Affäre deshalb, weil es keinen „Fall“ gibt, sondern nur noch Verdächtigungen der Spionage gegen den Wikileaks-Gründer, die im Kern aber Journalismus betreffen. Dringlich, weil gestern ein Offener Brief von 60 Medizinern durch die Presse ging, der erneut beschreibt, dass Julian Assange sich im Hochsicherheitsgefängnis in London in Lebensgefahr befindet. Hier der Offene Brief auf Englisch. Nachfolgend eine Übersicht von Moritz Müller zu den Informations- und Unterstützungsveranstaltungen zur Assange-Affäre.
Am Mittwoch, den 27. November, finden in Berlin zwei Veranstaltungen statt, organisiert von der Partei Die Linke und Candles4Assange. Am Brandenburger Tor von 12 bis 13 Uhr werden unter anderem zugegen sein:
Dietmar Bartsch, MdB, Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag
Sahra Wagenknecht, MdB
Nils Melzer, UN-Sonderberichterstatter zum Thema Folter
Kristinn Hrafnsson, Chefredakteur Wikileaks
John Shipton, Vater von Julian Assange
Davide Dormino, Künstler
Patrick Bradatsch, Candles4Assange
Für die Veranstaltung am Abend im Deutschen Bundestag, auf die wir in der letzten Woche auch schon hingewiesen haben, kann man sich leider nicht mehr anmelden.
Keine Auslieferung von Julian Assange an die USA! Free the press, stop the war! Diskussionsveranstaltung anlässlich der Inhaftierung und drohenden Auslieferung des Wikileaksgründers Julian Assange an die USA Freitag, 29. November 2019, um 18:30 Uhr mit John Shipton (Vater von Julian Assange) und Sevim Dağdelen (MdB, Die Linke) in Hörsaal A1 im Hörsaalgebäude am Albertus-Magnus-Platz, Universität Köln
Eine Veranstaltung von: Wendepunkt – Sozialisten und weitere Aktive an der Uni Köln, DFG-VK Köln, Kölner Friedensforum, Luther Kirche Evangelische Gemeinde Köln, Aufstehen Ortsgruppe Köln, Aufstehen Trägerverein NRW. e.V., DIDF-Köln, Die Linke.SDS Köln, Die Linke Kreisverband Köln und last but not least, NachDenkSeiten Gesprächskreis Düsseldorf
Und ganz zuletzt noch eine Veranstaltung am Donnerstag, 28. November, für die, die im Moment gerade in der britischen Hauptstadt weilen, mit u.a.: Mark Curtis, Lisa Longstaff, Stefania Maurizi, Prof. Nils Melzer, Craig Murray und John Pilger.
Freiheit und angemessene medizinische Behandlung für Julian Assange!
Quelle: NachDenkSeiten
Update (6. Februar 2020):
BPK: Appell zur Freilassung des Whistleblowers Julian Assange aus britischer Auslieferungshaft
Der 25. November ist der Internationale
Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Im Museum für Kunst-
und Kulturgeschichte wurde vor diesem Hintergrund mit ExpertInnen
über Prostitution diskutiert. „Terre des Femmes“ präferierte
energisch das sogenannte Nordische Modell. Diejenigen Fachleute in
der Runde, welche viel Erfahrung in der Praxis mit dem Thema
Prostitution und damit verbundenen Problemen vorzuweisen haben, sehen
darin keine Lösung für Deutschland. Das Dortmunder Modell habe sich
bewährt, meinten sie und solle deshalb weiter verfolgt werden.
2. von links Andrea Hitzke (Mitternachtsmission), 3. von links (hinten) Dirk Becker (Polizei Dortmund), Sabine Ziemke (Moderation) Birgit Zoerner (Sozialdezernentin), Inge Bell (Terre des Femmes) und rechs außen Elke Süsselbeck (Rechtsanwältin) Fotos: Stille
Farbe des Tages war Orange
Die Farbe Orange ist ein Symbol für
den Kampf gegen Gewalt an Frauen und Kindern – das haben die
Vereinten Nationen so festgelegt. Viele Gebäude auf der ganzen Welt
erstrahlten deshalb am Montag in Orange. So auch in unserer Stadt –
u.a. das Dortmunder U.
Die Volkshochschule Dortmund
organisierte anlässlich des Aktionstags gemeinsam mit der
Organisation „Terre des Femmes“ einen Vortrag zum Thema
Prostitution. Er fand in der Rotunde des Museums für Kunst- und
Kulturgeschichte statt. Auch dort waren Pfeiler dezent mit orangenem
Licht angestrahlt.
Im Fokus des Impulsvortrages der trotz
parallel stattfindender Termine erfreulich gut besuchten
Veranstaltung der Rechtsanwältin Elke Süsselbeck stand das
sogenannte Nordische Modell, das als erstes Land Schweden im Jahre
1998 eingeführt hat. Dabei soll die Nachfrage nach Prostitution
eingedämmt werden, indem Freier, Zuhälter und Bordellbetreiber
bestraft werden, anstatt Prostituierte zu kriminalisieren. Kurzum. Es
geht um ein Sexkaufverbot. Elke Süsselbeck erinnerte daran, dass
Europäische Parlament das schwedische Gesetz zum Sexkaufverbot für
die EU empfohlen hat.
Elke Süsselbeck: Prostitution „geht
jeden etwas an. Und jeder und jede hat hinzuschauen“
Wie Elke Süsselbeck zum Thema gefunden
habe, erklärte die Paderborner Rechtsanwältin folgendermaßen:
„Prostitution gehört zu unserer Gesellschaft. Sie geht jeden etwas
an. Und jeder und jede hat hinzuschauen.“
Bevor Süsselbeck auf das Nordische
Modell, welches sie präferiert und auch in Deutschland eingeführt
haben möchte, einging, zeichnete sie ein Bild der momentanen
rechtlichen Situation in Deutschland, wo das sogenannte
Prostituiertenschutzgesetz gilt.
Deutschland gelte auch als
Vorzeigebeispiel: wegen einer legalisierten Prostitution. Heißt, sie
ist nur in ausgewiesenen Sperrbezirken und an bestimmten
Örtlichkeiten erlaubt. Bis zu dem von der rot-grünen
Bundesregierung von Schröder und Fischer gemachten, ab 1. Januar
2002 in Kraft getretenen Prostitutionssgesetz,
galt Prostitution als sittenwidrig. Damit sollte die rechtliche
Stellung der Prostituierten in unserer Gesellschaft verbessert
werden.
In einer Bundesratsinitiative von 2006,
so Elke Süsselbeck, wurde angeregt Zwangsprostitution unter Strafe
zu stellen. Bis zur Umsetzung habe es zehn Jahre gebraucht.
Um Auswüchsen in der Prostitution –
wie etwa Flatrate-Bordelle (die mit menschenverachtenden Slogans wie
z.B. „All you can fuck“ bei einmaligem Eintrittsgeld von ca. 70
Euro warben) – u.ä. zu begegnen, reagierte die Politik. Nebenbei:
Es gibt eine Schätzung, wonach in Deutschland zwischen 200.000 und
400.000 Menschen der Prostitution nachgehen.
Da, erklärte Süsselbeck, das
Prostitutionsgesetz nicht alle Erwartungen an es erfüllt habe,
wurde es um das Prostituiertenschutzgesetz
(in Kraft getreten am 1.7.2017) erweitert.
Dessen Kernelement sind: Prostituierte
müssen sich anmelden, verbunden mit einer Gesundheitsberatung und
einen ausgegebenen obligatorischen Ausweis mit Lichtbild, der bei
sich zu führen ist.
Betreffs der Situation in Schweden
sagte Elke Süsselbeck, dass entgegen der Zustimmung zu dem
Sexkaufverbot vor der Einführung von 30 Prozent nun 80 Prozent
hinter ihm stünden.
Bereits in der Schule fände in
Schweden eine entsprechende Aufklärung dazu statt. Inzwischen sei
Sexkauf dadurch in weiten Teilen der schwedischen Bevölkerung
geächtet.
Das Dortmunder Modell ist für Elke
Süsselbeck keine Option. Viele Frauen, die in der Prostitution
arbeiten hätten keine Krankenversicherung und könnten somit
Krankheiten nicht auskurieren. Aussteigerinnen steckten „in einer
sehr prekären Situation“.
Diskussionsrunde mit ausgewiesenen
ExpertInnen
Dem Einführungsvortrag schloss sich
eine Diskussionsrunde an. Zu dieser gehörten Dirk Becker, (Polizei
NRW Dortmund), Inge Bell (Vorstand „Terre des Femmes“), Andrea
Andrea Hitzke, Elke Süsselbeck, Birgit Zoerner, Sabine Ziemke, Dirk Becker und Inge Bell (von links nach rechts)
Hitzke (Leiterin Dortmunder
Mitternachtsmission e.V.), Elke Süsselbeck
(Rechtsanwältin) und Birgit Zoerner
(Sozialdezernentin der Stadt Dortmund). Feinfühlig moderiert wurde
die Diskussionsrunde unter späterer Einbeziehung es Publikums von
der Journalistin Sabine Ziemke (bekannt u.a. von der WDR-Lokalzeit
Dortmund)
In dieser Diskussion kristallisierten
sich schnell die unterschiedliche Standpunkte und Sichtweisen der
TeilnehmerInnen heraus.
Andrea Hitzke (Mitternachtsmission):
Nordisches Modell ist keine Lösung
Andrea Hitzke von der
Mitternachtsmission vermochte im Nordischen Modell keine Lösung für
Dortmund respektive Deutschland erkennen. Sie befürchtet, dass dann
Prostitution verdrängt wird und in ein Dunkelfeld abgleitet.
Einhergehend mit der Gefahr von Gewalt gegenüber SexarbeiterInnen.
Hitzke schätzt ein: das Dortmunder Modell funktioniere gut. Dadurch
sei eine hohe Transparenz entstanden. Man suche die einzelnen
Prostitutionsbetriebe auf und biete den Frauen bei Bedarf auch Hilfe
und Unterstützung in Notlagen an. Auch mithilfe des Sozialamts oder
des Jobcenters. Auch Ausstiege aus der Prostitution seien durchaus
schon erfolgreich ins Werk gesetzt worden.
Im Rahmen der gesetzlichen
Möglichkeiten ist Dortmund gut aufgestellt, schätzt
Sozialdezernentin Birgit Zoerner ein
Sozialdezernentin Birgit Zoerner findet
das derzeit geltende Recht im Prinzip trotz gesamtgesellschaftlicher
Veränderungen, die immer bedacht werden müssten, gut. Ständige
Diskussionen darüber – wie die am Montag – erachtet sie für
sehr wichtig. Dabei müsse auch kritisch betrachtet und überprüft
werden, was einmal angedacht war. Im Rahmen der gesetzlichen
Möglichkeiten, schätzte sie ein, habe man sich in Dortmund gut
aufgestellt. Zoerner lobte als gute Beispiele die Einrichtung „Runder
Tisch Prostitution“, der die Hilfsorganisationen zu Wort kommen
lasse und worüber man sich gegenseitig ausgetauscht werde. Da gehe
es natürlich auch darum, wie man Opfern von Menschenhandel helfe
könne. Es stehe außer Frage, dass mit der Öffnung der EU im Jahr
2007 sehr viele Frauen auch aus Rumänien und Bulgarien nach Dortmund
gekommen seien. 2011 sei schließlich der Dortmunder Straßenstrich
verboten worden, um nicht zuletzt auch der teilweise erbärmlichen
Art und Weise der Ausbeutung dieser Frauen dort entgegenzuwirken.
Hauptkommissar Dirk Becker: Die
„Dortmunder Philosophie“ ist praktikabel und zielführend
Auch der 1. Kriminalhauptkommissar Dirk
Becker ist aufgrund seiner langjährigen Erfahrung in der
polizeilichen Arbeit „eher skeptisch, was das Nordische Modell
angeht“. Er fürchte vor allem, dass 25 Jahre gute Arbeit von
Polizei und Ordnungsamt und allen Beteiligten dadurch konterkariert
würden. Und Prostitution wieder in dunkle Ecken und Hinterzimmer
geschoben werde. Becker: „Wir sind generell daran interessiert,
dass keiner Frau Leid angetan wird.“ Es habe sich bewährt die
Frauen aktiv anzusprechen. Und nach ihnen nach Möglichkeit auch zu
helfen. Dirk Becker lobte das schon 2002 in der Stadt eingeführte
Dortmunder Modell, das er lieber „Dortmunder Philosophie“ nenne,
als praktikabel und zielführend. Kontakte zum im Gewerbe arbeitenden
Frauen und auch zu den Betreibern von Bordellen und Sauna- bzw.
FKK-Clubs würden regelmäßig gepflegt. Sogar schon vor 2002 sei es
der Dortmunder Polizei durch ständigen Kontrolldruck gelungen,
sogenannte Flatrate-Bordelle und manch anderen Wildwuchs aus der
Stadt zu verbannen.
Nicht jede Frau, die etwa aus Bulgarien
oder Rumänien herkomme, um als Prostituierte zu arbeiten, müsse per
se eine Zwangsprostituierte sein, meint Becker. Es sei vielfach die
Armut, die sie dazu bewege. Es gehe meist schlicht darum, den
Lebensunterhalt, die Kinder abzusichern, oder ein Studium zu
finanzieren. Die Prostitutionsstätten in Dortmund würden regelmäßig
von der Polizei aufgesucht. Zu 90 Prozent dieser
Prostitutionsstätten habe man teilweise schon seit 25 Jahren
Kontakt. Probleme, die man mit bestimmten Internetportalen (über die
Verabredungen zum Sex angeboten werden) habe, räumte Hauptkommissar
Becker indes ein. Prostituierte würden nicht kriminalisiert.
Inge Bell (Terre des Femmes) ist
ohne Wenn und Aber für ein Sexkaufverbot und damit für das
Nordische Modell
Erwartungsgemäß machte die aus Berlin
angereiste Inge Bell (Vorstand „Terre des Femmes“) aus ihrem
Herzen betreffs der absolut gesetzten Forderung nach Einführung des
Nordischen Modells auch an diesem Abend in Dortmund keine
Mördergrube.
„Warum“, fragte sie, „das
Nordische Modell nicht hier ausprobieren?“ Zu diesem Behufe wartete
sie mit einem Zitat von Albert Einstein auf: „Eine wirklich gute
Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein
ausgeschlossen erscheint“.
Bell verwies darauf, dass das Nordische
Modell nicht nur Schweden, sondern auch Norwegen, Irland, Nordirland,
Island, Kanada, Frankreich und Israel eingeführt wurde. Auch Spanien
habe schon eine Gesetzesvorlage dazu. Warum also sollte es
hierzulande nicht auch funktionieren. „Es ist also nicht so aus dem
hohlen Kosmos gegriffen. Es hat bereits Erfolg.“, so Inge Bell.
Moderatorin Sabine Ziemke hakte noch
einmal nach und fragte nach dem konkreten Warum. Bell antwortete:
„Weil es kein verbrieftes Recht der Männer sein kann, Sexualität,
Körperteile und Körper von Frauen zu kaufen.“ Applaus eines Teils
des Publikums. Prostitution sei etwas wie Sklaverei. Das kriege man
nicht abgeschafft. Deswegen müsse ein Sexkaufverbot her. „Sex“,
unterstrich Bell, „kann doch keine Arbeit sein“.
Inge Bell versuchte Hauptkommissar
Becker weiszumachen, dass der Ex-Chef des Sittendezernats der
Dortmunder Polizei, Heiner Minzel, nach anfänglicher Begeisterung
für das Dortmunder Modell, nun meine, es sei gescheitert.
Gegen diese Behauptung regte sich
Protest sowohl seitens Vertreterinnen der Mitternachtsmission als
auch von Hauptkommissar Dirk Becker. Becker, der Minzel gut kennt,
konnte sich „beim besten Willen“ nicht vorstellen, dass diese
Behauptung stimmt. Becker spaßte, wenn dies so sei, müsse er Minzel
von der bevorstehenden Weihnachtsfeier wieder ausladen.
Bell insistierte immer wieder, sie
wolle einfach einmal die Anzahl und die Altersstruktur sowie die
Herkunft der Frauen wissen, die in Dortmund der Prostitution
nachgehen. Weder das Publikum nach die anderen MitdiskutantInnen auf
dem Podium, Elke Süsselbeck ausgenommen, konnten nachvollziehen, wie
das zur Versachlichung hätte beitragen können. Bells Hauptargument
für das Nordische Modell ist die dadurch hergestellte absolute
Gleichberechtigung von Männern und Frauen.
Kritische Stimmen aus dem Publikum
Kritik kam aus dem Publikum seitens
einer Mitarbeiterin der Mitternachtsmission. Das schwedische Modell
sei sehr unvollständig dargestellt worden. Prostituierte müssten
quasi in den Untergrund gehen. Gerade dort seien sie aber gefährdet.
Mietverträge von Sexarbeiterinnen würden dort gekündigt.
Migrantinnen ausgewiesen. Lob gab es für Hauptkommissar Dirk Becker,
der eine Lanze für das Dortmunder Modell gebrochen habe.
Die im Publikum sitzende Vorsitzende
der Liberalen Frauen Dortmund, meldete sich schließlich „mit
schon länger scharrenden Füßen“, wie sie bekannte, zu Wort. Sie
verwies auf die in Deutschland geltende freie Berufswahl. Warum
sollte also eine Frau nicht selbst entscheiden, der Prostitution
nachgehen zu wollen? Und sie merkte an, dass Prostituierte ihren
Körper verkauften – wie immer behauptet werde – stimme doch
einfach nicht: „Man kann einen Körper nicht verkaufen.“ Sondern
sie erbringen eine Dienstleistung mit ihrem Körper. Sie sei in der
Kosmetik tätig: „Ich verkaufe auch nicht meine Hände. Auch wenn
manche sie gerne mit nachhause nehmen würden.“
Sie habe sich auch mit Frauen in der
Linienstraße (Dortmunder Bordellstraße) unterhalten und sei dort
auf „kein Hascherl“ getroffen, die nicht wisse, was sie da mache.
Aber auch Kritik an Prostitution wurde
aus dem Publikum laut. Frauen dürften keine Sexpuppen sein. Es werde
gemordet und vergewaltigt. Sie kämpfe deswegen für das Nordische
Modell, sagte die Frau mit bewegenden Worten.
Eine andere Dame aus dem Publikum, eine
Fachanwältin für Strafrecht, merkte an, dass Menschenhandel und
Zwangsprostitution Kontrolldelikte seien. Und es problematisch wäre,
würde nicht kontinuierlich kontrolliert. Vom Nordischen Modell halte
sie nichts. Sie vertrete auch schlimm ausgebeutete Prostituierte aus
Schweden. Was da passiere, habe sie hier in Deutschland noch nicht
erlebt: „Ich bin überzeugt, dass in Schweden – das sagen auch
Hilfsorganisationen in Schweden – genügend Leichen liegen, die nie
gefunden werden.“
Eine andere Zuhörerin gab zu Bedenken,
dass der Deutsche Frauenrat, Amnesty International, der Deutsche
JuristInnenbund, die deutsche AIDS-Hilfe und andere Institutionen das
schwedische Modell als Menschenrechtsverletzung einstufen.
Die im Raum anwesende SPD-Politikerin
Anja Butschkau (MdL) appellierte angesichts des „sehr emotionalen
Themas“ zwei Dinge „strikt voneinander getrennt“ zu betrachten:
Prostitution das andere, den Bereich Menschenhandel. Die Arbeit der
Mitternachtsmission bezeichnete Butschkau als „exzellent“.
Eine Mitarbeiterin von der
Prostituiertenberatungsstelle KOBER bemängelte aus dem Publikum
heraus, dass auf dem Podium keine Sexarbeiterin sitze. Immer werde
über Prostituierte gesprochen statt mit ihnen zu sprechen.
Aus dem Publikum in der Rotunde meldete
sich eine Ex-Prostituierte (sie hat das Dortmunder Modell
mitgegründet), mit, wie sagte, „gestiegenem Blutdruck“. Sie habe
nie ihren Körper oder sich selbst verkauft. Schwedische
Prostituierte, mit denen sie Kontakt hatte, verteufelten das
Schwedische Modell. Auch in Frankreich, wo es die Prostituierten
schon immer besonders schwer gehabt hätten, würden SexarbeiterInnen
trotz eingeführtem Nordischen Modell brutal vergewaltigt.
Ein Kritik aus dem Publikum lautete:
„Terre des Femmes“ agiere beinahe „sektenähnlich“. Da werde
eine Art „Gehirnwäsche“ betrieben, wie man das sonst nur von
Sekten kenne.
Wieder ein anderer Zuhörer klagte
„Terre des Femmes“ an, sich an den Tag zur Beseitigung von
Gewalt an Frauen angehängt zu haben und diesen mittels einer
Kampagne als „Trittbrettfahrer“ für eigenen Zwecke benutze. Der
Tag sei doch von anderen Organisationen ins Leben gerufen worden, um
Gewalt an Frauen zu begegnen. Ein Sexkaufverbot via Nordisches Modell
schicke viele Frauen in die Illegalität und „die offenen Arme von
Gewalttätern“.
Dem so an den Äußerungen von Inge
Bell Kritik übendem Vater, der erst nachdem er seine Kinder zu Bett
gebracht und deshalb erst später gekommen war, warf die Angegriffene
vor, „eine Strategie der schwarzen Rhetorik“ zu betreiben.
Buhrufe aus der Mitte der Rotunde. Der Herr konterte: „Die
Rhetorik, die sie wählen, die Entkriminalisierung der Prostituierten
und die Kriminalisierung der Freier ist eine Verschleierung der
Fakten.“
Fazit
Das Thema konnte
freilich in zwei Stunden nicht ausdiskutiert werden. Dennoch war die
Diskussion äußerst interessant und ein Stück weit die Augen
öffnend. Weitere ähnliche Diskussionsrunden, fanden gewiss viele
der ZuhörerInnen nötig. Dieses Thema sei gesellschaftspolitisch
wichtig, wie auch Sozialdezernentin Birgit Zoerner einschätzte. Man
müsse mit Bedacht danach fragen, was ist und was wir haben wollten.
Die Standpunkte
der einzelnen Beteiligten an der Podiumsdiskussion hatten sich –
was wohl auch niemand erwartet hatte – indes nicht verändert.
Die Waage – so
dürfte wohl richtig eingeschätzt sein – kippte nicht in Richtung
Nordisches Modell.
Für das Dortmunder Modell blieb die Sympathie vielen dagegen wohl erhalten. Es muss halt nur ständig daran gearbeitet werden, um auf neu auftretende Probleme zu reagieren, ohne dabei das Kind mit dem Bade auszuschütten.
Um unser Grundgesetz beneiden uns viele auf der Welt. Dieses Jahr wurde es 70 Jahre alt. Wie aber sieht es mit der Verfassungswirklichkeit aus? Damit hat sich Dr. Rolf Gössner, Rechtsanwalt und Publizist beschäftigt. Der Blog Hinter den Schlagzeilen hat Rolf Gössners Darlegungen dankenswerterweise publiziert. Via zwei Links möchte ich diese auch meinen LeserInnen, welche nicht den Blog Hinter den Schlagzeilen oder die NachDenkSeiten lesen, zur Kenntnis bringen:
70 Jahre Grundgesetz – 70 Jahre Verfassungswirklichkeit: eine kritische Bilanz
Im ersten Teil haben wir uns mit
der alten Bundesrepublik mit ihren nicht aufgearbeiteten dunklen
Grundrechtsverletzungskapiteln und ihren auch lichten Momenten in
Sachen Grundrechtserweiterung beschäftigt.
Jetzt widmen wir uns der Zeit nach der
sog. Wende seit den 1990er Jahren bis heute. Auch in diesen drei
Jahrzehnten sind weitere düstere Kapitel zu beklagen.
1. Nachwende-Kapitel: „Verstümmelung“ des gesamtdeutschen Grundgesetzes Statt einer sinnvollen Erweiterung musste das ehemals westdeutsche, nun gesamtdeutsche Grundgesetz sogleich gehörig Federn lassen – der Schriftsteller Navid Kermani sprach von „Entstellung“ und „Verstümmelung“. Nur zwei Jahre nach der sog. Wende erlebten wir eines der schwersten Verbrechen in der Geschichte der Republik: den Solinger Brand- und Mordanschlag von 1993, bei dem fünf junge Angehörige der Familie Genç ums Leben kamen.
Nur drei Tage vor diesem rassistischen Anschlag hatte – nach einer verantwortungslosen Angstdebatte um „Asylantenflut“ und „Überfremdung“ – eine große Koalition aus CDU, FDP und SPD das Grundrecht auf Asyl demontiert. „Erst stirbt das Recht – dann sterben Menschen“. Klarer kann man den Zusammenhang dieser beiden Ereignisse kaum formulieren, wie er damals auf einer Mauer nahe des Anschlagorts zu lesen war. Ende der 1990er Jahre wurde dann auch noch das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung (Art. 13 GG) durch die Legalisierung des Großen Lauschangriffs in und aus Wohnungen schwer beschädigt. Es war der vorläufige Höhepunkt einer inneren Aufrüstungsentwicklung, die man getrost als Entgrenzung und Vergeheimdienstlichung der Polizei bezeichnen kann – legitimiert mit neuen Bedrohungsszenarien: mit „Organisierter Kriminalität“ und „kriminellen Ausländern“, nachdem die alten Feindbilder aus den vergangenen Zeiten des Kalten Krieges entfallen waren.
2. Nachwende-Kapitel: Teilnahme an NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien Dieses Jahr, im März 2019, jährte sich der völkerrechtswidrige Nato-Luftkrieg gegen Jugoslawien zum 20. Mal – noch ein „Jubiläum“ der besonderen Art. Es war das erste Mal, dass die (seinerzeit rot-grün regierte) Bundesrepublik mit ihrer Bundeswehr an einem Angriffskrieg teilnahm – befeuert durch Falschinformationen gegenüber einer überwiegend pazifistisch eingestellten Öffentlichkeit, ohne UN-Mandat und damit unter Bruch des Völkerrechts und unter Verletzung des Grundgesetzes.
Im Oktober d.J. hat der Rat der Stadt
Dortmund eine „Grundsatzerklärung zur Bekämpfung von
Antisemitismus in Dortmund“ gefasst, obwohl schon im Oktober
vorher ein ähnlicher Beschluss abgestimmt worden war. Neu an diesem
Ratsbeschluss ist die Kennzeichnung einer konkreten Aktion, nämlich
der BDS-Bewegung, als „antisemitisch“. Die BDS-Bewegung tritt
in Anlehnung an die frühere Kampagne gegen den Apartheid-Staat
Südafrika für einen internationalen, gewaltfreien Boykott des
Staates Israel ein, bis die völkerrechts- und
menschenrechtswidrige Besatzungs- und Besiedlungspolitik der
israelischen Regierung beendet ist.
Auf Grundlage dieses Beschlusses hat im
September die Jury des angesehenen Nelly-Sachs-Preises der Stadt
Dortmund bekannt gegeben, den diesjährigen Preis der
pakistanisch-britischen Schriftstellerin Kamila Shamsie doch nicht
zuzuerkennen, weil sie sich als Unterstützerin dieser Bewegung
bekennt.
In der gemeinsamen Bildungsreihe von
Attac, DGB , Nachdenktreff und der „AG Globalisierung konkret in
der Auslandsgesellschaft“ soll der Ratsbeschluss und die sich
daraus ergebenden Folgen diskutiert werden. Wir haben deshalb den
bekannten Journalisten Andreas Zumach eingeladen. Er ist selber
kein Unterstützer von BDS, wendet sich aber in seinem Vortrag
gegen die zahlreichen Versuche, legitime Kritik an der völkerrechts-
und menschenrechtswidrigen Politik der israelischen Regierung als
antisemitisch oder antiisraelisch zu diffamieren und zu unterbinden.
Andreas Zumach ist seit 1988 Schweiz-
und UNO-Korrespondent der taz am europäischen Hauptsitz der
Vereinten Nationen in Genf. Als freier Journalist arbeitet er auch
für andere deutsch- und englischsprachige Print- und
Rundfunkmedien. Darüber hinaus hat er mehrere Bücher veröffentlicht.
2009 wurde ihm für sein friedens- und menschenrechtspolitisches
Engagement der Göttinger Friedenspreis verliehen. Er hat schon
mehrfach in unserer monatlichen Bildungsreihe zu unterschiedlichen
Themen referiert.
Andreas Zumach (2.v.l.) während einer Podiumsdiskussion auf einer Medienkonferenz in Kassel.
Er wird am Mittwoch, 11. Dezember, um 19 Uhr in der Dortmunder Paulus-Kirche, Schützenstr. 35 sprechen und sich den Fragen und der Diskussion stellen.
Update (1) vom 5. Dezember 2019: Die übliche Maschinerie läuft an. Hanebüchene Kritik im Vorfeld der Veranstaltung. Kritik an israelischer Politk wird unter Antisemismus verortet. Ein Folge auch von in Bundestag und Kommunen gefassten fragwürdigen Beschlüssen
An viele Mailadressen von Dortmunder Organisationen und Vereinen, sowie der Kirche ging dieser Tage folgende Mail:
Stellungnahme der Jüdischen Gemeinde Dortmund zur DGB Veranstaltung „Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren“
Populistische Sprüche wie „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ kannten wir bisher nur von den Rechten („Israel ist unser Unglück“). Nun hat also auch der DGB Dortmund das dringende Bedürfnis , die angebliche Tabuisierung von Kritik an der Politik Israels zu thematisieren. Dabei sind „die Grenzen des Sagbaren“ längst überschritten. Dies hat – ausgerechnet – ein Gewerkschaftler vor wenigen Tagen auf seiner Facebook Seite in erschreckend eindrucksvoller Weise belegt. Wir zitieren:„Eine gute Entscheidung des EuGH für mehr Transparenz .Der zionistische Terrorstaat verwechselt Ursache und Wirkung: Diskriminierend ist alleine die völkerrechtswidrige Besetzung der palästinensischen Gebiete und die Vertreibung ihrer Bewohner, damit die „jüdischen Herrenmenschen“ dort ihren Anbau treiben können!!! P.S. Das ist nicht antisemitisch, sondern völkerrechtswidrig und muss deshalb auch so gekennzeichnet werden, damit möglichst niemand diese Waren kauft.“ – Zitatende- Hier zeigt sich lehrbuchmäßig, was häufig hinter sog. „Israelkritik“ steckt, nämlich lupenreiner, israelbezogener Antisemitismus!
In der Veranstaltungsankündigung des DGB heißt es, es handele sich um eine „Bildungsveranstaltung“ mit einer „differenzierten Diskussion“. Aus den bisherigen Auftritten des alleinigen Referenten Andreas Zumach ist aber hinlänglich bekannt, dass es ihm allein darum geht, die antisemitische Boykottbewegung BDS vom Vorwurf des Antisemitismus rein zu waschen. Wir Dortmunder Juden werden uns diese tendenziöse Veranstaltung nicht antun. Gleichzeitig fragen wir uns , warum der Deutsche Gewerkschaftsbund Dortmund nicht gesellschaftlich relevantere Themen aufgreift, wie beispielsweise: „Die gesellschaftliche Entgrenzung des antisemitischen Ressentiments „.
Für alle linken Genossen, die sich über die Komplexität des Nahostkonflikts und die wahren Ziele von BDS informieren wollen, empfehlen wir ein Blick in die wohl unverdächtige „TAZ“, zum Beispiel hier oder hier .
Update (2) vom 9. Dezember 2019
Die junge GEW Dortmund stellt sich gegen jeden Antisemitismus Pressemitteilung
Der DGB Dortmund-Hellweg lädt gemeinsam mit Attac, Nachdenktreff und der AG Globalisierung in der Auslandsgesellschaft für den 11.12. 2019 in die Pauluskirche zu einer Veranstaltung mit dem Titel “Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren” mit dem Referenten Andreas Zumach ein. Andreas Zumach bezeichnet sich selbst nicht als Unterstützer des israelfeindlichen Bündnisses BDS (Boykott, Divestment and Sanctions) bestreitet jedoch, dass dieses Bündnis antisemitisch sei. Die DGB Jugend hat schon 2017 auf ihrer Bundesjugendkonferenz einen Beschluss gegen die antisemitische BDS-Kampagne gefasst. Genauer begründet Jonas Holnburger von der EGB-Jugend diese Position noch einmal in einem Interview:https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/material/magazin-soli/soli-archiv-2018/soli-aktuell-8-92018/++co++b813dfcc-90ad-11e8-a678525400d8729f?fbclid=IwAR1S8Mt6UYvh1gYdmXcd8YYcO2j37DrX5vUEdxdxpBu50q_S08vvyl4Z3rA Die junge GEW Dortmund hat im Vorfeld der Veranstaltung versucht über interne Kontaktaufnahme zu DGB und GEW Stadtverband den DGB zum Rückzug aus dem Veranstalter*innenkreis zu bewegen, jedoch ohne Erfolg. Betrachtet man die medialen Reaktionen auf Auftritte von Andreas Zumach, wird aus unserer Perspektive ersichtlich, dass dieser Redner keine analytische Perspektive auf die Konfliktlinien wirft, sondern die Fronten befeuert. Er stellt seine Position einseitig da und versucht kritische Nachfragen zu umgehen. Beispielsweise hat er in einer Fragerunde einer kritischen Person vorgeworfen, sie habe den Holocaust nicht verstanden. Um tatsächlich eine „Bildungsveranstaltung“ mit einer „differenzierten Diskussion“ durchzuführen ist dieser Referent wohl die absolut falsche Wahl. Leider war der DGB auch auf Bitten der Jüdischen Gemeinde nicht dazu bereit, das Podium zumindest um eine weitere Position zu erweitern, damit eine kritische Diskussion möglich ist. Wir zeigen uns solidarisch mit der Jüdischen Gemeinde Dortmund, die in einer Stellungnahme (https://www.ruhrbarone.de/stellungnahme-der-juedischen-gemeinde-dortmund-zurdgb-veranstaltung-israel-palaestina-und-die-grenzen-des-sagbaren/176133) bereits ebenfalls klar gegen diese Veranstaltung Position bezogen hat. Wir als junge GEW Dortmund distanzieren uns deutlich von der Veranstaltung. Wir stellen uns gegen jede Form von Antisemitismus und verurteilen insbesondere die moderne Form des als “Israelkritik” getarntenAntisemitismus. Schon in der Veranstaltungsankündigung wird bewusst offengehalten, ob die Kampagne BDS als antisemitisch einzustufen sei. Jonas Holnburger der DGB Jugend begründet jedoch noch einmal deutlich warum dies falsch ist: “Die Organisationen fordern einen kulturellen, politischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Boykott Israels, stellen dessen Existenzrecht in Frage, kooperieren mit antisemitischen Organisationen und tolerieren antisemitische Aktionen und Positionen in ihren eigenen Reihen.” Zudem plädieren wir auf eine enge Zusammenarbeit mit unserer Partnerorganisation, dem israelischen Dachverband Histadrut und der palästinensischen Gewerkschaft PGFTU, die beide eng zusammenarbeiten und die BDS Kampagne ablehnen. Wir bedauern sehr, dass uns dies in den Strukturen unserer eigenen Organisationen begegnet und werden weiterhin gegen diese Positionen ankämpfen. Um unseren Widerspruch gegen die Veranstaltung, den BDS und gegen jeden Antisemitismus deutlich zu machen, rufen wir zu einer Kundgebung am 11.12.2019 ab 18.00 Uhr, auf dem Vorplatz der ev. Pauluskirche, Schützenstraße 35 in Dortmund auf.
Update (3) vom 9. Dezember 2019: Attac wehrt sich: Keine Nähe zu Antisemiten!
In der Stellungnahme der Jüdischen Gemeinde wird versucht, die globalisierungskritische Bewegung Attac in die Nähe von rechtspopulistischen oder sogar neonazistischen Antisemiten zu rücken. Dies ist ebenso falsch wie bedauerlich. Mit einem angeblichen Zitat („das wird man ja wohl noch sagen dürfen“) und dem angeblichen Ausspruch eines uns unbekannten angeblichen Gewerkschafters soll leider nur Stimmung gemacht, aber gerade die sachliche Erörterung unterschiedlicher Bewertungen unterbunden werden.
Mit dieser Methode soll eine bisher unterbliebene, öffentliche Diskussion eines Ratsbeschlusses weiter verhindert werden, der eine Einschränkung der Rede- und Gedankenfreiheit bedeutet, wie es in der Rücknahme der Verleihung des diesjährigen Nelly-Sachs-Preises an die Autorin Kamila Shamsi überdeutlich wird. Wir wenden uns gegen die zahlreichen Versuche, legitime Kritik an der völkerrechts- und menschenrechtswidrigen Politik der israelischen Regierung in den besetzten Gebieten als antisemitisch zu diffamieren. Wir rufen die Dortmunder auf, sich nicht durch Verleumdungen abhalten zu lassen, sich durch den Besuch unserer Veranstaltung am Mittwoch in der Paulus-Kirche eine eigene Meinung zu bilden.
Die Junge GEW und die Antifaschisten haben selbstverständlich das Recht auf Demonstration und freie Meinungsäußerung, das wir aber auch für uns einfordern. Im Anschluss an den Vortrag können sie an erster Stelle in der Reihe der Meinungsäußerungen zu Wort kommen.
Attac Regionalgruppe Dortmund
Darüber hinaus zur Kenntnis:
„An die eigene Vergangenheit gekettet – Deutschlands Einstellung zur Ungerechtigkeit gegenüber dem palästinensischen Volk
17. Oktober 2019 um 8:53 Ein Artikel von: Redaktion
Der Beschluss des Bundestages vom 17. Mai, mit dem die BDS-Kampagne als ein Beitrag zur zunehmenden Bedrohung durch den Antisemitismus in Europa verurteilt wird, ist ein schwerwiegender Anlass zur Sorge. Er markiert die BDS, eine gewaltfreie palästinensische Initiative, als antisemitisch und fordert die Bundesregierung auf, nicht nur der BDS selbst, sondern einer jeden sie fördernden Organisation jegliche Unterstützung zu verweigern. Der Beschluss verweist auf die besondere Verantwortung Deutschlands gegenüber den Juden, und zwar ohne Israels anhaltenden Missbrauch des grundlegendsten Menschenrechts, der Selbstbestimmung, bezüglich des palästinensischen Volkes auch nur zur Sprache zu bringen. Ebenso wenig verweist dieser Beschluss auf die bedeutende Rolle, die eine frühere BDS-Kampagne, nämlich die gegen den Rassismus Südafrikas, bei der Herbeiführung einer gewaltlosen Beendigung des dortigen Apartheid-Regimes gespielt hat; auch fehlt jeder Hinweis darauf, dass selbst diejenigen, die aus strategischen oder pragmatischen Gründen gegen diese BDS-Kampagne gewesen waren, nie versucht hatten, deren Vertreter zu dämonisieren. Von Richard Falk & Hans von Sponeck.
Was uns besonders verstört, ist der von der deutschen Legislative gewählte Ansatz, der BDS durch Rekurs auf Strafen beizukommen. Es sollte nicht vergessen werden, dass im Fall von Südafrika sich die dortigen Aktivisten trotz vieler Widerstände gegen die damalige BDS-Kampagne nie hatten sagen lassen müssen, dass es rechtlich und moralisch inakzeptabel sei, sich an dieser Kampagne zu beteiligen. Die Einwände basierten auf Problemen der Durchführbarkeit oder der Auswirkungen.
Um unsere Position auf den Punkt zu bringen: Wir glauben, dass diese Entschließung des Bundestags der falsche Weg ist, aus der deutschen Vergangenheit zu lernen. Anstatt sich für Gerechtigkeit, Recht und Menschenrechte zu entscheiden, wurden vom Bundestag das palästinensische Volk kein einziges Mal auch nur erwähnt; und so auch nicht die Torturen, denen dieses Volk ausgesetzt ist – und gegen die sich die BDS-Initiative schließlich wendet. Wer für eine israelische Unterdrückungs- und Expansionspolitik grünes Licht gibt, befürwortet damit implizit eine Politik der kollektiven Bestrafung und des Missbrauchs der Schwachen.
Wir schreiben als zwei Menschen mit sehr unterschiedlicher Vergangenheit; gleichwohl setzen wir uns beide für eine starke UNO ein sowie dafür, dass alle Länder, die großen wie die kleinen, zur Einhaltung des Völkerrechts und zur Förderung der globalen Gerechtigkeit verpflichtet sind.
Gemeinsam sind wir uns auch weiterhin des Holocausts als einer schrecklichen Tragödie für das jüdische Volk und für andere ohne Einschränkung voll bewusst, wie auch der Tatsache, dass dieser ein schreckliches Verbrechen des ehemaligen Deutschlands und anderer Länder in der Vergangenheit darstellt. Wir teilen eine vorrangige Bindung an eine globale Ordnung, der zufolge solche Tragödien und Verbrechen gegenüber dem jüdischen Volk wie auch gegenüber allen anderen Völkern (wo auch immer) ausgeschlossen sind. Und wir sind uns dessen bewusst, dass solche Tragödien und Verbrechen auch nach 1945 gegen Ethnien und andere Zielgruppen verübt worden sind, unter anderem in Kambodscha, Ruanda, Jugoslawien und in jüngerer Zeit gegen die Rohingya in Myanmar.
Auch unser Hintergrund ist ein verschiedener. Einer von uns ist Deutscher und Christ (von Sponeck), der andere (Falk) ist Amerikaner und Jude. (Zu unseren Biographien mehr am Ende dieses Beitrags.)
Wir haben das Versagen der internationalen Diplomatie analysiert, für den Konflikt zwischen Israel und Palästina eine Lösung zu finden. Wir glauben, dass für dieses Versagen Israel die Hauptverantwortung trägt, was dem palästinensischen Volk jahrzehntelang permanent großes Leid beschert hat. Wir glauben, dass die Wurzel dieses Scheiterns in dem zionistischen Projekt liegt, einer nichtjüdischen Gesellschaft einen jüdischen Staat aufzuzwingen. Dies hat unweigerlich zum palästinensischen Widerstand und zu einer zunehmend rassistisch geprägten Struktur geführt, die das gesamte palästinensische Volk in seinem eigenen Land unter Kontrolle halten soll. Wir glauben weiterhin, dass Frieden für beide nur dann eintreten kann, wenn diese Apartheidstrukturen abgebaut werden.
Vor diesem Hintergrund empfinden wir die Zurückhaltung, mit der Bundesregierungen und Teile der deutschen Öffentlichkeit auf diesen Zustand der Ungerechtigkeit reagieren, als inakzeptabel und die stillschweigende Billigung dieser Ungerechtigkeit gerade in Deutschland als besonders besorgniserregend und äußerst bedauerlich. Wir beide und unsere Familien sind in verschiedener Hinsicht selbst Opfer des Nationalsozialismus. Dies hindert uns jedoch nicht daran, darauf zu bestehen, dass das deutsche Zögern, den israelischen Ethnozentrismus zu kritisieren, ein gefährliches Missverständnis der Relevanz der nationalsozialistischen Vergangenheit darstellt. Der Holocaust sollte vor allem dazu dienen, die Welt vor Ungerechtigkeit, vor staatlichen Verbrechen und vor der Entwicklung, dass ein ganzes Volk aufgrund seiner rassischen und religiösen Identität zum Sündenbock gemacht wird, zu warnen. Er sollte Israel nicht von rechtlicher und moralischer Verantwortlichkeit befreien, nur weil seine Führung jüdisch ist und viele seiner jüdischen Bürger mit Opfern des Holocaust verwandt sind.
Durch die Annahme eines Grundgesetzes durch die Knesset im Jahr 2018, wonach Israel der National-Staat des jüdischen Volkes ist, beansprucht Israel nunmehr eine Identität, als wäre ihm damit ein Mandat der Straflosigkeit verliehen. Die Lehre des Holocaust hat mit Macht-Missbrauch, mit Verbrechen und mit der Zuschreibung der Sündenbockrolle zu tun und sollte nicht durch die subversive Folgerung pervertiert werden, dass Juden deshalb, weil sie in der Vergangenheit schreckliche Verbrechen zu erleiden hatten, von jeder Rechenschaftspflicht befreit sind, wenn sie heute selber in erheblicher Weise die Menschenrechte brechen. Wir erinnern an Albert Einsteins Brief an Chaim Weizmann von 1929, in dem er schrieb:
“Wenn es uns nicht gelingt einen Weg zu finden, auf dem wir mit den Arabern ehrlich kooperieren und uns mit ihnen einigen können, dann haben wir aus unseren zweitausendjährigen Leiden überhaupt nichts gelernt – und verdienen das Schicksal, das uns bevorsteht!”
Wir sind mit der Schlussfolgerung des ‚verdienten Schicksals‘ nicht einverstanden. Gleichzeitig meinen wir aber, dass die israelische Regierung sich der Tatsache stellen muss, dass ein Großteil des bedrohlichen Anstiegs der anti-jüdischen und anti-israelischen Stimmung in Europa und anderswo auch auf die von ihr selbst verfolgte Politik zurückzuführen ist.
Diese Stimmung ist freilich keineswegs ursächlich für die erbärmliche Niedertracht solch pathologischer Mordattacken wie die von Halle oder auch von Christchurch. Derartige Taten finden ihren Nährboden viel eher in den Hetzreden unbelehrbarer politischer ‚Rattenfänger‘ aus rechtsradikalen Kreisen.
Die fraglos vorhandene Bereitschaft der Bevölkerungsmehrheit, sich solidarisch gerade auch um die jüdischen Mitbürger in Deutschland und auf der ganzen Welt zu scharen, würde durch eine an Recht und Friedensbereitschaft orientierten Politik Israels vermutlich enorm zunehmen.
Wir erwarten, dass sich unser Plädoyer trotzdem starken Angriffen als antizionistisch und sogar als antisemitisch ausgesetzt sehen wird. Ein Teil der Funktion solcher Angriffe besteht darin, deutsche Reaktionen einfach kaltzustellen: zum einen durch Erinnerungen an den Holocaust, zum anderen durch die falsche Unterstellung, dass die Kritik an Israel und am Zionismus einen erneuten Angriff auf Juden und das Judentum darstellt. Wir bestehen darauf, dass dies absolut nicht der Fall ist. Richtig ist genau das Gegenteil. Die betreffende Kritik bekräftigt, dass die Grundwerte der jüdischen Religion und die humanistischen Werte im Allgemeinen an Gerechtigkeit gebunden sind und dass „Antisemitismus“-Verleumdungen antisemitische Verleumdungen eine völlig inakzeptable Taktik sind, um Israel vor berechtigter Kritik zu schützen. Solcherart Einschüchterung gilt es zu bekämpfen und zu überwinden.
Aus dieser Perspektive ist es unser Glaube und unsere Hoffnung, dass die Menschen in Deutschland stark genug sind, um sich von der durch schlechte Vergangenheits-Erinnerungen bewirkten moralischen Taubheit zu befreien und am Kampf gegen die Ungerechtigkeit teilnehmen zu können. Eine solche Dynamik der moralischen Kräftigung würde sich darin manifestieren, dass Deutschland für das palästinensische Leid Empathie zeigt und gewaltfreie Initiativen unterstützt, die darauf abzielen, Solidarität mit der palästinensischen Nationalbewegung zu bekunden und diese zu ermutigen, die Grundrechte aufrecht zu erhalten, insbesondere das unveräußerliche Recht auf Selbstbestimmung.
Wir sind ermutigt, dass unser Handeln hier in Deutschland nicht im luftleeren Raum stattfindet. Wir nehmen die engagierten Bemühungen der Drei Humboldtianer (zwei Israelis und ein Palästinenser – siehe hier) zur Kenntnis, die gegen die israelische Apartheid protestierten; ebenso die Unterstützung, die die Aktionen dieser jungen Menschen durch die Bevölkerung erfahren haben. Ihre inspirierende Botschaft ist unserer eigenen ähnlich: Es ist an der Zeit, dass die deutsche Regierung und Bürger ihr Schweigen brechen und anerkennen, dass die NS-Vergangenheit am besten durch friedlichen Widerstand gegen die ungerechte Unterdrückung des palästinensischen Volkes überwunden werden kann. Verbunden fühlen wir uns auch mit dem offenen Brief, der von Intellektuellen aus der ganzen Welt, darunter auch vielen aus Israel, unterstützt wird, und fordern somit auf, alle Versuche zu beenden, Kritik an Israel mit Antisemitismus gleich zu setzen.
Wir glauben, dass der Frieden zwischen Juden und Arabern in Palästina davon abhängt, dass Schritte unternommen werden, um die Gleichheit der Beziehungen zwischen diesen beiden zu lange in gegenseitige Kämpfe verstrickten Völkern wiederherzustellen. Dies kann nur geschehen, wenn – als ein Auftakt zum Frieden – die derzeitigen Apartheidstrukturen abgebaut werden. Der südafrikanische Präzedenzfall zeigt uns, dass dies möglich ist – aber nur, wenn sich internationaler Druck mit nationalem Widerstand verbindet. In Südafrika schien das bis zu dem Moment unmöglich zu sein, bis dieser eingetreten ist. Auch in Bezug auf Israel scheint das derzeit unmöglich zu sein. Aber das Unmögliche geschieht, wenn die Forderungen der Gerechtigkeit in Kraft treten und so die Unterstützung durch Menschen guten Willens aus der ganzen Welt mobilisiert wird. In den großen antikolonialen Bewegungen der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte der Lauf der Geschichte die schwächere Seite militärisch begünstigt, und so sollten wir trotz des gegenwärtigen Kräfteverhältnisses, das die israelische Dominanz favorisiert, unsere Hoffnung auf ein gerechtes Ergebnis für die Israelis und die Palästinenser keineswegs aufgeben.
Es ist auch wichtig zu bedenken, dass es keinen Frieden geben kann, solange dem palästinensischen Volk dessen Grundrechte verweigert werden. Jede Vereinbarung, die unter den Bedingungen der Apartheid erzielt wird, ist nichts weiter als ein Waffenstillstand. Ein nachhaltiger Frieden hängt davon ab, dass die Gleichheit der beiden Völker auf der Grundlage beidseitiger Selbstbestimmung anerkannt und umgesetzt wird. Deutschland und die Deutschen haben die große Chance, eine solche Vision zu fördern und ihr Land damit von einer schweren Altlast zu befreien. Das ist es, was wir dem jüdischen und dem palästinensischen Volk letztlich schuldig sind, egal, ob wir nun Deutsche oder Amerikaner oder was auch immer sonst sind.
Richard Falk lehrte 40 Jahre an der Princeton University, zuletzt als Albert G.Milbank Professor für Internationales Recht. Seine Mitte des 19.ten Jahrhunderts in die USA ausgewanderten Großeltern väterlicherseits stammten aus Bayern. Von 2008 bis 2014 war Falk Sonderberichterstatter für das besetzte Palästina im Namen des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen. Zahlreiche Veröffentlichungen zu internationalen Themen; jüngeren Datums: Power Shift: On the New Global Order (2016) und Palestine: The Legitimacy of Hope (2017).
Hans von Sponeck ist der Sohn eines Generals, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von den Nazis hingerichtet wurde. Er ging 1957 nach Israel und arbeitete dort in Moschawim und Kibbuzim. 32 Jahre diente er bei den Vereinten Nationen, zum Schluss im Rang eines beigeordneten UN Generalsekretärs. Seine UN-Karriere endete, als er als UN-Koordinator des Oel-für-Nahrungsmittelprogramms (1998-2000) aus Protest gegen die Irak Sanktionspolitik des UN-Sicherheitsrates zurücktrat. Seine neueste Publikation: The Politics of Sanctions on Irak and the UN Humanitarian Exception, U. of California Press (2017).“
Mag sich jeder selbst eine Meinung über diese Reaktionen bilden. Ich kann nur empfehlen – auch den Kritikern – unvoreingenommen diese Veranstaltung zu besuchen und nach dem Vortrag von Andreas Zumach an einer sachlichen Diskussion zu beteiligen.
(C.S.)
Zur Kenntnis gegeben sei meinen LeserInnen auch noch ein Brief (Quelle: Telepolis) von Rolf Verleger an die Hochschulrektorenkonferenz (HRK).
Hinweis: Hier geht es zur Eigendarstellung von BDS.
Die Veranstaltungsreihe „Talk
im DKH“ im Dietrich-Keuning-Haus in Dortmund nimmt
Themenbereiche aus Politik und Gesellschaft in den Fokus, denn
nationale und internationale Ereignisse schaffen ständig neue
Strukturen und werfen Fragen auf. Hier werden komplexe Zusammenhänge
durchleuchtet und eine Plattform zum Austausch und zur Begegnung mit
ExpertInnen und Prominenten angeboten.
„TALK IM DKH“ findet etwa sechsmal im Jahr freitags von
19 bis 22 Uhr statt. Um 14 Uhr findet jeweils am selben Tag ein
SchülerTALK im Helmholz-Gymnasium statt.
Zum „Talk im DKH“-Team gehören: Levent Arslan (Direktor
DKH), Kati Stüdemann (SchülerTALK), Aladin El-Mafaalani (Moderator)
und seit Frühjahr 2019 auch Özge Cakirbey (Moderatorin).
Künstlerische Darbietungen begleiten jede Veranstaltung, regelmäßig
mit dabei sind Ilhan Atasoy, Esther Festus und Zijah Jusufovic.
Özge Cakirbey (links) und Aladin El-Mafaalani (rechts).
Nach einem kurzen Impulsvortrag folgt ein Dialog zwischen Referentin bzw. Referent und Moderator. Anschließend bleibt ausreichend Zeit für Diskussionen mit dem Publikum. Zu jeder Veranstaltung wird eine Künstlerin oder ein Künstler engagiert, sodass stets auch für Unterhaltung gesorgt ist.
„TALK IM DKH“ findet sechsmal im Jahr freitags von 19
bis 21 Uhr statt. Die Termine werden gesondert bekannt gegeben.
Veranstaltungsort:
Dietrich-Keuning-Haus, Leopoldstraße 50-58, 44147 Dortmund (100m vom
Hbf)
Hier
(auf Nordstadtblogger) und hier
(auf diesem Blog hier) einige Berichte von vorangegangenen
Veranstaltungen innerhalb der Reihe Talk im DKH.
Nächster Talk im DKH am 29.
November 2019 mit dem Journalisten Deniz Yücel
29.11.2019 // Deniz Yücel mit
seinem neuen Buch „Agentterrorist“
Zum Buch
Die Inhaftierung des
Türkei-Korrespondenten der Welt führte in Deutschland zu einer
riesigen Solidaritätsbewegung und sorgte für die größte Belastung
der deutsch-türkischen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg.
Zugleich entfacht der Fall in Deutschland eine Debatte über das
Verhältnis der Deutschtürken zu beiden Ländern. In seinem Buch
erzählt Deniz Yücel, wie er dieses Jahr in Einzelhaft verbrachte,
welchen Schikanen er ausgesetzt war und wie es ihm gelang, immer
wieder die Überwachung zu überlisten. Er schildert, was ihm die
Unterstützung seiner Frau Dilek Mayatürk und die »Free
Deniz«-Kampagne bedeutete und warum der Kühlschrank das sicherste
Versteck in der Gefängniszelle ist. Es ist eine Geschichte von
Willkür und Erpressung, aber auch eine Geschichte von Solidarität,
Liebe und Widerstand. Zugleich zeichnet Deniz Yücel die Entwicklung
nach, die die Türkei in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, vom
hoffnungsvollen Aufbruch der Gezi-Revolte über den Kurdenkonflikt,
die Flüchtlingskrise und den Putschversuch bis zum vorläufigen
Ende: Erdogans Festigung der Macht mit den Wahlen vom Frühjahr
2018.
Die Talk im DKH-Termine bis Mitte
2020
29.11.2019 // Deniz
Yücel mit seinem neuen Buch „Agentterrorist“
20.12.2019
// Ahmet Toprak & Reyhan
Sahin (aka Lady Bitch Ray) mit den beiden aktuellen Büchern
„Yalla Feminismus“ vs. „Muslimisch, männlich,
desintegriert“
17.01.2020 // Alice
Hasters mit ihrem neuen Buch „Was weiße Menschen nicht
über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“
21.02.2020
// Julia Wissert & Aladin
El-Mafaalani: Buchvorstellung „Mythos
Bildung“
03.04.2020 // Michel
Friedman: Was tun gegen Hass und Gewalt? Zum Jahrestag des
NSU-Anschlags in Dortmund am 4.4.2006
19.06.2020 //
Kübra Gümüsay mit ihrem neuen Buch
„Sprache und Sein“
Vom deutschen Philosophen Immanuel Kant
stammen die Worte: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der
ist nicht tot, der ist nur fern. Tot ist nur, wer vergessen wird.“
Diese Worte sprechen Trost zu, aber ermahnen uns gleichzeitig dazu
uns zu daran zu erinnern, was Schlimmes geschah – damit Derartiges
nicht wieder geschieht. Etwa 200 DemokratInnen waren am
Volkstrauertag an zwei Gedenkstätten gekommen, um dafür
einzutreten.
Gedenken bei den deutschen Kriegsgräbern: Oberleutnant André Rosarius, Bürgermeisterin Birgit Jörder, Polizeipräsident Gregor Lange und Dr. Stefan Mühlhofer (Leiter des Stadtarchivs Dortmund. Fotos: C. Stille
Am Volkstrauertag steht das Gedenken
vielerorts im Mittelpunkt. Auch in Dortmund wurde einmal mehr der
Opfer von Gewalt, Terror, Vertreibung der beiden Weltkriege gedacht.
Dieses Gedenken macht den Volkstrauertag zugleich zu einem
Friedensmahntag.
Die zentrale Gedenkstunde der Stadt
Dortmund fand abermals auf dem Hauptfriedhof statt.
Zunächst versammelten sich die zum
Gedenken erschienenen Menschen – darunter viele SchülerInnen der
Europaschule – am Mahnmal bei den deutschen Kriegsgräbern.
Bürgermeisterin Birgit Jörder
postulierte: „Der Friede in Europa ist ein Schatz, den es zu
pflegen und zu bewahren gilt; das bester Erbe, das wir künftigen
Generationen vermachen können.“
In ihrer Ansprache sagte
Bürgermeisterin Birgit Jörder, dass dieser stille Gedenktag
zugleich ein Tag der Besinnung sei: „Wir halten inne und überlegen
zugleich, was wir heute zu Frieden, Freiheit und Menschlichkeit
beitragen können.“
Bürgermeisterin Birgit Jörder.
Angesichts der vielen Millionen Tote
der vergangenen Weltkriege, der „monströsen Opferzahlen“,
versage unser Vorstellungsvermögen.
Weiter mahnte sie an: „Auch wenn
heute der Krieg fern zu sein scheint, muss dieser Tag weiterhin
fester Bestandteil unserer Gedenkkultur sein. Auch, weil die
Schrecken des Krieges Teil unserer Identität sind.“
An die Worte des französischen
Präsidenten Macron zum Volkstrauertag vor einem Jahr erinnere sie
gern. Er habe damals darauf hingewiesen, „dass unsere Jugend die
Zukunft nur aufbauen kann, wenn sie die Vergangenheit kennt“.
Wir alle, strich Jörder heraus, seien
aufgefordert mitzuhelfen, neues Blutvergießen zu verhindern und
Versöhnungsprozesse voranzutreiben.
Eine zentrale Lehre unsere Geschichte
sei, Verantwortung zu übernehmen.
Jörder gab zu bedenken: „Wir
brauchen diesen Gedenktag auch deshalb, weil Bürgerkriege,
militärische Auseinandersetzungen und die Taten politisch oder
religiös Verblendeter immer stärker zunehmen.“
Die Kränze werden zum Ehrenmal für die deutschen Kriegstoten getragen.
Überdies benötigten wir den
Volkstrauertag in einer Zeit in der aufkommender Nationalismus den
Frieden in Europa bedrohe.
Des Weiteren zitierte Jörder den in
diesem Jahr scheidenden EU-Kommissionspräsidenten Juncker, der
bereits 2008 gesagt habe: „Wer an Europa zweifelt, wer an Europa
verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen. Nirgendwo
besser, nirgendwo eindringlicher ist zu spüren, was das europäische
Gegeneinander am Schlimmsten bewirken kann.“
Jörder dazu: „Wie wahr!“
„Insofern muss“, davon zeigte sich
Bürgermeisterin Jörder überzeugt, „dieser Gedenktag auch Anlass
sein, die Beziehungen zu unseren europäischen Nachbarn im Geist der
Versöhnung und der Partnerschaft wieder neu zu festigen.“
Die Bürgermeisterin postulierte: „Der
Friede in Europa ist ein Schatz, den es zu pflegen und zu bewahren
gilt; das bester Erbe, das wir künftigen Generationen vermachen
können.“
Herzlichen Dank stattete die
Bürgermeisterin dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge für
die Organisation und Planung dieser Gedenkveranstaltung und allen
Mitwirkenden ab.
Sie und alle zum Gedenken erschienenen
Menschen hätten an diesem Volkstrauertag des Jahres 2019 ein Zeichen
gesetzt, „dass Freundschaft zwischen den Völkern stärker ist als
der kriegerische Wahn und geben Hoffnung, dass wir auch weiterhin in
Frieden und Freiheit miteinander leben können“.
Polizeipräsident Gregor Lange zum
Artikel 1 des Grundgesetzes: „Unsere Verfassung schützt die Würde
aller Menschen. Unabhängig von Herkunft, Religion oder Hautfarbe“
Im Anschluss an Bürgermeisterin Jörder
fragte sich Gregor Lange, der sich als einen „zunehmend
nachdenklicher werdenden Polizeipräsidenten“ bezeichnete, in
seinem Grußwort, ob die weltweit rund 65 Millionen vom
faschistischen NS-Regime zu verantwortenden Kriegstoten als Schrecken
wirklich ausgereicht hätten, „um die deutsche Gesellschaft gegen
Faschismus, Hass und Ausgrenzung zu immunisieren“.
Polizeipräsident Gregor Lange.
Der Dortmunder Polizeipräsident
erinnerte an die Väter und die Mütter des Grundgesetzes, die mit
dessen Artikel 1 ein kostbares Fundament in unsere freiheitliche
Verfassung gelegt hätten: „Die Würde des Menschen ist
unantastbar“, heiße es da. „Nicht etwa die Würde des Deutschen,
nicht die Würde des Christen und auch nicht die Würde angeblicher
Patrioten für das Abendland.“ Lange: „Unsere Verfassung schützt
die Würde aller Menschen. Unabhängig von Herkunft, Religion oder
Hautfarbe.“
In diesem Artikel liege der Schlüssel
für 70 Jahre innerer Frieden in Deutschland.
Allerdings, gab Gregor Lange zu
bedenken, werde dieses Wertefundament in der Zukunft nur
fortbestehen, „wenn es von überzeugten Demokratinnen und
Demokraten aktiv vertreten und gelebt und vor allen Dingen immer
wieder gegen die Angriffe ihrer Feinde selbstbewusst verteidigt
wird“.
Aktuelle Entwicklungen in unserem Land
forderten gerade jetzt, „ein beherztes Engagement von Staat und
Gesellschaft“.
Lange: „Wie müssen sich Menschen
fühlen, die vor Krieg und Terror aus ihren Heimatländern zu uns
geflohen sind und dann hier mit Hass, Hetze, Gewalt und Ausgrenzung
konfrontiert werden?“
Und welche Gefühle bewegen wohl
Menschen jüdischen Glaubens, die anders als viele ihrer Angehörigen
und Freunde den Holocaust überlebt haben und heute auf offener
Straße antisemitischer Hetze und Gewalt ausgesetzt sind?“
Ebenfalls müsse man sich fragen, was
davon zu halten sei, „wenn rechtspopulistische Parteien selbst nach
dem brutalen Anschlag auf eine Synagoge und nach der Ermordung des
Kasseler Regierungspräsidenten durch einen Rechtsextremisten immer
noch Zuspruch bei Teilen der Bevölkerung bekommen.“
Auch müsse man darüber nachdenken,
wie es wohl VertreterInnen unseres demokratischen Rechtsstaates gehe,
„wenn sie im Netz bedroht oder auf offener Straße in SA-Manier
angegriffen werden“.
Polizeipräsident Gregor Lange
versprach: „Die Polizei Dortmund ist fest entschlossen, alle
rechtlichen Instrumente, die ihr der wehrhafte demokratische
Rechtsstaat zur Verfügung stellt auszuschöpfen, um die Bevölkerung
vor aggressiv-kämpferischen Verfassungsfeinden zu schützen.“
Geistigen Brandstiftern, so Lange, müsse das Handwerk gelegt werden.
Dabei setze er „auf kluge
Staatsanwälte und Richter, die unseren Gesetzen die notwendige
Durchschlagskraft geben können“.
Letztlich frage sich Lange noch, wie
schwer manche Mutter und mancher Vater sicherlich getroffen sein
müssten, deren Söhne oder Töchter in NS-Gedankengut abdriften und
sich einer rechtsextremistischen Szene anschlössen. Mit den Worten
(nach einer chinesischen Weisheit) des englischen Schriftstellers
Charles Reade (1814-1884) schloss Lange sein Grußwort:
„Achte auf deine Gedanken, denn sie
werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden
Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden
Gewohnheit. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein
Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein
Schicksal.“
Bürgermeisterin Birgit Jörder, Dr. Stefan Mühlhofer (Leiter des Stadtarchivs) und Oberstleutnant Oberstleutnant André Rosarius (Bundeswehr) legten am Mahnmal bei den deutschen Kriegsgräbern Blumen nieder. Es wurde eine Schweigeminute eingelegt.
Neonazis und Mitglieder der Partei Die
Rechte – die bis dahin durch einen Pulk von SchülerInnen und ein
auf dem Boden liegendes Dortmund-bunt-statt-braun-Transparent auf
Abstand gehalten worden waren, legten Blumen und Kränze am Mahnmal
ab, offenbar um ihrem „Heldengedenken“ zu frönen. Das empörte
viele Teilnehmer des Gedenkens.
Friedensmarsch zum Mahnmal für die
getöteten sowjetischen Kriegsgefangenen
Die anwesenden DemokratInnen machten
sich auf zu ihren „Friedensmarsch“.
Das Ehrenmal für die toten sowjetischen Kriegsgefangenen am Rennweg in Dortmund. Davor Schüerinnen der Europaschule Dortmund.
Dieser führte zum Friedhof am Rennweg
vor das Mahnmal für die in Dortmund zu Tode gekommenen sowjetischen
Kriegsgefangenen.
Dort stellten SchülerInnen der Europaschule das Projekt „Namensziegel und der digitale Parcours“, „Gegen das Vergessen“, welcher in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge in Verantwortung von Verena Effgen erarbeitet wurde. Gefördert wurde es durch das Bundesprogramm „OPENION – Bildung für eine starke Demokratie“. Die BIPARCOURS-App, kündigte eine Schülerin an, könne ab sofort im App Store oder bei Google Play kostenlos heruntergeladen werden. (Siehe unter diesem Artikel den QR-Code).
Verena Effgen begrüßte die Gäste am sowjetischen Ehrenmal und freute sich, dass eine so große Zahl von Menschen gekommen waren.Viele waren zum Gedenken gekommen.Namensziegel und Friedensbänder.
Zuvor hatten die Teilnehmer des Friedensmarsches die Leinen, welche den Weg zum Mahnmal säumten, passiert, an denen 5.095 Namensbänder (Nordstadtblogger berichtete) zum Gedenken an in Dortmund zu Tode gekommenen sowjetische Kriegsgefangene befestigt waren. Zu sehen waren auch einige Personalkarten der einstigen Kriegsgefangenen und die Namensziegel. Sogar ein sechs Monate altes Baby ist in Dortmund zu Tode gekommen. Die Bänder waren in der VHS Dortmund, an der Europaschule Dortmund sowie von Gästen des Evangelischen Kirchentages erstellt worden. Am Ende des Gedenkens wurde noch eine Anzahl weiterer Friedensbänder an die Leinen geknüpft. Die Gelegenheit dazu ergriffen auch Bürgermeisterin Birgit Jörder, Oberstleutnant André Rosarius und Dr. Stefan Mühlhofer.
Die Personalkarte eines sowjetischen Kriegsgefangenen.Den Weg säumten die Friedensbänder zum Gedenken an die in Dortmund verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen.
Die musikalischen Beiträge anlässlich
diesen Gedenkens, „Winter“ und „war girl“, interpretierten
Finn und Jonas Ulrich. Marina Kalmykowa sang zur Gitarre „’S
brennt“ von Mordechaj Gebirtig.
Marina Kalmykowa singt zur Gitarre.Finn und Jonas Ulrich mit ihrem Musikbeitrag.
Gemeinsam mit Schülerinnen legte
Bürgermeisterin Birgit Jörder ein Blumengebinde vor den Mahnmal für
die getöteten sowjetischen Kriegsgefangenen ab. Auch hier wurde der
Toten mit einer Schweigeminute gedacht.
Bürgermeisterin Birgit Jörder (Mitte) ehrt mit den Schülerinnen die toten sowjetischen Kriegsgefangenen.
Etwa 200 DemokratInnen nahmen jeweils am Gedenken am Mahnmal an den deutschen Kriegsgräbern sowie am Obelisken für die toten sowjetischen Kriegsgefangenen am Volkstrauertag 2019 teil.
Einige Impressionen vom Gedenken am sowjetischen Ehrenmal von Ulrich Streffing.
Memorial
Sowjetische Kriegsopfer können über ein eigens eingerichtetes OBD-Memorial gesucht (Russisch/Englisch). Wichtig dabei ist, dort nicht nur den Vornamen und Nachnamen der gesuchten Person, sondern auch den Vatersnamen einzugeben.
Am kommenden Sonntag ist Volkstrauertag. Auch in diesem Jahr gibt es wieder eine zentrale Gedenkstunde der Stadt Dortmund auf dem Hauptfriedhof. Abermals wird sie von SchülerInnen der Europaschule Dortmund mitgestaltet. 5.095 Friedensbänder haben die SchülerInnen mit den Namen von in Dortmund zu Tode gekommenen sowjetischen Kriegsopfer versehen. Am Volkstrauertag werden sie auf dem Friedhof an diese Menschen erinnern. Die Aktion dient dazu, den Verstorbenen auf diese Weise einen Teil ihrer Würde zurückzugeben und ihnen Respekt entgegenbringen.
Neben den Friedensbändern von links: Verena Effgen, Lehrer Schneider, Birgit Jörder und Jörg Girrulat. Fotos: C. Stille
5.095 Friedensbänder wurden mit
Namen und Alter der auf dem Dortmunder Hauptfriedhof begrabenen
sowjetischen Kriegsopfer beschriftet
Verena Effgen, Bildungsreferentin für den Regierungsbezirk Arnsberg beim Landesverband NRW des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., (VDK) erinnerte an die Gedenkstunde der Stadt im vergangenen Jahr: „Damals haben wir 1.000 ewige Lichter in Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren aufgestellt.“ Auch in diesem Jahr habe man sich wieder etwas Besonderes ausgedacht, um gegen dass Vergessen der Opfer der schrecklichen NS-Zeit zu wirken. Bereits zum Evangelischen Kirchentag sei damit begonnen worden, 5.095 kleine, weiße Bänder mit den Namen und dem Alter der auf dem Hauptfriedhof begrabenen sowjetischen Kriegsopfer zu beschriften. Unterdessen hat die Volkshochschule Dortmund mitgeholfen und ebenfalls 1.000 Bänder erstellt.
Personalkarten von sowjetischen Kriegsgefangenen.
An der Fertigstellung der restlichen
gut 2.000 Bänder beteiligten sich alle Klassen der Jahrgangsstufen
fünf bis zehn
An diesem Mittwoch nun sind
Schulklassen der Europaschule Dortmund – welche sich direkt
gegenüber dem Hauptfriedhof befindet, wo die Kriegstoten ruhen –
darangegangen, die restlichen gut 2.000 Bänder fertigzustellen.
Beschriftet wurden die Bänder mit den bekannten Daten der Toten mit
wasserdichter schwarzer Farbe. Für diejenigen Toten, deren Namen
bislang unbekannt geblieben sind, werden am Sonntag unbeschriftete
weiße Bänder aufgehängt.
Es beteiligten sich alle Klassen der
Jahrgangsstufen fünf bis zehn.
Die Aktion dient dazu, den Verstorbenen auf diese Weise einen Teil
ihrer Würde zurückzugeben und ihnen Respekt entgegenbringen.
5.095
sowjetische Kriegsopfer, die im Zweiten Weltkrieg in Dortmund
umgekommen sind, haben auf dem Hauptfriedhof in Dortmund-Wambel ihre
letzte Ruhestätte gefunden
Viele
von der in Dortmund zu Tode gekommenen Sowjetmenschen waren
Kriegsgefangene, darunter Frauen, Männer und sogar Kinder. Die
Zwangsarbeiter wurden im Bergbau oder in der Montanindustrie
eingesetzt. Dort mussten sie unter erbärmlichsten,
menschenverachtenden Bedingungen Schwerstarbeit verrichten. Sie
hausen in primitiven Baracken. Bis zum Jahr 2011 waren diese
Kriegsopfer namenlos in Massengräbern auf dem Hauptfriedhof
beigesetzt. Seit mehreren Jahren arbeiten SchülerInnen der dem
Hauptfriedhof gegenüberliegenden Europaschule anhand von
Personalkarten zu den Schicksalen dieser Menschen und erstellen
Namensziegel aus Ton, die auf dem Friedhof aufgebracht wurden. Das
Projekt trägt den Namen „Namensziegel gegen das Vergessen“
Fertig beschrifteten Friedensbänder.
Die
SchülerInnen gestalten über dieses Projekt hinaus die jährliche
Gedenkstunde der Stadt Dortmund zum Volkstrauertag mit.
Geschichte
zum Anfassen: „Die Schüler gucken diesen Menschen ins Gesicht“
An
die roten Personalkarten kam man über den VDK, welche sie wiederum
aus Archiven erhalten hatten. Sie enthalten neben den Namen alle
Daten zu den jeweiligen Personen sowie ein Passbild. Die
Personalkarten wurden kopiert und laminiert. So können sie die
SchülerInnen in der Hand halten. Etwas Haptisches. Besser, als wenn
man darüber nur in Geschichtsbüchern liest oder LehrerInnen die
Lebensschicksale der Getöteten referieren. Eine anwesende
Kunstlehrerin gab zu bedenken: „Die Schüler gucken diesen Menschen
ins Gesicht.“
Personalkarte eines sowjetischen Kriegsgefangenen.
Bewegendes
Video eines Moskauers, der seinen toten Onkel auf dem Dortmunder
Hauptfriedhof weiß
Zu
den Namensziegeln fiel der Kunstlehrerin ein bewegende Geschichte
ein, die sie immer wieder aufs Neue zu Tränen rührt – wie
überhaupt das schreckliche Schicksal der in Dortmund verstorbenen
Kriegsgefangenen. Ein russischer Staatsbürger namens Sergej
Pawlowski hatte 2015 mit seiner Frau den Dortmunder Hauptfriedhof
besucht, wo sein Onkel begraben liegt. Er nahm Kontakt zur
Europaschule auf. Später schickte er der Schule eine sehr
eindrucksvolle Videobotschaft. Er ist Lehrer an einer Moskauer
Schule. Die etwa 130 Tonziegel die die SchülerInnen auf dem
Hauptfriedhof an drei Stelen bereits aufgestellt hatten,
beeindruckten Herrn Pawlowski sehr. So setzte er sich nach seinem
Besuch in Deutschland mit der Europaschule in Verbindung, um den
SchülerInnen für deren besonderes Engagement zu danken. Er
beschreibt dieses als ein besonderes Zeichen von Völkerverständigung
und die Arbeit der Schüler hätte in ihm das Gefühl wach gerufen,
nicht ein Fremder in dieser Stadt Dortmund zu sein, in der sein
Vorfahr unter grausamen Bedingungen leben und sterben musste.
Fertige Friedensbänder werden aufgehängt.
Bürgermeisterin
Birgit Jörder beteiligte sich an der Aktion, indem sie ebenfalls ein
Band mit einer Beschriftung versah
Am
Mittwoch kam Bürgermeisterin Birgit Jörder zu Besuch an die
Europaschule Dortmund. Sie ist Patin des Projektes „Schule
ohne Rassismus – Schule mit Courage“ der
Europaschule. SechstklässlerInnen schaute sie beim Beschriften der
weißen Bänder zu. Die Kinder waren mit viel Engagement bei der
Sache. Und stellten wissbegierig Fragen. Birgit Jörder ließ sich
nicht lange bitten und beschriftete auch eines der Bänder. Ihr nach
tat es auch der Direktor der Schule, Jörg Girrulat.
Bürgermeisterin Birgit Jörder schreibt auf eines der Friedensbändern den Namen eines Verstorbenen.
Bürgermeisterin
Birgit Jörder merkte gegenüber Nordstadtblogger an, „die
Europaschule ist ja in dieser Thematik jetzt schon seit Jahren und
Jahrzehnten sehr weit vorne. Nach der Aktion mit den Tontafeln können
sie nun an noch mehr Namen erinnern. Ich freue mich, dass die
SchülerInnen auf diese Weise das Thema bearbeiten und selber
mitmachen. Ich habe auch gern mitgemacht.“
Der
Direktor der Europaschule, Jörg Girrulat, dankt SchülerInnen und
LehrerInnen für ihr Engagement und hofft auf eine hohe Beteiligung
am Gedenken seitens der Stadtgesellschaft
Schuldirektor
Jörg Girrulat lobte das ihnen hoch anzurechnende Engagement der
Schülerschaft, sowie das der LehrerInnen. Alle zusammen seien mit
großem Engagement bei der Sache. Auf die Mitgestaltung seitens
seiner Schule der Gedenkstunde zum Volkstrauertag am kommenden
Sonntag freue er sich sehr. Und er hoffe, obwohl die Veranstaltung an
einem Sonntag stattfinde und keine schulische, sondern eine
freiwillige sei, trotzdem auf eine hohe Beteiligung seitens der
Lehrerschaft und der SchülerInnen und Schüler an diesem wichtigen
Gedenken. Er würde sich, wie er ausdrücklich unterstrich, ebenfalls
sehr darüber freuen, wenn viele DortmunderInnen – mehr als in den
letzten Jahren – den Weg hin zum Gedenken auf den Hauptfriedhof
fänden. Neonazis, die, wie zu befürchten sei, auch wieder zum
Gedenken kämen, um nach der offiziellen Veranstaltung ihr Süppchen
zu kochen, müsse gezeigt werden, dass sie eine kleine Minderheit
innerhalb der Dortmunder Stadtgesellschaft sind.
Schuldirektor Jörg Girrulat beim Beschriften eines Friedensbandes.
Zentrale
Gedenkstunde der Stadt Dortmund zum Volkstrauertag Hauptfriedhof
Dortmund
Die
zentrale Gedenkstunde am 17.11.19 zum Volkstrauertag findet auf dem
Dortmunder Hauptfriedhof statt. Beginn ist um 11 Uhr am Mahnmal in
der Nähe des Parkplatzes Leni-Rommel-Straße. Bürgermeisterin
Jörder wird eine Gedenkrede halten, Finn und Jonas Ulrich gestalten
musikalisch und die Schulen am Marsbruch und die Europaschule
gestalten den zweiten Teil der Veranstaltung am sowjetischen Mahnmal.
Dort werden auch die 5.095 Bänder aufgehängt.
Ablauf
Teil 1 Mahnmal für die deutschen Kriegsgräbern (Nähe Parkplatz
Leni-Rommel-Straße) 11.00 Uhr Musikalischer Beitrag
(Männergesangsverein) 11.05 Uhr Ansprache Bürgermeisterin Birgit
Jörder 11.15 Uhr Grußwort des Polizeipräsidenten Gregor Lange
11.20 Uhr Kranzniederlegung Bürgermeisterin Birgit Jörder, Dr.
Stefan Mühlhofer, Leiter des Stadtarchivs,Oberstleutnant Rosarium
(Bundeswehr) 11.25 Uhr Musikalischer Beitrag (Männergesangsverein)
11.35 Uhr „Friedensmarsch“ zum Friedhof am Rennweg (für
Besucher, die nicht zu Fuß gehen können, besteht ein Bustransfer
vom Parkplatz Leni-Rommel-Straße
Teil 2 Mahnmal für die sowjetischen Kriegstoten (Friedhofsteil am Rennweg) 12.00 Uhr Wortbeitrag zum Projekt „Namensziegel gegen das Vergessen“ und der digitale Parcours: „Gegen das Vergessen“ (EuropaschülerInnen) 12.10 Uhr Musikalischer Beitrag (Finn und Jonas Ulrich „Winter“) 12.15 Uhr Wortbeitrag zum Thema Frieden („Friedenszauber“ Schule am Marsbruch), Musikalischer Beitrag: Marina Kalmykova „´s brennt“ von Mordechaj Gebirtig 12.20 Uhr Blumenniederlegung: Bürgermeisterin Birgt Jörder 12.25 Uhr Totengedenken (EuropaschülerInnen 12.30 Uhr Schweigeminute 12.31 Uhr Musikalischer Beitrag: Finn und Jonas Ulrich („war girl“) 12.35 Uhr Veranstaltungsende
Die vom faschistischen Hitler-Regime
verübten Novemberpogrome jährten sich in diesem Jahr zum 81. Mal.
Daran, dass damals auch die jüdische Sportbewegung zerschlagen wurde, erinnerte eine Gedenkveranstaltung am Sonntagvormittag im Deutschen Fußballmuseum. Einen ganz besonderen Höhepunkt stellte die Übergabe des Meistertrikot von Max Girgulski aus dem Jahr 1936/37 an das Museum dar.
Am Sonntagnachmittag fand die
obligatorische Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht im Opernhaus am
Platz der Alten Synagoge statt.
Jüdische Fußballer waren in der
Pionierzeit des Fußballs bestimmend. Die Nazis verbannten diese
Tatsache aus dem Bewusstsein der Menschen
Jüdische Vereinsheime wurden in Brand
gesetzt, Sportplätze beschlagnahmt. Die jüdischen Vereine erhielten
ein Betätigungsverbot.
Der Direktor des Deutschen
Fußballmuseums Manuel Neukirchner strich heraus, dass dem Museum der
ganze jüdische Fußall sehr wichtig sei, weshalb man auch sehr froh
über das übereignete Trikot von Max Girgulski sei. Jüdische
Fußballspieler und Funktionäre jüdischer Herkunft seien nämlich
gerade in der Pionierzeit des Fußballs sehr bestimmend gewesen.
Neukirchner nannte stellvertretend Kurt Landauer und Walter
Bensemann, die den DFB, den FC Bayern mitbegründet haben. Sowie
herausragende Nationalspieler wie Gottfried Fuchs (erzielte die
meisten Tore – zehn – in einem Spiel) und Julius Hirsch.
Geschichte, beklagte Neukirchner, die leider vergessen ist. Weil die
Nazis es ganz gezielt betrieben hätten diese Geschichte aus dem
Bewusstsein der Menschen zu verbannen. Die so entstanden Lücken, sei
das Fußballmuseum bemüht, zu schließen.
Der Direktor des Deutschen
Fußballmuseums: Fußball spiegelt auch unsere Geschichte wider
„Das Trikot ist ein wunderbares
Geschenk für das Deutsche Fußballmuseum“, sagte dessen Direktor
Manuel Neukirchner. Der Fußball spiegele auch unsere Geschichte
wider. Viele LehrerInnen, die mit ihren Klassen das Museum besuchten,
lobten: „Was ihr mit eurer Ausstellung schafft, erreichen wir nicht
mit unseren Geschichtsbüchern.“ Darin erzählte Biografien von
Fußballern, welche in Konzentrationslagern zu Tode kamen, machten
den SchülerInnen bewusst, was damals geschah.
Dasselbe gelte für den Frauenfußball,
schwenkte Neukirchner in die jüngere Geschichte, „der bis 1970 vom
DFB verboten“ gewesen war.
Auch deutsch-deutsche Geschichte
interessiere die SchülerInnen sehr. Etwa das Spiel 1974 BRD gegen
die DDR „mit dem berühmten Sparwasser-Tor“ und die TV-Kommentare
des BRD- und des DDR-Kommentators.
Der Fußball transportiere eben auch
gesellschaftliche Themen. Unter anderem stehe das im entsprechenden
Kulturauftrag.
Dazu trage nun das Meistertrikot von
Max Girulski bestens bei.
Die Tochter von Max Girgulski,
Susana Baron, war eigens aus Chile angereist
Dafür dankte der Museumsdirektor der
Tochter des Fußballers, Susana Baron. Sie war eigens mit
Familienmitgliedern aus Chile nach Dortmund angereist.
Die Trikot wird als Exponat in die
Abteilung „Vorgeschichte der Bundesliga“ aufgenommen, wo es einen
Ehrenplatz bekommen soll. Neukirchner: „Es ist das einzig erhaltene
Trikot in Deutschland für die jüdische Sportbewegung.“ Max
Girgulski hatte es als er nach Buenos Aires emigriert ist
mitgenommen, weil ihm dieser Fußball so wichtig war. Girgulski galt
als ein hervorragender und hochbegabter Fußballer , der für
Eintracht Frankfurt gespielt hat.
Andreas Eberhardt: Das Deutsche
Fußballmuseum steht für wichtige Erinnerungskultur
Andreas Eberhardt
(Vorstandsvorsitzender der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und
Zukunft), sprach betreffs der Arbeit des Museums davon, dass hier
lebendige Erinnerungskultur geleistet werde. Wir benötigte in
Zeiten, die sich nicht unbedingt zum Besseren gewandelt haben,
unterstrich Eberhardt, dringend gesellschaftliche Vorbilder vor allem
für die Jugend.
„Es gibt schon seit längerem Alarmzeichen, wie präsent
Judenhass in diesem Land ist“, sagte Mark Dainow
Mit Mark Dainow, dem Vizepräsidenten
des Zentralrates der Juden in Deutschland, war einer der höchsten
Repräsentanten jüdischen Lebens hierzulande zu Gast im Deutschen
Fußballmuseum. Dainow rief die schlimmen Ereignisse des 9. November
1938 in Erinnerung. Für die Nazis sei das der Auftakt zur Shoa
gewesen. Danach habe es für die Nazis kein Halten mehr gegeben,
hätten sie doch bemerkt, wie gering „der Widerstand gegen ihren
teuflischen Plan“ in der Bevölkerung war.
Mark Dainow.
Müsse das damalige Geschehen nicht allgemein bekannt sein heute,
fragte Dainow und gab die Antwort sogleich die Antwort darauf:
„Anscheinend leider nicht.“ Dies sei ihm schon lange vor den
furchtbaren rechtsterroristischen Morden in Halle klar gewesen. Mark
Dainow gab in seinem Grußwort zu bedenken: „Es gibt schon seit
längerem Alarmzeichen, wie präsent Judenhass in diesem Land ist.
Offenbar sind Teile der Gesellschaft vergessend und unwissend. Viele
wüssten offenbar auch nicht, dass von den Nationalsozialisten
verfolgte und ermordete jüdische Spieler wie Julius Hirsch Stars des
deutschen Fußballs waren.“ Und er forderte: „Wir dürfen uns im
Kampf gegen dieses Vergessen und Unwissen nicht beirren lassen.“
Dainow zitierte Helmut Kohl: „Wer die Vergangenheit nicht kennt,
kann Gegenwart nicht verstehen und Zukunft nicht gestalten.“
Antisemitische und rechtsradikale
Täter nicht länger als „Einzeltäter“ verharmlosen
In ihrem Impulsvortrag „Fußball und
Antisemitismus“ sprach Prof. Stefanie Schüler-Springorum (Leiterin
des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin), selbst
leidenschaftlich fußballbegeistert, über die Entwicklung des
Antisemitismus im Deutschen Fußball. Sie bestätigte darin das
Vergessen jüdischer Fußballspieler nach dem Zweiten Weltkrieg und
erinnerte daran, dass Vertreter des jüdischen Fußballs nach 1945
nicht wirklich willkommen waren hierzulande. Vertreter des DFB und
der Vereine seien schließlich aktiver Teil des NS-Regimes gewesen.
In Sachen Vergangenheitsbewältigung sei lange nichts unternommen
worden. Im Gegenteil: Als die deutsche Mannschaft 1954 Weltmeister
geworden sei, hätte man das Gefühl vermittelt: „Wir sind wieder
wer!“
Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum.
Wenn früher und auch jetzt wieder
Taten aus der rechten und neonazistische Ecke begangen wurden und
werden und darüber dann immer wieder die Rede von „Einzeltätern“
gehe, dann so Schüler-Springorum, könne und wolle sie das weder
länger hören. Aber erst recht nicht mehr hinnehmen. Auch nicht die
antisemitischen und rechtsradikalen Ausfälle in deutschen Stadien
und auf allen Ebenen des Fußballs. Beispielsweise gegen RB Leipzig.
Alon Meyer bezüglich
Antisemitismus: „Wie müssen ins Agieren kommen!“
Während einer Diskussionsrunde mit
Experten aus Sport und Gesellschaft über Antisemitismus im heutigen
Sport redete u.a Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland,
über den traurigen Ereignissen Fußballalltag, wo antijüdische
Schmierereien nur ein Teil davon darstellten, Tacheles. Er rief in
Form einer „dringlichen Bitte“ dazu, dass auch das Museum sich an
das Publikum richten möge, dass nicht den Weg in Museen finde. Zu
diesem Behufe müssten Schulen verstärkt angesprochen werden, um
deren SchülerInnen möglicherweise auch verpflichtend ins
Fußballmuseum zu bringen, um sie u.a. betreffs des Themas
Antisemitismus zu sensibilisieren. Nicht nur Prävention und
Ansprache sei wichtig: „Wie müssen auch ins Agieren kommen!“
Gegen rassistische und antisemitische Taten in den Fußballstadien
und auch davor müsse entschieden und resolut vorgegangen werden.
Auch mit Verbandsausschlüssen und Stadionverboten müsse unter
Umständen gearbeitet werden. Darüber war sich die Runde einig.
Erhebender und feierlicher
Augenblick: die Enthüllung des Makkabi-Meistertrikots von Max
Girgulski
Ein erhebender und feierlicher
Augenblick an diesem Sonntagvormittag war dann die Enthüllung des
Makkabi-Meistertrikots von Max Girgulski durch dessen Tochter.
Max Gilgurskys Sohn
Rony hielt das Trikot nach dem Tod des Vater in Ehren. Dessen
Schwester Susana Baron, die seit ihrer Heirat in Chile lebt,
verwahrte das Meistertrikot des Vaters nach ihm.
Bis sie vom Interesse des
Dortmunder Fußballmuseums am Trikot erfuhr und sich entschloss ihm
Trikot des Vaters dauerhaft zu überlassen.
Susana Baron erzählte vom Lebensweg ihres Vaters: „Er
wäre sicher stolz, dass sein Trikot nun im Deutschen Fußballmuseum
ausgestellt wird. Es ist der richtige Ort. Ich hoffe, das Trikot
meines Vaters dient insbesondere den jungen Ausstellungsgästen als
Erinnerung, dass sich die Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und
Ermordung nie wiederholen darf.“
Susana Baron.
Girgulski war in den 1920er Jahren ein talentierter Nachwuchsspieler von Eintracht Frankfurt, der unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten den Verein verlassen musste und in den folgenden Jahren mit dem jüdischen Verein Bar Kochba erfolgreich an den Deutschen Makkabi-Meisterschaften teilnahm. Infolge der immer massiveren Ausgrenzung und Verfolgung wanderte Girgulski 1938 nach Argentinien aus. Nach Deutschland kehrte er nie wieder zurück.
Beitragsbild: Susana Baron und Manuel Neukirchner. Und alle anderen Fotos (Quelle: Deutsches Fußballmuseum)
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SONNTAGNACHMITTAG: GEDENKVERANSTALTUNG AM PLATZ DER ALTEN SYNAGOGE
Am Sonntagnachmittag fand die
traditionelle Gedenkveranstaltung im Opernhaus des Theaters Dortmund
am Platz der Alten Synagoge statt. Sie war sehr stark besucht.
Darbietung Jugendlicher zum Gedenken an die Pogromnacht auf dem Platz der Alten Syngoge vorm Opernhaus Dortmund. Foto: O. Schaper
Bürgermeisterin Birgit Jörder
erinnerte an die schrecklichen Ereignisse von 81. Jahren. Die
Erinnerung zeige, so Jörder im Opernfoyer, wie schnell Vorurteile
in offene Gewalt umschlagen können, „begleitet vom Schweigen einer
großen Mehrheit“. Weshalb man mit Sorge auf einen wieder
wachsenden Antisemitismus schaue.
Bürgermeisterin Birgit Jörder:
Das, was wir als sicher geglaubt haben, ist nicht sicher
Jörder: „Dass
in diesem Jahr eine jüdische Einrichtung in Deutschland massiv
angegriffen worden ist, beweist, dass der deutsche Lernprozess über
den Antisemitismus nicht vorbei ist – und mit dem Anschlag von Halle
wieder von vorne anfängt.“ Und weiter mahnte sie: Deshalb
gedenken wir heute mit dem Versprechen, uns allen Angriffen auf
unsere Gesellschaft entschlossen entgegenzustellen. Wir gedenken
mit dem Auftrag aktiv zu werden in einer Zeit, in der einige
Politiker sich im bürgerlichen Gewand staats- und rechtstreu geben,
aber gezielt gegen die Gebote der Menschlichkeit verstoßen. Und
wir gedenken mit der Botschaft, dass die demokratische Mehrheit
wachsam bleiben muss und es keinerlei Toleranz geben darf, wenn
Menschen aufgrund ihres Glaubens angegriffen werden.“
Dieser
Gedenktag sage eben auch: „das,
was wir als sicher geglaubt haben, ist nicht sicher.“
Zwi
Rappoport dankt der Dortmunder Stadtgesellschaft für den Kampf gegen
Rechts, kann jedoch nicht verstehen, dass regelmäßig Naziaufmärsche
erlaubt werden
Zwi
Rappoport, Vorsitzender Landesverband der jüdischen Gemeinde von
Westfalen Lippe und Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde
Groß-Dortmund, sprach vom von den Nazis erzwungenem Abriss der
Dortmunder Synagoge – noch vor dem 9. November. Auch er
thematisierte die zunehmenden antisemitischen Ausfälle in der
Gesellschaft.
Er
kritisierte, dass hierzulande eine wirkliche Entnazifizierung nicht
stattgefunden habe. Bis in höchste Ämter hätten es frühere Nazis
nach 1945 in der BRD wieder geschafft.
Maskierten
Judenhass in der Gesellschaft, skandalisierte Rappoport, nehme „die
Kleinstpartei Die Rechte“ dankbar auf. Dass die demokratische
Stadtgesellschaft dagegen massiv angehe, registriere die jüdischen
Gemeinschaft positiv.
Mit
Unverständnis reagiere man dagegen darauf, dass Gerichte regelmäßig
Naziaufmärsche mit dem Verweis auf die Meinungsfreiheit erlaube.
Sogar den Neonaziaufmarsch ausgerechnet am 9. November in Bielefeld.
Oberstaatsanwalt
Andreas Brendel berichtet bewegt von seiner Bearbeitung von
NS-Verbrechen
Kritik
an der Justiz konnte Oberstaatsanwalt Andreas Brendel (Leiter der
„Zentralstelle NRW für die Bearbeitung von
nationalsozialistischen Massenverbrechen“) als Vertreter der
Staatsanwaltschaft Dortmund nicht auf seine Arbeit beziehen. Brendel
gestand jedoch zu, dass die Justiz nach 1945 vieles vernachlässigt
und manches falsch gemacht habe.
Bewegt
von seinen Eindrücken bezüglich seiner Ermittlungen und
Einvernahmen von überlebenden Zeugen von NS-Verbrechen, etwa
Massakern, im Ausland schilderte er Begegnungen mit ihnen
beispielsweise in Frankreich.
Jüdisches
Gebet und Kranzniederlegung auf dem Platz der Alten Synagoge
Im
Anschluss an die Redebeiträge hielt Kantor Arie Mozes ein jüdisches
Gebet.
Die
musikalischen Beiträge der Gedenkveranstaltung im Opernfoyer führte
das „duo soleil levant“ (Sandra Wilhelms und Gereon Kleinhubbert)
aus.
Bürgermeisterin Birgit Jörder und Rabbiner Baruch Babaev bei der Kranzniederleung. Foto: O. Schaper.
Auf
dem Platz der Alten Synagoge am Gedenkort für die das einstige
jüdische Gotteshaus wurden zum Abschluss der Gedenkfeier Kränze
niedergelegt.
In
diesem Jahr jähren sich die nationalsozialistischen Novemberpogrome
zum 81. Mal. Die diesjährige Gedenkveranstaltung am jüdischen
Denkmal in Dorstfeld wurde abermals von einigen hundert
DortmunderInnen, darunter erfreulicherweise viele junge Leute,
besucht. In seiner bewegenden Ansprache erinnerte Rabbiner Baruch
Babaev auch an die Opfer des rechtsterroristischen Anschlags von
Halle/Saale und postulierte, „niemals Angst zu zeigen und uns für
das Gute einzusetzen“. Den Ewiggestrigen empfahl er: „Und wenn
jemand vorm Aussterben bedroht ist, dann soll er gehen.“
Erinnerung vor Ort an
die Pogrome von 1938, welche den gewalttätigen Übergang zur
systematischen Verfolgung jüdischer Menschen in Deutschland
markierten
Am 9. November 1938 kam es im ganzen Land zu organisierten antisemitischen Angriffen: Synagogen wurden in Brand gesetzt, jüdische Einrichtungen, Wohnungen und Geschäfte wurden zerstört und geplündert. Auch in Dortmund brannten Synagogen.
Alljährlich
findet auch in Dorstfeld am einstigen Standort der dortigen Synagoge
– an das ein jüdisches Mahnmal erinnert – eine
Gedenkveranstaltung statt.
Legten Kranz am jüdischen Mahnmal nieder: Birgit Jörder, Baruch Babaev und Franz Stoltze (v.l). Fotos. C. Stille
In
diesem Jahr bereits am 8. November, da diesmal der Schabbat – der
jüdische Ruhetag – auf den 9. November fällt, um den Mitgliedern
der jüdischen Gemeinde die Teilnahme zu ermöglichen.
Wieder
hatten sich einige hundert Menschen am Gedenkort versammelt, um an
schreckliche Geschehen vor nunmehr 81 Jahren zu erinnern. Darunter
viele junge DortmunderInnen. Sie interessieren sich für das
fürchterliche Schicksal, das den jüdischen DortmunderInnen damals
widerfuhr. Sie wollen die Erinnerung daran wachhalten. Die jungen
Leute haben verinnerlicht, was die Auschwitz-Überlebende Esther
Bejarano einmal so formulierte:
„Ihr
tragt keine Schuld für das was passiert ist, aber ihr macht euch
schuldig, wenn es euch nicht interessiert.“ Und diesem Sinne
handeln sie. Nicht nur am 9. November.
Die
Pogrome markierten einen gewalttätigen Übergang zu der
systematischen Verfolgung von jüdischen Menschen in Deutschland, die
in der Shoah mündete.
Bürgermeisterin Birgit
Jörder: Dorstfeld keineswegs aufgeben und „den falschen Menschen
überlassen“
Ein
Grußwort am Gedenkort nach der Begrüßung der Anwesenden durch Ralf
Stoltze, Bezirksbürgermeister Innenstadt-West, hielt Bürgermeisterin
Birgit Jörder. Sie unterstrich die Bedeutung dieses Gedenkens gerade
auch in Dorstfeld. Man werde diesen Stadtteil keineswegs aufgeben und
„den falschen Menschen“ überlassen. Noch immer erschüttere
sie, dass „dieser nationalsozialistische Massenmord, dieser
unbeschreibliche Rassenwahn, diese menschenverachtenden Aktionen aus
der Mitte der Gesellschaft nicht nur nicht verhindert, sondern durch
große Teile der Bevölkerung erst ermöglicht wurden“. Das dürfe
nicht in Vergessenheit geraten. Es sei erschreckend, so Jörder
weiter, dass gegenwärtig in Deutschland ein Erstarken des
Antisemitismus festzustellen sei. Die Bürgermeisterin bedankte sich
ausdrücklich bei der jüdischen Gemeinde, dass deren Mitglieder
trotzdem weiter zu Dortmund und Deutschland stehen. Sie seien „ein
geschätzter Teil unserer Stadtgesellschaft“. Was nicht
selbstverständlich sei. Denn gewiss befiele sie in ihrem täglichen
Leben auch hier und da Angst. Jörder fragte besorgt: „Wie viel
Warnzeichen muss es denn noch geben, damit endlich so wach sind, wie
wir wach sein müssen?“
Rabbiner Baruch Babaev:
„Wer sich für das Gute einsetzt, muss sich dafür nicht schämen
und keine Angst haben. Wenn sich jemand ein friedliches Miteinander
wünscht, bekommt die ganze Unterstützung von uns allen“
Baruch
Babaev, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Dortmund dankte den
„Bürgern, die Frieden schätzen, Bürger die friedlich miteinander
leben möchten“, dass man sich ein weiteres Mal versammelt habe –
Jung und Alt. Alle Generationen seien vertreten. Um dem zu gedenken,
„was für mein Volk kein Vogelschiss ist“. Der Rabbiner erinnerte
daran, dass in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 1400 jüdische
Gotteshäuser zerstört und verbrannt wurden. Eben auch in Dorstfeld.
Heute zähle man in Deutschland knapp einhundert Synagogen. Das
Judentum habe sich seitdem nicht erholt und werde sich auch nicht
erholen. Babaev: „Wir vermissen unsere Brüder und Schwestern. Wir
vermissen auch die, die sich auch ein friedliches Miteinander
gewünscht haben. Die bis zu letzten Augenblick die Menschlichkeit in
uns vertraut und gehofft haben.“
Vor
einem Monat sei das plötzlich aktueller denn je gewesen. In
bewegenden Worten erinnerte der Rabbiner daran, dass man am 9.
Oktober, dem höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, mit
Erschrecken habe sehen müssen, wie vor den Türen der Synagoge
Polizeibeamte in kugelsicheren Westen und mit Maschinengewehren
aufgezogen waren. Es musste etwas Schlimmes passiert sein. Dann habe
man von dem rechtsterroristischen Anschlag von Halle gehört. Baruch
Babaev: „Wir erinnern und beklagen heute an zwei junge Menschen aus
Halle/Saale, die auch Pläne schmiedeten und Zukunft hatten. Leider
wurde dies Zukunft diesen zwei Menschen genommen.“ Dennoch seien
die Synagogen in Deutschland an diesem Tag so voll wie nie gewesen.
„Wir haben keine Angst“, versicherte der Rabbiner. „Wer sich
für das Gute einsetzt, muss sich dafür nicht schämen und keine
Angst haben. Wenn sich jemand ein friedliches Miteinander wünscht,
bekommt die ganze Unterstützung von uns allen.“
Hunderte waren zum Gedenken gekommen.
Hier
in Dortmund habe die Stadtgesellschaft „manchen Leuten“, die
jeden Montag in der Nordstadt eine Demo hätten abhalten wollen,
gezeigt: „Wir sind mehr!“ Babev gab sich sicher, dass bestimmten
Vorurteile vom Aussterben bedroht sind. Und er erinnerte an das
ehemalige Gotteshaus in Dortmund-Dorstfeld, wo einst „für Frieden
und für Deutschland“ gebetet worden sei.
„Gedenken
wir allen Opfern“, schloss Rabbiner Babaev seine Ansprache, „aber
nehmen wir uns ganz fest vor, niemals Angst zu zeigen und uns für
das Gute einzusetzen. Und wenn jemand vorm Aussterben bedroht ist,
dann soll er gehen. Denn auf dieser ganzen schönen Welt, haben diese
keinen Platz.“
Beeindruckende Texte
von SchülerInnen und musikalische Beiträge trugen zum Gelingen der
Gedenkveranstaltung bei
SchülerInnen
der Martin-Luther-King-Gesamtschule sowie des Leibniz Gymnasiums
trugen mit beeindruckenden eigenen Texten zu den Themen Gedenken und
Antisemitismus zum Gelingen der Gedenkveranstaltung bei. Musikalisch
begleitet wurde das Gedenken von Wolfgang Brust (Gitarre) und Sevgi
Kahraman-Brust (Gesang). Sevgi Kahraman-Brust erinnerte zusätzlich
an das Leiden der Menschen in der Osttürkei unter dem
Erdogan-Regime.
Dorstfeld ist
inzwischen ein Symbol für den Widerstand gegen die Ewiggestrigen
Bezirksbürgermeister
Ralf Stoltze erinnerte an die Einweihung des Denkmals am 9. November
1986, vor welchen sich die Menschen versammelt hatten. Und
bezeichnete das gegenwärtige Gedenken wichtiger als je zuvor.
Dorstfeld sei inzwischen als Symbol für den Widerstand gegen die
Ewiggestrigen in unserer Gesellschaft. „In einer von der
Zivilgesellschaft organisierten Form zeigen wir, wie Demokratie im
Alltag funktionieren kann und was sie bedeutet“, sagte Stoltze.
Kantor Arie Mozes sprach das jüdische Gedenkgebet.
Die Versammelten, darunter u.a.. auch
der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange, legten eine
Schweigeminute ein.
Rahmenprogramm auf dem Wilhelmplatz
Dem Gedenken vorangegangen war ein
Rahmenprogramm auf dem Wilhelmplatz, bei dem Dortmunder Schulen und
Organisationen ihre Arbeit zu den Themen Nationalsozialismus,
Gedenken und Antisemitismus vorstellten und zum Austausch einluden.
Es präsentierten sich unter anderem die
Martin-Luther-King-Gesamtschule, die Anne-Frank-Gesamtschule und die
Emscherschule Aplerbeck. Ebenso war der Jugendring Dortmund, das
Respekt-Büro des Jugendamts Dortmund und die Mahn- und Gedenkstätte
Steinwache vertreten. BesucherInnen konnten sich hier über die
jeweilige Arbeit informieren und ins Gespräch mit den einzelnen
Ausstellern kommen.
Organisiert hatte die
Gedenkveranstaltung das Projekt Quartiersdemokraten. Veranstalter war
der Verein zur Förderung von Respekt, Toleranz und Verständigung in
Dortmund-Dorstfeld e.V.
Das Gedenken war von der Polizei,
darunter auch von BeamtInnen der Reiterstaffel, vorsorglich umfassend
abgesichert. Es verlief friedlich und in entschieden fester
Zuversicht, Antisemitismus und Rassismus auch künftig entschlossen
entgegentreten zu wollen.
Türkeibezogene Themen wirken in viele
gesellschaftliche Bereiche hinein und verursachen auch Konflikte. Zur
Versachlichung trug kürzlich eine Podiumsdiskussion mit
ausgewiesenen Experten im Kulturort Depot bei. Herauskristallisiert
haben sich dabei nicht wenige Defizite. Es
gelte, hieß es, eine Politik- und Diskussionskultur zu etablieren,
die Dialog- und Konsensfähigkeit begünstige. Die Gesellschaft
wandle sich immer. Es käme jedoch darauf an, zu lernen miteinander
zu leben, auch wenn man anderer Meinung sei.
Von links: Deniz Greschner, Aycan Demirel, Kemal Bozay und Osman Okkan. Fotos: C. Stille
Themenkomplexe, die in hiesige
Diskurse hineinwirken und auch für die Gesamtgesellschaft Relevanz
entwickeln
Die Türkei und türkeibezogene Themen
sind in öffentlichen Debatten in Deutschland anhaltend präsent und
begegnen uns in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Seien
es die Inhaftierung des deutschen Journalisten Deniz Yücel, der
kürzliche völkerrechtswidriger Einmarsch der türkischen Armee in
Nordsyrien, zuvor die Özil-Debatte oder die Wahlen in der Türkei.
Dies alles sind Themenkomplexe, die in hiesige Diskurse hineinwirken
und nicht nur für türkeistämmige Menschen, sondern für die
Gesamtgesellschaft Relevanz entwickeln.
Welchen Einfluss haben politische
und gesellschaftliche Entwicklung in der Türkei auf die hiesige
Gesellschaft?
Gemeinsam mit der Kreuzberger Initiative
gegen Antisemitismus e. V. widmete sich das Multikulturelle Forum
e.V. in einer Veranstaltung im sweetSixteen-Kino im Kulturort Depot
der Frage, welchen Einfluss die
politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Türkei auf
die hiesige Gesellschaft haben. Ein weiterer Schwerpunkt ist die
Auseinandersetzung mit Identitäten türkeistämmiger Jugendlicher
sowie Handlungsoptionen zu türkeibezogenen Konflikten in Schulen.
Ausgewiesene Experten diskutierten
auf dem Podium
Es diskutierten miteinander Prof. Dr.
Kemal Bozay, Professor für Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften
an der IUBH Internationale Hochschule in Düsseldorf, Osman Okkan,
Journalist, Filmemacher und Türkei-Kenner, Aycan Demirel, Direktor
der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) und Deniz
Greschner, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für
Islamische Theologie der Universität Osnabrück und Beraterin beim
Multikulturellen Forum e.V. miteinander.
Was macht denn dein Präsident da?
Multikulti-Pressesprecherin Zeynep Kartal fungierte als Moderatorin des Abends. Sie fragte die Gäste – allesamt sind in der Türkei geboren – danach, wann sie zuletzt auf die Türkei und damit zusammenhängende Themen angesprochen wurden. Etwa beim Bäcker. Und vielleicht mit der Frage „Was macht denn dein Präsident da?“ konfrontiert worden sind.
Deniz Greschner
wurde nach der vierten Klasse die Gymnasialempfehlung verwehrt
Deniz Greschner kam
zusammen mit ihren linksorientierten Eltern (Lehrer) 1994 nach
Deutschland, bekam nach der vierten Klasse keine Gymnasialempfehlung.
Die Begründung: die Eltern könnten nicht ausreichend Deutsch und
könnten sie deshalb nicht gut unterstützen. Später ging sie in die
Türkei zurück, absolvierte dort ein Studium und kam danach wieder
zurück nach Deutschland. Sie bekannte, persönlich betroffen zu sein
– besonders, allein schon dann, wenn sie die Nachrichten aus der
Türkei verfolge. Aber die von Moderatorin Kartal ins Feld geführte
Frage bekomme sie beim Bäcker nicht gestellt.Zumal sie verheiratet
mit einem Deutschen ist und auch nicht aussehe, wie eine Türkin. Die
Menschen, die sie kennen, sprächen sie schon mal an, wüsste aber eh
wie sie ticke und, dass sie die Erste sei, die Kritik betreffs der
Türkei übe. Sie wüssten natürlich auch, dass „er nicht mein
Präsident“ ist.
Aycan Demirel:
„Irgendwie wirst du immer auf deine Identität zurückgestoßen“
Aycan Demirel wird
da eher schon mit türkischen Bezügen konfrontiert. Er erinnerte
sich an kritische Bemerkungen, die er einmal nach der Wende bezüglich
von Antisemitismus gegenüber einer Journalistin gemacht hatte. Die
Journalistin habe ihn daraufhin sofort an den „Völkermord an den
Armeniern“ konfrontiert, nach dem Motto: „Was macht deine
Türkei?“
Demirel wies die
Journalistin daraufhin zu Recht und erinnerte daran, dass das
Interview-Thema doch der Holocaust gewesen war. Demirel: „Irgendwie
wirst du immer auf deine Identität zurückgestoßen. Obwohl du
Antisemitismus-Experte bist.“
Jugendliche mit
türkischen Hintergrund erlebten das öfter.
Kemal Bozay:
Auch Bildungsaufsteiger machen „Desintegrationserfahrungen“. Wir
brauchen eine Miteinander-Bewegung
Ähnliche
Erfahrungen hat Kemal Bozay gemacht. Einerseits bestünde wirkliches
Interesse an einem, andererseits bestehe ein Diskrepanz, „wie man
medial die Themen verortet“. Man habe „im Alltag immer so
bestimmte Zuschreibungselemente“ und begegne „Rassismen, die im
Alltag sehr verbreitet sind“.
Dagegen
hätten manche Jugendliche Widerstandsstrategien entwickelt. Andere
gingen in Resignation. Er wies daraufhin, dass es bestimmte hier
lebende Gruppen, die sich in der Türkei nicht artikulieren konnten
oder gar aus religiösen (etwa Aleviten) und politischen Gründen
(z.B. Kurden) verfolgt wurden, verstärkt zu Wort meldeten, für „die
die Diaspora einen wichtigen Rahmen geschaffen hat“. Zum anderen
hat auch der türkische Staat hier seine Lobbyarbeit verstärkt und
bestimmte Interessen vertrete. Seit Erdoğan sei das besonders
in den Moscheegemeinden zu konstatieren. All dies berge natürlich
Konflikte und verursache Konfrontationen. All diese Gruppen verfügten
über ein großes Mobilisierungspotential. Man müsse nur an die
Reaktion auf Erdoğans Auftritt vor einiger Zeit in der Köln-Arena
denken, wo seine türkischstämmigen ZuhörerInnen dazu aufrief sich
nicht assimilieren zu lassen. Darunter gebe es Menschen, die nicht
unbedingt Verlierer seien, sondern auch Leute, die „innerlich
fremd geworden sind“, weil sie vielleicht als Bildungsaufsteiger
„Desintegrationserfahrungen haben machen müssen. All das könne
sich bündeln und eine Rückzug in ethnische Identitäten befördern
und teilweise neue Nationalismen schüfen.
Bozay kritisierte dass wir in unserer
Gesellschaft immer noch von „sie und wir“ sprächen: „Wir
brauchen eine Miteinander-Bewegung.
Osman Okkan hat längst
„Alarmzeichen“ für die hiesige Gesellschaft erkannt
Osman Okkan hat
bereits seit fünfzig Jahren mit den zu diskutierenden Themen zu tun.
Weshalb er schon öfters der Frage an ihn begegne: „Was macht denn
dein Präsident da“. Er informierte über seine TV-Dokumentationen
für das ZDF (kürzlich wiederholt) und auf Arte, über die türkische
Regierungspartei und die Gülen-Bewegung. Okkan war an diesem Abend
im Depot etwas besorgt, da eine für Donnerstagabend zur Ausstrahlung
vorgesehene ZDF-Dokumention von einer einstweiligen Verfügung
bedroht war. Okkan: „Eine Gruppe fühlt sich auf den Schlips
getreten und versucht die Ausstrahlung zu verhindernd.“
Okkan meinte, wir
wünschten uns sehr wohl, dass wir in einer multikulturellen
Gesellschaft leben. De facto aber seien wir ziemlich weit davon
entfernt. Ins Gespräch aber miteinander sollte man schon kommen und
manchmal auch froh darüber sein, dass sich jemand überhaupt für
die eigne Herkunft interessiert.
Er
müsse zugeben, so Okkan, dass sich das Türkei-Image in den von ihm
erlebten letzten 50 Jahren verändert hat. „Nicht zuletzt durch
Herrn Erdoğan . Er hat eine
Anhängerschaft hier. Und leider nicht nur unter den Menschen, die
bildungsfern sind, sondern auch unter gebildeten Leuten.“ Das sei
unter den hier lebenden Menschen auch eine Trotzreaktion, die auf ein
Gefühl des Ausgegrenzt-Seins folge. Okkan sprach von einem
„Alarmzeichen“ für die hiesige Gesellschaft. Unbedingt müssten
nicht nur perspektivlose Jugendliche, sondern auch diejenigen, „die
sich in der Gesellschaft behaupten können, eigentlich integriert
sind“ gewonnen werden „für weitergehende Partizipation“.
Lehrer sind
überfordert. Emotional aufgeladen Themen polarisieren bis in die
eigene Familie hinein
„All
das prasselt natürlich auf die Schule ein“, stellte Zeynep Kartal
richtig fest. Was freilich unheimlich schwer für die Lehrer sein
müsse. Dem stimmte Aycan Demirel zu. Allein, was den Syrien-Konflikt
angehe, habe kaum noch jemand einen Überblick. Wie sollten da
SchülerInnen durchblicken? Unser Bildungssystem sei sehr stark auf
Deutschland fixiert und globale Themen spielten darin kaum eine
Rolle. Lehrer fühlten sich bei diesen auch noch emotional
aufgeladenen Themen überfordert. Erst recht das Thema Erdoğan
polarisiere – bis in die Familien hinein. Er selbst habe mit Leuten
in der eigenen Familie brechen müssen, verriet Demirel.
Die Lehrer
hierzulande hätten keine Ahnung und auch kein Material – so sehe
es aus. Sie riefen dringend nach Unterstützung.
Der
Islam-Diskurs in diesem Land wird permanent negativ geführt
Man müsse sehen,
wie man einen historischen Überblick über die Entwicklung der
Türkei vom Ende des Osmanischen Reiches und deren Gründung 1923 bis
in die Gegenwart und bestimmte gravierende Ereignisse auf dieser
Zeitachse und die Konfliktlage vermitteln könne.
Er selbst sei
früher entsetzt darüber gewesen, was allein im Zeitraum von 30
Jahren für Menschenrechtsverletzungen, Attentate, Folterungen an
unschuldigen Menschen in der Türkei verübt worden seien. Erdoğan
sei in dieser lange Zeit nur eine von vielen darin verwickelten,
kritisch zu betrachtenden Figuren in der türkischen Gesellschaft.
Der Islam-Diskurs
in diesem Land werde von den Jugendlichen permanent negativ erlebt.
Sogar von einem Koran-Verbot sei da schon die Rede gewesen. Demirel:
„Stellen Sie sich mal vor, was das für einen gläubigen Menschen
bedeutet!“
Wir brauchen
veränderte Curricula und demokratische Bildungskonzepte
Es kristallisierte
sich im Verlaufe dieser interessanten Podiumsdiskussion heraus, dass
wir unbedingt veränderte Curricula und verstärkt demokratische
Bildungskonzepte benötigten.
Denis Greschner
empfiehlt hinsichtlich pädagogischer Arbeit den „Beutelsbacher
Konsens“ (gemäß dem Überwältigungsverbot (auch:
Indoktrinationsverbot) dürfen Lehrende Schülern nicht ihre Meinung
aufzwingen, sondern sollen Schüler in die Lage versetzen, sich mit
Hilfe des Unterrichts eine eigene Meinung bilden zu können. Dies ist
der Zielsetzung der politischen Bildung geschuldet, die Schüler zu
mündigen Bürgern heranzubilden.)
Vorurteile seien
normal, stellte Greschner fest. Wir müssen jedoch lernen, sie zu
beherrschen.
Kontroverse Themen
sollten auch kontrovers dargestellt werden. Es müsse gelernt werden
sich gegenseitig zuzuhören und verstehen. All das müsse auf
neutralen Boden versucht werden. Schule könne dafür ein geschützter
Raum sein.
Greschner selbst
habe spät schmerzlich viel darüber erfahren, was ihr Land
beispielsweise KurdInnen Schreckliches „aus staatlicher Hand“
angetan hat, die nach Europa hatten flüchten müssen, habe sie
Gürtelrose bekommen.
Osman Okkan: Das
Wissen über das Unrecht in der Türkei als Schlüssel zur
Verständigung
Bezogen auf die
Medien fand Osman Okkan, dass über das Thema Türkei und das Unrecht
was dort geschieht gar nicht genug geredet werden könne. Er rief in
Erinnerung, dass in der Türkei derzeit 100.000 Menschen in Gefängnis
säßen und Millionen unterdrückt werden. 2016 habe der türkische
Innenminister stolz davon gesprochen, dass über 500.000 Menschen
verhaftet worden sind. Okkan: „Was das alleine für deren
Familienangehörigen bedeutet! Mit welchen Traumata diese Menschen
leben!“
Das Wissen darüber
sei ein Schlüssel dafür, dass man zu einer Verständigung darüber
zwischen der Aufnahmegesellschaft und denn Migranten kommt.
Alles dafür
tun, dass junge Menschen nicht den Rattenfängern folgen
Vieles allerdings
sprenge den Rahmen, welcher Schule zur Verfügung stehe. Wir müssten,
so Okkan weiter, die jungen Menschen mit mehr medialer Kompetenz
ausstatten. Er sprach dies hinsichtlich der Macht der digitalen
Medien an. Es müsse alles dafür getan werden, dass die jungen
Menschen nicht den Rattenfängern folgten.
Es müsse damit
konfrontativ umgegangen werden. Gleichzeitig gelte es aber eine
Politik- und Diskussionskultur etablieren, die Dialog- und
Konsensfähigkeit begünstige. Viele Konflikte – besonders
religiöse, sunnitische und alevitische – hätten bei migrantischen
Jugendlichen eigentlich längst im Familienkreis besprochen werden
müssen. Es käme doch darauf an zu lernen miteinander zu leben. Auch
wenn man unterschiedlicher Meinung sei.
Okkan: „Erst im
Ausland erfahren Menschen, was für ethnische und religiöse Gruppen
es überhaupt in der Türkei gibt.“ Das betreffe auch die
Leidensgeschichte dieser Minderheiten.
Diese Defizite
müssten in einer demokratischen Gesellschaft möglichst behoben
werden.
Aycan Demirel gab
ergänzend zu bedenken: „Die Gesellschaft wird sich immer wandeln.
Mit diesem Wandel muss sich die Gesellschaft zurechtfinden.“
Nicht weniger
interessant als die vorangegangene Diskussion gestaltete sich die
letzte Phase der Veranstaltung, in welcher sich das Podium den Fragen
der ZuschauerInnen öffnete.
In diesem Blog werden montags selbst verfasste Gedichte veröffentlicht und je nach Anlass Gedanken übers Zeitgeschehen festgehalten. Im Ganzen behandelt der Blog Ansichten und Eindrücke über Politik, Gesellschaft, Alltag, Liebe und (Pop-)Kultur. Respekt, Hoffnung, Nachdenklichkeit, Friedensfähigkeit und Menschlichkeit werden diesen Blog kennzeichnen.