Leseempfehlung: Doku-Buch zum Whistleblower-Preis 2017 erschienen. Zu den Fällen, den Preisträgern – mit vielen interessanten Dokumenten, Stellungnahmen und Ausführungen über die Konsequenzen

Nach der Preisverleihung (v.l.n.r): Otto Jäckel, Martin Porwoll, Maria Klein, Can Dündar und Hartmut Graßl. Fotos: Claus Stille.

Seit 1999 wird alle zwei Jahre der Whistleblower-Preis gemeinsam von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V. (VDW) und der IALANA Deutschland – Vereinigung für Friedensrecht gestiftet. Am 1. Dezember 2017 war es wieder soweit. Im Anthroposophischen Zentrum in Kassel wurden drei Whistleblower geehrt. Den Whistleblower-Preis des Jahres 2017 erhielten die in einer Bottroper Apotheke beschäftigt gewesenen Persönlichkeiten Maria-Elisabeth Klein (Pharmazeutisch-Technische Assistentin) und ihr Kollege Martin Porwoll (Diplomvolkswirt) sowie der ehemalige Chefredakteur der ältesten Zeitung der Türkei, der Cumhuriyet, Dr. Can Dündar (lebt in Berlin im Exil). Dazu mein Bericht.

Der Fall von illegaler Panscherei von Zytostatika in Bottroper Apotheke

Dipl.-Volkswirt Martin Porwoll (Bottrop) und die Pharm.-Techn. Assistentin Maria-Elisabeth Klein (Bottrop) erhielten den Whistleblower-Preis für ihre im Herbst 2016 erfolgten Verdachts-Enthüllungen über die in der „Alten Apotheke“ in Bottrop (NRW) jahrelang praktizierte illegale Panscherei mit Anti-Krebsmitteln (Zytostatika) und über die dadurch bewirkte Schädigung mehrerer Tausend schwer- und oft todkranker KrebspatientInnen in fünf oder sechs Bundesländern.

Illegaler Waffenhandel des NATO-Staates Türkei

Der türkische Journalist und Autor Can Dündar hatte die Lieferung von Waffen und militärischer Ausrüstung, durchgeführt vom türkischen Geheimdienstes MIT, nach Syrien an islamistische Dschihadisten aufgedeckt.

(Zu den Preisträgern und wie den Begründungen für die Verleihung hier und hier mehr.)

Doku-Buch versammelt alle notwendigen Informationen und Dokumente zu den Fällen

Über die Whistleblower-Preisverleihungen und die Preisträger ist zwar berichtet worden. Doch wird in unserer schnelllebigen Zeit auch schon so manches Detail inzwischen bereits wieder vergessen worden sein. Allein der Bottroper Apothekenfall bekam vor Kurzem noch einmal mediale Aufmerksamkeit: Der für die Krebsmittel-Panschereien verantwortliche Apotheker Peter Stadtmann wurde nun zu zwölf Jahren Haft verurteilt und ein lebenslanges Berufsverbot über ihn verhängt.

Die Schwere der Taten betreffs deren Auswirkungen auf die betroffenen Patienten in diesem Fall sowie das offensichtliche Versagen der verantwortlichen Apothekenaufsicht – was auch einen Warnruf an die Politik auslösen müsste – macht es m.E. erforderlich, tiefer gehende Informationen einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, als es in bloßen Presseberichten bislang möglich gewesen war.

Dem Berliner Wissenschaftsverlag ist es zu danken, dass jetzt ein Doku-Buch (Herausgeber sind Dieter Deiseroth und Hartmut Graßl) erscheinen konnte, dass alle relevanten Informationen und Dokumente zu den Whistleblowern, deren Fällen, nebst zum Verständnis nötige Details versammelt. Es trägt den Titel „Whistleblower-Enthüllungen zu Krebsmittel-Panschereien und illegalen Waffengeschäften – Whistleblower-Preis 2017“. Erschienen ist es in der Schriftenreihe „Wissenschaft in der Verantwortung“, herausgeben von der VDW – Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V. in Verbindung mit der Deutschen Sektion der IALANA – International Association of Lawyers against Nuclear Arms Vereinigung für Friedensrecht.

Eine äußerst wichtige Publikation, welche neben allen anderen Interessenten besonders gut in den Händen von WissenschaftlerInnen, JuristInnen, JournalistInnen und PolizeibeamtInnen – aber unbedingt auch PolitikerInnen aufgehoben sein dürfte, weil wichtige Fakten enthält, welche in künftigen Fällen gute Dienste leisten dürfte. Vielleicht auch dazu beitragen wird, zukünftige Fehler zu vermeiden.

