„Gesichter der Arbeit“ – Fotografien aus Industriebetrieben der DDR des exzellenten Fotografen Günter Krawutschke in der DASA in Dortmund

In der DASA (Deutsche Arbeitschutzausstellung) ist noch bis zum 28. März 2021 die Ausstellung „Gesichter der Arbeit“ mit Fotografien des Bildjournalisten Günter Krawutschke zu sehen. DASA-Direktor Gregor Isenbort machte für Nordstadtblogger einen Führung durch die interessante Schau. Sie zeigt Arbeitswelten in Ostberliner Großbetrieben und von Arbeiter*innen eines exzellenten Fotografen, der ein Auge für den richtigen und wichtigen Moment sowie für das Wesentliche hat.

Nicht zuletzt gut aufgehoben ist die Ausstellung „Gesichter der Arbeit“ mit Fotografien von Günter Krawutschke in der DASA. Aber gut vorstellen könnte man sie sich ebenfalls im Hoesch-Museum.

Gaskokerei Lichtenberg. Foto: Günter Krawutschke

Überhaupt ist Dortmund ein passender Ort für eine solche Ausstellung. Schließlich ist Dortmund eine Stadt in der Arbeit und Arbeiter*innen eine große Rolle spielen. Beziehungsweise spielten: denn im Zuge des Strukturwandels sind viele hier traditionell angesiedelt gewesene Arbeitsorte weggefallen und die dazugehörigen Malocher größenteils verschwunden.

DASA-Direktor Gregor Isenbort zu den Bildern: „Es ist eigentlich nicht Ost und nicht West. Es ist Arbeit in den Siebzigern“

Der Fotograf Günter Krawutschke hat die nun auch in Dortmund gezeigten Schwarz-Weiß-Aufnahmen als Bildreporter des Berliner Verlags zu DDR-Zeiten in Ostberliner Industriebetrieben gemacht. Sehen wir einmal von den auf diesen Fotos abgebildeten, nicht selten veralteten und meist auf Verschleiß gefahrenen, Maschinen ab, könnten diese 1971 und 1986 entstandenen Aufnahmen von Arbeitern in Blaumännnern bei harter Arbeit durchaus auch in ähnlicher Form in der BRD in den 1960er und 1970er Jahren entstanden sein. Dass sei Gregor Isenbort, seines Zeichens Direktor der DASA, in den Sinn gekommen, als der die Fotos erstmalig in Berlin gesehen habe. Allerdings fallen auf Krawutschkes Fotos die vielen Arbeiterinnen, die an Maschinen oder anderen Arbeitsplätzen in Arbeitsanzügen oder in Kittelschürzen abgebildet sind, auf. Denn in der DDR waren viele Frauen auch in Berufen und an Arbeitsplätzen tätig, die einst als Männerberufe gegolten hatten. Zu den Bildern sagte Isenbort:

Auszeichnung. Foto: Günter Krawutschke

„Es ist eigentlich nicht Ost und nicht West. Es ist Arbeit in den Siebzigern.“ Es gehe somit auch der Ausstellung nicht darum „DDR-Bashing zu machen, sondern einfach nur souveräne Menschen in ihrer zum Teil schwierigen Umgebung zu zeigen“.

