Karl Schenk Graf von Stauffenberg fordert mehr demokratisches Engagement: „Der Staat sind wir alle“

Wie Rechtsextremismus und menschenfeindlicher Hetze am Besten zu begegnen sei und was diesbezüglich von Claus Schenk von Stauffenberg zu lernen wäre, darüber wurde in der Auslandsgesellschaft Dortmund gesprochen. Zu Gast war der Enkel des Hitler-Attentäters Karl Schenk Graf von Stauffenberg. Einig war man sich, dass sich der Einzelne mehr in die Demokratie einbringen und die Stadtgesellschaft positive Zeichen setzen muss.

In den letzten Jahren hat sich die politische Kultur nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa sehr verändert. Durch die Anonymität sozialer Medien ist menschenfeindliche Hetze alltäglich und auf erschreckende Weise sozusagen salonfähig geworden. Der rechtsterroristische Anschlag in Halle am 9. Oktober verdeutlicht, welche Konsequenzen dieses veränderte Klima haben kann und unterstreicht die Notwendigkeit von zivilem Widerstand in der heutigen Zeit.

Stauffenberg zu heißen ist kein Privileg, sondern eine Verpflichtung“

Das war Thema bei einer Veranstaltung von Multikulturelles Forum e.V. in der Auslandsgesellschaft in Dortmund. Um Widerstand gestern und heute ging es dort bei einem Vortrag von Karl Schenk Graf von Stauffenberg, dem Enkel von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, dessen Bombenattentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 scheiterte. Dem Vortrag, welchem sich eine Podiumsdiskussion anschloss, war der Titel „Stauffenberg zu heißen ist kein Privileg, sondern eine Verpflichtung“ gegeben worden.

Karl Schenk von Stauffenberg zeichnete ein Bild von seinem Großvater und der Zeit in der aufwuchs und lebte

Dem Gast aus Franken war freilich klar, dass ZuhörerInnen auch gekommen waren, um etwas über seinen Großvater erfahren, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 75. Mal jährte. Dabei ging es ihm, wie er sagte, auch darum mit einen oder anderen Legende aufzuräumen bzw. Sachverhalte aus Sicht der Familie darzustellen. Zu diesem Behufe zeichnete Karl Schenk von Stauffenberg zunächst einmal ein Bild der Menschen, die mit dem Attentat auf Hitler im Zusammenhang standen. In letzter Zeit sei sozusagen eine „dunkle Wolke über die Offiziere des 20. Juli, die Offiziere des Widerstandes“ heraufbeschworen worden. Es habe geheißen, diese Offiziere hätten nicht aus Gewissensgründen gehandelt, sondern deshalb, „weil Adolf Hitler ein schlechter Feldherr gewesen und der Krieg augenscheinlich schon verloren sei“ und sie mit diesem Attentat „schlimmeres von deutschen Volk“ hätten abwenden wollen. Selbst wenn es wirklich so gewesen wäre, so Von Stauffenberg, wäre das ja auch nachvollziehbar.

Karl Schenk Graf von Stauffenberg. Foto: Alexander Völkel.

Notwendig wäre, so der Gast, erst einmal zu schauen, was diese Reichswehr- und später Wehrmachtsoffiziere anfangs des 20. Jahrhunderts für Menschen gewesen sind. In erster Linie seien sie eben Offiziere und mit meisten anderen Menschen nicht zu vergleichen gewesen wären. Als Berufssoldaten hatten sie apolitisch zu sein und deshalb während der Weimarer Republik noch nicht mal über ein Wahlrecht verfügt. Dies alles bedenkend, sei über seinen Großvater zu sagen: ein Demokrat war er nicht. „Aber“, gab Stauffenberg zu bedenken, „nicht jeder Nichtdemokrat ist gleichzeitig ein Nazi gewesen“. Ein Held sei sei Großvater nicht gewesen.

Der Großvater wuchs am Hof des Königs von Baden-Württemberg auf – wo der Urgroßvater Kammerherr gewesen sei -, wo er zusammen mit den Königskindern im Königsschloss in Stuttgart spielte.

