Dortmund: Ausstellung zum Thema Gemeinwohl. BesucherInnen sind eingeladen sich in die Gestaltung des Kunstwerks „Gemeinwohl“ einzubringen

Wieder einmal hat sich die bekannte Dortmunder Künstlerin Bettina Brökelschen auf ein Experiment eingelassen, welches diesmal im Rahmen ihrer vom 16. bis 22. Juli 2019 dauernden Ausstellung „Gemeinwohl“ stattfinden wird. Zusammen mit den BesucherInnen ihrer Ausstellung will sie während dieser Zeit für den Bundesverband Gemeinwohldemokratie ein Symbol/Bild anfertigen, in welchem sich der Begriff „Gemeinwohl“ widerspiegelt.

Gemeinsam ein Kunstwerk zum Thema „Gemeinwohl“ erschaffen

Die BesucherInnen sind dabei herzlich eingeladen, sich in die Gestaltung dieses Werkes mit Anregungen einzubringen, um für den Begriff „Gemeinwohl“ein vielschichtiges und damit möglichst realistisches Symbol/Bild entstehen zu lassen._

Zur Vernissage der Kunstausstellung von Bettina Brökelschen im Torfhaus im Westfalenpark Dortmund am 16. Juli 2019 um 18 Uhr sind alle interessierten Menschen herzlich eingeladen. Die Gäste werden mit einführenden Worten von Günther Ziethoff begrüßt.

Am Sonntag, dem 21. Juli 2019, ab 15 Uhr sind dann alle Interessierten eingeladen an einer offenen Diskussionsrunde teilzunehmen, die sich mit den Begriffen „Gemeinwohl“ und „Gemeinwohldemokratie“ auseinandersetzt.

Ausstellungsdauer: 16. – 22. Juli .2019
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr

Auf dem 10. Afro Ruhr Festival: „Bald 60 Jahre Unabhängigkeit. Immer noch in den Fängen des Kolonialismus? – Podiumsdiskussion mit Experten

Moderator, Dr. Boniface Mabanza Bambu, Martial Ze Belinga und Dr. Dereje Alemayyehu (v.l.). Fotos: C. Stille

Ein interessanter Programmpunkt neben vielen kulturellen Höhepunkten auf dem 10. Afrika Ruhr Festival (28.6 bis 30.6.2019) im Dietrich-Keuning-Haus in Dortmund waren Vorträge und eine sich anschließende Podiumsdiskussion unter dem Titel „Bald 60 Jahre Unabhängigkeit. Immer noch in den Fängen des Kolonialismus?“. Ins Visier genommen waren diesbezüglich afrikanische Staaten

Die brillant und kenntnisreich vortragenden und bis in kleinste Detail überzeugend argumentierenden Experten, die Impulsvorträge hielten, waren Dr. Boniface Mabanza Bambu (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika KASA), der Wirtschaftswissenschaftler Martial Ze Belinga und Dr. Dereje Alemayehu (Executive Coordinator der Global Alliance for Tax Justice).

60 Jahre Unabhängigkeit – Haben 17 afrikanische Ländern nächstes Jahr Grund zum feiern?

Im Jahre 2020 können 17 afrikanische Länder 60 Jahre Unabhängigkeit von ihren einstigen Kolonialstaaten feiern. Viele Afrikaner dürften allerdings der Meinung sein, dass diese Jubiläen weniger einen Anlass zum Feiern als vielmehr zum Nachdenken bieten. Wenn schon gefeiert wird, hätten gewiss einige afrikanische Staaten

Dr. Boniface Mabenza Bambu. Fotos: C. Stille

mehr als andere zu feiern, merkte eingangs der Moderator der Veranstaltung an.

Dr. Boniface Mabanza Bambu sprach davon, dass etwa Botswana ab der Unabhängigkeit einen Weg genommen habe, der möglicherweise Grund zum Feiern gibt. Der Umgang mit Ressourcen sei vonseiten der Eliten Botswanas von Anfang an klug geregelt worden. Sie schrieben fest, dass das Land an den Gewinnen etwa aus dem Abbau von Diamanten beteiligt wird und die multinationalen Konzerne besteuert werden.

Dagegen gebe es auf den afrikanischen Kontinent jedoch Länder die rohstoffreicher sind als Botswana, aber unterproportional wenig Nutzen für sich daraus ziehen könnten.

Was Kolonialismus bedeutete

Es sei aus seiner Sicht, so Dr. Mabanza, daran zu erinnern, was Kolonialismus bedeutete. Er zitierte zu diesem Behufe einen Staatsekretär des deutschen Reichskolonialamtes, der 1907 über Kolonialisierung gesagt habe:

Kolonisation heißt, die Nutzbarmachung des Bodens, seiner Schätze, der Flora, der Fauna und vor allem der Menschen zugunsten der Wirtschaft der kolonialisierenden Nation. Und diese ist dafür mit der Gegengabe ihrer höheren Kultur, ihrer sittlichen Begriffe und ihrer besseren Methoden verpflichtet.“

Dr. Mabanza: „Wir kommen aus dem Kontext einer deklarierten Überlegenheit. Und aus dieser Überlegenheit wird ein Recht abgeleitet, andere auszubeuten.“

Dieser „Logik“ hätten Dekolonialisierungsbewegungen versucht ein Ende zu setzen. Doch schon am Vorabend der Unabhängigkeit hätten die Kolonialmächte Mechanismen entwickelt, die ihnen ermöglichen sollten, den Zugriff sowohl auf die Ressourcen als auch auf Menschen aufrechtzuerhalten. So sei die Unabhängigkeit für die so viele gekämpft hatten, – u.a. Patrice Lumumba (im Gedenken an ihn trug Dr. Mabanza ein T-Shirt, dessen Aufdruck an ihn erinnerte) im Kongo – von vornherein auf formelle Verfahren reduziert worden. Boniface Mabanza:

Die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen ist die gleiche geblieben, nur die Formen haben sich geändert.“

Anstelle der Kolonialverwaltungen seien Konzerne getreten, die die Vorherrschaft übernahmen.

Betreffs des Handels seien die afrikanischen entkolonialisierten Staat stets benachteiligt gewesen. Das setze sich heute erst wieder mittels der seit 2020 verhandelten „Freihandelsabkommen“ der EU und den Ländern Afrikas (EPA). Alles diese Instrumente hätten eines gemeinsam, so Mabanza: Sie sollten den Zugriff auf die Rohstoffe dieser Länder sichern. Gleichzeitig wurde und wird eine Industrialisierung (um die Rohstoffe vor Ort zu verarbeiten) in den afrikanischen Staaten verhindert. Momentan hätten sich die Elfenbeiküste und Ghana mit einem Exportstopp für Kakao zu Wort gemeldet. Mabanza: „Was hätte passieren können, wenn diese Länder von Anfang an die Möglichkeit gehabt hätten diese Rohstoffe und andere Rohstoffen vor Ort zu verarbeiten?“ Das habe man aber verhindert durch tarifäre und nichttarifäre Maßnahmen.

Hausgemachte Probleme und die Verhinderung einer Industrialisierung afrikanischer Länder seitens der Länder des Westens

Freilich wären damit noch nicht alle Probleme der Länder Afrikas gelöst gewesen, weiß Mabanza. Auf dem afrikanischen Kontinent gebe es hausgemachte Probleme, aber eben auch welche, die mit den postkolonialen Entwicklung der jeweiligen Ländern zu tun hätten.

Auch sei die wirtschaftliche Entwicklung in manchen dieser Länder zu wenig diversifiziert, weil sie sich auf Druck ehemaliger Kolonialstaaten auf bestimmte Produkte spezialisiert hätten (Blumen, Kaffee, Tee usw.). Für alles was verarbeitet werden müsse, seien sie auf die Staaten angewiesen, an welche sie ihre Rohstoffe liefern. Die verarbeiteten Produkte kämen dann zum teureren Preis zurück auf den afrikanischen Kontinent. Die entsprechenden afrikanischen Länder seien zu Absatzmärkten der Länder des Westens reduziert worden. Man denke nur an von der EU subventionierte und beispielsweise nach Ghana exportierten Tomaten, an Schweinefleisch oder Hähnchenteile. Die afrikanischen Bauern können mit diese Preisen nicht mithalten und gingen pleite. Was wiederum Flüchtlinge produziere.

Grundlegende Reformierung der Bildungssysteme blieb aus

Hinzu käme, gab Dr. Mabanza zu bedenken, dass ein koloniales Bildungssystem in afrikanischen Ländern nach wie vor zum Blick nach außen erziehe. Eine generelle grundlegende Reformierung der Bildungssystem – wenngleich es auch löbliche Ausnahmen gebe – sei ausgeblieben.

Allerdings wäre eine solche Entwicklung auch nicht möglich gewesen durch, wenn nicht bestimmten afrikanische Eliten da mitgemacht hätten, sagte Mabanza.

Den Menschen in Afrika müsse endlich vermittelt werden, dass nicht alles was von außen, aus dem Westen gut und passend für sie ist. Genauso aber auch, dass nicht alles, was zu den Traditionen gehört, automatisch gut ist.

Kritiker sagen: Der CFA-Franc spielt eine negative Rolle. Er induzierte ein System „freiwilliger Knechtschaft“, ist ein „imperiales Machtinstrument“ und hält afrikanische Länder bis heute in Abhängigkeit

Der Ökonom und Soziologe Martial Ze Belinga hielt seinen Vortrag mit dem Titel „Der CFA-Franc, eine hyperkoloniale Währung“ auf Französisch. Ze

Martial Ze Belinga.

Belinga spricht zwar Deutsch. Aber, sagte er entschuldigend, er habe es sehr lange nicht mehr benutzt. Er stützte sein Referat auf die Veröffentlichung des Buches „Kako Nubukpo, Martial Ze Belinga, Bruno Tinel & Demba Mussa Dembele (Hg.): Sortir l‘Afrique de la servitude monétaire. À qui profi te le franc CFA?“ (leider nur auf Französisch erhältlich: hier).

Ein anwesender Herr von der Auslandsgesellschaft NRW e.V. Dortmund erklärte sich freundlicherweise bereit, den Vortrag auf Deutsch zu übersetzen. Zusätzlich wurden Ausdrucke auf Deutsch von wesentlichen Teilen des Vortrags zum Mitlesen ans Publikum ausgeteilt.

Nach der Entlassung in die Unabhängigkeit blieben bis heute viele afrikanische Staaten in Abhängigkeit der einstigen Kolonialherren. Ein negative Rolle dabei spielt der CFA-Franc, erfuhren die interessierten ZuhörerInnen im voll besetzen Raum 204 des DKH. 14 ehemalige französische Kolonien benutzen seit 1945 eine Währung, die in der Kolonialzeit von französischen Kolonialherren eingeführt worden war. Kritiker sprechen von einen System „freiwilliger Knechtschaft“ und verurteilen den CFA-Franc als „imperiales Machtinstrument“. Wirtschaftswissenschaftler Martial Ze Belinga erklärte, wie der CFA-Franc afrikanische Länder, einstige Kolonien, bis dato in Abhängigkeit gefangen hält.

Die entscheidende Frage in Afrika sei: Wer ist abhängig von wem? Andererseits sei auch die Welt von Afrika abhängiger geworden als man annehme. Weiterhin seien, Ze Belinga, im Westen weiterhin negative Diskurse über Afrika im Umlauf.

Der CFA-Franc bedinge es, dass von den afrikanischen Ländnern erwirtschaftete Devisen in Frankreich deponiert werden: Afrikanische Länder haben exportiert, Devisen kassiert – diese müssen aber dann nach Frankreich (als Sicherheit für den Wechselkurs) geschickt werden.

Martial Ze Belingas Fazit: „Alternativen zum CFA-Franc müssen kreativ bleiben und offen für Optionen auf gemeinsame Währungen, lokale Währungen und Steuerwährungen sein. Das wichtigste ist die industrielle, sozial nachhaltige und ökologische Transformation. Dies bedeutet eine Abkehr von den klassischen Kriterien der nicht-interventionistischen Makroökonomie, die Annahme einer Dosis wirtschaftlichen Schutzes.“ Und weiter: „Die Afrikaner müssen auch die Werte, die ihnen wichtig sind, wie Ubuntu*, in ihre Institutionen integrieren, denn Geld vermittelt Werte. So wie der CFA-Franc die Kolonialbeziehungen (Zwangsarbeit, Rohstoffe usw.) vermittelt hat, müssen sich die Post-CFA-Währungen auf die alten monetären Vorstellungen des Kontinents (Nzimbu, Shat usw. und auf andere Erfahrungen der Welt stützen, um an afrikanischen Werten und Projekten in der heutigen Welt angepasten Währungsinstitutionen aufzubauen.“

Über den CFA-Franc lesen Sie bitte hier und hier mehr.

*Über Ubuntu hier mehr

Dr. Dereje Alemayehu: Die Länder des globalen Südens leiden am stärksten unter der Gewinnverschiebung multinationaler Konzerne

Dr. Dereje Alemayehu ist derzeit Executive Coordinator der Global Alliance for Tax Justice, war ander Gründung des Steuergerechtigkeitsnetzwerks

Dr. Dereje Alemayehu.

Afrika beteiligt und Vorsitzender des Globalen Bündnisse für Steuergerechtigkeit.

