Das Buch ist ein Brummer. Es brummt
darin nur so von Geschichte. Erzählt wird sie innerhalb des
interessanten historischen Zeitraums von 1917 bis 1923 in dem
vierhundert Seiten umfassendem Wälzer – welcher, dies sei schon
mal verraten und von mir verbürgt: an keiner Stelle auch nur im
Ansatz langweilig wird – anhand der unterschiedlichen Lebenswege
zweier aber doch immer irgendwie verbundener junger Menschen namens
Anna und Heinrich.
Apropos Geschichte: Potentielle
LeserInnen dieses glänzenden, fesselnden Romans, die meinen, die
Geschichte in- und auswendig zu kennen, sich ein bestimmtes Weltbild
gezimmert haben oder selbiges sich auf die eine oder andere Weise
haben zimmern lassen, seien vorgewarnt: Ihr Welt(Geschichts-)bild
könnte Kratzer bekommen oder im schlimmsten Falle sogar einstürzen.
Bevor dieser Roman mit seiner brisanten
Story völlig unerwartet in mein Leben trat (zugegeben: ich hatte
weder von dem Buch selbst, noch seinem Autoren Cyril Moog zuvor je
etwas gehört), kam der kürzlich im Westend Verlag als Nachdruck des
vor über 100 Jahren von Halford John Mackinder gehaltene
Vortragstext „Der Schlüssel zur Weltherrschaft. Die
Heartland-Theorie“ (mit einem Lagebericht von Willy Wimmer) zur
Rezension
auf meinen Schreibtisch.
Das Brisante, das hinter der
Herzland-Theorie
(„The Geographical Pivot of History“), vorgetragen von Mackinder
am 25. Januar 1904 vor der Royal Geographical Society in London)
steckt und auf durchaus erschreckende Weise heute bei
geostrategischen Überlegungen bestimmter Mächte noch immer eine
üble Rolle spielt, verarbeitete auch Cyril Moog in seinem Roman!
Dahinter steht nämlich die nicht von der Hand zu weisende
Überlegung: Wer dieses Herzland beherrscht, beherrscht die Welt.
Und George Friedman sagte es ja vor ein paare Jahren frei heraus: Die
USA ist sein hundert Jahren bestrebt zu verhindern, dass Russland und
Deutschland gute Beziehungen haben.
Auch die Frage, ob Deutschland der Alleinschuldige am Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist, lässt sich nach der Lektüre nicht mehr so sozusagen wie aus der Pistole geschossen beantworten. Geschichte ist auch hier immer ein wenig komplexer, als es manches Geschichtsbuch – oft verkürzt und interessengeleitet – uns erzählt. Sowie ohnehin von den Siegern geschrieben.
Heinrich von Trott kommt aus eben diesem Ersten Weltkrieg. Dort hat er Schlimmes erlebt, dass ihn in immer wieder auch in Alpträumen verfolgt. Geradewegs sozusagen stolpert dieser junge Mann aus dem Welt- in einen aufziehenden Bürgerkrieg. In die Münchner Revolution. Die Räterepublik. Wieder gerät er ins Gefecht. Auf der Seite der Freikorps geht es gegen die „Novemberverbrecher“. Heinrich trifft auf Personen der Zeitgeschichte, die später auch in der Zeit des heraufziehenden Faschismus in Deutschland eine Rolle spielten. Unter anderen auf Adolf Hitler. Erlebt, wie dieser von manchem nicht ernst genommene Mann zum Führer aufgebaut wird. Revanchismus zieht herauf. Dahinein gerät der Kriegsheimkehrer Heinrich und erlebte die Vorgeschichte des Faschismus beim bayerischen Militärgeheimdienst.
Beide – Anna wie Heinrich –
triggert sozusagen diese Münchner Räterepublik. Allerdings auf ganz
unterschiedliche Weise. Heinrich ist voller Wut auf die
„Bolschewisten“, die seiner Meinung nach ein Sowjetdeutschland
offenbar nach dem Vorbild der Sowjetunion schaffen wollen und
marschiert diesbezüglich angestachelt mit den Freikorps in den
Häuserkampf.
Unter den Aufständischen trifft
Heinrich auf einmal wieder auf Anna, an die er im Krieg stets hatte
denken müssen. Beide kennen sich von Kindesbeinen an.
Anna ist ganz anders unterwegs. Sie
glaubt, emotionalisiert in den Tagen Revolution, an einen Aufbruch in
eine neue, bessere Zeit, ist begeistert von Anarchie und Avantgarde.
Bald trennen sich Annas und Heinrichs Wege wieder.
Anna trifft mit den Revolutionären Ernst Toller und Gustav Landauer zusammen. Später am Lago Maggiore und anderswo trifft sie auf Künstler und lernt freie Lebensformen, frei ausgelebte Sexualität, sowie Frauen, die selbstbewusst ihre Rechte einfordern, kennen. Alles was mit Kunst und Literatur in Zusammenhang steht, saugt Anna begierig auf.
Der Verlag Zeitgeist fasst kurz und bündig zusammen: „Auf ihrem Weg von München über Berlin nach New York, Detroit“ (wo Heinrich auf Henry Ford trifft; C.S) und zurück kommt es zu überraschenden Wendungen, zudem begegnen ihnen zahllose Größen jener Zeit, etwa im Café Größenwahn, bei konspirativen Treffen diverse Bruderschaften, auf der 2. Internationalen Eugenik-Konferenz, im Harlemer Jazzclub oder auf dem Monte Veritá. Und langsam wächst bei beiden ein tieferes Verständnis von den Wirkmächten hinter dem Weltgeschehen, die auch ihre Geschicke zu lenken suchen …“
Apropos Eugenik! Beim Lesen der entsprechenden Stellen im Buch fiel mir Hermann Ploppas Buch „Hitlers amerikanische Lehrer“ ein. Dazu findet man – ohne freilich die einzigartigen Gräueltaten des faschistischen Hitler-Regimes in irgendeiner Weise damit entschuldigenn zu können oder zu wollen zum Buch Folgendes:
„Ist tatsächlich der
Nationalsozialismus mit all seinen schrecklichen Auswüchsen ein rein
deutsches Produkt? Der Autor weist anhand von bislang unbekannten
Dokumenten nach, dass viele Elemente des Nationalsozialismus aus
Bestrebungen hervorgingen, die in den USA bereits seit der Wende zum
20. Jahrhundert Mainstream waren: z.B. die Ideologie der nordischen
Herrenrasse oder die »Eliminierung Minderwertiger«. Bereits vor dem
Ersten Weltkrieg wurden in vielen Staaten der USA Gesetze zur
Sterilisierung oder Kastration »Minderwertiger« in Kraft gesetzt.
Und nicht nur das: Im Jahre 1914 erarbeiteten US-Regierung,
angesehene Stiftungen wie Carnegie oder Rockefeller sowie die besten
Wissenschaftler amerikanischer Universitäten ein detailliertes
Rassenaufartungsprogramm nicht nur für die USA, sondern für die
gesamte Menschheit. Nach diesem Plan sollten bis zum Jahre 1985
allein in den USA 45 Millionen »Minderwertige« »eliminiert«
werden.
Adolf Hitler hat dieses Programm in Mein Kampf mit Eifer
propagiert. Hitler hat auch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er
den US-Amerikanern Henry Ford, Madison Grant und Lothrop Stoddard
entscheidende Anregungen verdankt.
»Wenn Amerika grundsätzlich dem Niedergang der Nationen
entgehen will, muss es gute Amerikaner züchten. Eugenik muss unsere
religiösen und moralischen Werte durchdringen.« Eugenics
Record Office
»Die Gesetze der Natur verlangen die Auslöschung der
Ungeeigneten. Und menschliches Leben ist nur dann wertvoll, wenn es
für die Gemeinschaft oder die Rasse von Nutzen ist.« Madison
Grant »Entartung beeinträchtigt nicht bloß die Gesellschaft,
sie bedroht ihre Existenz als Ganze . Entartung kann nur durch die
Beseitigung der Entarteten ausgetilgt werden.« Lothrop
Stoddard
»So wie die Natur das schädliche Element im Fleisch in eine
Zyste einbindet, indem sie eine Mauer drumherum baut; so haben es
auch die Nationen passend gefunden, mit dem Juden zu verfahren. In
der modernen Zeit jedoch fand der Jude Mittel, um die Mauer
niederzureißen und das ganze nationale Gebäude in Verwirrung zu
stürzen und in der Dunkelheit und dem Gerangel, das folgte, den
Platz zu ergattern, den er schon so lange begehrte.« Henry
Ford
»Ein Teil der eugenischen Politik würde uns endlich zu einem
ausgiebigen Gebrauch der Tötungskammer führen. Eine große Anzahl
Menschen müsste aus dem Leben gebracht werden, ganz einfach, weil es
die Zeit von anderen Menschen vergeudet, sich um sie zu kümmern.«
George Bernard Shaw“
Annas und Heinrichs Leben sind aufbestimmte Weiseüber einunsichtbaresBand verbunden. Ganz anders als sie es lange selbst vermutet hätten. Die Spannung wird aufrechterhalten. Mit Anna und Heinrich zusammen wird den LeserInnen klar, ob es wirklich Zufälle waren, die die beiden an unterschiedlichen Orte diesseits und jenseits der Großen Teichs zusammenführten.
Der Roman ist spannend von der ersten bis zu letzten Zeile. Die Kapitel sind meist nicht allzu lang. Doch nach jedem will man wissen wie es weiter geht und es fällt einen äußerst schwer die Buchdeckel zuzuklappen und die Lektüre längere Zeit zu beenden.
Cyril Moog hat nicht nur eine spannende, brisante und einen als Leser wirklich bis zum Romanende aufwühlende Geschichte geschrieben, sondern Historie, – in ihrer Tragweite bis ins Heute nachwirkend-, gekonnt in die mitreißende Handlung eingebettet, vor unseren Augen aufscheinen lassen.
Eine unglaublich umfassende Arbeit hat Moog da vorgelegt. Für „Der neue Mensch“, der Auftakt zu einer Romanreihe, hat der Autor sieben Jahre recherchiert. Und er hat zu diesem Behufe unfassbar viele Quellen (sie alle sind nachvollziehbar auf mehreren Seite am Ende des Buches aufgeführt) studiert. Cyril Moog hatte die klug zu nennende Idee die Geschichte in einem Roman zu verpacken. Durchaus vorstellbar ist, diesen Roman eines Tages zu verfilmen.
Für uns LeserInnen hat sich das gelohnt. Entstanden ist sozusagen (auch) ein wahres (in keiner Weise trockenes) Geschichtsbuch mit einer gekonnt erzählten, uns mitfühlen und mitleiden lassenden Lebensgeschichte zweier junger Menschen darin, inmitten der damaligen Wirren. Der Mantel der Geschichte umflattert uns: Klatscht uns manchmal schmerzlich mit den Buchseiten, die wir begierig umblättern, um die Ohren. Wir müssen hinterher auch überlegen, ob Teile der Geschichtsschreibung nicht eigentlich überdacht und hier und da neu erforscht werden müssten. Und nach der Lektüre blicken wir hinaus ins Heute: und müssen uns eigentlich aufgeschreckt fragen: Geschieht nicht gegenwärtig schon wieder Ähnliches? Geschichte mag sich nicht wiederholen. Dennoch kann man man sich durchaus an Egon Bahr erinnert fühlen. Zu SchülerInnen sagte der Sozialdemokrat 2013: „Ich, ein alter Mann, sage euch, dass wir in einer Vorkriegszeit leben.“ (Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung)
Das Buch ist ein wahrer Brummer! Und es brummt dessen Story und die Geschichte in einem gewissenmaßen nach.
Wie Rechtsextremismus und
menschenfeindlicher Hetze am Besten zu begegnen sei und was
diesbezüglich von Claus Schenk von Stauffenberg zu lernen wäre,
darüber wurde in der Auslandsgesellschaft Dortmund gesprochen. Zu
Gast war der Enkel des Hitler-Attentäters Karl Schenk Graf von
Stauffenberg. Einig war man sich, dass sich der Einzelne mehr in die
Demokratie einbringen und die Stadtgesellschaft positive Zeichen
setzen muss.
In den letzten Jahren hat sich die politische Kultur nicht nur in
Deutschland, sondern auch in Europa sehr verändert. Durch die
Anonymität sozialer Medien ist menschenfeindliche Hetze alltäglich
und auf erschreckende Weise sozusagen salonfähig geworden. Der
rechtsterroristische Anschlag in Halle am 9. Oktober verdeutlicht,
welche Konsequenzen dieses veränderte Klima haben kann und
unterstreicht die Notwendigkeit von zivilem Widerstand in der
heutigen Zeit.
„Stauffenberg zu heißen ist kein Privileg, sondern eine
Verpflichtung“
Das war Thema bei einer Veranstaltung
von Multikulturelles Forum e.V. in der Auslandsgesellschaft in
Dortmund. Um Widerstand gestern und heute ging es dort bei einem
Vortrag von Karl Schenk Graf von Stauffenberg, dem Enkel von Claus
Schenk Graf von Stauffenberg, dessen Bombenattentat auf Adolf Hitler
am 20. Juli 1944 scheiterte. Dem Vortrag, welchem sich eine
Podiumsdiskussion anschloss, war der Titel „Stauffenberg zu heißen
ist kein Privileg, sondern eine Verpflichtung“ gegeben worden.
Karl Schenk von Stauffenberg
zeichnete ein Bild von seinem Großvater und der Zeit in der
aufwuchs und lebte
Dem Gast aus Franken war freilich klar,
dass ZuhörerInnen auch gekommen waren, um etwas über seinen
Großvater erfahren, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 75. Mal
jährte. Dabei ging es ihm, wie er sagte, auch darum mit einen oder
anderen Legende aufzuräumen bzw. Sachverhalte aus Sicht der Familie
darzustellen. Zu diesem Behufe zeichnete Karl Schenk von
Stauffenberg zunächst einmal ein Bild der Menschen, die mit dem
Attentat auf Hitler im Zusammenhang standen. In letzter Zeit sei
sozusagen eine „dunkle Wolke über die Offiziere des 20. Juli, die
Offiziere des Widerstandes“ heraufbeschworen worden. Es habe
geheißen, diese Offiziere hätten nicht aus Gewissensgründen
gehandelt, sondern deshalb, „weil Adolf Hitler ein schlechter
Feldherr gewesen und der Krieg augenscheinlich schon verloren sei“
und sie mit diesem Attentat „schlimmeres von deutschen Volk“
hätten abwenden wollen. Selbst wenn es wirklich so gewesen wäre, so
Von Stauffenberg, wäre das ja auch nachvollziehbar.
Karl Schenk Graf von Stauffenberg. Foto: Alexander Völkel.
Notwendig wäre, so der Gast, erst
einmal zu schauen, was diese Reichswehr- und später
Wehrmachtsoffiziere anfangs des 20. Jahrhunderts für Menschen
gewesen sind. In erster Linie seien sie eben Offiziere und mit
meisten anderen Menschen nicht zu vergleichen gewesen wären. Als
Berufssoldaten hatten sie apolitisch zu sein und deshalb während der
Weimarer Republik noch nicht mal über ein Wahlrecht verfügt. Dies
alles bedenkend, sei über seinen Großvater zu sagen: ein Demokrat
war er nicht. „Aber“, gab Stauffenberg zu bedenken, „nicht
jeder Nichtdemokrat ist gleichzeitig ein Nazi gewesen“. Ein Held
sei sei Großvater nicht gewesen.
