Rezension: Philipp Ammon: Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jh. bis 1924

Über Georgien hört man im Grunde nichts bzw. sehr selten etwas. Erst recht nicht heute, in Zeiten, wo der Corona-Virus „regiert“. Ein kleiner, christlich geprägter Staat (sh. Wikipedia) mit gerade einmal 3.729.635 Einwohnern. Das Land erklärte sich am 26. Mai 1918 für unabhängig und erlangte nach dem Ende der UdSSR am 9. April 1991 wieder die Unabhängigkeit. Ich kannte das Land lange nur unter der vom Russischen herrührenden Bezeichnung Grusinien (Грузия (Grusija) früher gelegentlich auch Grusien oder Grusinien genannt; Quelle: Wikipedia).

Zuletzt war Georgien während der Olympischen Spiele in Peking stärker in den Fokus der Nachrichten gerückt. Micheil Saakaschwili, von 2004 bis 2013 Staatspräsident Georgiens, (an dessen geistiger Gesundheit so mancher zweifelte) ließ, während die Weltöffentlichkeit mit den Olympischen Spielen beschäftigt war, in der Nacht vom 7. auf den 8. August 2008 – also zeitgleich mit dem Beginn der Olympischen Spiele in Beijing – die Hauptstadt der „abtrünnigen Republik“ Südossetien, Zchinwali, militärisch angreifen, um dieses – innerhalb der Grenzen der früheren sowjetischen Teilrepublik Georgien gelegene – Territorium (erstmals seit der Zerstörung der UdSSR) der Hoheit des unabhängigen georgischen Staates zu unterstellen. Russland, das sich als Schutzmacht Südossetiens verstand (und versteht), reagierte mit einem militärischen Gegenschlag und drang auf „kerngeorgisches“ – wie es hieß – Territorium vor.

Über die Geschichte Georgiens dürften viele von uns – beschönigend ausgedrückt – keine größere Kenntnis besitzen. Das Verhältnis von Georgien und Russland ist ambivalent. Der Historiker Philipp Ammon charakterisiert es in seinem Buch „Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jh. bis 1924“ als „tiefverwurzeltes, gleichsam metaphysisches Spannungsverhältnis“ .

Gegen Ende seines hochinteressanten Buches lesen wir in den Schlussbetrachtungen:

„Im Verhältnis der beiden christlich-orthodoxen Länder unterschiedlich ausgeprägter Tradition spiegelt sich ein Muster von Nähe und Fremdheit, von Verbundenheit und Abkehr, von russisch-imperialer Homogenisierung und georgischer Identitätsbehauptung. Die Beziehung von Georgiern und Russen war von Anbeginn die ungleicher Partner. Seit dem späten Mittelalter sehen wir das kleine Georgien als beim nördlichen Reich Schutzsuchenden. Das Zarenreich war hingegen seit Peter d. Gr. an einer Ausgangsbasis für ein weiteres imperiales Ausgreifen nach Persien – späterhin mit Perspektive auf Indien – und den Dardanellen interessiert. Eine Harmonisierung derart unterschiedlicher Interessen fand zu keiner Zeit statt. Wie schon erstmals im Jahr 1483 König Alexander I. von Kachetien gegenüber dem Großfürsten – in der Selbstbezeichnung gegenüber Mindermächtigen sich erstmals „Zar“697 bezeichnenden – Ivan III. d. Gr. oder um 1720 Vaxt’ang VI. gegenüber Peter d. Gr. traten bei den Verhandlungen zu dem immer wieder zitierten Vertrag von Georgïevsk 1783 die Georgier als Bittsteller auf. Auf die von Georgiern bis heute als „Verrat“ gedeutete verheerende Niederlage von K’rc’anisi (1795) gegen die Perser folgte die unter demütigenden Umständen vollzogene Annexion von 1801. Die Wegführung der Bagratiden nach Russland erscheint symbolhaft für den rücksichtslosen Umgang des Imperiums mit dem hilflosen kaukasischen Königreich. Anders als beim Anschluss der baltischen Provinzen unter Peter d. Gr., bei welchem sämtliche ständischen Rechte gewahrt und die deutsche Selbstverwaltung beibehalten wurde, oder bei der Inkorporation des durch einen Bagratidengeneral eroberten Finnland (1809) nahmen die Russen bei der Annexion Georgiens keine Rücksicht auf die lokalen Traditionen. Der Modus der Annexion – der dem Adel unter Bajonetten aufgezwungene Treueid in der Zionskirche 1802 – blieb im historischen Gedächtnis des Volkes, nicht nur des Adels haften. Zum ersten Bezugspunkt des verletzten Rechtsbewusstseins wurde so die Missachtung der im Vertrag von Georgïevsk getroffenen und in den Bittpunkten vom Zaren bestätigten Vereinbarung über die Beibehaltung des bagratidischen Königtums. Die Inkorporation Georgiens folgte demselben Muster wie die der benachbarten muslimischen Khanate.“

Nichtsdestotrotz, arbeitet der Autor heraus, gibt es in beiden Völkern Sympathien für das jeweils andere Volk. Ebenso freilich Antipathien.

Das wird auf Seite 212 des Buches verständlich:

„Fehlwahrnehmungen, machtgestütztes Vorgehen der Russen und Widerstand der Georgier führten zu Entfremdung. Doch die russische Dichtung löste sich nie von ihrem Traumland Georgien. Um eine einseitige Sicht der Dinge zu vermeiden, galt es, die unter russischer Herrschaft erzielten zivilisatorischen Fortschritte im Kaukasus zu berücksichtigen. Die russische Verwaltung beendete Jahrzehnte barbarischer Einfälle und islamischer Fremdherrschaft.705 Die drohende Vertilgung des georgischen Volkes wurde abgewendet. Schließlich brachte die russische Expansion in Transkaukausien eine „Sammlung der georgischen Erde“ zuwege, die Verwirklichung des georgischen Traumes seit der Mongolenzeit. Georgien verdankte seine Konsolidierung als einheitlicher politischer Raum gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Machtentfaltung des petrinischen Imperiums. Durch wirtschaftlich-technische und administrative Integration schuf Russland überhaupt erst die Voraussetzungen für die Herausbildung georgischer Staatlichkeit. Die unter imperialer Ägide entstandenen Institutionen bildeten die Vorformen des georgischen Staates. Die Leistungen Russlands in Georgien wurden überwiegend anerkannt. Auch die Vereinigung Georgiens durch russische Annexionen wurde als politischer Gewinn erkannt. Erst unter dem Szepter des Zaren war das alte Georgien fast wiedervereint.“

Ebenfalls interessant:

„Zu den Besonderheiten der russisch-georgischen Geschichte gehört, dass die Loyalität gegenüber dem Zarenreich seitens nationalbewegter Georgier trotz aller erfahrenen Härten über lange Zeit nicht in Frage gestellt wurde. Im Jahre 1880 – vor dem Regierungsantritt Alexanders III. – schrieb der Journalist Sergi Mesxi in der Zeitschrift Droeba, dem Sprachrohr der Nationalbewegung: „Wir haben uns guten Willens Rußland anvertraut, dem wir grenzenlos ergeben sind.“ Er fügte jedoch warnend hinzu, der Schulinspektor Janovskïj „versündigt sich gegenüber Rußland, weil er versucht, ihm die Liebe und Ergebenheit des georgischen Volkes zu rauben“.“

Anscheinend hat sich Sprache, Kirche und Kultur Georgiens unter der Sowjetherrschaft sogar zeitweise günstiger entfalten können als unter der Herrschaft des Zaren:

„Die unterschwellig gleichwohl stets herbeigesehnte nationale Unabhängigkeit fiel den Georgiern in den Revolutionsjahren 1917/18, genauer: im Gefolge von Brest-Litowsk, eher zufällig zu. Mit dem durch die deutsche Niederlage besiegelten Umschwung der Machtverhältnisse sah sich das unabhängige Georgien in einer teils bekannten, teils neuartigen Zwangslage: im Süden die Jungtürken, im Norden die Bolschewiken. Der Verlust der Unabhängigkeit war indes nicht das Werk Lenins, sondern jener georgischen Bolschewiken, die ihr Heimatland in das neue, vermeintlich völkerverbindende Sowjetreich heimholen wollten. Zur Ironie der russisch-georgischen Geschichte gehört die Tatsache, dass sich Sprache, Kirche und Kultur Georgiens unter der Sowjetherrschaft zeitweise ungestörter entfalten konnten als unter den Zaren. Zu Recht verweist Reisner darauf, dass sich die Dialektik von russischem Machtausbau und georgischer Selbstbehauptung in vollem Umfang sogar erst in Zeiten der Sowjetherrschaft entfaltete, als der Ausbau georgischer nationaler Institutionen – zu nennen sind hier nicht nur Schulen, Universitäten, Akademien, sondern auch die kommunistische Staatspartei Georgiens, der Staatsapparat und der Geheimdienst – voranschritt. Anders als Rosa Luxemburg erkannte Lenin der Nation durchaus eine fortschrittliche Funktion zu.“

Was man auch berücksichtigen sollte:

„Die Loyalität der Georgier gilt der Kirche, nicht ihrem Staat. Diese geringe Staatsbindung verleiht den Regierungswechseln seit dem Ende der Sowjetherrschaft revolutionären bis bürgerkriegsartigen Charakter, verbunden mit jeweils komplettem Austausch der Staatsdienerschaft. Politik gerät in Georgien in die Nähe einer permanenten stásis – ein Moment, das von den Georgiern selbst leider kaum reflektiert wird. Weit bequemer ist es, die schwache Staatlichkeit auswärtigen Mächten wie Russland anzulasten.“

Noch immer wird in Georgien Stalin hochverehrt; während auf der anderen Seite Antikommunismus existiert. Beides werde jedoch nicht als Widerspruch empfunden.

