Rolf Geffken: „Mein China“. Rezension

China ist in letzter Zeit immer wieder in vieler Munde. Vor allem in den Medien kommt China vor. Meistens kritisch. Oft negativ. Leider auch in hetzerischer Weise diffamiert. In erster Linie setzen die USA auf Konfrontation. Da darf Deutschland, vasallenhaft agierend, freilich nicht zurückstehen. Prompt entsendet die BRD die Fregatte „Bayern“ und Annegret Kramp-Karrenbauer ist auch noch stolz darauf. Die Deutsche Welle titelt: „AKK will China im Indopazifik eindämmen“. Einst nannte man das „Kanonenboot-Diplomatie“. Kaiser Wilhelm II damals in seiner berüchtigten Hunnenrede (Ausschnitt):

„Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“

Was da der Volksrepublik heute nicht alles vorgeworfen wird! Und klar, es darf nicht fehlen in der Litanei: die Verletzung von Menschenrechten. Doch wer glaubt den noch an den Weihnachtsmann? Selbstredend ist die Einhaltung von Menschenrechten wichtig und deren Einforderung nicht verkehrt. Wenn dies nicht oberlehrerhaft und belehrend getan wird.

Aber wer sich noch an Egon Bahr erinnert, weiß, was er vor Schülern sagte: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“

Und so ist es auch im Fall der USA, dem Imperium, das sich auf dem absteigenden Ast befindet, ist der wirtschaftliche Aufstieg Chinas ein Dorn im Auge. Die Volksrepublik ist unaufhaltsam auf dem Weg nach vorn. Das Amerikanische Jahrhundert ist vorbei. Daher weht der Wind. Allerdings darf auch nicht vergessen werden, dass die USA und China gewissermaßen aufeinander angewiesen sind: Die Volksrepublik ist der größte Schuldner der USA. Aber das hier einmal beiseite gelassen.

Rolf Geffken: „China – das ist ein Kosmos“

Viele fühlen sich berufen über China zu urteilen. In seinem neuen Buch „Mein China“ schreibt Dr. Rolf Geffken im ersten Satz des Vorwortes:

„Um es gleich vorweg zu sagen: China – das ist ein Kosmos. Und wer zu China etwas schreibt, obwohl der nie oder nur kurz da war, sollte vom Lesepublikum mit Nichtachtung bestraft werden. Gewiss: Es besteht weiter ein Bedarf an Literatur über China. Aber muss man gleich jeden Unsinn über China schreiben und ihn dann auch noch lesen lassen? Leute, die lange in China waren, schreiben, je länger ihr Aufenthalt dort dauert, immer weniger über das Land im Allgemeinen. Sie äußern sich zwar zu Detailfragen, aber zum Großen und Ganzen üben sie sich oft in Schweigen, weil sie es aufgegeben haben, gegen den ganzen Wall von Vorurteilen und Denkklischees anzuschreiben und weil sie selbst viel zu großen Respekt vor dem Gegenstand ihrer Überlegungen haben als dass sie bereit wären kurze und rasche Schlüsse zu ziehen.“

Der Autor beschäftigt mit China seit Ende der 1990er Jahre und war mit Unterbrechungen in den letzten 20 Jahren vor Ort. Im Laufe der Jahre hab er etwa 120 Einzelveröffentlichungen zu China heraus. Zu Fragen der der Politik, der Arbeitsbeziehungen, der Kultur, der Ökonomie und des Rechts.

Als über China Schreibender hatte er wohl schon mit typisch deutschen Schubladen-Denken zu tun: „Da heißt des dann: ‚der ist Anwalt‘. Will sagen: der hat nicht die Weihen eines allwissenden Professors für Politik und Ökonomie oder gar Sinologie und äußert sich nur ‚zu seinen fachlichen Detailfragen‘ oder besser: ’nur zu seinen Detailfragen wollen wir ihn zu Kenntnis nehmen‘ oder noch deutlicher: ‚Wir können diese Detailfragen getrost ausklammern und ignorieren, weil es für uns ja doch nur auf das Große und Ganze ankommt.’“

Rolf Geffken weiter: „Dass die zentralen Fragen eines großen Landes heute mehr denn je Rechtsfragen sind: „Wen interessiert es? Dass China heute mehr denn je der Vorwurf gemacht wird, es sei ein Unrechtsstaat und demzufolge dieses Gebiet mehr als jedes andere Aufmerksamkeit erheischt: D a s sollte alle interessieren. Jedenfalls richten wir uns alle, die mit China ein echtes Erkenntnisinteresse verbindet. Für diese ist das Buch geschrieben. Es erhebt nicht den Anspruch, die letztinstanzliche Sicht auf Chinas zu vertreten. Nein, dieses China-Bild ist das Bild des Autors von China. „s e i n China.“ Geschaut durch eine biografisch-determinierte Brille, nicht ‚objektiv‘, sondern im besten Sinne ‚eindeutig‘ aber stets der Wahrheit und nicht bloßen Schablonen verpflichtet. Mit seinem Blick auf das ganze China – auch die chinesische Geschichte und Kultur – wagt der Autor einen Blick in die Zukunft. Wird sie so sein, wie westliche Medien sie überwiegend zeichnen? Nämlich düster? Wie kommt es dann eigentlich, dass wir ausgerechnet in einer Zeit wachsender Abhängigkeit von China seines erneuten Aufstiegs besonders viel über das angeblich ‚böse‘ China hören? Wird die Zukunft so sein, wie sie die chinesische Partei- und Staatsführung wünscht? Haben diese Wünsche, die von manche hiesigen Optimisten geteilt werden, eine reale Basis?“





Geffken geht realistisch und sachlich zu Werke. Er warnt sowohl vor allzu großer Euphorie, was die Zukunft des Landes angeht, als auch „vor einem China-Bashing, das den Blick für die gewaltigen Erfolge Chinas in den letzten in den letzten 30 Jahren verstellt.“ Wozu unbedingt die Beseitigung der Armut von Millionen Chinesen zählt und die gewaltigen technischen Fortschritte des Landes zählen. „Seit der Gründung der Volksrepublik China 1949 wurden rund 850 Millionen Chinesen aus der Armut befreit. Darunter sind ca. 700 Millionen Bedürftigen dank der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik 1978 der Armut entkommen.“ (Quelle: Botschaft der VR China in Bundesrepublik Deutschland; 2020/10/13)

Hinweis des Autors (S.9): „Es darf nicht verwundern, dass der Autor vor allem die s o z i a l e Seite der chinesischen Gesellschaft und die A r b e i t der Menschen in den Blick nimmt. Das unterscheidet ihn von den meisten anderen Autoren. Für ihn ist dieser Aspekt das entscheidende Kriterium für die Zukunftsfähigkeit e eines Landes und für die Frage, ob dieses Land wirklich auf dem Weg zum Sozialismus ist.“

Hintergrund: Nach der chinesische Führung befindet sich der chinesische Sozialismus in seiner Anfangsphase, die mindestens bis 2049 (bis zum 100. Gründungsjahr der Volksrepublik) dauere.

Rolf Geffken, der für den „kritischen Rat“ seiner Frau Meifeng und für die technische Unterstützung durch seine Mitarbeiterin Ines Rose dankt, löst überzeugend ein, was er im Vorwort ankündigt. Wir Leser erleben einen ganz anderen, eigenen Blick, auf China, das wir oft ganz anders und verzerrt (sogar zuweilen fahrlässig falsch) in den Medien dargestellt bekommen. Und, dass es im Buch öfters auch um Rechtsfragen und Gewerkschaften geht darf nicht verwundern: schließlich ist Rolf Geffken seit 40 Jahren Fachanwalt für Arbeitsrecht. All das (manchmal mit Verweis auf das deutsche Recht) ist durchaus interessant und öffnet uns auch da die Augen über dieses Land ein wenig mehr.

Beschönigt wird durch den Autor nichts

Auf diesem Gebiet – wie auch insgesamt gesehen – werden Sie bei der Lektüre von Geffkens Buch bemerken, dass er durchaus nichts beschönigt. Wo Kritik zu üben ist, da bringt er sie an. Aber sein Blick auf China ist immer von Sympathie für das Land getragen. Und stets atmet dieser in Worte gegossene Blick hohen Respekt vor der chinesischen Kultur und den Menschen. Wir erfahren ab und an auch, dass er selbst in China auch schon beschämt war, weil er in Fettnäpfchen trat, vor die ihm ein noch größeres Wissen über dieses Land, diesen Kosmos, sicher bewahrt hätte. Man lernt halt nie aus. Nie aber im Buch schreibt Rolf Geffken arrogant und besserwesserisch – niemals schwingt er sich zum Richter auf – über dieses Land und eine Menschen. Das ist wohltuend.

Das Problem des ‚Reitens‘ des Tigers

Geffken findet (S.105) es einer ferneren Zukunft notwendig, (…)„durch eine wenigstens partielle Politisierung der Menschen dauerhafte Sicherungen gegen eine schleichende z.B. neoliberale Unterwanderung des Partei- und Staatsapparates einzubauen“.

„Auch darin“ meint Rolf Geffken, „spiegelt sich das Problem des ‚Reitens des Tigers‘ wider: Überlässt die Bevölkerung weitgehend teilnahmslos die Zügel beim Reiten dem Apparat, so kann es sein, dass er Tiger fast unbemerkt selbst zum ‚Reiter‘ wird. Die nachhaltig durch das Trauma der Kulturevolution verhinderte Politisierung der Massen würde deren Mobilisierung gegen einen solchen Ritt unmöglich machen. Man sieht: das Trauma der Kulturevolution hat auch und gerade Bedeutung für die politische Gegenwart und Zukunft Chinas.“

Auf Seite 130 schreibt der Autor: (…) „Vor diesem Hintergrund lässt sich die Frage, ob der chinesische Staat ein neoliberaler Staat ist oder nicht ganz gut beantworten. Nein, ein neoliberaler ist er nicht. Aber ob er deswegen ein ’sozialistischer Staat‘ ist, eine ganz andere Frage. Jedenfalls ist er ein Staat, der dem privaten Einzelunternehmen unterordnet.“

Kardinaltugenden des Konuzionismus und die daraus abgeleiteten sozialen Pflichten

Inzwischen spielten auch wieder die Kardinaltugenden des Konfuzianismus wieder eine Rollte: Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Sittlichkeit, Weisheit, Aufrichtigkeit. „Zu den daraus abgeleiteten sozialen Pflichten gehören: Loyalität gegenüber staatlichen Autoritäten, Folgsamkeit gegenüber Eltern, Wahrung von Anstand und Sitte.“

Die hier im Westen geübte harte Kritik am chinesischen Sozialkreditsystem (mit dem mancher Politiker im Westen wohl insgeheim selber liebäugelt, wie ich mutmaße) hängt Rolf Geffken niedriger: Erstens gebe es das Punktesystem gar nicht landesweit und zweitens begrüßten Chinesen durchaus solche Modelle im bestimmten Rahmen. Geffken (S.178): „Digitale Register existieren in einigen Städten und Regionen. Keineswegs überall und erst Recht nicht landesweit. Der angebliche Big Brother ist eine Chimäre.“

Und weiter: „Das ‚Schlimmste‘: Von der chinesischen Bevölkerung werden solche Systeme ausdrücklich begrüßt. Es ist die Regierung, die bei der Einführung oder Übernahme solcher Systeme bremst. Und spätestens da wird die Menschenrechtspolitik westlicher Staaten gegenüber China grotesk: Sie muss die Bevölkerung Chinas ‚zwangsbeglücken‘, weil diese Bevölkerung offensichtlich die ‚falschen‘ Maßstäbe hat ….“

Mehr davon, bitte!

Für den möglichen Fall, dass Professoren und sich vielleicht besonders klug dünkende Sinologen hochnäsig moppernd an dem Buch abarbeiten, so sie es denn überhaupt lesen (was ich ihnen allerdings sehr empfehle) und dem Autor übergangslos das ausgrenzen sollende Etikett „der ist Anwalt“ anpappen sollten, sage ich an deren Adresse: ich, der ich „nur Blogger“ bin, habe viel aus der Lektüre dieses Buches für mich gewonnen. Es ist freilich noch immer nicht genug. Wie auch? Ich bekenne mit Sokrates im Allgemeinen und in puncto China im Besonderen: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wenn das doch nur auch andere so sehen wollten: Politiker und Auslandskorrespondenten! Deshalb: Mehr davon, bitte!

Eine Vielzahl von Themen werden ins Blickfeld genommen

Rolf Geffken hat für sein Buch eine Vielzahl von Themen ins Blickfeld genommen und das aus eigenem Erleben über Jahrzehnte hinweg gewonnenen Wissen für uns interessierte Leser gut lesbar aufgearbeitet. Weshalb es nahezu an keiner Stelle langweilig wird. Unglaublich viele Gebiete werden beackert, die Arbeit von Auslandskorrespondenten wird kritisch analysiert und an „Die Sicht eines Staatsmannes:“ (Anm. C.S: Ja, etwas hatten wir einst in der BRD!) „Helmut Schmidt und China“ (S.18) erinnert.

Helmut Schmidt seinerzeit z.B. (S.19): „Die chinesische Führung ist …. mitnichten totalitär. Ein hohes Wachstum der Ökonomie ist Voraussetzung für die Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Das haben die Regierenden in China besser verstanden als alle Regierenden in Europa.“

Soweit waren wir schon einmal! Geffken: „In der Flut der plumpen Vorurteile gegenüber China sind diese vor immerhin vor 16 Jahren gesprochenen Worte ein Labsal. Aber es ist sinnlos ‚unsere‘ Politiker daran zu erinnern. Sie wollen es nicht hören!“

Zeiten der Kanonenbootdiplomatie sind endgültig vorbei

Gegen Ende seines Buches (S.179) postuliert Dr. Rolf Geffken: „Die Zeiten der Kanonenbootdiplomatie sind endgültig vorbei. Auch und gerade wenn uns eine ‚Demokratie-Aktivisten‘ in Hongkong oder ‚Freunde‘ der Uiguren oder Taiwans einreden wollen, es sei an der Zeit, China die Zähne zu zeigen:“

Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK), die mir nebenbei bemerkt zugegebenermaßen als Putzfrau im Karneval besser gefiel als in deren jetziger Rolle als „Verteidigungsministerin“, sollte aufhorchen und aufmerken!

Eine Kritik am Buch habe dann doch: Die relativ kleine Schrift hat mit trotz lesebebrillten Augen allerdings einiges an Anstrengung abverlangt. Vielleicht brauche ich eine neue Lesebrille. Aber dem vorzüglichen Inhalt des Buches hat das doch keinen Abbruch getan.

Das Buch

Rof Geffken

Mein China

China sehen ist anders

Licht & Schatten im Reich der Mitte

Das Buch erschien im August 2021 und gibt Auskunft zur der in 20 Jahren gewachsenen Erfahrung des Autors mit und zu China. Es ist deshalb besonders authentisch,denn seine Schlussfolgerungen und Analysen resultieren auch aus eigenen Beobachtungen und Gesprächen vor Ort und nicht aus bloßer Bücherlektüre. Das Buch hat 200 Seiten, ist reich bebildert und kostet 19,90 Euro. Es kann bestellt werden unter ratundtat@drgeffken.de – Wir liefern zügig.  ISBN  978 – 3 – 924621 – 20 – 9 

Hinweis des Autors: Die bei amazon aufgestellte Behauptung, das Buch sei „derzeit nicht lieferbar“ ist FALSCH !

Anmerkung: Die Sicht Wolfgang Elsners auf China lesen Sie – so Sie mögen – auf meinem Blog unter dem Titel „Das chinesische Jahrhundert. Die neue Nummer eins. Werft die wesliche Brille weg“