Der Großvater wuchs am Hof des Königs
von Baden-Württemberg auf – wo der Urgroßvater Kammerherr gewesen
sei -, wo er zusammen mit den Königskindern im Königsschloss in
Stuttgart spielte.
Dann sei er unter dem Eindruck des
Ersten Weltkriegs mit 18 Jahren Soldat geworden. Der Großvater habe
erlebt, dass mit der Weimarer Republik der erste deutsche
Demokratieversuch gescheitert war. Dann kam 1933 und Hitler an die
Macht. Das erste, was Hitler tat, war den Versailler Vertrag von 1918
zu kündigen. Das sei bei den Deutschen auf große Zustimmung
gestoßen. Denn dieser Vertrag hatte dazu geführt, so Stauffenberg,
„dass Deutschland seiner Schätze beraubt wurde“. Das Ruhrgebiet
etwa war von den Franzosen besetzt und die hier abgebaute Kohle ging
nach Frankreich. Das Saarland war von Frankreich annektiert.
Claus Schenk von Stauffenberg habe die
Kündigung des Versailler Vertrags wohl begrüßt, sei aber dennoch
„kein Freund des Nationalsozialismus, so wie wir ihn heute kennen“,
sondern „ein königstreuer Mensch“, ein sehr gläubiger Christ
und musisch begabter Cellist gewesen, der eigentlich Architekt oder
Musiker hätte werden wollen.
Auch habe er sehr unter dem Eindruck
des damals sehr bekannten Dichters Stefan George gestanden.
Das müsse über seinen Großvater
gewusst werden, merkte Karl Schenk Graf von Stauffenberg an. Und im
jugendlichen Alter von 25 Jahren sei dieser gewiss noch kein Gegner
von Hitler von Anfang an gewesen.
Allerdings gebe es in Reaktion auf den
Überfall der Wehrmacht auf Polen „ein verbrieftes Zitat“ von
seinem Großvater: „Jetzt macht der Narr Krieg.“ Als Soldat war
er aber Befehlsempfänger und habe seine Arbeit machen müssen.
Stauffenberg fragt sich, warum es
wieder extreme Parteien in unsere Parlamente schaffen
Schließlich ging Stauffenberg auf den
derzeitigen gesellschaftlichen Zustand ein. Er fragte, wie wir
eigentlich dazu kämen, dass „nach der Geschichte, die wir haben
bzw. unsere Vorfahren hatten“ – heute weit an den politischen
Rändern wieder extreme Parteien in unsere Parlamente schaffen.
Er sprach von zwei „Unrechtsstaaten“,
die wir hinter uns hätten. Und meinte damit auch die DDR und
kritisierte, dass eine Ministerpräsidentin und ein Ministerpräsident
hierzulande diese nicht als „Unrechtsstaat“ sehen wollten.
Stauffenberg: Das Grundgesetz
garantiert uns Freiheit – die aber hat eine Kehrseite
Wir alle, bemerkte der Gast, hätten in
den vergangenen sieben Jahrzehnten kriegerische Auseinandersetzungen
auf deutschen Boden nicht mehr erlebt. Das Grundgesetz garantiere
uns Freiheit. Diese Freiheit habe aber auch eine Kehrseite: die
Verantwortung des Einzelnen. Die Freiheit nähmen wir als eine
Selbstverständlichkeit hin – sozusagen als „Naturgesetz“.
Karl Schenk Graf von Stauffenberg malte
ein (im Vergleich zu anderen Ländern auf der Welt) ein äußerst
positives Bild vom gegenwärtigen Deutschland. Und fragte sich, „wie
man so unzufrieden sein kann mit dem was wir hier erreicht haben,
dass man wiederum anfängt, Parteien zu wählen, die am liebsten um
Deutschland herum eine Mauer bauen möchten“. Wir müssten doch
alle etwas für unsere Gesellschaft tun. Doch diesbezüglich habe
gewissermaßen unsere Politik ein bisschen Schuld. Die Parteien
sagten: „Seid ihr mal frei und wir kümmern uns um den Rest“. Das
könne gar nicht funktionieren.
Menschen, die sich nicht bemühten
der Gesellschaft zurückzugeben, was diese ihnen als Hilfe gegeben
habe, sollten sanktioniert werden. Das findet Stauffenberg gerecht
Dann präsentierte Stauffenberg das –
wie er selbst zugab – „populistische Beispiel“ eines jungen
Menschen, der „lieber vor seine Spielkonsole sitzt als in die
Schule zu gehen“. Letztlich lande der ohne Schulabschluss und
Lehrstelle in Hartz IV. Dort habe er sich gut eingerichtet. Dann käme
irgendwann die Gesellschaft und die sage ihm, er habe die letzten
Jahre auf Kosten der Gesellschaft gelebt und nun verlange man von
ihm, dass er dieses Geld in Form von eigener Leistung zurückzugeben.
Man sei nicht unsozial und gebe ihm einige Umschulungsmaßnahmen und
später Vorstellungsgespräche. Der junge Mann habe aber letztlich
keine Lust. Dann käme die Gesellschaft, in den Fall die Agentur für
Arbeit, daher und kürze diesem jungen Mann sein Hartz IV-Satz.
Stauffenberg: „Ist das gerecht? Ist das menschenunwürdig, wie
bestimmte Politiker sagen? Ich behaupte, es ist gerecht.“
Er sei sehr wohl dafür Menschen im
sozialen Netz aufzufangen. Aber es könne nicht zugelassen werden,
Menschen zu finanzieren, die nichts für ihren Lebensunterhalt tun
wollen, obwohl sie dies könnten. Das findet Stauffenberg „zutiefst
ungerecht“.
„Der Staat sind wir alle“
Ebenso wenig könne er verstehen, dass
Leute nicht mehr wählen gingen.
Wir müssten doch verstehen, dass wir
selber für unser Land Verantwortung trügen!
Warum, skandalisierte der Gast, gingen
nicht zehntausende Menschen für unseren Rechtsstaat auf die Straße?
Stattdessen müsse man Pegida erleben, die gegen Ausländer
demonstrierten.
Wann gehe denn „die große Mitte“ –
die Menschen, die mit dem Leben hier sehr zufrieden sind auf die
Straße und sagten: „Wir lassen uns die öffentliche Wahrnehmung
nicht von Extremisten wegnehmen!“
Überall in der Gesellschaft müssten
wir extremistischen Meinungen vehement entgegentreten, forderte Von
Stauffenberg. Wir müssten uns klarmachen und hätten ein
Verantwortung zu übernehmen: „Der Staat sind wir alle!“
Mit Platon war Stauffenberg auch einer
Meinung: „Wenn die Guten nicht kämpfen, gewinnen die Schlechten.“
Stauffenberg kann Forderungen nach
Verstaatlichung und Enteignung nicht verstehen und erntete
Widerspruch
Stauffenberg prangerte Menschen an, die
grundgesetzwidrig laut darüber nachdenken dürften, ob man
Unternehmen wie BMW verstaatlichen und kollektivieren sollte.
Auch gebe es „Leute vom linken Rand“,
die laut darüber nachdächten, Wohnungsbaugesellschaften in Berlin
zu enteignen. Stauffenberg habe da den „großen kollektiven
Aufschrei unserer Gesellschaft“ vermisst: „Wir glauben es ist
ungerecht, wenn Mieten in Berlin höher werden.“
Ein Herr aus dem Publikum fand diese
Sicht „sehr vereinfacht und oberflächlich“ und, dass
Stauffenberg die Auswirkungen des „Neoliberalismus völlig außer
Acht gelassen“ habe. Überdies sei in Deutschland „die Schere
zwischen arm und reich extrem auseinandergegangen“. Und auf das
Beispiel mit dem Jungen mit der Spielkonsole anspielend, sagte der
Herr: „Wir haben inzwischen sechzig Prozent prekär verdienende
Menschen“. Auch habe der Staat Kontrolle und Grenzen aufgegeben,
wie sie früher gegenüber Auswüchsen des Kapitalismus hätten
Wirkung entfalten können.
Das sei schwierig geworden, so
Stauffenberg, verwies auf die Globalisierung und meinte, das stünde
auf einem anderen Blatt Papier.
Ob der Stauffenbergschen
Einschätzung der Thüringen-Wahl bekam eine Dame Bauchschmerzen
Zur Thüringen-Wahl meinte
Stauffenberg, „beide Ränder zusammennehmend“ hätten über
fünfzig Prozent der WählerInnen dort Parteien gewählt, die in
ihren Parteien Funktionsträger duldeten, die das System Deutschland
verändern wollten, die „Nichtdemokraten, Nazis oder Kommunisten in
ihren eigenen Reihen dulden“.
Eine Dame aus dem Publikum bekannte
gegenüber dieser Aussage Bauchschmerzen bekommen zu haben. In
Wirklichkeit habe man Bodo Ramelow in Thüringen ganz viel zu
verdanken. Die AfD hätte ohne seine Person womöglich 30 oder sogar
mehr Prozent bekommen. „Die Partei DIE LINKE aber mit der AfD in
irgendeiner Weise in Zusammenhang zu bringen, dass ist nicht
richtig“, wendete die Dame ein. Gerade in Richtung Chancengleicheit
und Bildung habe sich die Partei in Thüringen stark gemacht.
Stauffenberg ruderte darauf leicht
zurück: Er habe die Linke mit der AfD nicht in einen Topf schmeißen
wollen. Aber eine Partei sei für ihn nicht wählbar, in ihren Reihen
Funktionäre oder Mandatsträger habe dulde, die das System unserer
Demokratie hier ablehnten. Einen Beweis dafür blieb Stauffenberg
allerdings schuldig.
Podiumsdiskussion mit Micha Neumann
(Projekt Quartiersdemokraten) und Alexander Völkel
(Nordstadtblogger) zusammen mit dem Gast
Im der sich anschließenden
Podiumsdiskussion wurde gemeinsam mit Micha Neumann (Projekt
„Quartiersdemokraten“) und Alexander Völkel (Leitender Redakteur
der Nordtstadtblogger) über aktuelle Formen des Widerstandes unter
besonderer Berücksichtigung der Aktivitäten in Dortmund gegen
Rassismus und Antisemitismus diskutiert.
Von Links: Micha Neumann, Moderatorin, Karl Schenk Graf von Stauffenberg und Alexander Völkel.
Alexander Völkel stellte bezüglich
der von Karl Schenk von Stauffenberg Empörung über Forderungen nach
der Enteignung von Wohnungsgesellschaften in Berlin zunächst einmal
klar: Dass dort „massenhaft soziale und kommunale Wohnungen
privatisiert und den Hedge-Fonds überlassen werden und Menschen aus
ihren Quartieren verdrängt werden“. Und ihr Lebensunterhalt nicht
mehr bestreiten können. Das gehöre auch zur Wirklichkeit. Aus
Völkels Sicht sind das Auswirkungen einer verfehlten Politik „Privat
vor Staat“, die sehr viele Probleme verursacht und wenig gelöst
habe.
Auf die Entgegnung von Stauffenberg,
einem privatwirtschaftlichen Unternehmen könne man schwer vorwerfen,
wenn sie günstig Wohnungen kaufen darf, sie dann auch zu kaufen,
„warf
Völkel ein: „Die sind für’n Appel
und Ei verramscht worden.“
Dann schwenkte die Runde auf das
eigentliche Thema Widerstand ein. Karl Schenk von Stauffenberg sah es
als unsere Aufgabe an, eingedenk der Tat seines Großvaters,
Verantwortung zu übernehmen. Und zwar da, wo sie zwingend geboten
ist, wie im Dritten Reich. Ein Despot, der der ganzen Welt Schaden
zufügt müsse bekämpft werden. Seinen Großvater beschrieb er als
ambivalente Person – wie wir alle welche seien -, die keine
jungfräuliche Person gewesen, die ohne Sünde war.
Micha Neuman zur Erinnerungsarbeit
in Dorstfeld
Was hinsichtlich dem bevorstehenden
Gedenken angemessene Erinnerungsarbeit Dorstfeld zu leisten sei,
darüber stand Micha Neumann vom Projekt Quartiersdemokraten Rede und
Antwort. Am Freitag steht ja die Erinnerung an die Pogromnacht an. Am
Mahnmal der ehemaligen Synagoge in Dorstfeld, wo sich einst ein
Zentrum des Judentums befunden habe, werde am Freitag abermals eine
Gedenkveranstaltung abgehalten. Neumann erinnerte daran, dass diese
in den letzten Jahren von den im Stadtbezirk wohnenden Neonazis
massiv angegriffen worden war. Es komme neben dem auf die
Vergangenheit bezogenem Gedenken auch darauf an, eine Brücke zur
Gegenwart zu schlagen und den Antisemitismus und Rassismus von heute
zu thematisieren. In Schulklassen werde in diesem Sinne eine
hervorragende Arbeit geleistet.
Die Stadtgesellschaft muss „positive
Zeichen“ setzen, meint Alexander Völkel
Alexander Völkel meinte, es sei sehr
wichtig zu hinterfragen, was all das heute mit uns zu tun habe.
Dortmund habe ja eine sehr bunte Stadtgesellschaft. Auf die Nordstadt
bezogen müsse gesagt werden, dass die erwähnte Geschichte im
Zweifelsfall für sechzig bis siebzig Prozent der Bevölkerung im
Stadtbezirk nicht die ihre ist, dennoch aber etwas mit ihnen zu tun
habe. Bestimmte Ausgrenzungs- und Verfolgungsmechanismen seien
nämlich dieselben – damals wie heute. Als Problem benannte Völkel
Ritualisierungen und als Beispiel das städtische Gedenken am
Volkstrauertag. In den letzten Jahren träten dort auch um die
sechzig Neonazis in Erscheinung, die nach dem offiziellen Teil dort
ihr „Heldengedenken“ abhielten. Auch der erste Mai werde von
Neonazis mit dem Spruch „Arbeitsfrei seit 1933“
instrumentalisiert und somit missbraucht.
Da müsse die Stadtgesellschaft
„positive Zeichen“ setzen. In dem Sinne, so Völkel, könnten
auch positive Beispiele in Dortmund genannt werden, wie das
mittlerweile gut etablierte Gedenken in der Mahn- und Gedenkstätte
Steinwache und im Rombergpark das Karfreitagsgedenken für die in den
letzten Kriegstagen von den Nazis ermordeten Kriegsgefangenen und
politisch anders denkenden Menschen. Es existiere also eine gute
Gedenkkultur in Dortmund, bei der junge Menschen als „Botschafter
der Erinnerung“ eine hervorragende Rolle spielten. So werde der
Wert der Demokratie deutlich gemacht.
Karl Schenk Graf von Stauffenberg
ist vom Dortmunder Engagement gegen Rechts begeistert
Karl Schenk Graf von Stauffenberg
engagiert sich im Verein „Mittendrin statt EXTREM daneben“, die
eine eine Gemeinschaft von Menschen sein will, die mit demokratischen
Mitteln gegen jegliche Form des Extremismus und Radikalität kämpfen.
Von dem Engagement gegen Rechts in
Dortmund zeigte er sich begeistert. Dortmund sei wohl „so eine Art
ideelle Insel im deutschen Großstadtdschungel, was er sehr
bewundernswert finde. Das fände sich etwa in München in dieser Form
nicht. Das sei etwas, dass er auch gerne mitnehme als Anregung von
Dortmund.
Micha Neumann erklärte, dass habe ja
auch mit einer sehr vitalen Neonaziszene hier in Dortmund zu tun, die
in anderen westdeutschen Städten so nicht existiere. Aber ja,
Dortmund habe mittlerweile ein Vorreiterrolle. Zeit etwa zehn Jahren
werde im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus in Dortmund auch
einiges an Geld investiert. Hier sei auch die erste Beratungsstelle
für Opfer von rassistischer Gewalt eingerichtet worden. Auch gebe es
andere Träger, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren. Neumann
erinnerte daran, dass in Dortmund in der Vergangenheit bereits fünf
Menschen – drei davon waren Polizisten – von Neonazis ermordet
wurden. Micha Neumann zeigte sich empört darüber, dass in
Deutschland Gelder für wichtige Präventionsarbeit befristet oder
gar gestrichen werden.
Alexander Völkel: Rechtsextremismus
und Linksextremismus nicht reflexartig gleichsetzen: „Wir haben
seit 1990 zweihundert politische Morde von Rechts!“
Alexander Völkel erwähnte die Aussage
eines CDU/CSU-Innenexperte im Bundestag, der nach dem als Mord mit
rechtsextremen Hintergrund am CDU-Politiker Lübcke davon gesagt
habe: Wenn sich der rechtsextremen Hintergrund bestätige, dann wäre
das der erste politisch motivierte Mord seit 1945. Völkel habe da
gedacht: „Guter Mann, wo hast du denn gelebt in den letzten
Jahren?“
Stauffenberg sprach diesbezüglich von
einem „politischen Wachkoma der Union“. Völkel weiter: „Wir
haben seit 1990 zweihundert politisch motivierte Morde von Rechts!“
Auf der linken Seite sei seit der RAF „nicht wirklich was präsent“.
Der Journalist wollte nicht falsch
verstanden werden: Gewalt sei für ihn überhaupt keine Lösung und
abzulehnen. „Nur das Reflexartige, wenn wir etwas gegen Rechts
machen, müssen wir auch etwas gegen Linksextremismus machen“,
kritisiere er. Völkel merkte an: „Auf der einen Seite brennen
Autos, auf der anderen Seite brennen Menschen!“
Das Thema Anfeindungen habe man ganz
massiv auch im Journalismus. Es kämen Todesdrohungen, man erhalten
Briefumschläge mit Pulver und Schweineschnauzen und Kollegen hatten
rote Winkel in der Post.
Wegbereiter eines solchen Tuns seien
auch bestimmte AfD-Politiker mittels verbaler Ausfälle.
Was also kann man von Claus Schenk
von Stauffenberg lernen und in Dortmund besser machen?
Alexander Völkel meinte dazu in der
Schlussrunde, man müsse sich gegenüber bestimmten Strukturen nicht
gefangen geben. Gesellschaftspolitisch gebe es viele Möglichkeiten
sich demokratisch einzubringen. Er habe allmählich die Sorge, dass
der Kabarettist Volker Pispers recht habe, der einmal gesagt habe, es
sei offenbar das Problem in dieser Demokratie, dass man nicht in der
Lage ist, eine Politik zu machen, von der achtzig Prozent der
Menschen etwas haben. Völkel fürchtet, im Moment gehe durch
entsprechenden Lobbyismus und die immer stärker werdende
Ungleichheit gerade in Deutschland die Reise wohl leider eher in die
andere Richtung. Doch, wenn mehr Menschen bereit seien, das nicht
mehr zu akzeptieren und sich entsprechend artikulieren, könne man
vielleicht doch wieder ein lebenswerteres Deutschland gestalten.
Karl Schenk Graf von Stauffenbergs
Fazit an diesem Abend: Gegenüber dem Eindruck, den er über die
letzten fünf Jahre gewonnen hatte, habe ihn Dortmund eines Besseren
belehrt, weil die öffentliche Anstrengung dem Rechtsextremismus zu
begegnen hier wirklich greifbar sei.
Schon mal etwas vom „Herzland“
gehört, liebe LeserInnen? Oder von der „Heartland-Theorie“? Ich
hatte lange Zeit auch keinerlei Kenntnis darüber.
Bis ich vor einiger Zeit darüber
„stolperte“. Und es in meinem Hirn sozusagen heftig zu rattern
begann. „Wer das Herzland beherrscht, beherrscht die Welt“,
lautet die Kernaussage der Heartland-Theorie. Diese wurde
vorgestellt vor über 100 Jahren – genauer am 25. Januar 1904 –
von dem angesehenen Wissenschaftler und Parlamentsabgeordneten
Halford
John Mackinder (1861-1947) vor den Mitgliedern der
Königlich-Geographischen Gesellschaft und dann veröffentlicht.
Angesichts der von der
Heartland-Theorie ausgehenden Brisanz muss man sich wundern, dass
heutzutage kaum jemand von ihr Kenntnis zu haben scheint. Kürzlich
hatte ich zum heruntergewirtschafteten Verhältnis
Deutschland-Russland einen harten Disput mit einem Geschichtslehrer.
Dieser bekannte von der Heartland-Theorie offenbar keinen blassen
Schimmer zu haben. Er schaute mich nur skeptisch an und dachte
wahrscheinlich: Verschwörungstheorie.
Ein Text, der förmlich danach
schrie, der Vergessenheit entrissen zu werden
Weit gefehlt, wer nun meint: Was soll
uns denn heute ein Text, welcher vor über hundert Jahren ans Licht
der Öffentlichkeit trat? Er gehörte vielmehr schleunigst der
Vergessenheit entrissen – er schrie förmlich danach!
Das Herzland
Wer sich nämlich vor Augen führt, was
das „Herzland“ ist, dem beginnt es ziemlich schnell zu dämmern:
„Das Heartland
(Pivot Area) liegt im Zentrum
der Weltinsel und erstreckt sich von der Wolga bis zum Jangtsekiang
und vom Himalaya zur Arktik. Mackinders Heartland war das Gebiet, das
vom Russischen Reich regiert wurde, danach von der Sowjetunion,
abzüglich der Halbinsel Kamtschatka.“ (Quelle: Wikipedia)
„Wer das Herzland beherrscht,
beherrscht die Welt.“
Nochmals zur Erinnerung: „Wer das
Herzland beherrscht, beherrscht die Welt.“ Um zum Kern dieser
Aussage vorzudringen, müssen wir uns nur vorstellen, was sich allein
in diesem geografisch umrissenen Gebiet für eine Menge von
Bodenschätzen befinden. Hinzu gedacht die immense strategische
Bedeutung für diejenige Macht, welche das Gebiet beherrscht!
Nun müssen wir nur noch die derzeitige
politische Lage und die aktuellen weltpolitischen Ereignisse ins
Kalkül ziehen und uns wird manches wie Schuppen von den Augen fallen
und Alarmglocken in den Ohren klingeln.
Und diejenigen unter uns, welche – wie
man im Ruhrpott zu sagen pflegt – auf Scheibe sind (heißt: das
jemand klug, schlau, eben intelligent, gut informiert ist), den
dürfte auch die Aussage des US-amerikanischen Geostrategen,
Politologen, Publizisten und Sicherheitsexperten George Friedman
(„Der entarnte Chef der Schatten-CIA“; Handelsblatt) und Gründer
des privaten „Beratungs“instituts Stratfor in den Sinn kommen.
USA torpedieren seit über 100
Jahren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland
Friedman hielt
am 4. Februar 2015 einen einstündigen Vortrag
(Video mit deutscher Übersetzung via You Tube) vor dem Chicago
Council on Global Affairs und plauderte unverblümt aus dem
Nähkästchen.
„Friedmans
Erzählung erhellt (wenigstens) zwei Dinge. Erstens: Unsere
europäischen
Führer
sind wie Wachs in den Händen der Amerikaner und zweitens: Die
offiziösen Narrative, also die Interpretationen unserer Politiker
und Historiker zu den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, werden durch
derlei Einlassungen zu wertlosem Schmonzes
degradiert“, schrieb Andreas van de Kamp am 22. März 2015 auf
Staatsstreich.at.
Van
de Kamp weiter: „Die große Stärke von Friedmans Vortrag besteht
aber darin, dass
er diesem wie selbstverständlich die Heartland-Theorie
Halford John Mackinders bzw. deren zeitgenössische Adaptierung
zugrundelegt.
Das zeigt, dass
diese alles andere als die Wahnvorstellung von
Verschwörungstheoretikern
ist. Es führt vor Augen, dass Mackinder quietschlebendig
ist und das konkrete Agieren des Welthegemons inspiriert.“ (Fettung
und Kursivschreibung im Original; C.S.)
Van
de Kamp zitiert die Kernaussage von George Friedman:
“Während
des vergangenen Jahrhunderts, im Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie
im Kalten Krieg lag das ursprüngliche US-Interesse in den
Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Das ist so, weil diese
die einzige Kraft sind, die uns gefährlich werden kann. Unser
Interesse bestand darin sicherzustellen, dass das nicht stattfindet.”
Warum
wohl: Weil Deutschland das Knowhow und Russland die Bodenschätze
hat. Deshalb torpedieren die USA seit über hundert Jahren die
Beziehungen zwischen beiden Staaten. Dämmert es weiter?
Mackinders
historischer Text ist seiner Bedeutung nach hochgradig aktuell
Demnach müssen wir – sozusagen hallowach geworden – konstatieren: Mackinders historischer Text ist in seiner Bedeutung nach wie or hochgradig aktuell. Weshalb es dem Westend Verlag hoch anzurechnen ist, dass dieser nun den vor nunmehr 115 Jahren verfassten Text „The Geographical Pivot of History“ vor der Geographical Society in London referierten und im April 1904 erstmals in „The Geographical Jounal“ (London) veröffentlichten Beitrag seinen LeserInnen als Nachdruck wieder verfügbar macht.
Schließlich,
liebe LeserInnen, Sie werden das gewiss schnell bemerken, erhellt
einen der Mackinder-Text ad hoc Zusammenhänge, dass man nur man mit
den Ohren schlackert!
Die
unheimliche und alarmierende Brisanz, gegenwärtige weltpolitische
Begebenheiten betreffend wird durch ihn überdeutlich.
Ein
kluger und kenntnisreicher aktueller Lagebericht von Willy Wimmer ist
Mackinders Text vorangestellt
Erst recht durch einen dem Mackinderschen Text im vorliegenden Buch vorangestellten Lagebericht wird deutlich, dass Mackinders Beitrag keinesfalls der Vergessenheit anheim fallen sollte. „Eine Art Einführung“ betitelt, hat den Lagebericht Willy Wimmer, dem langjährigen Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, verfasst. Einem nach wie vor wach und stetig die Weltpolitik im Auge behaltendem Zeitgenossen, der für den Westend Verlag einen äußerst detail- und kenntnisreichen Lagebericht, der fesselt und aufrüttelt, verfasst hat, welcher die aktuelle Bedeutung der Heartland-Theorie brillant veranschaulicht.
„Lange
genug“ schreibt Wimmer (S.9), liege der Text Mackinders zurück,
„um in Vergessenheit zu geraten“. Und fragt: „Warum ist das
bei seiner Theorie zum ‚Herzland` so ganz anders? Liegt es am Autor?
Hängt es von dem für die englische Weltmacht so spektakulären Ort
in der Königlich
Geografischen Gesellschaft ab?
Oder rührt die ungewöhnliche und geradezu dramatische Bedeutung
dieses epochalen Textes von dem Umstand her, dass in der
angelsächsischen Welt revolutionäre Prozesse gerade jetzt ablaufen.
Es konnte keinen besseren Zeitpunkt für eine moderne
Auseinandersetzung mit den Gedanken des langjährigen Präsidenten
dieser berühmten britischen Institution geben: England ist ein
Imperium mehr, die USA sind es, scheinen aber zu schwanken, nachdem
sie Mackinders Staffelstab übernommen hatten, und es stellt sich die
Frage, ob die aktuelle amerikanische Schwäche von britischer Seit in
Gang gesetzt oder nur genutzt wird?“
Des
Weiteren macht sich Willy Wimmer Gedanken darüber (S.11), ob „die
Bedeutung von Mackinder schlichtweg durch den Umstand bestimmt“
(sei), „dass seine Theorie zu der Bedeutung des ‚globalen
Herzlandes‘ bis heute Lehrstoff für die Offiziersausbildung der
Streitkräfte der Vereinigten Staaten ist?“
Der
Zustand der USA heute (S.28), stellt Wimmer fest, werde „durch
wenig so gut beleuchtet, wie durch eine Betrachtung der Gedanken zum
Herzland,
wie
sie Mackinder vor mehr als einhundert Jahren im ‚Hotspot‘ des
britischen Imperialismus formuliert“ habe. Es gehe nicht „um
Frieden im Sinne von Alexander I. Und Metternich, sondern um
angelsächsische Interessen in dem Gebiet, das sich zwischen der
philippinischen Hauptinsel Luzon und den britischen Inseln geradezu
quer über den euro-asiatischen Kontinent und Afrika erstreckt.“
Willy
Wimmer erinnert an eine Landkarte, die Deng Xiao Ping aus China und
George Bush, John Mayor als britischer Premier und anderen nach dem
Ende des Kalten Krieges unterzeichneten. Wimmer: „Die Landkarte
füllt eine ganze Wand aus, aber alle hatten unterschrieben, was sich
zwischen der Insel Luzon über Shanghai und Moskau bis Duisburg und
London in Zukunft ergeben sollte: Ein Band der infrastrukturellen und
ökonomischen Zusammenarbeit sollte sich über den halben Globus
erstrecken und neue Möglichkeiten deutlich machen.“
Man
denke also nur an das Vorhaben One Belt, One Road. Ein großartiges
Vorhaben, das vielen Anrainern Nutzen bringen kann und den Meeresweg
unnötig macht. Das ist natürlich den üblichen Verdächtigen ein
Dorn im Augenwerden.
Willy
Wimmer ist mindestens seit seinen negativen Erfahrungen (dazu auf
Telepolis)
„als deutscher Verteidigungsminister in der letzten großen
NATO-Übung 1989 und damit in der Endzeit des Kalten Krieges (S.35)“
bewusst, was auf dem Spiele steht. Sie hatte ihm „vor Augen
geführt, dass es dann in Europa nichts mehr zu betrauern geben
wird“.
Wimmer
meint: „Die Frage seit dem Wiener
Kongress lautet
unverändert: Ist eine Zusammenarbeit in und für Europa möglich
oder wird der nächste Konflikt im ehemals britischen oder heutigen
amerikanischen Interesse dazu führen, die Schrecken des zweiten
Weltkriegs noch zu überbieten?“
Willy
Wimmers Text schließt: „Mackinders ‚Herzland‘ wird zur ultimativen
Todeszone. Die Frage für uns lautet: Zar Alexander I. und Metternich
oder London und Washington – damals bis heute.“
Ab Seite 37 geht es dann los: „Der geographische Drehpunkt der Geschichte – Die Heartland-Theorie“. Was bleibt mir weiter hinzufügen? Eine herzliche Empfehlung: Lesen, Nachdenken, mehr wissen – und damit auf Scheibe sein, um die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen!
Die US-Amerikanerin Carol Strauss hat
der Stadt Dortmund ein Gemälde geschenkt. Es
handelt sich bei der Schenkung um ein Öl-Gemälde des Berliner
Malers Alexander
Dettmar aus der Ausstellungsreihe „Painting to remember –
Zerstörung deutscher Synagogen“, der die Dortmunder Synagoge in
seinem Werk künstlerisch rekonstruiert hat. Das Gemälde soll auf
Wunsch von Frau Strauss dauerhaft seinen Platz in Dortmund finden.
Zunächst wird das Bild im Dortmunder Opernhaus ausgestellt, das am
Platz der Alten Synagoge steht und so an das 1938 in der Nazizeit
zerstörte jüdische Gotteshaus erinnern. Im Foyer der Oper gab es es
anlässlich der Überreichung des Gemäldes durch Carol Strauss im
Beisein des Malers Alexander Dettmar ein Empfang.
Von links: Alexander Dettmar, Prof. Dr. Dr. Ursula Gather, Carol Strauss und OB Ullrich Sierau. Foto: Roland Gorecki
Theaterdirektor
Tobias Ehinger: Vom Bewusstsein darüber, welche „Lücke in der
Mitte von Dortmund klafft“ wo einst die Synagoge stand
Herzlich
begrüßt wurden die geladenen Gäste, zuvörderst Carol
Strauss, die mit ihrem Cousin, Rabbiner Mr. Fox und dessen
Ehefrau angereist war, vom Geschäftsführenden Direktor des Theater
Dortmund, Tobias Ehinger.
Ehinger
brachte zum Ausdruck, wie sehr nicht nur ihm täglich bewusst sei,
welche „Lücke in der Mitte von Dortmund klafft“, wo einst die
alte Synagoge stand. Die Theatermitarbeiter behielten das in ihrem
künstlerischen und kulturellen Handeln stets im Hinterkopf. Wenn er
an diese Lücke denke, werde ihm immer wieder aufs Neue klar, so
Ehinger, welche Lücken auch in die jüdischen Familien in Dortmund
durch Mord und Vertreibung geschlagen worden seien. Dasselbe gelte
für das kulturelle Leben in Deutschland.
Von links: Carol Straus, Rabbiner Mr. Fox mit Ehefrau und Alexander Dettmar. Foto: C. Stille
Hintergrund
der Schenkung
Carol
Strauss (geb. 1944 in New York City) ist die Nachfahrin des jüdischen
Dortmunder Juristen Alfred Kahn und Lotte Landau, die 1938 aus
Deutschland fliehen mussten. Carol Strauss hat eine enge
Verbundenheit zu Dortmund aufgebaut, die aufgrund der geschichtlichen
Ereignisse nicht selbstverständlich ist.
Carol
Strauss war zwanzig Jahre Direktorin des Leo Baeck Institutes in New
York City, ein wissenschaftliches Archiv, das die Geschichte und
Kultur deutschsprachiger Juden dokumentiert.
Strauss
hatte die Idee zu der Schenkung. In ihrem Auftrag hat Prof. Dr. Dr.
h.c. Ursula Gather, Rektorin der Technischen Universität Dortmund,
den Kontakt zur Stadt Dortmund hergestellt. Wie sie in ihrer
Ansprache auf dem Empfang am vergangenen Mittwoch im Foyer des
Opernhauses verriet, indem sie Oberbürgermeister Ullrich Sierau auf
einer Mobilnummer anrief, die er ihr eigentlich für Notfälle
gegeben hatte. Sierau sei sofort unmittelbar begeistert von der
„großartigen Idee“ gewesen und habe gesagt, „Ja, das tut
Dortmund gut.“, so Gather.
Prof.
Ursula Gather lobte Carol Strauss für ihre Arbeit
Ursula
Gather erwähnte lobend, dass Carol Strauss mit ihrer Arbeit stets
dafür gesorgt habe, dass sie nicht allein den faschistischen
Gräueltaten in der Erinnerung Raum gebe, sondern auch den Blick
geweitet und gerichtet habe auf die lange und unendlich vielseitige
Tradition des deutschsprachigen Judentums. Und so auch das friedvolle
Zusammenleben nicht in Vergessenheit gerate. Das „kostbare
Geschenk“ an die Stadt Dortmund stehe „repräsentativ eben für
dieses Wirken, etwas zurück zu schenken, wo wir doch gar nichts
verdient haben“.
Das
Bild der Synagoge wird dessen Betrachter ein Impuls geben, sich mit
deren Geschichte zu befassen, meint Oberbürgermeister Ullrich Sierau
In einer bewegenden Rede vor den versammelten Gästen – darunter u.a. Rabbiner Baruch Babaev – sprach der Dortmunder Oberbürgermeister noch unter dem Eindruck eines ziemlichen Schreckens (Sierau hatte den Treppensturz von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier beim Digitalgipfel erleben müssen) stehend. Es sei, so Ullrich Sierau, „in der Tat auch eine kleine Metapher, dass das Schreckliche auch Menschen zusammenbringe“. So sei es auch „heute wieder“.
Das Ölgemälde der Dortmunder Synagoge, gemalt vor Alexander Dettmar. Foto: C. Stille
Ullrich
Sierau verlieh seiner Freunde darüber Ausdruck, dass mit dem Bild
die Synagoge wieder ein Platz ganz nah an ihrem einstigen Standort
erhalte, der heute ein Ort sei, „der in multidimensionaler Weise
deutsche Geschichte widerspiegelt“. Besser wäre es, die Synagoge
wäre noch da und man könne sie besuchen und sinnlich erleben,
sinnierte Sierau. Die Synagoge sei eines „der beeindruckendsten
Gebäude Dortmunds“ gewesen. Aber immerhin könne man nun dank des
Gemäldes die Synagoge nicht nur wieder sehen, sondern sich auch mit
ihr auseinandersetzen. Sierau:“Bei vielen Veranstaltungen werden
viele Menschen das Bild sehen und als Impuls erleben, sich selber mit
der Geschichte des Standortes zu befassen.“
OB
Sierau: Die jüdische Gemeinde hat einen festen Platz in der
Stadtgesellschaft
Dieser
Standort sei der Stadt Dortmund nicht nur ein historischer, sondern
auch sehr wichtiger Ort. Sierau erinnerte daran, dass anlässlich des
Evangelischen Kirchentages auf dem Platz der Alten Synagoge eine
Aktion stattgefunden habe, die an die Menschen erinnerte, die im
Mittelmeer auf der Flucht ertrunken sind. „Auch das war mit Bedacht
gewählt“, unterstrich der OB.
Der Dortmunder OB Ullrich Sierau. Foto: C. Stille
Ullrich
Sierau zeigte sich darüber froh, dass Dortmund heute wieder eine
große jüdische Gemeinde beherberge, die einen festen Platz in der
Stadtgesellschaft habe. Er versicherte: „Dafür werden wir immer
eintreten und kämpfen“. Dazu zählte Sierau auch den
entschlossenen Kampf gegen die Neonazis in Dortmund. Sehr froh sei
er, dass „der zivilgesellschaftliche Widerstand dazu geführt habe,
dass die Neonazis ihre unsäglichen Aufmärsche jetzt erst mal
eingestellt haben“.
Kein
Platz für extremistisches Gedankengut und schreckliche Taten in
Dortmund
In
Dortmund dürfe es keinen Platz für extremistisches Gedankengut und
schreckliche Taten geben. Sierau erinnerte daran, dass erst vor
Kurzem drei Brandsätze vor einer Dortmunder Moschee gezündet worden
sind: „Auch das ist für eine Stadt, die sich dem interreligiösen
Dialog und der interreligiösen Gemeinsamkeit verpflichtet fühlt,
nicht hinnehmbar.“
Dank
für die Schenkung an Carol Strauss und das künstlerische Engagement
von Alexander Dettmar für dessen Reihe „Painting to remember –
Zerstörung deutscher Synagogen“
Ullrich
Sierau dankte Carol Strauss herzlich für die Schenkung und dem
Künstler Alexander Dettmar für sein künstlerisches Engagement im
Rahmen von dessen Ausstellungsreihe „Painting to remember –
Zerstörung deutscher Synagogen“.
Von links: Carol Strauss und OB Ullrich Sierau. Foto: C. Stille
Die
steigende Anzahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland besorgt
Carol Strauss
Carol
Strauss berichtete von einer Mail, die ihr eine gute Freundin nach
dem furchtbaren rechtsterroristischen Anschlag von Halle vom 9.
Oktober 2019, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, dem zwei
Menschen zum Opfer gefallen waren, geschickt hatte. Die Freundin
schrieb: „Wo sind wir nur hingekommen nach all den Jahren der
Offenheit und dem Wiederaufbau von Beziehungen zwischen Juden und
Nichtjuden in Deutschland?“
Dass
sich in Deutschland, in Halle, so ein schrecklicher Vorfall ereignet
hat und sich die Anzahl von antisemitischen Anschlägen erhöht hat,
sei für sie sehr traurig: „Ich habe mein Leben lang gehört, dass
Deutschland ein gutes, schönes Land ist, dass die Literatur und
Geschichte Deutschlands enorm bedeutet ist, das die Sprache etwas
Besonderes ist.“ Das erste Buch, das der Vater ihr vorgelesen habe,
sei „Nathan der Weise“ gewesen. „Die Jahre 1933 bis 1945“,
habe man ihr gesagt, „sind nicht die Geschichte Deutschlands“.
Oft habe sie in New York dafür gestritten, dass Deutschland nun ein
Land sei, wo Juden sich sicher fühlen können.
Carol
Strauss geht es auch darum, dass Juden nicht ihre Identität
verlieren
Die
frühere Synagoge in Dortmund, die Synagoge ihrer Eltern und
Großeltern, „stand für etwas“, sagte Strauss, das „heute kaum
noch existiert: echtes, tiefes Bekenntnis zu glauben, dass der Mensch
sich bessern kann, das tägliches Benehmen eine tiefere Bedeutung hat
und dass alle in den Augen Gottes gleich sind.“
Dieser
Glaube sei offenbar „heute altmodisch“, merkte Carol Strauss,
bezugnehmend auf ihre Erfahrungen in den USA, an. Viel moderner sei
heute offenbar der politische Glaube. Juden und Christen stritten
sich in ganz anderem Kontext: Emigration, Rechte, Unrecht. Strauss
fehlt die Verbindung „zu unseren Texten mit den Philosophien, die
unsere jüdische Zivilisation ganz einzigartig mache“. Es gehe
darum, die Identität nicht zu verlieren. „Die Predigten, die meine
Eltern hier in der Synagoge gehört haben, sind ein Grundstein meiner
Erziehung“, erinnerte sich Carol Strauss.
Für
ihre Arbeit der Verständigung hat Carol Strauss 2005 das
Bundesverdienstkreuz und 2015 das Große Bundesverdienstkreuz der
Bundesrepublik erhalten.
Carol
Strauss ist darüber „beglückt“, dass das Bild „nun an diesem
Ort angekommen ist“
Für
Carol Strauss sei es eine besondere Ehre dieses Bild der Stadt
Dortmund zu übergeben, unterstrich sie „beglückt“ – vor allem
darüber, dass es nun „an diesem Ort angekommen ist“.
Zusammen
mit dessen Urheber, Alexander Dettmar, enthüllte Carol Strauss unter
dem Beifall der Anwesenden das auf einer Staffelei stehende Gemälde.
Der
Künstler Alexander Dettmar regte an: Warum nicht einfach die nächste
Schule in Dortmund nach Carol Strauss benennen?
Alexander
Dettmar hob in einer kurzen Rede hervor, dass Carol Strauss in ihrem
Institut immer dafür geworben habe, dass die ganze Besitze des Leo
Baeck Institutes zurück nach Deutschland kommen. In ihrem ganzen,
zupackenden Temperament stehe sie den Menschen im Ruhrgebiet in
nichts nach. Sie sei in ihrer Art hilfsbereit, direkt und ehrlich.
Warum,
fragte Dettmar fordernd, benenne man nicht einfach die nächste
Schule in Dortmund nach Carol Strauss?! Sie sei ein Mensch, der
Brücken baue. Gewiss käme sie dann auch gern nach Dortmund, um mit
den SchülerInnen zu sprechen. Sie hätte ihnen doch so viel zu
bieten, sagte der Künstler.
Oberbürgermeister
Ullrich Sierau schien dieser Idee gegenüber durchaus aufgeschlossen
zu sein.
Geflügelte
Nashörner als Geschenk an die Gäste aus den Händen des
Oberbürgermeisters
Als
Zeichen der Dankbarkeit und zur Erinnerung überreichte der
Oberbürgermeister der edlen Spenderin des Gemäldes, Carol Strauss,
ein Geflügeltes Nashorn: das Wappentier des Dortmunder
Konzerthauses. Das Nashorn, so Sierau, sei auch in Bezug gesetzt zur
sprichwörtlichen Dickköpfigkeit der Westfalen. Weil wir alle unsere
Projekte zum Fliegen brächten, habe das Nashorn Flügel, erklärte
der OB. Überdies überreichte Sierau dem Gast aus New York als ein
weiteres Stück Dortmund ein Foto, welches das Haus ihrer Familie mit
einem Firmenschild abbildet. Es hatte sich im Stadtarchiv gefunden.
Eine kleinere Ausführung des Geflügelten Nashorns bekam der
Künstler Alexander Dettmar zum Dank und als Erinnerung überreicht.
Ein
Trio von MusikerInnen des Dortmunder Philharmonischen Orchesters
bestritt die musikalischen Beiträge anlässlich des Empfangs im
Foyer des Opernhauses am Platz der Alten Synagoge.
Das als Schenkung von Carol Strauss an die Stadt Dortmund überreichte Gemälde wird zunächst im Theater Dortmund ausgestellt.
Am 11. April 2019 wurde der Wikileaks-Gründer Julian Assange aus
der ecuadorianischen Botschaft, wo er Asyl gefunden hatte, in ein
britisches Hochsicherheitsgefängnis verschleppt. Und das nicht weil
er kriminelle Taten begangen hat, sondern weil er solche enthüllt
hat. Der Ausgang des Verfahrens von Julian Assange wird zeigen, wie
es um die Presse- und Meinungsfreiheit wirklich steht. Trotz dieser
mehr als bedrohlichen Sachlage halten sich viele Medien bedeckt. Wie
kann es sein, dass der Prozess des vielleicht „wichtigste
Journalisten der vergangenen zehn Jahre“ kaum in die Öffentlichkeit
gelangt?
Darüber haben auf der Buchmesse Sevim Dagdelen (Abgeordnete der Partei Die LINKE), Dietrich Krauß (ZDF-Redakteur) und Mathias Bröckers (Autor des Buches „Freiheit für Julian Assange!“) auf der Bühne der Buchkomplizen diskutiert.
Pressemitteilung – Initiative in Gedenken an Oury Jalloh
– 28.10.19
Neues forensisch – radiologisches Gutachten im Fall Oury
Jalloh
“Nach Begutachtung der Bilddateien der Computertomographie vom 31.03.2005 des Leichnams des Oury Jalloh sind Knochenbrüche des Nasenbeins, der knöchernen Nasenscheidewand sowie ein Bruchsystem in das vordere Schädeldach sowie ein Bruch der 11. Rippe rechtsseitig nachweisbar. Es ist davon auszugehen, dass diese Veränderungen vor dem Todeseintritt entstanden sind.” 1 Sowohl die schwere Kopfverletzung, als auch die klar erkennbare und durch punktuelle Gewalteinwirkung gebrochene 11. rechte Rippe, legen den dringenden Verdacht nahe, dass Oury Jalloh von Polizeibeamten vor seinem Tod körperlich schwer misshandelt worden sein muss. Als Oury Jalloh am Morgen des 7. Januars 2005 von den Frauen der Stadtreinigung angetroffen wird, weist er keine offenkundigen Verletzungen im Gesicht oder am Oberkörper auf. Auch im Rahmen der Untersuchung durch den Polizeiarzt Dr. Blodau zwischen 9:15 und 9:30 Uhr werden keinerlei solche Verletzungen oder Symptome der nunmehr festgestellten Verletzungen am Körper oder im Gesicht von Oury Jalloh beschrieben. Deshalb ist davon auszugehen, dass sowohl der Nasenbein- und Schädelbasisbruch als auch die gebrochene 11. Rippe rechts im Zeitraum zwischen der Untersuchung durch Dr. Blodau und dem Ausbruch des Feuers in Zelle Nr. 5 entstanden seinmüssen. Die Einwirkungen der Gewalt waren sowohl im Gesicht, als auch im Bereich der 11. Rippe in einer Art und Weise punktuell bzw. fokussiert heftig, dass eine Selbstverletzung oder ein Sturz weitestgehend ausgeschlossen werden können. Eine Beifügung dieser Verletzungen durch Dritte ist damit naheliegend wahrscheinlich. Der Zeitraum in welchem Oury Jalloh die beschriebenen Verletzungen durch externe Gewalteinwirkung zugefügt worden sind, ist eindeutig eingrenzbar und liegt zwischen: 9:30 Uhrund 12:05 Uhr. Auch der Kreis möglicher Täter*innen ist eindeutig einzugrenzen – er beschränkt sich auf die im Polizeirevier Dessau anwesenden Personen mit Zugang zu den Zellen im Gewahrsamstrakt.
1Prof. Dr. Bodelle, “Fachradiologisches Gutachten”, 18.10.2019, S.13.
Die Digitalisierung führt zu einem
rasanten Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft. Dies zeigt sich
besonders deutlich in der Entwicklung der Plattformökonomie. Dort
manifestieren sich auch die sozialen Herausforderungen des digitalen
Kapitalismus, der in seiner jetzigen Ausgestaltung in Form eines
knallharten Neoliberalismus enorme Machtasymmetrien schafft. Was vor
allem den Shareholdern der Monopol-Plattformen, wie Google, Amazon
und Facebook, zugutekommt. Vergangenen Donnerstag hatte die
Friedrich-Ebert-Stiftung zu einer Podiumsdiskussion unter dem Titel
„Genossenschaften in der Plattformökonomie. Für mehr Solidarität
im digitalen Kapitalismus“ in den Westfälischen Industrieklub nach
Dortmund eingeladen. Der Termin war gut gewählt, findet doch nächste
Woche der Digitalgipfel der Bundesregierung in Dortmund statt.
Schwerpunkt werden dort digitale Plattformen sein.
Von links: Claudia Henke, Dr. Jan-Felix Schrape, Dr. Christian Tribowski, Markus Sauerhammer und Christina Kampmann. Fotos: C. Stille
Wenn entstehende Plattformen mehr
als Kopien bekannter Tech-Giganten sein wollen, braucht es eine
gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit Alternativen
In ihren einleitenden Worten zur
Podiumsdiskussion machte Henrike Allendorf von der
Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) darauf aufmerksam, dass digitale
Plattformen mittlerweile eine große wirtschaftliche Bedeutung haben.
Es sei in den letzten Jahren ein enormes Wachstum damit erreicht
worden. Unter den fünf größten Unternehmen der Welt seien
inzwischen drei digitale Plattformen – Facebook, Amazon und Google –
vertreten. Die erzielten enormen Profite kämen allerdings den
wenigen Plattformen und den Shareholdern zugute. Was nicht nur
politisch problematisch sei, sondern auch soziale Ungleichheiten
schaffe. Beleuchtet werden sollten an diesem Abend alternative
Organisationsformen für digitale Plattformen – Kooperativen oder
Genossenschaften. Die Diskussion um kooperative Plattformmodelle zum
jetzigen Zeitpunkt, so Allendorf, „ist umso wichtiger, da deutsche
und europäische Akteure im Vergleich mit den USA in der
Plattformökonomie noch eine marginale Rolle spielen“. Damit
künftig entstehende Plattformen mehr sind als Nachahmungen der
bekannten Tech-Giganten, brauche es eine gesellschaftliche und
politische Auseinandersetzung mit Alternativen. Allerdings sehen sich
solche Kooperativen oft politisch schwierigen Rahmenbedingungen
gegenüber.
Auswüchse in der Plattformökonomie
bringen Leute darauf, diese von den Bedürfnissen der Menschen her zu
denken
Den Impulsvortrag unter der Überschrift
„Solidarische
Plattformökonomie aber wie?“ wurde von Claudia
Henke, Mitbegründerin der Genossenschaft h3-o, aus Hamburg gehalten.
Sie verwies auf den Taxidienst Uber und deren App, die man in
unterschiedlichen Städten und Ländern nutzen könne. Auch auf
Amazon, wo man ja praktisch quasi fast alles bestellen könne.
Allerdings, merkte sie an, werde vergessen, dass wir als Nutzer
dieser Angebote gar nicht die Kunden sind: „Sondern wir sind das
Produkt. Wir sind die Ware.“ Schließlich würden unsere
persönlichen Daten gesammelt. Und wir wüssten weder was mit ihnen
passiere, noch hätten wir Einfluss darauf. Ebenfalls sei es auch
nicht so toll, wenn man in der Plattformökonomie arbeite. Etwa könne
Uber seine Bestimmungen ständig ändern, ohne das die
Uber-FahrerInnen etwas dagegen tun könnten. Auch falle es schwer
sich untereinander solidarisieren. Denn man wisse doch überhaupt
nicht wer noch für Uber fahre. Diese Plattformökonomien
verursachten massive Einwirkungen auf unsere Gesellschaft. Amazon
verändere unsere Innenstädte ungemein. Der Wohnungsvermittler
Airbnb habe negative Auswirkungen auf den kompletten Wohnungsmarkt.
Diese Auswüchse brächten jedoch Leute auch auf Ideen, wie man
Plattformökonomie auch anders denken könne. Henke: „Und
tatsächlich wieder von den Bedürfnissen der Menschen her. Und: Wie
könne man sie fairer gestalten?“ Eine demokratische Organisation
sollte es sein.
Als Beispiel nannte Henke Fairbnb, das
eine Alternative zu Airbnb sein will. Da soll darauf geachtet werden,
dass eine Wohnung nur im Falle der eigenen Abwesenheit vermietet
wird. Und Wohnraum nicht dem Wohnungsmarkt entzogen wird, wie das
mittlerweile via Airnbnb geschieht. Und Fairbnb will fünfzig Prozent
der Einnahmen sozialen Initiativen, die sich mit fairem Tourismus
auseinandersetzen, zur Verfügung stellen.
„Das gleiche Geschäft, aber in
fair“
Ein anderer Fall, so Claudia Henke, ist
der britische Online-Lieferdienst Deliveroo. Ende August entschied
sich der Lieferdienst ad hoc aus Deutschland zurückzuziehen. Wohl
hauptsächlich deshalb, um Betriebsräte zu verhindern. Die
Fahrradkuriere waren davon Ende August förmlich überrumpelt worden.
Doch sie hätten sich z.B. in Berlin auf unterschiedliche Weise
zusammengetan, um weiterzumachen. Diejenigen, erzählte Claudia
Henke, die schon gestartet sind, hätten tatsächlich Aufträge
bekommen. Organisiert vorerst über Kurznachrichtendienste.
Alternativen seien also durchaus möglich: „Das gleiche Geschäft,
aber in fair.“ Das möglicherweise ein Modellprojekt für andere
Plattformen sein könnte, findet Henke.
Herausforderungen
Auf solche Alternativen kämen jedoch
Herausforderungen bezüglich des Wachstumsmodells Plattformökonomie
zu. Es bräuchte natürlich eine Rechtsform. Ein Teil der
Essensauslieferer auf Rädern habe sich zusammengesetzt und sei dabei
auf die Rechtsform Genossenschaft gekommen. Doch letztendlich
entschieden sie sich dagegen und stattdessen für eine
Unternehmergesellschaft (UG, haftungsbeschränkt).
Henke hat festgestellt, dass die
Rechtsform Genossenschaft in Deutschland geradezu vergessen ist.
Selbst die Finanzämter seien zuweilen damit überfordert. Zum
Vergleich: In Italien gibt es 80.000, in Deutschland nur 8000
Genossenschaften, von denen 1500 inaktiv sind.
Claudia Henke: Ein „historisches
Zeitfenster für Innovation ist momentan geöffnet
Claudia Henke spricht bezüglich des
Aufbaus einer solchen Plattform von einer „sozialen Innovation“.
Was heiße, dass sie der Gesellschaft nütze und andere Dynamiken
erzeuge. Zunächst bräuchte Experimentierräume und einen Prototyp.
Und erklärte: „Das Internet ist zum Beispiel eine soziale
Innovation.“
Claudia Henke machte darauf aufmerksam,
dass wir es momentan mit einem „spannenden Zeitraum“ zu tun habe
– es „ein historisches Zeitfenster“ für Innovation geöffnet
sei. Und diese Innovation könne „unglaublich viel verändern“.
Wir hätten die Akteure und das Knowhow. Was uns hindere seien die
Rahmenbedingungen in Deutschland.
Podiumsdiskussion mit kompetenten
Gästen
Für die Podiumsdiskussion hatte man
interessante und kompetente Gäste gewonnen, welche Moderator Dr.
Christian Tribowski (Handelsblatt Research Institute) vorstellte:
Von links: Claudia Henke, Dr. Jan-Felix Schrape, Dr. Christian Tribowksi, Christina Kampmann und Markus Sauerhammer.
Die bereits erwähnte Claudia Henke,
Dr. Jan-Felix Schrape, Akademischer Mitarbeiter an der Universität
Stuttgart, Institut für Sozialwissenschaften, Christina Kampmann,
MdL NRW, Sprecherin im Ausschuss für Digitalisierung und Innovation,
in der NRW-Landesregierung Kraft Familienministerin sowie Markus
Sauerhammer (Vorstand Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e.
V.) mit spannender Biografie: von der Hauptschule zum Landwirt, dann
über Umwege zum Startup-Business und anschließendes Studium.
Christina Kampmann: Die Politik muss
Machtasymmetrien reduzieren und digitales Prekariat verhindern
Christina Kampmann lobte die
Ursprungsideen vieler hier bereits erwähnter digitaler Plattformen.
Doch der Politik falle die Aufgabe zu die negativen
Begleiterscheinungen – wie die Machtasymmetrien – so zu
reduzieren, dass die Vorteile überwiegen, die Macht fairer verteilt
und digitales Prekariat verhindert werde.
Markus Sauerhammer: „Wir brauchen
vernünftige Rahmenbedingungen, um frei experimentieren zu können
Markus Sauerhammer meinte, es bräuchte
dringend auch Pioniere und Leute, die ein Risiko nicht scheuten, um
solche Plattformen ins Werk zu setzen und gab zu bedenken: „Wer
leugnet, dass die Welt gerade im Umbruch ist, der schaut nicht die
globale Entwicklung an. Wir brauchen vernünftige Rahmenbedingungen,
um frei experimentieren zu können.“
Claudia Henke ergänzte: „Wir
brauchen auch für Genossenschaften eine digitale Agenda.“
„Wir hören einander nicht mehr zu.
Jeder glaubt er weiß es besser zu wissen. Wir müssen die Probleme
beim Namen nennen, um gemeinsam auf Lösungen hinzu zu arbeiten und
die Leute sie ausprobieren können“, setzte Markus Sauerhammer
hinzu.
Vonnöten ist eine längerfristige
Förderung, eine gesellschaftliche Debatte „ohne Scheuklappen“ zu
führen und ein „Revival der Genossenschaft“ begrüßenswert
Dr. Jan-Felix Schrape sah eine
dauerhafte längerfristige Förderung über die typischen
Förderperioden hinaus dringend vonnöten. Dabei müsse eben auch in
Kauf genommen werden, dass neun von zehn Projekten vielleicht nicht
funktionierten.
Christina Kampmann regte an, einmal
eine gesellschaftliche Debatte „ohne Scheuklappen“ darüber zu
führen, was wir zwischen den Polen Kapitalismus und Sozialismus für
eine Wirtschaft wir eigentlich haben wollen, „die sich wirklich an
den Menschen orientiert“. Kampmann würde sich über ein „Revival
der Genossenschaft“ freuen.
Forderungen an den Digital-Gipfel
der Bundesregierung
Die vom Moderator den Gästen
abverlangten Forderungen an den nächste Woche in Dortmund
stattfindenden Digital-Gipfel der Bundesregierung lauten: Wenn die
Bundesregierung ständig von der Digitalisierung rede, so Markus
Sauerhammer, dann müsste endlich auch die digitalen Plattform als
Baustein dabei sein, „sonst lügen sie“. Auch für Christina
Kampmann ist klar, dass Genossenschaftsgedanke diesbezüglich dort
auch wieder „sexy gemacht“ werden müsse.
Der Digital-Gipfel könne einen Beitrag
dazu leisten.
Sicher ist sich auch Jan-Felix Schrape,
dass sich der Digital-Gipfel nicht nur mit der Regulierung von großen
Plattformen sondern auch mit der Förderungen von Alternativen
auseinandersetzen muss, weil ansonsten der Verbraucher auch nicht
wählen könne.
Er fände es auch begrüßenswert, wenn
die SPD das Thema in ihr nächstes Bundestagswahlprogramm aufnähme.
Fragen und Anregungen aus dem
Publikum
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion
konnten aus dem Publikum noch diverse, in der Sache interessante,
Fragen rundum das Thema Genossenschaften und digitalen Plattformen an
die Gäste gestellt werden. Belichtet wurde ebenfalls der kritische
Gedanke, dass durchaus nicht alle Genossenschaften empfehlenswert
sind. Eine Genossenschaft ist immer nur so gut, wie die Leute, die da
drin sind“, merkte Claudia Henke an. Und es freilich auch Fälle
gegeben hat, wo sich Menschen in Genossenschaften bereichert hätten.
Gemeinwohlorientierung benötige auch Kontrolle. Durchaus, hieß es,
hätten grundsätzlich auch öffentlich-rechtliche Regelungen ihren
Platz in der Gesellschaft. Auch einige Anregungen kamen aus dem
Auditorium, welche die Gäste auf dem Podium dankbar aufnahmen.
Digital-Gipfel der Bundesregierung nächste Woche in Dortmund.
Am
19. September 2019 ist Dortmund in Bonn mit dem Label „StadtGrün
naturnah“ in Silber ausgezeichnet worden. Das Projekt wurde im
Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für
Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums gefördert. Am
vergangenen Mittwoch wurde der Preis von Vertreter der Stadt
Dortmund, die mit „Grün“ zu tun haben gemeinsam auf dem
Hauptfriedhof Vertretern der Presse präsentiert. In drei Jahren wird
der Preisträger überprüft. Fest steht, dass das Konzept StadtGrün
naturnah nicht nur weitergeführt, sondern auch noch erweitert wird.
Die Entsorgung Dortmund GmbH, die einen Teil der Pflege des
Straßenbegleitgrüns übernommen hat, schließt sich der Ideee an.
Zur Präsentation gab sich Stadtrat Arnulf Rybicki bezüglich des
Preises hoffnungsvoll, künftig ein noch höherwertiges Edelmetall
erringen zu können. In drei Jahren wird die nächste Auszeichnung
vergeben.
Laudatorin
Prof. Beate Jessel: „Mit dem Label StadtGrün naturnah schafft das
Projekt zusätzliche Anreize, ausgetretene Pfade zu verlassen und
mehr Grün statt Grau in die Städte und Gemeinden zu bringen“
Die
Laudatio für die Preisträger in Bonn hatte Prof. Beate Jessel,
Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz gehalten und gesagt:
„Stadtgrün ist unverzichtbar, denn es schafft nicht nur
Lebensräume für Tiere und Pflanzen, sondern auch gesunde und
attraktive Lebensbedingungen für uns Menschen.“ Deshalb sei es
wichtig, „dass sich immer mehr Kommunen für eine naturnahe
Gestaltung und Aufwertung von Grünflächen starken machen“. Und
weiter: „Mit dem Label StadtGrün naturnah schafft das Projekt
zusätzliche Anreize, ausgetretene Pfade zu verlassen und mehr Grün
statt Grau in die Städte und Gemeinden zu bringen. Dass dies
gelingt, zeigen die 14 Projekte, die wir heute auszeichnen.“
Beworben hatten sich zunächst 51 Kommunen, von denen letztlich 14
nach einem gut einjährigen Verfahren mit einem Label ausgezeichnet
wurden. Honoriert wurden die Kommunen für die Entwicklung
artenreicher Wildblumenwiesen, das Pflanzen heimischer Sträucher und
das Entwickeln einer zeitgemäßen Grünflächenstrategie, die sich
zum Ziel setzt, die Artenvielfalt von Flora und Fauna in der Stadt zu
fördern und langfristig durch geeignete Maßnahmen zu sichern.
Ein
attraktives und gesundes Wohnumfeld schaffen und die Biodiversität
ist der Stadt verbessern
Es
geht darum, in naturnahen Parkanlagen und kommunalen Wälder,
zusammenhängenden Grünzügen, durch Baumgruppen oder gemischte
Baumalleen, heimische Sträucher und Staudenpflanzungen sowie
artenreiche Wiesenflächen ein attraktives und gesundes Wohnumfeld zu
schaffen. Notwendig dabei ist eine ökologisch ausgerichtete Pflege,
die z.B. mit veränderten Mähverfahren und Angeboten für
Rückzugs-Brutmöglichkeiten, um die Biodiversität in der Stadt
nachweislich zu verbessern.
Besonders
beeindruckt war der Labelgeber von den zahlreichen Aktivitäten auf
dem Dortmunder Hauptfriedhof
Dortmund
konnte sich im Labelingverfahren durch den Einsatz zahlreicher
BürgerInnen, Naturschutzverbände, Verein und der beteiligten
Fachämter mit seinen eingereichten Projekten im Vorderfeld der
ausgezeichneten Kommunen platzieren. Die positiven Auswirkungen der
veränderten Grünpflege lassen sich bereits an vielen Stellen im
Dortmunder Stadtbild erkennen. So sind bereits 30 Prozent der
öffentlichen Wiesenflächen in ein ökologisches und Artenvielfalt
steigerndes Pflegeprogramm überführt worden. Besonders beeindruckt
zeigte sich der Labelgeber bei einem Vor-Ort-Besuch von den
zahlreichen Aktivitäten auf dem Dortmunder Hauptfriedhof. So werden
dort z.B. Grabfelder mit alten (insgesamt 127 verschiedenen)
Obstsorten (die von den Hinterbliebenen abgeerntet werden) gestaltet
oder potentielle Zukunftsbäume gepflanzt, um sie auf ihre Eignung
zur Minderung von Klimawandelfolgen zu testen. Dortmund hat diese
Bedeutung frühzeitig erkannt und mit der Labelauszeichnung ein
plakative Bestätigung ihres Engagements zur Steigerung der
Artenvielfalt erhalten.
Stadtrat
Arnulf Rybicki bedankte sich bei allen Beteiligten herzlich
Am
Mittwoch kamen viele der Beteiligten auf dem Dortmunder Hauptfriedhof
zusammen, um das Label zu präsentieren: Der Dezernent für Bauen und
Infrastruktur, Arnulf Rybicki, Vertreter aus dem Tiefbauamt, dem
Umweltamt, den Sport- und Freizeitbetrieben Dortmund, den Friedhöfen
Dortmund und der Stadtentwässerung Dortmund. Bei allen Beteiligten
bedankte sich Stadtrat Rybicki herzlich für das großartige
Engagement.
Kurzrasenflächen
werden in Blühwiesen umgewandelt
Gute
Beispiele in Sachen Steigerung der Biodiversität können auf dem
Hauptfriedhof besichtigt werden. Etwa sind Kurzrasenflächen in
Blühwiesen umgewandelt worden. Das trifft auch auf Flächen im
Stadtgebiet (Hörde, Derne, Hombruch, an der Bornstraße, am Pumpwerk
Fredenbaum, an der Ardeystraße, auf dem Borsigplatz, oder die
Baumscheibe Berghofen) zu. Eine Wiese braucht etwa fünf Jahre bis
sie „steht“, wie die Fachleute sagen. Tiere wie etwa Hummeln und
Heuschrecken siedeln sich nach und nach an. Etwa 190 Hektar Fläche
sind im Stadtgebiet bereits umgestellt worden. Dazu bedarf es auch
einer Umstellung des Fuhrparks. Schon lange bevor an Fridays for
Future zu denken war, sei an diesen Projekten gearbeitet worden,
merkte Sylvia Uehlendahl, die Amtsleiterin des Tiefbauamtes an.
Private
Firmen sind bislang noch nicht am Projekt beteiligt. Man arbeite aber
daran, welche mit ins Boot zu bekommen.
Ohne
zusätzliche Mittel kann schnell ein Biotop geschaffen werden
Auf
dem Hauptfriedhof gibt es verkehrssicher heruntergeschnittene
Tothölzer, an denen sich Schadpilze zeigen, die anderswo im
Stadtgebiete dazu führen, dass Bäume gefällt werden müssen. Auf
dem Hauptfriedhof dienen sie Anschauungs- und Schulungszwecken. Gerd
Hettwer (Friedhöfe Dortmund) wies auch auf eine Wiese auf dem
Hauptfriedhof hin, die von Schafen beweidet wird. Das sei beim
Labelgeber sehr gut angekommen, weil so etwas auf Friedhöfen nicht
selbstverständlich sei. Auch gibt es Wasserflächen, auf denen
Holzbretter („Rettungsinseln“) installiert wurden. Dort können
sich Vögel sicher niederlassen, um zu trinken. Baumscheiben und
Wurzelteller sind stehengelassen worden. So könne ohne zusätzliche
Mittel schnell ein Biotop geschaffen werden.
Information
für die BürgerInnen und die FriedhofsmitarbeiterInnen
Es
ist vorgesehen, Informationstafeln sollen aufgestellt werden. Denn
immer wieder fragten Friedhofsbesucher, wann diese Tothölzer
abtransportiert würden. Nicht immer verstünden BürgerInnen, dass
bestimmte Maßnahmen gewollt sind. So würden nämlich absichtlich
bei manchen Wiesen im Stadtgebiet nur die Außenkante
(„Sauberkeitsstreifen“) gemäht. Das ließe manche Menschen
denken, die Stadt schludere dort. Naturverjüngung werde nun schon
seit 28 Jahren betrieben. Das heißt, Wildwuchs, der von allein
gekommen ist, lässt man weiter wachsen. Bäume, die erhalten werden
sollen, bekommen eine Manschette zur Information der gärtnerisch
tätigen MitarbeiterInnen verpasst.
Kostenneutral
erreichte Biodiversität und „ökologische Pflege“
All
diese Bemühungen hinsichtlich Biodiversität, warf Stadtrat Rybicki
ein, seien kostenneutral. Da habe er schon kritischen Fragen aus dem
Rat mit ruhigem Gewissen begegnen können. Manchmal ziehe man sogar
einen kleinen Nutzen daraus. Und manches, das vielleicht nachlässig
aussehe, sei gewollt, weil es zum Konzept gehöre und Gedanken
dahinterstünden. Es werde eben auch „geplant sozusagen
ausgewildert“. Auch sei eine sogenannte Saatgutübertragung
möglich. So könne Saatgut in andere Flächen in der Stadt
eingebracht oder künftig sogar an die BürgerInnen abgeben werden.
Georg
Hettwer fügte auf Anfrage an, dass er Unkraut grundsätzlich nicht
mehr Unkraut nenne. Vieles würde auf dem Friedhof stehengelassen.
Gegen invasive Arten allerdings gehe man indes an. Ebenso werde
Wildkraut beseitigt, wo das zwecks Verkehrssicherung vonnöten sei,
ergänzte Sylvia Uehlendahl. Es wurde klargemacht: Man lässt nicht
Verwildern. Man habe ein Konzept, das „ökologische Pflege“,
heißt.
Man
gebe sich viel Mühe, so Jürgen Hundorf, die Bevölkerung sozusagen
„mitzunehmen“. Denn bestimmte auf dem Friedhof oder im übrigen
Stadtgebiet angewandte Maßnahmen könnten auch im eigenen Garten
praktiziert werden.
Nun gehen alle Beteiligten, durch den erhaltenen Preis zusätzlich angespornt daran, auf den Preis „StadtGrün naturnah“ in Gold hinzuarbeiten.
Beitragsbild: Claus Stille
Von links nach rechts: Annette Kulozik, Geschäftsleitung der Sport- und Freizeitbetriebe Dortmund), Claudia Vennefrohne (TeamleitungLandschafts- u. Umweltplanung im Umweltamt), Georg Sümer (Teamleitung Gewässer bei der Stadtentwässerung), Martin Rüthers (Technische Dienste Grün im Tiefbauamt), Gerhard Hettwer (Hauptfriedhof Dortmund), Jürgen Hundorf (Technische Dienste Grün im Tiefbauamt), Arnulf Rybicki (Dezernent für Bauen und Infrastruktur) , Sylvia Uehlendahl ((Leiterin Tiefbauamt), Ralf Dallmann (Betriebsleitung Friedhöfe Dortmund)
„Sagen, was ist.“ – Dieser
Leitspruch des Gründers des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“,
Rudolf Augstein stammt noch aus Zeiten, da für diese Publikation
noch die Bezeichnung „Sturmgeschütz der Demokratie“ passend war.
Tempi passati! Böse Zungen bezeichnen den „Spiegel“ heute
inzwischen verächtlich als Bildzeitung für Intellektuelle. Doch das
Augstein-Motto „erinnert“ (noch heute), so SPIEGEL ONLINE am 4.
November 2012 auf Facebook, den 89. Geburtstag Rudolf Augsteins, „uns
jeden Tag beim Betreten des Hauses an die eigentlich einzige und
wichtigste Aufgabe von Journalisten.“ Ist das so? Einen gewissen
Claas Relotius hinderte es nicht daran, Lügengeschichten zu
schreiben.
Wenn Journalismus zur Glaubenslehre
wird
Der Westend Verlag fragt betreffs des Buches auf dessen Rückseite: „Sabotierte Wirklichkeit. Oder: Wenn Journalismus zur Glaubenslehre wird“ Marcus B. Klöckner: „Sagen Medien wirklich, „was ist“?“ und liefert die Antwort gleich hinterdrein: „Eindeutig nein! In den tonangebenden Medien ist ein kanonisierter Meinungskorridor entstanden, in dem unliebsame Fakten viel zu oft keinen Platz finden. Das Versagen der Qualitätskontrolle des Spiegel im Fall Relotius, die fehlgeleitete Berichterstattung zur Skripal-Affäre und die NATO-Reklame großer Nachrichtensendungen sind nur die prominentesten Beispiele einer grundlegenden Fehlentwicklung im Journalismus, die bereits bei der Rekrutierungs- und Ausbildungspraxis der großen Medienkonzerne beginnt. Anhand vieler konkreter Fälle zeigt Marcus B. Klöckner, wie Medien eine verzerrte Wirklichkeit schaffen, die ähnlich der viel gescholtenen Filterblasen der „sozialen“ Medien mit der Realität oft nur noch wenig zu tun hat. Die Konsequenzen sind weitreichend – für unsere Demokratie, für uns alle.“
Mein Eindruck vor Jahren: Vieles
stimmte da nicht. War zumindest schräg
Für mich persönlich begannen
bestimmte „Produkte“ des Journalismus besonders im Zuge der
Berichterstattung zu den Ereignissen in der Ukraine an zu riechen –
oder ganz wie man will: ein Geschmäckle zu entwickeln.
Da stimmte vieles nicht. War zumindest
schräg. Da wurde einseitig und antirussisch berichtet. Und es wurde
seither nicht besser.
Wachhund sein im Sinne der Vierten
Macht – Fehlanzeige!
Aber es begann schon vor der
Ukraine-Krise. Immer weniger wurde Journalismus dem gerecht, was mit
„Vierter Gewalt“ gemeint ist. Heißt, den Wachhund machen, den
Politikern gehörig auf die Finger schauen und eben: Sagen, was ist.
Schon in der Einleitung zu seinem Buch
schreibt Klöckner: „Ein Weltbildjournalismus bestimmt in weiten
Teilen der Mainstreammedien die Berichterstattung. Zwischen
Journalisten und Politikern herrscht weitestgehend ein
Nichtangriffspakt – Konflikte, die über eine Scharmützel
hinausgehen, finden sich allenfalls auf Nebenschauplätzen. Medien
loben wahlweise Merkels ‚Augenringe des Vertrauens‘ oder stimmen
(gemeinsam mit einem Teil der Politiker) in den Chor des
‚Uns-geht-es-doch-gut-Liedes‘ ein (S./10)“. Kritik von Rezipienten
an einzelnen Beiträgen wird abgebügelt und offenbar als Bedrohung
empfunden, Kommentarfunktionen zuweilen ausgeschaltet.
Zensur?
Gleich im ersten Kapitel geht es ab
S.17 um „Zensur“. Medienvertreter reagierten auf einen solchen
Vorwurf „gereizt“, heißt es dort. „Schnell wird beteuert, dass
einzelne Journalisten, aber auch komplette Redaktionen frei in ihren
Entscheidungen seien. Weder rufe Merkel persönlich an und diktiere,
welche Informationen in den Medien auftauchen dürfen, noch gäbe es
sonst eine ‚mächtige Gruppe‘, die ihnen vorschreibe, wie ihre
Berichterstattung auszusehen habe. Ist das nicht interessant? Auf der
einen Seite stehen Medienvertreter, die durchaus glaubhaft
versichern“, schreibt Klöckner, „dass sie keiner Zensur
unterworfen sind, während sich auf der anderen Seite ein Publikum
bemerkbar macht, das ebenso fest vom Gegenteil überzeugt ist.“
Uns doch, meint Buchautor Klöckner:
Zensur ist in unserem Mediensystem nicht die Ausnahme, sondern die
Regel
Freilich ist klar: Zensur als solche
wird nicht ausgeübt. Dennoch: Marcus B. Klöckner führt uns
LeserInnen dahin, „(…) zu erkennen, dass Zensur in unserem
Mediensystem nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. (S.12)“ Er
führt weiter aus: „Wir werden eine spezielle Form der Zensur
kennenlernen“, verspricht er, „die sich zwar in manchem von einer
staatlichen, einer von oben verordneten Zensur unterscheidet, aber in
ihrer Auswirkung kaum nachsteht. Es handelt sich dabei um eine
Zensur, die tief in unser Mediensystem eingeschrieben ist. In den
Medien ist das zu erkennen, was wir als eine
sozialstrukturell ausgeformte Zensur
sprachlich erfassen wollen.“
Medienwirklichkeit,
Schieflagen in der Berichterstattung und „Wirklichkeitsentgleisungen“
Ein
weiteres Kapitel befasst sich mit der Medienwirklichkeit. Und zwar
anhand von zahlreichen Beispielen, die veranschaulichen, „dass
Schieflagen in der Berichterstattung nicht einfach nur durch Fehler
bei der journalistischen Arbeit entstehen (die menschlich sind und
jedem passieren können) und dürfen), sondern auf
Wirklichkeitsentgleisungen mit Ansage zurückzuführen sind.“
Foto: Christian Evertsbusch, via Pixelio.de
Die
LeserInnen würden sehen, so Klöckner, „wie schwer und folgenreich
die Wirklichkeitsbrüche in der Berichterstattung sind, und
verstehen, dass wir gut daran tun, uns eine alte Erkenntnis des
deutschen Soziologen Niklas Luhmann in Erinnerung zu rufen“. „In
seiner berühmt gewordenen Auseinandersetzung zur Realität der
Massenmedien sagt Luhmann gleich zu Anfang: ‚Andererseits wissen wir
so viel über die Massenmedien, dass wir diesen Quellen nicht trauen
können.’“
Journalisten
und Politiker
In
weiteren Kapiteln des Buches betrachtet Klöckner die Beziehungen
zwischen Journalisten und Politikern und betrachtet, „was es
bedeutet, wenn Journalisten über Macht verfügen, Rederecht
abzusprechen oder anzuerkennen.“
Die
Oberfläche der Medienkritik durchdringen
Dem
Autor geht es hauptsächlich darum, „die Oberfläche der
Medienkritik zu durchdringen, um die mehr oder weniger verschleierten
sozialen Wirkprinzipien offenzulegen, die für eine Berichterstattung
mitverantwortlich sind, die dazu führen, dass viele Mediennutzer
glauben, die Medien müssten von irgendeiner verborgenen Macht
gesteuert werden.“
Faktoren,
die auf den Journalismus auch eine Wirkung haben
Andere
Faktoren, die auf den Journalismus freilich auch eine Wirkung haben,
wie Besitzverhältnisse in den Medien, Pressekonzentration,
hochproblematische Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung von
Journalisten, Zeitdruck, fehlende Möglichkeit und Finanzierung von
investigativen Recherchen und Auswirkungen, die sich aus den
Gesamtproduktionsbedingungen und Herrschaftseinflüsse (S.14) sind
bewusst außen vor gelassen worden, so Klöckner – will sie aber
keineswegs kleinreden.
Die
Medien einer genaueren Betrachtung zu unterziehen ist gelungen
Mit
dem vorliegenden Buch ist gut gelungen, die Medien einer genaueren
Betrachtung zu unterziehen und „ihr Sein und einige ihrer
Funktionsweisen vor allem aus einem kritisch soziologischen
Blickwinkel“ heraus zu „betrachten“.
Die
beschriebenen Vorgänge dürften dem Laien verständlich werden
Stellenweise
ist das Buch zwar durchaus komplex. Es habe Nachteile und Vorteile,
wie der Autor selbst schreibt. Die Nachteile haben damit zu tun, dass
ein breiter Leserkreis erreicht und zu diesem Behufe nicht zu tief in
sozialwissenschaftlich Theorien hinein getaucht werden sollte. Denn
das Buch ist immer so verfasst, dass darin beschriebene Vorgänge
auch dem Laien – der überwiegenden Mehrheit also der
Medienrezipienten – immer verständlich werden.
Jedenfalls
ist es m.E. gelungen, wenigstens einige Gründe, „die für die
schweren Verwerfungen im journalistischen Feld verantwortlich sind“,
wie Klöckner noch in der Einleitung dargelegt hat, „anschaulich“
zu machen. Vorteil ist, dass den LeserInnen dennoch Möglichkeiten an
die Hand gegeben werden, sich auch in etwas bezüglich komplexeren
wissenschaftlichen Theorien kundig zu machen und sie zu verstehen,
ohne zu tief in deren Breite und Vielschichtigkeit einzudringen.
Und
ich stimme unbedingt dem letzten Satz in der Einleitung zu: „Die
Schäden an unserem demokratischen System, die durch die Medien
verursacht werden, die weitestgehend ihrer Wächterfunktion nicht
mehr nachkommen, sind bereits gewaltig.“
Journalisten
mit Stallgeruch und Überzeugungstäter
Nebenbei
bemerkt: Es sind vielmehr andere Faktoren, die Journalisten
dazu bringen, so zu schreiben, dass manch Rezipient auf die Idee
kommt, da wurde Zensur auf den Schreibenden ausgeübt. Das geht
subtiler. Einerseits hat es mit der Herkunft von Journalisten zu tun:
Viele kommen aus Akademikerhaushalten und haben einen bestimmten
Stallgeruch verbunden mit einem vorgeprägten Denken, das mit einem
bestimmten Weltbild zu tun hat. Dann gibt es auch eine Reihe von
Überzeugungstätern, wie etwa Claus Kleber (ZDF-heute journal), der
als Kuratoriumsmitglied der Atlantikbrücke überzeugt ist gewiss
hundertprozentig von dem, was er von sich gibt. Der kann gar nicht
anders und fühlte sich offenbar pudelwohl dabei, während vielen
Zuschauern der Hut hochgeht, wenn sie hören müssen, was Kleber so
von sich gibt und wie er mit bestimmten Interviewpartnern umspringt.
Autor Marcus B. Klöckner hat ein
Kommentar zum Erscheinen seines Buches „Sabotierte
Wirklichkeit“verfasst:
„Zensur ist in unseren Medien keine Ausnahme, nichts worüber
es erst einmal zu diskutieren gälte. Sie ist Realität. Journalismus
ist zudem vor allem in den Zentren der diskursbestimmenden Medien zu
einer Art Glaubenslehre geworden. Zuerst das eigene Weltbild
bedienen, dann kommen die Fakten.“
Folgt man den Darstellungen und Einlassungen hochrangiger Akteure
aus den Medien zu ihrer eigenen Zunft, dann lässt sich sehr oft
folgender Eindruck gewinnen: Ja, individuelle Fehler passieren, ja,
es gibt Fehlentwicklungen im Journalismus, aber im Großen und Ganzen
liefern Medien eine ausgezeichnete Berichterstattung ab. Zensur? Ein
ideologisch kontaminierter Journalismus? Eine Berichterstattung, die
herrschaftsnah ist? Gerade auch in den Qualitätsmedien? Nichts davon
gibt es, so der Tenor. Mit dieser skizzenhaften Zeichnung jener
Grundhaltung, die verstärkt vor allem in den Zentren der
diskursbestimmenden Medien zu finden ist, wird sichtbar, warum es
Mediennutzer so schwer haben, mit ihrer Kritik im journalistischen
Feld Gehör zu finden. Ein Problem zu beheben, setzt voraus, das
Problem auch zu erkennen. Wenn aber Alphajournalisten mit Nachdruck
selbst schwere und schwerste Verwerfungen und Schieflagen innerhalb
ihrer Branche nicht einmal ansatzweise erkennen wollen oder erkennen
können, dann wird sich im Journalismus und in den Medien nichts
ändern.
Wer Medien über einen längeren Zeitraum beobachtet, wer sich
genauer mit dem journalistischen Feld kritisch auseinandersetzt, kann
nur zu einem sehr düsteren Befund kommen. Der französische
Soziologe Pierre Bourdieu wurde einmal im Hinblick auf die Medien in
Frankreich gefragt, ob er das journalistische Milieu für
reformierbar halte. Seine Antwort darauf: „Die Lage spricht sehr
dagegen.“ Das war, wohlgemerkt, bereits im Jahr 1995. Bourdieu
verstand die mehr oder weniger verschleierten sozialen
Wirkmechanismen, aber genauso auch die Dimensionen von Macht und
Herrschaft, die sich gerade auch in einem so wichtigen Feld wie dem
journalistischen finden lassen, sehr genau. Viele seiner Einlassungen
zu den Medien können wir, mit Abstrichen hier und da, auch auf die
Medien in unserem Land und auch auf die Medien in vielen anderen
demokratischen Ländern übertragen. Wer mit Bourdieus
Herrschafts- und Gesellschaftsanalysen Medien, Journalismus und das
Verhalten von Journalisten näher betrachtet, kann erkennen, dass, um
es salopp zu sagen: Hopfen und Malz verloren ist. Eine
sozialisationsbedingte Blindheit aufseiten nicht unbeträchtlicher
Teile der Journalisten gegenüber real vorhandenen Macht- und
Unterdrückungsverhältnissen, die auch in demokratischen
Regierungsformen existieren; ein mehr oder weniger naiver Glaube an
die Lauterkeit von Institutionen und Mandatsträgern; real
existierende Herrschaftseinflüsse auf die Medien;
Konzentrationsprozesse genauso wie prekäre Arbeitsbedingungen für
nicht wenige Journalisten. All das führt zur Untergrabung eines
Journalismus, wie er eigentlich sein sollte und wie er für eine
gesunde Demokratie lebensnotwendig ist.
Festzustellen ist: In unserem Mediensystem hat sich eine Zensur
verfestigt, die ohne externen Zensor funktioniert und aus dem
journalistischen Feld selbst kommt. Die soziale Zusammensetzung
innerhalb der Medien, der Ausschluss nahezu ganzer Schichten und
Milieus aus dem journalistischen Feld, die Dominanz bestimmter
Weltanschauungen in der Berichterstattung, haben dazu geführt, dass
bestimmte Perspektiven, Meinungen, Thesen und Ansichten mindestens
innerhalb der diskursführenden Medien nahezu völlig atomisiert
sind. Wir haben es in unserem Mediensystem mit einer
sozialstrukturell ausgeformten Zensur zu tun, die tief in den
Wahrnehmungs- und Denkschemata eines beträchtlichen Teils der
Feldakteure verankert ist. Zensurhafte Einzelentscheidungen
potenzieren sich, eine medienübergreifende, dauerhafte Zensur
entsteht. Die Unterdrückung all jener Perspektiven, die für
Irritationen bei der Fraktion der „Weltbildjournalisten“ sorgt,
ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Je politischer ein Thema
ist, umso stärker werden die wertvollen journalistischen
Kriterien der Auswahl und Gewichtung von Nachrichten und
Informationen pervertiert – im Sinne der im journalistischen Feld
vorherrschenden politischen Glaubensüberzeugungen.
Es ist davon auszugehen, dass viele Journalisten selbst nicht
einmal erkennen, wie tief das Zensurhafte in ihren Entscheidungen
mitschwingt. Unter anderem auch deshalb, weil ihnen die positiven
Rückmeldungen aus dem Feld vermitteln, dass ihre Auswahl und
Gewichtung von Informationen und Themen genau „richtig“ sind.
Der Journalismus unserer Zeit trägt Züge einer Glaubenslehre.
Die reinsten aller Wahrheiten findet sich vorgeblich in den
Wirklichkeitsdarstellungen der großen Medien. Nur wer diese
Wahrheiten akzeptiert und verinnerlicht, darf „sprechen“,
sich zu Wort melden. Die Hinterfragung der Medienrealitäten, ja, gar
die Fundamentalkritik an den in der Berichterstattung vorherrschenden
Überzeugungen, kommt einem Akt der Ketzerei gleich.
Viele Bürger, viele Mediennutzer erkennen, dass mit unseren
Medien etwas nicht stimmt. Sie beobachten Tag für Tag, dass Medien
gerade dann, wenn es wirklich darauf ankommt, immer wieder nicht so
funktionieren, wie sie es sollten.
Sie erkennen, dass die Ansichten und Meinungen von Journalisten zu
oft mit denen der Eliten und Machteliten konform gehen.
Wer sich näher mit der Sozialisation von Journalisten
auseinandersetzt, die soziale Zusammensetzung des journalistischen
Feldes betrachtet und Gedanken über den Rekrutierungsmodus der
Medien macht, kommt zu dem Ergebnis, dass das Medienfeld aufgrund der
in ihm vorhandenen sozialen Realitäten gar nicht in der Lage ist,
dauerhaft und durchgehend diesen von Bürgern so sehr geforderten
herrschaftskritischen Journalismus abzuliefern.
Der nüchterne Befund lautet: Das journalistische Feld ist in
seiner Breite nicht dazu ausgelegt, „die da oben“ so zu
kritisieren, wie es angebracht wäre (man denke als positives
Gegenbeispiel an den Auftritt
https://www.youtube.com/watch?v=zxS4JJ17h1c
des niederländischen Journalisten Rob Savelberg bei der
Pressekonferenz zur Vorstellung des Koalitionsvertrages der neu
gewählten Bundesregierung im Jahr 2009). Kritische Mediennutzer
erkennen, dass es unsichtbare, implizit ausgehandelte rote Linien
zwischen Journalisten und Politikern gibt, die als Grenzen festlegen,
was als legitime Kritik erlaubt ist und was nicht. Anders gesagt: Das
Versagen des Journalismus, wenn es darum geht, den Mächtigen richtig
auf den Zahn zu fühlen, hat maßgeblich mit dazu beigetragen, dass
politische Weichensteller über Jahrzehnte eine Politik betreiben
konnten, deren Auswüchse sich nun immer deutlicher abzeichnen.
Armut und speziell auch Kinderarmut in Teilen unserer Gesellschaft,
katastrophale Fehlentwicklungen im sozialen Wohnungsbau, die
Ausbreitung neoliberaler Denkkategorien bis ins Innerste von Politik
und Gesellschaft, und, nicht zuletzt: Ein Umgang mit unserer Umwelt,
der für uns alle nun zu einer Bedrohung geworden ist.
Man muss es so deutlich sagen: Medien tragen an diesen
Entwicklungen Mitschuld. All die unterlassenen kritischen Fragen, all
die Beschönigungen, die wir unentwegt aus den Medien hören („uns
geht es gut“), die offene oder mehr oder weniger verschleierte
Unterstützung der Herrschenden von Journalisten, durch die selbst
die größten Schweinereien noch flankiert werden (Kriege,
Kriegsstimmung schüren, Stichwort: Russland): Der herrschaftsnahe
Journalismus ist die täglich zu beobachtende Realität.“
Quelle: Westend Verlag
Nicht einmal Journalisten selbst
wollen den Kern der Probleme in ihrer Branche verstehen
Das Erschreckende für mich: Spricht
man mit Journalisten – wie ich das kürzlich während eines Treffs
von Medienleuten tat – über den realen üblen Zustand des
Journalismus in diesem unserem Lande, gestehen die zwar zu, dass da
einiges im Argen ist. Mitnichten aber erkennen sie anscheinend die
Grundprobleme. Wollen nicht mitbekommen haben, dass die Tagesschau
kaum noch ihrer Aufgabe nachkommt, Nachrichten so zu überbringen,
dass ich mir als Rezipient selbst eine Meinung bilden kann –
sondern im Gegenteil mir quasi verklickert wird, was ich zu denken
habe! Und nicht nur allein bei der Tagesschau ist das so. Da wird
Meinung gemacht. Das wird immer öfters Papageien-Journalismus
betrieben. Da wird nicht nur die Meinung der Bundesregierung oder der
Nato herausgetrötet. „Papageien-Journalismus“ leitet sich
wohl von einer Typisierung von „Verlautbarungsjournalismus“
(Definition: kritiklose Berichterstattung in den Medien zu mehr oder
weniger vorgegebenen Themen in mehr oder weniger vorgegebener
Darstellung) ab, wie sie bereits Kurt Tucholsky prägte, der von den
„Papagei-Papageien“ gesprochen hatte, die einfach nur etwas
nachplappern, was man ihnen vorsetzt – wie verwendet in einem
Beitrag
von Wolfgang Lieb, einem früheren Herausgeber der „NachDenkSeiten“.
Eine bedenkliche Entwicklung
Ja, im Journalismus ist einiges im
Argen. Und immer mehr Menschen erkennen dies. Doch nicht genug. Es
sollten mehr werden. Eine wirklich äußerst bedenkliche Entwicklung
gerade in Zeiten, da unsere Demokratie bedroht und auch schon schwer
angekratzt ist. Mich als gewesener DDR-Bürger, der nicht nur in
diesem verflossenen Land oft mit Kopfschütteln und Magengrummeln
Medien rezipiert, sondern als Volkskorrespondent selbst auch für sie
ehrenamtlich schreibend tätig war, schmerzt dieser Zustand des
Journalismus umso mehr. Für gewöhnlich bin ich nicht naiv. Doch in
der Umschwung- und Wendezeit Ende 1989 schrieb ich aufgekratzt –
zuvor über Ungarn in den Westen gedüst- an meine hauptamtlichen
JournalistenkollegInnen in meiner zuständigen Redaktion in Halle an
der Saale von der Festung Ehrenbreitstein über dem Deutschen Eck aus
Koblenz auf einer Ansichtskarte optimistisch, sie könnten wohl nun
endlich freien und kritischen Journalismus machen. Ein bisschen
schäme ich mich heute dafür.
„Wir brauchen ein neues
Mediensystem“ obwohl mit Bordieu gesagt die Lage „sehr dagegen“
spricht
Ich zitiere nochmal Pierre Bourdieu
(wie ihn der Autor Marcus B. Klöckner oft in seinem Buch zu Wort
kommen lässt): Frage an Pierre Bourdieu: „Kann sich dieses Milieu
[das der Journalisten]
reformieren?“ Antwort Bourdieu (im Jahr
1995: „Die Lage spricht sehr dagegen.“ (S. 215)
Klöckner hebt in seinem Fazit so an:
„Der erste Schritt hin zu einem fundamental herrschaftskritisch
ausgerichteten Journalismus besteht darin, die journalistischen
Produkte radikal zu hinterfragen.“
Das geschieht. Lösungsmöglichkeiten
müssen dann folgen. „Wir brauchen ein neues Mediensystem“ hat
Klöckner sein „Fazit“ überschrieben. Und wohl auch andere
Personen an den Schlüsselpositionen in den Medien – Ketzer!
Klöckner zitiert Rupert Lay (katholischer Theologe, Psychotherapeut
und Unternehmensberater) bezüglich der Definition dieses Wortes:
Ketzer seien Menschen, „die an der Peripherie, weitab vom
ideologischen Zentrum stehend, neue Antworten auf alte Fragen geben;
neue Fragen stellen, die Antworten einfordern, die unangenehm, die
beängstigend sind und nicht konform gehen mit der allgemeinen
Selbstverständlichkeit“.
Um zuzuspitzen, so Klöckner, könnte
man nun rufen: „Ketzer in die Redaktionen!“ Was vielleicht zu
einfach wäre.
Recht aber hat Klöckner: Wir brauchen
ein neues (herrschaftskritisches) Mediensystem. Aber gleichermaßen
auch damit: dass dann gerade in der Hochzeit des brutalen,
gesellschaftszerstörenden Neoliberalismus auch mit harte Gegenwehr
zu rechnen ist.
Und ebenfalls damit, dass wir uns
gerade deshalb „darüber im Klaren sein“ müssen, „dass eine
tatsächlich funktionierende Presse für unsere Gesellschaft von
elementarer Bedeutung ist. Und gibt der Autor zu bedenken: „Je
herrschaftsnaher Medien sind, je weniger Medien bereit sind,
politische Weichenstellungen fundamental zu kritisieren, umso
wahrscheinlicher wird es, dass Politik sich mehr und mehr an den
Interessen der Eliten und Machteliten in unserer Gesellschaft
ausrichtet.“
Verschwindet die Wächterfunktion
journalistischer Medien, bricht eine zentrale Säule der Demokratie
weg
Mit dem zunehmenden Wegbröckeln bzw.
Verschwinden der Wächterfunktion journalistischer Medien, werde es
so sein, „als wäre eine zentrale Säule der Demokratie
weggesprengt worden.“ Viele Bürger würden erkennen, stellt
Klöckner fest, „dass weder Politik liefere, was sie solle, noch
Medien lieferten, was sie versprächen. Ergo würden sich auch immer
mehr Bürger im Klaren darüber sein, „wie groß die Gefahren sind,
die sich aus einem Journalismus ergeben, der zu einer fundamentaler
Herrschaftskritik kaum noch in der Lage ist“.
Zu Recht stünden die Medien in der
Kritik, resümiert Marcus B. Klöckner. Ich schließe mich seiner
Hoffnung an, dass „noch mehr Bürger begreifen, wie groß die
Gefahren, die sich aus einem dysfunktionalen Mediensystem ergeben,
sind.“
„Wo aber Gefahr
ist, wächst / Das
Rettende auch“, heißt es in der ersten Strophe der
15strophigen Hymne „Patmos“ von Friedrich Hölderlin. Ist
das so?
Ich halte es mit Klöckner: „Die
Kritik an den Medien muss noch lauter werden.“
Das hier besprochene Buch wird
zweifellos kompetent dazu beitragen. Es gesellt sich aus meiner Sicht
verdienstvoll zu einer Reihe ebenfalls hervorragender im Westend
Verlag erschienener medienkritischer Bücher hinzu. Es sagt, was ist!
Gestern erst erreichte mich die traurige Nachricht via Facebook: „Die Prima Ballerina Assoluta Alicia Alonso ist verstorben“ – eine Meldung der deutschen Ausgabe der kubanischen Zeitung „Granma“. Ich habe den Beitrag hier verlinkt. Bei mir allerdings funktioniert der Link nicht. Möglicherweise wird diese Adresse seitens der USA blockiert? Sollte es LeserInnen dieses Beitrags gelingen, die Seite zu erreichen, bitte ich um eine kurze Nachricht, auf welche Weise dies gelang. Immerhin funktioniert ein Link zum Nationalballett Kuba.
Alicia Alonso im Jahre 1955. Foto: Wikipedia
Alicia Alonso wurde 98 Jahre alt. Sie starb am 17. Oktober 2019 in einem Krankenhaus in Havanna.
Im Nachruf der Compagnie
heißt es (Auszug; via Google Übersetzung aus dem Spanischen):
Alicia Alonso. Foto via Nationalballett Kuba.
„Heute, am 17. Oktober 2019, hat Alicia Alonso uns verlassen. Ihr Vermächtnis ist riesig, ebenso wie ihre Kunst. Alicia ist eine jener Künstlerinnen, die im Herzen der Menschen stehen. Dr. Miguel Cabrera, Historiker des Nationalen Balletts von Kuba, hinterlässt diese aufgeregten Worte.
Im
CIMEIQ-Krankenhaus in Havanna starb am Donnerstag, den 17. Oktober,
um 11 Uhr morgens die große Kunst, das Ansehen seiner Heimat auf den
höchsten Platz in den vier Winkeln der Welt zu setzen. (…)
(…)Aber die Größe der Alonso, für
uns seine Landsleute, besteht nicht nur darin, uns in 65 Ländern
triumphierend vertreten zu haben und die meisten donnernden Ovationen
zu empfangen, die unmöglich zu erklären sind, von Helsinki nach
Buenos Aires, von New York nach Tokio oder Melbourne, sondern zu
setzen Im Dienst seines Landes erhielten alle Ehrungen, darunter die
266 internationalen Preise und Auszeichnungen, 225 mit nationalem
Charakter und die 69 von ihm verfassten choreografischen Kreationen –
romantisch, klassisch und zeitgenössisch (…)“
Ein Deutsche-Welle-Text vom
17. Oktober 2019 ist folgendermaßen überschrieben:
„Über Jahrzehnte begeisterte Alicia Alonso als Tänzerin, Ballettdirektorin und Choreografin weltweit als eine der besten ihres Fachs. Auch ihre Sehbehinderung stand ihrem Erfolg nicht im Weg. Nun starb sie mit 98 Jahren“
Und
weiter heißt es bei der Deutschen Welle:
„Die
„Primaballerina Assoluta“ hinterlasse eine gewaltige Lücke, aber
auch ein unübertreffbares Vermächtnis, twitterte der Staatschef des
sozialistischen Karibikstaates, Miguel Diáz-Canel, zum Tod von
Alicia Alonso. Sie ist die einzige lateinamerikanische Tänzerin, die
mit dem dem Titel „allerbeste Balletttänzerin ihrer Zeit“ geehrt
wurde – eine Auszeichnung, die nur sehr wenigen Tänzern
vorbehalten ist.
Dabei
war Alonso schon sehr früh in ihrer Karriere stark sehbehindert:
Nach einer doppelten Netzhausablösung konnte sie nur noch Schatten
unterscheiden. Seitdem orientierte sie sich auf der Bühne mit Hilfe
von Lichtmarkierungen. Außerdem unterstützte sie ihre
Vorstellungskraft. „Ich tanze in meinem Kopf“, sagte sie immer
wieder.
Mit
ihrer enormen Disziplin gelang es Alicia Alonso auch danach, das
Publikum mit ihren eleganten und gleichzeitig temperamentvollen
Sprüngen zu verführen. Mit 40 Jahren schaffte sie immer noch die 32
raschen Drehungen des schwarzen Schwans in Schwanensee.
Kuba stets verbunden
Nach
dem Sieg der Revolution auf Kuba wurde Alonsos eigene Kompanie zum
Nationalballett Kubas. Mit ihrer Schule schuf sie einen
unverkennbaren Tanzstil. Als Gast tanzte sie weiter an den besten
Häusern der Welt, darunter an der Pariser Oper und dem Moskauer
Bolschoi Theater. Erst mit 74 Jahren hörte sie auf zu tanzen. Als
Choreografin aber machte sie auch dann noch weiter.
An
Kuba hing Alonso bis zum Schluss. Allen finanziell verlockenden
Angeboten und ihrem hohen Ansehen im Ausland zum Trotz blieb sie
ihrer Heimat treu, wo sie tief verehrt wird.
Dem
von ihr gegründeten kubanischen Nationalballett zufolge starb
Alonso im Alter von 98 Jahren in einem Krankenhaus in der kubanischen
Hauptstadt. Die Todesursache blieb zunächst unklar.
ust/ml (afp, dpa, ap, rtr)“
Meine persönliche Begegnung mit Alicia Alonso in Halle
Ich hatte im Oktober 1979 die Ehre Prima Ballerina Assoluta Alicia Alonso anlässlich eines Gastspiels des kubanische Nationalballett am Landestheater Halle im „Theater des Friedens“ zu treffen und als Volkskorrespondent der „Freiheit“ interviewen zu dürfen. Von dem Interview erschien dann letztlich nur ein kleiner Bericht (siehe Repro). Der Bericht erschien ausgerechnet am 17. Oktober 1979 – vierzig Jahre vor dem Tod von Alicia Alonso.
Bericht nach meinem Interview mit Alicia Alonso in der „Freiheit“. Repro: Claus Stille
Ich war unglaublich aufgeregt. Wir saßen uns im Theatercafé gegenüber. Sie trug eine große Brille mit dunklen Gläsern. Die Alonso nahm mir rasch die Aufregung. Wir plauderten – übersetzt von einer Dolmetschererin – über Kuba, die Revolution, Fidel Castro und das Ballett, ihre langjährige Arbeit und die durch die Revolution veränderte Rolle der Frau in der kubanischen Gesellschaft. Ab und zu wurden wir von Tänzerinnen und Tänzern der Compagnie unterbrochen, die die Alonso etwas fragten und dann wieder zur Probe auf die Bühne verschwanden.
Die Auftritt des kubanischen Nationalballetts am Abend war dann ein großartiges Ereignis. Ebenso wie die Begegnung mit Ballettlegende Alicia Alonso hinter und auf der Bühne.
Damals
schon fast 60 Jahre alt, tanzte sie noch den Schwarzen Schwan.
Einfach genial, in diesem Alter! Am Orchestergraben waren
Beleuchtungsrampen ausgelegt worden, an denen sich die stark
sehbehinderte Tanzlegende orientierte.
Ich
denke gerne an diese Begegnung und das wunderbare Nationalballett
zurück.
Möge
Alicia Alonso in Frieden ruhen. Im Balletthimmel wird sie gewiss
einen Ehrenplatz einnehmen.
In diesem Blog werden montags selbst verfasste Gedichte veröffentlicht und je nach Anlass Gedanken übers Zeitgeschehen festgehalten. Im Ganzen behandelt der Blog Ansichten und Eindrücke über Politik, Gesellschaft, Alltag, Liebe und (Pop-)Kultur. Respekt, Hoffnung, Nachdenklichkeit, Friedensfähigkeit und Menschlichkeit werden diesen Blog kennzeichnen.