Der Arbeitsplatz in der DDR hatte einen anderen Stellenwert als in der BRD

Die Ausstellung dürfte (und sollte) viele Menschen hier im Ruhrgebiet anziehen, die selbst einst einmal in großen Industriebetrieben gearbeitet haben. Aber freilich auch darüber hinaus auch andere interessierte Menschen, auch Schüler*innengruppen, denn sie ist auch zeitgeschichtlich von Interesse. Darüber hinaus erzählen sie auch etwas andere Geschichten aus dem Leben der Menschen in der DDR als manch westliche Medien, da diese zumeist das Negative an und in der DDR in den Vordergrund ihrer Artikel stellten bzw. teilweise noch immer stellen. Gemäß dem, was der einstige Bundesjustizminister Klaus Kinkel forderte, indem er auf dem 15. Deutschen Richtertag 1991 die Versammelten aufrief, auch mit Hilfe des Strafrechts „das SED-Regime zu delegitimieren“. In diesem Sinne wurde dann oftmals das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Und das Leben von DDR-Bürger*innen – gewollt oder nicht – entwertet. Aber die Menschen in DDR arbeiteten nicht nur teils schwer, sie lachten, feierten und liebten auch – Kurz: sie lebten! Der Arbeitsplatz – der Betrieb – hatte allerdings einen anderen Stellenwert als in der BRD. Es wurden kollektive Veranstaltungen organisiert. Große Kombinate und Betriebe hatten angeschlossen Kantinen, Kulturhäuser, Lebensmittelgeschäfte Betriebskliniken, Kindergärten und auch Ferienlager. „Betriebe waren in der DDR mehr als Orte der Arbeit. Sie waren – unter sozialistischen Vorzeichen – zentrale ’soziale Räume‘ und standen im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens“, wird im Ausstellungskatalog Klaus Schröder aus „Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR“ zitiert.

Günter Krawutschke fotografierte bei vielen offiziellen Anlässen

DASADirektor Gregor Isenbort, der durch die Ausstellung führte, empfiehlt eine aufmerksamen, vorurteilsfreien Rundgang durch diese interessante Fotoausstellung des Deutschen Technikmuseums Berlin: „Die Interpretation der Bilder liegt eigentlich immer beim Betrachter.“ Günter Krawutschke (*1940) hat sein Material der Stiftung Deutsches Technikmuseum überlassen.

Der Fotograf war bei vielen offiziellen Anlässen für die Berliner Zeitung in Betrieben zugegen. Fotos zeigen beispielsweise den Besuch des zuvor aus dem Gefängnis entlassenen Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Chiles, Luis Corvalán mit mit dem SED-Generalsekretär Erich Honecker in einem Berliner Betrieb vor versammelter, zusammengetrommelter Arbeiterschaft in einer großen Werkhalle. Viele Arbeiter schauen kritisch.

Gregor Isenbort: Krawutschke ist „ein exzellenter Fotograf“ mit dem Gespür für den richtigen Moment

Oft führten Aufträge der Redaktion Günter Krawutschke in verschiedene Berliner Betriebe, um dort Arbeiter*innen an deren Arbeitsplätzen zu porträtieren. Auf den Bildern sieht man, dass er stets ein Blick für das Wesentliche hatte. Und immer wieder, erzählte Direktor Isenbort, habe er auf den Auslöser seiner Kamera gedrückt, wenn er etwas sah, dass er für wichtig oder außergewöhnlich hielt. Auch wenn er dafür keinen Auftrag hatte und wusste, dass die Bilder erst mal etwas für die Schublade waren.

Krawutschke hat auf Fotos auch auf dem Weg zum Auftragsort gemacht. Er wusste: „Viele davon wären in der Zeitung gar nicht erst gedruckt worden.“ Als er die ersten kleinen Ausstellungen auf die Beine stellte, zeigte er sie dann. Gunter Krawutschke im Interview, das im Ausstellungskatalog zu finden ist: „Wenn ein Foto nicht in gesteigertem Maße die Richtlinien der Politik kritisierte, war so etwas okay. Es gab eben unzählige Nischen in der DDR, so auch für Fotografen.“

Man sehe den Bilder, die ja nicht gestellt gewesen seien, sondern „relativ schnell entstanden sind“ an, so Gregor Isenborts Einschätzung, dass Krawutschke „ein exzellenter Fotograf ist“. So fing er gewissermaßen Stillleben ein und nahm Details an Gebäuden und fotografierte Maschinen. Und immer wieder einfühlsam, Menschen. Wobei es eben darauf ankomme, weiße Isenbort, „den einen Moment richtig einschätzen zu können“. Was heraussteche: „Er hat die Arbeitsumgebung der Leute ziemlich gut aufgenommen.“ Auf einem Foto aus dem Jahre 1972 sind Arbeiter*innen bei der Pausengymnastik zu sehen. Gregor Isenbort dazu: „In westdeutschen Betrieben gibt es seit den Zweitausendern die Idee der ‚bewegten Pause‘.“

