Boleslavská – Sehnsucht

Für Frau P.

Prag. Ein sonderbares Gefühl, hier zu sein. Fast ein heimatliches. Ein glückliches, ein der Seele gut tuendes – allemal. Wenn das Auto, der gute alte Trabant (ob es ihn wohl noch gibt?), das Schild PRAHA passierte, setzte es ein – das Herzklopfen, um schließlich in der Leninova (ob die denn jetzt noch so heißt?, weiter anzuschwellen und letzten Endes an der ecke Italaská/Vinohradská in eine Euphorie zu münden, die mich fast verführt, die erlaubten „60“ zu überschreiten.

Fast war es, als käme ich von einer langen Reise in meinen Bezirk – Vinohrady/Weinberge – zurück. Die Häuser, die Geschäfte, die Menschen, alles waren gute alte Bekannte. Natürlich auch die Elektrische, die neben mir herdonnert und schrill klingelt, wenn ihr etwas in die Quere kommt. Das duldet sie nicht. Die Prager Straßenbahn behauptet sich. Deshalb schon ist es ratsam, sie nicht zu erzürnen, nicht zu reizen. Die Tram ist nun einmal die Stärkere. Deshalb zügele ich auch meine Ungeduld, die lasse sie rumpelnd passieren, bis ich die Gleise überquere, einige Meter in die Gegenrichtung fahre, um dann in die der Boleslavska gegenüberliegende Straße rechts einzubiegen, wo ich ein Plätzchen zum Parken fand.

Die ersten Schritte vom Auto, die etwas ansteigende Straße hinauf, müssen für andere Passanten wohl etwas ungelenk und tapsig wirken. Die Strecke Halle – Prag hat die Glieder, trotz kleiner Gymnastik unterwegs halt etwas „einrosten“ lassen.

Nachdem es mir gelungen ist, die lebhafte Vinohradská zu überqueren, sind es nur noch wenige Schritte bis zur Nummer 11, meinem Ziel die Häuser, so auch das Elfer, haben nichts besonderes, eher sind sie grau, hoch und klotzig. Es sind Wohnhäuser – nicht mehr und nicht weniger.

Im Hausflur strömt mir muffig-kühle Luft entgegen. Sie ist mir vertraut wir auch der Aufzug, der nach einigen Minuten des Wartens klacksend und rappelnd im Patro (Parterre) hält. Es riecht nach Holz und vor allem nach Schmiere. Wer gut fährt, der gut fährt? Zunächst einmal betrachte ich das liebenswürdig Ungetüm. Plumps. Mit meinem Körpergewicht habe ich den Kontakt geschlossen, und siehe da – es wurde Licht!

Ich entsinne mich an früher. Da gab es bei uns einst Telefonzellen mit ebensolchem Fußkontakt. Nostalgie? Ja, etwas Schönes, besonders in Prag. Was wäre die Goldene Stadt ohne sie?

Ruckend zieht der Motor unterm Dach des Hauses das Seil und mit ihm den hölzernen Kasten und mich in die Höhe. Beim Passieren der einzelnen Stockwerke klickt und klackt es, die Kabine schüttelt sich ein wenig.

Ich habe Respekt vor dem Dinosaurier der Aufzugstechnik und rühre mich nicht von der Stelle, als fürchte ich, die Kabine aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch alles geht gut.

Wie jedesmal hat mich das Ungetüm sicher hinaufgebracht. Ich öffne die Tür, verlasse die Kabine und rums. Der Kontakt öffnet sich, das Licht verlöscht.

Gleich neben den nun wieder freien Vehikel wird mir die nette Frau die Wohnungstür öffnen. Sie freut sich über den Besuch. Lange schon ist der Mann von ihr gegangen, da ist der Gast willkommen – auch und vor allem zum Plaudern. Zur Begrüßung gibt es einen guten Kaffee, der tut gut nach so langer Fahrt. Man tauscht sich aus über Neuigkeiten, das Wetter und die Politik.

Kurz mache ich mich frisch unter der Dusche im Bad, welches gleich neben dem Aufzug liegt. Das Rumpeln desselben macht mich neugierig, und ich muss das kleine Fensterchen öffnen.

Es dient normalerweise der Lüftung, mir hingegen zur Befriedigung meiner nicht zu bremsenden Neugierde. Wieder kriecht er bekannte Geruch nach Schmiere und irgendwie auch Elektrizität in meine Nase, die ich durchs Fenster in den dunklen Schacht, an dessen Grund verschiedener Unrat liegt, stecke.

Doch schon wird der Blick nach unten wieder abgeschnitten. Klackend und schleifend kommt die Kabine von den oberen Stockwerken herabgefahren – vorbei an meiner neugierigen Nase. Die Schienen, an denen der Kasten vorbeigleitet, sind dick und fett geschmiert. Fast unheimlich, dieser Blick aus dem Fensterchen in die Tiefe, begleitet von allen möglichen Geräuschen. Es war immer ein besonderer Sound, ja ein Klangteppich, in dessen Mitte der Aufzug natürlich der König der Instrumente war. Nebenher drang ein Zischen, Klappern, Wispern und undefinierbares Rascheln aus dem Schlund nach oben zu mir.

Es mochte wohl hauptsächlich aus den anderen Wohnungen unter und über mir stammen, deren Lüftungsfensterchen in den Aufzugsschacht mündeten.

Faszinierender Ort. Vielleicht sogar als Drehort für einen Krimi denkbar. Vorerst aber hielt ich dieses phänomenale Bild fest, mit der Kamera in meinem Kopf.

Das prickelnde Wasser ließ ich lauwarm über meinen von der Fahrt in Anspruch genommenen Körper laufen, der langsam erwachte und fit wurde für die so lange entbehrte Stadt, Wieder einal musste sie für meine seelische Entspannung herhalten. Sie würde das verschmerzen. Eine Stadt wie Prag musst mit ganz anderen Sachen fertig werden.

Ein Hotel war nicht denkbar für mich. Es musste die Boleslavská 11 sein. Mittendrin in der Stadt wollte ich sein, der Stadt, die mich – wie so viele andere vor mir in ihren Bann gezogen hatte, und zwar von Anfang an.

Damals im Jahre 1973, fing ich an, die wunderbare Stadt von draußen, vom Studentenwohnheim „Vetrnik“ aus, zu beschnuppern. Seitdem ließ mich Prag nicht mehr los. Ohne Prag mochte manches anders verlaufen sein in meinem Leben. Auch die gute Frau weiß, dass es mich nicht mehr hält. Ich muss hinaus.

Heute muss es wenigstens noch der Wenzelsplatz sein, die Karlsbrücke vielleicht und auch ein bisschen die Kleinseite. Im „Slavia“ werde ich in mitten einer illustren Publiumschar mit dem Blick auf das prächtige Nationaltheater (wie gerne sähe ich endlich einmal eine Oper dort) einen Wiener Kaffee trinken. Dann wird es schon dunkel sein und Zeit für die Metro am Wenzelsplatz. Auch die Metro ist mir ans Herz gewachsen. Gern brause ich unter Prag hinweg, von Station zu Station von der netten weiblichen Stimme begleitet, die einer reizenden Schauspielerin (wie hieß die man bloß?) gehört.

Viel zu kurz wird die Fahrt wieder gewesen sein, wenn ich an der „Flora“ aussteige. Tief werde ich den Geruch der Metro, den kürzlich einmal in der Dortmunder U-Bahn wiedergefunden geglaubt hatte, einatmen. Auch der gehört zu Prag. Mittlerweile.

Von der „Flora“ sind es nur noch wenige Schritte in die Boleslavská. Schlafen werde ich noch nicht gleich, in dem herrlich-weichen Bett, welches auf mich wartet. Die gute Frau wird noch wach sein und erzählen vom alten Prag im schrecklichen Krieg. Ich will das alles wissen, sauge die Stadt und ihre Geschichte auf …

Doch zunächst wartet wieder das klacksende, klappernde und auch schon vertraut gewordene, liebevolle Beförderungsmittel auf mich …

Erinnerungen. Das letzte Mal war es ’88 oder ’89? Neunundachtzig jedenfalls war es, als ich einer damals ungewissen Zukunft entgegenflog, hinweg über „mein“ Prag, welches unter mir und der Tupolew 134 lag und pulsierte wie immer. Auch einer aufregenden Zukunft entgegen.

Jetzt habe ich wieder Sehnsucht nach Prag. Nicht etwa, weil es in Dortmund kein gutes Bier gäbe. Nein, das ist es nicht. Es ist auch ein bisschen wegen der Boleslavká 11 und dem Blick aus dem kleinen Fensterchen, herab auf den hölzernen Fahrkorb und die Lust auf den Geruch nach Schmiere. Wie ich weiß, gibt es ihn noch und auch die liebenswürdige alte Prager Dame. Ich werde kommen, denn lange hält es mich nicht mehr, mein Prag!

Hinweis: Rückblickend auf die 1980er aufgeschrieben, Anfang der 1990er Jahre. Der Text erschien in der deutschsprachigen Prager Volkszeitung.

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