Die Veranstaltungsreihe „Talk
im DKH“ im Dietrich-Keuning-Haus in Dortmund nimmt
Themenbereiche aus Politik und Gesellschaft in den Fokus, denn
nationale und internationale Ereignisse schaffen ständig neue
Strukturen und werfen Fragen auf. Hier werden komplexe Zusammenhänge
durchleuchtet und eine Plattform zum Austausch und zur Begegnung mit
ExpertInnen und Prominenten angeboten.
„TALK IM DKH“ findet etwa sechsmal im Jahr freitags von
19 bis 22 Uhr statt. Um 14 Uhr findet jeweils am selben Tag ein
SchülerTALK im Helmholz-Gymnasium statt.
Zum „Talk im DKH“-Team gehören: Levent Arslan (Direktor
DKH), Kati Stüdemann (SchülerTALK), Aladin El-Mafaalani (Moderator)
und seit Frühjahr 2019 auch Özge Cakirbey (Moderatorin).
Künstlerische Darbietungen begleiten jede Veranstaltung, regelmäßig
mit dabei sind Ilhan Atasoy, Esther Festus und Zijah Jusufovic.
Özge Cakirbey (links) und Aladin El-Mafaalani (rechts).
Nach einem kurzen Impulsvortrag folgt ein Dialog zwischen Referentin bzw. Referent und Moderator. Anschließend bleibt ausreichend Zeit für Diskussionen mit dem Publikum. Zu jeder Veranstaltung wird eine Künstlerin oder ein Künstler engagiert, sodass stets auch für Unterhaltung gesorgt ist.
„TALK IM DKH“ findet sechsmal im Jahr freitags von 19
bis 21 Uhr statt. Die Termine werden gesondert bekannt gegeben.
Veranstaltungsort:
Dietrich-Keuning-Haus, Leopoldstraße 50-58, 44147 Dortmund (100m vom
Hbf)
Hier
(auf Nordstadtblogger) und hier
(auf diesem Blog hier) einige Berichte von vorangegangenen
Veranstaltungen innerhalb der Reihe Talk im DKH.
Nächster Talk im DKH am 29.
November 2019 mit dem Journalisten Deniz Yücel
29.11.2019 // Deniz Yücel mit
seinem neuen Buch „Agentterrorist“
Zum Buch
Die Inhaftierung des
Türkei-Korrespondenten der Welt führte in Deutschland zu einer
riesigen Solidaritätsbewegung und sorgte für die größte Belastung
der deutsch-türkischen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg.
Zugleich entfacht der Fall in Deutschland eine Debatte über das
Verhältnis der Deutschtürken zu beiden Ländern. In seinem Buch
erzählt Deniz Yücel, wie er dieses Jahr in Einzelhaft verbrachte,
welchen Schikanen er ausgesetzt war und wie es ihm gelang, immer
wieder die Überwachung zu überlisten. Er schildert, was ihm die
Unterstützung seiner Frau Dilek Mayatürk und die »Free
Deniz«-Kampagne bedeutete und warum der Kühlschrank das sicherste
Versteck in der Gefängniszelle ist. Es ist eine Geschichte von
Willkür und Erpressung, aber auch eine Geschichte von Solidarität,
Liebe und Widerstand. Zugleich zeichnet Deniz Yücel die Entwicklung
nach, die die Türkei in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, vom
hoffnungsvollen Aufbruch der Gezi-Revolte über den Kurdenkonflikt,
die Flüchtlingskrise und den Putschversuch bis zum vorläufigen
Ende: Erdogans Festigung der Macht mit den Wahlen vom Frühjahr
2018.
Die Talk im DKH-Termine bis Mitte
2020
29.11.2019 // Deniz
Yücel mit seinem neuen Buch „Agentterrorist“
20.12.2019
// Ahmet Toprak & Reyhan
Sahin (aka Lady Bitch Ray) mit den beiden aktuellen Büchern
„Yalla Feminismus“ vs. „Muslimisch, männlich,
desintegriert“
17.01.2020 // Alice
Hasters mit ihrem neuen Buch „Was weiße Menschen nicht
über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“
21.02.2020
// Julia Wissert & Aladin
El-Mafaalani: Buchvorstellung „Mythos
Bildung“
03.04.2020 // Michel
Friedman: Was tun gegen Hass und Gewalt? Zum Jahrestag des
NSU-Anschlags in Dortmund am 4.4.2006
19.06.2020 //
Kübra Gümüsay mit ihrem neuen Buch
„Sprache und Sein“
Die vom faschistischen Hitler-Regime
verübten Novemberpogrome jährten sich in diesem Jahr zum 81. Mal.
Daran, dass damals auch die jüdische Sportbewegung zerschlagen wurde, erinnerte eine Gedenkveranstaltung am Sonntagvormittag im Deutschen Fußballmuseum. Einen ganz besonderen Höhepunkt stellte die Übergabe des Meistertrikot von Max Girgulski aus dem Jahr 1936/37 an das Museum dar.
Am Sonntagnachmittag fand die
obligatorische Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht im Opernhaus am
Platz der Alten Synagoge statt.
Jüdische Fußballer waren in der
Pionierzeit des Fußballs bestimmend. Die Nazis verbannten diese
Tatsache aus dem Bewusstsein der Menschen
Jüdische Vereinsheime wurden in Brand
gesetzt, Sportplätze beschlagnahmt. Die jüdischen Vereine erhielten
ein Betätigungsverbot.
Der Direktor des Deutschen
Fußballmuseums Manuel Neukirchner strich heraus, dass dem Museum der
ganze jüdische Fußall sehr wichtig sei, weshalb man auch sehr froh
über das übereignete Trikot von Max Girgulski sei. Jüdische
Fußballspieler und Funktionäre jüdischer Herkunft seien nämlich
gerade in der Pionierzeit des Fußballs sehr bestimmend gewesen.
Neukirchner nannte stellvertretend Kurt Landauer und Walter
Bensemann, die den DFB, den FC Bayern mitbegründet haben. Sowie
herausragende Nationalspieler wie Gottfried Fuchs (erzielte die
meisten Tore – zehn – in einem Spiel) und Julius Hirsch.
Geschichte, beklagte Neukirchner, die leider vergessen ist. Weil die
Nazis es ganz gezielt betrieben hätten diese Geschichte aus dem
Bewusstsein der Menschen zu verbannen. Die so entstanden Lücken, sei
das Fußballmuseum bemüht, zu schließen.
Der Direktor des Deutschen
Fußballmuseums: Fußball spiegelt auch unsere Geschichte wider
„Das Trikot ist ein wunderbares
Geschenk für das Deutsche Fußballmuseum“, sagte dessen Direktor
Manuel Neukirchner. Der Fußball spiegele auch unsere Geschichte
wider. Viele LehrerInnen, die mit ihren Klassen das Museum besuchten,
lobten: „Was ihr mit eurer Ausstellung schafft, erreichen wir nicht
mit unseren Geschichtsbüchern.“ Darin erzählte Biografien von
Fußballern, welche in Konzentrationslagern zu Tode kamen, machten
den SchülerInnen bewusst, was damals geschah.
Dasselbe gelte für den Frauenfußball,
schwenkte Neukirchner in die jüngere Geschichte, „der bis 1970 vom
DFB verboten“ gewesen war.
Auch deutsch-deutsche Geschichte
interessiere die SchülerInnen sehr. Etwa das Spiel 1974 BRD gegen
die DDR „mit dem berühmten Sparwasser-Tor“ und die TV-Kommentare
des BRD- und des DDR-Kommentators.
Der Fußball transportiere eben auch
gesellschaftliche Themen. Unter anderem stehe das im entsprechenden
Kulturauftrag.
Dazu trage nun das Meistertrikot von
Max Girulski bestens bei.
Die Tochter von Max Girgulski,
Susana Baron, war eigens aus Chile angereist
Dafür dankte der Museumsdirektor der
Tochter des Fußballers, Susana Baron. Sie war eigens mit
Familienmitgliedern aus Chile nach Dortmund angereist.
Die Trikot wird als Exponat in die
Abteilung „Vorgeschichte der Bundesliga“ aufgenommen, wo es einen
Ehrenplatz bekommen soll. Neukirchner: „Es ist das einzig erhaltene
Trikot in Deutschland für die jüdische Sportbewegung.“ Max
Girgulski hatte es als er nach Buenos Aires emigriert ist
mitgenommen, weil ihm dieser Fußball so wichtig war. Girgulski galt
als ein hervorragender und hochbegabter Fußballer , der für
Eintracht Frankfurt gespielt hat.
Andreas Eberhardt: Das Deutsche
Fußballmuseum steht für wichtige Erinnerungskultur
Andreas Eberhardt
(Vorstandsvorsitzender der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und
Zukunft), sprach betreffs der Arbeit des Museums davon, dass hier
lebendige Erinnerungskultur geleistet werde. Wir benötigte in
Zeiten, die sich nicht unbedingt zum Besseren gewandelt haben,
unterstrich Eberhardt, dringend gesellschaftliche Vorbilder vor allem
für die Jugend.
„Es gibt schon seit längerem Alarmzeichen, wie präsent
Judenhass in diesem Land ist“, sagte Mark Dainow
Mit Mark Dainow, dem Vizepräsidenten
des Zentralrates der Juden in Deutschland, war einer der höchsten
Repräsentanten jüdischen Lebens hierzulande zu Gast im Deutschen
Fußballmuseum. Dainow rief die schlimmen Ereignisse des 9. November
1938 in Erinnerung. Für die Nazis sei das der Auftakt zur Shoa
gewesen. Danach habe es für die Nazis kein Halten mehr gegeben,
hätten sie doch bemerkt, wie gering „der Widerstand gegen ihren
teuflischen Plan“ in der Bevölkerung war.
Mark Dainow.
Müsse das damalige Geschehen nicht allgemein bekannt sein heute,
fragte Dainow und gab die Antwort sogleich die Antwort darauf:
„Anscheinend leider nicht.“ Dies sei ihm schon lange vor den
furchtbaren rechtsterroristischen Morden in Halle klar gewesen. Mark
Dainow gab in seinem Grußwort zu bedenken: „Es gibt schon seit
längerem Alarmzeichen, wie präsent Judenhass in diesem Land ist.
Offenbar sind Teile der Gesellschaft vergessend und unwissend. Viele
wüssten offenbar auch nicht, dass von den Nationalsozialisten
verfolgte und ermordete jüdische Spieler wie Julius Hirsch Stars des
deutschen Fußballs waren.“ Und er forderte: „Wir dürfen uns im
Kampf gegen dieses Vergessen und Unwissen nicht beirren lassen.“
Dainow zitierte Helmut Kohl: „Wer die Vergangenheit nicht kennt,
kann Gegenwart nicht verstehen und Zukunft nicht gestalten.“
Antisemitische und rechtsradikale
Täter nicht länger als „Einzeltäter“ verharmlosen
In ihrem Impulsvortrag „Fußball und
Antisemitismus“ sprach Prof. Stefanie Schüler-Springorum (Leiterin
des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin), selbst
leidenschaftlich fußballbegeistert, über die Entwicklung des
Antisemitismus im Deutschen Fußball. Sie bestätigte darin das
Vergessen jüdischer Fußballspieler nach dem Zweiten Weltkrieg und
erinnerte daran, dass Vertreter des jüdischen Fußballs nach 1945
nicht wirklich willkommen waren hierzulande. Vertreter des DFB und
der Vereine seien schließlich aktiver Teil des NS-Regimes gewesen.
In Sachen Vergangenheitsbewältigung sei lange nichts unternommen
worden. Im Gegenteil: Als die deutsche Mannschaft 1954 Weltmeister
geworden sei, hätte man das Gefühl vermittelt: „Wir sind wieder
wer!“
Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum.
Wenn früher und auch jetzt wieder
Taten aus der rechten und neonazistische Ecke begangen wurden und
werden und darüber dann immer wieder die Rede von „Einzeltätern“
gehe, dann so Schüler-Springorum, könne und wolle sie das weder
länger hören. Aber erst recht nicht mehr hinnehmen. Auch nicht die
antisemitischen und rechtsradikalen Ausfälle in deutschen Stadien
und auf allen Ebenen des Fußballs. Beispielsweise gegen RB Leipzig.
Alon Meyer bezüglich
Antisemitismus: „Wie müssen ins Agieren kommen!“
Während einer Diskussionsrunde mit
Experten aus Sport und Gesellschaft über Antisemitismus im heutigen
Sport redete u.a Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland,
über den traurigen Ereignissen Fußballalltag, wo antijüdische
Schmierereien nur ein Teil davon darstellten, Tacheles. Er rief in
Form einer „dringlichen Bitte“ dazu, dass auch das Museum sich an
das Publikum richten möge, dass nicht den Weg in Museen finde. Zu
diesem Behufe müssten Schulen verstärkt angesprochen werden, um
deren SchülerInnen möglicherweise auch verpflichtend ins
Fußballmuseum zu bringen, um sie u.a. betreffs des Themas
Antisemitismus zu sensibilisieren. Nicht nur Prävention und
Ansprache sei wichtig: „Wie müssen auch ins Agieren kommen!“
Gegen rassistische und antisemitische Taten in den Fußballstadien
und auch davor müsse entschieden und resolut vorgegangen werden.
Auch mit Verbandsausschlüssen und Stadionverboten müsse unter
Umständen gearbeitet werden. Darüber war sich die Runde einig.
Erhebender und feierlicher
Augenblick: die Enthüllung des Makkabi-Meistertrikots von Max
Girgulski
Ein erhebender und feierlicher
Augenblick an diesem Sonntagvormittag war dann die Enthüllung des
Makkabi-Meistertrikots von Max Girgulski durch dessen Tochter.
Max Gilgurskys Sohn
Rony hielt das Trikot nach dem Tod des Vater in Ehren. Dessen
Schwester Susana Baron, die seit ihrer Heirat in Chile lebt,
verwahrte das Meistertrikot des Vaters nach ihm.
Bis sie vom Interesse des
Dortmunder Fußballmuseums am Trikot erfuhr und sich entschloss ihm
Trikot des Vaters dauerhaft zu überlassen.
Susana Baron erzählte vom Lebensweg ihres Vaters: „Er
wäre sicher stolz, dass sein Trikot nun im Deutschen Fußballmuseum
ausgestellt wird. Es ist der richtige Ort. Ich hoffe, das Trikot
meines Vaters dient insbesondere den jungen Ausstellungsgästen als
Erinnerung, dass sich die Geschichte von Ausgrenzung, Verfolgung und
Ermordung nie wiederholen darf.“
Susana Baron.
Girgulski war in den 1920er Jahren ein talentierter Nachwuchsspieler von Eintracht Frankfurt, der unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten den Verein verlassen musste und in den folgenden Jahren mit dem jüdischen Verein Bar Kochba erfolgreich an den Deutschen Makkabi-Meisterschaften teilnahm. Infolge der immer massiveren Ausgrenzung und Verfolgung wanderte Girgulski 1938 nach Argentinien aus. Nach Deutschland kehrte er nie wieder zurück.
Beitragsbild: Susana Baron und Manuel Neukirchner. Und alle anderen Fotos (Quelle: Deutsches Fußballmuseum)
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SONNTAGNACHMITTAG: GEDENKVERANSTALTUNG AM PLATZ DER ALTEN SYNAGOGE
Am Sonntagnachmittag fand die
traditionelle Gedenkveranstaltung im Opernhaus des Theaters Dortmund
am Platz der Alten Synagoge statt. Sie war sehr stark besucht.