Reparatur. Foto: Günter Krawutschke

Schlimme Arbeitsbedingungen sichtbar gemacht

In einem Kombinat in Berlin-Lichtenberg wo sehr viel mit Schwermetallen gearbeitet wurde, hat Krawutschke fotografiert. Das Foto zeigt eindrücklich, welch schlimme Arbeitsbedingungen dort geherrscht haben mussten. Auf dem im VEB (Volkseigener Betrieb) Elektrokohle Berlin gemachten Foto sind die belastenden Umweltstoffe um einen Arbeiter herum beinahe direkt mit Händen greifbar. Krebserregende Feinstäube etc. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer dazu im Ausstellungskatalog: „Im Gesicht des ‚Brigadeführers‘ bei Elektrokohle Lichtenberg (EKL) versteht man die betriebsinterne Abkürzung ‚EKel‘ sofort. ‚Lenchen Möller ist zutiefst liebenswert und gar nicht komisch, mit ihrem Kamm und dem Graphitstaub auf der Kittelschürze.“

Gerd Voss, Brigadier, Elektrokohle Berlin. Foto. Günter Krawutschke
Lenchen Möller. Foto: Günter Krawutschke

Isenbort: „Der Fotograf, das sieht man, hat eine echte Sympathie für die arbeitenden Menschen. Er zeigt die Sachen auch unideologisch“

Dennoch seien die Menschen nicht als Opfer und als leidend, sondern in Würde und selbstbestimmt, abgebildet, findet DASA-Direktor Isenbort. Krawutschke nehme trotz alledem so ein bisschen den Druck heraus. Und entspreche damit eben so gar nicht dem DDR-Bild des Westens, wonach in der DDR alles grau und fürchterlich gewesen sei. Man bekomme eben selbstbewusste Menschen zu sehen. Isenbort: „Der Fotograf, das sieht man, hat eine echte Sympathie für die arbeitenden Menschen. Er zeigt die Sachen auch unideologisch.“ Dem DASA-Direktor schwebt vor, in Zukunft vielleicht mal eine Ausstellung unter dem Titel „Arbeit und Fotografie“ zu machen. Denn so etwas, dass Günter Krawutschke gemacht habe, finden man eigentlich heute so nicht mehr. Das fehle. Heute scheine die Arbeitswelt durch die Digitalisierung oft sehr sauber. Dabei müsse man wissen, dass es noch immer tausende Betriebe gibt, wo noch hart körperlich unter zum Teil nicht sehr guten Bedingungen gearbeitet werde.

Empfehlenswert auch der Ausstellungskatalog, der neben den Fotos auch spezielle Details sowie ein Interview mit Günter Krawutschke enthält

Der Ausstellungskatalog (zu erwerben für 26 Euro) ist Besuchern der Ausstellung sehr zu empfehlen, welche an speziellen Details interessiert sind. Der Kultursoziologe Bernd Lindner ist darin mit folgendem Satz aus „Widersprüchliche Bildwelten“ zitiert worden: „In der DDR ist neben der künstlerischen und sozialdokumentarischen Fotografie auch eine qualitativ hochwertige Reportagefotografie zu Alltagsthemen entstanden. Sie ist bisher noch viel zu wenig gewürdigt worden.“

Der Katalog enthält neben Günter Krawutschkes Fotos weitere interessante Texte sowie ein Interview mit ihm. Im Interview erfahren wir, dass die französischen Realisten wie Robert Doisneau, sowie der US-Amerikaner Bruce Davidson große Vorbilder für Krawutschke waren. Zur Fotografie kam er über seinen Vater, der mit einer 6 x 9 Plattenkamera fotografierte. Günter Krawutschkes erstes Bild machte er mit einer Pentacon-Kamera aus dem Fenster der elterlichen Wohnung in der Marienburger Straße 4 in Berlin-Prenzlauer Berg. Ab 1962 war er Kamera-Assistent beim Deutschen Fernsehfunk, wo er viel über den Umgang mit Kameras lernte.

Die in der DASA noch bis zum 28. März 2021 zu sehende Ausstellung ist ausnahmslos und vollumfänglich zu empfehlen. Starke Arbeits- und Arbeiter*innen Fotos eines exzellenten Fotografen, der eine Auge für das Wesentliche und den einen Moment besitzt.

Beitragsfoto: © Andreas Wahlbrink

Bildjournalist Günter Krawutschke

Lebensdaten

( 1940 – )

Werdegang

1962-65 Kamera-Assistent beim Deutschen Fernsehfunk der DDR

1966-70 Bildjournalist beim Neuen Deutschland

Ab 1970 dto. bei der Berliner Zeitung

1972 Facharbeiter Photograph

1974-78 Fernstudium HGB Leipzig

  • Die Bilder der Ausstellung sind Teil eines umfassenden Fotoarchivs, das in den letzten beiden Jahrzehnten der DDR entstanden ist. Sie sind ein einzigartiges Dokument der ostdeutschen Industriearbeiterschaft vor dem Fall der Mauer. Das Deutsche Technikmuseum erwarb 2018 einen großen Teil dieses fotografischen Werks mit über 17.000 Negativen und vielen Originalabzügen.
  • Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 28. März 2021 zu den Öffnungszeiten der DASA (Montag-Freitag 9-16 Uhr und Samstag-Sonntag 10-18 Uhr). Bis zum 30. Dezember 2020 ist der Eintritt frei.

Petersburger Dialog vorläufig perdu. Bleibt bald kein Gesprächsfaden mehr nach Russland?

Frieden stiften ... Foto: Reinhard Sandbothe via Pixelio.de

Frieden stiften … Foto: Reinhard Sandbothe via Pixelio.de

Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg schlafwandelt man mal wieder in der Welt herum. In langwierigen Verhandlungen erreichte politische Errungenschaften und Verbesserungen in den Beziehungen zwischen Ost und West – wie etwa durch die sozialliberale Koalition mit Bundeskanzler Willy Brandt an der Spitze – im Rahmen des Wandels durch Annäherung (vorgedacht durch Egon Bahr) diplomatisch-geduldig befördert – drohen siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in nur kurzer Zeit vernichtet zu werden. Das zeugt nicht nur von enormer unbegreiflicher Geschichtsvergessenheit, offensichtlicher politischer Dummheit führender Politiker in Europa, sondern ist aufgrund von heute noch nicht abzusehender Folgen auch brandgefährlich. Wenn auch im Moment ein Krieg – gar ein neuer Weltkrieg – wenig wahrscheinlich ist, so besteht doch die Gefahr des Ausbruchs eines neuen kalten Krieges. Manche sehen diesen längst im Gange.

Anhaltende Repressalien der russischen Führung gegen Nichtregierungsorganisationen in Russland sowie die Ukraine-Krise sind Grund für Absage

Von den einstigen Blöcken West und Ost sind inzwischen nur noch „der Westen“ und Russland übriggeblieben. Aber auch nach der (scheinbaren; wie man heute sagen muss) Beendigung der Ost-West-Konfrontation war eingesehen worden, wie wichtig und unabdingbar für beide Seiten gute Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind (und eigentlich immer gewesen sind).

