Pressemitteilungen der NatWiss: „Widerstand gegen NATO-Manöver DEFENDER 20“ und „Antifaschismus ist gemeinnützig“

Widerstand gegen NATO-Manöver DEFENDER 20 formiert sich

Im April und Mai 2020 plant die NATO eines der größten Manöver von Landstreitkräften in Europa seit Ende des Kalten Krieges. Mit insgesamt 37000 Soldatinnen und Soldaten aus 16 NATO-Staaten sowie aus Finnland und Georgien wird eine neue Dimension umweltschädigender militärischer Aktivitäten erreicht. Bis zu 20000 US-GIs mit entsprechendem schwerem Gerät werden über den Atlantik und anschließend quer durch Europa an die russische Grenze transportiert. Ziel des Manövers ist neben der Zurschaustellung militärischer Überlegenheit die Demonstration einer blitzschnellen Verlegung kampfstarker Großverbände aus den USA an die NATO-Ostflanke.  Deutschland wird zur Drehscheibe der Truppenverlegungen mit dem neuen Joint Support and Enable Command der NATO in Ulm, den Umschlaghäfen Bremerhaven und Nordenham sowie den Convoy Support Centern in Garlstedt (Niedersachsen), in Burg (Sachsen-Anhalt) und auf dem sächsischen Truppenübungsplatz Oberlausitz. Geleitet wird das Manöver über das EUCOM in Stuttgart. Operativ zuständig für Transport und Manöver ist das US-Heereskommando Europa in Wiesbaden. Die Echtzeit-Datenübertragung und ergänzende Lufttransporte erfolgen über die US-Air Base Ramstein. Während der Transporte wird es zu schweren Einschränkungen des Straßen- und Schienenverkehrs entlang der Transportstrecken kommen. Die Bundeswehr hat bereits vorsorglich mit der Deutschen Bahn AG eine Vorfahrtsregel für das Militär vereinbart.

Ein dazu passendes Buch (meine Rezension) von Wolfgang Bittner. Cover via ZeitGeist

Die Größe und der Ort des Manövers stellen eine Provokation gegenüber Russland dar und bergen die Gefahr einer möglichen direkten Konfrontation zwischen militärischen Verbänden von NATO und Russland in sich. Auch der Zeitpunkt wurde nicht zufällig gewählt: während des Manövers jährt sich die Befreiung Europas vom Faschismus vor allem durch die Soldaten der Roten Armee zum 75. Mal. Ein geschichtsvergessenes Signal an den ehemaligen Verbündeten. Während überall auf dem Kontinent über die Eindämmung der lebensbedrohenden Umweltzerstörung diskutiert wird, praktiziert der größte Umweltzerstörer Militär unbeeindruckt seine Rituale.

Am Sonntag fand in Leipzig eine erste erfolgreichen Aktionsberatung gegen DEFENDER 20 statt, die mit über 100 Teilnehmern alle Erwartungen übertraf. Auf der Tagesordnung stand unter anderem die Vernetzung der Menschen der betroffenen Regionen. In lebhaften Diskussionen wurden Ideen zu möglichen Protestaktionen entwickelt und ihre Umsetzung vorbereitet. Diese reichen von der Aufklärung der Zivilbevölkerung und der Militärs mit Verteilaktionen an Bahnhöfen und Transparenten an Brücken über eine Mahnwachen-Stafette an der gesamten Strecke und Aktionen des zivilen Ungehorsams bis hin zu rechtlichen Schritten. Die Aktionen sollen geprägt sein von Vielfalt und Kreativität. Einer der Höhepunkte der Aktionen soll eine gemeinsame Kundgebung und Demonstration an einem zentralen Ort des Transportkorridors wie Magdeburg oder Cottbus werden. Darüber hinaus wurden grenzüberschreitende Aktionen z.B. in Forst oder Görlitz angedacht. Weitere Vernetzungstreffen finden am 18. Januar für den Nordraum in Hamburg und am 26. Januar erneut in Leipzig statt.

Die Einlader des Leipziger Treffens

Dr. Helga Lemme (Aufstehen! Sachsen)
Silke Jehnert (attac Halle)
Reiner Braun (NatWiss e.V.)
Edgar Kürschner (BI OFFENe HEIDe)
Mike Nagler (attac Leipzig)
Torsten Schleip (Bundessprecher DFG-VK)

Antifaschismus ist gemeinnützig

Mit großer Besorgnis um die demokratische Kultur, die Aufklärung und den antifaschistischen Konsens des Grundgesetzes hat die NaturwissenschaftlerInnen-Initiative die Aberkennung der Gemeinnützigkeit der Bundesvereinigung der VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) zur Kenntnis genommen.

Das Internationale Auschwitz Komitee hat diesen Vorgang zu Recht als Skandal bezeichnet, der das europäische Engagement gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus erheblich schwächt. Wir protestieren entschieden gegen diese Aberkennung. Die wichtige aufklärerische Bildungsarbeit der VVN-BdA leistet angesichts wachsender rechtsradikaler und faschistischer Gefahren einen unverzichtbaren Beitrag zur Stärkung der Demokratie.

Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano ist bestürzt über die Aberkennung der Gemeinnützigkeit für VVN-BdA und tief besorgt. „Das Haus brennt – und Sie sperren die Feuerwehr aus!“, schrieb die 94-jährige Ehrenvorsitzende der VVN-BdA in einem offenen Brief an Finanzminister Scholz. Foto: C. Stille

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es beunruhigend, dass einzelne Finanzämter bestimmten Organisationen wie Attac oder VVN-BdA die Gemeinnützigkeit absprechen, deren Beitrag zu einem demokratischen, friedlichen Umgang miteinander außer Frage steht. Diese Werte sind die Grundlage wissenschaftlicher Arbeit.

Die Berufung des Finanzamtes Berlin auf den Bayerischen Verfassungsschutz ist äußerst fraglich. Dessen Glaubwürdigkeit steht seit den bis heute nicht aufgeklärten Verbindungen von Verfassungsschutzämtern mit den rassistischen Gewalttaten des NSU in Frage. Die Gründe der Aberkennung erscheinen uns fadenscheinig und, wenn gleichberechtigt angewandt, müssten sie ebenso für Institutionen wie die Bertelsmann Stiftung oder der BDI (Bundesverband der deutschen Industrie) gelten, deren Gemeinnützigkeit bis heute von keinem Finanzamt in Frage gestellt wurde.

Demokratie, die Freiheit und Unversehrtheit der Menschen, leben von demokratischem Engagement. Organisationen wie der VVN-BdA stehen für dieses Engagement. Deshalb fordern wir die uneingeschränkte Anerkennung der Gemeinnützigkeit.

Quelle: NatWiss

Rezension: „Der neue Mensch“ von Cyril Moog – Da klatscht einen der Mantel der Geschichte um die Ohren

Das Buch ist ein Brummer. Es brummt darin nur so von Geschichte. Erzählt wird sie innerhalb des interessanten historischen Zeitraums von 1917 bis 1923 in dem vierhundert Seiten umfassendem Wälzer – welcher, dies sei schon mal verraten und von mir verbürgt: an keiner Stelle auch nur im Ansatz langweilig wird – anhand der unterschiedlichen Lebenswege zweier aber doch immer irgendwie verbundener junger Menschen namens Anna und Heinrich.

Apropos Geschichte: Potentielle LeserInnen dieses glänzenden, fesselnden Romans, die meinen, die Geschichte in- und auswendig zu kennen, sich ein bestimmtes Weltbild gezimmert haben oder selbiges sich auf die eine oder andere Weise haben zimmern lassen, seien vorgewarnt: Ihr Welt(Geschichts-)bild könnte Kratzer bekommen oder im schlimmsten Falle sogar einstürzen.

Bevor dieser Roman mit seiner brisanten Story völlig unerwartet in mein Leben trat (zugegeben: ich hatte weder von dem Buch selbst, noch seinem Autoren Cyril Moog zuvor je etwas gehört), kam der kürzlich im Westend Verlag als Nachdruck des vor über 100 Jahren von Halford John Mackinder gehaltene Vortragstext „Der Schlüssel zur Weltherrschaft. Die Heartland-Theorie“ (mit einem Lagebericht von Willy Wimmer) zur Rezension auf meinen Schreibtisch.

Das Brisante, das hinter der Herzland-Theorie („The Geographical Pivot of History“), vorgetragen von Mackinder am 25. Januar 1904 vor der Royal Geographical Society in London) steckt und auf durchaus erschreckende Weise heute bei geostrategischen Überlegungen bestimmter Mächte noch immer eine üble Rolle spielt, verarbeitete auch Cyril Moog in seinem Roman! Dahinter steht nämlich die nicht von der Hand zu weisende Überlegung: Wer dieses Herzland beherrscht, beherrscht die Welt. Und George Friedman sagte es ja vor ein paare Jahren frei heraus: Die USA ist sein hundert Jahren bestrebt zu verhindern, dass Russland und Deutschland gute Beziehungen haben.

Auch die Frage, ob Deutschland der Alleinschuldige am Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist, lässt sich nach der Lektüre nicht mehr so sozusagen wie aus der Pistole geschossen beantworten. Geschichte ist auch hier immer ein wenig komplexer, als es manches Geschichtsbuch – oft verkürzt und interessengeleitet – uns erzählt. Sowie ohnehin von den Siegern geschrieben.

Heinrich von Trott kommt aus eben diesem Ersten Weltkrieg. Dort hat er Schlimmes erlebt, dass ihn in immer wieder auch in Alpträumen verfolgt. Geradewegs sozusagen stolpert dieser junge Mann aus dem Welt- in einen aufziehenden Bürgerkrieg. In die Münchner Revolution. Die Räterepublik. Wieder gerät er ins Gefecht. Auf der Seite der Freikorps geht es gegen die „Novemberverbrecher“. Heinrich trifft auf Personen der Zeitgeschichte, die später auch in der Zeit des heraufziehenden Faschismus in Deutschland eine Rolle spielten. Unter anderen auf Adolf Hitler. Erlebt, wie dieser von manchem nicht ernst genommene Mann zum Führer aufgebaut wird. Revanchismus zieht herauf. Dahinein gerät der Kriegsheimkehrer Heinrich und erlebte die Vorgeschichte des Faschismus beim bayerischen Militärgeheimdienst.

Beide – Anna wie Heinrich – triggert sozusagen diese Münchner Räterepublik. Allerdings auf ganz unterschiedliche Weise. Heinrich ist voller Wut auf die „Bolschewisten“, die seiner Meinung nach ein Sowjetdeutschland offenbar nach dem Vorbild der Sowjetunion schaffen wollen und marschiert diesbezüglich angestachelt mit den Freikorps in den Häuserkampf.

Unter den Aufständischen trifft Heinrich auf einmal wieder auf Anna, an die er im Krieg stets hatte denken müssen. Beide kennen sich von Kindesbeinen an.

Anna ist ganz anders unterwegs. Sie glaubt, emotionalisiert in den Tagen Revolution, an einen Aufbruch in eine neue, bessere Zeit, ist begeistert von Anarchie und Avantgarde. Bald trennen sich Annas und Heinrichs Wege wieder.

Anna trifft mit den Revolutionären Ernst Toller und Gustav Landauer zusammen. Später am Lago Maggiore und anderswo trifft sie auf Künstler und lernt freie Lebensformen, frei ausgelebte Sexualität, sowie Frauen, die selbstbewusst ihre Rechte einfordern, kennen. Alles was mit Kunst und Literatur in Zusammenhang steht, saugt Anna begierig auf.

Der Verlag Zeitgeist fasst kurz und bündig zusammen: „Auf ihrem Weg von München über Berlin nach New York, Detroit“ (wo Heinrich auf Henry Ford trifft; C.S) und zurück kommt es zu überraschenden Wendungen, zudem begegnen ihnen zahllose Größen jener Zeit, etwa im Café Größenwahn, bei konspirativen Treffen diverse Bruderschaften, auf der 2. Internationalen Eugenik-Konferenz, im Harlemer Jazzclub oder auf dem Monte Veritá. Und langsam wächst bei beiden ein tieferes Verständnis von den Wirkmächten hinter dem Weltgeschehen, die auch ihre Geschicke zu lenken suchen …“

Apropos Eugenik! Beim Lesen der entsprechenden Stellen im Buch fiel mir Hermann Ploppas Buch „Hitlers amerikanische Lehrer“ ein. Dazu findet man – ohne freilich die einzigartigen Gräueltaten des faschistischen Hitler-Regimes in irgendeiner Weise damit entschuldigenn zu können oder zu wollen zum Buch Folgendes:

Ist tatsächlich der Nationalsozialismus mit all seinen schrecklichen Auswüchsen ein rein deutsches Produkt? Der Autor weist anhand von bislang unbekannten Dokumenten nach, dass viele Elemente des Nationalsozialismus aus Bestrebungen hervorgingen, die in den USA bereits seit der Wende zum 20. Jahrhundert Mainstream waren: z.B. die Ideologie der nordischen Herrenrasse oder die »Eliminierung Minderwertiger«. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurden in vielen Staaten der USA Gesetze zur Sterilisierung oder Kastration »Minderwertiger« in Kraft gesetzt.

Und nicht nur das: Im Jahre 1914 erarbeiteten US-Regierung, angesehene Stiftungen wie Carnegie oder Rockefeller sowie die besten Wissenschaftler amerikanischer Universitäten ein detailliertes Rassenaufartungsprogramm nicht nur für die USA, sondern für die gesamte Menschheit. Nach diesem Plan sollten bis zum Jahre 1985 allein in den USA 45 Millionen »Minderwertige« »eliminiert« werden.

Adolf Hitler hat dieses Programm in Mein Kampf mit Eifer propagiert. Hitler hat auch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er den US-Amerikanern Henry Ford, Madison Grant und Lothrop Stoddard entscheidende Anregungen verdankt.

»Wenn Amerika grundsätzlich dem Niedergang der Nationen entgehen will, muss es gute Amerikaner züchten. Eugenik muss unsere religiösen und moralischen Werte durchdringen.« Eugenics Record Office

»Die Gesetze der Natur verlangen die Auslöschung der Ungeeigneten. Und menschliches Leben ist nur dann wertvoll, wenn es für die Gemeinschaft oder die Rasse von Nutzen ist.« Madison Grant
»Entartung beeinträchtigt nicht bloß die Gesellschaft, sie bedroht ihre Existenz als Ganze . Entartung kann nur durch die Beseitigung der Entarteten ausgetilgt werden.«
Lothrop Stoddard

»So wie die Natur das schädliche Element im Fleisch in eine Zyste einbindet, indem sie eine Mauer drumherum baut; so haben es auch die Nationen passend gefunden, mit dem Juden zu verfahren. In der modernen Zeit jedoch fand der Jude Mittel, um die Mauer niederzureißen und das ganze nationale Gebäude in Verwirrung zu stürzen und in der Dunkelheit und dem Gerangel, das folgte, den Platz zu ergattern, den er schon so lange begehrte.« Henry Ford

»Ein Teil der eugenischen Politik würde uns endlich zu einem ausgiebigen Gebrauch der Tötungskammer führen. Eine große Anzahl Menschen müsste aus dem Leben gebracht werden, ganz einfach, weil es die Zeit von anderen Menschen vergeudet, sich um sie zu kümmern.« George Bernard Shaw“

Annas und Heinrichs Leben sind auf bestimmte Weise über ein unsichtbares Band verbunden. Ganz anders als sie es lange selbst vermutet hätten. Die Spannung wird aufrechterhalten. Mit Anna und Heinrich zusammen wird den LeserInnen klar, ob es wirklich Zufälle waren, die die beiden an unterschiedlichen Orte diesseits und jenseits der Großen Teichs zusammenführten.

Der Roman ist spannend von der ersten bis zu letzten Zeile. Die Kapitel sind meist nicht allzu lang. Doch nach jedem will man wissen wie es weiter geht und es fällt einen äußerst schwer die Buchdeckel zuzuklappen und die Lektüre längere Zeit zu beenden.

Cyril Moog hat nicht nur eine spannende, brisante und einen als Leser wirklich bis zum Romanende aufwühlende Geschichte geschrieben, sondern Historie, – in ihrer Tragweite bis ins Heute nachwirkend-, gekonnt in die mitreißende Handlung eingebettet, vor unseren Augen aufscheinen lassen.

Eine unglaublich umfassende Arbeit hat Moog da vorgelegt. Für „Der neue Mensch“, der Auftakt zu einer Romanreihe, hat der Autor sieben Jahre recherchiert. Und er hat zu diesem Behufe unfassbar viele Quellen (sie alle sind nachvollziehbar auf mehreren Seite am Ende des Buches aufgeführt) studiert. Cyril Moog hatte die klug zu nennende Idee die Geschichte in einem Roman zu verpacken. Durchaus vorstellbar ist, diesen Roman eines Tages zu verfilmen.

Für uns LeserInnen hat sich das gelohnt. Entstanden ist sozusagen (auch) ein wahres (in keiner Weise trockenes) Geschichtsbuch mit einer gekonnt erzählten, uns mitfühlen und mitleiden lassenden Lebensgeschichte zweier junger Menschen darin, inmitten der damaligen Wirren. Der Mantel der Geschichte umflattert uns: Klatscht uns manchmal schmerzlich mit den Buchseiten, die wir begierig umblättern, um die Ohren. Wir müssen hinterher auch überlegen, ob Teile der Geschichtsschreibung nicht eigentlich überdacht und hier und da neu erforscht werden müssten. Und nach der Lektüre blicken wir hinaus ins Heute: und müssen uns eigentlich aufgeschreckt fragen: Geschieht nicht gegenwärtig schon wieder Ähnliches? Geschichte mag sich nicht wiederholen. Dennoch kann man man sich durchaus an Egon Bahr erinnert fühlen. Zu SchülerInnen sagte der Sozialdemokrat 2013: „Ich, ein alter Mann, sage euch, dass wir in einer Vorkriegszeit leben.“ (Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung)

Das Buch ist ein wahrer Brummer! Und es brummt dessen Story und die Geschichte in einem gewissenmaßen nach.

Titel: Der neue Mensch
Untertitel: 1917–1923
Autor: Cyril Moog
Genre: Roman
Umschlag: Broschiert (mit Klappen)
Seiten: 504, mit 3 Abb.
Format: 13 x 21 cm
Erscheint am: 15. Feb. 2018
ISBN: 978-3-943007-13-8
Preis: 19,80 €

Anbei gegeben (via EingeschenktTV)

Buchempfehlung – Wolfgang Bittner: „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“. Ein packend erzähltes deutsches Lebensbild

Wolfgang Bittner, in Göttingen lebende Schriftsteller und Publizist, ist mir in den vergangenen Jahren vor allem als kritischer und brillant analysierender und sachlich argumentierender politischer Kommentator aufgefallen. Dass ich ihn nun durch sein jüngstes Buch „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“ als Romancier wahrnehmen durfte ist eine wirkliche Bereicherung! Obwohl mir wenig Zeit zum Lesen zur Verfügung stand, nutzte ich die verbliebene, abgezwackte, um immer wieder in Bittners Roman abzutauchen. Die darin erzählte Geschichte ließ – die Schilderung der Lebenswelten der um Buch vorkommenden Protagonisten ließen – mich einfach nicht los.

Als Leser hinein gesogen in eine vergangene Zeit, lebt man quasi die Lebensumstände einer deutschen Familie in Oberschlesien mit durch

Derart hinein gesogen in den Roman und eine Zeit, von welcher man durch Geschichtsunterricht und diversen Dokumentationen, anderen Büchern und Spielfilmen vieles zu wissen glaubt, packte – ließ mich ein ums andere Mal nur schwer wieder los.

Schon steckte man in einer Landschaft, Oberschlesien, einer geografischen Gegend fest und lebte quasi das Leben des Romanpersonals mit als gehöre man im weitesten Sinne zu deren Familien.

Man erlebt als Leser die Lebensumstände einer relativ gut situierten deutschen Familie und deren Zeitgenossen in Oberschlesien anfangs der 1940er Jahre, dem Kohlerevier und Industriegebiet. Ein Landstrich, der damals unter dem geografischen Begriff „Ostdeutschland“ verbucht gewesen war. Zunächst ist noch alles gut. Auf dem Land gibt es Hirschbraten, Kaffee und Kuchen. Klappentext: Im Volksempfänger spricht Adolf Hitler von Siegen. Doch immer öfters heißt es: „…für Führer, Volk und Vaterland gefallen.“

Das Kind versteht nicht alles um ihn herum passierende, reimt sich aber einiges zusammen

Wiedergegeben, erinnert, wird das Leben der Menschen, dieser deutschen Familie, via der vom Autor „das Kind“ genannten Person (mit fortgeschrittenem Alter Junge genannt). Da Kind, geboren in einer gutbürgerlichen Familie in Gleiwitz. Was dessen Augen und Ohren so mitbekommen haben, erfahren wir LeserInnen. Das Kind, welches vieles sieht und manches aus den Mündern der Erwachsenen hört – jedoch so einiges davon nicht oder noch nicht verstehen kann. Aber einiges sich zusammenreimt.

Geschichtsstunden am laufenden Band

Das ist Zeitgeschichte pur! Geschichtsstunden am laufenden Band. Gleiwitz im Jahre 1943. Spannend erzählt. Politische Umstände – teils auf vergangenen geschichtlichen Ereignissen fußende brisante Gegensätze – werden kenntlich und die Verhältnisse der damaligen Zeit, sowie das dazu gehörige gesellschaftliche Klima werden plastisch gemacht. Debatten in der Gastwirtschaft es Großvaters. Auch Schlägereien zwischen Grubenarbeitern und SA-Leuten finden dort statt. Kommunisten werden zusammengeschlagen. Will man nicht selbst in so etwas hineingeraten, hält man lieber den Mund. Dem Naziregime nicht genehme Leute werden von der Gestapo abgeholt und tauchen schwer verprügelt – wenn überhaupt – wieder auf. Man hört, es gebe Konzentrationslager. Juden „verschwinden“. All das Erzählte wiederum geht Verbindungen mit den eignen Geschichtskenntnissen ein und vermag so den eignen Geschichtshorizont durchaus hier und da noch mit Aha-Effekt zu erweitern.

Das Unheil, der Weg in die Katastrophe nimmt seinen Lauf

Im Westen Deutschland hagelt es Bomben. Doch bald schon wird auch Oberschlesien vom Krieg ereilt. Die Hölle des Krieges naht mit der näher rückenden Front. Und damit auch die Rote Armee. Die gehen mit den deutschen Feinden, die ihr Land verwüsteten und so viele Familienmitglieder und Freunde massakriert haben nicht gerade zimperlich um. Schlimm. Aber verständlich: 27 Millionen Tote hat Hitlerdeutschland in der Sowjetunion auf dem Gewissen. Es erfolgen Angriffe auf die Häuser des Ortes. Dass dies bange erlebende Kind inmitten der vom ihm erspürten Angst der Erwachsenen. Tante Franziska wird von einem sowjetischen Soldaten vergewaltigt. Das Unheil, der Weg in die Katastrophe nimmt seinen Lauf.

Im Detail tief berührend, beschreibt Wolfgang Bittner die Vertreibung aus Oberschlesien

Schließlich übernimmt Polen 1945 die Verwaltung der deutschen Ostgebiete. Euphemistisch auch „Umsiedlung“ geheißen beginnt die Vertreibung von Millionen Deutschen. Unter ihnen die Mutter und das Kind. Nur wenig Gepäck dürfen die Menschen gen Westen mitnehmen. In stinkenden Güterwaggons und später auch auf Dächern nur sporadisch fahrender Züge geht es schweren Herzens weg von der Heimat. All dies beschreibt Wolfgang Bittner im Detail tief berührend, dass man als Leser meint, unmittelbar dabei zu sein.

Schwerer Neubeginn im Westen

Endlich kommen Mutter und Kind hungrig der norddeutschen Stadt an, wo der Vater schwer verwundet im Lazarett liegt. Sie sind mitten in den unerbittlich eiskalten Steckrübenwinter von 1946 geraten.

Die zusammengeführte Familie muss mehrere Jahr in einem Barackenlager wohnen. Die aus dem Osten vertriebenen Menschen müssen erleben, dass sie vor Ort in Norddeutschland nicht willkommen sind. Sie werden nicht nur skeptisch beäugt, sondern auch mit Schimpfworten wie „Polacke“ und „Rucksackgesindel“ bedacht.

Der Junge muss nicht nur in der Schule erleben, dass einstige Nazis in der von den Alliierten verordneten Demokratie nur eine Wende vollzogen haben. Schon wieder sitzen sie auch an anderen Hebeln der Macht. Als sei nichts geschehen.

Das Kind, die Familie muss die erlittenen Wunden überwinden. Die Mutter agiert zunehmend selbstbewusster. Sie hat führt regelmäßig einen „Salon“, welchen sie in der provisorischen Wohnküche ins Leben gerufen hat. Dort wird mit Nachbarn und anderen interessierten Leuten über Gott und die Welt kontrovers disputiert und debattiert.

Wirtschaftswunder und Kalter Krieg

Den Menschen geht es zunehmend besser. Mit der Währungsreform und der Gründung der BRD (die DDR gründet sich später in Folge) wird die Spaltung Deutschlands zementiert. Dabei hatte doch Stalin vorgeschlagen, ein vereinigtes, aber neutrales Deutschland, zu ermöglichen. Konrad Adenauer wird von den Alliierten unterstützt mit nur einer Stimme Mehrheit Bundeskanzler. Hans Globke, Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, darf unter Adenauer Chef des Bundeskanzleramtes werden

Das sogenannte „Wirtschaftswunder“ kommt ins Rollen. Davon profitiert auch die Familie des Jungen. Aber gleichzeitig wird – vor allem von den USA – der Kalte Krieg befeuert. Die von den Westalliierten abhängige BRD ist Frontstaat zur DDR, respektive zur Sowjetunion, dient als gefülltes Schaufenster für die DDR-Bürger. Die Sowjetunion ihrerseits hat das Sagen über die DDR hat. Wieder einmal – nach Hitler – ist die Sowjetunion das Feindbild. Und heute? Daran wird man beim Lesen von Bittners Roman erinnert: ist es schon wieder Russland der aufgebaute Feind. Mit Putin, der ständig dämonisiert wird.

Was war, worum es ging. Wolfgang Bittner hat auch wacker gegen „Gedächtnislöcher“ angeschrieben

Es ist gut, dass Wolfgang Bittner in seinem Roman den damaligen Geschichtsverlauf, die bestimmende Politik, mittels des von ihm erzählten Lebens seiner Protagonisten eingebettet hat, um zu verdeutlichen, worum es ging. Manches ist heute nämlich vergessen, bzw. vergessen gemacht, damit die bevorzugten Narrative auch stimmen. In anderem Zusammenhang sprach Ex-DDR-Kundschafter Rainer Rupp („Topas“) in einem Interview von einem „Gedächtnisloch“. Das passt auch hier. Die „gerittenen“ Narrative wiederum bestimmen auch das Heute wieder auf vermutlich verhängnisvolle Weise – wie sich denken lässt. Sagen wir mal so: Da wird dem Leser doch einiges klar, was möglicherweise hinter einer geschickt aufgebauten Nebelwand verborgen wurde.

Der Großvater als Vorbild des Jungen. Auch wird einer werden, der niemals aufgeben wird

Der Junge besucht einen Großvater bei Göttingen. Der ist Lehrer und hat nachdem er im Oberschlesien der Nazizeit den Schuldienst verlassen musste wieder eine Stelle an einer Schule gefunden. Der Junge hat ihn besucht. Im Zurückdenken hat der Junge „den Großvater vor Augen, wie er im Wilhelm-Busch-Dorf aufs Fahrrad steigt und ihm zuruft: ‚Banausen und Spießbürger, wohin man blickt’“ (S.351). Der Junge versteht: „Auch einer von denen, die niemals aufgeben, denkt der Junge.“ Man versteht, was ihn künftig beschäftigen wird, worin er seine Aufgabe sieht. Aus dem Traumatisierungen der Vergangenheit und dem im Jetzt in der Nachkriegszeit Erlebten wird er seine Schlüsse ziehen. Es wird ihm ums Aufklären der Menschen zu tun sein, die nicht so denken wie er.

Er ist mit sich im Reinen. Läuft „den hellen Sandweg entlang durch die grünen Felder und in den schattigen Waldweg hinein.“ Und so schließt denn das Buch auch: „Das Herz ist leicht, der Kopf so frei, und unabhängig. Um ihn her der herrliche, der duftende, blühende Wald. Und alles, alles ist gut.“

Unbedingte Leseempfehlung!

Wolfgang Bittner bislang als Romancier nicht wahrgenommen zu haben, bedauere ich. Aber man kann ja nachholen. Ihm ist mit dem hier besprochenen Buch ein lebendiges, packend geschriebenes Geschichtsbuch gelungen. Unbedingte Leseempfehlung! Als Leser wird man von der ersten Zeile in die schönen wie die schlimmen Erlebnisse der vorkommenden Personen förmlich hinein gesogen und damit sozusagen Seite für Seite mit fortgetragen. Muss man dann den Lesefluss doch einmal unterbrechen, greift man bei nächster sich bietender Gelegenheit dann doch bald abermals zu Bittners hervorragend geschriebenem Roman und verschwindet alsbald in ihm, um zu wissen, wie es weitergeht. Schön, dass man dabei dann doch das „Draußen“ – die Gegenwart – nicht vergisst. Sogar daran erinnert wird. Gedankenblitze lösen Bittners Zeilen immer mal wieder aus. Denn, dass heute „alles, alles gut“ ist, lässt sich nun beileibe nicht behaupten …

Nebenbei bemerkt fühlte ich mich beim Lesen von Bitters hervorragendem Roman an die Trilogie „Der Irrtum“ von Lutz Jahoda erinnert. Dort werden exzellent von Jahoda beschrieben ähnliche Sachverhalte verhandelt. Aus dem Klappentext: „Gegen das Vergessen, für Vernunft, Toleranz, Menschlichkeit und Freundschaft. Heimliche Schutzengel waren Ausgesperrte in Hitlers Reich, und die irdischen Vertreter dieser Gattung hatten Seltenheitswert. Augenzeugen werden bald aus dieser Welt sein. Lutz Jahoda- einer unter den Letzten- erzählt die spannende Geschichte des Josef Vzor, seiner Söhne, Freunde und Feinde in einer Zeit, die kein Erbarmen kannte und dennoch heimliche Inseln der Güte und Liebe hatte.“ Mehr über „Der Irrtum“ hier auf meinem Blog.

Titel:

Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen

Untertitel:

Ein deutsches Lebensbild

Autor:

Wolfgang Bittner

Genre:

Roman

Aufmachung:

Gebunden mit Schutzumschlag

Umfang:

352 S.

Erscheint am:

25. März 2019

ISBN:

978-3-943007-21-3

Preis

21,90 €