#Keuninghaus_to_Go: Der Dortmunder Stadtdirektor Jörg Stüdemann im Gespräch mit Aladin El-Mafaalani zur aktuellen Lage in der Coronakrise

Geschuldet der Coronakrise steht u.a. überall auch das Kulturleben still. So auch in Dortmund. Im neu geschaffenen Format Keuninghaus to Go sprach Aladin El-Mafaalani, der sonst den „Talk im DKH“ moderiert mit Stadtdirektor Jörg Stüdemann, der in Personalunion Kulturdirektor und Kämmerer der Stadt Dortmund, ist über die  über die aktuelle Lage in der Stadt Dortmund:

„Talk im DKH“ beendete mit brillanten Gästen das spannende Jahr 2019: Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray und Ahmet Toprak langweilten keine Sekunde

Mit einem äußerst unterhaltsamen, informativen und keine Sekunde langweiligen Abend beendete der „Talk im DKH“ das spannende Jahr 2019. Als Gäste brillierten Reyhan Şahin und Ahmet Toprak.

Beide Gäste sind Gastarbeiterkinder und Aufsteiger

Zu Gast bei Moderator Aladin El-Mafaalani sind Prof. Dr. Ahmet Toprak (Dekan Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der FH Dortmund) sowie Dr. Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray (Sprachwissenschaftlerin) mit ihren aktuellen, spannenden Büchern „Muslimisch, männlich, desintegriert“ und „Yalla, Feminismus!“. Beide sind nicht nur Gastarbeiterkinder, sondern auch Aufsteiger. Nicht wie Aladin El-Mafaalani, der auf Nachfrage von Dr. Şahin sagen wird, er sei „relativ privilegiert“ in eine intellektuellen Familie aufgewachsen ist. Was Rayhan Şahin so quitiert: „Aha, ein weißer Araber“.

Begrüßung durch Levent Arslan und dessen neue Stellvertreterin Rena Schölzig

Begrüßt wird das Publikum vom Direktor des Dietrich-Keuning-Hauses (DKH), Levent Arslan sowie Rena Schölzig, seiner Stellvertreterin, Wahlnordstädterin und verantwortlich für die Programmleitung.

DKH-Direktor Levent Arslan und Stellvertreterin Rena Schölzig. Fotos: Stille

Rena Schölzig sagt, sie begreife ihre neue Arbeitsstätte „als Herausforderung “. Ein Dankeschön für die exzellente Arbeit das ganze Jahr über richtet Direktor Arslan an die Technik des Hauses

Moderator El-Mafaalani über Reyhan Şahin: „Das ist eine ernstzunehmende Intellektuelle“

Aladin El-Mafaalani hat Reyhan Şahin vor einiger Zeit bei der Verleihung des Deutschen Studienpreises kennengelernt. Beide hatten “nur“ den 2. Preis bekommen. An der Stelle ruft Reyhan Şahin: „Das ist ungerecht gewesen!“. Was El-Mafaalani bestätigt. Später wird er zwar nicht sagen, wer damals den 1. Preis bekommen hat, aber Folgendes: „Auf uns ist was geworden. Aus den anderen nicht.“

Moderator Aladin El-Mafaalani.

Dann sagt er etwas, das – hat man sich über die Jahre genauer mit Lady Bitch Ray befasst, nur unterstreichen kann: „Das ist eine ernstzunehmende Intellektuelle. Auch wenn das permanent Leute versuchen anders darzustellen.“ Sie sei eine Frau, die sich an Grenzen bewegt und Grenzen, regelmäßig überschreitet, die Rapperin war und sich selbst als „Undercover-Feministin“ und deren wichtigste Eigenschaft die Wissenschaft sei. Ihr Buch „Yalla, Feminismus“, lobte der Moderator, sei sprachlich sehr interessant: „Nicht ganz Straßensprache und nicht ganz Elfenbeinturm. Aber irgendwie doch beides.“ Eine Erkenntnis auch dem Buch sei: Dass der Sexismus in der Wissenschaft manchmal schlimmer ist als im Gangsta-Rap.

Reyhan Şahin macht den Anfang an diesem Abend

Reyhan Şahin verkörpert eine ebenso einzigartige wie aufregende Position im feministischen Diskurs: Als promovierte Linguistin, Rapperin und alevitische Muslimin spricht sie über Sexualität, Islam, Popkultur und Antirassismus wie keine andere.

Dr. Reyhan Sahin mit ihrem Buch





Die Rolle der Frau in der „Fuckademia“

Warum Reyhan Şahin das Buch geschrieben hat, habe mit der Erforschung des Kopftuches zu tun. Und da ging es darum, die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs in Deutschland zu ergründen. Weitere Aspekte: Islamischer Feminismus, oder Hip-Hop im Feminismus oder die Rolle der Frau im Wissenschaftsbetrieb, wie sie sagt in der „Fuckademia“. Um all das nicht immer wieder erklären zu müssen, habe sie das Buch geschrieben. Das Buch, erklärt sie, hat sie in drei große Abschnitte aufgeteilt: Hip-Hop-Feminismus, wo es darum gehe, wie man aus feministischer, aus feministisch-kritischer Perspektive Deutschraps analysieren kann. Wie man als Frau mit dem Zwiespalt zwischen der Liebe zum Hiphop und dem Feminismus-Sein zurechtkommt. Şahin: „Die sexistischen Formen sind nicht so mein Ding. Die Situation beschreibe ich als hip-hopsches Stockholm-Syndrom.“ Oder sie gehe auf lyrische Ich-Schizophrenie bei Rappern ein, die, wenn es ihnen recht sei, ihr lyrisches Ich und ihr Gangsta-Rap-Ich sehr trennen.

Die Sicht aufs Kopftuch und dessen Vielfalt

Zur Kopftuchdebatte in Deutschland empfinde sie, dass da immer mehr über die Meinung der Menschen debattiert werde, anstatt über die Kopftuchvarianten. Sie beschreibe im Buch „für jedermann sehr verständlich“, was Bedeutungsvarianten das Kopftuch haben kann. Und auch, was aus feministisch-kritischer Perspektive wichtig wäre zukünftig, wie man diese Debatte führen sollte.

Auffällig in Deutschland, so Şahin, sei der sogenannte „weiße Feminismus“, den sie auch als rechtlich kodierten Feminismus beschreibe. Die bekannteste Vertreterin sei z.B. Alice Schwarzer. Auch Necla Kelek nannte Şahin. Problematisch an deren Arbeit sei für sie, dass sie zum einen die Diskussion über den Islam vereinnahmt haben und bezüglich des Kopftuchs vom Befreiungsmotiv ausgegangen seien. Das Kopftuch würde von ihnen ausschließlich als Unterdrückungszeichen propagiert. Und z.B. andere Bedeutungsvarianten unsichtbar gemacht hätten. Dadurch sei nicht nur das Image des Kopftuchs negativ (gemacht) worden. Die eigentliche „feministische oder islamkritische Kritik am Kopftuch, die ja stattfinden sollte, es gibt ja durchaus patriarchalische Bedeutungsvarianten bis hin zu islamistischen Bedeutungsvarianten des Kopftuchs“, wo Frauen das aufgezwungen werde. Diese Frauen, findet Şahin, würden dadurch „unsichtbar gemacht“. Viele Menschen hätten leider keine Ahnung über die Vielfalt des Kopftuches bzw. von der Diversität muslimischer Communitys.

Intersektionaler Feminismus

In den letzten Jahren gebe es jüngere Frauen, die sich einem intersektionalen Feminismus (meint einen Feminismus für alle) verpflichtet fühlen. Das bedeutet nicht, dass er für alle sprechen will: Gerade die Erkenntnis, dass das überhaupt nicht möglich ist, gehört zu seinen Errungenschaften. Es ist der Versuch, Unterschiede anzuerkennen und uns nicht trotz, sondern wegen diesen Unterschieden zu einen.

Schnell merkte Şahin, was der Wissenschaftsbetrieb für ein Haifischbecken ist

Im letzten Kapitel ihres Buches, referiert Dr. Şahin, habe sie sich mit dem Wissenschaftsbetrieb auseinandergesetzt. Um ihre Arbeiten sichtbar zu machen. Denn diese vollzöge man quasi „als Aschenputtel im einsamen Kämmerlein und niemand sieht diese Arbeit, obwohl man sehr sehr viel arbeite“. Und schreibe man darüber, dann in „ziemlich hochgestochener Sprache“. In ihrem Buch habe sie versucht, all das in allgemein verständlicher Sprache herüberzubringen.

„Als türkisch-muslimisch-alevitische Frau, die halt auch Rap gemacht hat und in die Wissenschaft gekommen ist“, sei das am Anfang so gewesen, dass sie aufgehört habe zu rappen, weil sie einfach gesehen habe, dass das zu viel zu Stigmatisierung bis hin zu Morddrohungen geführt habe. Als sie mit der Musik aufgehört habe, sei es für sie teilweise schwer gewesen ihre Existenz zu sichern.

Als sie in die Wissenschaft gekommen sei, habe sie geglaubt dort mit klugen, geerdeten Menschen zu tun zu haben. Dr. Şahin. „Nach kurzer Zeit habe ich ganz schnell gemerkt, das sind ja die wirklich Verrückten!“ Bei Rappern wisse man das, weil die Künster*innen seien. „Bei Professor*innen rechnet man nicht damit, dass sie so verrückt sind. Und so ungerecht. Und nach Unten treten. Und ihre Mitarbeit*innen belästigen.“

Schnell habe sie gemerkt, „was das für ein Haifischbecken ist“.

Was Şahins Buch bewirken soll

Mit dem Buchtitel „Yalla, Feminismus“ habe sie zum einen erreichen wollen, dass muslimische, alevitische Themen behandelt, aber auch junge Frauen und queere Menschen motivieren werden, bei diesen feministischen und Antirassismus-Debatten mitzureden.

Ahmet Toprak – Vom Gastarbeiterkind zum Dekan

Der zweite Gast des Abends ist Ahmet Toprak. Torak, geboren 1970, kam mit zehn Jahren aus einem zentralanatolischen Dorf zu seinen Eltern nach Deutschland. Nach dem Hauptschulabschluss ging er zurück in die Türkei, machte Abitur und studierte ein Jahr lang Anglistik. 1991 setzte er sein Studium in Deutschland fort und wechselte schließlich zur Pädagogik. Nach dem Diplom 1997 arbeitete er als Anti-Gewalt-Trainer mit mehrfach straffälligen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und promovierte parallel. Seit 2007 ist er Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Dortmund. Und inzwischen der Dekan diese Fachbereiches.

Verfehlte Integrationspolitik erzeugt die neuen Bildungsverlierer

Jungen aus türkischen und arabischen Familien brechen öfter die Schule ab, werden häufiger arbeitslos und gewalttätig. Zudem sind sie oft anfällig für religiöse oder nationalistische Radikalisierung. Ist das alles mit dem Bildungsniveau der Eltern und gesellschaftlicher Ausgrenzung zu erklären? Dem Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak zufolge gründet das Problem der neuen Bildungsverlierer nicht nur in einer verfehlten Integrationspolitik. Ausgehend von seiner Forschung, seinen Erfahrungen als Sozialarbeiter und seiner eigenen Biographie belegt er, dass der gesellschaftliche Misserfolg der Jungen in erster Linie an der Erziehung im Elternhaus liegt.

Reyhan Sahin mit Ahmet Toprak.

Zu seinem Buch „Muslimisch, männlich, desintegriert“ hat Ahmet Toprak fünf Thesen vorbereitet

Bevor Toprak aber zum Referieren seiner Thesen kommt, findet eine vom Publikum sehr heiter aufgenommene, von Reyhan Şahin gekonnt zugespitzte Kabbelei mit Ahmet Toprak statt. Das Publikum hat viel zu lachen. Toprak kontert: „Wenn Reyhan hier rumbitcht, dann kommen wir hier nicht weiter.“ Schließlich kann er zum Punkt kommen: „Der neue Bildungsverlierer ist männlich, aus der Vorstadt und muslimisch.“ Sein Hintergrund: An frühere Benachteiligungen anknüpfend, fragt Prof. Toprak: „Warum wird aus dem katholischen Mädchen ein muslimischer Junge aus der Vorstadt?“

Es werden nach wie vor die traditionellen Rollenbilder eingeübt

Toprak ist der Meinung, dass traditionelle Erziehung den Jungen den Aufstieg in der Schule und darüber hinaus erschwert.

Er merkt jedoch differenzierend an, dass er – eingedenk von über 4 Millionen Muslimen hierzulande – damit nicht alle Muslime meine. Er rede vielmehr von traditionellen, konservativen muslimischen Elterhäusern.

In denen würden halt in Sachen Kindererziehung nach wie vor die traditionellen Rollenbilder eingeübt. Toprak: „Der Junge soll ein Alleskönner, erfolgreich und später das Familienoberhaupt sein.“ Er dürfe eben auch mal widersprechen und über die Strenge schlagen.

Demgegenüber werden den Mädchen angelernt, ordentlich zu sein, zielgerichtet und sauber arbeiten. Aber mit eine anderen Intension: Nämlich später einmal den Haushalt zu führen.

Reyhan Şahin grätscht da rein: „Das habe ich erfolgreich boykottiert.“ Toprak nickt: „Deshalb bist du auch hier.“

Diese Erziehung kommt den Mädchen in der Schule zugute.

Prof. Toprak: „Bei gleicher Schulnote kriegt derjenige mit Migrationsnamen eine schlechtere Empfehlung als ein Biodeutscher

Die zweite These behandelt institutionelle und gesellschaftliche Benachteiligungen und Zuschreibungen – sie hindern den Aufstieg. Es gebe auch Lehrkräfte, die Jungen mit Migrationshintergrund – besonders bei Übergängen zwischen den Schulformen – bewusst (das Denken, derjenige schaffe das nicht) oder unbewusst (man unterstelle dem Jugendlichen, im Elternhaus fehlte, etwa wegen unzureichender Sprachkompetenz die Unterstützung) diskriminierten. Ahmet Toprak geht davon aus: bei gleicher Schulnote kriegt derjenige mit Migrationsnamen eine schlechtere Empfehlung als ein Biodeutscher.

Warum sich hier geborene Jugendliche aus der dritten Generation nicht einheimisch fühlen

Toprak dritte These Verfehlte Integration und Bildungspolitik trage dazu bei, dass auch der Großteil der hierzulande geborenen Jugendlichen aus der dritten Generation sich nicht einheimisch fühle.

Man habe das Gefühl – in Wechselwirkung zur Mehrheitsgesellschaft – trotzdem man Deutscher geworden ist und gut Deutsch spricht, nicht dazu gehören.

Ahmet Toprak flicht dazu eine Anekdote ein: Er bekommt durch die dünnen Wände zum Vorzimmer seines Büros mit, dass ein junger Mann dort Einlass zum Dekan begehrt. Die Sekretärin verwehrt ihn. Da bittet Prof. Toprak den jungen Mann zu sich herein. Der junge Mann zu ihm: „Ich möchte aber nicht zu Ihnen. Ich möchte zum Dekan.“

Toprak: „Ich bin der Dekan.“ Der junge Mann gibt zurück: „Hat man für diesen Job keinen Deutschen gefunden?“ Toprak: „Nein. Entweder Sie nehmen mit mir Vorlieb oder Sie gehen.“

Der junge Mann wollte sich auf eine Stelle für Politikwissenschaften bewerben. Er bekam sie dann aber nicht. Aber aus anderen Gründen: er war nicht promoviert. Der Mann gab nicht auf und verwies auf im Hochschulgesetz vorgesehene Ausnahmen. Die gebe es, stimmte ihm Toprak zu, würden aber nur für Künstler gelten. Der junge Mann: „Ich werde wegen Diskriminierung gegen Sie vorgehen.“

Was er damit sagen wolle, so Toprak: Der gelungene Aufstieg macht es nicht unbedingt einfacher.

