PAY DAY AFRICA 2020 in Köln setzte am Wochenende in Köln Akzente. Am Sonntag: Stille Mahnwache in Gedenken an alle versklavten Menschen auf dem Neumarkt

Von Claus Stille

Es war der Aufstand gegen die europäische Sklavenwirtschaft durch afrikanische Sklaven in Saint-Domingue (heute Haiti) in der Nacht vom 22. auf den 23. August 1791, der den Weg für die Abschaffung des Transatlantischen Sklavenhandels ebnete. Dem zufolge erklärte die UNESCO 1997 den 23. August eines jeden Jahres zum INTERNATIONALEN TAG DER ERINNERUNG AN SKLAVENHANDEL UND DESSEN ABSCHAFFUNG – auch WELTTAG GEGEN SKLAVENHANDEL genannt.

Zur Geschichte

Wie der Aufstand in Saint Domingue seinerzeit organisiert werden konnte, obwohl die Sklaven im Land und auf den dazugehörigen Inseln weit verstreut waren, erzählte gestern auf der Eröffnungsveranstaltung des Events PAY AFRICA DAY 2020 in Köln Mukhtar Bakakary Kamara, Vorsitzender des Zentralrats der afrikanischen Gemeinde in Deutschland e.V. (ZAGD e.V. ):

Die Sklaven baten ihre Besitzer um eine Möglichkeit sich zu vernetzten. Sie hätten vor, sich einmal im Jahr bei ihren Herren für deren „gute Behandlung und Fürsorge“ alle gemeinsam mit Tänzen zu bedanken. Mittels dieser List konnte der Aufstand seinen Lauf nehmen. Moctar Kamara sprach davon, dass es da heraus zur „Haititianischen Revolution“ gekommen sei. Die erste Republik Lateinamerikas wurde dann 1804 gegründet.

Moctar Kamara. Foto: C. Stille

Kamara erinnerte daran, dass der biblische Kanaan als Vorfahre der Schwarzen interpretiert worden sei. Demnach könne man diese Menschen mit niedrigem Status auch versklaven: „Eine religiöse Ideologie.“ Die Sklavenhalter hätten auf die Bibel zurückgegriffen, um die Haltung schwarzer Sklaven zu rechtfertigten.

Unter dem Titel „Die Heilige Schrift als Legitimation Rassismus“ schrieb Margarita Schubert 2010 in Die Presse:

„In Teilen der afrikanischen Communitys wird vor allem ein Thema immer noch diskutiert: der Ham-Mythos. Im Alten Testament (Heilige Schrift der Christen) wie auch in der jüdischen Thora verflucht Noah seinen Sohn Ham wegen einer Respektlosigkeit. Von nun an sollen er und seine Nachkommen seinen Brüdern dienen. Noah, so erklärt der Historiker Amadou Lamine Sarr, gilt in beiden Religionen als Stammvater. Und Hams Sohn Kanaan wurde später als Vorfahre der Schwarzen interpretiert. Die Konsequenz: Mit Verweis auf diesen Bibelvers rechtfertigten sich etwa amerikanische Sklavenhalter. In ihrer Argumentation war die Haltung schwarzer Sklaven dadurch legitimiert.“

Das Übrige hätten auch die Philosophen – auf der religiösen Ideologie aufsetzend – dazu beigetragen. Kamara nannte beispielsweise die von uns bis heute mit nach ihnen benannten Straßen geehrten Philosophen Kant, Hegel, Rousseau sowie Voltaire – die Philosophen der „so genannten Aufklärung“. Sie hätten die ideologische Begründung für die Versklavung von schwarzen Menschen geliefert. Denn diese stünden ja – religiös wie ideologisch begründet – so die Philosophen, als Menschen auf der untersten Stufe, seien im Grunde ja gar keine Menschen.

Am Sonntag, den 23.08. findet der PAY DAY AFRICA 2020 eine Fortsetzung auf dem Kölner Neumarkt. Von 14:00 bis 18:00 Uhr soll dort eine stille Mahnwache in Gedenken an alle versklavte Menschen stattfinden.

Hintergrund

Bevor die Europäer*innen kamen, waren die Araber (fast alle männlich!) längst da: der Trans-Sahara-Sklavenhandel. Schätzungsweise wurden bereits bis zu 17 Millionen Afrikaner*innen in die arabische Sklaverei verkauft. Dann kamen die Europäer*innen, übernahmen die Sklavenhandelsstrukturen der Araber in Afrika und bauten diese aus. Ungefähr so könnte man die Entstehung des Transatlantischen Sklavenhandels der Europäer*innen mit wenigen Worten erklären. Also, vor dem Transatlantischen Sklavenhandel, gab es den Trans-Sahara-Sklavenhandel, der heute in verschiedenen Formen ungehindert fortgesetzt wird.

Vor 576 Jahren (1444) fand in Lagos, Portugal, die erste öffentliche Ausstellung und der Verkauf afrikanischer Sklaven statt. 1518 begann die erste direkte Verschiffung afrikanischer Sklaven nach Amerika. Die Sklavenhandel-Überseereise des Briten, John Hawkins, im Jahre 1562 markierten den Beginn des Transatlantischen Sklavenhandels in Großbritannien. Portugal und Großbritannien kontrollierten nicht weniger als 70 % der afrikanischen Sklaven, die nach Amerika verschifft wurden. Zwischen 1640 und 1807 wurde Großbritannien jedoch zum größten und mächtigsten Sklavenhändler der Welt.

1833 verabschiedete das britische Parlament den historischen ‚Slavery Abolition Act‘ (Gesetz über das Verbot des Sklavenhandels), das die Sklaverei in den meisten Kolonien des Britischen Empires abschaffte. Das Gesetz trat am 1. August 1834 in Kraft. Durch dieses Verbot regte sich bei Sklaven- und Plantagenbesitzern zunächst massiver Widerstand. So wurde eine Vereinbarung getroffen, um die Sklavenbesitzer zu entschädigen, die an dem Jahrhunderte praktiziertes kollektives Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu Profit Zwecken der Menschheit beteiligt waren: der Transatlantische Sklavenhandel.

Um das Entschädigungspaket für Sklavenhändler und Sklavenhalter in Höhe von 20 Millionen Pfund zu finanzieren, erhielt Großbritannien einen Kredit in Höhe von 15 Millionen Pfund von zwei der damals berühmtesten Banker Europas, Nathan Mayer Rothschild und Moses Montefiore: 5 Million Pfund stammte aus Eigenmitteln der britischen Regierung. Es ist wichtig, zu erwähnen, dass dieser Kredit einer der größten Kredite ist, die Großbritannien je aufgenommen hat; erst 2015 zahlte Großbritannien endlich diesen Kredit ab.

Das Gesamtvolumen des o. g. Entschädigungspakets machte etwa 40 % der gesamten Staatseinnahmen und 5 % des Bruttoinlandsprodukts des Landes aus, etwa 145 bis 300 Milliarden Pfund, gemessen an heutigem Geldwert.
Kein einziger Pfennig wurde als Entschädigung an die Versklavten, an ihre Nachkommen oder/ und an Afrika ausgezahlt. Um der offenen Wunde noch Salz drauf zu streuen, halfen die Versklavten und ihre Nachkommen, die im Vereinigten Königreich und in anderen Ländern des gesamten Commonwealths lebten, direkt oder indirekt mit, den Kredit zurückzuzahlen. Dies geschah in Form von direkten Steuerzahlungen im Vereinigten Königreich, Kolonialsteuern sowie kolonialen Beuten von menschlichen und natürlichen Ressourcen und Schätzen. Aufgrund der oben dargelegten Hintergründe bzw. Umstände, hat das BÜNDNIS PAY DAY AFRICA beschlossen, diese historisch wichtige Veranstaltung in der Domstadt durchzuführen.

Auftaktveranstaltung am Samstag mit einer Mischung aus anspruchsvollen Musikbeiträgen und einer spannenden Podiumsdiskussion

Die samstägliche Auftaktveranstaltung des Zahltag Afrika 2020, die ich besuchte, bot eine interessante Mischung aus Redebeiträgen, Lesungen, Poetry und Live-Musik mit über 17 coolen und talentierten Acts. Am Rande waren Infopoints aufgebaut. Diverse Radiosender streamten die Veranstaltung live. Auch via Facebook und You Tube konnte das Event verfolgt werden. Ebenfalls übertragen wurde die zweistündige, interessante – nicht nur zurückblickende, sondern visionär in die Zukunft ausgerichtete Podiumsdiskussion. (Bitte schauen Sie das Video.)

Begonnen wurde Auftaktveranstaltung mit einer Zeremonie, wie sie in Afrika üblich ist. Bei der Zeremonie geht es darum der afrikanischen Ahnen und der Widerstandskämpfer und aller, die durch den Sklavenhandel und als Sklaven verstorben sind, zu gedenken Und aller zu gedenken, die durch den Kolonialismus gestorben sind. Wasser wurde auf den Bühnenboden gegossen, um die Verstorbenen teilhaben zu lasssen. Jeder auf der auf der Bühne versammelte Mensch sprach einen Namen dieser Widerstandskämpfer aus. Ihnen zu Ehren wurde eine Schweigeminute eingelegt.

Journalist Peter Donatus. Foto: C. Stille

Der Journalist Peter Donatus, einer der Organisatoren des PAY DAY AFRICA, machte zu Anfang der Veranstaltung klar, dass es angesichts des steigenden Rassismus und Antisemitismus im Lande kein aktuelleres Thema gebe. Donatus zum Rassismus: „Wir erleben das jeden Tag. Wir demonstrieren zu wenig. Es müsste eigentlich jeden Tag demonstriert werden.“

Aber eigentlich sei die Stimmung in der Gesellschaft doch so, stellte Donatus fest:

„Wir sollen die Geschichte der Sklaverei vergessen. Das sei doch schon über 400 Jahre her. Wir sollen nach vorne gucken. Aber wo ist Vorne?“

Die Zukunft werde doch blockiert durch die Gegenwart. Durch die Ausbeutung von Afrika. Durch Ausbeutung von Mensch und Natur in Afrika. Auch zu Finanzierung des Wohlstands hier in Deutschland und in Europa fuße darauf. Deutschland sei zwar Exportweltmeister. Aber der Wohlstand kommt nicht allein aus Deutschland heraus. Donatus gab zu Bedenken:

„Ohne Rohstoffe keine Arbeit. Ohne Rohstoffe keine Maschinen.“

Peter Donatus:

„Es kann nicht sein, dass 600 Jahre nach der brutalen Geschichte, dass wir immer noch darüber reden und darauf warten müssen, dass Deutschland und Europa zumindest sagt: I’am sorry. Was ist denn so schlimm daran?! Das hat man doch auch bei den jüdischen Schwestern und Brüdern gesagt“.

