Jahrhundertmensch Georg Stefan Troller im Gespräch mit Denis Scheck bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2019

Schon zu DDR-Zeiten sah ich zu, dass ich keinen seiner Filme in der ARD verpasste: Georg Stefan Troller bestach mit seinem ganz besonderem Blick auf die Stadt Paris und deren Menschen. Ob es nun Clochards, Dichter, Arbeiter, Schriftsteller, Filmstars, Marktfrauen oder Intellektuellen waren, die er porträtierte. Mit der Porträtserie „Personenbeschreibungen“ (ZDF) revolutionierte er – gewiss ohne das damals selbst gewusst, noch in irgendeiner Weise geplant zu haben das deutsche Fernsehen. Das geschah wohl in erster Linie durch Trollers radikal subjektive Art des Fragens und Betrachtens. Die wohl berühmteste von ihm verantwortete Sendung trug den Titel „Pariser Journal“.

Jahrhundertmensch Georg Stefan Troller im Gespräch mit Literaturkritiker Denis Scheck

Am Dienstag dieser Woche nun ergab sich die sicherlich einmalig bleibende Gelegenheit Georg Stefan Troller einmal persönlich zu erleben: und zwar

Jahrhundertmensch Georg Stefan Troller. Foros: C. Stille

bei den derzeit laufenden Ruhrfestspielen Recklinghausen. Der Literaturkritiker Denis Scheck. Scheck ist von der Intendanz für die Reihe „… im Gespräch mit Denis Scheck“ verpflichtet worden. Neben Herta Müller und Louis Begley stand ganz vorne auf dessen Gästewunschliste der Radio- und Fernsehjournalist, Schriftsteller und Dokumentarist Georg Stefan Troller. Mit 97 Jahren ohne Zweifel ein Jahrhundertmensch!

Womöglich kennen viele junge Leute Troller gar nicht mehr – ein Manko!

Der Saal des Großen Hauses im Ruhrfestspielhaus auf dem Grünen Hügel der Stadt Recklinghausen im Stadtgarten hatte sich gut mit vielen von Trollers AnhängerInnen gefüllt. Viele auch schon jenseits der 50 oder 60 und älter. Man muss fürchten, dass die jungen Leute – obgleich auch von ihnen welche im Saal waren – Georg Stefan Troller heute womöglich gar nicht mehr kennen. Ein Manko, dass ihnen – kennten sie seine Arbeiten (man wird durchaus auf You Tube diesbezüglich fündig) sicherlich also solches benennen würden.

Denis Scheck sprach mit Troller im ruhigen Plauderton

Als Georg Stefan Troller die Bühne betrat brandete rauschender, begeisterter, warmer, herzlicher Applaus auf. Den genoss der 97-Jährige sichtlich. Mit Literaturkritiker und Moderator Denis Scheck. nahm Troller an einem Tisch in der Bühnenmitte Platz. Das Licht war dezent auf beide Personen konzentriert. Denis Scheck stellte im ruhrigen Plauderton seine Fragen, um den Jahrhundertmenschen Troller und dessen ereignisreiches Leben für die ZuschauerInnen vorzustellen.

Ein schmerzlicher Einschnitt in Trollers Leben: Der Anschluss Österreichs ans „Dritte Reich“

Sie erfahren: Georg Stefan Troller, geboren am 10. Dezember 1921 in Wien als Sohn eines jüdischen Pelzhändlers. Ein Weltbürger, Menschenforscher. Der Anschluss Österreichs an das „Dritte Reich“ zwang den Siebzehnjährigen zur Emigration. Es sei ihm, so erzählte Troller, noch heute unbegreiflich, wie so viele ÖsterreicherInnen auf diesen Hitler mit kleinen Bärtchen hereinfallen konnten. Eine Erklärung: es waren für viele Menschen schwere Zeiten und in Hitler setzten sie Hoffnungen, dass er ihr Leben würde verbessern können. Furchtbar für Troller: Für seine MitschülerInnen, „… die in der Schule von mir und ich von ihnen abgeschrieben hatten“, sei er sozusagen von heute auf morgen zu einer Unperson – Luft – geworden, mit der man weder weiter verkehrte noch sprach. Schmerzlich sei das gewesen. Was ihn damals verwunderte: quasi über Nacht tauchten an den Armen von Polizisten und anderen Typen Naziarmbinden auf. Die mussten doch schon lange vorher hergestellt worden sein und ins Land verbracht worden sein! Die österreichischen Juden hätten das Vorgehen der Nazis gegen sie überhaupt nicht verstanden: waren sie doch bestens integriert gewesen, hatten im Militär gedient und im Ersten Weltkrieg für Österreich gekämpft!

Flucht vor den Nazis, Rückkehr über die USA als Corporal der US-Army nach Europa

Auf Trollers Flucht vor den Nazis , erfuhr das Publikum durch Denis Schecks Fragen, erlebte er das vom Krieg gezeichnete Paris und erreichte schließlich die USA. Nach Europa zurück, auch nach Deutschland, kam er zuerst als amerikanischer Soldat im Range eines Corporals. Seine ursprünglich Einheit in der US-Army verließ er wurde in einer anderen Gefangenenvernehmer. Schon damals – wie später bei seinen späteren Interviews – setzte er darauf, zwischen den deutschen Soldaten in Gefangenschaft eine Vertrauensbasis zu schaffen, damit sie redeten, womöglich Informationen preisgaben, die für US-Army dringend vonnöten waren. Und alle – bis auf einen – hätten sie schon recht rasch geredet. Geradezu ein Bedürfnis zu reden hätten sie gehabt. Freilich wären fast alle „Nazigegner“ gewesen, schmunzelte Troller. Dies träfe auch auf seine Landsleute, die Österreicher nach dem Ende der Nazizeit zu. Sie hätten sich gerne als Opfer gesehen. Viel später als etwa in Deutschland habe in der Alpenrepublik eine Aufarbeitung der Nazizeit zaghaft begonnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg absolvierte Troller Studien der Literatur- und Theaterwissenschaft in Kalifornien, New York und Paris.

Das bevorzugte Sujet für den Radio- und Fernsehjournalist ist Paris. Viele Prominente hat er in aller Welt porträtiert

Seit 1949 lebt und arbeitet Georg Stefan Troller als Radiokorrespondent, Fernsehjournalist und Schriftsteller in Paris. Sein bevorzugtes Sujet ist die große Stadt an der Seine. Seine Arbeit als Dokumentarfilmer führte ihn darüber hinaus in die ganze Welt. Ob Muhammad Ali, den „Playboy“-Chef Hugh Hefner, Ezra Pound (einem einstigen Anhänger der italienischen Faschisten, den Troller nach seinem Aufenthalt im Irrenhaus – wohin ihn die Amis expediert hatten – trifft, wo er kaum noch zu sprechen versteht) Peter Handke, Charles Bukowski, Edtith Piaf, Georges Simenon, Coco Chanel, Russ Meyer, Leonard Cohen, Arthur Rubinstein, Liv Ullmann, Thomas Brasch, Roman Polanski, Romy Schneider oder Alain Delon. Die Liste der von ihm Porträtierten ist unvorstellbar lang. Der 97-Jährige ist Zeitzeuge vieler Umbrüche des 20. Jahrhunderts.

Denis Scheck hat das von Troller erzählte Paris nie gefunden

Denis Scheck erzählte, inspiriert und begeistert von Georg Stefan Trollers Fernsehgeschichten aus und über Paris, sei er in jüngeren Jahren für ein paar Jahre in die Stadt an der Seine gezogen. Doch zu seiner Enttäuschung, habe er das von Georg Stefan Troller erzählte Paris nie so vorgefunden. Troller selbst, gestand, dass Paris ihm am Anfang sehr abweisend, beängstigend und irritierend gegenüber getreten sei. Auch heute werde Paris immer zu sehr an den touristischen Highlights gemessen. Und eben dieses Paris wollten die Leute beim Besuch der Stadt halt wiederfinden. Seine Filme hätten allerdings schon die Realität abgebildet. Doch beim Einsprechen des dazu gehörigen Textes habe ihn manchmal etwas gepackt, dass er habe einfach sagen müssen. Das habe womöglich den Charakter des jeweiligen Stücks etwas gewandelt, einen andere Drive entstehen lassen.

Spannend war es Trollers, oft mit einem „Nun ja …“ eingeleiteten Antworten zu lauschen.

Journalisten, Reporter – findet Troller – sind eigentlich Menschenfresser

Nachdem Denis Scheck seine interessanten Fragen gestellt hatte – sie hatten mehr als sieben Minuten in Anspruch genommen (Troller hatte einmal seine Interview-Gäste nach Minuten eingeteilt, die sie hergeben würden – Troller selbst schätzt sich als einen Sieben-Minuten-Mensch ein) – ließ er den großen Troller mit dem Publikum allein. Troller hatte noch etwas – wenn man es genau bedenkt – sehr Wahres gesagt: Reporter, Journalisten seien eigentlich Menschenfresser. Denn sie müssten ja den Interviewten geschickt so viel wie möglich an Informationen entlocken, entreißen, ja: rauben. Nicht zuletzt, um selbst von den Geschichten dieser Menschen zu profitieren. Er hoffe wenigstens, dass er den von ihm interviewten Menschen mit den aus ihnen herausgeholten Informationen und dem, was er selbst daraus gemacht habe, nicht geschadet habe.

Ein großartiger Abend mit einem interessanten Jahrhundertmenschen

Ein großartiger Abend gestern im Ruhrfestspielhaus mit dem großen Georg Stefan Troller, einem Jahrhundertmenschen bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2019 (das größte europäische Theaterfestival mit tollen Höhepunkten läuft noch bis zum 9. Juni).

Spannendes, Skurriles, Amüsantes und persönliche Niederlagen verlesen von Georg Stefan Troller

Nach dem Gespräch mit Denis Scheck las Troller noch aus seinen Büchern. Er drehte vorher eine bis dato hinter einer Pappe verborgene Glühlampe heller. Ein Auge bedeckte Troller mit einer Augenklappe: „Eine der Erscheinungen des Alters. Jeder ist sich sein eigener Moshe Dayan.“ Dann kam die Lesebrille darüber und die ZuhörerInnen lauschten den spannenden, skurrilen oder amüsanten ausgewählten Stellen aus zwei Büchern. Etwa aus dem  „Traum von Paris“ (das wiederaufgefunde Fotos enthält). Ein weiteres kündet auch von den großen Niederlagen des Georg Stefan Troller: etwa von den aus Versehen im Schredder eines Pariser Müllwagens gelandeten einst verliehenen, nun unwiederbringlichen Preisen. Oder den am Abend aufgehängten Filmschnippseln für einen Film, welche die Putzfrau entsorgt hatte – mit dem was übrig war, habe dann halt der Film zusammengeschustert werden müssen. Auch eine der Niederlagen: Er sollte einen Preis bekommen und vor der Überreichung stellte sich heraus, die Veranstalter hatten eigentlich Peter Scholl-Latour gemeint! Troller milde lächelnd: „Na, das klingt ja fast auch ähnlich …“

Zum Schluss las Troller dann noch aus einem noch unveröffentlichtem Manuskript. Das neue Buch („Liebe, Lust und Abenteuer“)  soll im September 2019 erscheinen. Trollers Lebensfazit: Dass das „Leben die Summe der intensiv gelebten Augenblicke sei“. Die schönste Zeit, sei jedoch die, in der Wünschen und Können übereinstimmten.

Zum Schluss: Donnernder, langanhaltender Applaus. Stehende Ovationen

Troller im Dialog mit einer Leserin.

Anschließend signierte der Jahrhundertzeuge Georg Stefan Troller auf der Großen Bühne des Ruhrfestspielhauses noch Bücher von ZuhörerInnen. Zu diesem Behufe durften wir ZuschauerInnen über ein Treppchen links der Vorbühne – ein einmaliges erhebendes Gefühl! – die große Bühne der berühmten Recklinghäuser Ruhrfestspiele betreten. Eine lange Schlange von auf die Bühne strebenden Menschen musste „abgearbeitet“ werden. Ein großartiger Abend mit einem einzigartigen Gast.

Für mich selbst schloss sich ein Kreis. Hatte ich früher stets versucht keine von Georg Stefan Trollers Filmen zu verpassen, hatte ich – dank den Ruhrfestspielen – nun Gelegenheit diesem verehrten Menschen unmittelbar zu begegnen …

„Tod per Knopfdruck“ – ein er- und aufklärendes, aufrüttelndes Buch von Emran Feroz über das wahre Ausmaß des US-Drohnen-Terrors

Es gibt keine humane Kriegswaffe. Kriegswaffen töten. Und mag man sie uns auch als noch so präzis wirkend verkaufen. Hinter und an den Waffen befinden sich stets Soldaten, die am Drücker sitzen, um sie abzufeuern oder im Falle von Bomben über feindlichem Gebiet auszuklinken. Schütze oder Bomberpilot sowie der in dessen Visier befindliche militärische Gegner befanden sich für gewöhnlich im oder über selben geografischen Gebiet. Der Soldat konnte sehen was seine Waffe anrichtet. Der Bomberpilot gewahrte die vom ihm ins Werk gesetzte Zerstörung am Boden. Der Eine wie der Andere konnte durch aber auch selbst durch feindliches Feuer ums Leben kommen.

Soldaten, die in Leichensäcken zurückkommen, verändern bekanntlich die gesellschaftliche Stimmung der Bevölkerung in der Heimat, die womöglich ursprünglich für den Krieg gewesen bzw. per Propaganda auf diesen eingestimmt worden war, enorm zum Negativen. Die US-Amerikaner mussten das bei ihrem Vietnam-Kriegsabenteuer erfahren.

Die bewaffnete Drohne, eine äußerst perfide Waffe

Aber der Mensch ist erfinderisch. Leider in guter wie in schlechter Hinsicht.

Mit der ferngesteuerten Drohne entstand mit der Zeit eine äußerst perfide Waffe. Zumindest zum Zeitpunkt, da man sie nicht mehr nur als Erkundungsmittel nutzte, sondern auch mit Raketen bestücken konnte. Wodurch sie zu Tod verbreitenden Waffen wurden.

Der Pilot des unbemannten Fluggeräts sitzt tausende von Kilometern vom Einsatzort der Drohne entfernt -an einem Joystick, mit welchem er die Drohne steuert. Die Kamera der Drohne macht Bilder und sendet sie zum Piloten. So kann der Feind bestens ausgemacht – band man uns auf – und auf Knopfdruck präzis erledigt werden.

Der Drohnenpilot könnte vorm Ausführen seines Tötungsbefehrs theoretisch sogar nochmal schmatzend von einem saftigen Burger abbeißen und einen Schluck von seiner zuckersüßen Cola schlürfen. Und dann – wenn`s passt – den Auslöser betätigen. Funktioniert perfekt wie das Videospiel zuhause! Und in keinem Moment muss der Mann am Joystick fürchten, selbst abgeschossen zu werden. Welch „Fortschritt“! Und Abends geht der Drohnenpilot nachhause und bringt, seine Kinder liebevoll herzend, ins Bettchen.

Noam Chomsky zum Drohnenkrieg: „Die mörderischste Terror-Kampagne der

Gegenwart“

Noam Chomsky, emeritierter Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology, nennt diese perverse Form der Kriegsführung „Die mörderischste Terror-Kampagne der

Gegenwart“ und sein Land, die USA, „ein Schurkenstaat“.

In einem Buch, welches am 2. Oktober erscheint, finden wir Chomsky im Klappentext folgendermaßen zitiert:

„Wir lesen triumphierende Berichte über Terrorverdächtige, die in raffinierten Drohnenangriffen erledigt wurden, vielleicht gleich zusammen mit weiteren ‚Aufständischen‘. Nichts lesen wir über das gesichtslose, junge afghanische Mädchen Aisha, dessen ganze Familie, größtenteils Frauen und Kinder, während eines solchen Machtbeweises jener Supermächte ausgelöscht wurde. Es sind jene fehlenden Erzählungen, denen Emran Feroz in den verwüsteten Gegenden, die dem regelmäßigen Terror aus dem Himmel ausgesetzt sind, nachgeht.“

Emran Feroz ist ein Blogger und Journalist aus Österreich, dessen Eltern einst vor dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan geflüchtet sind. Feroz ist auch Initiator des „Drone Memorial“, einer virtuellen Gedenkstätte für zivile Drohnenopfer.

Tod per Knopfdruck“ ist das Ergebnis akribischer Recherchen des Autors

„Tod per Knopfdruck“ ist ein auf akribischen Recherchen des Autors basierendes, freilich insgesamt bedrückendes, Seite für Seite auch immer wieder erneut wütend machendes und somit auch anklagendes, aber unbedingt äußerst wichtiges Buch. Diejenigen unter uns LeserInnen, welche schon viel über die fürchterlichen Drohnenmorde wissen, werde darin noch zusätzliche Informationen und Hintergründe betreffs dieser düsteren Materie finden, in die uns Emran Feroz Zeile für Zeile seines Buches mit eintauchen lässt.

Zeile für Zeile werden zu Mitwissern betreffs schlimmer Kriegsverbrechen

Wir werden so einmal mehr zu Mitwissern betreffs schlimmer Kriegsverbrechen, die tagtäglich geschehen. Sogar mit Duldung der deutschen Bundesregierung (die zwar bestreitet, was doch durch den ehemaligen US-Drohnenpilot Brandon Bryant längst öffentlich bestätigt ist), wenn wir bedenken – wie im Buch auch ausgeführt –, dass die Steuerungssignale für die von den USA aus per Joystick dirigierten Drohnen aus Gründen der Erdkrümmung über die US-Airbase Ramstein in Deutschland weitergeleitet werden (dazu ein älterer Beitrag von mir). Um dann ihre Ziele im Rahmen des sogenannten „War on Terror“ in Afghanistan, Irak, Pakistan, Somalia und vielen anderen Ländern zu erreichen. Emran Feroz nennt auf Seite 163 im Kapitel „Komplizen“ auch noch AFRIKOM, wo die „Koordination des Drohnenkrieges in Stuttgart“ stattfindet. Ganz tief drin im Drohnenkrieg steckt auch die CIA. Mittäter seien westliche Geheimdienste (S. 170) sowie bestimmte Medien (S. 175).

Drohnenmord verstößt gegen nationales und internationales Recht sowie gegen die UN-Charta

Sehr ans Herz gelegt sei Feroz‘ Buch insbesondere jenen Menschen, die da bisher womöglich glaubten, was uns Herrschende und bestimmte, ihnen nach dem Munde schreibenden und sendenden Medien da glauben machen wollten. Nämlich, dass durch die Drohnenangriffe ausschließlich Terroristen gejagt und eliminiert würden. Selbst wenn das stimmte, wäre es in jeder Hinsicht rechtswidrig. Es verstößt gegen nationales wie das Völkerrecht und gegen die Charta der Vereinten Nationen. Und erst recht ist dieses Drohnenmorden in keinster Weise mit den von uns gegenüber anderen Staaten immer wieder wie eine Monstranz vor uns her getragenen „westlichen Werten“ vereinbar. Was blieb davon noch übrig? Was davon wurde noch nicht zu Schanden geritten?

Ein Friedensnobelpreisträger als Drohnenmörder

Empört dürften sich die LeserInnen des vorliegenden Buches fragen, durch was ein US-amerikanischer Präsident – erst recht ein einst glänzender und glühend begeisterter Jurist wie es Barack Obama einer war – legitimiert, jeden Dienstag Menschen, die auf einer „Killing List“ stehen, die ihm vorlegt wird, als angebliche „Terroristen“ per Unterschrift zum Tode zu verurteilen. Ohne Kenntnis der jeweiligen Person, ohne ordentliche polizeiliche Ermittlungen, ohne ein rechtskräftiges Gerichtsurteil! Das ist extralegales Töten. Das ist Mord. Drohnenmord. Warum, werden sich die Leser fragen, darf der eloquente Barack Obama noch immer „Friedensnobelpreisträger“ bleiben und sitzt nach einem Gerichtsverfahren und einem ordentlichen Urteil nicht schon längst als „Drohnenmörder“ hinter Gittern? Mit Kriegsverbrechern wie Bush jr,. Rumsfeld und Tony Blair?

Auch der neue US-Präsident, der offenbar unberechenbare Donald Trump, setzt seine Unterschrift jeden Dienstag unter die ihm vorgelegte „Todesliste“. Die Tötungen, lesen wir, werden sogar noch gesteigert.

„Das US-Militär“, schreibt Feroz im Vorwort auf Seite 10, „bildet heute weitaus mehr Drohnenpiloten als konventionelle Kampfflieger aus, die meisten von ihnen sind Zivilisten, die das

Ex-Sensoroperator übers Drohnenmorden: „Es ist so, also ob man auf Ameisen tritt und danach nicht mehr daran denkt“

Schlachtfeld, etwa in den Bergen Afghanistans oder in den Wüsten Jemens, niemals betreten werden“.

Viele tausend Kilometer entfernt töten sie per Knopfdruck. Als säßen sie an einem Computerspiel. Feroz zitiert den ehemaligen Drohnenoperator Michael Haas, der folgendes später zu Protokoll gab: „Es ist so, also ob man auf Ameisen tritt und danach nicht mehr daran denkt.“

Doch nicht jeder steckt das so weg. Das wissen wir u.a. von Brandon Bryant, der unter Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet (S. 152). Der Ex-Sensoroperator und späterer Whistleblower bekam nach seiner gewünschten Entlassung bescheinigt, ein 13-facher Mörder und in 1626 Fällen des Mordes mitschuldig sein. Bryant hatte 2013 in der „Polit-Talkshow scharfe Kritik am Drohnenkrieg sowie der Rolle Deutschlands in diesem Geheimkrieg“ geübt (S. 153). Emran Feroz kritisiert, dass der Whistleblower an diesem Abend „für seine couragierte Haltung regelrecht bewundert“ wurde.

Hier möchte ich mit Verlaub einhaken: Für die Öffentlichkeit sind solche Whistleblower hochwichtig.

Allerdings ist Feroz‘ Kritik insofern verständlich, als Bryants sich freiwillig für das Drohnenprogramm rekrutieren ließ. Für die dessen Opfer, so der Autor, „die seit Jahren unter dem Drohnenkrieg der USA leiden, sind alle Personen, die daran mitwirken, ausnahmslos Mörder“.

Die Opfer dieses Krieges merkt er richtig an, würden „oftmals übertönt oder gar ignoriert werden“.

Es ist das besondere und nicht hoch genug gelobt werden könnende Verdienst dieses Buches, dass Emran Feroz den durch diesen perversen Krieg getöteten und verstümmelten Menschen und deren verzweifelten Hinterbliebenen eine Stimme gegeben zu haben. Mögen diese Stimmen vielfach gehört werden!

Emran Feroz hat Hinterbliebene unter Lebensgefahr in Afghanistan getroffen. Oft wären diese verwundert gewesen, dass sich überhaupt jemand für sie interessiert. Erst recht ein Journalist. Den meisten ist es ja viel zu gefährlich das Land, dass unser Noch-Innenminister De Maiziére für ein sicheres hält, zu besuchen.

Viele dieser Menschen bis hin zu den Kindern seien in Afghanistan, das seit Jahrzehnten nichts anderes kennt als Krieg, heute schwer traumatisiert. Hinterbliebene haben aus per Drohnenraketen in die Luft gejagten Autos die sterblichen Überreste ihrer Lieben herausklauben müssen. Gliedmaßen haben sie versucht zu sortieren. Um sie einzelnen Menschen zuzuordnen. Die Überreste werden begraben. Selten werde etwas registriert. Hilfe bekommen die Menschen keine. Denn die Toten, die sie begraben, dürfte es ja eigentlich gar nicht geben. Es werden offiziell ja nur Terroristen getötet. Allenfalls – wenn es gar nicht anders geht – ist dann zynisch von Kollateralschäden die Rede. Wie sollen auch die Drohnenpiloten im fernen Las Vegas die Terroristen erkennen? Tragen die Menschen in Afghanistan doch meist traditionelle Kleidung, „ein Bart, ein Turban oder ein Pakol – eine klassische afghanische Kopfbedeckung“ (S. 11) und haben schwarze Haare. Das reicht um als „Terrorist“ gejagt zu werden.

An dieser Stelle fragt sich der Emran Feroz mit spürbarem Unbehagen: „Wäre auch ich ins Fadenkreuz geraten und hätte in der Heimat meiner Vorfahren als ‚Terrorist‘ oder ‚feindlicher Kämpfe gegolten?“

Unter ständiger Bedrohung – ein Leben in Angst

Den Verantwortlichen des Imperiums USA schert es offenbar nicht die Bohne, wie die Menschen, besonders die Frauen (für deren Rechte man ja vorgeblich in Afghanistan so beherzt kämpfte) nach dem Tod ihres Ernährers überleben? Interessieren sie sich für die Ängste der Kinder in den von Drohnen heimgesuchten Ländern, die schon am Geräusch des Surrens dieser Tötungsmaschinen erkennen, was sich da nähert. Ein Surren, dass über Stunden andauern kann. Die bange Frage: Wird eines dieser „Todesengel“ zuschlagen? Zur „Normalität“ gewordener Schrecken. Wir dürften wissen, dass die Zielpersonen dieser Killerdrohnen über deren Smartphones geortet können. Uns fährt der Schrecken in die Glieder, wenn wir nun im Buch lesen, dass es nicht mal etwas nutzt, wenn man die SIM-Karten oder den Akku aus den Telefonen entfernt. Man stelle es sich einmal kurz vor, wir stünden unter solch ständiger Bedrohung!

Die perverse Namensgebung der US-Waffensysteme“

Emran Feroz schildert uns die Entwicklungsgeschichte der unbemannten Fluggeräte. Abstoßen muss jeden von uns „Die perverse Namensgebung der Waffensysteme“ (Kapitel auf S. 34). Da ist die Drohne mit Namen „Reaper“ (Sensenmann). Die Apache-Hubschrauber, die Tomahawk-Rakteten und die Hubschrauber des Typs Black Hawk. „All diese Namen sind mit den Indianern, den ursprünglichen Einwohnern des nordamerikanischem Kontinents verbunden“, schreibt Feroz auf S. 35 oben). „Die absolute Mehrzahl der indianischen Stämme wurde von weißhäutigen, europäischen Kolonialisten ausgelöscht.“ Während „ethnische Säuberungen, Massenmord und Genozid“ in den USA „bis heute nicht aufgearbeitet“ worden sind, sei „die einzige Art, in der an die Indianer erinnert wird“ ausgerechnet die Bezeichnung von „Waffen des US-Militärs, mit denen tagtäglich auf der ganzen Welt getötet wird“.

Das sei, so gibt Feroz zu mit Noam Chomskys Äußerung zu bedenken, als wenn die Luftwaffe

der Bundeswehr Waffen heute Namen, wie „Jude“ oder „Zigeuner“ geben würde.

Unsägliche Einzelschicksale nach Drohnenterror

Im Hauptkapitel „Wen Drohnen töten“ (ab S. 39) benennt Emran Feroz die Schauplätze und Tatorte, den Drohnenterror im einzelnen. Er beschreibt wie brutal und skrupellos „Die Schergen der CIA“ (S. 76) quasi als Staat im Staate in Khost schalten und walten.

Als LeserInnen erhalten wir im Buch neben dem außerordentlich schlimmen Schicksal der Familie al-Awlaki Kenntnis von vielen anderen fürchterlichen Einzelschicksalen. Auch Palästina, ein oft ignorierter Schauplatz des Drohnenkrieges (s. 115) wird von Feroz nicht vergessen.Wir lesen über das zynisch anmutende „Anklopfen“. Dabei werden kleine, angeblich nicht tödliche, Bomben auf Dächer von Häusern abgeworfen, die die israelische Armee angreifen wird, um die Menschen vor einem Angriff zu warnen. Aber auch dadurch sind schon Menschen gestorben. Oder die Rakete der Drohne schlug viel zu schnell ein. Hier wie überall wird klar: der Mehrheit der zu Tode gekommenen sind Zivilisten, nicht Terrorristen.

Eines ist jedoch hier wie anderswo klar: Jeder so getötete Zivilist gebiert neue Terroristen. Wie kann einen das Unterkapitel nicht traurig und wütend zurücklassen, in welchem beschreiben wird, wie die Familie Kilani (alle deutsche Staatsbürger) ausgelöscht wurde. (S. 119)! Von der Bundesregierung gab es seinerzeit keine Stellungnahme. Der Hinterbliebene Ramsis Kilani dazu: „Deutsche Tote ohne ‚Migrationshintergrund‘ haben anscheinend einen höheren Stellenwert“.

Der Drohnenkrieg der CIA und des US-Militärs tötete mehr Menschen als jeder Terror-Anschlag auf westlichen Boden

Auf Seite 201 stellt Emran Feroz fest: „Der ‚Krieg gegen den Terror‘ und der damit verbundene Drohnenkrieg der CIA und des US-Militärs hat mehr Menschen den Tod gebracht als jeder Terror-Anschlag, der in den letzten Jahrzehnten auf westlichen Boden verübt wurde. Bush, Blair, Obama und Trump haben bereits jetzt mehr Menschen auf dem Gewissen als der ‚Islamischen Staat‘ jemals haben wird.“

Feroz will damit nicht die Gräueltaten von Daesh relativieren, stellt jedoch fest, „dass nicht etwa ein religiös motivierter Terror, sondern die Kriegsmaschine westlicher Industrienationen die Hauptverantwortung für das Leid der Menschen in der Region tragen“. Und er bezieht sich dabei auch auf den britischen Politiker John Prescott, der schrieb: „Es ist auch unsere Schuld.“

Ein Blick in die Zukunft, der kein tröstlicher ist

Bei Feroz‘ „Blick in die Zukunft“ (S. 209), welcher kein tröstlicher ist, verdeutlicht er, dass alle bekannten Terrorgruppierungen der Welt weniger Menschen auf dem Gewissen als die USA haben: „Allein in Afghanistan hat der Friedensnobelpreisträger Barack Obama mit seinen Drohnen weitaus mehr Menschen getötet als die Attentäter des 11. Septembers 2001. Man kann hier durchaus von Staatsterror sprechen.“

Leider, davon zeugt eine Tabelle auf den Seiten 210/211, konstatiert Feroz, „die Kriegsführung der Amerikaner von einer steigenden Anzahl von Staaten imitiert.“

Der Widerstand gegen den Drohnenkrieg wächst – Trump will ihn noch steigern

Zwar kündet der Autor auch von Widerstand – selbst einen „Widerstand von innen“ (S. 231) (45 ehemalige US-Militärs haben 2015 Drohnenpiloten aufgerufen, tödliche Missionen zu verweigern, weil diese gegen US-amerikanisches wie internationales Recht verstoßen) gegen den perfiden Drohnenkrieg,. Dennoch ist es tatsächlich „Dystopie pur“ (S. 232), wenn wir lesen, dass das Pentagon schon mehrere Milliarden Dollar in die Entwicklung sogenannter „intelligenter Waffen“ investiert hat. Man mag sich gar nicht ausmalen, was uns da – wohl in nicht allzu ferner Zukunft an noch perfideren Roboter-Waffen erwartet!

Auch momentan schon sind die Aussichten alles andere als rosig: „die US-Regierung von Donald Trump erwägt, ihren Drohnenkrieg auszuweiten“. (S. 236 oben)

Der Glaube an einen vermeintlich risikofreien Krieg hält sich offenbar

Um ihre eigenen Soldaten zu schonen, skandalisiert Feroz, wurden durch „das Töten mit unbemannten Fluggeräten schon „jegliche moralische und ethische Grundsätze über Bord geworfen“. Offenbar wollten viele Staaten der westlich-demokratischen Gesellschaft weiter so fortfahren, in dem sie an einen vermeintlich risikofreien Krieg glaubten.

Schuld daran sei die sich weiter haltenden „Narrative der präzisen Drohne, die ausschließlich böse Terroristen tötet“.

Zum Ende des interessanten Buches verleiht Emran Feroz seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Verantwortlichen des Drohnenmordens bis hin zum „Friedensnobelpreisträger“ Obama, zur Verantwortung gezogen werden. Nüchtern schreibt er jedoch: „Dass diese Menschen irgendwann in Gefängniszellen landen – woanders gehören sie nicht hin -, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt mehr als unwahrscheinlich.

Denen, „die unter ihren Drohnen gelitten“ hätten, sei diese Realität sehr wohl bewusst.

„Dennoch“ so schließt das äußerst empfehlenswerte Buch, „zeigen sie unnachgiebig, dass auch sie da sind und dass man die Deutungshoheit des US-amerikanischen Imperiums untergraben kann, indem man permanent dagegen ankämpft. Dies ist jetzt so – und dies wird auch weiterhin so bleiben.“

Emran Feroz ist sehr zu danken, dass er in diesem Sinne mit seinem wichtigen Buche gewirkt hat.

Wird er damit in eine der Polit-Talkshows eines Fernsehsenders eingeladen werden?

Der große Peter Scholl-Latour hätte sich gewiss über dieses Buch gefreut. Ein er- und aufklärendes Buch!

Emran Feroz arbeitet als freier Journalist mit Fokus auf Nahost und Zentralasien, unter anderem für Die ZEIT, taz. die tageszeitung, Al Jazeera und die New York Times. Er berichtet regelmäßig aus und über Afghanistan und den US-amerikanischen Drohnenkrieg. Feroz ist Initiator des „Drone Memorial“ (www.dronememorial.com), einer virtuellen Gedenkstätte für zivile Drohnen-Opfer. Foto u. Information via Westend Verlag.

Emran Feroz

Tod per Knopfdruck

Das wahre Ausmaß des US-Drohnen-Terrors oder Wie Mord zum Alltag werden konnte

116 zivile Drohnentote laut US-Administration.
1.427 zivile Drohnentote laut dem Bureau of Investigative Journalism.
6.000 und mehr Drohnentote, die laut ehemaligen US-Militärs „unrechtmäßig“ getötet wurden.

Erscheinungstermin: 02.10.2017
Seitenzahl: 256
Ausstattung: Klappenbroschur
Art.-Nr.: 9783864891809

ISBN 978-3-86489-180-9

Ladenpreis: 18,00 € (D), 18,50 (A) E-Book; 13,99 €