DANCE OR DIE. Die Loveparade-Katastrophe – Ein Roman, geschrieben mit großer emotionaler Tiefe und Dichte von Jessika Westen

In schrecklich trauriger Verfassung fuhr ich am Sonntagmorgen des 25. Juli 2010 mit dem Zug von Dortmund nach Essen. Ich stand noch ganz unter dem Eindruck der von den Medien tags zuvor verbreiteten schockierenden Meldungen:

Am 24. Juli 2010 war die furchtbare Loveparade-Katastrophe in Duisburg geschehen. Die Zahl der Toten war ständig nach oben korrigiert worden. Schließlich stand später fest: Das Unglück hatte 21 Tote und 650 Verletzte gefordert. Im Kulturhauptstadtjahr!

Eigentlich stand mir verständlicherweise nicht der Sinn nach diesem Ausflug nach Essen. Als Blogger wollte ich aber über eine um zehn Uhr anfangende Veranstaltung im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres meines niederländischen Freundes Tjerk Ridder berichten. Es war der Abschluss seine Projektes „Trekaak gezocht!“ („Anhängerkupplung gesucht!“. Alle Autofahrer aus dem Ruhrgebiet, die Tjerks Campingwagen angehängt und ein Stecke weit auf dem Weg, der Tjerk, sein Mitstreiter Peter und Dackel Dachs (inzwischen leider verstorben) von Utrecht aus bis nach Istanbul führen sollte, gezogen hatten, waren als Dank zu einem gemeinsamen Frühstück auf dem Kunstprojekt „The Flying Grass Carpet“, welcher auf dem Willy-Brandt-Platz in Essen „gelandet“ war, eingeladen. Auch meine Wenigkeit. Ich hatte in Abständen über das Projekt berichtet. Auf Readers Edition sowie in der Istanbul Post.

Traurige Gestalten auf dem Essener Hauptbahnhof. Sie hatten also überlebt …

Mit meinem oder vor meinem Zug mussten auch andere Züge angekommen sein. Durchs Bahnhofsgebäude schlurften jedenfalls Gruppen von meist junge Leute beiderlei Geschlechts um die Zwanzig oder auch älter in bunten, schlabberigen Raverklamotten. Die Menschen sahen übermüdet aus. Traurige Gestalten. Die Gesichter grau. Augenringe. Die Haare verwuselt. Manche der Mädchen trugen Netzstrümpfe, die beschädigt waren. Die Kleidung der jungen Männer war teilweise schmutzig. Viele sahen zu Boden. Einige der Leute hatten Bierdosen am Hals, andere Coladosen. Sie mussten – schoss es mir in den Kopf – von Duisburg gekommen sein. Sie hatten also überlebt …

Geplantes Unglück – Verantwortliche blieben unbestraft

Bald schon nach dem folgenschweren Unglück wurde klar, dass viel schiefgelaufen war. Schon die Planung zu diesem Event hätte eigentlich den damals Verantwortlichen zeigen müssen, dass der Veranstaltungsort vom Sicherheitsstandpunkt her völlig ungeeignet war. Aber die Stadt, Oberbürgermeister Sauerland wollte wohl die Loveparade – gerade auch zu Zeiten des Kulturhauptstadtjahrs in der Stadt haben. Damals war ich ziemlich überzeugt davon, dass im Strafprozess – übrigens eines der aufwendigsten Gerichtsverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte – Verantwortliche eine Schuld an der Katastrophe nachweisen und sie entsprechend bestrafen würde.

Doch es dauerte nicht lange und die Hoffnungen, dass dergleichen geschähe, starben eine nach der anderen.

Schließlich im Mai dieses Jahres ging dieses Gerichtsverfahren nun allerdings – ohne (!) Urteil – zu Ende.

Ein Schlag ins Gesicht für Betroffene und Angehörige der Opfer! Das Urteil erging zweieinhalb Monate vor Ablauf der absoluten Verjährungsfrist für fahrlässige Tötung, die am 27. Juli 2020 gegriffen hätte, zehn Jahre nachdem das letzte Opfer der Katastrophe im Krankenhaus verstorben ist.

Wegen der Corona-Maßnahmen war das Verfahren Mitte März 2020 unterbrochen worden. Am 7. April hatte das Gericht vorgeschlagen, den Prozess einzustellen. Es sei nicht absehbar, wann und wie die Verhandlung fortgesetzt werden könne.

Dabei war die zuständige Kammer der Ansicht gewesen, dass man den Angeklagten die ihnen zur Last gelegte Tat nachweisen könne – nur eben nicht bis zum Ablauf der Verjährungsfrist. Ohnehin sei die Schuld der Angeklagten vermutlich gering. Die Staatsanwalt stimmte zu. Und was wunder: Die Angeklagten waren ebenfalls dafür.

Eine Vielzahl von Personen – so das Gericht – habe Fehler gemacht. Ein „kollektives Versagen“ konstatierte man. Zum Schluss wandte sich der Richter mit dieser lapidaren Erklärung an die Angehörigen: „Diese Katastrophe ist eine Katastrophe ohne Bösewicht. Wir haben ihn jedenfalls nicht gefunden.“

Jessika Westen – damals selbst mitten in der Katastrophe hat ein Roman geschrieben, der von Loveparade-Katastrophe handelt

Jessika Westen, Reporterin, Moderatorin und Autorin, hat es gewagt einen Roman zu schreiben, der am Tag der Loveparade-Katastrophe spielt. Der Roman trägt den Titel „DANCE OR DIE. Die Loveparade-Katastrophe“. Dass das Schreiben dieses Buches ein ziemliches Unterfangen gewesen sein muss, kann man sich denken. Aber dieser Tag hat Jessika Westen nicht losgelassen. Und ihr Freund hat ihr Mut gemacht, den Roman zu schreiben. Danke dafür! Dieser Tag hätte sie ohnehin nie losgelassen – er wird sie wohl nie ganz loslassen. Jessika Westen war nämlich Berichterstatterin für den WDR an diesem furchtbaren Tag und aus diesem Grund quasi hautnah am Katastrophengeschehen. Die Diplom-Journalistin hatte selbst – sowohl privat als auch beruflich – an vorangegangen Loveparade-Events teilgenommen und war schon deshalb Feuer und Flamme nun darüber berichten zu können.

Gut recherchiert

Um es vorweg zu sagen: Die Autorin hat es bestens verstanden, alle möglichen Klippen zu umschiffen, die einen einfallen können, hört man, jemand habe einen Roman geschrieben, der von Katastrophen-Loveparade in Duisburg handelt.

Was wohl hauptsächlich damit zu erklären ist, dass sie selbst direkt am Unglücksort und als Reporterin ein Teil des Geschehens war. Und sie kann gut schreiben! Technische und gesundheitliche Details, die Arbeit des Rettungsdienstes und vieles andere mehr hat Westen akribisch recherchiert. Das merkt man als Leser im Grund jeder Zeile im Buch an.

Freilich ist sich wohl jeder Leser vor dem Lesen des Buchs im Klaren darüber, dass es in diesem Roman kein Happy End gibt – gewiss keines geben kann.

Schon beim Eintritt ins Buch tauchen im Kopf des Lesers die Bilder auf, welche man selbst am Tag des Unglücks oder später im Fernsehen sah.

Da fängst es im Kopf schon an zu arbeiten.

Der Roman beginnt mit einem sozusagen mit einem Ausrufezeichen

Und schon das erste Kapitel mit Datum „21. Juli 2010“ und „René“ (S.7) macht klar: Das geht nicht gut. Der Roman fängt sozusagen mit einem unübersehbaren Ausrufezeichen an.

Die zwei Rettungssanitäter, die sich für den Tag der Loveparade zum Dienst gemeldet haben, sehen sich schon einmal drei Tage vorher vor Ort am Veranstaltungsgeländer um. René fragt: „Und die Rampe ist wirklich der einzige Eingang?“

Ja, ich glaub schon. Und auch der Haupt-Ausgang“, antwortet der Kollege.

Die Romanhandlung steigert sich wie ein kleiner Schneeball zur alles zerstörenden Lawine wird – zur schrecklichen Tragödie

Der Roman geht langsam an. Und doch ist es gleich, als ob sich schon ein schwacher, aber doch spürbarer Wind aufmacht. Wolken ziehen allmählich auf. Aber noch kein Grund zur Unruhe. Wenn da nur nicht das im Hirn gespeicherte Wissen des Lesers wäre! Und das Ausrufezeichen vom ersten Kapitel. Von Mal zu Mal steigert sich der Wind. Bis er letztlich zum gefährlichen Sturm anwächst, der alles durcheinanderwirbelt und zerstört, was er erfassen kann.

Oder man stelle sich den Fortgang der Romanhandlung als einem zunächst kleinen Schneeball vor, der immer weiter rollt, unaufhaltsam größer und größer wird, so dass aus ihm eine gefährliche Lawine wird, die alles niederwalzt, was ihr in Weg kommt. Der Leser selbst ist mitgerissen. Allerdings ist diese Vorstellung wohl – um das verhängnisvolle Geschehen zu verdeutlichen . weniger geeignet. Obgleich es einen am Romanende die Tränen zu Eis frieren lässt. Das Buch selbst lässt keinen kalt.

Ich schäme mich nicht zu sagen, an bestimmten Stellen des Romans Tränen vergossen zu haben. So emotional, dass beinahe persönlich die Tragik zumindest nachspürbar wird, hat Jessika Westen ihr Buch, basierend auf den Ereignissen des Schreckenstages im Juli 2010 verfasst.

Das berührt das Herz so stark, dass es sich zusammenkrampft. Gleichzeitig schießt einem Tränenflüssigkeit in die Augen, die man zurückhalten möchte, dann aber doch fahren lässt.

Man meint mittenmang im Geschehen zu sein. Wie hätte man wohl selbst reagiert? Im panischen Gedrängel der Menschen, die sich zu Menschenknäuels verkeilen – unmöglich für die Einzelnen eingequetschte Hände oder Füße, die vielleicht auch noch gebrochen sind, zu bewegen, geschweige denn freizubekommen.

Zwischen den einzelnen Kapiteln immer wieder zitierte Originalfunksprüche

Auf Seite 78:

Wedau 44 an die eigenen Kräfte:

Auf der Westseite im Bereich Düsseldorfer Straße.

Karl-Lehr-Straße fallen die ersten Zäune.

Liegt wohl daran, dass der Tunnel dicht ist

und die Leute nicht weiterkommen.

Das nur zur Kenntnis. Dass wir da nicht ins Getümmel geraten.“

Der Romanhandlung wird aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt. Aus der von René, Katty und Emma. René ist ein Rettungssanitäter. Katty eine Abiturientin, die das Leben noch vor sich hat. Emma ist die Live-Reporterin des WDR, die mit mehreren Schalten die Situation vor Ort schildert. Also die Autorin des Buches selbst, Jessika Westen.

Die Situation spitzt sich unaufhaltsam zur Tragödie zu. Wie ein zunächst anscheinend harmloser Wind zum wütenden Sturm wird, erleben wir Leser eigentlich hautnah. Ein Sturm, der eine Verheerung sonst dergleichen anrichtet. Der einst unscheinbare Schneeball ist zur alles niederwalzenden Lawine angewachsen und verletzt und tötet eiskalt.

Das Ende kennen wir aus den Nachrichten und Sondersendungen des Fernsehens von damals. Und doch sind wir geschockt, als wären wir ganz neue in das tragische Geschehen eingetaucht. Wir leiden mit den in höchster Lebensgefahr befindlichen Menschen auf der Loveparade. Schockiert ergreift uns das Grauen – wir zittern. Wir können uns vorstellen, wie den Eltern zumute ist, deren Sprösslinge dorthin gegangen sind, um Spaß zu haben. Nachdem sie aus den Nachrichten von dem Unglück erfahren haben, aber vergeblich versuchen ihre Kinder per Handy zu erreichen. Wenn wir lesen, wie Schuhe, Sonnenbrillen und andere Utensilien, welche die Besucher der Loveparade von den Rettungskräften gefunden werden, läuft es uns eiskalt den Rücken herunter.

Ich musste dabei unweigerlich an ein Erlebnis aus der Kindheit in meiner Heimatstadt Halle an der Saale denken. Ein Straßenbahnunglück war in der Nachbarschaft geschehen. Der Triebwagen des Straßenbahnzuges war entgleist. Im Asphalt der Straße hatten sich Räder der tonnenschweren Straßenbahn hineingeschnitten. Ein Kind hatte man auf eine Obstkiste, die offensichtlich aus dem nahen Obst- und Gemüsegeschäft geholt hatte, abgelegt. An einer Decke, das über das Kind gebreitet war, rote Flecke. War das Blut? Lebte das Kind noch? Ich zitterte, dorthin starrend, wie Espenlaub und konnte doch mein Blick aus gebotener Entfernung nicht von dem Kind und der entgleisten Trambahn wenden. Von weiten kam ein Barkas-Krankenwagen mit Sondersignal und flatternder Rotkreuzflagge angerast …

Sach- und fachgerecht geschrieben

Jessika Westen – ein großes Lob dafür! – hat für ihr Buch sorgfältig recherchiert und für technische Einzelheiten, betreffs Fachbegriffen und verwendeter Codes, die bei Rettungseinsätzen bestimmte Lagen kennzeichnen sowie über spezielles medizinisches Wissen und die Arbeit des Rettungsdienstes sowie der Polizei Expertenrat eingeholt. Am Ende des Buches bedankt sie sich bei den Experten. Mir ist da im ganzen Buch – soweit ich das beurteilen kann – kein Fehler unterkommen. Alles sach- und fachgerecht! Das ist wahrlich nicht bei jedem Buch so.

