„Der neue West-Ost-Konflikt. Inszenierung einer Krise“ von Wolfgang Bittner – Rezension

Wir waren zu zuversichtlich um 1989 und gingen in die 1990er Jahre hinein mit der Überzeugung nun würde alles gut. Vorbei die Konfrontation der Blöcke. In der DDR war es zur sogenannten Wende gekommen.Und auch die anderen Staaten des Ostblocks, die sich wie die DDR als sozialistisch verstanden hatten (heute wissen wir: einen Sozialismus hat es es bislang nicht gegeben) gingen quasi von der Fahne. Das gemeinsame Haus Europa, von dem Michael Gorbatschow gesprochen hatte, würde anscheinend in Kürze Realität werden. Dachten wir! Dann zerbrach die Sowjetunion. Der Warschauer Vertrag löste sich auf. Die Nato nicht. Der erste große Fehler. Heute wissen wir warum. Der Westen hatte gesiegt, konnte aber nicht aufhören zu siegen.

Vorbemerkungen

Neulich gab Reiner Braun (International Peace Bureau) auf einer Friedenstagung in Essen zu bedenken, wie ich berichtete: „„Von Anfang an habe die Nato dazu gedient, die Sowjetunion wieder zu einem Russland zurückzudrängen. Auch, indem man die Länder des Ostblocks zu „befreien“ vorgab. Die Nato habe aktiv daran gearbeitet das die Linksregierungen in Frankreich und Italien beendet wurden. Auch habe die Nato in den 1950er und 1960er Jahren eine aggressive Atomwaffenstrategie (mit dem Ziel eines Ersteinsatzes (!) von Atomwaffen) verfolgt. Eine Nato-Direktive habe sogar den Titel „Atombombenziel Sowjetunion“ getragen. Eingezeichnet gewesen seien da auf einer Karte die 200 größten Städte und Orte der UdSSR. Der Vorwurf seitens der Nato betreffs einer atomaren Vorrüstung der Sowjetunion sei stets eine Lüge gewesen. Immer habe Moskau auf westliche Vorrüstung reagiert und nachgerüstet.“

Kathrin Vogler (MdB DIE LINKE) ergänzte auf der selben Tagung: Und „erinnerte an einen Vorschlag des einstigen Nato-Generalsekretärs Manfred Wörner, der im Mai 1990 vom Aufbau einer neuen europäischen Sicherheitsstruktur, die die Sowjetunion und die Staaten des Warschauer Paktes umfassen sollte, gesprochen habe.

Damals sei auch Wörner davon ausgegangen, dass das (leider Gorbatschow nicht schriftlich) gegebene Versprechen, die Nato würde sich nicht über die damalige „kleine“ BRD hin gen Sowjetunion ausbreiten, gelte. Der Status quo sehe heute bekanntlich ganz anders aus.“ Voglers Fazit: „Die anfängliche Euphorie verflog, der Drang nach Osten blieb.“

Die Nato rückte immer näher an Russland heran. Heute stehen 150 Kilometer vor St. Petersburg deutsche Soldaten. Nahezu umzingelt ist die Russland inzwischen.

Der neue West-Ost-Konflikt. Inszenierung einer Krise“ – Das neue Buch von Wolfgang Bittner

Wolfgang Bittner, Schriftsteller und Publizist, hat ein interessantes neues Buch vorgelegt, in welchem er sich u.a. mit der weiteren Geschichte nach 1989/90 beschäftigt. Es trägt den Titel „Der neue West-Ost-Konflikt. Inszenierung einer Krise“. Die Reihenfolge der Himmelsrichtungen ist mit Bedacht gewählt. Und wenn wir genau rekapitulieren, was gelaufen ist, müssen wir Bittner zustimmen: Der neue, immer von herrschender westlicher Politik und den einflussreichsten Medien weiter eskalierte Konflikt hat eine West-Ost-Richtung.

„Der Nordatlantikpakt hat seine Bestimmung als Verteidigungsbündnis längst eingebüßt“, so der Autor, und tritt heute als Aggressor auf: Nato-Osterweiterung, der Krieg gegen Jugoslawien, Anti-Russland-Propaganda, wirtschaftliche Sanktionen oder auch die drastische Erhöhung des Militärhaushalts.“

NATO schon immer Aggressionsbündnis

In puncto des Begriffs „Verteidigungsbündnis“ meldete Reiner Braun in Essen Zweifel an. Aus meinem Bericht: „Dies werfe die Frage auf: „Ist eigentlich dieses Bündnis immer noch, oder war es jemals ein Verteidigungsbündnis?“ Er würde gerne behaupten, so Braun, dass die Nato schon seit ihrer Existenz ein Aggressionsbündnis war. Es sei immer gegen die Ergebnislage des Zweiten Weltkriegs vorgegangen.“

Fakt ist – das müssen wir uns bei genauer Überlegung nach längerer Rückschau eingestehen, was auf der Rückseite des Covers von Bittners aktuellem Buch zu lesen steht: „Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, hat sich nach Ende des Kalten Krieges eine neuer West-Ost-Konflikt herausgebildet – die NATO gegen Russland -, der zu eskalieren droht.“ Und weiter: „Von westlichen Politikern gibt es kaum Bemühungen, zu dessen Entschärfung beizutragen, im Gegenteil. Der Konflikt ist so gewollt, meinte Wolfgang Bittner und belegt dies anhand vieler Beispiele – auch ganz aktueller.“

Bittner: Wladimir Putin hat bisher versucht westlicher Aggressionspolitik mäßigend entgegenzuwirken

„Dabei“, schreibt Bittner in seiner Vorbemerkung (S.11), „ist nicht zu übersehen, dass Wladimir Putin bisher versucht hat, der westlichen Aggressionspolitik mäßigend entgegenzuwirken und ein zuträgliches Verhältnis zu Westeuropa, insbesondere zu Deutschland, zu bewahren.“ Stets hat Putin uns die Hand ausgestreckt. Erinnern wir uns doch nur einmal an die Rede des russischen Präsidenten im am 25. September 2001 im Deutschen Bundestag? Näheres auf S.14.

Da muss ich Bittner unumwunden Recht geben. Im vorangegangenen Kalten Krieg sprachen beide Seiten wenigstens miteinander. Heutzutage sind die Fronten verhärtet (worden). Institutionen, die den Dialog fördern verkümmern zusehends. Von Ausnahmen, wie beispielsweise dem Petersburger Dialog, wo Einzelpersonen sich noch Mühe geben miteinander im Gespräch zu bleiben, einmal abgesehen. Persönlich empfinde ich den neuen Kalten Krieg als wesentlich gefährlicher als den alten. Selbst die Gefahr eines Atomkriegs nimmt wieder zu. Nicht zuletzt wegen der Kündigung des INF-Vertrags durch Donald Trump. Russland zog ein Jahr später nach.

Offene NATO-Propaganda im öffentlich-rechtlichen Fernsehen

Zu Recht kritisiert Wolfgang Bittner die seit der Ukraine-Krise ständig zutage tretenden „Offene NATO-Propaganda im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“ (ab S.62). Das wohl gravierendste Beispiel dafür, das viele ZDF-ZuschauerInnen zu tiefst verunsicherte, erschreckte und zugleich aufs Tiefste empörte, führt Bittner gleich eingangs dieses Kapitels an. Am 4. April 2019 hatte „Claus Kleber, Kuratoriumsmitglied der Atlantik-Brücke, aus Anlass des 70. Jahrestages der NATO-Gründung“ im ZDF heute-journal sozusagen den 3. Weltkrieg ausgerufen. In seiner Ansprache schockte er die Zuschauer mit den Worten:

„Guten Abend, zu Wasser und zu Luft sind heute Nacht amerikanische, deutsche und andere europäische Verbündete unterwegs nach Estland, um die russischen Verbände zurückzuschlagen, die sich dort wie vor einigen Jahren auf der Krim festgesetzt haben.“

Zum Ende dieses Kapitels zitiert (S.65) Bittner den ehemaligen Parlamentarier und Weggefährte Willy Brandts, Albrecht Müller“, der „im April 2019 der Ansicht“ war:

Wir rutschen ab in Richtung Krieg, auch weil ehedem kritische Medien beim Feindbildaufbau mitmachen und die kritische Intelligenz ausfällt“.

Im Kapitel „Fake News und Kriegspropaganda“ (S.67) bekommen die LeserInnen noch einmal schlimme Beispiele von „Kampagnenpolitik“, „Der Fall Babtschenko“ (S.69), betreffs „Krieg in Syrien“ (S71), in Sachen „Der Fall Skripal“ (S.77) sowie „Politisches Kalkül und False-Flag-Operationen“ (S.82) zur Erinnerung serviert. Gut so. Wir wissen: Der Mensch vergisst schnell.

Weltuntergangsuhr steht auf „zwei Minuten vor Mitternacht“

Der aktuellen Weltlage folgend wird bekanntlich die „Doomsday Clock“ von Wissenschaftlern des „Bulletin of the Atomic Scientists“ nach vorne oder hinten verstellt. Am 24. Januar 2019 war es wieder soweit. Die aktualisierte Uhrzeit der Weltuntergangsuhr wurde auf einer Pressekonferenz in Washington veröffentlicht: Es ist immer noch „zwei Minuten vor Mitternacht“.

Hintergründe und Strategien

Da es Wolfgang Bittner in seinem Buch um Hintergründe und Strategien geht, hat er sich dankenswerterweise zu diesem Behufe der Mühe unterzogen eine für die LeserInnen lehrreiche Chronologie des Geschehens über mehr als ein Jahrhundert zu erstellen. Er analysiert präzise die Hintergründe und zeigt auf, wie zu dieser unheilvollen Entwicklung kommen konnte.

Wichtig, wahrzunehmen m.E. ist das Kapitel „Britisch-amerikanische und französische Imperialpolitik und Erster Weltkrieg“ (S.113), bekanntlich von einigen Historikern als Urkatastrophe angesehen, in welcher der Zweite Weltkrieg wurzelt. Bittner geht es in diesem Kapitel gewiss nicht darum, die Schuld des kaiserlichen Deutschlands am Ersten Weltkrieg zu schmälern. Jedoch lässt er neuere Erkenntnisse in seine Zeilen einfließen. Demnach (S.117) sei inzwischen bekannt, „dass schon lange vor 1914 Kriegsvorbereitungen der Engländer, Franzosen und Amerikaner stattfanden“ – dies habe der einstige Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der KSZE/OSZE, Willy Wimmer anlässlich der Feierlichkeiten in Paris und London 2018 mit welchen 2018 des Endes des Ersten Weltkriegs gedacht wurde, vertreten.

Bittner: „Deutschland sei in diese Katastrophe „geradzu hineinorchestriert“ worden, so Wimmer.“ Der Autor erwähnt auch das Buch des australischen Historikers Christopher Clark und sein Buch „Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“, in welchem er Frage nach der Kriegsschuld umgehe.

Wie auch immer: Den LeserInnen dürfte an dieser Stelle erschreckend klar werden, wie leicht es zu einem Krieg kommen kann. Zumal wir – will ich anmerken – heutzutage es uns gegenwärtig an verantwortungsvollen und klugen Leadern in Europa und der Welt bitter mangelt.

Neue Erkenntnisse betreffs des Zweiten Weltkriegs und seines Vorlaufs

Auch das folgende Kapitel „Versailler Vertrag, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg“ (ab S.125) ist hoch spannend und augenöffnend. Ein Deutsch-Amerikaner wird (S.129) genannt, den wir bislang nicht auf dem Zettel hatten: Einen gewissen Ernst Hanfstaengel. Der habe während des Zweiten Welkriegs US-Präsidend Franklin D. Roosevelt beraten; aber ab 1922 auch freundschaftliche Beziehungen zu Hitler unterhalten. U.a. habe er ihm bei der Abfassung seines Buches „Mein Kampf“ zur Seite gestanden und ihm ein Darlehen von 1000 Dollar gegeben.

All das, Bittner, geht auf den russischen Historiker Nikolay Starikov und dessen Buch „Wer hat Hitler gezwungen Stalin zu überfallen?“ zurück.

Wolfgang Bittner: „Starikov geht aufgrund seiner Recherchen so weit, zu konstatieren, die NSDAP und Hitler seien von Beginn an, also seit Anfang der 1920er Jahre von interessierten Kreisen au den USA gefördert und finanziert worden.“

Nicht weniger interessant, das in Bittners Buch auftauchende Zitat des Publizisten und Buchautoren Werner Rügemer:

Bis zum Ersten Weltkrieg waren die USA – sowohl der Staat wie auch die Unternehmen – bei europäischen Banken verschuldet. Mit dem Ersten Weltkrieg hat sich diese Relation umgedreht. Am Ende des Ersten Weltkriegs war Europa in den USA verschuldet. Und das ist bis heute so geblieben. Das war das wirtschaftlich-finanzielle Ergebnis des Ersten Weltkriegs. Und dann musste das zerstörte Europa natürlich wieder aufgebaut werden, insbesondere das zerstörte Deutschland.“ (S.131)

Auch Zweite Weltkrieg muss wohl betreffs derjenigen, welche ein Interesse an ihm hatten, genauer unter die Lupe genommen werden. Bittner schreibt (S.134): „Mit Hitler und der NSDAP haben die britischen und US-amerikanischen Geheimdienste in den 1920er Jahren den Geist aus der Flasche gelassen. Ein Hauptanliegen war, Deutschland und Russland niederzuhalten und nicht zusammenkommen zu lassen.“ Das erinnert an einen Ausspruch des ersten NATO-Generalsekretärs Lord Hastings Ismay, wonach danach zu streben sei, die Amerikaner drin, Deutschen niederzuhalten und die Russen draußen zu halten.

Bittner: Keine Relativierung der ungeheuren Verbrechen der Nazis und des Stalinismus

An der Stelle wird es LeserInnen geben, die rufen: Verschwörungstheorie!

Bittner gibt jedoch zu bedenken:

„Die in der jüngsten Forschung vertretenen Standpunkte zu benennen bedeutet weder eine Relativierung der ungeheuren Verbrechen der Nazis noch eine Verleugnung des brutalen Stalinismus.“

Am Fuße der Seite lässt Bittner Winston Churchill zu Worte kommen, der 1945 geäußert habe:

Dieser Krieg wäre nie ausgebrochen, wenn wir nicht unter dem Druck der Amerikaner und neumodischer Gedankengänge die Habsburger aus Österreich-Ungarn und die Hohenzollern aus Deutschland vertrieben hätten. Indem wir in diesen Ländern ein Vakuum schufen, gaben wir dem Ungeheuer Hitler die Möglichkeit, aus der Tiefe der Gosse zum leeren Thron zu kriechen.“

Das muss man erst mal sacken lassen.

Es folgen weitere interessante Ausführungen. Die aber, liebe LeserInnen, sollen sie sich selber aneignen und gründlich bedenken.

Wolfgang Bittner: Gefährliche Aggressionspolitik gegen Russland verursacht „unabsehbare Schäden“

Fakt ist, wir leben auch gegenwärtig wieder in gefährlichen Zeiten. In letzten Kapitel „Resümee und und Schlussfolgerungen“ (S.289) hebt Wolfgang Bittner realistisch an: „Die USA beanspruchen Westeuropa als ihr Einflussgebiet, das sich ihren wirtschaftlichen wir militärischen Interessen unterzuordnen hat. Sie beeinflussen die Medien und entkernen die Souveränität europäischer Staaten. Sie führen seit Jahren Interventionskriege, verhängen Sanktionen gegen andere Völker und mischen sich in deren innere Angelegenheiten ein.“

Besonders kritisiert Bittner „die hoch gefährliche Aggressionspolitik gegen Russland, in die europäische Staaten einbezogen sind“, die „unabsehbare Schäden“ verursache.

Feststellung: „Wir leben in einer Zeit tiefster Restauration“

Und ein paar Zeilen schreibt der betreffs unserer Situation Tacheles: „Wir leben in einer Zeit tiefster Restauration, schlimmster Rückschrittlichkeit. Was sich abspielt an Kriegshetze, Militarisierung, Zensur, Denunziation, Überwachung, Sozialabbau, politischer Verlogenheit und so weiter spottet jeder Beschreibung.“

Die Welt steht am Abgrund“

Auf Seite 293 mahnt der Autor: „Die Welt steht am Abgrund. Dennoch finden sich keine maßgeblichen Kräfte, die menschheitsgefährdende Konfrontationspolitik zu beenden und den Absturz verhindern.“

„Die Abkehr von der Verständigungs- und Friedenspolitik Willy Brandts“, notiert Wolfgang Bittner enttäuscht, „wurde nahezu widerspruchslos hingenommen.“

Wolfgang endet leicht hoffnungsvoll

Leicht hoffnungsvoll endet Wolfgang Bittners Buch. Er meint der Europäischen Gemeinsam könnte es gelingen „sich der Umklammerung der USA“ zu entledigen. Bittner: „Insofern wäre die Achse Berlin-Paris ein wegweisender Ansatz, wenn es Deutschland und Frankreich gelingen würde, sich vom Joch der NATO, auf die sie kaum Einfluss nehmen können, zu befreien.“

Doch, meint er: „Arc-de-Triomphe-Symbolik muss ebenso wie das Versailles-Trauma endgültig der Vergangenheit angehören.“

Vision oder doch mehr ein Jahrhundertwerk? Eine nötige Aufgabe allemal. Zuerst müsse allerdings „gedacht werden, damit es geschehen kann“ weiß uns der Autor zu sagen.

Bittner schöpft seine Hoffnung daraus, „dass auch die ‚Erbfeindschaft‘ zu Frankreich und die deutsche Teilung überwunden wurden.“

Im Anhang Briefe, Texte und eine Erklärung der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative

Als Anhang sind dem hochinteressanten, aufschreckend, wach- und aufrüttelnden Buch (eine brillante Analyse,auf akribischer Recherche basierend) Bittners noch ein Brief von Karl-Wilhelm Lange „Ein Brief nach Wolgograd, ehemals Stalingrad“ (S. 297) an die „Liebe Valentina“, ein Brief von Willy Wimmer „an den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier“, der auf Fehlentwicklungen hinweist, sowie der Text „70 Jahre Bundesrepublik. Auf und ab. Und wie geht’s weiter?“, in welchem Müller darauf hofft, dass „Bei der Mehrheit der Menschen … die positiven Seiten des menschlichen Wesens angesprochen werden“ können. Müller stellt fest: „Diese sind zurzeit verschüttet.“

Abschließend wurde die „Erklärung der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative zum 74. Jahrestag des Atombombenabwurfes auf Hirohima“ (S.309) veröffentlicht.

Titel:

Der neue West-Ost-Konflikt

Untertitel:

Inszenierung einer Krise – Hintergründe und Strategien

Autor:

Wolfgang Bittner

Genre:

Sachbuch

Aufmachung:

Broschiert (mit Klappen)

Umfang:

320 S., mit 20 Abb.

Format:

13 x 21 cm

Erscheint am:

13. Sept. 2019

ISBN:

978-3-943007-25-1

Preis

19,90 €

Wider den Ressentiments: „Arme Roma, böse Zigeuner“ – Ein Buch von Norbert Mappes-Niediek

Im Verlaufe des Jahres machte das so genannte „Roma-Haus“ in Duisburg wiederholt negative Schlagzeilen. (Hier ein Artikel der Deutschen Welle dazu.) Im vergangenen Winter dieses Jahres war von vermüllten „Problemhäusern“ in der Dortmunder Nordstadt die Rede. Die MONITOR-Redaktion des WDR machte damals einen und später noch einen weiteren Bericht zu der Situation.

Die Probleme haben größtenteils etwas damit zu, dass – wie ich am 27. Januar 2013 schrieb – in den letzten Jahren immer mehr Menschen aus den EU-Mitgliedsländern Bulgarien und Rumänien nach Deutschland zugezogen sind: „Sie sind Armut und Ausgrenzung in ihren Heimatländern entflohen. Letzteres trifft besonders auf die Bevölkerungsgruppe der Roma zu. Allesamt versuchen sie in Deutschland ein paar Euro zu machen, um ihre Familien daheim durchzubringen.

Nicht wenige Roma fanden in Zeiten des Staatssozialismus in Bulgarien und Rumänien wenigstens noch als Hilfsarbeiter Verwendung und konnten sich so immerhin ihr kärgliches Brot verdienen. Damit war nach dem Ende des Staatssozialismus bald Schluß. Mehr und mehr Roma wurden entlassen. Den von der Bevölkerungsmehrheit meist verhassten Roma wurde als erstes die Tür gewiesen. Erst recht ging es ihnen an den Kragen (nicht selten sogar physisch in Form rassistischer Übergriffe) als ihre Heimatländer Mitglied in der Europäischen Union wurden.“

Aus berufenem Munde

In diesem Jahr bestrand in Dortmund die Möglichkeit einmal etwas mehr über die Situation der Roma zu erfahren. Und zwar jenseits gängiger Vorurteile und anscheinend nicht tot zu kriegender Ressentiments gegenüber diesen Menschen. Sowie aus berufenem Munde. Norbert Mappes-Niediek (Jahrgang 1953) lebt seit 1992 als freier Korrespondent für Österreich und Südosteuropa in Graz, Österreich und war 1994/95 Berater des UNO-Sonderbeauftragten für das ehemalige Jugoslawien, Yasushi Akashi. Mappes-Niediek schreibt u. a. für die Frankfurter Rundschau, den Standard (Wien) und NRC Handelsblad (Rotterdam). Zu verdanken war die Veranstaltung Planerladen e.V. und der Auslandsgesellschaft NRW e.V. Sie hatten gemeinsam zur Lesung mit Norbert Mappes-Niediek im Dietrich-Keuning-Haus eingeladen. Der Vortrag von Norbert Mappes-Niediek orientierte sich am Titel des vom Autor verfassten Buches „Arme Roma, böse Zigeuner“ (erschienen im Ch. Links Verlag).

Der Journalist und Autor ging folgenden Fragen nach: „Warum kommen die Roma in Osteuropa aus ihrem Elend nicht heraus? Sind sie arm, weil sie diskriminiert werden, oder werden sie diskriminiert, weil sie arm sind? Sind sie arbeitsscheu, kriminell und womöglich dümmer als andere?“ Wer von uns ist diesen Fragen noch nicht begegnet? Auch die Antwort ist uns geläufig. Sie orientieren sich an von Generation zu Generation weiter gegebenen Ressentiments. Meist lautet sie: Dies sei halt „typisch Roma“. Der langjährige Balkan-Korrespondent Norbert Mappes-Niediek hat einen Faktencheck unternommen. Und damit kommt zu überraschenden Befunden.

Das Interesse an der Veranstaltung war – wie auch der Moderator zugeben musste – groß. Man hatte mit vielleicht 20 Besuchern gerechnet. Aber das war kein Beinbruch: Kurzerhand wurde von dienstbaren Geistern eine Begrenzungswand beiseite geschoben. Und der Raum so einfach vergrößert. Berichterstatter u. a. vom Straßenmagazin „bodo“ und der Deutschen Welle waren anwesend.

Die hässlichen Hintergründe

Zunächst, so gestand, Mappes-Niediek, habe er mit gewohnt journalistischem Blick das Objekt (die Roma) scharf in den Blick nehmen wollen. Der Autofokus jedoch habe stets die hässlichen Hintergründe herausgearbeitet. So habe die von besorgten deutschen Zeitungsredakteuren angeregte Recherche eben auch unerwartete Resultate erbracht.

Dafür, dass Mappes-Niediek einräumte letztlich (zu) wenig über die Roma zu wissen, öffnete er dem Publikum doch ziemlich die Augen.

Wieder einmal wurde klar, wie sehr Menschen doch von Vorurteilen geprägt sind. Und nicht alle haben das Glück (fällt mir ein), des verstorbenen Theatermachers George Tabori, davon bereits in Kinderjahren geheilt zu werden: Tabori war aus der Schule gekommen und hatte seinem Vater den Satz „Alle Rumänen sind schwul!“ entgegen geschleudert. Worauf er von von dem eine schallende Ohrfeige und den für den Rest des Lebens langenden Ratschlag „Die gibt es nicht!“ erhielt.

So war eben auch von Norbert Mappes-Niediek zu lernen, dass es auch „die“ Roma nicht gibt. Der Autor teilt sie in „Assimilierte“, in eine „Mittelschicht“ (wenngleich die auch der unsrigen nicht vergleichbar ist) und in die „ganz Armen“.

Die Ärmsten der Armen, so der Autor, lebten etwa in Rumänien in verfallenen Hütten im wahrsten Sinne des Wortes am Rande der Gesellschaft. Abhängig von Gaben wohlwollender Menschen. Völlig vergessen seien Roma, welche z.B. in Siebenbürgen in den Wäldern dahinvegetierten. Als am assimiliertesten gelten die Roma Mazedoniens. Da finde man schon einmal Roma-Polizisten und selbst Bürgermeister. Aus einer vom Staat gebauten Siedlung für Roma seien immerhin schon eine Krankenschwester und ein Rechtsanwalt hervorgegangen.

„Mittelschicht“ kommt nach Dortmund

Die Roma, die z.B. nach Dortmund kämen, rechnet Mappes-Niediek zur „Mittelschicht“. Sie bieten ihre Dienste auf dem „Arbeiterstrich“ oder versuchten sich und ihre Familien daheim durch das Sammeln von Metall über Wasser zu halten. Wieder andere Roma – auch das gibt es freilich – hielten es mit der Prostitution und Diebereien.

Nach 1990: Die Roma waren die Verlierer

Zu Hause in Rumänien und Bulgarien sind nach dem Ende des Staatsozialismus 1990 Slums entstanden bzw. haben sich erheblich vergrößert. Der Grund: Viele Roma verloren ihre Arbeit. Mappes-Niediek: In den 1970er und 1980er Jahren hatten viele von ihnen regelmäßig Einkommen. Mancher hat sich gar beruflich weiter qualifizieren können. Mit der Marktwirtschaft war es damit vorbei. Der Autor nannte Zahlen: Bis 1990 hatte Rumänien 8,4 Millionen Arbeitsplätze. Von denen blieben 4 Millionen übrig!

Norbert Mappes-Niediek gibt nebenbei zu bedenken, was wir wohl selber in so einer Situation machen würden, um zu überleben?

Der Niedergang belebte alte Traditionen, etwa die Institution Großfamilie (die wir für eine Art Naturgesetz bei den Roma halten). Dabei dient sie nun (wieder) hauptsächlich dazu, sich gegenüber der abweisenden Umwelt zu behaupten.

Am Beispiel Kroatien erläuterte der Autor den Unterschied zu den Verhältnissen bei uns: Dort beträgt das Verhältnis arm zu reich 1 zu 3. Hierzulande: Mecklenburg-Vorpommern (1) zu Bayern „nur“ 1,8.

Gewaltkriminalität in Roma-Vierteln gering

n Rumänien traf der Autor einen niederländischen Pfarrer, der sich seit 10 Jahren um die Roma dort kümmert. Dieser kann ihm von nichts schlimmes über die Roma berichten. Und auch Mappes-Niediek bekennt, sich dort angstfrei bewegt zu haben. Wo es doch immer heiße: Die Roma klauen. Der Autor: „In die Farvelas von Rio de Janeiro oder in den Townships von Soweto würde ich mich nicht trauen.“ Das Vorkommen von Gewaltkriminalität in Roma-Viertel sei eher als gering zu bezeichnen.

In den Herkunftsländern hatten schon immer Vorbehalte gegenüber den Roma Bestand. Inzwischen weiteten die sich die zu zunehmenden Diskriminierungen aus. Die Mehrheitsgesellschaft meint ihre Roma zu kennen: Die sind eben so, hört man oder: Die wollen einfach nicht.“

Das grundlegende Problem ist die Armut

Mappes-Niediek bestreitet nicht, dass es gewisse negative Erscheinungen, welche den Roma zuschrieben werden, gibt. Allerdings kämen die auch in anderen Gruppen vor. Für ihn steht fest: Das herausragende und grundlegende Problem ist die Armut. Diskriminiert wurden in den USA die Farbigen. Selbst heute, da in Washington ein Farbiger Präsident sei, wirkt das bis heute noch nach. Auch von den Schwarzen sei behauptet worden, sie würden nicht arbeiten wollen, sie seien unehrlich und noch dazu unsauber.

Es gäbe einfach Ressentiments gegenüber den Armen. Schließlich werde auch Weißen rasch das Etikett „asozial“ angeklebt, wenn sie arm sind. Die Mehrheitsgesellschaft möchte Armut verständlicherweise ausblenden. Man pfeift diesbezüglich auch im Wald. Nach dem Motto: Mir kann das nicht passieren: Die sind doch selber schuld. Wir lernen also: Die Armut ist der Dreh- und Angelpunkt.

Osteuropäische Roma waren Sklaven

Zurück zu den Roma: Mappes-Niediek ermöglicht einen Blick in die Geschichte. Während wir vielleicht noch wissen, dass Roma in Westeuropa immer schon ausgegrenzt worden sind, dürfte die Wenigsten von uns wissen, dass die Roma in Osteuropa einst Sklaven waren. Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts ge- und verkauft von rumänischen Fürstentümern.

Ob Afroamerikaner, ob Langzeitsarbeitslose in Großbritannien, es gilt: Armut reproduziert sich all überall selbst. Da ensteht u.a. auch Kriminalität.

Fantasie und Vorurteile spielen eine Rolle

Uns hat sich tief eingeschliffen wie vor allem Roma seien. Immer wieder frischte der Autor seinen Vortrag durch eigne Erlebnisse auf. Ein Polizist in Dortmund hätte ihm einmal vom besorgten Anruf eines Anwohner erzählt. Dieser habe beobachtet wie Roma immer wieder mit Kindern in Haus gegangen aber ohne diese wieder herausgekommen seien. Kinderhandel? Ich musste sogleich an die Türkei denken: Einmal hörte ich dort wie einem unartigen Kind gedroht wurde: „Wenn du nicht folgst, holen dich die Zigeuner!“ Der Dortmunder Fall war keiner: Es handelte sich lediglich um einen Kindergeburtstag.

Autor Mappes-Niediek: Fantasie und Vorurteile spielen bei der Be- oder Verurteilung von Roma eine nicht zu unterschätzende Rolle. Desgleichen sei hinsichtlich der Lebensverhältnisse von Roma schwer zu unterscheiden, was aus Zwang getan werde oder weil es quasi „naturgegeben“ sei.

Auch mit anderen Vorurteilen räumte der Journalist auf. Von Bandenkriminaliät, wie es nicht selten die Medien darstellen, könne betreffs der Roma nicht gesprochen werden. Diebereien im Familienverband und Schmuggel kämen dagegen schon vor.

Reiche Roma?

Und was ist mit den ach so reichen Zigeunerbaronen? Immer wieder würden deren angeblich prunkvolle Villen im Fernsehen gezeigt. Mappes-Niediek: Die wirklich reichen Roma könne man an wenigen Fingern einer Hand abzählen. Er selbst habe so eine „Prunk-Villa“ besucht. Viel Kitsch sei ihm da aufgefallen und „falscher Marmor“. Manche hätten nicht einmal einen Wasseranschluss.

Ebenfalls könne den Roma kein in ihnen verwurzelter Chorgeist unterstellt werden, welcher sich gegen Integration stelle.

Was tun gegen das Armutsproblem?

Der Buchautor meint, die Armutswanderung sei nicht zu verhindern. So auch die der Roma nicht. Italien habe das versucht, Frankreich ebenfalls. Die italienischen Behörden hätten die Roma in die letzte Pampa verdrängt und so gehofft, sie regelrecht weg zu ekeln. Es hat nichts genützt: Die Roma blieben oder kehrten wieder.

Deutschland wiederholt Fehler der Vergangenheit

Auch die deutsche Politik gebe sich Illusionen hin. Man wolle Roma zu Touristen machen, die keine Sozialhilfe beanspruchen könnten. Und den schon hier her gekommenen das Kindergeld verwehren. Mappes-Niediek: Deutschland wiederhole die Fehler, die nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht wurden. Bis in die Siebzigerjahre hinein habe es gedauert bis Sinti-Siedlungen hierzulande der Vergangenheit angehörten. „So schlecht kann man die Bedingungen hier gar nicht machen, dass keine Roma mehr nach Deutschland kämen“, sagte der Journalist. Und begründet das auch: „Dreißig Euro kann man hier am Tag mit Betteln verdienen. Da Doppelte des Durchschnittsverdienstes in Bulgarien.“

Praktisch alle Versuche des Staates sich dieses Armutsproblems zu entledigen seien untauglich. Redaktionen hätten ihn nach der Abschiebung von Leuten aus dem Kosovo, die zuvor in Deutschland Aufnahme gefunden hatte, dorthin geschickt, um zu sehen was aus ihnen geworden sei. Aber kaum jemand habe er finden können: „Die waren alle schon wieder in Deutschland. Diesmal aber illegal.“

Druck auf die Herkunftsländer ist wohl keine gute Lösung

Darüber zu Lamentieren helfe nicht. Auch seitens der EU Druck auf die Herkunftsländer der Roma brächte keine Besserung. Wieder flocht der Vortragende etwas aus der Praxis sein: Druck der EU habe dazu geführt, dass Mazedonien ein Gesetz gemacht, das Asylbetrug oder das Werben dafür unter Strafe stelle. Strafmaß: 4 Jahre Haft. Die Gelackmeierten wären nun Reisebüros und Busunternehmen. Wie sollten die erkennen, wer Asylbetrug begehen wolle? Also vertrauten sie auf den „Roma-Blick“. Leute, von denen man sich einbilde (dunkle Hautfarbte etc.) sie wären Roma, kriegen keine Fahrkarte. Und das Verrückt: Mazedonien bekommt das im Fortschrittsbericht zur EU-Tauglichkeit als Rassimus angekreidet! In Serbien schlüge solche Kritik in Volkszorn gegen die Roma um.

Die Armut müsse bekämpft werden. Strukturhilfe zur Selbsthilfe sei nötig. Dazu habe die EU sogar Geld dafür. Sie sei jedoch „schlecht aufgestellt“.

Was wäre nun zu tun?

Norbert Mappes-Niediek ruft dazu auf, die Roma hier menschenwürdig zu behandeln. Wir bräuchten eine Willkommenskultur. Den Menschen sollten Sozialleistungen gegeben und Kleiderkammern für sie eingerichtet werden. Bildung müsse vorangebracht werden. Das mag unpopulär sein. Illusionen zu nähren, führe aber nicht zu positiven Veränderungen.

Er erinnerte daran, wie US-Präsident Roosevelts New Deal in den 1940er Jahren Millionen Menschen Chancen verschaffte. Heute spreche kaum noch jemand davon. Roosevelts damalige Politik werde sogar als Sündenfall betrachtet.

Gegen Ende seines Vortrags bekannte Mappes-Niediek noch einmal eigentlich nicht viel über Roma gelernt zu haben. Sondern etwas über Armut, unterfinanzierte Gesundheitssysteme und jede Menge über Vorurteile. Vorallem müsse mit den Roma selbst gesprochen werden. Da habe der rumänische Staat Roma Siedlungshäuser gebaut. Die hätten sie aber angelehnt. Der Grund: Sie leben vom Metallsammeln und hätten den Schrott nicht über die Treppe ins Haus bekommen.

Niedrigschwellige Angebote sind besser

Von großen Programmen und die Schaffung von Roma-Beiräten hält der Autor nichts. Düsseldorf habe etwa ironischerweise einen Roma-Beirat, jedoch so gut wie keine Roma. Während sich die Probleme in Duisburg und Dortmund, den Städten mit viel Roma-Zuzug, ballten. Deshalb sei eine gewisse Steuerung nötig. Es müssten eher kleine Ziele anvisiert werden. Vielleicht hätten kirchliche Hilfsorganisationen deshalb mehr Erfolg: Sie orientierten sich eben an den Grundbedürfnissen. Der Autor hält die niedrigschwelligsten Hilfsangebote und Projekte allemal für die Besten. Überhaupt solle man mit den Roma selbst sprechen und fragen, was ihnen wichtig sei.

Die feine Nase des Lehrerinnen-Ehemannes

Mit Sicherheit muss sich das Denken ändern. Wieder hatte der Autor ein Beispiel parat. Eine slovakische Lehrerin habe ihm gesagt, sie würde ja gerne Roma-Kinder unterrichten, aber ihr Mann habe „so eine feine Nase“.

Jene Äußerung hatte Mappes-Niediek empört. Sie war nihm nicht aus dem Kopf gegangen. Später sprach er eine Roma-Mutter darauf an. Sie könne die Wäsche im Winter wohl waschen, aber nicht trocknen. Entweder müsste sie den Kindern die Wäsche nass anziehen lassen, dann würden sie krank. Die Alternative: Sie müssen stinken.

Ausklang

Nach dem interessanten Vortrag jenseits gängiger Roma-Klischees und schlimmer Vorurteile konnten aus dem Publikum noch Fragen gestellt werden. Eine Lehrerin, die u.a. auch Roma-Kinder in der Dortmunder Nordstadt unterrichtet, berichtete von deren Müttern, die immer öfters Deutschkurse nachfragten. Allein es fehlt wohl an Lehrern dafür. Dortmund hat sich offenbar nicht darauf eingestellt. Die Stadt Mannheim, so Norbert Mappes-Niediek, dagegen schüttele über Dortmund den Kopf. Vonnöten sei halt eine flexible Verwaltung. Augenwischerei bringe nichts.

Eine andere Zuhörerin sagte etwas sehr Treffendes: „Armut ist eine Menschenrechtsverletzung.“ Es wurde an den Grundgesetzartikel 1 erinnert. Da stehe ja bekanntlich: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und nicht die Würde der Deutschen ist unantastbar.

Die an die Wand gemalte Gefahr, dass die Roma 2014 die Arbeitnehmerfreizügigkeit nutzen, um in Scharen nach Deutschland oder Österreich kommen, hält Mappes-Niediek für  unbegründet. Die Menschen hätten einfach nicht die nötigen Qualifikationen. Überdies sei das auch nicht in den anderen Ländern der EU geschehen, die sich schon längst für Bulgaren und Rumänen geöffnet hätten. Illusionen dagegen erteilte der Autor zum Schluss noch einmal eine Absage: „Die Öffnung der Sozialsysteme müssen wir aushalten.“ Während es freilich aber logischerweise auch nicht das Ziel sein kann, dass alle kommen könnten. Die Lösung der Probleme müsse schlicht aber ausgeglichen sein.

Roma und Religion

Übrigens, was auch kaum jemand gewusst haben dürfte: Die Roma, die ja selbst keine eigne Religion besitzen, sind vielfach zu Teilen Katholiken, orthodox, muslimisch, Evangelikale oder werden von den Pfingstkirchen umworben.

Einfache Antworten gibt es nicht

Ein rundum informativer, viele Aspekte anreißender, hoch interessanter und aufklärender Vortrag eines kompetenten Autors. Norbert Mappes-Niediek, dem Autor des jüngst veröffentlichten Buchs „Arme Roma, böse Zigeuner” meint, dass vor allem die Armut vieler Sinti und Roma, die Sicht der deutschen Mehrheitsgesellschaft prägt.

Die Klischees, mit denen sich Einwanderer aus Südosteuropa konfrontiert sehen, haben für ihn keinen ethnischen Hintergrund. Vielmehr behindere die Armut aber auch die Integration der dieser Menschen. Aus diesem Kreislauf auszubrechen, sei für die Betroffenen schwer. Der Autor möchte um eine differenzierte Wahrnehmung der Lage dieser Einwanderer werben. In Dortmund ist ihm das gelungen. Natürlich blieben auch Fragen offen. Wie könnte das auch anders sein bei diesem Thema? Einfache Antworten gebe es nicht, so Mappes-Niediek.

Zum Abschluss warb der Autor noch einmal um Verständnis für Roma, für die Armen. Er empfahl, vielleicht einmal Geschichten aus den Konzentrationslagern zu lesen, um das Handeln von Menschen in misslichen Situationen zu verstehen. Eine Zuhörerin sekundierte mit Bert Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral …