„Die Kunst ist frei? Eine Streitschrift für die Kunstautonomie“ von Moshe Zuckermann – Rezension

Wie frei ist die Kunst? Ab und an lesen oder hören wir: Dies oder jenes sei von der Kunstfreiheit gedeckt. Tönt zunächst einmal gut. Aber wie sieht es in der Praxis aus? In jüngster Zeit grassiert etwas, das mit „Cancel Culture“ benamt ist. Der Begriff wurde in den USA geprägt. Und schwappte – wie so vieles andere – dann auch über den Großen Teich zu uns herüber. Zusammen mit dem Wokismus wird damit viel Schaden angerichtet. Sich dazu berufen fühlende Scharfrichter fällen selbsgerecht ein Urteil über Künstlerinnen und Künstler.

Und Medien und Journalisten (der Journalismus ist hierzulande auch darüber hinaus eh auf den Hund gekommen) schlagen in die von besagten Scharfrichtern gehauene Kerbe. Da wird schon einmal der scharfzüngigen, bewusst provozierenden und in jeder Hinsicht hervoragend guten Kabarettistin Lisa Eckhart Antisemitismus unterstellt. Und die Journaille bis in das hinterletzte Regionalblatt schreibt das von den medialen Vollstreckern ab. Das lesen dann freilich auch Veranstalter. Wenn sie nicht ohnehin schon von Wikipedia entsprechend „informiert“ sind. Die Konsequenzen für die davon betroffenen Künstler können existenzbedrohend ausfallen. Gottlob gibt es noch Menschen – auch unter den Veranstaltern und selbst unter den Journalisten noch! – in deren Oberstübchen anscheinend noch alles so ziemlich seine Ordnung hat; die gegensteuern.

Oder nehmen wir die Operndiva Anna Netrebko, die „gecancelt“ wurde (sie verlor Engagements und Aufritte), weil sie sich nicht deutlich genug (wie die besagten Scharfrichtern urteilten) von „Putin und dessen Krieg“ distanziert hätte. Auch den weltberühmte russischen Dirigent Waleri Gergijew traf es. Der Münchner OB Dieter Reiter (SPD) entließ ihn kurzerhand als Chef der Münchner Philharmoniker. Sein „Vergehen“: Er ist mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin befreundet und wollte sich von ihm und „dessen Krieg“ offenbar nicht deutlich distanzieren.

Also: Wie frei ist die Kunst wirklich? Blicken wir zurück in die Geschichte, erfahren wir recht schnell, dass diese „Freiheit“ immer abhängig von den herrschenden Machtverhältnissen ist. Die Herrschenden, ganz früh auch die Kirche, bestimmten, die Grenzen dieser „Freiheit“. Die freilich auch recht schnell genommen werden konnte und auch wurde. Manche verloren nicht nur die Freiheit sondern auch ihr Leben dabei.

Wobei hier eingefügt werden muss, dass die Kunst durch Auftragsarbeiten für die Kirche enorme Anregung und Aufschwung fand, was Moshe Zuckermann, der Autor des hier zu besprechenden Buches darin auch ausführt.

Zuckermanns Buch trägt den Titel „Rettet die Kunstfreiheit!“. Er führt darin auch aus – wie hier von mir schon kurz angeschnitten -, dass die Kunst schon immer Anfeindungen und Behinderungen ausgesetzt war. Aber schon der Buchtitel, der als Mahnung und Aufruf zu Taten, zu verstehen ist, zielt auf das Heute. Zur Streitschrift des israelischen Historikers und Kulturtheoretikers Moshe Zuckermann (von dem hier auf meinem Blog schon einige Bücher besprochen worden sind) lesen wir:

„Die Forderung nach einer freien und unabhängigen Kunst kennen wir seit dem 19. Jahrhundert. Dieses Streben nach Kunstautonomie fußt auf der Überzeugung, dass der Bereich des Ästhetischen eigenen Regeln folgt, dass Kunst frei sein muss von fremden Ansprüchen, seien diese politischer oder moralischer Natur. Heute scheint es nicht sonderlich gut um dieses Ideal bestellt: Stichworte wie ‚Cancel Culture‘ sowie die oft schrill geführten Debatten darüber, wer eigentlich noch etwas sagen oder zeigen darf, zeugen davon, dass die Autonomie der Kunst mehr denn je gefährdet ist. Kenntnisreich und mit stilistischer Brillanz zeichnet Moshe Zuckermann dieses Spannungsfeld nach. Er fragt nach dem Verhältnis von Kunst und Fortschritt, Politik, Elitarismus sowie kulturindustriellem Kitsch. Dabei steht nicht weniger auf dem Spiel als die Rettung der Kunstfreiheit.“

Die Kunstfreiheit wurde ursprünglich vom aufsteigenden Bürgertum befördert. Ein nicht zu unterschätzdender Fortschritt gegen das vormalige, die Kunst einschnürende Korsett, das im Feudalismus stattgehabt und vieles von vornherein verunmöglicht hatte. Wobei durchaus auch anzumerken ist, dass kunstliebende Fürsten durchaus Interessantes oder gar Epoche machendes angestoßen und gefördert hatten.

Doch auch dem Bürgertum ging manches gegen den Strich. Etwa wenn ihrer Meinung etwas nach gegen die seinerzeit vorherrschende Sexualmoral oder religiöse Tabus verstieß. Dann war rasch Schluss mit der Freiheit der Kunst.

Eigentlich müsste man sagen, die Kunst in allen bisherigen Systemen nie völlig frei war. Immer aber wurden dann Nischen gesucht und auch gefunden. Etwa in vorgeblichen sozialistischen Systemen. Unangepasste Künstler mussten sich letztlich immer ihre Freiräume erkämpfen.

Offenbar auch heute wieder! Deshalb dieses Buch.

Es hebt im Vorwort so an: „Der Begriff der Kunstautonomie hat in den letzten Jahrzehnten seine Prominenz eingebüßt. Es will zuweilen scheinen, als hätten sich große Teile der Kunstsoziologie und -philosophie, aber auch die Kunstpraxis der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschworen, um ihn endgültig zu desavouieren.“

Ausdrücklich weißt Zuckermann daraufhin, sich seine Darlegungen dem Denken der Frankfurter Schule, allem voran dem Adornos „verschwistert“ sähen.

Weshalb das Buch „mit einer paradigmatischen Beleuchtung des Begriffs der Kunstautonomie, nicht zuletzt aber auch ihrer prästabilisierten Beziehung zum Fremdbestimmten“, beginne.

Der Begriff Kunstautonomie, befindet Moshe Zuckermann, sei „von gewisser Ambivalenz: „Er verweist auf die Selbständigkeit der Kunst im Verhältnis zu dem, was außerhalb ihr liegt, muss aber zugleich in Kauf nehmen, das besagtes <<außerhalb>> stets auch ein (aktiver) Bestandteil der Kunst selber ist. Das gilt freilich für jegliche Autonomie als solche. Man kann ja nur im Verhältnis zu dem, wovon man sich unterscheidet, autonom sein; und das, wovon man sich unterscheidet, muss folglich begrifflicher Bestandteil dessen sein, was für autonom erachtet wird.“

Was ist Kunst?

Diese Frage haben wir uns doch gewiss alles schon einmal gestellt. Der Antworten wären viele. „Das 20. Jahrhundert“, schreibt Zuckermann, „überstieg bei weitem die ersten Anzeichen einer solchen Tendenz, die soziale Realität in die Kunst einzuschleusen, wie sie sich etwa im 17. Jahrhundert in den Gemälden von Ribera und Murillo in Spanien oder in denen von Adriaen Brouwer, Jan Steen, Pieter de Hooch und Rembrandt in Holland […] in Europa des 19. Jahrhunderts gezeigt hatte“ (S.23).

Niemand habe diese neue Tendenz „mit größerer Verve und durchgängiger Konsequenz“ gefördert als Marcel Duchamp. „Nicht von ungefähr wurde bei einer Umfrage unter 500 Künstlern, Kuratoren und Galeriebesitzern sein Werk <<Fountain>>, das von ihm 1917 ausgestellte umgekehrte Pissoir, als das einflussreichste Kunstswerk der Moderne gewählt.“ Allerdings hatte Duchamp den nicht zu vernachlässigenden Vorteil, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits sozusagen arriviert und ein anerkannter Künstler war.

Konzeptkunst betrachtet Zuckermann als auf einem Holzweg befindlich. Ganz und gar sogar letztlich als einen Suizid der Kunst. „Die dem Postulat der permanenten Formüberbietung zugrunde liegende Logik, welche die ihre Geltung aus der progressiven Historiographie des modernen Zeilalters bezieht, mag in der Tat, konsequent zugespitzt, zur radikalen Formaufhebung, mithin zur Forderung ihrer totalen Aufhebung führen.“ (S.69)

Als interessantes Beispiel aus jüngerer Zeit sieht Moshe Zucker die <<Verhüllung des Reichstags>> des Künstlerpaars Christo und Jeanne-Claude. Bereits seit 1971 hatten sie ins Auge gefasst, „das Reichstagsgebäude in Berlin – ein historisch wie politisch befrachtetes Bauwerk, das als Ruine im Ostteil der infolge des Zweiten Weltkriegs geteilten Stadt stand – zu verhüllen.“ (S.71)

Aus politischen Gründen war das lange nicht möglich. Schließlich „begann das Künstlerehepaar die Idee planend umzusetzen: Es entstanden tausende von Skizzen, Zeichnungen, Gemälde des Gebäudes im enthüllten und verdeckten Zustand, Modelle in von ihm in diversen Größen […]“ und schließlich auch Computersimulationen. Glücklicherweise gewann das Künstlerehepaar in Person der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth eine Unterstützerin ihres Plans. 1995 schließlich konnte das Verhüllungswerk im Juni 1993. Fünf Millionen Besucher aus aller Welt (mich eingeschlossen) erlebten über drei Wochen die großartige Aktion.

Zuckermann gibt zu bedenken: „Wer aber denkt, dass man die <<Verhüllung des Reichstags>> als abstrakte, ihrer möglichen Verwirklichung im Wesen widerstrebenden Idee hätte belassen können, muss in Kauf nehmen, dass diese Idee vermutlich sehr bald erstickt und als totgeborene Kunst übrig geblieben wäre.“ (S.73)

Adorno hatte ja bekanntlich zunächst beschieden (er schwächte das später wieder ab): „Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“ (Aus: Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft).

Die Kunst habe Auschwitz weder vorhergesehen und nicht verhindert, befand Adorno. Moshe Zuckermann dazu in seiner Streitschrift: „[…]weder Unbehagen in der Kultur noch Entsetzen über ihr Versagen führen aus der Kultur heraus“.

Zuckermann kritisiert, was weder Adorno noch Horkheimer veraussehen konnten: Sich „immer professioneller zugerichteten Verführungen zum Konsum, zur kommerziellen Mode, zum Sensationellen auszusetzen.“ (S.124)

Und weiter: „Ob Kunst, Unterhaltung, politisches Ereignis oder Naturkatastrophe, ob Mord oder Hungertod, Ziehung der Lottozahlen oder Abdankung des Ministers – alles verkommt der Präsentations-, Wahrnehmungs- und Verwertungskultur nach zur Ware: Sterben in Afrika hat einen ökonomisch kalkulierbaren prime-time-Wert; es wird als item konsumiert und hat eine Wirkungsdauer, die sich am nächsten item, an der nächsten Sensation, an der ihr folgenden Unterhaltungssendung bemisst. Autoritär ist die fetischierte Hinnahme einer wenn schon nicht << von oben>>, so doch <<hinter den Kulissen>> zubereiteten Totalvirtualisierung des Lebens, welche selbst noch TV-Wettermännern und -frauen zu Kultpersonen mutieren lässt.“

Zuckermann abwartend: „Ob dabei Faschismus im herkömmlichen Sinne gefördert wird, wird sich erst dann erweisen können, wenn sich objektive historische Bedingungen für seine abermalige Erstehungen entwickelt haben sollten.“

Wenn autoritäre Charakterstrukturen weiterhin für die ‚menschliche Grundlage‘ des Faschismus gehalten würden, könne man davon ausgehen, dass sich das traditionell Autoritäre in modernen Gesellschaften überlebt habe, mithin Adorno und Fromm noch umtreibende Gefahr des Faschismus getilgt sein.

Allerdings werde „man sich freilich fragen dürfen, ob dieses Autoritäre nicht gerade in der immanenten Logik und Struktur der Kulturindustrie seinen (un-)würdigen Nachfolger gefunden haben könnte“.

Zuckermann schließt das Kapitel „Kulturindustrie“ mit einem Verweis auf US-Präsident Trump: „Bei einem US-Präsidenten, der aus dem Big Business kam und sein eigenes Leben in Kategorien der Reality Show begriff, lebte und vermittelte, war die Veschwisterung von Kulturindustrie und Affinität zum Faschismus in welthistorischem Maß auf den Punkt gebracht.“ (S.132)

Ein rundum interessante Streitschrift, die nicht nur brillant und kenntnisreich geschrieben ist, sondern welche gewiss auch jede Menge Stoff zur Diskussion liefert.

Jedes Kapitel ist interessant und füllt mögliche Wissenslücken: Kunstautonomie, Kunst und Progress, Konzeptkunst, Kunst und das Politische, <<Hohe>> und <<niedrige>> Kultur, Kulturindustrie, Exkurs: Elitismus, Tod eines Sängers bis hin zum Epilog. Geistig anspruchsvoll und auf hohem Niveau geschrieben. Nicht zum eben mal schnell „verschlingen“. Aus der aufmerksamen Lektüre dieser Streitschrift geht man als Leser dann aber auch mit hohem Gewinn heraus.


Moshe Zuckermann

Die Kunst ist frei?

Eine Streitschrift für die Kunstautonomie

Erscheinungstermin: 20.06.2022
Seitenzahl: 160
Ausstattung: HCoSU
Artikelnummer: 9783864893810

20,00 €

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Foto Verhüllter Reichstag im Gewitter: Claus Stille

Dortmund LOKAL: Annegret Meyer ist neu gewählte Kreissprecherin der Partei (DIE LINKE)

Pressemitteilung (DIE LINKE Dortmund)

Auf einer Mitgliederversammlung am 01.10.22 standen Nachwahlen bei der Partei Die Linke Dortmund an. Es musste unter anderem die Kreissprecherin neu gewählt werden.  bild_1Foto (privat): Annegret Meyer

Hier setzte sich Annegret Meyer (23 Stimmen) gegen Ann-Kathrin Huber (21 Stimmen) durch. Annegret Meyer sieht ihren Themenschwerpunkt in der Sozialpolitk, wie zum Beispiel bei der Bekämpfung der Obdachlosigkeit (und nicht der Obdachlosen) , Kinderarmut, Gewalt gegen Frauen und ganz wichtig ist ihr auch die Friedenspolitik. Die Seniorenpolitik muss ebenfalls mehr in den Fokus gerückt werden, so Annegret Meyer.