Serge Palasie. Foto: Stille

Serge Palasie (Eine Welt Netz NRW) antwortete Donatus, warum die Entschuldigung so schwer über die Lippen gehe: „Weil die Geld kosten könnte.“ (Für den ganzen Wortbeitrag schauen Sie bitte das Video.)

„Oury Jalloh, Oury Jalloh, Oury Jalloh – das war Mord!“

Foto: Peter Donatus

Bewegend auch der Auftritt von Mouctar Bah von der Oury Jalloh Initiative (zum Fall Oury Jalloh hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier mehr). Mouctar Bah war ein Freund von Oury Jalloh, der 2005 in Dessau in Polizeigewahrsam zu Tode gekommen war. Offenbar ermordet wurde. Denn wie sonst hätte Jalloh, gefesselt an Händen und Füssen, mit einem Feuerzeug seine Matratze angezündet haben können?

Zuvor empörte sich Peter Donatus: Es könne doch nicht sein, dass schwarze Menschen, wenn sie von der Polizei festgenommen würden, in deren Gewahrsam zu Tode kämen. Es wurde zusammen mit dem Publikum skandiert: „Oury Jalloh, Oury Jalloh, Oury Jalloh – das war Mord!“

Mukhtar Kamara skandalisierte, dass die Bundesregierung die von Deutschen im heutigen Namibia verübten Massaker an den Herero (80 Prozent von ihnen wurden brutal ausgerottet) und Nama zwar als Völkermord einstufe, sie jedoch daraus kein Anspruch auf Reparationen hergeleitet habe.

Erst vor Kurzem wurde gemeldet (hier in der Tagesschau), dass Namibias Regierung die inzwischen zehn Millionen als Wiedergutmachung gedachten Euro seitens Deutschlands für Verbrechen in der Kolonialzeit als „inakzeptabel“ ablehne. Grund ist dabei freilich nicht allein die Summe des angebotenen Geldes allein. Kamara machte deutlich, dass ein solches Verbrechen ohnehin – mit keinem Geld der Welt – wiedergutgemacht werden könne. Weshalb das Geld für Herero und Nama zunächst einmal zweitrangig sei. Mit ihnen sei ohnehin empörender Weise überhaupt nicht direkt verhandelt worden, sondern nur mit der namibischen Regierung. Was für die Herero und Nama freilich ein Affront darstellen musste. Die bundesdeutsche Regierung müsste zunächst einmal klipp und klar anerkennen, so forderte Kamara vehement, dass es sich bei der Vernichtung der Völker der Herero und Nama schlicht nicht – wie bislang behauptet – um „Kriegsfolgen“, sondern um ein Genozid gehandelt habe.

Interessante Podiumsdiskussion blickte nicht nur zurück auf die Vergangenheit, sondern es wurden auch visionäre Ideen aufgeworfen

Fraglos der Höhepunkt der Veranstaltung am Samstag war die gut zweistündige Podiumsdiskussion. Die Diskutanten blickten nämlich bei weitem nicht nur in die Vergangenheit zurück – was zwar wichtig ist, um die Gegenwart zu

Die Diskussionsrunde. Von llinks: Peter Donatus, Sista Oloruntoyin, Isabel Haase, Mirta Junco Wambrug, Mukhtar Kamara, Serge Palasie und Matilda theeGreat.    Foto; Stille

verstehen – sondern wagten auch visionäre Blicke in die Zukunft. Etwa brachte Mukhtar Kamara brachte etwa seine Gedanken zu Vereinigten Staaten von Afrika, die Idee des Panafrikanismus, in die Diskussion ein. Was heute zwar noch sehr utopisch klingt, könne allerdings in Zukunft verhindern, dass einzelne afrikanische Staaten etwa von der EU untereinander ausgespielt werden. Es könne doch nicht sein, dass die EU mittels so genannter Freihandels- bzw. Partnerschaftsabkommen (EPA) durchsetze, dass sie ihre Produkte in die afrikanische Staaten liefern dürfe, diese aber in vielfacher Hinsicht daran gehindert werden, selbiges betreffs der EU zu tun. Auch der Abhängigkeit über den CFA-Franc (hier ein Beitrag der Deutsche Welle dazu) der einstigen aus französischen Kolonien hervorgegangenen afrikanischen Staaten von Frankreich müsse endlich ein Ende gemacht werden. Hierzu noch ein älterer Beitrag von mir.,

Gesprochen wurde auch darüber, was getan werden könnte, um etwas gegen Zwangsprostitution zu tun. Nicht wenige junge Afrikanerinnen werden nämlich in die EU und auch noch Deutschland gelockt, um hier – dazu gepresst – in der Prostitution zu arbeiten. Dazu leistete kompetent auch die Juristin Sista Oloruntoyin aus Hamburg einen Diskussionsbeitrag.

Schauen Sie, lieber Leser*innen das über siebenstündige Video, welches auch die Podiumsdiskussion enthält.

Die gut organisierte Veranstaltung setzte Akzente und gab sicherlich Impulse. Versöhnung wurde großgeschrieben, aber auch über Reparationen gesprochen.

Alle Künstler*innen und viele Mitwirkenden haben auf ihre berechtigten Gagen und Honorare verzichtet.

Den Beitrag mit meiner Vorberichterstattung zu PAY DAY AFRICA 2020 finden Sie hier.

Hier eine kleine Fotostrecke zum PAY DAY AFRICA 2020 am Köln-Deutzer Rheinufer

Zeremonie für die afrikanischen Ahnen.

Stets zum Kampf für die Rechte fest entschlossen. Foto: C. Stille

Die Ladys verfolgen die Veranstaltung.

Bei mitreißender Musik. Foto: Stille

„Was wäre Deutschland ohne uns? Nichts!“

Foto: Klaus Brönies

Foto: Klaus Brönies

Foto: Klaus Brönies

Foto: Klaus Brönies

Foto Klaus Brönies

Matilda thee Great, kosmopolitische Südafrikanerin mit Sitz in Berlin. Künstlerin, Dichterin und Aktivistin. Gedichtband: „THE FOREIGN ME!“

Jörg Kronauer referierte zum Thema: „Machtkampf gegen Russland“. Fazit: Wir müssen die Aggression des Westens stoppen

Gesehen 2015 in Dortmund. Foto: Claus-Dieter Stille

Deutschland und Russland. Sollen sie zueinander nicht kommen? Weil eine enge Verbindung erheblichen Potential hätte? Schauen wir zurück:

Zweimal hat Deutschland gegen Russland, respektive die Sowjetunion Krieg geführt – mit furchtbaren Folgen für ganz Europa. Seit geraumer Zeit rüstet die Bundesrepublik erneut gegen den östlichen Nachbarn auf mit der Begründung, sich gegen angeblich drohende russische Aggressionen zu verteidigen. Was ist dran an dieser medial breit gestreuten Darstellung? Welche Motive stecken tatsächlich hinter den eskalierenden Spannungen zwischen den NATO-Staaten einerseits und Russland andererseits?

Machtkampf gegen Russland“ – Thema des Vortrags des Sozialwissenschaftlers und Journalisten Jörg Kronauer

Jörg Kronauer. Fotos: C. Stille

Kürzlich referierte der Sozialwissenschaftler und Journalist Jörg Kronauer (hier und hier) auf einer Veranstaltung von Attac und Friedensforum Dortmund in der Auslandsgesellschaft Dortmund. Sein spannendes Thema : „Machtkampf gegen Russland“.

Seinen Vortrag leitete Kronauer mit einem projizierten Foto der Bildzeitung ein, dass bei einem russischen Manöver aufgenommen wurde. Man sieht Panzer, die Krieg üben. Die Bildzeitung über das Manöver: „Russland trainiert Krieg gegen die Nato in Europa.“ Bild stützte sich auf westliche Geheimdienste – „bekanntlich besonders zuverlässige Quellen“, wie Jörg Kronauer süffisant anmerkte – bezüglich ihrer Aussage: Russland trainiere in diesem Manöver, erklärte Bild seinen Leser*innen weiter, wie man in wenigen Tagen die baltischen Staaten erobern und dann sogar Deutschland bombardieren kann.

Transportierter Tenor: Wie hier in Europa werden von Russland angegriffen. Die meisten großen Medien in Deutschland, so Kronauer, vermittelten im Grunde dieses Narrativ.

Jörg Kronauer hat sich die Mühe gemacht, zu ergründen, ob an diesem Narrativ etwas dran ist.

Beantworten könne man das, in dem man sich mal anschaue, wie die aktuellen Spannungen zwischen den westlichen Ländern und Russland zustande gekommen sind.

Kronauer: „Eine aktuelle Lage kann wirklich nur dann in ihrer Bedeutung erfassen, wenn man weiß, wie sie entstanden ist“

Kronauer spiegelte dem Publikum in einem kurzen Rückblick in die geschichtlichen Ereignisse ab seit den Jahren um1990 herum noch einmal wider.

Das Treffen Genscher und Kohl und Gorbatschow am 16. Juli 1990 – wer kennt nicht das berühmte „Strickjackenbild“, worauf Gorbatschow und sein Gast Kohl in lockerer Atmosphäre, bekleidet mit Strickjacken, im Kaukasus auf Baumstümpfen zu sehen sind? „Strickjackendiplomatie“. Das Bild wurde

per Projektion in Erinnerung gerufen. Auf diesem Treffen wurde ja letztlich besprochen, wie man den Kalten Krieg beilegen wollte. Es ging bald die Rede von einer „Friedensdividende“.

Boris Jelzin dachte gar daran, Russland in die NATO zu führen

Kronauer erinnerte im Folgenden an den Zerfall der Sowjetunion und die umfassende Verarmung großer Teile der ihrer Bevölkerung, nachdem wenige – die späteren Oligarchen – sich große Teile der sowjetischen Wirtschaft unter den Nagel gerissen hatten.

Anfangs habe Moskau die Idee gehabt, mit dem Westen zusammenzuarbeiten. Sogar – heute mag das naiv tönen – habe die russische Regierung unter Boris Jelzin daran gedacht, ob es nicht möglich sei, Russland in die NATO zu führen.

Kronauer: In Moskau hätte man nur einen Blick auf die US-Außenpolitik werfen müssen

Allerdings – führte Kronauer ins Feld – hätte man sich in Moskau nur die US-Außenpolitik anschauen müssen, um zu erkennen, dass dieses Denken von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen ist.