Jessika Westen ist ein sehr einfühlsam geschriebener Roman gelungen. Dem ein großes Publikum zu wünschen ist. Zumal das Gerichtsverfahren nun eingestellt ist. Und die Angehörigen der Opfer aus mehreren Staaten des Auslands sowie Deutschland traurig und enttäuscht zurückgelassen worden sind. Und niemand für offenkundig gemachte Fehler zur Verantwortung gezogen worden ist. Wie hatte der Richter noch gesagt: „Diese Katastrophe ist eine Katastrophe ohne Bösewicht. Wir haben ihn jedenfalls nicht gefunden.“ Nicht hinnehmbar. Oder soll man Corona auch dafür verantwortlich machen – wie es später wohl für eine wirtschaftliche Katastrophe, die schon vorher anrollte, als Schuldige vors Loch schieben wird – weil der Prozess deswegen im März gestoppt werden musste und wegen der Unterbrechung in Kürze die Verjährung drohte? Den Hinterbliebenen der Opfer und die schwer traumatisierten Menschen, die das fürchterliche Unglück überlebten, kann das weder Trost sein und schon gar nicht zur Entschuldigung dienen.

Emons schreibt über Jessika Westen u.a.: „Sie sprach mit Verletzten, Traumatisierten und hatte Einblicke in anwaltliche Unterlagen. Entstanden ist ein Roman mit emotionaler Tiefe, der ungemein berührt und niemanden kaltlässt.“

Der Buchtitel „DANCE OR DIE“ ist dem Namen einer gleichnamigen electronic Band entlehnt. Treffend! Ach ja: Lesen, liebe Leute – unbedingt lesen und weiterempfehlen!

Das Buch

Jessika Westen

DANCE OR DIE
Die Loveparade-Katastrophe. Ein Roman

Klappenbroschur

13,5 × 20,5 cm

ca. 320 Seiten

ISBN 978-3-7408-0887-7

Preis: Euro 16,00 [D] , 16,50 [AT]

Die Autorin

Jessika Westen

Die Autorin Jessika Westen. Via Emons Verlag.

Jessika Westen ist Nachrichtenmoderatorin bei ntv und Reporterin für den WDR. Die Diplom-Journalistin wurde für ihre »herausragende Leistung« als Live-Reporterin von der Loveparade-Katastrophe in Duisburg bei der Verleihung zum »Axel-Springer-Preis für junge Journalisten« geehrt. Im Nachgang zum Unglück berichtete Jessika Westen regelmäßig für den WDR über die Zusammenhänge und Ursachen, die zu dem tödlichen Gedränge geführt haben. Zwischen 1998 und 2007 war Jessika Westen selbst insgesamt acht Mal auf der Loveparade, sowohl privat als auch beruflich.

Im Vorfeld der Tagung der Nato-Organisation JAPCC in Essen zeigte die Fraktion DIE LINKE Präsenz – Reden von Niema Movassat, Dr. Alexander Neu und Dr. Uwe Krüger

Vergangene Woche fand in Essen eine Veranstaltung der Bundestagsfraktion vor Ort der Partei DIE LINKE im DGB-Haus statt.  Die Veranstaltung fand im Rahmen von No-Natom-Krieg.de hat in Essen eine Demonstration begonnen) statt. Nachdem ich kürzlich meinen Leserinnen und Lesern bereits die Rede von Oskar Lafontaine zur Kenntnis gegeben habe, möchte ich noch drei andere Redebeiträge von Teilnehmern in Form von Videos (via R-mediabase/YouTube) veröffentlichen

Die Tagung „Luftwaffe und strategische Kommunikation“ der Nato-Organisation „Joint Air Power Competence Centre (JAPCC)“ vom 23.-25. November in Essen fordert die Friedensbewegung zum Protest heraus. Hierzu veranstaltete die Partei Die Linke einen Tag vor der Demonstration eine Veranstaltung zu den Themen „Manipulation und Lobby für die Nato“, „Atombombenmodernisierung“ und die der Öffentlichkeit verschleierte Entwicklung neuer Waffen.  Quelle: R-mediabase)

Niema Movassat (Bundestagsfraktion DIE LINKE)

Zu No-Natom-Krieg.de

Die kritischen Atomwissenschaftler haben die Alarmuhr auf 3 Minuten vor zwölf gestellt! Sogar ein dritter Weltkrieg wird in den Planspielen von NATO-Strategen für möglich erklärt! Vom 23. bis 25. November 2015 lädt die NATO-Einrichtung „Joint Air PowerCompetence Centre (JAPCC)“ zu einer Konferenz „Luftwaffe und strategische Kommunikation“ in die Messe Essen ein… Es gebe Kräfte, die dem Vorgehen der Militärs gegenüber „feindlich“ eingestellt seien und dafür sorgten, „dass die Öffentlichkeit militärische Maßnahmen ablehnt“. Auf der Essener Konferenz will die NATO das ändern. Das wollen wir verhindern! In Zeiten immer neuer Ost-West-Spannungen wird dies immer wichtiger für die Menschen in Europa und für das Leben auf der Erde:

Die Jahreskonferenzen des JAPCC handeln unter anderem von Kriegen als „Expedition“, vom „einkreisenden Krieg“ (etwa mit Flugverbotszonen), vom „langen Krieg“ und vor einem erneuten „großen Krieg“….
Im letzten Jahr empfahl die JAPCC-Konferenz unter dem Titel „Zukunftspfeil“ Drohnen und einen sog. „angemessenen Mix nuklearer und konventioneller Potenziale“.
Sie spielen im Ernst mit dem nuklearen Feuer in Europa!

Die Friedensbewegung stellt sich gegen Nato-Strategien, die einen Atomkrieg als gewinnbar planen („Victory is possible“). Unser „Nein“ zum Krieg ist ein „Ja“ zum Leben

Dr. Alexander Neu, MdB DIE LINKE

Dr. Uwe Krüger (Autor von „Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-­Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse“)

Oskar Lafontaine gestern in Essen: Die ganze Außenpolitik ist ein einziges Lügengebäude

Ich möchte den verehrten Leserinnen und Lesern die Aufzeichnung einer interessanten Rede von Oskar Lafontaine zur Kenntnis bringen. Lafontaine hat sie gestern auf einer Veranstaltung der Fraktion vor Ort der Partei DIE LINKE im DGB-Haus in Essen gehalten. Leider war ich selbst verhindert, um persönlich von der Veranstaltung zu berichten. Deshalb bedanke ich mich sehr herzlich bei Regenbogentv.de, die diese Rede aufgezeichnet haben. Ich gebe diese Aufzeichnung hier gern weiter. Die Veranstaltung fand im Rahmen von No-Natom-Krieg.de (genau 11:57 Uh) hat in Essen eine Demonstration begonnen) statt. Oskar Lafontaine sprach zur NATO, Merkel, Obama, Medien und deren Kriegspropaganda.

Zu No-Natom-Krieg.de

Die kritischen Atomwissenschaftler haben die Alarmuhr auf 3 Minuten vor zwölf gestellt! Sogar ein dritter Weltkrieg wird in den Planspielen von NATO-Strategen für möglich erklärt! Vom 23. bis 25. November 2015 lädt die NATO-Einrichtung „Joint Air PowerCompetence Centre (JAPCC)“ zu einer Konferenz „Luftwaffe und strategische Kommunikation“ in die Messe Essen ein… Es gebe Kräfte, die dem Vorgehen der Militärs gegenüber „feindlich“ eingestellt seien und dafür sorgten, „dass die Öffentlichkeit militärische Maßnahmen ablehnt“. Auf der Essener Konferenz will die NATO das ändern. Das wollen wir verhindern! In Zeiten immer neuer Ost-West-Spannungen wird dies immer wichtiger für die Menschen in Europa und für das Leben auf der Erde:

Die Jahreskonferenzen des JAPCC handeln unter anderem von Kriegen als „Expedition“, vom „einkreisenden Krieg“ (etwa mit Flugverbotszonen), vom „langen Krieg“ und vor einem erneuten „großen Krieg“….
Im letzten Jahr empfahl die JAPCC-Konferenz unter dem Titel „Zukunftspfeil“ Drohnen und einen sog. „angemessenen Mix nuklearer und konventioneller Potenziale“.
Sie spielen im Ernst mit dem nuklearen Feuer in Europa!

Die Friedensbewegung stellt sich gegen Nato-Strategien, die einen Atomkrieg als gewinnbar planen („Victory is possible“). Unser „Nein“ zum Krieg ist ein „Ja“ zum Leben

Tjerk Ridder geht 5 Jahre nach „Anhängerkupplung gesucht!“ mit dem Projekt „Slow Ride – Spuren der Freiheit“ auf Tour

Tjerk Ridder aus Utrecht ist Theaterkünstler und Musiker. Sein Projekt „Anhängerkupplung gesucht!“ machte ihn auch in Deutschland bekannt. Die Metapher dazu lautete: Man braucht andere, um voranzukommen. Mit seinem Teckel Dachs und einem Wohnwagen (das Holländer-Klischee hierzulande!) brach er – ohne Zugfahrzeug – in Anfang 2010 in Utrecht auf, um in der Kulturhauptstadt Istanbul anzukommen. Notwendigerweise war Tjerk auf „Anhaaker“ (Leute, die seinen Wohnwagen an ihren Wagen hakten und ein Stück des Weges zogen) angewiesen. Und diese Menschen fanden sich tatsächlich! Wenn es auch manchmal einige Zeit dauerte. Tjerk Ridder – später begleitet vom Journalisten Peter Bijl – kam an den Bosporus und auch wieder zurück.

Und was er unterwegs nicht alles erlebte! Man sagt: Wenn einer  eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Und ob Ridder etwas zu erzählen hatte!  Was Tjerk Ridder und Co-Autor Bijldann auch  taten: Sie schrieben gemeinsam ein Buch zur Reise. Dazu erschien eine DVD, die ihm beigelegt ist. Die Erlebnisse on the road, die zahlreichen kleinen und große Abenteuer, die vielen – überwiegend herzlichen – Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen in den Transitländern wurden darin verarbeitet. Tjerk Ridder schrieb eine Reihe Lieder dazu. All dies  floss nicht nur in das Buch ein, sondern wurde auch Bestandteil einer begeisternden multimedialen Theatervorstellung. Diese erlebte gefeierte Premieren in Holland (Utrecht) und Deutschland (Zeche Zollverein in Essen). Zu all dem hier, hier und hier mehr.

Auf dem Weg zu sich selbst

Fünf Jahre nach dem Start von „Anhängerkupplung gesucht!“ ist sich Tjerk Ridder treu geblieben. Weiter spürt er – so könnte man es vielleicht sehen – dem Sinn des Lebens nach. Und versucht sich auf diese Weise ein Bild von Alltagssorgen, Vorstellungen von Leuten zu machen, sowie Kunde über deren ganz persönliche Lebenserfahrungen zu erlangen. Tjerks Herangehensweise ist in gewisser Weise auch eine journalistische. Ridder kommt damit sozusagen sicher auch auf einem langen Weg Schritt für Schritt weiter voran: nämlich auch zu sich selbst. Eine – dass ist so sicher wie das Amen in der Kirche – für uns alle nie endende, weil lebenslängliche Aufgabe. Vielleicht nach Pindar: „Lerne zu werden, der du bist, und sei danach.“

Der Theaterkünstler und Musiker Tjerk Ridder mit seinen Tourbegleitern Hund Dachs und und Zugpferd Elvi; Foto via Tjerk Ridder

Der Theaterkünstler und Musiker Tjerk Ridder mit seinen Tourbegleitern Hund Dachs und und Zugpferd Elvi; Foto via Tjerk Ridder

Nun tritt Tjerk Ridder, der sympathisch-bescheidene Künstlers aus Utrecht ein weiteres Mal mit einem interessanten Projekt auf den Plan. Es trägt den Titel: „A Slow Ride – Spuren der Freiheit“. Man darf sehr darauf gespannt sein. Ridder arbeitet bereits eine Zeitlang daran. Im Verlaufe des Jahres gesellte sich zum treuen Begleiter, Hundchen Dachs, Elvi, ein Zugpferd aus Belgien. Alle drei haben sich offenbar schon ein wenig aneinander gewöhnt. Das Ross ist es, was der Künstler diesmal braucht, um voranzukommen. Elvi soll auch Rhythmus Tempo der Reise bestimmen.

Um was geht es genau? Tjerk Ridder beschreibt es:

A Slow Ride – Spuren der Freiheit“

Was bedeutet Freiheit und Befreiung für Dich? Was kannst Du tun, um etwas von Dir zu befreien? Was ist die Bedeutung von Freiheit im Jahr 2015 und wie können wir unsere Erfahrung von Freiheit weiterentwickeln?“

 

Mit diesen Fragen mache ich mich auf den Weg. Im kommenden Sommer mache ich eine Reise durch Europa. „A Slow Ride – Spuren der Freiheit“ ist eine symbolische und poetische Reise über Freiheit und Befreiung. Mein Ziel ist es, Dich und alle unterwegs Beteiligten auf die Suche nach ihrer persönlichen Bedeutung von Freiheit zu befragen, um anschließend das eigene Erleben von Freiheit weiter zu entwickeln.

Warum diese Reise und warum jetzt?