Dann sei er unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs mit 18 Jahren Soldat geworden. Der Großvater habe erlebt, dass mit der Weimarer Republik der erste deutsche Demokratieversuch gescheitert war. Dann kam 1933 und Hitler an die Macht. Das erste, was Hitler tat, war den Versailler Vertrag von 1918 zu kündigen. Das sei bei den Deutschen auf große Zustimmung gestoßen. Denn dieser Vertrag hatte dazu geführt, so Stauffenberg, „dass Deutschland seiner Schätze beraubt wurde“. Das Ruhrgebiet etwa war von den Franzosen besetzt und die hier abgebaute Kohle ging nach Frankreich. Das Saarland war von Frankreich annektiert.

Claus Schenk von Stauffenberg habe die Kündigung des Versailler Vertrags wohl begrüßt, sei aber dennoch „kein Freund des Nationalsozialismus, so wie wir ihn heute kennen“, sondern „ein königstreuer Mensch“, ein sehr gläubiger Christ und musisch begabter Cellist gewesen, der eigentlich Architekt oder Musiker hätte werden wollen.

Auch habe er sehr unter dem Eindruck des damals sehr bekannten Dichters Stefan George gestanden.

Das müsse über seinen Großvater gewusst werden, merkte Karl Schenk Graf von Stauffenberg an. Und im jugendlichen Alter von 25 Jahren sei dieser gewiss noch kein Gegner von Hitler von Anfang an gewesen.

Allerdings gebe es in Reaktion auf den Überfall der Wehrmacht auf Polen „ein verbrieftes Zitat“ von seinem Großvater: „Jetzt macht der Narr Krieg.“ Als Soldat war er aber Befehlsempfänger und habe seine Arbeit machen müssen.

Stauffenberg fragt sich, warum es wieder extreme Parteien in unsere Parlamente schaffen

Schließlich ging Stauffenberg auf den derzeitigen gesellschaftlichen Zustand ein. Er fragte, wie wir eigentlich dazu kämen, dass „nach der Geschichte, die wir haben bzw. unsere Vorfahren hatten“ – heute weit an den politischen Rändern wieder extreme Parteien in unsere Parlamente schaffen.

Er sprach von zwei „Unrechtsstaaten“, die wir hinter uns hätten. Und meinte damit auch die DDR und kritisierte, dass eine Ministerpräsidentin und ein Ministerpräsident hierzulande diese nicht als „Unrechtsstaat“ sehen wollten.

Stauffenberg: Das Grundgesetz garantiert uns Freiheit – die aber hat eine Kehrseite

Wir alle, bemerkte der Gast, hätten in den vergangenen sieben Jahrzehnten kriegerische Auseinandersetzungen auf deutschen Boden nicht mehr erlebt. Das Grundgesetz garantiere uns Freiheit. Diese Freiheit habe aber auch eine Kehrseite: die Verantwortung des Einzelnen. Die Freiheit nähmen wir als eine Selbstverständlichkeit hin – sozusagen als „Naturgesetz“.

Karl Schenk Graf von Stauffenberg malte ein (im Vergleich zu anderen Ländern auf der Welt) ein äußerst positives Bild vom gegenwärtigen Deutschland. Und fragte sich, „wie man so unzufrieden sein kann mit dem was wir hier erreicht haben, dass man wiederum anfängt, Parteien zu wählen, die am liebsten um Deutschland herum eine Mauer bauen möchten“. Wir müssten doch alle etwas für unsere Gesellschaft tun. Doch diesbezüglich habe gewissermaßen unsere Politik ein bisschen Schuld. Die Parteien sagten: „Seid ihr mal frei und wir kümmern uns um den Rest“. Das könne gar nicht funktionieren.

Menschen, die sich nicht bemühten der Gesellschaft zurückzugeben, was diese ihnen als Hilfe gegeben habe, sollten sanktioniert werden. Das findet Stauffenberg gerecht

Dann präsentierte Stauffenberg das – wie er selbst zugab – „populistische Beispiel“ eines jungen Menschen, der „lieber vor seine Spielkonsole sitzt als in die Schule zu gehen“. Letztlich lande der ohne Schulabschluss und Lehrstelle in Hartz IV. Dort habe er sich gut eingerichtet. Dann käme irgendwann die Gesellschaft und die sage ihm, er habe die letzten Jahre auf Kosten der Gesellschaft gelebt und nun verlange man von ihm, dass er dieses Geld in Form von eigener Leistung zurückzugeben. Man sei nicht unsozial und gebe ihm einige Umschulungsmaßnahmen und später Vorstellungsgespräche. Der junge Mann habe aber letztlich keine Lust. Dann käme die Gesellschaft, in den Fall die Agentur für Arbeit, daher und kürze diesem jungen Mann sein Hartz IV-Satz. Stauffenberg: „Ist das gerecht? Ist das menschenunwürdig, wie bestimmte Politiker sagen? Ich behaupte, es ist gerecht.“

Er sei sehr wohl dafür Menschen im sozialen Netz aufzufangen. Aber es könne nicht zugelassen werden, Menschen zu finanzieren, die nichts für ihren Lebensunterhalt tun wollen, obwohl sie dies könnten. Das findet Stauffenberg „zutiefst ungerecht“.

Der Staat sind wir alle“

Ebenso wenig könne er verstehen, dass Leute nicht mehr wählen gingen.

Wir müssten doch verstehen, dass wir selber für unser Land Verantwortung trügen!

Warum, skandalisierte der Gast, gingen nicht zehntausende Menschen für unseren Rechtsstaat auf die Straße? Stattdessen müsse man Pegida erleben, die gegen Ausländer demonstrierten.

Wann gehe denn „die große Mitte“ – die Menschen, die mit dem Leben hier sehr zufrieden sind auf die Straße und sagten: „Wir lassen uns die öffentliche Wahrnehmung nicht von Extremisten wegnehmen!“

Überall in der Gesellschaft müssten wir extremistischen Meinungen vehement entgegentreten, forderte Von Stauffenberg. Wir müssten uns klarmachen und hätten ein Verantwortung zu übernehmen: „Der Staat sind wir alle!“

Mit Platon war Stauffenberg auch einer Meinung: „Wenn die Guten nicht kämpfen, gewinnen die Schlechten.“

Stauffenberg kann Forderungen nach Verstaatlichung und Enteignung nicht verstehen und erntete Widerspruch

Stauffenberg prangerte Menschen an, die grundgesetzwidrig laut darüber nachdenken dürften, ob man Unternehmen wie BMW verstaatlichen und kollektivieren sollte.

Auch gebe es „Leute vom linken Rand“, die laut darüber nachdächten, Wohnungsbaugesellschaften in Berlin zu enteignen. Stauffenberg habe da den „großen kollektiven Aufschrei unserer Gesellschaft“ vermisst: „Wir glauben es ist ungerecht, wenn Mieten in Berlin höher werden.“

Ein Herr aus dem Publikum fand diese Sicht „sehr vereinfacht und oberflächlich“ und, dass Stauffenberg die Auswirkungen des „Neoliberalismus völlig außer Acht gelassen“ habe. Überdies sei in Deutschland „die Schere zwischen arm und reich extrem auseinandergegangen“. Und auf das Beispiel mit dem Jungen mit der Spielkonsole anspielend, sagte der Herr: „Wir haben inzwischen sechzig Prozent prekär verdienende Menschen“. Auch habe der Staat Kontrolle und Grenzen aufgegeben, wie sie früher gegenüber Auswüchsen des Kapitalismus hätten Wirkung entfalten können.

Das sei schwierig geworden, so Stauffenberg, verwies auf die Globalisierung und meinte, das stünde auf einem anderen Blatt Papier.

Ob der Stauffenbergschen Einschätzung der Thüringen-Wahl bekam eine Dame Bauchschmerzen

Zur Thüringen-Wahl meinte Stauffenberg, „beide Ränder zusammennehmend“ hätten über fünfzig Prozent der WählerInnen dort Parteien gewählt, die in ihren Parteien Funktionsträger duldeten, die das System Deutschland verändern wollten, die „Nichtdemokraten, Nazis oder Kommunisten in ihren eigenen Reihen dulden“.

Eine Dame aus dem Publikum bekannte gegenüber dieser Aussage Bauchschmerzen bekommen zu haben. In Wirklichkeit habe man Bodo Ramelow in Thüringen ganz viel zu verdanken. Die AfD hätte ohne seine Person womöglich 30 oder sogar mehr Prozent bekommen. „Die Partei DIE LINKE aber mit der AfD in irgendeiner Weise in Zusammenhang zu bringen, dass ist nicht richtig“, wendete die Dame ein. Gerade in Richtung Chancengleicheit und Bildung habe sich die Partei in Thüringen stark gemacht.

Stauffenberg ruderte darauf leicht zurück: Er habe die Linke mit der AfD nicht in einen Topf schmeißen wollen. Aber eine Partei sei für ihn nicht wählbar, in ihren Reihen Funktionäre oder Mandatsträger habe dulde, die das System unserer Demokratie hier ablehnten. Einen Beweis dafür blieb Stauffenberg allerdings schuldig.

Podiumsdiskussion mit Micha Neumann (Projekt Quartiersdemokraten) und Alexander Völkel (Nordstadtblogger) zusammen mit dem Gast

Im der sich anschließenden Podiumsdiskussion wurde gemeinsam mit Micha Neumann (Projekt „Quartiersdemokraten“) und Alexander Völkel (Leitender Redakteur der Nordtstadtblogger) über aktuelle Formen des Widerstandes unter besonderer Berücksichtigung der Aktivitäten in Dortmund gegen Rassismus und Antisemitismus diskutiert.

Von Links: Micha Neumann, Moderatorin, Karl Schenk Graf von Stauffenberg und Alexander Völkel.

Alexander Völkel stellte bezüglich der von Karl Schenk von Stauffenberg Empörung über Forderungen nach der Enteignung von Wohnungsgesellschaften in Berlin zunächst einmal klar: Dass dort „massenhaft soziale und kommunale Wohnungen privatisiert und den Hedge-Fonds überlassen werden und Menschen aus ihren Quartieren verdrängt werden“. Und ihr Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können. Das gehöre auch zur Wirklichkeit. Aus Völkels Sicht sind das Auswirkungen einer verfehlten Politik „Privat vor Staat“, die sehr viele Probleme verursacht und wenig gelöst habe.

Auf die Entgegnung von Stauffenberg, einem privatwirtschaftlichen Unternehmen könne man schwer vorwerfen, wenn sie günstig Wohnungen kaufen darf, sie dann auch zu kaufen, „warf

Völkel ein: „Die sind für’n Appel und Ei verramscht worden.“

Stauffenberg: Verantwortung übernehmen, Despoten bekämpfen

Dann schwenkte die Runde auf das eigentliche Thema Widerstand ein. Karl Schenk von Stauffenberg sah es als unsere Aufgabe an, eingedenk der Tat seines Großvaters, Verantwortung zu übernehmen. Und zwar da, wo sie zwingend geboten ist, wie im Dritten Reich. Ein Despot, der der ganzen Welt Schaden zufügt müsse bekämpft werden. Seinen Großvater beschrieb er als ambivalente Person – wie wir alle welche seien -, die keine jungfräuliche Person gewesen, die ohne Sünde war.

Micha Neuman zur Erinnerungsarbeit in Dorstfeld

Was hinsichtlich dem bevorstehenden Gedenken angemessene Erinnerungsarbeit Dorstfeld zu leisten sei, darüber stand Micha Neumann vom Projekt Quartiersdemokraten Rede und Antwort. Am Freitag steht ja die Erinnerung an die Pogromnacht an. Am Mahnmal der ehemaligen Synagoge in Dorstfeld, wo sich einst ein Zentrum des Judentums befunden habe, werde am Freitag abermals eine Gedenkveranstaltung abgehalten. Neumann erinnerte daran, dass diese in den letzten Jahren von den im Stadtbezirk wohnenden Neonazis massiv angegriffen worden war. Es komme neben dem auf die Vergangenheit bezogenem Gedenken auch darauf an, eine Brücke zur Gegenwart zu schlagen und den Antisemitismus und Rassismus von heute zu thematisieren. In Schulklassen werde in diesem Sinne eine hervorragende Arbeit geleistet.

Die Stadtgesellschaft muss „positive Zeichen“ setzen, meint Alexander Völkel

Alexander Völkel meinte, es sei sehr wichtig zu hinterfragen, was all das heute mit uns zu tun habe. Dortmund habe ja eine sehr bunte Stadtgesellschaft. Auf die Nordstadt bezogen müsse gesagt werden, dass die erwähnte Geschichte im Zweifelsfall für sechzig bis siebzig Prozent der Bevölkerung im Stadtbezirk nicht die ihre ist, dennoch aber etwas mit ihnen zu tun habe. Bestimmte Ausgrenzungs- und Verfolgungsmechanismen seien nämlich dieselben – damals wie heute. Als Problem benannte Völkel Ritualisierungen und als Beispiel das städtische Gedenken am Volkstrauertag. In den letzten Jahren träten dort auch um die sechzig Neonazis in Erscheinung, die nach dem offiziellen Teil dort ihr „Heldengedenken“ abhielten. Auch der erste Mai werde von Neonazis mit dem Spruch „Arbeitsfrei seit 1933“ instrumentalisiert und somit missbraucht.

Da müsse die Stadtgesellschaft „positive Zeichen“ setzen. In dem Sinne, so Völkel, könnten auch positive Beispiele in Dortmund genannt werden, wie das mittlerweile gut etablierte Gedenken in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache und im Rombergpark das Karfreitagsgedenken für die in den letzten Kriegstagen von den Nazis ermordeten Kriegsgefangenen und politisch anders denkenden Menschen. Es existiere also eine gute Gedenkkultur in Dortmund, bei der junge Menschen als „Botschafter der Erinnerung“ eine hervorragende Rolle spielten. So werde der Wert der Demokratie deutlich gemacht.

Karl Schenk Graf von Stauffenberg ist vom Dortmunder Engagement gegen Rechts begeistert

Karl Schenk Graf von Stauffenberg engagiert sich im Verein „Mittendrin statt EXTREM daneben“, die eine eine Gemeinschaft von Menschen sein will, die mit demokratischen Mitteln gegen jegliche Form des Extremismus und Radikalität kämpfen.

Von dem Engagement gegen Rechts in Dortmund zeigte er sich begeistert. Dortmund sei wohl „so eine Art ideelle Insel im deutschen Großstadtdschungel, was er sehr bewundernswert finde. Das fände sich etwa in München in dieser Form nicht. Das sei etwas, dass er auch gerne mitnehme als Anregung von Dortmund.

Micha Neumann erklärte, dass habe ja auch mit einer sehr vitalen Neonaziszene hier in Dortmund zu tun, die in anderen westdeutschen Städten so nicht existiere. Aber ja, Dortmund habe mittlerweile ein Vorreiterrolle. Zeit etwa zehn Jahren werde im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus in Dortmund auch einiges an Geld investiert. Hier sei auch die erste Beratungsstelle für Opfer von rassistischer Gewalt eingerichtet worden. Auch gebe es andere Träger, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren. Neumann erinnerte daran, dass in Dortmund in der Vergangenheit bereits fünf Menschen – drei davon waren Polizisten – von Neonazis ermordet wurden. Micha Neumann zeigte sich empört darüber, dass in Deutschland Gelder für wichtige Präventionsarbeit befristet oder gar gestrichen werden.

Alexander Völkel: Rechtsextremismus und Linksextremismus nicht reflexartig gleichsetzen: „Wir haben seit 1990 zweihundert politische Morde von Rechts!“

Alexander Völkel erwähnte die Aussage eines CDU/CSU-Innenexperte im Bundestag, der nach dem als Mord mit rechtsextremen Hintergrund am CDU-Politiker Lübcke davon gesagt habe: Wenn sich der rechtsextremen Hintergrund bestätige, dann wäre das der erste politisch motivierte Mord seit 1945. Völkel habe da gedacht: „Guter Mann, wo hast du denn gelebt in den letzten Jahren?“

Stauffenberg sprach diesbezüglich von einem „politischen Wachkoma der Union“. Völkel weiter: „Wir haben seit 1990 zweihundert politisch motivierte Morde von Rechts!“ Auf der linken Seite sei seit der RAF „nicht wirklich was präsent“.

Der Journalist wollte nicht falsch verstanden werden: Gewalt sei für ihn überhaupt keine Lösung und abzulehnen. „Nur das Reflexartige, wenn wir etwas gegen Rechts machen, müssen wir auch etwas gegen Linksextremismus machen“, kritisiere er. Völkel merkte an: „Auf der einen Seite brennen Autos, auf der anderen Seite brennen Menschen!“

Das Thema Anfeindungen habe man ganz massiv auch im Journalismus. Es kämen Todesdrohungen, man erhalten Briefumschläge mit Pulver und Schweineschnauzen und Kollegen hatten rote Winkel in der Post.

Wegbereiter eines solchen Tuns seien auch bestimmte AfD-Politiker mittels verbaler Ausfälle.

Was also kann man von Claus Schenk von Stauffenberg lernen und in Dortmund besser machen?

Alexander Völkel meinte dazu in der Schlussrunde, man müsse sich gegenüber bestimmten Strukturen nicht gefangen geben. Gesellschaftspolitisch gebe es viele Möglichkeiten sich demokratisch einzubringen. Er habe allmählich die Sorge, dass der Kabarettist Volker Pispers recht habe, der einmal gesagt habe, es sei offenbar das Problem in dieser Demokratie, dass man nicht in der Lage ist, eine Politik zu machen, von der achtzig Prozent der Menschen etwas haben. Völkel fürchtet, im Moment gehe durch entsprechenden Lobbyismus und die immer stärker werdende Ungleichheit gerade in Deutschland die Reise wohl leider eher in die andere Richtung. Doch, wenn mehr Menschen bereit seien, das nicht mehr zu akzeptieren und sich entsprechend artikulieren, könne man vielleicht doch wieder ein lebenswerteres Deutschland gestalten.

Karl Schenk Graf von Stauffenbergs Fazit an diesem Abend: Gegenüber dem Eindruck, den er über die letzten fünf Jahre gewonnen hatte, habe ihn Dortmund eines Besseren belehrt, weil die öffentliche Anstrengung dem Rechtsextremismus zu begegnen hier wirklich greifbar sei.

Jutta Ditfurth: „Der Baron, die Juden und die Nazis“ – Lesenswert

Cover des Buches von Jutta Ditfurth; Foto: Claus Stille

Cover des Buches von Jutta Ditfurth; Foto: Claus Stille

Bei manchem von uns mag sich vielleicht der Eindruck eingestellt haben über die Nazizeit sei bereits so gut wie alles geschrieben. Dass dieser nämliche Eindruck trügt, dass eine „Aufarbeitung“ des Dritten Reiches mitnichten abgeschlossen ist, wird u.a. durch ein Buch deutlich, dass Jutta Ditfurth vorgelegt hat.Jutta Ditfurth ist die Tochter von Hoimar von Ditfurth und einstige Bundesvorsitzende der Grünen. Im Jahr 1991 trat sie aus dieser Partei aus und gründete die Ökologische Linke mit.

Just 1989 , im Jahr des Falls der Mauer, starb Jutta Ditfurths Vater. Die Tochter versprach der Mutter sie auf eine Reise in die DDR – an die Orte deren Kindheit und Jugend zu begleiten. Man reiste also nach Thüringen. In das Dorf Langenorla.

Der Auslöser für das Buch: „Reise in die Familiengeschichte“

Jener Besuch in Thüringen wurde für Jutta Ditfurth zugleich eine „Reise in eine Familiengeschichte“. So der Untertitel ihres Buches „Der Baron, Junden und die Nazis“, erschienen bei Hoffmann und Campe.

Für uns Leser wird diese Reise im Jahre 2013 nun quasi zu einem Glücksfall. Verdanken wir ihr doch dieses nun vorliegende Buch. Das, wie ich jedenfalls finde, unbedingt eine Bereicherung darstellt. Schließt es doch weitere historische Lücken. Ditfurth setzt dem nach wie vor unvollständigem Geschichtsbild ein weiteres wichtiges Mosaiksteinchen hinzu. Darin sich wiederum wichtigen Betrachtungen der Welt des deutschen Adels befinden, die wir den akribischehn Recherchen der Autorin verdanken.

Ein Bild des Adels jenseits von Klatsch und Tratsch

Viele von uns Nicht-Blaublütigen sehen diese Welt des Adels heute vorwiegend durch die glitzernde Brille der Yellow-Press und bewundern sie dementsprechend unkritisch. Fragen wir uns jedoch einmal was wir jenseits von Glamour oder Klatsch und Tratsch wirklich über den deutschen Adel wissen, so werden Antworten darauf vermutlich sehr dürftig ausfallen.

Aber da wäre ja doch noch etwas Positives: Die adligen Hitler-Attentäter. Alljährlich werden sie hoch geehrt. Dies betreffend gibt es reichlich Literatur und Filme.

Adel: Hinter dem Mythos des 20. Juli verbirgt sich Antisemitismus

Über die Taten wie über die Täter. Doch auch die eigene Erfahrung sollte uns gelehrt haben: Es ist nicht alles Gold was glänzt. So ist auch hier. Nach der Lektüre von Ditfurths Buch wissen wir auch: Die vermeintlich rundum hehren Taten der zumeist adligen Hitler-Attentäter des 20. Juli, Offiziere der deutschen Wehrmacht, entpuppen sich zumindest ein Stück weit als Mythos. Ein Mythos, welcher jedes Jahr auf’s Neue medial beatmet und mit reichlich Lorbeer umgekränzt wird. Den Attentätern ging es bei ihrem Anschlag auf Hitler höchstwahrscheinlich in erster Linie um das Ansehen der Wehrmacht. Und um die Vermeidung einer absehbaren militärischen Niederlage. Hätten sie, wäre ihr Plan geglückt, einen demokratischen, fortschrittlichen Staat – frei von Antisemitismus – geschaffen?

Jutta Ditfurth zitiert auf Seite 303 Claus Schenk Graf von Stauffenberg, einen der späteren Hitler-Attentäter mit einem Satz aus einem Brief, geschrieben im ersten Kriegsjahr an dessen Frau aus dem besetzten Polen: „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt: Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun.“

Die anscheinend ach so hehren Motive der Hitler-Attentäter sind offenbar eher Mythos, hinter dem sich – wie Jutta Ditfurth u.a. der Erkundung ihrer eigenen Familiengeschichte herausfand – „der ganz besondere Antisemitismus des deutschen Adels im 19. und 20. Jahrhundert“ (Klappentext) verberge.

Hat man sich schon darüber einmal Gedanken gemacht? Eigentlich leuchtet die Judenfeindlichkeit des deutschen Adels ein. Schon aus Gründen der Erhaltung der adligen „Blutreinheit“ galt sie den „Blaublütigen“ als unverzichtbare Notwendigkeit. Der Adel war von sozusagen von Natur aus darauf bedacht in der, wie Jutta Ditfurth in einem Radiointerview sagte: nicht nur in der eignen „Kiste“ (Kaste) zu heiraten, sondern auch sonst möglichst unter sich zu bleiben.

Die Juden – Prügelknaben für den Adel

Dieses Buch öffnet uns – fern jedweder Ideologisierung – mehrfach die Augen. Nämlich darüber, woraus sich Antisemitismus über viele Generationen speiste. Die Verbreitung von Unwahrheiten und Gerüchten Juden und jüdisches Leben betreffend spielen dabei eine große Rolle. Und die Fortschreibung all dessen sogar bis in unsere Tage hinein. Der deutsche Adel war nicht wenig anfällig für den Judenhass. Galten seinen Vertretern doch die Juden als Schuldige an Revolutionen, Kriegsniederlagen und dem Sturz der Monarchie. Nicht zuletzt die Errichtung der Weimarer Republik schrieb der deutsche Adel den Juden ins Schuldbuch. Sie mussten als Prügelknaben beinahe für Vieles herhalten. Schließlich hatte die dem Adel einen gewissen Reputationverlust beschert, weil er fortan nichts Besonderes mehr war. Nur die adligen Namen blieben den Blaublütigen. Und freilich ihr Geld.

Das Buch liefert Erörterungen zu historischen Ereignissen

Das Verdienst dieses Buches ist, dass es sich nicht nur in der Erforschung der Ditfurthschen Familiengeschichte verliert (die allein hochinteressant ist), sondern zugleich auch eine anschauliche Betrachtung von Geschichte und wichtigen historischen Ereignissen samt der Erörterungen deren Hintergründe nebst handelndem Personal in Wirtschaft und Politik liefert. Und zwar besser und fesselnder wie es m.E. hochwissenschaftliche Abhandlungen zu leisten vermögen.

Ditfurths Buch sollten nicht zuletzt auch jene unter uns lesen, welche verstehen möchten, wie die Stellung von Juden in Deutschland war und weshalb sie sich – selbst die, die voll integriert waren und sogar stolz für den Kaiser als Soldaten in den Krieg gezogen waren – immer und immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert sahen. Und enttäuscht von einem eignen Staat träumten.

Ich empfehle dazu besonders das Kapitel 6 „1898 – 1900: Adel und Zionismus: Wilhelm II. und Theodor Herzl, Börries von Münchhausen und Ephraim Moses Lilien“

Interessant auch in Hinblick auf die heutigen Probleme im Nahen Osten und im Besonderen auf Israel. Wir erfahren etwas zur Vorgeschichte des späteren Staates Israel. Die Zionisten zogen ja seinerzeit – vornweg Theodor Herzl –  wegen der nicht enden wollenden, ihnen entgegenschlagenden Ablehnung jüdischer Bürger in Deutschland und anderen Ländern Europas die Gründung eines zionistischen Staates in Palästina ins Kalkül. Herzl, erfahren in dem Buch, war ja ziemlich naiv damals zu hoffen, Wilhelm II. werde den Schutz über diesen Staat übernehmen.

Börries Freiherr von Münchhausen war eine schillernde Persönlichkeit

Jutta Ditfurth richtet in ihrem hochinteressanten Buch den Fokus auf die wahrlich bewegte Geschichte von Börries Freiherr von Münchhausen, ihrem Onkel. Ein schillernde Persönlichkeit. Der Baron hatte etliche Weibergeschichten. War noch um 1900 der jüdische Künstler Ephraim Moses Lilien sein bester Freund, der u.a. von Münchhausens Gedichtbände illustrierte, wandelte sich der Baron später zum glühenden Antisemiten.

Er war jemand, der bis in höchste Nazikreise beliebt war, von Nazigrößen hofiert wurde und dessen Bücher, die schon auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges zuhauf Leser fanden, hoche Auflagen erlebten. Er reiste an Kriegsschauplätze und las vor begeisterten Soldaten aus seinem Büchern. Einige seiner Werke „besserte“ Münchhausen in der Nazizeit etwas nach. Wohl um nicht in den Ruch eines Judenfreundes zu geraten. Selbst im faschistischen Deutschand konnte sich der Baron Einiges leisten: Er galt den Vertretern des Naziregimes als unangreifbar. Von Münchhausen hatte sich entsprechend angepasst.

Auf ihn dürften diesbezüglich die folgenden Worte von Heinrich Heine passen: „Die über Nacht sich umgestellt, zu jedem Staate sich bekennen, das sind die Praktiker der Welt; man kann sie auch Halunken nennen.“

Als die US-Armee im Frühjahr 1945 anrückte, verübte der Baron Selbstmord

Allein schon das Schildern des nuancenreich schillernden Lebens von Börris Freiherr von Münchhausen macht Ditfurths Buch lesenswert. Von Münchhausen nahm am 16. April 1945 in Windischleuba, die 3. US-Armee hatte am 11. April das KZ Buchenwald befreit, Schlaftabletten und sich auf diese Weise das Leben. Buchenwald lag nur eine Autostunde von Münchhausens Adelssitz entfernt. Bis heute – seit 1937, schreibt Jutta Ditfurth, ist Münchhausen Ehrenbürger von Göttingen.

Der Adel, die fragwürdige Elite

Nach wie vor wird uns der deutsche Adel auch und mittels der Medien als „Elite“ dargestellt. Auf Seite 305 ihres Buches schreibt Jutta Ditfurth: „Anstatt über Judenhass, die Demokratiefeindlichkeit und die Kriegsverbrechen dieser deutschen Elite aufzuklären, legen Massenmedien und allen voran das öffentlich-rechtliche Fernsehen heute über solche elitekritischen Themen den Mantel des Schweigens. Die oberflächliche Betrachtung von Schrullen wird uns als Kritik verkauft. Die Medien berichten oft viele Stunden lang über jedes Detail hochadliger Hochzeiten. (…) „Die Kritik darf nicht in die Substanz gehen. Die Archive der meisten adligen und hochadligen Familien sind Forschern mit NS-kritischen Erkenntnisinteresse bis zum heutigen Tag verschlossen. Der Adel weiß, warum.“

Lektüre mit Gewinn

Freunde beim Adel wird sich Jutta Ditfurth mit diesem Buch nicht gemacht haben. Für uns Leser aber ist ihr mit „Der Baron, die Juden und die Nazis“ ein Buch gelungen, das mit Gewinn zu lesen ist. Mir ging es jedenfalls so. Ditfurths „Reise in eine Familiengeschichte“ ist sogleich auch eine Reise durch ein paar Kapitel Geschichte, die bislang zu wenig bis keine kritische Betrachtung erfahren haben. Schon gar nicht im Fernsehen, wenn der Reiseführer Guido Knopp hieß.

Ich möchte das Buch uneingeschränkt empfehlen. Und zwar generationenübergreifend. Auf zum nächsten Buchladen! Ein Geschenk, dass sich unterm Weihnachtsbaum oder auch ohne ihn auf dem Gabentisch nicht zu verstecken braucht. Weitersagen!

All zu selten ist unter dem Wust an jährlichen Neuerscheinungen ein Buch, über das zu sagen wäre: Das hat gefehlt! Jetzt ist es da.

Das Buch:

Jutta Ditfurth

Der Baron, die Juden und die Nazis

Reise in eine Familiengeschichte

Hoffmann und Campe

ISBN 978-3-455-50273-2

21,99 Euro

Informationen über Autorin finden Sie hier.