Ein nicht unwichtiges Instrument gute Beziehungen über die regierungsamtlichen hinaus auf vielen gesellschaftlichen Ebenen zu pflegen, stellt der „Petersburger Dialog“ dar. Der Petersburger Dialog wurde 2001 von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Wladimir Putin ins Leben gerufen. Erstmals seit nun 13 Jahren hat die deutsche Bundesregierung den „Petersburger Dialog“ auf unbestimmte Zeit verschoben. Das Forum sollte Ende Oktober in Sotschi stattfinden, schrieb die russische Zeitung „Kommersant“ am Mittwoch. Und zwar vom 29. bis 31. Oktober 2014. Grund für Absage seine anhaltende Repressalien der russischen Führung gegen Nichtregierungsorganisationen in Russland sowie die Ukraine-Krise selbst.

Bundeskanzlerin Merkel traf Entscheidung angeblich allein, Außenminister Steinmeier wohl anderer Meinung

Bundeskanzlerin Angela Merkel, so verlautete, habe die Entscheidung zur Absage allein getroffen. Und zwar im Gegensatz zur Linie als Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der angeblich darauf gesetzt habe, dass der Petersburger Dialog in Sotschi stattfinden solle.

Lothar de Maizière will „zivilgesellschaftlichen Charakter des Dialogs schützen“

Der Vorstandsvorsitzende des Petersburger Dialogs, Dr. Dr. h.c. Lothar de Maizière, begründete die Absage des Treffens so: Man habe sich nicht in die politischen Auseinandersetzungen hineinziehen und instrumentalisieren lassen wolle. Laut Spiegel Online sagte der letzte DDR-Ministerpräsident weiter: „Durch die Verschiebung wollen wir den zivilgesellschaftlichen Charakter des Dialogs schützen“.

Präsident Putin hält Verschiebung des Dialog unter jetzigen Bedingungen für richtig

In Moskau artikulierte sich Enttäuschung. Jedoch machte sich der russische Präsident Wladimir Putin offfenbar selbst keine Illusionen. Angesichts der momentan komplizierten Beziehungen zwischen Russland und Europa sei es laut Wladimir Putin richtig, den für den Oktober geplanten Petersburger Dialog zu verschieben. „Unter den jetzigen Bedingungen und angesichts unserer komplizierten Beziehungen mit Europa ist es besser, den Petersburger Dialog zu verschieben, um ihn zu retten und dem Prozess selbst keinen Schaden zuzufügen“, sagte Putin am Dienstag, wie RIANOVOSTI meldete.

Der Petersburger Dialog sei als eine Plattform für das Zusammenwirken von Zivilgesellschaften beider Länder gedacht worden, führte er laut RIANOVOSTI weiter aus. Er biete die Möglichkeit, Lösungen für bestehende Probleme zu finden.

„So ist aber die Logik unserer deutschen Partner“ sagte Putin und sprach davon diesbezüglich von einem wahrscheinlich rationalem Kern.

Bereits vor der Bekanntgabe der Verschiebung des Petersburger Dialogs bis auf Weiteres hatte Deutschland die diesjährigen Regierungskonsultationen mit Russland abgesagt.

Lothar de Maizière hält Kritikern „Vorverurteilung und Gesprächsablehnung“ vor

Lothar de Maizière ist anscheinend nicht von der Entscheidung überzeugt. Kritikern hat er „Vorverurteilung und Gesprächsablehnung“ vorgeworfen. Man müsse auch „verstehen, wie Russland die Probleme versteht“, schreibt er. Das Gespräch mit Russland müsse „auf Augenhöhe“ geführt werden, „nicht von oben herab, nicht moralisch belehrend, aber mit klaren und ehrlichen Argumenten“. Lothar de Maizières Offener Brief kann auf „Themen der Zeit“ nachgelesen werden.