Schließlich habe ja der einflussreiche, ehemalige nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski, schon in seiner Monografie „The Grand Chessboard“ (deutsche Übersetzung des Buches unter dem Titel „Die einzige Weltmacht“ erschienen) folgendes anzustrebende Ziel vorgeben. Nämlich „im Hinblick auf Eurasien eine umfassende und in sich geschlossene Geostrategie zu entwerfen“. Die USA als „erste, einzige wirkliche und letzte Weltmacht“ müsse nach dem Zerfall der Sowjetunion ihre Vorherrschaft auf dem „großen Schachbrett“ Eurasien kurz- und mittelfristig sichern, um so langfristig eine neue Weltordnung zu ermöglichen. Anvisiert waren natürlich die großen Rohstoffreserven, die Eurasien lagern, auf die des die USA abgesehen hatten.

Der Westen, die NATO, rückte an Russland heran. Putin aber reichte dem Westen die Hand

Was eben ins Werk gesetzt wurde, um diesem Ziel (den Rohstoffen) näherzukommen, sei nicht zuletzt die NATO-Osterweiterung – ein Heranrücken des Westens an Russland gewesen, so Jörg Kronauer.

Auch habe der (völkerrechtswidrige) NATO-Kovovokrieg Serbien, dessen einziger Verbündeter Moskaus in der Region sei, geschwächt.

Russland sei also nicht der Aggressor gewesen, sondern die NATO, die sich immer mehr nach Osten ausgedehnt habe.

Putin habe indes dem Westen, einer veränderten Strategie folgend, die Hand ausgestreckt. Gerade die deutsch-russischen Beziehungen, auf deren lange und vielfältige Geschichte zum Nutzen beider Staaten Putin im Bundestag verwies, betreffend.

Man müsse nur an dessen Rede 2001 im Bundestag denken, die Putin übrigens auf Deutsch hielt.

Putins ausgestreckte Hand wurde vom Westen ausgeschlagen. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2008 zog Putin die Notbremse

Doch das Ausstrecken der Hand Putins wurde nicht gewürdigt. Jahre später zog Putin, Klartext sprechend, bereits die Notbremse: Auf der sogenannten Sicherheitskonferenz in München 2008 sagte er klar und deutlich, dass Russland nicht bereit sei solche und ähnliche aggressive westliche Provokationen, sowie völkerrechtswidrige Kriege seitens der USA auf Dauer hinzunehmen. Das trat dann schon mit der Provokation Georgiens in Südossetien ein. Russland reagierte.

Dennoch trieben es die EU und vornweg Deutschland weiter, meinte Kronauer. Was man besonders an den Vorgängen in der Ukraine (und dem geplanten Assoziierungsabkommen mit der EU) sehen kann. Es kam zum Maidan-Putsch (Aktion) und im Gegenzug zur Abspaltung der Krim (Reaktion) von der Ukraine.

Sanktionen des Westens folgten. Die Beziehungen Berlins zu Moskau kühlten ab.

Der militärische Aufmarsch der NATO mit Blick gen Russland wird fortgesetzt

Der militärische Aufmarsch an der Ostgrenze zu Russland sei weitergegangen, erinnerte Kronauer.

Um ein Abkommen nicht zu verletzen, habe man zu einem Trick gegriffen. Da die ständige NATO-Präsenz in den baltischen Staaten nicht erlaubt ist, lasse man die Truppen „rotieren“ – heißt, sie werden sie in gewissem Abstand ausgetauscht. Praktisch sei das NATO-Militär jedoch dort ständig präsent.

Inzwischen finden Verlegungen von US-Truppen im Rahmen des Manövers Defender 2020 statt. Ein neuralgischer Punkt – darauf machte der Referent aufmerksam – sei die russische Enklave Kaliningrad. Die, respektive die sogenannte Suwalki-Lücke habe die NATO schon lange im Visier. Konfrontationen von NATO und russischer Armee sind dort nicht ausgeschlossen.

Des Weiteren sei in Rostock ein Marinehauptquartier im Entstehen. Von dort aus will die Marine die deutschen Seestreitkräfte steuern.

Durch die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen gestärkt, fühlte sich die deutsche Wirtschaft dazu ermuntert, zum Krieg gegen Russland zu drängen

Jörg Kronauer tauchte tief in die Geschichte ein, um seinem interessierten Publikum diese deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen zu referieren. Deutsche Elektrokonzerne seien etwa an vielfältigen Elektrifizierungen im zaristischen Russland beteiligt gewesen. Die damals gemachten „irrsinnigen Gewinne“ hätten damals beträchtlich zur Stärkung des Deutschen Reiches und seiner Wirtschaft beigetragen, informierte Jörg Kronauer.

Schon damals sei aber die deutsche Wirtschaft an den russischen Bodenschätzen interessiert gewesen, weshalb sie auch aufgrund ihrer gewachsenen Stärke letztlich zum Krieg (Erster Weltkrieg) gegen Russland gedrängt hätten.

Die Deutsche Reichswehr umging die Einschränkungen durch den Versailler Vertrag, indem sie heimlich ihre Luftwaffe in der Sowjetunion weiterentwickelte

Nach dem Ersten Weltkrieg habe Walter Rathenau versucht wieder Kontakte zur jungen Sowjetunion zu knüpfen. Es gelang schließlich über den Vertrag von Rapallo (1922) – Deutschland und die Sowjetunion taktierten schlau – auch ins Werk zu setzen. Das Deutsche Reich hatte als Aggressor und Verursacher des Ersten Weltkriegs nur noch eingeschränkte Rechte (Versailler Vertrag). Vor allem was die Rüstung betraf. Das umging Deutschland, indem die Reichswehr heimlich in der Sowjetunion etwa die Luftwaffe weiterentwickelte und Flugzeuge dort testete. Sogar Giftgastests wurden durchgeführt u.v.a.m.

1933 habe es mit Hitlerdeutschland zunächst einmal wieder Einschnitte in den Beziehungen beider Staaten gegeben.

Abermals nutzte auch Deutschland unter Hitler die Zusammenarbeit, diesmal mit der Sowjetunion, um selber stärker zu werden. Das führte in den nächsten Krieg

Aber es gab den Hitler-Stalin-Pakt (mit seinem geheimen Anhängen zum Schaden von Nachbarländern). Und dann kam es wieder zu einer Aufnahme der deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen. Deutschland ließ sich aus der Sowjetunion u.a. Rohstoffe (Öl etwa für den Feldzug gegen Frankreich) liefern. Berlin lieferte z. B. im Gegenzug moderne Werkzeugmaschinen in die Sowjetunion. Bis in den Juli 1941 hielten diese Beziehungen! Kurz vor dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion sei sogar noch die letzte Rohstofflieferung über die deutsch-russische Demarkationslinie im besetzten Polen nach Deutschland gegangen.

Indes sei bekannt gewesen, dass der Krieg gegen die Sowjetunion längst in Vorbereitung gewesen war. Kronauer: Parallelen zu Vorgängen vor dem Ersten Weltkrieg ließen sich durchaus herstellen.

Wieder habe Deutschland die Zusammenarbeit mit diesmal der Sowjetunion benutzt, um selber stärker zu werden und dann sei das entstandene gestärkte Machtpotential dazu genutzt, um die Sowjetunion zu überfallen …

Einig mit seinem Dortmunder Publikum war sich Jörg Kronauer, dass der Machtkampf des Westens mit Russland den Frieden gefährdet. Der gebündelte Aufmarsch gegen Russland berge große Gefahren in sich. Im Rahmen des Manövers Defender 2020 kommen 20.000 US-Soldaten nach Europa. Über deutsche Verkehrswege werden sie gen russische Grenze rollen. Auf Tagesschau.de war zu lesen:

„Über das Großmanöver „Defender 2020“ informieren Schelleis und sein US-Kollege, Generalmajor Andrew Rohling, in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin. Richtig sichtbar würden die Truppenbewegungen in Deutschland ab Ende Februar. Es ist eine amerikanische Übung zusammen mit 18 NATO-Partnerländern. Rohling betont, man richte sich nicht gezielt gegen irgendein Land, sondern es gehe vor allem um einen Test strategischer Bereitschaft, darum, wie man auf eine Krise reagieren könnte.“

Wer kann das glauben, wenn wir die Stoßrichtung von Defender 2020 kennt: „ Rohling betont, man richte sich nicht gezielt gegen irgendein Land.“

Und übrigens: Defender heißt Verteidiger. Verteidiger, wer hat uns angegriffen?

Beängstigend auch das, was Jörg Kronauer zu berichten wussten: An bestimmten Orten in Europa, nahe des Ostens sei bereits Militärgerät eingelagert. Die dazugehörigen Soldaten aus den USA brauchen also im Ernstfall nur noch eingeflogen werden. Schon kann es losgehen an die Front!

Transporte von Militärgerät im Rahmen von Defender 2020 dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch über Schienen- und Straßenwege des Ruhrgebiets laufen und somit auch Dortmund tangieren.

Entschlossen zeigten sich in Dortmund nach dem Vortrag von Jörg Kronauer Publikum und Referent: Wir müssen die Aggression des Westens stoppen.

Inwiefern es auch Blockaden der Militärtransporte im Ruhrgebiet kommen werde, könne noch nicht gesagt werden.

Information: Eine Mahnwache in Dortmund unter der Überschrift „NEIN zu Kriegsmanövern! Stopp Defender 2020. JA zu Frieden, Entspannungspolitik und Abrüstung“ gegen das Großmanöver findet am 26. Februar 2020 von 16 – 17 Uhr vor der Reinoldikirche im Zentrum von Dortmund statt.

Danach ist ab ca. 17.30 Uhr im Biercafé West, Langestr. 42 ein offenes Treffen statt. Dort wird über NRW-weit geplante Aktionen gegen Defender 2020 berichtet und über Pläne beratschlagt, welche Aktionen für Dortmund infrage kommen können.

Aktuelle Informationen hier.

Informationen

Jörg Kronauer ist Autor mehrerer Bücher mit den Schwerpunkten Rechtsradikalismus/deutsche Außenpolitik, Revanchismus und Imperiale Politik.

Kronauer hat Bücher zu verschiedenen politisch „heißen“ Themen veröffentlicht (Ukrainekonflikt, Griechenlandkrise, „zweiter Kalter Krieg“).

Der bekannte Journalist und Buchautor referierte aus Anlass des größten Manövers von Landstreitkräften in Europa seit Ende des Kalten Krieges, „defender“ (Defender 2020, DEF 20; Anmerkung C..S.; Quelle: IMI) die medial breit gestreute Darstellung eines aggressiven Russlands hinterfragen.

Defender 2020

Auf Dortmunder Pflaster 2015. Foto: Stille

Im April und Mai 2020 plant die NATO mit DEFENDER (Verteidiger!) 2020 eines der größten Manöver von Landstreitkräften in Europa seit Ende des Kalten Krieges. Mit insgesamt 37 000 Soldatinnen und Soldaten aus 16 NATO-Staaten sowie aus Finnland und Georgien wird eine neue Dimension militärischer Aktivitäten erreicht. Bis zu 20 000 US- GIs mit entsprechend schwerem Gerät werden über den Atlantik und anschließend quer durch Europa an die russische Grenze transportiert. Ziel des Manövers ist neben der Zurschaustellung militärischer Überlegenheit die Demonstration einer blitzschnellen Verlegung kampfstarker Großverbände aus den USA an die NATO-Ostflanke. (Quelle: Attac Dortmund)

Anti-Defender-Schnaderhüpferl

Interessante Literatur

Hermann Ploppa: Der Griff nach Eurasien

Halford John Mackinder: Der Schlüssel zur Weltherrschaft

Cyril Moog: Der neue Mensch

Reiner Braun am 15. Februar 2020 auf der #Antisiko-Demo in München: Nein zu den Provokationen gegen Russland! Quelle. Nuit Debout Munich

Die kubanische Ballett-Legende Alicia Alonso starb mit 98 Jahren in Havanna

Gestern erst erreichte mich die traurige Nachricht via Facebook: „Die Prima Ballerina Assoluta Alicia Alonso ist verstorben“ – eine Meldung der deutschen Ausgabe der kubanischen Zeitung „Granma“. Ich habe den Beitrag hier verlinkt. Bei mir allerdings funktioniert der Link nicht. Möglicherweise wird diese Adresse seitens der USA blockiert? Sollte es LeserInnen dieses Beitrags gelingen, die Seite zu erreichen, bitte ich um eine kurze Nachricht, auf welche Weise dies gelang. Immerhin funktioniert ein Link zum Nationalballett Kuba.

Alicia Alonso im Jahre 1955. Foto: Wikipedia

Alicia Alonso wurde 98 Jahre alt. Sie starb am 17. Oktober 2019 in einem Krankenhaus in Havanna.

Im Nachruf der Compagnie heißt es (Auszug; via Google Übersetzung aus dem Spanischen):

Alicia Alonso. Foto via Nationalballett Kuba.

„Heute, am 17. Oktober 2019, hat Alicia Alonso uns verlassen. Ihr Vermächtnis ist riesig, ebenso wie ihre Kunst. Alicia ist eine jener Künstlerinnen, die im Herzen der Menschen stehen. Dr. Miguel Cabrera, Historiker des Nationalen Balletts von Kuba, hinterlässt diese aufgeregten Worte.

 Im CIMEIQ-Krankenhaus in Havanna starb am Donnerstag, den 17. Oktober, um 11 Uhr morgens die große Kunst, das Ansehen seiner Heimat auf den höchsten Platz in den vier Winkeln der Welt zu setzen. (…)

(…)Aber die Größe der Alonso, für uns seine Landsleute, besteht nicht nur darin, uns in 65 Ländern triumphierend vertreten zu haben und die meisten donnernden Ovationen zu empfangen, die unmöglich zu erklären sind, von Helsinki nach Buenos Aires, von New York nach Tokio oder Melbourne, sondern zu setzen Im Dienst seines Landes erhielten alle Ehrungen, darunter die 266 internationalen Preise und Auszeichnungen, 225 mit nationalem Charakter und die 69 von ihm verfassten choreografischen Kreationen – romantisch, klassisch und zeitgenössisch (…)“

Ein Deutsche-Welle-Text vom 17. Oktober 2019 ist folgendermaßen überschrieben:

Über Jahrzehnte begeisterte Alicia Alonso als Tänzerin, Ballettdirektorin und Choreografin weltweit als eine der besten ihres Fachs. Auch ihre Sehbehinderung stand ihrem Erfolg nicht im Weg. Nun starb sie mit 98 Jahren“

Und weiter heißt es bei der Deutschen Welle:

„Die „Primaballerina Assoluta“ hinterlasse eine gewaltige Lücke, aber auch ein unübertreffbares Vermächtnis, twitterte der Staatschef des sozialistischen Karibikstaates, Miguel Diáz-Canel, zum Tod von Alicia Alonso. Sie ist die einzige lateinamerikanische Tänzerin, die mit dem dem Titel „allerbeste Balletttänzerin ihrer Zeit“ geehrt wurde – eine Auszeichnung, die nur sehr wenigen Tänzern vorbehalten ist.

Dabei war Alonso schon sehr früh in ihrer Karriere stark sehbehindert: Nach einer doppelten Netzhausablösung konnte sie nur noch Schatten unterscheiden. Seitdem orientierte sie sich auf der Bühne mit Hilfe von Lichtmarkierungen. Außerdem unterstützte sie ihre Vorstellungskraft. „Ich tanze in meinem Kopf“, sagte sie immer wieder.

Mit ihrer enormen Disziplin gelang es Alicia Alonso auch danach, das Publikum mit ihren eleganten und gleichzeitig temperamentvollen Sprüngen zu verführen. Mit 40 Jahren schaffte sie immer noch die 32 raschen Drehungen des schwarzen Schwans in Schwanensee.

Kuba stets verbunden

Nach dem Sieg der Revolution auf Kuba wurde Alonsos eigene Kompanie zum Nationalballett Kubas. Mit ihrer Schule schuf sie einen unverkennbaren Tanzstil. Als Gast tanzte sie weiter an den besten Häusern der Welt, darunter an der Pariser Oper und dem Moskauer Bolschoi Theater. Erst mit 74 Jahren hörte sie auf zu tanzen. Als Choreografin aber machte sie auch dann noch weiter.

An Kuba hing Alonso bis zum Schluss. Allen finanziell verlockenden Angeboten und ihrem hohen Ansehen im Ausland zum Trotz blieb sie ihrer Heimat treu, wo sie tief verehrt wird.

Dem von ihr gegründeten kubanischen Nationalballett zufolge starb Alonso im Alter von 98 Jahren in einem Krankenhaus in der kubanischen Hauptstadt. Die Todesursache blieb zunächst unklar.

ust/ml (afp, dpa, ap, rtr)“

Meine persönliche Begegnung mit Alicia Alonso in Halle

Ich hatte im Oktober 1979 die Ehre Prima Ballerina Assoluta Alicia Alonso anlässlich eines Gastspiels des kubanische Nationalballett am Landestheater Halle im „Theater des Friedens“ zu treffen und als Volkskorrespondent der „Freiheit“ interviewen zu dürfen. Von dem Interview erschien dann letztlich nur ein kleiner Bericht (siehe Repro). Der Bericht erschien ausgerechnet am 17. Oktober 1979 – vierzig Jahre vor dem Tod von Alicia Alonso.

Bericht nach meinem Interview mit Alicia Alonso in der „Freiheit“. Repro: Claus Stille

Ich war unglaublich aufgeregt. Wir saßen uns im Theatercafé gegenüber. Sie trug eine große Brille mit dunklen Gläsern. Die Alonso nahm mir rasch die Aufregung. Wir plauderten – übersetzt von einer Dolmetschererin – über Kuba, die Revolution, Fidel Castro und das Ballett, ihre langjährige Arbeit und die durch die Revolution veränderte Rolle der Frau in der kubanischen Gesellschaft. Ab und zu wurden wir von Tänzerinnen und Tänzern der Compagnie unterbrochen, die die Alonso etwas fragten und dann wieder zur Probe auf die Bühne verschwanden.

Die Auftritt des kubanischen Nationalballetts am Abend war dann ein großartiges Ereignis. Ebenso wie die Begegnung mit Ballettlegende Alicia Alonso hinter und auf der Bühne.

Damals schon fast 60 Jahre alt, tanzte sie noch den Schwarzen Schwan. Einfach genial, in diesem Alter! Am Orchestergraben waren Beleuchtungsrampen ausgelegt worden, an denen sich die stark sehbehinderte Tanzlegende orientierte.

Ich denke gerne an diese Begegnung und das wunderbare Nationalballett zurück.

Möge Alicia Alonso in Frieden ruhen. Im Balletthimmel wird sie gewiss einen Ehrenplatz einnehmen.

Dr. Karamba Diaby rät jungen Menschen mit Migrationshintergrund: „Mischt euch ein, werdet Teil dieser Gesellschaft!“

Referierte humvorvoll in Dortmund: Dr. Karamba Diaby. Hier im Bild mit Moderatorin Julia Rumi; Fotos (4): C.-D. Stille

Referierte humvorvoll in Dortmund: Dr. Karamba Diaby. Hier im Bild mit Moderatorin Julia Rumi; Fotos (4): C.-D. Stille

Bereits das fünfte Mal in diesem Jahr konnte der Verein Africa Positive e. V. im Rahmen des Projektes „Erzähl mal, wie du es geschafft hast!“ einen interessanten Gast begrüßen. Am vergangenen Samstag reiste das Mitglied des Deutschen Bundestages, Dr. Karamba Diaby (SPD), aus seinem Wahlkreis Halle an der Saale nach Dortmund.

Die Hauswirtschaftsmeisterinnen mit Moderatorin Julia Rumi; Foto: Africa Positive.

Die Hauswirtschaftsmeisterinnen mit Moderatorin Julia Rumi; Foto: Africa Positive.

Über Vorbilder zu Inspirationen

Das Projekt stellt Kindern und Jugendlichen Menschen mit Migrationshintergrund vor, die als Vorbilder dienen und ihnen zu Inspirationen – was eigene Lebensperspektiven betrifft – verhelfen können.

Eingeladen waren überdies ebenfalls Dortmunder Hauswirtschaftsmeisterinnen, die sich anschließend an den Vortrag Karamba Diabys mit den Vertreterinnen des Afrikanischen Frauennetzwerkes Dortmund zwecks interkulturellen Austausches trafen.

Africa-Positive-Vorsitzende Veye Tatah begrüßte den Referenten und das Publikum.

Africa-Positive-Vorsitzende Veye Tatah begrüßte den Referenten und das Publikum.

Veye Tatah, rührige Vorsitzende von Africa Positive e. V. begrüßte den 1961 in Marsassoum/Senegal geborenen Gast. Moderiert wurde die Veranstaltung von Julia Rumi, Vorstandsmitglied von Africa Positive.

Halle schon früh fortschrittlich

Dr. Diaby Einstieg galt der Vorstellung der Stadt Halle. Die, so der Bundestagsabgeordnete, habe zwei Besonderheiten. Die erste Person, die überhaupt in Europa studiert hat habe in Halle studiert. Der in Axim (heute Ghana) geborene, als Kind versklavte und später nach Europa verschleppte Anton Wilhelm Amo studierte ab 1727 an der Universität Halle Philosophie und Rechtswissenschaften.

