Wir weigern uns Feinde zu sein

Wenn ein ukrainischer Flüchtling im Interview erklärt, dass sie es nicht versteht, dass Russen in Deutschland angegriffen und ausgegrenzt werden, dann hat man einen Eindruck, wie weit es mit unserer Gesellschaft im Wertewesten wirklich gekommen ist. Da ist Menschlichkeit verlorengegangen. Menschlichkeit kann man von einer Russin, ihrem deutschen Mann und einer ukrainischen Mutter lernen, die gemeinsam mit ihrem Kind aufgrund der Kriegssituation in Schweinfurt aufgenommen wurde.

Ein Gastbeitrag von Andrea Drescher.

Am Donnerstag den 3.3. rief ich meine russische Freundin Lena an, die ich seit der Druschba-Friedensfahrt Berlin-Moskau 2016 kennen und schätzen gelernt habe. Ich wollte wissen, wie es sich als Russin jetzt in Bayern lebt, wie es ihr geht und wie sie mit der ganzen beschissenen Situation klarkommt. Ich erreichte sie nicht, hoffte aber auf ihren Rückruf. Erst am Samstag – zwei Tage später – erreichte mich eine Telegram-Message – und ich erfuhr, warum keine Reaktion von ihr gekommen war. Mein Anruf war bei ihr im Stress der letzten Tage völlig untergegangen. Sie und ihre Familie hatten seit Donnerstag eine Ukrainerin mit ihrem Sohn aufgenommen.

Was sie mir erzählte, berührte mich sehr. Dass eine Russin, die die Hintergründe der Ukraine-Krise genau kennt und auch eine klare Position bezieht, solch einen Schritt geht, gehen kann, hatte ich nicht erwartet. Wir vereinbarten ein Interview mit ihr, ihrem Gast und ihrem Mann über Zoom, bei dem Lena auch als Übersetzerin agierte.

Ein Gespräch, das in dieser tiefgrauen Zeit Hoffnung macht. Mir zumindest.

Könnt Ihr Euch bitte kurz vorstellen?

Mascha: Ich heiße Mascha, also Maria, und komme aus Lwiw, also Lemberg. Ich bin 33 Jahre alt und bin zusammen mit meinem 12-jährigen Sohn und meinem Hund aus der Ukraine nach Deutschland geflohen.

Lena: Mein Name ist Lena. Ich bin in der Sowjetunion geboren, dem heutigen Russland, lebe seit 1994 in Deutschland und habe eine russische und eine deutsche Staatsangehörigkeit.

Stefan: Ich bin der Stefan, bin in der DDR groß geworden und mit 13 Jahren hier nach Bayern gekommen – noch vor der Maueröffnung. Jetzt arbeite ich hier in Schweinfurt bei einer großen Firma.

Lena: Stefan und ich sind verheiratet und haben einen 14-jährigen Sohn. Er ist hier geboren, geht auf das Gymnasium, spricht kein Russisch und hat nur die deutsche Staatsangehörigkeit. Außerdem haben wir zwei Hunde, zwei Mops-Mischlinge, und eine Katze.

Und jetzt wohnen auch Mascha und ihr Sohn bei Euch?

Lena: Ja, wir haben sie bei uns aufgenommen.

Wie kommuniziert Ihr? Spricht Mascha Russisch?

Lena: Ja, Mascha spricht perfekt Russisch.

Bist Du Ukrainerin oder Russin?

Mascha: Ich bin Ukrainerin.

Ein kurzes Statement vorab bitte: Was denkt Ihr über den Krieg in der Ukraine?

Mascha: Es ist alles schlimm, was gerade passiert. Ich hoffe, dass die Gerechtigkeit siegen wird, dass es wieder friedlich wird in der Ukraine und dass Kinder nicht mehr leiden müssen. Das ist alles so schrecklich.

Lena: Ich kann mich Mascha nur anschließen, Krieg darf nicht sein, definitiv nicht, nirgendwo auf der Welt. Das gilt für den Krieg jetzt, aber auch die ganzen Kriege davor. Es darf nicht sein, es dürfen keine unschuldigen Menschen leiden, nur weil die Politiker irgendwie, irgendwas durchsetzen wollen, ihre Macht ausspielen wollen. Wenn unschuldige Menschen leiden, ist das immer falsch.

Stefan: Krieg ist ein dreckiges Spiel und der Westen hat seinen großen Beitrag dazu geleistet. Ich habe ein großes Problem damit, dass der tiefe Staat jederzeit die Möglichkeit hat, hier die totale Auslöschung zu inszenieren. Dieser Krieg ist brandgefährlich für alle. Wir stehen vor wirklich dunklen Zeiten und ich weiß nicht, wie wir da wieder rauskommen wollen.

Durch Menschen wie Euch vielleicht?

Lena: Wenn doch alle nur so irgendwie ein bisschen Empathie zeigen würden, alle…

Stefan: Wenn man sich die Medien anguckt, sieht es nicht gut aus.

Lena: Wir wären gar nicht in dieser Situation jetzt, wenn der Hass nicht die Oberhand gewinnen würde über die Menschen.

Wo und wann habt Ihr Mascha kennengelernt?

Lena: Ich habe eine Cousine in der Ukraine, die wir aber nicht finden können. Ehrlich gesagt, sofort als Putin die Unabhängigkeit vom Donbass anerkannt hat am 22. Februar, habe ich mir schon Sorgen gemacht. Ich wusste, es wird jetzt knallen und mir war klar, wir müssen helfen. Sie sollte zu uns kommen. Höchstwahrscheinlich war sie aber schon geflohen und kann sich deswegen nicht melden.

Bei der Suche nach meiner Cousine habe ich Mascha über Telegram am 27. Februar kennengelernt. Erst haben wir uns geschrieben und dann habe ich sie auch angerufen.

Ich wollte irgendetwas tun. Ich habe bei unserem Gespräch gemerkt, dass Mascha total durch den Wind ist, schockiert wie wir alle. Da war es für mich entschieden: Wenn Mascha flieht, hat sie hier bei uns eine Unterkunft. Ich hatte das für mich schon nach dem Telefonat beschlossen und habe Stefan mehr oder minder vor vollendete Tatsachen gestellt. Ich bin ihm wirklich dankbar, dass er uns dabei sofort unterstützt hat.

Und wie ist Deine Sicht dazu, Stefan?

Stefan: Sie hat mich im Prinzip bereits damit überfahren, dass sie ihre Cousine aufnehmen wird. Da war ja noch kein Krieg. Ich habe zunächst abgewiegelt und gesagt, nun warte doch erst mal. Sie will doch bestimmt nicht weg, sie ist in der West-Ukraine. Putin hat jetzt nur die Republiken anerkannt, da muss jetzt nicht unbedingt was passieren.

Lena: Aber da war ja schon Krieg.

Stefan: Nicht in der West-Ukraine, in der Ost-Ukraine war Krieg. Als Lena entschieden hatte, ihre Cousine zu uns zu holen, war Russland noch nicht einmarschiert. Und dann kam sie mit Mascha. Aber Fakt ist, Lena hat recht behalten mit ihrem Gefühl, dass der Krieg sich auf den Westen ausweitet. Ich war am Anfang etwas skeptisch, aber ich habe dann natürlich zugestimmt und wir haben es gemeinsam organisiert.

Wie war die Situation in Lemberg, Mascha?

Mascha: Die Situation war sehr angespannt, sie ist sehr angespannt. Die Menschen passen auf, sind in Alarmbereitschaft, da jederzeit ein Angriff stattfinden kann.

Bis jetzt war noch nichts passiert?

Mascha: Nein, es gab noch keinen Angriff, aber Freunde und Bekannte, zu denen ich Kontakt habe, sagen, es wird auf jeden Fall was geben. Ich habe noch eine Schwester mit ihren Kindern in Lemberg und habe sehr große Angst um sie. Sie kommt nicht weg, ihr Sohn ist 20 Jahre alt, also im wehrpflichtfähigen Alter, und wurde einberufen. Es gibt dort auch sehr viele Plünderer.

Darum bist Du gegangen?

Mascha: Ich bin gegangen, weil ich Angst um mein Kind hatte. In der Nacht gab es Bombenalarme und ich hatte immer Angst, dass eine Bombe runterkommt. Es ist einfach beängstigend, das kann man nicht mit Worten beschreiben. Ich sage es so, wie es ist.

Und wie kamt Ihr auf die Idee, jemanden Fremdes aufzunehmen?

Lena: Für mich war das von vornherein klar. Das ist so, wenn Menschen in Not sind, müssen wir helfen, das geht gar nicht anders. Ich kenne das Anker-Zentrum seit der Flüchtlingskrise 2015. Ich war zwar nie drin, wir wurden nicht reingelassen, aber wir haben dort vor dem Tor geholfen. Ich weiß, was für Zustände dort herrschen. Das kann man wirklich keinem Menschen zumuten, ganz ehrlich. Es war für mich klar, wir müssen jemanden aufnehmen, egal wie beengend es sein wird. Wenn man wenigstens einem Menschen das Leid erspart, dann ist schon ein bisschen geholfen.

Stefan: Und ich bin da ganz meiner Frau unterlegen. Sie ist ein sehr empathischer Mensch, ich eher der rationale Typ. Aber in dieser Zeit siegt die Empathie über die Rationalität. Rational betrachtet, ist alles einfach nur noch krank, was hier läuft. Ja, mein Gott, die Wohnung ist jetzt nicht die größte, aber ein Zimmer kann man freimachen und es geht schon irgendwie. Und jetzt im Nachhinein muss ich sagen, nachdem ich gestern mehr von Mascha erfahren habe, es war kein Fehler, es war definitiv kein Fehler.

Wie war der Weg nach Deutschland? Wie habt Ihr das organisiert?

Mascha: Ich wollte mit dem Intercity kommen und hatte schon ein Ticket gekauft. Aber der Intercity-Zug kam nicht und das Geld bekam ich auch nicht zurück. Freunde von mir, die am Bahnhof arbeiten, haben mir geholfen, einen kostenlosen Zug zu bekommen. Das ist sonst nahezu unmöglich. Man muss Stunden warten, um überhaupt auf einen dieser Züge zu kommen, die sind völlig überfüllt. Mit dem Zug haben wir dann die Grenze überquert nach Przemysl in Polen. Das war sehr anstrengend.

Warum?

Mascha: Der Zug stand erst mal ganz einfach ohne ersichtlichen Grund acht Stunden am Gleis rum. Es war sehr eng, der Zug war überfüllt. Wir mussten stehen, auch die kleinen Kinder mussten stehen. Es war überhaupt kein Platz, die Luft war sehr stickig. Einen großen Dank an alle Helfer, die uns dort mit Essen, Tee und Kaffee versorgt haben. Insgesamt haben wir 15 Stunden stehend im Zug verbracht.

Wie weit ist Przemysl von Lemberg entfernt?

Mascha: So genau weiß ich es nicht, schätzungsweise 60-80 km. (Lt. Google Maps knapp 100)

15 Stunden für 80 km?

Mascha: Wir waren eingesperrt wie in einem Käfig. Mein kleiner Hund ist nach der Fahrt auch krank geworden. Morgen muss er zum Tierarzt, wir glauben, dass er sich unterkühlt hat. Die ganze Fahrt über musste mein Sohn auf dem Koffer schlafen. Im Zug haben sich aber alle Leute gegenseitig unterstützt und geholfen, sonst hätte man da verrückt werden können.

Wie war der Grenzübertritt?

Mascha: Der Grenzübertritt verlief sehr, sehr schnell. Die Menschen in Polen waren sehr freundlich, wir wurden wirklich wärmstens empfangen. Zuerst wurden alle Mütter mit Kindern bis zwei Jahren rausgeholt und versorgt. Dann konnten alle raus und wurden mit Essen und Getränken verpflegt. Ich bin den Polen an der Grenze für die viele Unterstützung, die wir bekommen haben, sehr dankbar.

Gab es bei der Ausreise aus der Ukraine irgendwelche Probleme?

Mascha: An der ukrainischen Grenze gab es insofern Probleme, dass man einfach Koffer mit Sachen aus dem Zug rausgeschmissen hat, aber wir persönlich waren nicht davon betroffen.

Wie ging es in Polen weiter?

Mascha: Ich habe den freiwilligen Helfern gesagt, dass ich nach Deutschland möchte, und sie haben mir ein kostenloses Ticket für den Zug von Przemysl nach Stettin besorgt. Flüchtlinge aus der Ukraine mussten für das Ticket nicht bezahlen. So gegen 10 Uhr sind wir abgefahren und gegen 22:40 in Stettin angekommen.

Das war eine normale Zugfahrt?

Lena: Ich habe die Fahrt per App verfolgt, es war normal, aber wirklich ein Bummelzug. An jeder Haltestelle haben sie angehalten, deshalb hat es sehr lange gedauert.

Wie ging es dann ab Stettin weiter?

Lena: Wir haben die ganze Nacht durchtelefoniert. Im Fernsehen hieß es, man würde mehrere Tage brauchen, um die Grenze zu überqueren, aber irgendwann morgens gegen 3.30 Uhr sagte mir Mascha, sie wären jetzt in Polen. Ich hatte an diesem Tag eine Prüfung, also habe ich meinen Bruder angerufen, ob er mit unserem Auto nach Stettin fahren und sie abholen würde. Er hat sich sofort bereit erklärt, ist hochgefahren, während ich in der Prüfung war, und hat sie geholt.

Wie weit ist es von Euch nach Stettin?

Stefan: 600-700 km einfache Strecke.

Und Mascha ist problemlos über die polnisch-deutsche Grenze gekommen?

Mascha: Ohne Probleme. Es gab keinerlei Kontrollen.

Stefan: Das ist ja noch Schengen.

Mascha: Ich habe mich selbst gewundert. Ich war mir sicher, dass es Kontrollen geben würde, aber da war nichts.

Dein Bruder hat sie dann zu Euch nach Schweinfurt gebracht?

Lena: Nicht direkt. Er fuhr mit ihnen bis nach Hof zu meiner Mama. Dort haben sie übernachtet und erst am nächsten Tag, nachdem sich alle gut ausgeschlafen und etwas erholt hatten, ging es weiter zu uns. Seit Donnerstag (3.3.2022) sind die drei jetzt bei uns.

Hast Du Deine Prüfung an dem Tag noch machen können, nachdem Du die Nacht durchtelefoniert hattest?

Lena: Ich bin hingefahren, aber ich glaube nicht, dass ich die Prüfung bestanden habe. Ich war so durcheinander, ich fürchte, ich habe sogar meinen Namen falsch geschrieben. Aber das macht nichts, das ist ja nur eine Kleinigkeit, die kann ich wiederholen.

Wie fühlt es sich jetzt für Dich an, in Deutschland zu sein?

Mascha: Moralisch und psychisch ist es schwierig. Ich bin immer noch in einem Schockzustand, habe nicht erwartet, dass ich mich plötzlich hier befinde. Aber Deutschland gefällt mir sehr und ich fühle mich deshalb gut, weil ich Menschen in meiner Nähe habe, die mich unterstützen, ich spüre die Unterstützung. Ich bedanke mich bei Lena und Stefan.

Ist es gut, keine Angst mehr haben zu müssen?

Mascha: Ich habe auch hier noch Angst und schlafe schlecht. Meine Schwester und ihre Familie sind ja noch in der Ukraine.

Stefan: Sie hat wahrscheinlich noch Angst, weil im Moment noch alles ungewiss ist. Diese Angst kann man ihr jetzt auch noch nicht nehmen.

Wie lebt es sich in einer Dreizimmer-Wohnung zu fünft, drei Hunden und einer Katze?

Mascha: Super.

Lena: Es ist in Ordnung. Ich meine, man weiß ja, dass es nicht ewig dauert. Wir versuchen jetzt auch schon, eine Wohnung zu finden, irgendwo in der Nähe, dass sie trotzdem noch unsere Unterstützung hat.

Stefan: Es klappt erstaunlich gut. Mascha ist sehr tierlieb, ihr Sohn ist sehr tierlieb. Er ist als erstes mit den Hunden aufgetaut und den Hunden gefällt es auch. Unser Mops – Herr Professor – hat es sich heute Nacht schon bei ihm gemütlich gemacht und wollte partout nicht mehr weg. Also es ist ganz gut, ich komme damit klar, es gefällt mir sogar.

Und wie geht es jetzt weiter?

Mascha: Zuerst brauche ich natürlich die Registrierung hier als Flüchtling. Das ist der erste Schritt. Ich möchte, dass mein Sohn bald zur Schule geht und dann will ich so schnell wie möglich eine Arbeit finden.

Was macht Du beruflich?

Mascha: Ich war in der Ukraine in einer großen Firma Top-Manager im Verkauf und habe in der Funktion eng mit Russland zusammengearbeitet. Meine Freunde und ich haben jetzt unsere Jobs verloren und warten immer noch auf unseren Lohn. Es ist mir klar, dass ich nicht ewig von anderen Menschen abhängig sein kann, deshalb ist es so wichtig, mich zu registrieren. Zusätzlich habe ich noch meinen Abschluss als Friseurin und Stylistin. Das war mein Hobby, mit dem ich mein Geld aufgebessert habe.

Stefan: Maria hatte als alleinerziehende Mama zwei Jobs in der Ukraine, um sich zu finanzieren.

Wie geht es aus Eurer Sicht weiter, Lena?

Lena: Als erstes werden wir sie morgen im Anker-Zentrum anmelden, aber wir lassen sie dort nicht. Sie bleibt weiter bei uns. Dann bekommt sie Geld, denn als ukrainischer Flüchtling hat sie Anspruch auf Sozialhilfe. Sie wird dann wohl auch krankenversichert sein und eine Arbeitserlaubnis erhalten nach dem, was ich gelesen habe. Aber wir erfahren morgen, welche Schritte wir noch zu gehen haben. Jetzt versuchen wir überall, eine Wohnung zu finden. Ich habe schon ganz viele Vermieter angeschrieben, auch privat. Morgen werden wir uns bei verschiedenen Baugenossenschaften registrieren. Vielleicht weiß ja jemand, der das hier liest, etwas von einer Wohnung im Raum Schweinfurt bis Würzburg. Wir würden uns freuen, wenn sich jemand meldet. Mascha möchte zwar ganz schnell arbeiten, aber ich bin der Meinung, sie braucht erst mal einen Sprachkurs. Darum müssen wir uns kümmern und ihr Sohn benötigt definitiv feste Strukturen. Er ist traumatisiert und kommt mit der Situation nicht klar.

Stefan: Er will zurück zu seinen Freunden. Das ist auch nicht verwunderlich. Sie haben noch nicht den richtigen Krieg mit Bomben oder Toten miterlebt. Sie haben nur die Randauswirkungen mitbekommen. Er sagt, es ist ihm egal, ob Bomben fallen, er will nach Hause. “Ich will zu meinen Freunden, ich will in meine Schule.”

Was erwartest Du, Mascha? Glaubst Du, dass Du bald zurück kannst?

Mascha: Ich glaube nicht. Das, was jetzt in der Ukraine passiert, selbst wenn der Krieg jetzt aufhört: Es gibt keine Zukunft für uns, für die Kinder allgemein, es ist alles zusammengebrochen.

Warum weigert Ihr Euch, Feinde zu sein?

Mascha: Wir weigern uns, Feinde zu sein, weil wir Menschen sind. Ukrainer, Russen, Deutsche, wir sind alle Menschen. Mein Vater ist Russe, meine Mutter ist Ukrainerin, ich ging in eine russische Schule, mein Sohn geht in eine ukrainische Schule, er hat aber Russisch gelernt. Wenn ich sehe, wie hier in Deutschland gegen Russen gehetzt wird, kann ich nur sagen: Leute, haltet inne! Ihr seid doch keine Tiere! Ich kann nur sagen: Lasst doch bitte die Russen in Ruhe, die können doch nichts dafür. Ich wohne jetzt bei einer russischen Familie, sie haben mir ein Dach über dem Kopf gegeben, sie unterstützen mich. Wir sollten zusammenhalten und uns gegenseitig helfen.

Lena: Ich weigere mich grundsätzlich, gegen irgendjemanden oder gegen irgendetwas Hass aufzubauen. Vorurteile sind grundsätzlich schlecht. Wir müssen Vorurteile abbauen, es geht nicht anders. Es gibt überall gute Menschen, es gibt überall weniger positive Menschen. Wir sind einfach nur Menschen, wir dürfen uns nicht bekriegen. Der Hass muss abnehmen. Der Hass in dieser Gesellschaft nimmt aber gerade beängstigende Ausmaße an. Angefangen hat es mit der Diffamierung von Querdenkern, mit den Ungeimpften, jetzt geht es gegen die Russen, aber was kommt als nächstes? Es macht mir wirklich Angst.

Stefan: Ich beziehe meine Feindbilder nicht aus den Medien. Ich habe definitiv Feindbilder, aber die suche ich mir dann schon selbst, nachdem ich mir Informationen von allen Seiten zusammengetragen habe. Die einfachen Leute leiden sowieso immer am meisten, das ist ja nun eine allgemeine Weisheit.

Dann kann ich Euch einfach nur danken, solch ein Vorbild zu sein.

Lena: Was heißt Vorbild? Es ist eigentlich das Schlimmste, dass wir jetzt ein “Vorbild” sind. Wir sollten kein Vorbild sein, wir sollten eigentlich der Standard sein, das sollte normal sein.

Das ist es leider nicht und darum führen wir dieses Gespräch. Danke.

Mascha: Ich möchte gerne noch eine Botschaft an die deutsche Bevölkerung loswerden. Wir sehen ja hier gemeinsam YouTube und Facebook an und ich habe mitbekommen, was hier mit russischsprachigen Menschen gemacht wird. Ich sehe, dass russische Geschäfte mit Farbe beworfen werden, dass Autos beschädigt werden. Ich möchte der deutschen Bevölkerung sagen, sie sollen aufhören damit, weil die Russen hier können nichts dafür. Was können denn die Menschen für die Politik? Was können sie für das, was passiert? Wenn Ihr Probleme damit habt, wendet Euch doch gegen Putin, wendet Euch an Putin, aber doch nicht gegen Menschen, die nichts dafür können! Ich habe Freunde in Moskau, in Russland und ich habe auch Kontakt zu ihnen und sie weinen. Sie machen sich große, große Sorgen.