Am schwierigen Verhältnis zwischen Russland und Georgien – lesen wir aus dem Text von Ammon heraus dürften beide Staaten wechselseitig nicht frei von Schuld sein:

„In diesem Zusammenhang spielt aber auch das von Dostoevskïj und Vasilïj Rozanov722 beklagte Desinteresse der Russen an der Historie, nicht zuletzt an Geschichte und Selbstverständnis der imperial angeeigneten Völker, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Umgekehrt leidet auch die georgische Historiographie nicht an übertriebener Selbstkritik. Beide Dispositionen sind einer vernünftigen Politik nicht förderlich. Selbst da, wo mit großem Aufwand Versuche einer Verständigung unternommen werden, zeichnet sich keine Wende zum Positiven ab.“

Georgien ist nicht zuletzt so etwas wie ein Spielball – meint Philipp Ammon – in einer Neuauflage des „Great Game“ zwischen den USA und Russland im Nahen Osten. Nichts so ganz Neues: Habe doch Georgien seinerzeit Peter dem Großen als Aufmarschgebiet gegen Persien gedient. Und in der Gegenwart werde das Land nun von den USA und Israel in eine vergleichbare Rolle als strategische Basis gegen Iran manövriert. Ob Georgien gut beraten war (freilich in der verständlichen Absicht sich von russischem Einfluss fernzuhalten) sich die USA als neue Schutzmacht quasi an den Hals zu schmeißen, nachdem es wohl nicht an entsprechenden Winken aus Washington gefehlt haben dürfte, darf m.E. stark bezweifelt werden.

Der Vorhang zu und alles Fragen offen, könnte man nach der Lektüre betreffs des Verhältnisses zwischen Russland und Georgien sagen. Denn von positiven Aussichten betreffs einer möglichen Verbesserung des Verhältnisses beider Länder kann das Buch freilich keine Kunde geben.

Um aber zu verstehen, um nachzuvollziehen warum die Situation so ist wie sie heute ist, war es sehr lehrreich, dieses Buch von Philipp Ammon zu lesen. Man kann es durchaus als veritables Geschichtsbuch mit einer Fülle von genau beschriebenen Hintergründen bezeichnen. Ammon hat für das Buch unglaublich tief gelotet und viel Wissenswertes an den Tag befördert. Eine unglaubliche Fleißarbeit, die nicht hoch genug geschätzt werden kann, leistete der Autor augenscheinlich, die jedoch nötig war, um möglichst alle erreichbaren Quellen (akribisch aufgeführt) zu studieren, um diese Arbeit zu leisten. Einfach so und sozusagen in einem Rutsch ist das Buch – mit den vielen Hinweisen und Quellenangaben – logischerweise nicht zu rezipieren. Aber es ist für diejenigen, welche sich für dieses ansonsten meines Wissens ausgesprochen wenig beackerte Thema interessieren dann doch unverzichtbar. Das Buch dürfte darüber hinaus aber auch für einen breiteren Leserkreis von Interesse sein. Die Zeit zur Lektüre dieses Buches wird man sich dann gewiss auch gerne nehmen. Und in der Corona-Krise hat sicher manche/r womöglich auch die Muße sich dem Buch in Ruhe zu widmen.

Das Buch

Philipp Ammon: Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation

Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jh. bis 1924
Neuauflage Neuauflage der ersten Ausgabe von 2015 mit einem Nachwort von Uwe Halbach
2020. 238 Seiten. Kt 29,80 €
Format 14 x 21,5 cm
ISBN 978-3-465-04407-9
Klostermann Rote Reihe 117

Wie mir die Prager Polizei zu einem zweiten Leben verhalf. Ein aufregendes Vor-der-Wende-Urlaubserlebnis

Der Artikel in der Prager Volkszeitung. Repro: C. Stille

Und nochmals: Ein Artikelfund …

Für Judith, das Kind, das leider in den 1990er Jahren viel zu früh verstarb.

Repro: C. Stille

Ohne ihn der Mensch aufgeschmissen und verloren. Ohne ihn ist der Mensch da, existiert aber nicht, ist für die Behörden eine Null. Schon auf seiner ersten Seite stand deutlich und unmissverständlich:

Dieser Personalausweis ist ihr wichtiges Dokument. Sie haben deshalb – den Personalausweis stets bei sich zu tragen, vor Verlust zu schützen und auf Verlangen den Angehörigen der Sicherheitsorgane der Deutschen Demokratischen Republik auszuhändigen bzw. anderen dazu berechtigten Personen vorzuzeigen …“

Was sollte ich bloß machen? Ich saß gewaltig in der Patsche. Hatte ich mich nicht gewaltig auf denn Abschluss unseres Urlaubs in Prag gefreut? War nicht der bisherige Urlaub genügend aufreibend und nervenverzerrend gewesen? Bereits die Hinfahrt hatte es in sich. Einen Tag vor Antritt unserer Fahrt war mit Hängen und Würgen der Trabi vom Lackierer zurückgekehrt. Dem war es doch egal, ob ich rechtzeitig in den Urlaub fuhr oder nicht, ihm war sein saftiger Lohn sicher.

Also ließ er sich Zeit.

Vom Einbauen der Verkleidungen und der Sitze fix und fertig starteten wir knackevoll beladen.

Das Kind bekundete seine Urlaubs-Vorfreude durch ohrenbetäubendes Geschrei. Wir waren alle glücklich!

Schon an der Grenze die erste Überraschung die erste Überraschung: Etwa zwanzig Kilometer vor Zinnwald überholte uns in einer Kurve (!) ein blauer Sattelschlepper des ČSAD aus Aussig/Usti. Es ging alles sehr schnell, und bis heute ist mir unerklärlich, wie dieses Fahrzeug dermaßen rasch an uns vorbeiziehen konnte. Und das alles noch bergauf!

Der Fahrer dieses Ungetüms nahm unsere Nuckelpinne wohl nicht ernst, da er er kurzentschlossen wieder rechts einscherte. Dass uns der Spaß fast unser Leben gekostet hätte, scherte ihn scheinbar wenig.

Wir jedenfalls spürten einen gewaltigen Stoß von links, schleuderten gegen den rechten Bordstein und erhielten von ihm einen zweiten Stüber, worauf der Wagen endlich zum Stehen kam.

Kreidebleich und wir versteinert saßen wir drei da, nur das Kind schlummerte selig. Ich dachte noch: „Jetzt ist der Urlaub vorbei.“

Ein Rundgang um den Wagen ergab: nur der linke Kotflügel war hinüber. Schnell gab ich dem Gefährt die Sporen, wir mussten den Kerl aus Aussig noch an der Grenze erwischen!

In einem Trabant 601, wie diesen, fuhren wir damals in die CSSR. Foto: Joachim Reisig  / pixelio.de

An der Grenze hatte ich es dann so eilig aus dem Auto zu kommen, dass ich fast im Fahren ausstieg.

Rasch war der Sachverhalt dem Oberleutnant der Grenztruppen verklickert, doch auf die Verkehrspolizei – so meinte er – müssten wir mindestens eine Stunde warten, da unterwegs ein Unfall mit einem schwedischen PKW passiert sei. Das stimmte, wir hatten den auf dem Dach liegenden Volvo gesehen.

„Sie können sich aber auch so mit dem tschechischen Bürger einigen“, schlug der Grenzer vor.

Kriminalistisch, wie man nun einmal nach jahrelangem Genuss von „Polizeiruf 110“ oder „Major Zeman“ vorgebildet war., rückte ich mit schwer zu widerlegenden Fakten und dem Oberleutnant an meiner Seite beim Fahrer des Aussiger LKW an, um ihn zur Rede zu stellen. Eindeutig haftete an meinem Kotflügel die blaue Farbe des CSAD-Fahrzeugs und -logischerweise – an der rechten Seite seines Gefährts die meine.

Nun, was interessierte mich, dass der Bursche es eilig hatte nach Hause zu kommen, weil er in Schottland war. Musste er uns deshalb umbringen? Er palaverte etwas von „grüner Karte“, doch konnte ich mit seiner grünen Versicherungskarte meinen Kotflügel nicht reparieren. Erst einmal einen neuen kriegen!

Endlich klappte er die Brieftasche auf, die gefüllt war mit allerlei Währungen. „Neunzig?“ – Ich war doch nicht verrückt. Neunzig Kronen reichten niemals. Auch der Oberleutnant schüttelte den Kopf. Zum ersten Mal war mir ein Grenzer sympathisch. Mutig geworden, setzte ich alles auf eine Karte: „Dveste korun!“ (200 Kronen; d. A.) Der Ritter der Landstraße fiel die Kinnlade herunter. Aber er zahlte, nicht aber ohne mir sein Missfallen auszudrücken: „Du musst haben ein Kotflügel von Gold …“

Hatte der eine Ahnung, was mich ein neuer Kotflügel kosten würde, falls ich überhaupt einen bekam.

Angekommen bei meinem slowakischen Freund Ivan, musste ich die Geschichte immer wieder erzählen. Wir hatten eine Menge Spaß dabei.

Wie überhaupt beim Urlaub in der herrlichen Natur. Am besten war die Ruhe. Wir genossen sie in vollen Zügen. Auch das Kind war ruhig, sehr ruhig. Seit einer guten Stunde schien es, als sei es verschwunden. Ich muss zugeben, ich wäre nicht böse gewesen, denn es war ein kleiner Teufel. Der Mutter schwante ob dieser ungewöhnlichen Stille nichts Gutes.

Als sie aus dem Haus zurückkehrte, hörte man das Kind wir am Spieße schreien. Zu mir sagte sie dann ganz ruhig: „Du musst jetzt ganz tapfer sein.“ Und da ich nickte, fuhr sie fort: „Dein Ausweis ist tausend Stücken, wie ein Puzzle.“ – „Was? Wie ein Puzzle?!“

Wie von einer Tarantel gestochen stürzte ich in das Zimmer zu dem weinenden Kind. Und da lag er, mein Ausweis, mein Personaldokument! Schon im Alter von vierzehn Jahren, als wir stolz den Ausweis überreicht bekamen, schärfte man uns ein, dass wir mit ihm sorgfältig umzugehen hätten.“

Und nun? Mir fielen die ganzen Behördengänge ein, hörte die dummen Fragen. Grauenvoll! Mein schöner Ausweis lag in unzähligen Stücken am Boden verteilt. Eine Ecke, wo noch der Geburtsort und „ledig“ zu lesen waren, konnte ich gerade noch aus dem Mund des kleinen Teufels klauben.

Natürlich hielt mich nichts mehr länger im Urlaubsort. Ich hatte keine Ruhe mehr und startete in Richtung Prag.

Je näher wir der Goldenen Stadt kamen, desto mulmiger wurde mir in der Magengegend. „Würde auf der Botschaft alles gutgehen?“

Mit klopfenden Herzen stand ich am nächsten Tag vor der DDR-Botschaft am Moldau-Kai vor einer mickrigen und unscheinbaren Tür. Mit mir warteten noch einige Vietnamesen, die offenbar ein Einreisevisum in die DDR brauchten. Endlich an der Reihe, schilderte ich mit hochrotem Kopf meine Misere, hegte die leise Hoffnung, der Genosse Diplomat würde mir ein Ersatzdokument ausstellen. Doch – weit gefehlt. Er hörte sich alles an, verzog nicht einmal die Miene, schalt mich aber auch nicht. Dann schickte er mich, mit einer fotokopierten Lageskizze, zur Polizeistelle von Prag-Mitte. Prima! Warum sollte ich nicht auch mal die Prager Polizei kennenlernen?

Ich fuhr also die Nationalstraße lang, bog in eine Seitengasse ein und stand bald vor der Machtzentrale des Reviers Mitte.

An einer Tür enträtselte ich eine Schrift, die „Diensthabender“ bedeuten konnte und hatte recht. Hinter der Glasscheibe saß ein gemütlich, aber dennoch streng wirkender Oberleutnant Mitte vierzig, der einem Mädchen sprach, das keinen besonderen Eindruck auf mich machte.

Um was es ging, war mir nicht ganz klar, vielleicht war es bestohlen worden.

Mit „Prosim, pane?“ (Bitte, mein Herr; d. Autor) wandte er sich mir zu. Radebrechend machte ich dem arg in sein Uniformhemd gezwängten Genossen mein Unglück klar. Er hatte wohl Schwierigkeiten, mir zu folgen und fragte: „Jak, prosim?“. Ich begann zu zittern und schaute mich um, ob nicht um die Ecke zwei Polizisten stehen, die mich wegen Irreführung der Behörden in Gewahrsam nehmen würden. Ich begann also noch einmal von vorn, die Reste meines Personaldokuments unter den Schlitz der Glasscheibe hin und her schiebend: „Dite, je cert, delat toto! Je nemesti! Rozumet?“ (Ein Kind, ein Teufel, tat dies. Verstehen Sie?; d. Autor)

Der Diensthabende begann schallend zu lachen und rief zwei seiner Kollegen in sein Kabuff, um sie an dieser lustigen Begebenheit teilhaben zu lassen. Vielleicht ging es sonst auf dem Revier weniger lustig zu.

Nachdem er sich vor Lachen immer noch den Bauch haltend, mir wieder zuwandte, sagte er fast väterlich-verständnisvol: „Ano, rozumim, deti, deti. Keine Problema, ja schreiben ein Papiert, ano? (Ja, ich verstehe, Kind, Kind. Kein Problem, ich schreibe ein Papier, ja?; d. Autor)

Mir fiel ein Stein vom Herzen, sofort sprudelte ich hervor: „Ano, dekuji!“ (Ja, danke; d. Autor)

Ich erhielt ein Dokument, einmalig auf der ganzen Welt, so schien mir. Geschrieben stand da, sinngemäß übersetzt: „Dem Inhaber dieses Papiers hat ein kleines Kind seinen Personalausweis kaputtgemacht.“ Unter dieser in Schreibschrift gehaltenen Erklärung prangte – wie es sich für eine anständige Polizeibehörde gehört – der prächtige Stempel der Sicherheitsbehörde.

Der neuausgestellte Personalausweis. Repro: C. Stille

Stolz war ich damals auf dieses Dokument. Leider habe ich es nicht mehr. Die Volkspolizei der DDR hat es wahrscheinlich in ihrem Archiv verschwinden lassen. Schade!

In einem Weinberger Hotel wurde das Ereignis mit einem prächtigen Tafelspitz gebührend gefeiert, wobei weiter nichts passierte, als dass dass Kind bei Tische ein Wasserglas zerbiß. Aber was ist schon ein Wasserglas gegen ein Ausweisdokument?

An der Grenze angekommen, vermochte das Prager Papier die tschechischen Grenzorgane noch einmal in Heiterkeit versetzen. Nachdem sie einem Blick auf den maly cert, den kleinen Teufel, geworfen hatten, ließen sie uns lachend passieren. Nur die Unsrigen prüften alles mit deutscher Gründlichkeit und fanden die Sache überhaupt nicht zum Lachen.

Ihr Problem, finde ich.

Erstmals erschien mein Text am 10.9.1993 in der Prager Volkszeitung (2006 eingestellt).

Beitragbild: Grafik Prager Volkszeitung

Allabendlich verbindet Pianist Igor Levit mit seinen Klavierkonzerten tausende Menschen auf Twitter

Nahezu rund um die Uhr sind wir mit Informationen über das Coronavirus konfrontiert. Liebe Leser*innen, öfters sollten wir uns einfach mal aus dem Geschehen ausklinken. Allabendlich um 19 Uhr besteht eine besonders gute Möglichkeit dazu: Immer um die Zeit gibt der Pianist Igor Levit auf Twitter ein Klavierkonzert. Ständig steigt die Anzahl der Zuhörer*innen. Hier geht es zum gestrigen Stück, das in seiner Dramatik gut in die Zeit passte, wie ich finde

Igor Levit:

„Ich habe in dieser für mich so existenziellen Dimension vielleicht noch nie die tatsächlich lebenserhaltende Bedeutung von Musik & Tönen, gespürt wie jetzt. Alles fühlt sich neu an. Danke, dass ich das mit Euch teilen darf. Das hält gerade wirklich das innere Leuchten. Bis morgen.“

Ich freue mich jeden Tag drauf. Danke, Igor Levit! Hört mal rein. Auch heute ab 19 Uhr  gibt Igor Levit wieder ein kleines Klavierkonzert auf Twitter.  Was er wohl heute für ein Stück ausgesucht hat, um es uns vorzuspielen? Folgt ihm! Es ist so großartig. Er verbindet immer mehr Menschen miteinander … Und es tut Körper und Geist gewiss auch gut. Seid ihr heute Abend dabei?

Beitragsbild: Igor Levit via Twitterprofil Igor Levit

Statt Stoppt-Defender2020-Demo am Samstag in Duisburg Online-Protest im Netz

Joachim Schramm (Bild rechts außen). Foto: Claus Stille

Joachim Schramm, Landesgeschäftsführer Deutsche Friedensgesellschaft- Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen NRW informiert:

Das NATO-Manöver Defender 2020 ist abgesagt, die angekündigten Transporte durch NRW finden aktuell nicht statt. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Neben kleineren Manövern soll Defender im gleichen Umfang 2022 erneut durchgeführt werde. Außerdem finden regelmäßig die Austauschaktionen der dauerhaft an der russischen Grenze stationierten US- und anderen NATO-Truppen statt. Daher wollen wir auch unter den aktuell schwierigen Bedingungen unsere Stimme gegen diese Konfrontationspolitik erheben:

Die für Samstag den 21. März vorgesehene Demo in Duisburg ist abgesagt, stattdessen werden wir zur gleichen Zeit online protestieren und die Beiträge der für unsere abgesagte Demo vorgesehenen Redner*innen live im Internet übertragen.

Klickt Euch um Fünf vor 12 Uhr rein unter: https://www.facebook.com/stopdefnrw/

(Auch für Nicht-facebook-Nutzer !)

Es werden sprechen: Thomas Keuer (Gewerkschaftssekretär, Duisburg), Kathrin Vogler (MdB, Friedenspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke), Ludo De Brabander (vrede vzw aus Belgien) und Sophia M. (Fridays for Future Bonn)

Wer den Termin verpaßt, kann die Videos auch nachträglich noch anschauen.

Bitte werbt für diese etwas andere Form des Protestes in Corona-Zeiten!

Gebt diese Mail weiter.

Weitere Infos auch unter www.stoppt-defender-2020.de/nrw

Mit Friedensgrüßen,

Joachim Schramm

Landesgeschäftsführer

Deutsche Friedensgesellschaft-

Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen NRW

Quelle: Deutsche Friedensgesellschaft- Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen NRW

 

!!! Absage der Aktionswoche im Juli !!! Ramstein Protesttage 2020 jetzt vom 25. bis 27.09.20 in Berlin !!!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,

auch in Rheinland-Pfalz und damit in Kaiserslautern und Ramstein-Miesenbach sind alle Veranstaltungen mindestens bis zum 10.07.2020 abgesagt.

Das Wissen, dass es ganz gewiss für uns Friedensbewegte keine Ausnahme gibt und die Verantwortung um die Gesundheit von uns allen und aller Mitbürger*innen, mit denen wir in Kontakt treten wollen, hat den Koordinierungskreis der Kampagne „Stopp Air Base Ramstein“ am 17.03.2020 veranlasst, die Stopp Air Base Ramstein Aktionswoche, die für Anfang Juli geplant war, abzusagen.

Die Aktionswoche vom 5. bis 12. Juli ist abgesagt!

Wir sind uns der Tragweite dieser Entscheidung, in dem Jahr der Beschaffung der bewaffneten Drohne für die Bundeswehr, von der Militärübung Defender 2020 und der weiteren Konfrontation- und Aufrüstungspolitik, vollständig bewusst. Wir wollen aber auch nicht mit der Gesundheit von Menschen leichtfertig oder unvorsichtig umgehen. Deshalb diese einschneidende Entscheidung, die wir uns nicht leicht gemacht haben.

Aber in jeder Krise liegt auch eine Chance!

Wir wollen die Situation nutzen, um uns mit ganzer Kraft und Entschlossenheit auf die Vorbereitung der Proteste in Berlin im September „zu stürzen“. Wir wollen die Aktivitäten in Berlin sogar zu einer umfassenden Protestbewegung, einem Protest-Wochenende ausbauen. Es sollen die „Stopp Ramstein Protestaktionen 2020 Berlin“ werden. Wir wollen mit Macht und Wucht unsere Proteste nach Berlin – zur Politik bringen – und diese mit unseren Forderungen konfrontieren.

Dafür haben wir angefangen zu planen und zu überlegen. Wir wollen einerseits wie bisher geplant eine große Demonstration mit interessanter neu gestalteter Kundgebung durchführen. Andererseits wollen wir unter den neuen Umständen nun noch weitere Elemente des Protestes in Berlin vorbereiten:

  • eine große öffentliche Abendveranstaltung mit prominenten Redner*innen

  • den internationalen Anti-Militärbasenkongress, mit wahrscheinlich mehr internationaler Beteiligung als jemals zuvor

  • wenn irgend möglich ein Friedenscamp für das Wochenende mit einer „kleinen“ Friedenswerkstatt.

Wir sind natürlich offen für weitere Ideen und Überlegungen.

Wir wollten schon immer die Ramstein-Proteste „nach Berlin bringen“, jetzt nutzen wir die Umstände mit voller Kraft! Sicher werden wir 2021 wieder mit unseren Protesten vor der Air Base sein, dieses Jahr soll sich unser Protest aber erstmals direkt an das Bundeskanzleramt und das Verteidigungsministerium sowie den Deutschen Bundestag richten.

Wir hoffen, Ihr seid – nach den ersten Augenblicken der Enttäuschung, die wir alle verspürt haben – genauso begeistert und motiviert wie wir. Denn Berlin wird nur groß und erfolgreich, wenn Ihr alle mitmacht. Macht Berlin zu „Eurer Sache“: Bereitet mit vor, mobilisiert mit uns und vor allem kommt nach Berlin und bringt mindestens noch zwei mit!

Die Aktionen in Berlin, nach den so toll begonnen Protesten gegen Defender 2020, können eine große Chance sein, die jetzt schon große „Ramstein-Bewegung“ weiter zu stärken, neue Mitstreiter*innen zu gewinnen und viele alte Mitstreiter*innen wiederzutreffen.

Lasst uns gemeinsam und solidarisch die Chance nutzen!

Nein zu Kampfdrohnen! Schließung der Air Base Ramstein ! Kündigung des sog. Truppenstationierungsabkommens!

Dafür und für den Frieden in einer gerechten und nachhaltigen Welt demonstrieren wir vom 25. bis 27. September in Berlin. Tragt den Termin bitte fest ein.

Wir sehen uns in Berlin!

Reiner Braun. Foto: Claus Stille

Mit friedlichen Grüßen

Reiner Braun und Pascal Luig

Quelle: Stopp Airbase Ramstein

Boleslavská – Sehnsucht

Für Frau P.

Prag. Ein sonderbares Gefühl, hier zu sein. Fast ein heimatliches. Ein glückliches, ein der Seele gut tuendes – allemal. Wenn das Auto, der gute alte Trabant (ob es ihn wohl noch gibt?), das Schild PRAHA passierte, setzte es ein – das Herzklopfen, um schließlich in der Leninova (ob die denn jetzt noch so heißt?, weiter anzuschwellen und letzten Endes an der ecke Italaská/Vinohradská in eine Euphorie zu münden, die mich fast verführt, die erlaubten „60“ zu überschreiten.

Fast war es, als käme ich von einer langen Reise in meinen Bezirk – Vinohrady/Weinberge – zurück. Die Häuser, die Geschäfte, die Menschen, alles waren gute alte Bekannte. Natürlich auch die Elektrische, die neben mir herdonnert und schrill klingelt, wenn ihr etwas in die Quere kommt. Das duldet sie nicht. Die Prager Straßenbahn behauptet sich. Deshalb schon ist es ratsam, sie nicht zu erzürnen, nicht zu reizen. Die Tram ist nun einmal die Stärkere. Deshalb zügele ich auch meine Ungeduld, die lasse sie rumpelnd passieren, bis ich die Gleise überquere, einige Meter in die Gegenrichtung fahre, um dann in die der Boleslavska gegenüberliegende Straße rechts einzubiegen, wo ich ein Plätzchen zum Parken fand.

Die ersten Schritte vom Auto, die etwas ansteigende Straße hinauf, müssen für andere Passanten wohl etwas ungelenk und tapsig wirken. Die Strecke Halle – Prag hat die Glieder, trotz kleiner Gymnastik unterwegs halt etwas „einrosten“ lassen.

Nachdem es mir gelungen ist, die lebhafte Vinohradská zu überqueren, sind es nur noch wenige Schritte bis zur Nummer 11, meinem Ziel. Die Häuser, so auch das Elfer, haben nichts besonderes, sie sind grau, hoch und klotzig. In den Fassaden sind noch Einschusslöcher, Wunden, welche die Nazis im Zweiten Weltkrieg in sie rissen, zu sehen. Ansonsten: Es sind Wohnhäuser – nicht mehr und nicht weniger.

Im Hausflur strömt mir muffig-kühle Luft entgegen. Sie ist mir vertraut wie auch der Aufzug, der nach einigen Minuten des Wartens klacksend und rappelnd im Patro (Parterre) hält. Es riecht nach Holz und vor allem nach Schmiere. Wer gut schmiert, der gut fährt? Zunächst einmal betrachte ich das liebenswürdige Ungetüm. Plumps. Mit meinem Körpergewicht habe ich den Kontakt geschlossen, und siehe da – es wurde Licht!

Ich entsinne mich an früher. Da gab es bei uns in der DDR einst Telefonzellen mit ebensolchem Fußkontakt. Nostalgie? Ja, etwas Schönes, besonders in Prag. Was wäre die Goldene Stadt ohne sie?

Ruckend zieht der Motor unterm Dach des Hauses das Seil und mit ihm den hölzernen Kasten und mich in die Höhe. Beim Passieren der einzelnen Stockwerke klickt und klackt es, die Kabine schüttelt sich ein wenig.

Ich habe Respekt vor dem Dinosaurier der Aufzugstechnik und rühre mich nicht von der Stelle, als fürchte ich, die Kabine aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch alles geht gut.

Wie jedesmal hat mich das Ungetüm sicher hinaufgebracht. Ich öffne die Tür, verlasse die Kabine und rums. Der Kontakt öffnet sich, das Licht verlöscht.

Gleich neben den nun wieder freien Vehikel wird mir die nette Frau die Wohnungstür öffnen. Sie freut sich über den Besuch. Lange schon ist der Mann von ihr gegangen, da ist der Gast willkommen – auch und vor allem zum Plaudern. Zur Begrüßung gibt es einen guten Kaffee, der tut gut nach so langer Fahrt. Man tauscht sich aus über Neuigkeiten, das Wetter und die Politik.

Kurz mache ich mich frisch unter der Dusche im Bad, welches gleich neben dem Aufzug liegt. Das Rumpeln desselben macht mich neugierig, und ich muss das kleine Fensterchen öffnen.

Es dient normalerweise der Lüftung, mir hingegen zur Befriedigung meiner nicht zu bremsenden Neugierde. Wieder kriecht er bekannte Geruch nach Schmiere und irgendwie auch Elektrizität in meine Nase, die ich durchs Fenster in den dunklen Schacht, an dessen Grund verschiedener Unrat liegt, stecke.

Doch schon wird der Blick nach unten wieder abgeschnitten. Klackend und schleifend kommt die Kabine von den oberen Stockwerken herabgefahren – vorbei an meiner neugierigen Nase. Die Schienen, an denen der Kasten vorbeigleitet, sind dick und fett geschmiert. Fast unheimlich, dieser Blick aus dem Fensterchen in die Tiefe, begleitet von allen möglichen Geräuschen. Es war immer ein besonderer Sound, ja ein Klangteppich, in dessen Mitte der Aufzug natürlich der König der Instrumente war. Nebenher drang ein Zischen, Klappern, Wispern und undefinierbares Rascheln aus dem Schlund nach oben zu mir.

Es mochte wohl hauptsächlich aus den anderen Wohnungen unter und über mir stammen, deren Lüftungsfensterchen in den Aufzugsschacht mündeten.

Faszinierender Ort. Durchaus als Drehort für einen Krimi denkbar. Vorerst aber hielt ich dieses phänomenale Bild fest, mit der Kamera in meinem Kopf.

Das prickelnde Wasser ließ ich lauwarm über meinen von der Fahrt in Anspruch genommenen Körper laufen, der langsam erwachte und fit wurde für die so lange entbehrte Stadt, Wieder einal musste sie für meine seelische Entspannung herhalten. Sie würde das verschmerzen. Eine Stadt wie Prag muss mit ganz anderen Sachen fertig werden.

Ein Hotel war nicht denkbar für mich. Es musste die Boleslavská 11 sein. Mittendrin in der Stadt wollte ich sein, der Stadt, die mich – wie so viele andere vor mir in ihren Bann gezogen hatte, und zwar von Anfang an.

Damals im Jahre 1973, fing ich an, die wunderbare Stadt von draußen, vom Studentenwohnheim „Vetrnik“ aus, zu beschnuppern. Seitdem ließ mich Prag nicht mehr los. Ohne Prag mochte manches anders verlaufen sein in meinem Leben. Auch die gute Frau weiß, dass es mich nicht mehr hält. Ich muss hinaus.

Heute muss es wenigstens noch der Wenzelsplatz sein, die Karlsbrücke vielleicht und auch ein bisschen die Kleinseite. Im „Slavia“ werde ich in mitten einer illustren Publiumschar mit dem Blick auf das prächtige Nationaltheater (wie gerne sähe ich endlich einmal eine Oper dort) einen Wiener Kaffee trinken. Dann wird es schon dunkel sein und Zeit für die Metro am Wenzelsplatz. Auch die Metro ist mir ans Herz gewachsen. Gern brause ich unter Prag hinweg, von Station zu Station von der netten weiblichen Stimme begleitet, die einer reizenden Schauspielerin (wie hieß die man bloß?) gehört.

Viel zu kurz wird die Rückfahrt wieder gewesen sein, wenn ich aus dem Zentrum kommend an der „Flora“ aussteige. Tief werde ich den Geruch der Metro, den kürzlich einmal in der Dortmunder U-Bahn wiedergefunden geglaubt hatte, einatmen. Auch der gehört zu Prag. Mittlerweile.

Von der „Flora“ sind es nur noch wenige Schritte in die Boleslavská. Schlafen werde ich noch nicht gleich, in dem herrlich-weichen Bett, welches auf mich wartet. Die gute Frau wird noch wach sein und erzählen vom alten Prag im schrecklichen Krieg. Ich will das alles wissen, sauge die Stadt und ihre Geschichte auf …

Doch zunächst wartet wieder das klacksende, klappernde und auch schon vertraut gewordene, liebevolle Beförderungsmittel auf mich …

Erinnerungen. Das letzte Mal war es ’88 oder ’89? Neunundachtzig jedenfalls war es, als ich einer damals ungewissen Zukunft entgegenflog, hinweg über „mein“ Prag, welches unter mir und der Tupolew 134 lag und pulsierte wie immer. Auch einer aufregenden Zukunft entgegen.

Jetzt habe ich wieder Sehnsucht nach Prag. Nicht etwa, weil es in Dortmund kein gutes Bier gäbe. Nein, das ist es nicht. Gleichwohl: mit dem tschechischen Pivo kommt es nicht mit. Es ist vor allem auch ein bisschen wegen der Boleslavká 11 und dem Blick aus dem kleinen Fensterchen, herab auf den hölzernen Fahrkorb und die Lust auf den Geruch nach Schmiere. Wie ich weiß, gibt es ihn noch und auch die liebenswürdige alte Prager Dame. Ich werde kommen, denn lange hält es mich nicht mehr, mein Prag!

Hinweis: Rückblickend auf die 1980er aufgeschrieben, Anfang der 1990er Jahre. Der Text erschien in der deutschsprachigen Prager Volkszeitung.

#Euroleaks endlich veröffentlicht: Eurogroup June 27, 2015, in Brussels. So skandalös, zynisch und intransparent ging es in Brüssel zu. Der damalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis schnitt mit

Am 14. März 2020 hat die Bewegung Demokratie in Europa 2025 (DiEM25) die vollständigen Audiodateien von Yanis Varoufakis’ Treffen der Eurogruppe im Jahr 2015 veröffentlicht: euroleaks.diem25.org!

„Im Jahr 2015 nahm Yanis Varoufakis an dreizehn Treffen der Eurogruppe teil. Nach den ersten drei Treffen der Eurogruppe wurde klar, dass keine Protokolle erstellt werden!

Diese Art von intransparentem Handeln einer nicht gewählten Gruppe von Politikern, die unser aller Leben beeinflussen, ist inakzeptabel.

Deshalb wird DiEM25 am 14. März die Aufzeichnungen der Treffen der Eurogruppe ab 2015 veröffentlichen.

Zwei besondere Aspekte sollten hervorgehoben werden:

  1. Die neue rechte griechische Regierung von Nea Dimocratia versucht zum wiederholten Mal, Yanis Varoufakis die Schuld an SYRIZAs gescheiterter Wirtschaftspolitik zuzuschieben, der versucht hat einen besseren Vertrag für Griechenland zu erzielen. Etwas das sinnvoller war als das wiederholt gescheiterte, auf Austeritätsmaßnahmen ausgerichtete Memorandum der Troika. Kurzum, sie beschuldigen den einzigen, der sich gegen die Absurdität der Austeritätspolitik gestellt hat, der Ergebnisse der Austeritätspolitik!
  2. Die europäische Gemeinschaft ist nach wie vor in massiven Sparprogrammen gefangen, die in vielen Ländern zu einer Renaissance des Rechtspopulismus geführt haben. Mit all den Folgen, die an der griechisch-türkischen Grenze zu beobachten sind: Unmenschlichkeit und Fremdenfeindlichkeit.

Die Entscheidungen von damals haben nicht nur die griechische Bevölkerung, sondern alle Europäer nachhaltig beeinflusst.

Was wir mit der Veröffentlichung der Aufnahmen erreichen wollen, ist nichts weniger als die Demokratisierung der EU! Nur durch Transparenz ist es den gewählten Parlamentariern möglich, grundlegende Entscheidungen zu treffen.

DiEM25 hat als gesamteuropäische Organisation ein besonderes Interesse daran, das Vertrauen der Bürger Europas in seine Institutionen wiederherzustellen und Europa endlich zu dem zu machen, was es bisher nicht war: Eine Gemeinschaft, die den Völkern Europas dient und eine bessere Zukunft für alle Bürgerinnen und Bürger schafft, nicht nur für die Finanzinstitutionen und mächtigen Interessengruppen. Der Brexit ist vollzogen und wir müssen dafür sorgen, dass sich die Europäische Union nicht weiter in kleinlichen Streitigkeiten verliert, aus denen kein einzelnes Land als Sieger hervorgeht.

In den letzten Jahren ist viel Vertrauen verloren gegangen. Mit dieser Initiative wollen wir von DiEM25 den Euroskeptikern nicht in die Hände spielen, sondern dafür sorgen, dass das Vertrauen und der Glaube der Menschen durch mehr Transparenz und Demokratie zurückgewonnen wird.

Euroleaks ist ein Weckruf an alle Politiker in Europa, um den Bürgern Europas wieder zu dienen und sie über alle wichtigen Entscheidungen, die sie betreffen, aufzuklären.

Die Menschen in Europa haben das Recht zu wissen, was hinter verschlossenen Türen beschlossen wurde und wie es sie auch heute noch in ihrer Lebensituation persönlich betrifft. Damit es in Zukunft besser gemacht wird und diese Fehler für die Zukunft zu vermieden werden. Nur so können wir Europa und die EU retten!“

Beitragsbild: via DiEM25

Quelle: #Euroleaks DiEM25

Quelle: euroleaks.diem25.org

Die Erklärung von Yanis Varoufakis

Pressekonferenz: Stopp Defender 2020 – Nein zu NATO-Kriegsmanövern – Neueste Information: „Defender 2020 eingefroren“

„“Angesichts der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus wird die US-Verlegeübung Defender Europe 20 quasi eingefroren: Über die rund 5.500 US-Soldaten hinaus, die bereits in Europa sind, sollen keine weiteren Truppen nach Europa verlegt werden. Auch weiteres Material werde nicht angelandet, teilte die federführende Streitkräftebasis der Bundeswehr mit.  Am Vorabend hatte das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa bereits mitgeteilt, dass die Zahl der Soldaten an der größten Verlegeübung seit 25 Jahren reduziert werden sollte, aber noch keine Zahlen genannt. Insgesamt hätten an Defender Europe 20 rund 20.000 US-Soldaten teilnehmen sollen.“

Quelle: Augengeradeaus

Quelle Video: acTVism Munich

 

Achtung: Folgende Veranstaltung fällt wg. CORONA-Virus aus: Kampagne für ein sogenanntes „Lieferkettengesetz“: Film und Kurzvortrag nächsten Montag in Dortmund und weitere Veranstaltungshinweise

Überall auf der Welt leiden Mensch und Natur unter den gewissenlosen Geschäften deutscher Unternehmen. Freiwillig kom­men Unternehmen ihrer Verantwortung nicht ausrei­chend nach. Daher gibt es eine bundesweite Kampagne für ein sog. „Lieferkettengesetz“. Unternehmen, die Schäden an Mensch und Umwelt in ihren Lieferketten verur­sachen oder in Kauf nehmen, müssen dafür haften.

Mit der Veranstaltung

„Hätte, hätte … Lieferkette!!??“

am kommenden Montag, 16. März,
um 19 Uhr in Dortmund
in der Auslandsgesellschaft, Steinstr. 48 (Nähe Nordausgang Hbf und Cinestar.

Referentin Christiane Schnura hält einen Kurzvortrag

wollen DGB, Attac und Informationszentrum 3. Welt die bundesweite Kampagne unterstützen. Mit einem kurzen Film, einem Kurzvortrag von

Christiane Schnura, Koordinatorin der Kampagne für Saubere Kleidung. Foto via Kampagne für Saubere Kleinung.

Christiane Schnura, Koordinatorin der Kampagne für Saubere Kleidung, einem Beitrag über die besondere Verantwortung der Stadt Dortmund und Aktionsbeispielen wird anschaulich die Notwendigkeit für eine gesetzliche Regelung verdeutlicht.

Die Arbeitsbedingungen nicht nur in der Textilbranche sind ka­tastrophal. Die Fabrikgebäude sind marode, auch die Löhne sind miserabel und die Herstellungsmethoden oft lebensgefährlich:
* Bei der Rana Plaza Katastrophe starben über tausend Menschen.
* Der mangelhafte Brandschutz in einer KiK- Zuliefer­fabrik in Pakistan führte zum Tod von 258 Menschen.
* Durch den Dammbruch bei einer brasilianischen Ei­senerzmine verloren 272 Menschen ihr Leben; die Schäden sind noch nicht erfasst.
* Auch die Stadt Dortmund ist mit ihrer Beteiligung am Ener­giekonzern STEAG an Menschenrechtsverbrechen in Kolumbi­en beteiligt.

P.S. Es gibt weitere Themen, die der Unterstützung bedürfen:

Jeden Mittwoch, 16 – 17 Uhr Westenhellweg / Reinoldikirchhof
Kundgebeung des Dortmunder Friedensforums:
Gegen das Großmanöver Defender 2020, Kriegstreiberei und militärische Klimavergiftung

Dazu auch: NRW-weite Demonstration:
Sa., 21. März, 11:55 Uhr Duisburg
STOPP DEFENDER 2020 NRW-DEMONSTRATION
10:30 Uhr Treffen zur gemeinsamen Fahrt am Hbf Dortmund

Sa., 14. März, Klimademo – parents for future
12 – 14 Uhr Friedensplatz

Und weitere interessante Veranstaltungen:

Mi. 11. März: Von Krise zu Krise | Wie hat sich die Gestalt des Kapitalismus verändert?
mit Thomas Sablowski, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Attac
19:00 UhrBahnhof Langendreer, Wallbaumweg 108, Raum 6
Näheres: https://www.dortmund-initiativ.de/?event_id1=3120

Sa., 14. März,
“2030 – Dortmund is(s)t anders – Ernährung und Landwirtschaft neu denken”
15 – 17:30 Uhr Pauluskirche, Schützenstr. 35
Klimadialog des Klimabündnis‘
Näheres: https://www.dortmund-initiativ.de/?event_id1=3128

Quelle: Attac Dortmund

Zu Defender 2020 hier und hier mehr.

Saeeda Khatoon berührte das Publikum. Sie verlor bei dem in Brandunglück in Karatschi ihren einzigen Sohn. Foto: Stille

Zum Brand einer Textilfabrik in Karatschi hier mehr.

Beitragsbild: Solidarity-Centersifat-Sharmin-Amita via Kampagne für Saubere Kleidung

Buchvorstellung: „Kochen ist Politik“ von David Höner

Essen und Trinken – heißt es – halten Leib und Seele zusammen. Wir alle dürften das schon auf die eine oder andere Weise erfahren haben.

Aber: „Kochen ist Politik“ – was sollen wir davon halten?

David Höner: „Warum ich in den Dschungel gehen musste, Rezepte für den Frieden zu finden“

Der Schweizer David Höner legt es uns dar. Höner, 1955 in der Schweiz geboren, arbeitete nach seiner Kochausbildung fünfzehn Jahre als Koch, Küchenchef und Caterer. Journalistisch ist er seit 1990 für Radio, Fernsehen und Printmedien und als Autor von Hörspielen, Radiofeatures und Theaterstücken tätig. Langjährige Auslandsaufenthalte führten ihn 1994 nach Quito, Ecuador, wo er als Mitarbeiter in Kulturprojekten (Theater, Radio),

David Höner: Foto via Westend Verlag

in Entwicklungsprojekten und Gastrounternehmer aktiv wurde. Gut zehn Monate im Jahr lebt Hönes in Ecuador. Für die „Kitchen Battles“ (für einen guten Zweck) sowie Lesungen und Vorträge ist er dann in der Schweiz, Österreich und Deutschland unterwegs. 2005 gründete er die Hilfsorganisation Cuisine sans frontières (CSF) – zu Deutsch: Küche ohne Grenzen.

Von Glanz und Glamour und der ganzen Sternekocherei hatte der Schweizer genug gehabt.

Er hat uns aufgeschrieben, „Warum ich in den Dschungel gehen musste, Rezepte für den Frieden zu finden“ – so der Untertitel seines Buches.

Menschen gemeinsam an den Tisch bringe und vielleicht so Probleme lösen

Die Idee hinter CSF: Mit Menschen gemeinsam kochen, sie an den Tisch bringen. Und so vielleicht auch Probleme lösen zu helfen. Hieß für David Höner auch: Bis auf den Tod Verfeindete zusammen an den Esstisch zu bringen. Auf Seite 23 schreibt Höner:

„Die Cuisine-sans-frontiére-Idee beruht auf einer einfachen Überlegung: In Krisensituationen ist eine Gemeinschaft darauf angewiesen, miteinander zu kommunizieren und Lösungen zu erarbeiten, die der jeweiligen Situation gerecht werden. Dazu muss als Erstes ein geschützter Ort geschaffen werden, an dem solche Gespräche ohne Zeitdruck stattfinden können. So ein Ort ist in unseren mehr oder weniger friedlichen Breitengraden oft eine gastronomische Einrichtung, in der ein neutraler Wirt seine Gastfreundschaft zeigt. Er bietet Speise und Getränke an, sorgt für die Hausordnung und lebt von seiner Tätigkeit.“

Bevor CSF aber Erfahrungen in Ecuador, Kolumbien und Kenia sammeln konnte, ging es zunächst in die Gegend von Tschernobyl, wo das schlimme Unglück mit dem Atomkraftwerk passiert ist.

Wobei es in Tschernobyl nicht darum ging, Feinde zu versöhnen. Angehen gegen die allgemeine Hoffnungslosigkeit von Menschen wollte man dort. Gegen die Hoffnungslosigkeit der Menschen in den Dörfern rund um den Reaktor.

Westend zum Buch von David Hönes:

Kochen ohne Grenzen – statt Kitchen Battle setzt David Höner mit seiner Hilfsorganisation „Cuisine sans frontières“ auf gelebte Küchendiplomatie und entwickelt dabei weltweit Rezepte für den Frieden, von Tschernobyl bis zum Kongo. Seit vielen Jahren reist der Koch und Autor David Höner durch die Krisenregionen der Welt, um Menschen beim Kochen und Essen zusammenzubringen. Die Grundidee: mit Essen und Trinken die Welt zu verändern, bei Tischgesprächen Konflikte zu lösen, beim Teilen von Brot und Suppe Frieden zu stiften. So wurde er mit seiner Hilfsorganisation „Cuisine sans frontières“ zu einem kulinarischen Grenzgänger, der Verbindungen schafft.

Spannend und informativ geschrieben, nimmt uns das Buch mit in uns fremde, weit entfernte Welten

Das Buch – spannend, informativ und mit Haltung geschrieben – lässt uns eintauchen in uns fremde, weit entfernte Welten. Welten vielleicht, von denen wir bisher immer dachten, halbwegs zu wissen, wie es dort zugeht. Halbwissen, zusammengestoppelt aus Filmen. Allzu oft aber basierend auf Vorurteilen. Etwa Afrika!

„´Afrika ist anders!“‘, lesen wir dann auch im gleichnamigen Kapitel auf Seite 75, „Ja, aber bitte nicht anders, bitte nur etwa so wie in meinen Büchern, in denen mir weiße Autoren schlüssig ihre weißen Erzählungen auf weißem Papier erklärt haben.“

Und vielleicht ginge es manchem so, wie ein Schweizer Kameramann, der im Buch erwähnt wird, weil der eine Reportage über die Arbeit von CSF und David Hönes macht, nicht fassen kann, dass bei einem Tanz afrikanischer Frauen diese nicht barbusig auftreten. Und er meinte prompt enttäuscht, das sei nicht authentisch.

Südamerika und Afrika. Mit Rezepten und Kochlöffel kommt man weder gegen Drogenbanden noch schwerbewaffnete Volksstämme an

Mit David Höner gelangen wir auch nach Südamerika – Ecuador und Kolumbien. Aber auch nach Kenia auf dem afrikanischen Kontinent. Das ist aufregend. Manchmal erschreckend, wenn wir von den angetroffenen Verhältnissen und plötzlich auftretenden Problemen – ja von lebensbedrohlichen Erlebnissen lesen, dort wo etwa Drogenbanden agieren, mit denen gewiss nicht gut Kirschen essen ist. Oder schwerbewaffnete Volksstämme auf den Plan treten. Und wann weder mit den einen noch mit den anderen kaum mit Rezepten und Kochlöffeln ankommen wird.

Und schon bald fragen wir uns ob der Kenntnis von all dem: Muss man nicht ziemlich bekloppt und lebensmüde sein, sich das anzutun?! Schließlich hat das nicht im Geringsten etwas mit Tourismus oder mit all eben ein bisschen Spaß-haben zu tun! Nach allem war wir erfahren, dürfte man bezüglich der Person von David Höner sagen: Der ist wohl positiv bekloppt – um uns einfach mal der Worte eines prominenten, gut genährten deutschen Fußballmanagers zu bedienen …

David Höner – ein Macher mit einer Idee, der weiß, was er will und es dann auch in die Tat umsetzt

Vielmehr, gewinnen wir Leser den Eindruck: der Mann ist ein Macher, der weiß, was er will und das – wenn es sein muss – auch energisch durchzusetzen weiß. Der von einer Idee fast besessen ist, von welcher er überzeugt ist.

Entwicklungshilfe“, die eigentlich keine ist und von anderen Problemen

Erfahren tun wir in den diesem Buch auch einiges über die sogenannte „Entwicklungshilfe“ und darüber, wie diese oft genug gar keine Hilfe zur Selbsthilfe ist, sondern heute sogar noch mehr nach wirtschaftlichen Interessen des Geberlandes ausgerichtet ist. Das betrifft auch die deutsche GIZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GmbH).

Der Autor kritisiert auch, dass bestimmte „Freihandelsverträge“ schon gar nicht zu beiderseitigen Nutzen ausgerichtet sind, sondern die Entwicklungsländer (etwa im Handel mit der EU) benachteiligt.

Zum anderen ist nicht nur Korruption das Problem von Entwicklungsländern, sondern auch die Tatsache, dass Rohstoffe nicht vor Ort verarbeitet werden, um sie dann zu exportieren.

Auch von Lebensmittelsicherheit und dem Wert von Lebensmitteln ist im Buch die Rede. Politischen Entscheidungen, die keine guten Auswirkungen haben, werden kritisiert.

Höner gibt zu, nicht alles gelang, wie ursprünglich geplant. Was wohl auch damit zu tun haben dürfte, dass jeder neue Anlauf, wie er auf Seite 276 schreibt, weil jeder Standort unter anderen Voraussetzungen stattfand. Hönes:

„Ich rede in diesen Erinnerungen nicht von den gescheiterten Projekten, nicht von denen, die bereits in den Anfängen steckengeblieben sind. Die Absicht, bereits nach drei Jahren eine Gastgeberplattform an die lokalen Partner zu übergeben ist sehr ambitiös. Kurze Auftritte hatten trotzdem einen Nachhall.“

Und weiter:

„Die Grundidee wurde mit der Zeit angepasst. Der Versuch, tief verfeindete Gruppen an unsere Gästetafel zu bitten, gelang nur selten. Im Calabash in Kenia aber gelang ein solcher Drahtseilakt. Das Seil schwankt zwar immer noch hin und her, aber das, was entstanden ist, steuert seinen Teil zum Friedensprojekt bei.“

Gute Ergebnisse also der Aktivitäten rund um Orwa im Nordwesten Kenias. Dort grenzen die Gebiete der Pokot und Turkana aneinander, die sich seit ewigen Zeiten verfeindet sind und sich in Stammeskriegen gegenseitig bekämpften. Im Niemandsland zwischen den beiden Gruppen eröffnete „Cuisine sans frontières“ gemeinsam mit Partnern von vor Ort ein Restaurant.

Erst kam niemand. Aber dann erschienen sie doch. Dafür sei es auch notwendig gewesen, mit lokalen Warlords zu verhandeln.

Mehrere Jahre danach seien auch Krieger gekommen. Und es gelang letztlich, mit den verfeindeten Gruppen sogar gemeinsam Feste zu feiern – und so einen Beitrag zur Befriedung des Konflikts zu leisten.

Ein Auszug aus dem Buch von David Höner:

In der Morgendämmerung erwacht der Dschungel mit Tausenden von Stimmen. Ein in die Tiefe gestaffelter Geräuschteppich, das Schreien von Affen weit weg, ganz nah das Sirren und Brummen der Insekten, melodische Vogelstimmen begrüßen den Tag. Santiago hat mit unserem Geld eingekauft. Geschenke für die Frau, Reis, Öl, Waschpulver, Salz, Gummistiefel. Auch wir tragen Gummistiefel, viel Gepäck haben wir nicht: die Kamera, etwas Trinkwasser und Schreibzeug. Das Kanu ist nur etwa vier Meter lang, schmale Balken, um sich hinzusetzen. In den morgendlich dunklen Regenwald gleiten wir auf einem kleinen Nebenfluss. Mit tuckerndem Außenbordmotor. Die Fahrrinne ist eng, man duckt sich unter gestürzten Bäumen, weicht hin und her zwischen herabhängenden Ästen. Wo sich das Wasser weitet, weitet es sich zum Sumpf. Nach einer halben Stunde habe ich keine Orientierung mehr. Niemand spricht. Iris und ich tauschen Blicke. Es ist gut, nicht allein zu sein. Es wird wärmer, die Uferböschung dampft, Sonnenstrahlen zeichnen Streifen in die von Myriaden von Insekten bevölkerte Luft. Niemand spricht. Nach geschätzten anderthalb Stunden sind wir am Ziel. Santiago befestigt das Kanu an einer Anlegestelle, die nur durch ein paar in den Lehm gehauene Stufen in der hohen Uferböschung zu erkennen ist. Er steigt aus dem schwankenden Kanu, nimmt den Sack mit den Mitbringseln und steigt die Stufen hinauf. Er will schauen, ob jemand da ist, bevor er uns ruft.

Das Haus, in dem Miriam und ihre Kinder wohnen, ist nicht klein. Aus Baumstämmen und Bambus erbaut, steht es auf hohen Pfählen am Rand eines gerodeten, unbefestigten Hofes. Unter dem Haus kratzen ein paar Hühner in Küchenabfall und vor allem im Staub, liegen leere blaue Plastikfässer und allerlei landwirtschaftliches Werkzeug, Hacken, Spaten, Rechen. Dort sind auch zwei Esel angebunden, sie stehen schläfrig im Schatten. Die Besitzerin der Finca empfängt uns auf der Veranda. Sie trägt ein wenige Monate altes Baby in einem Schultertuch. Neben ihr der älteste Sohn im verwaschenen löchrigen T-Shirt, gerade mal 16 Jahre alt, doch mit dem Gesicht eines erwachsenen Mannes: Javier. Im Hintergrund wuseln im Halbdunkel zwei scheue Mädchen herum, auch ein Mann sitzt da. »Mein Bruder«, sagt Miriam. Er ist einarmig, begrüßt uns nicht. Fremden kann man nicht trauen.

Die Hausherrin schickt uns mit dem Sohn hinaus ins Feld. Dorthin, wo vor drei Monaten Flugzeuge eine Welkschneise in den Dschungel gespritzt haben. Braune, verfaulte Pflanzen, die nur teilweise als Cocasträucher auszumachen sind, über die Länge und Breite von zwei Fußballfeldern. Gerade noch erkennbar sind auch zwei verrottete Maisfelder, tote Yucca- und Bananenstauden. Hohe entlaubte Dschungelbäume säumen das besprühte Gebiet. Es riecht muffig, nach feuchtem Moder, brackigen Pfützen. Moskitos gibt es keine. Weggesprüht.

Sie hätten nicht so viel Land, die Lebensmittel seien nur zum eigenen Gebrauch angepflanzt worden. Das Coca, er zuckt mit den Achseln, das Coca zum Verkauf. Er zeigt uns ein Treibhausbeet am Rande des zerstörten Bodens. Dort sprießen bereits wieder Schößlinge des Cocastrauchs. In diesem Boden wachse nichts mehr – außer der zähen Drogenpflanze. Ich frage mich, ob der Konsument in Europa weiß, was er sich da für ein Gift in die Nase zieht. Von Bio-Kokain keine Rede. Man habe jetzt neue Flächen im Dschungel gerodet, neue Bananen und Yucca eingepflanzt. Die Gewächse aber würden kränkeln und der Mais eingehen, bevor er wadenhoch gewachsen sei. Ob er wisse, was man da gesprüht habe, fragen wir Javier. Nein, er weiß es nicht. Ob hier nun die klebrige Mischung von Glyphosaten, die unter dem Namen »Roundup Ultra« vom Militär verwendet wird oder ob der als Biowaffe geächtete Welkpilz »Agent Green« eingesetzt wurde, ist unbekannt. »Agent Green« nachzuweisen, ist kompliziert, das geht nur in teuren Labors. Umweltaktivisten bekommen dort keinen Rabatt.

Jetzt stapfen wir über schwer begehbaren, holprigen oder sumpfigen Boden, mitten durch ein unzerstörtes Cocafeld, das bereits zum Teil abgeerntet ist. Die schlanken Stauden treiben fleißig neue Sprossen. »Davon leben wir«, meint Javier. Er weiß, was wir wissen wollen. Als er mit uns über schlammige schmale Fußwege zurück zum Haus geht, erklärt er den Ablauf: »Ich und meine Schwestern zupfen die Blätter ab und bringen sie auf den Hof. Dann legen wir sie auf Tüchern in die Sonne. Die Blätter müssen angetrocknet sein, um in unserer Werkstatt verarbeitet zu werden. Die zerhackten Cocablätter werden mit Zement vermischt und mit Schwefelsäure und Benzin verkocht. So entsteht die Paste, die ich, wie früher mein Vater, auf den fünf Stunden entfernten Markt bringe. Dort verkaufe ich es an die Ankäufer.« Er weiß natürlich, dass das alles illegal und gefährlich ist. Trotz klingt aus seiner Stimme: »Wenn ich beide Esel mit getrocknetem Mais beladen würde, den ich gar nicht habe, weil wir selbst etwas zu essen brauchen, verdienen wir kein Zehntel dessen, was uns ein Kilo Cocapaste bringt. So kann ich auf dem Esel sitzen und bin am gleichen Tag wieder zurück. Wir sind arm. Keiner will uns unsere Arbeit bezahlen.“

Quelle: Westend Verlag

Im Verlaufe des Buches streut Höner immer wieder kluge Gedanken über den Zustand der Welt und das Handeln der Menschen ein. Gedanken, die es wert sind, für sich selbst sozusagen nach zu denken.

„Der Wunsch nach Harmonie, Frieden, Liebe und einem vollen Bauch ist Gemeingut“, steht auf S.253 zu lesen. Und um dies ins Werk zu setzen? „Das setzt zwei Dinge voraus: Erstens, dass alle den guten Willen mitbringen, diese Menschenrechte zu leben und leben zu lassen.“

„Aber“, konstatiert Höner, „allenthalben hapert es an der Umsetzung.“

Dennoch wird der Autor nicht müde, Mut zu machen (S.254):

„Wenn wir aufhören den paar Wenigen zuzuhören, die mir ihrer furchterregenden Propaganda glauben, über unser aller Schicksal entscheiden zu dürfen, wird alles gut. Naiv? Wenn es naiv ist, an die gute Option zu glauben und auf sie zu hoffen, bin ich gerne naiv.“

Eine lohnenswerte Lektüre. Rezepte freilich finden die Leser*innen im Buch nicht (S. 286): „Ganz viele Buchstaben – und immer wieder war vom Kochen die Rede. Und kein einziges Rezept?“

Abgesehen von dem, einen einfachen Brotaufstrich herzustellen: „Ein Ei kochen ist keine Hexerei. Es schälen auch nicht, mit der Gabel zerkleinern, gelingt immer. Eine Prise Salz dazu, ein paar Tropfen Sonnenblumenöl und einige Tropfen Zitronensaft, fertig ist der Brotaufstrich.“

Ansonsten finden wir eher Rezepte, die davon künden, wie besser zu leben sei.

Die um Buch abgedruckten Schwarzweißfotos kommen allerdings in keiner guten Qualität daher. Aber das ist letztlich – denke ich – zu verschmerzen.

David Höner

Kochen ist Politik

Warum ich in den Dschungel gehen musste, um Rezepte für den Frieden zu finden

Erscheinungstermin: 01.10.2019
Seitenzahl: 256
Ausstattung: Hardcover mit Schutzumschlag
Artikelnummer: 9783864892646
  • Buch

24,00 Euro

Video der Buchkomplizen zum Buch

Dazu noch ein Interview mit David Höner, das Ken Jebsen mit dem Autoren führte: