Eugen Drewermann am Antikriegstag in Dortmund: „Mit wirklichen Individuen ist kein Krieg zu machen“

Eugen Drewermann während seines engagierten und frei gehaltenen Vortrags in Dortmund. Foto: Stille

Eugen Drewermann während seines engagierten und frei gehaltenen Vortrags in Dortmund. Foto: Stille

Eugen Drewermann hielt am vergangenen Donnerstag in der Dortmunder Pauluskirche anlässlich des Antikriegstags 2016 einen Vortrag. Ein gern gesehener Gast dort.

Der bekannte Kirchenkritiker, Theologe, Therapeut, Psychologe und Autor zahlreicher Bücher und Schriften ist seit Jahrzehnten auch ein anerkannter und gern gehörter Redner auf Friedensdemonstrationen. Geschätzt wird er für seine brillante Klarheit und Tiefsinnigkeit in den frei gesprochenen Vorträgen.
Sein Thema diesmal: „Friede ist eine Form der Freiheit – Oder von den Gründen des Krieges und ihrer Überwindung!“

Unser schlimmster Gegner: der Krieg

Keinen tieferen Gegner hätten wir, begann Eugen Drewermann, als das, was man als Krieg bezeichnet. „Solang er wütet ist die Botschaft von der Erlösung der Welt mit jeder Zeitung, die täglich erscheint widerlegt.“

Der Einzelne könne wohl nach Max Weber den Weisungen der Bergpredigt zu handeln. Wer jedoch Verantwortung trage, so zitiert Drewermann Weber weiter, „kann unmöglich den Weisungen Jesu im 5. bis 7. Kapitel des Matthäus-Evangeliums folgen“. Wer nicht verstehe, wie Max Weber einst sagte, „dass oft aus guten Taten böse Folgen sich zeitigen und oft aus bösem Tun gute Wirkungen, ist politisch ein Kind.“

Gott lässt keinen Krieg zu

Wann, fragte Drewermann, finden wir zurück zu der Einheit des Vertrauens, dass Gutes nur entstehen kann aus einer rechten Gesinnung? Wir müssten Lügen, um die Wahrheit herauszufiltern.

Wir müssten grausam handeln, um die Menschlichkeit zu befördern. Wir müssten morden, um das Leben zu retten.

Oft höre Drewermann Menschen fragen, warum Gott Krieg zulasse. Warum also an ihn glauben? Die Wahrheit aber sei: Gott lasse keine Krieg zu. Er rede in unserem eigenen Herzen. In einer Deutlichkeit, dass wir viel an Verdrängung, an Propaganda, an Umerziehung brauchten, das alles zu überhören. Die Rede kam auf die Zerrissenheit des Menschen.

Die Geschichte von Kain und Abel unser aller Geschichte

Noch keine drei Seiten sei die Bibel alt, als sie davon berichte was aus uns wird, wenn wir den Hintergrund des Vertrauens der Einheit mit der Macht, die möchte, dass wir sind, den Garten Eden verlieren. Und unter einem Gefühl lebten, wie auf der Flucht sein zu müssen.

Und so kam Eugen Drewermann auf die Geschichte von Kain und Abel zu reden.

Im gewissen Sinne sei die unser aller Geschichte.

Menschen nämlich, die sich verstoßen und nicht geliebt fühlten, versuchten aufs Äußerste liebenswert zu sein, in dem sie die Erwartungen anderer erfüllten und übererfüllten.

Wir, in wechselseitiger Konkurrenz stehend, müssten oft versuchen besser dazustehen als der andere.

Immer sei vor uns jemand, der heller ins Licht getreten ist als wir selber. Der werfe auf uns einen langen Schatten. Diesen müssten wir beseitigen, um selber wieder zugelassen zu werden.

Wir müssen andere Menschen oder Völker entmenschlichen, um sie töten zu können

Was sei denn an Napoleon groß, außer der Ziffer der Ermordeten? Jeder Krieg basiere darauf, andere sozusagen zu entmenschlichen, indem man sie als Unmenschen, Barbaren, Ratten und Ungeziefer erscheinen lässt oder als Terroristen bezeichnet.

Aggressivität wird gegen die Entmenschlichten geschürt. Wie umerziehbar der Mensch doch ist, gab Eugen Drewermann in Erinnerung an Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ seinen Hörerinnen und Hörern zu bedenken. Wie erschreckend einfach Durchschnittsbürger wie etwa sie, die vor ihm im Kirchenschiff sitzenden, doch zu schrecklichen Untaten zu bringen seien! Wie es möglich wurde, wie im Roman beschrieben, dass Männer schon nach nur fünf Wochen Drill auf dem Kasernenhof bereit waren, die von ihren Herrschern zu Gegnern bestimmten Menschen brutal zu töten. Und sie als Soldaten auch noch empfanden Großes fürs Vaterland zu tun! Wie sie einem Vorgesetzten gehorchten, der bis vor kurz noch einfacher Postbote gewesen war.

Man musste ihnen nur weismachen: Unsere Gruppe ist besser als die Gegengruppe. In jedem Krieg verführe man nach dem Muster: Unmenschen müssen getötet werden. Das Gebot „Du-sollst-nicht-töten“ werde so erschreckend leicht vergessen gemacht.

Aus Krieg wurde „Humanitäre Intervention“

Schlimmer noch: Führte man früher auch noch dem Namen nach Kriege, geschieht gleiches heute unter der euphemistischen Bezeichnung „Humanitäre Intervention“. Vernebelnder Begriff. Zynisch.Wir gehen, so führte Eugen Drewermann aus, nun inzwischen wie die Ärzte chirurgisch an den Krebs heran und schneiden ihn heraus. Und retten damit vorgeblich Leben. Das klingt gut.

Unterwerfung und Gehorsam machen es möglich

Doch wahr ist ebenfalls: Ohne Unterwerfung des Individuums unter das Kollektiv ist Krieg – wie immer man ihn auch nennen möge – nicht ins Werk zu setzen. Drewermann sprach das bekannte Milgram-Experiment an. Da wurden Menschen dazu gebracht, anderen Menschen Stromschläge zu versetzen. Als Strafe für Fehler. Sie taten es. Erhöhten auf Anweisung – manchmal kurz zögernd zwar, aber dann doch – gar die Voltzahl!

Und ein weiteres Beispiel führte Eugen Drewermann an: Den US-Bomberpiloten einst bei Günter Jauch in dessen RTL-Talkshow zu Gast, welcher eine Atombombe auf Nagasaki abgeworfen hat. Wie konnte der Mann in den letzten Jahrzehnten bloß leben? Der Bomberpilot hatte Jauch kalt geantwortet: Jeder Soldat der Welt hätte doch dasselbe getan. Befehl ist Befehl. So ähnlich auch die Antworten von Nazi-Kriegsverbrechern einst bei den Nürnberger Prozessen auf die Fragen der Ankläger. Eugen Drewermann: Genau so ist es: Der Gehorsam ist es!

Man kann im Verkehrten nichts richtig machen“

Wie also Kinder so erziehen, dass das Denken mit dem Gefühlen übereinstimmt und die Gefühle mit dem Denken? Nur so könne die Schizophrenie beendet werden. Unbedingten Gehorsam gibt es nicht! Gott solle gefolgt werden. Hitler war kein Gott. Dennoch folgten ihm unsere Kirchen staatstragend bereits ab 1935, sagte Drewermann. Es ist die alte Crux: Immer werden wir dazu genötigt Dinge zu tun von denen wir sicher sind, dass sie falsch sind. Drewermann eindringlich: „Man kann im Verkehrten nichts richtig machen .“

Wir haben Herz und Geist

Und auch wahr: Mit wirklichen Individuen ist kein Krieg zu machen.

Wir Menschen sind keine Insekten. Wir haben Herz und wir haben Geist. Beides macht uns zur Person. Wagen wir das zu sein, sind wir als Soldaten untauglich.

An Jesu sei zu lernen: In seiner Not ist ein Einzelner in seinem Glück unendlich viel mehr wert als die ganze Masse. Eugen Drewermann: „Das zersetzt die Vorbereitungen zum Krieg.“

Nach Albert Camus: „Stalin kann nicht vergessen machen, dass es Dostojewski und Tolstoi gab.“

Die da drüben, bekämen wir beigebogen, sollen Unmenschen sein. „Nur weil Putin regiert in Moskau?“, fragte Eugen Drewermann.

Und hielt mit Albert Camus dagegen: „Stalin kann nicht vergessen machen, dass es Dostojewski und Tolstoi gab.“

Diplomatie sei die Devise. Ignorierten wir die Bedürfnisse anderer, könne es kein Ausgleich geben

Wenn jeder aber glaube er hat recht, dann macht das den Krieg möglich.

Nur wer besser mordet solle im Recht sein? Drewermann redete den Menschen ins Gewissen: Wenn die Geschichtsbücher das schreiben, lügen sie Wahrscheinlich hat der bessere Mörder doppelt unrecht. Wie bereits 1520 (!) Erasmus von Rotterdam gewusst habe.

Frauenrechte? Wirtschaftsinteressen stehen hinter den Kriegen: „Wenn Sie etwas anderes lesen, so ist es eine Lüge.

Als Motiv für Kriege werde oft eine Verantwortung benannt, die man habe. Beispielsweise die Frauenrechte in Afghanistan durchzusetzen. Eugen Drewermann dazu: Er frage sich, wie lange die Leute im Pentagon damals an dieser Lüge überlegt haben, die Taliban hätten den afghanischen Frauen erst die Burka angezogen. Er selber sei in denn 1970er in Afghanistan gewesen und sei Frauen in der Burka begegnet. Aber die Leute glaubten es. Gerade Feministinen hätten dieser Lüge Glauben geschenkt und dafür sogar militärische Einsätze befürwortet!

Klar, gab Drewermann zu: „Länder müssen sich auch in der Frage des Zusammenlebens von Mann und Frau und deren Rechte weiterentwickeln. Aber das müssen sie selber tun.“

Nicht hinzunehmen sei, wie sich die US-Soldaten nicht nur in Afghanistan daneben benommen haben, um ihnen vorgeblich menschliche Werte zu bringen! Gar Demokratie! Wirtschaftsinteressen stünden stets dahinter. „Wenn Sie etwas anderes lesen, so ist es eine Lüge. Es gehe um Öl. Pipelines oder wichtige Rohstoffe, wie etwa dem Koltan, das in unseren Smartphones steckt und hauptsächlich im Kongo vorkommt. Das Todesurteil für die Taliban sei deren Ablehnung einer durchs Land geplanten Pipeline gewesen. Von wegen Frauenrechte und westliche Werte!

Eugen Drewermann: Güte wäre unendlich mehr als Gerechtigkeit

Ein weiterer Punkt im Vortrag: Schuld bei Gott werde nachgelassen statt bestraft. Übertragen auf Umgang mit Geld sollten wir in diesem Sinne nicht

Die Dortmunder Pauluskirche am Abend. Foto: Stille Schützenstraße aus gesehen.

Die Dortmunder Pauluskirche am Abend. Foto: Stille Schützenstraße aus gesehen.

nur an das gequälte und gedemütigte Griechenland denken. Schulden gelte zu reduzieren zum Bezahlbaren hin.

Kriege vermeiden, helfe nicht zuletzt Güte obwalten zu lassen. Eugen Drewermann regte an: „Ließen wir die Vorstellungen vom gerechten Gott, von der Gerechtigkeit unseres eigenen Staatswesens hinwegfallen, gäbe es auch keine mehr zu rechtfertigenden Kriege mehr und wir träten hinein in eine Welt der Güte. Güte wäre unendlich mehr als Gerechtigkeit. Eine Erlösung gar.

Die Angst überwinden

Auf die Bergpredigt anspielend, sagte Drewermann, er höre oft von Menschen, denen man – wie auch immer – sozusagen auf die rechte Wange geschlagen habe, dass sie nicht einmal daran denken könnten, nun auch noch linke hinzuhalten.

Doch er gibt denen stets zu denken und den ihm Zuhörenden auf den Weg: „Wenn wir es nicht lernen Angst zu überwinden, werden wir immer wieder hineinfallen in Absicherungsmechanismen bis hinein in die Militarisierung der Gesellschaft. Zeitungen hetzen uns in Angst. Auf den Bahnhöfen sollten uns Kameras Sicherheit suggerieren. „Achten Sie auf ihr Gepäck“, ertöne es aller naselang in manchmal drei verschiedenen Sprachen. Alles der Sicherheit wegen. Die permanente Überwachung nehme zu. Der Sicherheit wegen.

Es gelte nach den Bedürfnissen des anderen zu fragen. Nicht ihn und andere Gruppen zu stigmatisieren und auszugrenzen.

Unsere innere Identität in Vertrauen, wäre die Antwort auf die Gefahr des Todes.

Eugen Drewermann hat die Sehnsucht nach Frieden nahegebracht

Vielen der Besucherinnen und Besuchern des wiederum interessanten Vortrags Eugen Drewermanns dürfte dessen Inhalt – kristallklar vermittelt – tatsächlich die Sehnsucht nach Frieden nahegebracht haben. Wie der Gast aus Paderborn die Hoffnung geäußert hatte, dass dies geschehen sein möge. Drewermann versprach ohne zu zaudern wiederzukommen zu wollen in die Pauluskirche, wo er schon mehrfach sprach. Da brauchte Gastgeber Pfarrer Friedrich Laker nicht lange bitten. Das Publikum stimmte mit kräftigem Applaus weiteren Einladungen zu. Kritisch anzumerken wären ein paar für die Ohren des Publikums schmerzhafte Rückkopplungen, welche im Verlaufe des Abends aufgetreten waren.

Die Kollegen von Regenbogentv.de haben Drewermanns Vortrag aufgezeichnet:

Die musikalisch Gestaltung der Veranstaltung oblag der Gruppe CANTICO.

Kirchentag „Mensch und Tier“: Eugen Drewermann wirbt für Mitleid und mahnt neue Ethik an

Eugen Drewermann während seines Vortrages in der Dortmunder Pauluskirche; Fotos: C.-D. Stille

Eugen Drewermann während seines Vortrages in der Dortmunder Pauluskirche; Fotos: C.-D. Stille

Der Theologe, suspendierte katholische Priester, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann kommt von hinten durchs Kirchenschiff der evangelischen Pauluskirche zu Dortmund. Er nimmt das vorbereitete Handmikrofon vom Rednerpult auf der „Bühne“.

Zum Soundcheck hatte er sich schon einmal kurz vorher eingefunden. Mikrofonabstand zum Mund, Tonhöhe gab er professionell vor. Spricht: „Westfälischer Dialekt dürfte keine Schwierigkeit sein, komme ja von hier.“ Die Technik korrigiert. Drewermann fragt das Publikum, ob alles in Ordnung ist. Es müsse ja in dessen eignen Interesse liegen, alles deutlich zu verstehen. Ein Zischen hört er. Es wird abgestellt.

Wie ausprobiert, hält Eugen Drewermann das Mikrofon. Seine Worte sind deutlich zu verstehen. Der gebürtige Bergkamener hat sich neben das Rednerpult gestellt. Hinter eine weiße Skulptur, welche einen sitzenden Hund darstellt. „Eigentlich“, so hebt Drewermann an, müsste ich jetzt über das Schreckliche reden, was in der Ukraine, in Gaza und anderswo passiert …“ Aber ja, gewiss: er ist da, um zum Thema „Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer) zu sprechen.

Lebewesen, viel stärker als der Mensch bringen sich gewissermaßen dem Menschen zum Opfer

Ideologen sähen ein Problem, in der Verbreitung des menschlichen Speisezettels von pflanzlicher zu tierischer Nahrung. In den hunderttausenden Jahren „der Eiszeit vor allem auf der Nordhalbkugel hätten wir keine Überlebenschance gehabt, ohne auf die Jagd zu gehen. Unter Lebensgefahr.“ Zur Erhaltung der Art habe da Fleisch gegessen werden müssen. Man verwertete die Knochen und anderes. Essentiell zum Leben. Fast religiös das Gefühl: „Lebewesen, gewissermaßen viel stärker als der Mensch bringen sich „gewissermaßen zum Opfer, damit die Menschen leben können.“

Drewermann spricht vom Bär. Der könne auf zwei Beinen gehen. Er wurde noch im 20. Jahrhundert von sibirischen Stämmen wie ein göttliches Wesen verehrt. „Wenn wir sie schon töten, dann nicht ohne sie an den Himmel zu setzen“: Das Sternbild Großer Bär. Göttliches zu töten, verursachte Schuldgefühle. Bei bestimmten Stämmen, etwa in Afrika, pflege man noch heute durch eigene Versöhnungsriten, wenn man Tiere hat töten müssen. „Man möge ihnen die Entnahme von Lebensnotwendigen nicht verargen.“

Hemingway: „Man kann einen Menschen vernichten oder ihn nicht mehr lieben“

Dann kommt Eugen Drewermann auf Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ zu sprechen. Nie hatte der alte Mann so einen mächtigen Fisch an der Leine, den er drillt, bis dieser sich aus dem Wasser heraus in die Sonne hebt. Der alte Mann fragt sich, welches Recht er habe, das zu tun.

Dann erlebe der Mann die Unbarmherzigkeit der Natur. Nachdem er den Fisch erlegt hat, sammeln sich die Haie. Fressen ihn bis aufs Skelett ab. So kommt der Mann mit der nach langer Fahrt mit der leeren Fracht im Hafen an. Die Formel Hemingways sei, so Drewermann: „Man kann einen Menschen vernichten oder nicht mehr lieben. Vom Kampf ums Dasein.“

Kulturen, die buchstäblich noch von der Jagd auf Tiere leben und leben müssen, brächten ein ungleich intensiveres, innigeres, sensibleres, respektvolleres Verhältnis zu den an unserer Seite lebenden Arten“ auf, als „wir Bewohner der Wohlstädte“. In späteren Zeiten – „seit 6000 Jahren, seit dem Beginn des Ackerbaus“ hätten wir zunehmend die Notwendigkeit zunehmend entbehren können, Tiere zu erlegen. Nur sie als Speise zu verwerten.“

Und Drewermann wirft die Frage in den Raum: „Was verbindet uns mit einem lebenden Tier?“

Gewiss sei es selbstverständlich, dass die Anwesenden für den Tierschutz eintreten. Wären sie sonst gekommen?

Jeden Tag werden auf der Erde etwa 150 Tier- und Pflanzenarten ausgerottet

Drewermann: „Es ist gar nicht mehr nötig, dass wir auf die Tiere Jagd machen.“ Die Jäger aber würden ihre Existenzberechtigung mit der Hege und Pflege des Tierbestandes beschwören, mit dem Artengleichgewicht. Natürliche Gegner existierten nicht, man müsse sie kurzhalten. Ihr Ersatz seien die Jäger. „Ob die Begründung zutrifft, stehe dahin.“

Für das Artengleichgewicht dürften sie von Nutzen sein und als Waldschützer notwendig. Stichwort: Verbiss durch Tiere. Aber das Töten dieser Tiere, so Drewermann, sei im Grund fast marginal im Gegensatz zu dem Schicksal, was wir allein durch die Tatsache, dass wir so existieren wie wir existieren den Tieren auferlegen. „Auch der heutige Tag wird nicht zu Ende gehen, ohne das im Durchschnitt etwa 150 Tier- und Pflanzenarten auf dieser Erde ausgerottet sein werden. Das geht seit etwa 30, 40 Jahren so.“

Das Zauberwort „Wachstum“ – „Der Druck, der dahintersteht ist die Bevölkerungsexplosion

All das interessiere so gut wie Niemanden. „Dass wir dabei sind, die uns am nächsten stehenden Artgenossen, biologische betrachtet: unsere Vettern auszurotten …“

All dies scheine den Regierenden egal zu sein. .„Der Druck, der dahintersteht ist die Bevölkerungsexplosion.“ Als Lösung für scheinbar alles fungiere stattdessen das uns gut bekannte, der wie ein Zauberwort Wort verwendet Begriff „Wachstum“. „Arbeitsplätze generieren, die Wirtschaftskrise lösen: Wachstum soll die Lösung sein. Für das Wachstum brauchen wir eine wachsende Zahl von Konsumenten.“

„Die Wirtschaft hat immer mehr an Wünschen.“

Zur Zeit seiner Geburt, 1940, sagt Drewermann, habe man noch bei 3,5 Millionen Erdbewohnern gestanden.

Fruchtbarkeit predigt die Kirche – Wir haben das kultiviert

Zu Jesus von Nazareths Zeiten – vor 2000 Jahren – leben auf der Welt 250.000 Millionen Menschen. Zu Luthers Zeit schon eine halbe Milliarde. In der Goethe-Zeit um 1800 leben

80 Prozent der Menschen auf dem Lande. Bis zu zwölf Kinder gebar eine Frau damals. „Die Hälfte starb vor der Zeit.“ Schreckensausblick: Im Jahre 2050 könnten 9 Milliarden Menschen unseren blauen Planeten bevölkern..

Diese Tatsache habe man kultiviert: Fruchtbar sein. Die katholische Kirche predigt das.

So habe Papst Johannes Paul II. noch vor Jahr und Tag in Nigeria erklären können, es sei „die Warnung vor der Bevölkerungsexplosion ein übertriebener Pessimismus“.

Ab welcher Größenordnung soll denn der reale Pessimismus einsetzen?“

„Eure Heiligkeit“, ruft Eugen Drewermann dem gewesenen Papst nach: „Es sterben auf der Welt jedes Jahr 50 Millionen Menschen. Das ist so viel wie im Zweiten Weltkrieg, in 6 Jahren. Absichtliche Vernichtung in Europa und Ostasien hat Menschenmassen gefressen. Krankheiten, Seuchen und Hunger lassen die Menschen heute sterben. Ja, auch Kriege. „Ab welcher Größenordnung. wann soll denn der reale Pessimismus einsetzen? Ab einer Milliarde Verhungernder? Ab 3 Milliarden Verhungernder? Die wir haben werden, wenn wir so weiter machen.“ Mit Blick auf den Menschen sollten wir das vermeiden können.

Drewermann erinnert: Eine Bevölkerungskontrollkommission und Konferenz hat zuletzt 1995 (!) in Kairo stattgefunden. „Der Vatikan, die Ayatollahs und der amerikanische Bibelgürtel hat Beschlüssen verhindert. Seit dem denkt niemand mehr daran.“ Wachstum muss als zentrales Problem begriffen werden.

Im Mittelmeer lassen wir jährlich 3000 Flüchtlinge ertrinken. Was wird erst für eine Rücksicht den Tieren gegenüber herrschen?

„Sollen wir Südgrenze Europas einfach absprengen“ Eugen Drewermann die Menschen im Kirchenschiff. „Aus dem Mittelmeer einfach ein Massengrab machen? 3000 Tote im Jahr. Frontex ist da, um „sie abzutreiben“. „Was wird erst für eine Rücksicht den Tieren gegenüber herrschen?“

Im Flächen zu gewinnen werde weiter Urwald gerodet, verbrannt. Die Menschen werden erst wach, wenn das Smog in Singapur auslöst. Tiere. Können Menschen wirklich auf sie Rücksicht nehmen? Wie mit dem Messer schneide man Straßen in die Natur. „Vom Wattenmeer bis zu den Hochalpen gibt es das, was man Natur nennt, gar nicht mehr. Renaturierung wird versucht.

Horrorvision für 2050

Der Referent spricht Stuttgart 21 an. Wir erinnern uns: ein seltener Käfer ist in Gefahr. „Was wird passieren?“ so Drewermann nüchtern, realistisch.

„Es gibt ein Moratorium. Aber kein Gericht wendet sich gegen die Interessen des Kapitals.“

„2050“, entwirft Eugen Drewermann eine Horrorvision, „werden wir nur noch das von der Natur sehen, was eigenen Überlebensinteressen dient. Was Unterhaltungswert besitzt. Parklandschaften. Krickenten in einem Teich.“

Die Menschheit vernichte heute Pflanzen, die wir nicht einmal kennen. „Vielleicht enthalten sie ein Pharmakon? „Helmut Kohl, als er noch regierte, konnte einmal sagen Man kann den Urwald ja wieder aufforsten.“ Gelächter. Drewermann gibt zu bedenken: Das ist ein so komplexes Ökosystem. Das kann man nicht nachbauen.

Und gesteht zu:

„Vieles geschieht aus Blindheit, ist nicht einmal böser Wille.“

Hintergrund unserer Ethik habe sehr viel – fast immer – mit Religiosität zu tun. Verantwortung aber müsse generell übernommen werden. Ein rechter Umgang mit Leben vermittelt werden. Doch es läuft anders: „Schützenswert sind im Zweifelsfall nicht die Tiere, einzig die Menschen. Das verstünde man unter Verantwortung.

Gegen Tiere immer. Gegen die heilige Kuh Auto nimmer

Nun werden die Anwesenden an die 1990er Jahre erinnert. Haben wir es schon vergessen? Die Krankheit BSE machte in Großbritannien und der ganzen Welt Schlagzeilen. In der Tat: Warum ging damals kein Aufschrei anderer Natur durch die Welt? Der alleinige Verdacht, dass durch den Verzehr von Rindfleisch auch menschliches Gehirn befallen könnte, reichte aus! Keinen einzigen Nachweis hatte es dafür gegeben. Es reichte, um die Gesundheitsminister Europas zu Krisensitzungen einzuberufen. Ganze Rinderbestände Großbritanniens beschloss man zu töten.

Viele Millionen Tiere töten und verbrennen. „Wenn Sie Holocaust einen wörtlichen Sinn geben: Die Ganzkörperverbrennung. Man hat die Tiere krankgemacht. Durch falsche Ernährung. Rinder sind Pflanzenfresser. Ihnen verabreichte man Tiermehl. So fraßen die Tiere Ihresgleichen. Warum? Weil es billiger ist, Tiere mit Tieren füttern.

„Der bloße Verdacht, ein unschuldiges Tier könnte Menschen krankmachen, reicht, es auszurotten“, klagt Eugen Drewermann an.

Nicht so bei des Deutschen heiliger Kuh, dem Auto. Jeden Tag stürben auf deutschen Straßen „nur“ noch 10 Personen. Zirka 3500 im Jahresdurchschnitt. Glaubten wir denn, wenn die Verkehrspolizei an Weihnachten, auch auf Grund schlechter Wetterprognosen, Grund zur Annahme hätte, dass enorme Unfallraten drohten – mit mehreren 100 Toten -, dass man da Autos von den Straßen nähme, um Menschen zu schützen? „Autoindustrie und die Wirtschaft schrien wie am Spieße.“

Gegen Tiere ginge man ohne Skrupel unbedingt vor. Beispiel Vogelgrippe.

„Sofort mussten wir Millionen Tiere töten. Vergasen am Besten. Nur die Möglichkeit, die Krankheit könne sich auf den Menschen übertragen, langte. Man schießt die Vögel vom Himmel ab, wenn ihr Kot schädlich wäre für die Menschen. Rottet aus die Vögel, sobald sie gefährlich werden!“

Der Mensch soll herrschen über die Tiere.“ (Gen 1, 27)

Das ist unsere Ethik. Sie kann es nicht besser. Weil sie im Kreis eines selbst geschaffenen Gefängnisses, denke.

Richard Dawkins, ein atheistischer Biologe, erwähnt Drewermann. Dawkins, liebe es den amerikanischen Bibelgürtel mit seinen Vorträgen aufzumischen. Die Ethik eigene Art wende sich gegen den Rest der Welt. Der Vatikan sei gegen jegliche Vernunft dafür die Abtreibung zu verhüten.

Es stimmt: Wir brauchen ein andere Ethik!

Die eigene Religion wirkt stark fehlerhaft. „Wie verkehrt die ganze Einstellung der Bibel zu den Tieren ist. Keine einzige Stelle, die günstig gegenüber den Tieren wäre“, weiß Eugen Drewermann. Unter den zahlreichen mosaischen Gesetzen findet sich auch nichst. Nur wie man schlachten soll, steht dort. Erwähnt was unrein ist. Respekt, dahingehend, weil sie Tiere sind, finde man absolut nicht.

Dagegen lese man: „Der Mensch soll herrschen über die Tiere.“ (Gen 1, 27) Radah heiße herrschen auf Hebräisch. Das könne auch auf das Treten, keltern von Trauben passen. Und auf das Niederhalten eben auch von Menschen. Im neunten Kapitel Genesis (Sintflut) steht zu lesen: „Schrecken soll sein den Tieren vor den Menschen.“

Eugen Drewermann: Kurzsichtig und eng ist die Weltbetrachtung in der Bibel

Ein Bischof habe einmal gesagt: Tiere können keine Rechte haben, weil sie keine Pflichten haben. „Aber haben Vögel keine Pflichten?“, fragt der suspendierte Priester. „Nester bauen. Jungen großziehen endlos Futter suchen.“

Man brauchte es den Vögeln „nicht von außen auf steinernen Tafeln verkünden. Sie folgen eine innerem Antrieb.

Anders andere Kulturen. Indianerkulturen beispielsweise. Die Achtung vor Natur, ist ihnen eingeschrieben. Wir jedoch setzen unser Wissen um Tiere ein, um sie immer besser auszubeuten. Ja, man erinnert sich durch Drewermanns Worte: Wie lehrreich war damals die Radiosendung „Der Tierfreund erzählt“. Man erfuhr etwa, warum eine Katze den Nachwuchs erst einmal geheim hält, versteckt. Wir lernten mit den Tieren zu fühlen.

Tierfilme heute sind mit einer Spitzentechnik aufgenommen, die es damals nicht gab. Wir wissen von den Tieren mehr als je zuvor. Etwa, dass Wale über tausende Kilometermiteinander kommunizieren. Doch dann kam das Dampfschiff. Und deren Lärm. Heute schlimmer als je zuvor. Begehen Wale deswegen massenhaft Selbstmord? Ist es der Dauerlärm? Drewermann: „Es ist uns egal“.

Veterinär-Studium ohne Vermittlung von Verhaltenforschung

„Was machen Leute, die durch das eigne Studium mit Tieren beschäftigt sind? Zum Beispiel Tierärzte.“ Wie können sich manche von ihnen nur in den Dienst von der nicht artgerechten Massentierhaltung stellen und den Tieren mit Medikamenten vollpumpen.

Erst wenn Pharmaka über das Fleisch Menschen in Gefahr bringt, reagieren zuständige Stellen. Vor dem Vortrag hat Eugen Drewermann eine Tierärztin gesprochen. Sie wies ihn daraufhin, im gesamten Studium (!) nichts über Verhaltensforschung gelehrt bekommen zu haben.

Tierschützer sollen sich strategisch gegen Massentierhaltung wenden

Tierschützer kämpfen für viele einzelne Zielen. Das sei nicht grundsätzlich falsch, sagt Drewermann. „Doch wenn wir Interessen der Tiere schützen wollen müssen wir strategisch denken.“ Da könne man sogar einmal vom Militär lernen. Von Clausewitz: Werde an einem einzigen Punkt der Durchbruch erzielt wird, bewege sich alles andere. Konzentrisch von früh bis spät müsse demzufolge gegen die Massentierhaltung angegangen werden.

Nicht generell müsse man gegen Fleischgenuss sein. Grüne Landwirtschaft könne sein. Früher war Fleisch viel zu teuer. Einmal die Woche kam es in der Regel auf den Teller. „Als die Amerikaner mit ihrer neuen Kultur kamen“, sei das vorbei gewesen. Warum sollen wie die Trapper leben, die nach schwerer Arbeit abendlich Steaks verzehren? Eugen Drewermann: „Wir sind keine Trapper.“

Nicht auf der Basis eines gemachten schlechten Gewissens agieren

Nachdenken sei angesagt. Nahrungsgewohnheiten müssten geändert. Aber nicht auf Basis eines gemachten schlechten Gewissens. Da wird auf den Philosoph Schopenhauer verwiesen, der durchaus für jeden nachvollziehbar meinte: Man kann den Glauben so wenig erzwingen wie die Liebe. Wenn man es versucht, erzielt man Atheismus oder Hass.

Also dessen eingedenk: „Du bist ein schlechter Mensch. Ich hab dich ertappt, wie du eine Wurst ist. Das geht gar nicht. Das ist eine Schweinerei. Ich bin gut.“ So ist es nach Drewermann garantiert falsch.

Eine neue Ethik – auch nach Schopenhauer – gelte es aufzubauen.

Mitleid ist das Gegenteil von Herablassung

Eugen Drewermann fordert eindringlich Mitleid mit Mensch und Tier, sowie eine neue Ethik.

Eugen Drewermann fordert eindringlich Mitleid mit Mensch und Tier, sowie eine neue Ethik.

Tiere verstehen sofort. Die Katze tue das, egal ob man Deutsch oder Französisch redet. Es sei der Tonfall. Die Katze ist verführerisch. Nicht die Herrin herrscht über die Katze, sondern die über Herrin.

Unsere Gefühle müssten sich mit den Tieren verbinden. Vernunft allein reiche nicht. Starke Gefühle sind es, die nötig seien. Mitleid wäre entscheidend, nicht wie Viele meinen: Mitgefühl. Schließlich bedeute Sympathie im Griechischen genau das: Mitleid.

Schon Schopenhauer habe das betont: Mitleid sei das Gegenteil von Herablassung. Vielmehr sei es eine Identifikation mit anderen. Drewermann bringt als Beispiel das des auf der Straße sitzenden Bettlers. Dächten nicht wenige Zeitgenossen: Der ist selbst schuld. Hätte besser aufpassen sollen, in der Schule. Und nach Alkohol riecht er auch! „Um dann selbst im nächsten Kaufhaus verschwinden.“ Man kann allerdings auch sagen, begreifen. Aber das mir selber auch geschehen.

„Irgendetwas kann im nächsten Moment zwischen meinen beiden Schläfen passieren.“ Und dann: Krankheit, Hartz IV. „Wenn ich aus der Kirchentür rausgehe, kann es passieren“, gemahnt der Referent.

Mitgefühl heiße etwa mit anderen zu lachen. Mitleid ist etwas, das einem etwas kostet.

Auch die Tiere können leiden. Ihnen müssten wir beistehen. Wenn wir Zahnschmerzen bekämen, könnten wir Medizin einnehmen, den Schmerz bekämpfen, bis der Zahnarzt 9 Uhr montags öffnet. Eine Tier habe keine Ahnung wie lange ein Schmerz anhalten. Ob er jemals wieder verginge. „Das Tier weiß nichts und liegt still in der Ecke.

Angriffsziel müsse die Massentierhaltung sein. Noch einmal Schopenhauer: Was wir den Tieren antun, tun wir uns an.

Eugen Drewermann ruft die Atomversuche der Amerikaner auf: 40 000 Tiere nimmt man damals mit. Herauszufinden, wann Trommelfelle platzen. Was effizient zum Tode führt.Mitleid kommt da nicht vor

„Glauben Sie man könnte den Gazastreifen bombardieren wie in dieser Stunde, wenn es ein Mitleid mit den Menschen die da getötet und verkrüppelt werden, gäbe?

Tiere erhalten, schon aus eigenen Gründen. Wunden in der Landschaft an anderer Stelle wieder schließen

Indianer feierten eine Zeremonie ähnlich dem Erntedankfest. „Sie wissen, dass man den Tieren nichts wegnehmen kann ohne einen Diebstahl an ihnen zu begehen.“ Ein Stamm mache sich die Bohnenmaus zunutze. Er bete zu ihnen, um ihnen Weisheit zu geben. „Man muss erhalten schon aus eigenen Gründen. Die kleinen Tierchen lagern Bohnen ein. Die Indianer entnehmen Bohnen aus deren Lagern. Aber eben nur so viel wie sie brauchen. Wir vergasen die Hamster, Weizen sammeln. Wir haben riesige Überproduktion. Aber die Hamster müssen wir als Schädlinge ausrotten.“

Dass Tiere eine Seele haben, wird immer noch bezweifelt. Wer so etwas sagt zeige eigentlich nur, dass er selber keine hätte.

Sähen wir die Tiere von innen her, könnten wir durch eine Schule der Weisheit gehen.

Gleichgewicht zwischen Natur und Kultur ist dringend herzustellen.

Und wenn wie mit dem Messer Straßen in die Landschaft geschnitten sein, müsse dem Minister gesagt werden: „Das muss du wieder ersetzen. Die Wunden wieder schließen an anderer Stelle.“

In 30 Jahren könne es durchaus so sein, dass wir Vögel nur noch in den Lautsprechern der Kaufhäusern zwitschern hören, wir ins Museum gehen, um die Schönheit eines Kolibris zu betrachten …

Und noch einmal ernstlich zu Bedenkendes. Man habe gehört, Obama wolle die IS ausrotten wie eine Geschwulst. „Das Böse töten. Dann ist die Welt besser? Können dann nicht auch die Hungernden töten, dann ist sie satter vielleicht. Oder die Traurigen töten?

Fazit des interessanten Abend mit Eugen Drewermann:

Mitleid verdienen die Menschen. Die Tiere ebenso. Ein anderes Menschenbild ist vonnöten, eine andere Verantwortung gefragt. Es gilt unsere eigene Liebe zu retten.

Schaden, den wir der Natur zufügen wird linear unmittelbar uns schaden. Dies muss uns im Hinterkopf sein. Es bedarf unbedingt einer neuen Ethik.

Eugen Drewermann blickt auf seine Armbanduhr. Anderthalb Stunden hat er geredet. Davon ist einem fast alles fest im Sinn. Sein ganz besonderer Sprachduktus macht es möglich. Es ist zu spät für eine Teilnahme an der nachfolgend geplanten Podiumsdiskussion geworden. Mit einer leichten Kopfbewegung signalisiert Eugen Drewermann dies Pfarrer Friedrich Laker, der den Kirchenkritiker herzlich dankt. Langer, verdient Applaus für den Referenten. Ein Vortrag, von dem gewiss viel hängen bleibt in den Köpfen der Leute. Womöglich nicht nur bei denen, die ohnehin für Tierschutz erwärmt sind.

Durch die Kirchentür Richtung Paderborn

Dann geht Eugen Drewermann mit seiner Aktentasche durch die Kirchentür hinaus auf die Dortmunder Schützenstraße. Möge lange nichts zwischen seinen beiden Schläfen geschehen, dass diesen großen Geist beeinträchtigt. Wir brauchen ihn noch lange. Zielstrebig, gewiss die frische Abendluft genießend, schritt er Richtung Hauptbahnhof. Wohl um den Zug nach Paderborn,  wo der Schriftsteller, Psychoanalytiker und suspendierte Priester Eugen Drewermann lebt und arbeitet, zu erreichen.

Lesen Sie zum Kirchentag „Mensch & Tier“  in Dortmund auch diesen Beitrag.

Kirchentag „Mensch & Tier“ in Dortmund: Für eine „Theologie des Lebens“

Pfarrer Friedrich Laker (links) in der Dortmunder Pauluskirche begrüßt Eugen Drewermann (rechts im Bild); Fotos: C.-D. Stille

Pfarrer Friedrich Laker (links) in der Dortmunder Pauluskirche begrüßt Eugen Drewermann (rechts im Bild); Fotos: C.-D. Stille

Haben Tiere eine Seele? Der evangelische Pfarrer Friedrich Laker der Lydia-Gemeinde in Dortmund dürfte der festen Überzeugung sein, dass dem so ist. Das bundesdeutsche Tierschutzgesetz, heißt es zur Erklärung auf Wikipedia, sei zum Zweck erlassen worden „aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen”. Um die Kirche im Dorf zu lassen: Was tut sie eigentlich dafür – für unsere Mitgeschöpfe?

Pfarrer Friedrich Laker: Die Kirche vernachlässigt die Tiere

Friedlich Laker gab es diesbezüglich bei seinem „Verein“ offenbar – und das ist wohl noch sehr euphemistisch ausgedrückt – nicht allzu viel zu entdecken. Laker wirft der Kirche vor, zu wenig für den Tierschutz zu tun.

Dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte der Theologe Laker: „In der kirchlichen Lehre würden Tiere meist nur als Nutztiere für den Menschen und selten als Wesen mit eigenem Wert angesehen.“

„Die Kirche habe in den 80er Jahren zwar die Bewahrung der Schöpfung als Aufgabe entdeckt, die Tiere aber weiterhin vernachlässigt, kritisierte Laker gegenüber dem Portal „evangelisch.de“. „Es gab da keine Tradition innerhalb der Kirche.“

Bewusstsein für ein neues Menschen- und Weltbild“ wächst

In seinem Kommentar für „dieKirche“ (Druckausgabe) übte Laker ebenfalls Kritik. Jedoch konzediert er auch mit einem inzwischen auch öffentlich geschärften Blick auf Tiere als Mitgeschöpfe, das „Bewusstsein für ein neues Menschen- und Weltbild“ wachse. Das geschieht gewiss auch im Wissen um die gestiegene Massentierhaltung und dem nicht artgerechten Ausbau von Schlachthofgiganten.

Für den Gottesdienst gilt: „Tiere müssen draußen bleiben!“, aber „kein Gemeindefest“ kommt „ohne Bratwurst, kein Martinsfest ohne Gans“ aus

Pfarrer Laker kritisiert, im Umgang mit Tieren sei „vielfach Überheblichkeit, Ignoranz und ein längst überholtes Menschenbild“ zu konstatieren. Was nicht zuletzt auch der Institution Kirche anzukreiden ist. Die, so Friedrich Laker, habe den Tieren schon früh die Seele abgesprochen. Wen man von menschlicher Verantwortung rede, ende die „vielfach vor Tierställen und Schlachthöfen“. Für den Gottesdienst gelte: „Tiere müssen draußen bleiben!“. Dagegen komme „kein Gemeindefest ohne Bratwurst, kein Martinsfest ohne Gans“ aus.

Längst nicht ausgemacht, dass der Mensch „Die Krone der Schöpfung“ ist

Tiere scheinen also ein blinder Fleck in der christlichen Religion und ihrer Moral zu sein. Fast singulär der „Ausnahmetheologe Albert Schweitzer“ habe ganz anders auf Tiere geblickt. Und diesen emphatischen Blick auch im Umgang mit ihnen gelebt. Schweitzer hatte sich u.a. auch mit Tieren und Tierschutz befasst.

Friedrich Laker schreibt an Schweitzer angelehnt, dass „längst nicht ausgemacht sei, ob der Mensch Die Krone der Schöpfung sei. Der Dortmunder Pfarrer gibt zu bedenken, die Schöpfung sei nicht auf den Menschen angewiesen. Benötigt werde längst eine „Theologie des Lebens“, die anstelle einer Theologie des Menschen treten müsse.

Harte Kritik an den Zuständen und ein engagiertes Plädoyer für mehr Mitgefühl mit den Tieren

Um gehört zu werden bedarf es mitunter knackiger Worte, die ungeschönt ein Bild von der Wirklichkeit zeichnen. Nur so kann es womöglich gelingen, alte Denkmuster zu hinterfragen. Und bestenfalls aufzubrechen. So nimmt denn auch Friedrich Laker in seinem Kommentar für das Kirchenzeitung kein Blatt vor den Mund. Indem er betreffs des Umgangs mit unseren im Gesetzestext als „Mitgeschöpfe“ bezeichneten Tieren gegenüber von „Vergewaltigung des Lebens“, der „Verhöhnung der Schöpfung“ und der „Ignoranz der Kirche“ gegenüber unseren „Mitgeschöpfen“, den Tieren.

Aus der zunächst hart tönenden Kirchen-Kritik, spricht ein engagiertes Plädoyer für mehr Mitgefühl mit den Tieren, ergeben sich mindestens diese Fragen: „Kann man mit Tieren machen was man will? Haben sie eine Würde oder eine Seele?“

Zweiter „Kirchentag für Mensch und Tier“ in Dortmund

Pfarrer Lakers Handeln kann man getrost mit dem Satz „Tiere haben eine Seele“ überschreiben. Erstmals 2010 unternahm es Friedrich Laker einen Kirchentag „Mensch und Tier“ ins Werk zu setzen. Staub wirbelte dabei ein Gottesdienst unter Einbeziehung von Tieren auf. Hunde, Katzen, Vögel, Mäuse und auch eine Ratte kamen – wie Friedrich Laker kürzlich im WDR-Lokalfernsehen erzählte – mit den Menschen, die sie als Gefährten erkoren hatten, ins Kirchenschiff. Ein weibliches Gemeindemitglied erinnerte daran, dass damals aus dem Kirchenvorstand nicht nur Kritik sondern zunächst auch Ablehnung geäußert wurde. Doch der Kirchentag fand statt. Stieß auf Zustimmung.

Ambitioniertes Kirchentagsprogramm

20140823_172925Vom 22. bis zum 24. August fand nun der zweiter Kirchentag „Mensch und Tier“ in und um die Dortmunder Pauluskirche auf der Schützenstraße statt. Mit einem ambitionierten Programm. Nämlich einer Kulturveranstaltung mit Konzerten (Auftaktkonzert mit der Band EXTRABREIT), Kunst rund um das Tier und die Beziehung von Mensch und Tier (Kunstausstellung von und mit den Künstlerinnen Heike Fischer und Verena Schuh) sowie eine Podiumsdiskussion über industrielle (Massen-)Tierhaltung und mögliche Alternativen mit Vertretern aus Politik, Tierschutz, Kirche und Wirtschaft. Im Kirchgarten informierten Tierschützer über ihre Arbeit. Es wurden vegane und vegetarische Erzeugnisse angeboten.  Ein Stand bot vegetarische Speisen, Kuchen und Torten an.

Nina Hagen wegen Peta-Unterstützung ausgeladen

Für Kritik im Vorfeld des Kirchentages für „Mensch und Tier“ hatte die Absage des geplanten Auftritts der Musikerin Nina Hagen seitens der Veranstalter „wegen Hagens Unterstützung der Tierschutzorganisation Peta“ gesorgt: „Peta ist innerhalb der Tierschutzszene umstritten, weil sie den Fokus auf provokante Aktionen legen“, erklärte Pfarrer Laker.

Der prominente Kirchenkritiker, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann als ein Höhepunkt

Eugen Drewermann hielt einen spannenden Vortrag, welcher nicht nur fesselnde, sondern auch zum  Nachdenken anregte.

Eugen Drewermann hielt einen spannenden Vortrag, welcher nicht nur fesselnde, sondern auch zum Nachdenken anregte.

Als ein Höhepunkt gab es am Freitagabend ein Vortrag des prominenten Kirchenkritikers, Psychoanalytikers und Schriftstellers Eugen Drewermann zum Thema „Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer). Mein Bericht darüber hier in Kürze.

Gottesdienst für Mensch und Tier

Über Tierschutz, vegetarische und vegane Produkte informierten Vereine.

Über Tierschutz, vegetarische und vegane Produkte informierten Vereine.

Für den Sonntag war abermals ein „Gottesdienst für Mensch & Tier“ geplant.

Der kleine, aber feine Kirchentag drehte sich ausschließlich rund um den Tierschutz.

Er war nicht nur eine Protestveranstaltung gegen die industrielle (Massen)-Tierhaltung, sondern auch ein Fest des Tierschutzes in Zusammenarbeit mit dem Tierschutzverein Dortmund und anderen Initiativen und Organisationen. Und last but not least ein weiterer kultureller Höhepunkt an diesem Wochenausgang nicht nur in der Paulus-Kulturkirche, sondern darüber hinaus auch der Stadt Dortmund. Haben Tiere ein Seele? Diese Frage dürften viele Besucher des Kirchentages in Dortmund für sich wohl mit einem Ja beantwortet haben.