Lothar de Maizières Vorstandstuhl wackelt

Schon dürfte sich de Maizière darob in der Kiste mit der warnenden Aufschrift „Russland-“ bzw. „Putin-Versteher“ wiederfinden. Es wird bereits über eine Ablösung de Maizières nachgedacht. Als Nachfolger hatten seine Kritiker den CDU-Politiker Ruprecht Polenz ins Visier genommen. Der aber winkte zunächst dankend ab. Er machte eine Übernahme der Funktion von einer „wirklichen Reform“ des Forums abhängig. De Maizières Vorstandsstuhl wackelt jedenfalls. So rennt das in unsere Demokratie. Man darf zwar alles sagen, muss sich dann aber über die Konsequenzen nicht wundern. Wie ebenfalls auf RIANOVOSTI zu lesen war, haben deutsche Menschenrechtler eine Unterschriftensammlung für den Appell an Bundeskanzlerin Angela Merkel initiiert, den Petersburger Dialog im laufenden Jahr nicht zu streichen, wie Michail Fedotow, Chef des Menschenrechtsrates beim russischen Präsidenten, der Nachrichtenagentur mitteilte. Auch Antje Vollmer und mehrere andere Personen, die ihre Teilnahme am Petersburger Dialog zugesichert hatten, halten die Absage für grundfalsch. Auf die Vernünftigen, die die Absage des Petersburger Dialogs nicht mit zu tragen bereit waren, sei immenser Druck ausgeübt worden.

Jagden die Bellizisten in der Böll-Stiftung die Bundeskanzlerin ins Bockshorn?

Kritische und an der Aufrechterhaltung aller vorwärts bringenden Beziehungen Deutschlands zu Russlands interessierte deutsche Bürgerinnen und Bürger wollen die Absage des Petersburger Dialogs seitens Merkels nicht so einfach schlucken. Sie werfen der Bundeskanzlerin vor, sie habe sich von der den Grünen nahen Böllstiftung „ins Bockshorn jagen lassen“. Dort haben zunehmend bellizistisch agierende Alt-Grüne, Ex-Radikalinskis, die einst meist im Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) organisiert waren, das Sagen. Nebenbei bemerkt: Namensgeber Heinrich Böll dürfte deshalb inzwischen täglich im Grabe rotieren. Gegen die Benutzung (um nicht Missbrauch zu schreiben) seines Namens kann er sich (leider) nicht mehr wehren.

Kritische Bürgerinnen und Bürger schreiben Mails und Brief, „um Verhandlungen und Ausgleich mit Russland zu fördern“

Wehren gegen die Absage des Treffens tun sich immerhin kritische und an guten Beziehungen Deutschlands zu Russland interessierte Bürgerinnen und Bürger. Empört führen sie aus: „Das entspricht nicht deutschen Interessen. Wir brauchen Frieden in Europa.“. Längst haben sie begonnen den Teilnehmern des Petersburger Dialogs E-Mails bzw. Briefe zu schreiben, „um Verhandlungen und Ausgleich mit Russland zu fördern.“ An folgenden Punkten sollen sich deren Schreiben orientieren:

„1. Ich schätze Ihre Teilnahme am Petersburger Dialog.
2. Damit leisten Sie einen Beitrag für den Frieden in Europa, den die Menschen brauchen.
3. Das Sterben in der Ukraine kann man nur durch Verhandlungen und einen fairen Interessenausgleich beenden.
4. Vielen Dank für alles was Sie tun.
5. Viele Menschen in Deutschland sind auf Ihrer Seite.
6. Bitte setzen Sie sich weiterhin für Frieden mit Russland ein.“

Nichtsdestotrotz, der Petersburger Dialog ist für dieses Jahr nicht mehr zu retten. Und daran, dass das deutsch-russische Forum 2015 stattfindet, glauben jetzt schon nicht mehr allzu Viele. Es wird – so hat es den Anschein – wieder schlafgewandelt in der Welt, in Europa. Diese politisch-dumme Geschichtsvergessenheit gepaart mit einer Portion Nichtdiplomatie kann einen nur auf die Palme bringen. Fast, muss ich denken, war der Kalte Krieg der Blöcke West gegen Ost geradezu für ein Fest, möchte ich beinahe schreiben! Egon Bahr, Willy Brandt und die sozialliberale Koalition unternahmen das anscheinend Unmögliche. Im Interesse des Friedens und der Menschen auf beiden Seiten des sogenannten Eisernen Vorhangs.

Zerplatzte Hoffnungen

Welche Hoffnungen verbanden die Menschen nicht damals mit den Verhandlungen etwa zum Viermächte-Abkommen und den deutsch-deutschen Verhandlungen zwischen  BRD-DDR! Bundeskanzler Willy Brand auf dem Balkon mit DDR-Ministerpräsident Willy Stoph am Fenster im Hotel „Erfurter Hof“ im thüringischen Erfurt. Im Jahre 1970 geschah das! In der achten Klasse einer DDR-POS war ich damals. Und via Westmedien tags mit dem Ohr über ein  kleines sowjetischen Transistorradion namens „Kosmos“ und abends via „Tagesschau“ so nahe wie möglich am Geschehen. Oder später das Treffen Bundeskanzler Helmut Schmidt mit DDR-SED-Generalsekretär Erich Honecker auf Schloss Hubertusstock am Werbelinsee.

Und eine Verbesserung der Beziehungen und Erleichterung für Menschen im Osten wurden mit einer „Politik der kleinen Schritte“ (Willy Brandt) erreicht.

Die nächste Hoffnung war schließlich Michail Sergejewitsch Gorbatschow, der mit seiner Politik von Glasnost und Perestroika, das Ende des Kalten Krieges einleitete. Ein Mann, dem Deutschland die Wiedervereinigung verdankt.

Wie es weiterging wissen wir. Verlorene, weil in vielerlei Hinsicht vertane 1990er Jahre. Ein Rollbackpolitik wurde, von bestimmten Interesse geleitet ins Werk gesetzt. Und Gorbatschows Visionen von einem „gesamteuropäischen Haus“, von einer „gemeinsamen friedlichen politischen Lösung aktueller Probleme“ – was ist daraus geworden?

Haben „wir“ eigentlich den Verstand verloren?!

Haben „wir“ eigentlich den Verstand verloren?! Wo driften, schlafwandeln, wir hin? Schlafwandeln? Sehenden Auges geschieht das doch alles! Geschichtsvergessene, von niederen Interessen geleitete, westliche, deutsche, Politiker sind am Ruder. Hat Merkel (Staatsdoktrin) eigentlich von Washington Anweisung erhalten, den Petersburger Dialog zu kippen? Oder hat man’s aus eingefleischter Vasallentreue zum „Partner“ USA in vorauseilendem Gehorsam tatsächlich selbst entschieden? Es ist schnurzegal. Weil es dumm und falsch ist. Wie es zuvor dumm und falsch war, sich für Sanktionen gegen Russland auszusprechen.

Müsste man in Berlin nicht froh sein den Petersburger Dialog zu haben? Um diese Institution zu nutzen, damit eine Anzahl gesellschaftlicher Vertreter aus Kultur, Politik und Wirtschaft aus Russland wie aus Deutschland auch in Krisenzeiten miteinander reden.  Wie es sogar in Zeiten des verflossenen und durch Gorbatschow beendeten Kalten Krieges möglich war? Wie viele Gesprächsfäden zwischen dem Westen und Russland sollen denn noch gekappt werden?!

Sapere aude!

Müssten nun nicht die vernünftigen Menschen unter unseren Völker – des russischen wie des deutschen – das Heft des Handelns in die Hand nehmen, um zu verhindern, dass nicht noch mehr politisches Porzellan zerschlagen wird? Sapere aude – Habt im Sinne Immanuel Kants Mut, euch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien! Dies  möchte man angesichts von derart viel politischen Unverstand und Geschichtsvergessenheit auf einem Haufen ausrufen. Ein kleiner Anfang ist gemacht. Wie die zuvor erwähnten kritischen Bürger zeigen. Ist auf die Mächtigen im Westen überhaupt noch Verlass? Oder fahren sie das Ganze voll gegen die Wand? Das kann doch nicht gewollt sein. Oder etwa doch?