Reisen ist ein Symbol für Neugier und das Versetzen von Grenzen. Und ist eine Metapher für Freiheit und Entwicklung. Wir leben in einer freien Gesellschaft, glücklicherweise. Unsere Freiheit wird allerdings auf vielen Gebieten beeinflusst: enormen Medien-Input, Datenschutz, internationale Spannungen, Leistungsdruck, eine größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Auch existieren viele Missverständnisse bezüglich Freiheit.

 

Ich möchte untersuchen wie Menschen hiermit umgehen und möchte nah heranzoomen an persönliche Geschichten über das Erleben von Freiheit. Auf diese Weise hoffe ich, mich selbst und Menschen um mich herum zu inspirieren, persönliche Freiheit zu entdecken und Talent zu entfalten.

Wie gehe ich auf die Reise?

Ich mache mich auf den Weg mit meinem belgischen Zugpferd Elvi. Am 19. Juni breche ich mit Elvi und meinem Dackel Dachs vom Theaterfestival Oerol auf Terschelling auf. Drei Monate lang geht es durch die ersten fünf Schengen-Staaten, in Richtung der Kulturhauptstadt Europas 2015, Mons in Belgien. Unterwegs suche ich das Gespräch mit Menschen über ihre Erfahrungen mit Freiheit und Befreiung und besuche Stätten der Freiheit und Unfreiheit, wie zum Beispiel Kulturfestivals und –Veranstaltungen, Asylbewerberzentren, Schulen, eine psychiatrische Klinik und relevante historische Orte.

 

Der „Slow Ride“ geht langsam in Elvis Tempo, wodurch wir die Ruhe haben um uns in Gespräche zu vertiefen, etwas, was in der heutigen Welt stets seltsamer zu werden scheint. Die Gespräche werden gefilmt und fließen in eine neue multimediale Theatervorstellung ein. Selbstverständlich ist die Reise auch über die Website, Facebook und Twitter zu verfolgen.

Dreh Dich zur Sonne hin

Sonnenblumen besitzen die Fähigkeit, sich zur Sonne hin zu drehen. Diese Gegebenheit inspiriert dazu, dasselbe zu tun und sich zu dem Ort auszurichten, an dem Energie ist. Die sprichwörtlichen Blumen, die bei meinen Gäste blühen werden, bekommen physische Form in einer Spur von Sonnenblumen, die während der Reise gepflanzt werden.

 

Und auch Du kannst Teil dieser stets breiter werdenden, durch fünf europäische Länder führenden Spur sein. Bei fast jeder Spende bekommst Du eine spezielle „Dreh Dich zur Sonne“-Box: eine Box mit Sonnenblumensamen, Erde und einem bisschen Mist von Elvi, um diese in Deinen Garten zu pflanzen.

Multimediale Theatervorstellung

Nach der „Slow Ride“-Reise mache ich aus den Erfahrungen von unterwegs eine multimediale Theatervorstellung: eine Kombination aus Film, Songs und Erzählungen. Die Premierenwoche findet vom 2. bis 6. Dezember 2015 in der Paardenkathedraal in Utrecht statt. Bei einer Reihe von Spenden bekommst Du hierfür Tickets und sogar ein Spezial-Slow Ride & Slow Food-Dinner im Restaurant Goesting, das neben dem Theater liegt!

 

Nach der Premiere wird die Vorstellung auf nationalen und internationalen Kulturfestivals zu sehen sein und auch bei Veranstaltungen von Organisationen, Schulen und Universitäten.

Erfolgreiches Crowdfunding

Um „A Slow Ride“ zu ermöglichen, hatte Tjerk Ridder eine Crowdfunding-Kampagne auf der niederländischen Plattform voordekunst gestartet. Sie war zu hunderprozentig erfolgreich. 19 092 Euro sind zusammengekommen!

Am 19. Juni 2015 geht Tjerk Ridder von Terschelling aus auf die Reise

Die Reiseroute; Grafik via Tjerk Ridder

Die Reiseroute; Grafik via Tjerk Ridder

Bleibt abzuwarten, ob das neue Projekt des holländischen Künstlers Tjerk Ridder aus Utrecht,  „A Slow Ride – Sporen van Vrijheid“  an den Erfolg von  „Anhängerkupplung gesucht!“ quasi wird ankoppeln können.  Am Freitag, den 19 Juni 2015 geht Tjerk Ridder jedenfalls  mit Elvi und Dachs von Terschelling aus auf Tour – viel Glück und Erfolg dafür! Ich werde weiter darüber informieren.

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein. Ein Erlebnis! – 2015 neues Projekt: „Slow Ride with short Stories for Freedom“

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein auf der Bühne des Salzlagers; Fotos: Stille

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein auf der Bühne des Salzlagers; Fotos: Stille

Mehr solche Täter wünscht man sich. Der Niederländer Tjerk Ridder ist einer dieser Exemplare. Besser: Macher. Auf Holländisch So steht es auch auf seiner Website: „muzikant en theatermaker“. Angelehnt an Erwin Strittmatters Romantrilogie möchte ich ihn beinahe als „Wundertäter“ bezeichnen. Theatermacher. Und was Ridder für ein Theater macht! Mehr als Theater sogar. Die Bretter, die bekanntlich die Welt bedeuten, allein langten ihm nicht. Ihn zog es hinaus. Auf die Straße. Hinaus aus seiner Heimatstadt Utrecht. Bis hin ins ferne Istanbul.

Zurück auf Zollverein

Für den 21. und 22. November zog es Täter Tjerk Ridder wieder hin zum Tatort. „Täter“ führt in diesem Falle möglicherweise auf die falsche Spur. Obwohl der niederländische Liedermacher, Theaterkünstler und Schriftsteller eine nicht gerade unbedeutende Tat vollbracht hat. Mit einem Eriba-Campingwagen trampte der Utrechter sage und schreibe 3.700 Kilometer von seiner Heimatstadt bis ins ferne Istanbul! Kein Pappenstiel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Ridder ohne Zugfahrzeug trampte. Drei Monate lang trampte er durch Europa. (Dazu mein Artikel für die Istanbul Post vom Februar 2010) Ridders Projekt folgte der Philosophie „Man braucht andere, um voranzukommen“. Tjerk Ridder trampte 2010 von Utrecht aus durch insgesamt acht Länder, unter anderem durch die drei damaligen Kulturhauptstädte Europas: Essen, Pécs und Istanbul. Es sollte eine außergewöhnliche Tour werden.

Ein Sprung ins Ungewisse war das. Eine Begegnung mit eigenen Ängsten und davor fremde Grenzen zu überschreiten. Auch eine Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen im heutigen Europa. 53 Fahrer hakten den Niederländer an. Dank ihnen konnte er sein Ziel Istanbul erreichen.

Erstes Etappenziel dieser außergewöhnlichen Reise im Jahr 2010 war das UNESCO-Welterbe Zollverein. Auf dem Rückweg war es für Tjerk Ridder selbstverständlich damals im Sommer selben Jahres wieder auf Zollverein Station zu machen. Überhaupt hat Ridder das Ruhrgebiet und den dort lebenden  herzlich-warmen, auch robust-ehrlichen Menschenschlag selbst  tief  ins Herz geschlossen. Das drückt er im für das Erzählprojekt „Mein Zollverein“ verfassten Text zum Ruhrpott unter dem Titel „Tief be-Ruhr-t“ aus. Darüber hinaus im Stück „Befrei mich“. Noch heute spricht Tjerk Ridder von „purer Magie“, wenn er an die Menschen denkt, die er im Revier kennenlernte.
Seither war Tjerk Ridder, Hundchen Dachs – er wurde dieses acht Jahre alt, darf dabei nicht fehlen, öfters auf der ehedem modernsten Kohlenzeche der Welt: auf Zollverein.

Riesenerfolg mit Deutschland-Premiere auf der ExtraSchicht

Anlässlich der ExtraSchicht 2014 spielte Ridder, begleitet vom hervorragenden Musiker Matthijs Spek, das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht!“ an einem Abend gleich dreimal auf Zeche Zollverein in Essen. Auf Deutsch. Ein Riesenerfolg: Insgesamt erlebten es fast 1000 Menschen.

Nun, da das Jahr 2014 allmählich ausläuft, kam Tjerk Ridder abermals mit „Anhängerkupplung gesucht! – Ein Roadtrip durch Europa“ auf die Zeche Zollverein. Nach großem Erfolg (im Herman-van-Veen-Artscenter und anderswo in den Niederlanden) sowie nach Gastspielen in Brüssel und im Konsulat der Niederlande in Istanbul sowie in seinem Heimatland wurde die Produktion von der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“, vergangenen Freitag und Samstag wieder auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen präsentiert.

„Anhängerkupplung gesucht!“ ist ein europäisches Kunstprojekt, das Menschen, Kulturen und Welten verbinden möchte. Angeregt durch seine Reiseerfahrungen entwickelte der Künstler das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen”. Neben dem Bühnenprogramm in englischer, holländischer und deutscher Sprache entstand ein zusammen mit dem Journalisten Peter Bijl von Ridder verfasstes Buch über die außergewöhnliche Reise von Utrecht nach Istanbul. Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Anhängerkupplung gesucht!“ im Patmos Verlag (meine Buchvorstellung im „Freitag“) erschienen.

„Anhängerkupplung gesucht!“ am 21. November im Salzlager auf dem Gelände der Kokerei Zollverein

Auf dem Gelände des UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen gilt es immer etwas interessantes zu
entdecken. Diesmal ist es ein weiterer Ort auf dem riesigen Gelände. Es ist eines der Relikte der zum Betrieb der Kokerei auf Zollverein gehört: das Salzlager. Eine große, hohe Halle. Darin ist im hinteren Teil die Ausstellung „Ein Palast der Ideen und Träume“, „The Palace of Projects“, des Künstlerpaares Ilya und Emilia Kabakow untergebracht.
Im vorderen Teil des Salzlagers steht die Bestuhlung für die Aufführung Tjerk Ridders. Davor Bühnenaufbau und Projektionswand.

Stolpernd über Zollverein

Das Wahrzeichen von Zollverein bei Nacht.

Das Wahrzeichen von Zollverein bei Nacht.

Angelangt im Salzlager war ich nach einem ziemlichen Marsch und einer kurzen Verirrung bei spärlicher Beleuchtung über holperiges Pflaster und Gleise stolpernde, kommend von der Straßenbahnhaltestelle auf der Gelsenkirchener Straße über die „schlafende“, menschenleere minimal erleuchtete Zechenanlage Zollverein  mit dem sie überragenden  Förderturm („Doppelbock“), vorbei an der bei Dunkelheit unheimlich anmutenden Industriekulisse der Kokerei.

Küchen- und Espressomobil des HUkultur-Projektes Boch.

Küchen- und Espressomobil des HUkultur-Projektes Boch.

Erleichtert treffe ich auf einen Posten in orangener Warnweste: „Da hinten rechts“, sagt der Mann, „Wo sie das Licht sehen.“
Besagtes Licht strahlen zwei Buchstaben ab. Sie sind auf einen mobilen Verkaufswagen montiert. Ein „H“ und ein „U“. Es handelt sich um ein Küchenmobil, wie ich erfahre. Daneben parkt das Espressomobil. Beide Mobile sind Teil und Ergebnis des gemeinsamen Kunstprojektes von ESTU NO ES UN SOLAR (Zaragoza) und HUkultur (BocHUm) im Rahmen des THIS IS NOT DETROIT-Projektes. Das Küchenmobil bot kulinarische Köstlichkeiten und das Espressomobil nicht nur Kaffee, Tee, sondern auch alkoholfreie Getränke sowie Bier und Weine an.

Korrespondierende Mobile

20141121_193802Diese beiden Mobile korrespondieren sozusagen mit dem rechts in der Halle abgestellten Wohnwagen mit welchem Tjerk Ridder von Utrecht nach Istanbul trampte. Er ist von außen von LED-Scheinwerfers angestrahlt. Im Innern vom bordeigener Beleuchtung mit warmen Licht erhellt. Am Fenster eine Lichterkette. Die auf das nahenden Weihnachtsfest verweist? Rechts gleich neben der Tür ein

Tisch mit Straßenkarte.

Tisch mit Straßenkarte.

Tisch, dessen Platte eine Straßenkarte bedeckt. Gemütlich. Einladend. Hundedame Dachs streunt um den Campinghänger herum. Wedelt mit dem Schwanz, schnuppert an der Deichsel und wackelt dann an den Stuhlreihen vorbei, hin zum Licht- und Tonpult an der anderen seitlichen Hallenwand vis-á-vis der Bühne.

Die Show läuft nun runder

Tjerk Ridder (links), musikalisch begleitet von Mattijs Spek (links)

Tjerk Ridder (rechts), musikalisch begleitet von Mattijs Spek (links)

Zur Show selbst kann weitgehend gelten, was ich schon anlässlich der Deutschland-Premiere während der ExtraSchicht 2014 an dieser Stelle schrieb. Nur ist nun im November alles wesentlich runder, noch stimmiger. Einige Songs, wie etwa „Spring“, sind jetzt an anderer Stelle. Auch die Video- und Fotoeinblendungen fügen sich besser in den Ablauf der Show.  Ab- und Überblendungen sind nun weicher, gefühlvoller. Ohnehin schon berührend gewesen „brennt“ sich an einer Stelle nach der Überarbeitung der Show erst recht die Hoffnungslosigkeit bis tief in die Seele des Publikums ein. Man kann förmlich mitfühlen, was Tjerk Ridder an einer Stelle auf dem Balkan fühlte, erlitt, als sich dort vielen, vielen Stunden niemand fand, der ihn an sein Auto hakte. Die durch die einfühlsamen musikalische Untermalung dieser langen Videosequenz durch Matthijs Spek atmet Melancholie und Hoffnungslosigkeit: Soll man die Tour vielleicht abbrechen? Tjerk Ridder bearbeitet an dieser Stelle Schlagzeug. Seine Augen sind geschlossen: In diesem Moment ist er wieder an diesen warmen Sommertag an der kleinen Tankstelle, wo es lange, zu lange nicht weitergeht. Bedrohlich rauschen schwere Lastwagen nahe an Tjerk Ridder vorbei. Das Schlagzeug verstärkt diese Bedrohung noch einmal. Der Zuschauer meint direkt dabei zu sein an dieser Tankstelle. In dieser Nacht der Hoffnungslosigkeit, der Ängste, des sich einschleichenden Zweifels …

 

Tjerk Ridders Auftritt zu Beginn von hoch droben.

Tjerk Ridders Auftritt zu Beginn von hoch droben.

Eingangs der Show hätte sich freilich für Tjerk Ridder angeboten aus dem rechts neben der Bühne stehenden Campingwagen aufzutreten. Dann aber hatte man sich, wie wir von der begrüßenden Moderatorin Hella Sinnhuber erfahren, dazu entschlossen die sagenhaften örtlichen Gegebenheiten des Salzlagers zu nutzen. Eine grandiose Entscheidung! Plötzlich taucht Tjerk Ridder hoch droben mittig über der Bühne, fast unterm Dach der Location im scharfen Spot eines Scheinwerfers am Geländer eines dort verlaufenden seitlichen Stegs auf und begrüßt die Leute.

Hätte man wohl selbst den Mut  solch Reise anzutreten?

Was soll man schreiben? Es war wieder eine einfach tolle Show! Warm. Herzlich. Zum Nachdenken anregend. Informativ. Auch Melancholie hervorrufend. Ein Rädchen griff ins andere. Rund und stimmig in der Aussage, der dem Projekt zugrunde liegenden Metapher: Du brauchst andere, um voranzukommen. Nicht nur einmal kommt bei mir der Gedanke auf: Wie hättest du da und da selbst gehandelt? Hättest du den Mut aufgebracht, diese Reise ins quasi Ungewisse anzutreten? Das Sympathische und vor allem Ehrliche an Tjerk Ridder ist, dass er zutiefst menschlich nachvollziehbar zugibt, selbst Bammel vor der Reise gehabt zu haben. In der Nacht bevor es losging hatte er so gut wie nicht geschlafen. Sollte er es lassen? War es denn nicht eigentlich verrückt was er vorhatte: Mit einem Wohnwagen trampen?! Wo er doch zuvor im Leben gerade einmal ein Strecke von fünf Minuten getrampt war?
Gut, dass Ridder es getan hat. Für ihn. Wie für uns, die wir nun ob via der Show oder über das Buch dessen erlebnisreiche Tour nach-, ja beinahe miterleben können. So, als seien wir selbst mit on the road gewesen.

Nach der Vorstellung und dem langem, warmherzigen Applaus des Essener Publikums stellte sich Tjerk Ridder dessen Fragen. Er erzählt, dass nun auch die Menschen und den bereisten Teil Europas besser kennt. Zuvor war es eben nur die Straßenkarte. Aber auch die Ängste, die man ihm gemacht habe, betreffs des vermeintlich so „gefährlichen Balkan“. Die Reise sie etwas ganz Besonderes gewesen. Daraus habe sich sozusagen eine ganz „andere Spur“ ergeben. Und was ist mit den Wünschen der von Ridder unterwegs nach deren Träumen befragten Menschen, die er – wie die Moderatorin sagt – „eingetopft“ (in Konservendosen verschlossen und mit Haltbarkeitsdatum versehen) habe? Ja, sagt Tjerk Ridder, das kommt öfters vor. Er hatte mit den Menschen die Kontaktdaten ausgetauscht. Ein Mann etwa in Serbien, wo er damals auf der Reise 2010 gegessen hatte, schicke ihm jedes Jahr Weihnachtsgrüße per SMS. Auch „Hans-Jürgen, ein Mann aus Dortmund“ meldete sich. Der hatte eingedost, dass er beim „Iron Man“ dabei sein möchte. Der Mann schickte Ridder eine Mail mit einem Bild, dass Hans-Jürgen „sehr stolz mit seiner Medaille“ zeigte.

Was macht Guy aus Paris?

Etwas betrübt ist Tjerk Ridder darüber, dass er mit einem Franzosen, Guy, einem Pensionisten, aus Paris, welchen er unterwegs mit seinem Fahrrad getroffen hatte – der von Paris aus ebenfalls  nach Istanbul unterwegs gewesen war, die Kontaktdaten nicht ausgetauscht hat. Was wohl aus dem geworden ist?

Ein „Zelt auf Rädern“ in China und Gewehre auf den „illegalen“ Niederländer auf Zollverein 2010

Wie hören, dass Ridder auch auf der Weltausstellung in Shanghai spielte. Auf Mandarin aber gibt es kein Wort für Wohnwagen, man sagt einfach „tent on wheels“ (Zelt auf Rädern).
Ridder erzählt, dass er inzwischen viel für Firmen, an Unversitäten und sogar bei der Nationalpolizei, Schulen und Einrichtungen des Gesundheitswesens spiele – eben auf ganz „verschiedenen Levels“ der Gesellschaft. Die Moderatorin zum Projekt: „Es ist ein sozusagen eine Expedition, eine angewandte Forschung.“

Zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres 2010 auf Zollverein Essen, gibt Ridder zu, sei er „illegal“ gewesen. Eingeladen war ja keineswegs. Am Freitagabend – Eröffnung durch den damaligen Bundespräsident Köhler sollte am darauffolgenden Tag sein – sei er bei bitterkaltem Wetter auf Zollverein angekommen. Ein „Schlagbaum und Personen mit Gewehren“ hätten ihn erwartet. Ridder stellte sich vor: „Ich bin ein Künstler aus Utrecht. Wo ist mein Platz?“ Gewehre habe man auf ihn gerichtet. Er solle das Weite suchen, befahlen die Sicherheitsleute. Nun stand der in der kalten Nacht. Zwei Uhr sei es dann sehr still gewesen. Die Probe für die Eröffnung war vorbei. Mit Beleuchtung habe Zollverein im „Rauch“ wie ein „Wunderland“ oder „Märchenwald“ gewirkt. Ein Wintermärchenwald ohne Leute.

Ruhrgebietsherzlichkeit bei Tom

Am nächsten Tag war später alles für alle offen. Früh war er mit seinem Fahrrad nach Essen-Stoppenberg gefahren. Von „Toms Kiosk“, wo er klopfte, wurde er ruhrgebietsherzlich empfangen. „Ein Wohnwagentramper, was?“ Der Mann lud ihn für die nächsten Tag wie selbstverständlich ein, dessen Küche und das WLAN zu benutzen. Er bekam Bratwurst mit Kartoffelsalat und Tee. Eine Frau, die dort arbeitete, sagte: „Du könnest die Dusche gebrauchen.“ Heiterkeit im Publikum. All das habe Tjerk Ridder sehr beeindruckt: „Das ist richtig meine zweite Heimat geworden.“ Und wer war „so richtig doof?“, fragt die Moderatorin Sinnuber. Sehr wenig schlechte Erfahrungen habe er  gemacht. Vielleicht fünf Prozent der Menschen waren abweisend. Dagegen jedoch 95 Prozent von ihnen verhielten sich kooperativ.

Hymne auf Zollverein gewünscht

Nun Fragen ans Publikum. Jörg Schmitz merkt an, Ridder habe „so eine schöne Hymne geschrieben“ ans Ruhrgebiet. Schmitz: „Ich habe ein Wunsch an dich.“  Tjerk  solle doch einmal eine Hymne über Zollverein schreiben. „Dann führen wir die in zwei Jahren hier auf“, verspricht Schmitz. Und Ridder: „Das machen wir!“
Und was hat Tjerk Ridder für neue Ideen?
Natürlich! Ein neues Projekt ist angepeilt. Das aber mache er freilich nicht alleine, so Ridder.

Neues Projekt: Mit dem Pferd durch Europa zur Weltausstellung in Milano 2015

Siebzig Jahre werden nächstes Jahr nach dem Zweiten  Weltkrieg vergangen sein. Tjerk Ridder informiert, er werde 2015 mit dem „größten Briefkasten der Welt auf Rädern mit einem großen Arbeitspferd davor“  auf Tour gehen. Der Titel des neuen Projektes: „Slow Ride with short Stories for Freedom“  Ridder will von Holland aus durch Deutschland , Belgien, Luxemburg und Frankreich zur Weltausstellung in Mailand unterwegs sein. Auf der Strecke möchte er die persönlichen Geschichten der Leute „von Befreiung und Freiheit anno 2015“ sammeln. Aber es gehe grundlegend um die brennende Frage: „Brauchen wir immer in der Welt Freiheit und Krieg, Freiheit und Krieg, Freiheit und Krieg? Was eigentlich brauchen wir Menschen?“ Tjerk Ridder möchte im Juni von einem Theaterfestival in Holland aus seine Tour nach Mailand beginnen.

Im Oktober jedenfalls, so hofft Ridder, in Milano zu sein.
Tjerks Wunsch: „Vielleicht könnte ich hier auf Zollverein singen, wenn ich mit meinem Pferd aus Milano zurückkomme?“
Der aufbrandende, herzlich tönender Beifall des Publikums ist die Antwort: Sicher freut man  sich auf den niederländischen Künstler.

Ein erfüllter Abend

Verdienter Applaus.

Verdienter Applaus.

Die Veranstaltung beschließen  einige Zuschauer, indem sie von ihren ganz besonderen, persönlichen Träumen erzählten. Dann geht  es zum gemütlichen über. Tjerk Ridder gibt  Autogramme. Sein Buch wird  verkauft. Rührig von der engagierten Inhaberin der Buchhandlung „Katzenprung“, Frau Zepig,  aus der Stoppenberger  Hanielstraße. Und draußen vor der Tür des Salzlagers kommt man sich noch einmal bei  orientalischen Speisen und einem Bier  näher.   Angeboten von den netten Leuten des Hukultur-Projektes, das ein  Bürgerprojekt aus der Hustadt in Bochum finanzieren soll. Gespräche zwischen Zuschauern und mit den Künstlern kommen in Gang. Welch erfüllter Abend! Rauschender Applaus.

Hier via  PRO ein kurzer Video-Beitrag von der Veranstaltung.

 

„Anhängerkupplung gesucht!“ – Die Multimediashow im November zurück auf Zeche Zollverein in Essen

Tjerk Ridder 2010 auf dem Balkan; Foto: Peter Bijl

Tjerk Ridder 2010 auf dem Balkan. Auto Kuka heißt Anhängerkupplung in der Landessprache; Foto: Peter Bijl

Den Täter, heißt es,zieht es immer zum Tatort zurück. „Täter“ führt in diesem Falle möglicherweise auf die falsche Spur. Obwohl der niederländische Liedermacher, Theaterkünstler und Schriftsteller eine nicht gerade unbedeutende Tat vollbracht hat. Mit einem Eriba-Campingwagen trampte der Utrechter sage und schreibe 3.700 Kilometer von seiner Heimatstadt bis ins ferne Istanbul! Wahrlich kein Pappenstiel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Ridder ohne Zugfahrzeug trampte. Drei Monate lang trampte er durch Europa. (Dazu mein Artikel für die Istanbul Post vom Februar 2010) Ridders Projekt folgte der Philosophie „Man braucht andere, um voranzukommen“. Tjerk Ridder trmpte 2010 von Utrecht aus durch insgesamt acht Länder, unter anderem durch die drei damaligen Kulturhauptstädte Europas: Essen, Pécs und Istanbul. Es sollte eine außergewöhnliche Tour werden.

53 Fahrer brachten den Niederländer voran

Es war ein Sprung ins Ungewisse, eine Begegnung mit eigenen und fremden Grenzen, eine Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen im heutigen Europa. 53 Fahrer hakten den Niederländer an. Dank ihnen konnte er sein Ziel am Bosporus erreichen.

Für Tjerk Ridder spricht von „purer Magie“, wenn er an die Menschen aus dem Revier denkt

Erstes Etappenziel dieser außergewöhnlichen Reise im Jahr 2010 war das UNESCO-Welterbe Zollverein. Auf dem Rückweg war es für Tjerk Ridder damals im Sommer selben Jahres selbstverständlich wieder auf Zollverein Station zu machen. Überhaupt hat Ridder das Ruhrgebiet und seine herzlichen Menschen ins Herz geschlossen. Für das Erzählprojekt „Mein Zollverein“ goss er seine Erfahrungen, die er im Pott gemacht hat in einen Text: „Tief be-Ruhr-t“ – eine persönliche Hommage an das Ruhrgebiet. Sowie das Stück „Befrei mich“. Noch heute spricht Tjerk Ridder von „purer Magie“, wenn er an die Menschen denkt, die er im Revier kennenlernte.
Seither war Tjerk Ridder, Hundchen Dachs darf dabei nicht fehlen, öfters auf der einst modernsten Kohlenzeche der Welt auf Zollverein. Kürzlich kam er wieder zu einem Pressetermin nach Essen.

Zur ExtraSchicht 2014 „Anhängerkupplung gescht! erstmalig in deutscher Sprache

Anlässlich der ExtraSchicht 2014 stellte Ridder, begleitet vom hervorragenden Musiker Matthis Spek, das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht!“ auf dem ehemaligen Industriegelände in Essen erstmalig in deutscher Sprache vor. Dreimal wurde das Programm an diesem Abend aufgeführt. Ein Riesenerfolg: Insgesamt haben es fast 1000 Menschen erlebt.

Nach Gastspielen in Istanbul kommt die Multimediashow abermals nach Essen auf Zeche Zollverein zurück

Nun, da das Jahr 2014 allmählich ausläuft, kommt Tjerk Ridder mit „Anhängerkupplung gesucht!“ – Ein Roadtrip durch Europa ein weiteres Mal auf die Zeche Zollverein. Nach großem Erfolg (auch im Herman-van-Veen-Artscenter und anderswo in den Niederlanden) und nach zwei Gastspielen in Istanbul wird die Produktion, präsentiert von der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“, am Freitag, 21. und Samstag, 22. November 2014, jeweils 20 Uhr, auf das UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen zu erleben sein.

Tjerk Ridder mit Hund Dachs auf dem UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen; Foto via Zollverein

Tjerk Ridder mit Hund Dachs auf dem UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen; Foto via Zollverein

„Anhängerkupplung gesucht!“ ist ein europäisches Kunstprojekt, das Menschen, Kulturen und Welten verbindet. Angeregt durch seine Reiseerfahrungen entwickelte der Künstler das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen”. Das Bühnenprogramm schließt sich dem in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Peter Bijl von Ridder verfassten Buch über seine Reise an. Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Anhängerkupplung gesucht!“ im Patmos Verlag (lesen Sie meine Buchvorstellung im „Freitag“) erschienen.

Veranstaltung: Tjerk Ridder: „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen“ – Eine außergewöhnliche Reise durch Europa mit Bildern, Liedern und Geschichten Termin: Fr 21. und Sa 22.11.2014, 20.00 Uhr [Einlass 19.00 Uhr]

Publikumsgespräch im Anschluß

Hinweis: Im Anschluss an die Vorstellung am Freitag, 21. November, gibt es ein Publikumsgespräch, bei dem die Zuschauer eingeladen sind, ihre eigenen Erfahrungen zum Thema „Man braucht andere, um voran zukommen“ einzubringen. Die Vorstellung beginnen an beiden Tagen um 20.00 Uhr.

Karten gibt es hier:

Die Tickets kosten 12, ermäßigt 8 Euro, zuzüglich Systemgebühr und sind im Ticket-Center der Theater und Philharmonie Essen sowie in allen Ticketshops der WAZ Mediengruppe erhältlich.
Die Veranstaltungen werden präsentiert von der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“, die seit 2012, angesiedelt bei der Stiftung Zollverein und gefördert von der RAG-Stiftung, unter der Leitung von Claudia Wagner aktiv daran arbeitet, die Brücken zwischen dem Welterbe und seinen Nachbarn auszubauen.

Kartenvorverkauf: Ticket-Center der Theater und Philharmonie Essen, Fon +49 201 812 22 00, Fax +49 201 812 22 01, tickets@theater-essen.de sowie in allen Ticketshops der WAZ Mediengruppe über CTS, Ticket-Hotline: Fon +49 209 147 79 99, ticket@mbee.de, im Internet hier Moderation des Publikumsgesprächs: Hella Sinnhuber. Weitere Informationen unter: „Anhängerkupplung gesucht!“ und Zeche Zollverein.
Biografien der Künstler

Tjerk Ridder wurde 1973 in Utrecht geboren. Im Alter von zwölf Jahren begann er afrikanische Trommel zu spielen. Als Drummer und Gitarrist wirkte er in verschiedenen Bands mit und schrieb erste Lieder. Nach dem Studium an den Hochschulen für Theater in Amsterdam und Utrecht arbeitete er in verschiedenen Theatergruppen und Fernsehproduktionen. Eine Reise nach Japan im Jahr 2001 regte Tjerk Ridder an, eine eigene Form von Theater und Musik zu entwickeln, die sich auf Lebensgeschichten und menschliches Wachstum gründet. Die Motive, Sehnsüchte und Ideen von Menschen sind wichtige Quellen der Inspiration für Ridders Arbeit.

Matthijs Spek wurde 1974 in Nieuwerkerk aan de IJssel geboren. Er studierte an der Hochschule für Musik in Utrecht den Studiengang Jazz/Pop mit dem Hauptfach Gitarre und dem Nebenfach Klavier. Nach dem Studium arbeitete er als professioneller Gitarrenspieler, als Musiker, Komponist, Arrangeur, Musikproduzent und Gitarrenlehrer. Er arbeitete u.a. zusammen mit Theo Mackaay, Niet Schieten und Braak. 2005 und 2008 gab er zwei Soloalben im Eigenverlag heraus. Für das Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht!“ spielt Matthijs Spek die Sologitarre. Er produzierte die dem Buch beiliegende DVD „Anhängerkupplung gesucht!“.

Deutschlandpremiere von „Anhängerkupplung gesucht!“ : Tjerk Ridder traf in die Herzen der ExtraSchicht-Besucher

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Tjerk Ridder (rechts vor einer projizierten Aufnahme seiner Heimatstadt Utrecht) zu Beginn der Deutschlandpremiere von „Anhängerkupplung gesucht!“ Begleitet wurde er von Matthijs Spek (links mit Bild); Fotos (2) C.-D. Stille

Der niederländische Theaterkünstler Tjerk Ridder hat Mut bewiesen. Und zwar, indem er sich zunächst und dann stets immer wieder aufs Neue Mut machte. Nach einem Brainstorming mit Freunden wurde  einst in seiner Heimatstadt Utrecht eine Idee geboren: Mit einem Wohnwagen wollte Ridder nach Istanbul gelangen. Nicht einfach so aus Jux. Tjerk Ridder wollte u.a. die Kulturhauptstädte von 2010, Essen, Pécs und Istanbul, besuchen und so eine Verbindung zwischen ihnen herstellen. Ein wenig sollte wohl auch ein bisschen mit der Vorstellung „Holländer mit ihren Wohnwagen“ gespielt werden. Die Sache hatte aber zunächst einmal einen Haken. Einen, nicht vorhandenen nämlich. Ridder verfügte nur über einen Eriba-Campingwagen. Ohne  Zugfahrzeug! Wie also nach Istanbul kommen?

Trekhaak gezocht!

Ganz einfach: Man braucht andere, um voranzukommen. Im vorliegendem Falle Leute mit einem motorisierten Fahrzeug, das über eine Anhängerkupplung verfügt. Und darüberhinaus Fahrer, die gewillt sind einen in ihren Augen offenbar verrückten Holländer ein Stück des Weges zu ziehen. Auf Niederländisch heißt Anhängerkupplung Trekhaak. Der Titel des in Angriff genommenen Projektes stand fest: „Trekhaak gezocht!“ Zu deutsch: „Anhängerkupplung gesucht!“ Die Metapher über all dem: „Man braucht andere, um voranzukommen“. Wer wollte das bestreiten? Nur ist uns das sehr oft überhaupt nicht (mehr) bewußt. Ganz einfach eigentlich. Ganz einfach?

Erste Station auf deutschem Boden: Zeche Zollverein

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Der Eriba-Campinganhänger von Tjerk Ridder auf Zeche Zollverein in Essen.

Von Utrechter Bürgerinnen und Bürgern sowie vom Stadtoberhaupt der Domstadt verabschiedet machte sich Tjerk Ridder im eiskalten Januar des Jahres 2010 zu seiner Tour auf. Erster Etappenort war die Kulturhauptstadt Essen. Das Gelände der Zeche Zollverein. Ein Zeche, die dereinst als „schönste und modernste Zeche“ galt. Im bitterkalten Januar 2010 eröffnete dort der damalige Bundespräsident Horst Köhler das Kulturhauptstadtjahr. Tjerk Ridder campte auf dem Gelände von Zollverein. Illegal, aber geduldet.

Vorweg: Tjerk Ridder erreichte – zwar nicht wie geplant in einem Rutsch, so aber doch in zwei Etappen und später begleitet vom Journalisten und Kulturproduzenten Peter Bijl – Istanbul. Auf der Tour entstanden Lieder, Texte Fotos und Videoaufnahmen. Daraus wiederum ein Buch (mit DVD). In englischer, niederländischer und seit vergangenem Jahr auch in deutscher Sprache „Anhängerkupplung gesucht“, erschienen bei Patmos. Das Projekt ist längst ein multimediales. So nimmt es nicht wunder, das selbiges auch als Bühnenprogramm gleichen Namens Reden von sich macht.

Programmpunkt der Extraschicht

Ich sah es im Februar 2014 auf Niederländisch bei Utrecht. Letzten Sonnabend war es nun soweit: Die Zeit wurde als reif für die Deutschlandpremiere dieser Show befunden.  Diese fand sozusagen eingebettet in den Rahmen des Programms der Extraschicht am 28. Juni 2014 statt. Auf dem Gelände des UNESCO-Welterbes Zollverein in Essen. Im großem Saal von Areal A [Schacht XII], Halle 12, der einstigen Lesebandhalle. „Anhängerkupplung gesucht!“ lief gleich dreimal hintereinander: 20, 22, und 24 Uhr. Ich besuchte die erste Aufführung.

Sogar  auf dem Boden sitzen Zuschauer

Die Sitzgelegenheiten im  großen Saal sind kurz vor Beginn alle besetzt. Es haben Gäste sogar auf dem Parkettfußboden platzgenommen. Jemand meint später, es könnten um die 350 Zuschauergewesen sein.

Auf der Bühne ein Schlagzeug, Gitarren und ein Garderobenständer mit Kleidungsgegenständen, welche Tjerk Ridder auf seiner Tour 2010 trug. Auf einer Leinwand im Hintergrund das Coverbild vom Buch projiziert. Es zeigt links den Eriba-Campingwagen (der stand  übrigens am Sonnabend draußen vor der Halle 12) und Tjerk Ridder mit ausgestrecktem Daumen an einer Chaussee stehend. Auf der Suche nach einem Auto mit Anhängerkupplung.

Selbst nur einmal fünf Minuten lang getrampt 

Eingangs der Show und vor dem dann eingeblendeten Bild des winterlichen Utrecht bei Nacht. Tjerk Ridder erzählt wie die Idee zum Projekt geboren wurde. Und ein Geständnis Tjerk Ridders mochte die Zuschauergemeinde zumindest erahnen lassen können, wie dessen Gefühle vor der Tour wohl gewesen sein mussten: Nämlich verdammt mulmig. Der Utrechter selbst war bis dato höchstens einmal fünf Minuten lang getrampt. Und nun sollte er über 3700 Kilometer weit durch acht Länder nach Istanbul trampen? Noch dazu mit einem Campinganhänger ohne Trekhaak, sprich Auto mit Anhängerkupplung! Und wie hatten ihn alle möglichen Leute gewarnt! Auf dem Balkan könnte er bestohlen werden oder ihm noch Schlimmeres drohen. Sich selber Mut machen war also angesagt. Selber mutig empfand sich Tjerk gewiss nicht. Wer wagt gewinnt, sagt der Volksmund. Hier stimmt dies wirklich!

„Eis“ gebrochen

Tjerk Ridder greift zur Gitarre und in die Saiten. Wieder musste sich der Utrechter Mut machen. Wagen und hoffentlich gewinnen. Da ist das Lampenfieber, das immer da ist, wie die meisten Bühnenkünstler sagen: da sein muss. Aber da ist auch die ganz besondere Anspannung. Eine leichte, verständliche Nervosität ist ihm anzumerken. Die Show das erste Mal auf Deutsch! Augenscheinlich liest Ridder ab und an von einem Manuskript auf einem Notenständer ab.  Die Stütze sei ihm gegönnt. Manches Mal geht ihm doch ein Wort in Niederländisch besser von den Lippen als in deutscher Sprache. Besser als zu stocken.  Das Publikum nimmt ihm  das nicht übel.  Bald ist ein „Eis“ gebrochen, das garnicht da gewesen war. Man versteht, staunt und lacht, wenn es heiter oder skurril auf der Tour zugeht.

Matthijs Spek begleitet musikalisch einfühlsam

Die Reise von Utrecht nach Istanbul hat ihren Lauf genommen. Äußerst einfühlsam wird Ridder vom Gitarristen Matthijs Spek begleitet. Wenn Tjerk Ridder von einer Situation auf der Reise berichtet, wenn eine Videosequenz auf der Leinwand zu sehen ist, illustriert Spek das musikalisch sanft aber wo nötig dennoch ausdrucksvoll akzentuiert auf seinem Instrument. Es ist wie bei einer guten Filmmusik, die den jeweiligen Szenen ein ganz bestimmtes Fluidum verleiht. Eine Musik, die gar nicht da zu sein scheint, aber dennoch eine unverzichtbare Rolle spielt, ohne die der Film die Wirkung, die er mit ihr hat eben nicht hätte. Die jeweilige Stimmung am Ort der Tour wird musikalisch koloriert. Und die Stimmung des Wohnwagentrampers in der einen oder anderen erzählten Situation umso nachfühlbarer für die Zuschauer. Vorsichtig vergleichbar vielleicht mit einem vorsichtig eingesetzem Gewürz in einer Speise, das nicht vordergründig herauszuschmecken ist, das Gericht aber erst zu einer ganz besonderen Gaumenfreude werden läßt.

Rundum positive Erfahrungen gemacht

Tjerk Ridder, zusammen mit Peter Bijl, erlebten eine Menge kleinerer und größerer Abenteuer auf dem Weg von Utrecht nach Istanbul und zurück. Die Erfahrungen waren im Nachinein betrachtet rundum positiv. Natürlich gab es hier und da auch mal Schwierigkeiten. Manchmal schien es nicht weiter zu gehen. Dennoch trafen die beiden Niederländer – nicht zu vergessen Hundchen Dachs; auch in Essen natürlich wieder hinten auf der Bühne zugegen – viele interessante und hilfsbereite Menschen. Sie lernten gleich mehrere Länder sowie viele Städte, Landschaften und Dörfer kennen.

Unterwegs kann zu Hause sein

“Unterwegs”, singt Ridder auch an diesem Abend auf Deutsch. Fast mochte ich mitsingen. Weil es so stimmig ist. Der Inhalt in Kürze auf einen Nenner gebracht: Unterwegs kann zu Hause sein. Unterwegs ins Leben hinein. (“Unterwegs”, gesungen von Tjerk Ridder; via Youtube/Peter Bijl) Wie einfach. Wie passend zugleich. Auf die Anhängerkupplung-Gesucht!-Tour, wie aufs Leben eines Menschen im Speziellen.

Träume in Dosen

Orte der Reise erscheinen in bewegten und und unbewegten Bildern auf der Leinwand. Tjerk erzählt die erlebten Geschichten dazu. Menschengesichter tauchen auf. Leute sind zu sehen, die von Ridder während der Tour aufgefordert werden ihre Träume aufschreiben. Ridder doste sie ein, versah die Konserven mit einem Haltbarkeitsdatum. Dieses signalisiert den Tag an welchem die Menschen hoffen, ihr Traum würde bis dahin in Erfüllung gegangen sein. Dann sollen sie die Dose öffnen und ein Fazit ziehen. Ingesamt 73 Traumdosen verschloss Tjerk Ridder mit einer manuellen Konservendosenmaschine.

Ungeschälte Nüsse und der gefährliche  „Papageienmann“

Immer wieder gibt Tjerk Erlebnisse zum Besten, die das Publikum zum Schmunzeln, Stutzen aber auch zum Lachen bringen. Wie das mit dem „Papageienmann“. Wieder einmal warteten sie da an einer Straße und niemand hielt an. Da kam plötzlich ein Mercedes Benz! Mit deutschem Nummernschild. Doch der Mann ist Kroate. Und Tjerk kam der Mann suspekt vor. Selbst Begleiter Peter Bijl, erzählt Tjerk Ridder gestern auf  Zollverein, der sonst immer sofort mit Leuten ins Gespräch kommt, habe sich stumm ans Seitenfenster des Mercedes mit nun angehängtem Wohnwagen gepresst. Und Ridder hinten mit Hund Dachs auf dem Schoss malt sich (Balkan!) aus, was womöglich alles passieren könnte.

Der suspekte Typ lud sie nun auch noch zu sich nach Hause ein! Ridder aber wollte eigentlich lieber weiter. Man blieb. Ridder: „Ein typischer Junggesellenhaushalt. Mit abwaschbarer Tischdecke auf dem Küchentisch. Es wurde Wasser kredenzt. Dazu gab es ungeschälte(?!) Nüsse“ Schließlich schält Ridder Nüsse und weitere düstere Befürchtungen drängen sich ihm auf. Plötzlich, so Ridder, bittet sie der Mann: „Jetzt wollen wir bisschen Spaß machen! In einen, wie der Mann auf Deutsch sagte Schuppen“. In Ridders Hirn ratterte es: „Der Mann ist immerhin Junggeselle!“ Der Mann, erfährt das Publikum, führte sie durch diesen „Schuppen“ hindurch.  Am anderem Ausgang befand  sich eine große Voliere. Mit Papageien darin! Achtundreißig an der Zahl.

Woher kommen nur unsere Ängste und Vorurteile?

Ridder: „Jetzt wurde mir klar wozu der Mann ungeschälte Nüsse in rauen Mengen vorrätig hielt!“ Lachen im Publikum. Ridder dann: „Woher kommen nur unsere Ängste vor anderen Leuten? Woher die Vorurteile?“ Der eben noch „suspekte“ Kroate entpuppte sich als „Papageienmann“ mit einer Tochter in Deutschland. „Also musste der Mann mal eine Frau gehabt haben.“ Und Tjerk sinniert: „Welche Menschen sind denn nun eher gefährlich? Welche mit Kindern oder die ohne?“ Die Moral aus der Geschichte: Weg mit unseren Vorurteilen! Offen sein, zugehen auf Menschen!

Per Hand rüber nach Kroatien

Köstlich auch das Erlebnis von Tjerk und Peter an der ungarisch-kroatischen Grenze. Kroation war dazumal noch kein EU-Mitgliedsland. Da standen noch Grenzer mit Gewehren. Ein Ungar hatte sie mit seinem Wagen an diese Grenze gezogen. Tjerk: „Doch auf die Grenzbürokratie hatte der keine Lust. Da standen wir nun mit unserem Campinganhänger ohne Auto mit Trekhaak!“ Schließlich entschlossen sie sich den Wagen per  Hand über die Grenze zu schieben. Lachen im Saal. Und sie taten es. „Was würden die Grenzer wohl denken?“ Zwei Holländer, bekannt für Drogen und andere ungesetzliche Sachen mit einem Campingwagen ohne Auto. Drei Grenzer kamen heran. In ihren Händen Handys. Einer erklärt: „Das müssen wir festhalten. Uns glaubt das ja keiner, wenn wir das zuhause erzählen!“ Der Saal brüllt vor Lachen. Ridder: „Die ließen uns dann durch. Nicht einmal die Pässe wollten sie noch sehen.“

Stumme Zeugen des Bürgerkrieges

Dann wieder wird es still und die Menschen machen nachdenkliche Gesichter. Da, etwa, wenn in einem von Tjerk und Peter besuchten Ort auf dem Balkan die Spuren von Einschüssen in Fassaden einst so schöner Häuser, wenn Ruinen, zu sehen sind aus Zeiten des ( wie wir inzwischen wissen: sinnlosen) jugoslawischen Bürgerkrieges (“Zerschossene Stadt”) zu sehen sind. An den wir uns erinnern. Natürlich fragten sich Tjerk und Peter: Was hat dieser Krieg mit den Menschen in diesen Orten, in diesen Häusern gemacht? Häuser sind kaputt oder renoviert. Die Menschen leben – müssen mit ihrem schlimmen Erlebnissen weiter leben. Wie sang doch einst Udo Lindenberg: Ein Herz kann man nicht reparieren. Erst recht nicht eine verwundete Seele! Waren die Menschen aus diesen Städten und Dörfern Täter oder Opfer? Oder sogar beides?

Man braucht andere, um voranzukommen. Auch auf der Straße des Lebens

Ein Filmstück – die Szene da Tjerk Ridder des Abends oder nachts an einer Tankstelle auf dem Balkan steht und sich offensichtlich niemanden findet, der sie an sein Auto haken will – ist lang. Denn lange wurden Tjerk und Peter da nicht mitgenommen. In der deutschen Version von „Anhängerkupplung gesucht!“ drückt Matthijs Spek die nervenzehrende Warterei zirka 500 Kilometer von Istanbul entfernt fast körperlich nachlebbar aus, in dem der die anscheinend aussichtslose (Tjerk: sollten wir umkehren?) Lage mit schrillen E-Gitarrentönen (aus-)malt. Die Bühne ist in tintenblaues Licht getaucht. Tjerk Ridder illustriert die  damalige Misere am Schlagzeug. Matthijs Speks „Erzählung“ dieser traurigen Nacht auf dem Balkan und der filmisch konservierte Gesichtsausdruck Tjerk Ridders sagen zusammen mehr als tausend Worte. Schließlich ist es ein schrecklicher Gedanke womöglich irgendwo fern der Heimat zu stehen und nicht mitgenommen zu werden. Im Bauch ein rumorendes Gefühl der Entmutigung. Da ist es wieder: Man braucht andere, um voranzukommen. Wie sehr stimmt das erst auf der Straße des Lebens!

Wofür die „Wohnwagenmetapher“ steht

Das multimediale Bühnenprogramm macht die dem Projekt zugrunde liegende Idee förmlich erfahrbar. Auch weil man selbst gar nicht dabei, unterwegs, mit Tjerk Ridder, Peter Bijl und Dachs war. Die Hauptfrage der Protagonisten während ihrer Reise: “Entschuldigen Sie, haben sie vielleicht eine Anhängerkupplung?” Hinter der “Wohnwagenmetapher” steht ja immer auch die Frage: “Bist du offen dafür, deinen Weg zu ändern?”

Mit dem Herzen sehen

Nur die jeweilige Landessprache hält – das Teil betreffend, worauf es ankommt, um weiter zu kommen – immer andere Worte bereit. Der Gedanke dahinter bleibt der gleiche. Trekhaak. Anhängerkupplung. Kuka. Das sind ja nur technische Begriffe jeweils anderer Zunge. Der springende Punkt ist jedoch: Man braucht andere, um voranzukommen. Wichtig ist das Menschliche. Es gilt das eigene Herz und andere Herzen für Neues zu öffnen. Wie schrieb doch Antoine de Saint-Exupéry in “Der kleine Prinz” so einfach wie richtig: “Man sieht nur mit dem Herzen gut” und beklagte damit das einseitige Denken der “Großen Leute”.

Vorurteile abbauen und Grenzen überwinden

Das großartige Projekt “Anhängerkupplung Gesucht!” führt uns vor – auch wenn wir selbst nicht dabei waren: Mögliche Vorurteile abbauen, Grenzen überwinden (nicht nur im geografischem Sinne) ist machbar. Etwas lernen von anderen und über andere – letztlich über einen selbst – ist eine unbezahlbare Bereicherung. Seine Träume zu leben bedeutet zunächst, sie zu formulieren. Tjerk Ridder erinnert in seiner Show auch an   einen Franzosen, dessen Foto auf der Leinwand eingeblendet wird, welchen sie auf der Tour trafen. Der hatte sich nach der Pensionierung als Erstes ein Fahrrad gekauft. In ihrem Buch nennen  ihn Ridder und Bijl “Seelenverwandter Zweiradfahrer”. Guy, so der Name des Franzosen, wollte von der Quelle der Donau bis zur deren Mündung ins Schwarze Meer strampeln.

„Istanbul!“

Dann endlich: Der Sultanahmet-Platz in Istanbul ist erreicht. Im Bild zu sehen. Der befreiende Ruf Tjerks und Peters: „Istanbul!“ Der dazugehörige Film zeigt wie sie in einem Transporter auf einer Istanbuler Schnellstraße dahinrauschen und Tjerk ruft einem Fahrer in einem anderen Auto durchs offene Fenster zu: „We are from Holland. Wir hitchhiking with a caravan without hook …“ Dann fällt das andere Auto zurück …

Fazit:  So verschieden sind die Menschen in unterschiedlichen Ländern gar nicht

Gemeinsam friedlich leben. Und den Frieden bewahren. Und Tjerk Ridder hat es selbst erlebt: So verschieden sind die Menschen in unterschiedlichen Ländern gar nicht. Wie konnten ihm andere vor der Reise nur Angst machen? Vor dem Balkan. Und den schlimmen Sachen, die ihm da geschehen könnten. Heute hatte Ridder dafür nur ein Kopfschütteln übrig. Diese Leute die das taten, waren gewiss nie selbst auf dem Balkan. Hatten alle Vorurteilen offenbar von den Medien übernommen. Es geschah ja gerade das Gegenteil, des von ihnen an die Wand gemalten. Viele herzliche, warme Begegnungen wurden den Protagonisten des Projektes auf der Reise zuteil. Und Tjerks Augen strahlen dabei. Die Anspannung fällt endlich von ihm ab.

Ridders Programm machte Tour und dahinter stehenden Gedanken nacherlebbar

Die Wärme, die Tjerk Ridder und Matthijs Spek während der Extraschicht auf Zollverein ausstrahlten, aber auch die vermittelte Nachdenklichkeit, hat das Publikum nun auch auf Deutsch ergriffen. Welches seinerseits Wärme zurück zu den  Protagonisten auf die Bühne in Halle 12  auf Zollverein zurücksendete. Die Geschichten von der Reise erwärmten die Herzen, atmeten Melancholie, ließen aber auch den Spass nicht zu kurz kommen.

Lebendig nacherleb- und nachvollziehbar

Das Bühnenprogramm macht auf sympathische Weise unaufdringlich deutlich und vor allem die dem Projekt zugrundeliegende Methapher „Man braucht andere, um voranzukommen“ lebendig nacherleb- und nachvollziehbar. Und die Geschichte funktioniert auch in deutscher Sprache. An der muss Tjerk Ridder freilich noch etwas arbeiten. Dann wird die Show (noch) runder. Wenngleich Ridder seine leichten Unsicherheiten bei der Deutschlandpremiere überbrückte, indem er deutsche kurz durch niederländische Worte ersetzte, der Aufführung beileibe keinen Schaden zufügten. Allesfalls winige Kratzer. Der Verständlichkeit insgesamt tat das keinen Abbruch.

In die Herzen tief  hineingetroffen

Die Herzen hat „Anhängerkupplung gesucht!“ jedenfalls nicht nur erreicht und erobert. Sondern tief in sie hineingetroffen. Davon zeugt nicht nur der öfter ertönende Zwischenapplaus sondern auch der begeisterte Beifallssturm am Schluss. Sowie die Gespräche vieler Menschen hinterher im Foyer beim Signieren der Bücher und beim Entgegennehmen von Autogrammen mit Tjerk Ridder und dem eigens aus Berlin angereisten Buchmitautor Peter Bijl, der am Projekt keinen unerheblichen Anteil hatte.