Darbietung Jugendlicher zum Gedenken an die Pogromnacht auf dem Platz der Alten Syngoge vorm Opernhaus Dortmund. Foto: O. Schaper
Bürgermeisterin Birgit Jörder
erinnerte an die schrecklichen Ereignisse von 81. Jahren. Die
Erinnerung zeige, so Jörder im Opernfoyer, wie schnell Vorurteile
in offene Gewalt umschlagen können, „begleitet vom Schweigen einer
großen Mehrheit“. Weshalb man mit Sorge auf einen wieder
wachsenden Antisemitismus schaue.
Bürgermeisterin Birgit Jörder:
Das, was wir als sicher geglaubt haben, ist nicht sicher
Jörder: „Dass
in diesem Jahr eine jüdische Einrichtung in Deutschland massiv
angegriffen worden ist, beweist, dass der deutsche Lernprozess über
den Antisemitismus nicht vorbei ist – und mit dem Anschlag von Halle
wieder von vorne anfängt.“ Und weiter mahnte sie: Deshalb
gedenken wir heute mit dem Versprechen, uns allen Angriffen auf
unsere Gesellschaft entschlossen entgegenzustellen. Wir gedenken
mit dem Auftrag aktiv zu werden in einer Zeit, in der einige
Politiker sich im bürgerlichen Gewand staats- und rechtstreu geben,
aber gezielt gegen die Gebote der Menschlichkeit verstoßen. Und
wir gedenken mit der Botschaft, dass die demokratische Mehrheit
wachsam bleiben muss und es keinerlei Toleranz geben darf, wenn
Menschen aufgrund ihres Glaubens angegriffen werden.“
Dieser
Gedenktag sage eben auch: „das,
was wir als sicher geglaubt haben, ist nicht sicher.“
Zwi
Rappoport dankt der Dortmunder Stadtgesellschaft für den Kampf gegen
Rechts, kann jedoch nicht verstehen, dass regelmäßig Naziaufmärsche
erlaubt werden
Zwi
Rappoport, Vorsitzender Landesverband der jüdischen Gemeinde von
Westfalen Lippe und Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde
Groß-Dortmund, sprach vom von den Nazis erzwungenem Abriss der
Dortmunder Synagoge – noch vor dem 9. November. Auch er
thematisierte die zunehmenden antisemitischen Ausfälle in der
Gesellschaft.
Er
kritisierte, dass hierzulande eine wirkliche Entnazifizierung nicht
stattgefunden habe. Bis in höchste Ämter hätten es frühere Nazis
nach 1945 in der BRD wieder geschafft.
Maskierten
Judenhass in der Gesellschaft, skandalisierte Rappoport, nehme „die
Kleinstpartei Die Rechte“ dankbar auf. Dass die demokratische
Stadtgesellschaft dagegen massiv angehe, registriere die jüdischen
Gemeinschaft positiv.
Mit
Unverständnis reagiere man dagegen darauf, dass Gerichte regelmäßig
Naziaufmärsche mit dem Verweis auf die Meinungsfreiheit erlaube.
Sogar den Neonaziaufmarsch ausgerechnet am 9. November in Bielefeld.
Oberstaatsanwalt
Andreas Brendel berichtet bewegt von seiner Bearbeitung von
NS-Verbrechen
Kritik
an der Justiz konnte Oberstaatsanwalt Andreas Brendel (Leiter der
„Zentralstelle NRW für die Bearbeitung von
nationalsozialistischen Massenverbrechen“) als Vertreter der
Staatsanwaltschaft Dortmund nicht auf seine Arbeit beziehen. Brendel
gestand jedoch zu, dass die Justiz nach 1945 vieles vernachlässigt
und manches falsch gemacht habe.
Bewegt
von seinen Eindrücken bezüglich seiner Ermittlungen und
Einvernahmen von überlebenden Zeugen von NS-Verbrechen, etwa
Massakern, im Ausland schilderte er Begegnungen mit ihnen
beispielsweise in Frankreich.
Jüdisches
Gebet und Kranzniederlegung auf dem Platz der Alten Synagoge
Im
Anschluss an die Redebeiträge hielt Kantor Arie Mozes ein jüdisches
Gebet.
Die
musikalischen Beiträge der Gedenkveranstaltung im Opernfoyer führte
das „duo soleil levant“ (Sandra Wilhelms und Gereon Kleinhubbert)
aus.
Bürgermeisterin Birgit Jörder und Rabbiner Baruch Babaev bei der Kranzniederleung. Foto: O. Schaper.
Auf
dem Platz der Alten Synagoge am Gedenkort für die das einstige
jüdische Gotteshaus wurden zum Abschluss der Gedenkfeier Kränze
niedergelegt.
In
diesem Jahr jähren sich die nationalsozialistischen Novemberpogrome
zum 81. Mal. Die diesjährige Gedenkveranstaltung am jüdischen
Denkmal in Dorstfeld wurde abermals von einigen hundert
DortmunderInnen, darunter erfreulicherweise viele junge Leute,
besucht. In seiner bewegenden Ansprache erinnerte Rabbiner Baruch
Babaev auch an die Opfer des rechtsterroristischen Anschlags von
Halle/Saale und postulierte, „niemals Angst zu zeigen und uns für
das Gute einzusetzen“. Den Ewiggestrigen empfahl er: „Und wenn
jemand vorm Aussterben bedroht ist, dann soll er gehen.“
Erinnerung vor Ort an
die Pogrome von 1938, welche den gewalttätigen Übergang zur
systematischen Verfolgung jüdischer Menschen in Deutschland
markierten
Am 9. November 1938 kam es im ganzen Land zu organisierten antisemitischen Angriffen: Synagogen wurden in Brand gesetzt, jüdische Einrichtungen, Wohnungen und Geschäfte wurden zerstört und geplündert. Auch in Dortmund brannten Synagogen.
Alljährlich
findet auch in Dorstfeld am einstigen Standort der dortigen Synagoge
– an das ein jüdisches Mahnmal erinnert – eine
Gedenkveranstaltung statt.
Legten Kranz am jüdischen Mahnmal nieder: Birgit Jörder, Baruch Babaev und Franz Stoltze (v.l). Fotos. C. Stille
In
diesem Jahr bereits am 8. November, da diesmal der Schabbat – der
jüdische Ruhetag – auf den 9. November fällt, um den Mitgliedern
der jüdischen Gemeinde die Teilnahme zu ermöglichen.
Wieder
hatten sich einige hundert Menschen am Gedenkort versammelt, um an
schreckliche Geschehen vor nunmehr 81 Jahren zu erinnern. Darunter
viele junge DortmunderInnen. Sie interessieren sich für das
fürchterliche Schicksal, das den jüdischen DortmunderInnen damals
widerfuhr. Sie wollen die Erinnerung daran wachhalten. Die jungen
Leute haben verinnerlicht, was die Auschwitz-Überlebende Esther
Bejarano einmal so formulierte:
„Ihr
tragt keine Schuld für das was passiert ist, aber ihr macht euch
schuldig, wenn es euch nicht interessiert.“ Und diesem Sinne
handeln sie. Nicht nur am 9. November.
Die
Pogrome markierten einen gewalttätigen Übergang zu der
systematischen Verfolgung von jüdischen Menschen in Deutschland, die
in der Shoah mündete.
Bürgermeisterin Birgit
Jörder: Dorstfeld keineswegs aufgeben und „den falschen Menschen
überlassen“
Ein
Grußwort am Gedenkort nach der Begrüßung der Anwesenden durch Ralf
Stoltze, Bezirksbürgermeister Innenstadt-West, hielt Bürgermeisterin
Birgit Jörder. Sie unterstrich die Bedeutung dieses Gedenkens gerade
auch in Dorstfeld. Man werde diesen Stadtteil keineswegs aufgeben und
„den falschen Menschen“ überlassen. Noch immer erschüttere
sie, dass „dieser nationalsozialistische Massenmord, dieser
unbeschreibliche Rassenwahn, diese menschenverachtenden Aktionen aus
der Mitte der Gesellschaft nicht nur nicht verhindert, sondern durch
große Teile der Bevölkerung erst ermöglicht wurden“. Das dürfe
nicht in Vergessenheit geraten. Es sei erschreckend, so Jörder
weiter, dass gegenwärtig in Deutschland ein Erstarken des
Antisemitismus festzustellen sei. Die Bürgermeisterin bedankte sich
ausdrücklich bei der jüdischen Gemeinde, dass deren Mitglieder
trotzdem weiter zu Dortmund und Deutschland stehen. Sie seien „ein
geschätzter Teil unserer Stadtgesellschaft“. Was nicht
selbstverständlich sei. Denn gewiss befiele sie in ihrem täglichen
Leben auch hier und da Angst. Jörder fragte besorgt: „Wie viel
Warnzeichen muss es denn noch geben, damit endlich so wach sind, wie
wir wach sein müssen?“
Rabbiner Baruch Babaev:
„Wer sich für das Gute einsetzt, muss sich dafür nicht schämen
und keine Angst haben. Wenn sich jemand ein friedliches Miteinander
wünscht, bekommt die ganze Unterstützung von uns allen“
Baruch
Babaev, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Dortmund dankte den
„Bürgern, die Frieden schätzen, Bürger die friedlich miteinander
leben möchten“, dass man sich ein weiteres Mal versammelt habe –
Jung und Alt. Alle Generationen seien vertreten. Um dem zu gedenken,
„was für mein Volk kein Vogelschiss ist“. Der Rabbiner erinnerte
daran, dass in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 1400 jüdische
Gotteshäuser zerstört und verbrannt wurden. Eben auch in Dorstfeld.
Heute zähle man in Deutschland knapp einhundert Synagogen. Das
Judentum habe sich seitdem nicht erholt und werde sich auch nicht
erholen. Babaev: „Wir vermissen unsere Brüder und Schwestern. Wir
vermissen auch die, die sich auch ein friedliches Miteinander
gewünscht haben. Die bis zu letzten Augenblick die Menschlichkeit in
uns vertraut und gehofft haben.“
Vor
einem Monat sei das plötzlich aktueller denn je gewesen. In
bewegenden Worten erinnerte der Rabbiner daran, dass man am 9.
Oktober, dem höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, mit
Erschrecken habe sehen müssen, wie vor den Türen der Synagoge
Polizeibeamte in kugelsicheren Westen und mit Maschinengewehren
aufgezogen waren. Es musste etwas Schlimmes passiert sein. Dann habe
man von dem rechtsterroristischen Anschlag von Halle gehört. Baruch
Babaev: „Wir erinnern und beklagen heute an zwei junge Menschen aus
Halle/Saale, die auch Pläne schmiedeten und Zukunft hatten. Leider
wurde dies Zukunft diesen zwei Menschen genommen.“ Dennoch seien
die Synagogen in Deutschland an diesem Tag so voll wie nie gewesen.
„Wir haben keine Angst“, versicherte der Rabbiner. „Wer sich
für das Gute einsetzt, muss sich dafür nicht schämen und keine
Angst haben. Wenn sich jemand ein friedliches Miteinander wünscht,
bekommt die ganze Unterstützung von uns allen.“
Hunderte waren zum Gedenken gekommen.
Hier
in Dortmund habe die Stadtgesellschaft „manchen Leuten“, die
jeden Montag in der Nordstadt eine Demo hätten abhalten wollen,
gezeigt: „Wir sind mehr!“ Babev gab sich sicher, dass bestimmten
Vorurteile vom Aussterben bedroht sind. Und er erinnerte an das
ehemalige Gotteshaus in Dortmund-Dorstfeld, wo einst „für Frieden
und für Deutschland“ gebetet worden sei.
„Gedenken
wir allen Opfern“, schloss Rabbiner Babaev seine Ansprache, „aber
nehmen wir uns ganz fest vor, niemals Angst zu zeigen und uns für
das Gute einzusetzen. Und wenn jemand vorm Aussterben bedroht ist,
dann soll er gehen. Denn auf dieser ganzen schönen Welt, haben diese
keinen Platz.“
Beeindruckende Texte
von SchülerInnen und musikalische Beiträge trugen zum Gelingen der
Gedenkveranstaltung bei
SchülerInnen
der Martin-Luther-King-Gesamtschule sowie des Leibniz Gymnasiums
trugen mit beeindruckenden eigenen Texten zu den Themen Gedenken und
Antisemitismus zum Gelingen der Gedenkveranstaltung bei. Musikalisch
begleitet wurde das Gedenken von Wolfgang Brust (Gitarre) und Sevgi
Kahraman-Brust (Gesang). Sevgi Kahraman-Brust erinnerte zusätzlich
an das Leiden der Menschen in der Osttürkei unter dem
Erdogan-Regime.
Dorstfeld ist
inzwischen ein Symbol für den Widerstand gegen die Ewiggestrigen
Bezirksbürgermeister
Ralf Stoltze erinnerte an die Einweihung des Denkmals am 9. November
1986, vor welchen sich die Menschen versammelt hatten. Und
bezeichnete das gegenwärtige Gedenken wichtiger als je zuvor.
Dorstfeld sei inzwischen als Symbol für den Widerstand gegen die
Ewiggestrigen in unserer Gesellschaft. „In einer von der
Zivilgesellschaft organisierten Form zeigen wir, wie Demokratie im
Alltag funktionieren kann und was sie bedeutet“, sagte Stoltze.
Kantor Arie Mozes sprach das jüdische Gedenkgebet.
Die Versammelten, darunter u.a.. auch
der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange, legten eine
Schweigeminute ein.
Rahmenprogramm auf dem Wilhelmplatz
Dem Gedenken vorangegangen war ein
Rahmenprogramm auf dem Wilhelmplatz, bei dem Dortmunder Schulen und
Organisationen ihre Arbeit zu den Themen Nationalsozialismus,
Gedenken und Antisemitismus vorstellten und zum Austausch einluden.
Es präsentierten sich unter anderem die
Martin-Luther-King-Gesamtschule, die Anne-Frank-Gesamtschule und die
Emscherschule Aplerbeck. Ebenso war der Jugendring Dortmund, das
Respekt-Büro des Jugendamts Dortmund und die Mahn- und Gedenkstätte
Steinwache vertreten. BesucherInnen konnten sich hier über die
jeweilige Arbeit informieren und ins Gespräch mit den einzelnen
Ausstellern kommen.
Organisiert hatte die
Gedenkveranstaltung das Projekt Quartiersdemokraten. Veranstalter war
der Verein zur Förderung von Respekt, Toleranz und Verständigung in
Dortmund-Dorstfeld e.V.
Das Gedenken war von der Polizei,
darunter auch von BeamtInnen der Reiterstaffel, vorsorglich umfassend
abgesichert. Es verlief friedlich und in entschieden fester
Zuversicht, Antisemitismus und Rassismus auch künftig entschlossen
entgegentreten zu wollen.
Türkeibezogene Themen wirken in viele
gesellschaftliche Bereiche hinein und verursachen auch Konflikte. Zur
Versachlichung trug kürzlich eine Podiumsdiskussion mit
ausgewiesenen Experten im Kulturort Depot bei. Herauskristallisiert
haben sich dabei nicht wenige Defizite. Es
gelte, hieß es, eine Politik- und Diskussionskultur zu etablieren,
die Dialog- und Konsensfähigkeit begünstige. Die Gesellschaft
wandle sich immer. Es käme jedoch darauf an, zu lernen miteinander
zu leben, auch wenn man anderer Meinung sei.
Von links: Deniz Greschner, Aycan Demirel, Kemal Bozay und Osman Okkan. Fotos: C. Stille
Themenkomplexe, die in hiesige
Diskurse hineinwirken und auch für die Gesamtgesellschaft Relevanz
entwickeln
Die Türkei und türkeibezogene Themen
sind in öffentlichen Debatten in Deutschland anhaltend präsent und
begegnen uns in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Seien
es die Inhaftierung des deutschen Journalisten Deniz Yücel, der
kürzliche völkerrechtswidriger Einmarsch der türkischen Armee in
Nordsyrien, zuvor die Özil-Debatte oder die Wahlen in der Türkei.
Dies alles sind Themenkomplexe, die in hiesige Diskurse hineinwirken
und nicht nur für türkeistämmige Menschen, sondern für die
Gesamtgesellschaft Relevanz entwickeln.
Welchen Einfluss haben politische
und gesellschaftliche Entwicklung in der Türkei auf die hiesige
Gesellschaft?
Gemeinsam mit der Kreuzberger Initiative
gegen Antisemitismus e. V. widmete sich das Multikulturelle Forum
e.V. in einer Veranstaltung im sweetSixteen-Kino im Kulturort Depot
der Frage, welchen Einfluss die
politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Türkei auf
die hiesige Gesellschaft haben. Ein weiterer Schwerpunkt ist die
Auseinandersetzung mit Identitäten türkeistämmiger Jugendlicher
sowie Handlungsoptionen zu türkeibezogenen Konflikten in Schulen.
Ausgewiesene Experten diskutierten
auf dem Podium
Es diskutierten miteinander Prof. Dr.
Kemal Bozay, Professor für Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften
an der IUBH Internationale Hochschule in Düsseldorf, Osman Okkan,
Journalist, Filmemacher und Türkei-Kenner, Aycan Demirel, Direktor
der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) und Deniz
Greschner, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für
Islamische Theologie der Universität Osnabrück und Beraterin beim
Multikulturellen Forum e.V. miteinander.
Was macht denn dein Präsident da?
Multikulti-Pressesprecherin Zeynep Kartal fungierte als Moderatorin des Abends. Sie fragte die Gäste – allesamt sind in der Türkei geboren – danach, wann sie zuletzt auf die Türkei und damit zusammenhängende Themen angesprochen wurden. Etwa beim Bäcker. Und vielleicht mit der Frage „Was macht denn dein Präsident da?“ konfrontiert worden sind.
Deniz Greschner
wurde nach der vierten Klasse die Gymnasialempfehlung verwehrt
Deniz Greschner kam
zusammen mit ihren linksorientierten Eltern (Lehrer) 1994 nach
Deutschland, bekam nach der vierten Klasse keine Gymnasialempfehlung.
Die Begründung: die Eltern könnten nicht ausreichend Deutsch und
könnten sie deshalb nicht gut unterstützen. Später ging sie in die
Türkei zurück, absolvierte dort ein Studium und kam danach wieder
zurück nach Deutschland. Sie bekannte, persönlich betroffen zu sein
– besonders, allein schon dann, wenn sie die Nachrichten aus der
Türkei verfolge. Aber die von Moderatorin Kartal ins Feld geführte
Frage bekomme sie beim Bäcker nicht gestellt.Zumal sie verheiratet
mit einem Deutschen ist und auch nicht aussehe, wie eine Türkin. Die
Menschen, die sie kennen, sprächen sie schon mal an, wüsste aber eh
wie sie ticke und, dass sie die Erste sei, die Kritik betreffs der
Türkei übe. Sie wüssten natürlich auch, dass „er nicht mein
Präsident“ ist.
Aycan Demirel:
„Irgendwie wirst du immer auf deine Identität zurückgestoßen“
Aycan Demirel wird
da eher schon mit türkischen Bezügen konfrontiert. Er erinnerte
sich an kritische Bemerkungen, die er einmal nach der Wende bezüglich
von Antisemitismus gegenüber einer Journalistin gemacht hatte. Die
Journalistin habe ihn daraufhin sofort an den „Völkermord an den
Armeniern“ konfrontiert, nach dem Motto: „Was macht deine
Türkei?“
Demirel wies die
Journalistin daraufhin zu Recht und erinnerte daran, dass das
Interview-Thema doch der Holocaust gewesen war. Demirel: „Irgendwie
wirst du immer auf deine Identität zurückgestoßen. Obwohl du
Antisemitismus-Experte bist.“
Jugendliche mit
türkischen Hintergrund erlebten das öfter.
Kemal Bozay:
Auch Bildungsaufsteiger machen „Desintegrationserfahrungen“. Wir
brauchen eine Miteinander-Bewegung
Ähnliche
Erfahrungen hat Kemal Bozay gemacht. Einerseits bestünde wirkliches
Interesse an einem, andererseits bestehe ein Diskrepanz, „wie man
medial die Themen verortet“. Man habe „im Alltag immer so
bestimmte Zuschreibungselemente“ und begegne „Rassismen, die im
Alltag sehr verbreitet sind“.
Dagegen
hätten manche Jugendliche Widerstandsstrategien entwickelt. Andere
gingen in Resignation. Er wies daraufhin, dass es bestimmte hier
lebende Gruppen, die sich in der Türkei nicht artikulieren konnten
oder gar aus religiösen (etwa Aleviten) und politischen Gründen
(z.B. Kurden) verfolgt wurden, verstärkt zu Wort meldeten, für „die
die Diaspora einen wichtigen Rahmen geschaffen hat“. Zum anderen
hat auch der türkische Staat hier seine Lobbyarbeit verstärkt und
bestimmte Interessen vertrete. Seit Erdoğan sei das besonders
in den Moscheegemeinden zu konstatieren. All dies berge natürlich
Konflikte und verursache Konfrontationen. All diese Gruppen verfügten
über ein großes Mobilisierungspotential. Man müsse nur an die
Reaktion auf Erdoğans Auftritt vor einiger Zeit in der Köln-Arena
denken, wo seine türkischstämmigen ZuhörerInnen dazu aufrief sich
nicht assimilieren zu lassen. Darunter gebe es Menschen, die nicht
unbedingt Verlierer seien, sondern auch Leute, die „innerlich
fremd geworden sind“, weil sie vielleicht als Bildungsaufsteiger
„Desintegrationserfahrungen haben machen müssen. All das könne
sich bündeln und eine Rückzug in ethnische Identitäten befördern
und teilweise neue Nationalismen schüfen.
Bozay kritisierte dass wir in unserer
Gesellschaft immer noch von „sie und wir“ sprächen: „Wir
brauchen eine Miteinander-Bewegung.
Osman Okkan hat längst
„Alarmzeichen“ für die hiesige Gesellschaft erkannt
Osman Okkan hat
bereits seit fünfzig Jahren mit den zu diskutierenden Themen zu tun.
Weshalb er schon öfters der Frage an ihn begegne: „Was macht denn
dein Präsident da“. Er informierte über seine TV-Dokumentationen
für das ZDF (kürzlich wiederholt) und auf Arte, über die türkische
Regierungspartei und die Gülen-Bewegung. Okkan war an diesem Abend
im Depot etwas besorgt, da eine für Donnerstagabend zur Ausstrahlung
vorgesehene ZDF-Dokumention von einer einstweiligen Verfügung
bedroht war. Okkan: „Eine Gruppe fühlt sich auf den Schlips
getreten und versucht die Ausstrahlung zu verhindernd.“
Okkan meinte, wir
wünschten uns sehr wohl, dass wir in einer multikulturellen
Gesellschaft leben. De facto aber seien wir ziemlich weit davon
entfernt. Ins Gespräch aber miteinander sollte man schon kommen und
manchmal auch froh darüber sein, dass sich jemand überhaupt für
die eigne Herkunft interessiert.
Er
müsse zugeben, so Okkan, dass sich das Türkei-Image in den von ihm
erlebten letzten 50 Jahren verändert hat. „Nicht zuletzt durch
Herrn Erdoğan . Er hat eine
Anhängerschaft hier. Und leider nicht nur unter den Menschen, die
bildungsfern sind, sondern auch unter gebildeten Leuten.“ Das sei
unter den hier lebenden Menschen auch eine Trotzreaktion, die auf ein
Gefühl des Ausgegrenzt-Seins folge. Okkan sprach von einem
„Alarmzeichen“ für die hiesige Gesellschaft. Unbedingt müssten
nicht nur perspektivlose Jugendliche, sondern auch diejenigen, „die
sich in der Gesellschaft behaupten können, eigentlich integriert
sind“ gewonnen werden „für weitergehende Partizipation“.
Lehrer sind
überfordert. Emotional aufgeladen Themen polarisieren bis in die
eigene Familie hinein
„All
das prasselt natürlich auf die Schule ein“, stellte Zeynep Kartal
richtig fest. Was freilich unheimlich schwer für die Lehrer sein
müsse. Dem stimmte Aycan Demirel zu. Allein, was den Syrien-Konflikt
angehe, habe kaum noch jemand einen Überblick. Wie sollten da
SchülerInnen durchblicken? Unser Bildungssystem sei sehr stark auf
Deutschland fixiert und globale Themen spielten darin kaum eine
Rolle. Lehrer fühlten sich bei diesen auch noch emotional
aufgeladenen Themen überfordert. Erst recht das Thema Erdoğan
polarisiere – bis in die Familien hinein. Er selbst habe mit Leuten
in der eigenen Familie brechen müssen, verriet Demirel.
Die Lehrer
hierzulande hätten keine Ahnung und auch kein Material – so sehe
es aus. Sie riefen dringend nach Unterstützung.
Der
Islam-Diskurs in diesem Land wird permanent negativ geführt
Man müsse sehen,
wie man einen historischen Überblick über die Entwicklung der
Türkei vom Ende des Osmanischen Reiches und deren Gründung 1923 bis
in die Gegenwart und bestimmte gravierende Ereignisse auf dieser
Zeitachse und die Konfliktlage vermitteln könne.
Er selbst sei
früher entsetzt darüber gewesen, was allein im Zeitraum von 30
Jahren für Menschenrechtsverletzungen, Attentate, Folterungen an
unschuldigen Menschen in der Türkei verübt worden seien. Erdoğan
sei in dieser lange Zeit nur eine von vielen darin verwickelten,
kritisch zu betrachtenden Figuren in der türkischen Gesellschaft.
Der Islam-Diskurs
in diesem Land werde von den Jugendlichen permanent negativ erlebt.
Sogar von einem Koran-Verbot sei da schon die Rede gewesen. Demirel:
„Stellen Sie sich mal vor, was das für einen gläubigen Menschen
bedeutet!“
Wir brauchen
veränderte Curricula und demokratische Bildungskonzepte
Es kristallisierte
sich im Verlaufe dieser interessanten Podiumsdiskussion heraus, dass
wir unbedingt veränderte Curricula und verstärkt demokratische
Bildungskonzepte benötigten.
Denis Greschner
empfiehlt hinsichtlich pädagogischer Arbeit den „Beutelsbacher
Konsens“ (gemäß dem Überwältigungsverbot (auch:
Indoktrinationsverbot) dürfen Lehrende Schülern nicht ihre Meinung
aufzwingen, sondern sollen Schüler in die Lage versetzen, sich mit
Hilfe des Unterrichts eine eigene Meinung bilden zu können. Dies ist
der Zielsetzung der politischen Bildung geschuldet, die Schüler zu
mündigen Bürgern heranzubilden.)
Vorurteile seien
normal, stellte Greschner fest. Wir müssen jedoch lernen, sie zu
beherrschen.
Kontroverse Themen
sollten auch kontrovers dargestellt werden. Es müsse gelernt werden
sich gegenseitig zuzuhören und verstehen. All das müsse auf
neutralen Boden versucht werden. Schule könne dafür ein geschützter
Raum sein.
Greschner selbst
habe spät schmerzlich viel darüber erfahren, was ihr Land
beispielsweise KurdInnen Schreckliches „aus staatlicher Hand“
angetan hat, die nach Europa hatten flüchten müssen, habe sie
Gürtelrose bekommen.
Osman Okkan: Das
Wissen über das Unrecht in der Türkei als Schlüssel zur
Verständigung
Bezogen auf die
Medien fand Osman Okkan, dass über das Thema Türkei und das Unrecht
was dort geschieht gar nicht genug geredet werden könne. Er rief in
Erinnerung, dass in der Türkei derzeit 100.000 Menschen in Gefängnis
säßen und Millionen unterdrückt werden. 2016 habe der türkische
Innenminister stolz davon gesprochen, dass über 500.000 Menschen
verhaftet worden sind. Okkan: „Was das alleine für deren
Familienangehörigen bedeutet! Mit welchen Traumata diese Menschen
leben!“
Das Wissen darüber
sei ein Schlüssel dafür, dass man zu einer Verständigung darüber
zwischen der Aufnahmegesellschaft und denn Migranten kommt.
Alles dafür
tun, dass junge Menschen nicht den Rattenfängern folgen
Vieles allerdings
sprenge den Rahmen, welcher Schule zur Verfügung stehe. Wir müssten,
so Okkan weiter, die jungen Menschen mit mehr medialer Kompetenz
ausstatten. Er sprach dies hinsichtlich der Macht der digitalen
Medien an. Es müsse alles dafür getan werden, dass die jungen
Menschen nicht den Rattenfängern folgten.
Es müsse damit
konfrontativ umgegangen werden. Gleichzeitig gelte es aber eine
Politik- und Diskussionskultur etablieren, die Dialog- und
Konsensfähigkeit begünstige. Viele Konflikte – besonders
religiöse, sunnitische und alevitische – hätten bei migrantischen
Jugendlichen eigentlich längst im Familienkreis besprochen werden
müssen. Es käme doch darauf an zu lernen miteinander zu leben. Auch
wenn man unterschiedlicher Meinung sei.
Okkan: „Erst im
Ausland erfahren Menschen, was für ethnische und religiöse Gruppen
es überhaupt in der Türkei gibt.“ Das betreffe auch die
Leidensgeschichte dieser Minderheiten.
Diese Defizite
müssten in einer demokratischen Gesellschaft möglichst behoben
werden.
Aycan Demirel gab
ergänzend zu bedenken: „Die Gesellschaft wird sich immer wandeln.
Mit diesem Wandel muss sich die Gesellschaft zurechtfinden.“
Nicht weniger
interessant als die vorangegangene Diskussion gestaltete sich die
letzte Phase der Veranstaltung, in welcher sich das Podium den Fragen
der ZuschauerInnen öffnete.
> Parteivorstand beschließt die Erhöhung der sanktionsfreien > Mindestsicherung auf 1200 € netto > > DIE LINKE am 28. Oktober 2019. Hier wurde die Höhe der sanktionsfreien > Mindestsicherung auf 1200 € angehoben. > Die Arbeitsgruppe, bis hin zur letztendlichen Entscheidung durch den > Parteivorstand, der Partei Bundesarbeitsgemeinschaft Hartz IV, begrüßt > die Entscheidungen des Parteivorstands, die Erhöhung ins nächste > Bundestagswahl Programm aufzunehmen. > > Es war ein langer und stellenweise auch steiniger Weg, von der > Antragstellung auf dem Leipziger Parteitag im Juni 2018 über das > Einsetzen einer > > Robert Schwedt, Mitglied im SprecherInnenrat der > Bundesarbeitsgemeinschaft Hartz IV, der Partei DIE LINKE meint dazu: „Es ist schön, zu sehen, dass das Thema Hartz IV in unserer Partei, sowie im > Parteivorstand wieder mehr Beachtung findet, und sich intensiv mit der > Neufestlegung der Höhe der sanktionsfreien Mindestsicherung > auseinandergesetzt wurde. > Es geht hierbei jedoch nicht nur um Geld, viel wichtiger ist es den > Menschen die von diesem System Hartz IV betroffen sind, wieder zu ihrer > Würde zu verhelfen, da das System darauf ausgelegt ist sie zu brechen, > damit sie jede noch so schlecht bezahlte Arbeit annehmen. > Verweigern Sie sich diesem System, hat dies zur Folge, dass sie durch > die Jobcenter ausgehungert werden. Dieser Zustand muss durch die > schnellstmögliche Einführung der sanktionsfreien Mindestsicherung > beendet werden.“ > > Nur die schnellstmögliche Einführung einer sanktionsfreien > Mindestsicherung ist ein Garant dafür, dass Erwerbslose, ohne die > ständige Angst vor Repressionen durch die Jobcenter ein ganz normales > Leben führen, und an der Gesellschaft teilhaben können. > Im nächsten Jahr besteht das System Hartz IV seit 15 Jahren, mehrere > Studien haben gezeigt, dass dieses System die Menschen nicht nur > entwürdigt, sondern krank macht. > Jedoch leiden unter diesem System nicht nur die Erwerbslosen, sondern es > verbreitet seinen Schrecken bis in die Mittelschicht. > Dies führt dazu, dass auch Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen immer > unzumutbarere Arbeitsbedingungen und Löhne in Kauf nehmen, nur um nicht > in die Mühlen dieses System zu geraten. > > Ingo Meyer, Mitglied im SprecherInnenrat der Bundesarbeitsgemeinschaft > Hartz IV, der Partei DIE LINKE äußert sich dazu wie folgt: „Die Erhöhung > der sanktionsfreien Mindestsicherung, kann nur der erste Schritt sein. > Was folgen muss, ist die Erhöhung der solidarischen Altersrente auf > ebenfalls 1200 € netto und die Anhebung des Mindestlohns auf 14 €. > Diese Maßnahmen sind notwendig, damit nicht nur Erwerbslose, sondern > auch Rentnerinnen und Rentner, sowie die Menschen die im > Niedriglohnbereich beschäftigt sind ein Leben in Würde führen können. > Ich halte diese Erhöhungen für ausgesprochen wichtig, da sie dem durch > die Agenda 2010 abgehängten Teil der Bevölkerung zeigt, dass die Partei > DIE LINKE, die einzige Partei ist, die sich ihren Nöten und Bedürfnissen > annimmt und ihre Interessen vertritt.“ > > In unseren Augen ist es jetzt Aufgabe des Parteivorstands, in enger > Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Hartz IV, dafür zu > sorgen, dass dieser Erhöhung breit in die Partei und in die > Öffentlichkeit hineingetragen wird, um unserer Forderung „Ein gutes > Leben für alle“ Nachdruck zu verleihen. > > — > DIE LINKE BAG Hartz IV > Intressenvertretung der Erwerbslosen und Prekärbeschäftigen in und um > die Partei DIE LINKE. > V.i.S.d.P.R: Marcel Nowitzki > Kleine Alexanderstr.28 > 10178 Berlin > > https://www.bag-hartz-iv.de > Facebook:@BAG.Hartz4
Die BAG Hartz IV. der Linken positioniert sich zum Urteil des Bundesverfassungsgerichtes am 05. November 2019:
Sanktionen teilweise verfassungswidrig.
Volle viereinhalb Jahre hat es von der
Klage an gedauert, bis sich das Bundesverfassungsgericht zu einem
Urteil durchgerungen hat.
Gemeinhin sagt man ja, „Was lange
währt, wird endlich gut“. Im Falle des Urteils des
Bundesverfassungsgerichts zu den Sanktionen, trifft dies jedoch nur
sehr bedingt zu.
Das Gericht hat zwar entschieden, dass
Sanktionen oberhalb von 30 % nicht mit dem Grundgesetz vereinbar
sind, der Einzelfall strenger geprüft werden muss und auch die
starre Dauer der Sanktionen von drei Monaten nicht rechtmäßig ist,
wenn die „Mitwirkung“ nachgeholt wird.
Jedoch wurde am Grundsatz der
Sanktionen, von denen jede einzelne dafür sorgt, dass das
soziokulturelle Existenzminimum unterschritten wird festgehalten.
Agi Schwedt, Mitglied im
SprecherInnenrat der Bundesarbeitsgemeinschaft Hartz IV, der Partei
DIE LINKE, äußert sich dazu wie folgt: „Das
Bundesverfassungsgericht hat hier einen sehr heiklen Weg beschritten.
Auf der einen Seite führt es aus, dass das Existenzminimum in
Verbindung mit dem soziokulturellen Existenzminimum unverfügbar und
die Höhe der Grundsicherungsleistungen „gerade noch so“ mit dem
Grundgesetz vereinbar ist, auf der anderen Seite gibt es dem
Gesetzgeber jedoch die Möglichkeit dieses „unverfügbare
Existenzminimum“ um 30 % zu kürzen, wenn Leistungsberechtigte
ihren „Mitwirkungspflichten“ nicht nachkommen.
Auch bemerkenswert, ist der Satz aus
der Urteilsverkündung, dass die Sanktionen bei unter 25-jährigen,
die auch nach dem Urteil noch 100 % betragen, sowie Sanktionen aus
Meldeversäumnissen, nicht zur Debatte standen.“.
Hier wirft das Urteil des
Bundesverfassungsgerichts, da weder die Sanktionen bei unter
25-jährigen noch die Sanktionen bei Meldeversäumnissen zur Debatte
standen, mehr Fragen auf als es klärt, bzw. hätte klären können.
Wenn Sanktionen bei über 25-jährigen
nur noch in der Höhe von 30 % zulässig sind, ist eine Sanktion
eines unter 25-jährigen mit 100 %, noch mit dem Art. 3 des
Grundgesetzes vereinbar?
Wenn sich Sanktionen aus
Meldeversäumnissen, die sich nach dem Gesetz anhäufen können, die
Höhe von 30 % überschreiten, sind diese gesammelten Sanktionen mit
dem Art. 3 des Grundgesetzes vereinbar?
Unsere Auffassung nach sind sie das
nicht, von daher wäre es wünschenswert gewesen, dass das
Bundesverfassungsgericht hier eindeutig geurteilt hätte, auch wenn
diese Sanktionen „nicht zur Debatte standen“.
Dagmar Maxen, Mitglied im
SprecherInnenrat der Bundesarbeitsgemeinschaft Hartz IV, der Partei
DIE LINKE, meint dazu: „Das Urteil mag als erster ermutigender
Schritt anzusehen sein, die Sanktionspraxis, wenn schon nicht
abzuschaffen, dann doch zumindest abzumildern.
Als großen Wurf würde ich es jedoch
nicht bezeichnen, weil es mehr Fragen aufwirft als beantwortet!
Wir müssen nun den politischen Kampf
im Bundestag und auf der Straße führen, damit die Regierenden
neoliberalen Parteien in der Neufassung der Sanktionsparagrafen das
Urteil nicht durch die Hintertür aufweichen, sondern gezwungen
werden von den menschenverachtenden Sanktionen Abstand zu nehmen.“
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Hartz IV,
vertritt die Ansicht, dass jede Sanktion und seien es auch nur 10 %,
das soziokulturelle Existenzminimum unterschreitet und somit
verfassungswidrig ist.
Durch die Sanktionen werden die
Leistungsberechtigten ihrer Würde beraubt und zur Einzelhaft in
ihren Wohnungen verurteilt.
Wir fordern daher, das System Hartz IV komplett abzuschaffen und durch eine sanktionsfreie Mindestsicherung in Höhe von 1200 € netto zu ersetzen, damit auch Erwerbslose ein ganz normales Leben führen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.
Wie Rechtsextremismus und
menschenfeindlicher Hetze am Besten zu begegnen sei und was
diesbezüglich von Claus Schenk von Stauffenberg zu lernen wäre,
darüber wurde in der Auslandsgesellschaft Dortmund gesprochen. Zu
Gast war der Enkel des Hitler-Attentäters Karl Schenk Graf von
Stauffenberg. Einig war man sich, dass sich der Einzelne mehr in die
Demokratie einbringen und die Stadtgesellschaft positive Zeichen
setzen muss.
In den letzten Jahren hat sich die politische Kultur nicht nur in
Deutschland, sondern auch in Europa sehr verändert. Durch die
Anonymität sozialer Medien ist menschenfeindliche Hetze alltäglich
und auf erschreckende Weise sozusagen salonfähig geworden. Der
rechtsterroristische Anschlag in Halle am 9. Oktober verdeutlicht,
welche Konsequenzen dieses veränderte Klima haben kann und
unterstreicht die Notwendigkeit von zivilem Widerstand in der
heutigen Zeit.
„Stauffenberg zu heißen ist kein Privileg, sondern eine
Verpflichtung“
Das war Thema bei einer Veranstaltung
von Multikulturelles Forum e.V. in der Auslandsgesellschaft in
Dortmund. Um Widerstand gestern und heute ging es dort bei einem
Vortrag von Karl Schenk Graf von Stauffenberg, dem Enkel von Claus
Schenk Graf von Stauffenberg, dessen Bombenattentat auf Adolf Hitler
am 20. Juli 1944 scheiterte. Dem Vortrag, welchem sich eine
Podiumsdiskussion anschloss, war der Titel „Stauffenberg zu heißen
ist kein Privileg, sondern eine Verpflichtung“ gegeben worden.
Karl Schenk von Stauffenberg
zeichnete ein Bild von seinem Großvater und der Zeit in der
aufwuchs und lebte
Dem Gast aus Franken war freilich klar,
dass ZuhörerInnen auch gekommen waren, um etwas über seinen
Großvater erfahren, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 75. Mal
jährte. Dabei ging es ihm, wie er sagte, auch darum mit einen oder
anderen Legende aufzuräumen bzw. Sachverhalte aus Sicht der Familie
darzustellen. Zu diesem Behufe zeichnete Karl Schenk von
Stauffenberg zunächst einmal ein Bild der Menschen, die mit dem
Attentat auf Hitler im Zusammenhang standen. In letzter Zeit sei
sozusagen eine „dunkle Wolke über die Offiziere des 20. Juli, die
Offiziere des Widerstandes“ heraufbeschworen worden. Es habe
geheißen, diese Offiziere hätten nicht aus Gewissensgründen
gehandelt, sondern deshalb, „weil Adolf Hitler ein schlechter
Feldherr gewesen und der Krieg augenscheinlich schon verloren sei“
und sie mit diesem Attentat „schlimmeres von deutschen Volk“
hätten abwenden wollen. Selbst wenn es wirklich so gewesen wäre, so
Von Stauffenberg, wäre das ja auch nachvollziehbar.
Karl Schenk Graf von Stauffenberg. Foto: Alexander Völkel.
Notwendig wäre, so der Gast, erst
einmal zu schauen, was diese Reichswehr- und später
Wehrmachtsoffiziere anfangs des 20. Jahrhunderts für Menschen
gewesen sind. In erster Linie seien sie eben Offiziere und mit
meisten anderen Menschen nicht zu vergleichen gewesen wären. Als
Berufssoldaten hatten sie apolitisch zu sein und deshalb während der
Weimarer Republik noch nicht mal über ein Wahlrecht verfügt. Dies
alles bedenkend, sei über seinen Großvater zu sagen: ein Demokrat
war er nicht. „Aber“, gab Stauffenberg zu bedenken, „nicht
jeder Nichtdemokrat ist gleichzeitig ein Nazi gewesen“. Ein Held
sei sei Großvater nicht gewesen.
Der Großvater wuchs am Hof des Königs
von Baden-Württemberg auf – wo der Urgroßvater Kammerherr gewesen
sei -, wo er zusammen mit den Königskindern im Königsschloss in
Stuttgart spielte.
Dann sei er unter dem Eindruck des
Ersten Weltkriegs mit 18 Jahren Soldat geworden. Der Großvater habe
erlebt, dass mit der Weimarer Republik der erste deutsche
Demokratieversuch gescheitert war. Dann kam 1933 und Hitler an die
Macht. Das erste, was Hitler tat, war den Versailler Vertrag von 1918
zu kündigen. Das sei bei den Deutschen auf große Zustimmung
gestoßen. Denn dieser Vertrag hatte dazu geführt, so Stauffenberg,
„dass Deutschland seiner Schätze beraubt wurde“. Das Ruhrgebiet
etwa war von den Franzosen besetzt und die hier abgebaute Kohle ging
nach Frankreich. Das Saarland war von Frankreich annektiert.
Claus Schenk von Stauffenberg habe die
Kündigung des Versailler Vertrags wohl begrüßt, sei aber dennoch
„kein Freund des Nationalsozialismus, so wie wir ihn heute kennen“,
sondern „ein königstreuer Mensch“, ein sehr gläubiger Christ
und musisch begabter Cellist gewesen, der eigentlich Architekt oder
Musiker hätte werden wollen.
Auch habe er sehr unter dem Eindruck
des damals sehr bekannten Dichters Stefan George gestanden.
Das müsse über seinen Großvater
gewusst werden, merkte Karl Schenk Graf von Stauffenberg an. Und im
jugendlichen Alter von 25 Jahren sei dieser gewiss noch kein Gegner
von Hitler von Anfang an gewesen.
Allerdings gebe es in Reaktion auf den
Überfall der Wehrmacht auf Polen „ein verbrieftes Zitat“ von
seinem Großvater: „Jetzt macht der Narr Krieg.“ Als Soldat war
er aber Befehlsempfänger und habe seine Arbeit machen müssen.
Stauffenberg fragt sich, warum es
wieder extreme Parteien in unsere Parlamente schaffen
Schließlich ging Stauffenberg auf den
derzeitigen gesellschaftlichen Zustand ein. Er fragte, wie wir
eigentlich dazu kämen, dass „nach der Geschichte, die wir haben
bzw. unsere Vorfahren hatten“ – heute weit an den politischen
Rändern wieder extreme Parteien in unsere Parlamente schaffen.
Er sprach von zwei „Unrechtsstaaten“,
die wir hinter uns hätten. Und meinte damit auch die DDR und
kritisierte, dass eine Ministerpräsidentin und ein Ministerpräsident
hierzulande diese nicht als „Unrechtsstaat“ sehen wollten.
Stauffenberg: Das Grundgesetz
garantiert uns Freiheit – die aber hat eine Kehrseite
Wir alle, bemerkte der Gast, hätten in
den vergangenen sieben Jahrzehnten kriegerische Auseinandersetzungen
auf deutschen Boden nicht mehr erlebt. Das Grundgesetz garantiere
uns Freiheit. Diese Freiheit habe aber auch eine Kehrseite: die
Verantwortung des Einzelnen. Die Freiheit nähmen wir als eine
Selbstverständlichkeit hin – sozusagen als „Naturgesetz“.
Karl Schenk Graf von Stauffenberg malte
ein (im Vergleich zu anderen Ländern auf der Welt) ein äußerst
positives Bild vom gegenwärtigen Deutschland. Und fragte sich, „wie
man so unzufrieden sein kann mit dem was wir hier erreicht haben,
dass man wiederum anfängt, Parteien zu wählen, die am liebsten um
Deutschland herum eine Mauer bauen möchten“. Wir müssten doch
alle etwas für unsere Gesellschaft tun. Doch diesbezüglich habe
gewissermaßen unsere Politik ein bisschen Schuld. Die Parteien
sagten: „Seid ihr mal frei und wir kümmern uns um den Rest“. Das
könne gar nicht funktionieren.
Menschen, die sich nicht bemühten
der Gesellschaft zurückzugeben, was diese ihnen als Hilfe gegeben
habe, sollten sanktioniert werden. Das findet Stauffenberg gerecht
Dann präsentierte Stauffenberg das –
wie er selbst zugab – „populistische Beispiel“ eines jungen
Menschen, der „lieber vor seine Spielkonsole sitzt als in die
Schule zu gehen“. Letztlich lande der ohne Schulabschluss und
Lehrstelle in Hartz IV. Dort habe er sich gut eingerichtet. Dann käme
irgendwann die Gesellschaft und die sage ihm, er habe die letzten
Jahre auf Kosten der Gesellschaft gelebt und nun verlange man von
ihm, dass er dieses Geld in Form von eigener Leistung zurückzugeben.
Man sei nicht unsozial und gebe ihm einige Umschulungsmaßnahmen und
später Vorstellungsgespräche. Der junge Mann habe aber letztlich
keine Lust. Dann käme die Gesellschaft, in den Fall die Agentur für
Arbeit, daher und kürze diesem jungen Mann sein Hartz IV-Satz.
Stauffenberg: „Ist das gerecht? Ist das menschenunwürdig, wie
bestimmte Politiker sagen? Ich behaupte, es ist gerecht.“
Er sei sehr wohl dafür Menschen im
sozialen Netz aufzufangen. Aber es könne nicht zugelassen werden,
Menschen zu finanzieren, die nichts für ihren Lebensunterhalt tun
wollen, obwohl sie dies könnten. Das findet Stauffenberg „zutiefst
ungerecht“.
„Der Staat sind wir alle“
Ebenso wenig könne er verstehen, dass
Leute nicht mehr wählen gingen.
Wir müssten doch verstehen, dass wir
selber für unser Land Verantwortung trügen!
Warum, skandalisierte der Gast, gingen
nicht zehntausende Menschen für unseren Rechtsstaat auf die Straße?
Stattdessen müsse man Pegida erleben, die gegen Ausländer
demonstrierten.
Wann gehe denn „die große Mitte“ –
die Menschen, die mit dem Leben hier sehr zufrieden sind auf die
Straße und sagten: „Wir lassen uns die öffentliche Wahrnehmung
nicht von Extremisten wegnehmen!“
Überall in der Gesellschaft müssten
wir extremistischen Meinungen vehement entgegentreten, forderte Von
Stauffenberg. Wir müssten uns klarmachen und hätten ein
Verantwortung zu übernehmen: „Der Staat sind wir alle!“
Mit Platon war Stauffenberg auch einer
Meinung: „Wenn die Guten nicht kämpfen, gewinnen die Schlechten.“
Stauffenberg kann Forderungen nach
Verstaatlichung und Enteignung nicht verstehen und erntete
Widerspruch
Stauffenberg prangerte Menschen an, die
grundgesetzwidrig laut darüber nachdenken dürften, ob man
Unternehmen wie BMW verstaatlichen und kollektivieren sollte.
Auch gebe es „Leute vom linken Rand“,
die laut darüber nachdächten, Wohnungsbaugesellschaften in Berlin
zu enteignen. Stauffenberg habe da den „großen kollektiven
Aufschrei unserer Gesellschaft“ vermisst: „Wir glauben es ist
ungerecht, wenn Mieten in Berlin höher werden.“
Ein Herr aus dem Publikum fand diese
Sicht „sehr vereinfacht und oberflächlich“ und, dass
Stauffenberg die Auswirkungen des „Neoliberalismus völlig außer
Acht gelassen“ habe. Überdies sei in Deutschland „die Schere
zwischen arm und reich extrem auseinandergegangen“. Und auf das
Beispiel mit dem Jungen mit der Spielkonsole anspielend, sagte der
Herr: „Wir haben inzwischen sechzig Prozent prekär verdienende
Menschen“. Auch habe der Staat Kontrolle und Grenzen aufgegeben,
wie sie früher gegenüber Auswüchsen des Kapitalismus hätten
Wirkung entfalten können.
Das sei schwierig geworden, so
Stauffenberg, verwies auf die Globalisierung und meinte, das stünde
auf einem anderen Blatt Papier.
Ob der Stauffenbergschen
Einschätzung der Thüringen-Wahl bekam eine Dame Bauchschmerzen
Zur Thüringen-Wahl meinte
Stauffenberg, „beide Ränder zusammennehmend“ hätten über
fünfzig Prozent der WählerInnen dort Parteien gewählt, die in
ihren Parteien Funktionsträger duldeten, die das System Deutschland
verändern wollten, die „Nichtdemokraten, Nazis oder Kommunisten in
ihren eigenen Reihen dulden“.
Eine Dame aus dem Publikum bekannte
gegenüber dieser Aussage Bauchschmerzen bekommen zu haben. In
Wirklichkeit habe man Bodo Ramelow in Thüringen ganz viel zu
verdanken. Die AfD hätte ohne seine Person womöglich 30 oder sogar
mehr Prozent bekommen. „Die Partei DIE LINKE aber mit der AfD in
irgendeiner Weise in Zusammenhang zu bringen, dass ist nicht
richtig“, wendete die Dame ein. Gerade in Richtung Chancengleicheit
und Bildung habe sich die Partei in Thüringen stark gemacht.
Stauffenberg ruderte darauf leicht
zurück: Er habe die Linke mit der AfD nicht in einen Topf schmeißen
wollen. Aber eine Partei sei für ihn nicht wählbar, in ihren Reihen
Funktionäre oder Mandatsträger habe dulde, die das System unserer
Demokratie hier ablehnten. Einen Beweis dafür blieb Stauffenberg
allerdings schuldig.
Podiumsdiskussion mit Micha Neumann
(Projekt Quartiersdemokraten) und Alexander Völkel
(Nordstadtblogger) zusammen mit dem Gast
Im der sich anschließenden
Podiumsdiskussion wurde gemeinsam mit Micha Neumann (Projekt
„Quartiersdemokraten“) und Alexander Völkel (Leitender Redakteur
der Nordtstadtblogger) über aktuelle Formen des Widerstandes unter
besonderer Berücksichtigung der Aktivitäten in Dortmund gegen
Rassismus und Antisemitismus diskutiert.
Von Links: Micha Neumann, Moderatorin, Karl Schenk Graf von Stauffenberg und Alexander Völkel.
Alexander Völkel stellte bezüglich
der von Karl Schenk von Stauffenberg Empörung über Forderungen nach
der Enteignung von Wohnungsgesellschaften in Berlin zunächst einmal
klar: Dass dort „massenhaft soziale und kommunale Wohnungen
privatisiert und den Hedge-Fonds überlassen werden und Menschen aus
ihren Quartieren verdrängt werden“. Und ihr Lebensunterhalt nicht
mehr bestreiten können. Das gehöre auch zur Wirklichkeit. Aus
Völkels Sicht sind das Auswirkungen einer verfehlten Politik „Privat
vor Staat“, die sehr viele Probleme verursacht und wenig gelöst
habe.
Auf die Entgegnung von Stauffenberg,
einem privatwirtschaftlichen Unternehmen könne man schwer vorwerfen,
wenn sie günstig Wohnungen kaufen darf, sie dann auch zu kaufen,
„warf
Völkel ein: „Die sind für’n Appel
und Ei verramscht worden.“
Dann schwenkte die Runde auf das
eigentliche Thema Widerstand ein. Karl Schenk von Stauffenberg sah es
als unsere Aufgabe an, eingedenk der Tat seines Großvaters,
Verantwortung zu übernehmen. Und zwar da, wo sie zwingend geboten
ist, wie im Dritten Reich. Ein Despot, der der ganzen Welt Schaden
zufügt müsse bekämpft werden. Seinen Großvater beschrieb er als
ambivalente Person – wie wir alle welche seien -, die keine
jungfräuliche Person gewesen, die ohne Sünde war.
Micha Neuman zur Erinnerungsarbeit
in Dorstfeld
Was hinsichtlich dem bevorstehenden
Gedenken angemessene Erinnerungsarbeit Dorstfeld zu leisten sei,
darüber stand Micha Neumann vom Projekt Quartiersdemokraten Rede und
Antwort. Am Freitag steht ja die Erinnerung an die Pogromnacht an. Am
Mahnmal der ehemaligen Synagoge in Dorstfeld, wo sich einst ein
Zentrum des Judentums befunden habe, werde am Freitag abermals eine
Gedenkveranstaltung abgehalten. Neumann erinnerte daran, dass diese
in den letzten Jahren von den im Stadtbezirk wohnenden Neonazis
massiv angegriffen worden war. Es komme neben dem auf die
Vergangenheit bezogenem Gedenken auch darauf an, eine Brücke zur
Gegenwart zu schlagen und den Antisemitismus und Rassismus von heute
zu thematisieren. In Schulklassen werde in diesem Sinne eine
hervorragende Arbeit geleistet.
Die Stadtgesellschaft muss „positive
Zeichen“ setzen, meint Alexander Völkel
Alexander Völkel meinte, es sei sehr
wichtig zu hinterfragen, was all das heute mit uns zu tun habe.
Dortmund habe ja eine sehr bunte Stadtgesellschaft. Auf die Nordstadt
bezogen müsse gesagt werden, dass die erwähnte Geschichte im
Zweifelsfall für sechzig bis siebzig Prozent der Bevölkerung im
Stadtbezirk nicht die ihre ist, dennoch aber etwas mit ihnen zu tun
habe. Bestimmte Ausgrenzungs- und Verfolgungsmechanismen seien
nämlich dieselben – damals wie heute. Als Problem benannte Völkel
Ritualisierungen und als Beispiel das städtische Gedenken am
Volkstrauertag. In den letzten Jahren träten dort auch um die
sechzig Neonazis in Erscheinung, die nach dem offiziellen Teil dort
ihr „Heldengedenken“ abhielten. Auch der erste Mai werde von
Neonazis mit dem Spruch „Arbeitsfrei seit 1933“
instrumentalisiert und somit missbraucht.
Da müsse die Stadtgesellschaft
„positive Zeichen“ setzen. In dem Sinne, so Völkel, könnten
auch positive Beispiele in Dortmund genannt werden, wie das
mittlerweile gut etablierte Gedenken in der Mahn- und Gedenkstätte
Steinwache und im Rombergpark das Karfreitagsgedenken für die in den
letzten Kriegstagen von den Nazis ermordeten Kriegsgefangenen und
politisch anders denkenden Menschen. Es existiere also eine gute
Gedenkkultur in Dortmund, bei der junge Menschen als „Botschafter
der Erinnerung“ eine hervorragende Rolle spielten. So werde der
Wert der Demokratie deutlich gemacht.
Karl Schenk Graf von Stauffenberg
ist vom Dortmunder Engagement gegen Rechts begeistert
Karl Schenk Graf von Stauffenberg
engagiert sich im Verein „Mittendrin statt EXTREM daneben“, die
eine eine Gemeinschaft von Menschen sein will, die mit demokratischen
Mitteln gegen jegliche Form des Extremismus und Radikalität kämpfen.
Von dem Engagement gegen Rechts in
Dortmund zeigte er sich begeistert. Dortmund sei wohl „so eine Art
ideelle Insel im deutschen Großstadtdschungel, was er sehr
bewundernswert finde. Das fände sich etwa in München in dieser Form
nicht. Das sei etwas, dass er auch gerne mitnehme als Anregung von
Dortmund.
Micha Neumann erklärte, dass habe ja
auch mit einer sehr vitalen Neonaziszene hier in Dortmund zu tun, die
in anderen westdeutschen Städten so nicht existiere. Aber ja,
Dortmund habe mittlerweile ein Vorreiterrolle. Zeit etwa zehn Jahren
werde im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus in Dortmund auch
einiges an Geld investiert. Hier sei auch die erste Beratungsstelle
für Opfer von rassistischer Gewalt eingerichtet worden. Auch gebe es
andere Träger, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren. Neumann
erinnerte daran, dass in Dortmund in der Vergangenheit bereits fünf
Menschen – drei davon waren Polizisten – von Neonazis ermordet
wurden. Micha Neumann zeigte sich empört darüber, dass in
Deutschland Gelder für wichtige Präventionsarbeit befristet oder
gar gestrichen werden.
Alexander Völkel: Rechtsextremismus
und Linksextremismus nicht reflexartig gleichsetzen: „Wir haben
seit 1990 zweihundert politische Morde von Rechts!“
Alexander Völkel erwähnte die Aussage
eines CDU/CSU-Innenexperte im Bundestag, der nach dem als Mord mit
rechtsextremen Hintergrund am CDU-Politiker Lübcke davon gesagt
habe: Wenn sich der rechtsextremen Hintergrund bestätige, dann wäre
das der erste politisch motivierte Mord seit 1945. Völkel habe da
gedacht: „Guter Mann, wo hast du denn gelebt in den letzten
Jahren?“
Stauffenberg sprach diesbezüglich von
einem „politischen Wachkoma der Union“. Völkel weiter: „Wir
haben seit 1990 zweihundert politisch motivierte Morde von Rechts!“
Auf der linken Seite sei seit der RAF „nicht wirklich was präsent“.
Der Journalist wollte nicht falsch
verstanden werden: Gewalt sei für ihn überhaupt keine Lösung und
abzulehnen. „Nur das Reflexartige, wenn wir etwas gegen Rechts
machen, müssen wir auch etwas gegen Linksextremismus machen“,
kritisiere er. Völkel merkte an: „Auf der einen Seite brennen
Autos, auf der anderen Seite brennen Menschen!“
Das Thema Anfeindungen habe man ganz
massiv auch im Journalismus. Es kämen Todesdrohungen, man erhalten
Briefumschläge mit Pulver und Schweineschnauzen und Kollegen hatten
rote Winkel in der Post.
Wegbereiter eines solchen Tuns seien
auch bestimmte AfD-Politiker mittels verbaler Ausfälle.
Was also kann man von Claus Schenk
von Stauffenberg lernen und in Dortmund besser machen?
Alexander Völkel meinte dazu in der
Schlussrunde, man müsse sich gegenüber bestimmten Strukturen nicht
gefangen geben. Gesellschaftspolitisch gebe es viele Möglichkeiten
sich demokratisch einzubringen. Er habe allmählich die Sorge, dass
der Kabarettist Volker Pispers recht habe, der einmal gesagt habe, es
sei offenbar das Problem in dieser Demokratie, dass man nicht in der
Lage ist, eine Politik zu machen, von der achtzig Prozent der
Menschen etwas haben. Völkel fürchtet, im Moment gehe durch
entsprechenden Lobbyismus und die immer stärker werdende
Ungleichheit gerade in Deutschland die Reise wohl leider eher in die
andere Richtung. Doch, wenn mehr Menschen bereit seien, das nicht
mehr zu akzeptieren und sich entsprechend artikulieren, könne man
vielleicht doch wieder ein lebenswerteres Deutschland gestalten.
Karl Schenk Graf von Stauffenbergs
Fazit an diesem Abend: Gegenüber dem Eindruck, den er über die
letzten fünf Jahre gewonnen hatte, habe ihn Dortmund eines Besseren
belehrt, weil die öffentliche Anstrengung dem Rechtsextremismus zu
begegnen hier wirklich greifbar sei.
Die US-Amerikanerin Carol Strauss hat
der Stadt Dortmund ein Gemälde geschenkt. Es
handelt sich bei der Schenkung um ein Öl-Gemälde des Berliner
Malers Alexander
Dettmar aus der Ausstellungsreihe „Painting to remember –
Zerstörung deutscher Synagogen“, der die Dortmunder Synagoge in
seinem Werk künstlerisch rekonstruiert hat. Das Gemälde soll auf
Wunsch von Frau Strauss dauerhaft seinen Platz in Dortmund finden.
Zunächst wird das Bild im Dortmunder Opernhaus ausgestellt, das am
Platz der Alten Synagoge steht und so an das 1938 in der Nazizeit
zerstörte jüdische Gotteshaus erinnern. Im Foyer der Oper gab es es
anlässlich der Überreichung des Gemäldes durch Carol Strauss im
Beisein des Malers Alexander Dettmar ein Empfang.
Von links: Alexander Dettmar, Prof. Dr. Dr. Ursula Gather, Carol Strauss und OB Ullrich Sierau. Foto: Roland Gorecki
Theaterdirektor
Tobias Ehinger: Vom Bewusstsein darüber, welche „Lücke in der
Mitte von Dortmund klafft“ wo einst die Synagoge stand
Herzlich
begrüßt wurden die geladenen Gäste, zuvörderst Carol
Strauss, die mit ihrem Cousin, Rabbiner Mr. Fox und dessen
Ehefrau angereist war, vom Geschäftsführenden Direktor des Theater
Dortmund, Tobias Ehinger.
Ehinger
brachte zum Ausdruck, wie sehr nicht nur ihm täglich bewusst sei,
welche „Lücke in der Mitte von Dortmund klafft“, wo einst die
alte Synagoge stand. Die Theatermitarbeiter behielten das in ihrem
künstlerischen und kulturellen Handeln stets im Hinterkopf. Wenn er
an diese Lücke denke, werde ihm immer wieder aufs Neue klar, so
Ehinger, welche Lücken auch in die jüdischen Familien in Dortmund
durch Mord und Vertreibung geschlagen worden seien. Dasselbe gelte
für das kulturelle Leben in Deutschland.
Von links: Carol Straus, Rabbiner Mr. Fox mit Ehefrau und Alexander Dettmar. Foto: C. Stille
Hintergrund
der Schenkung
Carol
Strauss (geb. 1944 in New York City) ist die Nachfahrin des jüdischen
Dortmunder Juristen Alfred Kahn und Lotte Landau, die 1938 aus
Deutschland fliehen mussten. Carol Strauss hat eine enge
Verbundenheit zu Dortmund aufgebaut, die aufgrund der geschichtlichen
Ereignisse nicht selbstverständlich ist.
Carol
Strauss war zwanzig Jahre Direktorin des Leo Baeck Institutes in New
York City, ein wissenschaftliches Archiv, das die Geschichte und
Kultur deutschsprachiger Juden dokumentiert.
Strauss
hatte die Idee zu der Schenkung. In ihrem Auftrag hat Prof. Dr. Dr.
h.c. Ursula Gather, Rektorin der Technischen Universität Dortmund,
den Kontakt zur Stadt Dortmund hergestellt. Wie sie in ihrer
Ansprache auf dem Empfang am vergangenen Mittwoch im Foyer des
Opernhauses verriet, indem sie Oberbürgermeister Ullrich Sierau auf
einer Mobilnummer anrief, die er ihr eigentlich für Notfälle
gegeben hatte. Sierau sei sofort unmittelbar begeistert von der
„großartigen Idee“ gewesen und habe gesagt, „Ja, das tut
Dortmund gut.“, so Gather.
Prof.
Ursula Gather lobte Carol Strauss für ihre Arbeit
Ursula
Gather erwähnte lobend, dass Carol Strauss mit ihrer Arbeit stets
dafür gesorgt habe, dass sie nicht allein den faschistischen
Gräueltaten in der Erinnerung Raum gebe, sondern auch den Blick
geweitet und gerichtet habe auf die lange und unendlich vielseitige
Tradition des deutschsprachigen Judentums. Und so auch das friedvolle
Zusammenleben nicht in Vergessenheit gerate. Das „kostbare
Geschenk“ an die Stadt Dortmund stehe „repräsentativ eben für
dieses Wirken, etwas zurück zu schenken, wo wir doch gar nichts
verdient haben“.
Das
Bild der Synagoge wird dessen Betrachter ein Impuls geben, sich mit
deren Geschichte zu befassen, meint Oberbürgermeister Ullrich Sierau
In einer bewegenden Rede vor den versammelten Gästen – darunter u.a. Rabbiner Baruch Babaev – sprach der Dortmunder Oberbürgermeister noch unter dem Eindruck eines ziemlichen Schreckens (Sierau hatte den Treppensturz von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier beim Digitalgipfel erleben müssen) stehend. Es sei, so Ullrich Sierau, „in der Tat auch eine kleine Metapher, dass das Schreckliche auch Menschen zusammenbringe“. So sei es auch „heute wieder“.
Das Ölgemälde der Dortmunder Synagoge, gemalt vor Alexander Dettmar. Foto: C. Stille
Ullrich
Sierau verlieh seiner Freunde darüber Ausdruck, dass mit dem Bild
die Synagoge wieder ein Platz ganz nah an ihrem einstigen Standort
erhalte, der heute ein Ort sei, „der in multidimensionaler Weise
deutsche Geschichte widerspiegelt“. Besser wäre es, die Synagoge
wäre noch da und man könne sie besuchen und sinnlich erleben,
sinnierte Sierau. Die Synagoge sei eines „der beeindruckendsten
Gebäude Dortmunds“ gewesen. Aber immerhin könne man nun dank des
Gemäldes die Synagoge nicht nur wieder sehen, sondern sich auch mit
ihr auseinandersetzen. Sierau:“Bei vielen Veranstaltungen werden
viele Menschen das Bild sehen und als Impuls erleben, sich selber mit
der Geschichte des Standortes zu befassen.“
OB
Sierau: Die jüdische Gemeinde hat einen festen Platz in der
Stadtgesellschaft
Dieser
Standort sei der Stadt Dortmund nicht nur ein historischer, sondern
auch sehr wichtiger Ort. Sierau erinnerte daran, dass anlässlich des
Evangelischen Kirchentages auf dem Platz der Alten Synagoge eine
Aktion stattgefunden habe, die an die Menschen erinnerte, die im
Mittelmeer auf der Flucht ertrunken sind. „Auch das war mit Bedacht
gewählt“, unterstrich der OB.
Der Dortmunder OB Ullrich Sierau. Foto: C. Stille
Ullrich
Sierau zeigte sich darüber froh, dass Dortmund heute wieder eine
große jüdische Gemeinde beherberge, die einen festen Platz in der
Stadtgesellschaft habe. Er versicherte: „Dafür werden wir immer
eintreten und kämpfen“. Dazu zählte Sierau auch den
entschlossenen Kampf gegen die Neonazis in Dortmund. Sehr froh sei
er, dass „der zivilgesellschaftliche Widerstand dazu geführt habe,
dass die Neonazis ihre unsäglichen Aufmärsche jetzt erst mal
eingestellt haben“.
Kein
Platz für extremistisches Gedankengut und schreckliche Taten in
Dortmund
In
Dortmund dürfe es keinen Platz für extremistisches Gedankengut und
schreckliche Taten geben. Sierau erinnerte daran, dass erst vor
Kurzem drei Brandsätze vor einer Dortmunder Moschee gezündet worden
sind: „Auch das ist für eine Stadt, die sich dem interreligiösen
Dialog und der interreligiösen Gemeinsamkeit verpflichtet fühlt,
nicht hinnehmbar.“
Dank
für die Schenkung an Carol Strauss und das künstlerische Engagement
von Alexander Dettmar für dessen Reihe „Painting to remember –
Zerstörung deutscher Synagogen“
Ullrich
Sierau dankte Carol Strauss herzlich für die Schenkung und dem
Künstler Alexander Dettmar für sein künstlerisches Engagement im
Rahmen von dessen Ausstellungsreihe „Painting to remember –
Zerstörung deutscher Synagogen“.
Von links: Carol Strauss und OB Ullrich Sierau. Foto: C. Stille
Die
steigende Anzahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland besorgt
Carol Strauss
Carol
Strauss berichtete von einer Mail, die ihr eine gute Freundin nach
dem furchtbaren rechtsterroristischen Anschlag von Halle vom 9.
Oktober 2019, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, dem zwei
Menschen zum Opfer gefallen waren, geschickt hatte. Die Freundin
schrieb: „Wo sind wir nur hingekommen nach all den Jahren der
Offenheit und dem Wiederaufbau von Beziehungen zwischen Juden und
Nichtjuden in Deutschland?“
Dass
sich in Deutschland, in Halle, so ein schrecklicher Vorfall ereignet
hat und sich die Anzahl von antisemitischen Anschlägen erhöht hat,
sei für sie sehr traurig: „Ich habe mein Leben lang gehört, dass
Deutschland ein gutes, schönes Land ist, dass die Literatur und
Geschichte Deutschlands enorm bedeutet ist, das die Sprache etwas
Besonderes ist.“ Das erste Buch, das der Vater ihr vorgelesen habe,
sei „Nathan der Weise“ gewesen. „Die Jahre 1933 bis 1945“,
habe man ihr gesagt, „sind nicht die Geschichte Deutschlands“.
Oft habe sie in New York dafür gestritten, dass Deutschland nun ein
Land sei, wo Juden sich sicher fühlen können.
Carol
Strauss geht es auch darum, dass Juden nicht ihre Identität
verlieren
Die
frühere Synagoge in Dortmund, die Synagoge ihrer Eltern und
Großeltern, „stand für etwas“, sagte Strauss, das „heute kaum
noch existiert: echtes, tiefes Bekenntnis zu glauben, dass der Mensch
sich bessern kann, das tägliches Benehmen eine tiefere Bedeutung hat
und dass alle in den Augen Gottes gleich sind.“
Dieser
Glaube sei offenbar „heute altmodisch“, merkte Carol Strauss,
bezugnehmend auf ihre Erfahrungen in den USA, an. Viel moderner sei
heute offenbar der politische Glaube. Juden und Christen stritten
sich in ganz anderem Kontext: Emigration, Rechte, Unrecht. Strauss
fehlt die Verbindung „zu unseren Texten mit den Philosophien, die
unsere jüdische Zivilisation ganz einzigartig mache“. Es gehe
darum, die Identität nicht zu verlieren. „Die Predigten, die meine
Eltern hier in der Synagoge gehört haben, sind ein Grundstein meiner
Erziehung“, erinnerte sich Carol Strauss.
Für
ihre Arbeit der Verständigung hat Carol Strauss 2005 das
Bundesverdienstkreuz und 2015 das Große Bundesverdienstkreuz der
Bundesrepublik erhalten.
Carol
Strauss ist darüber „beglückt“, dass das Bild „nun an diesem
Ort angekommen ist“
Für
Carol Strauss sei es eine besondere Ehre dieses Bild der Stadt
Dortmund zu übergeben, unterstrich sie „beglückt“ – vor allem
darüber, dass es nun „an diesem Ort angekommen ist“.
Zusammen
mit dessen Urheber, Alexander Dettmar, enthüllte Carol Strauss unter
dem Beifall der Anwesenden das auf einer Staffelei stehende Gemälde.
Der
Künstler Alexander Dettmar regte an: Warum nicht einfach die nächste
Schule in Dortmund nach Carol Strauss benennen?
Alexander
Dettmar hob in einer kurzen Rede hervor, dass Carol Strauss in ihrem
Institut immer dafür geworben habe, dass die ganze Besitze des Leo
Baeck Institutes zurück nach Deutschland kommen. In ihrem ganzen,
zupackenden Temperament stehe sie den Menschen im Ruhrgebiet in
nichts nach. Sie sei in ihrer Art hilfsbereit, direkt und ehrlich.
Warum,
fragte Dettmar fordernd, benenne man nicht einfach die nächste
Schule in Dortmund nach Carol Strauss?! Sie sei ein Mensch, der
Brücken baue. Gewiss käme sie dann auch gern nach Dortmund, um mit
den SchülerInnen zu sprechen. Sie hätte ihnen doch so viel zu
bieten, sagte der Künstler.
Oberbürgermeister
Ullrich Sierau schien dieser Idee gegenüber durchaus aufgeschlossen
zu sein.
Geflügelte
Nashörner als Geschenk an die Gäste aus den Händen des
Oberbürgermeisters
Als
Zeichen der Dankbarkeit und zur Erinnerung überreichte der
Oberbürgermeister der edlen Spenderin des Gemäldes, Carol Strauss,
ein Geflügeltes Nashorn: das Wappentier des Dortmunder
Konzerthauses. Das Nashorn, so Sierau, sei auch in Bezug gesetzt zur
sprichwörtlichen Dickköpfigkeit der Westfalen. Weil wir alle unsere
Projekte zum Fliegen brächten, habe das Nashorn Flügel, erklärte
der OB. Überdies überreichte Sierau dem Gast aus New York als ein
weiteres Stück Dortmund ein Foto, welches das Haus ihrer Familie mit
einem Firmenschild abbildet. Es hatte sich im Stadtarchiv gefunden.
Eine kleinere Ausführung des Geflügelten Nashorns bekam der
Künstler Alexander Dettmar zum Dank und als Erinnerung überreicht.
Ein
Trio von MusikerInnen des Dortmunder Philharmonischen Orchesters
bestritt die musikalischen Beiträge anlässlich des Empfangs im
Foyer des Opernhauses am Platz der Alten Synagoge.
Das als Schenkung von Carol Strauss an die Stadt Dortmund überreichte Gemälde wird zunächst im Theater Dortmund ausgestellt.
Pressemitteilung – Initiative in Gedenken an Oury Jalloh
– 28.10.19
Neues forensisch – radiologisches Gutachten im Fall Oury
Jalloh
“Nach Begutachtung der Bilddateien der Computertomographie vom 31.03.2005 des Leichnams des Oury Jalloh sind Knochenbrüche des Nasenbeins, der knöchernen Nasenscheidewand sowie ein Bruchsystem in das vordere Schädeldach sowie ein Bruch der 11. Rippe rechtsseitig nachweisbar. Es ist davon auszugehen, dass diese Veränderungen vor dem Todeseintritt entstanden sind.” 1 Sowohl die schwere Kopfverletzung, als auch die klar erkennbare und durch punktuelle Gewalteinwirkung gebrochene 11. rechte Rippe, legen den dringenden Verdacht nahe, dass Oury Jalloh von Polizeibeamten vor seinem Tod körperlich schwer misshandelt worden sein muss. Als Oury Jalloh am Morgen des 7. Januars 2005 von den Frauen der Stadtreinigung angetroffen wird, weist er keine offenkundigen Verletzungen im Gesicht oder am Oberkörper auf. Auch im Rahmen der Untersuchung durch den Polizeiarzt Dr. Blodau zwischen 9:15 und 9:30 Uhr werden keinerlei solche Verletzungen oder Symptome der nunmehr festgestellten Verletzungen am Körper oder im Gesicht von Oury Jalloh beschrieben. Deshalb ist davon auszugehen, dass sowohl der Nasenbein- und Schädelbasisbruch als auch die gebrochene 11. Rippe rechts im Zeitraum zwischen der Untersuchung durch Dr. Blodau und dem Ausbruch des Feuers in Zelle Nr. 5 entstanden seinmüssen. Die Einwirkungen der Gewalt waren sowohl im Gesicht, als auch im Bereich der 11. Rippe in einer Art und Weise punktuell bzw. fokussiert heftig, dass eine Selbstverletzung oder ein Sturz weitestgehend ausgeschlossen werden können. Eine Beifügung dieser Verletzungen durch Dritte ist damit naheliegend wahrscheinlich. Der Zeitraum in welchem Oury Jalloh die beschriebenen Verletzungen durch externe Gewalteinwirkung zugefügt worden sind, ist eindeutig eingrenzbar und liegt zwischen: 9:30 Uhrund 12:05 Uhr. Auch der Kreis möglicher Täter*innen ist eindeutig einzugrenzen – er beschränkt sich auf die im Polizeirevier Dessau anwesenden Personen mit Zugang zu den Zellen im Gewahrsamstrakt.
1Prof. Dr. Bodelle, “Fachradiologisches Gutachten”, 18.10.2019, S.13.
Die Digitalisierung führt zu einem
rasanten Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft. Dies zeigt sich
besonders deutlich in der Entwicklung der Plattformökonomie. Dort
manifestieren sich auch die sozialen Herausforderungen des digitalen
Kapitalismus, der in seiner jetzigen Ausgestaltung in Form eines
knallharten Neoliberalismus enorme Machtasymmetrien schafft. Was vor
allem den Shareholdern der Monopol-Plattformen, wie Google, Amazon
und Facebook, zugutekommt. Vergangenen Donnerstag hatte die
Friedrich-Ebert-Stiftung zu einer Podiumsdiskussion unter dem Titel
„Genossenschaften in der Plattformökonomie. Für mehr Solidarität
im digitalen Kapitalismus“ in den Westfälischen Industrieklub nach
Dortmund eingeladen. Der Termin war gut gewählt, findet doch nächste
Woche der Digitalgipfel der Bundesregierung in Dortmund statt.
Schwerpunkt werden dort digitale Plattformen sein.
Von links: Claudia Henke, Dr. Jan-Felix Schrape, Dr. Christian Tribowski, Markus Sauerhammer und Christina Kampmann. Fotos: C. Stille
Wenn entstehende Plattformen mehr
als Kopien bekannter Tech-Giganten sein wollen, braucht es eine
gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit Alternativen
In ihren einleitenden Worten zur
Podiumsdiskussion machte Henrike Allendorf von der
Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) darauf aufmerksam, dass digitale
Plattformen mittlerweile eine große wirtschaftliche Bedeutung haben.
Es sei in den letzten Jahren ein enormes Wachstum damit erreicht
worden. Unter den fünf größten Unternehmen der Welt seien
inzwischen drei digitale Plattformen – Facebook, Amazon und Google –
vertreten. Die erzielten enormen Profite kämen allerdings den
wenigen Plattformen und den Shareholdern zugute. Was nicht nur
politisch problematisch sei, sondern auch soziale Ungleichheiten
schaffe. Beleuchtet werden sollten an diesem Abend alternative
Organisationsformen für digitale Plattformen – Kooperativen oder
Genossenschaften. Die Diskussion um kooperative Plattformmodelle zum
jetzigen Zeitpunkt, so Allendorf, „ist umso wichtiger, da deutsche
und europäische Akteure im Vergleich mit den USA in der
Plattformökonomie noch eine marginale Rolle spielen“. Damit
künftig entstehende Plattformen mehr sind als Nachahmungen der
bekannten Tech-Giganten, brauche es eine gesellschaftliche und
politische Auseinandersetzung mit Alternativen. Allerdings sehen sich
solche Kooperativen oft politisch schwierigen Rahmenbedingungen
gegenüber.
Auswüchse in der Plattformökonomie
bringen Leute darauf, diese von den Bedürfnissen der Menschen her zu
denken
Den Impulsvortrag unter der Überschrift
„Solidarische
Plattformökonomie aber wie?“ wurde von Claudia
Henke, Mitbegründerin der Genossenschaft h3-o, aus Hamburg gehalten.
Sie verwies auf den Taxidienst Uber und deren App, die man in
unterschiedlichen Städten und Ländern nutzen könne. Auch auf
Amazon, wo man ja praktisch quasi fast alles bestellen könne.
Allerdings, merkte sie an, werde vergessen, dass wir als Nutzer
dieser Angebote gar nicht die Kunden sind: „Sondern wir sind das
Produkt. Wir sind die Ware.“ Schließlich würden unsere
persönlichen Daten gesammelt. Und wir wüssten weder was mit ihnen
passiere, noch hätten wir Einfluss darauf. Ebenfalls sei es auch
nicht so toll, wenn man in der Plattformökonomie arbeite. Etwa könne
Uber seine Bestimmungen ständig ändern, ohne das die
Uber-FahrerInnen etwas dagegen tun könnten. Auch falle es schwer
sich untereinander solidarisieren. Denn man wisse doch überhaupt
nicht wer noch für Uber fahre. Diese Plattformökonomien
verursachten massive Einwirkungen auf unsere Gesellschaft. Amazon
verändere unsere Innenstädte ungemein. Der Wohnungsvermittler
Airbnb habe negative Auswirkungen auf den kompletten Wohnungsmarkt.
Diese Auswüchse brächten jedoch Leute auch auf Ideen, wie man
Plattformökonomie auch anders denken könne. Henke: „Und
tatsächlich wieder von den Bedürfnissen der Menschen her. Und: Wie
könne man sie fairer gestalten?“ Eine demokratische Organisation
sollte es sein.
Als Beispiel nannte Henke Fairbnb, das
eine Alternative zu Airbnb sein will. Da soll darauf geachtet werden,
dass eine Wohnung nur im Falle der eigenen Abwesenheit vermietet
wird. Und Wohnraum nicht dem Wohnungsmarkt entzogen wird, wie das
mittlerweile via Airnbnb geschieht. Und Fairbnb will fünfzig Prozent
der Einnahmen sozialen Initiativen, die sich mit fairem Tourismus
auseinandersetzen, zur Verfügung stellen.
„Das gleiche Geschäft, aber in
fair“
Ein anderer Fall, so Claudia Henke, ist
der britische Online-Lieferdienst Deliveroo. Ende August entschied
sich der Lieferdienst ad hoc aus Deutschland zurückzuziehen. Wohl
hauptsächlich deshalb, um Betriebsräte zu verhindern. Die
Fahrradkuriere waren davon Ende August förmlich überrumpelt worden.
Doch sie hätten sich z.B. in Berlin auf unterschiedliche Weise
zusammengetan, um weiterzumachen. Diejenigen, erzählte Claudia
Henke, die schon gestartet sind, hätten tatsächlich Aufträge
bekommen. Organisiert vorerst über Kurznachrichtendienste.
Alternativen seien also durchaus möglich: „Das gleiche Geschäft,
aber in fair.“ Das möglicherweise ein Modellprojekt für andere
Plattformen sein könnte, findet Henke.
Herausforderungen
Auf solche Alternativen kämen jedoch
Herausforderungen bezüglich des Wachstumsmodells Plattformökonomie
zu. Es bräuchte natürlich eine Rechtsform. Ein Teil der
Essensauslieferer auf Rädern habe sich zusammengesetzt und sei dabei
auf die Rechtsform Genossenschaft gekommen. Doch letztendlich
entschieden sie sich dagegen und stattdessen für eine
Unternehmergesellschaft (UG, haftungsbeschränkt).
Henke hat festgestellt, dass die
Rechtsform Genossenschaft in Deutschland geradezu vergessen ist.
Selbst die Finanzämter seien zuweilen damit überfordert. Zum
Vergleich: In Italien gibt es 80.000, in Deutschland nur 8000
Genossenschaften, von denen 1500 inaktiv sind.
Claudia Henke: Ein „historisches
Zeitfenster für Innovation ist momentan geöffnet
Claudia Henke spricht bezüglich des
Aufbaus einer solchen Plattform von einer „sozialen Innovation“.
Was heiße, dass sie der Gesellschaft nütze und andere Dynamiken
erzeuge. Zunächst bräuchte Experimentierräume und einen Prototyp.
Und erklärte: „Das Internet ist zum Beispiel eine soziale
Innovation.“
Claudia Henke machte darauf aufmerksam,
dass wir es momentan mit einem „spannenden Zeitraum“ zu tun habe
– es „ein historisches Zeitfenster“ für Innovation geöffnet
sei. Und diese Innovation könne „unglaublich viel verändern“.
Wir hätten die Akteure und das Knowhow. Was uns hindere seien die
Rahmenbedingungen in Deutschland.
Podiumsdiskussion mit kompetenten
Gästen
Für die Podiumsdiskussion hatte man
interessante und kompetente Gäste gewonnen, welche Moderator Dr.
Christian Tribowski (Handelsblatt Research Institute) vorstellte:
Von links: Claudia Henke, Dr. Jan-Felix Schrape, Dr. Christian Tribowksi, Christina Kampmann und Markus Sauerhammer.
Die bereits erwähnte Claudia Henke,
Dr. Jan-Felix Schrape, Akademischer Mitarbeiter an der Universität
Stuttgart, Institut für Sozialwissenschaften, Christina Kampmann,
MdL NRW, Sprecherin im Ausschuss für Digitalisierung und Innovation,
in der NRW-Landesregierung Kraft Familienministerin sowie Markus
Sauerhammer (Vorstand Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e.
V.) mit spannender Biografie: von der Hauptschule zum Landwirt, dann
über Umwege zum Startup-Business und anschließendes Studium.
Christina Kampmann: Die Politik muss
Machtasymmetrien reduzieren und digitales Prekariat verhindern
Christina Kampmann lobte die
Ursprungsideen vieler hier bereits erwähnter digitaler Plattformen.
Doch der Politik falle die Aufgabe zu die negativen
Begleiterscheinungen – wie die Machtasymmetrien – so zu
reduzieren, dass die Vorteile überwiegen, die Macht fairer verteilt
und digitales Prekariat verhindert werde.
Markus Sauerhammer: „Wir brauchen
vernünftige Rahmenbedingungen, um frei experimentieren zu können
Markus Sauerhammer meinte, es bräuchte
dringend auch Pioniere und Leute, die ein Risiko nicht scheuten, um
solche Plattformen ins Werk zu setzen und gab zu bedenken: „Wer
leugnet, dass die Welt gerade im Umbruch ist, der schaut nicht die
globale Entwicklung an. Wir brauchen vernünftige Rahmenbedingungen,
um frei experimentieren zu können.“
Claudia Henke ergänzte: „Wir
brauchen auch für Genossenschaften eine digitale Agenda.“
„Wir hören einander nicht mehr zu.
Jeder glaubt er weiß es besser zu wissen. Wir müssen die Probleme
beim Namen nennen, um gemeinsam auf Lösungen hinzu zu arbeiten und
die Leute sie ausprobieren können“, setzte Markus Sauerhammer
hinzu.
Vonnöten ist eine längerfristige
Förderung, eine gesellschaftliche Debatte „ohne Scheuklappen“ zu
führen und ein „Revival der Genossenschaft“ begrüßenswert
Dr. Jan-Felix Schrape sah eine
dauerhafte längerfristige Förderung über die typischen
Förderperioden hinaus dringend vonnöten. Dabei müsse eben auch in
Kauf genommen werden, dass neun von zehn Projekten vielleicht nicht
funktionierten.
Christina Kampmann regte an, einmal
eine gesellschaftliche Debatte „ohne Scheuklappen“ darüber zu
führen, was wir zwischen den Polen Kapitalismus und Sozialismus für
eine Wirtschaft wir eigentlich haben wollen, „die sich wirklich an
den Menschen orientiert“. Kampmann würde sich über ein „Revival
der Genossenschaft“ freuen.
Forderungen an den Digital-Gipfel
der Bundesregierung
Die vom Moderator den Gästen
abverlangten Forderungen an den nächste Woche in Dortmund
stattfindenden Digital-Gipfel der Bundesregierung lauten: Wenn die
Bundesregierung ständig von der Digitalisierung rede, so Markus
Sauerhammer, dann müsste endlich auch die digitalen Plattform als
Baustein dabei sein, „sonst lügen sie“. Auch für Christina
Kampmann ist klar, dass Genossenschaftsgedanke diesbezüglich dort
auch wieder „sexy gemacht“ werden müsse.
Der Digital-Gipfel könne einen Beitrag
dazu leisten.
Sicher ist sich auch Jan-Felix Schrape,
dass sich der Digital-Gipfel nicht nur mit der Regulierung von großen
Plattformen sondern auch mit der Förderungen von Alternativen
auseinandersetzen muss, weil ansonsten der Verbraucher auch nicht
wählen könne.
Er fände es auch begrüßenswert, wenn
die SPD das Thema in ihr nächstes Bundestagswahlprogramm aufnähme.
Fragen und Anregungen aus dem
Publikum
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion
konnten aus dem Publikum noch diverse, in der Sache interessante,
Fragen rundum das Thema Genossenschaften und digitalen Plattformen an
die Gäste gestellt werden. Belichtet wurde ebenfalls der kritische
Gedanke, dass durchaus nicht alle Genossenschaften empfehlenswert
sind. Eine Genossenschaft ist immer nur so gut, wie die Leute, die da
drin sind“, merkte Claudia Henke an. Und es freilich auch Fälle
gegeben hat, wo sich Menschen in Genossenschaften bereichert hätten.
Gemeinwohlorientierung benötige auch Kontrolle. Durchaus, hieß es,
hätten grundsätzlich auch öffentlich-rechtliche Regelungen ihren
Platz in der Gesellschaft. Auch einige Anregungen kamen aus dem
Auditorium, welche die Gäste auf dem Podium dankbar aufnahmen.
Digital-Gipfel der Bundesregierung nächste Woche in Dortmund.
Am Donnerstagnachmittag kamen
anlässlich de UNO-Welttags zur Beseitigung großer Armut
VertreterInnen von Dortmunder Hilfseinrichtung an den Rathaustreppen
zusammen. Vertreten waren das Gast-Haus, die Kana Suppenküche, die
Suppenküche Wichern und der Verein bodo e.V. Sie beteiligten sich
gemeinsam an der Kundgebung vorm Dortmunder Rathaus, um auf die
Situation der Wohnungslosen in Dortmund aufmerksam zu machen.
Die KundgebungsteilnehmerInnen. Fotos: Claus Stille
Dortmund zählt aktuell rund 1.400
Wohnungslose: Menschen, die keine eigene Wohnung haben, weil es keine
bezahlbare Wohnung für sie gibt. Dazu kommen noch einige hundert
Menschen, die ohne Obdach komplett auf der Straße leben. Die Stadt
will die Wohnungslosenhilfe zwar weiter ausbauen, doch noch immer ist
manches Zukunftsmusik. Zum Beispiel fehlen neue Unterkünfte.
Wohin im Winter? Alexandra Gehrhardt
(bodo) zur aktuellen Lage
Mit dem Nahen der kalten Jahreszeit
stehen viele Menschen ohne eine Wohnung auch in diesem Jahr wieder
vor der Frage: Wohin im Winter?
Alexandra Gehrhardt von bodo e.V.
informierte die vorm Rathaus versammelten Menschen über die
aktuelle Lage. Demnach gibt derzeit in Dortmund 1.400 Wohnungslose
(die im Hilfesystem überhaupt ankommen), welche sich auf dem Markt
keine Wohnung besorgen können. Alexandra Gehrhardt beklagte einen
starken Anstieg der Wohnungslosen. Noch vor zwei Jahren seien es
weniger als die Hälfte gewesen. Zum einen läge das an der
Statistik, weil seit diesem Jahr auch geflüchtete Menschen in diese
einflössen. Welche nach ihrer Anerkennung eigentlich eine Wohung
haben müssten, sich aber am Wohnungsmarkt nicht versorgen können.
Vor zwei Jahren seien das schon fast tausend gewesen.
Nichtsdestotrotz müsse festgestellt werden, dass die Gesamtzahl der
Wohnungslosen auch ohne die Flüchtlinge anwachse.
Die Stadt hat ein Konzept zur Weiterentwicklung der Wohnungslosenhilfe, doch vieles davon ist „noch Zukunftsmusik
Im Jahr 2018, so Gerhardt, habe die
Stadt ein Konzept über eine Weiterentwicklung der Wohnungslosenhilfe
beschlossen. Demnach solle es mehr und auch neue Unterkunftsplätze
geben und eine bessere Begleitung von wohnungslosen Menschen
erfolgen. Lange Zeit sei ein Kritikpunkt die veraltete
Männerübernachtungsstelle mit viel zu wenig Übernachtungsplätzen
(sechs bis acht Männer in einem Zimmer) gewesen. Seit Anfang des
Jahres gibt es nun ein neues etwas komfortableres Gebäude. Die
Frauenübernachtungsstelle sei über viele Jahre hinweg „aus allen
Nähten“ geplatzt. Sie soll nun im kommenden Jahr an einen neuen
Standort nach Hörde umziehen und ebenfalls einige zusätzlich Plätze
bekommen. Ändern solle sich auch etwas am System der
Wohnungslosenhilfe. Ziel der Stadt sei es, die Menschen, die früher
zum Teil Monate in den Notunterkünften verbracht hätten, in einer
recht kurzen Zeit in Wohnungen gebracht werden. Die Stadt habe einen
großen Pool an Notwohnungen – ungefähr 700 an der Zahl – über
die sie verfügen kann. Allerdings, schränkte Alexandra Gerhrhardt
ein, sei vieles davon eben „noch Zukunftsmusik“. Die neue
Frauenübernachtungsstelle werde erst nächstes Jahr fertiggestellt
sein. Die zwei geplanten Übernachtungsstellen, einmal für
suchterkrankte Menschen und einmal für junge Erwachsene gebe es auch
noch nicht. Die für Suchterkrankte soll erst 2020 fertig sein. Wie
mit der für junge Erwachsene aussehe, sei überhaupt noch nicht
klar. Keiner wisse, wer die betreiben soll und wie viel Plätze die
haben werde.
Alexandra Gehrhardt (bodo)
Eigentlich, kritisierte Gerhardt,
bräuchte man diese Plätze jetzt, denn der Winter stehe jetzt vor
der Tür.
Außerdem bestünden in diesem
städtischen Wohnungshilfesystem Ausschlüsse: „Die Angebote sind
für Dortmunderinnen und Dortmunder.“ Und nicht für Menschen,
welche aus einem anderen EU-Land kommen und in Deutschland keinen
Leistungsanspruch haben. Auch seien in den Notunterkünften keine
Hunde erlaubt. Aber oft hätten Wohnungslose, die draußen lebten,
Hunde. Diese Menschen täten sich verständlicherweise schwer damit
ihren Hund abzugeben. Man erhebe die Forderung, dass die Angebote so
gestaltet würden, wie die Menschen sie brauchten.
Eine Studie der Fachhochschule
ergab: Es gibt noch viel mehr Wohnungslose
Steffi Szczepanek und Tim Sonnenberg
von der Fachhochschule Dortmund erstatteten Bericht über die
wichtige, von 80 freiwilligen ihrer StudentInnen, angehende
SozialarbeiterInnen, erstellten Studie vom Mai diesen Jahres. Die
StudentInnen hätten es nämlich unternommen, diejenigen
Wohnungslosen zu zählen, welche nicht in den Hilfeeinrichtungen bzw.
dem Hilfesystem auftauchen. Zusätzlich zu diesen 1.400 Menschen
seien noch einmal 600 Wohnungslose festgestellt worden. Allerdings
sei abzuschätzen, dass es darüber hinaus noch wesentlich mehr
seien. Tim Sonnenberg geht von einem vierstelligen Bereich aus. Kaum
erreicht habe man Menschen mit Roma-Hintergrund und auch wenig
Personen mit bestimmtem Migrationshintergrund aufgrund der
Sprachbarriere. Die ausführenden StudentInnen, berichtete Steffi
Szczepanek, haben festgestellt, dass die von ihnen befragten
Wohnungslosen sehr viel zu sagen gehabt hätten.
Von links: Alexandra Gehrhardt, Steffi Szczepanek und Tim Sonnenberg.
Wohnungslosen auf Augenhöhe
begegnen und ihnen Anerkennung entgegenzubringen. Tim Sonnenberg:
„Das ist mehr als nur ein Schlafplatz“
Die StudentInnen seien sehr ge- und
betroffen von diesem Begegnungen gewesen. Viele von denen seien
inzwischen ehrenamtlich in dem Bereich tätig. Einer der größten
Wünsche, die die Wohnungslosen gegenüber den StudentInnen geäußert
hätten, habe der Menschenwürde gegolten. Die Menschen wollten, dass
man ihnen zuhöre. Dafür hätten sie sich gegenüber den
StudentInnen sehr dankbar gezeigt. Fazit von Tim Sonnenberg: Es gehe
nicht darum den Menschen nur etwas zu essen zu geben. „Es geht
darum sie auf Augenhöhe zu sehen und sie als Menschen wahrzunehmen.
Es geht nicht darum die Leute nur zu verwalten.“ Es gehe um deren
Würde. Und Anerkennung müsse ihnen entgegengebracht werden.
Sonnenberg: „Das ist mehr als nur ein Schlafplatz.“
Das Gast-Haus wird auch in diesem
Winter die Winternothilfe über warme Decken und Schlafdecken hinaus
anzubieten versuchen
Ganz schwer sei es, so Kathrin
Lauterbach vom Gast-Haus statt Bank e.V. , die Menschen im Winter in
die Kälte ziehen zu lassen, wenn ihr Einrichtung schlösse. Im
letzten Jahr hätten alle Dortmunder Initiativen über zehntausend
Schlafsäcke verteilt. Woran man den Bedarf sehe. Würden die
Schlafsäcke draußen nass, seien sie unbrauchbar. Bei Minusgraden
habe man im vergangenem Jahr erstmals das Gast-Haus geöffnet. In der
ersten Etage sei eine „bedingungslose Winternotübernachtung“ –
auch mit Hund – angeboten worden. Toilettenbenutzung und warmes
Duschen wurden ermöglicht. Im Vorhinein geäußerte Bedenken hätten
sich nicht bestätigt. In diesem Jahr habe man vor die Winternothilfe
über warme Getränke und Schlafdecken hinaus
abermals anzubieten.
Kathrin Lauterbach: Wir müssen auch
in unserer Stadt gemeinsam über eine große Winternothilfe – wie
es sie in Köln, Hamburg und Berlin gibt – nachdenken
Allerdings, regte Kathrin Lauterbach
an, müsse einmal gemeinsam darüber nachgedacht werden, warum es
unserer Stadt keine große Winternothilfe gibt, wie in anderen
Städten. Lauterbach nannte als Beispiel Köln, Hamburg und Berlin,
wo es im Winter etwa tausend Extraschlafplätze gibt.
Niedrigschwellige Angebote, die einfach dazu dienten, dass Menschen
bei Minusgraden nicht draußen schlafen müssen. Man wolle einfach
noch einmal das Bewusstsein dafür schärfen, „dass im Winter
unsere Gäste nicht gut versorgt sind“. Es gebe immer weniger
Leerstand in der Stadt und kaum noch wind- und wettergeschützte
Stellen, wo Wohnungslose einen trockenen Unterschlupf finden könnten.
Lauterbach machte klar, dass man diesbezüglich seine Stimme erheben
müsse: „Und wir sind die Stimme unserer Gäste.“
Kathrin Lauterbach (Gast-Haus).
Skandalöse Zustände angesichts
steigendem Reichtums in unserem Land, das sich der Menschenwürde
verpflichtet hat
Die Bundesarbeitsgemeinschaft
Wohnungslosenhilfe (BAGW) schätzt aufgrund aktueller Zahlen, dass im
Jahr 2017 etwa 440.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung waren.
Für 2019 zählt die aktuelle Wohnungsnotfallberichterstattung für
NRW 44.434 wohnungslose Menschen. Das ist ein Anstieg von fast 40
Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mehr als 48.000 Menschen leben
bundesweit ohne jede Unterkunft auf der Straße. Von ihnen starben im
vergangenen Winter mindestens 12 in Folge von Unterkühlung.
In der Erklärung (siehe unten) von
Suppenküchen und Tagestreffs in NRW zum „Welttag zur Bekämpfung
großer Armut“ am 17. Oktober 2019 heißt es: „Angesichts
steigendem Reichtums in unserem Land sind diese Zustände nicht nur
skandalös, sondern schlichtweg unnötig, vermeidbar und in einem
Land, das sich der Menschenwürde verpflichtet hat, nicht länger
hinnehmbar.
Peter Sturm.
Die Kundgebung am Dortmunder Rathaus
musikalisch begleitet hat Peter Sturm mit gesellschaftskritischen
Liedern zur Gitarre. Zum Ausklang wurde Kaffee und Kuchen angeboten.
Vertreter der Jungen Borussen (JuBos) übergaben an Bernd Büscher
(Kana-Suppenküche) vier Schlafsäcke als Spende. Bernd Büscher
moderierte die Kundgebung. Er bedankte sich herzlich dafür, dass
sich in diesem Jahr weitere Hilfeeinrichtungen beteiligten und
reichlich Interessierte erschienen waren.
Bernd Büscher (links) bedankt sich für die Schlafsack-Spenden der Jubos.
Erklärung von Suppenküchen und
Tagestreffs in NRW zum „Welttag zur Bekämpfung großer Armut“
am 17. Oktober 2019
Die Bundesarbeitsgemeinschaft
Wohnungslosenhilfe (BAGW) schätzt aufgrund aktueller Zahlen, dass im
Jahr 2017 etwa 440.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung waren.
44.434 wohnungslose Menschen zählt die aktuelle
Wohnungsnotfallberichterstattung 2019 für NRW, ein Anstieg von fast
40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mehr als 48.000 Menschen
bundesweit leben ohne jede Unterkunft auf der Straße. Von ihnen
starben im vergangenen Winter mindestens 12 in Folge von
Unterkühlung. Angesichts steigenden Reichtums in unserem Land sind
diese Zustände nicht nur skandalös, sondern schlichtweg unnötig,
vermeidbar und in einem Land, das sich der Menschenwürde verpflichtet
hat, nicht länger hinnehmbar. Am 17. Oktober 2019, dem von den
Vereinten Nationen ausgerufenen „Welttag zur Bekämpfung großer
Armut“, wenden wir uns deshalb mit dieser Erklärung an die
Öffentlichkeit und die politisch Verantwortlichen. Wir werden
unseren Forderungen durch Aktionen in einigen Städten
Nordrhein-Westfalens Nachdruck verleihen. Wir Suppenküchen und
Tagestreffpunkte bilden ein „Netzwerk der Gastfreundschaft“. Wir
wollen Menschen in schweren, scheinbar ausweglosen Lebenssituationen
– ohne sie nach Herkunft, Alter, Geschlecht oder sonstigen äußeren
Merkmalen zu kategorisieren – einen Ort des respektvollen Willkommens
bieten. Bei uns bekommen Arme und Obdachlose nicht nur Essen,
Kleidung oder medizinische Versorgung, sondern fassen auch neuen Mut.
Sie erleben, dass sie in ihrer Menschenwürde wahrgenommen werden,
dass sich andere mit ihnen für eine gerechtere Welt einsetzen. In
diesem Sinne verstehen wir Initiativen uns als „Stachel im Fleisch“
der Gesellschaft. Wir wollen nicht zulassen, dass immer noch Menschen
in Not kein Dach über dem Kopf haben, dass in unseren Innenstädten
kein Platz ist für die Gesichter der Armut.
Wir fordern:
– Keine Vertreibung! Unsere
Gäste sind keine Menschen zweiter Klasse, nur weil sie arm und
obdachlos sind. Sie haben ein Recht auf Teilhabe am öffentlichen
Leben und auf den Aufenthalt auf öffentlichen Straßen und
Plätzen. – Öffnung von geschützten, trockenen öffentlichen
Räumen bei Minustemperaturen! Eine U-Bahn-Station ist keine Wohnung,
ein Schlafsack ist kein Bett – dennoch können großräumige,
niedrigschwellige Angebote wie z.B. Bahnhöfe, Turnhallen, Kirchen
oder Wohncontainer für obdachlose Menschen in kalten Winternächten
überlebensnotwendig sein. – Unterbringung an den Bedürfnissen
der Betroffenen ausrichten! Wer einen Schlafplatz braucht, muss einen
bekommen – ohne Ämtergänge, ohne Kostenträger. Neben bestehenden
Angeboten wie städtischen Übernachtungsstellen, Beratungs- und
Wiedereingliederungshilfen müssen erfolgreiche Ansätze wie „Housing
First!“ verstärkt entwickelt und verwirklicht werden. –
Bezahlbaren Wohnraum schaffen! Die Anzahl der Sozialwohnungen hat
sich seit 2006 halbiert. Eine soziale Wohnungspolitik muss angesichts
explodierender Mieten in den großen Städten diesen Trend stoppen
und sich auch an den Bedürfnissen der schwächsten Mitglieder der
Gesellschaft orientieren.
In diesem Blog werden montags selbst verfasste Gedichte veröffentlicht und je nach Anlass Gedanken übers Zeitgeschehen festgehalten. Im Ganzen behandelt der Blog Ansichten und Eindrücke über Politik, Gesellschaft, Alltag, Liebe und (Pop-)Kultur. Respekt, Hoffnung, Nachdenklichkeit, Friedensfähigkeit und Menschlichkeit werden diesen Blog kennzeichnen.