Dereje Alemayehu spricht sehr gut Deutsch. Dennoch bat er das Publikum vor eventuellen Fehlern in seinem Vortrag im Vorhinein um Verständnis. Mit seinem Bonmot „Deutsche Grammatik war immer ausländerfeindlich“, sorgte Dr. Dereje Alemayehu für zustimmende allgemeine Heiterkeit im Raume.

In seinem Vortrag erinnerte Alemayehu an den 100. Jahrestag der Berlin-Konferenz (auch Kongo-Konferenz genannt) im Jahre 1985, auf welcher der afrikanische Kontinent an westliche Kolonialmächte verteilt wurde. Damals sei Willy Brandt (Vorsitzender der Nord-Südkommission) gewesen.

Während einer Podiumsdiskussion habe deren Moderator den Präsidenten von Tansania Julius Kambarage Nyerere, Vorsitzender der Süd-Kommission („Nyerere-Kommission“)

gefragt, für was alles dem Kolonialismus die Schuld gegeben werden könne. Dereje Alemayehu erinnert sich noch heute genau an die Antwort: Julius Kambarage Nyerere, der wie ein guter Onkel wirkte, habe sinngemäß Folgendes geantwortet: Von hundert Jahren habe der Kolonialismus 70 Jahre regiert und 30 Jahre das unabhängige Tansania. Die Verantwortung liege demnach bei 70 zu 30.

NGOs, so Alemayehu, hätten einmal gefragt, wer für Geldabflüsse, resp. Ressourcenabflüsse, aus Afrika verantwortlich sei. Ressourcenabflüsse Die Masse dürfte antworten: korrupte afrikanische Länder. Dass Korruption ein ernstzunehmendes Problem sei, wolle er nicht bestreiten, räumte der Referent ein. Da gebe es auch nichts daran zu verteidigen. Allerdings stünde Korruption bei weitem nicht an erster Stelle, der Geldabflüsse. 2013 sei die UN-Kommsission für Wirtschaft dieser Frage nachgegangen. Das Ergebnis: Zu 60 Prozent resultierten Ressourcenabflüsse aus Afrika aus Handelstätigkeiten und wirtschaftlichen Tätigkeiten. Vierzig Prozent gingen auf das Konto von Korruption und Kriminalität. OSZE-Generalsekretär habe einmal in einem Bericht zu bedenken gegeben, dass für jeden Dollar, der als Entwicklungshilfe in die Entwicklungsländer kommt, drei Dollar als illegale Ressourcenabflüsse die Länder verlassen.

Ein Beispiel, das wir auch in Europa betreffs der Steuerzahlungen großer Konzerne kennten, wurde genannt: Ein Kiosk in Accra zahle mehr Steuern als ein großer Brauereikonzern in Ghana.

Ein weiteres Beispiel, dass einen die Haare zu Berge stehen lasse, sei die Tatsache, dass die britische Kanalinsel Jersey als größter Bananen-Exporteur nach Europa gelte. Und das, obwohl dort keine einzige Bananenpalme gedeihe!

Und noch etwas, dass bezeichnend ist und dem Fass den Boden ausschlage: Im Steuerparadies Cayman Islands seien an einer Adresse 18 000 Firmen registriert.

Es müsse doch gefragt werden, warum es solche Strukturen gibt.

Ginge es nach Transperency International wäre die Schweiz eines der saubersten Länder der Welt. Indes, wir wüssten es besser, warf der Referent in den Raum.

Bestechung sei nur ein Teil von Korruption. Wenn ein Polizist in Afrika bestochen werde, sei das sichtbar. Unsichtbar dagegen seien die Praktiken der großen Bonzen weltweit.

Die Schweiz verdiene mehr Geld an Kupfer als der Kupferexporteur Sambia, obwohl im Land der Eidgenossen kein Kupfer vorkäme. Steuerflucht, Steuerhinterziehung und vielfältiger Betrug seien ein weltweites Problem. Dr. Dereje Alemayehu mit seiner schmunzelnd hervorgebrachten Feststellung:

„Korrupte afrikanische Eliten haben die Schweiz nicht gegründet.“

Afrikanische Staaten seien mehr von Steuern abhängig als reiche Länder. Afrika sei heute ein Gläubigerkontinent gegenüber Westen.

Dr. Dereje Alemayehus Fazit:

Korruption ist eine Krankheit, aber bei weitem nicht die einzige. Hinzu kämen Steuerflucht und Steuervermeidung. Das System werde global von reichen Ländern beibehalten. Ressourcen würden abgesaug, was die Reichen immer reicher mache und die Kluft zwischen Arm und Reich stetig besorgniserregend vergrößere. Die Länder des globalen Südens leiden am stärksten unter der Gewinnverschiebung multinationaler Konzerne – auch aus Deutschland – und illegitimen Finanzströmen in Richtung der internationalen Finanzmärkte. Geld, das dringend für Bildung, Gesundheit und soziale Sicherung benötigt wird.

(Dazu passend ein Interview mit Dr. Dereje Alemayehu via africavenir2009/You Tube)

Max Czollek („Desintegriert Euch!“) zu Gast beim „Talk im DKH“ in Dortmund

Max Czollek (li) und AladinEl-Mafalaani (re). Fotos: C. Stille

Am vergangenen Freitag gab es in der Reihe „Talk im DKH“ ein Novum. Erstmals fand die Veranstaltung nämlich als Freiluftveranstaltung auf einem Platz hinter dem Dietrich-Keuning-Haus statt. Gast war Dr. Max Czollek. Gastgeber und Moderator Aladin El-Mafaalani, der diesmal ohne seine Ko-Moderatorin Özge Çakirbey auskommen musste – sie war erkrankt -, stellte Czollek als „den schlauesten Dreißigjährigen den ich kenne“ vor. Die weiteren von El-Mafalaani aufgeführten Kennmarken zum Gast aus Berlin: „Jüdisch, ostdeutsch, in der DDR geboren, Künstler, promovierter Politikwissenschaftler. Desintegration ist für Max Czollek der Versuch der radikalen Vielfalt, welche die deutsche Gesellschaft heute schon ausmacht, gerecht zu werden. Bünde untereinander werde man aber hier und da schon schließen müssen.

Aladin El-Mafalaani: Den Aufruf „Desintegriert Euch!“ meint Czollek durchaus ernst. Bei Lehrern an einem Dortmunder Gymnasium löste er Beunruhigung aus

Czollek, erinnerte sich der Moderator, habe den „wunderschönen Satz“ gesagt: Dass die größte Integrationsleistung, die Deutschland bisher jemals vollbracht hat, die Integration der Nationalsozialisten nach 1945 gewesen sei.

Czollek stünde dem gesamten Integrationsprozess – wie er heute begriffen werde – sehr skeptisch gegenüber, erklärte El-Mafalaani. Was ihm auch der Antrieb dafür war, dass er das Buch „Desintegriert Euch!“ geschrieben habe. Mafalaani, der Czollek schon länger kennt, versicherte, der Buchautor meine diesen Aufruf zu einem Großteil durchaus ernst.

Verständlicherweise, erstattete El-Mafalaani Bericht, habe dieser Titel beim Besuch an einem Dortmunder Gymnasium an diesem Freitag bei den Lehrkräften Beunruhigung ausgelöst. Setzten die doch alles daran, dass sich die jungen Leute integrierten.

Zwei Bücher – zwei konträre Ansichten

Mit Max Czollek wollte Moderator Aladin El-Mafalaani darüber sprechen, wie er seine Polemik „Desintegriert Euch!“ meint und inwieweit seine Thesen mit dem Integrationsparadox zusammenpassen. Von El-Mafalaani stammt nämlich das Buch „Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“. Eine Ansicht des Autoren daraus: „Deutschland war noch nie fairer als jetzt.“ Beide Autoren werden nicht selten mit ihren beiden konträren Büchern zusammen zu Veranstaltungen eingeladen. Dr. Max Czollek (geb. 1987) ist Lyriker, Essayist und Bestseller-Autor aus Berlin

Max Czollek: Der Begriff „Migration“ lässt sich deutschen Talkshow ohne den Begriff „Integration“ gar nicht thematisieren

Integration, hob Max Czollek in seinem Impulsreferat an, sei ein zentraler Begriff, gekoppelt an das Thema Migration. Migration ließe sich ohne Integration in deutschen Talkshows eigentlich gar nicht thematisieren. Damit einher gehe die Zuschreibung einer bestimmten Rolle, die von der migrantischen Seite bestimmte (positive) Informationen (Antworten) erwarte in Sachen Demokratiefähigkeit, zum Thema Frauenverachtung, sowie zum Thema Terror und Islam.

Czollek sei zu diesem Nachdenken darüber eigentlich über ein sehr jüdisches Nachdenken über die Rollen und Funktionen, die die jüdische Position in Deutschland nach 1945 spielte, gekommen. Es gebe ein Modell des Soziologen Michal Bodemann namens „Gedächtnistheater“. Er beschreibe darin die (symbolischen) „Jüdinnen“ und „Juden“, welche eine ideologische Arbeit leisten – eine bestimmte Funktion dabei erfüllen –, dass sich eine Position nach 1945 wieder positiv entwerfen kann.

Die plötzliche Bezugnahme auf Schwarz-Rot-Gold als „positiver deutschen Nationalismus“

Diesbezüglich kam Czollek über einige Stationen der bundesdeutschen Geschichte im Jahre 2006 an. Wo es bei der Fußballweltmeisterschaft plötzlich eine exzessiven Bezugnahme auf Schwarz-Rot-Gold als „positiver deutschen Nationalismus“ bis weit hinein in einen linksliberalen Mainstream gegeben habe. Man habe 2006 behauptet bis dato sei das eigentlichen Begehren, das Stolz-sein auf Deutschland unterdrückt – gar verboten – gewesen. Dabei gab es solche Verbote überhaupt nicht. Czollek selbst habe das nie unterdrückt (es habe ihm auch nicht gefehlt) und sich gefragt: Woher kommt das eigentlich? Was macht das möglich?

Quasi spätestens ab den 1980er Jahren mit der „zunehmenden Fokussierung auf Erinnerung an den Holocaust“ – es sei ein „Erinnerungstheater“ inszeniert worden – bei dem die JüdInnen eine ganz bestimmte Rolle gehabt hätten: Die der Überlebenden, die über Antisemitismus, Schoa und Israel reden. Czollek kam wieder auf Bodemanns „Gedächtnistheater“ zu sprechen Auf dem Skript stünde: Die guten Deutschen oder die „Wiedergutwerdung“ der Deutschen. Man inszeniert sich sozusagen als „Erinnerungsweltmeister“, um so etwas wie einen positiven Bezug auf Deutschland wieder möglich zu machen.

Weshalb JüdInnen nie gefragt werden, ob sie gut integriert seien

Dabei bestehe die überwiegende Zahl der JüdInnen gar nicht mehr aus Überlebenden des Holocaust. Sondern zu 90 Prozent aus JüdInnen, welche aus der Sowjetunion einwanderten. Das entspreche gar nicht mehr der realen Vielfalt, welche JüdInnen eigentlich hätten. Damit überschneide sich jüdische Perspektive mit der Perspektive einer Postmigrationsgesellschaft. Da finde Czollek eine Situation vor in der nur bestimmte Menschen mit einem Migrationshintergrund über Integration sprechen. Er habe nie erlebt, das JüdInnen gefragt werden, ob sie gute integriert seien. Was damit zu tun habe, dass diesen hinzugekommenen JüdInnen die symbolische Rolle zugewiesen wurde, die alten jüdischen Gemeinschaften zu ersetzen.

Dr. Max Czollek: „Ich glaube, dass das Integrationsmodell als Paradigma an sein Ende gelangt. Die deutsche Gesellschaft ist heute schon eine radikal vielfältige Gesellschaft“

Der Integrationsbegriff suggeriere, dass es ein gesellschaftliches Zentrum gibt, in das etwas hineinbewegt werde und, dass es eine Hegemonie gibt, die entscheidet, wer gut oder wer nicht integriert sei. Und der Integrationsbegriff sei begleitet von einer Phantasie von Harmonie.

Integration tendiere im politischen deutschen Denken schon zu Assimilation, so Czollek und behauptete: Dieses Konzept entspricht nicht mehr der politischen, gesellschaftlichen Realität in Deutschland: „Ich glaube, dass das Integrationsmodell als Paradigma eigentlich an sein Ende gelangt. Die deutsche Gesellschaft ist heute schon eine radikal vielfältige Gesellschaft.“ Ein Viertel der Gesellschaft habe, dass, was im Beamtendeutsch als Migrationshintergrund nenne. Spräche man ihnen Integration ab, würde man sie unter einen systematischen Verdacht stellen. „Weil sie erst mal beweisen müssten, dass sie demokratisch sind.“

Die Zustimmung zum Grundgesetz setzt Czollek allerdings schon als selbstverständlich für alle hier lebenden BürgerInnen voraus.

Dr. Max Czollek zu diesem systematischen Verdacht: „Das kann sich eine Gesellschaft die auf eine Weise unter Druck steht von Rechts, wie noch nie seit 1945, nicht erlauben.“

Den deutschen Nazis sage man unverständlicherweise nie, sie gehörten nicht zu Deutschland.

Wie ist eigentlich unser eigenes Denken beschaffen, dass so etwas wie die AfD innerhalb von wenigen Jahren möglich wurde?