Matthijs Spek, ein wirklich hervorragender Instrumentalist und damit eine unverzichtbare Bereicherung der Show, ist offenbar zu bescheiden, um sich nach der Aufführung zu zeigen. Bescheidenheit ist zwar eine Zier, doch war sie fehl am Platze hier. Lob dem virtuosen  Spieler! Gewiss hätte mancher auch gern ein Autogramm von ihm  gehabt. Dafür zeigte sich der Tour- wie medienerfahrene Dachs und schwarzwenzelte ein wenig zwischen den Gästebeinen hin und her. Und erhielt prompt  seine Streicheleinheiten.

Mehr davon! Tot zienst in Duitsland!

Manche Leute dürften sich vielleicht nun auch mit Gedanken tragen, mal aus den eingefahrenen Bahnen etwas auszubrechen. Mehr davon! „Anhängerkupplung gesucht!“ auf weitere deutsche, österreichische und deutschschweizerische Bühnen, möchte ich rufen!

Tjerk Ridder ist bestimmt nicht mutiger wie wir selbst. Ein Mensch wie wir. Ein sympathischer Zeitgenosse zumal. Der Utrechter hat nur Mut bewiesen, indem er sich immer wieder Mut machte. Und so weiter kam.Mulmig war ihm vorher und auch unterwegs nach Istanbul. Es wird auf weiterer Lebensbahn auch ab und zu wieder so sein. Doch Ridder hat immerhin schon einmal gewagt und – seien wir ehrlich: ziemlich viel gewonnen. Ach, würden wir uns doch auch mal etwas Ähnliches trauen!

Eine tolle Deutschlandpremiere auf Zollverein war das gestern. Dort wo 2010 alles begann. Tjerk Ridder bekannte, das Ruhrgebiet längst als „zweite Heimat“ zu empfinden. „Anhängerkupplung gesucht!“ war als einer von vielen Programmpunkten auch ein Glücksfall für die Extraschicht 2014. Wie es ein absoluter Treffer für Tjerk Ridder und Matthijs Spek war die Deutschlandpremiere auf Zollverein gleich dreimal zu spielen. Wie man neudeutsch sagt, eine Win-win-Situation. Ein gelungener Einstand allemal, wie ich finde. Glückwunsch! Tot ziens in Duitsland, Tjerk, Matthijs und Dachs!  Peter Bijls Bemerkung vor der Show hat sich doch tatsächlich erfüllt: „Das ist Zollverein, Tollverein und Vollverein ..“

Zu seinem Aufenthalt im Ruhrgebiet im Kulturhauptstadtjahr 2010 und auf der Essener Zeche Zollverein schrieb Tjerk Ridder den Text “Tief-be-Ruhr-t”.

„Anhängerkupplung Gesucht!“ bei der ExtraSchicht 2014 erstmalig in deutscher Sprache

BildTjerk Ridder im Sommer 2010 auf dem Balkan; Foto: Peter Bijl

Ein bisschen verrückt oder zumindest tollkühn muss schon jemand sein, der mit einem Wohnwagen zu trampen beschließt. Einen Campinganhänger wohlbemerkt, ohne eigenes Zugfahrzeug! Ein Niederländer besaß diese Tollkühnheit. Ach so!, werden nun bestimmt einige unter den Leserinnen und Lesern denken und gelangweilt abwinken: Ein Holländer? Die sind doch berüchtigt wegen ihrer Wohnwägen! Gemach. Berüchtigt zu recht oder nicht, das sei mal dahingestellt: Was schon ist ein Holländer mit Wohnwagen, der ohne Zugmaschine wohin will? Nach Istanbul auch noch? Von Utrecht aus? Da sieht die Sache schon ganz anders aus.

Der Utrechter Theaterkünstler und Liedermacher Tjerk Ridder gebar die Idee zum Projekt „Trekhaak Gezocht!“ („Anhängerkupplung Gesucht!“) in einer Kneipe. Und gewiss spielte er bei dem ins Auge gefassten Projekt am Rande ein ein Stück weit damit, dass Niederländer und Wohnwagen für manche Menschen so eine Art Schreckgespenst darstellen, dem man auf den Straßen am liebsten nicht begegnen möchte. Beispielsweise als Deutscher (Ausnahmen bestätigen die Regel) auf deutschen Autobahnen. Weil ihnen die Wohnwagen hinter sich her schleppenden Holländer vermeintlich die so geliebte „Freie Fahrt für freie Bürger“ (es gibt sogar eine Facebook-Gruppe unter diesem Titel!)  nähmen. Wobei Behinderungen deutscher Autolenker und der von ihnen geforderten und fest für sich und auf ewig reklamierten „Freien Fahrt“ zwar in der Tat stattfinden, jedoch vielfältige Ursachen haben. Die allerwenigsten davon dürften bei Lichte betrachtet holländischen Campern ankzukreiden sein.

Ein Mann und sein Wohnwagen – Per Anhalter durch Europa

Wie dem auch sei, Tjerk Ridder ging es um etwas ganz anderes. Nämlich wollte er das Projekt „Anhängerkupplung Gesucht!“ als eine Metapher verstanden wissen, welche praktisch auf das Leben verweist: „Man braucht andere, um voranzukommen.“ Eine Schnapsidee? Allerdings mit dem Unterschied, das es bei selbiger nicht blieb.

Denn Tjerk Ridder trampte schlussendlich drei Monate lang durch Europa. Mit einem Wohnwagen der Marke „Eriba“. Ausgestattet mit einer Solaranlage zum Erzeugen von an Bord benötigter Elektroenergie. Jedoch ohne Auto. Ridders erstes Etappenziel dieser ungewöhnlichen Reise im Jahr 2010 war das UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen. Die Eröffnungsfeier für die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 erlebte Ridder bei bitterer Kälte. Dachs, der Hund des Niederländers und treuer Begleiter auf der Reise Utrecht – Istanbul war ebenso dabei.

Am Ende der Reise via eines Stopps in der zweiten europäischen Kulturhauptstadt, dem ungarischen Pécs und quer durch den Balkan stand wie geplant die Kulturhauptstadt Numero drei Istanbul. Dazwischen lagen etliche Abenteuer.

Mehr darüber erfahren sie in meinen Beiträgen dazu hier und hier.

Zurück im Pott

Im Juli 2010 kehrten Tjerk Ridder, Hundchen Dachs und Begleiter Peter Bijl glücklich zurück in den Ruhrpott, der ersten Station Anfang des Jahres 2010 nach dem Start in der Heimat Utrecht. Diesmal herrschte brütende Hitze. Mein Bericht darüber können Sie hier lesen.

Die Reise künstlerisch reflektiert

Während der Reise entstanden Videos, Notizen und Lieder, in denen Tjerk Ridder das Erlebte verarbeitete und reflektierte. Inzwischen gibt es auch ein zusammen mit dem Journalisten Peter Bijl verfasstes Buch, das über das große Abenteuer Auskunft gibt. Auf Englisch und Niederländisch. Und auch eine deutsche Ausgabe des Buches „Anhängerkupplung Gesucht!“ (darin eine DVD mit Liedern und Videos) ist bei Patmos erschienen. Auf Neopresse  wurde es u.a. vorgestellt.

Niederländische Aufführung von "Trekhaak Gezocht!". Rechts im Bild Tjerk Ridder im Herman-van-Veen-artscenter auf De Paltz; Foto: Claus-D.Stille

Niederländische Aufführung von „Trekhaak Gezocht!“. Rechts im Bild Tjerk Ridder im Herman-van-Veen-artscenter auf De Paltz; Foto: Claus-D.Stille

Mit Fug und Recht firmiert „Anhängerkupplung Gesucht!“ längst als Multimedia-Projekt. Auch eine überzeugende Bühnenversion hat Tjerk Ridder auf die Beine gestellt. Begleitet wird der Utrechter auch da von Hundchen Dachs. Ridders hervorragender musikalischer Begleiter ist Matthijs Spek. Für die freitag-community-Leserinnen und Leser besuchte ich im Februar die niederländische Aufführung im Herman-van-Veen-Artscenter auf De Paltz in der Nähe von Utrecht. Mit diesen hier beschriebenen Eindrücken kehrte ich zurück nach Deutschland.

Deutschland-Premiere

Nun endlich hat das Warten für uns Deutsche ein Ende: Tjerk Ridder kommt mit seinem Theater-Multimediaprojekt nach Deutschland! Spielen wird er es erstmalig in deutscher Sprache am 28. Juni 2014 anlässlich der „ExtraSchicht 2014 – Die Nacht der Industriekultur“ auf Zeche Zollverein in Essen. Dieser Ort der Industriekultur hat sich Tjerk Ridder fest eingeschrieben. Wie und warum das so ist, davon erzählt Ridder in seiner für das Erzählprojekt verfassten „Mein Zollverein“-Geschichte „Tief be-ruhrt“.

„Vier Jahre später“, vermelden die Organisatoren,  „am 28. Juni 2014, kehrt der niederländische Theaterkünstler und Liedermacher Tjerk Ridder anlässlich der ExtraSchicht mit einem multimedialen Bühnenprogramm voller Reiseerfahrungen auf das ehemalige Industriegelände in Essen zurück. Erstmalig präsentiert er dort in Zusammenarbeit mit der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“ das theatrale Roadmovie „Anhängerkupplung gesucht!“ auch in deutscher Sprache.“

Das Thema der diesjährigen ExtraSchicht ist „Europa“. Ridders „Anhängerkupplung Gesucht!“ passt bestens ins Programm. Und die Zeit! Europas Politiker sollten sich die damit transportierte Metapher zu Herzen nehmen und leben: Du brauchst andere, um voranzukommen. Zweifelsohne ist gerade „Anhängerkupplung gesucht!“ ein europäisches Kunstprojekt, das Menschen unterschiedlicher Herkunft zu verbinden imstande ist.

Mit mehr als 40 einzelnen Programmpunkten wird ein bunter Mix aus Ausstellungen, Musikbeiträgen, Licht- und Kunstinstallationen, Walk Acts und internationalen Straßentheater-Inszenierungen präsentiert. „Anhängerkupplung Gesucht!“ ist einer dieser Programmschwerpunkte.

In der Pressemitteilung zu seinem Aufritt heißt es: Tjerk Ridder erzählt in Liedern, Bildern und Videos von „seiner Reise von Utrecht aus durch acht Länder, unter anderem über die drei europäischen Kulturhauptstädte Essen, Pécs und Istanbul. 3700 Kilometer lang war seine außergewöhnliche Reise – ein Sprung ins Ungewisse, eine Begegnung mit eigenen und fremden Grenzen, eine einzigartige Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen im heutigen Europa. Insgesamt 53 Fahrer halfen dem Niederländer, sein Ziel am Bosporus zu erreichen.“ Und weiter: „Der Zuschauer erlebt, was möglich ist, wenn Menschen es wagen, sich für Unbekanntes zu öffnen.“

Tjerk Ridder, einfühlsam musikalisch begleitet von Matthis Spek, nimmt das Publikum mit „auf eine Reise durch Themen wie Heimat, Träume, Tatkraft, Einsamkeit, Gastfreundschaft, Vorurteile und Vertrauen.“

Wir dürfen gespannt auf die Begegnung mit Tjerk Ridder und seinem erstmalig am 28. Juni gleich dreimal auf Deutsch präsentierten Programm sein.

Informationen

Mehrsprachiger Trekhaak-Schutz; Foto: C.-D.Stille

Mehrsprachiger Trekhaak-Schutz; Foto: C.-D.Stille

Veranstaltung: Tjerk Ridder. Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen. Eine außergewöhnliche Reise durch Europa mit Bildern, Liedern und Geschichten

Termin: 28.6.2014, 20.00 | 22.00 | 24.00 Uhr

Veranstalter: „Welterbe Zollverein – Mittendrin“ im Rahmen der ExtraSchicht | Die Veranstaltung wird durch die RAG-Stiftung und das Königreich der Niederlande gefördert.

Ort: Areal A [Schacht XII], Halle 12, großer Saal

Eintritt: Für den Besuch des Programms ist ein ExtraSchicht-Ticket erforderlich, Tickets unter: http://www.extraschicht.de

Informationen unter: Anhängerkupplung Gesucht! und Zollverein.

Sahra Wagenknecht: „Wenn Sie wollen, dass alles so bleibt, dann müssen Sie CDU und SPD wählen“

BildSahra Wagenknecht bei ihrem gestrigen Wahlkampfauftritt in Essen; Fotos: C.-D. Stille

Wer Sahra Wagenknecht noch vor der Europawahl (und Kommunalwahl in NRW) reden hören wollte, hatte gestern drei Möglichkeiten. Düsseldorf. Bochum. Essen. In Bochum lockte gleichzeitig das Sommerfest der LINKEn auf dem Dr. Ruer Platz. Schlimme Gewitter mit heftigen Regengüssen waren vorausgesagt. Man ist ja, wie meine Mutter immer zu sagen pflegte, nicht aus Zucker. Also schulterte ich den Schirm, bestieg den Regionalexpress gen Aachen. Ich ließ ein bisschen wehmütig – das Bochumer Sommerfest – und damit Grönemeyers Geburtstadt, tief im Westen, links liegen und fuhr durch bis Essen. Essen, „Die Einkaufsstadt“. Mit diesem Slogan empfing mich die Stadt der Krupps und Krauses einst, als ich 1989 von Wien kommend hier ausstieg.

Tommelklänge zum Empfang

Stracks strebte ich über die Kettwiger Straße hinunter, um linkerhand auf den Kennedy-Platz zu gelangen. Laute Trommelklänge empfingen mich: Eine bunte Samba-Truppe bollerte vor der LINKEn-Bühne auf ihre Klanginstrumente. Verstreutes Publikum. Ein Stand mit leckerer Speis und Trank. Eine Hüpfburg und eine Rutsche für die Kleinen. Das Wetter annehmbar. Die Außengastronomien von Cafés und Restaurants gut besucht. Vor der Bühne noch reichlich Plätze.

Kommunalwahl: Essen baut schon wieder an der Messe herum. Und was ist mit der Zukunft der Kinder?

Nach kurzen Ton-Problemen stellten sich diverse Kandidatinnen und Kandidaten aus einigen Wahlbezirken von der LINKEn, welche  für die Kommunalwahl und den Rat der Stadt Essen kandidieren,  vor. Nach wie vor beschäftigt die Politiker und gewiss auch viele Bürger der Stadt die prekäre finanzielle Situation der Stadt Essen. Einen gewaltigen Schuldenberg hat die Stadt seit 1990 nun angehäuft. Überall wird gekürzt. Kultur, Bibliotheken, Bäder (die „Oase“ ist dicht: da habe ich 1989 noch drin geplanscht, sogar splitterfasernackt) – man kennt das. Überall? War die Essener Messe – auch um 1990  herum – für über 100 Millionen renoviert worden, steht nun schon wieder ein Um- und Ausbau in Frage. Das empört nicht nur die LINKEn. Der neue Ausbau soll nun noch mehr als der alte kosten. Und dabei ist der alte Kredit noch nicht einmal abgezahlt. Das soll noch jemand verstehen?

Wären die Mittel nicht besser in Bildung, Kultur und soziale Einrichtungen, die möglichst vielen Bürgerinnen und Bürger – in vorderster Linie: den Kindern und Jugendlichen! – zugute kommen, investiert?!

Fabio de Masi kandidiert auf Listenplatz 6 seiner Partei für das Europaparlament

BildFabio di Masi (DIE LINKE) kandidiert für das Europaparalment

Nach weiteren musikalischen Programmpunkten kam Fabio de Masi auf die Bühne des Essener Kennedy-Platzes. De Masi kandidiert für DIE LINKE auf Listenplatz 6 für die Europawahl. „Übrigens“, sagte de Masi einleitend, „in Essen ist das Wetter besser!“ Der Deutsch-Italiener kam geradewegs von seinem Redeaufritt in Bochum.

De Masi warnte ausdrücklich vor einem Erstarken der Rechten im Europaparlament. Dabei hat er auch die AfD im Blick. Heftig greift er deren Kandidaten Olaf Henkel an. Der, so de Masi, habe nichts für „die kleinen Leute“ im Sinn. Schließlich habe der als einstige Wirtschaftsfunktionär doch einst enorme für Verschlechterungen für dieselben kleinen Leute gefordert. Schon vergessen? Und besonders von Regierungen wie der unter Bundeskanzler Schröder schlussendlich habe die Wirtschaft sie auch in Formn von „Reformen“ bekommen.

Vorsicht vorm TTIP!

Hart kritisierte der Linkspolitiker das sogenannte Freihandelsabkommen TTIP. Nicht zuletzt deshalb, weil es von Lobbyisten hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werde.

„Was ist mit Sozialmissbrauch der Bosse?“

De Masi. „Als ich das erste Mal den CSU-Spruch ‚Wer betrügt, fliegt“ gehört habe, da dachte ich, die Vereinsspitze von Bayern München sei damit gemeint gewesen.“ Wer, wie die Bundesregierung es vorhabe, auch jetzt wieder mit Gesetzesverschärfungen gegen vermeintliche Sozialbetrüger – gemeint sind EU-Bürger aus Rumänien und Bulgarien – Front und Stimmung mache, betreibe Brandstiftung. Neunzig Prozent dieser Personen zahlten ihre Sozialbeiträge. Zum Dank dafür beutete  man sie meist als billige Arbeitsklaven aus. „Was ist mit dem Sozialmissbrauch der Bosse?“, schallte die Stimme des Linkspolitikers über den Kennedy-Platz.

Eurokrise nicht vorbei

Niemand, so de Masi, solle sich von Angela Merkel einwickeln lassen: „Die Eurokrise ist längst nicht vorbei!“

Wer von Schulden der Staaten spreche, dürfe von den Vermögen nicht schweigen.

Für wen haben sich die Ukrainer auf dem Maidan den Arsch abgefroren?

De Masi äußerte großes Verständnis für Ukrainer, die sich Anfang des Jahres auf dem Kiewer Maidan „den Arsch abgefroren haben“, um für nachvollziebare Rechte zu kämpfen. Der Politiker erinnerte an eine frühere Monitor-Sendung und daran, dass entsprechende WDR-Recherchen damals ergeben hätten, dass die Scharfschützen, die für die Toten des Maidan vom Hotel „Ukraina“ geschossen haben müssen, welches damals von der Opposition kontrolliert wurde.

Und auch daran, dass die USA seit Jahren 5 Milliarden Dollar investiert hätten, um den Wind in der Ukraine in ihrem Sinne zu drehen.

Auch werde heute kaum noch davon gesprochen, dass im Rahmen angedachten des EU-Assoziationsabkommens mit Kiew die Gaspreise für die ärmsten Ukrainerinnen und Ukrainer enorm gestiegen wären. Für wen also haben sich die Menschen auf dem Maidan den Arsch abgefroren?!

Wählen gehen!

„Gehen Sie wählen!“, ruft de Masi zum Abschluß seiner Rede noch den Essenern zu. Die sind in ihrer Zahl auf dem Kennedy-Platz angewachsen.

Sahra Wagenknecht: „Wenn Sie wollen, dass alles so bleibt, dann müssen sie CDU und SPD wählen!“

BildMan ahnt den Grund für die Volksvermehrung: Sahra Wagenknechts Rede rückte zeitmäßig näher. Und dann tauchte sie auch auf. Im weinroten Kleid. Und wie immer bestens vorbereitet. Pünktlich gegen 17 Uhr trat Wagenknecht ans Mikrofon. Applaus.

Die Spitzenpolitikerin ihrer Partei DIE LINKE ging gleich von gegen Null auf Hundert. Dr. Sahra Wagenknecht spricht die Menschen direkt an: „Wenn Sie wollen, dass alles so bleibt, dann müssen sie CDU und SPD wählen!“ Auch die FDP würde weiter Neoliberalismus bleiben. Und die Grünen, Mitopposition neben ihrer Partei ginge meist so zag zuwerke, dass man den Eindruck gewinnen müsse, sie wollten nichts Wesentliches ändern.

Gebraucht wird ein soziales Europa

Aber Europa brauche, so Wagenknecht, dringend einen Wandel. 26 Millionen Arbeitslose europaweit, die griechische Wirtschaft am Boden – das sei ein Skandal.

Ein soziales Europa werde gebraucht, nicht eines, wo das große Geld die Politik kaufe, um ihre Profitinteressen verwirklichen zu können, forderte Wagenknecht.

Europawahl ist auch Stimmungstest für Groko

Zwar plakatiere die CDU etwa Merkel, obwohl die ja betreffs Europa überhaupt nicht zur Wahl stünde. Dennoch, darauf verweist die Politikerin, sei die Europawahl auch ein Stimmungstest für die Große Koalition. Wagenknecht: Läuft die Wahl auf eine Bestätigung der Groko-Politik hinaus, müsse sich niemand hinterher wundern, dass man in Berlin weitere Übeltaten wage.

Ukraine: Schwere Fehler in der Ukraine-Politik

Kritisch beschied Wagenknecht auch die deutsche Außenpolitik. Schwere Fehler hinsichtlich der Ukraine habe Berlin gemacht. Nun, da in der Ukraine ein Bürgerkrieg entstanden sei, gieße eine EU-Politik noch weiteres Öl ins Feuer.

Warnende  Linke bringe man als „Russland-Versteher“ in Misskredit. Das sei perfide. Nie, bekannte Dr. Wagenknecht, hätte sie gedacht, einmal  mit solchen Vorurteilen konfrontiert zu werden. Sie selbst bemühe sich alle Länder zu verstehen. So wie sie versuche Russland zu verstehen, möchte sie versuchen Frankreich, Polen  und andere Länder verstehen.

Gefährliches Säbelrasseln

Sahra Wagenknecht wandte sich energisch gegen „neue deutsche Großmannsucht“ und nannte das „Säbelrasseln“ gegenüber Russland unsäglich und gefährlich. Schlimm sei, dass man gerade zu diesem Behufe auch osteuropäische Länder instrumentalisiere, welche früher einmal zur Sowjetunion gehört haben.

Und in diesem Zusammenhang rief Wagenknecht die Ereignisse im Vorfeld des Ersten Weltkriegs, dessen Ausbruchs sich in diesem Jahr zum 100. Male jähre, mahnend in Erinnerung: „Krieg darf nicht Ultima Ratio, sondern muss Ultima Iratio sein“

Waffenexport ist  „übles Geschäft

Eine von Wagenknechts Forderungen ist auch, dass Deutschland sich für den Weltfrieden einsetze. Dazu passe eben nicht das Geschäft mit dem Tod, dass deutschen Rüstungsbetriebe mit ihren Waffenexporten betrieben. „Ein übles Geschäft ist das“, sagte Sahra Wagenknecht. Vor allem, wenn Waffenempfänger im Ausland Waffen gegen das eigne Volk richteten.

August Bebel und Wily Brandt möchte Wagenknecht ausdrücklich in Schutz nehmen

Kurz ging die Linkspolitikerin auch noch auf Frank-Walter Steinmeiers Empörung wider Demonstanten ein, welche ihn kürzlich auf dem Alexanderplatz in Berlin u.a. als „Kriegstreiber“ geschmäht hatten. Steinmeier hatte die Sozialdemokratie dabei in hohen Tönen gelobt, was die in Sachen Frieden für Verdienste hätte. Dies sei doch sehr fragwürdig, beschied Wagenknecht.

Sahra Wagenknecht dazu: „Ich bin zwar keine Sozialdemokratin, ich bin Sozialistin … aber ich möchte ausdrücklich Sozialdemokraten wie August Bebel und Willy Brandt, der sich wohl heute im Grabe herumdrehen dürfte, in Schutz nehmen.“

Gabriels Heuchelei

Sigmar Gabriels Gerede von besseren Löhnen nannte Wagenknecht eine Heuchelei. Vielmehr sei das Lohnniveau kaum über dem des Jahres 2000.

„Die Lohndrücker sitzen in der Regierung“, stellt Sahra Wagenknecht von der Bühne herunter klar. Schuldenbremsen auf der einen Seite und keine Besteuerung der Vermögen, das passe nicht zusammen.

Eine nette Geste

Ein junger Mann huschte in diesem Moment an der Bühne vorbei. Als er in Höhe von Sahra Wagenknecht und dem Rednerpult war, warf er ihr mit erhobenem Kopf einen Handkuss zu und ging weiter. Sahra Wagenknecht sah es nicht. Schade. Eine nette Geste war das, finde ich.

Sahra ging, der Regen kam

Nun regnete es auch in Essen. Doch die Leute harren aus. Als es doch ein bisschen dicker tropfte, beendet Sahra Wagenknecht ihre Rede: „Damit mit Sie hier nicht doch noch zu nass werden“.

Riesenapplaus. Ein Mann ganz vorn rief begeistert zur Bühne herauf: „Sie haben genau das gesagt, was wir auch denken.“

Links (sic!) blinkend rollte Wagenknechts Wagen vom Kennedy-Platz

BildLinksparteipolitikerin Wagenknecht (Mitte) mit jungen Linken nach ihrer Rede

Und Sahra Wagenknecht kehrt mit den Worten „Gehen Sie wählen am Sonntag!“ dem Rednerpult den Rücken. Neben der Bühne stellte sie sich noch für Fotos zur Verfügung, schrieb Autogramme. Dann ging sie zu ihrem Wagen. Der rollte dann, links (sic!) blinkend langsam vom Kennedy-Platz …

Wählen gehen!

Auch wenn Sie, liebe Leserin, Sie lieber Leser, am Sonntag nicht DIE LINKE wählen. Das hier sollte nur ein kleiner Stimmungsbericht sein. Von einer Wahlkampfveranstaltung der Linkspartei. Aber gehen Sie am Sonntag wählen. Und wählen Sie eine demokratische Partei, die für ein anderes, besseres, sozialeres Europa eintritt. Geben wir rechten und rechtspopulistischen Parteien keine Chance. Schalten wir am Sonntag zunächst  unser Hirn ein und greifen erst dann zu Stift und Stimmzettel.

Ein Text von Jens Berger (NachDenkSeiten) möchte ich noch mit auf den Weg geben

„Seit gestern sind die rund 375 Millionen Wahlberechtigten in der EU aufgerufen, ein neues EU-Parlament zu wählen. Viel zu wenige werden diesem Ruf folgen und wenn am Sonntagabend die Ergebnisse veröffentlicht sind, wird der Katzenjammer der etablierten Politik groß sein. Die Heuchelei kennt keine Grenzen. Wer jahrelang die Demokratie mit Füßen getreten und Europa für seine eigenen Interessen missbraucht hat, braucht sich nicht darüber zu wundern, wenn die Bürger sich vom politischen Europa abwenden. Doch diese Entwicklung ist fatal. Nur mit einem Mehr an Demokratie kann das europäische Projekt noch gerettet werden.“ (weiter hier)