Shanghai Angel (in Germany) – Ein Roman von Rolf Geffken

Zwischen deutscher Kultur und chinesischer Kultur liegen Welten. Und Luftlinie zwischen der BRD und der Volksrepublik China beträgt die Entfernung ca. 7.224 km. China gehört zu den ältesten Zivilisationen und Hochkulturen der Menschheit. Schriftliche Aufzeichnungen über die chinesische Kultur reichen über 3500 Jahre zurück.

Wenn Menschen beider Kulturen aufeinander treffen – es liegt nahe – kann es schon zu einem Zusammenprall kommen. Mindestens aber zu Missverständnissen und Irritationen. Rolf Geffken (ich habe erst kürzlich an dieser Stelle seinen Roman „Verdammt in alle Kindheit“ besprochen) hat diese Möglichkeit auf zwei Personen heruntergebrochen und sehr gut und fesselnd beschrieben. Erzählt wird die Liebe zwischen dem deutschen Strafrechtsprofessor, Gerhard Prosch, und seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin, Sunling Xing aus Shanghai. Prosch Ende der Fünfzig. Die gut gebildete und attraktive Sunling Xing Mitte der Zwanzig, aus einer durchaus privilegierten chinesischen Familie stammend.

Während Sunling erstmalig nach Europa und Deutschland kommt, ist dem Professor durch seine Verbindungen zu chinesischen Universitäten und der Zusammenarbeit in deutsch-chinesischen Projekten das ferne, riesige – auf einen gewaltigen Sprung nach vorne auf vielen Feldern befindliche Land (ich empfehle nebenbei das ebenfalls kürzlich von mir besprochene Sachbuch „Das chinesische Jahrhundert“ von Wolfram Elsner) durchaus kein Terra incognita.

Dennoch funkt und bruzzelt es zwischen beiden gehörig. Zunächst ist das keine gewöhnliche Liebesgeschichte. Angezogen voneinander sind sind jedoch beide Protagonisten von Anfang an. Der alternde Professor vielleicht noch mehr als Sunling.

Sunling verfügt offenbar über nahezu außergewöhnliche Fähigkeiten. Vieles in der gemeinsamen Arbeit an Proschs Institut gelingen dadurch, Kompliziertes lässt sich durch Sunling Dasein ins Werk setzen. Sunling ist Prosch eine große Hilfe. Prosch weiß die Hilfe sehr zu schätzen. Er ist schwer beeindruckt von ihr.

Ist er bald schon in Sunling verliebt? Wohl schon. Doch er will es noch nicht so recht wahrhaben, was ihn bewegt. Und Sunling hat die ihr von zuhause mitgegebenen „rules“ – ihre Regeln. Sie gehen nicht zuletzt auf den strengen Vater, Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas und pensionierter Militär, zurück. Sunling hat hohen Respekt vor Prosch. Sie bewundert ihn sehr.

Und schon bald bekommt Prosch von Sunling zu hören: „I warn you…“ Er solle sich bloß nicht in sie verlieben. Prosch respektiert das. Dennoch braut sich da längst etwas zusammen – von beiden Seiten her-, nimmt seinen Lauf. Es gibt Irritationen. Aber Dinge kommen nicht zur Sprache, wie es notwendig gewesen wäre.

Und die (Beziehungs-)Kiste entwickelt eine Eigendynamik neben der vielen Arbeit her, die im Institut zu tun ist. Einmal ist ihm Sunling auch vor Gericht eine große Hilfe, erreicht mit ihrer geschickten Übersetzung so gar einen guten Ausgang für den vor Gericht stehenden chinesischen Landsmann, welchen Prosch für den Kollegen und Freund Rolf in einem Asylverfahren vertritt.

Ein andermal unterstützt Sunling ihn auch, als der Professor sich für die neue linke Partei (man kann sich denken, welche gemeint ist) engagiert und für einen Abgeordnetenmandat kandidiert. Geffken zeichnet uns Lesern auch fein sikzziert ein Bild von dem, auf was sich Menschen einstellen müssen, die sich in einer politischen Partei zu engagieren. Ein Unterfangen, dass eine gute körperlich-geistige Konstitution und eine riesige Portion Selbsbewusstsein erfordert, verbunden mit einem dicken Fell. Noch dazu in einer linken, wo mancher Träumer womöglich meint, dort herrschten Solidaridät oder gar Freundschaft unter den Mitgliedern. Man muss beim Lesen unweigerlich an die Konrad Adenauer zugeschriebene Steigerung „Freund – Feind – Parteifreund“ denken. Ja, sie ist ohne weiteres auch auf den Umgang von Mitgliedern einer linken Partei anwendbar. Da soll sich niemand etwas vormachen. Vor allem wenn es um Ämter und lockende Macht geht und gut gefüllte Futtertröge winken. Zu einer Kundgebung kommt der führende Politiker dieser neuen linken Partei, Gregorius Grips (!) aus Berlin.

„Grips kannte jeder. Er war der Liebling der Medien. Von Beruf Anwalt. Klein von Statur. Charmant in der Aussprache. Reaktionsschnell und debattierfreundig.(S.126)“  Wir Leser haben sofort das Bild im Kopf, wissen von wem die Rede ist.

Neben geistigen Annäherungen und Disputen, auch spaßiger Natur zwischen beiden, wobei Sunling viel hinzu lernt, deutet sich auch eine mögliche Annäherung auf anderer Ebene an. Doch zum Äußersten – wie man schön zu sagen pflegt – kommt es letztlich nicht, sieht man einmal von „der Nacht der linken Hand“ ab, die in Gerhard Prosch etwas ganz besonderes und einmaliges auslöst.

Prosch macht sie mit Goethe vertraut, den sie nicht besonders gut kennt. Sunling ist für Prosch – wie dieser spürt – zu einem, seinem „Eckermann“ – vielmehr zu seiner „Eckerfrau“ – geworden. Zu einer wichtigen Vertrauten, wie Johann Peter Eckermann, ein deutscher Dichter, Schriftsteller, seinerzeit „seinem“ Goethe enger Vertrauter gewesen war. Sie ist ihm als des Professors wissenschaftlicher Mitarbeiterin und eigentlich darüber hinaus mit aller, von Liebe getriebener Kraft ein Engel. Der „Shanghai Angel“ eben.

Doch beide Protagonisten sind auch Gefangene ihrer Biografien und Sunling ihrer Regeln, die sie nicht unbedingt befolgen will. Verletzungen entstehen und bleiben bestehen, weil sie nicht sofort geheilt werden. Obwohl das durchaus möglich gewesen wäre. Es bleibt zwischen beiden halt zu oft etwas im Raume stehen. Es wird geschwiegen, wo besser geredet worden wäre. Wir alle kennen solche Momente, wenn wir ehrlich sind. Man spürt es zuweilen im Augenblick und tut doch nicht, was getan werden müsste. Und dann ist der Moment, der etwas Schönes möglich gemacht hätte, verflogen wie ein scheuer Vogel. Ein Fenster, das sich geöffnet hatte, ist wieder geschlossen. Die Gelegenheit perdu. Vergossene Milch. Der Zug abgefahren. Der Frust hinterher groß. Die Traurigkeit auch. Hätte ich doch!

Der Engel verliert an Kraft. Grenzen stellen sich auf. Hoffnungen zerplatzen wie Seifenblasen.

Wir erfahren im Fortgang des Romans, welcher einen bis zum Schluss nicht loslassen will, viel über Politik, internationale Beziehungen und auch Recht (der Autor ist Fachanwalt) Wirtschaft sowie über Konventionen und die Gesellschaft hierzulande wie auch in China. Das ist nie dröge und eintönig, sondern interessant.

Eine unmögliche Liebe? Ein Liebe die möglich gewesen wäre – wenn! Beim Zusammenprall dieses ganz besonderen Paars kommt es zu Abstoßungen. Ein Drama all das. Tragisch nach hinten raus. Alles andere eben als Kitsch. Ein vor uns ausgebreitetes  Leben mit Ecken, Kanten und mit Hochs und Tiefs! Hoffnungen und Enttäuschungen. Eine letztlich tragische Liebe. Die nicht hatte sein sollen. Die Liebenden konnten (richtig) zueinander nicht kommen. Ein Scheitern beider intelligenten Protagonisten. Rolf Geffken hat das gut beschrieben, so dass wir förmlich an dieser Liebe mitleiden. Ja, eigentlich am liebsten als eine Art Deus ex machina in Geschichte eingreifen möchten.

Zum Buch lesen wir:

„Vor der Kulisse von internationaler Politik, Wirtschaft und Recht, zwischen Hamburg, Berlin, Beijing und Shanghai entfaltet sich die Geschichte einer Liebe, die nicht sein darf und die nicht sein kann.“ (…)Es ist die Geschichte einer Liebe, die weit mehr ist als ein Beziehungsabenteuer. Sie wird den Beteiligten zum Gleichnis ihres eigenen Lebens und scheitert schließlich an der Vielfalt und Schwere ihrer Aufgaben. (…)Es ist aber auch die Geschichte eines Engels, der all seine ihm verliehene Kraft in diese Liebe steckt, um am Ende kein Engel mehr zu sein. Und es ist die Geschichte eines modernen Fausts, der am Ende einem Werther gleich zugrunde geht.“

Und doppelt unterstrichen gehört diese Aussage:

Rolf Geffken gelingt es, mit diesem Roman die Erfahrung einer alles verändernden bedeutsamen Liebe vor dem real existierenden Hintergrund der aufkommenden chinesischen Turbogeneration zu formulieren.“

Das Buch ist bereits 2010 erschienen. Was der Lektüre keinen Abbruch tut. Prädikat Lesenswert! Am Schluss möchte ich nochmals auf Geffkens Roman „Verdammt in alle Kindheit – Verloren in den Wäldern des Mannesalters – Ein norddeutscher Entwicklungsroman“ verweisen. Auch der ist – immerhin zehn Jahre „abgelegen“ – sehr lesenswert. Und wer ihn aufmerksam liest, wird in „Shanghai Angel“ betreffs einer Familienenbeschreibung betreffs des Protagonisten eine Art „Link“ zu „Verdammt in alle Kindheit“ entdecken. Man darf autobiographische Hintergründe vermuten. Was auch für diesen nun besprochenen Roman gilt.

Wir kommen in diesem Roman auch Bild davon gezeichnet, wie das neue China tickt und was seine Menschen antreibt.

Und uns Leser*innen kann auch hier abermals deutlich in den Sinn kommen – sozusagen ein Licht aufgehen – wie viel eigentlich unser späteres Leben als Erwachsener von dem in früher Kindheit erlebten und erlittenen – im Guten wie im Schlechten – geprägt ist.

Biografie

Dr. Rolf Geffken. Foto: via Weltnetz.TV

Dr. Rolf Geffken, promovierte 1978 an der Universität Bremen über „Seeleutestreik und Hafenarbeiterboykott“ (s.u. Marburg 1979), Anwalt & Autor, Fachanwalt für Arbeitsrecht, publizistische Schwerpunkte: Arbeitsrecht, China, Schifffahrtsgeschichte, Gewerkschaftsbewegung. Referent für Arbeitsrecht, Fachautor und Autor belletristischer Bücher. Organisator der 1. Deutsch-Chinesischen Konferenz zum Arbeitsrecht an der Zhongshan-University in Kanton, der 1. Deutsch-Chinesischen Anwaltskonferenz in Tianjin 2008 und der 1. Deutsch-Chinesischen Gewerkschaftskonferenz an der Universität Oldenburg 2010. Erstes Buch: Klassenjustiz, Frankfurt 1972 (wegen dieses Titels erhielt der Autor das erste Berufsverbot für einen Juristen in der damaligen Bundesrepublik), später folgten u.a.: Über den Umgang mit dem Arbeitsrecht, VSA-Verlag 1980; Seeleutestreik und Hafenarbeiterboykott – Rechtsprobleme des Arbeitskampfes an Land und auf See, Marburg 1979 (Diss. Bremen 1978); Bundespersonalvertretungsgesetz – Kommentar, Frankfurt 1980; Shanghai Angel in Germany – Ein Roman, Schardt-Verlag 2011, Seeleute vor Gericht – Authentische Erinnerungen eines Anwalts aus den 1980er Jahren, NW-Verlag, jetzt: Schünemann-Verlag, 2. Auflage 2012; Streik auch in China ? VAR-Verlag 2011; Das Neue Chinesische Arbeitsvertragsgesetz VAR-Verlag 4. Auflage 2014; Die Große Arbeit – Rilke und Worpswede, Edition Falkenberg 2014, Arbeit & Arbeitskampf im Hafen, Edition Falkenberg 2015; Streikrecht – Tarifeinheit – Gewerkschaften, VAR-Verlag Cadenberge 2015; Das Chinesische Arbeitsvertragsgesetz – 5. Auflage, VAR-Verlag 2016; Kampf ums Recht – Beiträge zum komplizierten Verhältnis von Politik, Arbeit und Justiz, VSA-Verlag Hamburg 2016; Seeleute und Häfen ins Museum ? – Alternativen zu Seefahrt, Häfen und maritimer Erinnerungskultur, VAR-Verlag Cadenberge 2017; Legende & Wirklichkeit – Die IG Metall in der Automobilindustrie. Streiflichter aus der Werkstatt eines Arbeitsrechtsanwalts. Mit einem Anhang zum Thema „Gewerkschaftsfreiheit oder Monopolgewerkschaft ?“, VAR-Verlag Cadenberge 2018; Umgang mit dem Arbeitsrecht – Ein Handbuch für Beschäftigte, vollständig überarbeitete 2.und 3. Auflage VAR-Verlag Cadenberge 2019; Verdammt in alle Kindheit – Verloren in den Wäldern des Mannesalters – Ein norddeutscher Entwicklungsroman, Verlag Isensee Oldenburg 2020.

Der Autor liest eine Passage aus seinem Roman

Rolf Geffken

Shanghai Angel

in Germany

Taschenbuch: 229 Seiten

Preis: 14,80 €

  • Verlag: Schardt; Auflage: 1. (28. August 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3898415384
  • ISBN-13: 978-3898415385

Paukenschlag vor 50 Jahren im Dortmunder Norden: Die Septemberstreiks 1969 kamen von unten ohne Beteiligung der Gewerkschaften. Zeitzeuge Werner Nass berichtete

Von links: Dr. Wilfried Kruse, Wiltrud Lichte-Spanger und Werner Nass. Foto: C. Stille

„Ein Paukenschlag ging vor 50 Jahren durch den Dortmunder Norden, der ganz Deutschland bewegte“, so Wiltrud Lichte-Spanger, die Vorsitzende des Evinger Geschichtsvereins. Spontane Streiks, ohne Unterstützung durch Gewerkschaften oder Parteien, begannen im September 1969 auf der Westfalenhütte, setzten sich über die Zentralwerkstatt der Zeche Fürst Hardenberg auf die Dortmunder Schachtanlagen und die Dortmunder Stadtwerke fort. Auch Betriebsräte hielten sich zurück, verschlossen sich in ihren Büros. Erfolge hefteten sie sich später an die Brust. Bald breitete sich die Streikwelle, der „Heiße Herbst 69“ über ganz Deutschland aus – Geschichte, die heute noch aktuell ist. Am Montagabend war dies Thema bei einer Veranstaltung des Evinger Geschichtsvereins. Als Zeitzeuge berichtete Werner Nass, später einer der einflussreichsten Betriebsräte in der Stahlindustrie, wie er den Streik erlebte.

Zur Situation im September 1969

Wiltrud Lichte-Spanger erinnerte an die Geschichte vor den Streiks. Zuvor hatte es nach dem Krieg in Westdeutschland die Aufbaujahre auch im Ruhrgebiet gegeben. Dann jedoch sei die erste Wirtschaftskrise 1966 eingetreten. Später sei eine Erholung erfolgt. Die Studentenbewegung stellte alles in Frage, was die Zeit des 2. Weltkriegs überlebt hatte. Auf dem Höhepunkt des Wirtschaftsbooms waren Gewerkschaften, wie sie meinten, durch die Friedenspflicht an langfristig abgeschlossene, niedrige Tarifverträge gebunden, während die Hoesch-Konzernleitung den Aktionären eine drastische Erhöhung der Dividenden ankündigte, sahen die Arbeiter weiter in die Röhre.

1969 sei dann die Forderung aufgestellt worden den Stahlarbeiter zwanzig Pfennig mehr pro Arbeitsstunde zu zahlen. Das wurde von den Verwaltungen brüsk angelehnt.

Wilfried Kruse: In den Jahren 1969 und folgende ging mit der Nachkriegszeit die Adenauer-Zeit zu Ende, die „grauenvoll war“

Dr. Wilfried Kruse, ehemals Leiter der Sozialforschungsstelle in Dortmund, gab den ZuhörerInnen einleitend einen Einblick in die „lange Vorgeschichte“ der Streiks. Wenn bezüglich der Septemberstreiks von 1969 von spontanen Streiks geredet werde, so Kruse, entstehe der Eindruck, sie seinen „plötzlich und aus heiteren Himmel“ gekommen. Was nicht der Fall gewesen sei. Es stimme weder gesellschaftlich noch betrieblich. Kruse sagte, er habe eigentlich ein kurzes Video aus der Deutschen Schlagerparade 1969 zeigen wollen. Dies war aber an technischen Problemen gescheitert. Der Titel der Veranstaltung lautete ja „September 1969: Als die heile Welt zerbrach“. Deshalb der Blick auf die Schlager jener Zeit: denn die heile Welt ging ja auch 1969 noch weiter, wusste Kruse. Zwar habe es Elvis und Woodstock in den USA und die Beatles in Großbritannien gegeben – in der BRD aber hatte ein Schlagerstar den größten Erfolg überhaupt im Lande. Das sei Heintje gewesen, der Inbegriff von heiler Welt, mit „Heidschi Bumbeidschi“ Anfang 1969 der größte Hit.

Er erzähle das, erklärte Kruse, weil wir uns davor hüten müssten, Schwarz-Weiß-Bilder zu erzeugen.

Es habe nämlich immer Widersprüche und Spannungen gegeben.

In den Jahren 1969 und folgende gehe es um das Ende der Nachkriegszeit. Präziser gesagt: „Das der Adenauer-Zeit.“ Eine Zeit in der es eine Kombination gegeben habe aus einem in den 1950er Jahren beginnenden sogenannten „Wirtschaftswunder“ (Sinnbild dafür war Ludwig Erhard mit der Zigarre im Mund) und gleichzeitig eine äußerst konservative Grundhaltung. Einerseits es sei eine Zeit voller Optimismus – nach dem Krieg ging es endlich wieder aufwärts – gewesen, die andererseits jedoch, was die gesellschaftlichen Verhältnisse betreffe, „grauenvoll war“.

Der Faschismus war beschwiegen worden

Nach 1945 sei der Faschismus eigentlich nicht zum Thema gemacht, sondern verdrängt und beschwiegen worden. Weshalb Dr. Kruse den Beginn des Endes der Nachkriegszeit nicht bei den 69er Streiks, sondern beim Auschwitz-Prozess (1963-1965) verortet.

Mit Willy Brandt kam ein Politik- und Moralwandel

Als wichtiges Datum nannte Wilfried Kruse 1966. Da sei nämlich die erste Garde der westdeutschen Politiker aus den 1950er Jahre abgelöst worden. Es kam zur ersten Großen Koalition. Der Sozialdemokrat Willy Brandt (im Widerstand gegen die Nazis tätig gewesen) wurde in der Bundesregierung des Christdemokraten Kurt-Georg Kiesinger (einem Nazitäter) Vizekanzler. Willy Brandts Credo: „Mehr Demokratie wagen“. Bei der Bundestagswahl am 28. September 1969 – wenige Tage nach dem Septemberstreik – bekam die SPD knapp 42 (!) Prozent der Stimmen. Willy Brandt wurde Bundeskanzler der sozial-liberalen Koalition (mit der FDP). Es habe ein Kultur- und Moralwandel begonnen und ein verändertes Frauenbild gegeben. Was Willy Brandts Politikwandel ermöglichte.

Für den jungen Gewerkschafter Werner Nass war diese Zeit „ein Hammer“

Nachdem Dr. Wilfried Kruse zum besseren Verstehen den entsprechende gesellschaftlichen Hintergrund jener Zeit nachgezeichnet hatte, sprach Zeitzeuge Werner Nass darüber wie es zu den Septemberstreiks gekommen war. Er selbst erlebte sie als junger Vertrauensmann „im dritten und vierten Glied“. Diese Zeit, sagte Nass, sei damals „ein Hammer für einen jungen Gewerkschafter“ gewesen.

An diesem 2. September 1969 habe er zufällig Frühschicht im Walzberg als Schweißer gehabt: „Um neun Uhr ging das dann rund.“

Die Konjunktur brummte: Für Aktionäre hohe Dividenden. „Die Malocher sollten außen vor bleiben“

Mehrere Faktoren wären damals zusammengekommen. 1969 sei genauso ein heißer Sommer wie 2018 gewesen. Da habe der Vorstand gesagt, man müsse den Kollegen an den Hochöfen etc. wenigstens eine Flasche Wasser geben. Das Unternehmen habe horrende Gewinne gemacht, die Konjunktur war enorm nach oben gegangen. Die Aktionäre sollten höhere Dividenden bekommen. Nass: „Aber der Malocher sollte außen vor bleiben.“

Dann spielte die IG-Metall eine Rolle. Was vor fünfzig Jahren so war und heute noch so ist. Die Perspektive sei, stets Tarifverträge für 12 Monate abzuschließen. Was ganz selten eingehalten worden sei und längere Laufzeiten vereinbart wurden. 1969 brummte also die Konjunktur und der Tarifvertrag lief noch bis zum 1. Dezember dieses Jahres. Einen neuen Tarifvertrag zu verhandeln war nicht möglich. Die IG Metall habe gesagt: Uns sind die Hände gebunden.

Zwischen den drei Stahlstandorten in Dortmund habe es seinerzeit Stundenlöhne zwischen 5,30 DM und 5,40 DM gegeben, während in der Weiterverarbeitung die Löhne höher gewesen seien.

Die Vorstände lehnten die Forderungen des Betriebsrats ab

Die Betriebsratsvorsitzenden gingen damals daran am 15. August 1969 Forderungen zu stellen, die Tarifverhandlungen vorzuziehen und der Arbeitslohn pro Stunde sollte um 20 Pfennig rückwirkend steigen.

Die Betriebsdirektoren äußerten Verständnis. Die Vorstände aber lehnten ab. Die Vorstände von Union und Phoenix waren bereit am 1. Dezember 1969 fünfzehn Pfennige draufzulegen. Der Betriebsrat der Westfalenhütte lehnte einstimmig dieses Angebot ab. Man wollte 20 Pfennig mehr, sofort.

Um den Forderungen Ausdruck zu verleihen, sollten 100 Arbeiter auf die Treppe zur Hauptverwaltung kommen – doch schon bald waren es 1000 und dann fast 3000!

Der damalige Betriebsrat Albert Pfeifer habe dann im Gespräch mit dem damaligen Vorsitzenden der Vertrauenskörperleitung Fritz Wäscher gebeten,

Treppe zur Hoesch-Verwaltung in späteren Jahren. Foto: via Geschichtsverein Eving.

dass dieser 100 Kollegen bitte, auf die Treppe zur Hauptverwaltung zu kommen. Nun rumorte es überall in den Betrieben. Einige Vertrauensleute im Bereich des Hochofens wollten es aber nicht bei der Zahl von 100 Kollegen belassen. Sie wollten die Kaffeepause um 9 Uhr nutzen, um mit mehr Leuten zur Hauptverwaltung zu kommen. Werner Nass: „Man ist gestartet und wusste nicht wo man landet.“

Auf einmal waren 1000 Menschen vor der Hauptverwaltung. Der Betriebsrat begannt mit dem Vorstand Gespräche zu führen. Der Vorstand sagte 20 Pfennig mehr zu. Doch zwischenzeitlich war die gesamte Frühschicht – vielleicht fast 3000 Arbeiter an der Treppe. Bevor das Ergebnis von 20 Pfennig mehr bekannt wurde, wurde die Losung herausgegeben: 30 Pfennig mehr. Die Sache schaukelte sich hoch. All das kam von der Basis. Die IG Metall, so Nass, und der Betriebsrat waren außen vor. Der Betriebsrat lehnte ab weitere Gespräche zu führen. Nun forderte man – wenn heute nicht 30 Pfennig beschlossen würden – fordere man 50 Pfennige. Eine Strohpuppe wurde symbolisch an der Hoesch-Hauptverwaltung aufgehangen.

Was wiederum dazu führte, dass die bürgerliche Presse – etwa die FAZ und die Bildzeitung – schrieben, die Frau des Vorstandsvorsitzenden Fritz Harders hätte sich auf ihrem Grundstück in Ergste mit der Pistole verteidigen müssen gegen diese schlimmen Stahlarbeiter. Diese seien von Kommunisten oder was auch immer ferngesteuert. Nass: „Alles erlogen.“ Er machte deutlich, an diesem 2. und 3. September 1969 habe es keinerlei parteipolitischen Aktivitäten gegeben. „Es waren die normale Kumpel, die Vertrauensleute, die aus eigenem Antrieb handelten.

Solidarität von den anderen Werken in Dortmund: 20 000 Menschen trafen sich am Wall!

All dies habe sich mittags am 2. September abgespielt. Studenten hätten versucht die Macht zu übernehmen. Die Stahlarbeiter rochen jedoch Lunte und ließen sich nicht missbrauchen.

Die Westfalenhütte stand alleine da. Die beiden anderen Werke in Dortmund sollten davon abgehalten werden sich zu solidarisieren. Die Mittagsschicht der Westfalenhütte führte den Streik weiter. Bei Union und bei Phoenix ließ nun ebenfalls die Nachtschicht die Arbeit ruhen. Der Betriebsrat forderte die Arbeiter auf die Arbeit wieder aufzunehmen

. „Ein ganz gefährliche Sache“, merkte Werner Nass an: „Uneinigkeit auf der Arbeitnehmerseite.“ Der Vorstand war dennoch nicht bereit zu verhandeln. Man glaubte – auch weil die IG Metall außen vor – die Sache liefe sich tot.

Am Hoesch-Museum. Foto: Stille

Am zweiten Tag des Streiks, dem 3. September, kam von den beiden anderen Werken in Dortmund das Signal an die Arbeiter der Westfalenhütte: Wir kommen zu euch.

Die Arbeiter von der Westfalenhütten kamen ihnen entgegen. Werner Nass: „Dieses Bild habe ich immer noch im Kopf. Das war der erste Kampf mit zwanzigtausend, die sich in der Stadt getroffen haben. Da war auch der kleine Krämer dabei, der ja auch Sorgen hatte, wenn das schief geht.“

Zwanzigtausend Menschen trafen sich am Wall.

„Es war eine Stimmung, getragen von der Kraft, die von unten kam“, erinnerte sich Nass. Doch keiner habe gewusst wie und wo es enden werde.

Sieg! „So ein Tag so wunderschön wie heute“

Gegen elf Uhr an diesem Tag war der Vorstand wieder bereit, die Verhandlungen aufzunehmen.

Wohl um zwanzig vor eins sei es gewesen, das Vorstand und Betriebsräte verkündet habe, die 30 Pfennig werden bezahlt, die Ausfallzeiten vergütet und es wird in keiner Form Abmahnungen geben.

Nass: „Unterm Strich ein unglaublicher Erfolg. Praktisch gegen die Gewerkschaft. Der Betriebsrat war stellenweise außen vor.“ Zum Schluss sei das Lied „So ein Tag so wunderschön wie heute.“ Noch am selben Tag wurde die Arbeit wieder aufgenommen.

Für ihn als junger Gewerkschafter, sagte Werner Nass, sei das ein Schlüsselerlebnis gewesen.

Er gab auch zu bedenken, dass man nach diesem unglaublichen Erfolg in nachfolgenden Arbeitskämpfen auch habe Niederlagen einstecken müssen. Erfolge setzten sich nicht einfach fort.

Werner Nass gab darüber hinaus zu bedenken, wenn man in einen Streik gehe, muss man auch sehen, wo eine Tür ist wo man wieder zurückkann. Auf der Gewerkschaftsschule habe man gelernt quer zu denken. Und entsprechendes Rüstzeug dafür erhalten, das Wirtschaftssystem zu begreifen. Mit den 69er Tagen habe ein neues Denken eingesetzt.

Die Septemberstreiks waren eine Initialzündung

Dr. Wilfried Kruse schätzte ein, dass der Septemberstreik auf der Westfalenhütte eine Initialzündung war, der fast die gesamte westdeutsche Stahlindustrie und 150 000 Stahlarbeiter erfasste. 30 000 Beschäftigte hatte sich in Dortmund am Septemberstreik in der Stahlindustrie und bis zu achttausend im Bergbau beteiligt.

Der Streik im Bergbau war ein Misserfolg

Im Bergbau indes sei die Streiksituation anders und viel schwieriger gewesen, erklärte Wilfried Kruse. Dort sei es um Arbeitskleidung und mehr Urlaub

Eingang ehemalige Zeche Minister Stein. Foto: via Geschichtsverein Eving.

gegangen. Die Vorstände im Bergbau hätten Verhandlungen abgelehnt. Die IG Bergbau und Energie war nicht nur wie im Stahlbereich die IG Metall außen vor, überrumpelt und nicht handlungsfähig, sondern massiv gegen diesen Streik eingestellt gewesen. Streikführer im Bergbau wurden von ihrer Gewerkschaft hart angegriffen.

Der Streik im Bergbau brach aus diesen Gründen zusammen und war ein Misserfolg.

Wolfgang Skorvanek sieht bei allen Unterschiedlichkeiten Gemeinsamkeiten zwischen den Septemberstreiks und der Klimaschutzbewegung

In der Einladung zur Veranstaltung war vermerkt: „Bei allen Unterschiedlichkeiten meint Wolfgang Skorvanek, ebenfalls stellvertretender Vorsitzender des Evinger Geschichtsvereins, gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Septemberstreiks von 1969 und der heutigen Klimaschutzbewegung um Greta Thunberg. Skorvanek: „Damals wie heute entstand eine spontane Aktion junger Menschen, die ohne Rücksicht auf Sanktionen neue Ansprüche formulierten, bevor sie von Institutionen wie Parteien und Gewerkschaften zunächst erkannt wurden.“

Fazit von Dr. Kruse

„Die Septemberstreiks waren der Höhepunkt, wo Arbeiter sichtbar wurden, aber gleichzeitig der Beginn vom Ende des Malochers. Des Malochers als schwer arbeitenden Bergarbeiter oder Stahlarbeiter.“

So könne man die Septemberstreiks als Höhepunkt und Abgesang des Malochers markieren.

Ein Kurzfilm zum Septemberstreik:

Rezension: „Brandt aktuell – Treibjagd auf einen Hoffnungsträger“ von Albrecht Müller

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Cover des Buches via NachDenkSeiten/Westend Verlag

Willy Brandt wäre am 18. Dezember diesen Jahres hundert Jahre alt geworden. Als Herbert Ernst Karl Frahm ist der große sozialdemokratische Politiker an diesem Datum im Jahre 1913 in Lübeck geboren worden.

Bangen um Willy

Keine Politikerpersönlichkeit hat mich betreffs meiner eigene Politisierung so stark beeinflusst wie Willy Brandt. Als Willy Brandt 1969 Bundeskanzler wurde und zusammen mit der FDP die sozial-liberale Koalition bildete war ich 13 Jahre alt. Und besuchte eine Polytechnische Oberschule (POS) in Halle an der Saale, im zweiten deutschen Staat, der DDR. Deslängeren schon politisch hoch interessiert und am „Schulkurier“, der Schülerzeitung der halleschen POS „Lessing“ als Redakteur mitwirkend, verfolgte ich die von der neuen westdeutschen Bundesregierung postulierten und Schritt für Schritt umgesetzten politischen Ziele im großem Interesse. Viele DDR-Bürgerinnen und Bürger taten das. Sie erhofften sich durch Brandts Politik eine Entspannung des durch den Kalten Krieg stets schwierigen Verhältnisses der beiden deutschen Staaten untereinander.  Und gewiss auch Reisefreiheit.

Erste deutsch-deutsche Verhandlungen kamen. Die Entspannung machte hoffnungsvolle Fortschritte. Ich erinnere mich noch an das erste deutsch-deutsche Treffen von Willy Brandt und Willi Stoph, 1970 in Erfurt. Da war ich gerade in der achten Klasse. Mit Bangen verfolgte ich 1972 als Schüler der achten Klasse den Ausgang des konstruktiven Misstrauensvotums, im Bundestag vom damaligen Oppositionsführer Rainer Barzel, gegen Willy Brandt angestrengt. Und zwar in den Pausen des ESP-Unterrichtes (ESP: Einführung in die Sozialistische Produktion) über ein kleines Transistorradio namens „Cosmos“ sowjetischer Produktion. Ich machte gegenüber den Schloten des Kraftwerks Halle-Trotha einen wahren Freudensprung, als der Deutschlandfunk meldete, das Misstrauensvotum sei gescheitert.

Willy Brandt war nicht nur ein außergewöhnlich sympathischer Mensch, sondern auch ein Hoffnungsträger. Und zwar für die Menschen in West wie in Ost. Unvergesslich Brandts Kniefall von Warschau. Vom Denken, vom Herzen her war ich damals jemand, der sozialdemokratisch dachte und fühlte. Übrigens bin ich das noch heute. Nur die SPD ist eine andere. Sie ist längst von der sozialdemokratischen Fahne gegangen. Aber dies nur am Rande. Verzeihen Sie mir den kleinen Ausritt in vergangene Zeiten…

Warum also nun noch ein Buch?

Willy Brandt wäre also diese Woche am 18. Dezember hundert Jahre alt geworden. Seine Partei, die SPD, feiert ihren einstigen Vorsitzenden ohne rot zu werden. Nun ja. Anlässlich des Jubiläums sind mehrere Bücher zu Brandt erschienen. Auch waren in verschiedenen Medien Geburtstagswürdigungen zu lesen. Warum also nun noch ein Buch? Der Titel:  „Brandt aktuell“, Untertitel „Treibjagd auf einen Hoffnungsträger“, herausgebracht von Westend. Will der Autor, Albrecht Müller (einer der Herausgeber der NachDenkSeiten), einfach auf der Willy-Welle mitsurfen?

Keineswegs. Albrecht Müller trieben andere Motive an das Buch zu schreiben. Müller erlebte nämlich als junger Mann Brandts Aufstieg zum Kanzler als Redenschreiber von Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller. Dann war er Brandt als Wahlkampfmanager nahe. Als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt diente Albrecht Müller Willy Brandt bis zu dessen Rücktritt („Guillaume-Affäre“). Der junge Müller, studierter Nationökonom, nicht zuletzt durch die Politik Willy Brandts zum überzeugten Sozialdemokrat mit Parteibuch geworden, bewunderte den ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler der BRD und unterstütze ihn leidenschaftlich. Dabei dürfte Müller den Menschen Brandt ziemlich genau kennengelernt haben. Wenn man nun sein neuestes Buch (auch auf andere Publikationen Müllers trifft dies zu) liest, wird man als Leser Zeuge dieser ehrlichen Bewunderung für Brandt.  Diese Bewunderung ist an keiner Stelle die eines in Bann geratenen naiven jungen Menschens, der etwa in der Person Brandts so etwas wie einen Guru sah. Müller beschreibt Brandt und dessen politische Arbeit durchaus kritisch. Aber er streicht auch die großen Verdienste heraus, die Willy Brandt und der von ihm als Bundeskanzler geführten sozial-liberalen Koalitionen zuzurechnen sind. Die Verdienste sind ja zweifelsohne auch nachweisbar. Nur vieles ist bzw. wurde mit Absicht verschüttet.

Falsches Bild von Brandt

Und Albrecht Müller hat recht, wenn er in anderen Publikationen zu Willy Brandt „systematische(n) Schwächen“ beklagt, „die sich daraus ergeben, dass Historiker und andere geschichtsschreibende Personen allzu oft nur in Variation wiedergeben, was vorher von anderen geschrieben worden ist.“ In diesen Veröffentlichungen kommen sehr wohl die Verdienste Willy Brandts vor. Aber sehr oft wird in ihnen das Bild eines depressiven, oft unentschiedenen, ja: wankelmütigen Bundeskanzlers, eines Zauderers, Willy Brandt gezeichnet. Zudem das eines Weiberhelden, vor dem kein Rockzipfel sicher war. Eines Menschen, der gerne einen guten Tropfen genoss und dafür auch mals seine Pflichten vernachlässigte. Albrecht Müller hat Brandt dagegen selbst im Regierungszug intensiv arbeitend am Schreibtisch erlebt. Aber selbst, so kritisiert Müller im Buch (S. 78), der Fersehzweiteiler „Im Schatten der Macht“ von Oliver Storz schreibt solche Klischees quasi Geschichte schreibend – obwohl Storz darauf hinwies, der Film sei keine Dokumentation sondern Fiktion – fort und verfestigt sie somit in den Köpfen der Zuschauer. Albrecht Müller schreibt auf besagter Seite weiter unten: „Willy Brandt erscheint im Film als ein lethargischer Herr, dem des Nachts über Bahnsteige staksend eine blonde schwedische Journalistin zugeführt wird. Man muss nicht Mitarbeiterin oder Mitarbeiter des Bundeskanzlers Brandt gewesen sein, um diese Szenen und Texte mit ihren einschlägigen Andeutungen über Privates widerlich zu finden.“

Brandt kann sich nicht wehren

Albrecht Müller kann es nicht gefallen, dass „die historischen Werke nicht eine Schlagseite hätten, die unter anderem daraus folgt, dass Brandt schon seit 21 Jahren tot ist, während andere damals Beteiligte bei der Geschichtsschreibung in eigener Sache mitwirken können.“ Verständlich: „Brandt kann das nicht.“

Im Vorfeld der Veröffentlichung von Müller Buch schrieb der Autor: „Was heute darüber (über Brandt und dessen Wirken, d. Verf.) geschrieben wird, ist in wichtigen Teilen nicht richtig. Als im Spätsommer 2013 erkennbar wurde, dass auch die Geburtstagswürdigungen manche Schlagseite haben werden, habe ich mich aufgemacht, über die „Treibjagd auf den Hoffnungsträger“ Willy Brandt zu schreiben.

Warum Treibjagd?

Besonders der jüngeren Generation potentieller Leserinnen und Leser dieses – wie ich finde – gesellschaftlich wie historisch wichtigen Buches empfehle ich zu erkunden (und zu verstehen) weshalb Müller gerade den Untertitel „Treibjagd auf den Hoffnungsträger“ gewählt hat. Ich selbst erlebte noch (via Westfernsehen) wie damals gegen Willy Brandt Stimmung gemacht wurde. Und zwar (in vorderster Linie von Oppositionsführer Rainer Barzel (CDU) im Bundestag) auf widerlichste Art und Weise. Aber die Treibjagd auf Willy Brandt hatte ja schon vor dessen Kanzlerschaft begonnen. Union und die hinter ihr stehenden Kreise in Wirtschaft und Finanz schreckten ja nicht einmal vor Diffamierungen ganz privater und persönlicher Natur zurück, indem sie dessen uneheliche Geburt öffentlich thematisierten. Was etwa Konrad Adenauer tat.

Desweiteren hetzte man gegen Brandt, weil er in der Nazizeit ins Exil gegangen war. Unappetitlich bis zum Geht-nicht-mehr. Die Diffamierungen, die unverhohlene, verabscheuenswerte Hetze aus den Reihen der Union (einer sich „Christlich“ nennenden Partei!), die nur natürlich an einen möglichst schnellem Ende des „Experiments“ von Brandt und der sozial-liberaler Koalition interessiert war. Angetrieben von der deutschen Wirtschaft, „die zwanzig Jahre lang die Kanzlerschaft der Union genossen hatten, die den Betriebsunfall von 1969“ (S. 46) korrigieren wollten. Im Wahljahr 1972 inszenierte man eine „massive Kampagne des ‚Großen Geldes‘ (S. 104) gegen den durch die Brandt-Politik vermeintlich eingeleiteten „Linksruck“. Müller: „Union und Wirtschaft wurden unterstützt von einigen Medien“. Als selbst das konstruktive Misstrauensvotum gegen Brand scheiterte, was mit der „Abwerbung von Abgeordneten (von Regierungsparteien, d. Verf.) hatte „bewerkstelligt werden“ sollen, „wurden“ – so Müller weiter auf S. 46 – „nach Schätzungen der Werbeagentur ARE mindestens 34 Millionen DM in einen Krieg mit Anzeigen gesteckt“.

Willy Brandt forderte „Compassion“

Willy Brandt hatte einen schweren Kampf zu bestehen. Erfuhr aber auch große Unterstützung im Wahlvolk. Legendär war damals die „Willy-Wählen!“-Kampagne. Die SPD erlebte zur Brandt-Zeit eine wahre Hochzeit: Über eine Millionen Mitglieder hatte die SPD! Albrecht Müller widerlegt im Buch den „Mythos Linksruck“ (S. 102) betreffs der Politik Brandts mit vielen Beispielen. Vielmehr habe Brandt sehr genau gewusst, dass Wahlen nur zu gewinnen sind, indem man als Partei Politk für einen möglichst breiten Teil der Bevölkerung macht. Dafür stand das Schichtenmodell, das Brandt beherzigte.

Brandts Politik, daran erinnert dieses Buch, war zutiefst von „Compassion“, wie dieser selbst es nannte, bestimmt. Brandt hatte auf der Rede eines außerordentlichen Parteitags am 12. Oktober 1972 in Dortmund begründet was er darunter verstand. Er legte „seine(n) Mitbürgerinnen und Mitbürger(n)“ ans Herz, erinnert sich Müller, sie „möchten doch bitte begreifen, wie wichtig Mitdenken, Mitleiden, Mitfühlen sind“. Albrecht Müller, den heutigen Zustand in den Blick nehmend, zieht eine düstere Bilanz (S. 172 unten): (…)“ nach gut vierzig Jahren Indoktrination durch neoliberale Professoren und Ideologen, sehen wir, wo eine solche Gesellschaft landet. ‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘ ist keine zukunftsträchtige Parole und Richtschnur.“

Feinde in den eignen Reihe

Im Kapitel „Parteifreunde und andere Feinde“ (S. 29) gibt Albrecht beredt darüber Auskunft, dass ein Politiker erst dann erledigt ist, „wenn er nicht nur Gegner in den anderen Parteien und große Interessen und wichtige Medien gegen sich hat, sondern vor allem wenn zusätzlich in den eigenen Reihen gegen ihn gearbeitet wird“. Willy Brandt, lesen wir, sei „dafür ein ‚klassischer Fall‘. Der Brandt am feindseligsten gesinnte Partei“freund“ dürfte Herbert Wehner gewesen sein. Von dem der Brandt herabwürdige, in Moskau gegenüber Journalisten gesagte Satz „Der Herr badet gerne lau.“ überliefert ist. Für Müller ist „Wehner, der illoyale Machtmensch“ (S. 63). Ein andermal, erfahren wir (S. 51), Brandt war krank, „vergaß“ Wehner bei Koalitonsverhandlungen 1972 „handschriftliche Anregungen und Anweisungen Willy Brandts für die Verhandlungen in seiner Aktentasche!“ Dem Buch verdanken wir einen Einblick in die zuweilen angewandten Machenschaften im politischen Innenleben der SPD. Die auch heute noch – denken wir nur an das Wegmobben Andrea Ypsilantis oder der verachtenswerte Umgang mit Kurt Beck – in ähnlicher Weise stattfinden.

Helmut Schmidt übte Druck auf Willy Brandt aus

Brandts Nachfolger, Helmut Schmidt, bescheinigt Albrecht Müller „auch ein Bundeskanzler von Format“ gewesen zu sein. Dessen Verhalten 1972 Brandt gegenüber könnte man schon erpresserisch nennen: Helmut Schmidt, so empfand es jedenfalls Albrecht Müller, habe Brandt damals unter Druck gesetzt. Schmidt habe nämlich das Wirtschafts- und Finanzministerium nur übernehmen wollen, wenn Brandt nach den Wahlen Kanzleramtsminister Horst Ehmke und Regierungssprecher Conrad Ahlers sozusagen über Bord gehen ließe. Brandt hielt Wort, bereute aber dann Ehmke in die Wüste geschickt zu haben.(S. 54 oben)

Willy Brandt – „Ein Jahrhundertpolitiker“

Willy Brandt war zweifelsohne „Ein Jahrhundertpolitiker“ (S. 11). Er war ein großartiger Mensch, ein Menschenfischer, dem in der Geschichte der BRD einzigartige Politisierung der Gesellschaft gelang, der nicht nur in Wort sondern auch in der Tat mehr Demokratie wagte, der ein guter Deutscher (S. 119) war: „Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein im Innern wie nach außen.“ und jemand, der „Gegen den Herrschaftsanspruch der finanzstarken Oberschicht“ (S. 123) anging. Desweiteren war Brandt ein wirklicher Brückenbauer, der es verstand Menschen zusammenzuführen. Jemand, wie Müller auf Seite 130 oben schreibt,  der „nicht nur nach außen versöhnen“, sondern „auch im Inneren zusammenführen“ wollte. Die unter Brandts Führung verantwortete Politik, Albrecht Müller hat das sehr gut herausgearbeitet, hat auf vielen Gebieten Verkrustungen aufgebrochen und wichtige gesellschaftspolitische Weichenstellungen zum Nutzen vieler Menschen veranlasst. Sie wirkten sich unmittelbar aus. In der Bildung, der Justiz, dem Umweltschutz, der Außenpolitik (Ost- und Entspannungspolitik) – im Leben vieler Menschen.

„Warum soll das nicht wiederholbar sein?

Dem, was Albrecht Müller am Schluss seines Buches schreibt, ist voll zuzustimmen: „Die geistig-moralische Erneuerung, die Helmut Kohl später propagierte und leider nicht bewirkte, hatte sein Vorvorgänger Willy Brandt zuvor schon eingeläutet.“ Und im allerletztem Satz Müllers wohnt ein Funke Hoffnung: „Warum soll das nicht wiederholbar sein?“

Bedauerlicherweise hat Albrecht Müllers Partei, die SPD, die 2013 durchaus bestanden habende Chance auf Wiederholung nicht ergriffen. Oder nicht ergreifen wollen? Den Letzten Glücksfall für Deutschland, nennt Müller Brandt. Ich fürchte, er wird es auf lange Sicht hin bleiben.

Müllers Buch ist ein wichtiges Korrektiv betreffs der Beurteilung der Person Willy Brandt sowie dessen Politik seitens anderer Autoren, die sich in mehreren Büchern und zahlreichen Zeitungsartikel zu Brandts 100. Geburtstag verbreiten. Es räumt mit Klischees auf, die immer wieder ein Autor vom anderen abschreibt. Albrecht Müller entlarvt Geschichtschreibung als das was sie zuweilen, die Persönlichkeit Willy Brandt anbelangt ist: nämlich falsch.

Denk(t) mal!

Der Autor kannte Willy Brandt persönlich. Er hatte das Glück mit ihm zu arbeiten. Dass Albrecht Müller dies als Glück empfindet, versteckt er nicht. An keiner Stelle des Buches jedoch stilisiert Müller Brandt zu einem, gar seinem Guru. Wenn Müller über Brandt schreibt, dann schreibt er über einen Menschen, einen großartigen, aber – wie kann es auch anders sein – über einen auch fehlbaren Menschen mit allergrößte Respekt. Müller hat Brandt insofern nicht als vergoldetes Denkmal auf einen überhohen Sockel gehoben. Er hat uns aber mit seinen nötig gewesenen Zeilen zugerufen: Denk(t) mal, ein Brandt und dessen Politik hat einmal ein Land bewegt und verändert. Was einmal war, kann wieder sein: ihr müsst es nur wollen! Ich bin mir sicher, der Ruf ging auch an „seine“ SPD.

 

Das Buch

Albrecht Müller: „Brandt aktuell. Treibjagd auf einen Hoffnungsträger“, 160 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, 12,99 Euro, Westend Verlag