In seinem Geleitwort mahnt Heribert Prantl ein Whistleblower-Gesetz und ein neues Denken an

Das Geleitwort zur Dokumentation stammt von Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung). Der Jurist und Journalist fragte sich nach der Herkunft des Begriffs „Whistleblower“. Prantl: „Kommt der Name vom britischen Polizisten, der mit der Trillerpfeife auf den flüchtenden Straftäter aufmerksam macht? Kommt er vom Schiedsrichter, der bei einem Regelverstoß das Spiel unterbricht? Das ist jedenfalls eine ordentliche Beschreibung für den Whistleblower. Er ist einer, der Missstände, nicht tolerierbare Gefahren und kriminelle Heimlichkeiten abpfeift.“

„Die Preisträger von Kassel“ nennt er aufrechte, mutige Leute.

Über den Preisträger Can Dündar schreibt Prantl, dass dieser natürlich kein „klassischer Whistleblower“ sei, da er Journalist ist und es zu seinem Beruf gehöre „Missstände aufzudecken und zu publizieren“. „Aber:“ merkt er an “ Dündar ist ein ganz besonderer Journalist: ein Aufklärer und ein Mutmacher zugleich – er ist einer, der zeigt, dass die Pressefreiheit ein Leuchtturm-Grundrecht ist.“ Für den türkischen Präsidenten Erdogan sei Dündar ein „Verräter“. Heribert Prantl fragt darauf reagierend: „Darf ein Rechtsstaat Verbrechen begehen?“ Und antwortet: „Natürlich darf er das nicht.“ Und stellt unmissverständlich fest: „Ein Rechtsstaat darf nicht gegen Verfassung, Recht und Gesetz verstoßen.“ Und wenn es nun um Staatsgeheimnisse geht? Prantl: „Ist der Verbrecher derjenige, der ein Verbrechen anzeigt? So sähen es Regierungen und Sicherheitsbehörden gern; und so wird das Strafrecht gern ausgelegt, Recht ist das nicht.“ Heribert Prantl zeigt sich sicher: „Es gibt einen Verrat, der keiner ist: Es gibt den Hinweis auf Missstände, Regelverletzungen, auf skandalöses, gemeinwohlschädliches Verhalten, der sozialem Engagement entspringt und der Mut kostet – den Mut, sich gegen die zu stellen, die Unrecht tun und dies vertuschen; den Mut, es als David mit Goliath aufzunehmen; den Mut, die Gefahr nicht zu scheuen, beim Aufdecken von Missständen als Lügner und Nestbeschmutzer gebrandmarkt zu werden. Diesen Mut gilt es zu fördern und zu schützen. Es geht um Zivilcourage, es geht darum, dass Zivilcourage nicht zu einem existentiellen Risiko wird.“

Prantl mahnt nicht nur ein Whistleblower-Gesetz an, sondern ruft auch die Gesellschaft dazu auf, „Abschied von einer Denkweise“ zu nehmen, „der jede Art von Widerstand suspekt ist“.

Warum gerade die Entscheidung für diese Whistleblower-Preisträger?

Warum sich die gemeinsame Jury von VDW und IALANA für die Preisträger entschieden haben, erläuterte Dieter Deiseroth den LeserInnen in einem am 25.11.2017 veröffentlichten Gespräch unter der Überschrift „Moderne Gesellschaften brauchen Whistleblower“ mit Marcus Klöckner von den NachDenkSeiten. Gut, dass es dass hier besprochene Doku-Buch Eingang fand.

Reden und Laudationes anlässlich der 10. Whistleblower-Preisverleihung dokumentiert das Buch

Im Einzelnen wiedergegeben werden sämtliche anlässlich der 10. Whistleblower-Preisverleihung gehaltene Reden. Die Eröffnungsrede Otto Jäckels ebenso wie das Grußwort der Kassler Bürgermeisterin Ilona Friedrich. Sowie die Laudationes auf die Preisträger Martin Porwoll und Maria-Elisabeth Klein (von David Schraven) und Can Dündar (Dr. Michael Lüders). Allesamt hochinteressant und des Nachlesens wert. Ebenso sind Buch abgedruckt die Dankesworte der Preisträger und deren Urkunden.

Wichtige Dokumente detailliert aufgeführt

Im Teil C des Buches (ab S. 81) sind die Dokumente zum Whistleblowing der Preisträger Klein und Porwoll detailliert aufgeführt. Dazu zählen u.a. Strafanzeigen, Kündigungen, Kündigungsschutzklagen, Urteile des Arbeitsgerichts Gelsenkirchen usw. Für die LeserInnen dieses Buches werden dadurch die Fälle und einzelnen Vorgänge sehr gut nachvollziehbar. Auf den Seiten 136 und 137 finden sich Dokumente zum Whistleblowing von Dr. Can Dündar sowie Links zu Zeitungsartikeln, ein Hinweis auf Dündars Buch „Verräter“ und ein Link zu ein Video der Sendung „Özgürüz“.

Zu den Konsequenzen aus dem Fall

Im Teil D des Buches geht es um „Konsequenzen (I) für die staatliche Apothekenaufsicht (ab S. 140). Des Weiteren (ab S. 143) sind Pressemitteilung des NRW-Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales nachzulesen, sowie (S. 146) die Rede des Vorstandsvorsitzenden des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe und ein Antwort der Bundesregierung auf eine Parlamentarische Anfrage der Fraktion „Die Linke“ im Deutschen Bundestag zur staatlichen Apothekenaufsicht (S. 147). Auch finden sich auf weiteren Seiten Stellungnahmen von Politikern, Experten und Standesvertretern. Alles zum Verständnis des Falles von hoher Wichtigkeit und bestens dokumentiert.

Dieter Deiseroth hat in die Geschichte geschaut und „Historische Erfahrungen in Deutschland“ mit Whistleblowing dokumentiert, aus denen Lektionen zu ziehen wären

Nicht weniger interessant ist der Beitrag „Darf die Enthüllung eines illegalen Staatsgeheimnisses strafbar sein?“ (ab S. 166) von Dieter Deiseroth. Darin befasst sich der Autor mit „Historischen Erfahrungen in Deutschland“ und zieht darauf „Schlussfolgerungen“ und weist auf Lektionen aus der Weimarer Republik hin. So blickt Deiseroth etwa auf den Fall Erich Zeigner (damals Ministerpräsident in Sachsen, dem Landesverrat vorgeworfen worden war) zu Zeiten der Weimarer Republik zurück. Ebenso geht Deiseroth auf den Fall Carl von Ossietzky ein, der seinerzeit brisante Informationen über die geheime militärische Zusammenarbeit zwischen der deutschen Armee und Sowjetrussland unter Stalin veröffentlichte, die u.a. internationale Abkommen verletzte. Dieter Deiseroth verarbeitete ebenfalls den Whistleblower-Fall des Werner Pätsch (1963/65), illegale Fernmeldeüberwachung in der BRD betreffend.

Initiativen zur Verbesserung des Whistleblower-Schutzes

Schließlich beschäftigt sich das Doku-Buch im Teil F (ab S. 188) folgerichtig noch mit den zu ziehenden Konsequenzen: Initiativen zur Verbesserung des Whistleblower-Schutzes unter Einbeziehung von Erfahrungsberichten von Whistleblowern. Auf Seite 197 steht ein „Plädoyer für einen besseren gesetzlichen Schutz der Meinungsäußerungsfreiheit sowie des Petitions- und Anzeigerechts von Whistleblowern von Dieter Deiseroth. Was dringend notwendig ist, wie die Realität immer wieder zeigt.

Ab Seite 225 finden sich Informationen über die Herausgeber, Autoren, Laudatoren und Künstler.

Fazit

Hochinteressant, dieses Buch. Mit einer Fülle akribisch zusammengetragener Fakten und Dokumente. Was muss sich ändern in Sachen Whistleblowing? Im vorliegenden Buch hat man versucht, darauf Antworten zu geben. Wenngleich gewiss weitere folgen werden müssen – vor allem seitens der Politik. Für den Moment ist zu konstatieren: Das ist, zumindest den Herausgebern, mit diesem wichtigen Doku-Buch ganz gut gelungen.

 

Whistleblower-Enthüllungen zu Krebsmittel-Panschereien

und illegalen Waffengeschäften

Whistleblower-Preis 2017

Deiseroth, Dieter; Graßl, Hartmut (Hrsg.)