Czollek wirft die Frage auf, wie eigentlich unser eigenes Denken beschaffen sei, dass so etwas wie die AfD innerhalb von wenigen Jahren möglich geworden sei. Czollek sieht in der AfD „eine Wiedergängerin des völkischen Denkens“

Er vermute, dass etwas in unserem eigenen Denken so eingerichtet war, dass man affin zu diesen Konzepten geblieben ist – eine Tendenz hatte, die reaktivierbar gewesen sei.

Dass das deutsche Selbstbild, dass man die Vergangenheit hervorragend bewältigt habe und jetzt wieder stolz auf Deutschland sein könne, nicht angemessen sei, um zu verstehen, was jetzt gerade passiere. Die angenommene Läuterung Deutschlands betrachtet Czollek als Irrtum. „Man hat es sich zu leicht vorgestellt.“ Czollek zitierte den Journalisten Heribert Prantl: Deutschland sei wie ein trockener Alkoholiker. Czollek: „Seit der WM 2006 hängen wir wieder an einer Flasche Korn am Tag.“ Ein Herr aus dem Publikum fragte später: „Hat das nicht auch mit der Frage zu tun: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen?“ Er beklagte im Allgemeinen „eine sprachliche Enthemmung.“

Die Gesellschaft muss eine andere werden, damit radikale Vielfalt möglich werde, findet Max Czollek

Desintegration bezeichne einen Versuch der radikalen Vielfalt, welche die deutsche Gesellschaft heute schon ausmacht, gerecht zu werden. Es versuche Gesellschaft nicht zu denken als ein Ort mit einem Zentrum, sondern als einen Ort mit vielen Zentren und ein Ort, der auf vielfältigen Ebenen Identifikation ermöglicht.

Desintegration probiere eine Gesellschaft zu denken, als einen Ort der radikalen Vielfalt. Radikale Vielfalt sei da ein „Kippbegriff“. Ein Begriff, der eine „konkret utopische Qualität“ habe, der einen Umbau der Gesellschaft und ihre Institutionen anpeilt. Heiße: Die Gesellschaft müsse eine andere werden, damit radikale Vielfalt möglich werde. „Das Versprechen der pluralen Demokratie muss vorangetrieben werden. Und zwar gerade jetzt. Das Viertel der Gesellschaft (Menschen mit Migrationshintergrund), dass über das Integrationsdenken systematisch ausgeschlossen wird, muss anders animiert und aktiviert werden. “ Andernfalls werde die Gesellschaft keine plurale Demokratie mehr sein.

Desintegriert euch!“ ist ein Schlachtruf der neuen jüdischen Szene und zugleich eine Attacke gegen die Vision einer alleinseligmachenden Leitkultur

Max Czollek ist dreißig, jüdisch und wütend. Und begegnet Vielem mit Ironie. Was auch an diesem Talk im DKH auffiel. Denn hierzulande herrschen seltsame Regeln, findet Czollek: Ein guter Migrant ist, wer aufgeklärt über Frauenunterdrückung, Islamismus und Demokratiefähigkeit spricht. Ein guter Jude, wer stets zu Antisemitismus, Holocaust und Israel Auskunft gibt. Dieses Integrationstheater stabilisiert das Bild einer geläuterten Gesellschaft – während eine völkische Partei Erfolge feiert. Max Czolleks Streitschrift entwirft eine Strategie, das Theater zu beenden: Desintegration. „Desintegriert euch!“ ist ein Schlachtruf der neuen jüdischen Szene und zugleich eine Attacke gegen die Vision einer alleinseligmachenden Leitkultur. Wobei ja allein schon der Begriff andeute, dass es daneben halt noch andere Kulturen gibt.

Czollek bringt eine jüdische Perspektive in den Integrationsdiskurs ein, den er auch als „Integrationstheater“ bezeichnet.

Dass Czollek einer „schlauesten Dreißigjährigen ist“ mochten die Zuschauer an diesem Freitag im Freien hinterm Dietrich-Keuning-Haus Aladin El-Mafalaani (der dies eingangs geäußert hatte) sicher im Großen und Ganzen abgekauft haben. Sie werden Dr. Max Czollek darüber hinaus aus eigenem Erleben gewiss ebenfalls als einen sehr klugen und in der Sache glasklar und deutlich argumentierenden Mann erlebt haben. Ein Gelehrter auch, der mit Ironie gehörig zu spielen weiß. Aber es steht zu vermuten, dass die Talk-Besucher am Ende des Abends mit vollgepackten, heißen Köpfen nach Haus gegangen sind. Das von Max Czollek Vorgetragene dürfte Wort für Wort gut verstanden worden sein. Der tiefere Sinn dürfen sich dem Publikum aber vielleicht erst erschließen, wenn es das Ganze ein wenig sacken lässt. Vielleicht kann man sich erst dann auch zur Akzeptanz dieser Polemik „Desintegriert Euch!“ erschließen. Weil man unter Umständen spüren könnte: anders geht es gar nicht.

Die nächsten Gäste beim „Talk im DKH“

Der nächste Gast beim „Talk im DKH“ ist Armin Nasehi. Er kommt am 30. August nach Dortmund. Ihm folgt im September während des Roma-Kultur-Festivals „Djelem Djelem“ Simonida Selimović, eine serbische Roma-Aktivistin. Für den November hat der deutsch-türkische Welt-Journalist Deniz Yücel zugesagt.

Link:

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-erinnern-heisst-vergessen-11321183.html

Dortmund: Stolpersteine für Emmi und Gustav Eisenstein in Hombruch verlegt

Nachfahren von Emmi und Hans Eisenstein waren aus Israel, dem Kölner Umland und aus Bayern angereist. Fotos: C. Stille

Am Montag dieser Woche sind in Dortmund neue Stolpersteine verlegt worden. Unweit der früher verlegten Stolpersteine für die Rosenbaums. Diesmal für das Ehepaar Emmi und Gustav Eisenstein im Stadtteil Hombruch von dem Grundstück Harkortstraße 73. Dort hatte das Ehepaar ein Sportartikelgeschäft betrieben. Zur Stolpersteinverlegung reisten rund 15 Enkel, Urenkel und Ururenkel aus Israel, Bayern und dem Kölner Raum an. Emmy und Gustav Eisenstein haben 46 heute lebende, direkte Nachfahren. Die Stolpersteinverlegung war eindrucksvoll und tief bewegend. Bezirksbürgermeister Hans Semmler richtete das Wort an die Anwesenden. Kantor Arie Mozes sprach nach Einbringung der Stolpersteine ein jüdisches Gedenkgebet. Blumen und israelische Fähnchen wurden neben den Stolpersteinen abgelegt.

Emma und Gustav Eisenstein wurden am 27. Januar 1942 nach Riga deportiert und am 8. Mai 1945 für tot erklärt

Nachdem Gustav Eisenstein bereits im Anschluss an die Reichspogromnacht im November 1938 in der Steinwache in Gestapohaft gewesen war, wurden das Ehepaar schließlich am 27. Januar 1942 aus Dortmund nach Riga deportiert. Sie gelten seitdem als verschollen und wurden mit Wirkung vom 8. Mai 1945 für tot erklärt.

Zur Stolpersteinverlegung waren viele Familienangehörige nach Dortmund gereist. Bezirksbürgermeister Hans Semmler: Die Eisenbergs werden in Hombruch immer ein Gedenken finden

Der Bezirksbürgermeister von Hombruch Hans Semmler.

In seiner Ansprache an die aus Israel, aus dem Kölner Raum und aus Bayern nach Dortmund angereisten Angehörigen informierte Bezirksbürgermeister Hans Semmler über die Aufarbeitung der Nazizeit und das alljährliche Gedenken die Opfer des Nationalsozialismus an Sparkassenfiliale am 27. Januar im Stadtbezirk Hombruch. Semmler sprach von einem traurigen Anlass, aus welchem die Stolpersteinverlegung erfolgt. Aber es sei auch ein gutes Zeichen, dass die Familienangehörigen nun hier an ihre Vorfahren denken könnten. Semmler erwähnte das Buch „Hombruch unterm Hakenkreuz“, welches bereits vor dreißig Jahren erschienen sei. Darin sei auch der Name Eisenstein enthalten, der in Hombruch immer ein Gedenken finde. Exemplare dieses Buches wurden am Abend in einer Veranstaltung in der Gedenkstätte Steinwache an die Familienangehörigen überreicht.

Ruth Eisenstein hielt eine für sie emotional schwierige Rede

Ruth Eisenstein.

Der Stolpersteinverlegung wohnte auch Ernst Söder vom Internationalen Rombergparkkomitee bei.

Eine 1956 in Israel geboren Enkelin von Emmi und Gustav Eisenstein hielt eine emotional für sie verständlicherweise schwierige Ansprache. Zugegen war auch der Leiter der Gedenkstätte Steinwache Dr. Stefan Mühlhofer. Durch eine Begegnung Mühlhofers vor drei Jahren mit der Enkelin des Ehepaars Eisenstein und deren beiden Söhnen, die den Wunsch nach Stolpersteinen für seine Ururgroßeltern geäußert hatten, kam das Vorhaben ins Rollen.

Die Enkelin der Eisensteins, Ruth Eisenstein, die ihre Großeltern nie kennengelernt hat sprach über die nun ins Werk gesetzte Stolpersteinverlegung von einem „rührenden Augenblick“ und dankte Dr. Mühlhofer und Markus Günnewig sowie allen anderen, die daran beteiligt waren für ihr Engagement, dass sie nun zustande kam.

Ruth Eisenstein richtete liebevolle Worte an ihre Großeltern: „Liebe Großmutter Emmi, lieber Großvater Gustav …“

Da die Enkelin nie mit ihren Großeltern sprechen konnte, holte sie dies nun nach: „Liebe Großmutter Emmi, lieber Großvater Gustav, ich Ruth

Ruth Eisenstein mit ihren Söhnen.

Eisenstein stehe hier in Dortmund neben dem Haus wo ihr gewohnt habt. Um mich herum stehen noch sehr viele Familienangehörige …“

Und sie fuhr fort: „Ich bin die zweite Ruth, die Tochter von Gunther Alexander Gavriel. Ihr habt ihn nach Palästina geschickt. Dort hat er eine schöne Familie gegründet.“

Ruth Eisenstein: „Wir sind alle heute hier hingekommen, um euch zu sagen, die Familie hat euch nicht vergessen. Und auch die Stadt Dortmund hat euch nicht vergessen“

Ruth Eisenstein berichtete ihren Großeltern von dieser Familie und weiteren Familienangehörigen.

Ihre Großeltern seien in jeder Hinsicht Deutsche gewesen, sagte sie: „Deutschland war eure Heimat.“

Sie hätten gewusst, dass sie Juden sind, aber nicht viel über das Judentum gewusst. Von ihrem Vater habe sie erfahren, dass die Großeltern die koscheren Gesetze nicht eingehalten haben. Obgleich sie Zionisten gewesen seien, wäre ein Wegzug für die Eisensteins aus Deutschland nie in Frage gekommen. Fotos kenne sie, die den Opa als stolzen deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg zeigen. Stets sei er bereit gewesen, seine deutsche Heimat zu verteidigen. Doch diese Heimat habe ihn verraten und den Großeltern alles genommen was sie geliebt hatten. „Diese Heimat hat euch gequält und euch am Ende brutal vertrieben und ermordet. Wie stark euch dieser Verrat getroffen hat, konnte ich an meinem eigenen Vater, euren Sohn Gavriel, emotional spüren und nacherleben.“

Wieder an Oma und Opa gerichtet, versicherte Ruth Eisenstein ihnen: „Wir sind alle heute hier hingekommen, um euch zu sagen, die Familie hat euch nicht vergessen. Und auch die Stadt Dortmund hat euch nicht vergessen. Ihr habt in dieser Welt lebendige Spuren hinterlassen. Zwei Kinder, die überlebt haben, sieben Enkelkinder, sechzehn Urenkelkinder und zweiundzwanzig Ururenkelkinder.“

Urenkelin Erga: Der Tag bringe zwar „eine Menge Trauer mit sich, aber gleichzeitig eine Menge Glück, da wir hier in Dortmund stehen, um unsere Familie in Gedenksteinen und in unserem Herzen gedenken“

Urenkelin Erga.

Neben Ruth Eisenstein sprach vor dem Haus Harkortstraße 73 nach ihr auch die Urenkelin Erga von Emmi und Gustav Eisenstein. Sie empfand es als eine Ehre und als Privileg an diesem Tag dabei zu sein. Das bringe zwar „eine Menge Trauer mit sich, aber gleichzeitig eine Menge Glück, da wir hier in Dortmund stehen, um unsere Familie in Gedenksteinen und in unserem Herzen gedenken“.

Abendveranstaltung in der Steinwache der mit Vorführung eines einzigartigen Filmdokuments aus dem Jahre 1938

Die Liebe zu seiner alten Heimat, zur deutschen Kultur und Literatur habe man ihm nie ganz wegnehmen können, das sagte Ruth Eisenstein auch am Abend in einem sehr persönlichen, enorm berührenden Vortrag vor einer Filmvorführung in der Steinwache.

Neben der spannenden Schilderung Ruth Eisenstein erzählte auch Jan F. Turner am Abend des 8. Juli um 19 Uhr in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache seine Familiengeschichte.

Ein Visum zu bekommen, um aus Deutschland herauszukommen war eine Lotterie fürs Leben

Ruth Eisenstein steuerte noch eine kleine Anekdote bei: Damit ihr Vater zu einem Visum nach Palästina kam, um aus Deutschland herauszukommen, sei damals mehr als eine Lotterie – eine Lotterie fürs Leben gewesen. Die jüdische Gemeinde wählte zehn junge Burschen aus. Dazu schließlich zehn Mädels, denn dann die wären diese als Ehepartnerinnen mit auf das Visum und ebenfalls heraus aus Deutschland gekommen. Der Rabbiner, so erzählte es ihr später ihr Vater, habe es so erklärt: Manche heiraten wegen Liebe, manche wegen Finanzinteressen – in eurem Fall um das Leben zu retten. Ruth Eisenbergs Vater, damals 19 Jahre alt, kam damals so zu einer 31-Jähriger Ehefrau. Später habe er sich dann wieder von ihr getrennt und einem Kibbuz eine andere Frau, Ruths spätere Mutter, kennengelernt und geheiratet. Die Eltern, hob Ruth Eisenstein hervor, hätten sie zu Menschenliebe und niemals zu Hass erzogen.

Informationen über das jüdische Leben in Dortmund und die fürchterliche Deportation von Dortmunder Juden nach Riga

Der Historiker Dr. Rolf Fischer führte zu Beginn der Abendveranstaltung kurz in die Geschichte des jüdischen Lebens in Dortmund sowie in den lokalen Verfolgungskontext bis hin zur fürchterlichen Deportation – bei eiskaltem Wetter und schlimmen hygienischen Zuständen – der Dortmunder Juden 1942 (4500 lebten damals in Dortmund) per Eisenbahn ins lettische Riga ein.

Bemerkenswertes Filmmaterial von 1938

Wie ein Wunder erscheint es daher, was die Nachfahren von Emmy und Gustav Eisenstein erleben durften. Durch eine glückliche Fügung sind Filmsequenzen aus dem Jahr 1938 – sie dürften einzigartige Zeitzeugendokumente dieser Art aus dieser Zeit sein – erhalten geblieben, die über einen der letzten Kindertransporte nach Großbritannien und in den 1950er Jahren in die USA gelangten. Jan Turner präsentierte dann das bemerkenswerte Filmmaterial von 1938, welches er selbst geschnitten und gekürzt hat. Es enthält viele Aufnahmen aus der Stadt, der Hohensyburg und aus dem Rombergpark.

Sie zeigen vor allem Privates, aber auch die letzten bewegten Bilder der 1938 abgerissenen Dortmunder Synagoge. Sie sind ein bedeutendes historisches Dokument mit einer tragischen Wendung: Fast alle Personen, die im Film zu sehen sind, wurden von Dortmund aus deportiert und ermordet.

Ein nicht nur für die angereisten Familienangehörigen, sondern auch die Gäste beider Veranstaltungen außerordentlich tief beeindruckender Tag war das, an welchen manche Träne floss, aber auch – wie etwa bei den Filmaufnahmen der Familie – auch schon mal gelacht werden konnte.

Familienangehörige und Gäste in der Gedenkstätte Steinwache.

Die Große Synagoge in Dortmund. 1938 wurde sie abgerissen.

Kantor Arie Mozes spricht ein Gedenkgebet.

1. Klima-Dialog Dortmund hatte einen gar nicht mal so üblen Start, der zuversichtlich stimmte

Vergangenen Samstag hatte in der Dortmunder Pauluskirche der 1. Klimadialog Premiere. Er stand unter dem Motto „Zukunft ist für alle“. Damit wurde in Dortmund die Dekade des Klimawandels sozusagen eingeläutet. Die InitiatorInnen finden: Die Menschheit steht vor den zehn entscheidendsten Jahren unserer Geschichte. Vornehmlich den SchülerInnen und Studierenden der „Fridays for Future“- Bewegung in der Dortmunder Innenstadt sei es zu verdanken, ließen die OrganisatorInnen im Vorfeld der Veranstaltung verlauten – die uns Freitag für Freitag darauf hinweisen, dass es längst 5 vor 12 ist -, hätten den entscheidenden Anstoß für den 1. Klimadialog gegeben.

Die Friday-for-Future-Bewegung lieferte den Rückenwind, den 1. Klima-Dialog aufs Gleis zu setzen

Foto: Hans Lantzsch

Diesen Rückenwind nutzte jetzt ein „Klimabündnis Dortmund“, zu welchen sich 23 Organisationen – und es werden ständig mehr – und Initiativen aus den Bereichen Energie, Mobilität und Naturschutz mit der Fridays-for-Future-Bewegung zusammengeschlossen haben. Thomas Quittek auf einer Pressekonferenz im Vorfeld der Veranstaltung, Sprecher des BUND Dortmund dazu: „Ein Bündnis so vieler Verbände und Initiativen mit insgesamt 8000 Mitgliedern – davon seien zwar nicht alle aktiv, jedoch alle stünden hinter den Zielen – ist in dieser Form einmalig für Dortmund. Quittek machte deutlich, dass dem Klimabündnis Dortmund alle beitreten könnten. Niemand müsse verbandsseitig gebunden sein.

Folgerichtig standen die Jugendlichen von „Fridays for Future“ (FFF) auch im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung in der Pauluskirche.

Pfarrer Friedrich Laker erklärte eingangs, dass man sich als Klima-Bündnis nun in den nächsten zehn Jahren Monat für Monat treffen werde, um eine Art „Klima-Parlament“ zu bilden.

Luna: „Ich sage, dass wir uns in einer Notlage befinden“

Luna für FFF kritisierte die kürzliche Entscheidung des Dortmunder Rates, den Klimanotstand nicht auszurufen (nebenbei bemerkt: kürzlich hat neben Münster, Dortmund und Düsseldorf inzwischen auch Köln den Klimanotstand ausgerufen; CS.). Unter anderen der SPD-Fraktionsvorsitzender im

FFF-Aktivistin Luna. Foto: Hans Lantzsch

Dortmunder Rat hätte bestritten, dass wir uns nicht in einer Notlage befänden. Luna dagegen haltend: „Ich sage, dass wir uns in einer Notlage befinden.“

Das Mädchen prangerte an, dass sich Dortmund mit FFF schmücke und sogar einen Sommerkongress (vom 31. Juli bis zum 4. August) organisiere: „Dennoch nimmt uns die Stadt nicht ernst. Und unsere Forderungen erst recht nicht.“

Luna versicherte, sie werde keine Protestpause einlegen. Denn die Klima-Krise mache ja auch keine Pause.

Interessante – zuweilen auch kontroverse – Diskussionen nach der Fishbowl-Methode mit bedenkenswerten Vorschlägen

Jeweils drei Stühle links und drei Stühle rechts luden dann zu Wortmeldungen und zu Diskussionsbeiträgen nach der sogenannten Fishbowl-Methode ein. Fishbowl ist laut Wikipedia eine Methode der Diskussionsführung in großen Gruppen. Die Methode hat ihren Namen nach der Sitzordnung: sie soll in etwa einem Goldfischglas gleichen, um das die Teilnehmer im Kreis herumsitzen.

Die Stühle wurden nach und nach besetzt. Anwesende BürgerInnen und Bürger nutzten die Möglichkeit sich zu Wort melden.

FFF-Aktivist mit Titanic-Beispiel: Müssen den Kurs ändern

Darunter u.a. ein Künstler, Aktivisten von Attac und dem Bündnis DEW-kommunal. Auch ein leitender Mitarbeiter von DEW21 (Dortmund Energie und Wasser – kommunale Tochtergesellschaft der Stadt Dortmund) betrat das Podium. Er meldete sich recht oft zu Wort. Weswegen im Verlauf der Veranstaltung im Publikum leichter Unmut Luft machte (Stichwort: Bitte keinen Werbeblock!). Freilich konnte aber niemand wissen, ob dieser Herr von seinem Betrieb zum Klima-Dialog geschickt wurde, um in gutes Licht zu setzen, oder sein Dasein rein eigenem Interesse geschuldet war.

Es wurden seitens der BürgerInnen durchaus einige bedenkenswerte gute Vorschläge gemacht. Und durchaus auch kontrovers diskutiert. Ein Bürger empfand es als Manko und war enttäuscht, dass kein offizieller Vertreter der Stadt Dortmund zu diesem 1. Klima-Dialog gekommen war. Er gestand, von der Politik in Sachen Verkehrs- und Klimapolitik tief enttäuscht zu sein. Er stelle sich die Frage, wie die Verantwortlichen das Vertrauen von BürgerInnen wieder zurück zu gewinnen gedächten.

Pfarrer Friedrich Laker spricht zu den Gästen. Foto: C. Stille

Ein junger Vertreter von FFF urteilte, dass die Politik wüsste, dass wir in der Krise sind, dies jedoch verdrängten.Seit sechs Monaten währten nun die Klimastreiks und so gut wie gar nichts sei passiert. Er griff auf das Beispiel der Titanic zurück: „Die haben den Eisberg gesehen und dann noch dreißig Sekunden gewartet, bis sie abgedreht sind.“ Ein sofortiges Reagieren hätte die Katastrophe vielleicht noch abwenden können. Er glaube, symbolisch befänden wir uns auch in dieser Dreißig-Sekunden-Phase: „Wir müssen jetzt den Kurs ändern, damit was passiert – auch in Dortmund.“

Andere Diskutanten erklärten, dass doch alle Menschen für sich selbst etwas gegen den Klimawandel tun könnten – wenn das auch nicht immer ganz einfach sei und manches Mal auch am inneren Schweinehund scheitere.

FFF-Aktivistin Merle Bösing (1. v.l.)  Foto: Hans Lantzsch

Merle Bösing von FFF macht dies auch, sagte sie. Doch, wenn dies nicht alle täten sei das doch frustrierend. Ihr fehlt es an politischen Rahmenbedingungen, die ein klimafreundliches Verhalten fördern. Wie könne es denn sein, dass es billiger sei mit dem Auto zu fahren als mit der Eisenbahn? „Wieso ist auf einmal ein Flug günstiger als wenn ich mit dem Auto fahre? Wieso sind klimafreundliche Aktionen teurer als klimaschädliche?

Auch, merkte Merle Bösing an, dürfe klimafreundliches Verhalten aber auch nicht an der Sozialen Frage hängenbleiben.

Ein Herr kritisierte die Subvention des Dortmunder Flughafens jedes Flugzeugs mit zehn Euro pro Person: „Aber für die Armen in der Region habt ihr nicht mal ein Sozialticket, das angemessen ist?!“ Er forderte dazu auf, die Verantwortlichen in der Dortmunder Politik und auch in der Wirtschaft in der Klimafrage zu stellen und sich mit ihnen anzulegen. Die Eltern rief er dazu, ihre Kinder in ihrem Protest zu unterstützen und nicht alleine zu lassen.

Till Strucksberg von Attac betrachtete die von Dortmund auch so hochgelobte E-Mobilität kritisch. Und fragte, wer denn eigentlich den Strom für das Laden der E-Autos liefere. Steinkohlekraftwerke, die auch Dortmund belieferten erzeugten inzwischen elektrische Energie auch mittels schmutziger Kohle, die unter äußerst kritisch zu nennenden Bedingungen abgebaut werde (dazu hier mehr). Desgleichen gelte für den Abbau etwa von seltenen Erden, die für die Herstellung der Batterien notwendig seien.

Erster Aufschlag des Dortmunder Klima-Dialogs hatte gar nicht so üblen Start

Als erster Aufschlag, wie es eine Dame auf dem Podium bezeichnete, hatte dieser 1. Klima-Dialog ein zuversichtlich machenden gar nicht mal so üblen und Hoffnung auf Weiteres machenden Start. Das Klimabündnis Dortmund hat einen zehnjährigen Weg vor der Brust.

Erstmals wurde auf dem 1. Klimadialog das Musivideo „The Gardener“ (sh. auch Artikelanfang) von Nic Koray gezeigt.

Foto: Hans Lantzsch

Foto: Hans Lantzsch

Mit dabei auch Lorenz Redicker vom Verkehrs Club Deutschland. Foto: C. Stille

Diskutierte auch mit: Till Strucksberg von Attac (Bildmitte). Foto. C. Stille

LickLike-Festival 2019 Dortmund gelang es Kultur, Bildende Kunst und Leben mit Liedern für Herz und Seele in Einklang zu bringen

Moderator und Organisator des LickLike-Festivals Ulf Schrader begrüßt die Gäste in der Pauluskirche. Foto: Hans Lantzsch

Am 7. Juli fand im Rahmen der Internationalen Woche Dortmund in und um die Pauluskirche ein Musikfestival mit Kultur- und Kunstmarkt stattfinden. Mit dem LickLike-Sommerfestival trat erstmals der kürzlich gegründete Verein KULTUR UND LEBEN e.V. öffentlich in Erscheinung.

Das LickLike-Festival fand bereits im vergangenen Jahr statt. LICKLIKE ist eine eigene Wortkreation die sich zusammensetzt aus dem
Wort Lick = ein sich wiederholendes Thema in der Musik und Like = Mögen.

Beim diesjährigen LickLick-Festival gelang es prächtig Kultur und Leben zusammenbringen

Das Festival präsentierte eine Mischung aus unterschiedlichen Kulturwelten. Es traten mehrere SängerInnen/Songwriter in Verbindung mit Bildender Kunst, Bildung, Nachhaltigkeit und Umweltschutz auf. Ganz Sinne des oben genannten Vereins war es prächtig gelungen, Kultur und Leben in interessante Zusammenhänge zu bringen. Das spiegelte auch ein Kulturmarkt wider. Tolle KünstlerInnen mit sehr unterschiedlichen. ausgefallenen Projekten hatten sich im Kirchhof eingefunden. Grafiken und Malerei waren ausgestellt und konnten käuflich erworben werden. Persönliche Begegnungen untereinander waren erwünscht und wurden auch genutzt, um in einen Dialog einzutreten.

Das Programm fand abwechselnd in der Pauluskirche und wenn dort umgebaut wurde übergangslos weiter im Kirchgarten statt.

Künstlerin Anna Hauke begegnete mit ihr Kunst Tabuisierungen

Anna Hauke hat sich interdisziplinärer Kunst – zwischen Performance, Aktionskunst und Zeichnungen – verschrieben. Die Künstlerin stellte sich auf dem Festival mit Plastiken in Form von Seifen vor. Eine pfiffige Idee: Sie sind als Abdrücke weiblicher Geschlechtsteile, Vulven, von verschiedenen Frauen entstanden. Anna Hauke hat sie silikoniert, eine Form gefertigt und daraus handgesiedete Seifen gemacht. Als Seife wären die Objekte benutzbar. Der Künstlerin ging es bei diesem Projekt darum Tabuisierung und Schamgefühlen etwas entgegenzusetzen. Der Hintergrund: Anna

Anna Hauke (links) bereitet die Kärtchen für die Vulva-Seifen vor. Foto: C. Stille

Hauke ist im streng katholischen Polen aufgewachsen, wo alles was mit Geschlecht und Körper in Zusammenhang steht tabuisiert ist. Hauke fand das eine tolle Möglichkeit sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen: „Noch dazu sieht es gut aus.“ Und sie duften wunderbar. Es gibt die Plastiken mit Kräuterduft und der Geruchsrichtungen Rose/Geranie, Lavendel, Jasmin und Patschuli.

Stephan Schwabs Fotografie und die Spaßagentur „Bureau Hütchen“ war im Kirchgarten stellte im Kirchgarten aus

Mit dabei am 7. Juli war auch Stephan Schwab (Fotografie – Stilleben) mit einer Serie von Kunstwerken, die er sowie zusammen mit dem Illustrator Boris Bromberg unter der Marke „Bureau Hütchen“ (Spaßagentur) unters Volk bringt.

Nic Koray sorgt trotz einer schweren Verletzung mit ihrer Band für musikalische Höhepunkte. Im Kirchgarten brachte ihr Stand Menschen Achtsamkeit mit der Natur nahe

NIc Koray mit ihrem Handicap Sie kann schon wieder lachen. Foto: Hans Lantzsch

Auch Nic Koray hatte den Veranstaltern des Festivals am Samstag einen gehörigen Schrecken eingejagt. Eine schwere Verletzung an der linken Hand drohte zu einer Absage ihres Auftritts zu führen. Glück im Unglück: Nach dem Ende des Heilprozesses wird die Hand wohl wieder voll funktionstüchtig sein. Schließlich einigte man sich, nachdem klar war, dass sie körperlich auf dem Damm war, darauf, dass sie nicht mit ihrem Duo sondern nur zusammen mit ihrer Band, jedoch ohne ihre Gitarre, die sie ja unfallbedingt nicht spielen konnte, auftritt. Das machte einige kurzfristige Änderungen von Arrangements unter den Musikern nötig. Und auch Nic Koray musste sich gehörig umstellen. Aber es wurde letztlich ein großartiger und erfolgreicher Auftritt. Während des Spielens verständigten sich Musiker professionell und überwanden etwaige Irritationen sozusagen spielend. Und wer die gespielten Stücke nicht kannte, dürfte da nichts aufgefallen sein. Nic Korays einzigartige Stimme tönte wieder sensationell. Der Applaus fiel dementsprechend enthusiastisch aus.

Die Deutsch-Türkin Nic Koray kommt aus Herdecke vom Hof HerzBerg Herdecke, wo sie Tiergestützte Intervention und Umweltpädagogik anbietet.

Musikalische Eröffnung seitens der sympathischen und begabten LILOU (Indie – Pop -Folk)

Die Werke von Viola Welker. Foto: C. Stille

Aus den aufgeführten Gründen konnte Nic Koray verständlicherweise auch nicht die musikalische Eröffnung des LickLike-Festivals bestreiten.

Dies fiel nun LILOU zu, die der Kollegin gute Besserung wünschte und diesen Part glänzend zu erfüllen imstande war. LILOU erzählte berührende Geschichten zur Gitarre mit

Lilou. Foto: Hans Lantzsch

stimmungsvoll tönenden Melodien. Ihr melancholischer Gesang kam angenehm klar, herüber
während ihre Musik insgesamt befreiend wirkte. Schlechte Erinnerungen an Stuttgart – wo sie mal in einer Bande spielte – sang sie sich in einem ihrer begeisternden Songs quasi von der Seele.

Grafiken, Malereien, Illustrationen und Skulpturen von Viola Welker, Yeye Weller, Murat Kayi, Holga Rosen und Musik im Kirchgarten von

Gwendolyn & Ich. Foto: C. Stille

Gwendolyn&Ich

Die Dortmunder bildende Künstlerin Viola Welker zeigte auf dem Festival am vergangenen Sonntag Malereien, Illustrationen und Skulpturen.

Des Weiteren waren mit ihren Künsten vertreten: Yeye Weller, Illustrator neu gestalteter Produkte, Plakate und Kampagnen; Murat Kayi mit seiner ersten Ausstellung, Malerei, Zeichnung und Holga Rosen mit seinen satirischen Cartoons. Für Musik im Kirchgarten sorgte mit Gwendolyn&Ich (Offene Bühne)

Unvergessliche Höhepunkte mit Urbain N’Dakon

Ein weitere unvergesslicher Höhepunkt des Tages war zweifellos Urbain N’ Dakon. Der aus der Elfenbeinküste, vom afrikanischen Kontinent, der bekanntlich die Wiege der   Menschheit ist, stammt.

Urbain N‘ Dakon mit seinem Musikerkollegen Ablam Benjamin Akoutou aus Togo. Foto: Hans Lantzsch

Urbain N’ Dakon bestach mit seinem einfühlsamen Gesang, dabei perfekt mit unterschiedlichen Tonhöhe arbeitend, mit den Klängen seiner Akustikgitarre und seinen zwischendurch erzählten Geschichten über Afrika und sein Heimatland – die Elfenbeinküste.

Fesselnd und aus dem Leben gegriffen, die Geschichte von Ekèndèba, der Spinne mit dem dicken Bauch und der komischen Stimme, die von allem nicht genug bekommen kann. Ein Wesen, das kein Mitleid kennt und nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Eine bekannte Geschichte in Westafrika, wie Urbain N’Dakon erklärte. Sie wollte etwa die Weisheit der Welt sammeln. Und sie auf einen hohen Baum in einem Tonkrug nur für sich aufbewahren. Ekèndèba band sich den Tonkrug vor den Bauch und versuchte den Baum hinaufzusteigen. Doch der Krug war dick und Ekèndèbas Bauch ebenfalls. Es gelang nicht. Eine vorbeikommende Schildkröte schlägt ihm vor, den Krug doch auf den Rücken zu binden. Ekèndèba setzt den Vorschlag um und klettert den Baum hoch. Doch der Krug zieht ihn so sehr nach hinten, dass er abstürzt. Der Krug zerbricht. Die Weisheiten fallen heraus und fliegen in alle Himmelsrichtungen. Auch nach Deutschland, auch nach Dortmund, scherzte Urbain N’Dakon. Die Weisheit der Menschen in Dortmund, so der Sänger, habe er sofort gespürt. Und er gab den ZuhörerInnen einen Tipp: „Wählen Sie nie einen Ekèndèba zum Bürgermeister …“ Charaktere wie Ekèndèba, erinnerte der Künstler mit der sympathischen Austrahlung, scheiterten irgendwann immer. Doch tauchten sie stets auch wieder auf in unseren Gesellschaften.

Urbain N’Dakon, Jahrgang 64, hat in der Elfenbeinküste Germanistik studiert und war dort einige Jahre als Gymnasiallehrer für Deutsch und als Berufsberater tätig. Der Sohn einer Hobbysängerin und eines Sportlehrers hatte die Musik immer als Hobby gepflegt, ehe er 1993 nach Deutschland kam. Im Hauptberuf arbeitet Dr. Urbain N’Dakon, dieser außergewöhnliche, kluge Zeitgenosse, als Referent für Qualitätsentwicklung in der Jugendhilfe beim Caritasverband Fulda. Ein Glücksgriff, dass Urbain `N Dakon, den aus Togo stammendem Musiker Ablam Benjamin Akoutou, getroffen hat, welcher ihn einfühlsam auf unterschiedlichen Trommeln begleitete. Beide Musiker gaben noch einige Zugaben im Kirchgarten.

Eine Runde Sache, dieses LickLike-Festival 2019. Hut ab vor dem rührigen Organisator Ulf Schrader und allen anderen MitstreiterInnen im Hintergrund. Und Nic Koray sei von dieser Stelle aus zugerufen: Gute Besserung!

Kirchenfenster der Pauluskirche. Foto: C. Stille

Im Kirchgarten. Foto: C. Stille

Stephan Schwabe und seine Kunst. Foto: C. Stille

Der Stand von HerzBerg Herdecke. Foto: C. Stille

Dortmund: 1. Klimadialog unter dem Motto „Zukunft für alle“ heute in der Pauluskirche

Foto: C. Stille

Mit dem 1. Klimadialog unter dem Motto „Zukunft ist für alle“ wird in Dortmund die Dekade des Klimawandels eingeläutet. Denn als Menschheit stünden wir vor den zehn entscheidendsten Jahren unserer Geschichte, finden die InitatorInnen. Nicht zuletzt seien es die SchülerInnen und Studierenden der „Fridays for Future“-Bewegung in der Innenstadt, die uns Freitag für Freitag darauf hinweisen, dass es längst 5 vor 12 ist. Diesen Rückenwind nutzt jetzt ein „Klimabündnis Dortmund“, zu welchen sich 23 Organisationen – und es werden ständig mehr – und Initiativen aus den Bereichen Energie, Mobilität und Naturschutz mit der Fridays-for-Future-Bewegung zusammengeschlossen haben. Thomas Quittek, Sprecher des BUND Dortmund dazu: „Ein Bündnis so vieler Verbände und Initiativen mit insgesamt 8000 Mitgliedern – davon seien zwar nicht alle aktiv, jedoch alle stünden hinter den Zielen – ist in dieser Form einmalig für Dortmund. Quittek machte deutlich, dass dem Klimabündnis Dortmund alle beitreten könnten. Niemand müsse verbandsseitig gebunden sein. Der 1. Klimadialog startet am Samstag, den 6. Juli in der Pauluskirche.

Auf einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag informierten neben Thomas Quittek, Pfarrer Friedrich Laker, Eckard Althaus (Bündnis DEW-kommunal)), Lorenz Redicker (VCD) und für Fridays-for-Future Merle Bösing über ihre Arbeit und den Stand der Dinge.

Dortmund habe eine Chance vertan, es man nicht dem Klimanotstand beigetreten sei, beklagte Thomas Quittek vom BUND

Zunächst einmal drückten nicht nur Thomas Quittek sondern mehrere VertreterInnen ihre Enttäuschung über den „Nichtbeschluss“, wie es Quitting nannte, des Rates der Stadt Dortmund am vergangenen Donnerstag in puncto Klimanotstand aus. Quitting selbst hatte ohnhin nichts anderes erwartet. Der Beschluss hätte zunächst gar nicht große Maßnahmen bedeutet, jedoch ein wichtiges Signal an die Bürgerschaft und die Stadtgesellschaft von ausgesendet. Selbst Düsseldorf, Münster und Bonn, gab Quittek zu bedenken, „bei weitem keine grünen Städte“, seien dem Klimanotstand beigetreten. Warum also Dortmund nicht? Wo doch Dortmund immer nach außen großartig töne: Wir sind die grüne Hauptstadt Nummer eins. Qutittek: „Aber nur auf dem Papier!“ Dortmund habe eine Chance vertan. Mindestens vor den Kommunalwahlen gedenke man nochmal so einen Antrag auf Beitritt zu stellen. Ohnehin werde bis zur Kommunalwahl ein Forderungskatalog erstellt.

Thomas Quittek: „Wir haben eine massives Vollzugsproblem“ – Klimadialoge als neues Instrument

Die Stadt Dortmund sei 1993 Mitglied im Klima-Bündnis der europäischen Städte mit den indigenen Völkern geworden, erinnerte Thomas Quittek. Noch seien wir aber noch weit von entfernt von den lokalen Klimazielen. Es bestünde dringender Handlungsbedarf. Viel gutes Papier sei in Dortmund beschrieben worden. Quittek: „Aber wir haben ein massives Vollzugsproblem.“

Zielgruppen vom Dortmunder Klima-Bündnis sind sowohl Politik als auch die Bürgerschaft. Einbringen will sich das Bündnis u.a. in das Handlungsprogramm „Klima Luft 2030“, das der Rat der Stadt am Donnerstag auf den Weg gebracht hat. Als neues Instrument nannte Quittek die „Klimadialoge“, zu denen sich BürgerInnen, Initiativen und gerne auch Politik und Verwaltung einmal monatlich zusammenfinden sollen. Außerdem müsse man auf die Straße gehen und laut werden. Aber eben auch den Leuten zeigen, was sie selbst an Veränderung beitragen können.

Zum ersten Klimadialog mit der Fridays-Bewegung – weil die quasi zu einem Anstoß beigetragen hat – lädt Pfarrer Friedrich Laker für den 6. Juli, 14:00 Uhr in die Pauluskirche ein.

Eckard Althaus (Bündnis DEW-kommunal): DEW21 muss endlich vollständig in kommunae Hand und die RWE-Aktien müsse verkauft werden

Eckard Althaus forderte für das Bündnis DEW-kommunal: „Der Rat muss dafür sorgen, dass DEW21 endlich vollständig in kommunale Hand kommt und die RWE-Aktien verkauft werden. DSW21 besitzen 23,6 Millionen RWE-Aktion.

Die Dominanz des Autoverkehrs muss gebrochen werden

Laut Lorenz Redicker sieht großen Handlungsbedarf im Bereich Mobilität. Es gebe keinerlei Minderung der CO2-Emissionen in Dortmund. Redicker: „Kleinere Maßnahme zur Förderung des Umweltverbundes (Zu-Fuß-Gehen, Radfahren, ÖPNV) reichen nicht aus. Die Dominanz des Autoverkehrs muss gebrochen werden, zum Beispiel durch Erhöhung von Parkgebühren und die Umwidmung von Straßenraum zugunsten von FußgängerInnen und RadfahrerInnen.“ Das Gegenteil sei der Fall, warf Thomas Quittek ein: „Das Auto ist überall sichtbar in der Stadt! Wir sind verärgert. Wir müssen das Auto zurückdrängen!“ Die soziale Frage, so Quittek dürfe nicht aus den Augen verloren werden. Es gehe da eben nicht allein um Umweltschutz, so der Sprecher des BUND in Dortmund. An die Menschen, die an Hauptverkehrsstraßen wohnen, die sich nicht das Eigenheim im Dortmunder Süden leisten könnten, müsse in Sachen Gesundheitsschutz gedacht werden. Die Auswirkungen der Klimaerwärmung würden immer stärker spürbar. Die finanziell Schwachen seien überall besonders betroffen.

Redicker vom Verkehrs Club Deutschland stellt der Stadt Dortmund ein negatives Zeugnis aus: „Die Klima- und Verkehrspolitik ist vollständig mutlos.“

Bereits 2011 habe die Stadt Dortmund Pilot-Stadt für „Fahrradschnellwege“ werden wollen, erinnerte Lorenz Redicker. Als dann der Radschnellweg Ruhr vorgeschlagen wurde, sei der Dortmunder Oberbürgermeister der Erste gewesen, der gebremst habe. Nicht ein einziger Meter Radschnellweg sei bislang entstanden, kritisierte Lorenz Redicker.

Pfarrer Friedrich Laker: Die Klima-Dialoge sollen die BürgerInnen in vielfältiger Weise untereinander ins Gespräch bringen

Pfarrer Friedrich Laker (rechts) wird von Radio 91,2 interviewt. Foto: C. Stille

Friedrich Laker erklärte zu den Klima-Dialogen, für die sich die Pauluskirche bereiterklärt hat in den nächsten zehn Jahren den Tagungsort dafür stellen zu wollen: Die BürgerInnen seien zu einer Art Klima-Parlament der Stadt eingeladen. Um gemeinsam in vielfältiger Weise zu diskutieren und untereinander ins Gespräch zu kommen. Mit der Stadtverwaltung wolle man regelmäßig ins Gespräch kommen und auch zu verhandeln. Ein Stück weit solle auch Direkte Demokratie ausprobiert werden. Man wolle kräftige Impulse geben, versicherte Pfarrer Laker. Was am Ort versprochen werde, solle dokumentiert werden und evaluiert werden. Die Klima-Dialoge sollen auch zur Mobilisierung von Demonstrationen beitragen und eine Bündelung der einzelnen Kräfte und Organisationen bewirken. Nach den Ferien möchte man sich besondere Schwerpunkte setzen. Mit dem Bereich Energie solle begonnen werden. Später werde man die Punkte Verkehr und auch Ernährung in Angriff nehmen und sich mit Biodiversität befassen.

Merle Bösing von Fridays-for-Future Dortmund: Fühlen uns weder frustriert noch ereinnahmt

Merle Bösing stieß dann direkt von der Fridays-for-Future-Demo kommend zum Pressegespräch. Sie berichtete, dass sie bei der Freitags-Demo diesmal sehr laut geworden seien. Nachdem man am Donnerstag schon eine Demonstration bestritten hatte und der Stadtrat trotz des Protestes dem Klimanotstand nicht beigetreten sei. Auf Pressenachfragen bekundete Merle Bösing sie seien trotz der Schwierigkeiten des Kampfes weder frustriert, noch fühle man sich von irgendwem vereinnahmt. Alle, die am gleichen Strang zögen – ob jung oder alt – seien zur Zusammenarbeit herzlich willkommen.

Das Klimabündnis trifft sich an jedem ersten Donnerstag im Monat um 18:00 Uhr in der Pauluskirche (Schützenstraße 35); das nächste Mal am 1.8.2019. Die monatlichen Treffen dienen dem inhaltlichen Austausch und der Vernetzung. Hier werden das weitere Vorgehen, Aktionen und Projekte geplant. Das Bündnis steht weiteren UnterstützerInnen offen.

Die Akteure

  • ADFC Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club, Dortmund
  • AGARD Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilienschutz in Dortmund
  • ARIWA Animal Rights Watch Ruhrgebiet
  • Attac Dortmund
  • BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Dortmund
  • Bündnis DEW-kommunal
  • Do-FOSS Bürger*inneninitiative für Freie Software
  • Fridays for Future Dortmund

  • Parents for Future Dortmund

  • Gemeingüter-Initiative von Pauluskirche und Kultur
  • Greenpeace Dortmund
  • Initiative Dortmund – Kolumbien
  • IPPNW Internationale Ärzte für die Verhütung des Atom-krieges/Ärzte in sozialer Verantwortung, Dortmund
  • iz3w Informationszentrum Dritte Welt, Dortmund
  • Kultur und Leben e.V.
  • NABU Naturschutzbund Deutschland, Dortmund
  • Naturfreunde Kreuzviertel
  • netz NRW – Verbund für Ökologie und soziales Wirtschaften
  • SGF Schutzgemeinschaft Fluglärm DO – Kreis Unna
  • Solidarische Landwirtschaft Dortmund
  • Tante Albert Gemeinschaftsgartenprojekt
  • VCD Verkehrsclub Deutschland, Dortmund/Unna
  • VegaDo vegan leben in Dortmund
  • VeloKitchen Selbsthilfewerkstatt – Vegane Küche
  • VeloCityRuhr

Samstag, 6.7.2019

PAULUSKIRCHE | Schützenstr. 35

Einlass: 13:30 Uhr | Beginn: 14:00 Uhr

Eintritt: FREI

10. Afrika Ruhr Festival in Dortmund bot viele Höhepunkte und war Begegnungsplattform für viele unterschiedliche Menschen

Kolumbianerinnen vor der Friedenssäule in Dortmund auf dem Friedensplatz. Fotos: C. Stille

Zwanzig Jahre gibt es den Verein Africa Positive e.V. Dortmund. Die umtriebige Vereinsvorsitzende Veye Tatah hat dieses Jahr einmal mehr mit vielen ehrenamtlichen HelferInnen das nun bereits 10. Afro Ruhr Festival organisiert. Es ist das im Ruhrgebiet wohl größte interkulturelle Festival. Vom 28. bis 30 Juni standen im Dietrich-Keuning-Haus (DKH) Tanz, viel Life-Musik – bestritten u.a. von Instrumentalisten und Sängern aus Kolumbien und Jamaika, die verschiedene traditionelle Musikstile präsentierten – auf dem Programm. Des Weiteren zogen ein Jugendprogramm, Vorträge mit einer Podiumsdiskussion, Fachforen und ein Afrika-Markt die BesucherInnen an. Menschen unterschiedlichster Herkunft – bei weitem nicht nur mit afrikanischen Wurzeln, sondern auch aus Kolumbien, Chile, Vietnam und vielen anderen Gegenden unserer Welt viele davon zuhause in der Nordstadt – begegneten sich in vielfältiger Form, tauschten sich aus und hatten Spaß zusammen. Bei brütender Hitze boten draußen vor dem Dietrich-Keuning-Haus mehrere Stände kulinarische Speisen und Getränke an. Das Fazit von DKH-Chef Levent Arslan: „Es war

Kinder von einem tamilischen Verein. Hinten Mitte: DKH-Leiter Levent Arslan.

in der Tat in diesem Jahr eine ganz besondere Stimmung. Mittlerweile hat sich das Festival zu einem Ereignis über unsere Stadt- und Ruhrgebietsgrenzen hinaus entwickelt. Das freut uns natürlich sehr.“ Arslan sprach davon, dass zirka mehr als 4000 Gäste das Afro Ruhr Festival 2019 besucht hätten.

Parade der Vielfalt“ vom Friedensplatz mit Höhepunkten unterwegs in die Gefilde der Nordstadt

Die „Parade der Vielfalt“ bringt Lebensfreude in die Dortunder City.

Zu einem Höhepunkt auch des diesjährigen Festivals gestaltete sich die „Parade der Vielfalt“. Sie eröffnete das dreitägige Festival am vergangenen Freitag. DortmunderInnen mit oder ohne Migrationshintergrund, sowie Gäste der Stadt, fanden sich als bunte Truppe, darunter auch Kinder, bekleidet mit phantasievollen und traditionellen Kostümen und Gewändern am Freitagnachmittag auf dem Friedensplatz vor dem Rathaus ein und präsentierten sich zu Trommelklängen auf dessen Treppe mit Blick auf die Friedenssäule. Bürgermeisterin Birgit Jörder war zum Empfang der Parade erschienen. Dann starteten die Menschen zur „Parade der Vielfalt“, angeführt von der Formation Schwarz-Rot Atemgold 09 sowie anderen Musikern, ihren Marsch durch die Stadt. Es ging hinunter in die Stadt über den Westenhellweg zur Kampstraße. Unmittelbar an der Fußgängerzone wurde ein Kreis gebildet. Bei Blasmusik und zu leidenschaftlichen Trommelklängen und zu heißen Rhythmen tanzten kolumbianische Frauen leidenschaftlich und verkörperten, natürliche ungebremste Lebensfreude. Tamilische Kinder in ihren schönen Trachten und dem Schmuck im Gesicht eroberten die Herzen Menschen.

Ein Feuerspucker in der Dortmunder Innenstadt.

Ein Feuerspucker war das absolute absolute Highlight bei diesem Stopp der Parade. Dann ging es weiter über die Kampstraße und die Katharinentreppe hinab. Auf dem Platz davor gab es abermals ein Halt mit Tanz- und Musikdarbietungen, welche die Passanten neugierig machten. Dann zog die „Parade der Vielfalt“ unter wolkenlosem Himmel und bei brütender Hitze – die Menschen im Pulk schon von weitem als knallbunte Tupfer sichtbar – in die Gefilde der Nordstadt ein, um schließlich den Festivalort, das DKH, zu erreichen.

Das dreitägige Programm eröffnete nach Begrüßungsworten von Veye Tatah und Levent Arslan eine Kindergruppe eines tamilischen Vereins

Dort eröffneten Veye Tatah und Levent Arslan – sie hatten ebenfalls an der Parade teilgenommen – gemeinsam feierlich das 10. Afrika Ruhr Festival, das eine einzigartige Begegnungsplattform für möglichst viele unterschiedliche Menschen, sein will. Eine Kindergruppe eines tamilischen Vereins eröffnete das Programm. Musik und Tanzgruppen aus Europa, Afrika, Lateinamerika sowie Asien

Levent Arslan und Veye Tatah eröffnen im Dietrich-Keuning-Haus das Afro Ruhr Festival 2019.

trafen aufeinander und feierten drei Tage gemeinsam. Ein Glanzlicht des ersten Festivaltages dürfte Aicha Kouyate aus Oberguinea gewesen sein, die vor allem in Westafrika eine bekannte Griot-Sängerin ist.

Life-Musik unterschiedlicher Stile, Tänze mit Trommelbegleitung, ein Kinder- und Jugendprogramm – pickepacke voll das Programm am Samstag

Pickepackevoll auch das Programm des zweiten Tages des Afro Ruhr Festivals, der Samstag. Trotz kleiner Verzögerungen im Programmablauf war in der Agora des DKH fast ständig etwas los. Trommelaktionen und Tanz, ein Kinderprogramm und Programm von Jugendlichen mit Poetry Slam, Chorgesang und Tanz auf der offenen Bühne u.a. mit Voice of Tomorrow, Sing 4 you und der Gruppe Dance 4 you – als Aktion der Koordinierungsstelle des Jugendamtes Dortmund, Bereich Kinder- und Jugendförderung aus dem afrikanischen Kulturbereich.

Roughhouse.

Begeistert waren das Publikum vom traditionellen Tanz der Gruppe Mecuda NRW und nicht weniger von Auftritt von Roughhouse, der mit seiner Band und einer

Die Gruppe Mecuda NRW.

harmonisch-fließenden musikalischen Mischung aus Roots-Reggae und Dancehall zu gefallen wusste. Der für den Abend angekündigte Act es Kameruners „Mr. Leo“ musste entfallen: Der Künstler hatte kein Visum für Deutschland bekommen.

Weiter zu erleben waren Tänze aus dem Senegal mit Trommelbegleitung mit Dame Diop und Joe Camara & friends.

Alexandra Wiemer von Radio 91,2 interviewte Veye Tatah zum Thema „10 Jahre Afro Ruhr Festival – Rückblick und Ausblick“. Die Zuschauer erfuhren viel über

Als Miss und Mister Afro Ruhr 2019 gekürt: Geraldine und Khaled.

die nicht immer einfachen Anfänge des Festivals. Alexandra Wiemer überreichte Veye Tatah sozusagen als süßen Dank für das jahrelange Engagement nicht nur für das Afro Ruhr Festival eine Schale selbst gepflückter Kirschen.

Geraldine und Khaled wurden zu Miss und Mister Afro Ruhr 2019 gekürt

Nicht einfach gestaltete sich zunächst die Wahl Miss und Mister Afro Ruhr 2019 – zu viele aussichtsreiche KandidatInnen machten sie zu einer Qual der Wahl. Dann

Gruß- und Dankesworte vom Dortmunder Stadtdirektor und Kulturdezernenten Jörg Stüdemann.

aber eroberten Geraldine und Khaled die Herzen des Publikums. Ihr Preis: jeweils ein 100-Euro-Gutschein für jeweils zwei unterschiedliche Afro-Shops.

Gruß- und Dankesworte von Kulturdezernent Jörg Stüdemann

Stadtdirektor und Kulturdezernent Jörg Stüdemann überbrachte Grüße der Stadt Dortmund und beglückwünschte alle am Gelingen des nunmehr schon 10. Afro Ruhr Festivals zu ihrer wertvollen Arbeit und sprach ihnen seinen Dank aus.

Catalina Valencia und Baterimba Band vermittelten lateinamerikanisches Feeling

Auf eine rhythmische Reise zwischen Jazz, Funk, und lateinamerikanische Musik nahmen Catalina Valencia und Baterimba Band aus ihrem Projekt „Marices“ das Publikum mit. Ihre Songs erzählten vom Alltäglichen, der Liebe, bunten Charakteren und der Sehnsucht. Sie

Catalina Valencia and Baterimba Band.

vermittelten lateinamerikanischen Feeling. Große Emotionen! Kolumbischstämmige Frauen und auch ein paar Mutige aus dem Publikum tanzten, dass der Schweiß in Strömen floss.

Hochinteressant am Samstagnachmittag die Vorträge und eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Bald 60 Jahre Unabhängigkeit und immer noch in den Fängen des Kolonialismus?“. Unter anderen getragen Attac. Die brillant und kenntnisreich argumentierenden Experten die referierten, waren Dr. Boniface Mabanza Bambu (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika KASA), der Wirtschaftswissenschaftler Martial Ze Belinga und Dr. Dereje Alemayehu (Executive Coordinator der Global Alliance for Tax Justice). Eine Erkenntnis daraus: Nach der Entlassung blieben bis heute viele afrikanische Staaten in Abhängigkeit der einstigen Kolonialherren. Ein negative Rolle dabei spielt der CFA-Franc, erfuhren die interessierten ZuhörerInnen im voll besetzen Raum 204 des DKH. 14 ehemalige französische Kolonien benutzen seit 1945 eine Währung, die in der Kolonialzeit von französischen Kolonialherren eingeführt wurde. Kritiker sprechen von einen System „freiwilliger Knechtschaft“ und verurteilen den CFA-Franc als „imperiales Machtinstrument“. Wirtschaftswissenschaftler Martial Ze Belinga erklärte wie der CFA-Franc afrikanische Länder, einstige Kolonien, in Abhängigkeit gefangen hält.

Moderator, Dr. Bonface Mabanza Bambu, Martial Ze Belinga und Dr. Dereje Alemayyehu (v.l.)

Auch mit einem immer wiederkehrenden Argument, wonach die afrikanischen Länder allein an ihrer Korruption krankten, wurde aufgeräumt. Freilich sei die nicht kleinzureden. Aber seien auch Ressourcenabflüsse aus Afrika durch die Ausbeutung seitens der westlichen Wirtschaft mit zu bedenken, die den afrikanischen Ländern für deren Entwicklung fehlen. Ein UN-Panel, so referierte Dr. Dereje Alemayehu habe 2013 herausgefunden, dass zu sechzig Prozent Ressourcenabflüsse aus Afrika Handels- und Wirtschaftsaktivitäten von meistens westlichen Unternehmen stammten. Vierzig Prozent aus Korruption und aus Kriminalität. Der OECD-Generalsekretär habe in einem Bericht einmal gesagt, für jeden Dollar der an Entwicklungshilfe in die Entwicklungsländer kommt, gingen drei Dollar als illegale Ressourcenabflüsse.

Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion.

Erzähl mal, wie du es geschafft hast! – zu Gast die künftige Intendantin des Schauspiels Dortmund

In der Afrika Positive-Reihe „Erzähl mal, wie du es geschafft hast! – Jugendliche sprechen mit einem Vorbild“ war Julia Wissert zu Gast, die ab der Spielzeit 2020/2021 Intendantin des Schauspiels Dortmund sein wird.

Familiensonntag zum Abschluss des Afrika Ruhr Festivals

Afrika Markt.

Der letzte Tag des Festivals ist traditionell ein Familiensonntag. Dargeboten wurde ein buntes Programm für alle Generationen. Sowohl im Außenbereich als auch im Haus fanden Aktionen und Workshops für Kinder- und Jugendliche statt. Das Bühnenprogramm war ebenfalls auf die ganze Familie und ausgerichtet und wurde mit Freude aufgenommen.

Weitere Impressionen im Bild

Dortmund: Bürgerwerkstatt zur Entwicklung der nördlichen Speicherstraße im Hafenquartier mit reger Beteiligung

Podiumsgespräch mit Victoria Kamuf, Martin Pilpul, Heinz-Hubert Schulz, Karl-Heinz Keisewitt, Uwe Bücher und Ludwig Jörder (v.l.) Fotos: Claus Stille

Vergangene Woche ist  im Theater im Depot Dortmund das neue Hafenquartier Speicherstraße gründlich in den Fokus genommen worden. Es gehört zu den wichtigsten Entwicklungsschwerpunkten der Stadt. In der südlichen Speicherstraße konnten in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Projekte vorbereitet werden oder stehen kurz vor der Umsetzung. Nach dem Erwerb des Knauf Interfer SE-Geländes durch die Dortmunder Stadtwerke (DSW21) richten sich die Blicke nun stärker auf die Entwicklung der nördlichen Speicherstraße. Die von DSW21 gemeinsam mit der Dortmunder Hafen AG neu gegründete d-Port Entwicklungsgesellschaft will die Gestaltung des Hafenquartiers voranbringen. Bis 2025 soll ein gemischtes Quartier mit den Schwerpunkten Büros, Gewerbe, Bildung und Digitalisierung entstehen. Von Anfang an will man die Öffentlichkeit, die Anlieger, die BürgerInnen bei der Entwicklung des Areals in einem transparenten Verfahren einbinden. Zu diesem Behufe fand am Mittwoch für interessierte BürgerInnen eine Ortsbegehung im Gebiet Speicherstraße statt. Im Anschluss war zu einer Bürgerwerkstatt ins Theater im Depot eingeladen worden. Oberbürgermeister Ullrich Sierau verfolgte die Bürgerwerkstatt mitten im Publikum sitzend.

In mehreren Arbeitsgruppen machten BürgerInnen interessante Vorschläge, das Projekt betreffend. Auch kritische Einwände gab es. Ein wichtige Anregung: Das Projekt solle bei hoher Transparenz mit größtmöglichem Fingerspitzengefühl umgesetzt werden.

Thomas Westphal: „Dortmund ist in Deutschland und glücklicherweise auch in Europa the normal one“

Die Ergebnisse der Bürgerwerkstatt – so ist es versprochen – sollen in die Auslobung eines Wettbewerbs für Stadtplaner und Architekten einfließen, der im Herbst ausgeschrieben wird. Aufgabe des Wettbewerbs: Ideen, Wünsche und Anregungen, die in der Bürgerwerkstatt formuliert werden, aufgreifen, bewerten und in ein funktional und gestalterisch schlüssiges Gesamtkonzept zu überführen.

Thomas Westphal, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Dortmund zitierte den auf einer Pressekonferenz gesagten Satz des Ex-BVB-Trainers und jetzigen Trainer des FC Liverpool, Jürgen Klopp („I am the normal one“) und meinte, das sei im Grunde auf Dortmund übertragbar: „Dortmund ist in Deutschland und glücklicherweise auch in Europa the normal one.“ Als achtgrößte Stadt in Deutschland sei Dortmund die Stadt, die keine Landeshauptstadt ist, die kein Dax-Konzern oder anderen Konzern in der Stadt beherberge und die als letzte – vor 50 Jahren – eine Universität gegründet habe. Westphal: „Unsere Erfolge haben wir ganz alleine zusammen erarbeitet.“ Es ist das, was Wirtschaftsförderung der Stadt Dortmund als „Heimvorteil“ mit dem Untertitel „zusammen wachsen“ preist.

Weiter an die Spitze, „aber Dortmund bleiben“

Man wolle zwar weiter an die Spitze, bekannte Thomas Westphal, „aber Dortmund bleiben dabei“, gleichzeitig jedoch auch in Sachen Wohlstand, Arbeitsmärkte und

Prof. Franz Pesch bereit an seinem Thementisch.

Arbeitsplätze nicht zurückfallen.

Was das Projekt Hafenquartier Speicherstraße angehe, sehe man das als Chance. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze, neuer Freizeitangebote und neue Gastronomie herzuholen mit einer Promenade, die zum Flanieren einladen wird ist ein Ziel. Und zwar im ganzen Bereich der Speicherstraßenumgehung. Weitere Fuß- und Radwege sind geplant. Das könne ein große Entwicklung nehmen, die Nordstadt aufwerten und sogar auf die gesamte Stadt Dortmund eine positive Ausstrahlung haben. Dabei wolle man aber Bescheidenheit und Bodenständigkeit bewahren. Auf bisherige „coole, bereits vorhandene Angebote“ solle aufgebaut werden.

Als Kernthema des Abends, so Westphal, sollte diskutiert werden wie man Hafenquartier bleiben und Zukunftschancen nutzen könne.

Ein lebendiges Quartier entwickeln mit hohen „Aufenthaltsqualitäten“

Andreas Bachmann vom Architekturbüro Pesch und Partner oblag es, unterstützt durch die Einblendung von Fotos, eine Einführung in das Projekt Nördliche Speicherstraße zu geben. Darin ging es auch um Umnutzung von bestehenden Speichergebäuden. Ziel sei es, ein lebendiges Quartier zu entwickeln, mit „hohen Freiraumqualitäten“ und „Aufenthaltsqualitäten“ zu schaffen. Startup-Unternehmen sollen dort zusätzlich zu „gestandenen Unternehmen“ angesiedelt werden. Der Lensing-Media-Port, ein Gründungs- und Innovationscampus und auch die Akademie für Digitalität und Theater sowie ein Berufskolleg werden dort u.a. zu finden sein. Gewerbliche Nutzung ist vorgesehen. Ein reines Gewerbegebiet wird es nicht geben. Die Kleingartenanlagen sollen erhalten und vielleicht über Wegeverbindungen zum Hafenquartier hin eingebunden werden.

Alles auf einer Fläche von zirka 10 Hektar. Zwölf bis fünfzehn Architekten- und Planerbüros sollen in ein Wettbewerbsverfahren gehen. Im Januar wird der Preisträger gekürt. Der Raiffeisen-Silo – eine Landmarke – werde höchstwahrscheinlich nicht erhalten werden können. Bei allem solle die konventionelle Hafennutzung freilich nicht beeinträchtigt werden.

Eine Wohnnutzung im neuen Hafenquartier ist nicht vorgesehen. Das Privathaus Speicherstraße 38 werde bestehen bleiben.

Potenziale der Stadtentwicklung anhand von Hafenentwicklungen

Prof. em. Dr. Franz Pesch unternahm es in seinem Impulsvortrag dem Publikum Wirtschaftsstandorte und Potenziale der Stadtentwicklung anhand von

Interessierte BürgerInnen im Theater im Depot.

Hafenentwicklungen in der Vergangenheit bis in die Gegenwart, auch den Strukturwandel einbeziehend, nahezubringen. Dabei wurden auch Konflikte angesprochen. Häfen, meinte Pesch, seien keine einfachen Orte. Als Beispiele wo Hafenanlagen das Neue mit dem Bestehenden verbänden erörterte er in Wort und Bild an mehreren Beispielen: dem Deutzer Hafen in Köln, dem Hamburger Hafen „als Typus neuer Stadtteil“, dem wohnorientierten Hafen von Lyon, dem Duisburger Innenhafen, dem Düsseldorfer Medienhafen und hervorgehoben an der interessanten Gestaltung des Nordhafens von Kopenhagen mit Bestands- und gewerbliche Gebäuden und sogar einem einbezogenen Kraftwerk, einer großen internationalen Schule und dem Sitz der deutschen Botschaft in Dänemark sowie einem Möbelhaus.

Die Sicht der Nutze und Anrainer wurde bei einem Podiumsgespräch deutlich

Während eines Podiumsgesprächs zur Entwicklung des Hafenquartiers wurde die Sicht der Nutzer und Anrainer deutlich. Teilnehmer waren der Vorstand der Dortmunder Hafen AG, Uwe Büscher, Heinz-Hubert Schulz, der stellvertretende Vereinsvorsitzender einer Gartenanlage nahe dem Hafenquartier sowie die BürgerInnen des Hafenviertels Victora Kamuf und Martin Pilpul von der Hafeniniative. Schulz konnte sich vorstellen, den Raiffeisen-Siloturm zu erhalten – z. B. als Aussichtspunkt. Die BürgerInnen Kamuf und Pilpul warben für eine größere Einbindung der im Hafenviertel wohnenden Menschen. Die Bürgerwerkstatt allein könne das keinesfalls leisten.

Hafen-Chef Büscher lobte den in kürzester Zeit gestalteten Aufholprozess, der das Projekt auf einen guten Weg gebracht habe. Einen Wunsch habe der dennoch: eine größtmögliche Lösungsvielfalt des städtebaulichen Wettbewerbs, „so dass diejenigen, die hinterher entscheiden müssen was dabei rauskommt eine richtig tolle Auswahl haben“. Des Weiteren hoffe er in den kommenden Jahren auf einen respektvollen Umgang miteinander.

Die Idee zum Hafenquartier bezeichnete Karl-Heinz Keisewitt, Vorsitzender des Dortmunder Hafenanliegervereins und stellvertretende Geschäftsführer Dolezych

Ein Bürgerin bringt ihre Wünsche oder Kritik ein.

GmbH & Co. KG als großartig. Der Hafen sei ja ein Verknüpfungspunkt zwischen Stadt und Region. Im Hafen seien 171 Unternehmen ansässig mit 5000 Arbeitsplätze. Keisewitt kann sich durchaus einige tausend Arbeitsplätze mehr vorstellen, die durch das südliche und nördliche Hafenquartier möglicherweise in Zukunft noch generiert werden könnten.

Dem selbst in Hafennähe wohnenden Bezirksbürgermeister der Innenstadt Nord, Dr. Ludwig Jörder sagte, ihm ginge es darum, dass die „Wegzugsabsichten“ in der Nordstadt weniger und die „Bleibeabsichten“ stärker werden. Jörder meinte, nicht verkneifen könne er sich, etwas zum Thema Wohnen zu sagen. Dass man Wohnen im Hafenquartier einfach ausgeschlossen hat, gefiel ihm nicht. Hierzu gebe es durchaus verschiedene Expertenmeinungen. Wenigstens in der Nähe der Kleingartenanlage hätte man eine solche Möglichkeit doch einmal überprüfen können.

Lebhafte Beteiligung der Gäste an vier Thementischen

Erfreulich viele Gäste der Bürgerwerkstatt beteiligten sich lebhaft an der Arbeit an vier Thementischen: Architektur und Städtebau, Freiraum und Umwelt, Wirtschaftliche Chancen sowie Soziale Entwicklung in anderen Räumlichkeiten des Depots. Viele interessante, ernstzunehmende Vorschläge wurden von den BürgerInnen gemacht und von LeiterInnen der Themengebiete notiert gemacht. Aber es ging auch schon einmal kontrovers zu. Etwa wurde die Befürchtung

Beratung ein einem der fünf Thementische.

geäußert, dass Hafenquartier könne über eine Gentrifizierung zu einer Verdrängung der angestammten Bevölkerung – z. B. wegen steigender Mieten beitragen.

Vielfältige Anregungen der BürgerInnen und kritische Anmerkungen in einer Zusammenfassung

Zum Ende der Veranstaltung ging es wieder zurück ins Theater im Depot, um die von den BürgerInnen an den vier Thementischen gemachten und von deren LeiterInnen gesammelten Vorschläge allen mitzuteilen. Darüber hinaus werden diese dokumentiert und nach Machbarkeit abgewogen. Später sollen möglicherweise einige der geäußerten Anregungen im Projekt Berücksichtigung finden.

Die BürgerInnen hatten sich über Verkehrsbelastungen besonders von LKW-Verkehr und industrielle Emissionen Gedanken gemacht. Ein Radwegenetz mit Anbindungen an angrenzende Stadtgebiet wurde angeregt. Reine Kettengastronomie, wie sie mittlerweile überall gleich fast auf der ganzen Welt vorzufinden sei, solle möglichst keine Berücksichtigung finden. Sondern vielmehr Betriebe, die lokalen Charme atmen und auch etwas für den kleinen Geldbeutel anbieten – es komme auf den richtigen Mix an. Schickimicki-Gastronomie ist verpönt. Die gastronomische Einrichtung „Herr Walter“, hieß es, solle bitte erhalten werden – sie sei gut angenommen worden und inzwischen prägend für den Ort. Auch was Arbeitsplätze und Firmen angehe, wollten BürgerInnen gesichert wissen, dass auch da auf eine breit gestreute Wirtschaftsstruktur geachtet werde und nicht nur Digitalunternehmen dort ansässig den Vorzug erhielten. Genossenschaftliche Einrichtungen anzusiedeln wurde ebenfalls diskutiert. Eine direkte Einbringung der örtlichen Kultur- und Kunstszene ins Hafenquartier ist angesprochen worden. Auch müsse

Diskussion an einem der Thementische.

daran gedacht werden, dass alles was bezüglich der Entwicklung des Hafenquartiers geschehe und geplant sei Auswirkungen auf die gesamte Nordstadt habe. Es möge darauf geachtet werden, dass eine Aufwertung des Quartiers nicht zur Abwertung der Nordstadt führe. Eine gute Begrünung vorzusehen, wurde von BürgerInnen ebenfalls angemahnt. Ein weiterer Vorschlag war, eine Fläche in Nähe der Kleingartenanlage für Urban Gardening (Urbaner Gartenbau) für Interessenten vorzusehen. Das könne ja eine Art Pufferzone zwischen dem Dienstleistungs- Kleingartenbereich sein. Es solle auch Einfluss auf die Müllproblematik genommen werden. Auf Plastik, lautete eine andere Forderung, solle verzichtet werden.

Konsens in allen Gruppen war: die BürgerInnen wünschen mehr Transparenz, was die Planung anbelangt und ein Eingebundensein in die Kommunikation diesen Prozess betreffend wird gewünscht. Fast alle begreifen das Projekt als Chance für den Hafen, die Nordstadt und darüber hinaus – wenn es gut und besonnen gemacht werde – sogar für ganze Stadt Dortmund mit Ausstrahlung ins regionale Umland.

37. Deutscher Evangelischer Kirchentag verabschiedete in Dortmund eine Resolution: „Schicken wir ein Schiff!“

Der Abgeordnete des Europäischen Parlaments, Sven Giegold, schreibt in seinem jüngsten Newsletter:

Sven Giegold, MdEP für Bündnis 90/Grüne. Foto. Stille

Liebe Freundinnen und Freunde, Liebe Interessierte,


die Seenotrettung auf dem Mittelmeer ist weitgehend unterbunden worden. Die Rettungsboote der Staaten im Rahmen der Operation Sophia wurden abgezogen. Die meisten Rettungsschiffe der Nichtregierungsorganisationen können nicht mehr ausfahren. Die wenigen Flüchtlinge auf dem Mittelmeer, die noch gerettet werden können, finden nur nach langem Elend Aufnahme in einem europäischen Land. Gerade jetzt harren noch 42 Flüchtlinge auf der Sea-Watch 3 aus. Die Flüchtlinge fahren daher immer längere Strecken und nehmen immer größere Risiken auf sich, um die europäischen Küsten zu erreichen. Trotz des Sterbens ist eine politische Lösung nicht in Sicht.


Auf dem derzeitigen Kirchentag in Dortmund war das Sterben auf dem Mittelmeer ein zentrales Thema. Auf einer Sonderveranstaltung mit dem

Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo: „Niemand ist illegal.“ Archivbild: C. Stille

Bürgermeister Orlando aus Palermo und dem Ratsvorsitzenden der EKD Heinrich Bedford-Strohm wurden nachdrücklich und unter großem Applaus der Kirchentagsbesucher in der Westfalenhalle eine Wiederaufnahme der Seenotrettung und sichere Zugangswege für Flüchtlinge nach Europa gefordert.


Um den öffentlichen Druck weiter zu erhöhen, habe ich eine Resolution entworfen und gemeinsam mit weiteren Kirchentagsaktiven eingebracht. Unsere Resolution wurde mit riesiger Mehrheit beschlossen.

Unsere Forderung: Die Evangelische Kirche soll selbst ein Rettungsschiff ins Mittelmeer schicken. Es genügt nicht mehr, die Arbeit der NGOs bei der Seenotrettung finanziell zu unterstützen. Die EKD und ihre Gliedkirchen müssen selbst aktiv werden und im Mittelmeer Flagge zeigen. Ein Kirchenschiff wäre ungleich schwerer in Italien, Malta oder Spanien festzusetzen. Die Bundesregierung könnte die Aufnahme von Geretteten wohl kaum wochenlang verzögern.


Zudem organisierten Ansgar Gilster und ich gemeinsam mit den beiden Pfarrerinnen Lioba Diez (Berlin) und Christina Biere (Dortmund) ein politisches Nachtgebet in der Dortmunder Reinoldi-Kirche. In einer eindrücklichen Liturgie an diesem Donnerstagabend gedachten wir den inzwischen über 35.000 Toten an den europäischen Außengrenzen. Der Gottesdienst war genauso überfüllt wie die Veranstaltung mit Bürgermeister Orlando. Teil der Andacht war die Namen der 35.000 Toten auf große Banner zu schreiben. Diese Aktion gemeinsam mit dem Schauspiel Dortmund und der Seebrücke Dortmund wurde dann während des Kirchentags fortgesetzt. Die Banner hängen nun nach einem Trauermarsch am Kirchturm der Dortmunder Hauptkirche Reinoldi.


Meine Bitte ist nun diesen Aktivitäten Nachdruck zu verleihen und unsere Resolution zu unterstützen:

www.change.org/schiff


Ich lasse jedenfalls nicht locker.


Mit entschlossenen, aber herzlichen Grüßen aus Dortmund

Sven Giegold. Archivbild: C. Stille

Euer und Ihr Sven Giegold

P.S.: Selbstverständlich setzen wir Grünen uns im Europaparlament auch im Rahmen der laufenden Verhandlungen für eine pro-europäische Vereinbarung zum Arbeitsprogramm der neuen EU-Kommission für die Organisation der Seenotrettung durch die EU ein. Leider stimmen noch nicht alle pro-europäischen Fraktionen zu. Das Thema wird nächsten Dienstag durch die Fraktionschefs weiterverhandelt.


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37. Deutscher Evangelischer Kirchentag:

Resolution: “Schicken wir ein Schiff!”


Am Weltflüchtlingstag haben wir beim 37. Deutschen Ev. Kirchentag in Dortmund in der großen Westfalenhalle bei der Veranstaltung „Gemeinsam für offene Häfen in Europa“ Mattea Weihe von der Sea-Watch zur Situation auf dem Mittelmeer gehört: „Weil keine Rettungsschiffe durch die Gewässer fahren, die Rettungen durchführen, steigt die Todesrate weiter, wenn wir nicht jetzt handeln. Wir brauchen wieder Schiffe, die Sorge tragen können, dass der nächste Weltflüchtlingstag gebührend gefeiert werden kann. Wir als Sea-Watch wollen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft, den Städten und Kommunen, der Kirche und euch allen ein Zeichen setzen und ein Schiff in das tödlichste Gewässer der Welt schicken.

Ein Schiff der Gemeinschaft, der Solidarität und Nächstenliebe. Ein Schiff von uns, von euch, von allen.“

Als Kirche dürfen wir dem Scheitern der europäischen Regierungen nicht zusehen. Kleine symbolische Schritte zur Aufnahme von Flüchtlingen sind wichtig, aber beenden das Sterben im Mittelmeer durch die fehlende Seenotrettung und die fehlenden sicheren Fluchtwege nicht.

Daher fordern wir die EKD und ihre Gliedkirchen auf, selbst mutig zu handeln: Schickt selbst ein Schiff in das tödlichste Gewässer der Welt. Ein Schiff der Gemeinschaft, der Solidarität und Nächstenliebe. Ein Schiff von uns, von euch, von allen.

Angenommen mit riesiger Mehrheit im Rahmen der Veranstaltung „Kein ich ohne Wir“ beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2019 in Dortmund. Eingebracht von:

Sven Giegold, Europaabgeordneter

Beatrice von Weizsäcker, Juristin und Publizistin

Joachim Lenz, Pfarrer und Direktor der Berliner Stadtmission

Christina Biere, Pfarrerin, Dortmund

Lioba Diez, Pfarrerin, Berlin

Resolution auf der Webseite des Deutschen Evangelischen Kirchentags.

Quelle: Sven Giegold, MdEP

Beigegeben: Leoluca Orlando zur „Charta von Palermo

Aktion des Künstlers und Aktivisten Heinz Ratz im Dortmunder Hafen vor einigen Jahren. Archivbild: C.-D. Stille