Seine vierte These: Die hohen Erwartungen an die Jungen erschweren den Bildungsaufstieg.

Ahmet Toprak: Wenn man sein Buch in Gänze gelesen habe, würde klar, dass er eigentlich die „Jungen in Schutz nehme und als Opfer des Patriarchats beschreibe. Die Ansprüche der Eltern an sie sein zu hoch. Am liebsten sollen sie Medizin oder Jura studieren. Die Jungen könnten so mehr oder weniger versagen oder gar in den Extremismus abrutschen, oder dem Nationalismus des türkischen Präsidenten Erdoğan, der ein großer Vereinfacher sei, verfallen.

Topraks letzte These: Familie und Schule oder Bildungseinrichtungen sind oft Gegner und keine Kooperationspartner

Eltern und Schule misstrauten und missverstanden nicht selten einander. Auch wüssten Eltern selten wie Schule funktioniere. Auf der Strecke blieben die Kinder, die sich in der Mitte befänden.

Die Mütter müssten oft quasi den ganzen Landen schmeißen, die Verantwortung übernehmen. Denn Väter seien oft ein Totalausfall, weil nicht da. Entweder sie arbeiteten, seien im Männercafé oder gar im Spielsalon.

Ein lebhafte und teilweise auch heitere Diskussion

In der Diskussion der Gäste und des Moderatoren mit- und untereinander postuliert Reyan Şahin feministisch weise, auf Ahmet Topraks Forschungsresultate reagierend: „Dass das Patriarchat allen schadet, weiß man ja.“

Allerdings wollte Şahin das nicht nur auf Muslime beschränkt verstanden wissen. Auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft würden durchaus noch Jungs bevorzugt. Geschlechterrollen seien auch da teilweise noch „konservativ und festgewachsen“.

Es gebe aber auch Mütter, steuert Şahin bei, die gezielt das Patriarchat unterstützten.

Und Moderator Aladin El-Mafaalani offenbart eine vor Jahren erlangte interessante Erkenntnis, die in vor einigen Jahren regelrecht erschüttert habe: Bereits vor 150 Jahren (seitdem man dazu Daten hat) sei herausgefunden worden, dass Mädchen in der Schule besser waren als Jungen.

Reyan Şahin zur Erheiterung des Publikums: „Also die Männer lernen nicht dazu.“

Gerade als Rapperin habe Reyhan Şahin gegen Muster ankämpfen müssen. Nach dem Motto: Die Frau ist entweder Heilige oder Hure.

Sexismus in der Wissenschaft, sagt sie, erwarte man dort eigentlich nicht.

Auch Şahin hat eine Anekdote zu erzählen:

Sie habe als Rapperin gut damit umgehen können, wenn ein Raper zu ihr gesagt habe: „Verpiss dich, Bitch! Als wenn ein Professor, wo ich mich beworben habe, nicht einmal eine Begründung sagen muss, warum er meine Bewerbung weglegt.“ Alles sei im Wissenschaftsbetrieb subversiver. Ein anderer Professor, der sie von oben bis unten gemustert (obwohl sie keine Kleidung mit tiefem Ausschnitt wie beim Talk trug) und gefragt habe: „Was wollen Sie hier?“ Auf ihren Wunsch nach Vernetzung reagierend, habe er gefragt, was denn ihr Ziel sei und da habe sie geantwortet: „Professorin.“ Der habe er sie abwertend angeguckt an und sagte: „Glauben Sie, Sie schaffen das?“ Sie sei ziemlich demotiviert weggegangen.

Solle sie sich vielleicht bei Topraks Hochschule bewerben, fragte sie. Toprak: „Sprachwissenschaftler brauchen wir nicht.“ Aber sie sei nicht nur Sprachwissenschaftlern. Toprak: Sozialwissenschaften käme auch nicht infrage.

Sowohl Toprak als El-Mafaalani sind zuversichtlich, dass Reyhan Şahin ihr Ziel erreichen wird

Aber abseits jeglicher Frotzelei zeigt sich Ahmet Toprak überzeugt davon, dass Reyhan Şahin irgendwann gefragt sein würde im Wissenschaftsbetrieb: „Man muss nur die richtige Stelle finden. Das kommt schon. Nicht aufgeben, weiter machen!“

Aladin El-Mafaalani an Reyan Şahin: „Ich würde die Uni abfeiern, die dich ruft, auf ’ne Professur.“

Vor Abhängigkeiten und Verfänglichkeiten müsse man sich hüten, rät Toprak. Er verfahre so: Wenn er Sprechstunde halte, dann lasse er die Tür zum Vorzimmer stets offen.

Reyhan Şahin: Universitäten sind seit über 200 Jahren eine „Institution der alten weißen Männer“

Reyhan Şahin gab zu bedenken, dass viele Probleme gerade von Frauen an den Universitäten auch damit zu tun hätten, die „eine Institution der alten weißen Männer sei“. Und das seit etwa über 200 Jahren! Immer hätten diese „alten weißen Männer“ ihre Nachfolger bestimmt und auf die entsprechenden Plätze gesetzt.

In der Fragerunde dreht sich dann ebenfalls viel um Feminismus, Antirassismus und Sexismus

Auch Ratschläge, etwa wie man gegen hartnäckige männliche Erkenntnisverweigerer angehen könnte, sind gefragt. Reyan Şahin: Sie habe inzwischen gelernt mit ihren Kräften hauszuhalten bzw. selbige besser zu dosieren. Nur dürfe man niemals verzweifeln, nie aufgeben. Und mit Menschen solle Frau reden, die einen verstehen. Eine Lehrerin aus Duisburg machte deutlich, man wolle ja gerade auch die Mädchen mit Migrationshintergrund dazu erziehen, dass sie nicht den Lehrer*innen nach dem Mund reden, sondern zu Selbstbewusstsein, damit sie sich eine eigene Meinung zu bilden imstande sind. Wer das eigne Milieu nicht verlasse, könne nicht aufsteigen, meint die Lehrerin.

Dann entwickelt sich wieder eine kleine, aber lustige Kabbelei zwischen Dr. Şahin und Dr. Toprak in Sachen Genderfragen. Um beim Rap Anleihe zu nehmen: zum Battle und schon gar nicht zum Dissen (Diffamieren) des sich anscheinend ganz leicht vergaloppiert habenden Professors seitens der gewesenen Rapperin kommt es dann aber nicht. Heiterkeit im Publikum. Dann beendet auch schon der Moderator den letzten „Talk im DKH“, von dem das Publikum viel mitnehmen konnte und bei dem auch herzhaft gelacht werden konnte. Gewohnt feinfühlig begrüßte Ester Festus am Klavier das Publikum musikalisch.

Ester Festus.

Vorschau:

Am 17. Januar 2020 findet der nächste Talk im DKH mit Alice Hasters statt und dem Thema:

„Warum ist es eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen?

Aladin El-Mafaalani spricht mit Alice Haster über die Themen ihres neuen Buchs „Was weiße Menschen über Rassismus nicht hören wollen – aber wissen sollten“

Zum Buch:


„Darf ich mal deine Haare anfassen?“, „Kannst du Sonnenbrand bekommen?“, „Wo kommst du her?“ Wer solche Fragen stellt, meint es meist nicht böse. Aber dennoch: Sie sind rassistisch. Warum, das wollen weiße Menschen oft nicht hören.
Alice Hasters erklärt es trotzdem. Eindringlich und geduldig beschreibt sie, wie Rassismus ihren Alltag als Schwarze Frau in Deutschland prägt. Dabei wird klar: Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft. Und sich mit dem eigenen Rassismus zu konfrontieren, ist im ersten Moment schmerzhaft, aber der einzige Weg, ihn zu überwinden.

Anbei gegeben

Und ein Video, dass Lady Bitch Ray beim Auftritt in der österreichischen Show „Willkommen Österreich“ vor einiger Zeit zeigt. Interessant die Reaktion des offenbar wasserscheuen Ulf Poschardt.

Der „Agentterrorist“ Deniz Yücel zu Gast beim „Talk im DKH“ in Dortmund

Der Journalist Deniz Yücel war von 2007 bis 2015 Redakteur der taz und ist seit 2015 Türkei-Korrespondent der WeltN24-Gruppe. Für seine Arbeit wurde Yücel mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis

Von links: Moderator Aladin El-Mafaalani und Deniz Yücel. Fotos: C. Stille

Neun Monate in Isolationshaft

Vom 27. Februar 2017 bis zum 16. Februar 2018 – 367 Tage (davon 9 Monate in Isolationshaft) – befand sich Yücel wegen angeblicher „Terrorpropaganda“ in türkischer Untersuchungshaft. In Deutschland gab es zahlreiche Solidaritätskundgebungen für eine sofortige Freilassung. Er saß über 290 Tage in strenger Einzelhaft; anschließend durfte er einen Mitgefangenen treffen. Seine Inhaftierung führte zu einer Verschlechterung des politischen Verhältnisses zwischen Deutschland und der Türkei.

Das türkische Verfassungsgericht erklärte Yücels Haft für rechtswidrig

Am 16. Februar 2018 wurde Yücel aus der Haft entlassen, nachdem die türkische Staatsanwaltschaft Anklage erhoben hatte, in der sie bis zu 18 Jahre Haft für ihn forderte. Yücel kehrte am selben Tag nach Deutschland zurück. Das Verfassungsgericht in der Türkei hat ihn nicht freigesprochen, sondern lediglich Yücels Haft für rechtswidrig erklärt (zwei Jahre nach Beschwerdeeinlegung). Die Anlageschrift sei in einer Weise auseinandergenommen, dass, so Yücel, „wenn ich der Staatsanwalt wäre, mich in Grund und Boden geschämt hätte, so lausig ist die“. Yücel gab sich überzeugt: „Ich hätte eine bessere geschrieben.“

Bis die von Recep Tayyip Erdoğan in der türkischen Gesellschaft dereinst einmal beseitigt werden seien, meinte Deniz Yücel, das werde dauern.

Talk im DKH mit Deniz Yücel brach bisherigen Besucherrekord

Am gestrigen Freitag war er zu Gast beim „Talk im DKH“, einer Veranstaltung, welche das Dietrich-Keuning-Haus (DKH) in unregelmäßigen Abständen seit geraumer Zeit recht erfolgreich veranstaltet. Den bisherigen Besucherrekord – erreicht bei Gast Robert Habeck – konnte nun Deniz Yücel brechen. Yücel meinte, dieser wäre gewiss leicht zu überbieten. Nämlich dann, wenn man Greta einladen würde. Moderator Aladin El-Mafaalani jedenfalls nahm die Anregung auf. Ob es ihm wohl gelänge, Greta Thunberg nach Dortmund einzuladen? Bei Yücel waren zirka 800 Plätze in der Agora des DKH besetzt. Weitere Plätze hätten bei Bedarf in der nahegelegenen Eissporthalle bei Bedarf zur Verfügung gestanden, so der Direktor des DKH, Levent Arslan. Sie waren aufgrund vorliegender zahlreicher Voranmeldungen prophylaktisch vorbereitet worden.

Zwei „Habibis“ auf der Bühne“

Moderator El-Mafaalani berichtete von seinen ersten Begegnungen mit Deniz Yücel und verriet, dass dieser ihn seitdem mit „Habibi“ (Arabisch für „Liebling“) anrede. Laut Yücel wäre El-Mafaalani die zweite Person, die er so anrede. Da tut nun auch Mafaalani betreffs Yücel. So saßen dann, nachdem Stadtdirektor und Kulturdezernent Jörg Stüdemann den Gast herzlich begrüßt hatte, zwei „Habibis“ auf der Bühne.

Begrüßte die ZuhörerInnen: Dortmunder Stadtdirektor und Kulturdezernenten Jörg Stüdemann. Archivbild: C. Stille

Deniz Yücel nannte Stadtdirektor Stüdemanns Kritik an lokalem Journalismus „Kollegenschelte“

Unter anderen lobte Stüdemann Yücel als engagierten Journalisten, wie er sie sich auch für seine Stadt wünschen würde. Yücel keilte später betreffs Stüdemanns Kritik an lokalem Journalismus, die er „Kollegenschelte“ nannte, zurück: „Wenn Politiker sich über Journalisten beschweren, dann kann man eigentlich in fast allen Fällen davon ausgehen, dass die Kollegen den Job ganz ordentlich gemacht haben.“ Stüdemann schluckte wohl kurz und lachte aber dann das im eigne ganz besonders herzhafte Lachen.

Deniz Yücel tat die ihm entgegengebrachte Solidarität im Gefängnis gut

Von der Bühne herab im Gespräch mit „Habibi“ El-Mafaalani erzählte Yücel – momentan auf Lesereise – nochmal wie sehr ihn während seines Gefängnisaufenthalts die erfahrene große Solidarität aus Deutschland, aber auch aus der Schweiz und aus Österreich gutgetan habe. Viele Leute, die damals etwa Autokorsos in ihrer Stadt organisiert und durchgeführt hätte, um Solidarität mit ihm zu übten oder ihm ins Gefängnis Silivri Nr. 9 geschrieben hätten, habe er schon bei seinen Lesungen persönlich getroffen. Die Dortmunder Ruhr Nachrichten hätten sogar eine Seite eins für ihn gemacht.

Auf Deniz Yücel hatte Tayyip Erdoğan schon lange einen Rochus

Besonders negativ war Recep Tayyip Erdoğan, späteren Staatspräsidenten, der Journalist Yücel schon auf einer Pressekonferenz aufgefallen, auf welcher er Bundeskanzlerin Angela Merkel mit seinen Gedanken zum sogenannten Flüchtlingsdeal konfrontierte.

Unterschlupf suchte Yücel ausgerechnet in der Nähe von Erdoğans Residenz in Istanbul

Später schließlich wurde Yücel, gewarnt, dass er auf einer Fahndungsliste stehe. Da war er zunächst ausgerechnet in der Sommerresidenz des deutschen Botschafters Tarabya in Istanbul in Nachbarschaft der „Villa Huber“, welche Erdoğan nutzt, wenn er in Istanbul weilt [hier]) untergetaucht.

Die „Pizzafrage“

Yücel erzählte eine skurrile Anekdote. Jeden Schritt quasi habe er mit der Botschaft absprechen müssen. Als er einmal in dieser Sommerresidenz den Wunsch äußerte Pizza zu bestellen, sei die „Pizzafrage“ gar bis hin zum Auswärtige Amt in Berlin diskutiert worden. Letztlich wurde beschieden: „Keine Pizza. Zu gefährlich.“

Journalismus ist kein Verbrechen“ – Deniz Yücel stellte sich

Hinter den Kulissen liefen dann diplomatische Bemühungen, um Yücel zu helfen. Plötzlich wurde ihm über den deutschen Generalkonsul mitgeteilt, die Türken würden ihn laufen lassen. Einzige Bedingung: Er müsse sofort aus dem Lande verschwinden. Letztlich jedoch stellte sich Yücel dem Polizeipräsidenten von Istanbul. Er habe keine Lust gehabt sich zum „Posterboy der Pressefreiheit machen zu lassen“. Auch hatte der Situation von Julian Assange vor Augen, der seit Jahren in der Botschaft Ecuadors in London festsaß. Yücel „Mir ging es schlecht. Ich hatte mich dort verkrochen“. Das setzte ihm zu: „Ich habe doch kein Verbrechen begangen. Journalismus ist kein Verbrechen.“ Auch habe er einfach seine Freiheit zurückgewinnen wollen. Selbst im Gefängnis, wie Yücel dann feststellte, könne man selbst „unter übelsten Umständen“ einen gewissen Grad an Freiheit erringen und Widerstand leisten. „Das Wichtigste ist, dass man sich nicht ergibt“, merkte Deniz Yücel an.