Ich appelliere an die Lehrer in Deutschland, sie sollen die Russisch sprechenden Kinder in Ruhe lassen. Ich liebe Russland, man sollte die Politik nicht mit der Herkunft vermischen. Die Lehrer sollen den Kindern beibringen, dass man nett miteinander umgehen soll, dass Hass nichts bringt. So wie man es uns früher in der Schule beigebracht hat: Lasst uns mit allen Ländern und allen Menschen friedlich leben. Ich hoffe, wir werden gehört.

Danke Dir – ich versuche, dass unser Gespräch möglichst viele Menschen erreicht.

Nachtrag

Die Menschlichkeit ist weder in Deutschland noch in Österreich ganz verloren gegangen. Meine Freundin, die dafür sorgt, dass meine Texte nicht vor Fehlern strotzen und die eine ähnliche Position zur Ukraine-Krise wie Lena und ich vertritt, schrieb mir nach Lektorat dieses Textes:

Wir haben bei uns auch Platz! Zwei kleines Gästezimmer für eine Einzelperson und ein Doppelzimmer mit Bad und Küche für 2-3 Personen. In Graz. Vorübergehend, d.h. so lange, bis wir eine Wohnung gefunden haben. Am Bauernhof haben wir wenig Platz und er ist vor allem eben am Land. Russisch habe ich gelernt, aber ich habe seit Jahren keine Übung mehr. Wenn man langsam mit mir spricht und kurze Sätze bildet, komme ich bestimmt schnell wieder hinein. Wichtig ist uns nur, dass die Menschen, die kommen, nicht aggressiv sind, sondern nette Menschen so wie wir. ? Und dass sie Tiere mögen. Menschen mit Tieren am liebsten. Ein Freund von mir aus Kärnten hat zwei Wohneinheiten am Wörthersee. Familiärer Anschluss ist gegeben. Dort leben er, seine Frau und sein kleiner Sohn, der ein begeisterter Musiker ist. Sie haben einen Koi-Teich und es ist ein kleines Paradies dort. Vielleicht für eine Musiker-Familie mit kleinen Kindern?

Und ich weiß, dass dieses Angebot sowohl für Ukrainer als auch für Russen gilt. Erhalten wir uns die Menschlichkeit – und die immerwährende Neutralität Österreichs.

Beitragsbild: Screenshot via NachDenkSeiten

Dieser Beitrag erschien zuerst auf den NachDenkSeiten. Vielen Dank an die Autorin Andrea Drescher für die Gestattung der Übernahme des Interviews.

Ist Wladimir Putin ein „wahnsinniger Imperialist“? Von Moskau-Korrespondent Ulrich Heyden

Die Einseitigkeit, Oberflächlichkeit und Hartnäckigkeit mit der die großen deutschen Medien und die meisten deutschen Politiker am Bild einer „russischen Bedrohung“ für Europa stricken, sollte eigentlich jedem klugen Menschen zu denken geben. Doch die Ablehnung und Angst vor Russland nehmen immer mehr zu. Deshalb an dieser Stelle ein paar Antworten zu den gängigen Vorwürfen gegen Putin und Russland.

von Ulrich Heyden, Moskau

Warum verletzte Putin die ukrainische Souveränität?

Die ukrainische Souveränität wurde durch den Einmarsch russischer Truppen verletzt. Aber spielt Putin leichtfertig mit dem Frieden in Europa? Ist er möglicherweise wahnsinnig, wie einige deutsche Zeitungen behaupten? Mit der Behauptung, Putin sei wahnsinnig, er riskiere einen 3. Weltkrieg, lenkt der Westen von seiner eigenen Dialog-Unfähigkeit ab. Der Westen hat sich beharrlich geweigert, Russland Sicherheitsgarantien zu geben. Und so hat Putin den Befehl zu einer Militäroperation gegeben, wohl wissend, dass diese Operation härteste Sanktionen zur Folge haben wird, die Russland zweifellos schaden werden. Putin sieht die Ukraine als Aufmarschgebiet der Nato. Deren Raketen werden auch ohne Nato-Mitgliedschaft der Ukraine näher an Russland heranrücken. Wer spielt also mit dem 3. Weltkrieg, der Westen oder Putin?

Hat Putin mit seiner Aggression gegen die Ukraine nicht den Frieden in Europa zerstört?

Müsste man, anstatt Putin als Friedens-Feind zu attackieren, sich nicht erstmal fragen, was man selbst zur Erhaltung des Friedens in Europa getan hat? Der Frieden in Europa wurde seit 2014 zerstört, indem der Westen gegen die andauernde Bombardierung der Volksrepubliken Lugansk und Donezk nicht protestierte und die großen deutschen Medien diese Bombardierungen acht Jahre lang verschwiegen haben.

Was sind die Ziele von Putin?

Putin will die ukrainische Armee zur Kapitulation zwingen und die Regierung in #Kiew auswechseln. In dieser Regierung sollen Personen sitzen, die kein feindseliges Verhältnis zu Russland haben und die Ukraine nicht in die #Nato führen.

Hat Putin die westliche Öffentlichkeit getäuscht?

Einige Russland-Freunde in Deutschland sind enttäuscht vom Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine. Sie werfen Russland einen Völkerrechtsbruch und Täuschung vor, weil Vertreter Russlands erklärten, man werde nicht in die Ukraine intervenieren. Aber hat nicht Putin seit Monaten ebenfalls davon gesprochen, dass Russland „militärisch-technische Maßnahmen“ ergreifen wird, wenn Russland vom Westen keine Sicherheitsgarantien gewährt werden? Warum hat man diesen russischen Zweiklang in Deutschland nicht ernst genommen? Offenbar, weil man im Westen nicht kapiert hat, dass Russlands Geduld zu Ende ist. Der Westen hat das vorerst letzte Zeitfenster für einen Interessensausgleich durch monatelanges diplomatisches Palaver verstreichen lassen.

Geht die russische Armee in der Ukraine unmenschlich vor?

Mir liegen für diese Behauptung keine Fakten vor. Die Sprecher der russischen Armee haben erklärt, dass militärische Schläge ausschließlich gegen militärische Einrichtungen geführt werden und man keine Städte erobern will. Putin hat die ukrainische Armee aufgefordert, die Macht im Land selbst in die Hand zu nehmen und Selenski zu verjagen. Offenbar hat Putin den Eindruck, dass es in der ukrainischen Armee viele echte Patrioten der Ukraine gibt, die spüren, das ihr Land als US-Kolonie in die Grütze geht.

Ist es lächerlich, wenn Putin eine Denazifizierung und
Entmilitarisierung der Ukraine ankündigt?

Nein, das ist absolut nicht lächerlich. Rechtsradikale Bataillone spielten eine Schlüsselrolle beim Staatsstreich 2014, beim Krieg gegen die Volksrepubliken und bei Überfällen gegen Regierungskritiker auf den Straßen in der Ukraine. Nur sehr wenige der schweren Menschenrechtsverletzungen durch Rechtsradikale in der Ukraine wurden in den letzten acht Jahren vor ukrainische Gerichte gebracht. Die Strafen bei Morden gegen Regierungskritiker gingen nicht über Hausarrest oder kurze Haftstrafen hinaus. Die Ultranationalisten, die das Gewerkschaftshaus von #Odessa am 2. Mai 2014 ansteckten, wodurch 42 Regierungskritiker zu Tode kamen, wurden nicht vor Gericht gestellt. Der Gebrauch der russischen Sprache im öffentlichen Raum wurde von der ukrainischen Regierung 2021 verboten. Wolodymir #Selenski hat in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz erklärt, man werde sich nicht mehr an das Budapester Memorandum von 1994 halten, dass der Ukraine den Besitz von Atomwaffen verbietet.

Ist Putin ein Nationalist?

Nur weil Putin für russische Sicherheitsinteressen eintritt, ist er noch kein Nationalist. Auch wenn Putin Lenin – wegen dessen territorialem Geschenk – einem Teil des Donbass an die Ukrainische Sowjetrepublik 1922 – kritisiert, ist er noch kein Nationalist. Wenn Putin erklärt, Ukrainer und Russen seien ein Volk, ist das schwer zu bestreiten. Der gemeinsame russisch-orthodoxe Glaube, die zum Teil gemeinsame Sprache, die über 1000jährige gemeinsame Geschichte und die engen verwandtschaftlichen Beziehungen sind das Verbindende. Es ist beschämend, dass gerade deutsche Linke, welche die Schlüsselrolle der faschistischen Bataillone in der Ukraine acht Jahre lang verdrängten, jetzt Putin als Nationalisten und Kriegstreiber verdammen. Vielleicht sollten sie die linken Putin-Kritiker einmal die Rede des russischen Präsidenten zur Einweihung der zentralen Moschee in Moskau 2015 lesen. In der Rede erklärte Putin, Russland sei aus der „gegenseitigen Bereicherung der Kultur, der Tradition und der Religionen“ verschiedener Völker entstanden. Russland ziehe aus der Vielfalt der Kulturen und Religionen „seine Eigenart und Kraft.“ Spricht so ein Nationalist? Die vier offiziellen Religionen in Russland sind der russisch-orthodoxe Glauben, das Judentum, der Buddhismus und der Islam. Der russische Präsident erinnerte daran, dass die „muslimischen Wurzeln von Moskau bis in das Mittelalter zurückreichen“. „Sehr, sehr viele Moskauer Straßen“ hätten tatarische Namen.

Sind die Russen gegen den Einmarsch in der Ukraine?

Es gibt in Russland in der breiten Bevölkerung keine Unruhe wegen dem Einmarsch in der Ukraine. Viele Russen sagen sogar, der Kreml hätte die #Volksrepubliken viel eher anerkennen müssen. Es gibt Proteste von liberal eingestellten Menschen in vielen Städten. Allerdings sind das nur kleine Aktionen. Der Großteil der Russen ist verbittert, dass die Ukraine faktisch zu einem Aufmarschplatz der Nato wurde, der Westen die russischen Interessen negiert, westliche Medien Russland-feindlich berichten, russische Sportler wegen Doping besonders scharf verfolgt werden und ein russischer Star-Dirigent nicht mehr im Westen dirigieren darf, weil er einen Orden von #Putin bekam.

Ist die Ukraine nicht ein demokratischer Staat im Gegensatz zu Russland?

In der Ukraine wurden im letzten Jahr vier oppositionelle Fernsehkanäle abgeschaltet, der Leiter der „Oppositionsplattform – Für das Leben“ und Unternehmer, Viktor Medwedtschuk, sitzt seit einem halben Jahr im Hausarrest, weil er angeblich Handel mit den Volksrepubliken trieb. In Russland gibt es nach wie vor westfreundliche Medien wie „Radio Echo Moskau“ und den Kabelkanal „Doschd“, die jetzt öffentlich den Einmarsch in der Ukraine kritisieren. Der Pressesprecher von Putin, Dmitri Peskow, hat am Freitag erklärt, ja, es gäbe in Russland Kritiker des Einmarsches in der #Ukraine. Mit diesen Kritikern müsse man reden.

Ulrich Heyden, Moskau, 26. Februar 2022, 21:55 Uhr

Beitragsbild: Ulrich Heyden via Facebook

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich veröffentliche sie aber gerne, um eine vielfältigeres Bild zu geben. Die Leserinnen und Leser dieses Blogs sind auch in der Lage sich selbst ein Bild zu machen.

Russland hat die beiden Volksrepubliken Donezk und Lugansk anerkannt. Dazu zwei Stellungnahmen

Der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, hat die zwei selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk anerkannt. Der Westen tobt. Neue Sanktionen sind angedacht.

Wie weiter?

Willi van Ooyen (Politiker DIE LINKE, langjähriger Friedensaktivist) und Reiner Braun (Journalist, Friedensaktivist, Co-Präsident des Internationl Peace Bureau fordern:

Zurück zu Diplomatie und Verhandlungen

Aus Anlass der Anerkennung der „Volksrepubliken Donezk und Lugansk“

Reiner Braun

Reiner Braun. Foto: Claus Stille

erklären sie:

Einseitige eskalierende Schritte – so verständlich sie auch angesichts
des NATO- Aufmarsches und der NATO Osterweiterung sein mögen, führen
nicht zu einer Deeskalation und ermöglichen kaum Verhandlungen und
größeren Spielraum für Diplomatie.

Notwendig ist politische, mediale, öffentliche und praktische
Deeskalation und Demilitarisierung. Nur mit Zonen des Friedens und ein
zurück zu Minsk 2 kann die friedensgefährdende Krisensituation
überwunden werden. Berechtigte Kritik an der NATO-Politik, an der realen
Ablehnung von Minsk2. an verbalen Attacken aus EU und USA bedarf
verantwortungsvollen friedenspolitischen Reaktionen aus der Politik, aus
den Parlamenten und der Öffentlichkeit. Deeskalation praktischer aber
auch verbaler Art und politische Maßnahmen sind gefordert.

Nur eine Politik, die die Sicherheitsinteressen der anderen Seite
genauso berücksichtigt wie die eigenen kann Frieden, Abrüstung und
Entspannung erreicht werden. Die Anerkennung der Republiken eskaliert
den Konflikt. Stattdessen erscheint uns ein politisches Spitzentreffen
aller  OSZE-Staaten sinnvoll.“
Berlin, den 21.02.2022

Quelle: Attac/Reiner Braun

Albrecht Müller, Herausgeber der NachDenkSeiten überschreibt seinen Beitrag heute so:

Ratlos

Die Entscheidung Putins in Bezug auf die beiden Republiken in der Ostukraine, die militärische Intervention, die voll auf

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Albrecht Müller, Herausgeber der NachDenkSeiten. Foto: C.-D. Stille

Kalten Krieg umschaltende Diskussion im Westen, die dabei sichtbar werdende Militanz und Aggressivität gegen die Wenigen, die wie zum Beispiel Sahra Wagenknecht gegen den Mainstream aufmucken, der erkennbare Abschied von der Idee einer gemeinsamen Sicherheit in Europa und die immer wieder durchschimmernde Bereitschaft, Krieg als möglich zu denken, die Bereitschaft, harte Sanktionen zu erlassen, die vor allem die normalen Menschen dort im Osten wie auch bei uns mit teuren Heizkosten treffen kann – das alles lässt einen ratlos zurück. Das muss ich zugeben. Trotzdem mit dem Versuch der Verständigung und Versöhnung auch mit Russland weitermachen? Trotzdem jedenfalls auf lange Sicht darüber nachdenken und planen, dass wir alle in der Welt guter Nachbarschaft besser leben als in einer Welt der Feindseligkeiten?

Zwischendurch hier der Link auf die Rede Putins.

Ist es ausgeschlossen, dass in der westlichen Politik und in den westlichen Medien mal wieder Menschen nach oben kommen, deren Weltbild nicht geprägt ist von der Vorstellung, zu den Guten zu gehören und deshalb mit missionarischem Eifer andere zu verfolgen? Ist es ausgeschlossen, dass sich der Gedanke von Verständigung und Freundschaft wieder durchsetzt? Ich klammere mich an zwei Ereignisse und Erfahrungen in meinem langen Leben:“ (…)

Weiterlesen hier

Quelle: NachDenkSeiten

Beitragsbild: „Flying Column“ mit der Inschrift „Friede“, Kunstwerk des Dortmunder Künstlers Leo Lebendig. Foto: C. Stille

NATO-Untersuchungsausschuss 19.02.2022: Ukraine-Konflikt – Krieg in Europa?

Die Kriegsvorbereitungen der westlichen Wertegemeinschaft gegen Russland und China laufen auf vollen Touren. Seit Jahreswechsel wird die Kriegspropaganda gegen beide Länder massiv verschärft. In Deutschland werden die amerikanischen Atombomben in Büchel gerade durch eine neue Generation ausgetauscht. Wenn erst einmal ab 2023 die mobilen Boden-Boden-Marschflugkörper der Dark Eagle-Serie auf LKWs durch Mitteleuropa fahren, können die Atombomben Moskau in weniger als zwanzig Minuten erreichen. Es ist also höchste Zeit, alle Energien zu bündeln, um das nukleare Inferno zu stoppen.

Das neue Format NATO-Gesprächsrunde soll zunächst monatlich für anderthalb Stunden Experten zu Wort kommen lassen, um geeignete Strategien für den Frieden auf den Weg zu bringen. In der zweite Sendung am 19 Februar 2022 trafen sich Sabiene Jahn (Sprecherin und Sängerin), Dirk Pohlmann (Chefredakteur Free21, Dokumentarfilmer), Wilhelm Domke-Schulz (Dokumentarfilmer, Medienwissenschaftler) Hermann Ploppa (Politologe und Publizist) sowie Owe Schattauer (Organisator der Drushba-Fahrten, Rapper, Bauunternehmer) zu einem ersten informellen Austausch.

limit_600x450_imageFoto: Via ZukunftDonbass e.V.

Unser Buchempfehlungen zu dem Thema: Wolfgang Effenberger: Schwarzbuch EU & NATO – Warum die Welt keinen Frieden findet. Höhr/Grenzhausen 2020 Hermann Ploppa: Der Griff nach Eurasien – Die Hintergründe des ewigen Krieges gegen Russland. Marburg/Lahn 2019 Wilhelm Domke-Schulz: Werners wundersame Reise durch die DDR Ursprüngen der ukrainischen paramilitärischen Bataillonen: Christopher Simpson: Blowback: America’s Recruitment of Nazis and its effects on the Cold War. London 1988 Auf Deutsch: Christopher Simpson: Der amerikanische Bumerang. NS-Kriegsverbrecher im Sold der USA. Berlin 1988 Richard Sakwa: Frontline Ukraine – Crisis in the Borderlands. London 2016.

Quelle: Druschba FM/You Tube

 

Zum Thema passend Beiträge von mir:

„Ukrainian Agony – Der verschwiegene Krieg“ von Mark Bartalmai im Kölner Odeon gesehen

Aktionsbündnis „Zukunft Donbass“ mit humanitärer Hilfe für die Kriegsgeschädigten in der Ostukraine

Der Donbass und seine kleinen begrabenen Körper. Ein Essay von Sabiene Jahn

Der Donbass und seine kleinen begrabenen Körper. Ein Essay von Sabiene Jahn

Aus der Ferne, gemütlich auf der Couch sitzend, geht man oft oberflächlich mit Zahlen von Opfern um, die uns vom Nachrichtensprecher aus einem Krisengebiet überbracht werden. Zu viele Meldungen sind es geworden, zu viele Krisen. Das an sich ist schon sehr tragisch. Und dann gibt es Orte, in denen Krieg geführt wird, von denen in den öffentlichen Medien kaum bis nichts zu hören ist. Ich beobachtete die unterschiedlichsten diffusen Situationsbeschreibungen zur Ukraine im Fernsehen und im Internet bis 2017 und hatte zunehmend Zweifel, ob die deutsche Berichterstattung stimmte. Kämpfen im Osten des Landes, bei Donezk, tatsächlich Ganoven, die als „prorussische Separatisten“ oder „Terroristen“ von den Medien für den Konflikt verantwortlich gemacht werden, welche Rolle spielt Russland und werden dort wirklich Kinder umgebracht?

Ich entschied mich, mit einer privaten Gruppe von Sicherheitskräften, einem caritativ täti- gen Verein, Journalisten und Kulturschaffenden in den Donbass zu reisen. Wir wollten uns persönlich ein Bild machen, da uns die Stimmen der Opfer, Kinder in den Waisenhäusern, über Freunde aus Moskau erreichten. Wir hatten keinen Grund, unseren Freunden nicht zu vertrauen, uns verband ein langer respektvoller Austausch, trotz großer Propaganda des westlichen Mainstreams. Bricht sich die Wahrheit doch irgendwann ihren Weg, dachten wir. So flogen wir vom 26. bis 30. April 2018 ins 2600 Kilometer entfernte „Neurussland!, genauer nach Donezk. Der Weg führte uns über Moskau und das russische Rostow am Don, die Partnerstadt von Dortmund, wie wir von Igor und Wadim erzählt bekamen. Die jungen Männer hatten uns mitten in der Nacht vom Flughafen abgeholt. Sie erinner- ten sich noch gut an das ‚Duell der Reviermannschaften”#in Donezk 2013. Schachtjor Donezk hatte sich damals zu einer europäischen Spitzenmannschaft entwickelt. Die hochmoderne Donbass-Arena als Spielort der Europameisterschaft 2012, ließ sich der damalige Clubchef Rinat Achmetow, einer der wohlhabendsten Oligarchen Europas, rund 175 Millionen Euro kosten.

Im Februar 2013 spielte das Team aus dem ukrainischen Bergbauge- biet gegen die Borussen im Viertelfinale der Champions League. Mein Mann fachsimpelte als bekennender BVB-Fan mit den Jungs über das spannende Spiel, in dem die Mann- schaften mit dem Ergebnis 2:2 auseinander gingen. Die fortgeschrittene Zeit machte uns in dieser Nacht nichts aus, wir waren neugierig. Auf dem Weg in ein kleines Dörfchen, in dem wir in der Datscha von Nikolai Werbnitzkij übernachteten, der sich im Innenministerium der Stadt Rostow um die Verwaltung von Waisenhäusern und Internaten in der Stadt Nowotscherkassk kümmerte und uns in den nächsten Tagen begleitete, machten wir noch kurz eine kleine Stadtrundfahrt und hielten an einer der schönsten Kathedralen, in der die Donkosaken oft sangen. Im Ort, es war bestimmt schon 2 Uhr morgens, empfing uns der andere Teil der Gruppe, die aus allen Landesteilen Deutschlands und Österreichs gekommen waren. Wir grillten und keinen Nachbarn schien zu stören, dass wir Draußen laut sangen, redeten oder lachten. Am nächsten Morgen fuhren wir dann Richtung Nord-Westen drei Stunden in einem Kleinbus weiter, über den Grenzposten der neu gegründeten Volksrepublik Donezk, direkt ins Stadtzentrum.

Die Gespräche im Bus verstummten zusehends, denn wir sahen aus der Ferne Blitze, die von Granatangriffen stammten. Nervosität machte sich breit und wir beobachteten die Umgebung genauestens. Die Donbass-Region wird hier eingekesselt. Und gleich vorweg will ich den Irrglauben aufheben, dass es in Europa derzeit keinen Krieg gibt. Der Krieg ist seit 2014 da. Unaufhörlich. Wir Deutschen sehen ihn nur nicht, weil wir ihn durch unsere Medien nicht gezeigt bekommen.

Stellen Sie sich die ehemalige Grenze der östlich gelegenen DDR vor 1989 und den da- zwischen befindlichen „Todesstreifen“ zwischen der westdeutschen Republik (BRD) vor. So ist in etwa die geografische Situation im Donbass, der Ostukraine und der Kiewseitigen Ukraine, zu verstehen. Der „Todesstreifen“ ist eine etwa 50 bis 140 Kilometer breite und etwa 450 lange Demarkationslinie, um eine Art Pufferzone zwischen den kontrahierenden Regionen zu bilden und kriegerische Handlungen zu vermeiden. Das gefährliche Gebiet wird von den Einwohnern Donezks „Grauzone“ genannt. Die kriegerischen Handlungen finden dort statt. Mindestens dreimal täglich beobachteten wir die Angriffe mit Mörsergranaten. Sie finden jedoch einseitig statt: Durch die Westukraine, die an Kiew (etwa 700 Kilometer von Donezk entfernt) gebunden ist und massgeblich von der NATO und der EU finanziert wird. Ziel der Beschüsse ist die Ostukraine mit ihren separat gegründeten Volksrepubliken Donezk und Lugansk. Diese Länder werden seit 2014 einem, im wahrsten Sinn des Wortes, gezielten Psychoterror ausgesetzt. Ich war direkt an dieser Demarkationslinie, die Angriffe habe ich persönlich beobachtet. Deshalb kann mir niemand mehr erzählen, „wir müssen dafür sorgen, dass es keinen Krieg gibt.“ Nein, wir müssen mit unseren Mitteln dafür sorgen, dass die NATO mit ihrer Propaganda entlarvt wird. Der Krieg ist da.

Am 30. April 2018, das war ein Montag, mussten wir umgehend – einen Tag früher, als geplant – aus Donezk abreisen, denn Kiew hatte die „kriegerische Okkupation des Don- bass“ erlassen. Das bedeutete, die Westukraine wollte den Donbass stürmen. Damals war Pedro Poroschenko noch Präsident der Ukraine. An der Seite des ukrainischen Militärs, kämpfen unter anderem das Asowsche Bataillon, das unter Kommandantschaft des 43jährigen Neonazi Andrij Bilezkyj steht und eines von etwa 80 paramilitärischen Freiwilligen Bataillonen ist, die im Ukraine-Konflikt eingesetzt sind. Es untersteht dem Innenministerium der Ukraine. Schauen Sie sich die Embleme der Uniformen an. Bis August 2015 erkennt man deutlich die Schwarze Sonne und die schwarze Wolfangel (N mit Strich). Es ist das Zeichen einer Division der deutschen Waffen-SS unter Adolf Hitler. Das Emblem wurde danach überarbeitet. Wie ist das Phänomen des Nazikultes in der Ukraine, einem ehemaligen Sowjetstaat zu erklären, der unter hohem Einsatz und 28 Millionen Todesopfer gegen deutsche Faschisten kämpfte? Ich erfuhr, dass einige Regionen im Westen des Landes, nahe Polens, wie etwa Vinuytska, Ternopil oder Kiew gegen Josef Stalin aufbegehrten und sich daher den Nazis anschlossen.

Der Hass gegenüber Stalin ist nachvollziehbar, doch bis heute ist auch die radikal nationalistische Ideologie geblieben, gepaart mit einer blutrünstigen Russophobie. Das deckt sich mit der Gesinnung der NATO-Führer und geopolitischen Zielen des militärischen Bündnisses. Ein Gast geht diesem Thema möglichst aus dem Weg, höre ich von Freunden, die in der Ukraine aufgewachsen sind, auch wenn nicht alle Menschen in dieser Region so denken. Im Einsatz am Donbass sind auch eine Reihe von Söldnern aus dem Ausland, die für die „Jagd auf Menschen“ bezahlt werden. Wir wissen, dass sie durch die NATO bezahlt werden. Die Regierung Deutschlands sieht also bis zur Stunde nicht nur beim Völkermord am Donbass zu, mehr noch, sie unterstützt ein nazistisches Regime. Wir hören natürlich nichts davon in den Medien, nur, dass im Donbass die separaten Republiken die Aggressoren wären. Das ist falsch. Die Menschen in den Donbassrepubliken fragen sich jedoch, weshalb wir die europäischen Regierungen nicht darauf aufmerksam machen.

Der Donbass wird nunmehr seit acht Jahren aggressiv ethnisch gesäubert, weil die im Donbass lebende russische Bevölkerung, es sind etwa 70 Prozent der Gesamtbevölkerung, die westliche Anbindung nicht befürwortet und ihr Land nicht verlassen möchte. Trotz todbringender Attacken durch Mörsergranaten bleibt sie in ihren Häusern, pflegt ihre Gärten und versucht, ein normales Leben weiterzuführen. Wir sahen die verminten Wälder bei der Hinfahrt, die durchlöcherten Türen und Gartentore, zerbrochene Fenster, ausgebrannte und eingefallene Dachstühle, überall fanden wir Bruchstücke aus Holz und Beton und unzählige Gräber von Kindern. Die Kinder starben durch Scharfschützen und willkürliche Schießmanöver. Die, die überlebten, wohnen in Waisenhäusern. Sie brauchen besonders unsere Unterstützung. Eine russische Tradition ist es, solange noch ein Verwandter am Leben ist, werden Kinder in deren Familien aufgenommen. Etwa bei einer Tante, Großmutter oder Cousine. Die Kinder hier haben niemanden mehr. So ist dann die Inschrift auf den ukrainischen Raketen mit „Ich liebe dich“ kaum eine romantische Nach- richt eines Soldaten, der gern nicht geschossen hätte, es jedoch auf Befehl tat, sondern eine bösartige und sarkastische Wesensart der nazistisch unterstützten Führung in Kiew. Teuflisch.

Der innere Frieden in den Volksrepubliken hat einen hohen Preis, stellten wir bei dem Besuch fest. Unsere Gruppe interessiert sich für die Belange der Menschen und die Umstände, unter denen sie leben. Wir wollen Kontakte knüpfen und uns orientieren. Erst wenn man vor Ort ist, wird man sich der Schicksale jedes einzelnen Menschen spürbar bewusst. Wir stellten fest, allesamt sind es Opfer, auch wenn Menschen überlebt haben, denn jeder von ihnen hat bereits etwas verloren oder zu beklagen. Entweder einen lieben Familien- angehörigen, was an Tragik kaum zu ertragen scheint oder einen freundlichen Nachbarn. Jeder der Überlebenden muss sich von heute auf morgen neu ausrichten, sich abfinden. Als wir die beiden Kinderheime der Volksrepublik Donezk besuchten, wurden wir demütig. Da stehen die quirligen Mädchen und Buben in bunten Tupfen-Kleidchen, weißen Haarschleifen oder schicken Hemden freudestrahlend in Reih und Glied und empfangen uns mit ihren Liedern. Wir verstehen sie zunächst nicht, sie klingen fröhlich. Das zweite ist in Moll geschrieben, die Tonfolgen treffen ins Herz, stimmen melancholisch. Unser russischer Begleiter Artjom fängt plötzlich an zu weinen. Erst später weiß ich warum: Die Kinder singen, „Soldaten beschützt uns!. Der gelernte Tischler ist selbst Vater. Die Liedtexte wirken tief in ihm, machen ihn vermutlich ein Stück hilflos. Gern hätte auch er sie davor bewahrt, Mutter und Vater zu verlieren.

Ich habe dort Gelegenheit in die Augen der Kinder zu schauen. Es ist im Grunde nichts Außergewöhnliches zu entdecken. Sie verhalten sich wie unsere Kinder. Offenbar schaffen diese Erzieherinnen und Lehrerinnen es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Kin- der aufgehoben fühlen. Sie haben nur noch sie. In das Herz kann man freilich nicht schauen, ihre Mütter und Väter sind tot, werden keinen Geburtstag mit ihnen feiern, eine ge- lungene Theatervorstellung bejubeln oder ihre Tränen trocknen, wenn sie einmal traurig sind. Das schnürt mir wirklich die Kehle zu. Dieses Gefühl begleitet uns auf jeder unserer Stationen. Wir sehen ältere Damen, die in einem Ort übrig geblieben sind. Der Bus, in dem ihre Männer saßen, wurde auf dem Weg zur Arbeit bombardiert. Die Lehrerinnen in Gorlovka wünschen sich für ihre Schüler einfach nur Kindheit, denn sie spielen nicht mehr. Das sagt mir die Lehrerin unter Tränen. Später sehen wir auch die restlichen Überbleibsel an Ziegelsteinen des Hauses eines älteren Mannes. Er sagt: „Sechzig Jahre meines Lebens sind zerstört“ und zeigt uns die Mörsergranaten, die überall herumliegen im halb zertrümmerten Haus. Mit Eisenstangen sicherte er heute Morgen wenigstens den Dachstuhl. Stepan, so ist der Name des Mannes, schläft nun im Keller. Er und seine Frau könnten auch bei einigen Nachbarn unterkommen, erfahren wir, aber er winkt ab, „ich habe noch meinen Garten!, sagt er. Der ist ihm geblieben und irgendwie werden sie es schon schaffen.

Krieg hat ein bizarres Gesicht. Die Empfindung ist für Friedensstaatler wie uns irgendwie surreal, scheint unwirklich und nicht greifbar zu sein. Das Gefühl kennt die Nachkriegsgeneration in dieser Form nicht, und uns ist nicht annähernd bewusst was es bedeutet, mit einer anhaltend quälenden Angst vor einem neuen Granatenangriff zu leben, mit den klaffenden Löchern in den Straßen, den durchschossenen Wänden zerbrochenen Fensterscheiben in der Wohnung und mit verminten Wäldern. Wir sahen zwar nie die abgetrennten Gliedmaßen und die um Luft ringenden Menschen, die blutüberströmt und vor Schmerzen schreiend oder gar tot auf dem Gehweg lagen, aber wir sehen es in jeder Straße. Wir gehen an unzähligen Gräbern und Gedenktafeln vorbei, die dort täglich mit Blumen bedacht werden. Und wir trafen Menschen, die den Tod sahen. Ich konnte es in ihren Augen sehen, die eine Melange von bitterster Trauer und mutiger Entschlossenheit ausstrahlen, sich nicht mürbe machen zu lassen – bei all dem Horror.

Alexander Sachartschenko treffen wir, es war eher ein Zufall. Er ist der Präsident der Volksrepublik, 42 Jahre alt, Sohn eines Bergmannes, Ingenieur, verheiratet, er hat drei Söhne. Sachartschenko nahm 2014 in Donezk an den Kämpfen teil, wurde mehrere Male verletzt. Danach führt er das Land mit 2,4 Millionen Einwohnern. Sein Haar ist ergraut nach vier Jahren Krieg. Ich kannte ihn bis dahin nur aus den Pressekonferenzen im russischen Fern- sehen. Auch Sachartschenko hat dieses Leid gesehen, unzählige tote Frauen und Kinder. Makaber ist die Schilderung zu einem Mord der ukrainischen Soldaten an einer schwangeren Frau. Er erzählt mir, ihr Bauch war aufgeschlitzt und ihr Körper wurde mit Bauschaum überzogen. Andere Einwohner wurden vom ukrainischen Militär in große Löcher geworfen und einfach verscharrt, fügt er in bitterem Ton hinzu. Ich würde gerne weghören.

Es ist furchtbar, was ich höre, aber diese Details müssen erzählt werden, gehören sie doch zur unsäglichen Tragik dieser ekelhaften Ereignisse dieser Sadisten. Darf ich so et- was später erzählen, frage ich mich. Ja, ich muss. Der Krieg hat auch Arme und Beine, hübsche Gesichter, ein Herz. Es sind Menschen, die nichts mit Krieg im Sinn haben. Die Donezker Einwohner haben die Opfer alle freigelegt und in ihren Heimatorten begraben. Es sind über 13.000 dieser traurigen Orte. Für uns ist es eine unverständliche Parallelwelt in Anbetracht der schlimmen Situation. Der Geist flüchtet sich in eine Art Kokon hinein, weil man sich vor dem Leid zu schützen versucht. Es ist doch sehr bitter, zu behaupten, ausschließlich durch Betrachtung vor Ort, durch das Berühren der verschossenen Munition und den Blick auf die tausenden Gräber mit den Geburtsdaten, sich der Gefahr, der Gräueltaten und des Terrors bewusst zu sein. Aber wir spüren die Anspannung, an keinem Tag spürst du Entspannung. An keinem. Du liegst im Bett in deinem Hotel und siehst von weitem Granateinschläge, Blitze, Feuer und Qualm. Es dröhnt und ich frage mich manchmal, ob die nächste Granate möglicherweise das Hotel trifft oder irgendeinen anderen Platz, auf dem wir uns am Tag bewegen. Nur ein Kilometer von der Demarkations- linie entfernt, befinden wir uns im Stadtzentrum von Donezk. Hier ist quirliges Leben. Elegante Frauen in schönen Sommerkleidern und Absatzschuhen spazieren da, Schüler sitzen auf einer Bank und lesen ein Buch, ein Wasserspiel plätschert um eine eiserne Kugel, ein Hochzeitspaar beobachte ich. Es trifft sich unter den Bäumen im Park, um Fotos zu machen und trinkt Sekt. Sie haben sichtlich Spaß, lachen ausgelassen und wir freuen uns mit ihnen.

Wir besuchen die Kinder vor Ort in einigen Waisenhäusern. Begleitet werden wir von Wladimir Fedorowitsch. Er ist Präsident des SDM-Hilfsfonds (www.sdm-fond.ru), der aus dem 200 Kilometer entfernten Russland regelmäßig für über 500 Kinder, Behinderte und etwa eintausend psychisch Erkrankte, Hilfskonvois in das Krisengebiet schickt. Er fuhr uns persönlich mit einem Bus von Rostow am Don ins Grenzgebiet um Donezk und begleitete uns bei allen Stationen dieser Mission. Was fanden wir vor? Es war kein Film auf irgendeiner Kinoleinwand oder ein „Ballerspiel!, zu dem Jungs Chips essen. Es gab keinen Moment, indem du über einen Friseurtermin oder die Kneipe nachdenkst. Dort drüben, auf der anderen Seite der Menschheitsfamilie, wird scharf geschossen. Ich weiß heute, wie sich Granaten anhören, ich habe sie gesehen, aus welcher Richtung sie kamen und aus welcher Entfernung geschossen wurde. Die Bürgerwehr in Donezk schoss nicht zurück. Sie hatten strengen Befehl nicht zu schießen. Das hörten wir an verschiedenen Stellen, bei denen wir nachfragten. Sie dürfen nicht zurückschießen, um eine Eskalation zu vermeiden. Am Nachmittag waren wir eingeladen zu Kaffee und Kuchen. Die zwitschernde Frühlingsidylle wurde durch Mörsergranaten gestört. Ich lauschte im Schulraum, bis der Beschuss in der Nähe vorbei war. Ich war schockiert und zuckte zusammen, konnte vom selbst gebackenen Kuchen nicht mehr essen, den mir die Kinder gebracht hatten. Die Kinder blieben still und ruhig. Ich erfuhr, sie haben sich an diese Situation bereits gewöhnt. Unglaublich, nicht? Nach solch einem Beschuss macht man in Donezk im Takt seines Miteinanders weiter, klebt die Fenster mit Papier ab, nagelt sie mit Brettern zu. „Eine Reparatur lohnt erst, wenn keine Granate mehr fliegt!, das erzählt ein älterer Herr von der örtlichen Miliz und lächelt. Das fühlt sich alles sehr skurril an. Die nackte Realität gibt ihm recht. Manchmal werden sarkastisch Scherze darüber gemacht, dass die Frauen schon wissen, mit welcher Munition geschossen wird.

Ihre Sinne sind nunmehr über vier Jahre geschärft, ausgerichtet auf dieses Pfeifen und Zischen, auf Lichtblitze und Erschütterung, dumpf schallende Töne, die vom Einschlag der Granaten rühren. Wir nehmen uns die Zeit für die Ruhe, sind einfach nur müde und versuchen, für einige Stunden die Gefahr zu vergessen, weil wir sonst verrückt werden, vor Sorge und, weil wir sonst unserem Körper schaden würden. Die Gesamtsituation hat nichts mehr mit weniger oder mehr Hab und Gut zu tun. Auf alles würdest du verzichten, wenn du kräftezehrende Anspannung spürst, den anhaltenden Druck und oft die nackte Angst, dass jeden Moment eine Granate einschlägt. Du möchtest es einfach nicht mehr spüren. Ruhe soll sein. Einfach nur Ruhe.

Das hören wir auch von den Kindern in der Schule, die unlängst in ihrem Schulbus beschossen wurden. Am Nachmittag im Waisenhaus bangt man um eine wichtige Wasserzis- terne in der Nähe. Die droht, zerstört zu werden. „Die halbe Stadt wird damit versorgt,“ erzählt uns die ältere Dame am Tisch. Auch sie trägt die grünliche Uniform der Miliz, wie ihr Ehemann. Sie ist dezent geschminkt und hat ein freundliches Gesicht. Wir lauschen ein wenig, bis irgendwann ein dumpfer Ton die gesellige Atmosphäre stört. Die Stromleitung funktioniert noch, vielleicht wurde eine Mauer getroffen. In den kleinen Orten um Gorlovka, die anderen Ortsnamen sind etwas kompliziert auszusprechen, bewahren die Menschen ihre gewohnten Rituale, säubern Straßen und Plätze direkt nach Angriffen. Es blühen rote und gelbe Tulpen in den Gärten, obwohl oftmals keiner mehr dort wohnt. Dachstühle sind schwarz, vollkommen ausgebrannt oder zusammengefallen. In einem Haus kocht man in der noch vorhandenen Küche das Mittagessen, gibt Kindern Unterricht, die Musiklehrerin spielt Klavier, der Bürgermeister sitzt an seinem Schreibtisch – über ihm hängen an der Wand die Porträts von Alexander Sachartschenko und Wladimir Putin -, üben die Kinder Lieder und Gedichte, putzen sich die Mädchen bei Besuchen mit hübschen Kleidchen heraus und frisieren sie sich gegenseitig. Das nennen sie, Hygiene für den Geist. Nur einen halben Kilometer weiter stadteinwärts wird nicht geschossen, weil lediglich die Pufferrandgebiete von Artilleriebeschuss betroffen sind. Wir beobachteten stinknormales Leben, geöffnete Supermärkte, Boutiquen, Blumenläden, gut besuchte Restaurants.

Das gepflegte Shakhtar Plaza Hotel, in dem wir untergebracht sind, ganz in der Nähe des Lenin-Parks und dem überwältigenden Sport-Stadion, ist dieser Tage sehr günstig. Es ist exklusiv ausgestattet und befindet sich nur 1,5 Kilometer von der Frontlinie entfernt. Der Massagesalon und die Hochzeitssuite werden trotzdem genutzt, der Barbetrieb funktio- niert und die Küche zaubert ein leckeres Essen. Trotzdem, die Menschen brauchen Hilfe durch Friedensbemühungen. Sie sind müde, die Kraft schwindet und es ist genug Blut geflossen. Viele Menschen bleiben trotz der massiven Demütigungen in ihren Orten woh- nen, die Geisterorte geworden sind. Die Regierung der Donezker Region hat sie um Umzug gebeten, aber die Menschen möchten dem Terror trotzen. „Es ist unser Grund und Boden, unser Haus. Wir werden es nicht verlassen,“ sagen sie. Manche sind auch zu alt, um irgendwo neu zu beginnen, einige zu arm.

„Die finanziellen Hilfen der EU sind in den Volksrepubliken nicht angekommen!, hören wir vom Berater des Präsidenten, Alexander Kasakow, mit dem wir uns etwa zweieinhalb

Stunden in der Hotellobby unterhalten. „Das Geld ist nach Kiew überwiesen, von dort aber nicht weitergereicht worden.“ Pedro Poroschenko lässt die Region am langen Arm verelenden, deshalb half Russland mit Zuwendungen aus. Das hat sich unter Präsident Wolodomir Selensky, dem freundlich lächelnden Fernsehstar, nicht geändert. Das Kalkül Kiews ist Erpressung. Aber acht Jahre aushalten unter diesen widrigen Bedingungen, sind wohl Beweis genug, dass dieses stolze Volk sich nicht in die Knie zwingen lässt. Kasakow erzählt uns, dass sie Sanktionen ausgesetzt sind und dringend Hilfe benötigen. Wir hören, es gibt aus dem Ausland, etwa aus Italien, sehr gute Kontakte und man bemüht sich in der Region auch eigene Produkte zu schaffen. Uns wurde klar, was es bedeutete, Sanktionen hinnehmen zu müssen, und unser Respekt war groß, dass mit dem, was vorhanden war, gut umgegangen wurde.

Was uns besonders beeindruckte, war eine Einladung des Präsidenten Sachartschenko. Wir aßen mit ihm, sprachen mit ihm über unsere Eindrücke, über Sichtweisen, und er scherzte. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt, die er uns erzählte. Wir sollten ein selbstgebrautes Bier, ein – wie er sagte – altes Rezept probieren. Er erzählte uns, diese Brauerei hatte einst Stalin bauen lassen für die Bergarbeiter. Denn sie hatten sich die gewünscht. Das Bier schmeckte lecker und wir aßen an einer langen gedeckten Tafel Schinken und Früchte. Etwas bizarr, so empfanden wir, inmitten von seinen Beratern und Soldaten zu sitzen, die ihn mit Maschinengewehren bewachten. Bei einer Begebenheit schien der Präsident allerdings etwas die Verhältnismäßigkeit verloren zu haben. Ich hatte, bevor wir zu diesem Termin gefahren waren, Blumen in einem Geschäft gekauft. Von zu Hause mitgebracht hatte ich noch einen Bildband aus dem Rheinland, mit den Burgen und Schlössern, in russischer und französischer Sprache, und wollte es eigentlich an unseren Begleiter Artjom verschenken. Aber ich dachte mir, beim Präsidenten wäre es genauso gut aufgehoben und für Artjom könnte ich später noch ein anderes Exemplar besorgen. Dass ich Sachartschenko Blumen schenkte, muss bei ihm ungewöhnlich angekommen sein, wie ich später erfuhr. Während wir so plauderten und uns miteinander bekannt machten, Geschichten erzählten und Geschenke tauschten, kamen zwei Soldaten in den Raum. Der eine hatte einen großen cremefarbenen und der andere einen tiefroten Strauß Baccara-Rosen im Arm. „Baccaras!, staunte ich und machte mir sonst keine weiteren Ge- danken. Ich hatte das gerade wahrgenommen, da steht Sachartchenko in diesem Moment auf und geht zu den Soldaten. Er nimmt zuerst die roten Baccara-Rosen und schenkt diesen Strauß Biggy, einer Frau aus unserer Gruppe, die sich schon viele Jahre mit dem Konflikt im Donbass beschäftigte. Und dann kam er zu mir und übergab mir den cremefarbenen Strauß. Ein großes langes Bündel, so dass ich beide Arme ausstrecken musste, um diesen Strauß überhaupt zu umfassen. Viel zu schwer für mich, ihn später zu tragen und überhaupt, wir wollten ja in zwei Tagen wieder abreisen. Was macht man mit so vielen wunderschönen Rosen und: ist es verhältnismäßig? Das fragte ich mich, verwundert und geschmeichelt. Ich nahm an, dass ich seine männliche Ehre ein wenig gekitzelt hatte. Vermutlich deshalb musste es ein übergroßer Strauß sein, damit ich das verstand.

Ich überlegte, vielleicht könnte ich die Rosen an einem passenden Platz ablegen. An dem Ort, den wir am Vortag besucht hatten. Auch da hatten wir Blumen niedergelegt. Die „Allee der Engel“ ist eine Gedenkstätte. Dort besuchten wir Kinder, deren Namen und Alter

in eine Tafel graviert sind. Wir lesen uns durch Namen und Alter der Kinder. Sie waren 1, 5 oder 16 Jahre jung. Für mich als Mutter ist das ein furchtbar beklemmendes Gefühl. Es machte mich tief traurig. Einige Zeit verharrte ich schweigend an der eisernen Tafel mit den unzähligen Namen. Mir erscheinen die Bilder, die ich aus den Videos kenne. Bilder blutverschmierter, von Granatsplittern zerrissene Gesichter sind es, an vielen Körpern fehlen Gliedmaßen. Niemand soll das verschrecken, daher hält man sie im Netz zurück. Wie kann man nur Kindern dieses Schicksal angedeihen lassen? Sie sind doch gerade geboren worden, von frohem, unbeschwerten Gemüt und ihre Seelen sind rein, und sie wollten die Welt doch erst entdecken! Nun liegen die kleinen Körper im Donbass begraben. Über die Gedenktafel rankt ein Meer aus Blumen. Metallene Rosen sind es, die im zarten Licht des Tages kupfern glänzen, ein Teil der Pflanze ist in tiefes Schwarz getaucht. Ich schaue genauer hin und erkenne, es sind Granathülsen, deren Schaft hälftig eine Vase versinnbildlicht und aus der kerzengrade ein langer fester Stiel ohne Dornen herausragt. Daran haften gefiederte Blätter, mindestens drei an jedem Stiel, die nach ihrem natürlichen Vorbild bearbeitet wurden, obenauf sitzt jeweils eine gefüllte Blüte. „Es ist Munition, die hier im Donbass gefunden worden ist!, erklärt mir Victor Mikhalev. Der Kunst- und Metallschmied Mikhalev hat in Tausenden von Stunden die Instrumentarien des Bösen in die Symbolik des Paradieses und der Liebe verwandelt. Seine Werkstatt befindet sich ganz in der Nähe. Es ist eine aufwendige Handarbeit und ich freue mich über ein Exemplar, das er mir schenkt. Die Rose begleitet mich jeden Tag zu Hause und erinnert mich an diesen Besuch. Mikhalev ist Mitglied der Akademie der Künste. Er hat für seine Installationen viele Preise bekommen. Seine Kunstwerke zieren in Donezk die meisten Gräber. Die gesamte Region ist gespickt mit Kriegsgräbern, wo man nur hinschaut.

Wie die Landkarte, in der der Bürgermeister von Gorlowka die Angriffe auf sein Dorf dokumentiert. Und beinahe hätte mein Mann wohl eine Detonation selbst ausgelöst. An ei- ner völlig zerbombten Bushaltestelle stiegen wir aus dem alten rostigen Bus aus. Rostig, damit wir nicht auffallen in der „Grauzone!, denn neue Busse waren oft Ziel der Scharfschützen, die sich, wie wir erfuhren, hinter den Häusern versteckten. Und plötzlich rief unser Sicherheitsmann Anton ungewohnt und bitterernst, „Vorsicht, bleib stehen!“ Zwanzig Zentimeter neben dem Fuß meines Mannes hatte sich eine Mörsergranate in den Boden gebohrt, vermutlich ein Blindgänger. Wir begriffen die Gefährlichkeit, durch solch ein Gebiet zu gehen. Einen fünfjährigen Jungen hatte es das Leben gekostet. Trotz der vielen Warntafeln in der Schule, griff er auf der Straße, er wollte spielen, nach einer solchen Granate und es zerfetzte seinen Leib.

Nachdem wir bei Präsident Sachartschenko noch einen Meerrettich-Schnaps getrunken hatten, der wirklich sehr sehr eigenartig schmeckte, was mir Sachartschenko deutlich im Gesicht ablas (er lächelte dabei), weil ich schreckliche Grimassen zog, bemerkte ich, dass die Berater von Sachartschenko plötzlich nervös an ihn herantraten, sie sprachen leise. Wenige Momente später erfuhren wir, dass wir umgehend die Stadt verlassen müssten, denn die Westukraine, so seine Informationen, würde einen Frontalangriff planen. Wir waren überrascht und wurden von Artjom gebeten, Ruhe zu bewahren, ins Hotel zu fahren und in fünfzehn Minuten unsere Taschen zu packen. Im Bus hörten wir den russischen Chanson „Wladimirskij Zentral“ von Michail Krug etwas leiser als sonst und beobachteten

die Umgebung. Wir hofften, dass wir noch rechtzeitig die Grenze erreichen würden. Ich machte mir Gedanken während der Fahrt zur gesellschaftlichen Situation. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung in Donezk und Lugansk ist russischstämmig. 187 verschiedene Nationalitäten lebten in der Ukraine vorwiegend friedlich miteinander, mit unterschiedlichen Bräuchen und Traditionen. Der ukrainische Präsident Poroschenko wollte den Russen die russische Sprache verbieten und es sollte nur noch Ukrainisch gesprochen werden. Das brachte letztlich das Fass zum Überlaufen, nach dem Putsch am Maidan und dem Massaker im Gewerkschaftshaus in Odessa. Damit begann der heiße Krieg im Donbass, es folgte eine Schlichtung über Minsk 1 und 2, Waffenstillstand wurde verordnet. Doch die West-Ukraine hielt sich nicht daran, provozierte. Sie wollte über die Donbassrepubliken die Konfrontation mit Russland erzwingen und deshalb nannte sie ihren kriegerischen Plan „Anti-Terror-Operation!, der ein einseitiger Terror von westukrainischer Seite ist. Dieser endete am 30. April 2018 und wird nun auf eine neue aggressivere Stufe gestellt, die sich die „Operation der Vereinten Kräfte“ nennt. Das bedeutet nichts anderes als eine militärische Frontaloffensive, um die Regionen Donezk und Lugansk zurückzuerobern, was die Bevölkerung in den Donbass-Regionen gar nicht will. Alexander Sachartschenko meinte eben noch, „wir streben lediglich Frieden an und den gilt es zu gewinnen, um unsere Städte so bauen zu können, wie es sich unsere Bürger vorstellen.“ Der letzte Satz, den ich von ihm höre, bevor wir uns verabschieden, ist, „es wird der letzte Krieg in der Ukraine sein, wir sind vorbereitet.“

Es gibt viele Gründe, und wir hörten es in Donezk immer wieder, sich gegen die westliche Politik zu entscheiden. Donezk und Lugansk spalteten sich ab, es ist ihr Recht auf Selbstbestimmung, so empfindet es die Bevölkerung. Die internationale Gemeinschaft sollte ihnen diese Freiheit zugestehen. Alexander Sachartschenko lebt gerade noch vier Monate. Durch einen Sprengstoffanschlag in der Stadt Donezk, vermutlich von Mitarbeitern des ukrainischen Geheimdienstes, werden er und einer seiner Berater umgebracht. Der Sprengstoff befand sich in der Deckenleuchte des Clubs Separ, den er regelmäßig be- suchte, um sich mit seinen Kameraden abzustimmen. Eine Überwachungskamera filmt noch den Eintritt Sachartschenko in den Club und den Beginn einer heftigen Detonation. Ich sehe die Bilder nach dem Sprengstoffattentat vom 31. August 2018 ….Entsetzlich.

Als wir an der Grenze ankommen, ist sie schon geschlossen. Unser Begleiter Artjom hat die Mobiltelefonnummer von Sachartschenko. Ihn ruft er an. Währenddessen er telefoniert, beobachten wir am Knotenpunkt viele junge Männer, die mit Rucksäcken gekommen sind. Später erfahre ich von Artjom, das sind junge Männer, Russen, die aus der ganzen Welt nach Donezk gekommen sind. Sie wollen sich hier ausbilden lassen oder haben sich vom russischen Militär beurlauben lassen. Sie sind gekommen, um eine Waffe in die Hand zu nehmen, und sie führt etwas nach Donezk, was für eine Reihe von Menschen in der westlichen Welt schlichtweg nicht begreifbar oder nachvollziehbar ist. Für mich als Ostdeutsche schon. Sie haben einen Bezug zu den Menschen, fühlen sich verbunden, haben selbst Verwandte oder Freunde von Bekannten im Donbass verloren, die seit Jahren beschossen werden. Es bedeutet für Russischstämmige Patriotismus in der Art, für ihre Landsleute einzustehen, wenn sie sich in bedrohlichen Situationen befinden. Und auch nur deshalb sind diese jungen Männer hier nach Donezk gekommen, um die Miliz zu unterstützen.

Nachdem Artjom alle Formalitäten mit dem Grenzposten geklärt und der Präsident am Telefon mit dem Leiter der Dienststelle gesprochen hatte, können wir weiterfahren. Über 200 Kilometer nach Rostov am Don. Dieses Mal fahren wir direkt zum Flughafen und machen keinen Stopp.

Ich habe auf der Heimreise viel zu tragen. Dieses Mal gleich zwei Taschen. Mein Mann hat sich entschieden, den riesigen Blumenstrauß für mich zu tragen. Durch die verfrühte Abreise konnte ich ihn nicht mehr zu den Kindergräbern bringen. Ins Flugzeug möchte ich ihn nicht nehmen, er würde einfach zu viel Raum beanspruchen. Deshalb entscheiden wir uns am Flughafen direkt am Eingang, da wo die Taschen kontrolliert werden, allen Frauen die dort passieren, eine Rose zu schenken. Wir haben viel Zeit in der Nacht, müssen am Flughafen einige Stunden auf den Flug warten und kommen sogar mit der einen oder anderen Frau ins Gespräch. Sie freuen sich und die Männer haben so viel Spaß an der Freude dieser Frauen, dass sie mir einige von den gefühlt hundert Blumen abnehmen. Kräftige große Männer, gestandene Familienväter stehen da im Eingang des Flughafens in Rostow am Don und beweisen sich als Rosenkavaliere. Wir genießen das alle.

Die Propaganda ist ein Problem im Westen, auch gut informierte Menschen merken es kaum noch, wie vermutlich ich vor über dreißig Jahren, als ich als junge Frau aus der DDR in den Westen kam und einige Gewohnheiten oder destruktiven Strukturen eines anderen Gesellschaftskonzepts nur schwer erkannte. Heute weiß ich, wir tragen West, wie Ost, eine Bürde, und das ist Erkennen. Es ist wichtig, sich damit zu befassen, Fehler anzuerkennen. Zurückgekommen in Deutschland schreibe ich meine Geschichte auf und versuche beim öffentlich-rechtlichen Sender SWR Gehör zu finden. Niemand scheint die Fronten genau zu kennen. Ja, dort schießen Ukrainer gegen Ukrainer, gegen ihre Landsleute. Kein Redakteur erwähnt, dass dieser Beschuss die Minsker Verträge verletzt, dass die Minsker Verträge sagen, dass niemand die Demarkationslinie übertreten darf. Die Minsker Verträge sagen auch, dass nicht geschossen werden darf und, dass die „Rebellengebiete im Osten einen Sonderstatus erhalten“ sollten. Ein entsprechendes Gesetz sollte das Parlament der Ukraine spätestens 30 Tage nach Unterzeichnung des Abkommens verabschieden, also bis zum 13. März 2015. Geschehen ist dies bis heute nicht. Die Regierung in Kiew weigerte sich den Sonderstatus für eine gewisse Autonomie im Osten des Landes zu erlauben, obwohl es im Abkommen festgelegt wurde. Und auch dieser Fakt hat sich bis heute nicht geändert. Obwohl Kiew behauptet, für die Einheit der Ukraine zu kämpfen, hält Kiew bis heute eine Hungerblockade gegen die „eigene“ Bevölkerung im Osten des Landes aufrecht. Es lohnt, den Text des Minsker Abkommens zu lesen. Russland wird darin nicht einmal erwähnt, soll aber das Abkommen umsetzen? Ich versuche das zu vermitteln und werde immer wieder nach Mainz, von Mainz nach Koblenz von Koblenz wie- der nach Mainz und zurück verbunden, bis sich meine Wut und mein Unverständnis in Tränen auflöste. Ich schluchzte am Telefon und eine Redakteurin hört mir endlich zu. Ich empfehle ihr genau hinzuschauen, wer hier gegen wen kämpft und wen Deutschland dort unterstützt, wie es den Menschen geht und wie viele Gräber ich gesehen hatte. Sie notiert, so sagt sie, einige Argumente und verspricht mir, in der Redaktion das Thema anzusprechen.

Wir haben Januar 2022 und wieder hören wir im öffentlich – rechtlichen Radio eine Lüge, nämlich, dass Russland eine „Invasion auf die Ukraine plant!

Russlands Armee steht Rostow am Don, viele Kilometer von Donezk entfernt. Und auch heute bemerke ich, viele Menschen wissen nicht einmal, wo der Donbass liegt, viele Menschen wissen gar nicht, welche Republiken sich aus welchem Grund abspalteten und von wo die Gefahr lauert. Russland ist nicht die Gefahr. Wem nutzt das im Donbass? Wem nutzt das auf der anderen Seite der Ukraine? Und wann begann wirklich die Krise, die im Donbass zum Krieg führte? Westlich eingenordete Politiker prusten in jedes nur verfügbare mediale Rohr, bösartig und blind. Auch die Unterstellung, dass Präsident Putin ein neues Sowjetreich schaffen wolle, ist sachlich falsch. Denn tatsächlich sagte er, „dass der Zerfall der Sowjetunion eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts war.“ Er begründete die Aussage, dass dieser Zerfall die Kriege und instabilen Verhältnisse in vielen Teilen der Welt heute maßgeblich begünstigt oder gar mitverursacht hat. Den angeblichen Wunsch von einem neuen Sowjetimperium muss der Ex-Profiboxer Vitali Klitschko, heute Bürgermeister in Kiew, offensichtlich in den deutschen Medien aufgeschnappt haben, obwohl er das original Zitat Putins doch auf Russisch verstehen müsste, er hat diese Sprache in der Schule gelernt. Das Betteln für Waffen in Deutschland steht ihm nicht. Wie ich von Freunden aus der Ukraine hörte, lachen selbst die Kiewer über ihn, weil er die neue Sprache Ukrainisch nicht richtig aussprechen kann. Das ist übrigens auch bei Poroschenko so, der Ukrainisch als Amtssprache einführte und damit alle Russischstämmigen vor den Kopf stiess. Ukrainisch wurde bis dahin meist nur auf dem Land gesprochen, oft auch nur ein Art Kauderwelsch, da in der Ukraine sehr viele Ethnien zusammenleben. In den Städten schrieben und sprachen die Menschen jedoch Russisch.

Minsk Zwei ist offenbar die zu Papier gebrachte militärische Niederlage eines US-Mario- nettenregimes in Kiew, die der Westen nicht anerkennen will. Das kriegerische Zündeln der Westmächte gehört in den größeren Allmachts-Expansionsplan der NATO, nachdem US-Außenminister James Baker Michail Gorbatschow 1990 in die Hand versprach, das „auf den Pelzrücken“ zu unterlassen, rückte die NATO auf den Pelz. Russland hat Anspruch auf Integrität und Schutzraum. Die USA braucht den militärischen Konflikt der Ukraine im Donbass, damit es einen Vorwand gibt, um gegen Russland weitere Sanktionen verhängen zu können und ihre Waffengeschäfte zu machen. Alle bisherigen Sanktionen gegen Russland sind verpufft und sie schützen nunmehr ihre eigenen Grenzen. Gibt es gesichtswahrende diplomatische Lösungen? Vielleicht behält Alexander Sachartschenko damit recht, dass es „der letzte Krieg in der Ukraine sein wird!. Es ist einzig die Entscheidung der NATO, ob und wann endlich Frieden einkehrt.

Nachtrag: Ich schreibe die letzten Zeilen meines Beitrages und höre, dass heute in Berlin die Kontaktgruppe des Minsker Friedensabkommens im sogenannten “Normandie-Format“ neun Stunden lang mit der Ukraine, Russland, Frankreich und Deutschland verhandelt hat. “Kein Ergebnis, keine Einigung zu nichts!, vermeldet der Unterhändler Russlands Dmitri Kozak, Vize-Ministerpräsident der Regierung Russlands, der dazu meint, dass die Ukraine gar keine Kompromiss-Lösung eingehen will und sich weigert “zentrale Punkte” des Minsker Friedensabkommens anzuerkennen, geschweige denn zu erfüllen. Laut Kozak

habe Russland alles und bis zuletzt versucht, einen Kompromiss zu erzielen – aber die Ukraine wollte und will keinen. Ich erinnere mich an ein Interview mit einem Scharfschützen aus dem Kiew-seitigen Lager, das ich 2021 in einem Magazin las. Serhiy Varakin, sein Kurzname ist „Smile!, gab in den Block des Reporters seine Absichten bekannt: „Ich brauche keinen Frieden, ich brauche Sieg…Meine Aufgabe ist es, Feinde zu eliminieren, so viele wie möglich.“

Der Journalist Dirk Pohlmann hat in wenigen Worten skizziert, wie Deutschland in Sachen Ukraine, Russland, Nordstream 2 usw. an der Nase herumgeführt werden und was uns droht. „Nordstream 2 gibt es, weil die deutsche Regierung es wollte, nicht weil die russische es wollte. Deutschland braucht Gaslieferungen, um sicher Grundlast-Strom produzieren zu können, nachdem die Kernkraftwerke abgeschaltet werden. Die USA versuchen die Pipeline zu stoppen, seit vielen Jahren, mit vielen Mitteln und aus vielen Gründen: aus geopolitischen, aber auch aus simplen wirtschaftlichen Interessen.“ Frackinggaslieferungen aus den USA wären beides, ein Geschäft und erpressungsfähiger Einfluss auf Deutschland. Es gibt einen Interessenkonflikt zwischen den USA und seinem nicht-souveränen Vasallen Deutschland. Die NATO existiert, um die Amerikaner drinnen, die Russen draußen und die Deutschen unten zu halten, sagte ihr erster Generalsekretär Lord Ismay bereits in den 50er Jahren. Und das gilt immer noch.

Beitragsbild: Sabiene Jahn

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Presseportal „Frische Sicht“.

Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung der Autorin Sabiene Jahn. Besten Dank dafür.

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Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich veröffentliche sie aber gerne, um eine vielfältigeres Bild zu geben. Die Leserinnen und Leser dieses Blogs sind auch in der Lage sich selbst ein Bild zu machen.

 

“Der Fall Anatoli Schari: Totgeschwiegen und lebensbedrohlich” – Verhindern wir die Auslieferung des ukrainischen Video-Bloggers Anatoli Schari!

Gastbeitrag von Ulrich Heyden, Korrespondent Moskau

Der ukrainische Investigativ-Videoblogger Anatoli Schari hat die Gründung der oppositionellen „Partei Schari“ initiiert. Der Partei Schari wird aber das Leben schwer gemacht, Anfang des Jahres begann ein Verbotsverfahren. Gegen Schari selbst leitete der ukrainische Geheimdienst SBU im Februar ein Strafverfahren wegen Landesverrat ein. Zu dem Prozess in Kiew wollte Schari nicht fahren, denn er fürchtet in der Ukraine um sein Leben. Das Video unter dem Titel “Der Fall Anatoli Schari: Totgeschwiegen und lebensbedrohlich“ enthält ein längeres Interview mit Schari und Interviews mit den Bundestagsabgeordneten der Partei Die LINKE, Diether Dehm und Andrej Hunko.

Sie kennen Anatoli Schari nicht? Kein Wunder, die großen deutschen Medien berichten nicht über ihn. Aber man sollte ihn kennen. Der 42 Jahre alte ukrainische Investigativ-Videoblogger, der seit 2011 in der Europäischen Union lebt, fühlt der Regierung in Kiew auf den Zahn. Täglich bringt er auf seinem Video-Kanal Beiträge, die Poroschenko, Selenski und die ukrainische Regierung zur Weißglut treiben. Sein Kanal hat heute 2,4 Millionen Abonnenten.

Anatoli Schari hat außerdem 2019 in der Ukraine die Gründung der oppositionellen „Partei Schari“ initiiert. Die Partei hat sich an Kommunal- und Parlamentswahlen beteiligt, Abgeordnete der Partei sitzen in mehreren Kommunalparlamenten und nach Umfragen könnte es sein, dass die Partei bei der nächsten Wahl die Fünf-Prozent-Hürde überspringt.

Anhänger der „Partei Schari“ mit Eisenstangen verfolgt

Der Partei Schari wird aber das Leben schwer gemacht. Anfang des Jahres begann gegen die Partei ein Verbotsverfahren. Im Juni 2020 verfolgten rechtsradikale Schläger Anhänger der Partei in der ostukrainischen Stadt Charkow mit Eisenstangen. Dem Koordinator der Partei Schari, Nikita Roschenko, wurden sieben Rippen gebrochen. Die Polizei, die erst von „Hooliganismus“ sprach, erklärte später, dass es ein Mordversuch war.

Gegen Schari selbst leitete der ukrainische Geheimdienst SBU im Februar dieses Jahres ein Strafverfahren wegen Landesverrat ein. Zu dem Prozess in Kiew wollte Schari nicht fahren, denn er ist sich sicher, dass er in der Ukraine nicht länger als 24 Stunden überleben wird. Der Nationale Korpus – eine rechtsradikale ukrainische Organisation – forderte in Kiew öffentlich und ungestraft den Tod des Bloggers. In einem Kiewer Untersuchungsgefängnis werde er sterben, ist sich Schari sicher. Man werde behaupten, er habe Selbstmord begangen.

Ukrainische Rechtsradikale tauchen vor dem Haus von Schari in Katalonien auf

Wie real die Gefahr einer Mord-Attacke ist, zeigte sich im Sommer letzten Jahres. Da tauchten dreimal hintereinander ukrainische Rechtsradikale vor dem Haus von Schari in Katalonien auf. Seitdem habe er für sich und seine Familie eine private Wachfirma angeheuert, erzählt der Blogger. Die örtliche Polizei hat ein Untersuchungsverfahren zu den angereisten ukrainischen Rechtsradikalen eingeleitet.

Der ukrainische Blogger lebt seit einem Jahr im Dauerstress. An allen Fronten versucht man ihm das Leben schwer zu machen. Jetzt ist sogar der Status des Bloggers als politischer Flüchtling in der EU gefährdet. Ende Mai berichtete die regierungsnahe „Ukrainskaja Prawda“, dass Litauen, wo Schari 2012 den Status des politischen Flüchtlings bekam, ihm den Status entzogen und ihn zur unerwünschten Person erklärt hat. Das bedeutet, dass der Blogger jederzeit aus Spanien an die Ukraine ausgeliefert werden kann.

Das Einzige, was jetzt noch hilft, ist eine breite Informationen der Öffentlichkeit. Politiker in Europa müssen für Schari eintreten, auch wenn sie ihn politisch nicht unterstützen. Es geht um das Menschenrecht auf Leben und das Recht der Meinungs- und der Pressefreiheit.

MdB Dieter Dehm: „Wir brauchen neben den LINKEN auch Abgeordnete von SPD und CDU“

Ich habe deshalb zusammen mit Tom Wellbrock auf dem Video-Blog „Neulandrebellen“ ein Video zum Fall Schari veröffentlicht. Das Video unter dem Titel “Der Fall Anatoli Schari: Totgeschwiegen und lebensbedrohlich“ enthält ein längeres Interview mit Schari und Interviews mit den Bundestagsabgeordneten der Partei Die LINKE, Dieter Dehm und Andrej Hunko.

Dieter Dehm sagte in dem Interview:

„Um die Aufmerksamkeit auf den Fall Anatoli Schari zu lenken, brauchen wir erstens auch Abgeordnete von der SPD und CDU-Fraktion – neben den Linken – und, zweitens, auch eine Kundgebung, bei der wir das Wort Mitbeteiligung an einem möglichen Mord auch aussprechen.“

Andrej Hunko meint, es gibt Chancen, eine drohende Auslieferung von Schari zu verhindern:

„Man versucht ja in der EU die justizielle Kooperation stärker aneinander anzugleichen. Wir haben die Debatte um Puigdemont aus Katalonien gehabt, dass der ausgeliefert werden sollte. Schari fürchtet jetzt die Auslieferung aus Spanien. Es gibt aber keinen Automatismus. Das haben wir ja bei Puigdemont gesehen. Er wurde ja nicht nach Spanien ausgeliefert. Schari selbst fürchtet ja – und das ist glaube ich nicht unrealistisch – um sein Leben. Das allerallerwichtigste ist jetzt Öffentlichkeit. Damit das überhaupt bekannt wird.“

Während das Europäische Parlament schweigt, erfährt Schari viel Unterstützung von Journalisten und Menschenrechtlern. Der Leiter der katalonischen Behörde für Zivil- und politisches Recht hat Shari Unterstützung zugesichert. Unterstützt wird der Journalist auch von der Menschenrechtsorganisation „Solidaritätsnetz“ in Bern. Kritisch über die Angriffe auf Shari berichteten spanische Medien wie El Pais und El Taquigrafo, deutsche Medien wie die Berliner Zeitung, Telepolis, Junge Welt und die tschechische Zeitung Halo Novyny.

Was wird Schari vom ukrainischen Geheimdienst eigentlich vorgeworfen?

Es geht im Wesentlichen um drei Vorwürfe. Angeblich hat Schari mit seinen Berichten, die Verteidigungsmoral der ukrainischen Armee untergraben. Man wirft ihm Anstachelung von Nationalitätenkonflikten vor, weil der Blogger in seinen Videos Menschen zu Wort kommen lässt, die mit dem neuen ukrainischen Sprachengesetz nicht einverstanden sind, nach dem Russisch aus dem öffentlichen Leben verbannt wird. Drittens wird Schari vorgeworfen, dass er angeblich „Russlands Informations-Attacken gegen die Ukraine“ unterstützt.

Schari ist russischsprachiger Ukrainer. Schon seine Großeltern schrieben auf Russisch. Und er erinnert sich, dass er in seiner Jugend, also während der Sowjetzeit, das traditionelle ukrainische Wyschywanka-Hemd trug. An eine Unterdrückung der ukrainischen Kultur während der Sowjetzeit kann er sich nicht erinnern. Was aber jetzt in der Ukraine laufe, sei mit Sicherheit eine Unterdrückung der russischen Kultur und Sprache. Nach der Volkszählung von 2001 waren 17 Prozent der Bürger der Ukraine russischer Abstammung.

Medien-Kampagnen gegen Schari in der Ukraine

Um Schari in der Öffentlichkeit zu diskreditieren, arbeiten die ukrainischen Medien sehr aktiv. So wurden verschiedene Gerüchte und Behauptungen in Umlauf gebracht, zu denen ich den Blogger für unser Video befragte.

Ob er Selenski im Wahlkampf tatsächlich unterstützt habe, wollte ich von Schari wissen. Ja, er habe während der Wahl 2019 nur den damaligen Präsidenten Poroschenko unter Feuer genommen, antwortete der Blogger. Als Selenski siegte, habe er ihm sogar gratuliert, sei aber dann nach der Wahl schwer enttäuscht worden. Heute sagt Schari, Selenski habe seine Wähler von Anfang an getäuscht. Auch er selbst habe sich täuschen lassen.

Auch fragte ich Schari, ob er noch zu seinen Äußerungen von 2009/2010 stehe, als er sich über Roma und Homosexuelle abwertend äußerte. Der Blogger antwortete, er sei in der Sowjetunion aufgewachsen. Seit er in der Europäischen Union lebe, habe sich seine Einstellung zu Homosexuellen und Roma total verändert. Auch habe er zahlreiche Videos veröffentlicht, in denen er den Terror ukrainischer Rechtsradikaler gegen Roma in Kiew angeprangerte.

Schließlich wollte ich von dem Blogger wissen, ob es stimme, dass er ein wohlhabender Mann sei. Schari sagte auf die Frage, er habe ein Haus und eine Wohnung gekauft. Dass er aber Immobilien in mehreren Ländern besitze, sei eine Lüge.

Es ging los mit dem Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa

Schari berichtet, dass er mit dem Video-Bloggen erst 2014 angefangen habe. Eines seiner ersten Videos war zum Brand des Gewerkschaftshauses in Odessa. Dieses Video erreichte in wenigen Stunden mehrere Hunderttausend Aufrufe.

2014 habe sich gezeigt, dass es für einen kritischen russischsprachigen Blog für Menschen in der Ukraine eine große Nachfrage gibt. Und so habe er begonnen, damit auch Geld zu verdienen. Aber mit diesem Geld unterstütze er auch notleidende Menschen in den Gebieten Lugansk und Donezk und Menschen in der Ukraine, die sich lebenswichtige medizinische Operationen nicht leisten könnten. Außerdem finanziere er ein Video-Bildungsprogramm zur Geschichte der Ukraine, zur Persönlichkeitsentwicklung und anderen Fragen.

Wer mehr zum Fall Schari wissen will, kann sich unser Video angucken, es weiterempfehlen und eine eigene Aufklärungsarbeit starten.

#FreeSchari

Titelbild: Screenshot Neulandrebellen

Briten, Niederländer und Deutsche provozieren – nicht nur im Schwarzen Meer

Von Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam.

Achtung Realsatire, die Tagesschau macht Handstand auf der Zunge: “Militärische Auseinandersetzungen sind für Russland seit Jahren ein bewährtes Mittel, sich Geltung und Mitsprache zu verschaffen”, behauptet sie frech, obwohl die Politik mit Bomben und Granaten doch das Markenzeichen der USA ist. Die Spitzenjournalisten der ARD-aktuell fühlen sich halt über alle Fakten erhaben. Sogar darüber, dass Propaganda besonders dann wirkt, wenn sie die Wahrheit bloß verbiegt und nicht komplett ignoriert. Im vorliegenden Fall wirft ihr Stuss zudem die Frage auf, seit wann es denn den USA und ihren NATO-Kriegskameraden zusteht, anderen Völkern Mitsprache und Geltung zu gewähren oder zu versagen. Nicht „der Russe“, sondern die „Westliche Wertegemeinschaft“ versucht, alle unbotmäßigen Länder unter ihre Fuchtel zu zwingen, mit erpresserischen Sanktionen oder – falls sie sich militärisch überlegen fühlt – mit mörderischem Angriffskrieg.

Man muss das Offensichtliche ja nicht immer wieder aufzeigen und nachweisen. Belassen wir es also bei dem Einwurf, dass nicht nur der Irak, Syrien und Libyen Zeugnis ablegen für die Rechtlosigkeit, Infamie und Unmenschlichkeit des Weltherrschers USA und seiner Vasallen. Die zahllosen Kriege der „Westlichen Wertegemeinschaft“ und deren vernichtende Sanktionspolitik haben noch weniger mit demokratischen und humanitären Idealen zu tun als die mittelalterlichen Kreuzzüge mit Glaubensstärke und christlicher Nächstenliebe.

Der Wertewesten, wir Guten, wir fälschen die Geschichte lieber, statt ihre Lehren zu beherzigen; aufs gleiche Recht für alle und auf die Vorzüge der friedlichen Koexistenz pfeifen wir jederzeit, wenn es im Interesse der USA liegt. Denen dient die deutsche Bundesregierung nämlich besonders gerne. Kanzlerin Merkel findet dafür die immer passende Rechtfertigung: Die transatlantischen Beziehungen seien ein zentraler Pfeiler in der Außen- und Sicherheitspolitik, der im ureigenen Interesse erhalten werden müsse. Wörtlich

„Wir sollten nie vergessen, dass Europa nicht neutral ist, Europa ist Teil des politischen Westens.“

Tja, Pech gehabt, Freunde, wir sind nicht neutral und friedlich. Übrigens: Geografisch gehört auch Russland zu Europa, aber damit berühren wir schon eine Wurzel des Unfriedens: Russland will sich nicht von der NATO-EU vereinnahmen und als Teil dieses „politischen Westens“ (Merkel) von US-Kapitalisten ausbeuten lassen. Deshalb gilt Russland, wie die Volksrepublik China, wie der Iran und etliche andere „Böse“, als Feind. Und darum bleibt Merkel bei ihrer transatlantisch verdrehten Logik: Wenn sich „Europa“ in der Welt behaupten wolle, müsse es

„sein Schicksal stärker in die eigene Hand nehmen und gleichzeitig als verlässlicher Partner der westlichen Werte- und Interessengemeinschaft agieren.“ (ebd.) 

Es wäre zum Lachen, wenn diese Ignoranz gegenüber der Geschichte (die Sowjetunion und China waren Opfer, nicht Täter!) nicht zum Heulen wäre.

Zu viel auf dem Kerbholz

An der gegenwärtig wieder verstärkt feindseligen Ausrichtung Deutschlands gegen Russland und China beteiligt sich selbstredend auch ARD-aktuell, indem die Redaktion die aggressive Politik des Westens verschleiert. Sie wirkt daran mit, den neuen/alten „Feinden“ all das Übel anzudichten, mit dem sich der Westen selbst hervortut. Der mörderische Putsch in Kiew, obwohl von den USA, der NATO und der EU organisiert, wurde zur „Maidan-Demokratiebewegung“ umgelogen. Die Volksentscheide der mehrheitlich russischen Krimbewohner, ihre Halbinsel wieder mit Russland zu vereinen, zu dem die Krim seit Katharina der Großen gehört, werden mit der Keule „Annexion der Krim“ aus dem Gedächtnis getilgt, ohne Rücksicht auf die Fakten und auf russisches Geschichtsbewusstsein und Kulturtradition. Der Krieg der Ukro-Nazis gegen die Donbass-Republiken wird als Verteidigung gegen russische Okkupationsabsichten ausgegeben. Der Konsens des Abkommens von Minsk (2015) ist längst vergessen.

Kein Wort verlor die Tagesschau bisher darüber, dass die USA und ihr ergebenster Kriegsknecht, die Bundesrepublik Deutschland, weiterhin Truppen im Irak stationieren, unter Bruch des Völkerrechts und entgegen dem Willen des Parlaments und der Regierung in Bagdad. Sie schweigt beharrlich über den deutschen Anteil am Völkerrechtsbruch bei der Besetzung und Bombardierung Nordsyriens. Erst recht darüber, dass die Bundesluftwaffe sich an Kriegsverbrechen beteiligte, z.B. in Der-Es-Zur, indem ihre Tornado-Aufklärer der US-Air-Force die Zieldaten für das sorgfältig geplante Massaker beschafften.

Die Auflistung fundamentaler journalistischer Regelverstöße der Tagesschau ließe sich beliebig fortsetzen. Stichworte: Venezuelas Hampelmann-„Präsident“ Guaidó, Israels Landraub in Palästina, die Psy-Ops um die Skripals, um Nawalny und den Berliner Tiergarten-Mord, die Einmischung des Westens in Belarus, die Krawallstories über die Uiguren in China, die angeblich russischen Cyber-Angriffe auf den Bundestag, undsoweiter, undsoweiter… 

Lückenhafte Nachrichten

Am 28. Juni begann das zweiwöchige Manöver „Sea Breeze” (Seebrise) der USA-geführten Werte-Allianz im Schwarzen Meer. Mit 32 beteiligten Ländern aus allen Kontinenten, 5000 Soldaten, 32 Kriegsschiffen, 40 Kampfflugzeugen sowie 18 Spezialtrupps und Taucherteams ist es die bisher größte derartige Übung direkt vor der russischen Küste. ARD-aktuell berichtete darüber, erklärte jedoch mit keinem Wort den Manöver-Gegenstand, die angenommene Lage, das sogenannte „Szenario“. Und: Sie ließ unerwähnt, dass neben den USA ausgerechnet die Ukraine eine Führungsfunktion im Manöver hat.

Die Ukraine ist (noch) kein Mitglied der NATO. Geübt wird auch nicht Selbstverteidigung gemäß NATO-Statut. Deshalb machte die US-Botschaft in Kiew auf harmlos: Man wolle ja nur „die Kompatibilität der Streitkräfte verbessern, die Sicherheit auf See erhöhen und für Frieden in der Region sorgen.“

Weniger heuchlerisch gibt die Zeitung „Star and Stripes“ der US-Streitkräfte zu, dass eine Machtdemonstration beabsichtigt ist: 

„… die USA und ihre Verbündeten haben die Vorbereitungen für Sea Breeze fortgesetzt, deren Ziel es ist, Moskau eine klare Botschaft zu senden, dass sie sich nicht einschüchtern lassen. … Wenn Moskau glaubt, dass wir in Kriegszeiten zusammenstehen und über genügend militärische Macht verfügen … wird Russland abgeschreckt … gleichzeitig werden unsere Verbündeten, Partner und Freunde Mut fassen und sich selbstbewusst genug fühlen, um sich den russischen Forderungen zu widersetzen.“

Die Tagesschau und ihre Korrespondenten in Moskau und in Washington fragen aber nicht: Von welchen russischen Forderungen sehen sich denn „die Verbündeten, Partner und Freunde der USA“ gefährdet? Ist nicht vielmehr „Sea Breeze“ selbst eine aggressive Herausforderung, ein äußerst brisanter, abenteuerlich dummer Versuch, Russlands Hoheitsrechte mit einem möglichst großen Heloten-Heer „einzudämmen“, wie auf dem NATO-Gipfel anno 2016 als politische Zielvorgabe ganz offiziell beschlossen?

Nieten am Regierungsruder

Eine Glanznummer in ebenso riskanter wie stupider militärischer Provokation boten zum Auftakt die Briten, indem sie ihren Zerstörer HMS „Defender“ in russische Hoheitsgewässer vor der Krim eindringen ließen. Und wieder vermied die Tagesschau sorgfältig und NATO-hörig, uns mitzuteilen, was daran falsch war. Das britische Kriegsschiff verstieß gegen internationales Recht und konnte von russischer Marine und Luftwaffe nur mit Warnschüssen und Bombenabwürfen zur Kursänderung gezwungen werden.

Von „jüngster Kraftprobe“ statt von Rechtsbruch und Friedensgefährdung war daraufhin die Rede, nicht nur auf tagesschau.de. Und obwohl es sich unbestreitbar um einen britischen Übergriff handelte, war wieder der Russe schuld:

„Es ist nicht das erste Mal, dass Russland gegen das … Manöver ‚Sea Breeze‘ Sturm läuft“. (ebd.)

Gerade so, als wäre Moskau verpflichtet, sich das aggressive Verhalten der Briten widerspruchslos gefallen zu lassen.

„Sea Breeze“ ist kein Manöver im üblichen Sinne. Es findet unter Berufung auf Verabredungen Washingtons mit Kiew im Jahr 1993 statt, zu einer Zeit, als in Moskau der versoffene Boris Jelzin den USA zu Willen war. Allerdings war damals noch überhaupt keine Rede von enger Koordination der Ukraine mit der NATO. „Sea Breeze“ verfolgt indessen ausdrücklich das Ziel,

„die Kompatibilität der ukrainischen Streitkräfte mit denen der NATO-Verbündeten zu erhöhen.“

Der britische Zerstörer HMS „Defender“ war nicht die einzige dreiste Provokation im „Sea Breeze“-Rahmen. Die niederländische Fregatte HNLMS „Evertsen“ nahm kurz darauf, ebenfalls ohne Russlands Erlaubnis, Kurs auf die „Straße von Kertsch“, eine Meerenge östlich der Krim. Erst russische SU-30-Jagdflugzeuge und SU-24-Bomber überzeugten den Fregatten-Kapitän schließlich, dass ein Richtungswechsel ratsam war.

ARD-aktuell vermeldete auch diese Begebenheit wie üblich einseitig, von Hintergründen und Kontext bereinigt. Ausführlich gab sie das scheinheilige Gejammer der holländischen Regierung wieder, die russischen Kampfjets hätten die „Evertsen“ bedrängt und „Schein-Attacken“ geflogen. Sie hätten auf der Fregatte „unverantwortliche Störungen der Elektronik“ bewirkt. Die russische Sichtweise wurde hingegen nur mit einem Satz bedacht.

Die Tagesschau ließ unerwähnt, dass die Niederländer ja gewarnt sein mussten. Was ihnen widerfuhr, hatten die USA bereits vor sieben Jahren erlebt. Damals überflog ein russischer SU-24-Bomber die USS „Donald Cook“ im Schwarzen Meer und ruinierte das hochmoderne elektronische Kampfsystem „Aegis“ des mit Raketen bestückten Zerstörers gründlich. Die „Donald Cook“ hatte alle russischen Mahnungen ignoriert und gar zu frech Kurs auf die russischen Küstengewässer genommen. Als wehrloser Kahn mit vollkommen desillusionierter Besatzung musste sie in einen rumänischen Hafen flüchten.

Der hintergründige Zweck der beiden jüngsten hochriskanten Provokationen blieb unseren Qualitätsjournalisten natürlich verborgen: Briten und Niederländer durchkreuzten damit den Plan des französischen Präsidenten Macron und der deutschen Kanzlerin Merkel, nach dem (unergiebigen) Biden-Putin-Treffen in Wien ein sinnvolleres EU-Gipfeltreffen mit dem russischen Präsidenten zu veranstalten. Ihr Vorschlag stieß nicht nur auf den vorhersehbaren Widerstand Polens und der drei baltischen Staaten. Auch das EU-Mitglied Niederlande hielt dagegen. Das nicht-mehr-EU-Mitglied Großbritannien stänkerte vom Rande her. Meldung nach Washington: EU-Gipfelpläne gekippt, Mission erfüllt.

Die Tagesschau ist zwar laut Rundfunkstaatsvertrag verpflichtet, über das Weltgeschehen umfassend und vollständig zu unterrichten. Wie aber sollte die ARD-aktuell-Redaktion über etwas unterrichten, das sie sich selbst nicht zu kapieren gestattet?

Zurechtgebogene Wahrheit

Statt pflichtgemäßer Information spielte die Tagesschau also auch diesmal nur wieder die Platte mit der völkerrechtlichen Fehlinterpretation ab, Russland habe die Krim annektiert; die Briten hätten daher keine russischen Hoheitsrechte verletzt, ihr Kriegsschiff „Defender“ habe nur ukrainisches Seegebiet vor der Krim durchfahren: 

„Für den überwiegenden Teil der Weltgemeinschaft aber war und ist die Krim gemäß dem Völkerrecht weiter Bestandteil der Ukraine. Weshalb auch die Briten darauf verweisen, dass sich ihr Schiff in ukrainischen und nicht in russischen Gewässern aufgehalten habe.“ (Anm. 13)

Erstens: „Weltgemeinschaft“ ist ein transatlantischer Kampfbegriff. Er verschleiert, dass nur eine knappe Mehrheit, nämlich 100 von 194 Staaten, die Krim im Jahr 2014 als weiterhin ukrainisch erklärte; mehr als 50 Zwergstaaten hatten zu dieser Mehrheit beigetragen (u.a. Monaco, Tuvalu, Andorra, Liechtenstein, Malta, Nauru, San Marino, Palau, Marshallinseln). Der anspruchsvoll „überwiegende Teil der Weltgemeinschaft“ repräsentiert nicht mal ein Drittel der Weltbevölkerung. Zweitens: Anders, als ARD-aktuell zu suggerieren versucht, blieb das See-Recht von alldem unberührt. Die Russische Föderation wurde per UN-Resolution am 19. Dezember 2017 sogar ausdrücklich aufgefordert,

„allen ihr als Besatzungsmacht aus dem anwendbaren Völkerrecht erwachsenden Verpflichtungen nachzukommen.“

Dazu gehört auch, dass Russland als „Besatzungsmacht“ den Verkehr in den Hoheitsgewässern rund um die Krim regulieren darf. Selbst deutsche Rechtsexperten erkennen diese Zuständigkeit an. Es spielt völkerrechtlich und (im hier diskutierten Fall) auch politisch überhaupt keine Rolle, ob die Krim annektiert wurde oder ob sie sich frei und aus eigenen Stücken zum Wechsel nach Russland entschloss. Das Eindringen fremder Kriegsschiffe in die Gewässer rund um die Krim ist in jedem Falle illegal.

Es ist allerdings für ARD-aktuell typisch, dass sie ihrem Publikum solche korrekt einordnenden Informationen vorenthält und der plumpen britischen Provokation den Anschein von Legitimität verleiht. Russlands Außenpolitik soll, wo immer sich dazu Möglichkeiten bieten, als Gefahr für die Sicherheit Westeuropas dargestellt und diskreditiert werden. Das zeigt sich auch in einer anderen Bemerkung der Tagesschau: 

„Gleichzeitig lässt das Land (Russland) bei einer Übung im östlichen Mittelmeer selbst die Muskeln spielen: schließlich unterhält Russland in Syrien eine Marine- und Luftwaffenbasis. Bei der Militärübung kommen auch Kampfflugzeuge zum Einsatz, die Überschallraketen befördern können.“ (Anm.12)

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. USA und NATO veranstalten weitab von ihren Zentralen, jedoch in nächster Nähe zu Russland, provokante Militärmanöver in ohnehin schon gespannter Atmosphäre. Russland reagiert, aber nur nahe der eigenen Grenze bzw. im Hoheitsbereich Syriens, seines Verbündeten. Es handelt legitim, weil es Verteidigungsbereitschaft demonstriert und keine aggressive „Eindämmung“ probt.

Die Schwadroneure haben das Wort

Die Propagandatröten der ARD-aktuell nehmen sich heraus, dies anzuzweifeln und von (bedrohlichen) russischen „Muskelspielen“ zu schwadronieren. Für Ignoranz und transatlantischen Konformismus der ARD-aktuell garantiert Sylvia Stöber, mit Sonderstatus in der ARD-aktuell-Unterabteilung „Faktenfinder“ ausgestattet:

„Innenpolitisch sind die Berichte vom Schwarzen Meer dazu geeignet, von der Corona-Lage in Russland und den Einschränkungen nicht kremltreuer Politiker und Bürgerengagements vor der Duma-Wahl im September abzulenken: Putin präsentiert sich stattdessen als Verteidiger Russlands.“

Fakten, die die Aggressivität des „Wertewestens“, seine Feindbildmalerei und Kriegstreiberei belegen, fallen bei ARD-aktuell gerne untern Tisch. Die Tagesschau meldete folglich nicht, dass hinter einer Londoner Bushaltestelle Geheimpapiere gefunden und im Internet veröffentlicht worden waren, die beweisen, dass Premier Boris Johnson seinen Zerstörer HMS „Defender“ zu einer absichtlichen Provokation in die russischen Hoheitsgewässer geschickt hatte. Der Vorfall war kein Versehen, sondern Beweis für Johnsons unsägliche Arroganz und chaotische Bedenkenlosigkeit.

Keine Silbe verliert ARD-aktuell natürlich darüber, dass auch unsere intellektuell nur bescheiden ausgestattete Kriegsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer gut für jedwede Friedensgefährdung im Schwarzen Meer ist. Zeitgleich mit der „Defender“-Provokation ließ sie zwei Eurofighter des Taktischen Luftwaffengeschwaders 71 „Richthofen“ vom ostfriesischen Heimatstandort Wittmund ans Schwarze Meer verlegen: nach Rumänien, auf den militärischen Teil des Flughafens Constanța. Sie sind dort in eine Alarmrotte der Royal Air Force integriert und sollen „im Ernstfall an der Seite der britischen Einheit schnellstmöglich handlungsbereit“ sein.





Faktisch ist das eine deutsche Beteiligung an der „Sea Breeze“-Provokation: Das Manöver endet am 10. Juli, die Eurofighter der Bundesluftwaffe sollen am 9. Juli nach Wittmund heimkehren.

ARD aktuell wäre gut beraten, über die Warnung der russischen Generalität zu berichten: „Der nächste Eindringling in unsere Hoheitsgewässer wird versenkt.“ (Anm.18) Bisher fühlte sich die Tagesschau darüber erhaben. Sie hätschelt lieber den freidrehenden Außenminister Maas, verharmlost beflissen die Baerböcke der Woche und gibt Mutti Merkel als friedliebende Lichtgestalt aus, Kramp hin, Karrenbauer her. So lenkt sie das zahlende Publikum davon ab, dass wir nur um Haaresbreite um einen weiteren echten Krieg herumgekommen sind.

Beitragsbild: PatrickE. via Pixabay

Volker Bräutigam, Jahrgang 1941, Redakteur. 1975 bis 1996 Mitarbeiter des NDR, zunächst in der Tagesschau, von 1992 an in der Kulturredaktion für N3. Danach Lehrauftrag an der Fu-Jen-Universität in Taipeh. Foto. Claus Stille

Das Autoren-Team: 

Volker Bräutigam (links) und Friedrich Klinkhammer. Foto: C. Stile

Friedhelm Klinkhammer, Jahrgang 1944, Jurist. 1975 bis 2008 Mitarbeiter des NDR, zeitweise Vorsitzender des NDR-Gesamtpersonalrats und des ver.di-Betriebsverbandes sowie Referent einer Funkhausdirektorin.

Anmerkung der Autoren:

Unsere Beiträge stehen zur freien Verfügung, nichtkommerzielle Zwecke der Veröffentlichung vorausgesetzt. Wir schreiben nicht für Honorar, sondern gegen die „mediale Massenverblödung“ (in memoriam Peter Scholl-Latour). Die Texte werden vom Verein „Ständige Publikumskonferenz öffentlich-rechtlicher Medien e.V.“ dokumentiert: https://publikumskonferenz.de/blog

Ich bemühe mich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht meine Sichtweise widerspiegeln.

Die Westliche Wertegemeinschaft ist an der Fortdauer des Bürgerkriegs in der Ukraine interessiert – und die Tagesschau führend in Desinformation. Von Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam.

Ukraine? Gibt´s da was? Die umfangreichsten Berichte der Tagesschau über den osteuropäischen Krisenstaat handeln im Juli von einer glimpflich abgegangenen Geiselnahme im west-ukrainischen Luzk. „Unblutig beendet“, heißt das in der notleidenden Boulevard-Sprache, der sich auch die Redaktion ARD-aktuell bedient.[1] Desinformation und Angebote zur Befriedigung der Sensationsgier gehören im Krieg um Marktführerschaft und Deutungshoheit auch auf dem ARD-„Flaggschiff“ zur Standardbewaffnung. Hingegen herrscht Mangel an informativen Nachrichten über den ukrainischen Alltag, über den endlosen Bürgerkrieg mit seinen ungezählten, namenlosen Opfern. Wann hat die Tagesschau zuletzt Erhellendes darüber berichtet? Ohne billige, einseitige Propaganda?

Der jüngste Fall ihrer Nachrichtenunterschlagung: Kein Wort über das ergebnislose Treffen der sogenannten „Minsk-Kontaktgruppe“ am 3./4. Juli in Berlin. [2] Sie verhandelt gemäß dem „Abkommen Minsk II“ [3] über ein Ende des Krieges zwischen der Zentralregierung in Kiew und den Autonomisten der Ostprovinzen Lugansk und Donezk. Zwar fand das Treffen nur „auf Beraterebene“ statt. Aber seine Ineffizienz bestätigt das überdeutliche Interesse der Westlichen Wertegemeinschaft an der Fortdauer dieses Bürgerkrieges.

Solange er nämlich anhält, dient er den Transatlantikern als zwar objektiv haltlose, aber öffentlichkeitswirksame „Begründung“ dafür, Russland verantwortlich zu machen und zu sanktionieren. [4] Über das bittere soziale Elend, den politischen und ökonomischen Korruptionssumpf, über die Raffgier der transnational aktiven Plutokratie und die permanente westliche Agitation und Destruktion gibt es keine Tagesschau-Nachrichten. Schon gar nicht über Waffenschieber, den Menschenhandel und darüber, dass auch deutsche Unternehmen sich Land und Leute der Ukraine zur Beute machen wollen. Die Ukraine ist neu-demokratisch, Punkt.

Terror der Neofaschisten

Deshalb informiert die Tagesschau auch mit keinem Wort darüber, dass der Neofaschismus das Land wieder in Griff nimmt und dass seine Todesschwadronen die Bevölkerung nach Nazi-Methodik terrorisieren. Wieviele Menschen z.B. dem „Asow-Bataillon“ bereits zum Opfer gefallen sind – und nicht nur bei dessen Angriffen auf die Ostukrainer! – bleibt im Dunklen. [5] Die Umtriebe dieser Verbände eifern einem historischen Vorbild nach: dem Wehrmacht-Bataillon „Nachtigall“. [6] Im Internet häufen sich Informationen über die neu-ukrainischen Freikorps. Obwohl die ARD-aktuell sich mit ihrer „rund um die Uhr besetzten“ Fachredaktion für das Online-Portal Tagesschau.de dicke tut [7], muss man auch dort kritische Berichte über die Rolle der Neofaschisten mit der Lupe suchen.

Das Orwellsche Muster, nach dem die “Westliche Wertegemeinschaft” zugunsten der Kapitalisten ihre Kriegs- und Unterwerfungspolitik gestaltet und sie mithilfe ihrer Staatsmedien als Friedensbemühung verkauft, ist in allen Fällen gleich und unverkennbar: Wirtschaftlich schwächere, von sozialen und ethnischen Unterschieden geprägte Staaten forciert destabilisieren, sich massiv in ihre inneren Angelegenheiten einmischen, einen Umsturz provozieren, finanzieren und gegebenenfalls mit eigens angeworbenen Mördern realisieren, um hernach völlige wirtschaftliche und finanzielle Abhängigkeit herzustellen. Neudeutsch: „regime change“.

Gelingen die Angriffe auf die vorgeblichen „Schurkenregime“, so werden deren „Machthaber“ gegen willfährige Vasallen ausgetauscht. Den Vorwand, es gehe um Freiheit und Demokratie, übernimmt unsere Qualitätsjournaille gern. Ebenso die Feindbilder, die der Elite unserer Parteienoligarchie dazu dienen, Ängste zu schüren, Militär, Polizei- und Geheimdienstapparate aufzublähen und mit dieser Mixtur die eigene Machtposition abzusichern. Das Schicksal der von Umsturz und (Bürger-)Krieg heimgesuchten Menschen interessiert nicht. Institute wie die Tagesschau dienen der Funktionsfähigkeit dieses typisch westlichen Gewalt-Systems mittels Indoktrination des Zuschauers, nicht zu dessen Aufklärung und Emanzipation.

Am Ukraine-Konflikt lässt sich die menschenverachtende Vorgehensweise des “Wertewestens” im Zusammenspiel mit seinen Medien eindrucksvoll belegen. Die „Maidan-Demokratiebewegung“ war nichts weniger als das, sie war vielmehr ein Staatsstreich, überwiegend organisiert und durchgeführt von Rechtsextremisten und neonazistischen Terroristen sowie etlichen hundert ausländischen Söldnern. [8]

Pars pro toto: Die Kumpanei zwischen Frank-Walter Steinmeier, damals Außenminister, heute Bundespräsident, und dem rechtsextremistischen Antisemiten Oleg Tjagnibok von der Partei Swoboda [9][10] wurde der deutschen Öffentlichkeit weitgehend verschwiegen oder bagatellisiert. Unter tatkräftiger Mitwirkung einer ARD-aktuell-Redaktion, die sich ansonsten bei jeder Gelegenheit als Wächter gegen Rechts aufführt. Journalistische Handlanger vom Schlage Kay Gniffke, Golineh Atai, Thomas Roth, Birgit Virnich oder Udo Lielischkies drückten gegenüber dem schändlichen Vorgehen die Augen zu.

Verbale Schleiertänze

In der Ukraine gibt es selbst nach sechs Jahren westlicher Abhängigkeit weder „mehr Demokratie“ noch staatliche und wirtschaftliche Stabilität oder eine “gute Regierungsführung”. Daran hat sich auch mit dem neuen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nichts geändert.

Die ARD-aktuell tarnt das ukrainische Elend mit sprachlichen Nebelschwaden: Der neue Präsident sei inzwischen „in der Politik angekommen“, er habe es verstanden, „wichtige Reformen durchzusetzen“. [11] Seit dem „Maidan“ pflegt die Redaktion diese widerliche Ukraine-Berichterstattung, häufig faktenfrei, aber immer orientiert an der Berliner Politlinie. Solche „Nachrichten“ sind nichts weniger als ein Attentatsversuch auf die mentale Integrität des Zuschauers. Aussagekräftige Informationen, zum Beispiel darüber, dass und warum seit dem „Euro-Maidan“ mindestens 8 der vormals 52 Millionen Ukrainer ihre Heimat verlassen haben [12][13], gibt es in der Tagesschau nicht. Ukrainische Armutsemigranten? Kein Thema.

Im Wahlkampf hatte Selenskyj noch verkündet, er werde die Konflikte mit der Ostukraine lösen. Als Präsident hat er hernach zwar einige vorsichtige Schritte in diese Richtung getan, fortgesetzt hat er das aber nicht. Inzwischen hat ihn sein politisches Handeln meilenweit von seinem Befriedungsziel entfernt. Alexey Reznikov, stellvertretender Ministerpräsident und erster stellvertretender Leiter der ukrainischen Delegation bei der Minsk-Kontaktgruppe, verkündete jetzt in einem Interview, dass “die Wiedereingliederung des Donbass in die Ukraine 25 Jahre dauern” werde, und forderte das ukrainische Volk auf, dies zu akzeptieren. [14]

Das ist eine vom „Abkommen Minsk II“ deutlich abweichende Position. Noch vor vier Monaten, am 11. März, hatte der Leiter der ukrainischen Präsidialverwaltung, Andrij Jermak, der Minsk-Kontaktgruppe ein Papier vorgelegt, in dem von direkten Verhandlungen zwischen Vertretern der Ukraine und den sogenannten Volksrepubliken Donezk (DNR) und Lugansk (LNR) die Rede war; die hatte Kiew bis dahin immer ausgeschlagen.

In der Opposition und in Teilen der Zivilgesellschaft löste das Papier Kritik aus, es schwäche Kiew im Verhältnis zum Donbass. Die Konrad-Adenauer-Stiftung in Kiew hatte sich ebenfalls mit dem Papier befasst und befunden, die Anregung Jermaks käme einer diplomatischen Anerkennung der Unterhändler aus der Ost-Ukraine gleich. Es sei zu „befürchten“, dass die Vorschläge den „Russen“ im Donbass einseitig Vorteile verschafften. [15]

Stellungskrieg auf kleiner Flamme

Die beflissene Einschätzung dieser einflussreichen CDU-Organisation erlaubt es, anzunehmen, dass sie ganz im Sinne der deutschen Außenpolitik und der Bundeskanzlerin ist. Berlin ist nicht daran gelegen, den innerukrainischen Friedensprozess und entsprechende Vorschläge der Regierung in Kiew zu unterstützen. Die Bundesregierung zieht es vor, Krieg und Krise auf kleiner Flamme köcheln zu lassen. Sie lassen sich als Gründe für die Russland-Sanktionen vorschieben, mit denen unsere Regierung und die EU insgesamt den USA zu Diensten sind. Sie haben zusätzlich den Vorteil, die ukrainische Regierung schwachzuhalten und an der kurzen Leine zu führen.

Was die Tagesschau so natürlich nicht aufzeigt. [16] ARD-aktuell ist eine gleichermaßen eifrige und bedeutende Mittäterin, wenn Präsident Putin als Krisenverursacher, als der an allem Schuldige bezichtigt wird. Fakten sind dabei ebenso vollkommen egal wie die Interessen der ukrainischen Bevölkerung.

Die Durchsetzbarkeit von Reformen hängt nicht von der persönlichen Kompetenz des Präsidenten ab, sondern davon, wie weit der „Wertewesten“ Einfluss nimmt und seine unverschämten Erpressungsversuche treibt. Deren kann sich Selenskyj als Oberhaupt eines gescheiterten und völlig abhängigen Staates kaum erwehren. Er muss machtlos mitansehen, wie seine Ukraine vom Ausland geplündert wird. Klassisches Beispiel dafür ist der postkolonialistische Landraub.

Die Ukraine verfügt über 43 Millionen Hektar an fruchtbaren Schwarzerde-Böden; nicht von ungefähr war sie einst die Kornkammer der Sowjetunion und schon damals ein Kriegsziel der Nazi-Wehrmacht. Die Bauern bewirtschaften die riesigen Flächen zumeist auf Basis von Pachtverträgen mit dem Staat. Agrarland-Eigentum gab es kaum. Bis voriges Jahr war der Verkauf von mehr als zwei Hektar Anbaufläche verfassungsrechtlich verboten, und Ausländer durften überhaupt keinen Landbesitz erwerben. Die EU, der Internationale Währungsfonds IWF und die Weltbank üben seit Jahren massiven Druck aus, dieses „Moratorium für den Verkauf von Ackerland“ abzuschaffen.

Parieren oder krepieren

Präsident Selenskyj musste dem erpresserischen Druck seiner westlichen „Unterstützer“ schließlich nachgeben. [17] Bedingung für einen IWF-Kredit von 5.5 Milliarden Euro: Das Moratorium über den Verkauf von Ackerland aufheben. Die Alternative hieß „kuschen oder Staatsbankrott“. Das zu berichten vermied die Tagesschau allerdings sorgfältig. Sie ließ ja auch jegliche Information unter den Tisch fallen, dass die Schuldenpolitik nach dem „Euro-Maidan“ vom Westen veranlasst und vom vormaligen Präsidenten Poroschenko vollzogen worden war. Dessen Regierungshandeln zielte von Beginn an darauf ab, das ukrainische Tafelsilber zu privatisieren und zugunsten ausländischen Kapitals zu verramschen.

Ein Gesetz regelt nun die umfassende Privatisierung von Agrarland. Das Kaufrecht gilt zunächst für Ukrainer. Regelungen für Ausländer sollen folgen. (s. Anm. 16). Die Entscheidung sorgte für heftige Proteste, vor allem der ukrainischen Bauern. Die befürchten das Ende ihrer Pachtverträge, Entstehung von privaten Grundeigentums- Monopolen und den Zugriff mächtiger Kapitalgesellschaften. Laut einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KMIS) aus dem April lehnten 60 Prozent der Befragten das Gesetz ab. [18]

Zusätzlich ist die IWF-Kreditvergabe von weiteren Kürzungen der Sozialausgaben und einer Erhöhung des Gaspreises abhängig. Millionen verarmte Ukrainer stehen im Winter vor der Wahl „essen oder frieren oder flüchten“. Sogar von Schulschließungen zwecks Senkung der Staatsquote ist die Rede. All das vor dem Hintergrund, dass die Ukraine ohnehin seit dem Maidan zu den ärmsten Ländern Europas zählt (3000 Euro jährliches Pro-Kopf-Einkommen), die Wirtschaft seit Ende der Sowjetzeit um 60 Prozent geschrumpft ist und in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie mit einem weiteren Rückgang des Brutto-Inlandsprodukts um 7.7 Prozent gerechnet wird. [19]

Welchen beherrschenden Einfluss der IWF auf die ukrainische Politik ausübt und wie demokratiefern die Ereignisse in Kiew sind, skizzierte ein Abgeordneter aus der Partei des Präsidenten:

„… wir sind ein Land unter der Regierung des IWF, der hier günstige Bedingungen für den Markteintritt transnationaler Gesellschaften und Investoren gewährleistet, mit der Sicherstellung einer gewünschten Profit-Rate … Wenn man es vereinfacht, sagen sie: Wir geben euch zwei, drei Milliarden und wir werden nicht fragen, wofür ihr sie verwendet, solange ihr uns euren Boden, eure Straßen, Häfen und Flughäfen verkauft.” [20]

Demokratische „Liebesakte“

Die sechs Jahre nach dem Maidan-Umsturz zeigen, wie gleichgültig dem “Wertewesten” das Wohl der ukrainischen Bevölkerung ist und wie hohl die Sprüche über “Demokratie und Menschenrechte” im Februar 2014 auf dem Maidan tatsächlich waren. Der Bundesregierung und ihrer Vormacht USA im aggressiven NATO-EU-Bunde ging und geht es um geopolitische Machtinteressen und zu deren Erfüllung um die Pflege des Feindbilds Russland; ihre transatlantisch agierenden Eliten wollen eine vielversprechende Wirtschaftsregion ungehemmt ausrauben. Und in der höchst mangelhaften Berichterstattung der ARD-aktuell ging und geht es darum, diese Vergewaltigungsprozesse entweder zu übersehen oder sie als demokratische Liebesakte und schiere Mildtätigkeit zu schminken. (“Hilfe für die Ukraine”).

Ihre dürftigen journalistischen Erzeugnisse über das Nachbarland handelten in allerjüngster Zeit zumeist von der besagten Geiselnahme; dass ein psychisch Durchgeknallter einen Omnibus mit zehn Passagieren in seine Gewalt gebracht hatte und sich schließlich festnehmen ließ, hielt die ARD-aktuell mehrdutzendmal für mitteilenswert. In drei anderen Beiträgen wurde die Ukraine nur im Zusammenhang mit der Verlängerung der Sanktionen gegen Russland erwähnt, und in einem besonders abscheulichen, geschichtsklitternden Feature durfte Golineh Atai die ukrainischen Hilfstruppen der SS und der deutschen Wehrmacht zu heimatliebenden Helden verklären. Atai wurde damit nicht zum ersten Mal auffällig; man denke z.B. an ihre verfälschende Berichterstattung über das Massaker von Odessa. [21]

Die Tagesschau-Beiträge über die Sanktionen gegen Russland waren und sind übrigens nicht weniger geschichtsvergessen und gewollt desinformativ. Obwohl das 13 Punkte umfassende Abkommen „Minsk II“ nur (Selbst-)Verpflichtungen der ukrainischen Kriegsparteien festlegt und die Begleitrolle der OSZE beschreibt (s. Anm. 3), behauptet auch die ARD-aktuell seit Jahren unverdrossen, Russland müsse „den Friedensplan für die Ostukraine umsetzen“, komme aber „seinen Verpflichtungen nicht nach“. Typischer Tagesschau-Sermon:

„Mit der Koppelung der Sanktionen an den Friedensplan wollen die EU-Staaten den russischen Präsidenten Wladimir Putin dazu bewegen, seinen Einfluss auf die pro-russischen Separatisten in der Ostukraine stärker für eine Beilegung des Konfliktes zu nutzen.“ [22]

Dass andererseits der Oberbefehlshaber USA und seine politischen EU- Subkommandeure nicht mal im Traum daran denken, ihren Einfluss auf die Regierung in Kiew zu nutzen und sie zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen zu „bewegen“, verschweigt die Tagesschau. Was sonst. Penetrant und permanent nennt sie hingegen die Ostukrainer „Separatisten“ [23] und unterstellt ihnen damit, sich vollständig vom ukrainischen Staat trennen zu wollen. Dass Lugansk und Donezk als „Volksrepubliken“ nur existieren, weil ihnen die Zentralregierung in Kiew die innerukrainische Autonomie verweigert, das ignorieren unsere öffentlich-rechtlichen „Journalisten“. Dabei ist diese regionale Selbstverwaltung der Ost-Ukraine im Abkommen Minsk II ausdrücklich vorgesehen.

Da staunt der Laie

„Wer regieren will, muss lügen können,“ deklamierte der Philosoph Philipp Hübl im Deutschlandfunk. [24] Na gut, und der Altvater des seriösen Journalismus, Wolf Schneider, warnte schon vor 40 Jahren davor, „typische Lügen der Politiker in den Stand der Wahrheit zu erheben.“ Genau damit nimmt die Tagesschau einen Spitzenplatz ein. Ihre sogenannten „Nachrichten“ über Russland und die Ukraine können Qualitätsredakteure vermutlich nur verfassen und anbieten, wenn sie sich anhaltend in einen intellektuellen Ausnahmezustand versetzen.

 


Volker Bräutigam und Klinkhammer (Archiv).

Das Autoren-Team: 

  • Friedhelm Klinkhammer, Jahrgang 1944, Jurist. 1975 bis 2008 Mitarbeiter des NDR, zeitweise Vorsitzender des NDR-Gesamtpersonalrats und des ver.di-Betriebsverbandes sowie Referent einer Funkhausdirektorin.
  • Volker Bräutigam, Jahrgang 1941, Redakteur. 1975 bis 1996 Mitarbeiter des NDR, zunächst in der Tagesschau, von 1992 an in der Kulturredaktion für N3. Danach Lehrauftrag an der Fu-Jen-Universität in Taipeh.

Anmerkung der Autoren:

Unsere Beiträge stehen zur freien Verfügung, nichtkommerzielle Zwecke der Veröffentlichung vorausgesetzt. Wir schreiben nicht für Honorar, sondern gegen die „mediale Massenverblödung“ (in memoriam Peter Scholl-Latour). Die Texte werden vom Verein „Ständige Publikumskonferenz öffentlich-rechtlicher Medien e.V.“ dokumentiert.


[«1] tagesschau.de/multimedia/video/video-733221.html

[«2] anti-spiegel.ru/2020/kiew-bleibt-stur-wieder-keine-nennenswerte-fortschritte-beim-treffen-der-kontaktgruppe-in-berlin/

[«3] de.wikipedia.org/wiki/Minsk_II

[«4] tagesschau.de/ausland/russland-sanktionen-eu-111.html

[«5] stopfake.org/de/fake-faschismus-kehrt-in-die-ukraine-zurueck/

[«6] de.wikipedia.org/wiki/Bataillon_Nachtigall

[«7] intern.tagesschau.de/redaktionen/tagesschau-de/

[«8] vice.com/de/article/vdnpy4/im-nationalis-tischen-interesse-0001318-v12n4

[«9] opablog.net/2014/02/21/steinmeier-mit-faschist-tjagnibok-in-der-brd-botschaft-in-kiew/

[«10] dw.com/de/regierung-und-opposition-unterzeichnen-vereinbarung-zur-krisenl%C3%B6sung/a-17449594

[«11] tagesschau.de/ausland/selenskyj-ukraine-ein-jar-101.html 

[«12] 112.international/article/will-emigration-undermine-ukraine-25342.html

[«13] freitag.de/autoren/enduringfreedom/verlassenes-land

[«14] zagittya.com.ua/news/zajavlenija/vlast_nesposobnaja_prinesti_mir_v_ukrainu_dolzhna_izvinitsja_pered_ukraincami_i_slozhit_polnomochija.html

[«15] kas.de/de/web/ukraine/laenderberichte/detail/-/content/ukrainische-politik-im-schatten-der-pandemie-teil-1

[«16] Selbstzitat: publikumskonferenz.de/blog/2018/07/29/das-ukraine-bild-der-ard-falschmuenzer/

[«17] dw.com/de/ukraine-gibt-handel-mit-agrarland-frei/a-52967077 

[«18] neues-deutschland.de/artikel/1137743.neue-iwf-kredite-fuer-kiew.html

[«19] gtai.de/gtai-de/trade/wirtschaftsumfeld/wirtschaftsausblick/ukraine/coronakrise-stoppt-wirtschaftliche-erholung-der-ukraine-249700

[«20] ukraine-nachrichten.de/parlamentsabgeordneter-alexander-dubinskij-sind-eine-republik-unter-kuratel-iwf_4948

[«21] tagesschau.de/ausland/russland-ukraine-ende-weltkrieg-siegesfeiern-101.html

[«22] tagesschau.de/ausland/eu-gipfel-russland-sanktionen-101.html

[«23] tagesschau.de/suche2.html?query=Ukraine%2C+Separatisten&sort_by=date

[«24] deutschlandfunkkultur.de/politik-und-wahrheit-wer-regieren-will-muss-luegen-koennen.1008.de.html?dram:article_id=465912

IALANA-Medientagung – Dr. Uwe Krüger: „Woran man Propaganda erkennt?“

Dr. Uwe Krüger. Fotos: C. Stille.

Eine weiteres hoch beachtetes Referat auf der IALANA-Medientagung am vergangenen Wochenende in Kassel hielt der Diplom-Journalist, Medienwissenschaftler und Autor („Meinungsmacht“), Dr. Uwe Krüger (Universität Leipzig). Sein Thema: „Woran man Propaganda erkennt.“

Mit den zehn „Prinzipien der Kriegspropaganda“ nach Lord Arthur Ponsonby, dem britischen Politiker und Diplomaten stieg Krüger sofort harte ein:

  1. Wir wollen den Krieg nicht.
  2. Das gegnerische Lager trägt die Verantwortung.
  3. Der Führer des Gegners ist ein Teufel.
  4. Wir kämpfen für eine gute Sache.
  5. Der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen.
  6. Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, wir nur versehentlich.
  7. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners enorm.
  8. Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache.
  9. Unsere Mission ist heilig.
  10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter.

Uwe Krüger: Propaganda ist häufig ein reiner Kampfbegriff

Angelehnt an den Friedensforscher Johan Galtung merkte Krüger an, dass Frieden ja nicht allein die Abwesenheit von personeller Gewalt, sondern auch jene von struktureller Gewalt ohne explizite Kriegshandlungen – gemeint ist Propaganda, die es auch dazu brauche – sei.

Propaganda, so Uwe Krüger, würde „häufig als reiner Kampfbegriff“, als „polemischer Begriff, verwendet. Als aktuelles Beispiel führte der Referent die Reaktion neulich in der Bildzeitung auf den Tatort /(„Die Faust“) aus Wien, der die westliche Unterstützung für Opposition in der Ukraine (Stichwort: Farbrevolutionen), in damaligen Jugoslawien und anderen Ländern thematisierte und wo auch eine Verbindung zur CIA hergestellt wurde. Bild dazu: „Wie viel Russenpropaganda steckt im Tatort?“

Auf was geht also das Wort Propaganda zurück?

Krüger ging dazu an die Wurzel und ins Herkunftswörterbuch. Dort finde man das Wort „propagare“, was nichts anderes als verbreiten, ausdehnen oder fortpflanzen heiße.

Später im Ersten Weltkrieg sei Propaganda zur „Herrschaftstechnik“ geworden. Und Edward Bernays, der „Vater der Public Relations“, habe im Folgenden auch die Produktwerbung befeuert und festgestellt, ob man nun eine Waschmaschine oder einen Krieg verkaufen wolle sei egal und letztlich dasselbe. Durch die Nazis habe der Begriff einen äußerst negativ konnotierte Bedeutung bekommen. Heute gehe man halt davon aus, dass es in liberalen Demokratien keine Propaganda, sondern höchstens Public Relations gebe. Selbst in der Kommunikationswissenschaft sei der Begriff Propaganda nahezu verschwunden, bzw. habe diesen, kritischer ausgedrückt, „marginalisiert“.

Propaganda muss wieder Thema universitäre Studien werden

Florian Zollmann, der eine Doktorarbeit über sogenannte „humanitäre Einsetze und wie sie in bestimmten Medien dargestellt werden, geschrieben hat, sei inzwischen jemand, der sich wieder dafür einsetze, dass der Begriff „Propaganda“ wieder Thema von universitären Studien werden möge. Uwe Krüger zitierte Zollmann: „Das Verschwinden der Propaganda aus der Studien über liberale Demokratien und ihren Nachrichten, Medien und Kommunikationssystemen stellt selbst einen Triumph der Propaganda dar.“

Propaganda, erfuhren die TagungsteilnehmerInnen, kann viele Gesichter haben

Da werden bestimmten Rahmungen („Frames“) zu Ereignissen und Personen, oder deren Dämonisierung (etwa gegnerischer Staatschefs oder von Positionen im eignen Land) benutzt oder bestimmte Hintergründe unerwähnt gelassen oder in ein gänzlich anderes Licht gerückt und so weiter. Fakten oder Statements würden durch deren Platzierung in den Medien heruntergespielt. „Es werden Etiketten verteilt, die nicht zur Faktenlage passen“, etwa „Hitler-Vergleiche“, die unpassend sind.

„Oder, dass man Gräueltaten unserer Gegner betont oder übertreibt. Auch bei unsicherer Faktenlage.“ Dazu: „Wir erwarten unkritische Akzeptanz von bestimmten Prämissen, wenn es um uns und unsere Freunde geht – etwa, dass wir Frieden und Demokratie wollen, Terrorismus bekämpfen und die Wahrheit sagen – Prämissen, die bei Feindstaaten nicht angenommen werden.“

Andersherum jedoch, „wenn dasselbe von uns oder unseren Freunden ausgeht, das also da das genaue Gegenteil passiert“. Dies heruntergespielt werde.

Doppelte Standards. Zweierlei Maß

Uwe Krüger ging auf das Propagandamodell des US-amerikanischen Sprachwissenschaftlers Noam Chomsky und des Ökonomen Edward Herman ein.

„Ihre wichtigste These“, meinte Krüger, „lautet, dass die Medien nicht alle Opfer von staatlicher Repression und Gewalt gleichbehandeln“. Wenn also „Gewalt ausgeht von den USA und ihren Vasallenstaaten, dann sind die Opfer dieser Gewalt wertlos in dem Sinne, dass sie nicht betont werden, sie heruntergespielt werden oder eben nur kurz erwähnt werden. Während, wenn die eigenen Feinde sozusagen Gräueltaten begehen und Gewalt ausüben, dann sind die Opfer dieser Gewalt wertvoll für unsere Sache und sie werden prominent platziert.“ So werde Mitleid und Empörung hervorgerufen. Es werde westlicherseits behauptet: „Wir sagen immer die Wahrheit. Wir sind für prinzipiell für Frieden und Demokratie.“ Während das bei unseren Gegner erst mal überhaupt nicht angenommen werde. Sondern zunächst , „das Böseste unterstellt“ wird.

Beispiel betreffs Bombardierungen etwa von Krankenhäusern in Syrien durch russische Flugzeuge und Bombardierungen von Krankenhäusern in Afghanistan durch US-amerikanische Flugzeugen Bei Ersteren ist Putin schuld. Im zweiten Fall ist Obama nicht schuld gewesen, obwohl der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte war.

Uwe Krüger stellte klar: Das sei „sozusagen eine These“, aber nicht immer so. Aber es sei „ein Schema, eine Brille, ein Werkzeugkassen mit dem man auf Berichterstattung schauen kann – auch als Normalbürger“. Es müsse stets auch auf die Nachrichtenquellen geschaut werden.

Propaganda zu erkennen ist harte Arbeit

Um Propaganda zu erkennen, gestand Krüger ein, liege eigentlich noch eine harte Arbeit vor der Kommunikationswissenschaft. Und gab zu bedenken, dass „es sich ziemlich absurd ist, dass wir viele Steuern zahlen, damit das Bundespresseamt oder EU-Behörden unsere Meinungen beeinflussen. Böse gesagt: uns manipulieren oder selektiv informieren“. Es aber im Gegenzug keine Steuermittel gebe, um solche Manipulationen, Ideologien oder Propaganda systematisch aufzuklären – also aufklärerische Kommunikationswissenschaft zu machen.“

Positiv beschied Uwe Krüger die Tatsache, dass sich im letzten Jahr ein „Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft“ (Bericht von Kerem Schamberger) an der Universität München gegründet habe. Man habe gespürt, dass „es eine Sehnsucht nach Ideologiekritik, nach einer besseren Welt und Frieden, nach einer globalen Gerechtigkeit vor allem unter Nachwuchswissenschaftlern gebe.

Hinweis: Das Video, siehe weiter oben, (Quelle: WeltnetzTV) mit der Aufzeichung des Vortrags von Dr. Uwe Krüger wurde als Update am 26. Februar 2018 hinzugefügt.

„Ukrainian Agony – Der verschwiegene Krieg“ von Mark Bartalmai im Kölner Odeon gesehen

Über den Krieg in der Ukraine hören und sehen wir derzeit so gut wie nichts. Doch nichts ist dort gut. Davon kann ausgegangen werden. Und als wir noch über die Maßen vom Krieg in der Ukraine hörten war auch nichts gut. In der Ukraine nicht. Und erst recht was die Berichterstattung unserer Medien angelangt. Nicht ohne Grund ist diesen Medien, der Presse der Vorwurf der Einseitigkeit in in Sachen Berichterstattung über die Vorgänge in der Ukraine gemacht worden. Den Westen und die Ukraine, die neuen Machthaber in Kiew nach dem Maidan-Putsch – die Guten. Die Aufständischen in der Ostukraine und Putin – die Bösen. Dazu nahm Eckart Spoo auch in einem Vortrag in Dortmund Stellung. Aber die Welt ist nicht so einfach gestrickt. Wer all der Schwarzweißmalerei überdrüssig war, suchte nach objektiveren Berichten aus der Ukraine. Ich fand sie in der Zeit im Bild (ZIB) des ORF und den Beiträgen von Christian Wehrschütz. Der erfahrene und in vielen Sprachen bewanderte Reporter bemühte und bemüht sich m. E. stets um größtmögliche Objektivität. Gleich ob er nun aus den selbsternannten Volksrepubliken in der Ostukraine, aus Kiew, der Westukraine oder aus Moskau berichtete. Zeitweilig war der einzigen westliche Report vor Ort, der nicht selten unter Lebensgefahr Bericht erstattete. Andere Kollegen, auch aus Deutschland, zogen es dagegen vor über ukrainische Agenturen oder ukrainische Kamerateams an Material zu kommen.

Der freie Journalist Mark Bartalmai lebt seit einem Jahr in Donezk

In der Ostukraine, im Donbass war auch der Fotograf und Journalist Mark Bartalmai. Eigentlich hatte er sich nur über die Hilfstransporte informieren wollen. Schließlich blieb er ein Jahr im Kriegsgebiet. Bartalmai wohnt mit kurzen Unterbrechungen in Donezk. Und damit in der Region der Ukraine, wo ein blutiger Bürgerkrieg und somit Tod und Zerstörung den Alltag der Menschen bestimmen. Ist Russlands Präsident Putin wirklich für den Konflikt verantwortlich, wie westliche Medien ständig tönen?

Mark Bartalmai ging dem nach und mit seiner Kamera direkt an die Kriegsfront. Dort entstand reichlich Filmmaterial. Daraus wurde in Zusammenarbeit mit Frank Höfer ein bewegender Film. Am Mittwoch nun zeigte ihn das Odeon Lichtspieltheater in Köln. Zu danken ist das der Initiative und dem unermüdlichen Engagement von Lukas Puchalski vom Magazin Free21. Das Kino war ausgesprochen gut besucht.

Der Film, weil eine Antithese zur Mainstream-Medien darstellend, ist umstritten

Die Vorführung dort ist (wie zuvor auch die Premiere in Berlin) umstritten, da er eine Antithese zur Mainstreamberichterstattung aufzeigt und aus diesem kühlen Grunde offenbar von gewissen Kreisen nicht erwünscht ist. Kino-Chef Jürgen Lütz weist nach den einführenden Worten von Lukas Puchalski daraufhin. Er merkt jedoch an, die Kinobesucher seien ja alle alt genug, um sich selbst eine Meinung bilden.

Filmemacher Mark Bartalmai stellt, wohl um Irritationen von vornherein vorzubeugen, klar: „Es ist mein Film“ (das ist dann auch am Anfang des Films eingeblendet) „und es ist auch meine Sichtweise“. Der Film sei nämlich „auf eine bestimmte Art und Weise gemacht worden … quasi als eine dokumentarische Erzählung“. Schon weil er in Donezk wohne, habe er „eben eine ganz eigene Sichtweise auf die Dinge dort“. Mark Bartalmai spricht von „seinem ganz persönlichen Blickwinkel“. Der Film zeige deshalb Dinge aus einer anderen Perspektive „als wir sie hier, nicht nur in Deutschland – sondern grundsätzlich hier in den westlichen Medien wahrnehmen. Die Gesprächsrunden im Anschluss an den Film seien bisher „immer sehr fruchtbringend gewesen“. Man sei „inzwischen an einem Punk,t wo man auch kontrovers werden muss, weil wir uns in einer Situation befinden in Europa, die sehr sehr gefährlich ist und die vor allem geschürt wird in den Köpfen von Menschen und durch Medien.“

Deshalb wäre es wichtig die Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten. Er nähme für sich nicht in Anspruch – „weil ich nicht an allen Stellen gleichzeitig sein konnte“- „die allumfassende Wahrheit zu sagen“. Bartalmai: „Ich wünsche Ihnen erhellende Momente.“

Und die gibt es durchaus in diesem Film mit seinen oft düsteren, traurig und nachdenklich stimmenden Bildern. Als Zuschauer bekommt man schon in den ersten Minuten des Films den Hauch einer Ahnung davon, was Krieg bedeutet. Krieg in einem Teil von Europa! Gar nicht einmal so weit von uns entfernt. Die wir Feste feiern, grillen und uns bei Sport und Spiel tummeln. Ist uns das bewusst? Dies alles, wie überdies viele Menschen sind – ist inzwischen wohl mehr als 6000, ist in der Ostukraine er- und gestorben. Bartalmais Film macht uns deutlich, was Krieg bedeutet. In der Kriegsregion hatten die meisten der Menschen bestimmt nicht einmal einen bescheidenen Wohlstand. Aber sie lebten in teils schönen Städten in intakten Häusern und schmuck eingerichteten Wohnungen. Sie hatten Kindergärten, Schulen, Spielplätze, Kinos, Kulturhäuser, Theater und Parks. Vieles von dem ist heute nicht mehr. Einer der seinerzeit modernsten Flughäfen, die Airport von Donezk, ist heute nahezu vollständig zerstört.

Nebenbei bemerkt: Es gibt Bilder von der Eröffnung des schicken Flughafens, die auch Petro Poroschenko zeigen. Den Mann, der neben anderen heute für dessen Zerstörung verantwortlich zeichnet. Die noch intakten weitläufigen Tunnelsysteme darunter werden heute als Basar benutzt.

Wir erfahren, dieser Flughafen war schon im Zweiten Weltkrieg – weil schon damals strategisch wichtig – hart umkämpft. Viele Böden in der Ostukraine sind blutgetränkt. Neues kommt in unseren Tag hinzu. Völlig sinnlos vergossen.

Die Menschen sind ratlos, verzweifelt und wütend

Besonders nahe geht einem der Film, wenn vom Krieg betroffene Menschen darin zu Wort kommen. Die Alten etwa. Sie haben noch den Krieg der Deutschen gegen ihr Land erlebt. Weinend verstehen sie nicht was heute mit ihnen geschieht. Eine Frau meint: Nicht einmal die Deutschen hätten so brutal gehandelt. Die eigne Bevölkerung zu bombardieren! Warum macht das Poroschenko? Die Menschen sind ratlos, verzweifelt und wütend. Auch die im Film zu Wort kommenden Rentner, die in langen Schlangen vor der Bank stehen, um an ihre fällige Rente zu kommen. „Fünfzig Jahre“, sagt dabei weinend eine Seniorin, „habe ich in einem Betrieb schwer gearbeitet. Und jetzt? Nicht einmal die Rente bekomme ich!“

Ihr Landsmann und Präsident hat dafür gesorgt, dass sie und andere die Rente nicht bekommen. Im Film ist ein Einblendung von einer Poroschenko-Rede. Die Ostukrainer hat er abgeschrieben. Kaltschnäuzig und zynisch klingen seine Worte (sinngemäß): Die Menschen, die mit uns sind, werden Rente bekommen. Die Menschen in den Rebellengebieten nichts. Die Kinder in der Westukraine werden in Kindergärten gehen. Die in Rebellenland nicht. Und so weiter und so fort. So redet der Präsident eines Landes!

Die Kinder – welches Leben können, werden sie später führen?

Und erst die Kinder! Drei Mädchen erzählen vor Bartalmais Kamera über ihre Erlebnisse im Krieg. Freundinnen, Klassenkameraden oder Familienmitglieder – Papa oder Mama, Bruder oder Schwester sind tot oder gesundheitlich beeinträchtigt. Die Kinder in Westeuropa, sagen sie, sollen froh sein, dass sie in Frieden leben können. Was macht all das mit den gewiss traumatisierten Kindern? Welches Leben können, werden sie später führen? Wie werden sie mit den schrecklichen Erfahrungen umgehen? Machen sich, kam mir in den Sinn, führende Politiker im Westen – wo sie doch immer die europäischen Werte und die Menschenrechte so verdammt hochhalten – darüber Gedanken?

Auf dem Maidan fing alles an

Noch einmal erinnert uns der Film daran, wie alles anfing, nachdem sich die Ukraine unter Präsident Viktor Janukowitsch vorläufig gegen das Assoziationsabkommen mit der EU entschieden hat. An die Kämpfe vom friedlichen Protest in ein blutiges Chaos abdriftenden Bürgerkriegsszenario auf dem Kiewer Maidan. Der Film berichtet von einer Weisung, wonach die Janukowitsch-Regierung selbst nach der Eskalation der Situation auf dem Platz die Polizei angewiesen hatte, sich in keiner Weise provozieren zu lassen und keine Gewalt anzuwenden. Zu sehen sind auf Archivaufnahmen, wie Molotowcocktails auf Polizisten geworfen werden. Wie diese dann als lebenden Fackeln über den Platz wanken und von Kollegen gelöscht werden müssen. Wie sie mit Fäusten und Stangen verprügelt werden. Wie sich nicht zur Wehr setzen

Mit der Frage, wer die Sniper gewesen sein könnten, die von den Dächern des Maidans, vom Hotel „Ukraina“ auch, auf Polizisten und Aufständische schossen, sagte Mark Bartalmai später, hat er sich im Film absichtlich nicht beschäftigt.

Tod in Odessa

Wir bekommen auch schreckliche Szenen aus dem Archiv zu sehen, die zeigen, was sich in der Schwarzmeerstadt Odessa zutrug, als das Gewerkschaftshaus in Brand gesetzt wurde und viele Menschen dabei den Tod gefunden haben. Welchen Kräfte haben warum dieses Gewerkschaftshaus angezündet, zuvor die Zelte der Anti-Kiew-Protestler zerstört? Im Film sieht man, während die Zelte zerstört werden, einen Streifenwagen der Polizei. Jedoch keine Polizisten, die gegen die Zerstörer einschreiten und die Angegriffenen vor dem tobenden Mob zu schützen. Sollte diese Tat – von wem auch immer sie angeordnet und begangen wurde – die gegen die neue Regierung protestierenden Menschen in der Ostukraine abschrecken? Als Kinobesucher schaut an zur Leinwand und in die Gesichter der Mütter und Eheleute, die um ihre Lieben, die am lebendigen Leib verbrannt wurden oder sich aus den Fenstern des Gewerkschaftshauses zu Tode gestürzt haben und fühlt mit ihnen. Man versteht mit ihnen nicht: Warum das alles?

Das Grauen steht Mark Bartalmai ins Gesicht geschrieben

Nach heftigen und aufwühlenden Szenen kommt weich überblendet immer wieder Mark Bartalmai ins Bild. Wenn er Situationen beschreibt, schaut der Kinozuschauer in dessen Gesicht. Kennt man ältere Fotos von ihm, dann sieht man, dass der Krieg auch einen Kriegsreporter, einen Menschen, der Furchtbares mit hat ansehen müssen, diesen Mark Bartalmai von den Erlebnissen gezeichnet. Das Gesicht ist gealtert. In den Augen Erschrecken und Trauer. In den Pausen zwischen den Sätzen istzu hören, wie der Kriegsberichterstatter schlucken muss. Das sitzt ein Mensch vor der Kamera, der dem Grauen, dem Tod ins Gesicht geschaut hat.

Im Krieg

Dieser Mark Bartalmai ist mit den Kämpfern der Ostukraine auf einem Schützenpanzer mit ins Gefecht gefahren. Zuvor erzählen diese Leute woher sie kommen, warum sich sich freiwillig in Gefahr begeben. Sie tun es, weil sie ihre Region vor den Faschisten – wie sie sagen – in Kiew bewahren wollen. Ja, auch Kämpfer aus Russland sind dabei. Der eine erzählt, er habe einen Großvater hier und oft die Schulferien bei ihm verbracht. Diese Verbänden der nationalen Befreiung sind nicht die furchterregenden Verbrecherbanden, die mancher sich vielleicht vorstellt, wenn er von ihnen in den westlichen Medien hört.

Es sind Ingenieure, Bankangestellte oder IT-Spezialisten die eine gute und nicht schlecht bezahlte Arbeitsstelle hatten. Es sind Menschen, die die Heimat verteidigen und Eltern oder Geschwister beschützen wollen. Die Panzer fahren in die dunkle Nacht. Weit hinten brennt es lichterloh. Man hört die Geschosse pfeifen und einschlagen. Hinterher, tags, wird das Schlachtfeld besichtigt. Verwüstung, Verbranntes und tote ukrainische Soldaten, die von Poroschenko verheizt wurden. Sie werden samt ihren Ausweispapieren an die andere Seite übergeben werden. Andere, anderswo – noch lebende – sind gefangen. Die Ortsbevölkerung beschimpft sie. Eine ältere Frau ist außer sich, ruft ihnen Schlimmste hinterher. Eine andere Frau kann sie gerade noch beiseite und wegziehen, sonst hätte sie sich wohl in ihrer Wut vergessen.

Aber, auch das wird im Film deutlich: Gängige Klischees treffen ebenso nicht auf in die Ostukraine beorderte reguläre junge ukrainische Soldaten zu. Die Gezeigten sind entweder der Kiewer Propaganda auf den Leim gegangen oder belogen worden. Wie etwa die zwei jungen Männer, die Bartalmai als Gefangene der Rebellen trifft. Ihren Aussagen im Film zufolge sind sie anständig behandelt worden. Sie dürfen mit Bartalmai mitfahren und werden ihren weinende Müttern übergeben. Mögen sie nie wieder in diesen Krieg zurückkehren (müssen), hofft der Filmautor an dieser Stelle des Streifens.

Und im Film steht immer wieder eine Frage im Raum. Sie wird auch von Menschen vor Ort wieder und wieder gestellt: Warum schießt die Armee auf die eigene Bevölkerung? Warum wirft sie Bomben auf sie? In anderen Ländern, sagen Leute im Film, wird bei Aufständen die Polizei geschickt.

MH 17

Mark Bartalmai hat auch die Absturzstelle des malaysischen Flugzeug MH17 besucht. Und er stellt Fragen im Film. Warum sind Blackbox und Voicerecorder – die sich in London befinden – bis heute nicht ausgewertet, bzw. warum werden die Auswertungen nicht öffentlich gemacht? Er, viele andere Reporter, kamen immer an die Absturzstelle heran. Warum mussten aber OSZE-Mitarbeiter mehrfach ihre Fahrt dorthin unterbrechen?

Der kleine tote Junge

Sehr authentisch wirkt der Film immer dann auf seine Zuschauer, wenn persönliche Schicksale, Leid und Verzweiflung ins Bild gerückt sind oder in den Berichten der von Bartalmai befragten Menschen darüber zu hören ist. Das ist vor allem deshalb so, weil Bilder zu sehen bekommen, die uns unsere Medien vorenthalten. Aus Rücksicht auf uns? Der kleine tote Junge im Film zum Beispiel. Und wie er später dann mit einem Anzug bekleidet im Sarg im von nackten Leichen förmlich übersäten Leichenschauhaus liegt. Ein Mitarbeiter streicht ihm noch über den Kopf, um sich dann rasch wieder anderen Leichen zuzuwenden.

Noch einmal mit dem Leben davongekommen

Bartalmai selber ist zu sehen, wie er durch Donezk läuft. Wieder sind irgendwo Granaten eingeschlagen. Die Straßenbahnschienen sind zerstört worden. Deshalb läuft man. Andere Berichterstatter sind schon da. Plötzlich wieder ein Einschlag. Wieder einmal ist man mit dem Leben davongekommen. Die Leute sind in Agonie und froh, dass es nicht in ihrem Block oder Hauseingang eingeschlagen hat. Sie sind müde, wollen das all das Schreckliche endlich aufhört.

Die Ukraine, wie sie einmal war, wird es nicht wieder geben

Wer diesen, wie ich meine wichtigen – weil so anders gemachten – Film gesehen hat, weiß: Die Ukraine, wie sie einmal war, wird es so nicht wieder geben. Bartalmai: „Dazu ist zu viel passiert.“

Ergriffenheit, Trauer und auch Wut bei den Zuschauern im Odeon

Am Ende Applaus. In ihm schwingt Trauer mit Ergriffenheit und auch Wut. Die Zuschauer im Kölner Odeon sind betroffen. Aus dem Applaus ist jedoch auch Anerkennung für den Regisseur herauszuhören. Fraglos ein wichtiger Film.

Der Wunsch von Odeon-Chef Lütz dürfte in Erfüllung gegangen sein: Die Menschen haben sich eine eigene Meinung gebildet. Und Mark Bartalmai kann wohl ebenfalls zufrieden sein. Erhellende Momente in diesem dürsteren Film dürften die Kinobesucher gehabt haben. Nun ist auch der Saal erhellt. Bartalmai steht vor dem geschlossenen Vorhang. Mit dem von Marcel Reich-Ranickis Abwandlung eines Brecht-Zitats könnte man sagen: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Bereit für die Fragen des Publikums. Der Filmemacher steht vor eben diesen Vorhang des Kinos auf der Kölner Severinstraße. Sein Gesicht wirkt von der Fußrampenbeleuchtung angestrahlt mystisch. Schon kommen erste Fragen von unten aus dem Parkett. Mark Bartalmai schien nur darauf gewartet zu haben. Jede Frage beantwortet in äußerster Ausführlichkeit. Das Saalmikrofon wandert von Reihe zu Reihe.

Golineh Atais Film als Antithese zu Mark Bartalmais Film

Seinen Film betreffend sagt Bartalmai: „Wenn wir diesen nun einmal als These bezeichnen wollen, gibt es auch dazu eine Antithese“. Er weist damit auf die vor sechs Wochen erschienen TV-Reportage der ARD-Korrespondentin Golineh Atai, „Die zerrissene Ukraine“ hin. Diesen Film möge man sich ansehen und mit dem seinen vergleichen. Weil er freilich eine ganz andere Sichtweise habe. Mark Bartalmai habe Atai selbst einmal getroffen, als über die Wahlen in den selbsternannten Volksrepubliken berichtet wurde. Seiner Meinung nach waren die frei gewesen und die Menschen hätten sogar freudig ihre Stimme abgeben. Vergleiche man jedoch seine Bildern mit denen von Golineh Atais Team gedrehten, bewirke die dabei gewählte Kameraeinstellung – man nahm die Führer und deren Begleiter der Volksrepublik von unten auf. Das bewirke schon eine gewisse Dämonisierung in den Augen der Zuseher.

Antworten auf Fragen aus dem Publikum

Mark Bartalmai beantwortet nach der Filmvorführung Fragen der Zuschauer; Foto: C.-D. Stille

Mark Bartalmai beantwortet nach der Filmvorführung Fragen der Zuschauer; Foto: C.-D. Stille

Auf die Frage nach russischen Truppen in der Ostukraine – Poroschenko behaupte ja immer wieder, 200 000 russische Soldaten sein dort – antwortet der Regisseur: „Das sind ja mehr als die Bundeswehr hat. Ich sehe sie dort nicht.“ Zu einer Geschichte, wonach ein – britischer Reporter einen russischen Militärkonvoi gesehen habe, sagt Bartalmai: „Es gab keine Fotos. Nichts.“ Irgendwann habe es ein offizielle Verlautbarung Kiews worin gesagt wurde: „Man konnte den Konvoi nicht sehen, weil er sofort vernichtet worden sei.“ Mark Bartalmai spricht von „unfreiwilliger Komik“ betreffs solcher Meldungen. Momentan, so berichtet der Journalist kreisten des Öfteren Drohnen über Donezk. Geschützfeuer war überdies zu hören gewesen.

Wie ist Kräfteverteilung im Krieg? Derzeit stünden ungefähr 80 000 reguläre ukrainische Soldaten, antwortet Bartalmai, 40 000 NAV-Leute (bewaffnete Separatisten der Ostukraine (Novarussia Armed Forces, der LNR und DNR – Lugansker Volksrepublik und Donezker Volksrepublik; d. Verf.) gegenüber. Wir hörten hier bloß immer in den Medien die Rebellen hätten den Waffenstillstand gebrochen. Was solle man sich darunter vorstellen? Um diesen Abstraktionen ein Gesicht zu geben, habe man diesen Film gemacht. Im Film komme nicht ein „profaschistisches Monster vor“. Abgesehen einmal von den Bataillonen Asow und Ajdar seien wohl keine ukrainischen Truppen in die Ostukraine gekommen, um „im Blutrausch zu morden“.

Sie verstehen nicht, dass der Westen sie quasi verarscht“

Bartalmai erklärt: „Das Volk wird instrumentalisiert.“ Auf der einen und auf der anderen Bürgerkriegsseite finden man durchaus auch Leute, die in den Krieg zögen, weil sie vielleicht im Leben gescheitert seien, die auch auf Krawall stünden. Aber es gibt eben auch die anderen, die den Kampf hier oder dort als gerecht und richtig empfänden. Überhaupt werde das Land vorwiegend (vom Westen) instrumentalisiert und benutzt, damit es für NATO-Stützpunkte nutzen kann. Oder für „eine EU als Absatzmarkt“. Mark Batalmai: „Ich rate den Ukrainiern skeptisch zu sein.“ Viele glaubten einfach den Worten Poroschenkos oder anderen bald in die EU zu kommen und im Wohlstand zu leben. „Sie verstehen nicht, dass der Westen sie quasi verarscht.“ Monsanto hat quasi das Monopol auf Saatgut in der Ukraine. Das Land galt einst als Kornkammer der Sowjetunion!

Der SPIEGEL-Mann und die Nachtwölfe

„In Moskau“, erzählt Mark Bartalmai, „im Hauptquartier dieser ach so furchtbaren Nachtwölfe“, habe er einen Spiegel-Reporter getroffen. Will sagen: Man stünde sich als Kollegen nicht einmal feindlich gegenüber. „In bestimmten Bereichen herrscht durchaus Konsens. Warum sie es dann nicht schreiben, konnte er mir auch nicht erklären.“

Sie haben der Ukraine die Heirat versprochen. Aber sie wollten sie nur für eine Nacht“

Und noch einmal kommt der Filmemacher auch die EU zu sprechen: „Sie haben der Ukraine die Heirat versprochen. Aber sie wollten sie nur für eine Nacht.“ Die Menschen in der Westukraine täten ihm leid. „Sie werden fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Sie haben das Pech in einer strategisch wichtigen Gegend zu wohnen.“ Der nun kaputte Flughafen von Donezk wäre inzwischen zu einem „Marktplatz“ geworden. Auch für Waffen. Die wechselten auch die Seiten. „Es gibt in diesem Krieg kein Schwarz und kein Weiß“, so Bartalmai. „Es gibt in diesem Krieg furchtbar viel Grau. Und es gibt in diesem Film furchtbar viel Rot. Ohne, dass wir es zeigen.“ Blut überall. Weg habe man von den Abstraktionen gewollt: „Bruch eines Waffenstillstands“, oder „Artillerie beschießt Positionen“ – „Nein, da sterben die Kinder! Und Zivilisten. Auf der anderen Seite sterben Soldaten“.

Mark Bartalmai wird momentan von in der Ukraine verfolgt. Er sei „angeklagt der Spionage und des Terrorismus und bezichtigt, offiziell wegen diesem Film“.

Auch mal das eigene Weltbild hinterfragen

Zur durchaus berechtigten Kritik an den Mainstreammedien sagt der Filmemacher etwas, dass jeder für sich mit nachhause nehmen und darüber nachdenken kann. Der Umkehrschluss nämlich daraus, wenn man den Mainstream generell als unseriös verteufelt, sei ja: „Was in den Alternativmedien steht, ist alles richtig. Das ist Käse.“ Die Menschen seien so gestrickt, dass sie sie gerne ihre einmal erlangte Meinung, ihr Weltbild, immer wieder bestätigt sehen haben wollten. Sie meinten sozusagen, alles sei grün. Und wenn die dann um die Ecke guckten und plötzlich rot sähen, seien sie verunsichert. Da gebe es eine Gruppe von Leuten, „die sagt, das will ich gar nicht wissen. Kann nicht sein.“ Die Einen hätten eben ihr Narrativ und die Anderen das ihre. Es spielten eben auch Erziehung und Erfahrung jedes Einzelnen eine Rolle. Auch käme hinzu, „was die Gesellschaft transportiert“. Dies im Hinterkopf, sagt uns nichts weiter als das: Wir sollten alles und jedes einem gesunden Zweifel unterziehen. Selbst auf die Gefahr hin, dass unser festgefügten und eingeschliffenes Weltbild aus den Fugen gerät.

Da kommt Bartalmai darauf zu sprechen, dass er in der DDR aufgewachsen ist. Als er in die BRD gekommen sei, habe man ihm erzählt, dieses DDR-System sei der völlige Schrott gewesen. „Ich bin quasi aus meiner Höhle gekommen und hatte keine Ahnung, was da abgeht.“ Dann in der Freiheit und der Demokratie der BRD – „und ich hab‘ daran geglaubt und ich habe auch lange in diesem BRD-System funktioniert“ – musste Bartalmai feststellen, dass „PR eigentlich heute der Journalismus ist und nicht mehr so wie früher“: dann musste der BRD-Neubürger ein zweites Mal im Leben konstatieren, dass auch das neue journalistische System „vorsichtig ausgedrückt, nicht hält was verspricht“. „Da ist für mich das zweite Mal eine Welt zusammengebrochen“, so der freie Journalist in Köln.

Kritik von Grimme-Preisträger Frieder Wagner

Dann meldet sich ein Mann, den man kennen sollte: Frieder Wagner, der in letzten dreißig Jahren freier Journalist und Filmemacher. Die Blicke gehen nach hinten. Und anerkennender Beifall brandet auf. Manche erinnern sich: der Herr ist u.a. Grimme-Preisträger. Er, sagte Wagner, er hätte sich am Filmende eine größere Spanne erwartet. Vermisst habe er Hinweise darauf, was die USA und ihre Koalitionen der Willigen, auch die NATO, für eine Politik betreibe, die das Ziel verfolge, den Machtbereich der USA immer mehr auszuweiten. In Bosnien, im Kosovo, im Irak, Afghanistan, in Libyen, im Libanon, in Gaza. Da stecke ein System dahinter, so Wagner. Gefehlt habe ihm der Hinwies darauf, dass „die ukrainische, schreckliche Auseinandersetzung die Fortsetzung ist, dessen ist was lange, lange geplant gewesen sei. Wagner: „Es gibt ja Präsidentenberater, die haben Bücher geschrieben, da steht das alles drin. Man hätte den Teufel schon beim Namen nennen müssen.“ Es könne durchaus sein, dass in den nächsten Jahren schwerst missgebildete Kinder geboren werden.“

Mark Bartalmai erklärt, daran habe man gedacht, sich aber – damit der Film jetzt herauskommen könne – ein tieferes Loten zunächst zu unterlassen. Allerdings verspricht der Regisseur, dies „ist jetzt nicht der letzte Film, der nächste ist in Planung“.

Möge der Film auch den Weg in andere Kinos finden

Was zu begrüßen ist. Beifall. Ein ergreifender Film und eine sachliche, befruchtende Diskussion im Anschluss. Übrigens reißt die Diskussion selbst noch nicht ab, als sich Türen des Kinos Odeon längst geschlossen hatten. Auch die Fragen gehen nicht aus. Kurzerhand wird Diskussion und Fragestunde hinaus auf die nächtliche Kölner Severinstraße verlegt.

Dank an das Engagement betreffs des Organisierens der Filmvorführung seitens Lukas Puchalski von Free21, sowie an Odeon-Chef Lütz. Möge der Film Mark Bartalmais den Weg auch in andere Kinos der Republik finden, denn er ist eine Art fehlender Part. Ein andere Seite der Medaille gewissermaßen. Mark Bartalmai zeigt sich bereit, zu Film- und Diskussionsabenden in anderen Städten anzureisen. Der Film funktioniert besonders gut, wenn sich ihm eine Diskussion anschließt.

Alles über den Film hier. Übrigens steht er auch zum Kauf bereit. Den Trailer kann man hier anschauen. Zu einem Interview zum Film mit Lukas Puchalski geht es hier.

Nachtrag

Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass nicht nur der Film „Ukrainian Agony“ neben viel Lob auch Kritik hervorruft, wie die Person Mark Bartalmai selbst. Hier und hier. Jeder mag sich eine eigene Meinung darüber bilden und schauen, von wem die Kritik geübt wird. Fakt scheint jedenfalls: Wer vom Mainstream abweicht wird leicht in die Ecke der Verwörungstheoretiker oder gar der Neurechten und sogenannten Querfrontler gerückt. Ich sage es einmal angelehnt an die Worte des Kölner Kino-Chefs: Meine Leserinnen und Leser alt genug sein, sich selbst eine Meinung zum Film wie zur Person Mark Bartalmai, der ja eigentlich Mirko Möbius heißen soll. In manchen dieser Ergüsse, schreibt ein gewisse Sven. Dessen Profil soll jedoch inzwischen gelöscht sein. Dieser Nachtrag erfolgt hier nur der journalistischen Sorgfalt wegen. Wie bereits erwähnt: Jeder soll sich eine eigene Meinung dazu bilden.