Ruhrtriennale: Tjerk Ridder gastierte mit „Spuren der Freiheit“ im Refektorium

Musizierten brillant: Konrad Koselleck, Tjerk Ridder und Jochem Braat (v.ln.r). Fotos: C.-D. Stille

Musizierten brillant: Konrad Koselleck, Tjerk Ridder und Jochem Braat (v.ln.r). Fotos: C.-D. Stille

Das Ende des Zweiten Weltkrieges liegt 71 Jahre zurück. Die Unterzeichnung des Schengener Abkommens ist 31 Jahre her. Im Jahre 2015 beginnen der niederländische Theatermacher und Musiker Tjerk Ridder und sein Pferd Elvi eine Reise durch Europa, die sie zu den verschiedensten Europäern führt. Auch durch das kleine Schengen ritt Ridder damals.

Tjerk Ridders Reise ist ein Prozess. Nun führte sie ihn erstmals nach Bochum

Vergangenen Freitag gastierte der Künstler aus Utrecht bei der Ruhrtriennale in Bochum. Und zwar im Refektorium auf dem Vorplatz der Jahrhunderthalle. Tjerk Ridders „Reise ist ein Prozess’“, so stand es in der Ankündigung zu seiner Performance, „der sich immer weiter fortsetzt, 20160923_183742unterwegs und auf der Bühne. Inzwischen hat Ridder mit vielen unterschiedlichen Menschen aus diversen Ländern über ihre persönliche Freiheit gesprochen. In dieser theatralen Begegnung erzählt und singt Tjerk Ridder über diese berührenden wie inspirierenden Erfahrungen auf den Spuren des vereinten Europa und mit den Menschen, die es bevölkern.“ Ridder konnte aus einer Vielzahl an Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen in den Niederlanden und Nachbarländern interessante Meinungen gewinnen und mithin interessante persönliche Lebensweisheiten aufzeichnen. Aus dem unterwegs Erlebten konzipierte er eine reflektierende theatrale Performance.

Erfolgreich schon mit „Anhängerkupplung gesucht!“

Dem deutschen Publikum, besonders dem im Ruhrgebiet – das er, samt seines Menschenschlages ins Herz geschlossen hat – ist Tjerk Ridder kein Unbekannter. Hier fand er vor zwei Jahren auf der Zeche Zollverein begeisterte Aufnahme mit seinem Multimediaprojekt „Anhängerkupplung gesucht!“.

Mit einer leicht umgebauten Fassung mit „Spuren der Freiheit“ im Refektorium an der Jahrhunderthalle Bochum

Die aktuelle Performance lebt von einer behutsam zusammengestellten und in der Umsetzung (von mir am 2. Dezember 2015 im Theater in der Paardenkathedraal Utrecht gesehenen Voraufführung „Sporen van Vrijheid“) weitgehend überzeugen könnenden Kombination aus Erzählungen und Liedern, die mit dem on the road im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Kutschbock im Gespräch mit Mitfahrerinnen und Mitfahrern Erfahrenem – gezogen vom Arbeitspferd Elvi – bestens korrespondieren.

Letzten Freitag nun ist Tjerk Ridder mit „Spuren der Freiheit“ in Deutschland angekommen. Mit einer von Ablauf und Inhalt leicht umgebauten Show. Er kommunizierte mit seinem Publikum in deutscher Sprache. Auch wurden einige Lieder auf Deutsch vorgetragen. Ein Lied war eigens

Einfühlsames Zusammenspiel.

Einfühlsames Zusammenspiel.

kurzfristig in der Sprache des Gastlandes geschrieben worden. Hingegen waren einige Videos in den denen Niederländisch gesprochen wird mit englischen Untertiteln versehen. Was der Sache keinen Abbruch tat: Das Wesentliche dürfte vom Publikum gut verstanden worden sein. Selbiges gilt gewiss auch für den Inhalt des Gespräches, das Tjerk Ridder während einer Kutschfahrt durch Utrecht mit dem Nobelpreisträger Muhammad Yunus auf Englisch geführt und in einem Video aufgezeichnet hat. Einem Mann, so Tjerk Ridder, der „von einer Welt ohne Armut träumte“ und sich für Mikrokredite stark gemacht habe.

Ebenfalls wich die Besetzung der Instrumentalisten in Bochum von der in Utrecht erlebten ab. Neben Tjerk Ridder (Gesang und Gitarre) brillierten auf dem Akkordeon und der Klarinette Jochem Braat und Konrad Koselleck (Bass) in der intimen Atmosphäre, die das Refektorium bietet: Die Zuschauer – mit Getränk oder ohne – hatten an Tischen in unmittelbarer Nähe der kleinen Bühne des aus Holz gebauten Gebäudes Platz genommen.

Was ist Freiheit, was Unfreiheit?

Ridders Lieder rankten sich alle ums Thema Freiheit. Er berichtete von seine Reise durch Europa im Jahr 2015. Und darüber, wie ihm dabei die im vergangenen Jahr nach Europa gekommenen Flüchtlinge immer wieder in den Sinn gekommen waren. Für jeden Menschen bedeutet Freiheit etwas anderes. Das gilt für die Menschen, die Ridder auf seiner Reise traf. Wie für die Geflüchteten, die ihr Leben retten konnten.

Immer wieder gab es zwischen den Liedern kleine Einschübe, um mit dem Publikum zum Thema Freiheit respektive Unfreiheit ins Gespräch zu kommen. Freiheit bedeutet für die Eine ungestört oder einsam zu sein. Vielleicht am Meer. Unfreiheit bedeutet für eine andere Besucherin Bewertungen (bei Prüfungen oder vom Chef) zu unterliegen. Ein Herr benennt das Fehlen von Freiheit in Zeiten von Arbeitslosigkeit. Auch Perspektivlosigkeit und Angst schränke Freiheit sein, wirft jemand anderes ein. Ridder: „Ja, Angst blockiert.“ Eine Dame sinnierte: „Vielleicht muss man erst mal die Unfreiheit erleben, um Freiheit schätzen zu können?“ Und es war zu hören: „Freiheit ist nicht selbstverständlich. Freiheit hat auch Grenzen.“ Zum Beispiel wenn die Freiheit des Anderen eingeschränkt werde. Und ja, auch das liegt auf der Hand: „Soziale Unsicherheit macht unfrei.“

Spring!

Freiheit zu erlangen bedeutet gewiss auch ein Selbstbewusstsein zu entwickeln. Jeder, daran erinnerte Ridder, kenne wohl das Gefühl sich zu überwinden. Und wisse wie schwer das ist. Habe Niederlagen erlitten, weil man sich nicht traute. Das kann der Sprung vom Zehnmeterbrett im Schwimmbad, das Erklettern eines Baumes oder etwas anderes sein vor dem man sich ängstigt es zu tun. Seine eigene Erfahrungen damit verarbeitet haben schrieb er bereits für „Anhängerkupplung gesucht!“ den Titel „Spring“, welcher nun – passenderweise – auch Eingang in dieses Programm gefunden hat.

In einem anderen Part fragte sich Ridder: Was macht mich groß? Was macht mich groß? Was macht mich froh?

Ein besinnlicher Abend

„Tjerk Ridder – Spuren der Freiheit“, einmal mehr ein besonderer, warmer, herzlicher, aber auch nachdenklich stimmender Theaterabend, konzipiert von dem sympathischen Theatermacher und Sänger aus den Niederlanden. Eine theatrale Performance, welche womöglich den einen oder anderen

Dreh dich nach der Sonne!

Dreh dich nach der Sonne!

im Publikum auch Mut machen konnte, dem nicht selten mit Fallstricken durchzogenem Leben aufs Neue zu trotzen. Nach dem Motto: Spring – ins Leben hinein. Wieder hatte Tjerk Ridder Tütchen Sonnenblumensamen (siehe Foto) dabei. Schließlich dreht sich die Sonnenblume immer nach dem Licht. Das sollten wir auch versuchen, meint der Theaterkünstler aus Utrecht. Wenn uns die Freiheit dazu gegeben ist.

Hommage an Utrecht: „Domstad“

Als Zugabe besang Tjerk Ridder, begleitet von seinen hervorragenden Musikerkollegen, dann mit „Domstad“ noch seine geliebte Heimatstadt Utrecht. Und als Zuschauer hätte man sich danach am liebsten gleich dorthin aufgemacht. Um am nächstem Morgen den hoch in den Himmel über der Stadt ragenden Dom zu besuchen. Und hernach eine Fahrt durch die Grachten der niederländischen Stadt zu unternehmen …

Ein Bild gelebten Europas in Bochum

Von Herzen kommender Applaus belohnte die niederländische Künstler. Mit einigen Zuschauerinnen und Zuschauern kam Tjerk Ridder dann noch

Wohl verdienter Applaus.

Wohl verdienter Applaus.

ins persönliche Gespräch. Besinnlich war dieser Abend und auch hier und da von Melancholie durchströmt. Auch wurde gelacht. Ein Abend – da bin ich sicher, der nachwirkt. Man kam aus unterschiedlichen Ländern zusammen, sprach über ein so wichtiges Thema wie Freiheit und verstand sich. Da hat sich für gute sechzig Minuten ein Bild von einem gelebten Europa der Menschen gezeigt. Das Gegenteil von dem aber auch, wie sich gegenwärtig das politische Europa – sinnentleert und im Niedergang begriffen? – jammervoll präsentiert.

„Anhängerkupplung gesucht!“ – Die Multimediashow im November zurück auf Zeche Zollverein in Essen

Tjerk Ridder 2010 auf dem Balkan; Foto: Peter Bijl

Tjerk Ridder 2010 auf dem Balkan. Auto Kuka heißt Anhängerkupplung in der Landessprache; Foto: Peter Bijl

Den Täter, heißt es,zieht es immer zum Tatort zurück. „Täter“ führt in diesem Falle möglicherweise auf die falsche Spur. Obwohl der niederländische Liedermacher, Theaterkünstler und Schriftsteller eine nicht gerade unbedeutende Tat vollbracht hat. Mit einem Eriba-Campingwagen trampte der Utrechter sage und schreibe 3.700 Kilometer von seiner Heimatstadt bis ins ferne Istanbul! Wahrlich kein Pappenstiel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Ridder ohne Zugfahrzeug trampte. Drei Monate lang trampte er durch Europa. (Dazu mein Artikel für die Istanbul Post vom Februar 2010) Ridders Projekt folgte der Philosophie „Man braucht andere, um voranzukommen“. Tjerk Ridder trmpte 2010 von Utrecht aus durch insgesamt acht Länder, unter anderem durch die drei damaligen Kulturhauptstädte Europas: Essen, Pécs und Istanbul. Es sollte eine außergewöhnliche Tour werden.

53 Fahrer brachten den Niederländer voran

Es war ein Sprung ins Ungewisse, eine Begegnung mit eigenen und fremden Grenzen, eine Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen im heutigen Europa. 53 Fahrer hakten den Niederländer an. Dank ihnen konnte er sein Ziel am Bosporus erreichen.

Für Tjerk Ridder spricht von „purer Magie“, wenn er an die Menschen aus dem Revier denkt

Erstes Etappenziel dieser außergewöhnlichen Reise im Jahr 2010 war das UNESCO-Welterbe Zollverein. Auf dem Rückweg war es für Tjerk Ridder damals im Sommer selben Jahres selbstverständlich wieder auf Zollverein Station zu machen. Überhaupt hat Ridder das Ruhrgebiet und seine herzlichen Menschen ins Herz geschlossen. Für das Erzählprojekt „Mein Zollverein“ goss er seine Erfahrungen, die er im Pott gemacht hat in einen Text: „Tief be-Ruhr-t“ – eine persönliche Hommage an das Ruhrgebiet. Sowie das Stück „Befrei mich“. Noch heute spricht Tjerk Ridder von „purer Magie“, wenn er an die Menschen denkt, die er im Revier kennenlernte.
Seither war Tjerk Ridder, Hundchen Dachs darf dabei nicht fehlen, öfters auf der einst modernsten Kohlenzeche der Welt auf Zollverein. Kürzlich kam er wieder zu einem Pressetermin nach Essen.

Zur ExtraSchicht 2014 „Anhängerkupplung gescht! erstmalig in deutscher Sprache

Anlässlich der ExtraSchicht 2014 stellte Ridder, begleitet vom hervorragenden Musiker Matthis Spek, das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht!“ auf dem ehemaligen Industriegelände in Essen erstmalig in deutscher Sprache vor. Dreimal wurde das Programm an diesem Abend aufgeführt. Ein Riesenerfolg: Insgesamt haben es fast 1000 Menschen erlebt.

Nach Gastspielen in Istanbul kommt die Multimediashow abermals nach Essen auf Zeche Zollverein zurück

Nun, da das Jahr 2014 allmählich ausläuft, kommt Tjerk Ridder mit „Anhängerkupplung gesucht!“ – Ein Roadtrip durch Europa ein weiteres Mal auf die Zeche Zollverein. Nach großem Erfolg (auch im Herman-van-Veen-Artscenter und anderswo in den Niederlanden) und nach zwei Gastspielen in Istanbul wird die Produktion, präsentiert von der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“, am Freitag, 21. und Samstag, 22. November 2014, jeweils 20 Uhr, auf das UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen zu erleben sein.

Tjerk Ridder mit Hund Dachs auf dem UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen; Foto via Zollverein

Tjerk Ridder mit Hund Dachs auf dem UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen; Foto via Zollverein

„Anhängerkupplung gesucht!“ ist ein europäisches Kunstprojekt, das Menschen, Kulturen und Welten verbindet. Angeregt durch seine Reiseerfahrungen entwickelte der Künstler das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen”. Das Bühnenprogramm schließt sich dem in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Peter Bijl von Ridder verfassten Buch über seine Reise an. Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Anhängerkupplung gesucht!“ im Patmos Verlag (lesen Sie meine Buchvorstellung im „Freitag“) erschienen.

Veranstaltung: Tjerk Ridder: „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen“ – Eine außergewöhnliche Reise durch Europa mit Bildern, Liedern und Geschichten Termin: Fr 21. und Sa 22.11.2014, 20.00 Uhr [Einlass 19.00 Uhr]

Publikumsgespräch im Anschluß

Hinweis: Im Anschluss an die Vorstellung am Freitag, 21. November, gibt es ein Publikumsgespräch, bei dem die Zuschauer eingeladen sind, ihre eigenen Erfahrungen zum Thema „Man braucht andere, um voran zukommen“ einzubringen. Die Vorstellung beginnen an beiden Tagen um 20.00 Uhr.

Karten gibt es hier:

Die Tickets kosten 12, ermäßigt 8 Euro, zuzüglich Systemgebühr und sind im Ticket-Center der Theater und Philharmonie Essen sowie in allen Ticketshops der WAZ Mediengruppe erhältlich.
Die Veranstaltungen werden präsentiert von der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“, die seit 2012, angesiedelt bei der Stiftung Zollverein und gefördert von der RAG-Stiftung, unter der Leitung von Claudia Wagner aktiv daran arbeitet, die Brücken zwischen dem Welterbe und seinen Nachbarn auszubauen.

Kartenvorverkauf: Ticket-Center der Theater und Philharmonie Essen, Fon +49 201 812 22 00, Fax +49 201 812 22 01, tickets@theater-essen.de sowie in allen Ticketshops der WAZ Mediengruppe über CTS, Ticket-Hotline: Fon +49 209 147 79 99, ticket@mbee.de, im Internet hier Moderation des Publikumsgesprächs: Hella Sinnhuber. Weitere Informationen unter: „Anhängerkupplung gesucht!“ und Zeche Zollverein.
Biografien der Künstler

Tjerk Ridder wurde 1973 in Utrecht geboren. Im Alter von zwölf Jahren begann er afrikanische Trommel zu spielen. Als Drummer und Gitarrist wirkte er in verschiedenen Bands mit und schrieb erste Lieder. Nach dem Studium an den Hochschulen für Theater in Amsterdam und Utrecht arbeitete er in verschiedenen Theatergruppen und Fernsehproduktionen. Eine Reise nach Japan im Jahr 2001 regte Tjerk Ridder an, eine eigene Form von Theater und Musik zu entwickeln, die sich auf Lebensgeschichten und menschliches Wachstum gründet. Die Motive, Sehnsüchte und Ideen von Menschen sind wichtige Quellen der Inspiration für Ridders Arbeit.

Matthijs Spek wurde 1974 in Nieuwerkerk aan de IJssel geboren. Er studierte an der Hochschule für Musik in Utrecht den Studiengang Jazz/Pop mit dem Hauptfach Gitarre und dem Nebenfach Klavier. Nach dem Studium arbeitete er als professioneller Gitarrenspieler, als Musiker, Komponist, Arrangeur, Musikproduzent und Gitarrenlehrer. Er arbeitete u.a. zusammen mit Theo Mackaay, Niet Schieten und Braak. 2005 und 2008 gab er zwei Soloalben im Eigenverlag heraus. Für das Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht!“ spielt Matthijs Spek die Sologitarre. Er produzierte die dem Buch beiliegende DVD „Anhängerkupplung gesucht!“.