Zum Tee beim Polizeipräsidenten und dann ab in die Zelle im Keller

Der Polizeipräsident lud ihm nach türkischem Brauch zunächst in einem oberen Geschoss des Präsidiums erst einmal zum Tee ein.

Nebenbei bemerkt: Dessen Vorgänger, wie auch den vormaligen Gouverneur von Istanbul traf Yücel dann im Knast als Inhaftierte.

Danach landete Yücel, festgenommen, im Keller des Polizeipräsidiums in einer Zelle. Dort wiederum, so berichtete Deniz Yücel in Dortmund, empfingen ihn ebenfalls inhaftierte HDP-Mitglieder (hier Informationen zur türkischen Oppositionspartei HDP) – nachdem sie erfuhren, wer er ist – mit Beifall.

Absurde Punkte in stümperhafter, blamabler Anklageschrift

Plötzlich wurde ihm über den deutschen Generalkonsul mitgeteilt, die Türken würden ihn laufen lassen. Einzige Bedingung: Er müsse sofort aus dem Lande verschwinden. In der (stümperhaften) Anklageschrift waren 18 Jahre Haft gefordert worden.

Viel absurde Punkte wurden Deniz Yücel zur Last gelegt. U.a. von einem Staatsanwalt, der „nicht der hellste“ gewesen sei.

Auch dieser Witz, den Yücel einmal in einem Zeitungstext verwendet hatte. Sinngemäß: Ein Türke und ein Kurde sind zum Tode verurteilt. Beide haben einen letzten Wunsch frei. Der Kurde will seine Mutter noch einmal sehen. Der Türke sagt: Der Kurde soll seine Mutter nicht sehen. Das wurde ihm als Volksverhetzung ausgelegt.

Das türkische Verfassungsgericht nahm Anklageschrift gehörig auseinander

Übrigens seien alle sein deutschen Texte eigens ins Türkische übersetzt worden. Des Weiteren warf ihm der Staatsanwalt vor Abdullah Öcalan „Oberkommandant“ genannt zu haben. Mit Marker gekennzeichnet war die Stelle „PKK-Chef“. Yücel wies den Ankläger noch daraufhin: Das deutsche Wort Chef sei doch identisch ist mit dem türkischen Wort „şef“. Das Wort blieb trotzdem in der Anklage stehen. Er habe dem Staatsanwalt noch gewarnt: „Lass das weg. Das ist doch so blamabel.“ Das Verfassungsgericht rügte das später prompt. Deniz Yücel: „Der Mann war ein bisschen Stulle.“ Eben ein Zeichen, in welchem Zustand der Rechtsstaat in der Türkei ist, den es de facto längst nicht mehr gebe. In der Haft traf er auf einen inhaftierten Polizeioffizier, den er nach diesem Staatsanwalt fragte. Der habe das bejaht und gesagt: „Das ist der dümmste Staatsanwalt“.

Gefängnisbeamter schämte sich für sein Land und Erdoğans Liebe für Superlative

Übrigens, meinte Deniz Yücel, seien keineswegs alle Gefängniswärter tumbe Typen gewesen. Viele hätten sogar studiert und dann eben keine Arbeit gekommen. Manche hätte ihm gestanden: „Wenn ich euch hier drin sehe, dass schäme ich mich für mein Land.“

Verknackt wurde Yücel im „größten Gerichtskomplex Europas“, kam dann ins „größte Gefängnis Europas“ (Silivri mit 13.000 Insassen und zehn unabhängigen Haftanstalten). Auf diese Superlative stehe halt Erdoğan. Der „größte Flughafen der Welt“, die „größte Moschee“, die „größte Brücke“. Yücel dazu: „Ich hab auch eine Idee, was Freud davon hielte.“

Erdoğan kreierte eigens das Wort „Agentterrorist“ für Deniz Yücel

Der türkische Präsident Tayyip hat Erdoğan Yücel sozusagen „gefressen“. Eigens für ihn kreierte er für den den Begriff „Agentterrorist“. So nannte Yücel dann auch sein Buch über ein Jahr im Hochsicherheitsgefängis Silivri Nr. 9, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch mit dem Untertitel „Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie“. Für das von

Erdoğan kreierte Wort – darüber ist sich Yücel mit dem Verlag einig, wie er am Rande erwähnte – solle dieser – so der türkische Staatsräsident auf das „Copyright“ bestehe – eine angemessene finanzielle Entschädigung für seine Wortschöpfung erhalten. Yücel: „Ich bin sehr dafür geistiges Eigentum zu berücksichtigen.“

Eventuellen Dummheiten wurden Yücel ausgeredet

Deniz Yücel räumte ein, seiner damalige Freundin Dilek (die er im Gefängnis heiratete), seinen Anwälte und seinem Arbeitgeber beim Springerkonzern doch ziemlich auf die Nerven gegangen zu sein. Aber so sei er nun einmal. Er kämpfe. Und das tat er auch aus dem Gefängnis heraus. „ich wollte nichts so passiv da sitzen und warten, dass die Bundesregierung mich da rausholt … Ich wollte da eingreifen. So ticke ich einfach.“, erklärte der Talkgast. Er habe gute Ideen im Knast gehabt, wie er aus der Misere herauskommen können, aber eben auch schlechte, die ihm die Freundin und Anwälte ausredeten – worüber Yücel heute froh ist.

Deniz Yücel vorsichtig: Haftbedingungen in der Türkei in mancher Hinsicht besser als in Deutschland. Buchlesung-Premier im Berliner Gefängnis Moabit

Was gewiss manche LeserInnen wundern mag: Deniz Yücel bezeichnete die Haftbedingungen in der Türkei vorsichtig als in mancher Hinsicht besser wie die in vielen alten Gefängnissen hier in Deutschland. Die Gefangenen in Deutschland beispielsweise kämen am Tag in der Regel ein bis zwei Stunden an die frische Luft – in der Türkei wesentlich länger.

Die erste Lesung aus seinem Buch ließ Deniz Yücel mit Bedacht – schließlich sei der Hauptschauort seines Buches ein Gefängnis – im Berliner Gefängnis Moabit (im 19. Jahrhundert errichtet) stattfinden, wo hauptsächlich Menschen in Untersuchungshaft und Strafgefangene, die zu geringeren Strafen verurteilt sind, einsitzen.

Als der da hereingekommen ist, habe er sich sofort „Überwachen und Strafen“, einem Buch von Michel Foucoult erinnert gefühlt. Geschockt sei er darüber gewesen, dass in Moabiter Zellen Toilettenbecken noch mitten im Raum stehen. Wo bleibe da die Würde des Menschen, die ja uch für Strafgefangene gelte? Anders in einem neu gebauten Gefängnis in Augsburg, das Yücel ebenfalls besuchte. Die Gefängnisdirektorin von Moabit erklärte ihm: Moabit stehe unter Denkmalschutz.

Druck auf die Türkei via deutscher Konzerne auszuüben scheiterte

Viele Journalisten in der Welt und auch Autoren wie Elfriede Jelinek und Isabell Allende hätten sich für ihn eingesetzt, erinnerte sich Deniz Yücel. Aber, fragte er sich damals, wissend für die Erdoğan.Türkei quasi eine Geisel darzustellen: Kennt Erdoğan Isabel Allende? Aber, habe er weiter an den Vorstandsvorsitzenden der Springer AG. Döpfner, geschrieben: „Aber er kennt die Allianz“ Und weitere in der Türkei agierenden Konzernen. So hoffte Yücel, könne doch in seiner Causa mittels einer großen Zeitungsanzeige Druck aufgebaut werden. Angeblich erklärte sich damals die Deutsche Bank bereit in diesem Sinne tätig werden zu wollen – wenn man nicht alleine stehe. Indes daraus wurde nichts. Es erfolgten zurückhaltende und abweisende Reaktionen. Die FAS berichtete wohl seinerzeit von den Vorhaben. Ein gewisser Konzern aus München habe das wohl weitergegeben. Danach, so Yücel, wären alle abgesprungen.

Ein über die Maßen interessanter Talk im DKH wieder einmal. Toppen könnte den wohl nur eine Greta Thunberg als Gast

Ein fraglos über die Maßen interessanter „Talk im DKH“ war das mal wieder. Und wie bereits erwähnt: brach dieser mit Denzi Yücel als Gast einen Besucherrekord, der wohl eben nur von Greta Thunberg getoppt werden würde. Was gewiss auch die Dortmunder Friday-For-Future-AkteurInnen zutiefst freuen würde, die an diesem Freitag am Mittag wieder im Zentrum der Stadt zahlreich in Aktion getreten waren.

Aus Büchern lasen Gäste bislang nicht im „Talk im DKH“. Der von Yücel gemachter Ansatz ein Kapitel zu lesen, missglückte gewissermaßen: Die Leute stimmten ab. Sie wollten ihn lieber weiter reden hören. Gegen Ende des Abends las dann Deniz Yücle dann doch noch: Das Kapitel über seine Hochzeit mit Dilek im Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9

Vier interessante Fragen kamen noch aus dem Publikum. Dabei war diejenige, worin es darum ging, wie lange wir wohl noch Recep Tayyip Erdoğan ertragen müssten. Darauf antworten konnte Deniz Yücel nur: Der Mann habe seiner Ansicht nach seinen Zenit überschritten. Dann verwies er auf eine in der Türkei gängige Redewendung: „In der Türkei kann jederzeit alles passieren.“

Jemand anderer bezeichnete das Erdoğan-Regime als faschistisch und wollte wissen, warum Yücel darauf nicht näher eingegangen sei. Yücel wollte da nicht mitgehen. Er wollte anstelle von Faschismus lieber von Nationalismus und autoritärer Regierung sprechen. Erdoğan aber sei „hauptberuflich Verbrecher“.

Deniz Yücels Leserreise wird in Berlin enden. Danach macht er wohl verdienten Urlaub, um dann wieder seinen geliebten Job als Journalist zu machen.

Nach der Veranstaltung bildete sich eine ziemlich lange Schlange. Bestehend aus Leuten, die ihr erworbenes Buch „Agentterrorist“ vom Autoren signieren zu lassen.

Musikalisch begrüßt waren die zahlreichen BesucherInnen von Ester Festus am (Klavier/Gesang) und Wim Wollner (Saxophon) worden.

Der nächste „Talk im DKH“ findet im Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus am 20. Dezember 2019 statt. Zu Gast werden sein Ahmet Toprak mit seinem Buch „Muslimisch, männlich, desintegriert“ und als Gegenpart sozusagen Dr. Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray mit ihrem Buch „Yalla Feminismus“.

Hinweis: Zum Buch geht es hier.

Dortmund: Termine für den „Talk im DKH“ stehen bis Mitte 2020 fest

Die Veranstaltungsreihe „Talk im DKH“ im Dietrich-Keuning-Haus in Dortmund nimmt Themenbereiche aus Politik und Gesellschaft in den Fokus, denn nationale und internationale Ereignisse schaffen ständig neue Strukturen und werfen Fragen auf. Hier werden komplexe Zusammenhänge durchleuchtet und eine Plattform zum Austausch und zur Begegnung mit ExpertInnen und Prominenten angeboten.

„TALK IM DKH“ findet etwa sechsmal im Jahr freitags von 19 bis 22 Uhr statt. Um 14 Uhr findet jeweils am selben Tag ein SchülerTALK im Helmholz-Gymnasium statt.

Zum „Talk im DKH“-Team gehören: Levent Arslan (Direktor DKH), Kati Stüdemann (SchülerTALK), Aladin El-Mafaalani (Moderator) und seit Frühjahr 2019 auch Özge Cakirbey (Moderatorin). Künstlerische Darbietungen begleiten jede Veranstaltung, regelmäßig mit dabei sind Ilhan Atasoy, Esther Festus und Zijah Jusufovic.

Özge Cakirbey (links) und Aladin El-Mafaalani (rechts).

Nach einem kurzen Impulsvortrag folgt ein Dialog zwischen Referentin bzw. Referent und Moderator. Anschließend bleibt ausreichend Zeit für Diskussionen mit dem Publikum. Zu jeder Veranstaltung wird eine Künstlerin oder ein Künstler engagiert, sodass stets auch für Unterhaltung gesorgt ist.

„TALK IM DKH“ findet sechsmal im Jahr freitags von 19 bis 21 Uhr statt. Die Termine werden gesondert bekannt gegeben.

Veranstaltungsort: Dietrich-Keuning-Haus, Leopoldstraße 50-58, 44147 Dortmund (100m vom Hbf)

Anmeldungen sind aus organisatorischen Gründen unter http://www.talk-im-dkh.dortmund.de wünschenswert.

Der Eintritt ist frei

Hier (auf Nordstadtblogger) und hier (auf diesem Blog hier) einige Berichte von vorangegangenen Veranstaltungen innerhalb der Reihe Talk im DKH.

Nächster Talk im DKH am 29. November 2019 mit dem Journalisten Deniz Yücel

29.11.2019 // Deniz Yücel mit seinem neuen Buch „Agentterrorist“

Zum Buch

Die Inhaftierung des Türkei-Korrespondenten der Welt führte in Deutschland zu einer riesigen Solidaritätsbewegung und sorgte für die größte Belastung der deutsch-türkischen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Zugleich entfacht der Fall in Deutschland eine Debatte über das Verhältnis der Deutschtürken zu beiden Ländern. In seinem Buch erzählt Deniz Yücel, wie er dieses Jahr in Einzelhaft verbrachte, welchen Schikanen er ausgesetzt war und wie es ihm gelang, immer wieder die Überwachung zu überlisten. Er schildert, was ihm die Unterstützung seiner Frau Dilek Mayatürk und die »Free Deniz«-Kampagne bedeutete und warum der Kühlschrank das sicherste Versteck in der Gefängniszelle ist. Es ist eine Geschichte von Willkür und Erpressung, aber auch eine Geschichte von Solidarität, Liebe und Widerstand. Zugleich zeichnet Deniz Yücel die Entwicklung nach, die die Türkei in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, vom hoffnungsvollen Aufbruch der Gezi-Revolte über den Kurdenkonflikt, die Flüchtlingskrise und den Putschversuch bis zum vorläufigen Ende:
Erdogans Festigung der Macht mit den Wahlen vom Frühjahr 2018.

Die Talk im DKH-Termine bis Mitte 2020

29.11.2019 // Deniz Yücel mit seinem neuen Buch „Agentterrorist“

20.12.2019 // Ahmet Toprak & Reyhan Sahin (aka Lady Bitch Ray) mit den beiden aktuellen Büchern „Yalla Feminismus“ vs. „Muslimisch, männlich, desintegriert“

17.01.2020 // Alice Hasters mit ihrem neuen Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“

21.02.2020 // Julia Wissert & Aladin El-Mafaalani: Buchvorstellung „Mythos Bildung“

03.04.2020 // Michel Friedman: Was tun gegen Hass und Gewalt? Zum Jahrestag des NSU-Anschlags in Dortmund am 4.4.2006

19.06.2020 // Kübra Gümüsay mit ihrem neuen Buch „Sprache und Sein“

Armin Nassehi war zu Gast beim „Talk im DKH“ in Dortmund. Sein Thema: „Wie verändert die Digitalisierung die Gesellschaft?“

Wir müssen lernen Technologie, besser zu kritisieren und einzuordnen, meint der renommierte Soziologe Armin Nassehi. Letzten Freitag war der derzeit ob seines neuen Buches „Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft“ äußerst gefragte

Talk-Gast Prof. Armin Nassehi. Fotos: C. Stille.

Publizist Gast im „Talk im DKH“. Im Buch geht es Prof. Dr. Armin Nassehi darum zu erklären, warum die digitale Technologie in der Gesellschaft so erfolgreich ist. Seine These: Technologie kann sich nur durchsetzen, wenn sie den Nerv der Gesellschaft trifft. Beispiel: Ein Smartphone wird schlicht und einfach gekauft, weil es funktioniert In seinen Augen sei die Gesellschaft schon im 19. Jahrhundert eine moderne digitale gewesen. Diese habe sich durch eine steigende Komplexität und Urbanisierung entwickelt, was dazu führte, dass man sich auf vorherige, analoge Wahrnehmungsformen nicht mehr verlassen konnte. Der Titel dieses „Talk im DKH“ lautete: „Wie verändert die Digitalisierung die Gesellschaft?“

Der „Talk im DKH“ fand wieder im Freien statt. Stadtdirektor Jörg Stüdemann begrüßte die Gäste

Die erste Veranstaltung dieser Art nach der Sommerpause moderierten wieder Aladin El-Mafaalani und Özge Cakirbey. Bei wunderbarem Wetter fand der Talk ein weiteres Mal auf dem DKH-Gelände im Freien statt. Stadtdirektor und

Moderierten die Veranstaltung: Özge Cakirbey (links) und Aladin El-Mafaalani (rechts).

Kulturdezernent Jörg Stüdemann begrüßte an Stelle von Levent Arslan, Dietrich-Keuning-Haus-Direktor, die Gäste. Levent Arslan weilte im Park des Schlosses Bellevue in Berlin beim Bürgerfest des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.

Jörg Stüdemann: Die Akademie für Digitalität und Theater ist Gegenstück zum Medienkunstverein im Dortmunder U

Stüdemann sprach, passend zum Talk-Thema, über den Start der Akademie für Digitalität und Theater (angeregt vom nach dieser Spielzeit scheidenden Schauspieldirektor Kay Voges) und lobte die Unterstützung der Akademie mit fast vier Millionen Euro. Die ersten Studierenden – in diesem Falle Regisseurinnen und Regisseure – hätten ihre Stipendien aufgenommen. Die Akademie sei nun das Gegenstück zum Dortmunder U, wo der Medienkunstverein seinen Sitz habe. Dies sei der einzige Kunstverein in Deutschland, „der sich systematisch seit 1996 mit den Fragen Digitaler Kunst, ihrer kuratorischen Betreuung und mit Fragen zum digitalen Zeitalter und die Umsetzung für die Künste“ beschäftige. Die künftige Schauspieldirektorin Julia Wissert des Schauspiel Dortmund weilte am

Begrüßte die Gäste: Dortmunds Stadtdirektor Jörg Stüdemann.

Freitagabend im Publikum.

Gast Armin Nassehi ist auf Schalke aufgewachsen und nun mit einem Gelsenkirchener Abitur Inhaber eines der größten Lehrstühle für Soziologie an der LMU München

Jörg Stüdemann hatte dann für das Publikum noch folgenden (Warn-)Hinweis zum Gast: Über Prof. Nassehi gebe es auch etwas „Schlechtes“ zu sagen: Er sei auf Schalke, in Gelsenkirchen groß geworden. Gelächter, leise Buhrufe, aber auch Beifall für den Gast aus dem Publikum.

Moderator Aladin El-Mafaalani setzte noch eins drauf, als er süffisant anmerkte, dass Armin Nassehi auch sein Abitur in Gelsenkirchen gemacht habe: „Jetzt müsste man meinen, dass man mit einem so wertlosen Zettel nichts wird. Aber nein, er ist an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Professor für Soziologie und hat dort einen der größten Lehrstühle für Soziologie Deutschlands inne. Und das mit einem Gelsenkirchener Abitur. Dass man überhaupt bayerischer Beamter mit einem nordrhein-westfälischen Abitur werden kann!“

Beim Schüler-Talk am Mittag beeindruckten die Jugendlichen Armin Nassehi mit klugen Fragen

Am Mittag hatte es schon einen Schülertalk im Dortmunder Helmholtz-Gymnasium mit Jugendlichen gegeben. Armin Nassehi äußerte sich mit Anerkennung über die SchülerInnen. Für ihn habe es den Anschein gehabt, dass diese Jugendlichen „schon einmal von Rednern irgendwie beglückt worden sind. Dass heißt, die waren in der Lage dazusitzen und Benutzeroberflächen zu haben, die so aussahen, als würden sie mir zuhören“. Von ihnen seien sehr kluge und intelligente Fragen gestellt worden.

Armin Nassehi pflegt eine methodisch kontrollierte Frage zu stellen: „Für welches Problem ist die Digitalisierung eine Lösung?“

Wie sich die Digitalisierung auswirken werde, so Nassehi wisse man nicht. Auch wenn man sich die besten Studien darüber anschaue. Die einen konstatierten, dass achtzig Prozent aller Arbeitsplätze verschwinden könnten. In die andere Richtung schlüge das Pendel bis hin zu einem möglichen Jobwunder von dreihundert Prozent Arbeitsplätzen aus. Beides sei denkbar. Die Extreme dürften wohl nicht eintreten. Es werde sich dazwischen bewegen.

Er interessiere sich vor allem „zunächst einmal brav wissenschaftlich für eine methodisch kontrollierte Frage.

Die Frage sei für ihn nicht, welche Problem die Digitalisierung mache oder wie man diese Probleme lösen könne, bzw. wie wir das überwinden können. Nassehi pflegt vielmehr eine methodisch kontrollierte Frage zu stellen: „Für welches Problem ist die Digitalisierung eine Lösung?“ In der Wissenschaftstheorie nenne man das eine funktionalistische Frage. „Man fragt also. Man sieht etwas, das funktioniert. Und fragt sich, welches Problem mit dieser Funktion eigentlich gelöst wird.“

Schwer unter die Leute zu bringende These: Schon vor hundert Jahren war die Gesellschaft eine moderne digitale

Nassehi bekannte auf die These – die nicht so leicht unters Volk zu bringen sei – gekommen zu sein, dass die Gesellschaft schon hundert Jahre bevor der Computer erfunden wurde, eine moderne digitale war. Am Beispiel von Paris erklärte er das. Da habe man für damit angefangen. In einer so großen Stadt hätten sich zwar Gebäude und Menschen, aber keine Weizenfelder befunden. Aber Weizen wurde ja zur Herstellung von Baguettes benötigt. Man habe ungefähr berechnen müssen, wie viele Lieferanten von Weizen man für eine Stadt wie Paris bräuchte. Straßen mussten breit genug sein, um den Weizen in die Stadt hinein zu bringen. So sei das statistische Denken entstanden. „Es entstand ’ne kulturelle Form digital zu denken“, sagte Armin Nassehi. Die Digitalisierung mache heute sichtbar, was man vorher nicht habe sehen können.

Daten sind für unterschiedliche Institutionen von unterschiedlichem Interesse

Prof. Nassehi streifte auch das Thema der heute anfallenden Unmengen von Daten. Bis hin zu den auftretenden Datenmengen diverser sozialer Medien. Die Daten seien für unterschiedliche Institutionen von unterschiedlichem Interesse. Er sprach diesbezüglich von Markt- und Sozialforschung und von Strafverfolgungsbehörden, oder von Verwaltungsproblemen, bzw. von Medizinern, die das Verhalten Menschen hinsichtlich von Gesundheitsfragen untersuchen.

Armin Nassehi: Digitalisierung macht vieles möglich. Und die Menschen nutzen es, weil es funktioniert

Man müsse einfache Fragen stellen, um schwierige Antworten geben zu können, findet der Soziologe Armin Nassehi. Die einfache Frage sei, referierte er: „Welches Problem löst Technik? Die Technik löst vor allem das Problem des Konsenszwangs.“ Digitalisierung mache vieles möglich. Und die Menschen nutzten es, weil es funktioniert. Da könne man selbst Menschen von der Benutzung des Flugzeugs wegbringen: Wenn es eine funktionierende Alternative gebe, würden sie die nutzen.

Das Funktionieren korrumpiere uns aber auch. Die menschliche Intelligenz sei jedoch in einem endlichen Körper situiert – sie ist gewissermaßen leiblich und dadurch unvollständig“. Eine vollständige Form digitaler Intelligenz sei deshalb schon aus formallogischen Gründen nicht denkbar. Man müsse darüber nachdenken, was man mit dieser Technik eigentlich macht.

Mit Maschinen zu kommunizieren sei nicht möglich. Dann könne man vielleicht auch sehen, wie naiv das ist, Angst davor zu haben, dass diese Apparate einmal mächtiger werden als wir selbst. Dafür wäre dies aber wohl auch eher ein Hinweis darauf, schloss Armin Nassehi seinen interessanten Vortrag, „dass man darüber nachdenken sollte, dass wir mit der Auseinandersetzung dieser Art von Informationsverarbeitung sehr viel darüber lernen kann wie voraussetzungsreich und begrenzt unsere Form ist, mit einer Welt umzugehen, die wir auch selber nur in der Datenförmigkeit unseres eigenen Gehirns kennen“.

Technologie kann auch eine Bedrohung darstellen. Deshalb: Technologie kritisch begleiten, um sie besser einordnen zu können

Technologie müsse den Nerv der Gesellschaft treffen, ist eine These, die der Soziologe Armin Nassehi auf dem Podium im Gespräch mit Moderatorin und Moderator vertrat. Aber er gesteht durchaus auch zu, dass Technologie auch eine Bedrohung darstellen könne. Weshalb darauf geachtet werden müsse, Technologie kritisch zu begleiten, um sie besser einordnen zu können.

Interessante Fragen aus dem Publikum

Zuschauer stellten gegen Ende der Veranstaltung interessante Fragen. Etwa die, ob die Digitalisierung unsere Gesellschaft positiv beeinflussen könne. Armin Nassehi antwortete, es bringe natürlich positive und negative Folgen. Aber, gab er auch zu bedenken: „Problemlösungen produzieren immer neue Probleme.“ Als positiv schätzte er selbst ein, dass man teilweise übers Netz durchaus interessante Leute kennenlerne und auch spannende Diskussionen zustande kämen. Aber ebenso treffe ebenfalls das Gegenteil zu. Also: eine ambivalente Geschichte.

Die „Talk im DKH“-Gäste erlebten einen rhetorisch geschliffenen Vortrag, aufgelockert durch Bonmots

Dass Prof. Armin Nassehi ein grandioser Redner ist, war bereits eingangs der Veranstaltung angekündigt worden. Und Nassehi, einer gefragtesten Intellektuellen Deutschlands, hat das auch mitR Bravour und gründlich bis ins letzte Detail unter Beweis gestellt. Geschliffene Rhetorik, aufgelockert mit diesem oder jenem Bonmot oder während des Vortragens rasch noch verfertigten und zum Abschuss gebrachten kleinen Spitzen, bewahrte Nassehis Referat davor, dröge zu werden. Es wurde oft kurz aufgelacht im Publikum. Mehr oder weniger laut.

Nur, was nimmt man nun von diesem Abend für sich an Essenz mit? Dass wurde in etwa so auch aus dem Publikum gefragt. Eine gute Frage! Erst mal sacken lassen, dürften da viele gedacht werden, die mit mit jeder Menge Informationen prall gefüllten Kopf den Heimweg antraten. Womöglich „ploppt“ dann später mancher von Armin Nassehi geäußerter Gedanke auf und lässt der einen oder anderen Person dies oder jenes Licht aufgehen.

Armin Nassehis Buch konnte erworben werden und wurde auf Wunsch auch von ihm signiert

Nassehis Buch konnte vor Ort erworben werden und wurde auf Wunsch auch vom Autoren signiert.

Von Armin Nassehis (Mitte) Buch beeindruckt: Özge Cakirbey (links) und Aladin El-Mafaalani (rechts).

 

Diejenigen, die es bereits gelesen haben – wie Moderatorin Özge Cakirbey und Aladin El-Mafaalani – gaben sich beeindruckt. Özge Cakirbey, gestand, dass sei schon eine ganz schöne Portion „Arbeit“ gewesen das Buch zu lesen. Einige Begriffe daraus habe sie für sich mit Gewinn neu hinzugelernt. Und El-Mafaalani bestätigte, das solche Bücher eben durchaus Anstrengungen nötig machten.

Nächster Gast beim „Talk im DKH“: der Journalist Deniz Yücel

Gast beim nächsten „Talk im DKH“ am 29. November um 19 Uhr wird der Journalist Deniz Yücel sein.

 

 

Nassehi, Armin

Muster

Theorie der digitalen Gesellschaft

Sachbuch-Bestenliste für September 2019: Platz 9

Wir glauben, der Siegeszug der digitalen Technik habe innerhalb weniger Jahre alles revolutioniert:  unsere Beziehungen, unsere Arbeit und sogar die Funktionsweise demokratischer Wahlen.  In seiner neuen Gesellschaftstheorie dreht der Soziologe Armin Nassehi den Spieß um und zeigt jenseits von Panik und Verharmlosung, dass die Digitalisierung nur eine besonders ausgefeilte technische Lösung für ein Problem ist, das sich in modernen Gesellschaften sei…

10. Afrika Ruhr Festival in Dortmund bot viele Höhepunkte und war Begegnungsplattform für viele unterschiedliche Menschen

Kolumbianerinnen vor der Friedenssäule in Dortmund auf dem Friedensplatz. Fotos: C. Stille

Zwanzig Jahre gibt es den Verein Africa Positive e.V. Dortmund. Die umtriebige Vereinsvorsitzende Veye Tatah hat dieses Jahr einmal mehr mit vielen ehrenamtlichen HelferInnen das nun bereits 10. Afro Ruhr Festival organisiert. Es ist das im Ruhrgebiet wohl größte interkulturelle Festival. Vom 28. bis 30 Juni standen im Dietrich-Keuning-Haus (DKH) Tanz, viel Life-Musik – bestritten u.a. von Instrumentalisten und Sängern aus Kolumbien und Jamaika, die verschiedene traditionelle Musikstile präsentierten – auf dem Programm. Des Weiteren zogen ein Jugendprogramm, Vorträge mit einer Podiumsdiskussion, Fachforen und ein Afrika-Markt die BesucherInnen an. Menschen unterschiedlichster Herkunft – bei weitem nicht nur mit afrikanischen Wurzeln, sondern auch aus Kolumbien, Chile, Vietnam und vielen anderen Gegenden unserer Welt viele davon zuhause in der Nordstadt – begegneten sich in vielfältiger Form, tauschten sich aus und hatten Spaß zusammen. Bei brütender Hitze boten draußen vor dem Dietrich-Keuning-Haus mehrere Stände kulinarische Speisen und Getränke an. Das Fazit von DKH-Chef Levent Arslan: „Es war

Kinder von einem tamilischen Verein. Hinten Mitte: DKH-Leiter Levent Arslan.

in der Tat in diesem Jahr eine ganz besondere Stimmung. Mittlerweile hat sich das Festival zu einem Ereignis über unsere Stadt- und Ruhrgebietsgrenzen hinaus entwickelt. Das freut uns natürlich sehr.“ Arslan sprach davon, dass zirka mehr als 4000 Gäste das Afro Ruhr Festival 2019 besucht hätten.

Parade der Vielfalt“ vom Friedensplatz mit Höhepunkten unterwegs in die Gefilde der Nordstadt

Die „Parade der Vielfalt“ bringt Lebensfreude in die Dortunder City.

Zu einem Höhepunkt auch des diesjährigen Festivals gestaltete sich die „Parade der Vielfalt“. Sie eröffnete das dreitägige Festival am vergangenen Freitag. DortmunderInnen mit oder ohne Migrationshintergrund, sowie Gäste der Stadt, fanden sich als bunte Truppe, darunter auch Kinder, bekleidet mit phantasievollen und traditionellen Kostümen und Gewändern am Freitagnachmittag auf dem Friedensplatz vor dem Rathaus ein und präsentierten sich zu Trommelklängen auf dessen Treppe mit Blick auf die Friedenssäule. Bürgermeisterin Birgit Jörder war zum Empfang der Parade erschienen. Dann starteten die Menschen zur „Parade der Vielfalt“, angeführt von der Formation Schwarz-Rot Atemgold 09 sowie anderen Musikern, ihren Marsch durch die Stadt. Es ging hinunter in die Stadt über den Westenhellweg zur Kampstraße. Unmittelbar an der Fußgängerzone wurde ein Kreis gebildet. Bei Blasmusik und zu leidenschaftlichen Trommelklängen und zu heißen Rhythmen tanzten kolumbianische Frauen leidenschaftlich und verkörperten, natürliche ungebremste Lebensfreude. Tamilische Kinder in ihren schönen Trachten und dem Schmuck im Gesicht eroberten die Herzen Menschen.

Ein Feuerspucker in der Dortmunder Innenstadt.

Ein Feuerspucker war das absolute absolute Highlight bei diesem Stopp der Parade. Dann ging es weiter über die Kampstraße und die Katharinentreppe hinab. Auf dem Platz davor gab es abermals ein Halt mit Tanz- und Musikdarbietungen, welche die Passanten neugierig machten. Dann zog die „Parade der Vielfalt“ unter wolkenlosem Himmel und bei brütender Hitze – die Menschen im Pulk schon von weitem als knallbunte Tupfer sichtbar – in die Gefilde der Nordstadt ein, um schließlich den Festivalort, das DKH, zu erreichen.

Das dreitägige Programm eröffnete nach Begrüßungsworten von Veye Tatah und Levent Arslan eine Kindergruppe eines tamilischen Vereins

Dort eröffneten Veye Tatah und Levent Arslan – sie hatten ebenfalls an der Parade teilgenommen – gemeinsam feierlich das 10. Afrika Ruhr Festival, das eine einzigartige Begegnungsplattform für möglichst viele unterschiedliche Menschen, sein will. Eine Kindergruppe eines tamilischen Vereins eröffnete das Programm. Musik und Tanzgruppen aus Europa, Afrika, Lateinamerika sowie Asien

Levent Arslan und Veye Tatah eröffnen im Dietrich-Keuning-Haus das Afro Ruhr Festival 2019.

trafen aufeinander und feierten drei Tage gemeinsam. Ein Glanzlicht des ersten Festivaltages dürfte Aicha Kouyate aus Oberguinea gewesen sein, die vor allem in Westafrika eine bekannte Griot-Sängerin ist.

Life-Musik unterschiedlicher Stile, Tänze mit Trommelbegleitung, ein Kinder- und Jugendprogramm – pickepacke voll das Programm am Samstag

Pickepackevoll auch das Programm des zweiten Tages des Afro Ruhr Festivals, der Samstag. Trotz kleiner Verzögerungen im Programmablauf war in der Agora des DKH fast ständig etwas los. Trommelaktionen und Tanz, ein Kinderprogramm und Programm von Jugendlichen mit Poetry Slam, Chorgesang und Tanz auf der offenen Bühne u.a. mit Voice of Tomorrow, Sing 4 you und der Gruppe Dance 4 you – als Aktion der Koordinierungsstelle des Jugendamtes Dortmund, Bereich Kinder- und Jugendförderung aus dem afrikanischen Kulturbereich.

Roughhouse.

Begeistert waren das Publikum vom traditionellen Tanz der Gruppe Mecuda NRW und nicht weniger von Auftritt von Roughhouse, der mit seiner Band und einer

Die Gruppe Mecuda NRW.

harmonisch-fließenden musikalischen Mischung aus Roots-Reggae und Dancehall zu gefallen wusste. Der für den Abend angekündigte Act es Kameruners „Mr. Leo“ musste entfallen: Der Künstler hatte kein Visum für Deutschland bekommen.

Weiter zu erleben waren Tänze aus dem Senegal mit Trommelbegleitung mit Dame Diop und Joe Camara & friends.

Alexandra Wiemer von Radio 91,2 interviewte Veye Tatah zum Thema „10 Jahre Afro Ruhr Festival – Rückblick und Ausblick“. Die Zuschauer erfuhren viel über

Als Miss und Mister Afro Ruhr 2019 gekürt: Geraldine und Khaled.

die nicht immer einfachen Anfänge des Festivals. Alexandra Wiemer überreichte Veye Tatah sozusagen als süßen Dank für das jahrelange Engagement nicht nur für das Afro Ruhr Festival eine Schale selbst gepflückter Kirschen.

Geraldine und Khaled wurden zu Miss und Mister Afro Ruhr 2019 gekürt

Nicht einfach gestaltete sich zunächst die Wahl Miss und Mister Afro Ruhr 2019 – zu viele aussichtsreiche KandidatInnen machten sie zu einer Qual der Wahl. Dann

Gruß- und Dankesworte vom Dortmunder Stadtdirektor und Kulturdezernenten Jörg Stüdemann.

aber eroberten Geraldine und Khaled die Herzen des Publikums. Ihr Preis: jeweils ein 100-Euro-Gutschein für jeweils zwei unterschiedliche Afro-Shops.

Gruß- und Dankesworte von Kulturdezernent Jörg Stüdemann

Stadtdirektor und Kulturdezernent Jörg Stüdemann überbrachte Grüße der Stadt Dortmund und beglückwünschte alle am Gelingen des nunmehr schon 10. Afro Ruhr Festivals zu ihrer wertvollen Arbeit und sprach ihnen seinen Dank aus.

Catalina Valencia und Baterimba Band vermittelten lateinamerikanisches Feeling

Auf eine rhythmische Reise zwischen Jazz, Funk, und lateinamerikanische Musik nahmen Catalina Valencia und Baterimba Band aus ihrem Projekt „Marices“ das Publikum mit. Ihre Songs erzählten vom Alltäglichen, der Liebe, bunten Charakteren und der Sehnsucht. Sie

Catalina Valencia and Baterimba Band.

vermittelten lateinamerikanischen Feeling. Große Emotionen! Kolumbischstämmige Frauen und auch ein paar Mutige aus dem Publikum tanzten, dass der Schweiß in Strömen floss.

Hochinteressant am Samstagnachmittag die Vorträge und eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Bald 60 Jahre Unabhängigkeit und immer noch in den Fängen des Kolonialismus?“. Unter anderen getragen Attac. Die brillant und kenntnisreich argumentierenden Experten die referierten, waren Dr. Boniface Mabanza Bambu (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika KASA), der Wirtschaftswissenschaftler Martial Ze Belinga und Dr. Dereje Alemayehu (Executive Coordinator der Global Alliance for Tax Justice). Eine Erkenntnis daraus: Nach der Entlassung blieben bis heute viele afrikanische Staaten in Abhängigkeit der einstigen Kolonialherren. Ein negative Rolle dabei spielt der CFA-Franc, erfuhren die interessierten ZuhörerInnen im voll besetzen Raum 204 des DKH. 14 ehemalige französische Kolonien benutzen seit 1945 eine Währung, die in der Kolonialzeit von französischen Kolonialherren eingeführt wurde. Kritiker sprechen von einen System „freiwilliger Knechtschaft“ und verurteilen den CFA-Franc als „imperiales Machtinstrument“. Wirtschaftswissenschaftler Martial Ze Belinga erklärte wie der CFA-Franc afrikanische Länder, einstige Kolonien, in Abhängigkeit gefangen hält.

Moderator, Dr. Bonface Mabanza Bambu, Martial Ze Belinga und Dr. Dereje Alemayyehu (v.l.)

Auch mit einem immer wiederkehrenden Argument, wonach die afrikanischen Länder allein an ihrer Korruption krankten, wurde aufgeräumt. Freilich sei die nicht kleinzureden. Aber seien auch Ressourcenabflüsse aus Afrika durch die Ausbeutung seitens der westlichen Wirtschaft mit zu bedenken, die den afrikanischen Ländern für deren Entwicklung fehlen. Ein UN-Panel, so referierte Dr. Dereje Alemayehu habe 2013 herausgefunden, dass zu sechzig Prozent Ressourcenabflüsse aus Afrika Handels- und Wirtschaftsaktivitäten von meistens westlichen Unternehmen stammten. Vierzig Prozent aus Korruption und aus Kriminalität. Der OECD-Generalsekretär habe in einem Bericht einmal gesagt, für jeden Dollar der an Entwicklungshilfe in die Entwicklungsländer kommt, gingen drei Dollar als illegale Ressourcenabflüsse.

Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion.

Erzähl mal, wie du es geschafft hast! – zu Gast die künftige Intendantin des Schauspiels Dortmund

In der Afrika Positive-Reihe „Erzähl mal, wie du es geschafft hast! – Jugendliche sprechen mit einem Vorbild“ war Julia Wissert zu Gast, die ab der Spielzeit 2020/2021 Intendantin des Schauspiels Dortmund sein wird.

Familiensonntag zum Abschluss des Afrika Ruhr Festivals

Afrika Markt.

Der letzte Tag des Festivals ist traditionell ein Familiensonntag. Dargeboten wurde ein buntes Programm für alle Generationen. Sowohl im Außenbereich als auch im Haus fanden Aktionen und Workshops für Kinder- und Jugendliche statt. Das Bühnenprogramm war ebenfalls auf die ganze Familie und ausgerichtet und wurde mit Freude aufgenommen.

Weitere Impressionen im Bild

Dortmund – Nordstadt: Problemviertel und Chancenraum. Dr. Sebastian Kurtenbach referierte in der neuen Galerie im Depot

Dr. Sebastian Kurtenbach referierte kundig und engagiert. Fotos (8): Claus Stille

Über die Dortmunder Nordstadt haben Viele eine Meinung. Selten eine gute. Dass ist sogar bei Menschen der Fall, die den 60.000 Einwohner beherbergenden Stadtteil selbst noch niemals betreten haben. Das dürfte in erster Linie mit der medialen Berichterstattung im Zusammenhang stehen. Erst kürzlich wieder machte eine an Pfingsten im Stadtbezirk stattgefundene Massenschlägerei Schlagzeilen. Die Kritiker mit festgefügtem negativen Meinungsbild fühlten sich wohl wieder einmal mehr bestätigt. Doch so einfach ist es nicht. Weshalb es zu differenzieren gilt. Die Nordstadt gehört zu den wohl bekanntesten Stadtteilen des Ruhrgebiets, wenn nicht sogar Deutschlands. Ihr Ruf basiert auf zahlreichen Widersprüchen, wie der besten Grundschule des Landes, hohen Kriminalitätsraten, Zuwanderung armutsbedrohter Menschen aus Südosteuropa oder jubelnde Menschen bei der Ankunft Geflüchteter als Sinnbild der Willkommenskultur 2015. Zweifellos ist die Nordstadt ein problematischer, aber gleichzeitig auch ein Chancenort. Man habe es mit einem Sowohl-als-auch zu tun, so die Quintessenz des Referats von Dr. Sebastian Kurtenbach.

Der Referent und sein Thema

Dr. Sebastian Kurtenbach ist ein Kenner der Dortmunder Nordstadt. Er ist aktuell Vertretungsprofessor für Politikwissenschaften/Sozialpolitik, an der Fachhochschule Münster (Schwerpunkt Kommunalpolitik und kommunale Sozialpolitik). Kürzlich hielt Dr. Kurtenbach im Rahmen von „Blickwechsel – die Nordstadt(blogger)-Ausstellung“ (noch bis 29. Juni) in der neuen Galerie im Depot einen gut ausdifferenzierten Vortrag unter dem Titel „Dortmund-Nordstadt: Problemviertel und Chancenraum“.

Zwei Zeitungsartikel im selben Blatt machten die Ambivalenz der Nordstadt deutlich

Für den Stadtsoziologen Kurtenbach offenbart die Nordstadt, in der fast zehn Prozent der Dortmunder Bevölkerung lebt und welcher der kinderreichste Bezirk vor allen anderen ist, „normativ gesehen problematische“ aber auch als positiv zu bezeichnende Aspekte. Diese Ambivalenz sei gerade wieder in den letzten Tagen betreffs der Berichterstattung über die erwähnte körperliche Auseinandersetzung an Pfingsten – sogar in ein und der derselben Zeitung – deutlich geworden. In den Ruhr Nachrichten nämlich waren innerhalb weniger Tage zwei Artikel (hier und hier) über die Nordstadt zweier verschiedener Redakteure mit zeitlichem Abstand erschienen, welche das aufscheinen ließen. In dem einen ist im Text von „Szenen wir im Krieg“ die Rede, in dem anderen lautet der Tenor: Es ist alles gar nicht so schlimm, so kriminell, schaut doch mal vorbei. Für beides, müsse anerkannt werden, so Dr. Sebastian Kurtenbach, gebe es unzweifelhaft Argumente und Nachweise.

Hohe Problemdichte in der Dortmunder Nordstadt und ein schlechtes Stigma

Fraglos, wurde klar, liegt die Problemdichte in der Nordstadt höher als in anderen Dortmunder Stadtteilen. Gesundheitsprobleme, nicht zuletzt aufgrund schlechter Luft durch hohe Verkehrsbelastung (die Feinstaubbelastung ist relativ hoch), erhöhte Armut und Kriminalitätsrate (vor allem im Bereich Jugendgewalt) seien Tatsachen. Ein Drittel aller Haushalte in der Nordstadt seien überschuldet, referierte Dr. Kurtenbach. Bei der Einschulungsuntersuchung von Kindern aus der Nordstadt werden im Vergleich zu Altersgenossen in anderen Stadtteilen besonders oft Defizite bei der Visuomotorik (Koordination von visueller Wahrnehmung und Bewegungsapparat) festgestellt. Auch an ausreichenden Deutschkenntnisse herrsche ein Mangel.

Betreffs der Stadt Essen z. B. habe eine Untersuchung eins Bochum Kollegen ergeben, dass es reiche zu wissen, wo die Wiege eines Kindes steht, um dessen Bildungskarriere mit einer Wahrscheinlichkeit von siebzig Prozent zu prognostizieren. Kurtenbach: „Das ist ein Skandal!“

Die Nordstadt hat ein schlechtes Stigma und eine „sehr schlechte territoriale Reputation“, merkte Dr. Kurtenbach an. Dies wollte der Referent indes nicht als Nordstadt-Bashing verstanden wissen: „Wir müssen die vorhandenen Probleme tatsächlich benennen, dann man kann auch etwas daran tun.“

Im Stadtteil seien „instabile kollektive Normen“ zu erkennen. Was auch mit der relative hohen Fluktuation in der Nordstadt in Zusammenhang stehe. Dadurch sei etwa die Nachbarschaftshilfe bei Problemen nicht sehr hoch. Dafür kenne man sich halt viel zu wenig. Konflikte würden nicht selten untereinander ausgehandelt.

Ein Fakt sei, dass die Nordstadt schon immer ein Ankunftsgebiet für Einwanderer gewesen sei. Sie orientierten sich bei den schon Ansässigen, integrierten sich und manche zögen dann wiederum fort in andere Stadtteile. Für andere wiederum werde die Nordstadt zu einer Sackgasse, weil deren Integration gescheitert sei.

