Gestern erst erreichte mich die traurige Nachricht via Facebook: „Die Prima Ballerina Assoluta Alicia Alonso ist verstorben“ – eine Meldung der deutschen Ausgabe der kubanischen Zeitung „Granma“. Ich habe den Beitrag hier verlinkt. Bei mir allerdings funktioniert der Link nicht. Möglicherweise wird diese Adresse seitens der USA blockiert? Sollte es LeserInnen dieses Beitrags gelingen, die Seite zu erreichen, bitte ich um eine kurze Nachricht, auf welche Weise dies gelang. Immerhin funktioniert ein Link zum Nationalballett Kuba.
Alicia Alonso im Jahre 1955. Foto: Wikipedia
Alicia Alonso wurde 98 Jahre alt. Sie starb am 17. Oktober 2019 in einem Krankenhaus in Havanna.
Im Nachruf der Compagnie
heißt es (Auszug; via Google Übersetzung aus dem Spanischen):
Alicia Alonso. Foto via Nationalballett Kuba.
„Heute, am 17. Oktober 2019, hat Alicia Alonso uns verlassen. Ihr Vermächtnis ist riesig, ebenso wie ihre Kunst. Alicia ist eine jener Künstlerinnen, die im Herzen der Menschen stehen. Dr. Miguel Cabrera, Historiker des Nationalen Balletts von Kuba, hinterlässt diese aufgeregten Worte.
Im
CIMEIQ-Krankenhaus in Havanna starb am Donnerstag, den 17. Oktober,
um 11 Uhr morgens die große Kunst, das Ansehen seiner Heimat auf den
höchsten Platz in den vier Winkeln der Welt zu setzen. (…)
(…)Aber die Größe der Alonso, für
uns seine Landsleute, besteht nicht nur darin, uns in 65 Ländern
triumphierend vertreten zu haben und die meisten donnernden Ovationen
zu empfangen, die unmöglich zu erklären sind, von Helsinki nach
Buenos Aires, von New York nach Tokio oder Melbourne, sondern zu
setzen Im Dienst seines Landes erhielten alle Ehrungen, darunter die
266 internationalen Preise und Auszeichnungen, 225 mit nationalem
Charakter und die 69 von ihm verfassten choreografischen Kreationen –
romantisch, klassisch und zeitgenössisch (…)“
Ein Deutsche-Welle-Text vom
17. Oktober 2019 ist folgendermaßen überschrieben:
„Über Jahrzehnte begeisterte Alicia Alonso als Tänzerin, Ballettdirektorin und Choreografin weltweit als eine der besten ihres Fachs. Auch ihre Sehbehinderung stand ihrem Erfolg nicht im Weg. Nun starb sie mit 98 Jahren“
Und
weiter heißt es bei der Deutschen Welle:
„Die
„Primaballerina Assoluta“ hinterlasse eine gewaltige Lücke, aber
auch ein unübertreffbares Vermächtnis, twitterte der Staatschef des
sozialistischen Karibikstaates, Miguel Diáz-Canel, zum Tod von
Alicia Alonso. Sie ist die einzige lateinamerikanische Tänzerin, die
mit dem dem Titel „allerbeste Balletttänzerin ihrer Zeit“ geehrt
wurde – eine Auszeichnung, die nur sehr wenigen Tänzern
vorbehalten ist.
Dabei
war Alonso schon sehr früh in ihrer Karriere stark sehbehindert:
Nach einer doppelten Netzhausablösung konnte sie nur noch Schatten
unterscheiden. Seitdem orientierte sie sich auf der Bühne mit Hilfe
von Lichtmarkierungen. Außerdem unterstützte sie ihre
Vorstellungskraft. „Ich tanze in meinem Kopf“, sagte sie immer
wieder.
Mit
ihrer enormen Disziplin gelang es Alicia Alonso auch danach, das
Publikum mit ihren eleganten und gleichzeitig temperamentvollen
Sprüngen zu verführen. Mit 40 Jahren schaffte sie immer noch die 32
raschen Drehungen des schwarzen Schwans in Schwanensee.
Kuba stets verbunden
Nach
dem Sieg der Revolution auf Kuba wurde Alonsos eigene Kompanie zum
Nationalballett Kubas. Mit ihrer Schule schuf sie einen
unverkennbaren Tanzstil. Als Gast tanzte sie weiter an den besten
Häusern der Welt, darunter an der Pariser Oper und dem Moskauer
Bolschoi Theater. Erst mit 74 Jahren hörte sie auf zu tanzen. Als
Choreografin aber machte sie auch dann noch weiter.
An
Kuba hing Alonso bis zum Schluss. Allen finanziell verlockenden
Angeboten und ihrem hohen Ansehen im Ausland zum Trotz blieb sie
ihrer Heimat treu, wo sie tief verehrt wird.
Dem
von ihr gegründeten kubanischen Nationalballett zufolge starb
Alonso im Alter von 98 Jahren in einem Krankenhaus in der kubanischen
Hauptstadt. Die Todesursache blieb zunächst unklar.
ust/ml (afp, dpa, ap, rtr)“
Meine persönliche Begegnung mit Alicia Alonso in Halle
Ich hatte im Oktober 1979 die Ehre Prima Ballerina Assoluta Alicia Alonso anlässlich eines Gastspiels des kubanische Nationalballett am Landestheater Halle im „Theater des Friedens“ zu treffen und als Volkskorrespondent der „Freiheit“ interviewen zu dürfen. Von dem Interview erschien dann letztlich nur ein kleiner Bericht (siehe Repro). Der Bericht erschien ausgerechnet am 17. Oktober 1979 – vierzig Jahre vor dem Tod von Alicia Alonso.
Bericht nach meinem Interview mit Alicia Alonso in der „Freiheit“. Repro: Claus Stille
Ich war unglaublich aufgeregt. Wir saßen uns im Theatercafé gegenüber. Sie trug eine große Brille mit dunklen Gläsern. Die Alonso nahm mir rasch die Aufregung. Wir plauderten – übersetzt von einer Dolmetschererin – über Kuba, die Revolution, Fidel Castro und das Ballett, ihre langjährige Arbeit und die durch die Revolution veränderte Rolle der Frau in der kubanischen Gesellschaft. Ab und zu wurden wir von Tänzerinnen und Tänzern der Compagnie unterbrochen, die die Alonso etwas fragten und dann wieder zur Probe auf die Bühne verschwanden.
Die Auftritt des kubanischen Nationalballetts am Abend war dann ein großartiges Ereignis. Ebenso wie die Begegnung mit Ballettlegende Alicia Alonso hinter und auf der Bühne.
Damals
schon fast 60 Jahre alt, tanzte sie noch den Schwarzen Schwan.
Einfach genial, in diesem Alter! Am Orchestergraben waren
Beleuchtungsrampen ausgelegt worden, an denen sich die stark
sehbehinderte Tanzlegende orientierte.
Ich
denke gerne an diese Begegnung und das wunderbare Nationalballett
zurück.
Möge
Alicia Alonso in Frieden ruhen. Im Balletthimmel wird sie gewiss
einen Ehrenplatz einnehmen.
Am Donnerstagnachmittag kamen
anlässlich de UNO-Welttags zur Beseitigung großer Armut
VertreterInnen von Dortmunder Hilfseinrichtung an den Rathaustreppen
zusammen. Vertreten waren das Gast-Haus, die Kana Suppenküche, die
Suppenküche Wichern und der Verein bodo e.V. Sie beteiligten sich
gemeinsam an der Kundgebung vorm Dortmunder Rathaus, um auf die
Situation der Wohnungslosen in Dortmund aufmerksam zu machen.
Die KundgebungsteilnehmerInnen. Fotos: Claus Stille
Dortmund zählt aktuell rund 1.400
Wohnungslose: Menschen, die keine eigene Wohnung haben, weil es keine
bezahlbare Wohnung für sie gibt. Dazu kommen noch einige hundert
Menschen, die ohne Obdach komplett auf der Straße leben. Die Stadt
will die Wohnungslosenhilfe zwar weiter ausbauen, doch noch immer ist
manches Zukunftsmusik. Zum Beispiel fehlen neue Unterkünfte.
Wohin im Winter? Alexandra Gehrhardt
(bodo) zur aktuellen Lage
Mit dem Nahen der kalten Jahreszeit
stehen viele Menschen ohne eine Wohnung auch in diesem Jahr wieder
vor der Frage: Wohin im Winter?
Alexandra Gehrhardt von bodo e.V.
informierte die vorm Rathaus versammelten Menschen über die
aktuelle Lage. Demnach gibt derzeit in Dortmund 1.400 Wohnungslose
(die im Hilfesystem überhaupt ankommen), welche sich auf dem Markt
keine Wohnung besorgen können. Alexandra Gehrhardt beklagte einen
starken Anstieg der Wohnungslosen. Noch vor zwei Jahren seien es
weniger als die Hälfte gewesen. Zum einen läge das an der
Statistik, weil seit diesem Jahr auch geflüchtete Menschen in diese
einflössen. Welche nach ihrer Anerkennung eigentlich eine Wohung
haben müssten, sich aber am Wohnungsmarkt nicht versorgen können.
Vor zwei Jahren seien das schon fast tausend gewesen.
Nichtsdestotrotz müsse festgestellt werden, dass die Gesamtzahl der
Wohnungslosen auch ohne die Flüchtlinge anwachse.
Die Stadt hat ein Konzept zur Weiterentwicklung der Wohnungslosenhilfe, doch vieles davon ist „noch Zukunftsmusik
Im Jahr 2018, so Gerhardt, habe die
Stadt ein Konzept über eine Weiterentwicklung der Wohnungslosenhilfe
beschlossen. Demnach solle es mehr und auch neue Unterkunftsplätze
geben und eine bessere Begleitung von wohnungslosen Menschen
erfolgen. Lange Zeit sei ein Kritikpunkt die veraltete
Männerübernachtungsstelle mit viel zu wenig Übernachtungsplätzen
(sechs bis acht Männer in einem Zimmer) gewesen. Seit Anfang des
Jahres gibt es nun ein neues etwas komfortableres Gebäude. Die
Frauenübernachtungsstelle sei über viele Jahre hinweg „aus allen
Nähten“ geplatzt. Sie soll nun im kommenden Jahr an einen neuen
Standort nach Hörde umziehen und ebenfalls einige zusätzlich Plätze
bekommen. Ändern solle sich auch etwas am System der
Wohnungslosenhilfe. Ziel der Stadt sei es, die Menschen, die früher
zum Teil Monate in den Notunterkünften verbracht hätten, in einer
recht kurzen Zeit in Wohnungen gebracht werden. Die Stadt habe einen
großen Pool an Notwohnungen – ungefähr 700 an der Zahl – über
die sie verfügen kann. Allerdings, schränkte Alexandra Gerhrhardt
ein, sei vieles davon eben „noch Zukunftsmusik“. Die neue
Frauenübernachtungsstelle werde erst nächstes Jahr fertiggestellt
sein. Die zwei geplanten Übernachtungsstellen, einmal für
suchterkrankte Menschen und einmal für junge Erwachsene gebe es auch
noch nicht. Die für Suchterkrankte soll erst 2020 fertig sein. Wie
mit der für junge Erwachsene aussehe, sei überhaupt noch nicht
klar. Keiner wisse, wer die betreiben soll und wie viel Plätze die
haben werde.
Alexandra Gehrhardt (bodo)
Eigentlich, kritisierte Gerhardt,
bräuchte man diese Plätze jetzt, denn der Winter stehe jetzt vor
der Tür.
Außerdem bestünden in diesem
städtischen Wohnungshilfesystem Ausschlüsse: „Die Angebote sind
für Dortmunderinnen und Dortmunder.“ Und nicht für Menschen,
welche aus einem anderen EU-Land kommen und in Deutschland keinen
Leistungsanspruch haben. Auch seien in den Notunterkünften keine
Hunde erlaubt. Aber oft hätten Wohnungslose, die draußen lebten,
Hunde. Diese Menschen täten sich verständlicherweise schwer damit
ihren Hund abzugeben. Man erhebe die Forderung, dass die Angebote so
gestaltet würden, wie die Menschen sie brauchten.
Eine Studie der Fachhochschule
ergab: Es gibt noch viel mehr Wohnungslose
Steffi Szczepanek und Tim Sonnenberg
von der Fachhochschule Dortmund erstatteten Bericht über die
wichtige, von 80 freiwilligen ihrer StudentInnen, angehende
SozialarbeiterInnen, erstellten Studie vom Mai diesen Jahres. Die
StudentInnen hätten es nämlich unternommen, diejenigen
Wohnungslosen zu zählen, welche nicht in den Hilfeeinrichtungen bzw.
dem Hilfesystem auftauchen. Zusätzlich zu diesen 1.400 Menschen
seien noch einmal 600 Wohnungslose festgestellt worden. Allerdings
sei abzuschätzen, dass es darüber hinaus noch wesentlich mehr
seien. Tim Sonnenberg geht von einem vierstelligen Bereich aus. Kaum
erreicht habe man Menschen mit Roma-Hintergrund und auch wenig
Personen mit bestimmtem Migrationshintergrund aufgrund der
Sprachbarriere. Die ausführenden StudentInnen, berichtete Steffi
Szczepanek, haben festgestellt, dass die von ihnen befragten
Wohnungslosen sehr viel zu sagen gehabt hätten.
Von links: Alexandra Gehrhardt, Steffi Szczepanek und Tim Sonnenberg.
Wohnungslosen auf Augenhöhe
begegnen und ihnen Anerkennung entgegenzubringen. Tim Sonnenberg:
„Das ist mehr als nur ein Schlafplatz“
Die StudentInnen seien sehr ge- und
betroffen von diesem Begegnungen gewesen. Viele von denen seien
inzwischen ehrenamtlich in dem Bereich tätig. Einer der größten
Wünsche, die die Wohnungslosen gegenüber den StudentInnen geäußert
hätten, habe der Menschenwürde gegolten. Die Menschen wollten, dass
man ihnen zuhöre. Dafür hätten sie sich gegenüber den
StudentInnen sehr dankbar gezeigt. Fazit von Tim Sonnenberg: Es gehe
nicht darum den Menschen nur etwas zu essen zu geben. „Es geht
darum sie auf Augenhöhe zu sehen und sie als Menschen wahrzunehmen.
Es geht nicht darum die Leute nur zu verwalten.“ Es gehe um deren
Würde. Und Anerkennung müsse ihnen entgegengebracht werden.
Sonnenberg: „Das ist mehr als nur ein Schlafplatz.“
Das Gast-Haus wird auch in diesem
Winter die Winternothilfe über warme Decken und Schlafdecken hinaus
anzubieten versuchen
Ganz schwer sei es, so Kathrin
Lauterbach vom Gast-Haus statt Bank e.V. , die Menschen im Winter in
die Kälte ziehen zu lassen, wenn ihr Einrichtung schlösse. Im
letzten Jahr hätten alle Dortmunder Initiativen über zehntausend
Schlafsäcke verteilt. Woran man den Bedarf sehe. Würden die
Schlafsäcke draußen nass, seien sie unbrauchbar. Bei Minusgraden
habe man im vergangenem Jahr erstmals das Gast-Haus geöffnet. In der
ersten Etage sei eine „bedingungslose Winternotübernachtung“ –
auch mit Hund – angeboten worden. Toilettenbenutzung und warmes
Duschen wurden ermöglicht. Im Vorhinein geäußerte Bedenken hätten
sich nicht bestätigt. In diesem Jahr habe man vor die Winternothilfe
über warme Getränke und Schlafdecken hinaus
abermals anzubieten.
Kathrin Lauterbach: Wir müssen auch
in unserer Stadt gemeinsam über eine große Winternothilfe – wie
es sie in Köln, Hamburg und Berlin gibt – nachdenken
Allerdings, regte Kathrin Lauterbach
an, müsse einmal gemeinsam darüber nachgedacht werden, warum es
unserer Stadt keine große Winternothilfe gibt, wie in anderen
Städten. Lauterbach nannte als Beispiel Köln, Hamburg und Berlin,
wo es im Winter etwa tausend Extraschlafplätze gibt.
Niedrigschwellige Angebote, die einfach dazu dienten, dass Menschen
bei Minusgraden nicht draußen schlafen müssen. Man wolle einfach
noch einmal das Bewusstsein dafür schärfen, „dass im Winter
unsere Gäste nicht gut versorgt sind“. Es gebe immer weniger
Leerstand in der Stadt und kaum noch wind- und wettergeschützte
Stellen, wo Wohnungslose einen trockenen Unterschlupf finden könnten.
Lauterbach machte klar, dass man diesbezüglich seine Stimme erheben
müsse: „Und wir sind die Stimme unserer Gäste.“
Kathrin Lauterbach (Gast-Haus).
Skandalöse Zustände angesichts
steigendem Reichtums in unserem Land, das sich der Menschenwürde
verpflichtet hat
Die Bundesarbeitsgemeinschaft
Wohnungslosenhilfe (BAGW) schätzt aufgrund aktueller Zahlen, dass im
Jahr 2017 etwa 440.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung waren.
Für 2019 zählt die aktuelle Wohnungsnotfallberichterstattung für
NRW 44.434 wohnungslose Menschen. Das ist ein Anstieg von fast 40
Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mehr als 48.000 Menschen leben
bundesweit ohne jede Unterkunft auf der Straße. Von ihnen starben im
vergangenen Winter mindestens 12 in Folge von Unterkühlung.
In der Erklärung (siehe unten) von
Suppenküchen und Tagestreffs in NRW zum „Welttag zur Bekämpfung
großer Armut“ am 17. Oktober 2019 heißt es: „Angesichts
steigendem Reichtums in unserem Land sind diese Zustände nicht nur
skandalös, sondern schlichtweg unnötig, vermeidbar und in einem
Land, das sich der Menschenwürde verpflichtet hat, nicht länger
hinnehmbar.
Peter Sturm.
Die Kundgebung am Dortmunder Rathaus
musikalisch begleitet hat Peter Sturm mit gesellschaftskritischen
Liedern zur Gitarre. Zum Ausklang wurde Kaffee und Kuchen angeboten.
Vertreter der Jungen Borussen (JuBos) übergaben an Bernd Büscher
(Kana-Suppenküche) vier Schlafsäcke als Spende. Bernd Büscher
moderierte die Kundgebung. Er bedankte sich herzlich dafür, dass
sich in diesem Jahr weitere Hilfeeinrichtungen beteiligten und
reichlich Interessierte erschienen waren.
Bernd Büscher (links) bedankt sich für die Schlafsack-Spenden der Jubos.
Erklärung von Suppenküchen und
Tagestreffs in NRW zum „Welttag zur Bekämpfung großer Armut“
am 17. Oktober 2019
Die Bundesarbeitsgemeinschaft
Wohnungslosenhilfe (BAGW) schätzt aufgrund aktueller Zahlen, dass im
Jahr 2017 etwa 440.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung waren.
44.434 wohnungslose Menschen zählt die aktuelle
Wohnungsnotfallberichterstattung 2019 für NRW, ein Anstieg von fast
40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mehr als 48.000 Menschen
bundesweit leben ohne jede Unterkunft auf der Straße. Von ihnen
starben im vergangenen Winter mindestens 12 in Folge von
Unterkühlung. Angesichts steigenden Reichtums in unserem Land sind
diese Zustände nicht nur skandalös, sondern schlichtweg unnötig,
vermeidbar und in einem Land, das sich der Menschenwürde verpflichtet
hat, nicht länger hinnehmbar. Am 17. Oktober 2019, dem von den
Vereinten Nationen ausgerufenen „Welttag zur Bekämpfung großer
Armut“, wenden wir uns deshalb mit dieser Erklärung an die
Öffentlichkeit und die politisch Verantwortlichen. Wir werden
unseren Forderungen durch Aktionen in einigen Städten
Nordrhein-Westfalens Nachdruck verleihen. Wir Suppenküchen und
Tagestreffpunkte bilden ein „Netzwerk der Gastfreundschaft“. Wir
wollen Menschen in schweren, scheinbar ausweglosen Lebenssituationen
– ohne sie nach Herkunft, Alter, Geschlecht oder sonstigen äußeren
Merkmalen zu kategorisieren – einen Ort des respektvollen Willkommens
bieten. Bei uns bekommen Arme und Obdachlose nicht nur Essen,
Kleidung oder medizinische Versorgung, sondern fassen auch neuen Mut.
Sie erleben, dass sie in ihrer Menschenwürde wahrgenommen werden,
dass sich andere mit ihnen für eine gerechtere Welt einsetzen. In
diesem Sinne verstehen wir Initiativen uns als „Stachel im Fleisch“
der Gesellschaft. Wir wollen nicht zulassen, dass immer noch Menschen
in Not kein Dach über dem Kopf haben, dass in unseren Innenstädten
kein Platz ist für die Gesichter der Armut.
Wir fordern:
– Keine Vertreibung! Unsere
Gäste sind keine Menschen zweiter Klasse, nur weil sie arm und
obdachlos sind. Sie haben ein Recht auf Teilhabe am öffentlichen
Leben und auf den Aufenthalt auf öffentlichen Straßen und
Plätzen. – Öffnung von geschützten, trockenen öffentlichen
Räumen bei Minustemperaturen! Eine U-Bahn-Station ist keine Wohnung,
ein Schlafsack ist kein Bett – dennoch können großräumige,
niedrigschwellige Angebote wie z.B. Bahnhöfe, Turnhallen, Kirchen
oder Wohncontainer für obdachlose Menschen in kalten Winternächten
überlebensnotwendig sein. – Unterbringung an den Bedürfnissen
der Betroffenen ausrichten! Wer einen Schlafplatz braucht, muss einen
bekommen – ohne Ämtergänge, ohne Kostenträger. Neben bestehenden
Angeboten wie städtischen Übernachtungsstellen, Beratungs- und
Wiedereingliederungshilfen müssen erfolgreiche Ansätze wie „Housing
First!“ verstärkt entwickelt und verwirklicht werden. –
Bezahlbaren Wohnraum schaffen! Die Anzahl der Sozialwohnungen hat
sich seit 2006 halbiert. Eine soziale Wohnungspolitik muss angesichts
explodierender Mieten in den großen Städten diesen Trend stoppen
und sich auch an den Bedürfnissen der schwächsten Mitglieder der
Gesellschaft orientieren.
Der Beschluss des Bundestages vom 17. Mai, mit dem die BDS-Kampagne als ein Beitrag zur zunehmenden Bedrohung durch den Antisemitismus in Europa verurteilt wird, ist ein schwerwiegender Anlass zur Sorge. Er markiert die BDS, eine gewaltfreie palästinensische Initiative, als antisemitisch und fordert die Bundesregierung auf, nicht nur der BDS selbst, sondern einer jeden sie fördernden Organisation jegliche Unterstützung zu verweigern. Der Beschluss verweist auf die besondere Verantwortung Deutschlands gegenüber den Juden, und zwar ohne Israels anhaltenden Missbrauch des grundlegendsten Menschenrechts, der Selbstbestimmung, bezüglich des palästinensischen Volkes auch nur zur Sprache zu bringen. Ebenso wenig verweist dieser Beschluss auf die bedeutende Rolle, die eine frühere BDS-Kampagne, nämlich die gegen den Rassismus Südafrikas, bei der Herbeiführung einer gewaltlosen Beendigung des dortigen Apartheid-Regimes gespielt hat; auch fehlt jeder Hinweis darauf, dass selbst diejenigen, die aus strategischen oder pragmatischen Gründen gegen diese BDS-Kampagne gewesen waren, nie versucht hatten, deren Vertreter zu dämonisieren. Von Richard Falk & Hans von Sponeck
Das
Konzentrationslager
Buchenwald nahe Weimar bestand von 1937–1945. Bei
Annäherung der 3. US-Armee übernahmen am 11. April 1945 die
Häftlinge die Leitung des Lagers von der abziehenden SS, nahmen 125
der Bewacher fest, öffneten die Tore und hissten die weiße Fahne.
Bereits seit dem 8. April hatten viele Häftlinge durch Boykott und
Sabotage ihre von den Nationalsozialisten so genannte Evakuierung
verhindert und die US-Armee per Funk um Hilfe gerufen. Margaret
Bourke-White (1904-1971), erster weiblicher „staff photographer“
des populären Bildmagazins LIFE, erhielt im Frühjahr 1942
als erste Fotografin eine Akkreditierung als
Kriegsberichterstatterin. Kurz vor Kriegsende kam sie nach
Deutschland, um dort für die US Air Force Bombenschäden zu
dokumentieren. Am 15. April erreichte sie das Konzentrationslager
Buchenwald, wo sie die katastrophalen Zustände im Lager
fotografierte. Die Kunsthistorikerin Dr. Maria Schindelegger hielt am
vergangenen Freitag zu Bourke-Whites bekanntesten Bildern und Motiven
ein Vortrag in der Gedenkstätte Steinwache.
Von Links: Dr. Maria Schindelegger und Markus Günnewich. Fotos: C. Stille
Das Konzentrationslager Buchenwald
Im Juli 1937 lässt die SS auf dem Ettersberg bei Weimar den Wald
roden und errichtet ein neues KZ. Mit dem Lager sollen politische
Gegner bekämpft, Juden, Sinti und Roma verfolgt sowie
„Gemeinschaftsfremde“, unter ihnen Homosexuelle,
Wohnungslose, Zeugen Jehovas und Vorbestrafte, dauerhaft aus dem
deutschen „Volkskörper“ ausgeschlossen werden. Schon bald
wird Buchenwald zum Synonym für das System der
nationalsozialistischen Konzentrationslager. Nach Kriegsbeginn
werden Menschen aus ganz Europa nach Buchenwald verschleppt. Im KZ
auf dem Ettersberg und seinen 139 Außenlagern sind insgesamt fast
280.000 Menschen inhaftiert. Die SS zwingt sie zur Arbeit für die
deutsche Rüstungsindustrie. Am Ende des Zweiten Weltkrieges ist
Buchenwald das größte KZ im Deutschen Reich. Über 56.000 Menschen
sterben an Folter, medizinischen Experimenten und Auszehrung.In
einer eigens errichteten Genickschussanlage werden über 8000
sowjetische Kriegsgefangene erschossen. Widerstandskämpfer bilden im
Lager eine Untergrundorganisation, um das Wüten der SS nach besten
Kräften einzudämmen. Gleichwohl wird das „Kleine Lager“
zur Hölle von Buchenwald. Noch kurz vor der Befreiung sterben
Tausende der entkräfteten Häftlinge.
Nach 1945 nutzte die sowjetische
Besatzungsmacht Buchenwald als Gefängnis
Als sogenanntes
Speziallager Nr. 2 wurde Buchenwald ab August 1945 ein Gefängnis
der sowjetischen Besatzungsmacht. Es diente zur Internierung von
Deutschen. Seit August 1945 führte der sowjetische Sicherheitsdienst
die vorhandenen Baulichkeiten des Konzentrationslagers Buchenwald
weiter. Vorrangig wurden dort lokale Funktionsträger der NSDAP, aber
auch Jugendliche und Denunzierte interniert. Jeglicher Kontakt nach
außen wurde unterbunden, ein auch nur im Ansatz rechtsförmiges
Verfahren fand nicht statt.
Von den 28.000 Insassen starben vor
allem im Winter 1946/47 über 7000 von ihnen an den Folgen von
Hungerkrankheiten. Im Februar 1950, kurz nach der Gründung der DDR,
wurde das Lager von den Sowjets aufgelöst.
Referentin Dr. Maria Schindelegger wurde mit einer Arbeit über
die Fotografien der US-Amerikanerin Margaret Bourke-White promoviert
Dr. Maria Schindelegger hat sich im
Bereich Fotogeschichte mit der visuellen Repräsentation von Krieg
und Gewalt sowie dem Themenkomplex Fotografie und
Holocaust beschäftigt und wurde mit einer Arbeit über Margaret
Bourke-Whites Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg promoviert.
Sie arbeitet derzeit als Kunsthistorikerin bei der Stiftung
DASMAXIMUM.
Am vergangenen Freitag war Schindelegger zu Gast in der Gedenkstätte Steinwache. Ihr Referat stand unter dem Titel „To map the place with negatives.“ In ihrem Vortrag beschäftigte sich die Kunsthistorikerin mit Margaret Bourke-Whites Fotografien aus dem KZ Buchenwald.
Über die Masse an
existierenden Fotografien aus dem KZ Buchenwald war Maria
Schindelegger überrascht
Als sich Maria Schindelegger mit den
Fotografien des befreiten KZ Buchenwald beschäftigte, sagte sie vor
eine interessiertem Publikum in der Steinwache, sei sie im ersten
Moment überrascht gewesen von der Masse an Fotografien, die es gibt.
Aber im zweiten Moment auch überrascht davon, wie wenig davon
eigentlich veröffentlicht ist und wie wenig es an wissenschaftlicher
Aufbereitung gibt. Was ihrer Meinung daran liegt, dass die
Fotografien zu ihrer Entstehungszeit sehr stark ausgesiebt worden
seien und sehr wenig Aufnahmen Eingang in Publikationen fanden. Die
wenigen, die veröffentlicht und immer weiter fortgeschrieben worden
sind, hätten sich zu einer Art Ikone entwickelt, die sozusagen
stellvertretend den Holocaust repräsentierten. Erst viel später,
eigentlich erst in den 1990er und den 2000er Jahren seien sie als
historische Quelle betrachtet worden. Man habe dann versucht „durch
die Fotografien hindurch zu schauen, auf eine Welt, die vergangen
ist“, um diese zu rekonstruieren. Schindelegger interessierte an
diesen Fotografien, dass sie ein Kommunikationsmedium seien. Sie habe
sich gefragt: Wie wird etwas dargestellt? Warum wird etwas so
dargestellt? Was passiert mit den Bildern wenn sie in die
Öffentlichkeit kommen?
Dwight D. Eisenhower damals über
sein Eindruck vom KZ Buchenwald: „Nichts
hat mich je so erschüttert wie dieser Anblick.“
Nach der Entdeckung der
Konzentrationslager wären die Fotografien aus ihnen zu einem
gewaltigen Medienereignis geworden, sagte Schindelegger.
Wie man nachlesen kann, nahmen auch
Politiker und Militärs, wie Dwight D. Eisenhower, der
Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte Anteil an den nun
sichtbar gewordenen Grauen. Eisenhower damals über sein Eindruck vom
KZ Buchenwald: „Nichts hat mich
je so erschüttert wie dieser Anblick.“
Von dem Gräuel
schockiert, befahl US-General Patton zwangsweise 1.000 Weimarer
Bürger ins KZ Buchenwald zur dessen Besichtigung
Am 15.
April 1945 kam US-General George S. Patton nach Buchenwald. Von dem
Gräuel schockiert, befahl Patton für den darauffolgenden Tag,
zwangsweise 1.000 Weimarer Bürger kommen zu lassen und sie mit der
Realität vor den Toren der Kulturstadt Weimar zu konfrontieren.
Außerdem forderte er Eisenhower auf, Pressevertreter nach Buchenwald
zu schicken, um Zeugnis von der „die Brutalität der Deutschen“
zu nehmen. Eine Gruppe amerikanischer Reporter erreichte am 24. April
1945 Buchenwald.
Dr. Schindelegger
zitierte Margaret Bourke-Wight aus deren Autobiografie betreffs ihrer
Eindrücke bei ihrer Ankunft im KZ Buchenwald: „Ich war der tiefen
Überzeugung, dass die Gräueltaten dokumentiert werden mussten. So
zwang ich mich diesen Ort mit Fotos kartographisch zu erfassen.“
Konfrontation
Interessant, so
merkte Maria Schindelegger an, die Orte und Situationen, welche
Bourke-Wight für ihre Kartographie auswählte.
Etwa, zeigt ein von
Schindelegger präsentiertes Bild, die Inszenierung der ins Lager
kommandierten Weimarer BürgerInnen. Die sind auf dem Schwarzweißfoto
als dunkle Masse im Hintergrund zu sehen. Im Vordergrund steht ein
Lkw-Anhänger im Innenhof des Lagerkrematoriums voll mit weiß in der
Sonne leuchtenden Leichen. Deutsche und US-Soldaten als Befreier
stehen sich frontal (Bedeutung des Motivs: Konfrontation) gegenüber.
Die Referentin zeigte zum Vergleich auch Fotos (aufgenommen von einer Mauer aus) von Walter Chichersky vom U.S. Signal Corps (Fernmeldetruppe des US-Heeres). Deutsche und Besatzer stehen sich gegenüber.
Was räumlich und
gleichzeitig moralisch von einander trenne, erklärte Dr.
Schindelegger.
„Als
Scharnier zwischen beiden Gruppen fungiert ein Soldat am linken
Bildrand. Möglicherweise als Vermittler zwischen beiden Gruppen
gedacht.“
Im Zentrum der
Konstellation steht eine Gruppe von Deutschen in der
Gegenüberstellung (der deutschen Bevölkerung) zu den Verbrechen der
Deutschen, um deren Reaktion darauf festzuhalten. Bourke-Wright sei
es um das Zu-Sehen-Geben, des beim Sehen Zusehens und um das Einsehen
gegangen.
Schindelegger: „Der
außerbildliche Betrachter wird über die Aufnahmen nicht nur selbst
mit dem Verbrechen konfrontiert, sondern fungiert als Zeuge der
Konfrontation der Deutschen.“
Ein anderes Foto
bildet Weimarer BürgerInnen ab, die offenbar auf mit Leichen
beladenen Anhänger. Eine Frau im Hintergrund blickt an der grausigen
Szenerie vorbei in die Kameralinse. Eine andere, gleich vorn, hält
sich ein Taschentuch wegen des gewiss bestialischen Gestanks der
Leichen vor Mund und Nase. Eine andere Frau senkt ihren Blick und
beschirmt ihre Augen.
Veröffentlicht
seien keine der Aufnahmen von Margaret Bourke-Wright. Schindelegger
vermutet: „Möglicherweise wurden sie als zu didaktisch angesehen.“
Andere Fotos
zeigen Häftlinge, die unter katastrophalen menschlichen und
hygienischen Bedingungen untergebracht waren
Des Weiteren zeigte
die Referentin Fotos von den Unterkünften der Häftlinge aus dem
sogenannten „Kleinen Lager“. Dort waren meist kranke und nicht
mehr arbeitsfähige Häftlinge unter katastrophalen menschlichen und
hygienischen Bedingungen untergebracht. In einer einzelnen Baracke
hätten bis zu 1.900 Männer eingepfercht auf hohen Holzpritschen
dahinvegetieren müssen. Bourke-Wrights Aufnahmen von dort folgten
einen frontalen und eine diagonalen Blickwinkel. In einem der Bilder
konzentrierte sich die US-Fotografin auf einen ausgemergelten
Häftlingen mit weit aufgerissenen Augen. Auf einen weiteren Bild
korrespondiert ein vor einem der Häftlinge auf der Pritschenkante
positionierter leerer Löffel mit dem darbenden Häftling dahinter.
Ein
interessanter, informativer, bedrückender Vortrag
Ein sehr
interessanter, informativer, aber ob seines Inhalts freilich
bedrückender Vortrag. Kritisch ist anzumerken, dass die Aufnahmen in
relativ kleinem Format projiziert auf der Leinwand erschienen und
besonders für das weiter hinten sitzende Publikum schwer zu erkennen
waren. Ganz zu schweigen von den Untertiteln der Fotos.
Markus Günnewig, wissenschaftliche Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache und seit 2015 deren stellvertretender Leiter ergänzte am Ende des Referats: „Noch im Februar 1945 rollte ein Häftlingstransport von Dortmund nach Buchenwald.“
Beitragsbild: Archiv Claus Stille/Repro des Fotos von 1970 vom Eingangstor des KZ Buchenwald
Im Anschluss an die diesjährige
Mitgliederversammlung des Unternehmensverbandes Östliches Ruhrgebiet
e.V. referierte der Rechtsanwalt und Politiker Dr. Gregor Gysi am
vergangenen Dienstag im Dortmunder Verbandshaus zum Thema „Zukunft
der sozialen Marktwirtschaft“. Der Vortrag kam an. Gysi referierte
gewohnt rhetorisch geschliffen. Sein Vortrag war humorvoll und
aufgepeppt mit jeder Menge Anekdoten. Am Ende gab sich
Vorstandsvorsitzender Arndt Dung begeistert: Er habe gemeint, in dem
Politiker der Partei DIE LINKE ein ganz anderes Parteimitglied erlebt
zu haben.
Von links: Arndt Dung, Vorstandsvorsitzender, Dr. Gregor Gysi und Ernst-Peter Brasse, Geschäftsführer. Fotos: C. Stille
Wieso der Unternehmerverband
ausgerechnet auf den Linken Gregor Gysi kam
Gregor Gysi ist Mitglied der Partei DIE
LINKE und Präsident der Europäische Linke (EL). Nordstadtblogger
wollte vom Unternehmerverband wissen, wie es dazu kam, ausgerechnet
Gysi zum diesjährigen Herbstvortrag anzufragen. Geschäftsführer
Ernst-Peter Brasse erklärte, die Unternehmensverbände seien
„grundsätzlich überparteilich“. Gegenüber Linken habe man
deswegen keine Berührungsängste. Brasse: Herr Gysi ist aus unserer
Sicht eine Person, die ihren Anteil an der Entwicklung Deutschlands
im Anschluss an die Wiedervereinigung gehabt hat und auch noch hat.
Rhetorisch geschickt und in der Sache klar vertritt er sein Meinung
auch in seiner eigenen Partei, was aus unserer Sicht nicht bei jedem
Abgeordneten in dieser Form der Fall ist.“
Aus Sicht der Unternehmensverbände sei
es, so Brasse, die soziale Marktwirtschaft, die einen gerechten
Ausgleich zwischen Kapitalismus und Umverteilung suche. „Herr Gysi
hat eine bestimmte und auch klare Vision zur Zukunft der sozialen
Marktwirtschaft, die gewiss nicht jeder Unternehmensvertreter teile.
Doch sei es wert sei gehört und diskutiert zu werden. Brasser
schränkte ein, diese beträfe jedenfalls den Teil, der sich nicht
mit Enteignungen beschäftigt.“
Der Beruf des Rinderzüchters nannte
Gysi die beste Voraussetzung, um in die Politik zu gehen: „Ich kann
mit Hornochsen umgehen“
Letzteres brachte freilich Gregor Gysi
dann doch am Rande unaufgeregt aufs Tapet. Er sprach allerdings von
Überführung in Gemeineigentum, die nötig werden könnte. Niemals,
versprach der Referent, würde er den gesamten Mittelstand enteignen
wollen.
Dr. Gregor Gysi.
Arndt Dung, der Geschäftsführer des
Unternehmensverbandes, hatte nach der herzlichen Begrüßung es
Gastes aus Berlin dessen gewesenen Funktionen aufgezählt, die von
heute bis in die letzten Tage der DDR zurückverfolgbar sind. Gysi
ergänzte noch, dass er mehrere Talkshows moderiere und erinnerte
daran, dass er zusammen mit dem Abitur den Facharbeiterabschluss für
Rinderzucht (in der DDR als Berufsausbildung mit Abitur auch in
anderen Berufen üblich) erwarb. Eine „Schwachsinnsregelung der
DDR“, wie Gysi meint, denn das sei herausgeworfenes Geld und
gewesen. Die meisten Menschen studierten ja dann und arbeiteten nicht
im Ausbildungsberuf. Sein Vater sagte damals zu ihm: „Wenn du je
mal Asyl in einem anderen Land beantragen musst, kannste deine
Ausbildung zum DDR-Juristen vollständig vergessen. Aber als Cowboy
bist du weltweit gefragt.“ Außerdem, findet Gysi, sei das beste
Voraussetzung um in die Politik zu gehen. Denn da sei Ausmisten ganz
wichtig. „Und ich kann künstlich besamen. Wenn Sie das nicht
können, gehen Sie nicht in der Politik. Und vor allem: Ich kann mit
Hornochsen umgehen.“
Gregor Gysi konstatiert eine
tiefgehenden Verunsicherung in der Gesellschaft, die sich in
politischer Instabilität äußere
Gysi wie er leibt und lebt! Da hatte er
sein Publikum mit ein paar Anekdoten aufgelockert damit sozusagen in
der Tasche.
Die derzeitige politische Situation
nach den letzten Landtagswahlen bezeichnete Gysi als Kern einer
tiefgehenden Verunsicherung. Die sich dann auch in einer politischen
Instabilität äußere. Die Union, die SPD und auch DIE LINKE hätten
zunehmend verloren. Gysi sprach darüber hinaus von einem „weltweiten
Trumpisierungsprozess“. Es begänne der Hang der Leute „zum
sogenannten starken Mann“. Das Problem dabei, so Gysi: „Der
starke Mann achtet nicht besonders die Demokratie und man werde ihn
unter Umständen nicht wieder los. Demokratie ist ja nicht nur das
Recht zum Wählen, sondern auch das Recht zum Abwählen.“
Das alte Parteiensystem geht zu Ende
„Die Zeit der alten Volksparteien ist
vorbei. Es geht zu Ende“, stellte der Referent fest. Das
Parteiensystem wandele sich grundlegend. All das habe seine Gründe.
Spätestens seit 2005 gebe es keinen politischen Richtungsstreit mehr
zwischen verschiedenen Gesellschaftskonzepten. Habe man ein
konservatives und ein sozialdemokratisches Lager, würden
Alternativen sichtbar. Gregor Gysi erinnerte an die Zeit von
Kurt-Georg Kiesinger und Willy Brandt: „Das waren doch
Auseinandersetzungen! Sowohl in der Gesellschafts- als auch in der
Außenpolitik.“ Da sei noch mit Leidenschaft gekämpft worden.
Und die eine Hälfte der Gesellschaft
habe doch immer damit leben können, wenn die andere gesiegt habe.
Man ging ja mit seinen Rechten nicht unter.
Die Unterscheidung von Konservativen
und Sozialdemokratie wird immer schwieriger
Seit 2005 habe man nun eine Große
Koalition. Die Unterscheidung von Konservativen und Sozialdemokratie
werde immer schwieriger.
Heute müsse doch überlegt werden, was
man wolle. Sei man für Schwarze Null oder dagegen, für mehr Geld
für Rüstung oder dagegen, für Steuersenkungen für
Besserverdienende, für eine weitere Flexibilität des
Arbeitsmarktes, für weniger Mieterschutz und das Ausbleiben von
öffentlichen Investitionen oder für das Gegenteil. Zum Beispiel
pro Investitionen in Bildung und Infrastruktur, für
Steuergerechtigkeit und eine wirksame Bekämpfung der Alters- und
Kinderarmut und die Schaffung bezahlbaren Wohnraums?
Parteibindungen lösen sich auf
Über all das könne man ja
hervorragend streiten im Parlament oder auf den Straßen. Es könnte
über Alternativen diskutiert werden. Stattdessen lösten sich
Parteibindungen auf. Mit der immer tieferen sozialen Spaltung würden
die Klassengegensätze so hoch, „dass Parteien schlicht nicht mehr
in der Lage seien, die widerstreitenden Interessen in ein oder zwei
Volksparteien zu artikulieren – geschweige denn politische
Repräsentanz zu verschaffen. Langfristig gesehen hält es Gysi für
möglich, dass im Bundestag vier bis sieben Parteien mittlerer Größe
sitzen.
Glaubwürdigkeit geht verloren.
Parteien müssen Stil und Inhalt ihrer Politik ändern
Als Ding der Unmöglichkeit bezeichnete
Gysi – und nahm seine eigene Partei dabei nicht aus – wenn man in
der Politk etwa in Menschenrechtsfragen mit zweierlei Maß messe.
Dann verliere man an Glaubwürdigkeit. Gleiches gelte für
„Kungelrunden“ in den Parteien betreffs der
KandidatInnenaufstellung. Was ebenso für die Art und Weise gelte,
wie Ursula von der Leyen plötzlich zur EU-Kommissionspräsidentin
vorgeschlagen wurde. Sie sei doch im Wahlkampf für das EU-Parlament
überhaupt nicht aufgetaucht. Viele WählerInnen schrecke das ab.
Entweder sie wählten überhaupt nicht mehr oder rechtspopulistische
Parteien aus Protest. Was Deutschland betreffe, so werde die AfD mit
dergleichen immer stärker gemacht. Auch wenn man deren Konzepten
entgegenkomme, wie z. B. die CSU in Bayern, wählten die Leute dann
doch lieber das Original. Die Parteien, ist sich Gysi sicher, müssten
Stil und Inhalt ihrer Politik ändern, damit sich das Interesse die
AfD zu wählen, um ihnen einen Denkzettel zu verpassen, erledigt.
Statt schlanken Staat braucht es
eine Investitionsinitiative, stellt sich Dr. Gysi vor
Das Dogma vom schlanken Staat sei
womöglich auch von den anwesenden UnternehmerInnen begrüßt worden,
nahm Gysi einmal an. Doch nun sei der Staat zu schlank und habe sich
auch von bestimmten kulturellen und sozialen Verantwortungen
zurückgezogen.
In Wirklichkeit bräuchte es doch eine
Investitionsinitiative, stelle sich Gysi vor.
Was damit verbunden wäre, dass die
Privatwirtschaft Aufträge bekäme. Höhere Löhne, Renten und
Sozialleistungen wären ebenfalls vonnöten. Um die Kaufkraft und die
Binnenwirtschaft zu stärken. Gysi: „Das deutsche Exportmodell
stößt an seine Grenzen.“ Schließlich müssten sich die
Abnehmerländer verschulden, um unsere Waren zu erwerben. Die würfen
wir ihnen dann wiederum vor.
Gysi brachte einen Holzweg ironisch
auf den Punkt: „Wir haben zur Schwarzen Null ein sexuell-erotisches
Verhältnis“
Der Redner ironisierte: „Wir haben
zur Schwarzen Null ein sexuell-erotisches Verhältnis.“ Da käme
man mit Logik nicht dagegen an. Er erklärte: Er habe überlegt,
wann er in seinem Leben für Vernunft nicht zugänglich war: „Das
war in den wenigen sexuell-erotischen Momenten, die ich hatte.“ Da
sei der Mann eben außerhalb seiner selbst. Es müsse unbedingt
zwischen privaten Haushalten, beim ihm ergebe Sparen einen Sinn, und
Staatshaushalt unterschieden werden. Der Staat müsse nämlich, wenn
die Konjunktur lahme und die Steuereinnahmen sänken, mehr ausgeben,
um die Wirtschaft anzukurbeln.
Investitionen in die Zukunft müssten
möglich sein. Die kämen doch unseren Kindern und Enkelkindern
zugute. Gerade heute wären Darlehen, die die Bundesregierung
aufnimmt günstig – man käme doch statt Zinsen zu zahlen
zusätzlich noch Geld dafür, dass man es aufnehme!
Die Mitte bezahlt alles
Gregor Gysi skandalisierte, dass in
Deutschland die Mitte quasi alles bezahle. An die Großen trauten
sich die Regierenden nicht ran. Er würde einen neuen
Spitzensteuersatz (wie er unter Helmut Kohl noch galt) von 53
Prozent, aber nur für das, was über 100.000 Euro im Jahr verdient
würde – favorisieren. Das würde uns alle nicht ruinieren, zeigte
sich der Linkspolitiker sicher. Im Übrigen gab Gysi zu bedenken,
dass die berühmten Steuerschlupflöcher ja nicht von den Konzernen,
sondern vom Gesetzgeber geschaffen werden. Der Gesetzgeber sei
schuld. Dass die Konzerne sie freilich ausnutzten sei ja nicht
verwunderlich. Sie seien ja eben sogar den Aktionären gegenüber
dazu verpflichtet, machten sich sonst gar strafbar. Dr. Gysi dazu:
„Es gibt seitens des Gesetzgebers viel zu wenig Reparatur
diesbezüglich.“
Das Land nicht länger auf
Verschleiß fahren
Vehement mahnte Gysi an, das Land nicht
länger auf Verschleiß zu fahren. Die Bundesländer freuten sich
über höhere Einnahmen: „Aber unsere Infrastruktur: Straßen,
Brücken, Schienen, verfallen“, Schulen bröckelten vor sich hin
und LehrerInnen fehlen!
Der absolute Skandal sei: „Insgesamt
haben wir einen Investitionsrückstand laut Kreditbank für
Wiederaufbau von 126 Milliarden Euro!“ Was solle da die Schwarze
Null?!, fragte Gysi: „Wir müssen sinnvoll investieren!“
Wichtig: Überwindung der sozialen
Spaltung
Als extrem wichtige Aufgabe markierte
der Referent die Überwindung der sozialen Spaltung, die
hierzulande, in Europa und weltweit wachse.
Stabiler sozialer Frieden machte
unsere Wirtschaft zu dem was sie heute ist
Unsere Wirtschaft sei unter den
Bedingungen eines stabilen sozialen Friedens zu dem geworden was sie
heute ist. „Das war die soziale Marktwirtschaft“, rief Gregor
Gysi in Erinnerung. „Wir sollten dieses Pfunde, des sozialen
Zusammenhalts der Gesellschaft nicht leichtfertig für einen
eventuellen kurzfristigen Vorteil größeren Gewinnmargen aus der
Hand geben. Niemand weiß, was dann passiert.“
Das alte Sozialstaatsverständnis habe
geheißen Aufstieg für alle, oder zumindest für die meisten.
Ansonsten habe es Systeme zu sozialen Sicherung gegeben.
Die Löhne hätten sich an der
Produktivität orientiert.
Leiharbeit und prekäre Arbeit geißelte
Gysi hart. Und den Niedriglohnsektor, der der größte in der EU ist
ebenfalls: „Zwanzig Prozent der Beschäftigten arbeite zum
Niedriglohn!“
Gysi zum Kapitalismus: er hat 1990
nicht gesiegt, er ist nur übriggeblieben
Eines sieht der Linkenpolitiker sein
Verhältnis zum Kapitalismus und zur Wirtschaft so: „1990 hat der
Kapitalismus nicht gesiegt. Er ist nur übriggeblieben.“
Der Kapitalismus könne eine höchst
effiziente Wirtschaft, eine Top-Forschung und Wissenschaft und auch
eine Top-Kunst- und Kultur hervorbringen. Was er nicht kann, ist den
Frieden zu sichern. Es gehe immer wieder um Ressourcenzugang. Und an
Kriegen werde zu viel verdient. Wenn wir diese Strukturen nicht
überwänden, würden wir auch die Kriege nicht loswerden.
Außerdem könne der Kapitalismus keine
soziale Gerechtigkeit herstellen. Und mit der ökologischen
Nachhaltigkeit habe er Schwierigkeiten. Die Emanzipation des Menschen
könne er ebenfalls nicht herstellen.
Bei der öffentlichen
Daseinsvorsorge müssen wir „höllisch aufpassen“
Dennoch abschaffen will der
demokratische Sozialist Dr. Gregor Gysi den Kapitalismus nicht. Es
müsse aber überlegt werden was bewahrt und was schrittweise
überwunden werden muss. Bei öffentlicher Daseinsvorsorge, Energie,
Wasser, Bildung, Gesundheit, Mobilität und in puncto Wohnen müsse
man „höllisch aufpassen“. Die Daseinsvorsorge müsse entweder in
öffentlichem Eigentum stehen oder in einer öffentlichen
Verantwortung. Große Banken und Konzerne seien ihm zu mächtig. Gysi
würde sie verkleinern. Wenn das nicht gelänge, dann würde er sie
in Gemeineigentum überführen wollen.
Sich nicht dem Zug der Zeit
widersetzen
Im Anschluss an den erwartbar
kurzweilig gehaltenen Vortrag von Dr. Gregor Gysi wurden von einigen
der Anwesenden mehrere interessante Fragen – etwa betreffs der
Auswirkungen der Digitalisierung – gestellt. Gysi antwortete, die
müsse differenziert betrachtet werden. Dem Zug der Zeit jedoch dürfe
man sich nicht widersetzen: „Maschinenstürmerei bringt nichts“.
Und so Gysi: „Wir werden noch erreichen die Streichung der
Lohnnebenkosten.“ Es brauche eine Wertschöpfungsabgabe, die sie
ersetze.
Unternehmer Werner Wirsing bewundert
Gregor Gysi schon lange
Der anwesende „Genussmensch“
(Süddeutsche Zeitung) Werner Wirsing, einstiger
Selfmade-Unternehmer, outete sich als langjähriger Bewunderer von
Gregor Gysi. Er habe in den 1990er Jahren immer gehofft, eine andere
Partei würde Gysi ein Angebot machen zu ihr zu wechseln. Mit Gysi in
Regierungsverantwortung, meinte Wirsing, wäre es mit Deutschland
besser gegangen. Wirsing bot Gysi eine Wette darauf an, dass die
Lohnnebenkosten in beider Lebenszeit nicht abgeschafft werden.
Ansonsten habe ihm Gysi aus dem Herzen gesprochen. Sein Frust über
die Politik aber hätte sich beim ihm gleichzeitig auch verstärkt.
Wirsing kritisierte die heutige Politikergeneration. Er skizzierte
diese so: „Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal“. Solche Politiker
könnten ohne ihren Beruf nicht mehr existieren und klebten deshalb
an ihrem Abgeordnetenmandat.
Gregor Gysi ist ein Zweckoptimist:
„Wir schaffen das schon!
Gregor Gysi ist seit seinem 23.
Lebensjahr Rechtsanwalt. Zu einem Rechtsanwalt kämen nur Leute mit
Problemen, so Gysi: „Probleme ziehen mich an.“ Und er sei bemüht
sie zu lösen. Er sei ein Zweckoptimist. Damit erklärte er, was ihn
stets motivierte so viele Probleme und Schwierigkeiten auch mit
seiner Partei aus- und durchzustehen. Gysi: „Ich muss jetzt
höllisch aufpassen, die SPD hat so viele Probleme …“ Heiterkeit
allenthalben. Ein unterhaltsamer und rhetorisch geschliffen
vorgetragener Herbstvortrag war das, der allen gefallen haben dürfte.
Gregor Gysi munterte Werner Wirsing und das gesamte Publikum zum
Schluss dazu Optimismus zu wagen: „Sie dürfen nicht so
pessimistisch sein. Wir schaffen das schon!“ Abermals Heiterkeit
und herzlicher Beifall. Dr. Gregor Gysi düste weiter nach Düsseldorf
…
Am
25. September 2019 wurde in Berlin zum sechsten Mal der Smart Hero
Award verliehen, ein Preis für erfolgreich in und mit Social Media
umgesetztes soziales Engagement – ein Preis für Helden und Heldinnen
im Internet. 2019 hat der Preis das Schwerpunkt-Thema „Eine
demokratische Gesellschaft“.
Den
Smart Hero Award 2019 gibt es in drei Kategorien: Vielfalt und
Chancen-Gleichheit, Umwelt und Gesundheit, Gemeinschaft und
Zusammenhalt.
Zusätzlich
zur Vergabe in den drei Kategorien gab es einen Publikums- und einen
Jury-Preis. TOUCHDOWN 21 und Ohrenkuss erhalten einen
zusätzlichen Preis in der Kategorie Spezial. Der Preis wurde geteilt
und an zwei Projekte und eine Einzelperson vergeben:
Ausgezeichnet
wurde unsere „exzellente
Zusammenarbeit im Netz“, die Menschen mit Down-Syndrom, ihre
Vielfalt und ihre Stimmen im Netz sichtbar und erlebbar macht. Mit
unterschiedlichen Schwerpunkten beziehen sie deutlich Stellung zu
gesellschaftspolitischen Themen, geben Einblicke in ihren Alltag und
nutzen dafür die ganze Bandbreite der sozialen Medien.
Ohrenkuss
gibt es seit 20 Jahren. Für das Magazin schreiben ausschließlich
erwachsene Menschen mit Down-Syndrom. Seit 2011 ist das Projekt auch
erfolgreich in den sozialen Medien unterwegs. Die Arbeit der
Ohrenkuss-Redaktion hat das öffentliche Bild von Menschen mit
Down-Syndrom geprägt und verändert.
TOUCHDOWN
21 ist ein partizipatives Forschungs-Institut mit Sitz in Bonn.
Menschen mit und ohne Down-Syndrom forschen, vermitteln und
informieren zu allen Themen, die mit dem Down-Syndrom zusammenhängen
und räumen auf mit Vorurteilen und Fehlinformation.
Natalie
Dedreux gehört zu einer jungen Generation von Aktivistinnen und
Aktivisten mit Down-Syndrom, die sich erstmals lautstark zu Wort
melden. Sie setzt sich ein gegen pränatale Diagnostik und
Spätabtreibungen von Menschen mit Down-Syndrom. Die Entscheidung des
Gemeinsamen Bundesausschusses, dass der pränatale Bluttest künftig
in vielen Fällen als Kassenleistung angeboten wird, kommentiert sie
mit: „Ich
halte es für falsch, was Ihr da macht. Es ist nicht inklusiv. Ich
bin damit nicht einverstanden.“
not
just down besteht aus dem Geschwister-Paar Tabea und Marian Mewes.
Sie geben in zeitgemäßer Form Einblick in ihr Leben und ihren
Alltag. Sie wollen dem defizitorientierten Bild von Menschen mit
Down-Syndrom in der medialen Öffentlichkeit etwas entgegensetzen,
das zeigt: Das Leben mit einem Familienmitglied mit Down-Syndrom
macht Spaß. Das Projekt wünscht sich: „Durch das Produzieren und
Teilen von Inhalten im Web und in Sozialen Netzwerken, sollen
Menschen mit Down-Syndrom dort an Präsenz gewinnen.“
Der
Preis ist mit 7.500 Euro dotiert, die sich zu gleichen Teilen
zwischen den drei Projekten verteilen.
GewerkschafterInnen vor der Karstadt-Filiale in Dortmund. Fotos: C. Stille
Aufgrund von Tarifflucht und Lohndumping in NRW entgehen den Sozialversicherungen jährlich 2,2 Milliarden Euro und dem Fiskus 1,3 Milliarden Euro an Einkommensteuer. Allein dem Land NRW entgehen dadurch 547 Millionen Euro und seinen Kommunen weitere 193 Millionen Euro. Das sind insgesamt 3,5 Milliarden Euro pro Jahr. Am Montag informierte die Dortmunder DGB-Vorsitzende Jutta Reiter mit MitarbeiterInnen an einem Aktionsstand am Westenhellweg über das Thema unter dem Motto: „Reden wir über …
Aktion aus Anlass des Welttags der menschenwürdigen Arbeit
Nicht ohne Grund war der DGB-Aktionsstand vis-á-vis der Karstadt-Filiale am Westenhellweg platziert: Der Kaufhauskonzern zahlt schon lange nicht mehr nach Tarif.
Die Veranstaltung am vergangenen Montag fand im Rahmen bundesweiter Aktivitäten der Gewerkschaften anlässlich des Welttags der menschenwürdigen Arbeit statt.
Mangelnde Tarifbindung vermindert nicht nur Einnahmen von Land und Kommunen, sondern wirkt sich unmittelbar auf die Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung aus
Von links: Jutta Reiter, Klaus Waschulewski und Gudrun Weißmann
Im Gespräch mit Nordstadtblogger skandalisierte die Dortmunder DGB-Vorsitzende Jutta Reiter, dass die mangelnde Tarifbindung sich nicht nur negativ auf die Staats- und Stadtsäckel auswirke, sondern unmittelbar auf die Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung: Mit flächendeckender Tarifbindung hätten die Beschäftigten in NRW rund 3,2 Milliarden Euro mehr pro Jahr im Portemonnaie, so Reiter. Die Zahlen stammen aus einer Berechnung des Deutschen Gewerkschaftsbundes, der die letzte Verdienststrukturerhebung (VSE) nach Beschäftigten mit und ohne Tarifbindung des Statistischen Bundesamts zugrunde liegt. Die Gewerkschafterin gab zu bedenken: Was der Gemeinschaft durch die anhaltende Tarifflucht der Unternehmen entgeht, seien keine Peanuts. Gerade bei den Herausforderungen, die in NRW vor uns liegen, werde deutlich: Das Geld wird gebraucht für den sozialen Ausgleich, für Investitionen in Infrastruktur und in Bildung. Eine hohe Tarifbindung stärke außerdem die Binnennachfrage, stabilisiere die Wirtschaft vor Ort und sichere gute Arbeit.
Keine Entwarnung: Im Jahr 2018 waren in NRW nur noch 60 Prozent der Beschäftigten in einem tarifgebundenen Unternehmen beschäftigt
Jutta Reiter indes konnte keine Entwarnung geben: Die Tarifflucht der Unternehmen sei ungebremst, die Zahlen der Tarifbindung Jahren rückläufig. Die Gesellschaft müsste in höchstem Maße alarmiert sein: Im Jahr 2018 waren in NRW nur noch 60 Prozent (!) der Beschäftigten in einem tarifgebundenen Unternehmen beschäftigt.
DGB-Chefin Dortmund Hellweg mit Warnschild vorm Karstadt-Warenhaus in Dortmund.
Angesichts dieser bedenklichen Entwicklung fordert der DGB: „Tarifbindung stärken und damit Beschäftigung sichern. Egal ob es um das Gehalt, die Urlaubstage, um Arbeitszeiten, Kündigungsfristen, betriebliche Altersversorgung oder um Urlaubs- und Weihnachtsgeld geht – Beschäftigte, deren Arbeitsverhältnis durch einen Tarifvertrag geregelt ist, stehen besser da als Beschäftigte in Betrieben ohne Tarifbindung. Nicht zuletzt würde durch einen Tarifvertrag ein gutes Betriebsklima geschaffen und zufriedene, motivierte Beschäftigte ein nicht zu unterschätzendes Ergebnis.
Auch für Arbeitgeber sind Tarifverträge sinnvoll. Sie verhindern Schmutzkonkurrenz indem sie allen Unternehmen gleiche Wettbewerbsvoraussetzungen garantieren. Insbesondere Flächentarifverträge, die für eine ganze Branche gelten, sorgen für fairen Wettbewerb und sichern damit Arbeitsplätze.“
Forderungen des DGB NRW
Von der Vorsitzenden des DGB NRW stammen folgende, in DGB-Papieren veröffentlichte, Forderungen: die Arbeitgeber müssten sich die unbequeme Frage nach ihrer sozialen Verantwortung gefallen lassen. Und auch die Politik müsse mehr machen. Tarifverträge müssten leichter für allgemeinverbindlich erklärt werden und öffentliche Aufträge dürften nur noch an tarifgebundene Unternehmen vergeben werden.
Hier einige Negativbeispiele:
Beschäftigte bei Kaufhof haben die letzte Tariferhöhung nicht erhalten. Die Geschäftsführer drohten gar durch die Verschmelzung des Unternehmens
Jutta Reiter wird vom Lokalradio interviewt.
mit Karstadt die Gehälter der Beschäftigten um weitere ca. 11 Prozent abzusenken.
Bei real erhalten dort neu eingestellte Beschäftigte – trotz gleicher Vorkenntnisse und Beschäftigungsdauer – bis zu 30 Prozent weniger Geld als die Beschäftigten, die bereits vor der Umstrukturierung des Unternehmens dort beschäftigt waren. Zusätzlich haben sie höhere Wochenarbeitszeiten und geringere Sonderzahlungen.
Beschäftigte bei Karstadt-Sports sind seit Jahren von Gehaltsentwicklung abgekoppelt. Durch Tarifflucht ihres Arbeitgebers bekommen sie für ihre Arbeit heute bereits 14 Prozent weniger Geld als die Beschäftigten in den tarifgebundenen Unternehmen. Dies entspricht je nach Eingruppierung einem Betrag von bis zu 330 Euro im Monat.
GewerkschafterInnen der IG BAU berichteten über ihre Situation
Am Aktionsstand am Westenhellweg vertreten waren am Montag auch GewerkschafterInnen der IG BAU. Sie berichteten vom Platzen der Tarifverhandlungen am 30. September dieses Jahres. Die Arbeitgeber setzten weiter Änderungsanträge. IndustriereinigerInnen etwa in der Autoindustrie drohe ein Streichkonzert bei den Zuschlägen für Arbeiten an Sonn- und Feiertagen und bei zusätzlicher Nachtarbeit.Weihnachtsgeld und Wertschätzung blieben immer noch ein Tabu. Die Zuschläge für Teilzeitbeschäftigte soll es erst geben, wenn sie über acht Stunden gearbeitet haben. Die Arbeitgeber blieben uneinsichtig, lehnten Verhandlungen zum Weihnachtsgeld ab und wollten nicht über Geld – in keiner Höhe und nicht als Einstieg – verhandeln. Die Zeichen stünden auf Warnstreik.
Flyer wurden verteilt und Warnschilder vor Karstadt aufgestellt
Während der einstündigen Aktion verteilten die GewerkschafterInnen Flyer an PassantInnen und positionierten sich mit rot-weißem Flatterband vorm Eingang zum Karstadt-Warenhaus. Warnschilder mit der Aufschrift Achtung Tariffreie Zone wurden hochgehalten.
Passanten und GewerkschafterInnen kamen miteinander ins Gespräch
Passanten nahmen die Gelegenheit wahr, sich bei der Dortmunder DGB-Vorsitzenden Jutta Reiter sowie anderen GewerkschafterInnen genauer zum Thema zu informieren. Miteinander ins Gespräch zu kommen war auch im Sinne der Aktion „Reden wir über … Tarifflucht“.
Wir waren zu zuversichtlich um 1989 und gingen in die 1990er Jahre hinein mit der Überzeugung nun würde alles gut. Vorbei die Konfrontation der Blöcke. In der DDR war es zur sogenannten Wende gekommen.Und auch die anderen Staaten des Ostblocks, die sich wie die DDR als sozialistisch verstanden hatten (heute wissen wir: einen Sozialismus hat es es bislang nicht gegeben) gingen quasi von der Fahne. Das gemeinsame Haus Europa, von dem Michael Gorbatschow gesprochen hatte, würde anscheinend in Kürze Realität werden. Dachten wir! Dann zerbrach die Sowjetunion. Der Warschauer Vertrag löste sich auf. Die Nato nicht. Der erste große Fehler. Heute wissen wir warum. Der Westen hatte gesiegt, konnte aber nicht aufhören zu siegen.
Vorbemerkungen
Neulich gab Reiner Braun (International Peace Bureau) auf einer Friedenstagung in Essen zu bedenken, wie ich berichtete: „„Von Anfang an habe die Nato dazu gedient, die Sowjetunion wieder zu einem Russland zurückzudrängen. Auch, indem man die Länder des Ostblocks zu „befreien“ vorgab. Die Nato habe aktiv daran gearbeitet das die Linksregierungen in Frankreich und Italien beendet wurden. Auch habe die Nato in den 1950er und 1960er Jahren eine aggressive Atomwaffenstrategie (mit dem Ziel eines Ersteinsatzes (!) von Atomwaffen) verfolgt. Eine Nato-Direktive habe sogar den Titel „Atombombenziel Sowjetunion“ getragen. Eingezeichnet gewesen seien da auf einer Karte die 200 größten Städte und Orte der UdSSR. Der Vorwurf seitens der Nato betreffs einer atomaren Vorrüstung der Sowjetunion sei stets eine Lüge gewesen. Immer habe Moskau auf westliche Vorrüstung reagiert und nachgerüstet.“
Kathrin Vogler (MdB DIE LINKE) ergänzte auf der selben Tagung: Und „erinnerte an einen Vorschlag des einstigen Nato-Generalsekretärs Manfred Wörner, der im Mai 1990 vom Aufbau einer neuen europäischen Sicherheitsstruktur, die die Sowjetunion und die Staaten des Warschauer Paktes umfassen sollte, gesprochen habe.
Damals sei auch Wörner davon ausgegangen, dass das (leider Gorbatschow nicht schriftlich) gegebene Versprechen, die Nato würde sich nicht über die damalige „kleine“ BRD hin gen Sowjetunion ausbreiten, gelte. Der Status quo sehe heute bekanntlich ganz anders aus.“ Voglers Fazit: „Die anfängliche Euphorie verflog, der Drang nach Osten blieb.“
Die Nato rückte immer näher an Russland heran. Heute stehen 150 Kilometer vor St. Petersburg deutsche Soldaten. Nahezu umzingelt ist die Russland inzwischen.
„Der neue West-Ost-Konflikt. Inszenierung einer Krise“ – Das neue Buch von Wolfgang Bittner
Wolfgang Bittner, Schriftsteller und Publizist, hat ein interessantes neues Buch vorgelegt, in welchem er sich u.a. mit der weiteren Geschichte nach 1989/90 beschäftigt. Es trägt den Titel „Der neue West-Ost-Konflikt. Inszenierung einer Krise“. Die Reihenfolge der Himmelsrichtungen ist mit Bedacht gewählt. Und wenn wir genau rekapitulieren, was gelaufen ist, müssen wir Bittner zustimmen: Der neue, immer von herrschender westlicher Politik und den einflussreichsten Medien weiter eskalierte Konflikt hat eine West-Ost-Richtung.
„Der Nordatlantikpakt hat seine Bestimmung als Verteidigungsbündnis längst eingebüßt“, so der Autor, und tritt heute als Aggressor auf: Nato-Osterweiterung, der Krieg gegen Jugoslawien, Anti-Russland-Propaganda, wirtschaftliche Sanktionen oder auch die drastische Erhöhung des Militärhaushalts.“
NATO schon immer Aggressionsbündnis
In puncto des Begriffs „Verteidigungsbündnis“ meldete Reiner Braun in Essen Zweifel an. Aus meinem Bericht: „Dies werfe die Frage auf: „Ist eigentlich dieses Bündnis immer noch, oder war es jemals ein Verteidigungsbündnis?“ Er würde gerne behaupten, so Braun, dass die Nato schon seit ihrer Existenz ein Aggressionsbündnis war. Es sei immer gegen die Ergebnislage des Zweiten Weltkriegs vorgegangen.“
Fakt ist – das müssen wir uns bei genauer Überlegung nach längerer Rückschau eingestehen, was auf der Rückseite des Covers von Bittners aktuellem Buch zu lesen steht: „Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, hat sich nach Ende des Kalten Krieges eine neuer West-Ost-Konflikt herausgebildet – die NATO gegen Russland -, der zu eskalieren droht.“ Und weiter: „Von westlichen Politikern gibt es kaum Bemühungen, zu dessen Entschärfung beizutragen, im Gegenteil. Der Konflikt ist so gewollt, meinte Wolfgang Bittner und belegt dies anhand vieler Beispiele – auch ganz aktueller.“
Bittner: Wladimir Putin hat bisher versucht westlicher Aggressionspolitik mäßigend entgegenzuwirken
„Dabei“, schreibt Bittner in seiner Vorbemerkung (S.11), „ist nicht zu übersehen, dass Wladimir Putin bisher versucht hat, der westlichen Aggressionspolitik mäßigend entgegenzuwirken und ein zuträgliches Verhältnis zu Westeuropa, insbesondere zu Deutschland, zu bewahren.“ Stets hat Putin uns die Hand ausgestreckt. Erinnern wir uns doch nur einmal an die Rede des russischen Präsidenten im am 25. September 2001 im Deutschen Bundestag? Näheres auf S.14.
Da muss ich Bittner unumwunden Recht geben. Im vorangegangenen Kalten Krieg sprachen beide Seiten wenigstens miteinander. Heutzutage sind die Fronten verhärtet (worden). Institutionen, die den Dialog fördern verkümmern zusehends. Von Ausnahmen, wie beispielsweise dem Petersburger Dialog, wo Einzelpersonen sich noch Mühe geben miteinander im Gespräch zu bleiben, einmal abgesehen. Persönlich empfinde ich den neuen Kalten Krieg als wesentlich gefährlicher als den alten. Selbst die Gefahr eines Atomkriegs nimmt wieder zu. Nicht zuletzt wegen der Kündigung des INF-Vertrags durch Donald Trump. Russland zog ein Jahr später nach.
Offene NATO-Propaganda im öffentlich-rechtlichen Fernsehen
Zu Recht kritisiert Wolfgang Bittner die seit der Ukraine-Krise ständig zutage tretenden „Offene NATO-Propaganda im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“ (ab S.62). Das wohl gravierendste Beispiel dafür, das viele ZDF-ZuschauerInnen zu tiefst verunsicherte, erschreckte und zugleich aufs Tiefste empörte, führt Bittner gleich eingangs dieses Kapitels an. Am 4. April 2019 hatte „Claus Kleber, Kuratoriumsmitglied der Atlantik-Brücke, aus Anlass des 70. Jahrestages der NATO-Gründung“ im ZDF heute-journal sozusagen den 3. Weltkrieg ausgerufen. In seiner Ansprache schockte er die Zuschauer mit den Worten:
„Guten Abend, zu Wasser und zu Luft sind heute Nacht amerikanische, deutsche und andere europäische Verbündete unterwegs nach Estland, um die russischen Verbände zurückzuschlagen, die sich dort wie vor einigen Jahren auf der Krim festgesetzt haben.“
Zum Ende dieses Kapitels zitiert (S.65) Bittner den ehemaligen Parlamentarier und Weggefährte Willy Brandts, Albrecht Müller“, der „im April 2019 der Ansicht“ war:
„Wir rutschen ab in Richtung Krieg, auch weil ehedem kritische Medien beim Feindbildaufbau mitmachen und die kritische Intelligenz ausfällt“.
Im Kapitel „Fake News und Kriegspropaganda“ (S.67) bekommen die LeserInnen noch einmal schlimme Beispiele von „Kampagnenpolitik“, „Der Fall Babtschenko“ (S.69), betreffs „Krieg in Syrien“ (S71), in Sachen „Der Fall Skripal“ (S.77) sowie „Politisches Kalkül und False-Flag-Operationen“ (S.82) zur Erinnerung serviert. Gut so. Wir wissen: Der Mensch vergisst schnell.
Weltuntergangsuhr steht auf „zwei Minuten vor Mitternacht“
Der aktuellen Weltlage folgend wird bekanntlich die „Doomsday Clock“ von Wissenschaftlern des „Bulletin of the Atomic Scientists“ nach vorne oder hinten verstellt. Am 24. Januar 2019 war es wieder soweit. Die aktualisierte Uhrzeit der Weltuntergangsuhr wurde auf einer Pressekonferenz in Washington veröffentlicht: Es ist immer noch „zwei Minuten vor Mitternacht“.
Hintergründe und Strategien
Da es Wolfgang Bittner in seinem Buch um Hintergründe und Strategien geht, hat er sich dankenswerterweise zu diesem Behufe der Mühe unterzogen eine für die LeserInnen lehrreiche Chronologie des Geschehens über mehr als ein Jahrhundert zu erstellen. Er analysiert präzise die Hintergründe und zeigt auf, wie zu dieser unheilvollen Entwicklung kommen konnte.
Wichtig, wahrzunehmen m.E. ist das Kapitel „Britisch-amerikanische und französische Imperialpolitik und Erster Weltkrieg“ (S.113), bekanntlich von einigen Historikern als Urkatastrophe angesehen, in welcher der Zweite Weltkrieg wurzelt. Bittner geht es in diesem Kapitel gewiss nicht darum, die Schuld des kaiserlichen Deutschlands am Ersten Weltkrieg zu schmälern. Jedoch lässt er neuere Erkenntnisse in seine Zeilen einfließen. Demnach (S.117) sei inzwischen bekannt, „dass schon lange vor 1914 Kriegsvorbereitungen der Engländer, Franzosen und Amerikaner stattfanden“ – dies habe der einstige Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der KSZE/OSZE, Willy Wimmer anlässlich der Feierlichkeiten in Paris und London 2018 mit welchen 2018 des Endes des Ersten Weltkriegs gedacht wurde, vertreten.
Bittner: „Deutschland sei in diese Katastrophe „geradzu hineinorchestriert“ worden, so Wimmer.“ Der Autor erwähnt auch das Buch des australischen Historikers Christopher Clark und sein Buch „Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“, in welchem er Frage nach der Kriegsschuld umgehe.
Wie auch immer: Den LeserInnen dürfte an dieser Stelle erschreckend klar werden, wie leicht es zu einem Krieg kommen kann. Zumal wir – will ich anmerken – heutzutage es uns gegenwärtig an verantwortungsvollen und klugen Leadern in Europa und der Welt bitter mangelt.
Neue Erkenntnisse betreffs des Zweiten Weltkriegs und seines Vorlaufs
Auch das folgende Kapitel „Versailler Vertrag, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg“ (ab S.125) ist hoch spannend und augenöffnend. Ein Deutsch-Amerikaner wird (S.129) genannt, den wir bislang nicht auf dem Zettel hatten: Einen gewissen Ernst Hanfstaengel. Der habe während des Zweiten Welkriegs US-Präsidend Franklin D. Roosevelt beraten; aber ab 1922 auch freundschaftliche Beziehungen zu Hitler unterhalten. U.a. habe er ihm bei der Abfassung seines Buches „Mein Kampf“ zur Seite gestanden und ihm ein Darlehen von 1000 Dollar gegeben.
All das, Bittner, geht auf den russischen Historiker Nikolay Starikov und dessen Buch „Wer hat Hitler gezwungen Stalin zu überfallen?“ zurück.
Wolfgang Bittner: „Starikov geht aufgrund seiner Recherchen so weit, zu konstatieren, die NSDAP und Hitler seien von Beginn an, also seit Anfang der 1920er Jahre von interessierten Kreisen au den USA gefördert und finanziert worden.“
Nicht weniger interessant, das in Bittners Buch auftauchende Zitat des Publizisten und Buchautoren Werner Rügemer:
„Bis zum Ersten Weltkrieg waren die USA – sowohl der Staat wie auch die Unternehmen – bei europäischen Banken verschuldet. Mit dem Ersten Weltkrieg hat sich diese Relation umgedreht. Am Ende des Ersten Weltkriegs war Europa in den USA verschuldet. Und das ist bis heute so geblieben. Das war das wirtschaftlich-finanzielle Ergebnis des Ersten Weltkriegs. Und dann musste das zerstörte Europa natürlich wieder aufgebaut werden, insbesondere das zerstörte Deutschland.“ (S.131)
Auch Zweite Weltkrieg muss wohl betreffs derjenigen, welche ein Interesse an ihm hatten, genauer unter die Lupe genommen werden. Bittner schreibt (S.134): „Mit Hitler und der NSDAP haben die britischen und US-amerikanischen Geheimdienste in den 1920er Jahren den Geist aus der Flasche gelassen. Ein Hauptanliegen war, Deutschland und Russland niederzuhalten und nicht zusammenkommen zu lassen.“ Das erinnert an einen Ausspruch des ersten NATO-Generalsekretärs Lord Hastings Ismay, wonach danach zu streben sei, die Amerikaner drin, Deutschen niederzuhalten und die Russen draußen zu halten.
Bittner: Keine Relativierung der ungeheuren Verbrechen der Nazis und des Stalinismus
An der Stelle wird es LeserInnen geben, die rufen: Verschwörungstheorie!
Bittner gibt jedoch zu bedenken:
„Die in der jüngsten Forschung vertretenen Standpunkte zu benennen bedeutet weder eine Relativierung der ungeheuren Verbrechen der Nazis noch eine Verleugnung des brutalen Stalinismus.“
Am Fuße der Seite lässt Bittner Winston Churchill zu Worte kommen, der 1945 geäußert habe:
„Dieser Krieg wäre nie ausgebrochen, wenn wir nicht unter dem Druck der Amerikaner und neumodischer Gedankengänge die Habsburger aus Österreich-Ungarn und die Hohenzollern aus Deutschland vertrieben hätten. Indem wir in diesen Ländern ein Vakuum schufen, gaben wir dem Ungeheuer Hitler die Möglichkeit, aus der Tiefe der Gosse zum leeren Thron zu kriechen.“
Das muss man erst mal sacken lassen.
Es folgen weitere interessante Ausführungen. Die aber, liebe LeserInnen, sollen sie sich selber aneignen und gründlich bedenken.
Wolfgang Bittner: Gefährliche Aggressionspolitik gegen Russland verursacht „unabsehbare Schäden“
Fakt ist, wir leben auch gegenwärtig wieder in gefährlichen Zeiten. In letzten Kapitel „Resümee und und Schlussfolgerungen“ (S.289) hebt Wolfgang Bittner realistisch an: „Die USA beanspruchen Westeuropa als ihr Einflussgebiet, das sich ihren wirtschaftlichen wir militärischen Interessen unterzuordnen hat. Sie beeinflussen die Medien und entkernen die Souveränität europäischer Staaten. Sie führen seit Jahren Interventionskriege, verhängen Sanktionen gegen andere Völker und mischen sich in deren innere Angelegenheiten ein.“
Besonders kritisiert Bittner „die hoch gefährliche Aggressionspolitik gegen Russland, in die europäische Staaten einbezogen sind“, die „unabsehbare Schäden“ verursache.
Feststellung: „Wir leben in einer Zeit tiefster Restauration“
Und ein paar Zeilen schreibt der betreffs unserer Situation Tacheles: „Wir leben in einer Zeit tiefster Restauration, schlimmster Rückschrittlichkeit. Was sich abspielt an Kriegshetze, Militarisierung, Zensur, Denunziation, Überwachung, Sozialabbau, politischer Verlogenheit und so weiter spottet jeder Beschreibung.“
„Die Welt steht am Abgrund“
Auf Seite 293 mahnt der Autor: „Die Welt steht am Abgrund. Dennoch finden sich keine maßgeblichen Kräfte, die menschheitsgefährdende Konfrontationspolitik zu beenden und den Absturz verhindern.“
„Die Abkehr von der Verständigungs- und Friedenspolitik Willy Brandts“, notiert Wolfgang Bittner enttäuscht, „wurde nahezu widerspruchslos hingenommen.“
Wolfgang endet leicht hoffnungsvoll
Leicht hoffnungsvoll endet Wolfgang Bittners Buch. Er meint der Europäischen Gemeinsam könnte es gelingen „sich der Umklammerung der USA“ zu entledigen. Bittner: „Insofern wäre die Achse Berlin-Paris ein wegweisender Ansatz, wenn es Deutschland und Frankreich gelingen würde, sich vom Joch der NATO, auf die sie kaum Einfluss nehmen können, zu befreien.“
Doch, meint er: „Arc-de-Triomphe-Symbolik muss ebenso wie das Versailles-Trauma endgültig der Vergangenheit angehören.“
Vision oder doch mehr ein Jahrhundertwerk? Eine nötige Aufgabe allemal. Zuerst müsse allerdings „gedacht werden, damit es geschehen kann“ weiß uns der Autor zu sagen.
Bittner schöpft seine Hoffnung daraus, „dass auch die ‚Erbfeindschaft‘ zu Frankreich und die deutsche Teilung überwunden wurden.“
Im Anhang Briefe, Texte und eine Erklärung der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative
Als Anhang sind dem hochinteressanten, aufschreckend, wach- und aufrüttelnden Buch (eine brillante Analyse,auf akribischer Recherche basierend) Bittners noch ein Brief von Karl-Wilhelm Lange „Ein Brief nach Wolgograd, ehemals Stalingrad“ (S. 297) an die „Liebe Valentina“, ein Brief von Willy Wimmer „an den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier“, der auf Fehlentwicklungen hinweist, sowie der Text „70 Jahre Bundesrepublik. Auf und ab. Und wie geht’s weiter?“, in welchem Müller darauf hofft, dass „Bei der Mehrheit der Menschen … die positiven Seiten des menschlichen Wesens angesprochen werden“ können. Müller stellt fest: „Diese sind zurzeit verschüttet.“
Abschließend wurde die „Erklärung der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative zum 74. Jahrestag des Atombombenabwurfes auf Hiroshima“ (S.309) veröffentlicht.
Hinweis: Das obige Video mit dem Interview, das Ken Jebsen mit Wolfgang Bittner führte, erschien auf KenFM.
SchülerInnen des Paul-Ehrlich-Berufskollegs Dortmund haben in Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern des Filmprojektes „Perspektivwechsel“ das Thema „Gewalt im Umfeld des Fußballs“ aufgegriffen. Die Ergebnisse in Form eines Kurzfilms sowie einer
dokumentarischen Begleitung der Umsetzung (Making-of) wurden am vergangenen Dienstag in den Räumen der Polizeiausstellung 110 im Polizeipräsidium Dortmund in
Der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange.
Anwesenheit der Beteiligten und Kooperationspartner der Öffentlichkeit präsentiert. Polizeipräsident Gregor Lange bezeichnete den entstandenen Film als sehr realitätsnah, mit einem professionell umgesetzten Thema,der Verständnis weckend wirke und zu Entkrampfungen beitragen könne. Die am Film Beteiligten wurden mit Urkunden ausgezeichnet.
Dokumentation beleuchtet die „Gewalt im Umfeld des Fußballs“
Die Dokumentation beleuchtet zunächst die Diskussion um das Thema „Gewalt im Umfeld des Fußballs“. Die TeilnehmerInnen ergründeten die Ursachen für die Eskalationen bei Fußballspielen.
Der Film vermittelt Einblicke in unterschiedliche Perspektiven der zwei ProtagonistInnen
Anschließend entstand ein 20-minütiger Kurzfilm, in dem es um die
Verbundenheit zum Fußballverein und die Freundschaft zweier junger Frauen geht. Beide kennen sich seit Jugendzeiten. Eine von ihnen ist Polizistin geworden. Später treffen sie sich wieder. Und sie stehen sich schließlich als Fan und Polizistin vor dem Stadium gegenüber. Dem Zuschauer bietet sich so eine Gelegenheit, Einblicke in die unterschiedlichen Perspektiven zu erlangen.
Thomas Schneider (Deutsche Fußball Liga) war von der Qualität des Films „geflasht“
Thomas Schneider (DFL).
Thomas Schneider (Deutsche Fußball Liga GmbH Spielbetrieb/Koordinator Fanangelegenheiten) bekannte, schon als er vor wenigen Wochen den Trailer zu „Perspektivwechsel“ gesehen habe, gedacht zu haben: „Boah, das ist ja Spielfilm! Die Qualität hat mich echt geflasht.“
Schneider, der früher in einen Jugendzentrum gearbeitet hat, sagte, das,s was betreffs des Films mit „Perspektivwechechsel“ überschrieben ist, haben wir früher unter Antivorurteilspädagogik verstanden. Dass das klappen kann, hat Schneider früher erlebt, als er mit tödlich verfeindeten Hooligans von Bremen und Hamburg 1990 gemeinsam zur Fußballweltmeisterschaft im Rahmen eines Bildungsprojektes nach Italien gefahren. „Alles ging gut. Diejenigen, die mitgekommen waren, haben sich nie wieder miteinander geschlägert“, so Thomas Schneider. Als PFiFF (Pool
zur Förderung innovativer Fußball- und Fankultur) vor etwa fünf Jahren erfunden worden sei, habe man dank der Innenministerkonferenz eine halbe Million Euro bekommen. Damit hätten Impulse ausgesendet werden und Kreativität belohnt werden können. Man habe sich mit dem kritischen Verhältnis zwischen Fans und Polizei beschäftigt.
„Schalke-Kids auf Streife war das allererste Projekt“, erinnerte sich Schneider. Die ProtagonistInnen des Films, seien ihm wie Berufsschauspieler vorgekommen: „Das hatte nichts mit Schülertheater zu tun.“
Das Filmprojekt „Perspektivwechsel“ wirkt im Sinne einer alten indianischen Weisheit, ist sich sich der Leiter des Paul-Ehrlich-Berufskollegs, Friedrich Kuß, sicher
Der Leiter des Paul-Ehrlich-Berufskollegs Friedrich Kuß bemühte hinsichtlich des
Friedrich Kuß (Leiter des Paul-Ehrlich-Berufskollegs).
Filmthemas die alte indianische Weisheit, wonach man nicht über jemand anderes urteilen sollte, ehe man nicht eine Meile in dessen Mokassins gegangen ist. Kuß: „Unsere Mokassins sind ja im übertragenen Sinne das Filmprojekt.“
Ein Leitsatz von insgesamt sieben des Paul-Ehrlich-Berufskollegs laute „Wir fördern soziales Lernen“ und ein anderer: „Wir achten einander“. Das Filmprojekt sah Kuß als etwas an, dass diesem Leitsatz nahekomme. Der Schulleiter lobte die Regisseurin von „Perspektivwechsel“, Ayşe Kalmaz, als „versierte Filmemacherin“ und den engagierten Einsatz der SchülerInnen am Projekt zu dessen Behufe zunächst eine Film AG gegründet worden war. Sie lernten darin, wie man einen Film produziert. Intensiv informierten sich die SchülerInnen beim Besuch eines Fußballspiels in Dortmund auch über die Arbeit der Polizei. Kuß erinnerte sich begeistert an die Proben im Schulgebäude, wo SchülerInnen in voller Polizeimontur die Treppen hoch und runter rannten und dabei gefilmt worden waren. Ein anderer Teil der SchülerInnen stellte als Komparsen Fußballfans dar.
Ein professioneller, von einer Maskenbildnerin geleiteter Workshop, informierte Friedrich Kuß, habe SchülerInnen, die staatlich anerkannte Kosmetikerinnen werden wollen, darin im Schminken der Filmakteure angeleitet worden.
Blumendank zum Dank für mitarbeitete PolizeibeamtInnen
Einen kleinen Dank in Form von Blumensträußen für ihre Mitarbeit am Filmprojekt erhielten die PolizeibeamtInnen Jennifer Peters und Ercan Erdoğan.
Der Film kann zur schrittweisen Verbesserung des Dialogs zwischen Fans und Polizei beitragen, denkt Thilo Danielsmeyer vom Fanprojekt Dortmund
Thilo Danielsmeyer (Leiter des Fanprojekts Dortmund) betonte, das Thema
Thilo Danielsmeyer (Fanprojekt Dortmund)
Perspektivwechsel sei für sie seit dreißig Jahren das zentrale Thema. Weshalb man sofort zugesagt habe, beim Filmprojekt „Perspektivwechsel“ mitzutun.
Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass bestimmte Fans „Grenzen des Erlaubten“ überschreiten. Andererseits werfe die Fanszene der Polizei zunehmende Repression im Bereich des Fußballs und Unverständnis vor. Darüber werde diskutiert. Einen Kontakt zwischen beiden Kontrahenten herzustellen, wie auch schon Polizeipräsident Gregor Lange zuvor gesagt hatte, habe bislang nicht gefruchtet, so Danielsmeyer. Der nun vorliegende Film „Perspektivwechsel“ könne möglicherweise als wichtiges Projekt dazu beitragen, den Dialog in kleinen Schritten in Gang zu setzen.
Viel Applaus zur Filmpremiere für alle Beteiligten
Nach der Vorführung des Making-of zum Film, der u.a. auch Heiterkeit und Bewunderung bei den anwesenden ProtagonistInnen und Gästen auslöste, erlebte der Film „Perspektivwechsel seine Premiere. Der Film und alle daran Beteiligten erhielten starken Beifall. Die Premierenzuschauer fanden, dass er äußert gelungen ist. Der Streifen ist in der Tat sehr professionell gemacht. Das betrifft die Kameraführung, den Schnitt und die wirklich verblüffenden schauspielerischen Leistungen aller Mitwirkenden. Nicht zuletzt beklatscht wurde die feinfühlige Regie, die in den Händen von Filmregisseurin Ayşe Kalmaz lag, die u.a. auch schon mit Prof. Adolf Winkelmann gearbeitet hat.
Regisseurin Kalmaz fragte die SchülerInnen nach deren Motivation sich am Filmprojekt zu beteiligen
Ayşe Kalmaz befragte im Anschluss einige der am Film beteiligten SchülerInnen, die
Regisseurin Ayşe Kalmaz (Bildmitte) befragt die Jugendlichen nach ihrer Motivation am Filmprojekt teilzunehmen.
auch am Drehbuch beteiligte gewesen sind, zu deren Motivation, am Filmprojekt mitzuwirken. Für eine Schülerin war der filmische Teil des Projektes spannend. Allerdings sei sie auch durch ihre Familie mit Fußball konfrontiert und gehe auch selbst ins Stadion. Celina hatte sich auch für das Thema Gewalt im Fußball interessiert. Sie habe ergründen wollen, was die Fans so denken. Aber auch wissen wollen, wie es den Polizisten bei Fußballspielen so gehe.
Antonia fand, dass sich alle am Projekt beteiligten Unterstützer sehr viel Mühe gegeben hätten, „uns durch das Thema zu begleiten“.
Regisseurin Ayşe Kalmaz ergänzte, sie hätten durch das Fanprojekt viel über Fans – von diesen selbst jedoch direkt leider aber wenig – erfahren können.
Jasmin sagte, sie habe erstmals ganz viel über die Polizei erfahren und beim Blick sozusagen hinter die Kulissen eines Fußballspiels viele interessante Eindrücke gewonnen.
Ayşe Kalmaz wollte wissen, wie die SchülerInnen darauf gekommen sind, zwei Frauen als ProtagonistInnen ins Auge zu fassen.
Joyce, erklärte, sie hätten einfach Rollen nehmen wollen, in die sie sich hineinversetzen können. Und da sie eben Frauen seien, „haben wir die Rollen auch weiblich gemacht“. Auch stelle man sich immer eher ein Mann als Polizist vor. Joyce: „Wir wollten eben auch ein bisschen Frauenpower.“
Die Mädchen bekannten über das Projekt viel über Gewaltbereitschaft und die Motivation dazu erfahren zu haben.
Am meisten Spaß gemacht habe den jungen Frauen das Drehbuch zu entwickeln. Aber auch „das Schauspielern“. Und nicht zuletzt das Zusammenarbeiten im Team.
Urkunden aus der Hand des Polizeipräsidenten
Alle Beteiligten am Filmprojekt „Perspektiven“ erhielten aus den Händen von Polizeipräsident Gregor Lange Urkunden als Auszeichung. Interessiert beigewohnt hatte der Filmpremiere u.a. auch Bernd Heinen, Inspekteur der Polizei NRW.
Nächste Vorführung von „Perspektiven“ am 11. Oktober im Signal-Iduna-Park
Das Projektteam wies darauf hin, dass am 11. Oktober 2019 im Signal Iduna Park in der Zeit von 15-17 Uhr eine weitere Vorführung des im Rahmen des Filmprojekts „Perspektivwechsel“ – Berufsschüler greifen „Gewalt im Umfeld des Fußballs auf“ im BVB-Lernzentrum stattfindet.
Es ist angedacht, den Film zu gegebener Zeit auch über das Internet zugänglich zu machen.
Der bekannte Journalist, UNO-Experte mit langjähriger Erfahrung in der Friedensbewegung, Andreas Zumach warnte kürzlich auf einer Friedenstagung in Essen vor dem nicht selten gebrauchten Begriff der „neuen Unübersichtlichkeit“. Was ja wohl so viel heißen soll: Man könne eh nichts machen. Ein Ohnmachtsbegriff nannte Zumach das. Denn letztlich könne alles – betrachte man es genau – durchaus klar benannt, auch durchschaut und Probleme mit sorgfältig entwickelten Lösungen angegangen werden.
Dazu gehört m.E. auch, die täglich von Politik und Medien – gern auch im Wechselspiel – vorgenommene Manipulationen.
Wie leben in einer Art Demokratie, will ich flapsig mal hier hin schreiben. Aber die wird auch noch – statt sie zu hegen und zu pflegen, wie ein empfindliches Pflänzchen -, oder um es in Erinnerung an Willy Brandt so auszudrücken: noch ein Quäntchen mehr davon zu wagen – täglich ein Stück mehr ausgehöhlt.
Wir BürgerInnen werden das eine oder andere mal genasführt. Ein anderes Mal gleich mehrfach mehrfach hinter die Fichte geführt. Oftmals merken wir das nicht einmal. Schließlich hat nicht jeder Mensch die Zeit jeder fragwürdigen Sache genau nachzugehen und im Internet oder in Bibliotheken zu recherchieren.
Was für wissenschaftliche Erkenntnisse gilt, schrieb Karl Marx seinen Töchtern auf ihren Fragebögen als Motto: „De omnibus dubitandum“ – „An allem ist zu zweifeln“. Wenn es neue Erkenntnisse gibt, ist der alte Kenntnisstand überholt oder relativiert. So ist es in der Wissenschaft.
Prinzipiell ist allerdings auch davon ab richtig, an allem gesunden Zweifel zu hegen.
Bereits vor einer längeren Zeitspanne gingen Wirtschaft, Politik und Medien daran, uns das Deken abzugewöhnen. Das analysierte Albrecht Müller, ein Mitarbeiter und Vordenker Willy Brandt und legte das Buch „Meinungsmache“ vor.
Propaganda ist heute ziemlich en vogue. Die meisten politischen Entscheidungen werden unter dem Einfluss massiver Propaganda – regelrechte Propagandamaschinen werden da konstruiert und angeworfen – getroffen, meinte Albrecht Müller. Nicht wenige Medien spiel(t)en da munter mit, statt ihrer Aufgabe als Vierte Gewalt gerecht zu werden. Das reicht, wie Albrecht Müller nachweist, von der Agenda 2010 bis zu neuen Kriegen.
Eine Propagandamaschine ist die sogenannte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), im Jahr 2000 gegründet vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Um deren massiver Propaganda aufklärend etwas entgegenzusetzen hatte Albrecht Müller einst die NachDenkSeiten gegründet.
Seither machen die NachDenkSeiten (NDS) mit ihrem Herausgeber an der Spitze unermüdlich auf Methoden der Manipulation aufmerksam und analysieren die dahintersteckenden Strategien. Auch ökonomische Zusammenhänge machen die NDS-LeserInnen da klüger, wo „Qualitätsmedien“ und munter (von wenigen Ausnahmen abgesehen), dabei auch die Öffentlich-Rechtlichen, vernebeln oder verkürzt berichten: bloß noch Lückenpresse“ (Ulrich Teusch) sind.
Bei den NDS ist man als Leser gut aufgehoben. Ich oute mich: sie sind das Erste, was ich nach dem Frühstück lese. Dafür wurde ich schon öffentlich diffamiert. Nun gut. Klar: auch die NDS sind nicht unfehlbar – behaupten das auch nicht- und schießen auch mal einen Bock. Aber sie sind m.E. unverzichtbar.
Albrecht Müller – erst vor Kurzem auf der ersten Seite der Süddeutschen ins Zwielicht gesetzt und gewissermaßen altersdiskriminiert – hat nun ein neues Buch vorgelegt. Damit will er – wie er erklärt auch die Menschen erreichen, welche die NDS nicht lesen. Das Buch, beim Westend Verlag erschienen, trägt den Titel „Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst. Wie man Manipulationen durchschaut.“
Albrecht Müller lässt auch in diesem Buch nicht locker aufzuklären und aufzumuntern nicht alles widerstandslos über sich ergehen zu lassen:
„Wir müssen zweifeln und widersprechen. Das wird leichter, wenn wir uns mit anderen verbinden. Wenn wir ein eigenes Milieu einer lebendigen Gegenöffentlichkeit schaffen, wenn wir uns austauschen, wenn wir kommunizieren. Wenn Sie Freunde, Gesprächspartner in der Familie oder Kolleginnen und Kollegen haben, die auch daran interessiert sind, ihren Kopf vom Zugriff Dritten zu befreien, dann ist es sinnvoll, sich regelmäßig auszutauschen. Man entdeckt mehr, man versteht mehr, man kann zweifelhafte Vorgänge leichter einordnen. Und das Gespräch über die ständigen Manipulationen bereitet häufig auch noch Vergnügen. Jedenfalls ist es interessant.“
In der Einführung zum Buch (S.7) spielt Müller auf das Lied „Die Gedanken sind frei“ an, wo es in der zweiten Zeile heiße: „Wer kann sie erraten“; und „Kein Mensch kann sie wissen“. Dann macht der Autor gleich darauf aufmerksam, dass „andere Menschen und Einrichtungen und die Geheimdienste durchaus erraten und erforschen, was wir denken. Und noch schlimmer: Es wird versucht, darauf Einfluss zu nehmen, was wir denken.“
Müller kommt zu diesem Ergebnis: „Unsere Gedanken sind nicht frei, sie sind manipulierbar.“
Doch Albrecht Müller steckt nicht auf: „Die Gedanken sind frei. Wir müssen allerdings etwas tun, um Herr unserer Gedanken zu bleiben. Deshalb dieses Buch. Es lohnt, darüber nachzudenken, was helfen könnte, sich weiterhin und trotz aller Anfechtungen eigene Gedanken zu machen und nicht abhängig zu werden.“
Müller gibt jedoch auch zu bedenken (S.29/30): „Wir sind umzingelt von Kampagne den und müssen feststellen, dass die totale Manipulation möglich ist. Wir können uns damit beruhigen, dass so etwas gerade in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus schon einmal nötig war und dass diese bleierne Zeit schon einmal überwunden werden konnte. Vielleicht gelingt das noch einmal.“
Albrecht Müllers Formulierungen sind nicht übertrieben und zu scharf. In vielerlei Hinsicht ist es längst zwölf oder gar schon nach zwölf. Nichtsdestotrotz: die Hoffnung stirbt zuletzt …
Interessant das Kapitel III. Methoden der Manipulation. Darin geht es um (S.21/22 Sprachregelungen, Manipulation mithilfe von ständig gebrauchten und mit einer Bewertung versehenen Begriffen und verkürzt erzählten Geschichten (etwa wenn von der „Annexion“ der Krim die Rede ist und „vergessen“ wird zu erwähnen, das Putin damit auf den vorangegangenen Maidan-Putsch reagiert hat. Auch das Verschweigen ist eine Methode der Manipulation oder das „Wiederholen – Steter Tropfen höhlt den Stein“. Siebzehn Punkte führt Albrecht Müller da auf und analysiert sie, sowie belegt seine Ausführungen dann gründlich mit Beispielen, die wir alle kennen dürften.
Und wir erinnern uns: in der Schröder-Zeit wurden aus Reformen (ein Begriff, den man früher mit Verbesserungen in Verbindung brachte), wurde zu „Reformen“, die heutzutage eher Verschlechterungen bedeuten bzw. nach sich ziehen.
Die gesetzliche Rente ist schlecht geschrieben und geredet worden. Zu diesem Behufe wurde mit dem demografischen Faktor agiert, um nicht zu sagen gedroht. Nur, damit uns die zusätzliche Säule private Vorsorge empfohlen werden konnte, und die Versicherungskonzerne abkassieren konnten. Alles musste mit unseren einem Einkommen finanziert werden, dass nicht größer geworden war. Dabei hätte durchaus der Rentenbeitrag etwas angehoben werden müssen. Wir sollten weiter wachsam sein! Wie heißt es doch: Nichts geschieht ohne Grund.
All das, lieber LeserInnen, können Sie anhand des von Albrecht Müller Geschriebenen – wenn sie es mit der politischen und medialen Realität abgleichen – nachvollziehen und verstehen.
Das neue Buch von Müller ist abermals bestens als Augenöffner geeignet.
„Mit dem Wissen wächst der Zweifel“, beginnt Albrecht Müller das Schlusskapitel seines Buches (ab S. 133), „- dieses Goethe-Wort trifft wohl auch die Stimmung vieler Leserinnen und Leser, wenn sie die Methoden der Manipulation und einschlägige Fälle für Meinungsmache und die dahintersteckenden Strategien gelesen haben.“
Und weiter: „Es befallen uns Zweifel an der Vernunft vieler Entscheidungen. Es befallen uns Zweifel daran, dass auch nur einigermaßen funktioniert, was wir Demokratie nennen. Es befallen uns Zweifel an Menschen, die unser Denken bestimmen und damit ihre Interessen bedienen wollen. Wir zweifeln an der Vernunft des Zweifelns. Viele Menschen tun das inzwischen und passen sich an. Sie wollen lieber dazugehören, als kritisch zu hinterfragen. Das ist angesichts der Gewalt der Manipulation und Irreführung und der fühlbaren Ohnmacht verständlich.“
Da wären wir wieder beim eingangs meiner Zeilen von Andreas Zumach erwähntem „Ohnmachtsbegriff“: Man könne eh nichts machen.
Dies aber falsch und der verkehrte Ansatz. Darauf weist auch Albrecht Müller hin: „Aber auf diesen Rückzug ins Private und ins Milieu der Entmutigten können wir uns nicht einlassen. Das wird eindringlich“, gibt Müller uns zu bedenken, „sichtbar, wenn wir an die lebenswichtige Frage von Krieg und Frieden denken.“
Dick unterstreichen sollten wir einen folgenden Satz aus der Feder von Müller: „Wir können es aus eigenem Überlebensinteresse nicht hinnehmen, den neuen Feindbildaufbau in Europa unwidersprochen zu akzeptieren.“
Müller: „Wir müssen zweifeln und widersprechen.“ (S.134)
Genau dazu ruft das Buch auf. Nicht dazu, den Kopf in irgendeiner gesellschaftlichen Nische in den Sand stecken.
Das neue Buch von Albrecht Müller gehört eigentlich in jede Hand. Deshalb, lieber LeserInnen, gebe Sie es doch bitte weiter, wenn es gelesen wurde.
Ich gebe zu, täglichen NachDenkSeiten-Lesern ist vieles, was in diesem Büchlein steht nichts Neues. Aber man hat den Vorteil, einfach mal darin nachschlagen zu können, da hier über das Wichtigste Bericht geführt wird.
Albrecht Müller hat das Buch ja auch vor allem für Menschen geschrieben, die keine passionierten LeserInnen der NachDenkSeiten sind.
In diesem Blog werden montags selbst verfasste Gedichte veröffentlicht und je nach Anlass Gedanken übers Zeitgeschehen festgehalten. Im Ganzen behandelt der Blog Ansichten und Eindrücke über Politik, Gesellschaft, Alltag, Liebe und (Pop-)Kultur. Respekt, Hoffnung, Nachdenklichkeit, Friedensfähigkeit und Menschlichkeit werden diesen Blog kennzeichnen.