Zweite Besonderheit: Dorothea von Erxleben war die erste promovierte deutsche Ärztin.

Als Waisenkind an die Uni nach Dakar

Die Ausgangsbedingungen Karamba Diabys waren denkbar schlecht: Die Mutter starb als er drei Monate alt war. Der Vater als Karamba sieben Jahre alt war. Aufgewachsen ist er bei der Schwester. Schon zeitig war ihm klar, dass Schule, Bildung hochwichtig war, um es im Leben zu etwas zu bringen. Nach Grund- und Sekundarschule machte er das Abitur, ging an die Uni in die Hauptstadt Dakar und studierte auf Lehramt.

Bereits dort engagierte sich studierende Diaby politisch in der Studentenbewegung, trat aktiv für bessere Bedingungen an der Uni ein. Eigentlich hätte ihm als Waisenkind ein staatliches Stipendium zugestanden. Bekommen hat er aber keines. Glücklicherweise teilte ein Landsmann sein Stipendium solidarisch mit ihm. Dennoch war es schwer. Während andere Kommilitonen reicher Eltern selbst in der Mittagspause im klimatisierten Wagen von der Unitreppe abgeholt wurden, lief Karamba Kilometer in der sengenden Hitze. Das empörte Karamba. Andere hatten Vorteile: „Nur weil der Papa reich war. Das wollte ich nicht auf mir sitzenlassen“. Ein wichtiger Rat an die anwesenden Jugendlichen: Trotz der Widrigkeiten des Lebens niemals aufgeben!

Auslandsstudium in der DDR als Chance

Über ein Auslandsstudium – die sozialistischen Länder vergaben damals Stipendien für Benachteiligte – gelangte Karamba Diaby 1985 in die DDR. Ankunftsdatum und Zeit weiß Diaby noch genau: „Es war zweite Oktober um 15 Uhr 15“ in Berlin. Als gewünschte Studienfächer angekreuzt hatte der Senegalese Wasserwirtschaft, Elektronik und Landwirtschaft, als Studienort DDR. Beschieden wurde letztlich: Elektronik und DDR. Am Herder-Institut in Leipzig lernte Diaby neun Monate intensiv Deutsch. Zuvor konnte er nur zwei deutsche Worte: BMW und Bundesliga. Schließlich studierte er Chemie. Es war ihm egal. Hauptsache ein Studium. Das begann und absolvierte Diaby an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU).

Die Sprache lernen und unter Leute gehen

Wieder ein Tipp an eingewanderte Jugendliche: Die Sprache des Landes lernen, unter Leute gehen. Nicht nur unter sich bleiben! Mutig sein, unter

Karamba Diaby im Gespräch mit Jugendlichen.

Karamba Diaby im Gespräch mit Jugendlichen.

Deutsche gehen! „Wenn man gesund ist, alle Möglichkeiten nutzen, sich beteiligen! Sich Verbündete suchen. Alleine schafft man nie etwas.“ Karamba tat das. In Leipzig besuchte er Studentenclubs und hat „mit Deutschen gequatscht“. Es half ihm sehr. Die Menschen in Leipzig mochten Karamba, weil „der so niedlich“ spricht. Manchmal lachten sie ihn auch aus. Und er wusste: Da habe ich einen Fehler gemacht, das muss ich verbessern.

Engagement auch in der DDR, wo man aufpassen musste, was man sagt

Wie war das in der DDR?, fragte Julia Rumi. Klar, so Karamba Diaby, war die DDR sozialistisch und man konnte nicht alles so frei sagen, nicht so rebellisch sein wie er in der Studentenbewegung Senegals. An der MLU in Halle war er gewählter Sprecher des Internationalen Studentenkomitees. Dennoch brachte er sich selbst dort ein und setzte auch in Halle Verbesserungen für die Kommilitonen, wie seine Teilnahme am Einlaßdienst im Studentenclub durch. Machte sauber und wusch Gläser. Auch wenn andere afrikanische Studenten die Nase darüber rümpften.

Über das Vorbild Willy Brandt in die SPD und den Bundestag

Über Willy Brandt hatte Karamba Diaby ein Film gesehen. Dieser Mann beeindruckte ihn sehr. Und die SPD habe Gerechtigkeit von Gründung an auf ihre Fahnen geschrieben. „Willy Brandt hat das BAföG eingeführt.“ Als die SPD Halle dann den vielseitig in Vereinen und im Ausländerbeirat engagierten Mann fragte, ob er für sie für den Stadtrat kandidieren würde, kam er nach reiflicher Überlegung dazu in die Partei Willy Brandts einzutreten. Er arbeitete erfolgreich sieben Jahre als Stadtrat. 2013 wurde Dr. Karamba Diaby für die SPD in den Bundestag gewählt. Er ist ordentliches Mitglied im Ausschuss für Bildung Forschung und Technikfolgeabschätzung und stellvertretender Vorsitzender des Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe.

Bildung steht an erster Stelle

Besonders wichtig ist Diaby das Thema Bildung. „Ohne Bildung ist man gar nichts.“ Vehement tritt der Hallenser Bundestagsabgeordnete für Chancengerechtigkeit im Bereich Bildung ein. Jedem müsse in diesem Land – unabhängig vom Geldbeutel der Eltern – die Möglichkeit gegeben

Dr. Diaby weiß aus eigner Erfahrung: Schule muss an erster Stelle stehen.

Dr. Diaby weiß aus eigner Erfahrung: Schule muss an erster Stelle stehen.

werden sich je nach seinen Fähigkeiten bilden zu können. Freilich müssten auch die Schüler Bildung ernst nehmen und die Eltern dies unterstützen. Auch die Mitarbeit in Vereinen sei empfehlenswert. „Doch die Schule hat Vorrang!“

Für Menschen mit Migrationshintergrund: „Die Kinder sollten von Anfang an Deutsch lernen.“ Dr. Diaby wollte nicht missverstanden werden: „Das schließt nicht aus, dass man seine Muttersprache zuhause spricht.“

Bei seinen zwei Kindern habe das nicht ganz so geklappt, räumt er ein. Er sprach mit ihnen auch Französisch. Sie fanden „das aber ein bisschen komisch“. Der Papa solle gefälligst Deutsch sprechen, forderten sie. Immerhin haben Tochter wie Sohn später das Fach Französisch gewählt.

Trotz Tiefpunkten: „Das Leben geht weiter“

Zu Bedenken gab am eignen Beispiel Karamba Diaby, dass es ihm Leben immer wieder Tiefpunkte gebe. Seines fing ja bereits damit an, Waisenkind geworden zu sein. Nach dem er 1994 die Doktorarbeit in der Tasche hatte wurde er arbeitslos. Es gehe halt auf und ab. „Das Leben geht weiter!“ Er arbeitete als Dolmetscher und dann für das Eine-Welt-Haus.

Auch beim Alltagsrassismus zwischen wesentlich und unwesentlich entscheiden

Auf Nachfrage nach Benachteiligungen wegen seiner Hautfarbe, sagte Diaby, dass es das freilich Alltagsrassismus gebe. Deshalb meide er nächtliche Diskobesuche. Aber es gelte, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Als ihn Taxifahrer einmal im verschneiten Magdeburg nicht befördern wollten, unterließ er eine Beschwerde. Atmete tief durch und zog einen Koffer hinter sich her durch den Schnee zur Staatskanzlei. Er wollte ja nicht zu spät kommen. Es heiße ja immer: „Afrikaner verspäten sich immer.“ Ein Rezept fürs Handeln hat er nicht: „Ich entscheide zwischen „wesentlich“ und „unwesentlich“.

Die Reihe bei Africa Positive hat Vorbilder im Fokus. Karamba Diabys frühes, bleibendes Vorbild war ein sehr freundlicher und stets hilfsbereiter Krankenpfleger in seiner Heimat. Als Waisenkind habe dieser ihn immer besonders behandelt.

Erfahrungsaustausch mit Kindern und Jugendlichen: „Mischt euch ein!“

Nach einer Kaffeepause kam es zu einem Erfahrungsaustausch mit den Kindern und Jugendlichen.

Einige nannten ihre Vorbilder. Kofi Annan wurde genannt. Für ein Mädchen war die Mutter Vorbild, die trotz Schwierigkeiten beider Leben meisterte. Ein junge Frau, die einst als Kind mit der Mutter, aus dem Kongo kommend, in Halle aufwuchs und heute engagierte und begeisterte Assistenzärztin in einem Wuppertaler Krankenhaus ist, machte anderen Mut, sich anzustrengen.

Karamba Diaby appellierte an die junge Generation alle Möglichkeiten des Landes unbedingt zu nutzen. „Mischt euch ein!“ Er selbst habe nie auf eine Einladung gewartet, sondern sei immer auf die Leute zugegangen.

„Geht in Bürgerinitiativen, in Vereine, zum Technischen Hilfswerk, zur Feuerwehr oder in Jugendorganisationen von Parteien – werdet Teil dieser Gesellschaft!“, rief Dr. Diaby den jungen Leuten zu.

Im Verlaufe der Gespräche machte Karamba Diaby keinen Hehl daraus, dass er den Rechtsruck in Europa, einhergehend mit dem Erstarken der AfD hierzulande, für besorgniserregend hält. „Das ist kein Zufall. Es gab eine demokratische Wahl!“ Weshalb sich eben mehr Menschen mit Migrationshintergrund in die Politik einmischen müssten. Stimmung gegen Flüchtlinge, Muslime und Schwarze werde gemacht. Komme die AfD an die Macht „dann sind wir die ersten die dran sind!“ Karamba Diaby will die Sorgen mancher AfD-Wähler durchaus ernst nehmen. „Doch in der AfD werden auch völkische und rassistische Meinungen vertreten!“

Dr. Diaby: „Beteiligen Sie sich, arbeiten sie politisch mit! Gehen Sie in Organisationen. Nehmen Sie die deutsche Staatsbürgerschaft an. Lassen Sie nicht zu, dass über ihren Kopf hinweg bestimmt wird.“

Gruppenbild mit MdB Dr. Karamba Diaby (Mitte); Foto: Africa Positive.

Gruppenbild mit MdB Dr. Karamba Diaby (Mitte); Foto: Africa Positive.