Forschungsprojekt zur Jugendgewalt

Was die Jugendgewalt angehe, sagte Kurtenbach, habe er an der Universität Bielefeld unter Leitung von Prof. Wilhelm Heitmeyer zusammen mit Simon Howell, Abdul Rauf und Stefan Zdun ein internationales Forschungsprojekt durchgeführt. Und zwar in Deutschland Pakistan und Südafrika (Veröffentlicht unter dem Titel „The Codes of the Streets in Risky Neighborhoods“). In riskanten Stadtteilen seien männliche Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren interviewt worden. Was die Nordstadt angeht, kam heraus, dass die Jugendlichen etwa im Vergleich zu Scharnhorst viel mehr darum bemüht seien, herauszufinden, wie man Konflikten ausweichen und Gewalt vermeiden könne. Dennoch sei die Brutalität bei Konflikten in der Nordstadt besonders noch gewesen.

Dennoch: Die Nordstadt – mit über 100 Jahren Aufnahmeerfahrung mit Zuwanderern – ist ein Chancenort

All die vorangehend genannten Tatsachen erforderten von Politik und Gesellschaft daran zu arbeiten. Dennoch, darauf beharrte Kurtenbach, sei die Nordstadt ein Chancenort. Und ging im zweiten Teil seines Vortrags darauf ein.

Anderen Dortmunder Stadtteilen habe die Nordstadt schon einmal eines voraus: Seit über einhundert Jahren habe sie Erfahrung in der Aufnahme von Menschen durch die Zuwanderung (dazu auch hier und hier) . Etwa seien Menschen u.a. aus der Ukraine in der westlichen Teil der Nordstadt gezogen. Davon zeugten noch heute manche Straßennamen. Viele von ihnen hätten rund um ein Kloake gewohnt, die man auch noch abfällig als das „Schwarze Meer“ bezeichnet habe. Damals habe man nachts die auf Bodenhöhe befindlichen Bahngleise abgesperrt, welche die Nordstadt vom anderen Teil Dortmunds trennten. Da schon ist das „Sicherheitsnarrativ“ aufgekommen: „In der Nordstadt da wohnen so viele Polen, da müssen wir unsere Innenstadt davor schützen.“

Der Konfliktverlauf in der Nordstadt steigt zwar an, verbleibt jedoch auf mittelmäßigem Niveau

Ihm würde zuweilen unterstellt er habe eine rosarote Brille auf, wenn er über die Nordstadt spreche, sagte Sebastian Kurtenbach. Was nicht so sei. Denn, nicht immer sei alles so friedlich verlaufen, was mit Zuwanderung zusammenhängt. Allerdings besteht er darauf: „Im Ergebnis klappt es ziemlich gut.“ Ein Konfliktverlauf müsste, wurde in einer projizierten Grafik dargestellt, eigentlich so sein, dass er ansteige, eskaliert und dann sich wieder abschwäche. Kurtenbach, auf die Nordstadt bezogen: „Wir argumentieren aber, dass der Konflikt zwar ansteigt aber nicht zum Eskalationspunkt kommt.“ Durch vielfältige Moderationsangebote verbleibe der Konfliktverlauf auf einem mittelmäßigen Niveau.

Viele Angebote und Austauschplattformen für die verschiedenen Zuwanderer in der Nordstadt

Dr. Kurtenbach: „Es werden immer wieder Mikrolösungen gefunden.“ Und die sprächen in Form von Veranstaltungen und Angeboten viele verschiedene Zuwanderer in der Nordstadt an. Dr. Kurtenbach nannte das Roma-Kulturfestival „Djelem Djelem“ – mittlerweile deutschlandweit bekannt (hier mehr). Es helfe sehr gut dabei mit, dass durch alte Vorurteile immer wieder beschädigte Image der größten europäischen Minderheit, der Roma, aufzubessern. Des Weiteren erwähnte der Referent den „Talk im DKH“, der erfolgreich als Austauschplattform fungiere und diskursiv funktioniere. Was gleichermaßen auf das „Speed-Dating der Kulturen“ in Kooperation von Planerladen und Dietrich-Keuning-Haus zutreffe. Miteinander reden, mehr vom Anderen wissen – darum gehe es.

Merkmale von Ankunftsgebieten

Auf Ankunftsgebiete, wie auch die Nordstadt eines sei, träfen bestimmte Merkmale zu. Sie sind schon länger armutsgeprägt, es existiere ein Dazwischen (Zuwanderer, die noch nicht ganz angekommen sind) – die aber als als Mittler für die Neuankömmlinge dienen (nicht immer ganz selbstlos, zuweilen auch ausbeuterisch handelnd) -, eine Konzentration von Western Union-Filialen und Internetcafés, Angebote von Gelegenheitsjobs (oft freilich Schwarzarbeit), um erst einmal über die Runden zu kommen.

Wer es geschafft habe, ziehe nach Bildungsaufstieg oder wegen eines festen Jobs wieder aus der Nordstadt weg und in andere Dortmunder Stadtbezirke. Das erkläre die konstant hohe Fluktuation.

Die öfters geäußerte Kritik an der sogenannten Armutszuwanderung (etwa aus Rumänien und Bulgarien) stellte Dr. Kurtenbach vom Kopf auf die Füße: Nur ein kleiner Teil der aus diesen Ländern stammenden Menschen litten an Armut. Viele seien von Sozialleistungen ausgeschlossen.

Mit Strategien und Hoffnungen werden soziokulturelle Veränderungen in der Nordstadt angestrebt

Sozialstrukturelle Veränderungen in der Nordstadt, erklärte Sebastian Kurtenbach, gehe man mit Strategien und Hoffnungen an. Der Stadt Dortmund billigte er zu, insgesamt sehr viel für den Stadtteil zu tun. Insgesamt liefen derzeit 250 Projekte mit 250 bis 300 Fach- und Ergänzungskräften.

Das Projekt der Grundschule „Kleine Kielstraße“ verlieh Kurtenbach das Prädikat „Champions League“. Die fingen praktisch schon ab der Geburt der Kinder mit den Familien und deren Sprösslingen zu arbeiten – lange bevor die überhaupt zur Schule kommen.

Auch die Sozialverbände engagierten sich sehr stark.

Ebenfalls gebe es die Initiative einer privaten Firma, welche in das das Wohnprojekt „Borsigplatz West“ investiert. Da ziele man auf eine finanzstärkere Mieterschaft, um eine bessere soziale Mischung hinzubekommen.

Kein Widerspruch: Ernüchterndes Ergebnis betreffs der sozialen Situation in der Nordstadt. Aber das investierte Geld „ist super angelegt“

Ist das Glas Wasser betreffs der Situation in der Nordstadt nun halb voll oder halb leer?

Dr. Sebastian Kurtenbach kommt trotz der vielen Anstrengungen in Sachen Nordstadt („Hier fließt richtig was rein.“) zu einem ernüchternden Ergebnis. An der sozialen Situation in der Nordstadt habe sich wenig getan. Kein Widerspruch: Aber das investierte Geld, da teilt Kurtenbach zusammen mit Aladin El-Mafaalani eine Hypothese, „ist super angelegt“. Das Problem sei nur, das es den einzelnen Personen zugute kommt, aber nicht dem Stadtteil an sich. Es schafften mehr Leute aus der Misere herauszukommen. Die steigenden Anmeldungen von SchülerInnen am Gymnasium sei ein Indiz dafür, dass es ziemlich gut klappe in der Nordstadt. Verstärkte Zuwanderung bei gleichzeitig mehr an Anmeldungen am Gymnasium – dies sei kein schlechtes Zeichen. So müsse weiter verfahren werden. Weshalb die Dortmunder Nordstadt eben nicht (nur) als Problemort sondern durchaus als Chancenraum betrachtet werden müsse. Diese Entwicklung könne durchaus zum Bleiben von Menschen in der Nordstadt und somit zur Stabilisierung von Nachbarschaft beitragen, was wiederum zur Ausbildung von kollektiven Normen führen kann. Andererseits könne die Nordstadt auch eine „Durchlauffunktion“ erfüllen, die für die Gesamtstadt und selbst das Ruhrgebiet insgesamt positive Effekte zeitigen kann.

Interessante Ergänzungen aus dem Publikum, Zustimmung, aber auch ein kontroverser Einwand

Die anschließende Frage- und Diskussionsrunde erbrachte interessante Ergänzungen und es wurden auch neue Fragen aufgeworfen. Die im vollbesetzten Auditorium anwesende SPD-Landtagsabgeordnete Anja Butschkau sagte, ihr habe der Vortrag von Dr. Kurtenbach gezeigt, dass man auf einem guten Weg sei. Als Erkenntnis nehme sie nach diesem Abend mit, dass die vom Referenten aufgestellte These, dass das eingesetzte Geld insofern gut investiert ist, weil es in die Menschen investiert, die dann den Stadtteil verlassen. Für den Stadtteil müsse man sich dann noch einmal etwas überlegen.

Eine andere Dame aus dem Publikum, die an einer Schule tätig und in der Flüchtlingsarbeit engagiert ist, fand, dass sie nicht sehe, dass die Zuwanderer die Nordstadt so freiwillig wählten, wie ihr der Vortrags vermittelt hätte. Die Zuwanderer gingen wohl hauptsächlich wegen der relativ geringen Mieten dorthin, für deren Kosten auch schon einmal das Sozialamt aufkäme. Für sie ist das Problem ein Problem der gesamten Stadt. Der soziale Wohnungsbau werde abgebaut. Es brauche überall mehr bezahlbarer Wohnungsraum. Dr. Sebastian Kurtenbach bestätigte dieses Manko betreffs des sozialen Wohnungsbaus.

26. Jahrestag des Brandanschlags von Solingen: Berührende Spezialausgabe des „Talk im DKH“ in Dortmund

Hintergrund

Nicht lange nach dem gemeinhin Wiedervereinigung genannten Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland 1990 kam es zwischen 1991 und 1993 zu pogromartigen Ausschreitungen seitens Teilen der deutschen Bevölkerung. Die Politik – namentlich die von CDU und CSU – hat diese Stimmung zweifellos befördert und trägt somit mit Schuld an derem Ausbruch. Bereits 1986 hatten die Unionsparteien eine Kampagne gegen einen angeblichen Missbrauch des Asylrechts gestartet, die maßgeblich von den Blättern des Springer-Konzerns Bild und der Welt am Sonntag mitgetragen und ständig weiter befeuert wurden. Vor dem Hintergrund der gravierenden Folgen des Umbruchs in der einstigen DDR, welcher mit dem Verlust vieler Arbeitsplätze in Ostdeutschland einherging, fanden manche Enttäuschte in Asylsuchenden Sündenböcke.

Auf dem Podium: Aladin El-Mafaalani, , Aslı Sevindim, Fatih Cevikkollu und Özge Cakirbey (v.l.n.r). Fotos: C. Stille

Nach 1990 kam es zu einer Welle rassistischer und ausländerfeindlicher gewaltsamer Ausschreitungen insbesondere gegen Asylbewerber (siehe Asyldebatte). Es begannt mit den Ausschreitungen von Hoyerswerda und in Rostock-Lichtenhagen, wie u.a. in Wikipedia nachzulesen ist. Es war reiner Zufall, dass nicht schon damals Todesopfern zu beklagen gewesen waren. Nachahmungstaten in der Altbundesrepublik folgten. Sie forderten mehrere Todesopfer.

Vor 26 Jahren starben bei einem ausländerfeindlich motivierten Anschlag in Solingen fünf Menschen einer Familie mit türkischem Hintergrund – dazu gab es ein SPEZIAL – „Talk im DKH“ Dortmund

Am 29. Mai war es 26 Jahre her, dass bei einem ausländerfeindlich motivierten Anschlag 1993 in Solingen fünf Menschen einer türkischen Familie verbrannten.

In der bekannten und erfolgreichen Reihe des Dortmunder DKH (Dietrich-Keuning-Haus), „Talk im DKH“, gab es anlässlich des traurigen Jahrestages am vergangenen Mittwoch eine berührende Spezialausgabe zum Thema. Letztlich mit dem Fazit, dass wir uns auf einer fortwährenden Reise befänden, welche von uns verlange, stets nicht nur achtsam zu sein, sondern auch wehrhaft auf Rassismus und Ausländerfeindlichkeit zu reagieren.

Özge Cakirbey begrüßte das Publikum und interviewte Levent Arslan, der durch das schlimme Ereignis von Solingen in besonderer Weise geprägt und politisiert wurde

Die Gäste sind von Özge Cakirbey, die zusammen mit Aladin El-Maafalani durch den Abend führte (Cakirbey wird erfreulicherweise auch bei den künftigen Ausgaben es „Talk im DKH“ gemeinsam mit ihm moderieren), begrüßt worden. Sie verlas zunächst den Text „Ich bin anders“.

Danach interviewte sie Levent Arslan, den Direktor vom Dietrich-Keuning-Haus. Er glaubt, dass der Brandanschlag von Solingen seine Generation, Anfang der 1970er Jahre geborenen, „ziemlich geprägt“ habe. Erst recht ihn selbst. Vorher nicht so politisch interessiert, habe ihn dieses Ereignis in außergewöhnlicher Weise politisiert. Damals, gestand Arslan, habe er „richtig Angst gespürt“, aber auch „richtige Wut“ habe sich bei ihm angsammelt. Arslan: „Da sind Menschen ums Leben gekommen!“ Mehrfach, erzählt der Direktor, und sein Gesichtsausdruck verfinstert sich bei der Erinnerung, sei er mit einem jungen Journalisten nach dem Anschlag unmittelbar vor Ort gewesen.

Damals hat Levent Arslan eine Versicherung des Staates vermisst, dergestalt: „Ihr steht unter dem Schutz des Staates. Wir sorgen dafür, dass es nicht nochmal passiert.“ Den Schutz des Staates habe er damals nicht verspürt. Und Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) habe sogar abgelehnt vor Ort seine Trauer zu bekunden. Gut getan habe hingegen, erwähnte Arslan, dass der damalige NRW-Minsterpräsident Johannes Rau da war und einen Satz gesagte habe, „der mich nachhaltig zum Nachdenken gebracht hat“: „Ich bin der Ministerpräsident nicht nur der Deutschen, sondern der Ministerpräsident aller hier lebenden Menschen.“ Besonders vermisst

Özge Cakirbey befragt DKH-Direktor Levent Arslan.

habe er damals ein Statement der Repräsentanten dieses Staates. Dies hätte seiner Meinung nach ein unmissverständliches Signal ausgesendet: „Dass sich so etwas wiederholt werden wir mit aller Macht verhindern!

Dokumentarfilm über Ursachen und Folgen des ausländerfeindlich motivierten Brandanschlags von Soligen: 93/13 von Mirza Odabaşi

Zunächst wurde „93/13“, ein Dokumentarfilm über Ursachen und Folgen des ausländerfeindlich motivierten Brandanschlags in Solingen aus dem Jahr 1993 des deutsch-türkischen Regisseurs Mirza Odabaşi vorgeführt. Das bot sich an: Der Regisseur steckte nämlich noch im Stau (drei ganze Stunden (!), wie er später sagte). Ein außergewöhnlicher Film, der sich dem Ereignis sensibel näherte. Besonders in Erinnerung bleiben die darin gesprochenen Worte von Mevlüde Genç, die zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte bei dem Anschlag verlor. Wir seien doch alle Gäste auf dieser Erde, hört man sie einmal sagen, wir müssten doch alles daran setzen, miteinander auszukommen und friedlich zusammenzuleben.

Auch die realistische Betrachtungsweise des Journalisten Michel Friedman dürfte den Zuschauern wohl im Gedächtnis haften bleiben: Er habe sich damals überhaupt nicht gewundert, dass so etwas passierte. Waren doch Ausländerhass und Hetze durchaus mitzubekommen, wenn man es hatte mitgekommen wollen.

Den Film 93/13 zum machen, sagte Mirza Odabaşi, habe schon einen Therapieeffekt für ihn gehabt

„Meine Liebe zur Heimat ist stärker als der Hass derer, die glauben, dieses Land für sich gepachtet zu haben“ ist ein Aussage von Regisseur Mirza Odabaşi. Damit beginnt der Film. Odabaşi, damals in der Nähe von Solingen lebend, war 1993 fünf Jahre alt. Tagelang wurde in den Nachrichten über den ausländerfeindlichen Anschlag berichtet, Mirza hatte Angst, ihm und seiner Familie könnte dasselbe passieren. Solingen hat ihn geprägt, wie viele andere auch. Er hat das mit sich getragen. Den Film zu machen sagte er auf dem Podium im Atrium des DKH, habe schon ein Therapieeffekt für ihn gehabt. 2013 hat er sein Abitur in Solingen gemacht. Auf der Zugfahrt dorthin, erzählte Odabaşi, habe ein Gespräch von „drei türkischen Mamis“ mitbekommen. Die eine habe zur anderen gesagt, „das mit dem Brandanschlag ist nun auch schon wieder zwanzig Jahre her“. Als er diesen Satz gehört habe, wusste er, dass er einen Film über den Brandanschlag von Solingen machen würde. Daher auch der Titel: „93/13“. Mit Fatih Cevikollu hat er als einer der ersten über sein Vorhaben gesprochen. Bei dem Interview mit Mevlüde Genc habe er sich, gesteht Odabaşi, sehr schlecht gefühlt. Hätte die Familie nicht zugestimmt hätte er diesen Film nicht gemacht.

Fatih Cevikkollu entschied sich fürs Schreiben, um das rauszulassen, was ihn nach dem Brandanschlag gefühlsmäßig bewegte

Und Fatih Cevikkollu, Schauspieler und Kabarettist, war auch Gast des Spezial-Talks an diesem Mittwoch. Der bekennt: „Solingen war mein NSU und mein 11. September in einem.“ Somit ein „Entscheidungsproblem“. Dass Helmut Kohl seinerzeit ablehnte seine Trauer zu bekunden, habe ihm erstmals vor Augen geführt: „Du gehörst nicht hier her. Mehr noch: Du bist hier und zum Abschuss freigegeben.“ Eigentlich sei sein Gefühl anders gewesen. Schließlich sei er in Köln geboren, fühlte sich am Leben teilhabend. Nach dem Anschlag habe er überlegt irgendwie in den Untergrund zu gehen und irgendetwas zu organisieren oder: „Du musst es irgendwie anders ausdrücken. Du musst das rauslassen.“ Cevikkollu entschied sich fürs Schreiben. Mit Breakdance-Texten begann es, damit ging er auf die Bühne, spielte Theater, war im Fernsehen. „Es war ein Moment der Politisierung, des Nicht-einverstanden-Seins.“ Dafür brauche man ein Bewusstsein, eine Haltung.

Auf eine entsprechende Frage von Moderatorin Özge Cakirbey äußerte Cevikkollu eine Vermutung, womit die ablehnende recht Haltung in der Gesellschaft auch damit zu tun könnte. Zumindest in Ostdeutschland. Nämlich damit, wie nach der Wende, der Abwicklung der DDR und deren verbliebenen Menschen umgegangen worden sei. Von politischer Seite sei konkret keine Verantwortung für diese Menschen übernommen worden. Gesagt werden hätte müssen: „Ich höre dich. Ich fühle dich. Und was brauchst du?“ Stattdessen sei den Menschen von heute auf morgen nicht nur die Deutsche Mark übergestülpt worden, kritisierte Fathi Cevikkollu. Und in der Presse sei von der „Asylantenflut“ die Rede gewesen. Die Menschen in der DDR hätten von einem „Kahlschlag“ gestanden. Cevikkollu: „Ich denke da gibt es direkt Verbindungen.“

Wie auf erneute Herausforderungen reagieren, wollte Moderatorin Özge Cakirbey von dem Schauspieler und Kabarettisten wissen. Kürzlich sei nämlich in den Nachrichten etwa quasi geraten worden, dass jüdische MitbürgerInnen auf ihre Kippa verzichten sollten auf der Straße. Cevikollu antwortete: „Es ist eine Reise, es entsteht Bewusstsein, es entsteht Achtsamkeit. Ich habe gestern den schönen Satz gehört Kippatragen ist Staatsräson. Und Kopftuch muss nicht sein.“ Eine Anthropologin habe das gesagt. Aladin El-Maafalani warf ein: „Das meinte sie ironisch.“ Cevikkollu weist auf ein Wort von El-Maafalani hin: „Kopftuch war okay, solange man zum Putzen kam. Eine Lehrerin in der Schule damit, das geht zu weit. Da stimmt doch etwas nicht.“

Aslı Sevindim erfasste Wut, Enttäuschung und Trauer als sie 1993 von dem Anschlag von Solingen auf einem Campingplatz in den Niederlanden Kenntnis erlangte

Ebenfalls Gast des Abends, die scheidende WDR-Journalistin Aslı Sevindim (sie wird anstelle von Aladin El-Mafaalani die Abteilungsleitung im NRW-Integrationsministerium übernehmen). Sevindim war zum Zeitpunkt des Brandanschlags von Solingen 19 Jahre alt, hatte das Abitur gemacht. Die Absolventen ihres Abiturjahrgangs hätten vorgehabt zu einem Pfingstgelage ins niederländische Renesse zu fahren. Sie selbst sei mit dem Zug hinterhergefahren. Sie sei auf Besoffene oder Zugekiffte getroffen. Ihre Party sei das nicht gewesen. Sie habe entschieden einkaufen zu gehen und dann vielleicht nach Amsterdam zu fahren. Im Supermarkt, am frühen Sonntag auf dem Campingplatz sei sie über die Schlagzeile der Bildzeitung von dem furchtbaren Ereignis angesprungen worden. Zusammen mit einer anderen Schülerin fuhr sie wieder heim nach Duisburg. Erschütterung, Wut, Enttäuschung und Trauer – alles zugleich – habe sich in ihrer Community und bei ihren Freunden ausgebreitet.

Heute gibt sie anlässlich von bestimmten Diskursen, wahnsinnigen Spaltungen und Polarisierungen in der Gesellschaft zu bedenken: „Wie reden wir über Menschen? Wie stellen wir sie dar? Wie machen wir sie eventuell zu Zielscheiben?“ Da müsse man „absolut medienkritisch“ draufschauen. Da betrachte sie auch ihre eigene Zunft äußert kritisch. Es gebe, sagte Sevindim, in unserer Gesellschaft Menschen, bestimmte Gruppen in unserem Land, „die haben Antennen für solche Dinge“, bestimmte Entwicklungen, davon zeuge auch die Sensibilität von der etwa Michel Friedman im Film spreche. Sevindim: „Das sollten wir sehr sehr ernst nehmen.“ Sie sprach gewissermaßen auch die zunehmende Verarmung, etwa aufgrund von prekären Löhnen, Menschen mit Vollzeitjob, die davon nicht mehr leben könnten, Alleinerziehende, hierzulande an, die uns zu denken geben müsse. Es gebe bestimmte Menschen mit bestimmter Ausstattung und Geschichte und Erfahrung mit diesbezüglich sensibel eingestellten Antennen: „Mehr auf diese Antennen einmal hören!“

Es war fast folgerichtig, dass an diesem Abend auch der NSU-Terror zu Sprache kam und die katastrophalen Ermittlungsfehler, die bei Polizei aber besonders beim Verfassungsschutz bei dessen Aufklärungsversuchen der in diesem Zusammenhang begangenen Taten gemacht wurden. Aslı Sevindim riet dazu, darüber nachzudenken, wie man die Gesellschaft gewissermaßen fitter dafür zu machen, künftigen Taten vorzubeugen bzw. zu begegnen.

Mirza Odabaşi lag es fern, verschieden schreckliche Ereignisse und Opferzahlen gegeneinander aufzurechnen. Er fand jedoch, dass der Brandanschlag von Solingen „auf irgendeine Art und Weise amateurhaft“ wirke, „die NSU-Morde richtig professionell“. Da fange man an wirklich „an allem zu zweifeln“. Da könnten doch nicht nur „drei verrückte Neonazis“ am Werke gewesen sein. „Da misstraust du der Polizei, dem Lokführer, deinem Nachbarn … und so weiter und sofort“.

Sevindim ergänzte: „Das ist die Systematik“ und: „Das Vertrauen in den Staat, dass du das Gefühl hast, dass die letzten die mir noch helfen können, dass du da nicht vertrauen kannst.“ Das sei wirklich „eine Erschütterung der Demokratie, das können wir uns überhaupt nicht leisten.“

Fatih Cevikkollu erinnerte noch an den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße. Eine Stunde nach dem Anschlag seinen quasi die Opfer zu Tätern gemacht worden. Ein rechten Anschlag hatte man ausgeschlossen. Das sei in den Nachrichten gekommen. Er selber habe sich da in die Irre führen lassen. Dabei habe es durchaus Hinweise von Leuten aus der Gegend gegeben, dass könnten eigentlich nur Nazis gewesen sein, wie dann klar geworden sei. „Organisierter Rassismus!“ Was ihn geschockt habe, war die Reaktion darauf: „Das waren nur die drei Leute“. Klar, juristisch sei das schwer zu fassen. Dennoch. „Nacktes Entsetzen. Und es es geht weiter! Es ist nicht zu Ende. Das System ist noch da.“ Bezüglich der NSU-Morde habe es Fehlinformationen gegeben, Akten seien geschreddert, anderes sei vom Verfassungsschutz vertuscht worden. Cevikollu: „Das ist offenkundig. Das ist einer Erkenntnis aus dem NSU jedenfalls.“ Moderatorin Cakirbey fragt noch einmal präzisierend nach, ob, wenn Opfer zu Tätern gemacht würden, das eine Projektionsfläche der Behörden, des Staates sei eigenen Versagen zu decken, zu verharmlosen. Und werde das in seiner Wahrnehmung öfter gemacht? Cevikollu darauf: „Der Verdacht liegt nahe. Diesen Verdacht möchte ich äußern dürfen.“

Aslı Sevindim gibt zu Bedenken: Das Böse kommt nie auf einmal. Und forderte auf, beizeiten sagen: „Stopp! Bis hierher und nicht weiter.“

Aslı Sevindim brachte die Sprache auf eine bemerkenswerten Rede (Quelle: Die Presse) eines österreichischen Schriftstellers. Der Name fiel ihr

Gruppenbild nach der Veranstaltung: Aladin El-Maafalani, Mirza Odabaşi (hinten links rechts). Aslı Sevindim, Özge Cakirbey und Fatih Cevikollu (v.l.n.r.).

Moment nicht ein. Vermutlich meinte sie Michael Köhlmeier, welcher sie auf der Gedenkveranstaltung „Mensch bleiben“ – vor versammelter österreichischer Regierung – in Mauthausen im Februar 2019 gehalten hat.

Sevindim verweist (sinngemäß) auf diesen Satz darin hin: Das große Böse kommt nie auf einmal. Es kommt in winzigen kleinen einzelnen Schritten. Sevindim: „Gerade wir in diesem Land müssen das wissen. Und wir müssen es leben.“ Wieder kam die Rede auf die NSU-Morde. Wie konnte damals anfangs ohne Widerspruch von „Dönermorden“ gesprochen werden? Sevindim appellierte an alle, beizeiten zu sagen: „Stopp! Bis hierher und nicht weiter.“

Fazit

Ein berührender SPEZIAL-Talk im DKH war das. Berührend. Informativ. Mit engagiert vorgetragenen klugen Wortbeiträgen. Zum Nachdenken anregend. Und zum Handeln ermunternd. Die sich dem Podiumsgespräch anschließende Fragerunde war nicht weniger interessant.

Zwei Saz spielende Instrumentalisten hatten mit türkischen Weisen auf die Veranstaltung musikalisch eingestimmt.

Nächster Talk im DKH am 5. Juli mit Max Czollek

Zum nächsten Talk im DKH am 5. Juli kommt der deutsch-jüdische Autor Max Czollek. In seinem Buch „Desintegriert euch!“ schreibt er: „Die größte Integrationsleistung der deutschen Gesellschaft war die Integration der Nazis nach 1945.“

Zum 26. Jahrestag des Brandanschlags von Solingen: Spezialausgabe des „Talk im DKH“ in Dortmund mit Filmvorführung „93/13“ von Mirza Odabaşi

Nach dem Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland 1990 kam es zwischen 1991 und 1993 zu pogromartigen Ausschreitungen seitens Teilen der deutschen Bevölkerung. Die Politik – namentlich die von CDU und CSU – hat diese Stimmung befördert und trägt somit mit Schuld. Bereits 1986 hatten die Unionsparteien CDU und CSU eine Kampagne gegen „den Missbrauch des Asylrechts“ gestartet, die maßgeblich von den Blättern des Springer-Konzerns Bild und der Welt am Sonntag mitgetragen und ständig weiter befeuert wurden.

Nach 1990 kam es schließlich zu einer Welle rassistischer und ausländerfeindlicher gewaltsamer Ausschreitungen insbesondere gegen Asylbewerber (siehe Asyldebatte). Es begannt mit den Ausschreitungen von Hoyerswerda und in Rostock-Lichtenhagen, wie u.a. in Wikipedia nachzulesen ist. Es war reiner Zufall, dass nicht schon damals Todesopfern zu beklagen gewesen waren. Nachahmungstaten in der Altbundesrepublik folgten. Sie forderten mehrere Todesopfer.

Vor 26 Jahren starben bei einem ausländerfeindlich motivierten Anschlag fünf Menschen einer türkischen Familie in Solingen

Am 29. Mai wird es 26 Jahre her sein, dass bei einem ausländerfeindlich motivierten Anschlag 1993 in Solingen fünf Menschen türkischer Abstammung verbrannten.

  • Gürsün İnce (* 4. Oktober 1965)
  • Hatice Genç (* 20. November 1974)
  • Gülüstan Öztürk (* 14. April 1981)
  • Hülya Genç (* 12. Februar 1984)
  • Saime Genç (* 12. August 1988)

In der bekannten und erfolgreichen Reihe des Dortmunder DKH (Dietrich-Keuning-Haus), „Talk im DKH“, gibt es morgen anlässlich des traurigen

Jahrestages eine Spezialausgabe.

Gezeigt wird dort „93/13“, ein Dokumentarfilm über Ursachen und Folgen des ausländerfeindlich motivierten Brandanschlags in Solingen aus dem Jahr 1993 des deutsch-türkischen Regisseurs Mirza Odabaşi.

Meine Liebe zur Heimat ist stärker als der Hass derer, die glauben, dieses Land für sich gepachtet zu haben.“

Ein Zitat von Regisseur Mirza Odabaşi, ein Satz mit dem der Film (sh. Trailer Preview II via You Tube) beginnt. Odabaşi war 1993 fünf Jahre alt. Tagelang wurde in den Nachrichten über den ausländerfeindlichen Anschlag berichtet, Mirza hatte Angst, ihm und seiner Familie könnte dasselbe passieren. Solingen hat ihn geprägt, wie viele andere auch.

Wie konnte es 20 Jahre später zu den Norden des NSU kommen?

Sein Film geht auch der Frage nach, was seit dem Brandanschlag im Jahr 1993 geschehen ist. Was hat sich in den Köpfen der Menschen verändert? Wie konnte es soweit kommen, trotz Solingen, dass 20 Jahre später der Nationalsozialistische Untergrund NSU in Deutschland Menschen kaltblütig ermorden konnte?

