Ein neues Buch von Wolfgang Bittner: „Deutschland – verraten und verkauft. Hintergründe und Analysen“

Auf den ersten Blick mag es provokant klingen, doch wird es von Wolfgang Bittner mit Fakten so schlüssig wie erstaunlich belegt: Deutschland war und ist verraten und verkauft. Diese zentrale Erkenntnis vermittelt er im Buch, indem er sich der Thematik gleichsam in konzentrischen Kreisen nähert – stets darauf bedacht, seine Aussagen mit Zitaten von Experten zu stützen. Der Leser erhält so einen umfassenden Überblick über die Hintergründe der derzeitigen weltpolitischen Situation, auch Deutschlands Perspektive in Nach-Corona-Zeiten bleibt nicht unbeachtet. Zunächst erläutert der Autor die überragende geopolitische Bedeutung Eurasiens und wendet sich dann dem von den USA angeführten fatalen Aggressionsbündnis gegen Russland und China zu. Umfassend geht er auf die Missachtung deutscher Interessen durch die US-amerikanische sowie auch die offizielle deutsche Politik ein und verweist warnend auf das Gewaltmonopol der Vereinigten Staaten und deren unipolaren Machtanspruch. Weitere Stichworte sind Versailles, Weimarer Republik und Hitlers Aufstieg, das Versagen der Medien, aber auch die Corona-Krise in Verbindung mit dem sogenannten Great Reset. Das vorliegende Werk bietet mit seinen zahlreichen Zitaten und Hinweisen einen unschätzbaren Fundus an politischem, kulturwissenschaftlichem und historischem Wissen.

Klappentext:

Die USA maßen sich an, Einfluss auf alles zu nehmen, was in der Welt geschieht. Als höchstgerüstete Militärmacht setzen sie ihre wirtschaftlichen und strategischen Interessen rücksichtslos mittels völkerrechtswidriger Interventionen, Sanktionen und Kriegen durch. Deutschland, seit 1945 Frontstaat und Brückenkopf der USA, folgt weitgehend den Vorgaben aus Washington und macht sich mitschuldig. Politik und Gesellschaft, Organisationen und Medien, sogar Regierung und Parlament sind durchsetzt mit korrumpierten oder ideologisch befangenen Einflusspersonen, die nicht das Wohl der breiten Bevölkerung im Blick haben. Im Hintergrund agiert eine kleine Gruppe egomanischer Multimilliardäre, die sich als Weltelite versteht. Sie wirkt auf die Politik der westlichen Welt ein und verfügt über die dafür notwendigen Mittel und Hilfskräfte. Insofern ist es an der Zeit für eine fundamentale Umorientierung, wozu es zuvorderst umfassender Aufklärung bedarf.

Erschienen im Verlag zeitgeist am 19.3.2021, Broschur, 320 S. mit 33 Abbildungen, 19,90 €

Verlag zeitgeist Print & Online, Hermann-Geisen-Straße 1, 56203 Höhr-Grenzhausen, https://www.zeitgeist-online.de

Quelle: Zeitgeist Verlag

Hinweis: Demnächst lesen Sie hier eine Rezension zum Buch

„Begegnungen mit Peter Scholl-Latour“ – Ein persönliches Portrait von Ramon Schack

Erst vor Kurzem hatte ich hier am Beispiel der Dortmunder Malerin Bettina Brökelschen aufgezeigt, welch Einfluss die Begegnung mit einem interessanten Menschen auf das weitere Leben eines Menschen ausüben kann.

Ähnliches hat der Journalist und Politikwissenschaftler Ramon Schack erlebt. Wenn ich ehrlich bin, beneide ich ihn um dessen persönliche Begegnung mit einem ganz Großen: Nämlich Peter Scholl-Latour. Er hatte ihn vor vielen Jahren zufällig getroffen und war mit ihm ins Gespräch gekommen. Und dann hatten sich beide über die Jahre – bis nahezu zum Tode Scholl-Latours im Jahre 2014 – immer wieder getroffen. Aus der Begegnung erwuchs ein beruflicher Kontakt, eine gute Bekanntschaft und später sogar eine Freundschaft.

Der Journalist Peter Scholl-Latour war in seiner Branche früh eine Ausnahmeerscheinung und blieb bis zum Schluss

Der deutsch-französische Journalist Peter Scholl-Latour war schon früh eine Ausnahmeerscheinung in seiner Branche. Und er blieb es bis zum Schluss. Erst recht wäre er es heute! In Zeiten, da der deutsche Journalismus vor allem bezüglich seiner Funktion als Wachhund der Politik im Sinne der Vierten Gewalt, leider ziemlich auf den Hund gekommen ist. Weshalb nicht nur ich immer öfters feststelle: Der Mann fehlt.

„Den Medien“, schrieb Medrum.de am 18.8. 2014, „hält der Journalist und Kenner vieler Brennpunkte des Weltgeschehens vor, überall Desinformation aufzugreifen und falsche Bilder zu vermitteln, anstatt über das tatsächliche Geschehen und seine Hintergründe unvoreingenommen und qualifiziert zu berichten.“ Medrum.de verweist im selben Text auf Interview mit Scholl-Latour hin: „Im Interview mit BR Alpha merkt Scholl-Latour zu seiner kritischen Distanz gegenüber westlichen Denkschablonen an, er sei sehr eng mit den Menschen in anderen Erdteilen zusammenkommen und habe gemerkt, dass unsere Vorstellung, dort Demokratie und Parlamentarismus einzuführen, illusorisch sei, dass man den Ländern ihre eigene Natur und Kultur lassen müsse. Er sei nie ein Prediger gewesen, der versucht habe, die Welt zu verbessern. So wäre etwa ein Versuch, die Chinesen zur amerikanischen Form der Demokratie zu bekehren, purer Blödsinn. Außerdem werde dauernd gelogen.“

Scholl-Latour kritisierte die Berichterstattung: „Die Leute haben keine Geschichte gelernt“

Und weiter stellte Peter Scholl-Latour laut Medrum.de fest: „Scholl-Latour betont, er habe früher noch die Möglichkeit zur kritischen Berichterstattung gehabt und dabei auch den Schutz des Intendanten gehabt. Heute sei vieles anders. Inzwischen sei er so weit, wenn er Nachrichten sehen wolle, dass er ntv ansehe statt ARD und ZDF. Auf die Frage „Warum?“ antwortet Scholl-Latour: „Weil die nichts mehr bringen.“ Auf den Einwand, die Geschehnisse in der Ukraine seien Gegenstand intensiver Berichterstattung gewesen, entgegnet Scholl-Latour: „Aber falsch! Aber falsch!“ Das Grundproblem der Ukraine werde nicht verstanden.  An der Berichterstattung sehe man, so Scholl-Latour: „Die Leute haben keine Geschichte gelernt. Rußland ist in Kiew entstanden. Kiew ist der Ursprung Russlands.“ In diesem Zusammenhang kritisiert Scholl-Latour auch die Voreingenommenheit der Journalisten, die zum Beispiel bei der Berichterstattung vom Maidan deutlich zu erkennen gewesen sei.“

Hoher Respekt für einen Journalisten, der die Welt aus eigener Anschauung kannte

Manche Schlaumeier in Journalisten und Medienkreisen warfen Scholl-Latour direkt oder hinter vorgehaltener Hand vor, eine Unke zu sein. Nicht selten jedoch behielt der große alte Mann des Journalismus aber mit seinen Befürchtungen recht. Wir müssen nur heute einmal kritisch in die Welt hinausschauen. Der Mann zählte einfach nur eins und eins zusammen. Dabei war er freilich kein Wahrsager der sich einer Glaskugel bediente. Sondern ein gebildeter Mensch, der sich in der Welt und in der Geschichte auskannte. Deshalb schätzte ich den Mann, der die Welt aus eigener Anschauung kannte, und brachte ihm hohen Respekt entgegen.

Umso mehr merkte ich auf, als ich auf das bereits 2015 erschienene Buch „Begegnungen mit Peter Scholl-Latour“, mit dem Untertitel „Ein persönliches Portrait von Ramon Schack“ aufmerksam wurde. Ich kaufte es und, mich freuend auf die Lektüre, stürzte ich mich sogleich – sozusagen Hals über Kopf – hinein. Es fesselte mich bis zum Schluss. Und trieb mich dann sogleich dazu an, endlich zwei bereits angefangene Scholl-Latour-Bücher, die ich wegen anderen „Leseaufgaben“ zwecks Rezension, hatte schweren Herzens zunächst zurück auf die Halde noch zu lesender Bücher gelegt hatte, weiterzulesen.

Ich hatte schon früher in der DDR Scholl-Latours TV-Reportagen (hauptsächlich zur Zeit des schrecklichen Vietnam-Krieges) im Westfernsehen verfolgt. Und auch an seinen Lippen gehangen, wenn er später anderweitig und in anderen Kontexten zu sehen war. Etwa in Talkshows, wo er gegen Ideologisch bedingte Dummheit, Arroganz, Demagogie und Unwissenheit seitens der anderen Gäste ankämpfte und oft der einige war, wusste wovon er sprach. Denn er war nicht nur ein großartiger Journalist, sondern eben auch ein in Geschichte und Religionen äußerst belesener durch seine vielen Reisen klug und weise gewordener Mann. . Scholl-Latour hat alle (!) Länder der Welt bereist. Zuletzt noch im hohen Alter. Und wenn er aus und über die vielen Weltgegenden berichtete, wusste er wovon er sprach. Heute ist es ja oft leider so, dass Korrespondenten oft weit weg vom Ort des Geschehens berichten.

Vor allem kannte sich Scholl-Latour in der arabischen Welt und dessen Geschichte, der Weltgeschichte insgesamt ohnehin, perfekt aus. Weshalb oft er als d e r „Welterklärer“ galt. Viele große Staatenlenker hatte er persönlich getroffen. Als der greise, Ajatollah Ruollah Musawi Chomeini, politischer und religiöser Führer der Islamischen Revolution von 1979, von Paris aus nach Teheran flog, war Peter Scholl-Latour mit an Bord der Maschine. Doch damit nicht genug: Man hatte ihm die Verfassung der Islamischen Republik Iran vorsichtshalber anvertraut.

Gregor Gysi hat übrigens das Vorwort zu Ramon Schacks Buch geschrieben. Und ich schließe mich betreffs der Beurteilung von Scholl-Latour Gysis Worten an. Nämlich, dass Scholl-Latour für unsere Medienlandschaft sehr wichtig gewesen sei. Gysi weiter und ich kann dem Politiker auch hierin beipflichten: „Nicht, dass ich jedes politische Urteil und jede Kommentierung mit ihm geteilt hätte. Dazu hätte ich konservativer sein müssen.“

Scholl-Latour sei einer der wenigen gewesen, die kritisch auf den Krieg der NATO in Afghanistan, der „Koalition der Willigen“ im Irak und auf die Intervention in Libyen reagiert habe. Diese Skepsis fehle Gysi in diesem „so unkritisch gewordenen, affirmativen Zeitgeist“. Was auch ich dreimal unterstrichen haben möchte!

Ramon Schack bekennt, bei seinem Portrait handele es sich um „kein objektives Buch“: „Nein, es ist subjektiv bis ins Mark.“ Es handele sich um Schacks „persönliche Würdigung Peter Scholl-Latours, in Form eines Portaits, welches auch biografische Elemente beinhaltet“.

Ja, und es stimmt wohl , was dieses dem Buch voran gesetzte Zitat Leopold von Ranke zum Ausdruck bringt:

„Eine große Persönlichkeit bemerkt man nicht allein wenn sie gegenwärtig ist; man wird ihren Wert erst dann noch mehr inne, wenn die Stelle leer ist, die sie einnahm“

Quelle: Leseprobe aus dem im 3 Seiten Verlag erschienen Buch via Bücher.de

So erging es auch dem Autor Ramon Schack und sicher vielen anderen, die Arbeit Scholl-Latours schätzten.

Der 3 Seiten Verlag schrieb im Erscheinungsjahr 2015 zum Buch:

„Über ein Jahr ist seit dem Tod von Peter Scholl-Latour vergangen. Die Lücke, die sein Ableben hinterlassen hat, ist für viele Menschen noch schmerzhaft spürbar. So auch für Ramon Schack. In den vergangenen Monaten, nach dem Tod von Scholl-Latour, wurde Ramon Schack erst richtig bewusst, welchen Einfluss Peter Scholl-Latour auf sein Leben hatte.“

Und weiter: „In den Augen Schacks, unterschied sich Scholl-Latour vorteilhaft von jenen Kollegen, die ihr fest gefügtes Weltbild nicht durch eigene Recherche vor Ort durcheinanderbringen lassen. Aus diesem Grund hat er seine Begegnungen mit Peter Scholl-Latour literarisch aufgearbeitet.

„Begegnungen mit Peter Scholl-Latour“ – Es ist nicht zu viel versprochen: Schacks Buch „bietet frische und interessante Impressionen aus dem Leben sowie auf das Werk und den Menschen Peter Scholl-Latour, flankiert von den politischen Umbrüchen und historischen Umwälzungen, über die er über ein halbes Jahrhundert hinweg berichtete. Ferner werden dem geneigten Leser das Lebensgefühl und die Weltanschauung Peter Scholl-Latours vermittelt, basierend auf persönlichen Begegnungen und Gesprächen, flankiert von den Erinnerungen und Erfahrungen einiger seiner Freunde, Weggefährten und Zeitgenossen. „Begegnungen mit Peter Scholl-Latour“ ist ein persönliches Portrait von Ramon Schack und eine Hommage an eine der größten Persönlichkeiten unserer Zeit.

Ramon Schack hat ein mit Herzblut und hohem Respekt für den erfahrenen älteren Kollegen Peter Scholl-Latour Buch geschrieben. Eine Hommage!

Ich, liebe Leserinnen und Leser kann ihnen das mit viel Herzblut und hohem Respekt des Jüngeren für den erfahrenen älteren Kollegen, welcher ein bleibendes Vorbild für ersteren ist, geschriebene Buch – eine Hommage auf einen ganz Großen des Journalismus – von Ramon Schack nur wärmstens empfehlen. Und seien Sie gewiss: Nachdem Sie es mit Interesse gelesen haben, werden Sie „Appetit“ auf eines der von Peter Scholl-Latours eigener Hand geschriebenen Bücher verspüren und sie erwerben wollen. Der Mann fehlt! Was würde er wohl zu unserer heutigen Zeit zu sagen haben?

Des Weiteren möchte ich Ihnen, lieber Leserinnen und Leser auch empfehlen die journalistischen Beiträge von Ramon Schack zu verfolgen und zu rezipieren

Gewiss wird auch sein Gesprächsformat „Impulsiv TV“ bald wieder auf Sendung gehen. Wie ich erfuhr, ist der Umbau des Studio so gut wie abgeschlossen.

Zum Autoren Ramon Schack

Ramon Schack ist Diplom-Politologe, Journalist und Publizist. Er schreibt für die Neue Zürcher Zeitung, Deutschland Radio Kultur, Telepolis, Die Welt, die Berliner Zeitung, „das Handelsblatt“, „Das Parlament“, die Süddeutsche Zeitung und viele andere. Nach einem längeren Aufenthalt in London, lebt Ramon Schack seit 2003 in Berlin. Der Nahe Osten, Osteuropa, der Islam, Politischer Extremismus, die Offene Gesellschaft und ihre Feinde, sind die Schwerpunkte seiner journalistischen Arbeit. 2013 erschien sein Buch“Neukölln ist Nirgendwo“, welches schon im Vorfeld der Veröffentlichung medial stark diskutiert wurde. Ramon Schack – Jahrgang 1971 – veröffentlichte unter Anderem Reportagen und Reiseberichte aus China, der Mongolei, Russland, Armenien, Georgien und Aserbaidschan, sowie Äthiopien

Das Buch

Ramon Schack

Begegnungen mit Peter Scholl-Latour

Ein persönliches Portrait von Ramon Schack

Preis: 16,99 €

versandkostenfrei*

Erschienen im 3 Seiten Verlag

„CETA ist ein Angriff auf die Demokratie“, bringt foodwatch in Erinnerung. Die Kuh ist längst nicht vom Eis

Dieser Tage erinnert die Verbraucherschutzorganisation foodwatch an die Proteste gegen TTIP, das Freihandelsabkommen mit den USA. Eine halbe Million Menschen gingen im Oktober 2015 in Berlin auf die Straße. Lesen Sie gern meinen Bericht von damals.

Es waren keine Gegner des internationalen Handels, die allermeisten trieb die Sorge um, dass Handelsverträge wie TTIP die Demokratie beschädigen. 

Protest in Köln. Foto (Archiv) : C. Stille


TTIP ist bis heute (noch) auf Eis gelegt: Aber nunmehr steht die Zustimmung der  EU Parlamente  für den Handelsvertrag mit Kanada, CETA, an – auch in Deutschland. Befürchtungen, die wir bei TTIP hatten, werden vom CETA Vertrag noch übertroffen. 


Um es ganz klar zu sagen: CETA ist ein Angriff auf die Demokratie, den man niemals für möglich gehalten hätte. 


Dieser Vertrag muss verhindert werden.


Warum? CETA, ein sogenanntes „modernes“ Handelsabkommen, entscheidet nicht nur über Zollsenkungen „an der Grenze“, es beseitigt auch sogenannte „unnötige Handelshemmnisse“ im Verbraucher- und Gesundheitsschutz, also  gesetzliche Regeln, die innerhalb der Länder wirken. Dazu gehören etwa Sicherheitsbestimmungen für Pestizide, Hygiene-Kontrollen und Produktwarnungen. Also alles Themen, die unser tägliches Leben ganz direkt betreffen. Aber: Nicht demokratisch gewählte Abgeordnete entscheiden über diese Bestimmungen, sondern Bürokraten aus Kanada und der EU-Kommission in sogenannten „Vertragskomitees“.


Die Recherchen von foodwatch belegen schon jetzt, dass die Qualität von Hygiene-Kontrollen beim Import von Fleisch oder die Sicherheitsstandards von Pestiziden, also wichtige Regulierungen für den Gesundheitsschutz, von diesen CETA-Komitees abgesenkt werden können. Und niemand weiß,  welche gesetzlichen Regelungen die geheimen Handelsbürokraten in Zukunft noch beschließen werden. 


Ohne demokratische Kontrolle, denn:

  • Das EU-Parlament wird nicht beteiligt
  • Die Beratungen sind nicht öffentlich
  • Die detaillierten Protokolle der Beratungen sind vertraulich
  • Beschlossene Regelungen kann die EU nicht einseitig aufheben ohne internationales Recht zu brechen

Foodwatch möchte diese undemokratische Praxis  verhindern. Und sucht zu diesem Behufe Fördermitglieder: Schließen Sie sich foodwatch als Fördermitglied an.


Eine nicht beachtete Konsequenz der Macht der Komitees findet Foodwatch geradezu ungeheuerlich: Europa kann als Vertragspartner Beschlüsse der Komitees nicht einseitig aufheben. Wollte die EU zum Beispiel  in den Ausschüssen festgelegte  Sicherheitsstandards für Pestizide  verschärfen, gilt   dies ohne die Zustimmung Kanadas nicht für kanadische Erzeugnisse. Hält sich die EU nicht daran, verstößt sie  gegen internationales Recht.  Mit anderen Worten:  Europäische Schutzstandards können durch CETA de facto eingefroren werden!!! 


Sie werden sich fragen: Warum gibt es eigentlich keinen riesigen Proteststurm gegen diese demokratiefeindliche Praxis? Ehrlich gesagt, wir verstehen es auch nicht. Mit unserem Protest stehen wir ziemlich allein auf weiter Flur da. Medien, Wissenschaft? Fehlanzeige! Aber noch haben nicht alle Mitgliedstaaten CETA ratifiziert, auch Deutschland nicht. Sagt ein einziger Mitgliedsstaat „nein“, ist CETA vom Tisch. 


Konzerne und starke Wirtschaftsinteressen jedoch haben die Handelsverträge als Mittel entdeckt, sich unter dem Vorwand des Freihandels  die lästigen Bürger und ihre Parlamente vom Leib zu halten. Wir müssen die Parlamentarier überzeugen, so Foodwatch, dass sie sich mit der Befürwortung von CETA selbst entmachten, und damit auch uns, das Volk! Internationaler Handel geht auch mit Demokratie!


Mit CETA und den sogenannten modernen Handelsverträgen erreicht der Konzern-Lobbyismus eine völlig neue Stufe: CETA ist das wahre Paradies für Lobbyisten. Man versucht erst gar nicht, die Parlamente zu beeinflussen – man braucht sie  gar nicht mehr.

Quelle: foodwatch

Weitere Beiträge von mir im Zusammenhang mit TTIP und CETA: hier, hier und hier.

„Ökozid weltweit strafbar machen!“ – Petitionen an Bundestagsfraktion DIE LINKE übergeben

Lorenz Gösta Beutin (MdB DIE LINKE) Foto via DIE LINKE

Diese Woche wurden unsere Petitionen („Shell & Nigeria: Ökozid weltweit strafbar machen! „Profitgier raubt Heimat!“ und „Lebensgrundlagen schützen – Ökozid strafbar machen“) an die Bundestagsfraktion der Partei Die Linke übergeben: RALPH LENCKERT (Umweltpolitischer Sprecher) und LORENZ GÖSTA BEUTIN (Klimapolitischer Sprecher). Das Ganze fand Corona-bedingt online statt. Ende Januar dieses Jahres haben wir unsere Petitionen bereits an die Partei Bündnis 90/Die Grünen übergeben. Darüber haben wir bereits berichtet. Die heutige Übergabe war existentiell wichtig, denn die Erkenntnisse zeigen ganz klar: Ökozid aber auch Umwelt und Klima sind unverzichtbare Linke Themen, gerade in Bezug auf soziale Gerechtigkeit und internationale Solidarität. So soll das Thema Ökozid seinen Platz im Bundestags-Wahlprogramm der Partei Die Linke finden und die Wahlkämpfe begleiten. Hierzu einige Statements der anwesenden Linke-Bundestagsabgeordneten:

„DIE LINKE kämpft für eine soziale und ökologische Gesellschaft für alle Menschen. Wir kämpfen gegen die Freihandelsabkommen, mit denen Investoren über der Umwelt und der Gesundheit stehen. Dass Konzerne Profite mit der Zerstörung der Umwelt, ganzer Regionen, mit der Vernichtung der Lebensgrundlagen ganzer Völker machen, muss enden. Ich danke den Initiatoren und Unterstützern der Petition „Ökozid strafbar machen“, das ist ein weiterer notwendiger Baustein zu Umwelt- und Klimagerechtigkeit. Gern nehme ich die Unterschriften entgegen. DIE LINKE steht für globale Gerechtigkeit, und wir werden uns für die Umsetzung der Petition einsetzen, innerhalb und außerhalb der Parlamente“, RALPH LENCKERT (Umweltpolitischer Sprecher, Linke-Bundestagsfraktion).

“Ich habe heute die Unterschriften der Petitionen zum Thema “Ökozid strafbar machen” entgegengenommen. Die Petitionen sind wichtige Grundlagen. Der erste Schritt ist gemacht. Ich bin mittlerweile auch Teil des Parteivorstandes bei DIE LINKE. Ich werde mich dafür stark machen, dass Thema “Ökozid” in das Wahlprogramm aufzunehmen. Durch Raubbau an unserer Umwelt und den Klimawandel sind die Lebensgrundlagen ganzer Regionen bedroht. Ich setze mich dafür ein, dass Umweltverbrechen härter bestraft werden. Der Strafbestand des Ökozids ist dazu auf internationaler und nationaler Ebene ein brauchbares Instrument als ein Baustein, die Zerstörung der Lebensgrundlagen der Menschheit zu stoppen“, LORENZ GÖSTA BEUTIN (Klimapolitischer Sprecher, Linke-Bundestagsfraktion).

Die Teilnehmer*innen der Runde waren: – Ralph Lenckert (Die Linke) – Lorenz Gösta Beutin (Die Linke) – Peter Emorinken-Donatus (Pay Day Africa International, Petitionsstarter) – Yvonne Müller (Pay Day Africa International, Petitionsstarterin) – Alexander Neef (Extinction Rebellion, Petitionsstarter) – Julia Ballesteros (Extinction Rebellion, Petitionsstarterin) – Louise Romain (Stop Ecocide, UK) – Ansgar Lahmann (Change.org).

Unser Dank gilt allen Anwesenden und Mitwirkenden für diese erfolgreiche Unternehmung. Wir bleiben weiter am Ball und führen Gespräche mit weiteren demokratischen Parteien auf Bundesebene. Nach Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke folgt demnächst die Übergabe der Petitionen an die Partei Die Urbane. Eine HipHop Partei.

Auch darauf freuen wir uns sehr! Derzeit arbeiten wir als das Bündnis Ökozid (BÖ), gerade an einem offenen Brief an die Bundesvorsitzenden aller demokratischen Parteien. Dieser, wird demnächst verschickt und veröffentlicht. Wir gestalten mit!

Quelle: Pressemeldung Bündnis Ökozid (BÖ)

Buchvorstellung: Menschen mit Mut. Lesen, Nachdenken, mutig sein! – Andrea Drescher (Hrsg.)

Seit einem Jahr nun schon beschäftigt uns die Corona-Pandemie. Und die damit einhergehenden Grundrechtseinschränkungen, die angeblich zu deren Eindämmung beitragen sollen. Viele Menschen haben quasi Arbeits- bzw. Berufsverbot. Vor allem Selbständige aller möglichen Branchen, Freischaffend tätige Künstler, Techniker, Ladenbesitzer, Gastronomen etc. sind durch Anordnungen der Regierungen die Einnahmequellen genommen. Die ihnen versprochenen staatlichen Hilfen sind oft (noch) nicht bei ihnen angekommen. Während aber die laufenden Ausgaben sich weiter aufhäufen.

Wie geht es den Menschen damit? Darüber ist in den Mainstream-Medien kaum etwas zu hören. Immerhin brachten die NachDenkSeiten einen Beitrag („Die im Dunkeln sieht man nicht“) , wo sich von den Corona-Maßnahmen betroffene Menschen äußerten. Aber davon einmal angesehen: auch vor Corona lief schon viel falsch in unserer Gesellschaft. Corona vergrößerte nur diese Fehlentwicklungen wie ein Brennglas schmerzhaft.

Menschen äußern sich aus eigener Betroffenheit heraus

Nun hat Andrea Drescher einen Band herausgebracht, worin Menschen zu Wort kommen, welche darin ihre Sorgen und Nöte aus eigener Betroffenheit heraus – aber auch als Sorge um die Demokratie und die Verfasstheit unserer Gesellschaft – äußern. Die darin auch ihre Motivation dahingehend darlegen und begründen, warum sie nicht weiter alles zu schlucken gedenken zu wollen. Weil sie es einfach nicht mehr können. Nicht mehr ertragen, was ihnen an Zumutungen auferlegt wurde und weiterhin wird. Vielen stehen die Sorgen Oberkante Unterlippe.

Zum Buch schreibt Herausgeberin Andrea Drescher (sie führte auch die meisten Interviews):

„Dies ist kein Buch über Russland, aber es hat etwas mit Russland zu tun. Dies ist kein Buch über Corona, aber es hat etwas mit Corona zu tun. Dies ist kein Buch über Juden, aber es hat einiges mit Semiten und Antisemiten zu tun. Dies ist kein Buch über Bürgerkriege, aber es hat etwas mit deren Folgen zu tun. Dies ist kein Buch über Demonstrationen, aber es hat einiges mit Widerstand zu tun. Dies ist kein Buch über die Friedensbewegung, aber es hat viel mit der Friedensbewegung zu tun“

Und weiter:

„Es ist definitiv kein Buch über Superman und Superwoman, aber es hat sehr viel mit mutigen Menschen zu tun. Menschen die, warum auch immer, ungewöhnliche Dinge tun. Menschen, die sich außerhalb der Norm stellen, dem Konformitätsdruck der Gruppe nicht nachgeben. Prominente, weniger Prominente und völlig Unbekannte geben in Interviews Beispiel – und damit Impulse oder Inspiration – wie man handeln kann … wenn man will.“

Menschen „aus den unterschiedlichsten Lebenssituationen und Altersgruppen haben sich auf ein oft persönliches Gespräch eingelassen: Künstler, Schüler, Verkäufer, Anwälte, Geisteswissenschaftler, Arbeitslose, Mediziner, Studenten, Polizisten, Rentner, Soldaten, Hausmänner, Unternehmer, Journalisten …

Man kann niemandem hinter die Stirn schauen, wenn man ihn interviewt, man muss nicht mit jeder Handlung einverstanden sein und man muss nicht jeden Handelnden sympathisch finden. Aber allen gebührt der Respekt für ihren Mut, in ihrer Situation gegen den Strom geschwommen zu sein“.

„Die Idee zu diesem Buch“, erklärt Andrea Drescher, „kam mir am 9. Oktober auf dem Weg zum Schweigemarsch nach Berlin, der am 10.10.2020 „Premiere“ hatte. Ich fuhr mit einem befreundeten Aktivisten zusammen zur Demo. Er erzählte mir einige Details über den Jobverlust seiner Partnerin, die aufgrund ihrer Maskenbefreiung Probleme im Job hatte, sich aber weigerte, klein beizugeben. Das imponierte mir. Es bedeutet Mut, die eigene wirtschaftliche Existenz zu riskieren. Dann fiel mir mein Interview mit einer Ärztin ein, das seitens der Rubikon-Redaktion mit „Der Mangel an Mut“ übertitelt worden war. Da wurde mir klar: Es gibt vielleicht gar keinen Mangel an Mut – man weiß nur nichts von den vielen „kleinen“ mutigen Taten vieler einzelner Menschen! Und schon stand ein Buchtitel vor meinen Augen: „Menschen mit Mut“.

Andrea Drescher: „Mutig sein heißt gegen den Strom zu schwimmen, nicht nur – aber auch – in Zeiten von Corona

Viele Aktivisten der Friedensbewegung schwimmen schon lange gegen diesen Strom, sie haben bereits Schwimmhäute entwickelt, um gegen das, was passiert, ein mutiges Zeichen zu setzen. Einige dieser mutigen Menschen hatte ich bereits im Rahmen meiner Artikelserie „Wir sind Frieden“ befragt, die im Rubikon erschien. Außerdem gab es einige Interviews mit mutigen Filmemachern und Journalisten, die in den NachDenkSeiten veröffentlicht wurden. Hmmm … 22 publizierte Interviews, entstanden zwischen Dezember 2019 und Oktober 2020, wären doch schon mal ein guter Grundstock, dachte ich.

Über 90 Interviews sind es geworden. Genau 92

Das Ergebnis dieser ersten Überlegung liegt jetzt vor. Manche der Interviews kann man bereits online lesen: Free21, Frische Sicht, Neue Rheinische Zeitung, Rubikon und Zivilimpuls publizieren jetzt die – ganz überraschend – gleichnamige Artikelserie „Menschen mit Mut“. Denn JETZT brauchen die Menschen Mut. Und zwar möglichst viele und möglichst viel. Dafür sind alle Gesprächspartner beispielgebend, jeder und jede auf ihre ureigene Art.“

Nachdenken allein reicht nicht: An ihren Taten wollen wir sie erkennen

Diese Gesprächspartner imponieren nicht nur aufgrund ihres Denkens sondern vor allem: wegen ihres Handelns! Denn Handeln kostet zuweilen. Manchmal Geld oder Reputation (oder beides auf einmal) – deren Abhandenkommen, je nachdem, nicht gering zu schätzen ist. Unter Umständen kann damit eben auch der Verlust des Arbeitsplatzes und somit

d e r einzigen Einnahmequelle einhergehen, wovon das Leben eines Menschen und das seiner Familie zu finanzieren ist. Das erfordert nicht wenig Mut. Nicht umsonst heißt Andrea Dreschers Buch „Menschen mit Mut“. Wie bereit erwähnt: diese Menschen denken – vielmehr: sie denken nach, was noch besser ist! Aber letztlich „liefern“ sie auch. Wie heißt es doch so schön in der Bibel: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen! (1. Johannes 2,1-6).

Was gar nicht (aber dennoch durchaus auch) heißen muss (kann), dass jemand, aus rein religiösen Gründen so handelt. Auf Menschlichkeit kommt es an! Und die ist uns per Geburt quasi mitgegeben. Bei manch einem geht sie leider im Verlaufe des Lebens verloren.

Zunächst sei angemerkt: Alle im Buch versammelten Interviews interessant. Weil sich die Befragten eine Haltung leisten und für diese – und es sei auch, diese schadet ihnen – auch geradestehen. Einige der Menschen haben auch Irrungen und Wirrungen durchlaufen.

Es ist hier (aus Platzgründen) unmöglich jedes einzelne Interview zu besprechen. Dafür bitte ich um Verständnis. Einige wenige Beiträge habe mich mir im Folgenden erlaubt, etwas umfangreicher aufleuchten zu lassen. Aber ich plädiere, da ich ja alle Interviews gelesen und manche für wirklich bemerkenswert halte – unbedingt dafür das Buch zu kaufen und gern – nach dessen Lektüre – weiterzuempfehlen.

Die Mehrzahl der darin zu Wort gekommenen Personen werden für die Leser*innen sicher Unbekannte sein. Was aber kein Manko ist – im Gegenteil!

Vielleicht aber werden Sie nämlich, verehrte Leser*innen des Buches, die sie ja auch „normale“ Menschen wie die meisten der Interviewten sind, deren Gedanken gerade deshalb nachvollziehen können. Womöglich werden Sie selbst schon ähnliche Gedanken im Sinne gehabt haben. Aber nie selbst den Mut aufgebracht haben, sich auf die Straße zu begeben auf eine der Demonstrationen – vielleicht gar auf die vom Mainstream verteufelten, zumeist pauschal als „rechts“ geframten Querdenken-Demos zu besuchen. Denn wer will sich schon als „Covidiot“, „Aluhutträger“, gar als Rechter oder noch schlimmer als „Nazi“ beschimpfen lassen?

Andrej Nekrasov und „Der Fall Magnitzki“

Wiederum andere Interviewte dürften manchen Leser*innen bekannt sein. Oft gewiss aus den – wie manche zu sagen pflegen „Alternativen Medien“, aber durchaus auch in den „alten“ Medien.

Etwa Andrej Nekrasov: „Von journalistischen Coups,unterschiedlichen Blickwinkeln und der Abscheu vor Lügen“ (S.45) Sie erinnern sich an den Film „Der Fall Magnitzki“, der einem echten, gleichnamigen Fall zugrunde liegt?

Wir lesen: „Als der 1958 in Leningrad geborene Andrej Nekrasov 2007 den Film über die Ermordung von Alexander Litvinenko publizierte, hätte niemand erwartet, dass er sich rund 10 Jahre später würde anhören müssen, ein vom Kreml finanzierter Anhänger des Putin-Regimes zu sein – er selbst wohl am wenigsten. Er hatte am Bett seines Freundes gesessen, als dieser qualvoll an einer Polonium-Vergiftung starb, wofür Nekrasov und viele andere der Regierung bzw. Putin selbst die Verantwortung gaben.“

Andrea Drescher schreibt: „Er war auch 2014 als Vertreter der liberalen russischen Intelligenz davon überzeugt, dass in Russland ein autoritäres System herrsche, gegen das man sich wehren müsse und das, wie der Fall Magnitzki belegte, seine Gegner gnadenlos ermorde. Als sich ihm die Möglichkeit bot, den Fall filmisch aufzubereiten, war er daher sofort Feuer und Flamme.

Es sollte ein Film über den Whistleblower Sergej Magnitzki werden, doch es kam anders als ursprünglich geplant. Das Problem: Im Gegensatz zu vielen westlichen Journalisten konnte Nekrasov die vom involvierten US-Geschäftsmann Bill Browder zur Verfügung gestellten Belege und Dokumente des Falles selbst lesen. Mit erstaunlichen Folgen. Es war eine schmerzhafte Erfahrung für ihn, festzustellen, dass die offizielle Story mit der Realität wenig bis gar nichts zu tun hatte. Der daraus resultierende Film dokumentiert diesen Erkenntnisprozess und stellt einen anderen Whistleblower in den Mittelpunkt: Andrej Nekrasov selbst.“

Wir Leser erfahren vom Andrej Nekrasov im Interview wie man vom gefeierten systemkritischen Dokumentationsfilmer zu einem Filmemacher (gemacht) wird, dem vorgeworfen wird, Anhänger der Regierung Russlands zu sein. Kurz kann man es so erklären: Nekrasovs Doku-Drama „Der Fall Magnitzki“ entspricht nicht mehr dem westlichen Narrativ, wie Russland demzufolge zu sein hat und dargestellt werden muss.

Nekrasow: „Mein Ruf ist quasi ruiniert.“ Die Aufführung des Filmes (einmal stand sie kurz bevor: im Europa-Parlament) wurde immer wieder verhindert. Wesentlich auf Betreiben der Grünen-Politikerin Marieluise Beck.

Aber der mit dem Grimme-Preis, ausgezeichnete Filmemacher und Journalist gibt nicht auf:

Nekrasow: „Ich setze alles daran, dass „The Magnitzki Act“ doch noch eine breite Öffentlichkeit erreicht. Gleichzeitig arbeite ich an einem neuen Film – kritisch beobachtet von meinem Umfeld. Ich hoffe, dass der Schatten nicht zu einer Selbstzensur führt, das wäre für meine kreative Arbeit wirklich tödlich. Kreatives Schaffen – jeder Artikel, jeder Film, jede Dokumentation – beinhaltet immer Risiken. Geht man diese Risiken nicht mehr ein, nimmt man Rücksicht, dann wird alles zur Routine – und damit nur noch Durchschnitt. Das ist meine größte Befürchtung für meine persönliche Zukunft.“

Westliche Medien betreffend sagt Andrej Nekrasow: „ Man kann sehr vieles im Westen kritisieren, aber wehe es tut dem Establishment wirklich weh.“

Und dann sagt er, die russische Regierung und die Medien angehend für gewisse westliche Ohren sicher Erstaunliches:

„Aber die Regierung verfügt eben nicht über die durchgängige Kontrolle der Medien, wie allgemein angenommen wird. Im Gegenteil: Ich habe inzwischen den Eindruck, dass die russische Presse freier ist als die des Westens.“

Mehr zum Film hier.

Sung Hyung Cho: Ein Blick hinter den eisernen Vorhang – Einblicke in ein anderes Nordkorea (ab S. 411)

Andrea Drescher hat mit Sung Hyung Cho gesprochen und schreibt vorgespannt: „Nordkorea ist ein Land, das seit Jahrzehnten vom Rest der Welt abgeschottet ist, der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West ist zwischen Süd- und Nordkorea noch traurige Realität. Was wirklich im Land vorgeht, weiß man nicht. Folgt man den gängigen Narrativen der westlichen Medien, ist es eine Militär-Diktatur, die die eigenen Landsleute verhungern lässt und dem jeweiligen Führer blindlings huldigt. Dass diese Darstellung zumindest unvollständig ist, macht die 2016 erstmals im Kino ausgestrahlte Dokumentation der südkoreanischen Filmemacherin Sung Hyung Cho „Meine Brüder und Schwestern in Norden“ deutlich, der 2017 unter dem Titel „Meine Brüder und Schwestern in Nordkorea“ auch auf ARD, WDR und im HR zu sehen war. Sung Hyung Cho erhielt als erste Südkoreanerin eine Dreherlaubnis, da sie über einen deutschen Pass verfügt. Von 2012 bis heute hat sie das Land insgesamt neun Mal bereist und besitzt daher ein deutlich differenzierteres Bild als viele Journalisten, deren Berichte oft außerhalb des Landes und ohne Kenntnis der Landessprache entstehen. Sung Hyung Cho ist Filmemacherin und Professorin an der Hochschule der Bildenden Künste Saar.“

Jede ach so gruselige Geschichte über Nordkorea – verbreitet durch westliche Medien – werde hierzulande gern für bare Münze genommen.

Drescher fragt: „Ganz aktuell berichten die Medien ja wieder über Nordkorea. Dort soll die neue Stadt Samjiyon von Kinderhänden errichtet worden sein. So liest man beispielsweise im „Focus“: „Inbegriff der modernen Zivilisation“: Von Kinderhänden errichtet: Machthaber Kim Jong Un eröffnet neue Stadt in Nordkorea. In Samjiyon wurden ein Museum, ein Wintersportgebiet, rund 10.000 Wohnungen und Gewächshäuser für Heidelbeeren und Kartoffeln errichtet. Tausende Arbeiter waren dafür nach AFP-Informationen im Einsatz, viele davon Soldaten. Laut KCNA mussten auch Studenten in den Semesterferien dort arbeiten. Diplomaten berichteten darüber hinaus von Kinderarbeit.“

Sung Hyung Cho antwortet:Das ist mal wieder eine dieser typischen Meldungen, durch die sich unsere Medien auszeichnen. Diese „neue Stadt“, die in der Nähe des heiligen Berges, dem Geburtsort von Kim-Jong Il, liegt, hat einen Flughafen, der 1980 eröffnet wurde. Die Stadt gibt es also schon etwas länger. Ich war selbst schon dort.

Richtig ist, dass man dort sehr viel investiert hat, um die Gegend zu einer Vorzeigestadt und Tourismus-Zentrum auszubauen. Dass Kinder dort mitgearbeitet haben sollen, halte ich für kompletten Blödsinn. Nordkorea hat mehr als genug Soldaten und alle wichtigen Bauarbeiten werden vom Militär durchgeführt. Man ist sehr ehrgeizig, will die neuen Gebäude in Rekordzeit hochziehen. Kinder auf der Baustelle würden die Arbeiten nur unnötig belasten. Man arbeitet an diesen Prestige-Objekten Tag und Nacht. Bei dem Tempo, das die Soldaten vorlegen, kommen nicht mal „normale“ Männer mit, geschweige denn Kinder. Das ist meines Erachtens nur eine der üblichen Standarddiffamierungen. Mit irgendetwas muss man die Sanktionen – unter denen das Land schwer leidet – ja rechtfertigen.

Es ist einfach haarsträubend, was alles über Nordkorea geschrieben wird. Ich verstehe nicht, wie solche „Informationen“ zustande kommen. Aber der durchschnittliche Leser oder Zuschauer der Nachrichten glaubt es. Man kann alles Mögliche und Unmögliche über Nordkorea erzählen, da es ja kaum neutrale Berichte gibt. Das war mit ein Grund, dass ich meinen Film gemacht habe.“

Markus Fiedler

Über den engagierten Filmemacher Markus Fiedler notierte Andrea Drescher (S.268):

„Markus Fiedler hat es wieder gewagt zu hinterfragen, was vielen als selbstverständliche Wahrheit erscheint. Nach seiner gnadenlosen Analyse der Situation in der vermeintlich neutralen Wikipedia hat er das nächste heiße Eisen angepackt. Er hat es gewagt, die Konsensstudie „Quantifying the consensus on anthropogenic global warming in the scientific literature“ des Kognitionspsychologen Cook (Cook et al.) von 2013 zu überprüfen – um festzustellen, dass die von allen Medien zitierten Ergebnisse nicht haltbar sind.

Für alle, die ihn noch nicht kennen: Markus Fiedler ist als Biologe mit Hauptfächern Molekulargenetik und Mikrobiologie als Lehrer an einer allgemeinbildenden Schule. Er ist kritischer Beobachter der Wikipedia und der dunklen Machenschaften hinter der sauberen Fassade dieses Scheinlexikons und hat die Filme „Die dunkle Seite der Wikipedia“ und „Zensur – die organisierte Manipulation der Wikipedia und anderer Medien“ gemacht.“ Zu Fiedlers ersten Film lesen gern diesen Beitrag von mir.

Angemerkt: Unterdessen wurde Markus Fiedler wegen seiner Aufklärungsarbeit in Sachen Wikipedia diffamierend in die antisemitische Ecke gerückt und verlor seine Lehrerstelle.

Üble Diffamierungen: „Wenn die Nazikeule nicht mehr ausreicht“

Dazu passen diese Beiträge im Buch sehr gut: „Wenn die Nazikeule nicht mehr ausreicht“ Teil 1 (S.471), „Wenn die Nazikeule nicht mehr ausreicht“ Teil 2 (S.480) und „Wenn die Nazikeule nicht mehr ausreicht“ Teil 3 (S.488)

Andrea Drescher selbst hat jüdische Wurzeln: (…) „gemäß der religiösen Lehre bin ich Jüdin. Meine Mutter war Jüdin, meine Großmutter war Jüdin, der Stammbaum meines Großvaters mütterlicherseits lässt sich ebenfalls lückenlos auf jüdische Familien zurückführen.“

Weiter stellt Drescher fest:

„Nichts ist in Deutschland politisch gefährlicher, als als Antisemit bezeichnet zu werden. Man wird zur Persona non grata und riskiert gesellschaftliche Ächtung. Die traurige Vergangenheit hat bei den Deutschen zu einem – nicht ganz unberechtigten – historischen Schuldbewusstsein geführt, welches Menschen bei rassistischen Angriffen gegen Juden sehr wachsam macht. Das ist auch gut. Daher macht man um alles, was auch nur in die Nähe eines Antisemitismus-Verdachts gerät, instinktiv einen großen Bogen. Der Begriff Antisemitismus als Totschlagargument dient dazu, Themen zu diskreditieren, Kritiker zu diffamieren und deren Punkte in ein schlechtes Licht zu rücken, sodass „normale“ Menschen es nicht mehr wagen, sich zu bestimmten Themen zu äußern. Sich mit „antisemitisch“ abgestempelten Themen auseinanderzusetzen oder die Narrative, die diesen Stempel erhalten haben, zu hinterfragen, erfordert daher einiges an Mut.

Bereits 2014 hat man die Mahnwachen für den Frieden mithilfe der Antisemitismus-Keule diskreditiert. Aufgrund der dort geäußerten Kritik am Finanzsystem, die man seitens linker Ikonen als strukturellen Antisemitismus bezeichnete, wurde eine ganze Bewegung diffamiert, in eine Ecke geschoben und der anfangs stark wachsenden Bewegung die Energie genommen. Das war schon schlimm. Aber 2020 haben Vertreter regierungsnaher Institutionen – konkret Frau Kahane, Herr Klein und Herr Kühnert – mit der Bundespressekonferenz (BPK) am 24. November 2020 in meinen Augen endgültig eine rote Linie überschritten, als sie Antisemitismus und Corona-Proteste de facto gleichsetzten.“

Anmerkung, C.S.: Anetta Kahane (Mitinitiatorin der Amadeu Antonio Stiftung) war Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).

Es ist perfide, dass sogar nicht davor zurückgeschreckt wird Jüdinnen und Juden als Antisemiten oder „selbst hassende Juden“ abzustempeln, wenn sie Kritik an gesellschaftlichen Verwerfungen üben, die dem Mainstream nicht in den Kram passen.

Nebenbei bemerkt hat Moshe Zuckermann ein interessantes Buch dazu geschrieben „Der allgegenwärtige Antisemit“. Und von Abraham Melzer stammt das nicht minder wichtige Buch „Die Antisemitenmacher“.

Doch – wie schon erwähnt: lesen Sie bitte auch die vielen anderen Interviews mit Leuten, die für gewöhnlich nicht in der Öffentlichkeit bekannt sind. Und schauen Sie bitte auch das hier eingepflegte Video mit dem Interview von Druschba FM mit Andrea Drescher. Darin erhalten Sie noch weitere Informationen zum Buch.

Ansonsten empfehle ich das Buch unbedingt. Versehen mit dem Hinweis (und wie Andrea Drescher selbst im Buch schreibt), dass man nicht mit allem, was die sehr unterschiedlichen Menschen, die für das Buch interviewt wurden, ganz einverstanden sein muss. Denn es sind eben auch Leute darunter, die bevor sie mutig geworden sind, sogar mehr oder weniger unpolitisch gewesen sind. Und da kann es eben schon einmal sein, dass man in Gruppen gerät, die sich später als eine für einen fragwürdige Richtung marschieren oder – wie es bei den Mahnwachen von 2014 gewesen ist auch von bedenklicher Seite unterwandert gewesen sein konnten. Und wenn man sich da aus eigener Kraft und eingedenk von Kants Sapere aude sozusagen wieder herausgewurschtelt hat – Hut ab!

Noch eines liegt mir auf dem Herzen: Im Buch befindet sich auch ein Interview mit dem Initiator von „Querdenken 711“, Michael Ballweg.

Michael Ballweg: Vom Unternehmer zum Querdenker – (k)ein weiter Weg (S.290). Hätte ich ihn interviewt, wäre mir persönlich die Frage wichtig gewesen, wie es dazu kam, dass zahlreiche Mitstreiter von „Querdenken“ sozusagen in die Arme des selbsternannten Königs von Deutschland getrieben wurden. Ohne, dass die Eingeladenen in Kenntnis darüber gesetzt wurden, mit wem dieses Treffen stattfinden würde. Was der Bewegung mit Sicherheit geschadet hat. Bis heute habe ich da seitens der Querdenken-Orga keine befriedigende Erklärung erhalten. Dazu hier ein Beitrag von mir.

Informationen zum Buch

Das Buch „Menschen mit Mut“ enthält 92 Interviews mit bekannten Persönlichkeiten wie Dr. Daniele Ganser, Ralf Ludwig oder aus St. Petersburg Thomas Röper und Andrei Nekrasov – aber auch mit weniger bekannten, jedoch mindestens genauso mutigen Menschen, darunter Polizisten und Ärzte. Die gesammelten Geschichten fordern dazu auf, das zu tun, woran man glaubt. Sie sollen dem Leser und der Leserin dabei helfen, dem Druck standzuhalten, auch wenn man sich in einer Minderheit wähnt. Besonders augenöffnend sind auch die Beiträge über und aus Russland. Allerdings: Andrea Drescher wurde von ihrem Verlag im Stich gelassen und braucht nun dringend zahlreiche Vorbestellungen von ihrem 500-seitigen Buch! Vorbestellt werden kann es hier. Der Erlös geht komplett an die Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe e.V. (www.fbko.org)

Andrea Drescher

Im Gespräch

Menschen mit Mut

Lesen, Nachdenken, mutig sein!

Ars vobiscum

Menschen mit Mut – Vorverkauf

€25,00

Über die Herausgeberin

Andrea Drescher, Jahrgang 1961, lebt seit Jahren in Oberösterreich. Sie ist Unternehmensberaterin, Informatikerin, Selbstversorgerin, Friedensaktivistin, Schreiberling und Übersetzerin für alternative Medienprojekte sowie seit ihrer Jugend aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln überzeugte Antifaschistin. Bisher erschienen von ihr „Wenn eine eine Reise tut“, „Wir sind Frieden“ sowie das „Selbstversorgerbuch für die Küche von Oma & Co“.

Als sie Kind war, wollte sie Journalistin werden, schrieb mit 13 erste Presse-Artikelchen in Lokalblättern. Mit dem Abitur in der Tasche entschied sie sich ganz pragmatisch für ein Informatik-Studium. Schon von Jugend an als Selbst- und Querdenkerin geprägt, sah sie keine Chancen, die Autorität eines Chefredakteuers oder die Blattlinie einer Zeitung ohne Widerspruch zu akzeptieren, sodass sie sich keine guten beruflichen Perspektiven erwartete.

Als Informatikerin mit Nebenfach Marketing nutzte sie die Entwicklungsmöglichkeiten, die ihr ein IT-Unternehmen bot. Sie landete im internationalen Marketing – wo sie erste Chancen bekam, Text zu produzieren und dann die bis dato recht brachliegende Pressearbeit aufbaute.

Mit einer kleinen Wald-und-Wiesen-Werbeagentur creaPower machte sie sich 1999 selbstständig, betreute IT-Unternehmen, darunter auch namhafte internationale Konzerne, im Marketing. Welche Agentur hat schon eine Informatikerin als Texterin im Team? Über die PR-Aufgaben für ihre Agentur-Kunden entwickelte sie sich langsam zur Fachjournalistin.

Als sie 2016 Tommy Hansen begegnete und die Möglichkeit bekam, sich auch über politische Themen auszulassen, erfüllte sich ihr Jugendtraum. Seitdem schreibt sie – als „freie Radikale“ – für Free21, Frische Sicht, NachDenkSeiten, Rubikon und Zivilimpuls sowie für ihren Blog http://www.oberhubistan.at. Ehrenamtlich. Denn sie kann und will sich den Luxus der politischen Unabhängigkeit leisten.

Ihre Motivation: Ich will mich nie bei der Antwort auf die Frage: „Warum hast du damals nichts getan?“ schämen müssen – außerdem fehlen mir Reisen und Bergsteigen in Zeiten der Coronakratur.

Bettina Brökelschen und Luigi Colani: 15 Jahre Künstlerfreundschaft

Bettina Brökelschen begegnet Luigi Colani (1992 im Dortmunder Westfalenpark) das erste Mal. Foto: Repro B. Brökelschen; Fotograf unbekannt.

Begegnungen mit anderen Menschen können unvergesslich sein. Solchen Momenten kann das Potential innewohnen, das eigene Leben gewissermaßen quasi von der einen auf die andere Sekunde zu verändern. Oder dessen Fortgang einschneidend zu beeinflussen. Selbst wenn einen das im Moment der Begegnung nicht bewusst sein dürfte. Freilich kann eine Begegnung mit einem anderen Menschen auch etwas Negatives zur Folge haben. Im besten Falle aber auch etwas Positives bewirken.

Bettina Brökelschen trifft im Dortmunder Westfalenpark auf den weltbekannten Designer Luigi Colani, der ihr jedoch damals gar nicht bekannt war

An Letzteres, eine positive Begegnung, wird sich jeder Mensch gewiss gern zurückerinnern. Eine solche Begegnung widerfuhr der Künstlerin Bettina Brökelschen. Es geschah am 2. August 1992. Die Malerin war im Westfalenpark unterwegs zu ihrer Ausstellung in der kleinen Galerie Torfhaus. Unterm Arm hatte sie ihr Gästebuch und eines ihrer Bilder.

Da wurde Bettina Brökelschen mit einem Mal einer Menschentraube gewahr. In deren Mittelpunkt ein Mann mit einem Walrossbart stand und Autogramme gab. Es handelte sich um keinen Geringeren als den damals international tätigen, weltbekannten Designer Luigi Colani! An jenem für Bettina Brökelschen denkwürdigen Tag ging Colani in sein 64. Lebensjahr. Geboren wurde er am 2. August 1928 in Berlin als Lutz Colani (zu dessen Biografie lesen Sie bitte mehr auf ars mundi oder Wikipedia).

Bettina Brökelschen aber kannte Luigi Colani zu dieser Zeit überhaupt nicht, erzählt sie mir. Colani fragte die Malerin mit einem Blick auf das Bild rundheraus: „Was haben Sie da?“ Ah, stellte er fest: abstrakte Malerei! Colani schrieb ihr eine kleine Widmung. Und sagte ihr auf Wiedersehen. Es habe ihn sehr gefreut.

Colani, der Designer mit dem Faible zu runden oder stromlinienförmigen Gegenständen war dann zur Ausstellung seiner Exponate ins Sonnenenergieforum (heute hat dort das Ballettzentrum von Ballettchef des Theater Dortmund Xin Peng Wang seinen Sitz) gegangen. Einige von Luigi Colanis

Luigi Colanis Eintrag am 2. August 1992 in Bettina Brökelschens Gästebuch. Repro: C. Stille via Publikation „15 Jahre sind eine lange Zeit“.

Fahrzeug-Designs waren dort präsentiert: ein Solarflugzeug, ein Hovercraft sowie ein mit 1,2 Millionen D-Mark versicherter Ferrari.

Luigi Colani tauchte in Bettina Brökelchens Ausstellung auf, hängte ihre gegenständlichen Bilder ab und ersetzte sie durch deren abstrakten, die er interessanter fand

Stunden später tauchte Colani dann völlig unerwartet im Torfhaus auf und begehrte Brökelschens andere Bilder zu sehen. Der Stardesigner beschäftigte sich sehr lange mit ihren Bildern, erinnert sich Bettina Brökelschen als sei es heute; „Meine gegenständlichen Bilder fand er doof.“ Colani hängte sie kurzerhand ab und an deren Stelle die abstrakten, die er viel interessanter fand, auf.

Man kam angeregt miteinander ins Gespräch. Bis Colani dann wieder ging.

Stardesigner Colani lotste Leute in Brökelschens Ausstellung. Sie war völlig irritiert, spürte aber: „Das Leben kam zu mir“

Colani beim ersten Besuch von Brökelschens Ausstellung. Foto: B. Brökelschen

Unweit seiner Design-Ausstellung im Westfalenpark traf man sich noch einmal. Abermals war Colani von Menschen umringt. Als er sie bemerkte, ging der Designer schnurstracks auf Bettina Brökelschen zu, umarmte sie und stellte sie den Menschen vor. Ihnen sagte er, dass er gleich in eine Ausstellung gehe und die Leute bitte, ihm dorthin zu folgen. Bettina Brökelschen gesteht, völlig irritiert gewesen zu sein damals. Für sie, die zu dieser Zeit eigentlich eher introvertiert gewesen sei, habe sich das sich plötzlich sehr lebendig angefühlt. Sie strahlt noch heute: „Das Leben kam zu mir.“

Nun kam Colani jeden Tag in Brökelschens Ausstellung. Zuletzt hinterließ er ihr seine Adresse. Ihn anzurufen aber kam der Malerin nicht in den Sinn

Von diesem Tag an erschien Luigi Colani jeden Tag in der Ausstellung der Dortmunder Malerin. Immer brachte er Leute mit. Man redete über Kunst und zeichnete zusammen. Nächste Woche müsse er weg, sagte er schließlich. Mehrmals wies er darauf hin. Erst später, so Brökelschen, dämmerte ihr warum: Colani war sauer, weil sie ihn nicht bat, den Kontakt mit ihm aufrechtzuerhalten. Danach, war sich Brökelschen nun sicher, werde man sich gewiss nicht wiedersehen. Colani schrieb ihr seine Adresse in übergroßer Schrift nebst Telefonnummer ins Gästebuch. Da anzurufen sei ihr aber nicht in den Sinn gekommen: „Das erschien mir alles zu utopisch.“

Colani lässt nicht locker

Sehr zu ihrer Überraschung, schildert mir Bettina Brökelschen, habe sie Colani dann einige Zeit später wieder in Dortmund aufgesucht. Auf-ge-sucht im wahrsten Sinne des Wortes. Hatte er sich vielleicht gedacht: „Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt …

Der Stardesigner glaubte sich den Namen der Firma, eine Druckerei, gemerkt zu haben, bei der Bettina Brökelschen damals gearbeitet hat und die sie ihm bei ihrer ersten Begegnung in Dortmund genannt hatte. Allerdings hatte Colani den Namen um eine entscheidende Nuance falsch verstanden. Er fuhr also in die Firma und ließ Bettina Brökelschen ausrufen. Einige Mitarbeiter kannten sie glücklicherweise noch von der Lehre her. Sie nannten dem Designer den richtigen Arbeitsort der Malerin und riefen Brökelschen dort an. Colani fuhr also dorthin und holte sie mit einem beeindruckenden Schlitten von Limousine ab.

Eine Zusammenarbeit zwischen Luigi Colani und Bettina Brökelschen nimmt ihren Lauf

Auftragsbesprechung. Foto: B. Brökelschen privat

Von da an, erzählt mir Bettina Brökelschen, habe man viel zusammen gearbeitet. Zu Anfang in der Druckerei. Brökelschens Ex-Mann hatte eine Druckerei und sie war in der Gestaltung tätig. Sie habe dann Colanis Kataloge mit entwerfen dürfen. Brökelschens Wunsch damals: Nicht bezahlt zu werden von ihm für ihre Arbeit. Sie wollte, dass Colani mit ihr Bilder malt. „Ich fand damals die Idee so schön, in der Malerei zu kommunizieren. Er malt etwas, ich male etwas … und, dass das dann so Schicht für Schicht an Gestalt gewinnt. Das fand ich ganz spannend.“ Luigi Colani habe sich darauf eingelassen.

Luigi Colani forderte Bettina Brökelschen geschickt und führte sie so peu á peu in die Kunst der Malerei ein

Colani bemerkte damals, dass Brökelschen Vieles noch nicht konnte und sie demzufolge noch einiges in der Malerei lernen müsse. Er fing damals an, sie ein bisschen zu unterrichten. Dabei habe er einiges im Sinn gehabt, was gar nicht ihrem Wollen entsprochen habe, sagt die Malerin heute. Auch deshalb, weil sie noch nicht bereit dafür gewesen sei, es zu lernen. Allerdings sei dann im Laufe der Jahre vieles peu à peu zusammengewachsen.

Warum sich Bettina Brökelschen mit den alten Meistern beschäftigen sollte

Luigi Colani blieb hartnäckig und ging geschickt vor. Plötzlich sei Brökelschen klargeworden, warum sie sich mit den alten Meistern beschäftigen musste und er ihr auftrug, Kopien von alten Meistern zu machen. Zusammen mit Colani fuhr sie nach Dresden, um sich in der Gemäldegalerie Alte Meister umzusehen. Die Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden zählt mit ungefähr 700 ausgestellten Meisterwerken aus dem 15. bis 18. Jahrhundert zu den renommiertesten

Bettina Brökelschen und Luigi Colani beim Besuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Foto: B. Brökelschen privat

Gemäldesammlungen der Welt. Die Gemäldegalerie ist Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Sie befindet sich in der Sempergalerie des Zwingers.

Bettina Brökelschen ist ihrem Meister Luigi Colani sehr dankbar

Auch, warum sie stundenlang mit Colani zeichnen musste – immer wieder und wieder die gleichen Zeichnungen – ging ihr schließlich auf. Dann wiederum habe er vorgearbeitet und sie nur Schattierungen machen dürfen. Irgendwann bzw. erst heute richtig habe sie eigentlich begriffen, wofür das alles gut war. Dafür ist sie ihrem Meister enorm dankbar. Vielleicht kann man es so ausdrücken: Colani war sozusagen Brökelschens Kunstakademie.

Den ganzen Rummel in der Öffentlichkeit verstand Brökelschen nicht. Aber es sei eben auch spannend gewesen

Ziemlich schnell stand sie mit dem bekannten Designer in der Öffentlichkeit. Sie machte sich dann für die jeweilige Auftritte und Empfänge chic. Aber für Brökelschen war das eher eine Außenwelt, die sie gar nicht recht verstanden habe. Ausgesprochen hübsch, sexy, blond mit guter Figur war sie eine herausstechende Erscheinung. Die Menschen hätten sie wohl als Vamp gesehen. Während sie innerlich überhaupt nicht so gewesen sei, verrät sie mir. Sie sei vielmehr lieber gern allein gewesen. Den ganzen Rummel verstand sie nicht. Der sei eher zum Weglaufen gewesen. Da war sie dann froh, wenn sie wieder zuhause war und sich habe abschminken können. Freilich sei es aber auch spannend gewesen. Das wolle sie heute auch nicht mehr missen. Allerdings habe ihr all das auch Angst gemacht und bedrohlich auf sie gewirkt.

Lernen heißt auch viele Irrwege gehen

Wiederum ist Bettina Brökelschen heute froh, dass sie damals hat Fehler machen dürfen. Die oft gar nicht aufgefallen seien. Was, wie die Künstlerin zu bedenken gibt, in der heutige Zeit überhaupt nicht verziehen werden würde. Aber neugierig war sie damals dann doch. Das Lernen machte ihr großen Spaß.

Obwohl, weiß Bettina Brökelschen aus eigener Erfahrung zu berichten, dazu immer natürlich auch gehöre, viele Irrwege zu gehen.

Dieses im Schweigen gemeinsame Arbeiten, das waren eigentlich die schönsten Momente“

Arbeit am Castrol-Kalender. Foto: B. Brökelschen privat.

Das ruhige Arbeiten mit Colani habe ihr am meisten Spaß gemacht. „Dieses im Schweigen gemeinsame Arbeiten“, so Bettina Brökelschen, „das waren eigentlich die schönsten Momente“. Colani und Brökelschen malte mehrere Bilder zusammen, die sie auch beide signierten.

Auch am von Luigi Colani gestalteten Castrol-Kalender wirkte sie mit. Auch ausnahmsweise mal als Modell. Das Bodypainting für andere Modells hatte Colani ebenfalls in Bettina Brökelschens Hände gelegt …

Seelisch leiden, um wirklich kreativ zu sein, gehöre auch dazu, um wirklich kreativ zu sein, wusste ihr Colani zu sagen. Und prompt …

Einmal, sie war wohl gerade 28 Jahre alt, habe ihr Colani gesagt, ihr fehle noch einiges an Lebenserfahrung, um richtig malen zu können. Was sie zunächst etwas getroffen habe, wie sie sich erinnert. Sie müsse erst Schmerzen erleben, seelisch auch mehr leiden, um wirklich kreativ sein zu können, befand ihr Meister. Und wie recht er doch hatte! Und prompt, merkt Bettina Brökelschen an dieser Stelle an, habe sie Leid dann tatsächlich auch durchleben müssen. Zwei Mal, 2002 und 2006 bekam sie die Diagnose Krebs. Sie kämpfte gegen die Krankheit an und besiegte sie. Heute ist sie sich sicher: „Die Malerei hat mich am Leben gehalten.“ Schmerzen und Nebenwirkungen der vielen Operationen und Chemotherapien „hat sie sich in ein- und ausdrucksstarken Bildern, in denen sie verletzte Leinwände mit Narben geflickt hat, von der Seele gemalt“, sagte sie 2016 einer Zeitung.

Und ja: Nicht alle Bekannten und Freunde hielten in der Krankheit zu ihr. Luigi Colani habe sich jedoch, das werde sie ihm nie vergessen, dadurch nie verschrecken lassen und hielt weiterhin in Freundschaft zu Bettina Brökelschen.

Luigi Colani stand auch in Zeiten des Leids zu Bettina Brökelschen. Foto: B. Brökelschen privat.

Eine Freundschaft die immerhin fünfzehn Jahre bis zu Luigi Colanis Tod 2019 in Karlsruhe gehalten hat. Man besuchte einander ab und zu. Bis auf die Zeiten, das sich Colani beruflich in Italien, der Schweiz oder in China aufhielt. Zumindest zu beider Geburtstage telefonierte man stets miteinander. Auch zu Colanis chinesischer Frau hatte Bettina Brökelschen ein

gutes Verhältnis.

Für Bettina Brökelschen steht fest: „Man muss fühlen, wirklich fühlen können

„Ob in der Literatur, in der Musik, beim Tanz, in der Malerei und der Bildhauerei – man muss fühlen, wirklich fühlen können. Man muss Empathie haben, vieles erlitten und erduldet haben. Und erkannt haben, um es auch umzusetzen.“

Bettina Brökelschen und ich schauen uns zusammen unzählige Fotos an. Sie bilden aufregende Szenen ab. Brökelschen dazu:

„Mein Leben war nicht nur immer aufregend. Diese aufregenden Spitzen, die man jetzt als jetzt hier als Foto total toll sehen würde, konnte ich in dem Moment als ich sie erlebt habe, überhaupt nicht nachempfinden. Ich hab‘ das durchlaufen, als ob man einen Film schneller dreht …“

Im jeweiligen Moment damals sei sie zwar physisch aber in Wirklichkeit gar nicht richtig dagewesen. „Ich war immer froh, wenn es vorbei war.

„Die Zwischentöne, die zwischen dem Licht und dem Ganz-tief-Unten, wo es ruhig wurde, die habe ich viel mehr, viel intensiver erlebt“, erinnert sich Bettina Brökelschen.

Im Nachhinein vieler Tiefpunkte wieder betrachtet, könnten diese Fotos einen wieder etwas aufbauen. Sie traf viele Prominente: Jean Pütz, Max Schautzer, Bettina Böttinger, Hape Kerkeling, Pierre Brice, Brigitte Mira, Hugo Egon Balder, Ludger Pistor, Verona Feldbusch und viele andere. Immer aber, so Brökelschen hätten sie dabei die Menschen interessiert, nicht die Tatsache, dass sie prominent waren.

Freunde und „Freunde“

Luigi Colani bei der Arbeit. Foto: B. Brökelschen privat.

Auch eine Erfahrung: In der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft mit Colani habe sie plötzlich so viele Freunde gehabt, die sehr nett zu ihr gewesen seien, erinnert sich Bettina Brökelschen noch genau. Nicht alle dieser Freundschaften seien allerdings echt gewesen. Hinter einigen Gesichtern von „Freunden“ habe sogar etwas Böses gesteckt. Dann habe Brökelschen meist gedacht, sie habe etwas falsch gemacht.

Auf den Fotos habe sie auf andere immer total weltoffen gewirkt, erzählt sie, dabei sei sie seinerzeit fürchterlich ängstlich gewesen und wäre am liebsten nie vor die Tür gegangen.

Bettina Brökelschen: „Ich hab nur wirklich viele Fehler gemacht. Aber ich hab sie voller Leidenschaft gemacht“

Aber durch die Freundschaft mit Colani sei sie „in vieles reingeschmissen worden“ und musste dann da durch. „Gott sei dank!“, entfährt es ihr dankbar. Was sie sicherer im Auftreten hat werden lassen und ihr Selbstbewusstsein gestärkt habe.

Sie sage sich heute und rät das auch anderen: „Man soll nicht so viel Angst vor dem Leben haben.“ Und sie konstatiert: „Ich hab nun wirklich viele Fehler gemacht. Aber ich hab sie voller Leidenschaft gemacht.“

Viele Kunstwerke hat Bettina Brökelschen verschenkt. Bescheiden sagt sie: „Viel zum Leben brauche ich nicht. Und die Mittel, die ich dafür brauche, habe ich“

Luigi Colani hat Bettina Brökelschen im Laufe dieser spannenden 15 Jahre ihrer über das Kollegiale hinausgehenden Freundschaft viele Zeichnungen geschenkt. Ob die mal etwas wert sein werden? Die Dortmunder Malerin kann das nicht einschätzen. Brökelschen: „Vielleicht könnte ich eine reiche Frau sein?“ Ohnehin hat sie wohl die meisten dieser Zeichnungen von Colanis Hand verschenkt oder sie sie zur Versteigerung für gute Zwecke gegeben. Die Künstlerin hat das nie bereut. So pflegt sie auch mit den eigenen Werken zu verfahren. Sie sind in einigen Institutionen und an Orten in Dortmund oder Lünen gelandet. Geschätzt werden ihre Dortmund-Szenen. Sehr beachtet wurde auch ihre Ausstellung „Menschen in der Linienstraße“, wo Bettina Brökelschen Einblicke ins Bordell verarbeitet hattte. Die letzte Exposition „Jüdisches Leben in New York“ der Malerin stieß ebenfalls auf vielseitiges Interesse.

Bettina Brökelschen lebt in ihrer gemütlichen Wohnung im Kreuzviertel. „Viel zum Leben brauche ich nicht. Und die Mittel, die ich dafür brauche, habe ich“, bekennt sie überzeugend bescheiden.

Bettina Brökelschen: „Ich bin dankbar für alles was er mir mitgegeben hat. Auch für die Anstöße, das Anschubsen“

Bettina Brökelschen in der Colani-Aussstellung in Karlsruhe. Foto: B. Brökelschen privat.

Eine Dortmunder Zeitung aus dem Jahre 2017 stand zu lesen: „Der Mann, der für die meisten Menschen ein Weltstar ist, ein Stern eben, strahlend hell und unvorstellbar weit weg, der und die Dortmundmalerin, die haben wirklich zusammen gemalt.“ Und ein Galerist wird so zitiert: „Vielleicht hatte er sich damals einfach in dich verguckt?“

„Nein“, antwortet Brökelschen damals dem Galeristen, davon sei nie die Rede gewesen: „Er war immer genervt von den vielen Leuten, die was von ihm wollten. Wir konnten einfach lachen.“ Und mir sagt sie: „Wir hatten nie was.“

Bettina Brökelschen hat Luigi Colani eben ganz anders erlebt, als die sicher die meisten von uns, die ihn nur aus Fernsehauftritten kennt. Da wirkte der Design-Star mit dem Walrossbart in seinem obligatorischen weißen Rollkragenpullover oft grummelig oder gern auch provokativ (was nicht zuletzt sicher auch mit dem ihm gestellten Fragen zu tun hatte) – immer aber als interessanter und außergewöhnlicher Mensch, dem man das nachsah.

Bettina Brökelschens Resümee: „Ich bin dankbar für alles was er mir mitgegeben hat. Auch für die Anstöße, das Anschubsen. Er hat mich wirklich ins Leben geholt“. Sie hätte sich viele Dinge im Leben sonst nicht getraut.

Brökelschen hat Colani als kreativen Mensch, der lustig war und viel Humor bewies, gekannt. Das Leben habe er leicht genommen. „Er freute sich auch, wenn einfach eine Erbsensuppe gut schmeckte.“ Beschäftigt war immer irgendwie: „Er konnte nie nichts machen.“

Was doch e i n e Begegnung mit e i n e m Menschen so in Gang zu setzen vermag! Wie sagte noch Bettina Brökelschen: „Das Leben kam zu mir.“ Mit Luigi Colani, ihrem Meister. Bettina Brökelschen zehrt noch heute von dieser 15 Jahre währenden Freundschaft. In einem ihre Kataloge schreibt sie: „Aus dem Moment der Begegnung vo 15 Jahren wurde ein respektvolles und interessiertes Begleiten.

Bettina Brökelschen kannte Luigi Colani seit 1992 und hat mit ihm bis 2007 oft zusammengearbeitet.

Ab da haben sich die beiden Künstler auch weiterhin getroffen – aber dann nur so ein bis zweimal im Jahr, da er zu weit weg war.

Die Letzten fünf Jahre hatten sie dann nur noch telefonischen Kontakt.

Luigi Colani und Bettina Brökelschen. Pressefoto/Repro B. Brökelschen

 

 

Luigi Colani verstarb im Jahr 2019 in Karlsruhe im Alter von 91 Jahren. Bettina Brökelschen war zur Beerdigung eingeladen und sprach danach mit der Familie. In Dortmund ist er nicht vergessen …

Luigi Colani

1928-2019, Designer

Luigi Colani, geb. 1928 in Berlin, gründete 1955 seine legendäre Designwerkstatt, mit der er in kürzester Zeit spektakuläre Erfolge feierte: Goldene Rose in Genf für den FIAT 1100 TV, der legendäre Sportwagen Colani GT, Arbeiten für Alfa Romeo, Lancia, VW und BMW.

Mit seinen Möbel-Kreationen stieg Colani in den 60er Jahren zum weltbekannten Designerstar auf. Es folgten unzählige preisgekrönte Entwürfe, Zukunftsstudien und Produkte weltbekannter Hersteller, mit denen Luigi Colani das Bild des modernen Designs maßgeblich prägte, z.B. seine ergonomische Spiegelreflexkamera Canon T90, Sony-Kopfhörer, die in das New Yorker Museum of Modern Art aufgenommen wurden, Computer, u.v.a.

Ein schier unerschöpflicher Formenreichtum durchzieht wie ein Leitmotiv sein gesamtes Schaffen. Colanis Entwürfe sind in vielen Museen der Welt, u.a. der Designkollektion der Pinakothek der Moderne in München, permanent ausgestellt.
Quelle: ars mundi 

Beitragsbild: Bettina Brökelschen privat.

Update vom 4. März 2020: Luigi Colani auf Video (Quelle 1: Sky Schweiz/You Tube und Quelle 2: Art n Talk/You Tube)

Weitere Fotos, darunter auch solche von Gemeinschaftswerken Colani/Bröckelschen (alle Fotos: Brökelschen privat)

Sonnenuntergang 1 Brökelschen/Colani

Tango. Colani/Brökelschen

 

Entfaltung. Colani/Brökelschen

 

Spaltung. Colani/Brökelschen

Schatten. Colani/Brökelschen

Colani und Brökelschen beim Kopieren. Foto: Brökelschen privat.

Bei Colani zuhause. Foto: Brökelschen privat

 

Vera Lengsfeld im Corona-Ausschuss mit treffenden politisch-gesellschaftlichen Analysen

Seit Mitte Juli 2020 untersucht der Corona-Ausschuss in jeweils mehrstündigen Live-Sitzungen, warum die Bundes- und Landesregierungen im Rahmen des Coronavirus-Geschehens beispiellose Beschränkungen verhängt haben und welche Folgen diese für die Menschen hatten und weiter haben. Der Corona Ausschuss wurde von vier Rechtsanwält*innen gegründet. Er führt eine Beweisaufnahme zur Corona-Krise und den Maßnahmen durch. 

Von den Rechtsanwält*inn angehört werden u.a. Mediziner, Journalisten, Juristen und von Anti-Corona-Maßnahmen Betroffene.

Wer die zumeist sehr interessanten und erkenntnisreichen Sitzungen des Ausschusses noch nicht gesehen hat, kann sie gerne (sh. oben) oder auf dem You Tube – Kanal von OVALmedia Ausschuss nachsehen und sich über dessen Arbeit so ein eigenes Bild verschaffen.

Ein Höhepunkt der Sitzung 41 „Troja Allenthalben“: Vera Lengsfeld im Gespräch

Am Freitag, dem 26. Februar 2021 fand abermals eine Tagung des Corona-Ausschusses statt. Wieder über die Maßen und nahezu durch die Bank interessant. Ich möchte Ihr Interesse, liebe Leserin, lieber Leser, speziell auf einen Part im Video lenken. Nämlich dem, welcher dem Gast Vera Lengsfeld vorbehalten war.

Sie war 1981 Mitbegründerin einer der ersten halblegalen Oppositionskreise der DDR, des Pankower Friedenskreises, seitdem Mitorganisatorin aller wichtigen Veranstaltungen der Friedens-und Umweltbewegung der DDR. Heute wird sie samt Mitstreiter*innen zumeist unter dem Rubrum „Bürgerrechtler der DDR“ geführt. Ich habe Vera Lengsfeld stets zugegebenermaßen kritisch beäugt oft hart kritisiert. Am Freitag, da sie Gast des Corona-Ausschusses war, gewann ich einen ganz anderen Eindruck von mir. Und ich fand, ich müsste ihr Abbitte für meine harte Kritik damals an ihr tun.

Vera Lengsfeld mit treffenden politisch-gesellschaftlichen Analysen

Wie dem auch sei, ihr Auftritt beim Ausschuss war jedenfalls äußerst informativ, ihre Aussagen sachlich und ihre politisch-gesellschaftltichen Analysen treffend und im höchsten Maße bedenkenswert. Lengsfeld, die auch einst einmal Mitglied der Grünen war, ist noch immer CDU-Mitglied, allerdings mittlerweile bei der Werteunion verortet.

Eingangs beklagt sie das, was wir alle tagtäglich – soweit wir noch Medien konsumieren – von früh bis abends über die Medien geradezu bombardiert werden: mit den Corona-Zahlen aller Couleur: den Zahlen der Getesteten, Erkrankten, Toten etc. Treffend bezeichnet Lengsfeld das als Propaganda. Denn mit seriösen Journalismus hat das wahrlich nichts zu tun. Auf Lengsfelds Webseite steht zu lesen:

„Lange, viel zu lange haben die Bürger den Ausnahmezustand mit Geduld ertragen. Das ist zweifellos ein Erfolg der Corona-Propaganda, die täglich auf die Bevölkerung niederprasselt. Von morgens bis abends Infektions- und Totenzahlen, garniert mit Warnungen vor einem zusammenbrechenden Gesundheitssystem, vor Mutanten, zweiten und dritten Wellen. Die damit erzeugte Angst und Panik hat die von den Corona-Maßnahmen wirtschaftlich Betroffenen stumm auf Staatshilfe zu warten lassen, statt kritische Fragen zu stellen.“

Vera Lengsfeld fordert „ Nicht nur klagen, öffnen!“

„MediaMarktSaturn, die Baumarktkette Obi, sowie die Textilketten Peek&Cloppenburg (Düsseldorf) und Breuninger ziehen jetzt vor Gericht. „Wir haben Klagen vor den Verwaltungsgerichtshöfen in Baden-Württemberg, in Hessen, in Nordrhein-Westfalen, in Thüringen und Sachsen eingereicht – überall dort, wo wir Häuser haben. Ziel ist die sofortige Aussetzung der Lockdown-Maßnahmen, weil sie nicht verhältnismäßig sind und eine Ungleichbehandlung gegenüber dem Lebensmittelhandel bedeuten“, sagte, wie NWZ online berichtete, ein Breuninger-Sprecher. Alternativ fordere das Unternehmen Entschädigungen. Zweiteres sehe ich als Fehler. Die Unternehmer sollten Staatshilfe ablehnen und konsequent ihr Recht auf freien Handel einfordern. Nicht nur klagen, sondern einfach öffnen. Wenn an einem bestimmten Tag, zum Beispiel am 1. März das alle tun würden und genügend Kunden kämen, wäre der Corona-Spuk von einem Tag auf den anderen vorbei.“

Den (noch) Ängstlichen macht sie Mut:

„ In Corona-Deutschland regiert noch die Angst. Was bewirkt werden kann, wenn man die Angst überwindet, zeigt die Friedliche Revolution der DDR. Als genügend Menschen auf die Straße gingen, war das SED-Regime bald Geschichte.“

Bei Politikersprech hört Lengsfeld genau hin

Lengsfeld hört ganz offenbar – was stets ratsam erscheint – bei Politikersprech sehr genau hin. So auch bei dem Merkels. Im März 2020 habe die Bundeskanzlerin gesagt, man sei sich über das Problem Einschränkung der Grundrechtes bewusst, werde aber sehr verantwortungsvoll damit umgehen und jederzeit prüfen, ob das alles weiter nötig ist. Lengsfeld:

„Das ist nicht nur nicht passiert. Sondern inzwischen hat sich das Narrativ gewandelt, inzwischen sind die Grundrechte neue Freiheiten. Die gewährt werden, wenn man sich impfen lässt oder wenn die Regierung meint, es ist soweit. Die jederzeit wieder zurückgenommen werden können.“

Lengsfeld erzählte, sie habe sich von Anfang mit dem Buch von Klaus Schwab, „COVID 19: The Great Reset“ von Schwab/Malleret beschäftigt. Und sie habe nach der Lektüre des Buches festgestellt, „das ist die Blaupause, das ist tatsächlich die Blaupause dessen, was sich jetzt vor unseren Augen abspielt“.

Angela Merkel sage eigentlich alles, was man vorhabe, so Lengsfeld. Getreu dem Spruch, des alten Fuchses Jean-Claude Juncker: „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“

Die Corona-Maßnahmen, meint Vera Lengsfeld, seien für sie ein Testfall, für das, was die Bevölkerung zu ertragen bereit ist.

Lengsfeld meint: Überzeugungen sind der Kanzlerin fremd

Vera Lengsfeld kennt Angela Merkel seit 1990. Sowie aus 16 Jahren Bundestagstätigkeit. Auch aus Privatgesprächen. Ehrlich bekennt sie, sie sei sogar Merkel-Unterstützerin gewesen, als sie sich zu Zeiten des Leipziger Parteitages diese sich als Reformerin gegeben habe. Allerdings habe Lengsfeld, sofort als Merkel Kanzlerin geworden war, gemerkt, dass sie sich in Merkel getäuscht habe. Lengsfeld meint, „dass so was wie Überzeugungen“ der Kanzlerin fremd seien: „Wenn sie überhaupt einen Kompass hat, dass ist der grün bis linksextremistisch.“

Lengsfeld beklagte, dass die Akten der vermutlich 10.000 bis 30.000 Informellen Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit im Westen – die sehr die bundesdeutsche Geschichte beeinflusst hätten – und wahrscheinlich auf den sogenannten Rosenholz-Dateien gespeichert sind, die die CIA aus der DDR fortgeschafft hatte und von US-Präsident Clinton später wieder in die BRD zurückgeschickt worden waren (in der Amtszeit von Innenminister Otto Schily) bis heute weggeschlossen sind.

Heutige Politiker haben fast keinerlei Erfahrungen im wirklichen Leben gemacht

Den bedenklichen Zustand unserer Demokratie erklärt sich Lengsfeld, dass wir inzwischen eine Politikergeneration haben, die einen typischen politischen Prozess durchgemacht hätten: bei der CDU etwa lauf der über die Schülerunion bis hin in den Bundestag. Solche Politiker hätten fast keinerlei Erfahrungen im wirklichen Leben gemacht. Solche Politiker stelle inzwischen die Mehrheit der Abgeordneten im Deutschen Bundestag, so Vera Lengsfeld. Als sie 1990 in den Bundestag gekommen ist, sei deren Mischung noch viel bunter gewesen.

Solcher Erfahrungen hat später übrigens auch der Dortmunder Bundestagsabgeordneter (früher SPD, jetzt fraktionslos und Mitglied der Partei Die Partei) gemacht (hier und hier).

Heute hätten diese Abgeordneten mit innerparteilichen Kungeleien zu schaffen. Tanze man aus der Reihe, werde man nicht wieder als Kandidat für Landtage oder Bundestag aufgestellt. Weshalb viele auch keinerlei Rückgrat mehr hätten.

Marco Bülow aus seiner Sicht: Bülow erklärte, woher das Nichtwahrnehmen sozialer Probleme vieler Abgeordneten rühre: „84 Prozent der Bundestagsabgeordneten sind Akademiker, 16 Prozent Nichtakademiker. In der Gesellschaft ist es andersrum: Lediglich 20 Prozent der Menschen Akademiker.“ Als Bülow in den Bundestag kam, waren selbst allein in der SPD-Fraktion fast alle Akademiker gewesen. Doch ihre Eltern und Umfeld waren es nicht. Heute sehe es anders aus. Man kenne Probleme von Kindern aus Nichtakademikerfamilien überhaupt nicht, komme ja mit ihnen nicht in Berührung. Diese Bundestagsabgeordneten bekämen nichts von gravierenden sozialen Problemen mit. In Berlin lebe man unter der Reichstagskuppel und somit in einer Blase. Marco Bülow: „Die Journalisten mit denn man es zu tun hat, die Lobbyisten mit denen man zu tun hat und die Kollegen mit denen man zu tun hat, die haben alle ein sehr gutes Auskommen und ihr Umfeld auch.“ Weshalb deren Fokus weg von den sozialen Problemen sei

Quelle: Claus Stille

Verkehrte Welt im Bundestag: Die Nase läuft, die Füße riechen

Wie Marco Bülow kritisiert übrigens wie auch Vera Lengsfeld, dass im Bundestag die Demokratie sozusagen auf den Kopf gestellt wird. Denn schließlich hätten ja Gesetzesvorschläge aus dem Bundestag zu kommen. Und Regierung als Exekutive hätte sie entsprechend umzusetzen.

Inzwischen laufe es aber umgekehrt, ja geradezu verkehrt (ein Kollege pflegt stets zu sagen: Verkehrte Welt. Die Nase läuft, die Füße riechen.)

Die Bundesregierung kaspert Gesetze aus und die Bundestagsabgeordnete nicken sie ab. Oftmals kennen sie nicht mal die Inhalte richtig. Darüber hat Marco Bülow ein Buch mit dem Titel „Die Abnicker“ geschrieben (hier und hier).

Soweit mein „Appetizer“, wie das heute neudeutsch heißt. Schauen sie das interessante Gespräch mit Vera Lengsfeld. Gerne auch die wirklich empfehlenswerte gesamte Sitzung 41.

Beitragsbild: Screenshot Claus Stille

Die bornierte Falschheit von Maas und Merkel

ARD-aktuell kaschiert ihre Doppelzüngigkeit und gefährliche Konfrontationspolitik gegenüber Russland und China

Von Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam

Für den Hausgebrauch formuliert unser aller Kanzlerin Angela Merkel ihren Kategorischen Imperativ: „Rechtsextremismus müssen wir in den Anfängen bekämpfen, ohne jedes Tabu … sonst haben wir einen vollkommenen Verlust der Glaubwürdigkeit.“(1) Beachtet man allerdings, wie Merkels Regierungssprecher sich ahnungslos und nicht-wissend gegenüber dem Neonazismus und Rassismus im „befreundeten“ Ausland gibt (2)Adolf Hitler war der größte Mensch, er hat direkte Demokratie praktiziert“ (3, 4) – dann kann von Glaubwürdigkeit gleich keine Rede mehr sein. Außenminister Maas, „wegen Auschwitz in die Politik gegangen“ (5), belegt davon unbeschadet den Auschwitz-Befreier Russland mit Sanktionen und verlangt sogar, den Rassisten Nawalny („… diese Drecksjuden!“ [6]) freizulassen. (7) Und die Tagesschau, längst erhaben über jeden Gedanken an kritisch-sauberen Journalismus, verschleiert all den Widersinn und die Doppelmoral der Bundesregierung.

Anlässlich des Jahrestages der rassistisch motivierten Hanauer Morde tat sich die Kanzlerin mal wieder dicke und gab die Vorkämpferin gegen Rechts.

„Wir stellen uns denen, die versuchen, Deutschland zu spalten, mit aller Kraft und Entschlossenheit entgegen,“ (8)

schnuffelte sie in ihrem wöchentlichen Selbstdarstellungs-Video, und die Tagesschau übernahm den Ausschnitt geflissentlich. (ebd.) Die Hamburger vermieden hingegen sorgfältig, über die vehemente Kritik der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano zu berichten. In einem Grußwort an die Angehörigen der Opfer des Hanauer Massakers hatte Bejanaro über die rassistischen Auswüchse im deutschen Polizeiapparat geklagt: 

„Schlimmer noch: Einige Beamte und Beamtinnen sind Teil der Netzwerke. Betroffene werden stigmatisiert und kriminalisiert. Aber wir werden dagegen aufstehen.“ (9)

Solche Worte passen eben nicht zum regierungsamtlichen, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gezeigten Bild vom wohlanständigen deutschen Antifaschismus.

Geldhahn auf für Ukro-Nazis

Angesichts der nazistischen Umtriebe in Kiew (s. Anm. 4) hätten Berlin und auch Brüssel sofort reagieren und für die Ukraine den Geldhahn zudrehen müssen. So hatte es der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko gefordert (10). Stattdessen fließen aus deutschen und europäischen Steuermitteln Milliarden Euro nach Kiew:

„Deutschland hat großes Interesse an einer stabilen, demokratischen und wirtschaftlich prosperierenden Ukraine. Seit 2014 hat Deutschland die Ukraine insgesamt mit über 1,8 Mrd. EUR unterstützt.“ (11)

Eintausendachthundert Millionen Euro zahlte Deutschland bereits an die Regierung in Kiew. An ein politisches System, das den Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera zum Nationalhelden kürte. An einen Staat, dessen einst von seinen Wählern bejubelter Präsident Wolodymyr Selensky kurzerhand drei oppositionelle Fernsehsender abschalten ließ, weil deren russlandfreundliche Programmangebote ihm nicht passten. (12, 13) Diesen Frontalangriff auf die Säulen der Demokratie, auf Rundfunk- und Meinungsfreiheit, kommentierte die Bundesregierung auch noch so:

Es ist legitim, dass die Ukraine ihre territoriale Integrität und nationale Sicherheit schützt und sich angesichts des Ausmaßes von Desinformationskampagnen im Land gegen manipulierte Informationen wehrt. (14)

Denn nur echt demokratisch gesinnte Regierende wissen, was echt wahr und was echt eine Gefahr für die nationale Sicherheit ist – und deshalb echt verboten gehört, gelle? Also unterstützen unsere regierenden Antidemokraten ihre Gesinnungsfreunde und Nazi-Verehrer in Kiew. Und zwar auf diplomatisch-politischer Ebene genauso wie mit massenhaft Kohle. Jüngste deutsche Quertreiberei ganz im Sinne der Ukronazis: Russland hatte in die OSZE eine Initiative eingebracht, um endlich die Umsetzung des Minsk-II-Abkommens zur Befriedung der Ukraine zu erreichen. Sie enthielt nur drei Punkte:  

„Unterstützung des vom UN-Sicherheitsrat gebilligten Minsker Abkommens, Aufforderung nach baldiger Umsetzung und eine Aufforderung an die Strukturen der OSZE, dabei behilflich zu sein.“ (15)

Völlig unerwartet lehnten Kiew und seine westlichen Verbündeten die Initiative ab – auch Deutschland. (ebd.) Und unsere öffentlich-rechtliche Tagesschau? Macht einen großen Bogen um all diese Ungeheuerlichkeiten, wie es sich für einen echten Nachrichtendienstboten gehört.

Gelebte Perversionen

Kommen wir noch einmal auf das geradlinige Denken unseres großen Außenministers Maas zurück, der „wegen Auschwitz“ in die Politik ging (natürlich nicht wegen der Karriereaussichten und der fetten Diäten), ergo ein grundanständiger Mensch sein muss. Wenn´s Covid-19-mäßig klemmt, verweigert er eben doch jüdischen Exilanten aus Russland die Einreise in die Bundesrepublik (16), allem geschichtsbewussten humanitären Anspruch zum Trotz. Dann dürfen nur noch deutsche Spätaussiedler, sogenannte Volksdeutsche, zu uns rein.

Zweierlei Maas, hier haben wir´s in Reinform: Einerseits (wegen des kriminellen Nawalny) die Politik der Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland anfeuern und andererseits mahnen:

„Eine wirtschaftliche Isolierung Russlands würde das Land nur weiter in die Arme Chinas treiben …(das) ist nicht nur falsch, sondern gefährlich“. (17)

Das offenbart ein so irres Defizit an Logik, dass man sich unwillkürlich fragt, wo der Notarzt bleibt. Hat dieser Außenminister nicht seit seinem Amtsantritt unzählige Attacken gegen Russlands Regierung geritten? Hat er nicht wieder und wieder mit mörderischer Sanktionspolitik das deutsch-russische Verhältnis schwerstens belastet, auch auf Kosten abertausender syrischer Menschenleben? Die gewaltfreie und dem Bevölkerungswillen gemäße Wiedereingliederung der Krim in die Russische Föderation sowie Russlands völkerrechtskonforme Unterstützung Syriens reichen unserem Berliner Hampelmann aus, dem Kreml „Aggression“ vorzuwerfen und dagegen die „Entschlossenheit des Westens“ einzufordern – ganz im Sinne seiner Strippenzieher in Washington. Die Tagesschau wirft ja trotz allem nicht die Frage auf: Wie tief können Hirnrisse eigentlich reichen?

Umsturz-Politik

In transatlantischem Kadavergehorsam unterstützt unser Außenminister die Anstrengungen der USA, den Verlust ihrer Weltherrschaft aufzuhalten und in Russland wieder ein gefügiges Regime à la Boris Jelzin zu installieren. Merkel und Maas sagen nicht selbst, dass das „System Putin“ gestürzt werden soll. Aber sie lassen widerspruchslos zu, dass es einer ihrer konservativen Prolieferanten sagt, der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr:

„Die Ziele, die wir gegenüber Russland haben, sind ja sehr große. Wir wollen ja nicht weniger als einen Regimewandel in Russland, das ist sehr schwer zu erreichen mit wirtschaftlichem Druck.“ (18, 19)

„Putin muss weg – Nawalny for president!“ verfolgt das Ziel, Russland wieder dem Westen gefügig zu machen und abermals zu Schleuderpreisen auf seine gigantischen Rohstoffreserven zuzugreifen. Spezialdemokrat Gernot Erler, vormals „Russland-Beauftragter“ der Bundesregierung, kleidete die Hintergedanken in ein hinterfotziges Lob:   

„Der Westen respektierte Michail Gorbatschow als einen der Väter der deutschen Einheit und sah Russland in der Jelzin-Zeit auf dem Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft. Ein Weg, zu dem sich Präsident Putin bei seiner berühmten Rede im Bundestag 2001 noch ausdrücklich bekannte…“ (20)

Die Oligarchen des “Werte-Westens” wünschen sich die Zustände der Jelzin-Zeit zurück, als vormals sowjetisches Staatseigentum von Wirtschaftsverbrechern wie Michail Chodorkowski geplündert und Milliardenwerte ins westliche Ausland verschoben wurden, so dass die russische Bevölkerung in Hunger und Elend versank.

Krawallny bis zum Geht-nicht-mehr

Mit Alexej Nawalny, einem ausgewiesenen Chodorkowski-Protegé, ließe sich das wohl wieder so einrichten. Er ist ja ebenfalls ein rechtskräftig verurteilter und derzeit erneut vor einer entsprechenden Anklage stehender Wirtschaftskrimineller. Dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, EGMR, die russischen Urteile gegen ihn und Chodorkowski als Willkürakte einstufte, spricht eher gegen diese Richter als gegen Russland; der EGMR ist schließlich unübersehbar mit vormaligen Politikern besetzt und macht kein Hehl aus seiner Einäugigkeit. (21, 22) Zu einem ähnlichen Urteil wie dem für Nawalny hat der EGMR sich im Fall des in London eingekerkerten Journalisten Assange nicht aufgerafft.

Ungezählte Male und trotz des Überdrusses der deutschen Öffentlichkeit haben Merkel und Maas – mit tatkräftiger Unterstützung der Tagesschau-Redaktion – ihre Nawalny-Zirkusnummern aufgeführt und ihn zu einem Märtyrer für Freiheit und Menschenrechte stilisiert:

„…  Weil er Korruption und Bereicherung in höchsten Kreisen anprangert. Weil er die Willkür von Gerichten und Behörden beklagt. Weil er sich nicht den Mund verbieten lässt. Nawalny rüttelt damit an den zentralen Pfeilern, auf denen das System Putin seit mehr als 20 Jahren steht.“ (23)

Dass der Mann sich eben wieder als rechter Kotzbrocken in einem Gerichtssaal aufführte und mit seinen widerwärtigen Schmähungen sogar hochbetagte Weltkrieg-II-Veteranen überzog, konnte man in hunderten von Beiträgen nationaler und internationaler Medien nachlesen (24, 25, 26), aber nicht von der Tagesschau erfahren. Er beleidigte einen 94-Jährigen derart gehässig, dass der greise Veteran zusammenbrach und am Fortgang der Verhandlung nicht mehr teilnehmen konnte. Dass Nawalny wegen seiner bösartigen Ausfälle zu einer für deutsche Verhältnisse milden Geldstrafe verurteilt wurde, skandalisierte die Tagesschau hingegen mit dicken Krokodilstränen im Knopfloch – sogar als Aufmacher in ihrer Hauptausgabe um 20 Uhr. (27)

Vergessen die Zeiten, als Nawalny auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch so dargestellt wurde, wie er sich selbst gab:  

„Früher beschimpfte er Bürgerrechtler und Schwule. Die einen seien ‚quasiliberale Wichser‘ oder ‚senile Trickbetrüger‘, die anderen ‚Schwuchteln‘, die weggesperrt gehörten. … In der Sache bleibt er unverändert.“ (28)

Aus Tagesschau-Sicht ist Nawalny heute ein Held – und Heiko Maas ein angesehener Außenminister. Gründlichere Beobachter kommen allerdings zu einer wesentlich nüchterneren Einschätzung:

„… Heiko Maas ist in dieser Kampagne ein unredlicher Scharfmacher, der völlig ohne Beleg die Behauptung aufstellte, dass es Indizien gebe, dass der Kreml hinter dem Giftanschlag stehe. Das war selbstdem Ministerpräsidenten von Sachsen, Michael Kretschmer, zu viel, der … zum Agieren von Maas anmerkte, dass ‚diesersodurchdrehe,dass dies kein gutes Zeichen für dieses Land‘ sei.“ (29)

Das Ende vernunftgeleiteter Politik

Inzwischen steht fest, dass Maas – mit Merkels Billigung, denn sie bestimmt die Richtlinien der Politik – die einst freundschaftlichen Beziehungen Deutschlands zu Russland restlos zerstört hat. Der russische Außenminister Lawrow:

„Die deutsche Regierung untergräbt das in Jahrzehnten aufgebaute Vertrauen, das Grundlage für die Freundschaft zwischen der UdSSR und der DDR sowie der Ostpolitik von Willy Brandt war. Heute sagt sich Berlin sowohl von der DDR als auch vom politischen Erbe von Willy Brandt los. Das Band des gegenseitigen Vertrauens ist zerrissen.“ (30)

Eine Meldung mit diesem Zitat hätte in sämtliche Ausgaben der Tagesschau gehört. Sie war ein journalistisches Muss. Doch ARD-aktuell versteckte sogar Lawrows Warnung, Russland werde die Beziehungen zur EU komplett abbrechen, falls sie ihre Sanktionspolitik weiter steigere, sorgfältig in einer stillen Ecke der tagesschau.de. (31)

Unklar bleibt, welche Vorteile unsere Politiker und ihre medialen Wasserträger sich eigentlich von ihren plumpen Attacken gegen Russland versprechen. Einen ergiebigen Anwendungsbereich hat ihre böswillige Feindbildpflege allerdings: Sie dient der Begründung und Rechtfertigung ständig steigender Rüstungsausgaben, sichert also die satten Profite unseres militärisch-industriellen Komplexes.Die Bundesregierungmeldeteder Brüsseler NATO-Zentraletrotz der Corona-Epidemiefür das laufende Jahr „Verteidigungs“ausgaben von 53,03 Milliarden Euro.Das sind fast zehn Prozent Steigerung innerhalb von nur zwei Jahren (32) und katapultiert Deutschland in die oberste Reihe jener Länder, die ihre Militärhaushalte maßgeblich steigern. (33)   

Die Musik spielt im Osten

Hatte unser diplomatisches Genie Heiko Maas nicht gerade noch davor gewarnt, „Russland in die Arme Chinas zu treiben“? (Anm. 17) Sch…sch… schon passiert, Heiko: Der chinesische Außenminister Wang Yi hat seinem russischen Kollegen Lawrow bereits im Dezember vorgeschlagen, über ein formelles Militärbündnis mit gegenseitigen Schutzgarantien nach dem Muster der NATO zu verhandeln. (34) Präsident Putin hat zugestimmt – und so könnte ein US-amerikanischer Albtraum wahr werden. (35) An sowas will die Tagesschau natürlich nicht rühren.

Militärische Machtverschiebungen, das kapiert man sogar in den USA,stärken immer auch die Wirtschaftskraft der fraglichen Partnerländer. Ganz besonders in diesem Fall: China fehlen Rohstoffe, die Russland im Überfluss hat, und Russland kann vom technologischen Spitzenstandard und der Leistungsstärke der chinesischen Industrie profitieren. Gemeinsam werden sie weiter anWettbewerbsstärke und globalerBedeutung gegenüber dem Westen gewinnen. Für China ist dabei von Vorteil, dass Russlands hochentwickelte Waffensysteme denen der USA zurzeit weit überlegen sind. Ein Vorsprung, den das gesamte NATO-Bündnis in den nächsten Jahren nicht wird aufholen können.

Nichtsdestotrotz droht US-Präsident Biden verstärkten Kampf „für die Demokratie“ gegen Russland und China an: „Amerika ist zurück!“ (36) Und selbstverständlich kommt das politische Funktionspersonal unserer (Rüstungs-)Wirtschaft, angeführt von Kanzlerin Merkel, eilfertig Bidens Forderung nach und apportiert ihm mit gekrümmtem Rücken eine Verlängerung der Bundeswehr- Einsätze in Afghanistan und Afrika. (ebd.) Dabei sind 61 Prozent unserer deutschen Mitmenschen gegen diese vermaledeiten Auslandseinsätze. (37) Doch Oberdemokratin Merkel pariert trotzdem lieber den Amis.

Biden, Merkel, Maas und alle Kalten Krieger ihres Schlages wären gut beraten, die Sichtweise der chinesischen Kommunisten wenigstens zur Kenntnis zu nehmen: 

„Washington und Brüsselhabenan der strategischen Überlegung festgehalten, Russland zu schwächen. Wir glauben jedoch, dass Russland nicht von den USA und dem Westen besiegt wird. Russland hat eine Widerstandsfähigkeit und Ausdauer, die sich die Westler nicht vorstellen können. … Wenn die USA und der Westen jetzt politische Probleme aufwerfen, werden Zeit und Glück nicht an ihrer Seite stehen.” (38, Übers. d. Verf.)

Es gehört schon eine Riesenportion deutsche Dummheit und Arroganz dazu, den russisch-chinesischen Block auch noch mit geradezu bescheuerten Regime-change- Provokationen (von Hongkong über Minsk bis St. Petersburg) gegen sich aufzubringen. Das Merkel-Maas-Ensemble intrigiert ja nicht nur gegen China und Russland, sondern schmiert auch die Revoluzzer in Weißrussland – zur Freude aller transatlantischen Bellizisten. Der Versuch, Weißrussland von Russland abzuspalten, konnte nur die gegenteilige Konsequenz haben: Moskau und Minsk bei deren Verhandlungen über eine Wiedervereinigung der beiden Staaten zu bestärken. (39)

Konfrontation auf Teufel komm raus

Das „tiefgreifende systematische Unverständnis“ (40) der Bundesregierung hat längst die Spitzenjournalisten der ARD-aktuell infiziert. Kommentarlos ließen sie Heiko Maas tagesschau-öffentlich nach Verlängerung des Mandats für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan rufen. (41) Dass er damit die militärische Ausrichtung Deutschlands auf die geostrategische Konfrontation der USA/NATO mit Russland und China vorantreibt (42) und unser Land zum Schlachtfeld werden kann, hängt für Tagesschau-Redakteure von heute zu hoch.

Es kommt halt immer anders – wenn man denkt. Am Denken hapert es jedoch bei unseren Berliner Strategen und ihrer medialen Hamburger Gefolgschaft. Rechnen wir also weiterhin mit verdeppten Tagesschau-Nachrichten à la „Die Lage spitzt sich weiter zu“, bis Ramstein und Büchel in die Luft fliegen. Denn kein höheres Wesen erbarmt sich unser.

Die Autoren

Friedhelm Klinkhammer, Jahrgang 1944, Jurist. 1975 bis 2008 Mitarbeiter des NDR, zeitweise Vorsitzender des NDR-Gesamtpersonalrats und des ver.di-Betriebsverbandes sowie Referent einer Funkhausdirektorin.

Volker Bräutigam (links) und Friedrich Klinkhammer. Foto: C. Stile

Volker Bräutigam, Jahrgang 1941, Redakteur. 1975 bis 1996 Mitarbeiter des NDR, zunächst in der Tagesschau, von 1992 an in der Kulturredaktion für N3. Danach Lehrauftrag an der Fu-Jen-Universität in Taipeh.

Anmerkung der Autoren:

Unsere Beiträge stehen zur freien Verfügung, nichtkommerzielle Zwecke der Veröffentlichung vorausgesetzt. Wir schreiben nicht für Honorar, sondern gegen die „mediale Massenverblödung“ (in memoriam Peter Scholl-Latour). Die Texte werden vom Verein „Ständige Publikumskonferenz öffentlich-rechtlicher Medien e.V.“ dokumentiert:

Hinweis: Gastbeiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Beitragsbild: von simonschmid614 auf Pixabay

Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.welt.de/politik/deutschland/article195715397/Angela-Merkel-warnt-nach-Luebcke-Mord-vor-Verlust-der-Glaubwuerdigkeit.html

(2) https://www.youtube.com/watch?v=-f6B5ilLgkY

(3) https://www.youtube.com/watch?v=tof3OBZ3itM

(4) http://blauerbote.com/2018/09/08/hitler-war-ein-grosser-demokrat/

(5) https://www.juedische-allgemeine.de/politik/ich-bin-wegen-auschwitz-in-die-politik-gegangen/

(6) https://www.anti-spiegel.ru/2021/dritter-verhandlungstag-gegen-navalny-und-was-der-spiegel-daraus-macht/

(7) https://www.merkur.de/politik/maas-fuer-neue-russland-sanktionen-gegen-aus-fuer-pipeline-zr-90199502.html

(8) https://www.tagesschau.de/inland/merkel-hanau-rassismus-101.html

(9) https://www.heise.de/tp/features/Zerschlagung-rassistischer-Netzwerke-in-Behoerden-gefordert-5056940.html

(10) https://www.andrej-hunko.de/component/tags/tag/ukraine

(11) https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/ukraine-node/bilaterale-beziehungen/202760

(12) https://southfront.org/land-of-freedom-and-democracy-after-shutting-down-opposition-tv-channels-kiev-regime-issues-treason-accusation-against-opposition-blogger/

(13) https://www.infosperber.ch/freiheit-recht/traurige-nachrichten-aus-der-ukraine/

(14) https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/regierungspressekonferenz/2440116#content_3

(15) https://www.anti-spiegel.ru/2021/steht-das-ende-des-minsker-abkommens-bevor-deutschland-stimmt-gegen-initiative-zur-umsetzung-des-abkommens/

(16)  https://www.juedische-allgemeine.de/politik/keine-einreise-nach-deutschland-fuer-juden/

(17) https://www.zdf.de/nachrichten/politik/russland-nawalny-nord-stream-2-bundestag-100.html

(18) https://www.deutschlandfunk.de/neue-eu-sanktionen-gegen-russland-europa-allein-kann-nicht.795.de.html?dram:article_id=492386

(19) https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/8527/

(20) https://www.laender-analysen.de/russland-analysen/354/den-eskalationsprozess-stoppen-ziele-der-deutschen-russlandpolitik/

(21) https://www.grin.com/document/285038

(22) https://russische-botschaft.ru/de/2021/02/18/stellungnahme-des-justizministers-der-russischen-foederation-konstantin-tschuitschenko-angesichts-des-egmr-beschlusses-von-17-februar-2021-2/

(23) https://www.tagesschau.de/kommentar/nawalny-urteil-kommentar-101.html

(24) https://www.msn.com/en-us/news/world/navalny-in-court-again-accused-of-defaming-a-wwii-veteran/ar-BB1dpFSE

(25) https://www.swissinfo.ch/ger/alle-news-in-kuerze/nawalny-wegen-beleidigung-eines-veteranen-erneut-vor-gericht/46348384

(26) https://www.n-tv.de/politik/Nawalny-droht-Strafe-wegen-Diffamierung-article22364154.html

(27) https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-41593.html

(28) https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/politik/nawalny-kritisch-klimeniouk-100.html

(29) https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_88603666/streit-um-vergiftung-nawalnys-kretschmer-attackiert-maas-dreht-durch-.html

(30) https://www.anti-spiegel.ru/2020/deutsch-russisches-verhaeltnis-beziehungen-zerstoert-band-des-vertrauens-zerschnitten/

(31) https://www.tagesschau.de/ausland/russland-aussenminister-lawrow-101.html

Aufruf und Unterschriftenaktion: 1972 – 2022: 50 Jahre Berufsverbote Demokratische Grundrechte verteidigen!

Im Jahr 1969 versprach Bundeskanzler Willy Brandt: „Mehr Demokratie wagen“.

Im Widerspruch dazu verabschiedeten die Ministerpräsidenten der Länder unter Vorsitz von Willy Brandt am 28. Januar 1972 den „Extremistenbeschluss“ oder sogenannten Radikalenerlass.

In den folgenden Jahren wurden ca. 3,5 Millionen Bewerber*innen für Berufe im öffentlichen Dienst überprüft. Der Verfassungsschutz erhielt den Auftrag zu entscheiden, wer als „Radikaler“, als „Extremist“ oder als „Verfassungsfeind“ zu gelten hatte. Personen, die „nicht die Gewähr bieten, jederzeit für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten“, wurden aus dem öffentlichen Dienst entfernt oder gar nicht erst eingestellt.Die

Überprüfungen führten bundesweit zu etwa 11.000 Berufsverbotsverfahren, 2.200 Disziplinarverfahren, 1.256 Ablehnungen von Bewerbungen und 265 Entlassungen. Betroffen waren Kommunist*innen, andere Linke bis hin zu SPD-nahen Studierendenverbänden, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN-BdA und Gewerkschafter*innen. In Bayern traf es auch Sozialdemokrat*innen und in der Friedensbewegung engagierte Menschen.

Das schüchterte viele ein.

Mitglieder und Sympathisant*innen rechter Parteien und Gruppierungen wurden dagegen im öffentlichen Dienst geduldet und bei Bewerbungen fast nie abgelehnt.

Um gegen nazistische Tendenzen vorzugehen, braucht es keinen neuen „Radikalenerlass“ oder„Extremistenbeschluss“, sondern die konsequente Umsetzung des Art. 139 GG und der §§ 86 und 130 StGB. Hiernach sind neonazistische Organisationen und die Verbreitung von Nazi-Gedankengut verboten.

Die Berufsverbote stehen im Widerspruch zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz und den Kernnormen des internationalen Arbeitsrechts, wie die ILO seit 1987 feststellt. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte1995 die Praxis der Berufsverbote.

Im Jahr 2022 jährt sich der „Radikalenerlass“ zum 50. Mal

Die nationale und internationale Solidaritätsbewegung, alle Menschen, die sich an diesem Kampfbeteiligt haben, die Gewerkschaften und alle Initiativen gegen Berufsverbote haben sich um die Demokratie verdient gemacht. Ihre politische und materielle Unterstützung werden wir weiterhin brauchen.

Es ist an der Zeit,

  • den „Radikalenerlass“ generell und bundesweit offiziell aufzuheben,
  • alle Betroffenen voll umfänglich zu rehabilitieren und zu entschädigen
  • die Folgen der Berufsverbote und ihre Auswirkungen auf die demokratische Kultur wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Erstunterzeichner*innen

Alt FranzDr.; Autor, Becker PeterRechtsanwalt Kassel, Behle Christinestv. Vorsitzende Ver.di, Bejarano EstherAuschwitzüberlebende; Sängerin, Bejarano &Microphone MafiaRappergruppe, Birkwald Matthias W.MdB,Bsirske Frankehem. Ver.di-Vorsitzender, Cezanne JörgMdB, Däubler, Prof. Dr. WolfgangArbeitsrechtlerUni Bremen, Degenhardt KaiMusiker, Deppe FrankPolitikwissenschaftler Uni Marburg, Dreyer Peter Richter, Enderlein Hinrichehem. Frakt.vors. Ba-Wü; Minister a.D., Erler, Dr.h.c. GernotStaatsminister a.D., Foschepoth,Prof. Dr. JosefHistoriker; Autor, Fritsch UweBR-Vors. VW Braunschweig, IG Metall, Fülberth-Sperling, Prof.Dr. GeorgWissenschaftler; politischer Publizist, Gabelmann Sylvia MdB, Gehrke WolfgangJournalist; ehem.MdB, Gerns WilliRentner; ehem. Parteisekretär, Becker PeterRechtsanwalt Kassel, Gleis Thies Parteivorstands-mitglied,Gohlke Nicole MdB, Gössner Rolf Richter; Publizist,Gross Martin Leiter ver.di Landesbez. BW, Hofmann Jörg 1. Vorsitzender IG Metall, Hoffmann Reiner DGB-Vorsitzender, Hornung Andrea Geschäftsfüh-rung SDAJ,Hunko Andrej MdB,Jäckel Otto Rechtsanwalt, Jelpke Ulla MdB, Kahl, Dr. Dr. Joachim Philosoph,Kastner Wolfram Künstler; Vors. Kuratorium d. K. Eisner-Kulturstiftung,Kerth Cornelia BundesvorsitzendeVVN-BdA,Kessler AchimMdB,Klinger Wolfgang Beratende Pflegefachkraft,Köbele Patrik Parteivorsitzender,Kocsis Andrea stv. Vorsitzende Ver.di,Köditz Kerstin MdB,Krämer Ralf Parteivorstandsmitglied; Ver.di,Krey-mann Lena SDAJ-Vorsitzende,Kunzmann Martin Landesbezirksvorsitzender DGB BaWü,Kurz Ingrid em. Prof.,Linksjugend solid, Mangelsdorff Emil Jazz-Musiker,Merk Xaver ehem. Gewerkschaftssekretär,Nagel Jochenehem. GEW-Landesvorsitzender Hessen, Neu Alexander MdB, Nissen Ulli MdB, Paech, Prof. Dr. Norman em Prof. Uni Hamburg, Perli Victor MdB, Pflüger Tobias MdB; Friedensforscher, Pispers Volker Kabarettist, Ramelow Bodo Ministerpräsident Thüringen,Renner Martina MdB; Stellvertr. Parteivorsitzende,Richter WeraChefredakteurin UZ,Rügemer Werner Schriftsteller,Schalauske Jan MdL Hessen; Landesparteivorsitzender,Schubert Michael Rechtsanwalt,Schubert UlrikeBuchhändlerin i.R.,Straetmanns Friedrich MdB, Tepe MarlisGEW-Vorsitzende,Troost Axel Stellvertr. Vorsitzender,Urban, Dr. Hans-Jürgen Geschäftsführendes Bundesvor-standsmitglied, IG Metall, Uthoff Max Kabarettist,van Ooyen Willi u. Sima Kassaie-van Ooyen Friedens- undZukunftswerkstatt, Venske Henning Autor,Wader Hannes Liedermacher,Weber, Dr. Ellen Rentnerin,WeinbergHarald MdB, Werneke Frank Bundesvorsitzender Ver.di,Wette, Prof. Dr. Wolfram Historiker; Friedensforscher,Wissler Janine MdL Hessen; Fraktionsvorsitzende,Zachcial Michael Sänger („Die Grenzgänger“), Zelik RaulAutor und Parteivorstandsmitglied, Zitzelsberger RomanBezirksleiter IG Metall Ba.-Wü.Für die Betroffenen: Klaus Lipps (Sprecher des Bundesarbeitsausschusses der Initiativen gegen die Berufs-verbote), Silvia Gingold, Werner Siebler, Dorothea Vogt, Matthias Wietzer und Michael Csaszkóczy

Weitere Unterschriften bitte an: Klaus Lipps, Pariser Ring 39, 76532 Baden-Baden oder ViSdP: Bundesarbeitsausschuss der Initiativen gegen Berufsverbote und für die Verteidigung demokratischer Rechte / K. Lipps – k.lipps@posteo.

Hintergrund


*/Aufruf von Betroffenen des „Radikalenerlasses“ an die Politik:
„Beenden Sie die Berufsverbotepolitik endlich offiziell“/*

//

/B//undesweite Unterschriftensammlung in Vorbereitung des 50.
Jahrestages im Januar 2022/*//*

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*Aktuell fällt im Zusammenhang mit den Einschränkungen im Rahmen der
derzeitigen Covid-19-Maßnahmen der Begriff des Berufsverbots. Und in der
Tat ist es für Hunderttausende Menschen derzeit eine große Belastung,
dass sie in ihrem Beruf nicht arbeiten können. Das sorgt für
Unsicherheit und Existenzängste, selbst wenn es staatliche
Unterstützungs-maßnahmen gibt – die aber nicht alle erhalten und die
hinten und vorne nicht ausreichen.*

*Die Berufsverbote der 70er und 80er Jahre für Tausende Menschen, die im
öffentlichen Dienst arbeiteten oder sich dafür bewarben, hatten einen
völlig anderen Hintergrund.*

**

*Der Radikalenerlass vom 28. Januar 1972 von Kanzler Willy Brandt (den
Brandt später selbst als seinen größten politischen Irrtum bezeichnete)
und den Ministerpräsidenten der westdeutschen Bundesländer hatte schwere
Folgen für die Betroffenen: Viele verloren ihre Arbeit oder wurden gar
nicht erst eingestellt, allein deshalb, weil sie sich beispielsweise
gegen Notstandsgesetze, gegen den Krieg in Vietnam oder das
Wiedererstarken alter Nazis engagiert und damit ihre im Grundgesetz
garantierten Grundrechte wahrgenommen haben.*

*Nie wurde den Betroffenen eine konkrete Dienstpflichtverletzung
vorgeworfen, sondern es ging meist um die Mitgliedschaft in legalen
linken Parteien und Organisationen, oder um Kandidaturen für Parlamente.*

*Eine besonders üble Rolle dabei spielte der sogenannte
Verfassungsschutz, der alle, die auch nur nach fortschrittlichen
Einstellungen rochen, ausschnüffelte und die so gesammelten
„Erkenntnisse“ an die Dienststellen weiterleitete. Dort saßen dann
Beamtinnen und Beamte, die mit einem obrigkeitsstaatlichen Weltbild für
Entlassungen und Nichteinstellungen sorgten. Die Hoffnung vieler damals
Betroffener vor Gericht Recht zu bekommen, wurde nicht selten deshalb
enttäuscht, weil an den Richtertischen Menschen saßen, die ihren ersten
Amtseid auf Hitler geleistet hatten; Willi Geiger, ehemals
Nazistaatsanwalt, war 26 Jahre lang Bundesverfassungsrichter.*

*
Finanzielle Hilfen vom Staat erhielten die vom Berufsverbot Betroffenen
nicht; sogar um Arbeitslosenunterstützung mussten sie kämpfen. Für viele
sind die Folgen bis heute gravierend. Viele sind gesundheitlich
angeschlagen und die Pensionen oder Renten sind mehr als bescheiden.*

**

*Eine große Solidaritätsbewegung in Deutschland und in ganz Europa
führte nach 1972 dazu, dass viele ehemalige Betroffene schließlich doch
noch oder wieder eingestellt wurden. In einigen Bundesländern wurde der
Radikalenerlass ganz abgeschafft, in den meisten nicht mehr angewendet.
Aber wirklich aufgearbeitet ist dieses dunkle Kapitel der
bundesrepublikanischen Geschichte bis heute nicht.*

„Mörderisches Finale. NS-Verbrechen bei Kriegsende 1945“ von Ulrich Sander – Rezension

Der Zweite Weltkrieg begann mit dem Überfall des faschistischen Deutschen Reiches auf Polen am 1. September 1939. In der Folge wurde weltweit gekämpft und es wurden Kriegsverbrechen und grausamste Massenmorde verübt. Insgesamt wurden schätzungsweise mehr als 70 Millionen Menschen getötet.
Die höchsten Verluste musste die Sowjetunion verzeichnen: Rund zehn Millionen Soldaten der Roten Armee wurden getötet oder starben in Kriegsgefangenschaft. Insgesamt verloren mindestens 24 Millionen sowjetische Bürger ihr Leben – bedingt durch den Rassenwahn des nationalsozialistischen Deutschlands. Die meisten Zivilisten wurden hingegen in China ermordet. (Quelle: Statista)

Noch 1945 wurde weiter gestorben. An der Heimatfront geschahen „Endphasenverbrechen“

Mit der Jahreszahl 1945 verbinden viele Menschen das Ende des Zweiten Weltkriegs. Was nicht falsch ist. Nicht wenige Menschen meinen jedoch, damit sei auch das sinnlose Töten von Menschen beendet gewesen und der Frieden angebrochen. Doch dem ist überhaupt nicht so. Es ist vielmehr – wenn man so will: ein tödlicher Irrtum. Dem Zweiten Weltkrieg war nämlich vielerorts ein „Mörderisches Finale“ beschieden. Es geschahen etliche sogenannte „Endphasenverbrechen“. Davon kündet ein im vergangenen Frühjahr bei PapyRossa erschienenes Buch von Ulrich Sander. Zu dessen Realisierung eine erkleckliche Anzahl weiterer Menschen beigetragen haben. Einige sind unterdessen bereits verstorben. Eingangs des sehr informativen Buches sind deren Namen aufgeführt.

Als der Krieg seinem Ende zuging wollten Nazifunktionäre und alle Büttel des Hitlerregimes aller möglichen Ebenen und Behörden jede Menge von Gegnern mit ins Grab nehmen, wenn sie schon fürchten mussten, dass es ihnen selbst bald an den Kragen gehen würde.

Zum Buch heißt es:

„Kurz vor der Befreiung wurden im Frühjahr 1945 tausende Nazigegner „ausgeschaltet“. Gegen deutsche und ausländische Antifaschisten wie gegen Wehrmachtssoldaten, die sich am Wahnsinn nicht mehr beteiligen oder ihm ein Ende bereiten wollten, wurde ein groß angelegter Mordfeldzug in Gang gesetzt, um einen antifaschistischen Neubeginn nach dem Krieg im Keime zu ersticken. SS, Gestapo, aber auch einfache NSDAP-Mitglieder, Volkssturmmänner und Hitlerjungen nahmen teil an Massakern im Ruhrkessel, an Erschießungen in vielen Städten und Dörfern, am Mord an Gefangenen aus KZs und Zuchthäusern auf Todesmärschen, an Standgerichten gegen Deserteure. Die Verbrechen in der allerletzten Phase des Krieges waren sowohl örtliche Amokläufe als auch Teil der Nachkriegsplanungen des deutschen Faschismus. Ulrich Sander bilanziert das Ausmaß der Verbrechen, um die Opfer dem Vergessen zu entreißen und die Täter zu benennen. In dieser zweiten, erheblich erweiterten Auflage liefert er eine – wenn auch noch immer unvollständige – Gesamtdarstellung dieser Vorgänge. Mit einem Personenregister.“

Der Zweite Weltkrieg ging sozusagen nahtlos in den Kalten Krieg über

Einige Nazis hofften gar mit den USA zusammen den Krieg gegen die verhasste Sowjetunion sozusagen nahtlos fortsetzen zu können. Entsprechende geheime Kontakte hatte es sogar während des Zweiten Weltkriegs gegeben. Das stieß schließlich – trotz entsprechenden Befürwortern – immerhin auf Widerstand innerhalb der US-Administration. Allerdings ging dann der Zweite Weltkrieg gewissermaßen übergangslos in den Kalten Krieg über. Der, wie wir wissen, bis 1990 andauerte.

Anmerkung meinerseits: Und als hätten wir nichts dabei gelernt, ist längst wieder ein neuer Kalter Krieg entfacht worden. Mit dem kaum verblümten Ziel in Russland einen Regimechange vorzunehmen.

In die nun bereits 2. Auflage des Buches sind nun weitere inzwischen gewonnene Erkenntnisse eingeflossen. In seinem Vorwort schreibt Ulrich Sander (S.14):

„Bei der Erforschung der Endphasenverbrechen im Ruhrkessel gingen wir zunächst davon aus, dass der NS-Apparat in Gestalt der Gestapo Zeugen ausschalten wollte. Indem wir den Kontakt zu zunächst rund 20 Städten mit Endphasenverbrechen aufbauten und ausweiteten und zudem den Blick auch auf die Monate nach dem Mai 1945 richteten, stießen wir auf tiefer gehende, auf die Zukunft weisende Interessen der Täter.“

Darüber schreibt im Buch Reinhard Opitz in seinem mit „Bereits für den nächsten Krieg“ überschriebenen Kommentar (S.254).

Ulrich Sander und Ernst Söder (Vorsitzender des Fördervereins Steinwache/Internationales Rombergpark-Kommitees merken an (S.14): Die Auswirkungen der ausgebliebenen Entnazifizierung sind bis heute spürbar.“

Weitere Informationen zum hier besprochenen Buch finden Sie hier (Quelle: VVN-BdA)

Das herrschende Geschichtsbild wiederum ist immer das Geschichtsbild der Herrschenden“, merkt Gerhard Fischer an

Gerhard Fischer schreibt auf S.21: „Vorliegendes Buch liefert Informationen darüber, welche Kreise dem Hitlerfaschismus zur Macht verhalfen und von dieser Macht in reichem Maße profitierten. Die gleichen Kreise dominieren auch die Bundesrepublik. Das herrschende Geschichtsbild wiederum ist immer das Geschichtsbild der Herrschenden.“ Deswegen verwundere es nicht, wie es „um diese Erinnerungskultur in diese Republik bestellt“ sei. Und Fischer (2013 verstorbener Mitbegründer des Bundes der Antifaschisten in der DDR) mahnt: „Die Gefahr, dass solche Tendenzen weiter um sich greifen, ist nicht gering. Ihr will das Buch mit seinen Mitteln und Möglichkeiten entgegenwirken.“

Das Buch erinnert u.a. daran, dass die DDR vielerorts an in denn letzten Kriegstagen von SS-Banditen ermordete Menschen mit Bronzetafeln und Plaketten erinnerte. Und überhaupt gute antifaschistische Erinnerungsarbeit leistete. Leider war festzustellen, dass nach der Wende 1990 diese Erinnerungstafeln mancherorts entfernt oder mehrfach zerstört wurden, weshalb sie wieder erneuert werden mussten.

Bei sogenannten „verschärften Verhören“ haben Verhaftete schlimmste Torturen erfahren. Ein Zeuge in einem Nachkriegsprozess berichtete u.a.:

(…) „Ich bin von Vogler verhört worden. Die Sekretärin Hildebrandt ging raus. Vogler zog eine Schublade heraus und nahm einen Gummischlauch, drohte und sagte: ‚Leg dich nur hin!‘ Dann schlug er mich fünf bis sechs Mal. Bei der Vernehmung konnte er mir nicht das Geringste nachweisen, trotzdem musste ich dreimal über den Tisch. Vier Wochen hatte ich Nierenbluten, sechs Wochen konnte ich nicht sitzen, weil das Gesäß furchtbar zerschlagen war.“ (…)

Auf Seite 108 erfahren wir, was später über ihn bekannt wurde: „Auch der Gestapo-Oberassistent Vogler wir, wie so viele andere, als vermisst gemeldet. Vermisst? Noch am 7. Januar 1946 war der Gestapo-Mann Kurt Vogler nachweislich in amerikanischer Gefangenschaft und befand sich in Dachau unter der Nummer CIA o 1200 CIE 29/! 13 D. Wo steckte Vogler danach? Ist er wie so viele von den Amerikanern gedeckt worden? Wurde er als US-Geheimdienst-Mann mit Gestapo-Erfahrung verwendet?“

Den Hauptschwerpunkt im Buch nimmt das Kapitel II „Morde an der Heimatfront“ (ab Unterkapitel 1. „Morde in letzter Stunde“. Himmlers Befehl ein (S.29).

Schilderung schlimmster Verbrechen all überall.

Als besonders grausam und unmenschlich gingen die sogenannten „Karfreitagsmorde“ im Dortmunder Rombergpark und der Bittermark in die Annalen ein. Ein „Massenmord kurz vor Kriegsende“ (S.37) – Die US-Army stand schon wenige Kilometer entfernt am Stadtrand von Dortmund.

An die 280 bis 300 Menschen waren damals in der Bittermark und in einem nahen Park von Nazi-Schergen brutal ermordet worden. Noch in den letzten Dortmunder Kriegstagen, Ostern 1945 (die US-Armee war nicht mehr weit von Dortmund entfernt), vom 7. März bis 12. April 1945, wurden Zwangsarbeiter aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Jugoslawien, Polen und der Sowjetunion sowie deutsche Widerstandskämpfer aus dem Hörder Gestapo-Keller und dem Gefängnis Steinwache in den Rombergpark und in die Bittermark verbracht und dort per Genickschuss ermordet. Alljährlich findet dort das „Karfreitagsgedenken“ statt. Lesen Sie dazu auch Beiträge von mir hier, hier und hier.

Die Schilderung eines Bürgers später:

„Man ist zu den Nazis gegangen, die wir kannten, und die mussten dann alle mit Schippe antreten. Und dann haben wir sie da raufgebracht in die Bittermark, und da mussten sie dann graben. Dann haben sie die 54 Leichen ausgegraben. Die waren alle mit Stacheldraht auf dem Rücken gefesselt und waren vorher geschlagen worden – blaue Augen, die Oberschenkel der Frauen waren zerschlagen, mit Peitschen und mit Draht, haben wir damals sogar gesagt, weil es so schmale Spuren waren Ich hab sogar ‚Handschuhe‘ gesehen, als wenn die Haut angefallen wäre, richtig wie Handschuhe lagen die Hände da, ganz weiß, also mussten die schon lange gefesselt sein, dass die Finger abgestorben waren. Die Nazis mussten sie alle ausgraben.“

Ungenügende juristische Verfolgung der Nazi-Verbrechen

Die juristische Aufarbeitung der Dortmunder Nazi-Verbrechen geriet dann wie sooft auch anderswo in Westdeutschland mehr oder weniger enttäuschend. „Am 27. Januar 1952“, lesen wir auf Seite 106, „fast sieben Jahre später, begann vor dem Dortmunder Schwurgericht der Prozess gegen 27 ehemalige Angehörige der Dortmunder Gestapo wegen Aussageerpressung im Amt in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung und wegen Beihilfe zur Tötung (§ 212 StGB).

Ein Zeuge (S.113) bekundet im Ermittlungsverfahren, dass Gespräch von zwei SS-Männern „während der ‚Wiederherstellung ihres seelischen Gleichgewichts‘ durch reichlichen Alkoholgenuss über Einzelheiten des Verbrechens unterhalten haben.“ Der eine soll zu dem anderen gesagt haben: „Wen hast du gehabt?“ und der andere ihm geantwortet haben: „Ich hatte die Gillessen. Die war nicht kaputtzukriegen. Da hab ich sie rumgedreht und ihr nochmals in die Fresse geschossen.“ Die Namen der Mörder waren dem Zeugen „nicht mehr eingefallen“. (Anmerkung C.S.; Martha Gillessen war eine Widerstandskämpferin und Kommunistin; Quelle: Wikipedia)

Leider wurden viele Nazi-Verbrecher viel zu gering oder gar nicht zur Rechenschaft gezogen. Doch damit nicht genug: Nicht wenige von ihnen, auch Leute, die sich bei der Polizei die Hände schmutzig gemacht hatten, kamen sozusagen sogar wieder in Amt und Würden in Westdeutschland! Nicht selten in den gleichen Behörden und auch höheren Positionen! Auch die Besatzungsmächte in Westdeutschland hätten das Interesse an diesen Prozessen verloren, heißt es im Buch. Was auf mit damals an Fahrt gewinnenden Kalten Krieg zurückgeführt wird.

„Die Urteilsbegründung des Schwurgerichts in Dortmund, die am Freitag, den 4. April 1952 vorgetragen wurde, hielt denn Angeklagten viele ‚mildernde‘ Umstände für ihren Massenmord zugute. Nicht mit Befall, sondern mit ‚unerhört‘ und ‚Pfui‘ wurde das Urteil von den Hinterbliebenen aufgenommen“ (S.124)

„Die Staatsanwaltschaft hatte insgesamt 105 Jahre Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte beantragt.“ (S.125) Empörend: „Für keinen dieser Angeklagten wurde auf Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt. Von den 28 Angeklagten wurden 15 freigesprochen.“

Ein bedrückendes, aber enorm wichtiges Buch

Das Buch gehörte m.E. auch als Schullektüre verwendet zu werden. Dass nun schon eine zweite Auflage erschienen ist, zeigt, welches Ausmaß NS-Verbrechen auch noch bei Kriegsende 1945 angenommen hatten. Womöglich wird dieses Buch noch eine weitere Auflage erleben. Denn noch immer kommen so lange nach Kriegsende neue Informationen auf.

Wir sollten Ulrich Sander und allen, die am Entstehen dieses Buches Anteil hatten, sehr zu Dank verpflichtet sein. Möge „Mörderisches Finale“ eine hohe Verbreitung finden. Zumal die Zeitzeugen ihr Lebensende erreicht haben oder in Bälde erreichen werden und somit Oral History, die mündliche Verbreitung von Geschichte, durch Zeitzeugen immer weniger möglich sein wird.

Ulrich Sander

Mörderisches Finale
NS-Kriegsverbrechen bei Kriegsende 1945

2., erweiterte Auflage

Neue Kleine Bibliothek 129
Paperback, 282 Seiten

Erschienen, März 2020

ISBN 978-3-89438-734-1

Preis: 16,90 €

Zum Autor

Ulrich Sander, *1941. Journalist und freier Autor. Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN – BdA). Zahlreiche Bücher und Zeitschriftenbeiträge.

Sofern Sie, lieber Leserinnen und Leser über das hier besprochene Buch hinaus noch Interesse haben, etwas über das Schicksal von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in Hitlerdeutschland zu erfahren bzw. Informationen an Gedenkarbeit haben möchten, möchte ich ihnen noch folgende Beiträge von mir empfehlen: hier, hier, hier, hier, hier und hier.