliche Begegnung mit Alicia Alonso in Halle

Ich hatte im Oktober 1979 die Ehre Prima Ballerina Assoluta Alicia Alonso anlässlich eines Gastspiels des kubanische Nationalballett am Landestheater Halle im „Theater des Friedens“ zu treffen und als Volkskorrespondent der „Freiheit“ interviewen zu dürfen. Von dem Interview erschien dann letztlich nur ein kleiner Bericht (siehe Repro). Der Bericht erschien ausgerechnet am 17. Oktober 1979 – vierzig Jahre vor dem Tod von Alicia Alonso.

Bericht nach meinem Interview mit Alicia Alonso in der „Freiheit“. Repro: Claus Stille

Ich war unglaublich aufgeregt. Wir saßen uns im Theatercafé gegenüber. Sie trug eine große Brille mit dunklen Gläsern. Die Alonso nahm mir rasch die Aufregung. Wir plauderten – übersetzt von einer Dolmetschererin – über Kuba, die Revolution, Fidel Castro und das Ballett, ihre langjährige Arbeit und die durch die Revolution veränderte Rolle der Frau in der kubanischen Gesellschaft. Ab und zu wurden wir von Tänzerinnen und Tänzern der Compagnie unterbrochen, die die Alonso etwas fragten und dann wieder zur Probe auf die Bühne verschwanden.

Die Auftritt des kubanischen Nationalballetts am Abend war dann ein großartiges Ereignis. Ebenso wie die Begegnung mit Ballettlegende Alicia Alonso hinter und auf der Bühne.

Damals schon fast 60 Jahre alt, tanzte sie noch den Schwarzen Schwan. Einfach genial, in diesem Alter! Am Orchestergraben waren Beleuchtungsrampen ausgelegt worden, an denen sich die stark sehbehinderte Tanzlegende orientierte.

Ich denke gerne an diese Begegnung und das wunderbare Nationalballett zurück.

Möge Alicia Alonso in Frieden ruhen. Im Balletthimmel wird sie gewiss einen Ehrenplatz einnehmen.