Junge Menschen können als Multiplikatoren in unsere Gesellschaft hineinwirken

Vorbilder sind wichtig. Dieser Vormittag und die Veranstaltung „Erzähl mal, wie du es geschafft hast!“ lieferte abermals eines dieser Vorbilder. Dr. Karamba Diaby aus Halle an der Saale verstand es sehr humorvoll und am eigenen Werdegang eindrucksvoll zu schildern, worauf es ankommt, um im Leben voranzukommen. Das machte gewiss einigen der anwesenden Kinder und Jugendliche Mut, selbst etwas ins Werk zu setzen. Und im besten Falle werden diese jungen Menschen mitten in unserer Gesellschaft als Multiplikatoren wirken, um auch anderen Altersgenossen Mut zu machen, sich mehr als bisher einzumischen.

Kobane in Not – Kurden schlagen mit zivilem Ungehorsam Alarm in Europa

Die IS-Terroristen sind dabei,Kobane einzunehmen; Foto: Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft via Pixelio.de

Die IS-Terroristen sind dabei,Kobane einzunehmen; Foto: Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft via Pixelio.de

BBC berichtete diese Nacht, die schwarze Fahne des sogenannten Islamischen Staates (IS) sei das erste Mal über Kobane aufgetaucht. Kobane (arabisch: Ain_al-Arab) ist seit einiger Zeit hart umkämpft. Schwere Gefechte zwischen Volksverteidigungseinheiten und IS in der Stadt Kobane wurden gemeldet. Abermals seien hunderte ZivilistInnen in Richtung türkische Grenze geflohen. Mehr als 160.000 Menschen sollen die Stadt schon verlassen haben. Die Stadt soll einmal 54.681 Einwohner (geschätzter Stand 2007) gehabt haben.

Ban Ki-moon ruft zum Schutz der Zivilbevölkerung auf

Der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat dazu aufgerufen, dass für den Schutz der Zivilbevölkerung dringend gehandelt werden soll. Die Ereignisse in der Stadt seien besorgniserregend. Zudem erklärte Ban, dass die IS bekannt für ihre grausamen Menschenrechtsverletzungen ist. (Informationen via Civaka Azad Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit – Liveticker)

Vielerorts, so auch in Europa, sind Kurden über die besorgniserregenden Meldungen beunruhigt. Und nicht nur das. Sie fühlen sich auch ziemlich hilflos. Tut die internationale Gemeinschaft genug,um die Menschen in Kobane zu schützen? Viele bezweifeln dies. Der Türkei trauen sie nicht. Sie werfen Ankara vor  den Kurden in Kobane nicht zu helfen. Schließlich dürfte die Türkei an einem Erstarken kurdischer Staatsgebilde in Grenznähe kein Interesse haben.

Niederländisches Parlament besetzt – Aktion bei der Deutschen Welle in Bonn

In ihrer Ohnmacht und Verzweiflung machen zahlreiche Kurden mit unterschiedlichen Aktionen in Europa auf die bedrohliche Situation vor Ort aufmerksam. Auf Flughäfen, Bahnhöfen und in europäischen Stadtzentren. In Bonn drangen Kurden in die Räumlichkeiten der Deutschen Welle ein. Kurzzeitig wurde das niederländische Parlament besetzt. Laut Polizei ging es friedlich dabei zu.

CDU-Zentrale in Dortmund besetzt

Der YXK-Verband der Studierenden aus Kurdistan und Cîwanên Azad führte am gestrigen Nachmittag eine Aktion des zivilen Ungehorsam in Form eines Sitzstreiks in der CDU-Zentrale in Dortmund durch. Laut Nachrichtenportal „derwesten“ sowie nach „Polizeiangaben handelte es sich um eine Gruppe von 14 Personen, die mit der Aktion gegen den Terror der IS-Milizen protestieren wollten.

Die Kurden räumten das Büro am Nachmittag freiwillig nach einem Gespräch mit dem stellvertrenden CDU-Kreisverbandsvorsitzenden Sascha Mader. Anzeigen wurden nicht erstattet. Zuvor hatte die Gruppe nach eigenen Angaben bereits SPD-Büros in anderen Städten besetzt.“

Linksparteiabgeordneter Niema Movassat: „Gute Aktion!“

Den jungen Aktivisten in Dortmund ging es in erster Linie um die Verbreitung ihrer Forderungen. Diese veröffentliche der Linksparteiabgeordnete Niema Movassat aus Nordrhein-Westfalen auf seiner Facebook-Seite. Movassat nannte die Demonstration eine „Gute Aktion“.

Hier nun die Forderungen der Aktivisten:

Stoppt die Waffenlieferungen an Saudi-Arabien, Katar, Kuwait und alle die den IS unterstützen – Unterstützt den Widerstand in Kobanê – Erklärung des Verbandes der Studierenden aus Kurdistan- YXK und der Cîwanên Azad

 

An die Presse und Öffentlichkeit!


Um gegen die Barbarei des IS zu protestieren und uns mit dem Widerstand in Kobanê zu solidarisieren haben wir als YXK-Verband der Studierenden aus Kurdistan und Cîwanên Azad eine Aktion des zivilen Ungehorsam in Form eines Sitzstreiks in der CDU-Zentrale in Dortmund begonnen. Die Aktion wird unterstützt von SolidNRW & Young Struggle.

 

Wie bekannt, greift die Terrororganisation IS mit schweren Waffen besonders seit dem 15. September das Kanton Kobanê in Rojava/Nord-Syrien an. Vom Süden, Westen und Osten ist die Region durch den IS belagert.

 

Im Norden patrouilliert der türkische Staat und unterstützt dadurch diese Angriffe. Wenn nichts unternommen wird, sind Massaker an die Bevölkerung mit tausenden Opfern vorprogrammiert. Internationale Mächte haben jahrelang aktiv oder durch nichts-tun passiv die Stärkung des IS unterstützt.

 

Vor allem spielt die Türkei dabei eine tragende Rolle. Die Luftangriffe, die vor allem durch die USA geflogen werden, sind, was ihre Wirkung in Kobanê angeht, nichts weiter als Augenwischerei.

 

Die Kraft die am effektivsten gegen die Angriffe des IS Widerstand leistet sind die Einheiten der Kurdischen Freiheitsbewegung, die YPG und die HPG, die seit dem 15. September im besonderen in Kobanê, seit Monaten aber auch in Shengal und Maxmur, das Leben von Zehntausenden, KurdInnen, ChristInnen, EzidInnen, TürkmenInnen und viele andere Volks-, Religions-, und Sozialen Gruppen verteidigen.

 

Die Kurdische Gesellschaft leistet einen großen Widerstand gegen den IS und das wird unter allen Umständen weiterhin anhalten. Allerdings stellt die direkte und offene Unterstützung des türkischen Staates an den IS, die Ignoranz der internationalen Mächte gegenüber der Angriffe des IS sowie ihre Doppelmoral, zehntausende Menschenleben in Kobanê und in ganz Rojava in Gefahr.

 

Mit schweren gepanzerten Fahrzeugen und Raketen greift der IS mit der Unterstützung des türkischen Staates Kobanê an, während die internationale Gemeinschaft diese Tragödie nur beobachtet. Der IS hat durchaus das Potential in den nächsten Stunden mit größeren (möglicherweise auch chemischen) Waffen ein Massaker in Kobanê anzurichten.

 

Sowohl regionale als auch internationale Kräfte wissen sehr gut, welche Ausmaße diese Angriffe angenommen haben. In der breiten Öffentlichkeit sind sie ein großes Thema. Dennoch folgt diesen Diskussionen und Informationen keine politische Praxis der verantwortlichen PolitikerInnen.

 

Im Gegenteil, die westlichen Staaten stimmen den Angriffen durch ihr Nichts-Tun fast förmlich zu, während die Türkei weiterhin den IS mit allen Mitteln unterstützt. Insbesondere die CDU ist mit ihrer opportunistischen Politik im Kampf gegen den IS durchgefallen. Zuletzt bestätigte sich diese Doppelmoral am 2. Oktober durch die Zustimmung der von der CDU und der Bundeskanzlerin Angela Merkel angeführten Bundesregierung für weitere Waffenlieferung an Staaten wie Katar und Saudi Arabien, die seit Jahren den IS unterstützen.

 

Wir als Cîwanên Azad und Verband der Studierenden aus Kurdistan – YXK führen diese Aktion des zivilen Ungehorsams in der Dortmunder CDU-Zentrale durch, um die Weltgemeinschaft und demokratische zivilgesellschaftliche Institutionen auf die Gefahr eines großen Massakers durch den IS in Kobanê aufmerksam zu machen, die Medien darüber zu sensibilisieren und um den Widerstand gegen den Terror des IS in Kobanê zu unterstützen.

 

Unser Ziel ist es den Koalitionspartner CDU dazu zu bewegen endlich Schritte einzuleiten.

Unsere konkreten Forderungen sind:

1.Alle Waffenlieferungen an Saudi Arabien, Katar, Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate und anderen Ländern, die offensichtlich den IS unterstützen müssen sofort gestoppt werden. Wir erwarten eine öffentliche Positionierung der CDU bezüglich der Angriffe des IS in Kobanê und dass sie dementsprechende praktische Schritte in der Politik einleitet. Dazu gehört die Unterstützung der KurdInnen in Kobanê im politischen, diplomatischen und logistischen Bereich, sowie im Bereich der Selbstverteidigung.

 

2. Die CDU und die deutsche Regierung haben die Möglichkeiten, die Türkei unter Druck zu setzen, damit sie ihre Unterstützung an die IS einstellt. Diesbezüglich erwarten wir Schritte von der CDU. Auch besitzt die CDU die Möglichkeiten eine bevorstehende Besatzung Rojavas/Nord-Syriens durch die Türkei zu verhindern. Dafür sollte die CDU vor allem den Friedensprozess in Nord-Kurdistan/Türkei unterstützen.

 

3. Die CDU und die Bundesregierung müssen endlich Schritte einleiten um das PKK Verbot in Deutschland und der EU im Interesse der Völker aufzuheben. Gegen den IS müssen viel effektivere Maßnahmen in der BRD unternommen werden.

 

4. Um unsere Forderungen besser zu kommunizieren wünschen wir uns ein Gespräche mit dem CDU Bundestagsabgeordneten Steffen Kanitz und der CDU NRW-Landtagsabgeordnetin Claudia Middendorf.

 

Wir rufen außerdem die Presse dazu auf zur Dortmunder CDU-Zentrale zu kommen, damit wir unsere Forderungen ihnen gegenüber erneut zur Sprache bringen können.
Pressekontakt: 01736875952
6. Oktober
Verband der Studierenden aus Kurdistan – YXK
Cîwanên Azad – Freie demokratische Jugend

Wider den Ressentiments: „Arme Roma, böse Zigeuner“ – Ein Buch von Norbert Mappes-Niediek

Im Verlaufe des Jahres machte das so genannte „Roma-Haus“ in Duisburg wiederholt negative Schlagzeilen. (Hier ein Artikel der Deutschen Welle dazu.) Im vergangenen Winter dieses Jahres war von vermüllten „Problemhäusern“ in der Dortmunder Nordstadt die Rede. Die MONITOR-Redaktion des WDR machte damals einen und später noch einen weiteren Bericht zu der Situation.

Die Probleme haben größtenteils etwas damit zu, dass – wie ich am 27. Januar 2013 schrieb – in den letzten Jahren immer mehr Menschen aus den EU-Mitgliedsländern Bulgarien und Rumänien nach Deutschland zugezogen sind: „Sie sind Armut und Ausgrenzung in ihren Heimatländern entflohen. Letzteres trifft besonders auf die Bevölkerungsgruppe der Roma zu. Allesamt versuchen sie in Deutschland ein paar Euro zu machen, um ihre Familien daheim durchzubringen.

Nicht wenige Roma fanden in Zeiten des Staatssozialismus in Bulgarien und Rumänien wenigstens noch als Hilfsarbeiter Verwendung und konnten sich so immerhin ihr kärgliches Brot verdienen. Damit war nach dem Ende des Staatssozialismus bald Schluß. Mehr und mehr Roma wurden entlassen. Den von der Bevölkerungsmehrheit meist verhassten Roma wurde als erstes die Tür gewiesen. Erst recht ging es ihnen an den Kragen (nicht selten sogar physisch in Form rassistischer Übergriffe) als ihre Heimatländer Mitglied in der Europäischen Union wurden.“

Aus berufenem Munde

In diesem Jahr bestrand in Dortmund die Möglichkeit einmal etwas mehr über die Situation der Roma zu erfahren. Und zwar jenseits gängiger Vorurteile und anscheinend nicht tot zu kriegender Ressentiments gegenüber diesen Menschen. Sowie aus berufenem Munde. Norbert Mappes-Niediek (Jahrgang 1953) lebt seit 1992 als freier Korrespondent für Österreich und Südosteuropa in Graz, Österreich und war 1994/95 Berater des UNO-Sonderbeauftragten für das ehemalige Jugoslawien, Yasushi Akashi. Mappes-Niediek schreibt u. a. für die Frankfurter Rundschau, den Standard (Wien) und NRC Handelsblad (Rotterdam). Zu verdanken war die Veranstaltung Planerladen e.V. und der Auslandsgesellschaft NRW e.V. Sie hatten gemeinsam zur Lesung mit Norbert Mappes-Niediek im Dietrich-Keuning-Haus eingeladen. Der Vortrag von Norbert Mappes-Niediek orientierte sich am Titel des vom Autor verfassten Buches „Arme Roma, böse Zigeuner“ (erschienen im Ch. Links Verlag).

Der Journalist und Autor ging folgenden Fragen nach: „Warum kommen die Roma in Osteuropa aus ihrem Elend nicht heraus? Sind sie arm, weil sie diskriminiert werden, oder werden sie diskriminiert, weil sie arm sind? Sind sie arbeitsscheu, kriminell und womöglich dümmer als andere?“ Wer von uns ist diesen Fragen noch nicht begegnet? Auch die Antwort ist uns geläufig. Sie orientieren sich an von Generation zu Generation weiter gegebenen Ressentiments. Meist lautet sie: Dies sei halt „typisch Roma“. Der langjährige Balkan-Korrespondent Norbert Mappes-Niediek hat einen Faktencheck unternommen. Und damit kommt zu überraschenden Befunden.

Das Interesse an der Veranstaltung war – wie auch der Moderator zugeben musste – groß. Man hatte mit vielleicht 20 Besuchern gerechnet. Aber das war kein Beinbruch: Kurzerhand wurde von dienstbaren Geistern eine Begrenzungswand beiseite geschoben. Und der Raum so einfach vergrößert. Berichterstatter u. a. vom Straßenmagazin „bodo“ und der Deutschen Welle waren anwesend.

Die hässlichen Hintergründe

Zunächst, so gestand, Mappes-Niediek, habe er mit gewohnt journalistischem Blick das Objekt (die Roma) scharf in den Blick nehmen wollen. Der Autofokus jedoch habe stets die hässlichen Hintergründe herausgearbeitet. So habe die von besorgten deutschen Zeitungsredakteuren angeregte Recherche eben auch unerwartete Resultate erbracht.

Dafür, dass Mappes-Niediek einräumte letztlich (zu) wenig über die Roma zu wissen, öffnete er dem Publikum doch ziemlich die Augen.

Wieder einmal wurde klar, wie sehr Menschen doch von Vorurteilen geprägt sind. Und nicht alle haben das Glück (fällt mir ein), des verstorbenen Theatermachers George Tabori, davon bereits in Kinderjahren geheilt zu werden: Tabori war aus der Schule gekommen und hatte seinem Vater den Satz „Alle Rumänen sind schwul!“ entgegen geschleudert. Worauf er von von dem eine schallende Ohrfeige und den für den Rest des Lebens langenden Ratschlag „Die gibt es nicht!“ erhielt.

So war eben auch von Norbert Mappes-Niediek zu lernen, dass es auch „die“ Roma nicht gibt. Der Autor teilt sie in „Assimilierte“, in eine „Mittelschicht“ (wenngleich die auch der unsrigen nicht vergleichbar ist) und in die „ganz Armen“.

Die Ärmsten der Armen, so der Autor, lebten etwa in Rumänien in verfallenen Hütten im wahrsten Sinne des Wortes am Rande der Gesellschaft. Abhängig von Gaben wohlwollender Menschen. Völlig vergessen seien Roma, welche z.B. in Siebenbürgen in den Wäldern dahinvegetierten. Als am assimiliertesten gelten die Roma Mazedoniens. Da finde man schon einmal Roma-Polizisten und selbst Bürgermeister. Aus einer vom Staat gebauten Siedlung für Roma seien immerhin schon eine Krankenschwester und ein Rechtsanwalt hervorgegangen.

„Mittelschicht“ kommt nach Dortmund

Die Roma, die z.B. nach Dortmund kämen, rechnet Mappes-Niediek zur „Mittelschicht“. Sie bieten ihre Dienste auf dem „Arbeiterstrich“ oder versuchten sich und ihre Familien daheim durch das Sammeln von Metall über Wasser zu halten. Wieder andere Roma – auch das gibt es freilich – hielten es mit der Prostitution und Diebereien.

Nach 1990: Die Roma waren die Verlierer

Zu Hause in Rumänien und Bulgarien sind nach dem Ende des Staatsozialismus 1990 Slums entstanden bzw. haben sich erheblich vergrößert. Der Grund: Viele Roma verloren ihre Arbeit. Mappes-Niediek: In den 1970er und 1980er Jahren hatten viele von ihnen regelmäßig Einkommen. Mancher hat sich gar beruflich weiter qualifizieren können. Mit der Marktwirtschaft war es damit vorbei. Der Autor nannte Zahlen: Bis 1990 hatte Rumänien 8,4 Millionen Arbeitsplätze. Von denen blieben 4 Millionen übrig!

Norbert Mappes-Niediek gibt nebenbei zu bedenken, was wir wohl selber in so einer Situation machen würden, um zu überleben?

Der Niedergang belebte alte Traditionen, etwa die Institution Großfamilie (die wir für eine Art Naturgesetz bei den Roma halten). Dabei dient sie nun (wieder) hauptsächlich dazu, sich gegenüber der abweisenden Umwelt zu behaupten.

Am Beispiel Kroatien erläuterte der Autor den Unterschied zu den Verhältnissen bei uns: Dort beträgt das Verhältnis arm zu reich 1 zu 3. Hierzulande: Mecklenburg-Vorpommern (1) zu Bayern „nur“ 1,8.

Gewaltkriminalität in Roma-Vierteln gering

n Rumänien traf der Autor einen niederländischen Pfarrer, der sich seit 10 Jahren um die Roma dort kümmert. Dieser kann ihm von nichts schlimmes über die Roma berichten. Und auch Mappes-Niediek bekennt, sich dort angstfrei bewegt zu haben. Wo es doch immer heiße: Die Roma klauen. Der Autor: „In die Farvelas von Rio de Janeiro oder in den Townships von Soweto würde ich mich nicht trauen.“ Das Vorkommen von Gewaltkriminalität in Roma-Viertel sei eher als gering zu bezeichnen.

In den Herkunftsländern hatten schon immer Vorbehalte gegenüber den Roma Bestand. Inzwischen weiteten die sich die zu zunehmenden Diskriminierungen aus. Die Mehrheitsgesellschaft meint ihre Roma zu kennen: Die sind eben so, hört man oder: Die wollen einfach nicht.“

Das grundlegende Problem ist die Armut

Mappes-Niediek bestreitet nicht, dass es gewisse negative Erscheinungen, welche den Roma zuschrieben werden, gibt. Allerdings kämen die auch in anderen Gruppen vor. Für ihn steht fest: Das herausragende und grundlegende Problem ist die Armut. Diskriminiert wurden in den USA die Farbigen. Selbst heute, da in Washington ein Farbiger Präsident sei, wirkt das bis heute noch nach. Auch von den Schwarzen sei behauptet worden, sie würden nicht arbeiten wollen, sie seien unehrlich und noch dazu unsauber.

Es gäbe einfach Ressentiments gegenüber den Armen. Schließlich werde auch Weißen rasch das Etikett „asozial“ angeklebt, wenn sie arm sind. Die Mehrheitsgesellschaft möchte Armut verständlicherweise ausblenden. Man pfeift diesbezüglich auch im Wald. Nach dem Motto: Mir kann das nicht passieren: Die sind doch selber schuld. Wir lernen also: Die Armut ist der Dreh- und Angelpunkt.

Osteuropäische Roma waren Sklaven

Zurück zu den Roma: Mappes-Niediek ermöglicht einen Blick in die Geschichte. Während wir vielleicht noch wissen, dass Roma in Westeuropa immer schon ausgegrenzt worden sind, dürfte die Wenigsten von uns wissen, dass die Roma in Osteuropa einst Sklaven waren. Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts ge- und verkauft von rumänischen Fürstentümern.

Ob Afroamerikaner, ob Langzeitsarbeitslose in Großbritannien, es gilt: Armut reproduziert sich all überall selbst. Da ensteht u.a. auch Kriminalität.

Fantasie und Vorurteile spielen eine Rolle

Uns hat sich tief eingeschliffen wie vor allem Roma seien. Immer wieder frischte der Autor seinen Vortrag durch eigne Erlebnisse auf. Ein Polizist in Dortmund hätte ihm einmal vom besorgten Anruf eines Anwohner erzählt. Dieser habe beobachtet wie Roma immer wieder mit Kindern in Haus gegangen aber ohne diese wieder herausgekommen seien. Kinderhandel? Ich musste sogleich an die Türkei denken: Einmal hörte ich dort wie einem unartigen Kind gedroht wurde: „Wenn du nicht folgst, holen dich die Zigeuner!“ Der Dortmunder Fall war keiner: Es handelte sich lediglich um einen Kindergeburtstag.

Autor Mappes-Niediek: Fantasie und Vorurteile spielen bei der Be- oder Verurteilung von Roma eine nicht zu unterschätzende Rolle. Desgleichen sei hinsichtlich der Lebensverhältnisse von Roma schwer zu unterscheiden, was aus Zwang getan werde oder weil es quasi „naturgegeben“ sei.

Auch mit anderen Vorurteilen räumte der Journalist auf. Von Bandenkriminaliät, wie es nicht selten die Medien darstellen, könne betreffs der Roma nicht gesprochen werden. Diebereien im Familienverband und Schmuggel kämen dagegen schon vor.

Reiche Roma?

Und was ist mit den ach so reichen Zigeunerbaronen? Immer wieder würden deren angeblich prunkvolle Villen im Fernsehen gezeigt. Mappes-Niediek: Die wirklich reichen Roma könne man an wenigen Fingern einer Hand abzählen. Er selbst habe so eine „Prunk-Villa“ besucht. Viel Kitsch sei ihm da aufgefallen und „falscher Marmor“. Manche hätten nicht einmal einen Wasseranschluss.

Ebenfalls könne den Roma kein in ihnen verwurzelter Chorgeist unterstellt werden, welcher sich gegen Integration stelle.

Was tun gegen das Armutsproblem?

Der Buchautor meint, die Armutswanderung sei nicht zu verhindern. So auch die der Roma nicht. Italien habe das versucht, Frankreich ebenfalls. Die italienischen Behörden hätten die Roma in die letzte Pampa verdrängt und so gehofft, sie regelrecht weg zu ekeln. Es hat nichts genützt: Die Roma blieben oder kehrten wieder.

Deutschland wiederholt Fehler der Vergangenheit

Auch die deutsche Politik gebe sich Illusionen hin. Man wolle Roma zu Touristen machen, die keine Sozialhilfe beanspruchen könnten. Und den schon hier her gekommenen das Kindergeld verwehren. Mappes-Niediek: Deutschland wiederhole die Fehler, die nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht wurden. Bis in die Siebzigerjahre hinein habe es gedauert bis Sinti-Siedlungen hierzulande der Vergangenheit angehörten. „So schlecht kann man die Bedingungen hier gar nicht machen, dass keine Roma mehr nach Deutschland kämen“, sagte der Journalist. Und begründet das auch: „Dreißig Euro kann man hier am Tag mit Betteln verdienen. Da Doppelte des Durchschnittsverdienstes in Bulgarien.“

Praktisch alle Versuche des Staates sich dieses Armutsproblems zu entledigen seien untauglich. Redaktionen hätten ihn nach der Abschiebung von Leuten aus dem Kosovo, die zuvor in Deutschland Aufnahme gefunden hatte, dorthin geschickt, um zu sehen was aus ihnen geworden sei. Aber kaum jemand habe er finden können: „Die waren alle schon wieder in Deutschland. Diesmal aber illegal.“

Druck auf die Herkunftsländer ist wohl keine gute Lösung

Darüber zu Lamentieren helfe nicht. Auch seitens der EU Druck auf die Herkunftsländer der Roma brächte keine Besserung. Wieder flocht der Vortragende etwas aus der Praxis sein: Druck der EU habe dazu geführt, dass Mazedonien ein Gesetz gemacht, das Asylbetrug oder das Werben dafür unter Strafe stelle. Strafmaß: 4 Jahre Haft. Die Gelackmeierten wären nun Reisebüros und Busunternehmen. Wie sollten die erkennen, wer Asylbetrug begehen wolle? Also vertrauten sie auf den „Roma-Blick“. Leute, von denen man sich einbilde (dunkle Hautfarbte etc.) sie wären Roma, kriegen keine Fahrkarte. Und das Verrückt: Mazedonien bekommt das im Fortschrittsbericht zur EU-Tauglichkeit als Rassimus angekreidet! In Serbien schlüge solche Kritik in Volkszorn gegen die Roma um.

Die Armut müsse bekämpft werden. Strukturhilfe zur Selbsthilfe sei nötig. Dazu habe die EU sogar Geld dafür. Sie sei jedoch „schlecht aufgestellt“.

Was wäre nun zu tun?

Norbert Mappes-Niediek ruft dazu auf, die Roma hier menschenwürdig zu behandeln. Wir bräuchten eine Willkommenskultur. Den Menschen sollten Sozialleistungen gegeben und Kleiderkammern für sie eingerichtet werden. Bildung müsse vorangebracht werden. Das mag unpopulär sein. Illusionen zu nähren, führe aber nicht zu positiven Veränderungen.

Er erinnerte daran, wie US-Präsident Roosevelts New Deal in den 1940er Jahren Millionen Menschen Chancen verschaffte. Heute spreche kaum noch jemand davon. Roosevelts damalige Politik werde sogar als Sündenfall betrachtet.

Gegen Ende seines Vortrags bekannte Mappes-Niediek noch einmal eigentlich nicht viel über Roma gelernt zu haben. Sondern etwas über Armut, unterfinanzierte Gesundheitssysteme und jede Menge über Vorurteile. Vorallem müsse mit den Roma selbst gesprochen werden. Da habe der rumänische Staat Roma Siedlungshäuser gebaut. Die hätten sie aber angelehnt. Der Grund: Sie leben vom Metallsammeln und hätten den Schrott nicht über die Treppe ins Haus bekommen.

Niedrigschwellige Angebote sind besser

Von großen Programmen und die Schaffung von Roma-Beiräten hält der Autor nichts. Düsseldorf habe etwa ironischerweise einen Roma-Beirat, jedoch so gut wie keine Roma. Während sich die Probleme in Duisburg und Dortmund, den Städten mit viel Roma-Zuzug, ballten. Deshalb sei eine gewisse Steuerung nötig. Es müssten eher kleine Ziele anvisiert werden. Vielleicht hätten kirchliche Hilfsorganisationen deshalb mehr Erfolg: Sie orientierten sich eben an den Grundbedürfnissen. Der Autor hält die niedrigschwelligsten Hilfsangebote und Projekte allemal für die Besten. Überhaupt solle man mit den Roma selbst sprechen und fragen, was ihnen wichtig sei.

Die feine Nase des Lehrerinnen-Ehemannes

Mit Sicherheit muss sich das Denken ändern. Wieder hatte der Autor ein Beispiel parat. Eine slovakische Lehrerin habe ihm gesagt, sie würde ja gerne Roma-Kinder unterrichten, aber ihr Mann habe „so eine feine Nase“.

Jene Äußerung hatte Mappes-Niediek empört. Sie war nihm nicht aus dem Kopf gegangen. Später sprach er eine Roma-Mutter darauf an. Sie könne die Wäsche im Winter wohl waschen, aber nicht trocknen. Entweder müsste sie den Kindern die Wäsche nass anziehen lassen, dann würden sie krank. Die Alternative: Sie müssen stinken.

Ausklang

Nach dem interessanten Vortrag jenseits gängiger Roma-Klischees und schlimmer Vorurteile konnten aus dem Publikum noch Fragen gestellt werden. Eine Lehrerin, die u.a. auch Roma-Kinder in der Dortmunder Nordstadt unterrichtet, berichtete von deren Müttern, die immer öfters Deutschkurse nachfragten. Allein es fehlt wohl an Lehrern dafür. Dortmund hat sich offenbar nicht darauf eingestellt. Die Stadt Mannheim, so Norbert Mappes-Niediek, dagegen schüttele über Dortmund den Kopf. Vonnöten sei halt eine flexible Verwaltung. Augenwischerei bringe nichts.

Eine andere Zuhörerin sagte etwas sehr Treffendes: „Armut ist eine Menschenrechtsverletzung.“ Es wurde an den Grundgesetzartikel 1 erinnert. Da stehe ja bekanntlich: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und nicht die Würde der Deutschen ist unantastbar.

Die an die Wand gemalte Gefahr, dass die Roma 2014 die Arbeitnehmerfreizügigkeit nutzen, um in Scharen nach Deutschland oder Österreich kommen, hält Mappes-Niediek für  unbegründet. Die Menschen hätten einfach nicht die nötigen Qualifikationen. Überdies sei das auch nicht in den anderen Ländern der EU geschehen, die sich schon längst für Bulgaren und Rumänen geöffnet hätten. Illusionen dagegen erteilte der Autor zum Schluss noch einmal eine Absage: „Die Öffnung der Sozialsysteme müssen wir aushalten.“ Während es freilich aber logischerweise auch nicht das Ziel sein kann, dass alle kommen könnten. Die Lösung der Probleme müsse schlicht aber ausgeglichen sein.

Roma und Religion

Übrigens, was auch kaum jemand gewusst haben dürfte: Die Roma, die ja selbst keine eigne Religion besitzen, sind vielfach zu Teilen Katholiken, orthodox, muslimisch, Evangelikale oder werden von den Pfingstkirchen umworben.

Einfache Antworten gibt es nicht

Ein rundum informativer, viele Aspekte anreißender, hoch interessanter und aufklärender Vortrag eines kompetenten Autors. Norbert Mappes-Niediek, dem Autor des jüngst veröffentlichten Buchs „Arme Roma, böse Zigeuner” meint, dass vor allem die Armut vieler Sinti und Roma, die Sicht der deutschen Mehrheitsgesellschaft prägt.

Die Klischees, mit denen sich Einwanderer aus Südosteuropa konfrontiert sehen, haben für ihn keinen ethnischen Hintergrund. Vielmehr behindere die Armut aber auch die Integration der dieser Menschen. Aus diesem Kreislauf auszubrechen, sei für die Betroffenen schwer. Der Autor möchte um eine differenzierte Wahrnehmung der Lage dieser Einwanderer werben. In Dortmund ist ihm das gelungen. Natürlich blieben auch Fragen offen. Wie könnte das auch anders sein bei diesem Thema? Einfache Antworten gebe es nicht, so Mappes-Niediek.

Zum Abschluss warb der Autor noch einmal um Verständnis für Roma, für die Armen. Er empfahl, vielleicht einmal Geschichten aus den Konzentrationslagern zu lesen, um das Handeln von Menschen in misslichen Situationen zu verstehen. Eine Zuhörerin sekundierte mit Bert Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral …