Dortmund: Integration Point mit positiver Zwischenbilanz

Logo Integration Point: Quelle: Jobcenter Dortmund

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Am 19. Oktober 2015 eröffneten (hier; Quelle: Nordstadtblogger) die Agentur für Arbeit Dortmund und das Jobcenter in Kooperation mit der Stadt Dortmund eine zentrale Anlaufstelle für Flüchtlinge, den Integration Point. An diesem Donnerstag zogen die Partner in einer gemeinsamen Pressekonferenz eine erste Zwischenbilanz und informierten über die Arbeit im Integration Point. Begonnen wurde mit 12 Mitarbeitern. Inzwischen sind es 46 Mitarbeiter, die insgesamt 12 Sprachen sprechen.

Kundenstruktur des Integration Point

In den knapp acht Monaten seit Start des Projekts haben mehrere tausend Menschen den Weg in den Integration Point gefunden. Begonnen wurde mit 12 MitarbeiterInnen. Inzwischen sind es 46 Beschäftigte, die insgesamt 12 Sprachen sprechen.

2.218 geflüchtete Menschen werden aktuell im Integration Point betreut. Davon sind ca. 22 Prozent oder 482 Personen Frauen. Der Großteil der Menschen, 1.622 Personen sind Zuwanderer aus Syrien. Es folgen 205 geflüchtete Menschen aus dem Irak, 94 Menschen aus Eritrea, 92 Personen stammen aus Afghanistan und 61 geflüchtete Menschen aus dem Iran.

38 Prozent der Kunden sind 25 – 35 Jahre alt. 26 Prozent sind 20 – 25 Jahre. 15 Prozent (35 – 45 Jahre), 13 Prozent (15 – 20 Jahre) und sieben Prozent sind 45 – 55 Jahre alt. 80 Prozent aller Kunden im Integration Point haben keine deutschen Sprachkenntnisse. 16 Prozent der Menschen verfügen bereits über Grundkenntnisse. Vier Prozent können erweiterte Kenntnisse aufweisen oder beherrschen die Sprache verhandlungssicher.

Die gemachten Fortschritte können sich sehen lassen

Astrid Neese, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Dortmund, sieht das „von uns selbst gesetzte Etappenziel gut erreicht“. Der Integration Point werde sehr stark nachgefragt. Aktiv wird er von Ehrenamtlern in der Flüchtlingsbetreuung aufgesucht. Auch von den Geflüchteten selbst. Andererseits, so Nees, gehe man auch selbst auf die Zielgruppe zu. Es werden Flüchtlinge mit hoher Bleiberechtswahrscheinlichkeit und Bildungsabschlüssen, die arbeits- und ausbildungsmarktnah sind (535 Personen). Typischerweise seien das Menschen aus Syrien (85%), Eritrea, dem Irak und dem Iran. Darunter sind auch minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Berufsberatungen werden durchgeführt. Junge Flüchtlinge ins Handwerk zu integrieren, das habe erfolgreich unterstützt werden können. 34 von 100 Stellen seien besetzt worden. Die gemachten Fortschritte könnten sich sehen lassen. Astrid Neese: „Immerhin zehn Menschen konnten wir schon in Arbeit integrieren.“ Was sich nach wenig anhören mag, gab Neese später zu bedenken, sei dennoch eine ganz ordentlich Größe. Schließlich müssten erst die nötigen Sprachkenntnisse vermittelt werden. Andere Flüchtlinge machten Langzeitpraktika.

Frank Neukirchen-Füsers: Ziel ist es, „dass die geflüchteten Menschen wirklich bei uns ankommen“

Ein praktische Kompetenzfeststellung betreffs vorhandener Berufskenntnisse der Integrations-Point-Kunden wird durchgeführt. Darüber informierte Frank Neukirchen-Füsers“, Geschäftsführer Jobcenter Dortmund. Ziel ist es, „dass die geflüchteten Menschen wirklich bei uns ankommen“. Das gelinge nur, „wenn wir sie da abholen, wo sie stehen“.

In den Herkunftsländern der Flüchtlinge existiert kein duales Ausbildungssystem wie in Deutschland. Dennoch hätten die Menschen dort brauchbare Fähigkeiten erworben und Handwerke ausgeübt. In Kenntnis gesetzt würden sie darüber, wie der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt in Deutschland strukturiert ist. In Sachen Kompetenzfeststellung und Spracherwerb werde man ab Mitte August in kombinierte Maßnahmen einsteigen. Gut 520 Menschen wolle man in diese Maßnahmen bringen. Auf 1500 Fördermaßnahmen könne man in diesem Jahr durchaus kommen, so Neukirchen-Füsers. Ausdrücklich wies der Geschäftsführer daraufhin, dass die finanziellen Mittel für die Maßnahmen alle „on top“ gekommen seien. Heißt, das Jobcenter habe rund 7,6 Millionen Euro in diesem Jahr zusätzlich erhalten. Nichts gehe zulasten der bisherigen Arbeitsmarktpolitik.

Situation in Dortmund entspannt sich

Jörg Süshardt, Amtsleiter des Sozialamtes Dortmund, schätzte aus seiner Warte die Maßnahmen des Integration Point auch im bundesweiten Vergleich als gut laufend ein. In Dortmund hätten momentan 7000 Menschen den Status „Flüchtling“. Sehr stolz sei er darauf sagen zu können, dass davon bereits 4000 in „wohnungsmäßigen Zusammenhängen“ und „nur“ 3000 Personen in den 19 stationären Einrichtungen für Flüchtlinge. Die durchschnittlichen Verweildauer dort betrage ca. 6 bis 8 Monate. Von den 7000 seien 4600 Menschen im Alter von 17 bis 65 Jahre. Der Rest im Schulalter. Insgesamt, vermeldete Süshardt, habe sich die Situation in der Stadt entspannt. Dennoch erreichten jede Woche zusätzliche Geflüchtete Dortmund. Etwa unter 50 Zuweisungen erhalte unsere Stadt wöchentlich. Arbeitsgelegenheiten (bezahlt mit 1,05 Euro pro Stunde, Absenkung auf 80 Cent ist bundespolitisch angedacht) niederschwelliger Art biete man an.

Aus Sicht eines großen Arbeitgebers

David Gößwein von der Katholischen St.-Johannes-Gesellschaft-Projektkoordination erstattete aus der unmittelbaren Praxis eines großen Arbeitgebers (acht Einrichtungen, 2700 MitarbeiterInnen) Dortmunds Bericht. Die Zusammenarbeit mit dem Integration Point betrachte man als Teil einer gesellschaftlichen Verantwortung. Was sich daraus ergebe, stelle sich bereits jetzt als Win-win-Situation heraus. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund eines künftig enorm steigenden Pflegebedarfs in Deutschland, respektive des dann verstärkt benötigten Pflegepersonals. Gerade als interkulturelles Unternehmen mit interkulturellen Stationsdiensten böten sich hier viele Möglichkeiten im Sinne der Ziele des Integration Point. Viele MitarbeiterInnen sprächen zwei bis drei Sprachen. Eine sprachliche Grundkompetenz gilt als Basis für die Integration von neu Zugewanderten. Entsprechende Sprachkurse wolle man künftig selbst anbieten. Sein Unternehmen halte neben dem medizinischen Bereich ein breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten (Technik, EDV, Verwaltungsdienst) bereit. Ausbildung in Kinder- und Alterspflege, Pflegeassistenz kann vermittelt werden. Vollzeitpraktika werden angeboten. Auch Teilzeitpraktika sind möglich. Etwa für Personen, die noch Sprachkurse besuchen. Einige Angebote für Praktika an Geflüchtete seien schon unterbreitet worden.

Astrid Neese für Realitätssinn statt Schnellschüssen

Astrid Neese lobte die hohe Bereitschaft von Arbeitgebern sich der Geflüchteten anzunehmen. Schnellschüssen erteilte sie indes ein Absage. Immer müsse zunächst die Sprache erworben werden, welche dann später fachsprachlich ergänzt werden könne. Es sollte alles langsam angegangen werden. Manchmal bedürfe es auch wieder eines Schrittes zurück. Werde mit Geduld vorgegangen, so könnten nicht wenige der betreuten Neuzuwanderer als Fachkräfte von morgen gut in den Arbeitsmarkt einzugliedern sein. Von Anfang an habe man wohlweislich Realitätssinn angemahnt. Rasante Integrationserfolge wären unrealistisch. In den vergangenen acht Monaten habe man viel dazu gelernt, bekannte Astrid Neese.

Haben uns gut auf die geflüchteten Menschen in Dortmund vorbereitet

Die über den im Oktober letzten Jahres via Integration Point kooperierenden Einrichtungen in Dortmund sind der Meinung: „Wir haben uns gut auf die geflüchteten Menschen in Dortmund vorbereitet.“ Die am Donnerstag gegenüber der Presse gezogene Zwischenbilanz inklusive der genannten, diese anschaulich untermauernden Zahlen sowie die allmählich sichtbar werdenden Erfolge der Arbeit der Kooperationspartner des Integration Points bestätigte dies.

Die Arbeit des Dortmunder Integration Point kann sich auch bundesweit sehen lassen

Syrische Flüchtlinge während eines Protestcamps 2015 in Dortmund. Syrer stellen die größte Gruppe unter den Geflüchteten in der Ruhrgebietsstadt; Foto: C.-D. Stille

Syrische Flüchtlinge während eines Protestcamps 2015 in Dortmund. Syrer stellen die größte Gruppe unter den Geflüchteten in der Ruhrgebietsstadt; Foto: C.-D. Stille

Es erweist sich nun im Nachhinein als richtiger Schritt, dass man in Dortmund nachdem die ersten Züge mit Geflüchteten auf dem Hauptbahnhof ankamen und die Menschen hinüber ins Keuninghaus geführt wurden, sich nicht lange erst mit Lamentieren aufgehalten hat. Sondern schon sehr bald im Sinne dieser Menschen unter Mithilfe unzähliger Freiwilliger angepackt hat, um ihnen weiterzuhelfen.

Die Agentur für Arbeit Dortmund, das Jobcenter Dortmund und das Sozialamt der Stadt Dortmund sind sich darüber einig, „dass eine möglichst frühzeitige Integration von Flüchtlingen sowohl in den Arbeitsmarkt als auch in die soziale Gemeinschaft eine der wichtigsten Aufgabe bei der Bewältigung der aktuellen Flüchtlingssituation darstellt. Genau in diesem Sinne erfüllt der Integration Point einen wichtigen Part.

Die Arbeit des Integration Point Dortmund als einer von 40 in Nordrhein-Westfalen kann sich auch bundesweit betrachtet durchaus sehen lassen.

In Dortmund wurde über das Rollenverständnis von Romni diskutiert

Das Thema einer Diskussionsveranstaltung in der Auslandsgesellschaft Dortmund diese Woche; Fotos: C.-D. Stille

Das Thema einer Diskussionsveranstaltung in der Auslandsgesellschaft Dortmund diese Woche; Fotos: C.-D. Stille

Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus fand am vergangenen Dienstag eine Diskussionsveranstaltung in Kooperation des Planerladen e.V. mit der Auslandsgesellschaft NRW in deren Sitz in Dortmund statt. Der Titel: „Das Rollenverständnis von Frauen und Mädchen bei Roma“.

Romni im Mittelpunkt

Die weiblichen Familienmitglieder heißen auf Romanes Romni. Konkret sollte folgenden Fragen nachgegangen werden: Welche Rolle kommt der Frau in traditionell lebenden Roma-Familien zu? Inwiefern spielt die Sicherung der Ethnie dabei eine Rolle? Welche Bilder existieren in der Mehrheitsgesellschaft und wie passen diese zur Realität? Speziell war vorgesehen gewesen auch über das Foto – und Interviewprojekt „Romni“ von Tabea Hahn und Anna Merten (Bericht dazu. Quelle: Nordstadtblogger). Die beiden Frauen hatten Vertrauen zu in Dortmunder Nordstadt lebenden Romni aufgebaut, diese interviewt und Fotos von ihnen in traditioneller Kleidung gemacht. Leider standen sie am Dienstagabend krankheitsbedingt nicht zur Verfügung. Wenngleich die Abwesenheit der Macherinnen des Romni-Projektes ein Manko darstellte, vermittelte die Podiumsdiskussion dennoch interessante Aspekte aus dem Leben der Romni.

Die Gäste und ihr Hintergrund

Moderatorin Ismeta Stojković im Gespräch mit Leon Berisa (links).

Moderatorin Ismeta Stojković im Gespräch mit Leon Berisa (links).

Podiumsgäste waren Livia Costica (rumänische Nordstadtbewohnerin) und Leon Berisa, Schüler (Projekt JUROMA). Die Moderation hatte die gebürtige Serbin Ismeta Stojković aus Köln (Rom e.V.) übernommen. Livia Costica, die früher in Rumänien einen Marktstand betrieb, lebt seit 2007 in Dortmund hat vier Kinder und acht Enkelkinder. Sie hat die deutsche Sprache gelernt und Hilfsangebote – etwa von der AWO – angenommen. Momentan ist sie als Putzfrau tätig. Für sie, das erwähnte sie mehrfach, war traditionelle bunte Roma-Mode mit ihren langen Röcken nie eine Option. Andere Romni hat sie hier in Dortmund angesprochen. Ihnen sogar eigne Kleidung angeboten. Sie lehnten ab. Wie sich im Verlaufe der Veranstaltung herausstellte, geht es diesen Romni offenbar um die Bewahrung ihrer Identität. Vielleicht befürchten sie eine Assimilation.

Frau Costica ist dies einerlei. Ob eine Romni Hosen trägt oder einen Minirock, bzw. die westlichen Frauen in Jeans und bauchfrei herumgehen – da ist sie tolerant.

Livia Costica stammt aus Rumänien. Sie lebt seit 2007 in Dortmund.

Livia Costica stammt aus Rumänien. Sie lebt seit 2007 in Dortmund.

Costica stammt vom Lande und hat nur einen niedrigen Schulabschluss. Die Kinder und Enkelkinder strebten aber durchaus höhere Schulabschlüsse an.

Das passt nun schon gar nicht zu den üblichen Klischees, die in den Medien verbreitet, von der Mehrheitsgesellschaft unhinterfragt für bare Münze genommen und sich im Verein mit über die Jahrhunderte als Ressentiments offenbar nicht ausrotten lassen.

Auch bei Ismeta Stojković und ihrer Familie wurde und wird Bildung groß geschrieben. Schon in Jugoslawien, das, wie später ein Veterinär aus dem Publikum zu berichten wusste, seinerzeit „viel für Roma tat“, sei das unter vielen Roma so gewesen. Die studierte Philologin – seit 2001 in Deutschland – hat hier einen schwierigen Weg hinter sich und „bittere Erfahrungen“ wegstecken müssen. Nicht anerkannte Diplome und die deutsche Bürokratie machten es ihr schwer. Über einen Kontakt zu einer anderen Serbin kam sie schließlich auf eine erfolgreiche Spur. Heute leistet sie wichtige gesellschaftliche Arbeit bei Rom e.V. in Köln und begleitet Roma auf ihren ersten Wegen hierzulande. Eine Arbeit, die sie ausfüllt und glücklich macht.

Leon Berisa beim Projekt JUROMA mit ähnlichen beratenden Tätigkeiten für SchülerInnen und Jugendliche sowie für deren Integration im Einsatz. In seiner aus dem Kosovo kommenden Familie haben es ebenfalls viele zu hohen Bildungsabschlüssen gebracht. Schon die Mutter hat Jura studiert. Seine Schwester ist sogar weiter aufgestiegen als der älteste Bruder.

Aber freilich – das wurde auch deutlich – haben bei den Familien die Jungen schon in der Regel mehr Freiheiten als ihre Schwester. Sie dürfen länger ausbleiben als diese. Sie gelten eben als diejenigen, die die Familientraditionen fortführen sollen. Klar, so Livia Costica, wollten die Väter Söhne. Käme aber ein Mädchen, seien auch diese herzlich willkommen. Mit 18 Jahren heiraten die Mädchen meistens und bekämen dann selbst Kinder.

Die Verschiedenheit der Roma

Im zweiten Teil des Abends ließ sich aus Reaktionen des Publikums – darunter auch einige Lehrerinnen, welche in ihren Klassen Romakinder unterrichten – so etwas wie eine gewisse Enttäuschung heraushören. Denn die auf dem Podium sitzenden Romni entsprechen eben so gar nicht den üblichen Klischees über Roma. Ismeta Stojković ging freundlich lächelnd auf die Wortmeldungen ein. Reaktionen dieser Natur ist sie gewohnt. Sie erklärt, dass die Community der Roma sehr unterschiedlich ist. Was allein schon mit dem unterschiedlichen Herkunftsländern und oft auch mit verschiedenen Religionen in Zusammenhang stehe, welche die jeweiligen Roma angehören. In Europa lebten, schätzte die Kölnerin, um die 15 Millionen Roma. Da stoße man schon auf Unterschiede. Manchmal schon in der Aussprache des Romanes.

Später sollte abermals der Veterinär aus dem Publikum einwerfen: Auch in Deutschland seien ja die Menschen sehr unterschiedlich. Wenn man nur einmal die Bayern mit den Norddeutschen vergleiche. Da gebe es dann auch zuweilen Animositäten. Da stimmte ein junger Mann, auch er ist nebenbei bemerkt in der Sozialarbeit tätig, zu: „Oder es geht eben zu wie zwischen den Fans von BVB und Schalke.“ Diskrepanzen blieben also nicht aus.

Zum anderen, so Stojković weiter, übe auch die Aufnahmegesellschaft auf die zugewanderten Roma ein nicht unerheblichen Einfluss aus und bewirke allmähliche Veränderungen bei ihnen. Bildung mache viel aus und die gesellschaftlichen Verhältnisse in denen man lebe. Bestimmte Erscheinungen seien so gar nicht romaspezifisch. Inzwischen ginge auch die Anzahl der Kinder zurück. Im Durchschnitt betrage sie nur noch zwei. Kinder pro Familie. Zum ersten Mal erlebten Roma etwa aus Bulgarien oder Rumänien – wo sie meist schweren Diskriminierungen unterliegen – in Deutschland eine für sie ungewohnte Herzlichkeit. Was wiederum positive Effekte nach sich zöge.

Sie selbst erlebe in ihrer Schularbeit in Köln, dass es viel bringe den Roma auf Augenhöhe zu begegnen. Es brauche aber Geduld und Zuversicht.

Vieles, bestätigte Leon Berisa, laufe über die Kinder. Wenn die Kinder zufrieden und glücklich seien, erzählten sie es den Eltern und die fassten dann auch Vertrauen. Schließlich wollten sie ja auch, dass ihre Sprösslinge weiterkämen.

Die Sprache ist der Türöffner“

Ismeta Stojković ergänzte: Rom e.V. begleite die Kinder nun bereits ab der Einschulung. Eltern würden mit wichtigen Formularen an Adresse rund um die Schularbeit versorgt. Das nähmen die Eltern an. Hausbesuche würden gemacht. Eine Sprechstunde für Eltern findet regelmäßig statt. Auf dem Schulhof steht ein Mediator zur Verfügung. Helfern wie Ismeta Stojković und Leon Berisa versetzt die Kenntnis der Sprache der Eltern und Kinder in die Lage Vertrauen zu ihnen aufzubauen.

Stojković: „Die Sprache ist der Türöffner.“ Die Eltern merkten, dass sie als Roma respektiert werden. So gelänge es sie zu motivieren. Gefühlvoll müsse da vorgegangen werden und individuell auf die Menschen eingegangen werden.

Ein zarter Wandel

Das Rollenverständnis gerade der Romni stellte sich bei dieser Podiumsdiskussion als ganz unterschiedlich ausgeprägt heraus. Traditionell müsse davon ausgegangen werden, dass die aus Bulgarien und Rumänien zu uns gekommenen Roma sehr bildungsfern sind. Während die Roma, die damals beispielsweise als Gastarbeiter in den Raum Düsseldorf-Köln (heute lebten ca. 6000 bis 8000 da) gezogen waren, gut ausgebildet und zum Geld verdienen für die Familie daheim gekommen waren. Heute ziehe es die Roma wegen der Armut, der nicht selten unerträglichen Diskriminierung in ihren Heimatländern (meist seien sie schon dort mehrfach und ohne Erfolg umgezogen, um dieser zu entgehen) nach Deutschland.

Wie bei anderen Völkern – ja selbst in Deutschland ist es ja nicht so lange damit her – schreite inzwischen auch bei den Romni die Emanzipierung langsam voran. Die Zahl der Roma-Aktivistinnen steige an. Aber der Fortschritt ist eben auch hier eine Schnecke. Wenn Integration der Roma schlecht oder nicht gelänge, habe das manchmal auch mit schlechten Erfahrungen zu tun, die sie gemacht hätten. Und da ist es wohl mit den bunten Kleidern ebenso wie mit den in den Köpfen der Romni und ihrer Väter und Ehemänner noch immer tief verwurzelten Traditionen. Die habe man vermutlich Angst aufzugeben, weil befürchtet werde, die eigne Identität zu verlieren. Niemand kann eben so leicht aus der Haut. Mancher nie .Oft ein Teufelskreis, den zu durchbrechen nicht einfach ist. Ismeta Stojković aber gab sich betreffs des Standes der Weiterentwicklungsphase, gerade der Romni, und der zukünftigen Fortschritte, die die zu uns gekommenen Roma insgesamt hoffnungsvoll.

Die Töchter der Roma, stellte Livia Costica auf eine absichtlich dahin gelenkte Frage aus dem Publikum, klar, seien in der Regel so selbstbewusst den Mann zu heiraten, den sie auch liebten. Sie jedenfalls könne ihrer Tochter nicht damit kommen, sie solle den oder den Nachbarn heiraten. Dies geschehe eher noch auf den Dörfern der Roma-Herkunftsländer. Auch Scheidungen würden eigentlich in der Regel problemlos von den Familien akzeptiert.

Freilich begegneten einen immer einmal Romni, mit langen Haaren und langen bunten Röcken und Blusen, die eben den gängigen Klischees entsprächen. So wie sie im Magazin zum Romni-Projekt abgebildet sind. Und der Veterinär wiederum, der einst auf einen Vorstandsposten bei einer Roma-Vereinigung verzichtete, weil ein anderer Rom ihn nicht als geeignet dafür hielt (weil er ja mit Blut in Verbindung komme – einem Tabu bei manchen Roma), fand wiederum diese traditionelle Kleidung ganz nett. Der Tiermediziner meinte, diese langen Röcke gingen womöglich auch auf die Zeit der Roma während ihres Lebens im Osmanischen Reiches zurück und seien im Zusammenhang mit den Vorschriften des Koran zu sehen. Sei es drum: Wenn jemand damit die Tradition bewahren möchte, warum nicht? Jeder nach seiner Facon. Apropos Tabus: Die werden sich vielleicht auch noch nach und nach abschleifen. Da war man sich sicher. Warum sollte nicht irgendwann auch ein Rom oder eine Romni Polizist bzw. Polizistin werden?

Niemals soziale Probleme auf eine Minderheit projizieren

Vieles im Leben, machte zum Schluss der Veranstaltung die Moderatorin noch einmal geltend, habe in erster Linie mit der Sozialisation der Menschen zu tun. Ob sie nun Roma oder anderer Abkunft seien. Und wenn Roma hierher nach Deutschland kämen, dann habe das mehrheitlich nicht damit zu tun, dass „sie unser Sozialsystem berauben wollten“. Es sei vielmehr so, dass allein schon die Möglichkeit, ein bescheidenes Leben hier zu führen für Roma quasi eine Art von Luxus darstellt, den sie in ihrem Heimatland nie erreichen könnten. Es müsse unbedingt vermieden werden, nahmen die Besucher dieser Veranstaltung mit nachhause, soziale Probleme auf eine Minderheit zu projizieren.

„Eiserner Reinoldus“ ging in Dortmund an Veye Tatah von „Africa Positive“

Veye Tatah ist Gründerin des Vereins "Africa Positive" und ehrenamtliche Chefredakteurin des gleichnamigen Magazin; Foto: mit freundlicher Genehmigung von Veye Tatah.

Veye Tatah ist Gründerin des Vereins „Africa Positive“ und ehrenamtliche Chefredakteurin des gleichnamigen Magazin; Foto: mit freundlicher Genehmigung von Veye Tatah.

Die Sicht des sogenannten Westens auf den Kontinent Afrika ist sehr eingeschränkt. Wenn nicht gar beschränkt. Nicht zuletzt dadurch ist unser Bild von diesem Kontinent von Vorurteilen geprägt. Kaum jemand bemüht sich um eine differenziertere Wahrnehmung Afrikas und der Afrikanerinnen und Afrikaner. Immerhin gibt es auf diesem Kontinent 54 Staaten. Und somit eine unglaubliche Vielfalt! Wir aber sprechen zumeist pauschal zumeist nur von „Afrika“. Und wenn von Afrika gesprochen oder geschrieben wird, erfahren wir in aller Regel Negatives: Katastrophen, Armut, Hunger, Korruption, Staatsstreiche scheinen geradezu an der Tagesordnung. Vielfach erwarten wir auch gar nichts anderes. Der leider viel zu früh verstorbene Schriftsteller und Theaterleiter Henning Mankell kannte Afrika aus eigener Anschauung. Vor Jahren sprach er hoffnungsvoll davon, dass man Geräusche in Afrika vernehme könne. Er meinte damit, dass ein Kontinent und seine Menschen Aufbruch begriffen wären und infolgedessen mit ihnen zukünftig zu rechnen sei.

Africa Positive“ als „Brücke zum bunten Kontinent“

Der Verein „Africa Positive e. V.“ wurde gegründet, um ein differenzierteres Bild von Afrika und seinen Menschen zu zeichnen.  Das in Dortmund produzierte Magazin „Africa Positive“  arbeitet in eben diesem Sinne. Der Verein begreift sich als „die Brücke zum bunten Kontinent“. Und beweist dies auch in vielfacher Hinsicht. Da geht es überhaupt nicht darum Afrika pauschal rosig zu malen, sondern Unterschiede sichtbar zu machen. Dass die meisten von uns in puncto Afrika pauschalisieren, geht nicht zuletzt (auch) auf die Kappe vieler Medien, die über die Jahre kaum etwas unternahmen, um das zu ändern. Untrennbar mit „Afrika Positive“ ist Veye Tatah, die auch ehrenamtliche Chefredakteurin des gleichnamigen Magazins ist, verbunden. Sie ist die Gründerin des Vereins. Die gebürtige Kamerunerin machte beispielsweise im Jahr der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland den kritikwürdigen Umgang mit dem Thema Afrika u.a. am Beispiel eines Fußballspiels deutlich.

Guntram Schneider, Ex-NRW-Sozialminister: Entscheidung zur Preisverleihung an Veye Tatah „Volltreffer“

Der Presseverein Ruhr hat Veye Tatah, Gründerin und Initiatorin des Vereins „Africa Positive“, im Dortmunder Rathaus mit dem Eisernen Reinoldus (mit Fotos von der Verleihung) ausgezeichnet.

Zum Dortmunder Stadtpatron hier mehr (Quelle: derwesten).

Wie die „Nordstadtblogger“ berichteten, hat Ex-NRW-Sozialminister Guntram Schneider (SPD) die Entscheidung des Pressevereins als „Volltreffer“ gelobt. Die Preisträgerin stehe für vorbildlich „gelebte Integration“ ein. Tatah sei „ein Multitalent“. Schneider „hob“ laut Nordstadtblogger „auf ihr vielfältiges, gesellschaftliches Engagement ab, um das sie sich um das Gemeinwohl verdient mache.“ Zum Magazin Africa Positive sagte Schneider, es sei  „lesenswert, höchst professionell gemacht und spannend geschrieben“.

Die Nordstadtblogger weiter zur Ansprache von Guntram Schneider:

„Wenn die Medien heute über Afrika berichten, dann komme der Kontinent sehr häufig als etwas Exotisches daher.

Die tatsächlichen Ursachen für die Probleme der afrikanischen Staaten geraten dabei viel zu kurz, meinte der einstige DGB-Landesvorsitzende.

Die mangelnde Beschäftigung mit dem Kontinent werde sich aber noch rächen. Denn die Folgen der Entwicklungen seien in Europa aber auch jetzt schon deutlich zu spüren.

Ein erheblicher Teil der Flüchtlinge stamme nicht nur aus Syrien oder dem Irak, sondern vor allem auch aus Afrika.

Die Redeweise von Wirtschaftsflüchtlingen sei für ihn unverständlich, mit dem Begriff seien doch eigentlich diejenigen gemeint, die der Steuer in Deutschland entgehen wollen. Es handele sich doch oftmals um Armutsflüchtlinge, die Afrika verlassen.“

Mit Veye Tatah ist erstmals eine Persönlichkeit mit dem Eisernen Reinoldus ausgezeichnet worden, deren Wurzeln nicht in Europa liegen.

Zum aktuellen Magazin: „Was der Mensch säht, das wird er ernten“

Veye Tatah im Editorial des Magazins "Africa Positive"; Foto: via Veye Tatah.

Veye Tatah im Editorial des Magazins „Africa Positive“; Foto: via Veye Tatah.

Ihr Editorial zur Nr. 59 des Magazins „Africa Positive“ beschließt sie in ihrer Funktion als ehrenamtliche Chefredaktion unter dem Titel „Was der Mensch sät, das wird er ernten. Fluchtursachen bekämpfen, nicht die Flüchtlinge“ mit dem folgenden Sätzen: Es ist höchste Zeit, dass die Länder Afrikas die Ressourcen des Kontinents selbst weiter verarbeiten und Arbeitsplätze vor Ort schaffen. Wenn wir es ehrlich damit meinen, die Fluchtursachen langfristig bekämpfen zu wollen, dann brauchen wir eine sozialverträgliche und menschliche Wirtschaftspolitik – nur sie kann nachhaltig sein und allen Kontinenten nutzen.“

Schön, dass Tatah zu guter Letzt noch einmal an den verstorbenen Henning Mankell erinnert:

„Lieber Leser, Afrika hat einen guten Freund verloren. Die Arbeit, die wir heute machen, das Bild Afrikas ausgewogen darzustellen, hat Henning Mankell jahrelang verkörpert. Wir werden ihn vermissen. Genießen Sie die Lektüre in diesem Heft!“ (Wo das Magazin käuflich erworben bzw. wie es abonniert werden kann, finden Sie hier.)

Glückwunsch an Veye Tatah zum verdient erhaltenden „Eisernen Reinoldus“. Und Dank auch an ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter für die wichtige gesellschaftliche Arbeit! Bisher erhaltene Preise und Ehrungen.

Dortmund: Zwei Flusskreuzfahrtschiffe werden 180 Geflüchteten als Wohnstatt dienen

Vor einem Jahr machte das Fluchtschiff im Dortmunder Hafen fest, um auf die Situation von Flüchtlingsfrauen aufmerksam zu machen. Vom kommenden Dienstag an werden fast an gleicher Stelle 180 Flüchtlinge auf zwei Flusskreuzfahrtschiffen wohnen; Fotos: CD.Stille

Vor einem Jahr machte das Fluchtschiff im Dortmunder Hafen fest, um auf die Situation von Flüchtlingsfrauen aufmerksam zu machen. Vom kommenden Dienstag an werden fast an gleicher Stelle 180 Flüchtlinge auf zwei Flusskreuzfahrtschiffen wohnen; Fotos (2): CD.Stille

Vor einem Jahr war „Radikalpoet“ Heinz Ratz mit seiner nun bereits dritten Aktion für Flüchtlingsrechte unterwegs. Auf der Deutschlandtour machte er samt Mitstreitern im Zuge der Aktion „Fluchtschiff“ mit zwei Flössen – darauf Flüchtlingsfrauen – u.a. auch im Dortmunder Hafen fest. Heinz Ratz wollte mit dieser Aktion besonders auf die spezielle Situation von Flüchtlingsfrauen aufmerksam machen. Schon damals waren Millionen Flüchtlinge weltweit unterwegs. Darunter auch Menschen aus Syrien. Die Flüchtlingsfrauen wurden laut und machten so auf ihre Lage sowie Missstände in Asylunterkünften aufmerksam. An einen nicht abreißenden Flüchtlingsstrom mit dem wir mittlerweile konfrontiert sind, war vor einem Jahr nicht zu denken. Obwohl wir alle eigentlich – falls mit normalen Menschenverstand ausgerüstet und gut informiert – eigentlich schon immer damit rechnen mussten, dass die zu einem beträchtlichen Teil vom Westen verursachten Fluchtursachen früher oder später sozusagen im Gegenlauf  zu einer größeren Fluchtbewegung gen Westeuropa würden führen müssen.

Mit #CarsOfHope vor Ort in Slowenien helfen

Logo engagierten Helfer; via #CarsOfHope Wuppertal.

Logo der engagierten Helfer; via #CarsOfHope Wuppertal.

Nun hilft kein Lamentieren und auch keine noch so absurden rechtspopulistischen Vorschläge aus Horst Seehofers Bayern bringen uns weiter: Den zu uns kommenden Flüchtlingen muss geholfen werden. Sie müssen hierzulande menschenwürdig untergebracht und versorgt werden. Erfreulich ist die große Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung. Freunde von mir sind vor ein paar Tagen mit einem Hilfskonvoi unter dem Motto „CarsOfHope“ nach Slowenien gefahren, um den Geflüchteten vor Ort zu helfen.

Die Kommunen hier in Deutschland stehen vor einer Mammutaufgabe

Während die Flüchtlingsfrauen weiter laut auf ihre Lage aufmerksam machen, steigt die Anzahl der unterzubringenden Flüchtlinge - auch in Dortmund - weiter.

Während die Flüchtlingsfrauen weiter laut auf ihre Lage aufmerksam machen, steigt die Anzahl der unterzubringenden Flüchtlinge – auch in Dortmund – weiter.

Immer neue Unterkünfte für die ankommenden Flüchtlinge müssen organisiert werden. In Dortmund geschieht das neben schon bestehenden Einrichtungen bereits mit einem Containerdorf unweit der Dortmunder Westfallenhallen. Vom kommenden Dienstag an sollen Geflüchtete nun nun auch auf zwei Flusskreuzfahrtschiffen im Dortmunder Schmieding-Hafen untergebracht werden. Allerdings – so informierte die Stadt – wenn die Flüchtlinge damit einverstanden sind. Wir wissen, viele Geflüchtete kamen übers Meer und sind möglicherweise traumatisiert. Die schwimmenden Hotelschiffe liegen nicht sehr weit von dem Ort entfernt vor Anker, wo vor Jahresfrist Heinz Ratz und die Flüchtlingsfrauen ihre beide Flösse vertäut hatten.

Vorurteilen ausgeräumt: Keine Luxusunterkünfte

Die Nordstadtblogger berichten heute mit einem Artikel und Fotos von Alexander Völkel über einem gestrigen Ortstermin im Dortmunder Schmieding-Hafen, welcher Vorurteile ausgeräumt habe. Demnach steht fest: Keine Luxus-Unterbringung auf Kreuzfahrtschiffen.

Insgesamt 180 Geflüchtete sollen auf den beiden Schiffen wohnen

Und über die Schiffe, welche nicht gerade neu seien: „Die MS Solaris, 80 Meter lang, 9,5 Meter breit, 45 Kabinen für 100 Passagiere, ist Baujahr 1982. Die MS Diana, 79 Meter lang, 7,75 Meter breit, mit 39 Kabinen für 80 Menschen ist sogar seit 1970 im Einsatz.“ Die Schiffe bieten“, berichten die Nordstadtblogger, „deutlich mehr Privatsphäre als die anderen Notquartiere“. Insgesamt sollen auf den beiden Flusskreuzfahrtschiffen 180 Flüchtlinge wohnen.

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