DGB-Jugend Dortmund-Hellweg fragt in Veranstaltungsreihe „Was ist an Marx noch aktuell?“ Am 16. Februar geht es um die Rolle der Ware im Kapitalismus

Marx-Darsteller auf dem vorletzten DKP-Pressefest in Dortmund. Foto: Stille

Marx-Darsteller auf dem vorletzten DKP-Pressefest in Dortmund. Foto: Stille

Der Kapitalismus steckt mindestens seit der letzten Finanzkrise einmal mehr in der Krise, welche sich zweifelsohne auf vielfältige Weise ständig weiter verschärft. Damit einhergehend bekam mancherorten sogleich ein Frohlocken auf, der Kapitalismus wäre an sein Ende gekommen. Doch wer ein wenig tiefer in die Geschichte zurückblickt weiß: Krisen sind dem Kapitalismus immanent. Und der Kapitalismus erfindet sich stets neu. Eines indes hat sich gezeigt: Karl Marx und der Inhalt seines Hauptwerks „Das Kapital“ ist aktueller denn je. Die Krise stößt uns gleichsam mit der Nase darauf.

  1. Dem Rechnung tragend, stellt sich die DGB Jugend – Dortmund Hellweg mittels einer neuen Veranstaltungsreihe die Frage „Was ist an Marx noch aktuell?“

Die Veranstaltungsreihe will sich unterschiedlichen Aspekten der Marxschen Theorie widmen

Die DGB-Jugend informiert:

„Denn die Frage nach der Aktualität von Marx treibt auch junge, an Politik interessierte Menschen regelmäßig an. Gerade in Anbetracht der Weltwirtschaftslage hat die Theorie von Marx wieder an Aktualität gewonnen. Den Auftakt machte im Dezember 2016 eine Pilotveranstaltung zu der Frage: Was können wir bei Marx über Geld lernen? Am 16. Februar 2017 geht es um die Frage, welche Rolle die Ware im Kapitalismus spielt. Warenproduktion gab es schon vor dem Kapitalismus – und sie erscheint als das Selbstverständlichste von der Welt, auch für neue Gesellschaftsentwürfe. Was kann man hier von Marx lernen, der sich mit der Warenanalyse so viel Mühe gab?

Für die Vortrags- und Diskussionsveranstaltung konnten wir Autoren des Buches Zurück zum OriginalZur Aktualität der Marxschen

Auf Dortmunder Pflaster. Foto: Stille

Auf Dortmunder Pflaster. Foto: Stille

Theorie“ von Johannes Schillo (Hrg.) gewinnen. Johannes Schillo ist Journalist. Er hat lange als Autor und Redakteur für die Fachöffentlichkeit der außerschulischen politischen Bildung gearbeitet. Uwe F. Findeisen, Manfred Henle, Freerk Huisken, Ulrich Irion, Hans-Jörg Tauchert sind die Buch vertretenden Autoren.

Weitere Veranstaltungen sind im ersten Halbjahr 2017 geplant

Und zwar zu den Themen:
„Der Fetisch von Ware, Geld & Kapital“
„Der Austausch oder die Wirtschaft für den Markt“
„Immer mehr Geld – die Bewegung des Kapitals“
„Kapitalistische Produktion: Produktivkraft & Rentabilität“
„Die Ware Arbeitsfähigkeit & der Lohn“

Auch der Deutschlandfunk hat sich vergangenem Jahr mit dem Marx-Werk Das Kapital beschäftigt. Die interessanten Beiträge von folgenden Autoren sind dort abrufbar:

Mathias Greffrath, Wolfgang Streeck, Michael Quante, Paul Mason, Sahra Wagenknecht, Robert Misik

Ort und Zeit der Veranstaltung

DGB-Jugend Dortmund-Hellweg Ostwall 17-21, 44135 Dortmund. Donnerstag, der 16. Februar 18 bis 21 Uhr.

Vor 12 Jahren verbrannte Oury Jalloh in einer Dessauer Polizei-Zelle. Vergangenen Samstag demonstrierten in der Stadt ca. 2500 Menschen für Aufklärung und gegen Vertuschung: #Kein Einzelfall!

Fotos: Peter Donatus

Fotos: Peter Donatus

Die Causa ist – und das ist noch weit untertrieben – unerquicklich und der Umgang damit ein Skandal sondergleichen. Oury Jalloh war (Informationen via Wikipedia)

„ein in Deutschland lebender Sierra Leoner. Er kam durch einen Brand in einer Gefängniszelle im Keller des Dienstgebäudes Wolfgangstraße 25 des Polizeireviers Dessau in Sachsen-Anhalt ums Leben. Der in diesem Zusammenhang der Körperverletzung mit Todesfolge angeklagte Dienstgruppenleiter des Polizeireviers sowie ein weiterer der fahrlässigen Tötung bezichtigter Polizist wurden am 8. Dezember 2008 vom Landgericht Dessau-Roßlau freigesprochen.[3] Am 7. Januar 2010 wurde der Freispruch für den Dienstgruppenleiter vom Bundesgerichtshof aufgehoben.[4] Der Freispruch für den zweiten Polizisten war inzwischen rechtskräftig geworden. Am 12. Januar 2011 begann vor dem Landgericht Magdeburg die neue Hauptverhandlung. Am 13. Dezember 2012 wurde der Dienstgruppenleiter wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen in Höhe von 90 Euro (10.800 Euro) verurteilt. [5]

Aufgrund eines im November 2013 auf private Initiative angefertigten Gutachtens, das die These der Selbstverbrennung durch Oury Jalloh (an allen Vieren gefesselt!; Anm. C.S)) in Frage stellt,[6] hat die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau im April 2014 ein neues Ermittlungsverfahren zur Klärung der Todesursache eingeleitet.[7]

Trotz eisigen Winterwetters und Schneefall bis zu 2500 Menschen auf Demo zu Oury Jallohs Todestag in Dessau

Es ist kaum zu fassen: Am vergangenen Sonnabend jährte sich Oury Jallohs Todestag bereits zum zwölften Male. Um daran zu erinnern fand am 7. Januar 2017 in Dessau (Sachsen-Anhalt) eine Demonstration statt. Der Aufruf war mit „OURY JALLOH: #Kein Einzelfall! DAS WAR MORD! – #Keine Einzeltäter! – KAMPAGNE 7. Januar 2017 gegen das #Verbrennen #Vertuschen #Verschweigen #Verfolgen“ überschrieben. Trotz eisigen Wetters und Schneefall nahmen an dieser Demonstration – wie auch die Mitteldeutsche Zeitung konzediert – mehr Menschen als im Vorjahr teil. Die Polizei sprach 15874796_1251194661641798_4197755491163837329_ovon 1100, die Veranstalter von bis zu 2500 Teilnehmern. Zu letzterer Zahl neigt auch der Kölner Journalist Peter Donatus, welcher die Demonstration von Anfang bis Ende begleitete. Mit ihm habe ich heute telefoniert. Die Demo, sagte er, sei für ihn „mehr als ein Erfolg“ gewesen. Zumal man von einer bundesweiten Demonstration sprechen müsse, denn es seien Teilnehmer aus ganz Deutschland angereist.

Demozug über fünf Stationen. Berührendes Gedenken an den im Jahr 2000 getöteten Alberto Adriano

Donatus berichtete darüber hinaus von einer hoher Polizeipräsenz. Die Polizistinnen und Polizisten wären quasi „bis an die Zähne“ bewaffnet gewesen. Einerseits 15895447_1251195011641763_2512719428089292925_obegrüßt der Journalist deren so zahlreiches Vorhandensein, denn es gelte freilich den Aufzug vor möglichen rechten Störern zu schützen. Anderseits habe die hohe Präsenz der Ordnungshüter womöglich auch mit den im Vorfeld der Demonstration in der Presse geäußerten Ängsten zu tun, es könne zu Ausschreitungen linker Kräfte aus dem Demonstrationszug heraus kommen.

Der Demonstrationszug begann am Dessauer Hauptbahnhof, führte zum Gebäude der Staatsanwaltschaft, in einem Park, zum Markt, vor das Rathaus und endete

Am Gedenkstein für den im Jahr 2000 ermordeten Mosambikaner Alberto Adriano.

Am Gedenkstein für den im Jahr 2000 ermordeten Mosambikaner Alberto Adriano.

dann wieder am Hauptbahnhof. Station wurde auch an einem Gedenkstein gemacht, der in der Stadt für den Mosambikaner Alberto Adriano aufgestellt wurde. Adriano wurde im Jahr 2000 von Rechtsextremisten grausam zusammengeschlagen und erlag schließlich seinen schweren Verletzungen. Peter Donatus gab an, sehr berührt gewesen zu sein, als der Antirassismus-Song „Adriano (Letzte Warnung)“ der Brother Keepers gespielt wurde. Ein Highlight sei das gewesen, so Donatus am Telefon. Es habe des Weiteren viele Redebeiträge auf der Kundgebung gegeben

Berichterstattung der Journalisten wurde behindert. Beschwerden folgen auf dem Fuße

Anwesenden Journalisten wurde verweigert der Übergabe der kritischen Stellungnahme von Iain Peck zum jüngsten Brandgutachtens von Dr. Kurt Zollinger (das außergewöhnlich lange zurückgehalten wurde) zur Ermittlung der Todesumstände Oury Jallohs in der Dessauer Polizei-Zelle an die Dessauer Staatsanwaltschaft beizuwohnen. Peter Donatus am 7. Januar 2017 via Facebook:

Die Dessauer Polizei behindert die Pressearbeit vor Ort. Sie riegelte das Gebäude der Staatsanwaltschaft ab. Bei der Übergabe des Gutachtens an die Staatsanwaltschaft durch die Oury Jalloh Initiative hat die Polizei der Presse den Zutritt in das Gelände untersagt.“

Der Kölner Journalist kritisierte das noch vor Ort scharf. Man sei massiv von der anwesenden Polizei an der Ausübung journalistischer Tätigkeit gehindert worden. 15875426_1251195368308394_5548873663535067748_oUnd mehrfach gezwungen worden, seinen jeweiligen Standort zu wechseln. Zur Rede gestellt, erwiderte die Polizei, sie hätte entsprechende Anweisungen. Donatus protestierte lautstark. Jedoch bekam er keine Erklärung dafür, was man denn bei der Übergabe zu verheimlichen hätte bzw. verbergen habe. Der Kölner Journalist wird neben anderen Kollegen gegenüber der Polizeibehörde Beschwerde wegen Behinderung der Pressearbeit einlegen. Donatus: „Wir haben ja wohl noch Pressefreiheit in Deutschland.“ In Absprache mit Kollegen erwägt der Kölner zusätzlich noch eine entsprechende Beschwerde am Landtag Sachsen-Anhalt einzulegen.

Ein Gutachten, welches wohl abermals keine Klärung des Falls herbeiführt

Es muss darauf hingewiesen werden, dass das aktuelle Brandgutachten von Dr. Zöllinger bereits wieder in der Kritik steht. Und vermutlich abermals nicht dazu geeignet ist abschließend eine Klärung des Falles herbeizuführen.

Zu lesen (Englisch) in der gutachterlicher Stellungnahme von Iain Peck (Prometheus Forensic Services London/UK) 2. Dezember 2016. Dazu auch hier und hier (Deutsch). Ian Peck gibt zu bedenken:

Gutachterliche Stellungnahme Iain Peck, 2.12.2016, Pkt. 31

Bei einem Vorfall, bei dem ein Mensch zu Tode kommt, sollten den Interessen der Familie des Verstorbenen seitens des Staates der höchste Respekt und Rücksichtnahme entgegengebracht werden. Im Wesentlichen sollte der Staat für die Familie arbeiten und deshalb offene und ehrliche Untersuchungen aller in diesem Fall bekannten Fakten und Hypothesen darüber, wie das Feuer zustande kam, aufführen und vollständig untersuchen, damit von der Familie und Freunden so gut wie möglich nachvollziehen kann, wie der Verstorbene ums Leben kam. Im Fall von Herrn Jalloh‘s Tod in der Polizeizelle, sind diese Untersuchungen unserer Meinung nach von Anfang an fehlerhaft gewesen.“

Zum Fall sei auch auf ein Video (Vorsicht! 18 plus!) verwiesen. Dieses jedoch empfehle ich nur anzusehen, wenn man starke Nerven hat.

Peter Donatus bilanziert: Kundgebung war sehr sehr erfolgreich

15936718_1251195894975008_3821853388174600741_oPeter Donatus machte sich höchst zuversichtlich auf die Rückreise nach Köln:

Persönlich bin ich aufgrund der Horror-Hin- und -Rückfahrten gesundheitlich etwas angeschlagen.
Aber mein Ausgleich ist die Erkenntnis, dass die Kundgebung sehr sehr erfolgreich war, und dass so viele Menschen aus Gesamtdeutschland zusammenkamen. Trotz Schneewetter, um den vor 12 Jahren durch ‚Dessauer Staatsbedienstete‘ ermordeten (so sieht es nach wie vor die Oury Jalloh Initiative) Afrikaner Oury Jalloh zu gedenken, und um gegen ein Übel friedlich zu protestieren – DIE POLIZEIGEWALT.
Auf dem weg zurück nach Köln nahm ich das mit:
TOUCH ONE TOUCH ALL! Peace!!!“ (via Facebook)

Nicht nur Donatus fragt sich nach nunmehr 12 Jahren (!) der Vernebelung und Verschleppung der Aufklärung der Todesumstände Oury Jallohs, wer wohl daran ein 15844693_1251194831641781_516948959561401498_oInteresse haben könne, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Man kann es ich eigentlich denken. Will man dies solange treiben, bis der Fall vergessen wird? Das ist nicht nur für die Angehörigen und Freunde Oury Jallohs unerträglich sondern bedeutet auch ein schweres Versagen staatlicher Organe. Und ist deshalb nicht länger hinnehmbar. Die Oury Jalloh Initiative und andere Organe werden dafür Sorge tragen, dass dieser Fall nicht der Vertuschung und dem Vergessen anheimfällt.

Früher oder später wird man sich in Dessau ehrlich machen müssen.

Dessau kommt nicht aus den Schlagzeilen heraus: Mord an einer chinesischen Studentin wirft wieder Fragen auf

Und schon wieder macht Dessau betreffs eines Mordes an einem Menschen aus dem Ausland Schlagzeilen. Die chinesische Studentin Y. Li wurde ermordet (dazu hier mehr) Der Stiefvater des Haupttatverdächtigen ist Polizeibeamter. Auch dessen Mutter ist Polizistin. Nahmen die Beamten Einfluss auf die Untersuchungen? Vielleicht. Nein. Es bleiben Fragen offen.

Update vom 11. Januar 2017:

Hier einige audovisionelle Eindrücke von der Kundgebung am vergangenen Samstag in Dessau von Radio Corax/Halle.

Eugen Drewermann am Antikriegstag in Dortmund: „Mit wirklichen Individuen ist kein Krieg zu machen“

Eugen Drewermann während seines engagierten und frei gehaltenen Vortrags in Dortmund. Foto: Stille

Eugen Drewermann während seines engagierten und frei gehaltenen Vortrags in Dortmund. Foto: Stille

Eugen Drewermann hielt am vergangenen Donnerstag in der Dortmunder Pauluskirche anlässlich des Antikriegstags 2016 einen Vortrag. Ein gern gesehener Gast dort.

Der bekannte Kirchenkritiker, Theologe, Therapeut, Psychologe und Autor zahlreicher Bücher und Schriften ist seit Jahrzehnten auch ein anerkannter und gern gehörter Redner auf Friedensdemonstrationen. Geschätzt wird er für seine brillante Klarheit und Tiefsinnigkeit in den frei gesprochenen Vorträgen.
Sein Thema diesmal: „Friede ist eine Form der Freiheit – Oder von den Gründen des Krieges und ihrer Überwindung!“

Unser schlimmster Gegner: der Krieg

Keinen tieferen Gegner hätten wir, begann Eugen Drewermann, als das, was man als Krieg bezeichnet. „Solang er wütet ist die Botschaft von der Erlösung der Welt mit jeder Zeitung, die täglich erscheint widerlegt.“

Der Einzelne könne wohl nach Max Weber den Weisungen der Bergpredigt zu handeln. Wer jedoch Verantwortung trage, so zitiert Drewermann Weber weiter, „kann unmöglich den Weisungen Jesu im 5. bis 7. Kapitel des Matthäus-Evangeliums folgen“. Wer nicht verstehe, wie Max Weber einst sagte, „dass oft aus guten Taten böse Folgen sich zeitigen und oft aus bösem Tun gute Wirkungen, ist politisch ein Kind.“

Gott lässt keinen Krieg zu

Wann, fragte Drewermann, finden wir zurück zu der Einheit des Vertrauens, dass Gutes nur entstehen kann aus einer rechten Gesinnung? Wir müssten Lügen, um die Wahrheit herauszufiltern.

Wir müssten grausam handeln, um die Menschlichkeit zu befördern. Wir müssten morden, um das Leben zu retten.

Oft höre Drewermann Menschen fragen, warum Gott Krieg zulasse. Warum also an ihn glauben? Die Wahrheit aber sei: Gott lasse keine Krieg zu. Er rede in unserem eigenen Herzen. In einer Deutlichkeit, dass wir viel an Verdrängung, an Propaganda, an Umerziehung brauchten, das alles zu überhören. Die Rede kam auf die Zerrissenheit des Menschen.

Die Geschichte von Kain und Abel unser aller Geschichte

Noch keine drei Seiten sei die Bibel alt, als sie davon berichte was aus uns wird, wenn wir den Hintergrund des Vertrauens der Einheit mit der Macht, die möchte, dass wir sind, den Garten Eden verlieren. Und unter einem Gefühl lebten, wie auf der Flucht sein zu müssen.

Und so kam Eugen Drewermann auf die Geschichte von Kain und Abel zu reden.

Im gewissen Sinne sei die unser aller Geschichte.

Menschen nämlich, die sich verstoßen und nicht geliebt fühlten, versuchten aufs Äußerste liebenswert zu sein, in dem sie die Erwartungen anderer erfüllten und übererfüllten.

Wir, in wechselseitiger Konkurrenz stehend, müssten oft versuchen besser dazustehen als der andere.

Immer sei vor uns jemand, der heller ins Licht getreten ist als wir selber. Der werfe auf uns einen langen Schatten. Diesen müssten wir beseitigen, um selber wieder zugelassen zu werden.

Wir müssen andere Menschen oder Völker entmenschlichen, um sie töten zu können

Was sei denn an Napoleon groß, außer der Ziffer der Ermordeten? Jeder Krieg basiere darauf, andere sozusagen zu entmenschlichen, indem man sie als Unmenschen, Barbaren, Ratten und Ungeziefer erscheinen lässt oder als Terroristen bezeichnet.

Aggressivität wird gegen die Entmenschlichten geschürt. Wie umerziehbar der Mensch doch ist, gab Eugen Drewermann in Erinnerung an Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ seinen Hörerinnen und Hörern zu bedenken. Wie erschreckend einfach Durchschnittsbürger wie etwa sie, die vor ihm im Kirchenschiff sitzenden, doch zu schrecklichen Untaten zu bringen seien! Wie es möglich wurde, wie im Roman beschrieben, dass Männer schon nach nur fünf Wochen Drill auf dem Kasernenhof bereit waren, die von ihren Herrschern zu Gegnern bestimmten Menschen brutal zu töten. Und sie als Soldaten auch noch empfanden Großes fürs Vaterland zu tun! Wie sie einem Vorgesetzten gehorchten, der bis vor kurz noch einfacher Postbote gewesen war.

Man musste ihnen nur weismachen: Unsere Gruppe ist besser als die Gegengruppe. In jedem Krieg verführe man nach dem Muster: Unmenschen müssen getötet werden. Das Gebot „Du-sollst-nicht-töten“ werde so erschreckend leicht vergessen gemacht.

Aus Krieg wurde „Humanitäre Intervention“

Schlimmer noch: Führte man früher auch noch dem Namen nach Kriege, geschieht gleiches heute unter der euphemistischen Bezeichnung „Humanitäre Intervention“. Vernebelnder Begriff. Zynisch.Wir gehen, so führte Eugen Drewermann aus, nun inzwischen wie die Ärzte chirurgisch an den Krebs heran und schneiden ihn heraus. Und retten damit vorgeblich Leben. Das klingt gut.

Unterwerfung und Gehorsam machen es möglich

Doch wahr ist ebenfalls: Ohne Unterwerfung des Individuums unter das Kollektiv ist Krieg – wie immer man ihn auch nennen möge – nicht ins Werk zu setzen. Drewermann sprach das bekannte Milgram-Experiment an. Da wurden Menschen dazu gebracht, anderen Menschen Stromschläge zu versetzen. Als Strafe für Fehler. Sie taten es. Erhöhten auf Anweisung – manchmal kurz zögernd zwar, aber dann doch – gar die Voltzahl!

Und ein weiteres Beispiel führte Eugen Drewermann an: Den US-Bomberpiloten einst bei Günter Jauch in dessen RTL-Talkshow zu Gast, welcher eine Atombombe auf Nagasaki abgeworfen hat. Wie konnte der Mann in den letzten Jahrzehnten bloß leben? Der Bomberpilot hatte Jauch kalt geantwortet: Jeder Soldat der Welt hätte doch dasselbe getan. Befehl ist Befehl. So ähnlich auch die Antworten von Nazi-Kriegsverbrechern einst bei den Nürnberger Prozessen auf die Fragen der Ankläger. Eugen Drewermann: Genau so ist es: Der Gehorsam ist es!

Man kann im Verkehrten nichts richtig machen“

Wie also Kinder so erziehen, dass das Denken mit dem Gefühlen übereinstimmt und die Gefühle mit dem Denken? Nur so könne die Schizophrenie beendet werden. Unbedingten Gehorsam gibt es nicht! Gott solle gefolgt werden. Hitler war kein Gott. Dennoch folgten ihm unsere Kirchen staatstragend bereits ab 1935, sagte Drewermann. Es ist die alte Crux: Immer werden wir dazu genötigt Dinge zu tun von denen wir sicher sind, dass sie falsch sind. Drewermann eindringlich: „Man kann im Verkehrten nichts richtig machen .“

Wir haben Herz und Geist

Und auch wahr: Mit wirklichen Individuen ist kein Krieg zu machen.

Wir Menschen sind keine Insekten. Wir haben Herz und wir haben Geist. Beides macht uns zur Person. Wagen wir das zu sein, sind wir als Soldaten untauglich.

An Jesu sei zu lernen: In seiner Not ist ein Einzelner in seinem Glück unendlich viel mehr wert als die ganze Masse. Eugen Drewermann: „Das zersetzt die Vorbereitungen zum Krieg.“

Nach Albert Camus: „Stalin kann nicht vergessen machen, dass es Dostojewski und Tolstoi gab.“

Die da drüben, bekämen wir beigebogen, sollen Unmenschen sein. „Nur weil Putin regiert in Moskau?“, fragte Eugen Drewermann.

Und hielt mit Albert Camus dagegen: „Stalin kann nicht vergessen machen, dass es Dostojewski und Tolstoi gab.“

Diplomatie sei die Devise. Ignorierten wir die Bedürfnisse anderer, könne es kein Ausgleich geben

Wenn jeder aber glaube er hat recht, dann macht das den Krieg möglich.

Nur wer besser mordet solle im Recht sein? Drewermann redete den Menschen ins Gewissen: Wenn die Geschichtsbücher das schreiben, lügen sie Wahrscheinlich hat der bessere Mörder doppelt unrecht. Wie bereits 1520 (!) Erasmus von Rotterdam gewusst habe.

Frauenrechte? Wirtschaftsinteressen stehen hinter den Kriegen: „Wenn Sie etwas anderes lesen, so ist es eine Lüge.

Als Motiv für Kriege werde oft eine Verantwortung benannt, die man habe. Beispielsweise die Frauenrechte in Afghanistan durchzusetzen. Eugen Drewermann dazu: Er frage sich, wie lange die Leute im Pentagon damals an dieser Lüge überlegt haben, die Taliban hätten den afghanischen Frauen erst die Burka angezogen. Er selber sei in denn 1970er in Afghanistan gewesen und sei Frauen in der Burka begegnet. Aber die Leute glaubten es. Gerade Feministinen hätten dieser Lüge Glauben geschenkt und dafür sogar militärische Einsätze befürwortet!

Klar, gab Drewermann zu: „Länder müssen sich auch in der Frage des Zusammenlebens von Mann und Frau und deren Rechte weiterentwickeln. Aber das müssen sie selber tun.“

Nicht hinzunehmen sei, wie sich die US-Soldaten nicht nur in Afghanistan daneben benommen haben, um ihnen vorgeblich menschliche Werte zu bringen! Gar Demokratie! Wirtschaftsinteressen stünden stets dahinter. „Wenn Sie etwas anderes lesen, so ist es eine Lüge. Es gehe um Öl. Pipelines oder wichtige Rohstoffe, wie etwa dem Koltan, das in unseren Smartphones steckt und hauptsächlich im Kongo vorkommt. Das Todesurteil für die Taliban sei deren Ablehnung einer durchs Land geplanten Pipeline gewesen. Von wegen Frauenrechte und westliche Werte!

Eugen Drewermann: Güte wäre unendlich mehr als Gerechtigkeit

Ein weiterer Punkt im Vortrag: Schuld bei Gott werde nachgelassen statt bestraft. Übertragen auf Umgang mit Geld sollten wir in diesem Sinne nicht

Die Dortmunder Pauluskirche am Abend. Foto: Stille Schützenstraße aus gesehen.

Die Dortmunder Pauluskirche am Abend. Foto: Stille Schützenstraße aus gesehen.

nur an das gequälte und gedemütigte Griechenland denken. Schulden gelte zu reduzieren zum Bezahlbaren hin.

Kriege vermeiden, helfe nicht zuletzt Güte obwalten zu lassen. Eugen Drewermann regte an: „Ließen wir die Vorstellungen vom gerechten Gott, von der Gerechtigkeit unseres eigenen Staatswesens hinwegfallen, gäbe es auch keine mehr zu rechtfertigenden Kriege mehr und wir träten hinein in eine Welt der Güte. Güte wäre unendlich mehr als Gerechtigkeit. Eine Erlösung gar.

Die Angst überwinden

Auf die Bergpredigt anspielend, sagte Drewermann, er höre oft von Menschen, denen man – wie auch immer – sozusagen auf die rechte Wange geschlagen habe, dass sie nicht einmal daran denken könnten, nun auch noch linke hinzuhalten.

Doch er gibt denen stets zu denken und den ihm Zuhörenden auf den Weg: „Wenn wir es nicht lernen Angst zu überwinden, werden wir immer wieder hineinfallen in Absicherungsmechanismen bis hinein in die Militarisierung der Gesellschaft. Zeitungen hetzen uns in Angst. Auf den Bahnhöfen sollten uns Kameras Sicherheit suggerieren. „Achten Sie auf ihr Gepäck“, ertöne es aller naselang in manchmal drei verschiedenen Sprachen. Alles der Sicherheit wegen. Die permanente Überwachung nehme zu. Der Sicherheit wegen.

Es gelte nach den Bedürfnissen des anderen zu fragen. Nicht ihn und andere Gruppen zu stigmatisieren und auszugrenzen.

Unsere innere Identität in Vertrauen, wäre die Antwort auf die Gefahr des Todes.

Eugen Drewermann hat die Sehnsucht nach Frieden nahegebracht

Vielen der Besucherinnen und Besuchern des wiederum interessanten Vortrags Eugen Drewermanns dürfte dessen Inhalt – kristallklar vermittelt – tatsächlich die Sehnsucht nach Frieden nahegebracht haben. Wie der Gast aus Paderborn die Hoffnung geäußert hatte, dass dies geschehen sein möge. Drewermann versprach ohne zu zaudern wiederzukommen zu wollen in die Pauluskirche, wo er schon mehrfach sprach. Da brauchte Gastgeber Pfarrer Friedrich Laker nicht lange bitten. Das Publikum stimmte mit kräftigem Applaus weiteren Einladungen zu. Kritisch anzumerken wären ein paar für die Ohren des Publikums schmerzhafte Rückkopplungen, welche im Verlaufe des Abends aufgetreten waren.

Die Kollegen von Regenbogentv.de haben Drewermanns Vortrag aufgezeichnet:

Die musikalisch Gestaltung der Veranstaltung oblag der Gruppe CANTICO.

Heiß, heißer, Fanfare Ciocârlia. Balkan-Brass-Band kündigte das 3. Roma-Kulturfestival DJELEM DEJLEM mit rasendem Tempo an

 

Fanfare Ciocârlia in Aktion; Fotos: C.-D. Stille

Fanfare Ciocârlia in Aktion; Fotos: C.-D. Stille

Offiziell beginnt das 3. Roma-Kulturfestival DJELEM DJELEM in Dortmund ja erst am 2. September.  Am gestrigen Sonntag allerdings fand das statt, was als eigentlicher  Startschuss des Festivals in Erinnerung bleiben wird: Der unvergessliche Gastaufritt der Balkan-Brass-Band „Fanfare Ciocârlia“ im Jazzclub domicil.

Leicht verspätet, dann aber dafür mit ein paar kräftigen Paukenschlägen begann das Konzert. Was dann folgte, war salopp ausgedrückt ein Gebläse vom Allerfeinsten. Die Hitze der vergangenen Tage hockte nicht nur noch draußen in der Stadt. Auch drinnen im domicil herrschten sommerliche Temperaturen. Die sich aber im Verlauf des Abends noch beträchtlich steigern sollten. Die Fanfare riss nämlich nahezu alle Zuhörer im unbestuhltem Saal mit. Und zwar von der ersten Sekunde an! Alt und jung, Kinder konnte nicht mehr still am Fleck bleiben. Die Musik der außergewöhnlichen Band geht ins Blut. Da kam selbst der ansonsten größte Tanzmuffel nicht umhin die Beine zu schwingen. Das war der Rythmus, der einen mitriss.  Die Körper der Besucher waren gleich wie ein Akkumulator von diesem aufgeladen. Erzeugt von den bis in die letzte Sehne mit gewaltig Puste hinein hoch  engagierten Musikern auf teuflisch-vibrierendender Bühne. Wer einmal eine Hochzeit auf dem Balkan erlebt hat, weiß: Die engagierten Musiker können das spielend über drei Tage hinweg durchhalten. Wenn Wikipedia schreibt,

In der Musikwelt gelten Fanfare Ciocărlia als Pioniere des Balkan Brass und der Balkan Beats. Mit ihrer Geschwindigkeit und Dynamik, ihrem Spielwitz und unverwechselbar osteuropäischem Sound haben sich Fanfare Ciocărlia seit dem Start ihrer internationalen Karriere im Jahr 1997 weltweite Anerkennung erspielt.

dann kann man jedes Wort davon unterschreiben. Für den Laien kaum vorstellbar, wie dieses rasante Tempo Brass-Band – noch dazu ohne schräge Töne – auf Dauer des Konzert bis hin zum Schluss und zuzuzüglich der Zugaben – durchzuhalten ist.

Und noch einmal aus dem Wikipedia-Eintrag:

Alle Mitglieder der Band sind Roma und die Formation gilt als eine der erfolgreichsten Roma-Ensembles Europas. Fanfare Ciocărlia sind bekannt für ihr schnelles und energetisches Spiel, komplexe Rhythmen und die temporeichen Soli von Klarinette, Saxophon und Trompete bei bis zu 200 beats per minute.

Fanfare Ciocărlias energiegeladene Live-Auftritte fallen dank ihres Esprits und Sinn für kontrolliertes Chaos aus dem üblichen Rahmen. Bei den Konzerten kommen zum Großteil alte und zerbeulte Blasinstrumente zum Einsatz. Partituren oder Notenblätter werden bei der ausschließlich mündlich tradierten Musik nicht verwendet. Die Band hat ihr traditionelles Repertoire um eigene Arrangements bekannter Evergreens erweitert (Born To Be Wild, James Bond Theme, Caravan, Summertime) und diesen Songs ihren eigenen Stempel aufgedrückt.

Seit ihrem internationalen Durchbruch hat Fanfare Ciocărlia mehr als 2.000 Konzerte in über 70 Ländern gespielt. 2016 feiert die Band ihren 20. Geburtstag mit einer Welttournee.

20160828_202909Die Fanfare hatte das Publikum von Anfang an in ihren Bann gezogen. Und die Akteure auf der Bühne genossen das sichtlich. Der Funke zum Publikum war zackig übergeschlagen. Und die Stimmung blieb durchweg fantastisch und ausgelassen. Die Musik erfasste einen. Der Alltag war für die Zeit des Konzertes ausgeblendet. Und das war gut so. An den heranrückenden Montagmorgen dachte wohl niemand. Es blieb völlig egal, ob man nun ein großer Tänzer ist oder nicht: Die vom Sound erzeugten Gefühle waren die 20160828_193929Hauptsache. Und die setzten sich in Bewegungsenergie um. Fast Derwischen gleich – wie in Trance versetzt – packte es manche Frauen. Sie flogen förmlich übers Parkett. Und Sandalen und Schuhe in die Ecke: Barfuss tanzte es sich besser. Doch auch die Herren der Schöpfung ließen sich nicht lumpen und legten eine flotte Sohle aufs Parkett. Natürlich waren diejenigen Gäste mit Balkan-Hintergrund klar im Vorteil: Ihnen steckt diese Musik gewissermaßen im Blut. Aber auch Biodeutsche hielten ordentlich mit. Dazu hat nicht zuletzt dieses Festival in den zwei vergangene Jahren beigetragen. Stocksteif sind viele von ihnen längst nicht mehr. Fremde Kulturen sind vielfach – manchem gar nicht bewußt – in unsere eingegangen und vermögen diese zu bereichern. Heiß, heiß, heiß ging es zur Sache.  Und auch Kulturdezernent Jörg Stüdemann ging in der Pause ordentlich erhitzt aus dem Saal, um Kühlung zu suchen. Nur wo an diesem doppelt heißen SonDer zweite Teil des Konzerts gestaltete sich nicht minder ausgelassen.

Gegen Ende der tollen Show hielt es einige Damen nicht mehr: sie sprangen energiegeladen auf die Bühne, umtanzten Musiker – diese mit ihren Instrumenten um die Frauen. Die Instrumentalisten fühlten sich regelrecht angefeuert! Und noch einmal steigerte sich das Tempo. Apropos Feuer: Feurig-balkanisch raste, tobte der Saal im domicil. Auf der Bühne wie Unten: Der Schweiß floss in Strömen.

Als die Ausnahmeband dann Born To Be Wild intonierte, gab es kein Halten mehr. Da sang der Saal aus voller Kehle mit. Teufelskerle sind das, die Jungs von „Fanfare Ciocârlia„! Brava! Kommt bald wieder. Dortmund, wo ihr nun zum zweiten Male gastiertet, war begeistert.  Es gibt eine Steigerung von heißer: Fanfare Ciocărlia.

Logo via Kulturfestival Djelem Djelem.

Logo via Kulturfestival Djelem Djelem.

Also nicht vergessen: Am 2. September beginnt  DJELEM DJELEM und hält jede Menge Höhepunkte bereit. Möge man zahlreich nach Dortmund strömen.

 

 

 

 

Urbanismus in Zeiten von „Realitätsschock nach Willkommensputsch“. Die Stadt soll wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden

Urbanismus ist ein weites Feld; Foto Daniel Bleyenberg via Pixelio.de

Urbanismus ist ein weites Feld; Foto: Daniel Bleyenberg via Pixelio.de

Urbanismus Ein hochökonomisches und hochpolitisches Thema, findet Prof. Albrecht Goeschel. Und belegt das in seinen Antworten auf Interviewfragen kenntnisreich wie kritisch

Nach langer Pause flatterte wieder einmal eine Nachricht von Albrecht Goeschel in mein E-Mailfach. Diesmal dreht sich alles um Urbanismus bzw. vielmehr um „Neo-Urbanismus“. Über ein Interview* mit Prof. Albrecht Goeschel** (hier wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung von Albrecht Goeschel) können wir viel darüber lernen. An dem Inhalt möchte ich meine Leserinnen und Leser teilhaben lassen. Schließlich geht uns das Thema (auch wenn wir das nicht immer bewusst wahrnehmen) alle an. Hochinteressant: Geht es nach Goeschel, so möchte er „die Stadt vom Kopf wieder auf die Füße“ stellen.

Das Cover einer älteren Ausgabe von TUMULT. Albrecht Goeschel steuert nun wieder einen neuen Beitrag zur Vierteljahresschrift bei; Grafik via TUMULT-Website.

Das Cover einer älteren Ausgabe von TUMULT. Albrecht Goeschel steuert nun wieder einen neuen Beitrag zur Vierteljahresschrift bei; Grafik via TUMULT-Website.

Frage:

Professore, Sie haben uns vor diesem Interview einen neuen Beitrag aus der Vierteljahresschrift TUMULT auf den Tisch gelegt. Sie und Ihr Co-Autor schreiben darin über Neo-Urbanismus. Sind Sie nicht eigentlich als Ökonom unterwegs ?

Goe.:

Gerade deshalb. Nichts zeigt die ubiquitäre Gewaltsamkeit des Kapitalverhältnisses, der Profitökonomie für die Leute so drastisch, wie die fortwährende Zerstörung und Vergiftung, Neuwucherung und Verinselung von Umwelt, Nutzflächen Verkehrs- und Versorgungsnetzen, Baumassen, Highlightbauten in den Agglomerationen der Welt.

In die Unterwelten der Finanztransaktionen, Produktionsprozesse und Distributionsnetze hat das Volk dagegen nur ausnahmsweise Einblick. Erdogans islamistisch-kapitalistischer Polizeiurbanismus zeigt: Urbanismus ist ein hochökonomisches und hochpolitisches Thema.

Frage:

In Ihrem Beitrag kritisieren Sie den Pseudogegensatz von Architektur und Urbanismus. Sie weisen hin auf das konzeptionelle Vakuum zwischen immobilienspekulativen Inhalten und architekturdesignter Umhüllung. Was heißt das ?

Goe.:

Im Nationen und Gesellschaften zerstörenden globalisierten Finanzkapitalismus hat die Immobilienökonomie eine so zentrale wie ambivalente Funktion: Einerseits sind Land und Leute, Entfernungen, Standorte, Bauvorhaben etc. für die Profitproduktion immer nur ein notwendiges Übel, ein lästiger Klotz am Bein.

Andererseits ist keine Profitproduktion ohne Rohstoffquellen, Produktionsanlagen, Konsumgelegenheiten, Arbeitskräfte, Verbraucher etc. möglich. Durch ihr simples Bodenmonopol ist daher die Immobilienökonomie der komplizierten Produktionsökonomie immer einen Schritt voraus. Wie der Igel dem Hasen. Und gerade wegen dieser Schlüsselstellung hat die Immobilienökonomie auch die ideale Besicherungsfunktion für die Schaffung immer neuen Kreditgeldes aus dem Nichts. Wenn allerdings das weitere so genannte „Wirtschaftswachstum“, sprich: die weitere Profitproduktion ausbleiben oder absak- ken, ist es auch aus mit der schönen Grundrente und den Spekulationsgewinnen daraus. Und die Kredite werden faul, oberfaul. Siehe die 2007er US-Immobilienkrise.

Frage:

Und der Urbanismus ?

Goe.:

Der schleicht da nur herum. Oder glauben Sie vielleicht, dass der US-Bretterbuden-Urbanismus als Anhängsel der US-Ramschkreditschwemme irgend etwas mit rationaler oder gar humaner Planung zu tun hatte? Es gibt das Bodeneigentum an bestimmten Parzellen. Auf denen werden dann alle möglichen Nutzungen, vom Einfamilienknast über Gewerbezentren bis zu Glitzerbankentürmen errichtet. Dazwischen: Reste von öffentlichen Wegen und Plätzen. Da läuft aber längst auch schon die Privatisierung: Stuttgart 21, Gabriels Autobahnenausverkauf, saudisch-chinesisches landgrabbing.

Glauben Sie, ein so genanntes Deutsches Institut für Urbanistik, das in Berlin auch noch eine Fahrrad-Akademie betreibt, wird hier von irgend wem zu irgend was gefragt ? Dieser Verein schafft allenfalls eine Radl-Tour zum Flughafen Berlin-Torso.

Frage:

War das jetzt Text aus Ihren alten Vorlesungen, die Sie in den 1970er Jahren an der

Münchner Kunstakademie gehalten haben? Systemplanung im Kapitalismus oder so ähnlich ?

Goe.:

Klaro – den Kapitalismus gibt es ja auch noch !

Frage:

Sie stellen die Invisible City in den Mittelpunkt Ihres Urbanismus-Konzeptes. Ist das etwas Gefährliches ?

Goe.:

Ja,dieses Konzept ist gefährlich. Zunächst und vor allem für den häufig auch noch beamteten oder angestellten Biedermeier-Urbanismus des deutschen Linksmilieus. Folgt man dem einschlägigen Workshop- und Kongresszirkus, den Bürger-machen-Stadt-Happenings oder der New Urbanismus-Literatur, dann glaubt man bei den Guten Menschen tatsächlich, mit ein paar Fahrradwegen und einem „Gemein- schaftswohnen für Lehrer(inn)en im Alter“ das Problem des Wohnens und das Problem des Fortbewegens im Finanzkrisenkapitalismus und im Fluchtkriseniperialismus bewältigt zu haben.

Frage:

Aha, Sie kommen zur Sache ?

Goe.:

Ja, Merkels Willkommensputsch, auf dessen Heuchelei das Linksmilieu so gerne hereingefallen ist, hat den Vorhang heruntergerissen. Mit einem Schlag ist klar, dass im Geschäftsmodell Deutschland schon jetzt viele keine Wohnung , sondern nur noch ein Dach über dem Kopf, aber kein Geld mehr auf dem Konto haben. Die „Erstaufnahmeeinrichtung“ ist zum zentralen Begriff des Merkel-Urbanismus geworden. Zuvor schon hat der Parvenü Schröder mit seinem Hartz IV- Klassen- gesetz Millionen Menschen in virtuelle Homelands eingewiesen.Mit 25,- EUR Regelsatz für Verkehrsausgaben kommt ein erwachsener Hartz IV-Insasse nie mehr von seinem Aufenthaltsort weg. Darf er auch gar nicht. Für Millionen Menschen ist die jederzeitige „Erreichbarkeit“ zum zentralen Begriff des Schröder-Urbanismus geworden.

Frage:

Wir möchten nun gerne hören, was Ihre Invisible City eigentlich bedeutet ?

Goe.:

Ganz einfach. Wir haben die Stadt vom Kopf wieder auf die Füße gestellt. Wir fragen: Wo und wie leben, wohnen, arbeiten und fortbewegen sich die verschiedenen Milieus in Europa wirklich. Wir fragen nicht, wo und wie sie das tun sollten.

Frage:

Jetzt ist der Augenblick für ein einleuchtendes Beispiel gekommen – oder nicht?

Goe.:

Hab’ ich schon darauf gelauert. Am meisten untersucht und veröffentlicht haben wir bisher zur Autobahnstadt Europa .Gemeint sind die Hunderttausende von den 2,5 Millionen Berufskraftfahrern auf den 70 000 Kilometern Autobahnen in Europa.Die-se,meist Männer, fahren nicht nur in den Cockpits ihrer Lkw-Zugmaschinen, sondern schlafen, essen und waschen sich auch dort tagein und tagaus.

Sie stehen in den Ruhezeiten an den 2400 Autobahntankstellen, auf den 250 Autohöfen und in den ungezählten Parkstreifen und Parkbuchten der europäischen Autobahnen. Dazu kommen die autobahnbenachbarten Gewerbegebiete, Logistikzentren, Luft- und Seehäfen. Das ganze ist eine rund um die Uhr in Betrieb befindliche neue Siedlungs- struktur, die sich netzartig über die traditionellen Siedlungsstrukturen gelegt hat. Die EU-Kommission plant eine fast Verdoppelung der Autobahnstrecken, d.h. dieser Autobahnstadt Europa. Wen das näher interessiert, der kann das googeln unter Autobahnstadt Europa und Logistik und Gesundheit. In der Urbanismusszene ist das Thema zu unserer Überraschung aufgegriffen worden – ARCH+ und AKP haben es gebracht.

(Dazu auch hier; asansörpress35)

Frage:

Darf man um einen politisch-ökonomischen Kalenderspruch zur Autobahnstadt Europa bitten?

Goe.:

Schon. Der Transport- und Logistiksektor ist durch seine Funktion für die kostenminimierende räumliche Zerlegung der Produktions-, Distributions- und Konsumtionsprozesse ein Profittreiber ersten Ranges. Als einer der übelsten Niedriglohnbereiche in der EU generiert er auch selbst höchste Profitraten. Durch diverse Maut- und GPS-Systeme ist mittlerweile eine Art Fließband von oben installiert. Und nun kommt SPD-Gabriel und will die Autobahnen privatisieren und zu einem Anlagefeld der Immobilienökonomie machen.

Frage:

Bei Ihrem zweiten Beispiel, der Bunkerstadt Europa,stehen die Aspekte der Profitproduktion und der Immobilienökonomie wohl nicht so im Vordergrund – oder irren wir uns ?

Goe.:

Die Bunkerstadt-Europa , gekrönt vom Atlantikwall, der von der Cote d’ azur und der Riviera bis Nordnorwegen reichte, ist sozusagen „negative“ Immobilienökonomie. Alles, was die neuen und die alten Nationen nach dem wirklich schändlichen Versailler Vertrag von 1919 an Kampfbunkerlinien gegeneinander errichtet haben, sind ökonomisch gesprochen nicht gebaute Wohnblocks, Schulen, Krankenhäuser, Wasserwerke, Autostraßen, Eisenbahnlinien etc. Zwischen 1920 und 1945 wurden nach unseren Recherchen mindestens 60 000 Kampfbunker entlang der europäischen Grenzen errichtet. Hinzu kommen ungezählte Zivilschutzbunker und Fabrikations- bunker auf dem Kontinent und den Britischen Inseln. Die europäischen Nationen, besser: die europäischen Völker und ihre Wirtschaften, gingen unter die Erde.

Diese „negative“ Immobilienökonomie der Bunkerstadt Europa wird auch darin sichtbar, dass bei einer vollzeitigen und vollzähligen Besetzung der Werke mit den erforderlichen Mannschaften gar nicht mehr genug Militär für den „mobilen“ Krieg zur Verfügung gestanden hätte. Für die Profitproduktion hatte dieser „negative“ Westwall-Urbanismus, Maginotlinien-Urbanismus und Stalinlinien-Urbanismus durchaus eine positive Funktion: Er diente dem Schutz der Grenzen der jeweiligen nationalen

Profitbedingungen. Außerdem stellte er den Inbegriff der Kapitalismus-Rettung durch den von allen Machtblöcken verfolgten Rüstungs-Keynesianismus dar. Hier gab es gar keine so großen Unterschiede zwischen den Herren Hitler, Roosevelt und Stalin.

Frage:

Wie wäre es mit einem Kalenderspruch ?

Goe.:

O.K.: Die Bunkerstadt Europa könnte man als eine Art Verstaatlichung der Immobilienökonomie in den Staatskapitalismen und sogar den dazwischen noch herumkriechenden Marktkapitalismen bezeichnen. So gesehen könnte sich der Ludwig Erhard-Imitator Gabriel ja als später Entnazifizierer noch mehr aufblasen: Er privatisiert jetzt die Straßen des Führers. Die Westwall-Bunker haben schon die sogenannten Alliierten gesprengt.

Frage:

Professore, Sie und ihr Co-Autor schreiben im TUMULT auch noch von einer Filmstadt Europa.

Goe.:

Stimmt. Wen auch das noch interessiert, der soll sich halt TUMULT, Sommer 2016 besorgen.

Frage:

Was bedeutet Ihr Invisible City-Urbanismus jetzt für Merkels Willkommensputsch bzw. die von ihr Herbeigerufenen bzw. den gutdeutschen Biedermeier-Urbanismus?

Goe.:

Merkels missbrauchte Fluchtopfer, die Einwohner mit Migrationshintergrund und die Bedarfsgemeinschaften der Schröderschen Verarmungsgesetze konzentrieren sich in den Ballungsräumen im Westteil Deutschlands. Das wird dort dem Regime die Chance bieten, den etablierten Sozialstaat weiter gegen die Leute zu instrumentalisieren und andere, noch schlechtere Lebensbedingungen zu oktoyieren. Wir müssen uns das Segment für Segment, Sektor für Sektor ganz genau ansehen und dann die Rechnung präsentieren.

Mit der Kindergesundheitsversorgung haben wir schon begonnen. Der hohe Kinderfaktor der Flüchtlingswelle wird die schon prekäre Kinderheilkunde in den Ballungsräumen zum Kippen bringen. Und das gibt dann über Jahrzehnte ganz andere Städte. Die „Bild“-Zeitung ist am 11.April 2016 unter die Urbanisten gegangen und hat den Biedermeier-Urbanisten ins Stammbuch getitelt: „GHETTOS“.

Wir danken für dieses Gespräch!

*Das Interview führte eine Autorengemeinschaft der

Accademia ed Istituto per la Ricerca Sociale

Verona

Das vollständige Interview liegt in der Verantwortung von

Prof. (Gast) Albrecht Goeschel i.S.d. Pressegesetzes

mail@prof-goeschel.co

**Prof. (Gast) Albrecht Goeschel

Staatliche Universität Rostov

Präsidiumsmitglied der

Accademia ed Istituto per la Ricerca Sociale

Verona

u.a. 1971 bis 1975 Mitglied des Senats der

Akademie der Bildenden Künste München

Alle Rechte dieses Textes bei:

Accademia ed Istituto per la Ricerca Sociale

Verona

mail@accademiaistituto.eu

„Das Lachen der Täter“ kam mit Klaus Theweleit nach Dortmund

Klaus Theweleit (rechts) mit dem Dortmunder Dramaturgen Alexander Kerling bei der Lesung in der Reihe Blackbox des Schauspiel Dortmund; Foto: C.-D. Stille.

Klaus Theweleit (rechts) mit dem Dortmunder Dramaturgen Alexander Kerling bei der Lesung in der Reihe Blackbox des Schauspiel Dortmund; Foto: C.-D. Stille.

Engagiert und verdienstvoll nimmt das Schauspiel Dortmund mit der Reihe BLACKBOX den Terror vom rechten Rand in den Fokus. Am Donnerstag dieser Woche erwartete das zahlreich im Studio des Hauses zur aktuellen Lesung und anschließender Diskussion erschienene Publikum (es mussten zusätzlich Stühle gestellt werden) einen weiteren Höhepunkt. Zu Gast war Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Querdenker Klaus Theweleit. Theweleit erregte 1977 mit seinem umfassenden Werk „Männerphantasien“ ziemliches Aufsehen. Mit diesem Werk erlangte Klaus Theweleit Berühmtheit. Er hatte darin das „faschistisches Bewusstsein und die soldatische Prägung des ich“ (Wikipedia) untersucht. Im Spiegel veröffentlichte Rudolf Augstein damals einen mehrseitigen Text („ Frauen fließen, Männer schießen“) dazu. Hier ein Auszug (via Spiegel):

„Da der Faschismus nicht vom Himmel gefallen ist, entlarvt Theweleit nicht so sehr die Freikorpssoldaten und -literaten (denen er mit einer Art höherem Recht Ernst Jünger hinzuschlägt), sondern die gesamte männerrechtlichpatriarchalische Geschichte (leider nur) Europas, die er im Faschismus auf die Spitze getrieben sieht. Opfer, mehr als die Männer selbst, sind die Frauen, deren Wirklichkeit von Theweleit ausgespart bleibt. Sie kommen nicht als eigene Wesen vor, sondern nur als die Ausgeburten männlicher Phantasie. Was er anhand seiner Freikorpsmänner und sonstiger „faschistischer“ Militärpersonen und -schriftsteller (unter ihnen der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß und der junge Goebbels), was er aus Briefen, Selbstbiographien und Romanen zu Tage gefördert hat, muß auch jenen männlichen Leser verblüffen, der sich bislang für einen „Nicht-Faschisten“ gehalten hat. Er findet Chiffren. die er tags gedacht und nachts gesagt, nach denen er erst recht gehandelt hat. Zugespitzt so: Kratz an der Oberfläche des Mannes, und ans Licht kommt der Faschist vom Anfang der Welt.“

Mit seinem 2015 erschienen Buch „Das Lachen der Täter: Breivik u.a. Psychogramm der Tötungslust“ knüpft Theweleit quasi an „Männerphantasien“ an. Und ist damit wieder bei der Faschismustheorie und der Theorie der Gewalt. Anhand zurückliegender Gewaltexzesse – etwa die von Anders Behring Breivik, der NSU sowie in jüngster Zeit des sogenannten Islamischen Staates stellt Theweleit die zeitlos schmerzhafte Frage: Wie wird ein Mensch zum Killer? Und wieso gibt es so viele Zeugnisse darüber, dass Mörder nach der Tat in Lachen ausbrechen?

Terror in nah und fern

Zu Beginn stellte Dramaturg Alexander Kerlin (Moderator des Abends) den Gast vor und erinnerte an zahlreichen Terroranschläge der letzten Zeit in u.a. in Paris, Ankara, Pakistan und von Istanbul. Aber auch an das Wüten rechter Horden kürzlich  im linksalternativen Leipziger Stadtteil Connewitz. Dort, so Kerlin, seien auch Dortmunder Autokennzeichen gesichtet worden. Offenbar waren auch Dortmunder Rechte zwecks Randale nach Sachsen gereist. Auch dies, was „unter dem Stichwort ‚Köln‘ abgelegt worden sei“ fand Erwähnung. Zudem erinnerte der Moderator  an die bislang unaufgearbeiteten Morde der NSU.

Anders Behring Breivik jubelte beim Töten: „Juhu!“

Klaus Theweleit, dessen Buch stofflich mit dem Attentat auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ beginnt, stieg in seiner Lesung mit Anders Breivik ein. Der Norweger, der nach dem er am 22. Juli 2011 bereits in Oslo Anschläge verübte und dann  in einer Polizeiuniform  im Ferienlager der norwegischen sozialdemokratischen Jugend auf der Insel Utøya wahllos Menschen totschoss.

Und eiskalt läuft es einen den Rücken hinunter, wenn Theweleit, aus seinem Buch lesend, wiedergibt, was eine Jugendliche – nachdem sie dem aus sie anlegenden Breivik durch einen Sprung ins Wasser entkommen war – später schilderte: In Todesangst panisch fort schwimmend, hörte sie den Mörder Breivik hinter sich von der Insel her lachen.

Mehrere Zeugen hätten Ähnliches geschildert. Immer wenn Anders Breivik jemanden getroffen hatte, habe er „Juhu!“ geschrien. Wie beim Fußball, wenn ein Tor fällt. Ein anderer schildert, wie Breivik einem Mädchen mit seiner großen Pistole in den Oberkörper schoss, weil sie angezweifelt hatte, einen Polizist vor sich zu haben. Nachdem das Mädchen ins Gras gefallen war, sei Breivik noch einmal an sie herangetreten und habe ihr aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Dann habe er sich umgedreht und gelächelt. Sollte wohl heißen: Gleich seid ihr auch dran. Theweleit liest: „Der Täter lächelt, lacht und tobt sich aus.“

Die Körper der lachend tötenden sind nicht imstande irgendeine Emotion für irgendwen oder etwas außerhalb ihrer selbst aufzubringen

Sodann sprang der Autor thematisch nach Indonesien. Mitte der 1960er Jahre waren dort hunderttausende Anhänger der Kommunistischen Partei umgebracht worden. Etwa eine halbe Million Menschen (möglicherweise sogar drei Millionen) wurden damals ermordet. Theweleit erinnert daran, dass die Mörder später im Joshua Oppenheimers Film „The Act of Killing“ sich selbst und ihre Opfer spielten. Die Mörder tanzten und sangen, lachten. Theweleit stellt fest betreffs der “Körper der lachend tötenden, dass irgendeine Emotion für irgendwen oder etwas außerhalb ihrer selbst nicht aufbringen können.“ Und: „Ihre Psychophysis ist vollkommen absorbiert vom Akt des Tötens“.

Vergewaltigungen als Kriegswaffe

Weitere Beispiele, fast unerträglich – aber so hat es sich immer wieder zugetragen (Theweleit: die schlimmsten Beschreibungen erspare er dem Publikum) – werden benannt. Den Irak betreffend. Eine schlimme Vergewaltigung eines jezidischen Mädchens. Das seien, so der Autor weniger sexuelle Übergriffe, als vielmehr gezielte Gewaltakte: Vergewaltigungen als Kriegswaffe.

Mörder höheren Rechts“ sind davon angetrieben, uns zu heilen

Klaus Theweleit stellt zwischen der Motivation und den davon abgeleiteten Mord-(Bestrafungs-) Begründungen eines Anders Breivik eine Beziehung zu den Taten des sogenannten Islamischen Staates her. Ein anderes Recht außerhalb der eignen Rechtsetzung würde da wie dort nicht anerkannt. Breivik begründet sein Recht mit der Zugehörigkeit zu einer (höhergestellten) europäisch-christlichen Rasse, die Dschihadisten berufen sich auf den Koran. „Der Killer grinst“, so Theweleit. Breivik beim Morden auf Utøya . Die dem „Islamischen Staat“ dienenden Mörder auf YouTube beim Köpfen ihrer Opfer.

Psychisch Kranke? „Wir sind in deren Augen krank“, sagte Theweleit. Diese Menschen, „Mörder höheren Rechts“ dürfe man nicht mit dem Typus Patient verwechseln. Klaus Theweleit: „Wir haben es mit Weltrettern zu tun. Leuten, die davon angetrieben sind, uns zu heilen. Und zwar mit hochmodernem Killergerät.“

Ähnliche Motivationen hätten die Mörder des Naziregimes zur Begründung ihres Mordens, des Ausrottens von Menschen, ins Feld geführt. Ein Unterschied: Bei den Nazis geschah es im Auftrag des Staates. Wohl auch deshalb nennt Klaus Theweleit Breivik „einen frei flottierenden SS-Mann“.

Der Killer wolle zu alle erst, dass seine Taten wahrgenommen werden und zu Veränderungen führten. Breivik habe vor Gericht gesagt, er habe die 69 Jugendlichen auf der Insel nur erschossen, damit die Leute sein Manifest läsen.

Weitere „Orte des Lachens der Täter“

Und weiter ging mit dem Vortragenden nach Afrika und den mordenden Kindersoldaten. Weitere „Orte des Lachens der Täter“. Ob sie nun in Ruanda, Abu Ghuraib oder Guantánamo oder im einstigen Jugoslawien oder vorm Jugoslawien-Tribunal in Den Haag – wo die Täter die Angehörigen der Opfer angrinsten – zu verorten sind. Die Menschen vergäßen schnell. Natürlich wohl, „denn das alles ständig im Kopf zu haben schafft kein Mensch.“

Auch bei den Paulchen-Panther-Filmen spiele das Sich-lustig-machen der NSU-Täter über die Opfer eine Rolle.

Klaus Theweleit: „Bestimmte Menschen unter bestimmten Bedingungen tun nicht einander, sondern anderen diese Dinge an. Sie tun sie an, vorzugsweise mit einer schützenden, alles erlaubenden Institution im Rücken.“

Klaus Theweleit mit einer Feststellung von Susan Sontag zu Gewalttaten: „Menschen tun einander diese Dinge an“. Worauf er einschiebt: „Bestimmte Menschen unter bestimmten Bedingungen tun nicht einander, sondern anderen diese Dinge an. Sie tun sie an, vorzugsweise mit einer schützenden, alles erlaubenden Institution im Rücken.“

Klaus Theweleit bescheinigt abschließend: „Das Ich in Anführungszeichen das gilt für die meisten der an solchen Killings beteiligten, ist einem Sinne wie wir das gerne verstehen wollen, als ausgleichende Kraft zwischen den verschiedenen Realitätsebenen“ nach Freud „nicht vorhanden. Sie sind in ihrem Leben nie dazu gekommen ein Ich im Sinne von selbstständiges Subjekt herauszubilden. Die jungen europäischen Männern aus den Weltkriegen nicht. Und die afrikanischen Kindersoldaten erst recht nicht.“

Erklärungsversuche

In der sich anschließenden Diskussion kam Theweleit u.a. auf die Psychoanalyse zu sprechen, die man nicht ohne die Kinder-Pychoanalyse begreife. Kinder würden ja sehr dadurch geprägt, wie sie in den ersten drei Kinderjahren behandelt würden. Nach Auffassung des Vortragenden entwickle der Großteil der Menschen, das was ein „Ich“ heiße, nicht. Die meisten Menschen versuchten das über soziale Bindungen zu kompensieren bzw. zu lösen. Auch eine „Klarsicht auf die Welt“ bildete sich wohl auch bei den meisten Menschen nicht aus. Des Weiteren tippte Theweleit, betreffs dessen auf was Tötende zusteuerten noch Erscheinungen wie „Der blutige Brei“ und „Der leere Platz“) an. Dazu hier mehr.

Eingehend auf eine „Kartografie“ des kindlichen Körpers in den ersten drei Lebensjahren, sagte Theweleit, diese könne zwar negativ sein und Negatives zeitigen, bedeute jedoch nicht, dass spätere positive Erfahrungen nicht auch ein Schwenk der Persönlichkeitsentwicklung hin zum Positiven bewirken könnten.

Jeder Mensch habe Fragmentierungsgrenzen. Die man herausfinden müsse. Dann könne man aus der Haut fahren. Explodieren. Während früheren Vätergenerationen regelmäßig die Hand ausrutschte, sei dies heute auch aber viel weniger zu verzeichnen.

Über eine Publikumsfrage kam man auf die Kölner Silvesterereignisse sowie auf Militär und Krieg zu sprechen. Soldaten etwa erhielten von den Generälen quasi für eine Zeitlang einen Freibrief fürs Töten. „Am Tag danach ist das schon wieder verboten“. Das habe mit einem „Machtvakuum“ zu tun. Wahrscheinlich könne so etwas, meint Theweleit, ebenfalls Silvester auf der Domplatte in Köln (vermeintlich „Rechtsfreier Raum“) eine Rolle gespielt haben.

Ein Zuhörer kritisierte den in der Presse oft verwendeten Begriff „Sex-Täter“. Der Herr machte in Bezug auf Vergewaltigung geltend, dass es in den meisten Fällen um Machtausübung und um die Unterdrückung der Frau gehe. Theweleit stimmte zu. Auf die  Frage einer jungen Frau aus dem Publikum wurde deutlich, dass es zwar auch „fragmentierte“ Frauen gebe – Frauen, die gewalttätig sind –  jedoch bei weitem nicht in dem Maße wie es bei den männlichen Geschlechtsgenossen der Fall ist.

Hoffnungsvoller Ausgang

Zum Schluss diesen hochinteressanten Abends im Studio des Schauspiel Dortmund dann noch eine hoffnungsvoll stimmende Aussicht. Ist das in Kindheit, fragte Moderator Alexander Kerlin in Ermangelung weiterer Zuhörerfragen, oder Jugend eines Menschen Verkorkste wirklich unheilbar – ist ein negativ fragmentiertes Kind sozusagen wirklich verloren – oder gibt es dennoch Möglichkeiten der Korrektur? Dazu Autor Theweleit: „Ja, ich glaube immer. Die menschlichen Körper sind ungeheuerlich flexibel.“ Allein eine glückliche Liebesbeziehung könne die ganze Körperlichkeit umwälzen. Negative Erfahrungen können sich wiederholen. Und erfreuliche auch. In unserer Gesellschaft könne heute beobachtet werden, dass auch Gewalt etwa einen geringeren Stellenwert einnähme als in früheren Generationen. Klaus Theweleit zeigte sich davon überzeugt, dass heute Menschen nicht so schnell zur Gewaltausübung oder zum Gang in einen Krieg bewegt könnten wie es früher der Fall gewesen sei. Der „Giftpegel“ sei gesenkt. „Man braucht nicht verzweifeln vor den Kindern.“

Dr. Sabine Schiffer: Mediale Manipulation Teil 2 „Prämissen-Analyse“

Gesunder Zweifel ist auf so ziemlich all unseren Wegen angebracht. Skepsis ebenso. Im täglichen Leben müssen wir schon genau und kritisch hinschauen. Was auf viele Lebensbereiche zutrifft. So logischerweise auch hinsichtlich der Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit von Medien und der Presse eine kritische Rezeption des Gemeldeten und Berichteten in Anwendung kommen muss. Nimmt die Vierte Gewalt, der Journalismus, ihre Aufgabe in der Demokratie immer gewissenhaft wahr? Kaum. Gleichwohl dürfen wir nicht einseitig und damit ungerecht sein. Wie es sogenannte „besorgte Bürger“ sind, die etwa auf Pegida-Aufmärschen regelmäßig „Lügenpresse halt die Fresse!“ grölen und nicht davor zurückschrecken berichtende Journalistenkollegen anzuspucken und sogar tätlich anzugreifen. Ganz abgesehen davon, dass der Begriff „Lügenpresse“ u.a. in der Nazizeit Verwendung fand und dementsprechend belastet ist.

Journalisten und Medien sollten also nicht alle über einen Kamm geschoren werden. Dennoch ist eine kritische Betrachtung angezeigt. Schließlich ist es auch nicht in Ordnung, wenn Medien uns manipulieren. Dies geschieht beispielsweise indem wir via Text oder Bild in eine bestimmte Richtung geführt werden sollen.

Dr. Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung befasst sich gründlich damit. Wir als Medienkonsumenten profitieren davon. In einem Videopodcast-Projekt in Kooperation mit den NachDenkSeiten erklärt Schiffer die Techniken der medialen Manipulation. Im ersten Teil ging es um Sinn-Induktion.

Nun liegt der zweite Teil vor. Diesmal beschäftigte sich Sabine Schiffer um Prämissen-Analyse.

Prämisse kommt laut Wikipedia aus dem Lateinischen (lat. praemissa) und bedeutet „das Vorausgeschickte“.

Und was uns – um dabei zu bleiben – da in den Medien vorausgeschickt – schlagzeilend als Faktenbehauptung mitgeteilt wird, ist sehr oft dazu geeignet, uns in eine ganz bestimmte Richtung zu lenken. Wir werden manipuliert.

Liebe Leserinnen und Leser, schauen Sie also Teil 2 zum Thema mediale Manipulation „Prämissen-Analyse“.

„Salafistische und jihadistische Szenen in Deutschland – Anziehungskraft, Rekrutierung, Akteure“ – Ein Vortrag von Claudia Dantschke an der Fachhochschule Dortmund

Referierte zum politischen Salafismus und Djihadismus; Fotos: C. Stille

Referierte zum politischen Salafismus und Djihadismus; Fotos: C. Stille

Gestern hatte die Fachhochschule Dortmund zu einer weiteren interessanten Veranstaltung im Rahmen „Offene Fachhochschule – Vortragsreihe Salafismus als Jugendkultur, Salafismus als jugendkulturelle Provokation, eingeladen. Gastreferentin war die jetzt in der Extremismus-Prävention arbeitende ehemalige Journalistin Claudia Dantschke aus Berlin. „Dantschke studierte Arabistik an der Universität Leipzig und schloss als Dolmetscherin und Übersetzerin aus demArabischen und Französischen ab. Von 1986 bis 1990 arbeitete sie als Fremdsprachenredakteurin in der arabischen Redaktion der DDR-Nachrichtenagentur ADN.[1] Seit 2002 ist Dantschke Mitarbeiterin des Zentrums Demokratische Kultur“ (Quelle: Wikipedia). Bekannt geworden ist Claudia Dantschke u.a. durch ihre geschätzte Mitarbeit bei AYPA-TV (dazu mein älterer Artikel in der Istanbul PostAYPA-TV). AYPA-TV hat seine Arbeit inzwischen ins Internet verlagert. Claudia Dantschke hat, wie sie gestern informierte, leider keine Zeit mehr journalistisch zu arbeiten.

Ihr gestriger Vortrag stand unter dem Titel „Salafistische und djihadistische Szenen in Deutschland – Anziehungskraft, Rekrutierung, Akteure“.

Zum Hintergrund der vierteiligen Vortragsreihe merkt die Fachhochschule Dortmund an:

„Der Salafismus, eine erzkonservative theologische Auslegung des Islam, die einen eng umgrenzten Korpus an Texten wortgenau in die Tat umsetzen möchte und sich im Spannungsfeld zwischen konservativem Islam und politischem Islamismus bewegt, ist mittlerweile in den deutschen Mainstreamdebatten angekommen. Beim Salafismus handelt sich um eine radikale Gegenposition des gesellschaftlichen Mainstreams, von dessen Attraktivität sich nicht nur muslimische Jugendliche angesprochen fühlen. Salafistische Angebote sind im Internet ohne Probleme zu finden und liefern einfache Antworten auf die komplexen Fragen des Lebens rund um Identität, Religion, Moral und Werte.“

Sprach das Grußwort: Prodekan Prof. Dr. Marcel Hunecke.

Sprach das Grußwort: Prodekan Prof. Dr. Marcel Hunecke.

Das Grußwort am gestrigen Abend sprach Prodekan Prof. Dr. Marcel Hunecke, seines Zeichens Psychologe. Er hob die Wichtigkeit einer interkulturellen Perspektive und Notwendigkeit der Reflexion dessen hervor. Hunecke sprach, eingehend auf einen Artikel in der Zeitschrift „PSYCHOLOGIE HEUTE“, die darin hergestellte Kombination von Sozialarbeit und Salafismus an.

Stellte die Gastreferentin vor: Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak.

Stellte die Gastreferentin vor: Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak.

Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak kennt Claudia Dantschke schon länger. Sie hatte einmal ein Interview mit ihm geführt. Toprak unternahm es die Referentin, welche auch als Publizistin tätig ist, vorzustellen. Ahmet Toprak informierte darüber, dass Dantschke in Berlin die Beratungsstelle „HAYAT“ (Leben) leitet. Toprak nannte die Referentin „eine ausgewiesene Expertin“.

Symbolik, Evolution und grüner Vogel

Evolution bis hin zum grünen Vogel.

Evolution bis hin zum grünen Vogel.

Dantschke sprach zunächst über die Symbolik von Rechtsextremen, die sie benutzen, um bestimmte Verbote zu umgehen (18, 88, oder altgermanische Runen) und darüber, was Rechtsextreme und Salafisten unterscheide. Die Referentin machte das an einem Evolutionsbild deutlich, das beginnend von der Darstellung eines Kleinkindes in einem Symbol in Form eines grünen Vogels des Paradieses gipfelt. Dieses Symbol sei jedoch ein rein islamisches, kein radikales, islamistisches oder djihadistisches. Djihadisten greifen islamische Symbole des Mainstreams auf und füllen diese mir ihren eigenen radikalen Inhalten. Das Vorgängersymbol, die höchste Stufe dieser „Evolution“ zeigt einen Kämpfer mit Waffe. Werde man in diesem Kampf als Mudschahid zum Märtyrer, fliege sozusagen die Seele in Form dieses grünen Vogels ins Paradies. Und zwar auf die höchste Stufe. Des Weiteren sprach Dantschke über die Einteilung des Salafismus und seiner Strömungen. Da gibt es eine puristische, im religiösen Sinne fundamentalistisch zu nennende Szene. Sie hängen der konservativen Islaminterpretation an: „Du musst so leben wie der Prophet Mohammed und die ersten drei Nachfolgegenerationen.“ Diese Menschen seien, so Dantschke, jedoch religiös verpflichtet – lasse man sie ihre Form Religionsausprägung leben – die herrschende Staatsordnung zu achten. Auch wenn diese von ihren Ansichten abweicht. Diese Szene wird nicht vom Verfassungsschutz beobachtet, weil nicht verfassungsfeindlich. Dantschke: „Ich vergleiche das manchmal ein bisschen mit den Amish-People in den USA.“ Die Puristen verträten die Ansicht jede Herrschaft ist besser als Chaos, weshalb diese nicht hinterfragt und hingenommen werde. In der Beratungsarbeit seien die Puristen z.T. wichtige Partner in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen, die den Djihadisten folgen und auf dem Absprung zum IS nach Syrien seien. Während in bestimmten arabischen Ländern die Puristen in der Mehrheit seien, geht Dantschke aus eigener Erfahrung davon aus, dass sie hierzulande eine Minderheit bildeten. Zahlen gibt es jedoch keine, denn alle existierenden Zahlen zum salafistischen Milieu stammten ausschließlich von den Sicherheitsorganen, die die Puristen nicht beobachten..

Nicht jeder Salafist ist gleich militant

Der politische Salafismus unterteile sich noch einmal. Die Mehrheit geht missionarisch und ideologisch vor. Gegen die Gesellschaft, gegen Demokratie gerichtet. „Sie wollen aber das Ziel nicht durch Gewalt und Terror erreichen“, sagte Claudia Dantschke, „sondern von unten durch Mission und Überzeugung“. Ein kleinerer Teil des politischen Salafismus sei aber auch in bestimmtem Falle dazu bereit, Gewalt auszuüben. Freilich hüteten sie sich, zum Kampfe aufzurufen, weil dies ja justitiabel wäre. Sie begreifen aber Gewalt als legitim, wenn der Islam und die Muslime angegriffen würden und legen damit die Rechtfertigungsgrundlage für diejenigen, die nicht mehr nur reden, sondern handeln – die Djihadisten. Die Behörden ordnen 7900 Personen der salafistischen Szene zu. Es gibt aber darüber hinaus ein riesiges „Dunkelfeld“, meint Dantschke. Nach eigner Erfahrung schätzt sie das ganz nahe Umfeld auf 10 bis 20 000 Personen. Was aber durch nichts belegt sei. Allerdings sei nicht jeder Salafist gleich militant. Jeder siebte (1100 Personen; davon 420 „Gefährder“) gilt als militant. Die Mehrheit sei jedoch „ideologisch geprägt, antidemokratisch, demokratiefeindlich“.

Wer sozusagen schnell zu den 72 Jungfrauen will, lässt sich auf eine Warteliste setzen“

Nach Syrien ausgereist sind wohl 790 Personen (Multiplikator für die Dunkelzahl 2 – 4) aus Deutschland. Dantschke: „Wahrscheinlich sind 1500 weg. 120 der Ausgereisten sind tot. Mindestens 20 kamen bei Selbstmordanschlägen ums Leben. Rückkehrer soll es 270 geben. Davon 70 mit Kampferfahrung. Man weiß: Viele kommen desillusioniert und traumatisiert zurück. Wer im IS-Gebiet ankommt, weiß Dantschke, kommt erst einmal ins Auffanglager. Es werde abgefragt, welche Fähigkeiten oder Kompetenzen die Kämpferinnen und Kämpfer mitbringen und auch was sie machen möchten. Einer will vielleicht an die Front, der andere zur Polizei. Ein anderer ist womöglich ein guter Manager, der den Staat mit aufbauen will. „Wer sozusagen schnell zu den ‚72 Jungfrauen‘ will, lässt sich auf eine Warteliste setzen“.

Es wird über Emotionen gearbeitet

Verbreitet wird die salafistische Ideologie in sogenannten Islam-Seminaren. Claudia Dantschke spielte einige YouTube-Clips ab, wo Prediger und auch Menschen zu Wort kommen, die über das, was sie in diesen „Islam-Seminaren“ erleben, in den höchsten Tönen schwärmen. Es werde, so kommentierte Dantschke, „hier unheimlich über Emotionen gearbeitet“. Als eine andere Form der Einflussnahme seitens der politischen Salafisten stellte die Referentin die Ansprache auf der Straße vor. Viele Jugendliche, die oft von ihrer Religion wenig bis nichts wissen, sollen auf den „richtigen Weg“ geführt werden. Die wiederum würden dann ihrerseits auf die Straße geschickt, um andere Jugendliche vom vermeintlich falschen Weg abzubringen und zu bekehren.

O Schwester, bedecke dich!“

Zielt diese Art von „Streetwork“ in erster Linie auf männliche Jugendliche, wendet sich die Aktion „O Schwester, bedecke dich!“ explizit an Mädchen. Wir kennen das: Mädchen, für die ihre Identität Muslima sehr wichtig ist, tragen oft ein Kopftuch, unterscheiden sich aber Schulter abwärts in der Kleidung nicht von den anderen Mädchen. Manchmal tragen sie auch Schmuck oder schminken ihr Gesicht. „Für sie ist es wichtig Kopftuch zu tragen“, sagte Claudia Dantschke, „vielleicht ist es auch Familientradition.“ Sie sagten, als gute Muslima muss ich das Kopftuch tragen, „erklären können sie es aber nicht“. Dantschke: „Sie sind oft nicht in ihrer Religion sprechfähig.“ Hier setzen die Salafisten ein. Sie erklären – auch anhand von Bildern – die muslimische Frau muss alle Rundungen verhüllen. Heißt, den Hidschab tragen. Nur Hände, Füße und Gesicht (umstritten) dürfen zu sehen sein. Der Hidschab darf nicht durchsichtig und auch nicht parfümiert sein, nicht am Körper anliegen.

Die Rundungen, Brust, Oberschenkel und Hintern dürfen sich nicht abzeichnen. Also scheidet auch das Tragen von Hosen aus. Die Salafisten fragten dann: „Du willst doch eine gute Muslima sein?“ Und schon hätten sie oft ein Bein in der Tür. Es entsteht für diese Mädchen so etwas wie „eine Mobbingsituation“. Es werde Scham und Schuld impliziert. Aber gleichzeitig haben die Salafisten auch eine Lösung parat. „Komm zu uns, wir zeigen dir wie eine richtige Muslima zu sein hat!“ Manche Mädchen können sich dem entziehen, andere aber nicht.

Bist du Muslim?“

Die arabischen und türkischen Jungs, die auf der Straße angesprochen werden, kriegen die Salafisten schon über die Frage: „Bist du Muslim?“ Sie werden natürlich mit einem Ja antworten, da das „Muslim sein“ ein wichtiger Teil ihrer Identität ist. Doch bei Fragen, wann sie das letzte Mal in der Moschee waren, kommen die, die vielleicht die Fastenzeit gerade mal drei statt dreißig Tage durchgehalten haben, für gewöhnlich schon ins Schleudern. Ein „Einfallstor“, sagte Claudia Dantschke. Auch hier entsteht Schamhaftigkeit und Schuld bei den Jungen. Dann werden Flyer und CDs von Pierre Vogel, Sven Lau oder noch radikaleren Predigern verteilt oder auf eine Jugendgruppe hingewiesen. Und manch ein Junge beißt dann schuldbewusst wegen seiner religiösen Defizite an. In den Jugendlichen, die mit dieser Missionsaufgabe betraut werden, erwächst Stolz, dass ihnen von Erwachsenen Vertrauen entgegengebracht wird. Vielleicht das erste Mal. Und so sind sie sehr engagiert und sehr überzeugend. Dantschke: „Jugendliche, bei denen gerade ein offenes Fenster ist, die unsicher sind und nach Orientierung suchen“, sind besonders empfänglich für derlei missionarische Ansprache der z.T. ebenso alten Salafisten. Es finde eine Art, wie Dantschke es sarkastisch ausdrückte, „salafistische Sozialarbeit“ statt. Es gehe im Selbstverständnis dieser „Sozialarbeiter“ darum, „die Jugendlichen aus dem dekadenten System Demokratie herauszuholen“. Dahinter stehe eine Lesart, die man allerdings nicht allein von den Salafisten, sondern auch von anderen konservativ-religiösen Leuten anderer Religionen hören könne. Eingedenk dessen: Ein mit Moral und Ethik ausgestatteter Mensch werde man erst „durch die Lenkung von Gott“. Die Demokratie sei sozusagen von Übel, „weil der Menschen sich an die Stelle Gottes gesetzt hat“, gab die Referentin zu bedenken. Oftmals sind sogar die Eltern der Jugendlichen – wenn auch nicht begeistert – damit zufrieden. Sollen die Kinder doch beten. Besser als saufen und kiffen! Zu spät bemerken sie oft, wo die Jugendlichen da hinein geraten sind. Die salafistischen Einflüsterer schwören die Jugendlichen geschickt auf die Zeit im Paradies ein. Das Hier und Jetzt sei doch nur eine Zwischenwelt. Und Reichtum ein Scheinvergnügen. Die Belohnung warte im Paradies. Der materielle Reichtum werde gewandelt in eine andere Orientierung und die Hoffnung darauf, was im Paradies kommt. Die Jugendlichen gehen in keine Diskothek mehr, hören keine Musik, treffen sich nicht mit Mädchen. Sie versuchten diesen strengen Weg zu folgen. Claudia Dantschke: „Wenn man sie dann fragt, wie stellst du dir denn das Paradies vor, antworteten sie: da habe ich dann alles, da habe ich Weiber, da kann ich trinken, da kann ich Party machen, da habe ich Highlife …“ Dies sei eine „ganz plakative Vorstellung vom Paradies, über die Mainstream-Muslime gewiss den Kopf schütteln“.

Sehr bedenklich: Das Predigernetzwerk „Die wahre Religion“

Als sehr bedenklich bezeichnete Claudia Dantschke das in NRW ansässige Predigernetzwerk „Die wahre Religion“ um Abou Nagie, Abu Dujana und Abu Abdullah, die in Hinterzimmern und separaten Veranstaltungen Jugendliche ideologisieren und damit radikalisieren. Sie erinnerte an die Ausschreitungen in Solingen und Bonn im Mai 2012. Bekannt wurde das Netzwerk mit der kostenlosen, an sich harmlos daherkommenden und überhaupt nicht radikal anmutenden Verteilung von Koran-Exemplaren innerhalb der Straßenaktion „LIES!“. Gegendemonstrationen mit der Verteilung des Grundgesetzes hält Dantschke für kontraproduktiv. „Damit bestätigt man genau das Narrativ, das die Jugendlichen überhaupt erst mal dorthin geführt hat, nämlich die Verschwörung von Politik, Sicherheitsapparat, staatlichen Lehrern und Medien gegen den Islam und die Muslime.“ Eine Gegenaktion sollte ihrer Meinung nach von sunnitischen Gläubigen kommen, die sich neben den „Lies!“-Stand stellen und Koran-Stellen heraussuchten und laut vorläsen, worin es um das Gemeinsame der Religionen geht. Etwa die Barmherzigkeit von Allah. Damit könnte gegen salafistische Selbsterhöhung angegangen werden und die Religionshardliner unter Umständen verwirren.

Der „Pop-Djihad“

Es hat sich vor diesem Hintergrund ein, wie es Claudia Dantschke zu nennen pflegt „Pop-Djihad“ entwickelt. Auch gezeigt an einem Plakat, das einen Salafisten zeigt, der einem Weihnachtsmann einen Kinnhaken versetzt. Dieser stehe für westliche Kultur, Demokratie, Christentum, für alles Dekadente. Diese Jugendkultur sei eine radikale Subkultur und komme aus Westeuropa, erklärte Dantschke, und sei nicht aus dem Nahen Osten „eingeschleppt worden“. Die Jugendlichen seien hier geboren und sozialisiert worden. Sie haben in irgendeiner Form Frust in ihrem Leben oder emotionale Ausgrenzung erfahren. Erreicht werden könnten heute Jugendliche bis sogar in ein abgelegenes ostdeutsches Dorf. Ganz einfach via Chats im Netz und über die jugendkulturellen Medien. Auch von dort gingen Jugendliche zum IS nach Syrien. Sogar Mädchen.

Vom Outfit her sehen die Jugendlichen gar nicht aus wie klassische Salafisten etwa in Pluderhosen und Kaftan. Zu diesem „Pop-Jihad“ (Quelle: Tagesspiegel) gibt es nämlich auch die passenden hippen Klamotten. Die Gruppen ähneln mit ihrem Outfit eher einer Jugendgang mit Bart. Ungestutzt, wie bei Mohammed. Sweatshirts mit speziellen Symbolen oder Militarylook. Claudia Dantschke projizierte Bilder von T-Shirts. Eines könne man verbieten. Aber nur, weil es dem Verein „Tauhid Deutschland“ zuzuordnen ist und der im März 2015 verboten wurde. „Tauhid“ selbst ist der Begriff für das islamische Verständnis des „Monotheismus“ und wäre als religiöser Begriff nicht angreifbar. Ebenso T-Shirts mit dem Glaubensbekenntnis. Oder das T-Shirt mit dem Shahada-Finger. Claudia Dantschke hält die Erklärung mancher Medien, dies sei das Handzeichen des IS für problematisch. „Zeigefinger der rechten Hand noch oben, heißt nichts anderes als ich bezeuge den Tauhid, dass nur Allah der Souverän ist.“ Die IS-Leute instrumentalisierten wie zuvor Al-Qaida dieses Zeichen, zögen dies zu sich, um für sich in Anspruch zu nehmen, als einzige „den wahren Islam“ zu vertreten. „Ein Handzeichen bei Massenveranstaltungen schafft Gruppenidentität“, so waren es zunächst die Muslimbrüder, die dieses religiöse Handzeichen politisiert haben.

Supermuslim und Supermuslima und der Löwe Osama

Die Kids wüchsen ja mit den ganzen US-amerikanischen Comic-Streifen auf. So wird Superman zum Supermuslim. Auf YouTube fände man hochprofessionell gemachte Supermuslim-Filme, hergestellt von einem Deutsch-Türken.

Für Frauen, die den Hidschab nicht schmücken dürfen, gibt es Handtaschen mit einer neuen Stilisierung von Tauhid, mit einem zum Schwert gemachtem T, oder mit dem Emblem der „Supermuslima“. Juristisch ist das alles nicht zu verbieten. Mit dem Schriftzug „mein kleiner Löwe“ auf einem Babystrampler kommt der Löwe als das Tier der Djihadisten zu Ehren. Das mutet witzig an. „Ist aber gar nicht witzig“, gibt Claudia Dantschke zu bedenken: „Osama bin Laden, Osama übersetzt heißt Löwe.“ Mit dem Bild der Löwin bzw. des Löwen werde sowohl bei Al-Qaida als auch beim IS gearbeitet. Was implizieren diese T-Shirts und Strampler also: „Wir sind die Löwen des Islam.“

Dieser „Pop-Djihad“ sei also überhaupt nichts Harmloses. Es ist nichts anderes „als die mit den Mitteln der Popkultur an die Jugendlichen herangebrachte radikale Ideologie und Menschenverachtung“.

Es gibt charismatische radikale Prediger, die ihre Predigten aufzeichnen und auf YouTube einstellen. „Doch“, fragte Claudia Dantschke in den vollbesetzten Hörsaal hinein, „welcher Jugendliche folgt schon so einer einstündigen Aufzeichnung mit Standbild bis zum Ende?“ Wohingegen kurze rasant geschnittene hippe Videos auf YouTube Jugendliche fesselten. Da ist wieder die Popkultur. Die gleiche radikale Botschaft ist so viel leichter herüberzubringen.

Wenn sich die zum IS Ausgereisten bei den Eltern melden

Mit den zum IS Ausgereisten bestünde Kontakt. Sie melden sich fast alle bei den Eltern oder alten Freunden, die noch nicht ausgereist sind. Sie posteten sogar Fotos. Da würden dann graue Leichen oder welche mit schwarzen Gesichtern gezeigt. Vielleicht sind die Leichen vom Wüstensand grau. Es handelt sich um Leichen der Feinde: Assad-Kämpfer oder Kurden. Kommentiert werden diese Fotos dann so: „Siehst du diese schwarzen Leichen, siehst du von den Sündigen die Gesichter, wie sie schwarz werden.“ Das ist der Beweis für sie, dass diese Toten nun in der Hölle sind. Dem setzen diese Jugendlichen dann andere Bilder gegenüber – Großaufnahmen vom Gesicht der gefallenen Freunde, auf denen vermeintlich ein Lächeln zu sehen ist. „Siehst du das Lächeln in seinem Gesicht? Er hat schon im Tod das Paradies gesehen“. Das exklusive Versprechen sowohl der politischen als auch der djihadistischen Salafisten an die Jugendlichen, ihnen den Einzug ins Paradies und damit ewiges Glück garantieren zu können, wenn diese nur ihrem Weg folgen, während alle anderen auf ewig in der Hölle die schlimmsten Qualen erleiden müssen, ist sehr wirkungsmächtig und soll durch diese nach Deutschland geposteten Bilder untermauert werden.

Gegen Ende ihres Vortrags wies Dantschke darauf hin, dass wir es nicht mit einem „männlichen Problem“ zu tun haben. „Auch für Mädchen ist das Thema sehr attraktiv.“ Und die Referentin warnte: „Faktisch ist keine Familie in Deutschland davor gefeit, dass ihr Kind sich radikalisiert. Wir haben Ausreisen aus der Ganz-Deutschland.“ Gemeinsam hätten diese Jugendlichen, dass sie „religiöse Analphabeten“ seien. Sie erlebten Islam oder Christentum meist nur als Familientradition. Es gäbe ja auch Christen, die nicht erklären könnten was Pfingsten ist. Die Jugendlichen seien auf der Suche nach Erklärungen. Was ist denn eigentlich Islam? Die Prediger sprächen ihre Sprache, auch in Deutsch und nicht über ihre Köpfe hinweg. Sie böten Erklärungen entlang des Lebensalltages der Jugendlichen. Und wenn die Jugendliche das Gefühl bekämen: „Das ist es! Das kann ich nachvollziehen, das kann ich praktizieren, das gibt mir was – dann ist das für diese Jugendliche der wahre Islam.“ Dann hülfe es auch nicht sie zum nächsten Imam zu schleppen, damit der ihm was über „den richtigen Islam“ erzähle. Wenn der Jugendliche emotional getroffen ist, dann ist das für ihn der Islam. In der salafistischen Gemeinde habe er zudem jemanden, der ihn an die Hand nimmt. Und Struktur ins Leben bringt. Allein schon fünf Mal Beten am Tag erfüllt diese Aufgabe. Viele der Jugendliche sehnen sich danach, dass irgendwer sich endlich mal um sie kümmere und ihnen Orientierung gibt. Und mit der salafistischen Ideologie kann man sich von den Eltern abgrenzen. Was ja doch typisch für Jugendliche jedweder Generation war und ist. In der Gruppe erlebt er Gemeinschaft, Akzeptanz unabhängig der Herkunft oder des Reichtums seiner Familie und vermeintliche Gerechtigkeit. Nach dem Motto: Ich bin der wahre Muslim, wer ist mehr?

Was tun?

Gefragt seien behutsame Pädagogik und Sozialarbeit. Hat man es mit einem Schrei nach Aufmerksamkeit, nach Liebe zu tun oder steckt bei Auffälligkeiten mehr dahinter? Herausfinden müssten das in einem ersten Schritt die Sozialarbeiter und die Pädagogen „mit ihrem Handwerkszeug“ – nicht der Staatsschutz, meint Expertin Dantschke.

Ein hochinteressanter, fesselnder Beitrag und kluge Fragen zum Schluss

Ein sehr informativer und vor allem plakativer Vortrag, lobte Dekan Prof. Dr. Mehmet Toprak, sei das gewesen. In der Tat hochinteressant und fesselnd. Lebendig vorgetragene Fakten und Erkenntnisse aus erster Hand machten dieses Referat aus. Anschließend wurden aus dem Publikum heraus nicht wenige interessante und kluge Fragen gestellt, welche Claudia Dantschke kompetent zu beantworten verstand. Wegen sozialer Ausgrenzung, zeigte sich die Referentin überzeugt, radikalisiere sich in Deutschland niemand. „Das sind zwar Push-Faktoren, aber keine Ursachen.“ Sie gab noch einmal ausdrücklich zu verstehen, dass sie an diesem Abend nicht vom Islam sondern ausschließlich vom politischen Salafismus und Djihadismus gesprochen habe. Wir hätten hier vier Millionen Muslime und massenhaft islamische Einrichtungen. Der Islam könne in einer Demokratie kompatiblen Form kennengelernt werden. Der Punkt sei nur, dass viele der Einrichtungen noch auf Arabisch oder Türkische predigten und statt die Jugendlichen anzusprechen sich vielleicht nur um den Bau der nächsten Moschee kümmerten. Was sie in den Schaubildern grün oder rot (gewaltlos/gewalttätig) gekennzeichnet habe, sei ähnlich im Rechtsextremismus. Müsse man sich nur mit dem NSU oder auch mit der NPD auseinandersetzen? Die NPD sei nicht gewalttätig. „Ihre Ideologie ist aber die Basis auf der bestimmte Leute gewalttätig sind.“

Die politisch-missionarischen Salafisten seien auch nicht gewalttätig. Aber die Ideologie, ihr Fundamentalismus kann von anderen Gruppen in Gewalt umgesetzt werden. „Politischer Salafismus ist eine der Ideologien der Ungleichwertigkeit“, meinte Dantschke.

Wo setzt Beratung an?

Im sozialen Umfeld wird angesetzt. Bei den individuellen Ursachen. Angesprochen auf die Rolle der Medien und ihre Darstellung des Islam äußerte sich die Referentin hoffnungsvoll. Auch betreffs der Meinungsfreiheit und Vielfalt. Trotz „bescheuerter Medien“ und „plakativer Talkshows, die quasi alles kaputtmachen, was wir vorher an Verständnis aufgebaut haben“.

Wie Dekan Toprak informierte, wird Claudia Dantschke in der nächsten Sendung von „Hart aber Fair“ zu sehen sein. Allerdings, so schränkte die Referentin ein, nur für fünf Minuten.

Kritischer Film: „Die dunkle Seite der Wikipedia“

Die meisten von uns dürften das Online-Lexikon Wikipedia des Öfteren benutzen. Das umfangreiche Nachschlagewerk ist ja an und für sich auch eine schöne Sache. Und noch dazu kostenlos. Wer als Journalist mit Wikipedia arbeitet, wird nach einer gewissen Zeit vorsichtiger Informationen daraus zu benutzen. Beziehungsweise überprüft den dort angebotenen Inhalt. Denn man kann sich nicht immer ausschließlich auf Wikipedia verlassen. Und in manchem Falle unter Umständen auch überhaupt nicht. Am zuverlässigsten sind anscheinend Einträge, welche sich mit naturwissenschaftlichen Themen und Aspekten befassen.

Dem Filmemacher Markus Fiedler – Lehrer von Beruf – hat sich akribisch mit Wikipedia. Er machte nämlich selbst keine gute Erfahrung mit dem Online-Lexikon. Von der Sache her kann jeder an Wikipedia mitarbeiten.

Der „Fall“ Dr. Daniele Ganser

Markus Fiedlers Dokumentarfilm „Die dunkle Seite der Wikipedia“ arbeitet sich besonders am „Fall“ des Wikipedia-Artikels über den Schweizer Historiker und Friedensforschers Dr. Daniele Ganser ab. Denn dieser zeigt beispielhaft, wie es einen ergehen kann, wenn man irgendwie vom Mainstream abweichend unterwegs ist. Daniele Ganser befasst sich neben vielem anderen mit den Vorgängen um 9/11. Und speziell auch um das dritte in New York Gebäude WTC 7, dass obwohl es nicht von einem Flugzeug getroffen wurde einstürzte und sich um das Ereignis herum rankende Ungereimtheiten. Obwohl Ganser wissenschaftlich genau arbeitet und überhaupt keine unbewiesenen Behauptungen über 9/11 aufstellt, sondern nur Ungereimtheiten benennt – wird aus ihm nicht zuletzt durch Eintragungen auf Wikipedia ein „Verschwörungstheoretiker“.

Fiedler machte mit Wikipedia eine ungute Erfahrung. Er hatte im Artikel den Satz „Er greift Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 auf und stellt sie als diskutable wissenschaftliche Erklärungen dar.“ gelesen und war nicht einverstanden damit.

Gegenüber Jens Wernicke sagte er dazu: „Als ich daher versuchte, mit meinem langjährig ungenutzten Wikipediakonto eine Korrektur dieses Satzes zu erwirken, geschah Seltsames: Obwohl ich einen sachlich formulierten Text in die Diskussion zum Artikel Ganser eingestellt hatte, in dem ich auf die genannte und einige weitere Unzulänglichkeiten des Wikipedia-Artikels einging, wurde ich unter fadenscheinigen Begründungen umgehend als Vandale gemeldet und danach recht schnell von einem Admin mit dem Kommentar ‚beratungsresistenter Meta-Account“ gesperrt. Dieses Vorgehen in der Wikipedia war vollkommen regelwidrig und wurde aber auch, wie ich dann herausfand, bereits inflationär bei anderen Benutzern praktiziert. Und zwar ausschließlich bei solchen, die im Ganser-Artikel mehr Sachlichkeit einforderten und nicht über ein langjährig genutztes Wikipedia-Konto verfügten.“

Wikipedia keineswegs seriös und überparteilich

Mittels seiner umfangreichen Recherchen kam Markus Fiedler zu dem Schluss, dass Wikipedia keineswegs durchgängig seriös und überparteilich ist. Und auch bei Themen und Ereignissen die konträr diskutiert werden nicht sachlich – wie es bei wissenschaftlichen Arbeiten sein sollte und auch journalistischer Pflicht entspricht – über verschiedene Standpunkte aufklärt.

Markus Fiedler bescheinigt dem Online-Lexikon „vermachtet-autoritäre, intransparente Strukturen sowie Parteilichkeit bei gesellschaftspolitischen Artikeln“

In einem kürzlich auf den NachDenkSeiten erschienenem Interview, das Jens Wernicke mit Markus Fiedler führte, „bescheinigt“ dieser „dem Online-Lexikon vermachtet-autoritäre, intransparente Strukturen sowie Parteilichkeit bei gesellschaftspolitischen Artikeln – und steht mit dieser Einschätzung alles andere als allein.“

Fiedler fand heraus, dass an dem Artikel immer wieder auffallend Autoren wie „Phi“ und „Kopilot“, der früher auch als „Jesusfreund“ in Erscheinung trat, herumwerkeln. Auch in anderen Artikel treten diese Autoren in Aktion.

Wikipedia hat also eine „dunkle Seite“. Eine Art „tiefer Staat“? Wie funktioniert dieses System Wikipedia?

Den Versuch dies aufzuklären macht der Film „Die dunkel Seite der Wikipedia“. Ken Jebsen sprach darüber mit Markus Fiedler für KenFM.

Der Film ist sehr professionell gemacht und spannend bis zum Schluss. Ich empfehle ihn unbedingt anzuschauen. Vielleicht hilft dieser, dass Wikipedia irgendwann verlässlicher wird?

Die Verlässlichkeit von Wikipedia-Artikeln kann übrigens auf Wikbu überprüft werden. Hier als Beispiel am Eintrag zu Dr. Daniele Ganser.

Update vom 11.11.2015: „Kopilot“ meldet sich

Kenntnisreich und fesselnd geschrieben: Dr. Michael Lüders „Wer den Wind sät“

Buchcover via CH Beck Verlag.

Buchcover via CH Beck Verlag.

Wir als Menschen werden und können nie alles wissen. Aber wir können uns immerhin schlau machen. Also uns informieren. Dann kämen wir beispielsweise – nehmen wir Hochaktuelles – relativ schnell darauf, warum derzeit so viele Flüchtlinge auf dem Weg zu uns oder in andere westeuropäische Länder sind. Die „besorgten Bürger“ einmal ausgenommen. Die sehen ja offenbar nur die Flüchtlinge auf uns zukommen. Die Ursachen nehmen sie nicht in den Blick. Und wenn sie es denn täten, akzeptierten sie es nicht: ihr Weltbild bekäme wohl Risse …

Bei Wikipedia steht zu lesen: „In seinem berühmten Text, der Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? von 1784 schreibt Kant:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“[1]

Kenntnisreich und fesselnd geschrieben

Gesetzt den Fall, wir strebten an, uns aus unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien, rate ich, sich der Leitung von Dr. Michael Lüders anzuvertrauen. Respektive unbedingt zur Lektüre seines neuesten Buches „Wer den Wind sät – Was westliche Politik im Orient anrichtet“ zu greifen.

Ob dieses hochinteressante, fesselnd geschriebene und zu kenntnisreichen Informationen verhelfende Sachbuch vom US-amerikanischen Politologen Andrew B. Denison (Transatlantic Networks) gelesen worden ist, scheint zumindest fraglich. Denn Denison bügelte in der gestrigen Phoenix-Runde Kritik an dem Vorgehen seines Landes im arabischen Raum gewissermaßen als die ewige Leier eines Antiamerikanismus ab. Läse Denison aber Lüders Buch, verstünde er welche Verantwortung die Politik seines Landes für die Destabilisierung der Welt und speziell im Nahen und Mittleren Osten trägt. Aber zugeben täte er es wohl gleich den „besorgten Bürgern“ nicht. Stichwort: eigenes Weltbild, dass im Sinne des Amerikanischen Imperiums zusammen gedacht ist.

Sündenfall Mossadegh

Immerhin können wir nach Lektüre des Buches von Lüders Mister Denison soweit beruhigen: Die USA sind nun nicht an allem Unheil in der Welt (allein) schuld. Sondern wie im Falle des Sturzes der ersten demokratischen Regierung des Iran in 1950er Jahren unter Premier Mossadegh war es Großbritannien – dessen Ölfirmen von Mossadegh verstaatlicht worden waren – das dabei voranschritt, erst später beim schmutzigen Komplott eingestiegen. Der Sündenfall nach 1945!

Inzwischen zugängliche CIA Dokumente – Dr. Lüders hat sie eingesehen-, belegen, wie der Sturz Mossadeghs durch Großbritannien und die USA geplant wurde.

In der Sendung „Titel Thesen Temperamente“ sagte Dr. Michael Lüders kürzlich über Mossadegh: „Er war ein Bewunderer gerade der amerikanischen Demokratie“, namentlich von Abraham Lincoln. Das alles nützte ihm aber nichts, denn es galt als unbotmäßig, dass ein Staatschef in einem Land der Dritten Welt sich anmaßte, gegen westliche Wirtschaftsinteressen politisch vorzugehen.“

Herr, die Not ist groß!/Die ich rief, die Geister/werd ich nun nicht los“

Lüders skizziert samt wichtigen Hintergründen 60 Jahre westliche Politik und deren teils schwerwiegenden Fehler. Heraus kommt u.a., dass die Entstehung der Taliban (via vorausgehender US-amerikanischer Unterstützung der Mudschaheddin ) in Afghanistan, von Al Quaida bis hin zur Entstehung des Islamischen Staates ohne eine unmittelbare Täterschaft (bzw. ein Gewährenlassen) ohne US-amerikanische Politik nicht möglich gewesen wäre. Diktatoren , mit denen die USA zuvor bestens und zwar nach dem Motto „Er mag ja ein Hurensohn sein, aber er ist unser Hurensohn“ zusammengearbeitet hätten. würden von Washington immer erst dann ins Visier genommen, wenn sie nicht mehr nach dem Willen und den Interessen Washingtons tanzen wollten. Dann bezeichne man sie als die „Bösen“ – ja sie bekämen das vernichtende Prädikat „Hitler“ verpasst. Dann kommen die USA, um Demokratie zu bringen. Meist fehle der Plan, wie es nach dem Regimewechsel weitergehen solle. Alles erinnert dann immer an eine Stelle in Goethes „Zauberlehrling“: Herr, die Not ist groß!/Die ich rief, die Geister/werd ich nun nicht los.“

Nicht nur Blechschäden

Das alles sind keine bloßen Ausrutscher mit Blechschäden. Nebenbei bemerkt sind die USA laut einer Studie, auf welche der Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser einmal hinwies, höchstwahrscheinlich für den Tot von 20 bis 30 Millionen Menschen durch Kriege und Konflikte in der ganzen Welt verantwortlich.

Und die blutige Spur westlicher Politik, auch EU-Politik begleitet von Menschenrechtsheuchelei und dem Gerede von hehren Werten zieht sich bis hin zu den Ereignissen in der Ukraine.

Büchse der Pandora geöffnet

Dem ARD-Kulturmagazin „ttt“ sagte Lüders: „Einer der größten Fehler, die die Amerikaner gemacht haben nach dem Sturz von Saddam Hussein, war, dass sie die Armee aufgelöst haben, die Geheimdienste und die Baath Partei von Saddam Hussein. Damit waren über Nacht Hunderttausende Sunniten arbeitslos, die dann in den Untergrund gegangen sind und sich heute den Reihen des Islamischen Staates wiederfinden. Man hat gewissermaßen die Büchse der Pandora geöffnet, und jetzt ist man nicht mehr in der Lage, diese Geister, die man da gerufen hat, wieder kontrollieren zu können.“

Lesen!

Wo wir wieder bei den zu uns strömenden Flüchtlingen wären. Aufgemerkt? Mehr sei hier nicht verraten. Lesen! Dieses Sachbuch von Dr. Michael Lüders möchte ich unbedingt zur Lektüre empfehlen. Jedenfalls denen, die frei nach Immanuel Kant den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit suchen. Damit sind gewiss nicht alles Probleme gelöst – wie auch?! – aber die Leserinnen und Leser wissen zumindest woher sie rühren. Das ist nicht nichts. Im Gegenteil. Es ertüchtigt womöglich auch zu eigenem Handeln.

Zwecks Einstimmung auf das Buch empfehle ich zusätzlich ein Video mit einer Aufzeichnung eines Vortrags von Michael Lüders über sein Buch an der Deutsch-Amerikanischen Akademie in Heidelberg (via SWR-Teleakademie).