Quelle: DIE LINKE Dortmund

Pressemitteilung der ABC Deutschland: Rückgabe der Benin-Bronzen. Gedenkmarsch findet am Samstag, 25. Februar 2023 statt

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by UHURU

PRESSEMITTEILUNG

– Rückgabe der Benin-Bronzen – Berlin, 6. Oktober 2022

Die Benin-Bronzen kehren nach 125 Jahren ENDLICH heim. Eine sehr erfreuliche Entwicklung durch langjährigen und langwierigen Kampf.

Benin Bronzkopf

Die britische Königin ist tot, aber die Monarchie, die unsere Vorfahren ermordete und die Benin-Bronzen gestohlen haben, lebt in unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft weiter. Ihr Tod weckt bei uns Afrikaner*Innen / Schwarzen traumatisierende Erinnerungen. Als britische Soldaten 1897 in das Königreich Benin einmarschierten, plünderten sie den Königspalast und erbeuteten mehr als 5000 Gegenstände aus Messing und Elfenbein, darunter auch den Kopf eines Königs. Es war ein deutscher Konsul und Geschäftsmann, der dieses Stück einige Wochen später in Lagos kaufte. Mit ihm machte sich die Bronze auf den Weg nach Europa und landete in Berlin.

Die Nachricht ging am 1. Juli 2022 um die ganze Welt. Deutschland gibt einen Teil seines “Kunstschatzes” aus dem Bestand gestohlener sog. Artefakte “frei“. Eine Absichtserklärung zwischen Nigeria und Deutschland über die Rückgabe der 1897 in der Kolonialzeit gestohlenen sog. Benin-Bronzen des Königreichs Benin wurde unterzeichnet. Mit dieser Erklärung verpflichtet sich Deutschland das Eigentumsrecht dieser Heiligtümer an seinen rechtmäßigen Besitzer, das Königsreich Benin, vertreten durch den Staat Nigeria, zu übertragen.

“Was gestohlen wurde, muss zurückgegeben werden. Es ist, als gehöre mir ein Auto, aber ein anderer fährt es”, sagt kürzlich Peju Layiwola (nigerianische Kunsthistorikerin).

Wir, African / Black Community (ABC) Germany / Komitee für ein Afrikanisches Denkmal in Berlin (KADiB), begrüßen und freuen uns sehr über diese längst fällige Entscheidung. Wir können jedoch nicht noch einen weiteren Tag warten, bis dieser Traum Realität wird. Schluss mit dem Businessplan Raub und Hehlerei!

Uns ist auch eine geplante Rückgabe der sog. Ngonnso-Skulptur bekannt. Die Ngonnso-Skulptur stellt den Ursprung, die Spiritualität und die Kultur des Nso-Volkes in Kamerun dar.

Vor fast drei Monaten (09.07.2022) war der König von Fontem / Bangwa (Kamerun), S. M. Asabaton Fontem Njifua, beim Kölner Rauthenstrauch-Joest-Museum zu Gast.

Angeführt vom König höchstpersönlich, fordert die kamerunische Delegation die unverzügliche Rückgabe, u. a. einer sakralen Skulptur – des Heiligtums “Lefem” – der Bangwa, die die deutschen Kolonialisten während der grausamen deutschen Kolonialherrschaft in Kamerun gestohlen haben.

So sehr wir uns über diese Entwicklungen freuen, umso mehr können wir sie nur als einen Anfang betrachten. Es sind unverkennbare Etappenergebnisse unserer unermüdlichen und unnachgiebigen, jahrzehntelangen antikolonialen / antirassistischen Widerstandskämpfe zur Dekolonisierung der Gesellschaft, sowohl hierzulande als auch im Mutterland Afrika.

Unser Endziel bleibt daher unmissverständlich weiterhin:

  • die bedingungslose Rückgabe aller geraubten Gegenstände aus der Kolonialzeit,
  • die unverzügliche Rückführung unzähliger Gebeine unserer Vorfahren, die immer noch in Kellern deutscher Museen und Forschungseinrichtungen gebunkert sind,
  • die vollständige und bedingungslose Dekolonialisierung aller neokolonialen und imperialen Machtkonstrukte bzw. Machtsystematiken im Mutterland Afrika.

Wir brauchen keine Beruhigungspillen! Damit diese neuen erfreulichen Entwicklungen nicht am Ende nur Lippenbekenntnisse bleiben, muss die Bundesregierung der BRD ernsthafte Taten erkennbar folgen lassen. Daher betonen wir hier nochmal unsere Forderungen an die deutsche Bundesregierung und die deutsche Gesellschaft als Ganze:

  • Die rasche und inklusive Umsetzung der am 1. Juli 2022 unterzeichneten Absichtserklärung zwischen Deutschland und Nigeria über die Rückgabe der gestohlenen Benin-Bronze – inklusiv, weil: Alles über uns ohne uns ist gegen uns!
  • Die unverzügliche Rückgabe aller bereits identifizierten kolonial belasteten Sammlungsgüter, wie die Ngonnso-Skulptur des Nso-Volkes sowie das Heiligtum der Bangwa, “Lefem” etc.
  • Die unverzügliche und bedingungslose Rückführung der Gebeine unserer Vorfahren – Opfer deutscher Genozide in Afrika – die in deutschen Museen und Forschungseinrichtungen unrechtmäßig konfisziert wurden.
  • Die Verlegung der Provenienzforschung der unidentifizierten gestohlenen afrikanischen Sammlungsgüter aus kolonialem Kontext nach Afrika, unter Aufsicht der Afrikanischen Union (AU). Es macht wütend und ist äußerst inakzeptabel, dass sich diese Heiligtürmer immer noch im Besitz der Täter befinden, und zwar ganz legal.
  • Die Errichtung eines zentralen Denkmals als Erinnerungs- und Lernort zum Kolonialismus und Neokolonialismus, wie es im Koalitionsvertrag der aktuellen deutschen Bundesregierung steht. Ebenso fordern wir die umfassende Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte und ihrer Kontinuitäten auf allen Ebenen.
  • Die Zahlung von Entschädigungen an alle Opfer des deutschen Kolonialismus bzw. Völkermords in Afrika. Dieser Prozess sollte mit Bewertungen beginnen, die von der Afrikanischen Union durch Verhandlungen mit der Zivilgesellschaft in Afrika, der afrikanischen Diaspora und Vertreter*innen der jeweiligen afrikanischen Regierungen überwacht werden.

Bereits jetzt rufen wir alle zum 17. Gedenkmarsch zu Ehren der afrikanischen / Schwarzen Held*Innen und Opfer der Maafa („Die Große Zerstörung“ in Afrika) auf.

Dieser Gedenkmarsch findet am Samstag, 25. Februar 2023 in Berlin (Wilhelmstraße) statt, wie immer am letzten Samstag des Monats Febraur, in Anlehnung an das Ende der ominösen Berliner Afrika-Konferenz von 1884/85.

Des Weiteren rufen wir alle afrikanische / Schwarze Organisationen, Initiativen und Aktiv*innen in Deutschland auf, bei der Gestaltung und Durchführung des Gedenkmarschs und des dazugehörigen Begleitprogramms aktiv mitzuwirken.

by UHURUOct 06 2022

„Warten wir die Zukunft ab“ – Autobiografie von Hartmut König. Rezension

Nun sitze ich hier und schreibe am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, eine Rezension zu Hartmut Königs Autobiografie. Das passt. Oder? Wie auch immer. Nach der Lektüre von Egon Krenzens Erinnerungen „Aufbruch und Aufstieg“ nun also Hartmut Königs Erinnerungen. Vielleicht ist das kein Zufall. Hartmut König ist mit Egon Krenz befreundet. Und beide liefen mir vor einiger Zeit auf dem Pressefest der der „UZ“ in Dortmund über den Weg.

Hartmut König war Mitbegründer der ersten deutschsprachigen DDR-Beatband TEAM 4 sowie des Oktoberklubs

Hartmut König geboren 1947 in Berlin, war Mitbegründer der ersten deutschsprachigen DDR-Beatband TEAM 4 sowie des Oktoberklubs. Zudem ist er Autor und Komponist zahlreicher Lieder (<<Sag mir, wo du stehst>>; Songtexte für den DEFA-Film <<Heißer Sommer>>)

König studierte Journalistik in Leipzig, dem sogenannten ‚Roten Kloster‘ (wo übrigens auch Maybrit Illner studierte als die Mauer fiel) und promovierte 1974. Von 1973 an ist er für drei Jahre beim Weltstudentenbund in Prag Chefredakteur der „Weltstudentennachrichten“.

Freilich ist mir als gewesener DDR-Bürger der Oktoberklub bekannt, dessen Mitbegründer Hartmut König war. Wikipedia schreibt zum Oktoberklub:

<<Das Folk-Revival in den USA löste Anfang der 1960er Jahre in vielen Ländern eine Welle der Folkmusik und der Protestsongs aus. In der DDR hatte der kanadische Folksänger Perry Friedman bereits seit 1960 Hootenannys (amerikanische Bezeichnung für ein ungezwungenes, geselliges Konzert) veranstaltet. Um ihn und das Jugendstudio DT64 sammelte sich eine Gruppe folkbegeisterter junger Leute, die, unterstützt von der FDJ-Bezirksleitung Berlin, im Februar 1966 den Hootenanny-Klub Berlin gründete. Jeder konnte mitmachen, der Klub war offen und für DDR-Verhältnisse ungewöhnlich zwanglos. Perry Friedman, Hartmut König, Reiner Schöne, Bettina Wegner und viele andere traten hier auf. Jugendstudio DT64 sendete regelmäßig Mitschnitte der Veranstaltungen.>>

Es gab DDR-Bürger, die ob der ihnen als zu rot verorteten Veranstaltung Oktoberklub, eher die Nase rümpften. Ich selbst nahm den Oktoberklub über Fernseh- und Rundunksendungen eher nur gelegentlich wahr. Vielleicht veständlich. Der Farbe Rot konnte man ja nun kaum ausweichen im DDR-Alltag. Wohl – aber nicht nicht nur deshalb – der Verdruss so mancher Leute.

Über die Autobiografie Königs erfahren ich nun ironischerweise über den Oktoberklub, seine Entstehung und dessen Unternehmungen viel mehr als zu DDR-Zeiten.

Hartmut König ist eine vielgestaltige Persönlichkeit

Betreffs der Person Hartmut König muss ich zu meiner Schande viele Wissenslücken zugeben. Dank Königs Biografie konnten diese 32 Jahre nach der sogenannten Wiedervereinigung nun Seite für Seite ausgefüllt werden. Welch interessante Persönlichkeit, dieser Hartmut König doch ist!

Und wie viele interessante Persönlichkeiten aus Kultur, Kunst und Politik er im Verlaufe der Jahrzehnte treffen durfte! Bist 1989/90, wo er den Bruch, das Ende der DDR samt dem Ende seiner politschen Karriere erleben musste. Was gewiss – wie für viele andere auch – schmerzlich gewesen ist. Immerhin – im Gegensatz zu so vielen anderen – war er, wie er schreibt, bis zur Rente nie arbeitslos.

Aufgewachsen ist Hartmut König mit dem mit seinen Eltern befreundeten Bruno Apitz (<<Nacht unter Wölfen>>), Gerd und Thomas Natschinski (Vater und Sohn) und mit weiteren interessanten Leuten des Oktoberklubs in Kontakt gewesen. Getroffen ist er auf Politiker wie Samora Machel (Staatspräsident Mosambiks), Daniel Ortega (Präsident Nikaraguas), Größen wie Ernesto Cardenal sowie die weltbekannten Künstler Pete Seeger oder Mikis Theodorakis. Pete Seeger lieh König einmal seine Gitarre, damit dieser bei der UNO-Jugendversammlung in New York dazu singend auftreten kann.

Königs Biografie ist gleichzeitig auch ein Geschichtsbuch

So, wie König sein Leben erzählt – verzahnt mit politischen Ereignissen, lesen wir dieses Buch gleichzeitig auch als Geschichtsbuch. Es ergibt nicht nur eine kleine, hochinformative Geschichte der DDR, sondern vermittelt darüber hinaus auch einen Abriss weltgeschichtlicher Ereignisse und Abläufe. Und – wie bereits Egon Krenz via seiner Erinnerungen – lässt uns Hartmut König ebenfalls tief in die Kulturpolitik und in die Vorgänge hinter den Kulissen der Macht blicken. Wir bekommen einen Einblick in die Irrnisse und Wirrnisse der DDR-Politik. Die auf Grund von Betonköpfigkeiten Einzelner und Fehlern, welche aus verbretterten, wie auch gut gemeinten ideologischen Verbohrheiten und ängstlichen Zurückhaltungen resultierten und das Leben erschwerten. Welche letztlich auch der Grund für das Scheitern der DDR verantwortlich waren. Sicher war die DDR von Anbeginn ihres Bestehens „ein Kind der Sowjetunion“ – wie Egon Krenz einmal sagte und ständig vom kapitalistischen Gegner bedroht, der ihr den Garaus zu machen gedachte. Weshalb die DDR-Politik die Zügel mal mehr mal weniger straff anzog, um nur ja keinen Ausbruch zuzulassen, der dem Gegner nützen könnte und der eigenen Sache schadet. Leuten wie Hartmut König ist es zu danken, dass in der DDR auch immer kleine Nischen geschaffen werden konnten, wo beispielsweise Kunst und Kultur sowie die Jugend mehr Luft zum Atmen bekamen. Sollte da nichts hängengeblieben sein, was da heute Anerkennung verdiene, fragt Hartmut König in seinem Buch.

Eng verbunden ist Hartmut König mit den vielen Angeboten die der Jugendverband FDJ den jungen Leuten der DDR machte. Es wurden Talente-Ausscheide organisiert. Die Singebewegung hatte einen festen Platz in der Republik. Es wurden Theatertage, Rockkonzerte, Poetenseminare und Liedersommer veranstaltet, woran der einstigen Sekreträr des Zentralrates der FDJ erinnert.

König ist aber auch ehrlich und klug genug, in seinen Ausführungen zu sagen, worin er versagte, betreffs Dingen, wo er hätte anders handeln und entscheiden müssen. Er hat eben auch stillgehalten, in der Hoffnung, falsche Entscheidungen und grundlegende Fehler der Partei würden später korrigiert werden können. Leider kamen stattdessen nicht selten neue hinzu. Vielleicht auch mit jüngerem Parteipersonal, wie der Hoffungsträger Werner Lamberz einer wahr, hätten entsprechende Reformen verwirklicht werden können. Leider verstarb der Mann bei einem Hubschrauberabsturz in der Wüste Libyens.

Veränderungen erforderten aber eben ins engee Korsett der Partei geschnürt – erst recht in das des noch engeren des ZK der SED! – eben immer jede Menge Mut, Entschlossenheit und Risikobereitschaft. Dass da manches Mal auch eingeknickt oder geschwiegen wurde, wo einwändig hätte gesprochen werden müssen – immer die möglichen Konsequenzen bedenkend – ist verständlich. Wer dies nicht versteht, soll sagen, wie er es an seiner statt besser gemacht hätte. Mancher täte vielleicht antworten: Sich erst gar nicht in so eine Position begeben. Nun ja. König geriert sich als Revolutionär. Doch ihm muss bescheinigt haben, dass er doch so manches richtig gemacht hat.

Frühe Geburt

Wir müssen im Falle Hartmut König wie auch bei Egon Krenz und angesichts der beiden, sozusagen frühe Geburt, bedenken. Sowie die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Wunsch nach einer friedlichen, gerechten Welt, frei von alten Nazis. Und dann wurde bald die DDR gegründet, welche beides versprach umzusetzen und übrigens auch diesbezüglich gute Ansätze hatte erkennen lassen. Zugegeben: Nicht einfach im Kontext der weltpolitischen Situation damals und des aufkommenden Kalten Krieges. Da wollten nicht wenige als junger Mensch dabei sein, mittun. Und wer dazu bereit war, dem wurde nicht nur von der Partei nahezu jedwede Unterstützung zugesichert und gewährt. Die idologischen Verbretterungen und Verhärtungen ergaben sich indes erst in späteren Jahren. Respekt und Hochachtung dem, der dennoch weiter mit dem Anspruch, etwas positiv zu verändern und zu diesem Behufe mitzuhelfen, das Staatsschiff DDR aus zu ideologisch eingefahrenen Fahrrinnen heraus zu steuern – einer abgesicherten demokratisch-sozialistischen Zukunft entgegen, weiter segelte. Im Gegensatz zu denen nebendran, welche ganz gut als stramm linientreue Mitschwimmer zurechtkamen, die stets achtgaben nur ja nirgendwo anzuecken. So manche dieser Leute kamen dann auch gut als Wendehälse im neuen gemeinsamen Deutschland zurecht. Genannt sei nur Günter Schabowski. Die Vorgeschichte zum Inkraftreten der neuen DDR-Reiseregelungen erzählt König ebenfalls. Darin sei nicht die Rede davon gewesen, dass diese „sofort“ in Kräft treten sollten, sondern erst am 10. November. Dass das von Schabowski behauptete ‚Sofort‘ hätte zu Chaos, Verletzten oder gar Toten führen können. Dass es nicht dazu kam, ist den Offizieren der Grenztruppen vor Ort zu verdanken, die am 9. Oktober ohne entsprechende Weisungen erhalten zu haben zu haben, deeskalierend gehandelt haben.

Späte Geburt

Nebenbei: Nachdem ich 1973 die Schule verließ und 1975 die Lehre abgeschlossen und den Wehrdienst im Jahre 1977 absolviert hatte, ergaben sich durchaus auch Chancen, den Weg in eine andere, schon lange gewünschte berufliche Zukunft zu beschreiten. Einer Bezirkszeitung der SED, die mich an eine Fachschule für Journalismus zu delegieren gedachte, sagte ich nach einer quälenden Zeit des Nach- und Bedenkens äußerst schweren Herzens ab. Der Aufnahme an die Fachschule vorausgesetzt war nämlich, dass ich der SED beitzutreten hatte. Die zuständige Parteisekretärin meiner Arbeitstelle sagte sofort Unterstützung zu. Ich aber kniff. Würde ich es psychisch verkraften „Parteijournalist“ zu sein? Immerhin kannte ich einen begabten Journalisten meines Bezirksorgans der SED, der oft unglücklich war und dann über Gebühr dem Alkohol zusprach.

Zum Hin und Her einer von Udo Lindenberg gewünschten DDR-Tournee

 

Interessant ist auch Königs Schilderung wie er Mitte der 1980er Jahre als FDJ-Kulturfunktionär und ZK-Mitglied das Hin und Her um eine mögliche DDR-Tournee Udo Lindenbergs – um welche der Sänger gebeten hat – miterlebte, die durch die Abreise der Gruppe BAP bei „Rock für den Frieden“ 1984 allerdings torpediert wird. Zwischen dem hartnäckigen Lindenberg und Erich Honecker entspinnt sich ein amüsanter kurzer Briefwechsel. Der Staatsratsvorsitzende bedankt sich schriftlich und mit einer Schalmei für eine ihm von Lindenberg verehrte Lederjacke. Hartmut König ist Autor des Briefes von Erich Honecker an Lindenberg.

Gewagte Open Airs mit westlichen Rock-Stars

Ab 1987 wagt sich die FDJ dann als Veranstalter großer Open Airs mit westlichen Rock-Stars, u.a. Bruce Springsteen, Bob Dylan, James Brown, Big Country und Joe Cocker, hervor. Natürlich erhoffte sich – was König nicht verschweigt – auch die FDJ gewissermaßen etwas Honig daraus zu saugen.

Doch so einfach ist es indes nicht. Witt, die weltbekannte Eiskunstlaufqueen der DDR, die die Veranstaltung zusammen mit dem BRD-Bürger Diether Dehm moderiert, wird nämlich vom Publikum fast von der Bühne gepfiffen. König schreibt übers Publikum (S.382): „Es lässt Katrina abbblitzen, sieht in ihr eine staatliche Privilegierte, die reisen und mit einem Devisenkonto die Welt genießen darf.“

Diether Dehm singt, begleitet von Michael Letz (links) und Hartmut König (rechts).

Diether Dehm (Mitte) wird beim Pressefest der „UZ“ begleitet von Michael Letz (Links und Hartmut König (Rechts).

Und weiter: „Diether Dehm schwächt die Publikumsreaktionen dadurch ab, dass er, während sie spricht, an die Bühnenrampe tritt. Ihn sollen die Pfiffe ja nicht treffen. Aber die Botschaft des Tages bleibt: Das Gespür von Enge, die Lust auf den nicht erreichbaren Teil der Welt legen sich wie eine Last auf die Erlebnisse unserer Konzerte. Wir dürfen den Jubel nicht als uneingeschränktes politisches Einverständnis verbuchen. Aber wir tun es, zur Selbstberuhigung und um neue Projekte bewilligt zu bekommen.“

Mit Vergnügen und Interesse sind unbedingt auch die „Anekdoten mit Zeigefinger“ (S.437) zu lesen.

Dann geht mit dem Ende des Buches auch die DDR zu Ende. Eine „Deutsche Demokratische Perestroika?“ (S.458) kommt nicht zustande. Es kommt „Honeckers Sturz“ (475) und gefragt wird „Welches Vaterland?“ (S.482)

Das Buch ist einer hervoragenden Sprache und gut lesbar geschrieben. Auch mit einem Sinn für Humor. Unterhaltsam alle mal. Es strotzt nur so vor Informationen, die gewiss viele Menschen so bisher noch nicht gewonnen haben.

Hartmut König hat das Buch nicht im Zorn geschrieben. Er hat auch nichts beschönigt. Obwohl manche Leserinnen und Leser möglicherweise zum Ergebnis kommen könnten, er hätte härter in seiner Kritik hier und da und darüber hinaus sein sollen.

König hat uns ein Bild von der DDR gezeigt, wie er es gesehen hat und beschrieben wie er das politische und kulturelle Leben im Einzelnen erlebt hat. Unsd so einiges, werden zumindest einstige DDR-Bürger bestätigen können und verstehen warum es war. Auch werden sie Vorstellungen davon haben, wie manches anders gegangen wäre. Dies Vorstellungen hat auch Hartmut König. Nur reichte die Zeit eben nicht diese Vorstellungen auch in die Tat umzusetzen.

Schon der Titel sagt uns, dass Hartmut König noch Träume hat und Hoffnungen hegt. Das Buch schließt nämlich so: 20180908_095634-kopie-2

Hartmut König beim Pressefest der „UZ“. Foto: C. Stille

„Denn so, wie die Welt ist, kann und wird sie nicht bleiben. Irgendwann setzt das Gespenst zur Landung an, weiß nicht, wie und wo zuerst. >>Träum weiter!>>, lästert unverdaute jüngere Erfahrung. Aber den Spott hat sie umsonst. >>Warten wir die Zukunft ab!>>, fauche ich meine Skepsis an. >>Die Welt wird es schon noch sehen>> Ich, leider werde es nicht sehen. Ich darf ja keine der Gestalten auf meiner liebsten Grafik sein: Inmitten der Grabstein eines jüdischen Friedhofs steht ein Baum. Die toten Herren sind aus ihren Gruben aufgefahren, sitzen in den Zweigen und beobachten die Zeit. Das wär’s doch! Ewig die Zukunfst besichtigen! Aber Atheisten ist das verwehrt. Schade, bei so viel Neugier und Vorfreude!“

Ein hochinteressantes politisches Buch. Auf keiner Seite kommt beim Leser Langeweile auf.

Hartmut König

Warten wir die Zukunft ab

Autobiografie

560 Seiten, 14,5 x 21 cm
mit Abbildungen

sofort lieferbar

Buch 24,99 €

ISBN 978-3-355-01866-1

eBook 17,99 €

ISBN 978-3-355-50043-2

Hartmut König, im dritten Nachkriegsherbst geboren, wächst als Schul-, Kirch- und Grenzgänger in Ostberlin auf. In den sechziger Jahren ist er mittendrin in der entstehenden Beatszene. Als Liedermacher tritt er vor der UNO-Vollversammlung auf, im eigenen Land polarisiert er mit seinen Texten. Doch nicht für die künstlerische Laufbahn entscheidet er sich, sondern für die Politik. So wie er sich einst mit seinem Lied »Sag mir, wo du stehst« positionierte, ist auch sein Buch von politischer und menschlicher Ortung bestimmt. Er berichtet über Begegnungen mit internationalen Künstlern und Politikern und lässt gleichzeitig tief in die DDR-Kulturpolitik und in die Vorgänge hinter den Kulissen der Macht blicken. König erzählt sein Leben; verzahnt mit den politischen Ereignissen ergibt das eine kleine, hochinformative Geschichte der DDR, insbesondere aus kultureller Perspektive.

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Hartmut König

Hartmut König, geboren am 14. Oktober 1947 in Berlin, war Mitbegründer der ersten deutschsprachigen DDR-Beatband »Team 4« und des »Oktoberklubs«; Autor und Komponist zahlreicher Lieder (»Sag mir, wo du stehst«; Songtexte für den DEFA-Film »Heißer Sommer«); studierte Journalistik in Leipzig, 1974 Promotion. Nach einer Tätigkeit beim Internationalen Studetenbund in Prag wurde er ab 1976 Sekretär des Zentralrats der FDJ; 1989 stellvertretender Kulturminister. Seit 1979 war König außerdem Mitglied der Kulturkommission beim Politbüro des Zentralkomitees der SED, ab 1981 Kandidat und von 1986 bis 1989 Mitglied des ZK der SED. Seit 1977 gehörte König dem Weltfriedensrat an, von 1982 bis 1986 war er Vizepräsident des Friedensrates der DDR.

Nach 1990 arbeitete Hartmut König  in einem Brandenburger Zeitungsverlag und lebt heute in der Gemeinde Panketal nahe Bernau.
Von ihm erschienen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe seine  Autobiografie »Warten wir die Zukunft ab« und »Ein bildhübscher Schneider in Crossen. Limericks aus tausendundeiner Sitzung«.

»Warten wir die Zukunft ab. Autobiografie« ist erschienen im Verlag Neues Leben, einem Imprint der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

Über das Buch

Rückblick, Erinnerung, Erkundung – Hartmut Königs Autobiografie ist ein politisches
Buch. Er berichtet, analysiert, stellt Fragen an Geschichte und Politik, nicht minder
drängende an eigene Lebensentscheidungen und Haltungen. Stationen sind die
Nachkriegskindheit in Ostberlin, wo er auf den Ruinenfeldern mit Thomas Natschinski
spielt, mit dem er später TEAM 4 gründet. Zuvor hatte ihm Bruno Apitz, Autor des
großen Buchenwald-Romans und Freund der Familie, Rot als Gesinnungsfarbe ange-
raten. Frühe Verse kommentiert Zirkelleiter Peter Hacks. Seine ersten Lieder singt er
in dem von ihm mitbegründeten Oktoberklub. Als Funktionär des Zentralrats der FDJ
ist er in der Welt unterwegs und mit diffizilen Problemen der Kunst im eigenen Land
konfrontiert. Mit Atomspion Klaus Fuchs redet er über Gewissensfragen im Nuklear-
zeitalter, mit Walter Ulbricht über Spezialistentum, mit Samora Machel über Preispoli-
tik, mit Mikis Theodorakis über den »Canto General«, mit Egon Krenz über Perestroika
und wie es weitergehen soll in der DDR . Doch als Krenz der erste Mann im Staat wird,
ist der Neubeginn bereits fragwürdig. Was suggeriert der Fall? Alle kommunistischen
Experimente sind Totgeburten? Sachte! Der administrative DDR -Sozialismus hat das
Klassenziel verfehlt, und Kommunismus gab es noch nie. Sein Gespenst wabert
unerledigt über den Exerzierplätzen aller heutigen Mächte und hätte eine Chance auf
reale Gestalt verdient. Denn so, wie sie ist, kann die Welt nicht bleiben, meint Hartmut
König. Warten wir die Zukunft ab, wirft er der eigenen Skepsis entgegen
.

 

 

 

 

Streit im Corona-Ausschuss – Was bedeutet das für die Freiheitsbewegung? Eine Stellungnahme von Martin Schwab

Liebe Leserinnen und Leser, ich weiß nicht, ob sie den Corona-Ausschuss kennen, noch, ob sie dessen Tätigkeit verfolgen. Ich selbst tue das mit großem Interesse von Anbeginn seiner Existenz. Ich habe aus den Sitzungen des Ausschusses viele Informationen und Erkenntnisse beziehen können.

Um was es im Corona-Ausschuss geht (Selbstdarstellung)

„Seit Mitte Juli 2020 untersucht der Corona-Ausschuss in mehrstündigen Live-Sitzungen, warum die Bundes- und Landesregierungen im Rahmen des Coronavirus-Geschehens beispiellose Beschränkungen verhängt haben und welche Folgen diese für die Menschen hatten und haben.“

Seit kurzer Zeit herrscht Streit im Corona-Ausschuss. Dieser wurde öffentlich durch getrennte Stellungnahmen und Interviews von und mit den wichtigsten Protagonisten des Ausschusses, der Rechtsanwältin Viviane Fischer und dem Rechtsanwalt Reiner Füllmich. Beide traten in letzten zwei Sitzungen des Ausschusses nicht mehr zusammen auf. Viviane Fischer leitete bzw. moderierte diese nun allein. Es geht im Streit um Querelen zwischen diesen beiden Personen. Da ich im Einzelnen nicht prüfen kann, was an den gegenseitigen Vor- und Anwürfen ist, will ich es bei dieser kurzen Information belassen. Diese Zerwürfnisse sind in sofern ärgerlich, weil sie der wichtigen Arbeit des Ausschusses und dessen Reputation schaden können.

Lesen Sie bitte die Stellungnahme von Prof. Martin Schwab, der mir freundlicherweise erlaubte, diese auf meinem Blog zu veröffentlichen. Sie können diese auch auf dem Facebook-Account von Martin Schwab lesen.

Stellungnahme von Martin Schwab

Liebe Community,

leider wurden in den letzten Tagen die Zerwürfnisse im Corona-Ausschuss in die Öffentlichkeit getragen. Vorausgegangen war eine wochenlange interne Auseinandersetzung. Es hatte dabei – auch durch mich – Versuche gegeben, in diesem Konflikt zu vermitteln. Der mehrfach an mich herangetragenen Bitte, mich zu den Vorgängen zu äußern, komme ich nun nach.

Bei alledem bitte ich um Verständnis, dass ich mich nicht in der rechtlichen Beurteilung von Einzelfragen verlieren werde. Ich habe mich in der Auseinandersetzung im Corona-Ausschuss immer neutral verhalten und werde es auch weiterhin tun.

Einer öffentlichen inhaltlichen Bewertung der widerstreitenden Positionen werde ich mich daher enthalten. Eine rechtliche Beratung der Konfliktparteien durch mich hat ebenfalls nie stattgefunden und findet auch gegenwärtig und in Zukunft nicht statt.

Soweit Reiner Füllmich mich als wichtigsten juristischen Berater des Corona-Ausschusses bezeichnet hat, bezog sich dies allein auf die Themen, die in den Sitzungen des Corona-Ausschusses verhandelt wurden. Die gesellschaftsrechtliche Beratung des Corona-Ausschusses in dessen inneren Angelegenheiten war nie meine Aufgabe.

Ich bringe jeder Person hohe Wertschätzung entgegen, die aktiv an dem Versuch mitwirkt, eine lebenswerte gemeinsame Zukunft zu schaffen. Eine Spaltung oder Schwächung der Freiheitsbewegung lehne ich deutlich ab!

Gerade aktuell ist es wichtiger denn je, alle Kräfte dafür zu nutzen, ergebnisorientiert das gemeinsame große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Dies schließt nicht aus, dass es – auch schwerwiegende – Differenzen geben kann. Wir alle sollten uns jedoch durch solche Differenzen nicht von unserer eigenen Arbeit ablenken lassen! Jeder einzelne ist mehr gefragt denn je!

Wir sollten uns auf unsere gemeinsamen Ziele besinnen!

Ich habe es in den vergangenen Monaten mehrfach erlebt, dass Menschen, die sich eigentlich alle nichts sehnlicher wünschen als das definitive Ende aller Corona-Repressionen, untereinander in tiefe Zerwürfnisse gerieten. Die Querelen im Leipziger Anwaltsteam sind nur eines von mehreren Beispielen. Möglicherweise liegen nach zweieinhalb Jahren, in denen wir uns wegen der Corona-Maßnahmen mit etlichen Sorgen plagen mussten, schlicht die Nerven blank. Wir sollten aber zusammenhalten bzw. immer wieder zusammenfinden. Denn die Zeiten, die vor uns liegen, werden nicht einfacher.

Wer eine politische Wende herbeiführen will, darf sich nicht allein auf einige wenige prominente Köpfe verlassen. Jeder, der eine Veränderung will, sollte mit Mut und Willenskraft aktiv dazu beitragen. Und jeder kann auch dazu beitragen. Von niemandem wird erwartet, dass er oder sie allein die Probleme löst. Es genügt, wenn jeder im eigenen Wirkungskreis und mit seinen eigenen persönlichen Stärken und Kompetenzen an der gewünschten Veränderung mitarbeitet. Es ist beispielsweise schon ein wichtiger Beitrag, durch die bloße Teilnahme an Demonstrationen auf der Straße Gesicht zu zeigen oder immer wieder das Gespräch mit den Mitmenschen zu suchen!

Niemand ist ohne Fehler – auch nicht in der Freiheitsbewegung! Das sollte uns aber nicht den Blick verstellen für die fantastische Aufklärungsarbeit, die im Corona-Ausschuss über zwei Jahre lang geleistet wurde!

Wir dürfen nun nach einer schon bisher harten, fordernden Zeit für uns alle nicht aufeinander losgehen, sondern müssen unseren gemeinsamen Protest gegen jene richten, die uns das alles angetan haben – die Beschränkung der bürgerlichen Freiheiten, die Spaltung der Gesellschaft und womöglich bald die Zerstörung unseres Wohlstandes!

Lasst uns alle täglich an einer lebenswerten Zukunft arbeiten! Und das können wir nicht gegeneinander, sondern nur miteinander! Es mag dann gewiss immer wieder mal das eine oder andere reinigende Gewitter geben. Aber danach muss der Blick wieder nach vorne gerichtet werden!

Was immer wir auch unternehmen – wir müssen um alles in der Welt friedlich bleiben!

Auch wenn es vielleicht schwerfallen mag, weil die Propaganda regierungstreuer Medien uns seit zweieinhalb Jahren zum Abschaum der Gesellschaft stempelt und – vermutlich aus eben diesem Grund – auch zahlreiche Träger staatlicher Gewalt mit Verachtung auf uns herabblicken. Wir dürfen uns nicht dazu provozieren lassen, uns selbst ins Unrecht zu setzen!

Im steten Glauben an das Gute im Menschen, was es immer wieder zu finden und groß zu machen gilt, egal wie stürmisch die Zeiten auch gerade sein mögen,

Ihr und Euer

Martin Schwab

Beitragsfoto via Facebook: Martin Schwab

„Selbstvernichtung oder Gemeinsame Sicherheit“ Michael Müller – Peter Brandt – Reiner Braun. Rezension

Sind wir eigentlich noch zu retten? Am 24. Februar des Jahres ließ Russlands Präsident Putin Truppen in die Ukraine einmarschieren. Seither tönen unsere Politik und die Medien, die Ukraine müsse den Krieg gewinnen, Russland müsse ruiniert werden (Außenministerin Baerbock) und den Krieg verlieren. Nun sind sogar Töne zu hören, wonach Russland dekolonisiert werden soll. In seiner Rede kürzlich vor der UNO warf der russische Außenminister Sergej Lawrow dem kollektiven Westen vor, die Welt spalten und sein Land zerstören zu wollen: „Es ist ihnen nicht mal mehr peinlich, offen zu erklären, dass es nicht nur die Absicht gibt, unserem Land eine militärische Niederlage zuzufügen, sondern Russland zu zerstören, zu zerstückeln.“ Solche Gedanken sind in den USA in der Tat nicht neu. Soll die Ukraine von den USA nun auch noch Langstreckenraketen erhalten? Die wären – womöglich mit Atomsprengköpfen bestückt – in wenigen Minuten in Moskau.

Das russische Außenministerium erklärte am vergangenen Donnerstag, dass die Vereinigten Staaten eine „rote Linie“ überschreiten und zur „Konfliktpartei“ würde, wenn es Kiew Langstreckenraketen liefern würde.

Niemand redet vom Frieden

Ja, ist man denn völlig verrückt geworden? Roger Köppel, Chefredaktor und Verleger des Wochenmagazins Die Weltwoche und Schweizer Nationrat fragte sich das kürzlich in einer seiner u.a. auf Facebook veröffentlichten Weltwochedaily-Sendungen. Es ging um Joe Bidens UNO-Rede und die Kriegstreiberei des Westens in der Ukraine. Köppel kritisierte – m.E. zu Recht – dass man inzwischen kaum noch „richtige Journalisten“ habe. Es herrsche ein Haltungsjournalismus, der auf US-amerikanischen Seite stehe. Russland sei böse, Putin ein neuer Hitler. Der vernichtet gehöre. Niemand mache sich die Mühe, auch einmal durch die russische Brille zu schauen. Um zu sehen, dass der jetzige Krieg eine achtjährige Vorgeschichte habe. Und weiter fragte Köppel: Niemand – weder in Deutschland noch in der Schweiz rede vom Frieden. Der Westen eskaliere stattdessen immer mehr. Die Medien vorne dran. Möglicherweise treibe man es soweit, dass wir in einem nukelaren Inferno landen. Da ist Roger Köppel zuzustimmen, an dem ich früher bezüglich anderer Themen viel zu kritisieren hatte. Hier aber ist er eine Stimme der Vernunft. Und diesbezüglich und darin ist er wohl ein „richtiger Journalist“. Allein auf weiter Flur, wie es den Anschein hat.

Michael Müller, Peter Brandt und Reiner Braun reden schon vom Frieden

Wenn Politik und Medien schon nicht vom Frieden reden, müssen es eben andere tun. Michael Müller, Peter Brandt und Reiner Braun tun es in ihrem neuen Buch „Selbstvernichtung oder Gemeinsame Sicherheit – Unser Jahrzehnt der Extreme: Ukraine-Krieg und Klimakrise“. Das kann nicht hoch genug geschätzt werden.

Kritiker werden das abtun und sagen: Das sind doch die üblichern Verdächtigen! Was nützen deren Schriften schon? Mag sein. Dennoch sollten wir hoch froh darüber sein in Zeiten eines gleichklingenden Haltungsjournalismus solche Stimmen wahrnehmen zu können. Dass solche Stimmen überhaupt noch in unserer Mitte zu finden sind.

Doch werden sie auch entsprechend gehört, treffen ihre Gedanken auf Resonanz? Zu wünschen wäre es. Denn es pressiert: Haben wir es nicht längst weit nach Zwölf!

Zum Antikriegstag am 1. September hat die Friedensnobelpreisträger-Organisation IPPNW gefordert, den Ukrainekrieg durch Diplomatie zu beenden. Dieser Forderung schließen sich Michael Müller, Peter Brandt und Reiner Braun in ihrem neuen Buch an.

Danach indes – seien wir ehrlich – sieht es momentan ganz und gar nicht aus.

Vorangestellt ist dem Buch ein Zitat des Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt:

>>Es gilt sich gegen den Strom zu stellen, wenn dieser sich wieder einmal ein falsches Bett zu graben versuchte>>

Krieg in der Ukraine – Aufriss und Einordnung

Zunächst wird der Krieg in der Ukraine in einem Aufriss eingeordnet. Und er wird selbstverständlich zutreffend als völkerrechtswidrig bezeichnet. Dankenwerterweise richten die Autoren unsere Aufmerksamkeit auf die Vorgeschichte dieses Krieges. Und gehen dabei bis zum völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien zurück und speziell auf die Vorgänge im Kosovo bis hin zu dessen Ablösung von Jugoslawien ein. Worüber es im Gegensatz zur Krim kein Referendum gegeben hat.

Die Geschehnisse in der Ukraine 2014

Leider lesen wir eingangs bei den Autoren zu wenig über die Geschehnisse 2014 auf dem Kiewer Maidan. Beziehungsweise vermisse ich eine umfangreichere Einordnung der Geschehnisse, die ja bekanntlich im blutigen Maidan-Putsch gipfelten. Welcher einen Regierungswechsel in Kiew nach sich zog, der gegen die ukrainische Verfassung verstieß.

Es wurde von der neuen Regierung in Kiew versucht die russische Sprache zu verbieten. Des Weiteren bestand die Gefahr – die Russland flugs erkannte – dass die NATO mit Kriegsschiffen bald auf der Krim auftauchen würde, wo ja die Schwarzmeerflotte der russischen Marine liegt.

Die mehrheitlich russische Bevölkerung in der Ostukraine wie auch die der Krim protestierte.

Auf der Krim entschied man sich ein Referendum zu veranstalten, um die Bürger zu befragen, ob sie einen Beitritt zur Russischen Föderation befürworten.

Referendum auf der Krim

Wir lesen etwas einseitig etwas fragwürdig (S.11): „Bewaffnete Kräfte besetzten das Regionalparlament und drückten ein Referendum durch, bei dem sich 96 Prozent der Bevölkerung der Krim für einen Beitritt zur Russischen Föderation aussprachen, die dann am 21.03.2014 erfolgte.“

Den wenig informierten Lesern muss sich der Eindruck vermitteln, das Referendum wurde quasi erzwungen. Die herrschende westliche Sicht.

In diesen Tagen damals fiel kein einziger Schuss.

Bereits 1992, nur ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine, sollte es ein Referendum zu der Frage geben, ob die Krim zur Ukraine oder zu Russland gehören wollte. Damals verhinderte die Zentralregierung in Kiew die von pro-russischen Kräften angestrebte Abstimmung. Im Gegenzug richtete sie auf der Krim eine Autonome Republik mit weitreichenden Selbstbestimmungsrechten ein. Vermutlich wäre es auch damals schon kaum anders ausgefallen wie später im Jahre 2014.

Annexion oder Sezession?

Dass die Autoren des Buches hier auch – dem westlichen Narrativ gehorchend – wieder von „der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim“ schreiben – nun ja.

Ich merke an dieser Stelle an: Der Jurist „Reinhard Merkel warnt dementsprechend vor dem inflationären, leichtfertigen Gebrauch des Begriffs „Annexion“ und er kommt zu dem Ergebnis: „Was auf der Krim stattgefunden hat, war etwas anderes: eine Sezession.“

Quelle: PoliTeknik; Ausgabe 23; „War die Krim-Separation von 2014 eine Annexion? – Dr. jur. Wolfgang Bittner. Anbei noch ein Interview, welches der Journalist Ulrich Heyden mit Reinhard Merkel führte.

Nebenbei bemerkt wird nun gerade wieder – wo in Donezk und Luhansk Referenden abgehalten werden, ob die Menschen dort ein Beitrifft zur Russischen Föderation wünschen – bereits in unsere Presse vorverurteilend von „Scheinreferenden“ geschrieben.

Dann schreibt man weiter im Buch: „In den beiden östlichen Oblasten der Ukraine Donezk und Luhansk nahm die Gewalt zu, es begannen bewaffnete Konflikte.“

Dass die Kiewer Regierung Panzer gegen die Menschen dort auffahren und scharf auf sie schießen ließ, scheint nicht auf. Acht Jahre lang und heute weiter müssen die Menschen in der Ostukraine das ertragen. Mehr als 14 000 Tote und viele Verletzte, darunter Kinder forderte die Angriffe Kiewes auf die ukrainischen Bürger in der Ostukraine.

Die Ukraine ist lange im Visier der USA

Dass es bei einem Weiter-so des Westens zu einer Eskalation in der Ukraine kommen könnte, darauf wiesen einige Politiker schon vor Jahren hin.

Im vorliegenden Buch wird aus einem Beitrag des Ex-US-Außenministers Henry Kissinger aus der Washington Post zitiert:

>>Viel zu oft wurde die ukrainische Frage als Showdown dargestellt, ob sich die Ukraine dem Osten oder dem Westen anschließt. Doch wenn die Ukraine überleben und gedeihen soll, darf sie nicht der Vorposten der einen Seite gegen die andere sein – sie sollte als Brücke zwischen beiden Seiten fungieren.>>

Und weiter:

<<Der Westen muss verstehen, dass die Ukraine für Russland niemals nur ein fremdes Land sein kann. Die russische Geschichte begann in der sogenannten Kiewer Rus. Von dort aus begann die russische Religion und die Geschichte der beiden Länder war schon voher miteinander verflochten.>>

Hätte sich der Westen solcher warnender Stimmen angenommen und anders gehandelt – diesen Krieg fände heute nicht statt.

Doch der Westen ist darüber hinweggangen. Heute steht die NATO quasi an der russischen Grenze.

Im Fokus der USA ist die Ukraine schon lange. Das sagte und schrieb Zbigniew Brzezinski, der ehemalige Sicherheisberater des US-Präsidenten Jimmy Carter. Jeder konnte es wissen.

Im Jahr 1997 veröffentlichte er das Buch „Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ („The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives“. Brzezinski: „„Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr.“

Dass nun die USA mit Hilfe von Großbritannien versucht wird – koste es so viele Ukrainerinnen und Ukrainer und Zerstörung wie es wolle – den russischen Bären zu erlegen, erscheint aus dieser Denke heraus nur allzu verständlich. Dazu passt die schreckliche Idee Russland zu zerstückeln und einen Regime Change herbeizuführen. Um sich dann der Volksrepublik China zuzuwenden. Wie zu vermuten steht. Man hat diesen Plan nie aufgegeben. Doch wie mahnte Roger Köppel in seiner Sendung sinngemäß: Wie lange will denn der Westen dem russischen Bären noch in die Seite und in die Augen stechen? Weiß man da, was man tut?

Um ein friedliches Einvernehmen mit dem Westen zeigte sich Wladimir Putin einige Male bemüht – bis zuletzt 2021

Das Buch klammert nicht aus, bzw. ruft zurück in unsere Erinnerung, dass es durchaus nicht an Wladimir Putins Versuchen gefehlt zu ein Einvernehmen mit dem Westen beizutragen. Wir erinnern uns an die auf Deutsch gehaltene Rede Putins im Deutschen Bundestag: Stehende Ovationen. Schon wenige Jahre später, 2007 auf der Münchner Sicherheitskonferenz sah sich derselbe Putin veranlasst den Westen, die NATO zu ermahnen in seiner Umzingelung Russland so nicht weiter zu verfahren, weil sich Russland in seiner Sicherheit bedroht sah.

Und noch Ende 2021 unternahm Putin einen Versuch sich mit US-Präsident ins Benehmen zu setzen, um eine Eskalation in der Ukraine zu vermeiden. Vergebens …

Als Appell an die Staatenlenkter, aber auch uns alle, kann der Text auf der Rückseite des Buches verstanden werden:

„Statt einer Militarisierung der Welt brauchen wir eine europäische Initiative für Frieden! In Zeiten des Krieges, atomarer und konventioneller Hochrüstung, der Klimakrise und zunehmender Knappheit von Ressourcen, wenn soziale Verteilungskämpfe härter werden und nicht klar ist, wie die Welt morgen aussehen wird, ist Gemeinsame Sicherheit das Gebot der Vernunft. Putins Krieg gegen die Ukraine ist ein Schlag ins Gesicht der selbstgerechten westlichen Welt. Der Krieg ist nicht zu rechtfertigen, aber er hat eine Vorgeschichte, die nicht so einfach ist, wie sie in der öffentlichen Schwarz-Weiß-Debatte dargestellt wird. Ein regionaler Konflikt hat eine geostrategische Bedeutung erlangt, weil nicht die Sprache der Vernunft und Diplomatie gesprochen wird, sondern die des Militärs. Wir brauchen mehr denn je ein starkes und effizientes multilaterales System für Frieden und Abrüstung, so die Autoren. Die europäische Selbstbehauptung verlangt Gemeinsame Sicherheit, die auch entscheidende Weichen für die künftige Weltordnung stellt und nicht zuletzt zur Überlebensfrage in der globalen Klimakrise wird. Eine solche europäische Friedensordnung kann zum Vorbild für eine nachhaltige und gemeinsame Zukunft auch in anderen Teilen der Welt werden.“

Mit interessanten und des Nachdenkens werten Beiträgen außerdem von Bascha Mika, Wolfgang Merkel, Luca Samlidis, Michael Brie, Wolfgang Biermann, Myriam Rapior, Andrea Ypsilanti, Jörg Sommer, Olaf Zimmermann u.v.a.

Und ja, auch das stimmt: Wer von uns schon länger auf dieser Welt weilt, hat dergleichen Appelle schon oft gelesen und in Sonntagsreden gehört. Und bewirkten sie etwas? Jein, könnte man antworten.

Aber doch viel zu wenig! Waren wir nicht schon einmal weiter? Im Jahre 1990 boten sich Chancen auf einen haltenden internationalen Frieden. Sie wurden nicht wahrgenommen. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Was haben wir aus den großen Fehlern der Menschheit überhaupt gelernt? Mir scheint: Entschieden zu wenig!

Dies fällt einen in diesen Tagen bitter auf. Man möchte beinahe täglich in die Tischkante beißen.

Aber aufgeben, weil alles schon einmal gesagt und gefordert worden ist? Nein!

Ach, gäbe man uns doch Politikerinnen und Politiker, die selbst nachdächten und sich in der Geschichte auskennten. Indes: Wir haben sie nicht!

Ich empfehle dieses Buch unbedingt. Ein weiterer Versuch zwar in einer langen Reihe von Versuchen, die Welt zu einer sicheren, besseren zu machen. Doch nichts macht sich von alleine. Mittun müssen viele. Welche Alternative gebe es dazu?

Foto: Claus Stille

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Anbei empfohlen: Weil der Untertitel des Buches „Unser Jahrzehnt der Extreme: Ukraine-Krieg und Klimakrise“ lautet, empfehle ich „Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts“ von Eric Hobsbawm zu lesen. Hobsbawm galt als der bedeutendste Historiker unserer Zeit.

Im einem Stern-Interview, veröffentlich am 13.05.2009 mit Arno Luik sagte der marxistisch orientierte Hobsbawm die Zukunft betreffend u.a.:

Alles ist möglich. Inflation, Deflation, Hyperinflation. Wie reagieren die Menschen, wenn alle Sicherheiten verschwinden, sie aus ihrem Leben hinausgeworfen, ihre Lebensentwürfe brutal zerstört werden? Meine geschichtliche Erfahrung sagt mir, dass wir uns – ich kann das nicht ausschließen – auf eine Tragödie zubewegen. Es wird Blut fließen, mehr als das, viel Blut, das Leid der Menschen wird zunehmen, auch die Zahl der Flüchtlinge. Und noch etwas möchte ich nicht ausschließen: einen Krieg, der dann zum Weltkrieg werden würde – zwischen den USA und China.

Und kann uns Hoffnung geben, was er noch sagte:

Der Mensch hat die Anlagen zum Guten wie zum Schlechten – und wie er sich benimmt, das kann man wohl ändern! Dass unsere Welt, immer noch oder endlich mal Heimat für alle werden kann – das ist doch ein schönes Ziel!

Die Autoren:

Michael Müller, geb. 1948, ist Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschland. Er war von 1983 bis 2009 Mitglied des Bundestages, in der Zeit umweltpolitischer Sprecher, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und Parlamentarischer Staatssekretär im Umweltministerium.

Peter Brandt, geb. 1948, ist Publizist, Historiker und Professor im Ruhestand für Neuere und Neueste Geschichte an der Fernuniversität Hagen. Er gehört der Initiative „Entspannung Jetzt!“ an und ist Mitautor von „Gemeinsame Sicherheit 2022“.

Reiner Braun, geb. 1952, war Geschäftsführer unterschiedlicher nationaler und internationaler Friedensorganisationen. Zurzeit ist er Executive Director des Internationalen Friedensbüros (IPB), stellvertretender Vorsitzender der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative sowie Mitglied des Kooperationsrates der „Kooperation für den Frieden“.

Aus dem Buch:

Die Pandemie, der Krieg und die Klimakrise sind Brandbeschleuniger in Hinsicht auf die Unsicherheit, Spaltung und Ungleichheit der Welt. Die dabei heraufziehende Inflation gefährdet den Wohlstand und wirkt sich auf Heizung und Nahrungsmittel aus. Obwohl die Menschheit mehr denn je eine „Weltinnenpolitik“ braucht, um zu einer sozialen und ökologischen Gestaltung der Transformation zu kommen, erleben wir eine tiefe Spaltung der Welt. Statt Gemeinsamkeit und Vertrauensbildung wächst die Konfrontation. Die Gefahr einer Selbstvernichtung unserer Zivilisation nimmt zu.

Die Autoren:

Michael Müller, geb. 1948, ist Bundesvorsitzender der NaturFreunde Deutschland. Er war von 1983 bis 2009 Mitglied des Bundestages, in der Zeit umweltpolitischer Sprecher, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und Parlamentarischer Staatssekretär im Umweltministerium.

Peter Brandt, geb. 1948, ist Publizist, Historiker und Professor im Ruhestand für Neuere und Neueste Geschichte an der Fernuniversität Hagen. Er gehört der Initiative „Entspannung Jetzt!“ an und ist Mitautor von „Gemeinsame Sicherheit 2022“.

Reiner Braun, geb. 1952, war Geschäftsführer unterschiedlicher nationaler und internationaler Friedensorganisationen. Zurzeit ist er Executive Director des Internationalen Friedensbüros (IPB), stellvertretender Vorsitzender der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative sowie Mitglied des Kooperationsrates der „Kooperation für den Frieden“.

Michael Müller, Peter Brandt, Reiner Braun

Selbstvernichtung oder Gemeinsame Sicherheit

Unser Jahrzehnt der Extreme: Ukraine-Krieg und Klimakrise

Erscheinungstermin: 26.09.2022
Seitenzahl: 144
Ausstattung: KlBr
Artikelnummer: 9783864893896

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„Tamtam und Tabu. Meinungsmanipulation von der Wendezeit bis zur Zeitenwende“ – Von Daniela Dahn und Rainer Mausfeld. Rezension

Dreißig Jahre Wiedervereinigung beging – feierte? – man im Jahre 2020. Im September 2020, rechtzeitig vor dem 3. Oktober dieses Jahres, brachte der Westend Verlag das Buch der beiden hervorragenden Autoren Daniela Dahn und Rainer Mausfeld mit dem Titel „Tamtam und Tabu. Die Einheit: Drei Jahrzehnte ohne Bewährung“ heraus. Hier finden Sie meine Besprechung.

„Niedervereingung“ oder Konterrevolution?

Wiedervereinigung des in Folge des Zweiten Weltkriegs in zwei Länder gespaltenen Deutschlands? Na ja: Die DDR trat dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland bei. Nicht alle Deutschen schrieen damals Hurra. Der Journalist Ralph T. Niemeyer (im Moment firmiert er in Russland als Vertreter einer „Exilregierung“ Deutschlands), spricht von einer „Niedervereingung“. Welcher, wie wiederum andere sagen, in der DDR eine Konterrevolution vorausging. An welcher im Grunde schon ab Gründung der DDR im Jahre 1949 gearbeitet wurde. Wie auch immer: Der DDR und ihren Bürgerinnen und Bürgern wurde 1990 das BRD-System mit allen Konsequenzen daraus übergestülpt. Es kam zwar die von vielen DDR-Bürgern begrüßte D-Mark und die stets herbeigesehnte Reisefreiheit plus einer lockenden Warenwelt – aber eben nicht nur der Kapitalismus mit allen Vorteilen, sondern auch mit seinen sämtlichen Übeln. Der Kapitalismus, der von der DDR hinter sich gelassen worden war, um einen Sozialismus aufzubauen. Der freilich keiner war. Letztlich erfolgte 1990 ein Rollback. Also doch eine Niedervereingung?

Daniela Dahn: Das Wahlergebnis von 1990 entsprach nicht der Erwartung aller DDR-Bürger

Daniela Dahn gab aber schon im vorigen Buch zu bedenken: „Die Mär, wonach im März 1990 so gut wie alle DDR-Bürger so schnell wie möglich mit Westgeld im blühenden Westgarten leben wollten, stimmte schon vor der Wahl (Anmerkung C.S. 1990) nicht, das Wahlergebnis entsprach ihr nicht und die Folgen der Wahl erfüllten solche Hoffnungen nicht. Und dennoch hat sie sich bis heute gehalten.

Der eigentliche Wunsch bestand bis zuletzt darin, Eigenes in die Einheit einzubringen. Der Meinungsumschwung war einem Diktat aus Desinformation, Zermürbung und Erpressung geschuldet. Der Kampf um Mehrheiten hat der Mehrheit geschadet. Sie war einer Pseudo-Entscheidung zwischen zahlungsunfähiger Wirtschaft und dem Heilsversprechen der D-Mark ausgesetzt worden. Die Leute glaubten, um ihren Besitzstand zu wahren, sei es erst einmal das Beste, die Kräfte des Geldes zu wählen. Sie lieferten sich den Finanzstarken aus, in der Hoffnung, dadurch selbst stark zu werden. Sie wollten das Kapital und wählten die Kapitulation.“

In Kürze steht das Datum 3. Oktober einmal mehr an. Und der Westend Verlag wartet mit einer neuen, erweiterteten und überarbeiteten Taschenbuchausgabe von „Tamtam und Tabu. Meinungsmanipulation von der Wendezeit bis zur Zeitenwende“ – wieder mit aktualisierten Texten von Daniela Dahn und Rainer Mausfeld auf und schreibt dazu:

„1990 gilt als das wichtigste Jahr der Nachkriegsgeschichte. Alles scheint gesagt – doch die Tabus überdauern. Dahn und Mausfeld nehmen sie ins Visier. Das Buch untersucht, wie die öffentliche Meinung in kurzer Zeit in eine Richtung gewendet wurde, die einzig den Interessen des Westens entsprach. Es ist an der Zeit, dieses Narrativ über die Wende zu erschüttern.“

Verspielte Chancen

In ihrer Einstimmung zum Buch erinnern die Autoren noch einmal an die sich im Jahr 1990 geboten habenden Chancen „sowohl für eine internationale Friedensordnung wie auch für eine erneuerte Demokratie, die dann diesen Namen verdiente.“

„Heute“, merken Dahn und Mausfeld an, „wissen wir, dass diese Chanchen aus geopolitischen Interessen und denen der Kapitaleigner gezielt blockiert und somit verspielt haben.“ Und stellen die berechtigte Frage: „Warum war dies, entgegen den großen Hoffnungen der Bevölkerung so leicht?“ Und hinterdrein liefern sie auch gleich die Antwort: „Die Leichtigkeit, mit der eine kleine Minderheit von Besitzenden Macht über eine große Mehrheit von Nichtbesitzenden ausüben kann, gleiche einem >>Wunderwerk<<, bemerkte zur Zeit der Aufklärung der große schottische Philosoph David Hume.“

Hume habe erkannt, dass das Augenmerk nicht nur auf die rein physische Macht, die es auf den Körper abgesehen hat, zu legen sein, „sondern auf die Formen der Macht, die auf die Psyche zielen“

Weiter: „Wer über Mittel verfügt, mit denen sich auf der Klaviatur des menschlichen Geistes spielen lässt, dass Meinung und Affekte in geeigneter Weise gesteuert werden können, verfügt über einen Einfluss, der kaum noch als Macht erkennbar ist und gerade darum eine besondere Wirksamkeit entfalten kann.“

Apropos Formen der Macht, die auf die Psyche zielen, schiesst mir sogleich in den Kopf: Sind vielleicht nicht ähnliche Mittel in Zeiten der Corona-Krise, anlässlich der Covid-19-Pandemie ge- und benutzt worden? Wobei hier hauptsächlich mit der Angst vor einem Virus, das es sicher gibt, aber eben unsichtbar ist, gearbeitet wurde.

Schon im vorangegangenen Buch der beiden Autoren wurde uns Lesern ja auseinandergesetzt, wie es im Verlauf der Ereignisse von 1989/90 gelungen war, „die Stimmung eines Großteils der DDR-Bevölkerung in wenigen Wochen in die vom Westen gewünsche Richtung zu lenken“. Schon Walter Lippmann habe sich (wie bei ihm nachzulesen ist) mit Machttechniken befasst, durch die sich die >>verwirrte Herde auf Kurst halten lässt<<. Lippmann hatte eine sogenannte >>Elitendemokratie<< angestrebt.

Dahn/Mausfeld: „Heute ist die Elitendemokratie das Standartmodell kapitalistischer Demokratien.“

Wir, möchte ich einwerfen, erleben es gerade heute wieder wie zuvor schon in der Corona-Krise nun abermals betreffs des Ukraine-Kriegs, wie „emanzipatorische Alternativen, die die Stabilität der herrschenden Machtordnung zu gefährten drohten, aus dem öffentlichen Denkraum verbannen konnte“.

Wir werden heute überdies Zeuge, wie die Wände der Meinungskorridore immer weiter zusammengeschoben werden und Denkverbote manifestiert werden.

Ukraine-Krieg und Zeitenwende

Die Beiträge Daniela Dahns zusammengebracht zu haben verdanken wir dem Westend Verlag. Erfreulich auch dessen Anregung, die Taschenbuchausgabe mit einem Gespräch der Autoren über den Ukraine-Krieg zu beginnen.

Die andere Gespräche – nun auch in der Taschenbuchausgabe abgedruckt – liegen zwei Jahre zurück.

Rainer Mausfeld stellt eingangs fest: „Die Geschehnisse in der Ukraine und der durch die militärischen Angriffe Russlands ausgelöste Krieg haben zu einem zivilisisatorischen Regress geführt, denn Dimensionen wohl erst in den kommenden Jahren sichtbar werden..“

Die EU, so Mausfeld, habe bei der Bewältigung der Ukraine-Krise „in einem historischen Ausmaß versagt“. Sie werde zu den großen Verlierern dieser Krise zählen.

Europäische Stabilität und Friedensordnung sowie den Wohlstand der Bürger habe sie den imperialen geopolitischen Zielen der USA untergeordnet.

De facto seien damit die Staaten der EU zu Satellitenstaaten der USA und deren Befehlsempfängern geworden.

Da stellt sich freilich die Frage, ob das nicht schon zuvor so gewesen ist. Mindestens was Deutschland anbetrifft, das wieder einmal als Vasall agiert. Selbiges trifft für die deutsche, transatlantisch vasallenhaft auffallend gleichtönende Mainstream-Presse zu, wie ich finde.

Daniela Dahn beklagt: „Für das Versagen der Politik werden jetzt weltweit Bürger sanktioniert. Das Versprechen von Freiheit und Demokratie soll uns genügen, den Gürtel enger zu schnallen, weniger mobil zu sein, zu frieren, bescheidener zu essen, in den armen Ländern noch mehr zu hungern – ja, zu verhungern.“

Und weiter: Diese nie für möglich gehaltene Erfahrung ist nach den verpassten historischen Chancen für einen gemeinsamen demokratischen Aufbruch Anfang der 90erJahr besonders bitter.“

Dahn hält die für einstige Wendezeit angewandte Betrachtungsmethode von Tamtam und Tabu für weiter tauglich: „Was wird auch jetzt aufgebauscht, was verschwiegen? Deutschland nutzt die Gelegenheit und befreit sich von seinen einstigen Befreiern. Der Wille, alle Bedenken fallen zu lassen, ist atemberaubend.“

Rainer Mausfeld skandalisiert, dass Bundeskanzler Scholz die „Situation einen massiven Zivilisationbruches euphemistisch als >>Zeitenwende<< bezeichnet.

Mausfeld schreibt, wir befänden uns in einem „ökonomischen Weltkrieg“ sowie in einem „militärischen Stellvertreterkrieg in welchen USA und NATO längst Kriegsteilnehmer seien.

Daniela Dahn sieht durchaus die Vorgeschichte dieses Krieges. Die vielen Provokationen gegenüber Russlands, verurteilt aber den Angriffskrieg als völkerrechtswidrig, welcher jedoch keinesfalls alternativlos anzusehen sei.

Auch Mausfeld geht auf die Vorgeschichte des Krieges ein. Wirft jedoch die Frage auf, warum über „Putins Vorschlag für einen Vertrag zwischen der russischen Föderation und den USA zu reden, der seit Dezember 2021 auf der Seite des russischen Außenministeriums für alle einsehbar war“, nicht eingegangen worden sei. „Neutralität der Ukraine, Autonomie für den Donbass, das Krim-Referendum bleibt gültig und die NATO zieht ihre Atomwaffen aus den einstigen Atomwaffen aus den einstigen Sowjetrepubliken zurück.“ Und findet: „Damit hätte die Welt leben können, selbst die Ukraine.“

Beide Autoren sind in ihren Meinungen nicht immer hunderprozentig denkungsgleich, aber wiederum auch nicht sehr weit auseinder.

Dahn meint , dass der Keim für den jetzigen Krieg von den USA lange vor der Präsidentschaft von Putin gelegt worden sei. Sie verweist dazu auf 2004 getätigte Äußerungen von Zbigniew Brzezinski im Wall Street Journal Putin sei >>Moskaus Mussolini<<. 2008 dann habe er ihn mit Hitler vergleichen, „weshalb Russland ökonomische zu schwächen und zu einem Pariataat zu machen sei“.

Alles in allem interessante Gespräche und Analysen der beiden Autoren. Uns wird vor Augen geführt, wie wieder einmal die großen Medien dazu beigetragen haben, „tiefere historischen Ursachen dieser Krise aus dem öffentlichen Bewusstsein zu tilgen“ (Rainer Mausfeld).

Es wird von einer „Generalmobilmachung aller großer Medien“ gesprochen. Was „einer Entzivilisierung der politischen Debatte“ und einer weitgehenden Zerstörung des demokratischen Diskurses gleichkäme. Dies sei eine selbst zu den Hochzeiten des Kalten Krieges nicht gekannte Verengung des Debattenraumes und eine aggressive Ächtung von Dissens.

Daniela Dahn hält dringend geboten über ein friedliches Miteinander nachzudenken.“Unsere einzige Möglichkeit aus der Defensive zu kommen“, so schreibt sie, „bleibt die faktenbasierte Analyse, vor allem der eigenen Seite. Diese schwere Waffe wird nicht geliefert, man muss sie sich selbst zugänglich machen. Zweifel, Korrektur und Sorgfalt erhöhen die Treffsicherheit.“

Diesem, der Aktualität geschuldeter, deshalb wichtiger, Einstieg in das Buch rund um die sogenannte „Zeitenwende“ folgt noch einmal ein Rückgriff auf die Zeit, in welcher während der Wende bis hin zur deutschen Einheit mit allen publizistischen Mittel daran gearbeitet wurde, die DDR-Bürger sozusagen aufzugleisen. Sie entsprechend zu manipulieren.

Historisches

Wie Manipulation im Einzelnen geschah, das hat Daniela Dahn im Kapitel „Volkslektüre. Eine Presseschau“ (S.39) aufgeschrieben. Da wurde die alte DDR-Führung mehr oder weniger geschickt diffamiert. Da wurde dann auch schon einmal nach Strich und Faden gelogen. Nur ein Beispiel aus dem Spiegel Das (inzwischen) ehemalige Nachrichtenmagazin „gibt vor zu wissen, Honecker sei ‚Eigner von vierzehn Luxuskarossen‘ gewesen. In Wahrheit“, so rückt Daniela Dahn es gerade, „besaß der SED-Chef und Staatsratsvorsitzende privat nicht ein Auto. Da hätte auch gar keinen Sinn ergeben, waren doch die sich selbst ghettosierenden Spitzenfunktionäre aus Sicherheitsgründen nur im Dienstwagen mit Fahrer unterwegs. Ob Honecker in seinem Jagdrevier auf mal in Margots Wartburg durch den Wald preschen durfte, ist nicht überliefert.“

So wurde die DDR Dreck beworfen, dass es nur so spritzte. Immerhin, so erinnert uns Daniela Dahn, ermahnt der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker „als Erster die westdeutsche Publizistik, sie solle die Vorgänge in der DDR ’nicht für hiesige Zwecke instrumentalisieren‘.“

„Die hiesigen Zwecke sind für die Konservativen der Erhalt und die Festigung des Status quo in der BRD.“

Vergebliche Ermahnungen: man tat freilich weiter so. Kohl nutzte seine ihm in den Schoss gefallene Chance koste es was es wolle. „Die Birne“, wie er seinerzeit genannt wurde, wäre nämlich ohne den Fall der DDR weg vom Fenster gewesen. Riesige Summen ließ er einsetzen, damit die Menschen in der DDR so wählten, wie es ihm passte. Propaganda- und Fahnenmaterial wurde in die strauchelnde DDR gekarrt. Den Slogan „Wir sind das Volk“ wurde in „Wir sind ein Volk“ umgeschrieben. Heute würde man das Ganze wohl Nudging nennen – die DDR-Menschen wurden dahin geschubst, wohin man sie haben wollte.

Auch das macht Daniela Dahn klar: Es gab durchaus auch kritische Medien in der Noch-DDR. Doch wurden diese kaum noch gelesen. Alles wurde von Westpresse überschwemmt, DDR-Verlage wurden von Westverlagen aufgekauft und so weiter.

Es ist den Leserinnen und Lesern wirklich zu empfehlen, das akribisch zusammengetragene und von Daniela Dahn für das Buch aufbereitete Material mit den dazu gehörigen Stimmen und Quellen sehr gründlich zu studieren und zu verinnerlichen. Auch das Kapitel „Die Währungsunion war organisierte Verantwortungslosigkeit“ (S.115) ist unverzichtbar und für ganze weiter erfolgte Entwicklung exorbitant wichtig. Langsam, Buchseite für Buchseite lupft Daniela Dahn die über die ganzen wenig rühmlichen, in den Zeiten von Wende und DDR-Anschluss begangenen Missetaten gekippte süße, schleimige Friede-Freude-Eierkuchen-Einheitssoßen-Schicht an. Und manch übler Dunst steigt da aus dem auf die DDR abgekipptem Kladderadatsch auf.

Auch das Treiben der Treuhand, die betreffs ihres Tuns dieser Bezeichung hohnsprach, wird von Daniela Dahn beackert und bis in die dunklen Seiten hinein beleuchtet.

Wir sollten uns erinnern, möchte ich hier zu diesem Thema einwerfen: Der Schriftsteller Rolf Hochhuth, der das Stück „Wessis in Weimar“ geschrieben hatte, schrieb rückblickend von einer „brutalen Enteignung der Ostdeutschen“ und einem „Gewaltakt namens Wiedervereinigung“. Es dürfte die größte Enteígnung gewesen sein, die die Welt je gesehen hat.

Wie die Willensbildung der DDR-Bürger beeinflusst wurde, zu erklären – um nicht zu sagen: darzulegen, wie sie sozusagen hinter die Fichte geführt wurden -, ist die ureigenste Aufgabe des Wahrnehmungs- und Kognitionsforschers Prof. Dr. Rainer Mausfeld im vorliegenden Buch. Im Kapitel „Wende wohin? Die Realität hinter der Rhetorik“ ab Seite 126 beschönigt er freilich nichts. Dennoch postuliert er: „Das Schweigen der Lämmer ist kein unabwendbares Schicksal.“ Aber müssen wir ehrlichkeitshalber hinzusetzen: Aber nicht mit einem Federwisch zu machen.

Mausfeld: „1989 hat das Volk sich selbst zum Sprechen ermächtigt und seine Stimme gegen die Zentren der Macht politisch wirksam werden lassen. Es hat den alten Hirten die Gefolgschaft aufgekündigt und sich neue gesucht, die seine Vertreibung ins Paradies, so das treffende Bild von Daniela Dahn, organisierten.“

Rainer Mausfeld spricht Wichtiges bis ins Heute an, wo doch eine Krise nach der anderen allmählich zu explodieren droht: „Die Frage, die wir uns stellen müssen ist also: Warum sind wir so blind für die zerstörerischen Folgen der kapitalistischen Weltgewaltordnung? Das Erfolgsrezept des Kapitalismus ist seit jeher, dass er uns zu einem Teufelspakt verführen will, er verspricht uns immerwährenden Fortschritt und eine kontinuierliche Verbesserung unserer Lebensstandards und sorgt zugleich dafür, dass wir unfähig sind, den dafür zu entrichtenden Preis überhaupt erkennen zu können.“

Daniela Dahn wiederum fragt im Kapitel „Ein Luxus anderer Art. Was bedeutet die Forderung nach einem Systemwechsel? (S.147). Und sie erkennt: „Frei (und demnach revolutionär) ist, wer das als falsch Erkannte umzukehren vermag.“ Aber muss auch einsehen: „Recht und Staat sind praktischerweise so konstruiert, dass sie die herrschende, angeblich nicht verfehlte, sondern fortschrittliche Funktionslogik in Gang halt.“ Dahn führt Kurt Tucholsky ins Feld: Politik ist die Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen mit Hilfe der Gesetzgebung.“

Dahn schließt das Kapitel so: „Den eigentlich verbotenen politischen Streik hat ‚Fridays for Future‘ schon erprobt. Die Gemeinnützigkeit wird sich die globalisierungskritische Attac-Bewegung nicht nehmen lassen. Ist so etwas wie Generalstreiks wieder zeitgemäß? Wie schützt man soziale Revolutionen vor finanzierten und manipulierten Putschen und Umstürzen?

Die Verheißungen eines Systemwechsel, aber auch die Widerstände dagegen bewusster zu machen, hat letztlich einen Zweck: uns die Erfahrungen eines weiteren, folgenreichen Scheiterns zu ersparen. Denn dann wird die Erde sinken und verbrennen.“

Das keinen Moment langweilig werdende Buch geht aus mit hochinteressanten Fünf Gesprächen in Form einer fortgesetzten Telefonkonferenz als Anmerkungen und weiterführende Betrachtungen zu den verhergehenden Texten der beiden Autoren Daniela Dahn und Rainer Mausfeld (ab S.162).

Rainer Mausfeld sagt unter der Überschrift „Wie sich die verwirrte Herde auf Kurs halten lässt.“ (S.165)

„… was sich dazu sagen lässt, ist leider weniger erbaulich. Der Westen verfügt über eine einzigartiges Arsenal höchst raffinierter psychologischer Manipulationsmethoden. Das wird seit mehr als hundert Jahren mit großen Forschungsanstrengungen und verfeinert. In diesen psychologischen Techniken einer Bevölkerungskontrolle hat der Westen gegenüber dem Osten einen kaum vorstellbaren Forschungsvorsprung: (…) Kapitalistische Demokratien sind, wie man schon früh erkannte, wegen der freien Wahlen darauf angewiesen, bei den Wählern den Eindruck völliger Freiheit aufrechtzuerhalten und zugleich sicherzustellen, dass diese so wählen, wie sie wählen sollen. Das ist machtechnologisch nur mit höchstem Aufwand zu bewältigen.“

Ab S.175 ein weiteres wichtiges Thema im Gespräch: „Wendevorgänge und manipulierte Geschichtsschreibung über die DDR“! Wie funktionierte das? Daniela Dahn: „Wer die Gegenwart Gegenwart kontrolliert, kontrolliert auch die Vergangenheit.“ (S.177)

Rainer Mausfeld (199): „Der empörendste Befund ist eigentlich die siegestrunkene Hemmungslosigkeit, mit der eine frei Meinungsbildung der DDR-Bevölkerung behindert und blockiert wurde. Ganz ungeniert und offen wurde hier von außen massive Wahlbeeinflussung betrieben. Es lohnt sich das Ausmaß dieser Wahlbeeinflussung in Relation zu jüngeren tatsächlichen oder vorgeblichen Versuchen einer von außen kommenden Beeinflussung demokratischer Wahlen zu setzen, die im Westen größte Empörungen ausgelöst haben. Größer kann Heuchelei wohl nicht sein.“

Das fünfte Gespräch (S.211) geht „Über die Hoffnung auf eine Wende, die den Namen verdient“. Rainer Mausfeld spricht über den „Systemwechsel als Umkehrung des Ausgangspunktes“ (S.213), ein Zitat von Ernst-Wolfgang Bockenförde, welches Daniela Dahn betreffs der berechtigen Frage der Notwendigkeit eines Systemwechsels angeführt hat.

Und Daniela Dahn erkennt, dass für die Notwendigkeit dieses Wechsels inzwischen viele gut begründete Wortmeldungen gebe. Selbst von Konservativen, „die sich in faschistoide Verhältnisse befürchten.“

Im Abschnitt „Hat das Virus die Demokratie befallen?“ (S.219) sagen die Autoren: „Wenn es in diesem Buch um das Tamtam massenhafter Beeinflussung von Meinungen ging und um das Tabuisierten unerwünschten Widerspruchs, dann kommen wir am Ende an einem aktuellen Bezug nicht vorbei – die Corona-Krise.“

Daniela Dahn: „Ich unterstelle zunächst keinerlei Absichten. Das Virus war da, die Wirkung blieb nicht aus. Nun ist es interessant, wie die einzelnen Akteure mit der Situation umgegehen. (…) Ich mische mich nicht in die innen Angelegenheit der Medizin ein. Aber als Publizistin können mir grobe Nachlässigkeiten, Widersprüche und Unterlassungen in der Argumentation nicht entgehen.“

Und Rainer Mausfeld hat richtig ausgemacht (S.220): „Die Corona-Krise ist ja tatsächlich eine Multi-Krise. In ihr kreuzen und verbinden sich sehr unterschiedliche Krisen, die bereits länger erwartet wurden. Dazu gehört auch eine Systemkrise des globalisierten Finanzkapitalismus, die sich auch eine Systemkrise des globalisierten Finanzkapitalismus, die sich auf diese Weise fast unsichtbar gemacht hat und damit ihre Kosten wieder kurzerhand auf die Gemeinschaft umlegen kann. Covid-19 bringt lediglich wie eine Katalysator sehr grundlegende Probleme der gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zum Vorschein.“

Zu Bedenken gibt Mausfeld indem er auf Thomas Pynchons Worte (S.233) „Wenn sie es schaffen, dass du die falschen Fragen stellst, brauchen sie sich über die Antworten keine Sorgen zu machen.“ anspricht, dem er Recht gibt: „Unangemessene Vergleiche und unbegründete Spekulationen führten schon früh in der Corona-Krise zu falschen Fragen.“

Die Fragen jedoch, beklagt Rainer Mausfeld (S.234), die an die eigentlichen Wurzeln der Missstände gingen, seien im Lärm des medialen Tamtam kaum zu hören.

Stattdessen verzehrten sich die Energien berechtigter gesellschaftlicher Veränderungsbedürfnisse in Kämpfen einer gespaltenen Gesellschaft.

Mausfeld liegt damit richtig: „Damit ist jede Solidarität in der Spaltung verschwunden.“ Und resümiert: „Genau so funktioniert effiziente Stabilisierung von Macht.“

Und Daniela Dahn gibt zu bedenken: „Wenn die Menschheit nach den Erfahrungen mit dieser Pandemie nicht umdenkt, müsste man ihr diese Fähigkeit wohl absprechen. Ein Schluss – wert widerlegt zu werden.“

Fazit

Getroffen haben beide Autoren ins Schwarze. Es wird historisch Geschehen rund um die Wende (welche der Kabarettist Uwe Steimle vielleicht treffender „Kehre“ nennt) analysiert und Bedenkenwertes den Leserinnen und Lesern offeriert. Und nun haben wir die Scholzsche „Zeitenwende“, welche die Autoren auch kritisch Maß genommen haben. Wo sind wir nur hingekommen? Die Chancen, welche sich 1990 geboten hatten, haben wir vertan. Und jetzt stehen wir mit einem Bein im Krieg?

Liebe Leserinnen und Leser führen sie sich unbedingt auch die Faksimiles (ab S.236) zu Gemüte von Zeitungsseiten und Texten aus der beschriebenen Wendezeit zu Gemüte. Damals gingen sie wohl an vielen Menschen vorbei. Und es wurde hingenommen. Heute können wir noch einmal genau hinschauen. Was glaubten wir damals selbst, als wir dergleichen lasen? Kommt vielleicht heute – mit dem Abstand zu damals und dem Wissen aus diesen wichtigen Buch von heute – dann doch etwas Scham auf?

Und, greife ich damit zu hoch? Egal: Ich wünsche mir nach wie vor, das Buch würde Schulstoff!

„Das Jahr 1990 kann als einer der wichtigsten Momente der Nachkriegsgeschichte angesehen werden, da es einzigartige Chancen bot – sowohl für eine internationale Friedensordnung wie auch für eine erneuerte Demokratie, die dann diesen Namen verdiente“, postulieren Daniela Dahn und Rainer Mausfeld in der Einleitung zu ihrem kürzlich erschienen Buch.

Alles scheint gesagt. „Die Tabus überdauern. Die renommierte Essayistin und Mitbegründerin des „Demokratischen Aufbruchs“ in der DDR Daniela Dahn und der Kognitionsforscher Rainer Mausfeld nehmen sie ins Visier mit einem Blick auf bislang unterschätzte Zusammenhänge.
Daniela Dahn untersucht, wie in atemberaubend kurzer Zeit die öffentliche Meinung mit großem Tamtam in eine Richtung gewendet wurde, die den Interessen des Westens entsprach. Mit ihrer stringenten Zusammenschau Presseschau wird das offizielle Narrativ über die Wende erschüttert. Rainer Mausfelds Analyse zeigt die Realität hinter der Rhetorik in einer kapitalistischen Demokratie. Die gemeinschaftlichen Analysen werden in einem grundlegenden Gespräch vertieft und liefern einen schonungslosen Befund des gegenwärtigen Zustands der Demokratie.“ (Westend Verlag)

Rainer Mausfeld, Daniela Dahn

Tamtam und Tabu

Die Einheit: Drei Jahrzehnte ohne Bewährung

Erscheinungstermin: 19.09.2022
Seitenzahl: 240
Ausstattung: Taschenbuch
Artikelnummer: 9783864899157
Westend Verlag

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Daniela Dahn, war zunächst DDR-Fernsehjournalistin, 1981 kündigte sie und ist seither Schriftstellerin und Publizistin. Sie hat die Wiedervereinigung in Büchern kritisch begleitet. Gastdozenturen führten sie in die USA und nach Großbritannien, ihre Themen sind auch die globale Bedrohung der Demokratie und des Friedens. Sie ist Trägerin u.a. des Fontane-Preises, des Kurt-Tucholsky-Preises für literarische Publizistik und des Ludwig-Börne-Preises.

Rainer Mausfeld ist Professor an der Universität Kiel und hatte bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Wahrnehmungs- und Kognitionsforschung inne. Mit seinen Vorträgen (u.a. „Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert?“ und „Die Angst der Machteliten vor dem Volk“) erreicht er Hunderttausende von Zuhörern. Sein Bestseller Warum schweigen die Lämmer? erschien 2018 im Westend Verlag.

„Unter der Asche die Glut“ von Wolfgang Bittner – Rezension

Lyrik wird nicht selten als fünftes Rad am Wagen betrachtet und stiefmütterlich behandelt. Wer liest schon Gedichte? So heißt es oft. In der Schule – ja. Da kommen wir nicht daran vorbei. Aber dann? Und die Jugend: Schreibt sie eigentlich noch Gedichte? Es mag vorkommen. Aber das meiste läuft wohl heute übers Smartphone. Über SMS oder eher Whatsapp. Gesendet vielleicht an die Freundin, den Freund. So wird mit Abbkürzungen, welche uns Ältere wohl kaum verständlich sind.

Aber nun Butter bei die Fische: Wann zuletzt habe ich eigentlich das letzte Mal Gedichte gelesen? Manchmal kommt einen ja eines unter. Hier oder da. Dann überfliegt man es. Wo doch ein Gedicht auch Zu- und Hinwendung gedarf. Und dann …

Im Juni erreichte mich ein kleines Lyrik-Büchlein. Jetzt haben wir September! Jetzt schreibe ich erst darüber. Behandelte ich es wie es da sprichwörtliche fünfte Rad am „Wagen“? Nun ja: Der Schreibtisch war voll mit dicken anderen Büchern, die gelesen und besprochen werden sollten und wollten. Aber Wolfgang Bittners Gedichtband „Unter der Asche die Glut“ hatte ich so gelegt, dass ich es immer vor Augen hatte und sich somit ein schlechtes Gewissen verstetigte. Denn ich schätze Wolfgang Bitter als Autor politischer Schriften aber auch als Romanschriftstellen und Erzähler (Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen, Der neue West-Ost-Konflikt, Deutschland verraten und verkauft, der Erzählband Am Yukos).

Nun also Gedichte.

Schon beim ersten Kapitel bin ich vom Gedicht „Kompromiss“ (S.9) tief beeindruckt und berührt. Gibt er doch Kunde vom Leben in der bleiernen Zeit der Pademie. Nur ausschnittweise: „Es ist, als habe die Welt/ihren Charme verloren (…) Noch immer Sonne und Mond/auf den Wegen, aber kein freundlicher Gruß,/ kein freundliches Umarmen (…)

Gedichte, die hinterfragen, von Beängstigungen erzählen, hinter denen leise Hoffnungen eher verborgen sind als dass sie sich getrauen hervorzutreten.

Den Ablauf der Natur im Blick. Das Leben im global wütenden Kapitalismus. Die Frage nach dem Sinn unseres Lebens, wo doch so viel Sinnlosigkeit uns das Leben schwer macht. Wie all dem Standhalten? Standhalten!

Egon Bahr mahnte einst: Wir leben in Vorkriegszeiten. Wolfgang Bittner sieht Kampfflugzeuge in der Luft und überschreibt das kurze Gedicht mit „Böses Omen“ (S.17). Und ist es nicht so: „Wieder werden wir zugemüllt/mit Vorkriegspropaganda/Nach dem Krieg ist immer noch: vor dem Krieg.“

Wolfgang Bittners Gedichte atmen lange Lebenserfahrung sowie einen fest in ihm verwurzelten Humanismus. Er nimmt die Zumutungen und Zurichtungen unserer Zeit sozusagen aus der Adlerperspektive in den Blick. Hinunter auf die Ameisen-Welt (S.94), wo es sich anscheinend Leben lässt. Bis etwas Einschneidendes geschieht: „Bis zum bitteren Ende“. Er deutet und analysiert sie bis ins Detail. Das mag hier und dort auch Melancholie verströmen und in den Lesern wecken. Doch da ist immer auch ein Fünkchen Hoffnung – eine Glut eben unter der Asche. Wie u.a. in Alles fließt (S.26), das Gedicht, welches so anhebt: „Heute Blumen, morgen Kot,/

panta rhei – und schon sind die Blumen, die beglückenden, verblüht.“ (…)

Und so endet: „Und wachsen Blumen,/strahlen und duften,/uns zu erfreuen,/uns zu trösten.“

Es erweist sich in nahezu jeder Zeile welch genauer Beobachter der Dichter ist. Er betrachtet und beschreibt die Natur, die Pflanzen und Tiere liebevoll. Genauso liebevoll ist Bittners Blick auf die Menschen, wie er auch bei Notwendigkeit kritisch sein kann – ja aus seinem Inneren sein muss.

Und wie treffend und die Seele berührend wie Bittner den beginnenden Tag im Lockdown (S.44) in wenigen Worten nachzeichnet!

(…) Notstand ist angesagt,/verboten die Straße, der Park,/die Wohnung zu verlassen./Virologen erklären die Welt und Viren herschen/im Küchenradio, (…)

Und dann doch wieder ein Aufbäumen (Glut unter der Asche!): „Ich beschließe, mich zu waschen/und ein Gedicht zu schreiben, ist doch schönes Wetter.“

In Kapitel IV Aus der Zeit in Kann mich dunkel erinnern (S.47) ein Besuch in Bittners alten oberschlesische Heimat bedenkend. Ein wehmütiger Blick zurück in die eigene Kindheit. Aber auch die Erinnung (…) „an Feuer und Rauch/und die Schreie der Geschundenen.“ (…)

Wolfgang Bittner beschließt das an Vergangenes erinnernde und über Ist-Zustand des Heutigen berichtende Gedicht so: „Damals, in einem anderen Leben, und jetzt.“

Doch der Autor beschönigt nichts. Etwa in Die Botschaft (S.60). Nichts ist unmöglich. Wen beschleichen in unseren Tagen nicht düstere Ahnungen, die wir dann rasch wieder wegwischen. Auch ein Atomschlag könnte uns ereilen: (…) plötzlich wird es stürmen,/Asche regnen und mitten im Sommer/wird es schneien./ (…)

Und Seiten weiter lesen wir in Feindbild u.a.: (…) Wir bleiben zu Haus,/ lesen von Manövern/und dass begrenzte/taktische Atomschläge/möglich seien. Gegen einen Feind.“

Warnende Stimmen gab es mehr als wir denken. Auch neben Egon Bahr: Wir leben in Vorkriegszeiten. Warnten die Stimmen vergeblich? Bittner greift das im Gedicht Trümmer auf. Das Gedicht schließt: „Es ist nur das Übliche.“

Lernen wir Menschen nichts aus der Vergangenheit? Kaum. Nichts?

Nicht wenige Gedichte Bittners in diesem Band schreiben sich gleich einem Menetekel an die unsichtbare Mauer, an welche wir wohl von sich frech „Eliten“ dünkendem Personal gefahren werden. Irrungen und Wirrungen beschreibt Bittner. „Bomben-Stimmung“ (S.68) heißt ein Gedicht. Worin es um „humanitäre Einsätze“ und „Demokratisierung“ geht. Dabei – wir sollten das kennen – heißt es (…) „In Wahrheit: Profite, Rendite, Strategie und Größenwahn.“ (…)

Werden wir je begreifen? Wer will schon Krieg?

Sensibel ist all das geschrieben. Sowie von hoher Kenntnis und großer Lebensweisheit gespeist, sind die Gedichte geprägt. Sie sagen was war. Was ist. Was sein könnte. Und sie umfassen so viele Themen- und Lebensbereiche, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Das tut so mancher Roman mit 400 Seiten nicht.

Und weil es so schmerzend aktuell ist, sei ein kleines Gedicht (S.97) ganz zitiert:

Meinung

Bei uns herrscht

Meinungsfreiheit.

Wer anderer Meinung ist,

darf sich nicht beschweren.

Der Gedichtband ist ein Aufrüttler, ein Mutmacher. Er ermuntert auch zu einem Blick in und auf die Geschichte, auch wenn man sie wegen später Geburt nicht selbst erlebt hat bzw. nicht hat erleben müssen. Die Liebe zur Natur und den Menschen wohnt so vielen Zeilen inne. Niemals kommt da etwas belehrend herüber. Sondern ein gesunder humanistischer Anspruch entströmt diesen Gedichten. Freilich scheinen aber nicht nur gute, sondern es klingen ebenfalls schmerzliche Erinnerungen aus ihnen. So ist nun einmal das Leben. Die Gedichte zeichnen nicht zuletzt ein Bild von einer kaputten, kaputt gemachten Gesellschaft, welche von unverantwortlichen Kräften einer immer weiter fortschreitenden Zerstörung preisgegeben wird, statt dem endlich entgegenzusteuern.

Was wäre noch zu sagen, lieber Leserinnen und Lesen? Machen Sie Gebrauch von diesem empfehlenswerten Gedichtband! Entdecken auch Sie die Glut unter der Asche. Sie lässt sich bei einem bisschen guten Willen finden.

Danke, dass mir das Büchlein in die Hände kam! Ab jetzt werde ich mich öfters der Lyrik zuwenden. Versprochen.

Unter der Asche die Glut

Gedichte

von Bittner, Wolfgang

12,90 €

inkl. 7 % MwSt. zzgl. Versandkosten

Unter der Asche die Glut

ISBN 978-3-96233-348-5 Kategorien: Lyrik, Lyrikedition 2000 Schlagwörter: Bittner, Gedichte, Lyrik, Lyrikedition 2000, Poesie Seiten: 148 Ausstattung: Paperback

Vom 24. bis 28.10.2022 in Berlin: Lange Gedenkfeier (Walk of Death) für afrikanische Kolonialssoldaten, die dazu beitrugen, Europa vom Faschismus zu befreien

Unsere 3. jährliche Gedenkveranstaltung wird an fünf Tagen an den folgenden fünf Orten stattfinden: Südafrikanische, britische, französische und italienische Botschaften sowie dem Deutschen Bundestag.

Ich bin die Träne meiner Vorväter, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, aber ihre großen Taten wurden aus den Geschichtsbüchern der Welt ausradiert. Ich habe ihre verwurzelte Wahrheit geerbt, die eine lange Heilung braucht.“

– Matilda TheeGreat

Pressemitteilung

BERLIN, STADTMITTE, DEUTSCHLAND, September 14, 2022 /EINPresswire.com/ —

In diesem Jahr wird die Gedenkveranstaltung (Walk of Death) an fünf Tagen an fünf (5) verschiedenen Orten stattfinden: Südafrikanische Botschaft, Großbritannien Botschaft, Botschaft Frankreich, Botschaft Italien und der Deutsche Bundestag Platz der Republik 1.

Es ist eine verborgene Geschichte, die lange und dauerhafte Gedenkstätten verdient. Der Todesmarsch gehört zu den Schrecken der Weltkriege und Verbrechen des Kolonialismus, die weiße Historiker in den letzten 79 Jahren nie in die Geschichtsbücher der Welt geschrieben haben. Es geschah am 28. Oktober 1943, als afrakanische Kolonialsoldaten am 21. Juni 1942 in Tobruk in Libyen von den deutschen Truppen als Kriegsgefangene gefangen genommen wurden. Benjamin Satiba Makgate/BMT4379/N4379 wurde am 01.01.1906 in Boomplaas, Lydenburg, geboren, das in der Provinz Mpumalanga in Süd-Afraka liegt. Er gehörte zur 2. Division der südafrikanischen schwarzen/frakanischen Soldaten, die für die alliierten Streitkräfte eingezogen wurden. In seinem Tagebuch hielt er akribisch fest, welche Torturen der Krieg mit sich brachte und wie die afrakanischen Kolonialsoldaten den Holocaust als Kriegsgefangene in den Fronstalags/Konzentrationslagern Nr. 133, 153, 171 und 221 in Europa (Deutschland, Frankreich und Italien) überlebten, wo er nach seiner Gefangennahme bis zum Ende des Krieges blieb.

Matilda TheeGreat, die Autorin von „Foreign me“, ist die Enkelin von Benjamin Satiba Makgate, die nach Europa kam, um die in seinem Tagebuch niedergeschriebene Wahrheit wiederzuentdecken. Sie dringt in die Tage ihres Großvaters ein. Stattdessen stellte sie fest, dass die Existenz der Division ihres Großvaters in der Geschichte absichtlich ausgelöscht wurde. Daher hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, das Gedenken an ihren Großvater und seiner Kameraden einzufordern, das sie verdienen.

Im Jahr 2020 organisierte Matilda einen Spaziergang zu ihrem Gedenken vom Alexanderplatz zum britischen Soldatenfriedhof in Berlin.

Poesie, Rap, Musik und afrakanische Rituale vermittelten die Botschaft, dass dieses Leid nicht in Vergessenheit geraten ist.

Im Jahr 2021 wurde ein stiller Protest mit Stühlen abgehalten, die sowohl die weißen als auch die afrakanischen Soldaten repräsentierten (mit unterschiedlichen Farben, die die vergessenen, ausgelöschten Afrakaner darstellten, von denen die meisten keine Gräber hatten und deren Rot an das Blut der unschuldigen Männer erinnerte: Schwarz, Weiß und Rot), die vor dem Regierungsgebäude aufgestellt wurden, um auf ihren gemeinsamen Kampf, aber ihr ungleiches Gedenken hinzuweisen.

Dieses Jahr ist unsere dritte jährliche Gedenkveranstaltung, bei der wir sie geistig vereinen, indem wir ihre Seelen zur Ruhestätte in Afraka bringen. Dies wird auf friedliche Weise geschehen und ihre Forderung nach einem heiligen Denkmal in Europa zum Ausdruck bringen.

Die Afraker haben Europa vom Faschismus befreit und die Welt sollte ihre großen Taten anerkennen #seetsa.

Weitere Informationen, einschließlich Fotos vom letzten Jahr, finden Sie unter http://www.walk-of-death.com oder kontaktieren Sie die Organisatoren: Matilda TheeGreat unter mywings_matilda@aol.de

Matilda TheeGreat

Spaziergang des Todes #20

Einen Bericht über einen früheren Marsch finden Sie hier. Er enthält auch einen

Hinweis auf das Buch „Foreign me!“ von Matilda TheeGreat. Leider nur in englischer Sprache (hier) erhältlich. Es wäre schön, würde es auch bald einmal auf Deutsch erscheinen.

Originalpressetext: https://www.einnews.com/pr_news/590542595/a-lengthy-memorial-walk-of-death-ll-take-place-over-five-days-at-different-locations-esp-embassies-in-berlin

Auf Deutsch übersetzt mit Deepl

Wer spenden mag, bitteschön:
https://gofund.me/ed489cfa

Essen: Alternative Friedenstagung im Vorfeld der Konferenz zur Weltkriegsvorbereitung

Über die militärische Rivalität der drei Großmächte[1] beraten ab 11. Oktober über 300 Führungskräfte der NATO mit politischen Spitzenkräften und Vertretern der Rüstungsindustrie sowie Militärstrategen in der Messe in Essen. Bereits das martialische Ankündigungsvideo macht deutlich, welcher Geist hier einlädt: Es geht um das, was in Anlehnung an ein Zitat des ehemaligen Militärministers Theodor zu Guttenberg ‚umgangssprachlich Krieg‘[2] heißt. Bei den staatlichen Großmächten USA mit ihren NATO-Vasallen versus China und Russland geht es um die Vorbereitung einer Eskalation zwischen den Weltmächten, die über 90 Prozent der nuklearen Arsenale bereit halten – damit geht es um die Gefahr eines Weltuntergangs.

Weiterlesen des Artikels von Bernhard Trautvetter auf den NachDenkSeiten.

Alternative Friedenstagung im Vorfeld der Konferenz zur Weltkriegsvorbereitung

Der wachsenden Weltkriegsgefahr stellt sich die Friedensbewegung mit einigen Aktionen entgegen, so mit einer Friedenstagung zur Aufklärung über die in der Messe Essen anstehende NATO-Konferenz[7]. Im Aufruf zur Friedenstagung am 10.9.2022 in Essen heißt es:

Die militärischen und ökologischen Zukunftsgefährdungen können nur mit einer friedens-ökologischen Politik abgewendet werden, die Kriege beendet und verhindert und die Konflikte möglichst mit gewaltfreien – diplomatischen – Mitteln löst. Eine Politik militärischer Rivalität und Überlegenheit ist gegen die Überlebensinteressen der Menschheit gerichtet. Stattdessen bedarf es einer umfassenden Kooperation aller Staaten und einer globalen Rüstungskontrolle und Abrüstung in einer Friedensordnung gemeinsamer Sicherheit.“[8]

Die Friedensbewegung engagiert sich seit Jahren gegen die atomare Bedrohung.
In den 1950er Jahren ging es erfolgreich gegen den CDU/CSU-Plan der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr, in den 1980er Jahren ging es erfolgreich gegen US-Atomraketen in Deutschland, die die Nuklearschwelle absenkten und den Atomkrieg wahrscheinlicher machten.
Die Aufgabe, über die Gefahr aufzuklären und den Widerstand gegen die atomare Bedrohung zu organisieren, besteht fort.
Heute kommen in Verbindung damit neue Bedrohungen hinzu, wie die Fernsteuerung des Krieges mit Drohnen, die Automatisierung und schließlich Autonomisierung mit Destruktionsprogrammen und dem Cyber-Krieg mit Schadprogrammen im Netz, die ganze Zentren und Regionen ausschalten können.

Wir sind ein breites Bündnis von religiös motivierten Friedensfreun*innen bis hin zu Sozialist*innen und Kommunist*innen. Wir haben die Orientierung als gemeinsamen Nenner, dass der einzige Weg, der zum Frieden führen kann, der des Friedens selbst ist. Denn Kriege enden nicht im Frieden. Unser Nein zum Krieg entspringt einem Ja zum Leben, zur Zukunft des Lebensraumes Erde und seiner ökologischen, sozialen und kulturellen Vitalität.

 

10.9.22 um 11.00 – 18.30Uhr (Einlass ab 10.30)
Friedenstagung im Vielrespektzentrum Rottstr. 24-26, Essen – Frieden fördern, statt Krieg und Zerstörung planen

Bernhard Trautvetter (Essener Friedensforum, VVN-BdA):
Einführung: Die Jahrestagung 2022 des JAPCC zur Großmächte-Rivalität

Dr. Uwe Behrens, zur globalen Großmächte-Rivalität

Dr. med. Angelika Claußen (Vorsitzende IPPNW, der ‘Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs)
Friedensengagement als Notwendigkeit angesichts der nuklearen Gefahr

Christoph v. Lieven (Greenpeace)
Friedensökologie für die Zukunft

Podium zur Verantwortung der Kräfte für das Überleben angesichts der Zukunftsgefährdungen

Um Anmeldung an kontakt@essener-friedensforum.de wird aus organisatorischen Gründen gebeten.

Einladung

Quelle: Essener Friedensforum

Beitragsbild: „Hiroshima mahnt“ via Pixelio.de