Schauspieler und Kabarettist Fatih Cevikollu. Foto: C. Stille

93/13 ist ein eindringlicher Film über ein Schicksal, das nicht nur eine Familie ins Mark getroffen hat, sondern es ist auch ein Film über das alltägliche Miteinander in Deutschland, das oft genug auch zum alltäglichen Rassismus geworden ist.

Asli Sevindim. Foto: C. Stille

Im Anschluss an die Filmvorführung gibt es eine Gesprächsrunde mit dem Filmemacher Mirza Odabaşı, der scheidenden WDR-Moderatorin Aslı Sevindim (sie wird anstelle von Aladin El-Mafaalani die Abteilungsleitung im NRW-Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration übernehmen) sowie dem Schauspieler und Kabarettisten Fatih Cevikkollu. Durch den Abend führen Prof. Aladin El-Mafaalani und Poetry-Slammerin

Foto: Oliver Schaper

Özge Cakirbey  (Foto unten).

Der Eintritt ist frei. Aus organisatorischen Gründen bittet das DKH um Anmeldung. Die Wegbeschreibung finden Sie hier. Von 18:30 bis 21:30 Uhr

Robert Habeck beim Talk im DKH: Das Wort Kapitalismuskritik wieder in den Mund nehmen. Wir müssen es schaffen uns mit den wahrhaft Mächtigen anzulegen

Moderator Aladin El-Mafaalani (links) und Robert Habeck (rechts) im Gespräch. Fotos: C. Stille

Die Agora im Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus (DKH) war diesmal proppenvoll mit ZuhörerInnen – von der Bühne bis zum Eingang. Drei Jahre gibt es jetzt die Reihe Talk im DKH. Gast am vergangenen Freitag war Robert Habeck (49), ein deutscher Politiker und Autor. Seit dem 27. Januar 2018 ist er neben Annalena Baerbock Bundesvorsitzender der Bündnisgrünen. Zuvor war Habeck Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung sowie Vizeministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein. Er selbst nannte sich damals „Draußenminister“: „Als Minister bin ich im Grunde für alles verantwortlich, was draußen ist: Meer, Deiche, Moore, Weiden, Wälder, Kühe und Schweine, Schweinswale und Wölfe, Stromtrassen, Atomkraftwerke, Windkraftanlagen.“

Robert Habeck: „Radikal ist realistisch“

Für die Grünen möchte er zusammen mit Annalena Baerbock erreichen, dass „das Wort Kapitalismuskritik wieder in den Mund genommen werden darf“. Umwelt- und sozialpolitisch müsse die Partei wieder radikaler agieren: „Radikal ist realistisch“. Habeck forderte eine „gesunde Streitkultur“. Die offene Gesellschaft, so habe er gedacht, „ist das Gründungsdokument unserer Republik. Das sei der Preis um den es gehe.

Herr Habeck, was muss sich ändern?“

Zitat Robert Habeck: „Fragt mich jemand, wie findest du Deutschland, sage ich: entspannt, tolerant und lässig.“

Beim Talk im DKH nun wurde der Literaturwissenschaftler, Doktor der Philosophie und Vater von vier Söhnen gefragt: „Herr Habeck, was muss sich ändern?“ Mit ihm redete Aladin El-Mafaalani.

Die kritischen Denkanstöße des Zijah Jusufovic

Zunächst betrat der Zijah Jusufovic – geboren in Bosnien, jetzt in Dortmund lebend – die Szene. „Stets mehr oder weniger unberechenbar“, wie viele Künstler frotzelte Moderator El-Mafaalani. Die künstlerische Umsetzung des Themas besorgend, agierte Jusufovic eher soft, aber dennoch wie immer mit Pfiff und und mit Provokationen zum Nachdenken anregend. Mit seiner Grafik „Save the plastic“. Sie bildet eine weiße Hand die nach einer im Wasser treibenden Plastikflasche ausgestreckt ist ab, während sich daneben eine schwarze Hand aus dem Meer reckt: offensichtlich die Hand eines

Den musikalischen Part des Abends bestritt „Der Wolf“ (links im Bild).

Flüchtenden, eines zu ertrinken drohenden Menschen. Seien denn Plastikflaschen und Plastikbeutel wichtiger als die im Mittelmeer ertrinkenden Geflüchteten?, fragte der Künstler. Nicht weniger zum Nachdenken, mehr zum Aufschrecken geeignet eine weitere Grafik: rote Krawatten zu SS-Runen gefaltet mit dem Hinweis, dass da nun eine bestimmte Partei im Bundestag vertreten sei. Jusufovic gab zu bedenken: „Kann das eine Alternative für Deutschland sein?“ Erinnernd daran, was Schlimmes in seinem Land passiert ist, forderte er dazu auf miteinander zu reden.

Betreffs Deutschland spricht der Künstler explizit von „uns“ und „wir“, auch wenn er die deutsche Staatsbürgerschaft noch nicht hat. Er ist der Meinung, dass man „hier ’ne gute Chance bekommt“. Wo hingegen die Entwicklung in seiner Heimat durch Hass und Nationalismus geprägt sei. Jusufovic lobte die hierzulande stattfindende Vielfalt durch hinzukommende Kulturen „einfach geil – so muss es sein“. Das Publikum applaudiert zustimmend. Das Parteiprogramm der Grünen findet er „typisch grün“. Zijah Jusufovic befand, Elektroautos müssten allmählich sein. Wir hätten ja schließlich 2019. Deutlich machte er das mit einem weiteren in Form einer Grafik daherkommenden Denkanstoß: einem mit Verbrennungsmotor betriebenen Fön. Für einen Politiker ,befand der Künstler, sei Habeck „schon ein toller Typ“.

In wohl verstandenem Streit“ darüber streiten wer wir überhaupt sind bzw. eigentlich sein könnten

Robert Habeck sagte auf seinen Ausspruch (siehe Zitat oben) bezogen, dieser sei „keine beschreibende Aussage über einen Zustand, sondern eine normative, perspektivische Aussage, „wie ich will, dass Deutschland sich entwickelt und gesehen wird“.

Bezugnehmend auf den Merkel-Diktum „Wir schaffen das“, sagte Habeck wir müssten klären, wer mit „wir“ überhaupt gemeint ist, wer „wir“ sein wollten und darüber zu diskutieren hätten, was in Zukunft passiere, sowie darüber, wohin die Gesellschaft geht. „In wohl verstandenem Streit.“ „Und“, wie er in seinem Buch geschrieben habe, müsse auch darüber nachgedacht werden, „wer wir eigentlich sein könnten“.

Habeck: Wir haben verlernt politisch zu denken und müssen es schaffen uns mit den wahrhaft Mächtigen anzulegen

Bezogen auf die Diesel-Fahrverbote aber auch andere juristische Entscheidungen, die möglicherweise Politik meine, diese ignorieren zu können, kritisierte Robert Habeck. Dass sei „eine erstaunliche Verirrung der politischen Kategorien“ und eine „erstaunliche Vergesslichkeit, was Rechtsstaat überhaupt bedeutet“. Eingehend darauf, was sich also ändern müsse: Wir hätten verlernt politisch zu denken. Politisch zu denken heiße einen Zustand nicht einreißen zu lassen. Habeck skandalisierte, auf die Diesel-Fahrverbote zurückkommend: Eine „Bundesregierung habe sich nicht getraut, sich mit den wahrhaft Mächtigen, nämlich der Lobby der Automobilindustrie rechtzeitig anzulegen“. Autofahrer, vor allem die weniger Betuchten, müssten dies nun ausbaden. Die Fahrverbote hätten nicht sein müssen. Erst „wenn wir es geschafft hätten, uns mit den wahrhaft großen Strukturen, den wahrhaft Mächtigen anzulegen“, könne die Politik auch „wieder mit Parkverbotstickets kommen, sozusagen“.

Respekt für die TeilnehmerInnen an den „Fridays-for-Future“-Demos

Habeck: „Diesen Geist, große Probleme auch mit großen Antworten zu begegnen – also politischen Mut zu entfachen“ gelte es zu fördern. Die „Fridays for Future“-Demos von SchülerInnen für mehr Klimaschutz, die dafür die Schule schwänzten, nannte der Politiker „ein Tritt in den Arsch für jeden Politikers, dass die dahingehen“. Selbst wenn es für die SchülerInnen dafür ein Tadel oder einen Eintrag ins Klassenbuch gebe – das sei ein Grenzübertritt: „Die trauen sich wirklich was, das schneidet ein in deren Leben.“ Habeck: „Legt das Klassenbuch auf den Kopierer, machte euch ’ne schicke Farbkopie, rahmt die ein und hängt die an die Wand als Urkunde für Zivilcourage.“ Frenetischer Beifall in der Agora des Keuning-Hauses. „Streiten wir darüber wie ein Land sich aufstellt“, forderte der Bündnisgrüne.

Reden über den Heimat-Begriff, CDU-Leute, die unwissend einem Grünen applaudieren

Nach dem Inputreferat des Gastes beredete dieser mit Moderator Aladin El-Mafaalani u.a. den Heimat-Begriff. Oftmals, so Habeck, erfinde man eine Vergangenheit, projiziere etwas was werden solle, was man sich wünscht in die Vergangenheit zurück. Er zitierte den letzten Satz aus Ernst Blochs dicken Wälzer „Das Prinzip Hoffnung“ etwas von der letzten Seite: Demnach sei Heimat etwas, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“. Also ein Utopie. Auch darüber wurde gesprochen, dass der Grünen-Politiker Habeck schon einmal auch Vorträge über die soziale Marktwirtschaft vor CDU-Foren halte, obwohl er im Grunde nur das grüne Parteiprogramm referiere, das davon spreche, dass große Machtstrukturen gefährlich seien und es Aufstiegsmöglichkeiten für alle geben müsse. Er erhalte sogar Beifall dafür. Jenen Leuten habe er allerdings erklären müssen, dass wir eine solche soziale Marktwirtschaft längst nicht mehr hätten.

Die Grünen als Gegengewicht, um die Entwicklung wieder Richtung Rechtsstaatlichkeit, Liberalität und Freiheit zurückzuziehen

Robert Habeck begreift die Rolle der Grünen als ein Gegengewicht die ganze Entwicklung wieder zurückzuziehen. Richtung Rechtsstaatlichkeit, Liberalität und Freiheit. In der Politik sei aber eben nichts sicher. Man müsse ins Kalkül ziehen, dass man verlieren könne. Auch wenn man als Grüne momentan zweitstärkste Partei sei. Es werde nur auf Fehler gewarte, die man als Bündnisgrüne mache: „Politik ist kein unschuldiges Geschäft“, so Habeck.

Ob er oder wer auch immer einmal Bundeskanzler (eine vom Moderator an Habeck weitergereichte Frage) werde wolle, ergebe im Augenblick keinen Sinn. Sinn ergebe es jedoch, dass aufgepasst werde müsse nicht morgen in einen „selbst gebuddelten Abgrund“ zu fallen.

Schlange vorm Saalmikrofon. Interessante Fragen

Am Saalmikrofon hatte sich unterdessen eine beachtliche Schlange von Fragestellern aufgebaut. Angetippt wurden viele unterschiedliche, die

Am Saalmikrofon in der proppenvollen Agora des Dietrich-Keuning-Hauses.

Gesellschaft bewegende Themen. Wie die Frage, ob die Zweistaatenlösung im Israel-Palästina-Konflikt noch favorisiert würde (Habeck bejahte das). Des Weiteren kam die Geflüchteten-Problematik aufs Tapet. Sowie die PflegerInnen in der Altenbetreuung, für die die Fragestellerin Katharina forderte, endlich wieder die Sonne scheinen möge (bessere Bedingung und gute Entlohnung). Und die nach Meinung eines Herrn nicht erfolgte Aufklärung seitens der Politik über den UN-Migrationspakt, sodass es der AfD ermöglicht worden sei das Thema hochzukochen. Zu Letzterem meinte Robert Habeck der UN-Migrationspakt sei für Deutschland kein großes Thema. Was habe sich seit dem Beschluss hierzulande verändert? Ein „Kartell des Verschweigens“ habe es nicht gegeben.

Dem wahrscheinlich jüngsten Mitglied der Grünen flogen die Herzen des Publikums zu

Die Herzen der ZuhörerInnen flogen dem zwölfjährigen Fragesteller Emilio zu, der bekannte Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen zu sein. Robert Habeck: „Du bist wahrscheinlich das jüngste Mitglied das wir haben. Und ich kenne ihn.“ Der Junge geht jeden Freitag zu „Fridays for Future“. Er rief dazu auf, Kinder und Enkelkinder dorthin zu schicken. Beifall! Emileo interessierte Habecks Meinung zum Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE). Vor drei Jahren sei Robert Habeck noch voll dafür gewesen. Wer in die Arbeitslosigkeit müsse dem müsse das Existenzminimum gesichert und dafür gesorgt, dass man damit nicht auch noch in die Würdelosigkeit falle. Vielleicht führe die Entwicklung „zu einem BGE, womöglich aber auch nur zu einer Grundsicherung, die noch immer bedarfsgeprüft ist“.

Den Rückzug aus den sozialen Medien empfindet Robert Habeck inzwischen als Bereicherung

Ein Herr sprach Habeck darauf an, dass dieser ja kürzlich die sozialen Medien verlassen habe, an. Robert Habeck empfindet es inzwischen als Bereicherung. Während einer Taxifahrt in Berlin habe er einmal in die Tasche nach dem Smartphone greifen wollen, sei dann aber an die gelöschten Apps erinnert worden. Stattdessen habe er die Stadt angeguckt und sich überlegt, was er beim nächsten Termin sage wolle.

Robert Habecks Anspruch

Zum Schluss des interessanten Abends mit Robert Habeck noch einmal dessen Anspruch: Mit möglichst Vielen reden. Mit möglichst viel Intelligenz und mit möglichst viel Bereitschaft, sich einer anstrengenden Debatte zu stellen. Mit möglichst großer Leidenschaft für seine Ideen werben und darauf hoffen, dass das beantwortet wird und die Menschen das Kreuz an der richtigen Stelle machen.

Schüler-Talk am Vormittag stieß auf reges Interesse

Wie Aladin El-Mafaalani informierte, hatte ebenfalls am Freitagvormittag ein Schüler-Talk am Helmholtz-Gymnasium zum gleichen Thema

Hasan Sahin (rechts) vom Taranta Babu am Büchertisch.

stattgefunden, der bei den SchülerInnen auf reges Interesse gestoßen sei.

Musikalische Begleitung von „Der Wolf“. Büchertisch mit Hasan Sahin vom Taranta Babu

Musikalisch hatte „Der Wolf“ (Rapper) auf die Veranstaltung eingestimmt. Der Dortmunder Künstler bestritt auch den Ausklang des Abends. Am

Aladin El-Mafaalani (links) und Robert Habeckt am Büchertisch.

Büchertisch, verantwortet vom Taranta Babu und Hasan Sahin, signierten Robert Habeck („ Wer wir sein könnten: Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht“) und Moderator Aladin El-Mafaalani („Das Integrationsparadox: Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“) noch ihre jüngsten Werke.

 

Dazu ein Video von der Veranstaltung mit Robert Habeck via Dietrich-Keuning-Haus/You Tube (Update vom 25. Juli 2019)

Nächste Termine vom Talk im DKH

Am 29. März ist der nächste Talk im DKH mit der Sozialwissenschaftlerin und Integrationsforscherin Naika Foroutan. Mit dabei wird wieder einmal der Kabarettist Fatih Cevikollu sein. Und am 29. Mai 2019, dem Jahrestag des fremdenfeindlichen Anschlags von Solingen, wird ein Film dazu von Mirza Odabaşı gezeigt.