Rezension: Wagner, ein ewig deutsches Ärgernis. Von Moshe Zuckermann

Wagner? Oh Gott, mag da ausgerufen werden. Ist nicht über Richard Wagner schon genug Papier beschrieben worden? Mag sein. Doch eines ist ebenso klar: An der Person Richard Wagner ist eben nicht so leicht vorbeizukommen. Um ehrlich zu sein: Überhaupt nicht. Erst recht am Komponisten Richard Wagner. Denn was wäre die Musikgeschichte und deren Entwicklung nach ihm ohne den genialen Tondramen-Schöpfer, den revolutionären Tondichter?

Da haben wir es wieder: Ist eine durchaus kritisch zu sehende Persönlichkeit in diese und den ihr wohnenden genialen Künstler zu trennen? Glasklar wohl kaum. Schließlich entspringt das Geniale der Kunst aus dem Inneren, dem Geist dieser Persönlichkeit und seinen Ansichten, die sich Laufe des Lebens in ihm herangebildet haben bzw. von ihr eventuell auch wieder verworfen worden sind. Wir haben es auch heute noch und werden es wohl auch künftig immer wieder mit Persönlichkeiten in Kunst und Kultur zu tun (haben), wo sich diese Frage stellt. Man denke nur dabei an die Filmregisseure Roman Polański oder Woody Allen.

Moshe Zuckermann nahm die Herausforderung an, sich an Wagner zu versuchen

Die Frage, ob es nicht „schon genügend Historisches, Politisches, Musikologisches und Kunstphilosophisches, Ideologiekritisches und Polemisches, Bewunderndes und Gehässiges, Musiktheoretisches und Feuilletonistisches über dieses kontroverse Genie geschrieben und zusammengetragen worden?“ (S.7) hat sich auch Moshe Zuckermann gestellt. Und bejaht. Dennoch hat der Soziologe die Herausforderung angenommen, „sich an diesem ‚Thema‘ ein weiteres Mal versuchen zu wollen“. Gut so. Es lohnt sich deshalb unbedingt sein neues Buch „Wagner, ein ewig deutsches Ärgernis“, das in Form eines Essays verfasst ist, aber, wie Zuckermann anmerkt, „mithin keine stringente wissenschaftliche Darstellungsweise“ beanspruche, zu lesen.

Wer war Richard Wagner?

Schließlich hat so mancher ein bestimmtes Wissen von Richard Wagner im Kopf, das er entweder sich selbst erarbeitet hat oder durch einseitige Schriften übergeholfen bekam. Auf der einen Seite gibt es da die verbissenen Wagnerianer, die nichts auf ihren Helden kommen lassen und jede einzelne Szene, jeden einzelnen von ihm gesetzten Ton auf das Vehementeste verteidigen. Und andererseits seine Kritiker – ja Verächter, die in ihm hauptsächlich einen schlimmen Antisemiten sehen. Das wird nicht selten auch Opernbühnen ausgetragen. Wo das heutzutage weit verbreitet

„Theater-Wagner“, leicht beschädigt. Fotos (2): Claus Stille

auftretende Regie-Theater schon manches Mal seltsame Blüten treibt und kalkulierte Skandale verursacht.

Tannhäuser“ als Nazi-Verbrecher

Ein Beispiel hier nur, was auch Zuckermann in seinem Buch erwähnt:

Da erschien vor Jahren in einer Inszenierung von Burkhard C. Kosminiski an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf Richard Wagners „Tannhäuser“ als Nazi-Verbrecher – inklusive Gaskammern auf der Bühne. Burkhard C. Kosminski (vom Schauspiel kommend) „hatte für seine erste Operninszenierung die sagenhafte Handlung um „Tannhäuser“ im Venusberg und den Sängerkrieg auf der Wartburg in der Zeit des Nazi-Regimes und der frühen Bundesrepublik angesiedelt – und damit den Antisemitismus des Komponisten und dessen Einfluss auf die Nazi-Ideologie thematisiert“, wie seinerzeit der SPIEGEL schrieb.

Und weiter:

„Während der berühmten „Tannhäuser“-Ouvertüre sinken nackte Darsteller in einem Kreuz aus gläsernen Würfeln, die sich mit Nebel füllen, zu Boden. Der Venusberg, bei Wagner Ort der hedonistischen Liebe, wird zum Schauplatz einer brutalen Erschießungsszene. Venus in Nazi-Uniform und ihre SS-Schergen ermorden eine Familie und zwingen „Tannhäuser“ dazu, ebenfalls zu töten.“

Nicht selten, merkt Moshe Zuckermann im Buch an, ist der Skandal von vornherein eingeplant – vor allem in Bayreuth. Regisseure werden da ab und an gewiss auch unter diesem Gesichtspunkt eingekauft. Dazu kommt noch das übliche Theater des Wagner-Clans und schon beißt die Presse an und zu – hat ihre Skandal. Das Publikum buht oder verlässt gar laut die Türen schlagend den Wagner-Tempel auf dem Grünen Hügel …

Da könnte ein wenig gut bis gar nicht unterrichtetes Publikum oder Medienkonsument*innen gar auf die Idee kommen, Richard Wagner sei ein Weggeführte von Adolf Hitler – der beim Wagner-Clan aus- und einging – gewesen. Dessen Lieblingskomponist er war. Dabei starb Wagner „im Jahre 1883“, worauf Zuckermann hinweist (S.140), „also volle sechs Jahre vor Hitlers Geburt“.

Wagners Wandlung vom linken Revolutionär zum latenten Antisemiten

In Moshe Zuckermanns Buch werden wir Leser*innen umfassend über den Werdegang Richard Wagners in Kenntnis gesetzt. Wir erfahren auch, wie Zeitgenossen über ihn dachten und schrieben, bzw. später über ihn geschrieben wurde. Und wir lesen von der Wandlung Wagners vom linken Revolutionär (1848) zum angepassten Königstreuen und latenten bis zuweilen erbitterten Antisemiten. Was in sich in überlieferten persönlichen Papieren bis hin zu Wagners Schriften und Opern verfolgen lässt.

Nichtsdestotrotz meint Moshe Zuckermann: „Richard Wagner war kein geistiger Wegbereiter des deutschen Nationalsozialismus.“

Zuckermann gibt zu bedenken (S.12):

Ein geglücktes 1848 hätte – pauschal ausgedrückt – einen Rückzug in die ‚deutsche Innerlichkeit‘ im Sinne einer Flucht aus dem Leben in die Irrationalität, ins Mystische, in Kunst um der Kunst willen‘ als Ideologie, hätte Bismarck, vielleicht gar Hitler unwahrscheinlich gemacht. Eine erfolgreiche Revolution 1848 hätte Deutschland vermutlich auf den demokratischen Pfad geführt und einem Heine gehuldigt. Deutschland konnte Wagner als Hohepriester deutschen Geistes feiern.“

Zuckermann fragt sich jedoch (S.13 oben): „Aber stimmt das so? Kann dies apodiktisch behauptet werden? Was Heine angelangt, gewiss. Bei Wagner liegen die Dinge weitaus komplizierter.“

Auch, ist sich der Autor sicher, sei Wagner heute kein deutsches Ärgernis mehr. Die einzigen, die sich noch um ihn kümmerten und ihn hin und wieder als Ärgernis inszenierten, seien die Regisseure; sie würden dafür zumeist ausgebuht werden. Wie etwas weiter oben bereits beschrieben.

In Israel wird das Werk Wagners nach wie vor boykottiert. Das hat Gründe

Interessant gewiss auch das letzte Kapitel des Buches „Wagner in Israel oder Die Wonnen der Ignoranz“ (S.121).

Wagner dort aufzuführen ist wegen des seit Staatsgründung eingehaltenen halboffiziellen Wagner-Boykotts, „welcher die Nichtaufführung von Wagner-Musik in Israel zur normativen Auflage für alle Orchester des Landes hat werden lassen“ stets verunmöglicht worden. Nicht „ideologiekritische Fragen und Bedenken (die man gegen Wagners kontroverses künstlerisches Werk gewiss anführen kann), welche das öffentliche Verhältnis Israels zu diesem Werk und Person nach nach zu einem die israelische Shoah-Erinnerung bedienenden, quasi-staatlichen kulturellen Symbol gerannen“, seien allerdings der Auslöser dafür gewesen.

Zuckermann (S.125): „Das darf stutzig machen: In einem Land, das ganze sieben Jahre nach Auschwitz einen offiziellen ökonomischen Vertrag mit dem von ihm selbst als solches apostrophierten ‚anderen Deutschland‘ abschloss, mithin gleich zu Beginn seines staatlichen Bestehens die Materialisierung der Sühne etablierte; in einem Land, das knappe zwanzig Jahre nach der Vernichtungskatastrophe (aus nachvollziehbaren praktischen Gründen) volle diplomatische Beziehungen mit dem Urheberland der Katastrophe einging; in einem Land, in dem viele seiner infrastrukturellen Gebilde, Institutionen und großen zivilen wie militärischen Anschaffungen durch deutsches Kapital finanziert werden (…)“

Da sei eben ein 1883 verstorbener Komponist zum halboffiziellen Symbol dieser Beziehung avanciert.

Da werde eben verständlicherweise argumentiert – was auch nicht wegdiskutiert werden sollte, meint Zuckermann) mit der notwendigen Rücksichtnahme auf Gefühle und Empfindlichkeiten von Shoah-Überlebenden.

Allerdings weist der Autor darauf hin, dass es an der Zeit sei, „dass man aufhört, Shoah-Überlebende als monolithischen Block mit einheitlich gebildeten Empfindungen und homogen geformten Willen wahrzunehmen“. Weiter: „Manche Shoah-Überlebende werden Wagners Kunst (aus welchem Grund auch immer) hassen, andere mögen sie bewundern, die meisten dürfte sie mehr oder minder kalt lassen. Für Shoah-Überlebende, die außerhalb Israels leben, ist Wagner schlicht kein Thema.“

Das „Verbot aufrechtzuerhalten (selbst wenn es aus dem Munde von Shoah-Überlebenden kommen sollte), nichts anderes als eine weitere Etappe auf dem langen Weg der Ideologisierung des israelischen Shoah-Gedenkens“, stellt Moshe Zuckermann fest.

Wagner wird also schlicht als „Symbolwert“ gebraucht (S.129). Ein Aufbruch – ein Umdenken – sei nicht gewollt: „Zu viel steht auf dem Spiel – das gesamte, über Jahrzehnte gepflegte Shoah-Gedenken Israels müsste überdacht werden. Zu viele Menschen, zu viele Institutionen sind daran interessiert, dass dem nicht so werde.“

Zuckermann gesteht aber zu: „Wagner war ohne Zweifel einer der obsessivsten und (gemessen an seiner Zeit) gefährlichsten Antisemiten des 19. Jahrhunderts. Das sollte man auf keinen Fall verharmlosen, aber eben auch nicht außer Proportion geraten lassen.“

Es reiche schon, was er realiter war und in seiner Lebenszeit als Antisemit anrichtete; ihn aber zum Vorreiter der Ideologie des ‚Dritten Reiches‘, gar zum gesinnungsverbündeten Verkünder des von den Juden verbrochenen Völkermordes hochzudeuten (…)“, ginge zu weit.

Zuckermann kann sich vorstellen, „dass mit dem Jahrzehnte währenden Boykott kein genuines Shoah-Gedenken, sondern, ganz im Gegenteil, dessen farcehafte Verhunzung gefördert wurde (S.136). [Mit] „dem Erhalt der Boykott-Ideologie würden wohl „ganz andere, schwerer lastende Probleme als die Aufführung oder Nichtaufführung von Musik eines Tonsetzers aus dem 19. Jahrhunderts abzudecken trachten“.

Wagner? Wagner!

Wagner? Oh Gott muss nach Moshe Zuckermann bravourös geschrieben Essay niemand ausrufen, finde ich. Noch einen Wagner-Buch unter vielen also? Warum nicht – es wird seinen Platz finden. Leser*innen, die vielleicht nicht gerade zu den großen Wagner-Kennern gehörten bzw. verwirrt sind durch das, was man ihnen bislang über den großen Tonsetzer nahebrachte, erfahren über das kenntnisreich geschriebene Buch viel interessantes. Nach Lektüre des neuen „Zuckermanns“ – ich muss zugestehen, ein Fan von ihm zu sein – ist man auf jedenfalls um einiges klüger worden. Man sieht klarer. Ein Skandal stellt dieser Wagner wohl heute eigentlich nur noch auf der Bühne dar, wenn sich Vertreter*innen des Regie-Theater an ihm vergreifen. Und das ist durchaus gewollt. Mögen die Wagnerianer auch noch so sehr im Dreieck springen.

Moshe Zuckermann während einer Veranstaltung in Dortmund (Archiv).

Moshe Zuckermann

Seitenzahl: 144
Ausstattung: Hardcover mit Schutzumschlag
Artikelnummer: 9783864893117

18,00 €

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.