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Erscheinungsjahr 2018
Preis 25,00 € inkl. ges. MwSt.
ISBN 978-3-8305-3786-1
Bestell-Nr. 3786
Gewicht 300 g
Sachgruppe Wissenschaft und Bildung
Rubrik Wissenschaft in der Verantwortung
Einband kartoniert
Sprache deutsch
Umfang 227 S.

 

Bemerkenswerte Eröffnungsrede Can Dündars anlässlich der Lessing-Tage 2018: „Wir brauchen mutige Menschen, die nein sagen. Wenn wir dem aufkommenden Populismus nicht gemeinsam begegnen, werden wir alle Opfer dessen“

Im Januar hat Can Dündar im Thalia Theater in Hamburg eine bemerkenswerte Rede zur Eröffnung der Lessing-Tage 2018 gehalten.Die Rede wurde aufgezeichnet und ist auf dem YouTube-Kanal vom Thalia Theater verfügbar.

Das Theater schreibt dazu:

Kein Mensch muss müssen!“ Die Bedrohung der Demokratie (in Europa) Eröffnungsrede von Can Dündar – Lessingtage 2018

„Derzeit werden in vielen Ländern Künstler und Journalisten verfolgt. Can Dündar ist einer der prominentesten im Exil lebenden Journalisten und Autoren und weltweit als leidenschaftlicher Kämpfer für die Freiheit bekannt. Seit die Türkei immer autokratischer wird, besteht er umso unerschrockener auf Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit. Er ist das Gesicht des kritischen Journalismus in der Türkei und nutzt das Wort, um deutlicher denn je zu verteidigen, wofür er steht. Für die Idee der Freiheit hat er seine persönliche Freiheit riskiert. Dündar war langjähriger Chefredakteur der regierungskritischen türkischen Zeitung „Cumhuriyet“. Erdoǧan persönlich erstattete Strafanzeige gegen ihn wegen Unterstützung einer terroristischen Organisation und forderte lebenslange Haft. Nach drei Monaten im türkischen Gefängnis wurde Dündar im Februar 2016 vom Verfassungsgericht aus der Untersuchungshaft entlassen. Momentan lebt Can Dündar in Deutschland im Exil, er ist Chefredakteur der Internetplattform „ozguruz.org“ („Wir sind frei“), Mitbegründer des journalistischen Netzwerkes „Correctiv“ und schreibt für Die Zeit. Dündar war fürden diesjährigen Friedensnobelpreis nominiert, im vergangenen Jahr erhielt er den Alternativen Nobelpreis. 2017 wurde er im Rahmen des von 19 euröpäischen Rundfunkanstalten verliehenen „Prix Europa“ (unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments) als „Europäischer Journalist des Jahres“ ausgezeichnet. Im Rahmen der Veranstaltung sammelt das Thalia Theater für Can Dündars Netzwerk „Correctiv“ und unterstützt so seinen Kampf für die Freiheit des Wortes. Denn: „Nur die Sache ist verloren, die man selbst aufgibt.“ (Lessing)“

Zu Can Dündars Rede

In seiner beachtenswerten Rede hinterfragt Dündar den Zustand der Demokratie. Auch hier bei uns. Oft, sagt er, spreche man von „Europa als Wiege der Demokratie“. Aber im Rest der Welt sehe es ganz anders aus. Und der Journalist im Exil fragt: „Müssten wir nicht auf den Westen mit anderen Augen schauen?“ In Guantanamo werde gefoltert. Die USA seien im eigenen Land demokratisch: „Reicht das aus, um die USA als demokratisch zu bezeichnen?“ Und: „Wenn Länder demokratisch sind, aber Faschismus exportieren – kann man sie als demokratisch bezeichnen? Ich schaue jetzt nicht nur darauf wie Länder regiert werden, sondern darauf, was sie in anderen Ländern unterstützen, um sie als demokratisch zu bezeichnen oder nicht.“

Konnte man Frankreich als Demokratie bezeichnen, als es den Algerienkrieg führte? Die demokratischen USA unterstützen einst einen Militärputsch in der Türkei. Wie müsse man das werten?

Aus einer schwarzen Wolke aus Angst regnet Hass, Intoleranz. Menschen sind „zu Krokodilen geworden, die Ledertaschen kaufen“

Can Dündar betrachtet die aktuelle Situation und stellt Fragen: „Haben demokratisch an die Macht gekommene Regierungen das Recht die Demokratie abzubauen und zerstören? Wie gehen wir damit um?“

Der Redner lobt die ins Leben gerufene Organisation „Forbidden Storries“ (dazu Reporter ohne Grenzen) . Deren Sinn: Immer wenn ein Journalist irgendwo auf der Welt bedroht oder ermordet wird, werden andere Journalisten anderswo auf der Welt dessen Arbeit fortsetzen.

Nicht zuletzt nach 9/11 habe man „eine schwarze Wolke der Angst“ geschaffen und aus jener Wolke regne Hass, Intoleranz, was zur Einigelung der Menschen führe. Can Dündar: „So sind die Menschen zu Krokodilen geworden, die Ledertaschen kaufen. Sie haben sich verliebt in ihre Mörder“, seien dem Stockholm-Syndrom verfallen. Für das Schweigen und das Sich-Beugen werde man heute belohnt. Dieser bedenkliche Zustand müsse durchbrochen werden, fordert Dündar:

Wir brauchen mutige Menschen, die nein sagen!“

Und zur zweifelsohne in der Krise befindlichen Demokratie führte Dündar aus, dass es wichtig sei, dass wir solidarisch sind. Und als Beispiel: Die Grenze verlaufe nicht mehr zwischen Türken und Deutschen, nicht mehr zwischen Ost und West, sie verläuft zwischen Türken und Deutschen, die die Demokratie unterstützen und zwischen Türken und Deutschen, die den Faschismus unterstützen. „Nicht unsere Länder trennen uns, sondern unsere Prinzipien. Und wir müssen diese Prinzipien festhalten und verteidigen“. Von den Deutschen, den Politikern, den Journalisten, Künstlern und anderen gesellschaftlichen Kräften erwartet Dündar Unterstützung und gemeinsam gegen die Aushöhlung der Demokratie zu kämpfen.Um sie zu erhalten und auszubauen, müssten Ängste beseitigt werden. Es gelte ein Demokratie-Modell zu entwickeln, „wo wir sagen wir sind da, die Demokraten sind da. Solidarität wird uns zusammenführen.“ Und Can Dündar redete allen ins Gewissen: „Wenn wir dem aufkommenden Populismus nicht gemeinsam begegnen, werden wir alle Opfer dessen. Alle zusammen. Heute ist der Tag, lassen Sie uns einander an den Händen halten und diese Entwicklung stoppen.“

Bitte, liebe LeserInnen schauen sich das Video (via Özgürüz „Wir sind frei“/YouTube/Thalia Theater) an, hören sie die eindringlichen Worte Can Dündars und verbreiten sie die  Rede gerne weiter.

Von Folter und Mord bedroht: Journalist Ismail Küpeli gibt seinen Abschied von Twitter und Facebook bekannt

Ismail Küpeli während des Vortrags in Dortmund. Foto: Stille

Ismail Küpeli während des Vortrags in Dortmund. Foto: Stille

Die Türkische Republik nach dem gescheiterten Putsch vom 17. Juli vergangenen Jahres lässt immer mehr Anzeichen für eine Entwicklung hin zu einer Autokratie mit diktatorischen Auswüchsen erkennen. Präsident Recep Tayyip Erdogan, der demnächst via Referendum über die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei abstimmen lässt, was das Parlament quasi zu einem mehr oder weniger machtlosem Beiwerk machen würde, macht Tabula rasa. Alle von ihm und seiner AKP für schuldig am Putsch gehalten werden, werden verhaftet, aus ihren Arbeitsverhältnissen entlassen oder gar enteignet. Wer Kritik übt gilt gar als Terrorist. Beweise werden nicht geliefert. Zigtausende Existenzen wurden zerstört. Lehrer entlassen, Journalisten und TV-Moderatoren geschasst. „Über die Türkei wurde nach einem Putschversuch im Juli dieses Jahres der Ausnahmezustand verhängt. Das Land am Bosporus schwebt zwischen Terror und staatlicher Willkür“, schrieb ich hier an dieser Stelle am 3. Dezember 2016. Als Einleitung zu einem Bericht über einen Vortrag, welcher der Politikwissenschaftler und Journalist Ismail Küpeli am Schauspiel Dortmund über die Situation in der Türkei gehalten hatte.

Ismail Küpeli stellte stets eine nahezu unverzichtbare Quelle in Sachen Türkei dar

In seiner Eigenschaft als Journalist war Küpeli bis dato immer ein kritischer und verlässlicher Informant über die Situation in der Türkei und Ereignisse dort. Sowohl auf seinem Twitter- wie auf Facebookaccount. Und somit auch eine nahezu unverzichtbare Quelle. Gewiss auch für viele Türkinnen und Türken, welche der Entwicklung in der Türkei kritisch gegenüberstehen. Die türkischen Medien sind ja inzwischen größtenteils auf Erdogans Linie gebracht und dementsprechend eingenordet, Zeitungen geschlossen oder unter staatliche Kontrolle gestellt.

Küpeli informierte engagiert und unermüdlich in den Sozialen Medien, auf Vorträgen und in Rundfunk- und Fernsehinterviews über die Situation in der Türkei.

Was nicht ohne Reaktion blieb. Erdogans Arme reichen bis nach Europa. Was er in Österreich über entsprechende Machenschaften herausgefunden hat, gab der Nationratsabgeordnete Peter Pilz kürzlich auf einer Pressekonferenz (hier auf der Seite der Grünen) in Wien bekannt. In Deutschland dürfte es sich nicht wesentlich anders verhalten. Fakt im  Falle Ismail Küpeli ist: Regierungsanhänger aus der Türkei und wohl auch Fans der Erdogan-Partei AKP hierzulande feuerten aus allen Rohren auf ihn. Ob das von der Regierung in Ankara gesteuert ist oder spontan aus dem Kreise der Erdogan-Anhänger kommt, vermag Küpeli nicht zu sagen. Vorerst zwar ging es „nur“ übelst verbal hetzend zur Sache. Doch drohten man dem Journalisten bereits auch mit Folter und Mord. Wie lange hält das jemand aus? Kann man sich nicht vielleicht auch eine Art „Hornhaut“ zulegen, um weiterzumachen, wie Küpeli auf radioeins des RBB gefragt wurde.

Abschied“

Für Ismail Küpeli ist erst einmal Ende der Fahnenstange. Er verlässt Facebook und Twitter, kündigte er dieser Tage an. WDR 5 informierte in der Sendung Politikum. Der Grund: die Hetze in den Sozialen Netzwerken.

Ismail Küpeli auf Twitter.

Ismail Küpeli auf Twitter.

Küpeli auf Twitter mit der Überschrift „Abschied“: „Die ‚Qualität‘ und die Quantität des Hasses habe ich unterschätzt. Es ist kaum vorstellbar, mit welchem Elan und welcher Härte die Anhänger Erdogans missliebige Stimmen zum Verstummen bringen wollen. … Diese Auseinandersetzung mit Hetzern kostet mehr und mehr Zeit und Kraft, die dann woanders fehlt.“ Die Sozialen Medien seien in den letzten Jahren zunehmend zu einem Ort geworden, an dem Liberale von Totalitäristen niedergebrüllt und bedroht werden.

Ismail Küpeli bleibt der Öffentlichkeit erhalten

Ismail Küpeli wird uns jedoch dennoch erhalten bleiben. Er kündigte an, demnächst würden seine Texte und Vorträge auf seinem Blog verfügbar sein. Des Weiteren werde für Einladungen zur Vorträgen zur Verfügung stehen. Per Twitter verbreitete der Politikwissenschaftler: „Ich mache dann weiter bei @Ozguruz_org, @rosaluxstiftung, @ndaktuell und evtl. auch mit einem Vortrag in eurer Stadt. Bis dahin.“ Das Portal Özgürüz („Wir sind frei“) wurde vom ehemaligen Chefredakteur der Tageszeitung Cumhuriyet, Can Dündar gegründet, welcher im Exil in Deutschland lebt und nun Özgürüz als Chefredakteur vorsteht. Es kämpft für Pressefreiheit in der Türkei.

Bedauern aber auch Verständnis für Küpelis Rückzug aus den sozialen Medien

Viele Follower von Ismail Küpeli zeigten sich im Netz in teils bewegten Worten betrübt über dessen Rückzug aus den Sozialen Medien, äußerten aber durchaus Verständnism für dessen Schritt. Ob es ihm fürderhin gelinge, eine Hornhaut gegenüber den Anfeindungen und Morddrohungen zu entwickeln, äußerte Küpeli, müsse er sehen. Vielleicht, so möchte man dem Journalisten und Politikwissenschaftler empfehlen, möge er sich mit Lamya Kaddor ins Benehmen setzen, der es seit Jahren beinahe täglich so ergeht wie Küpeli. Sie hat jedenfalls bislang nicht aufgegeben ihren Weg erhobenen Kopfes weiter zu gehen.