Ruhrfestspiele Recklinghausen 2017 vom 1. Mai bis 18. Juni: Vorverkauf gestartet

Platz vor dem Ruhrfestspielhaus. Foto: C. Stille

Platz vor dem Ruhrfestspielhaus. Foto: C. Stille

Die Ruhrfestspiele sind eines der ältesten, größten und renommiertesten Theaterfestivals Europas. Sie finden alljährlich in den Monaten Mai und Juni in Recklinghausen statt (zur Entstehung des Festivals hier mehr). Eröffnet werden die Ruhrfestspiele Recklinghausen traditionell auch in diesem Jahr wieder mit einem großen Kulturvolksfest am 1. Mai auf dem grünen Hügel rund um das Ruhrfestspielhaus.

Auch in der Saison 2017 hat die Festivalleitung unter Dr. Frank Hoffmann wieder einen bunten Strauß an Inszenierungen namhafter Regisseure und Darbietungen preisgekrönter Schauspielgrößen zusammengestellt.

Das diesjährige Motto der Ruhrfestspiele 2017: Kopfüber Weltunter

Dazu schreiben die Organisatoren:

„Die Welt ändert sich. Stetig. Und immer schneller, so zumindest ist der Eindruck. Angesichts des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels und der radikalen Umbrüche, die unsere Weltordnung zunehmend ins Wanken bringen, meint man mitunter, die Welt stehe Kopf. Oder schlimmer noch, sie stehe kurz vor dem Untergang. Ein Zustand, der Ängste schürt, Ratlosigkeit auslöst, Ungewissheit hervorruft, in welche Richtung die Zukunft führt: abwärts oder aufwärts? Dabei vergisst man häufig, dass der Veränderung auch stets eine Chance innewohnt: auf Fortschritt, Verbesserung, Neubeginn.

Unter dem Motto „Kopfüber Weltunter“ setzen sich die Ruhrfestspiele vom 1. Mai bis 18. Juni 2017 mit diesem schwer fassbaren Schwebezustand

auseinander, der allen Zeiten des Umbruchs innewohnt. Dabei richten sie den Blick auf große revolutionäre Momente: von der Reformation über die Französische, Industrielle und Russische Revolution bis hin zur Protestbewegung auf dem Maidan. Zugleich spiegeln sie die aktuellen Entwicklungen – von den Herausforderungen der Flüchtlingsbewegung über den wachsenden Zuspruch radikaler Parteien bis hin zum digitalen Wandel. Herausragende Werke von Goethe, E.T.A. Hoffmann, Strindberg und Pirandello über Kafka, Brecht und Canetti bis hin zu Günter Grass und Woody Allen offenbaren die Zeitlosigkeit jenes Gefühls, das uns noch heute erfasst: Kopfüber Weltunter.

Auch unser diesjähriges FRiNGE Festival stellt vom 23. Mai bis 17. Juni 2017 die Welt auf den Kopf. Internationale Ensembles aus allen vier Himmelsrichtungen erobern mit verrückten, komischen, bezaubernden und atemberaubenden Performances unsere Spielstätten – darunter auch einige neue, die es zu entdecken gilt.

Stürzen Sie sich kopfüber in unsere Spielzeit! Wir sorgen dafür, dass Sie nicht untergehen!“

 

Grafik via Ruhrfestspiele Recklinghausen.

Grafik via Ruhrfestspiele Recklinghausen.

Der Kartenvorverkauf hat am 19. Januar 2017 um 9.00 Uhr begonnen. Hier einige ältere Beiträge von mir rund um und über die Ruhrfestspiele.

 

Recklinghausen: Die Ruhrfestspiele sind eröffnet – Im 70. Jahr lautet das Motto „Mare Nostrum?“

Der Demonstrationszug trifft am Ruhrfestspielhaus ein; Fotos: C.-D. Stille

Der Demonstrationszug trifft am Ruhrfestspielhaus ein; Fotos: C.-D. Stille

Es ist jedes Mal aufs Neue beeindruckend: Eine Sambagruppe und eine Formation der Grubenwehr gehen vornweg – der Zug der Demonstration anlässlich des 1. Mai – von der Herner Straße kommend – folgt ihnen. Am architektonisch imposanten Ruhrfestspielhaus warten zur Mittagszeit zum Empfang der Demonstrierenden bereits zahlreiche Menschen, So verschmelzen traditionell die Kundgebung zum 1. Mai und das Eröffnungszeremoniell der Ruhrfestspiele Recklinghausen zu einem grandiosen Ereignis. Und das Wetter spielt auch mit: Die Sonne lacht überm Grünen Hügel.

Volker Nicolai, Vorsitzender des DGB Kreis Recklinghausen, wendet sich an die Kundgebungsteilnehmer

Er nennt das diesjährige Motto des DGB: „Zeit für Solidarität – Viel erreicht und noch viel vor“. Es gehe um „Solidarität für die arbeitenden

DGB-Vorsitzender Volker Nicolai.

DGB-Vorsitzender Volker Nicolai.

Menschen, den Generationen von Einheimischen und Flüchtlingen und vor allem den Schwachen und den Starken“. Die Gewerkschaft trage Verantwortung dafür, dass Deutschland ein sozialer und demokratischer Rechtsstaat bleibe. Wie es unser Grundgesetz fordere. Die ebenfalls dort als unantastbar vorgeschriebene Würde des Menschen gelte unbedingt auch für die bei uns Schutz suchenden Menschen. Der DGB fordere u.a. das Ende der Deregulierung der privaten Güter und Dienstleistungen. Sowie ein Ende der Umverteilung von unten nach oben. „Hoch die Internationale Solidarität“ wird aus der Menge skandiert.

Bürgermeister Christoph Tesche spricht ein Grußwort

Eingangs spricht Bürgermeister Tesche die Wichtigkeit der Verteidigung der freiheitlich demokratischen Grundordnung an. Besonders im Fokus: das Asylrecht und die Koalitionsfreiheit. Tesche lobte die gegenüber den nach Deutschland gekommenen über eine Million Flüchtlingen (nach

Bürgermeister Christoph Tesche.

Bürgermeister Christoph Tesche.

Recklinghausen kamen gut 1600) geübten Solidarität. Aufgepasst werden müsse, dass Menschen die statt solidarische Hilfe zu leisten nur dumpfe Parolen im Munde führten, hierzulande nicht die Oberhand gewönnen.

Und Tesche macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: Persönlich hält er es „für einen Fehler, dass der Bergbau komplett aus der Bundesrepublik Deutschland verschwindet“. Was die Bergleute über Jahrzehnte, über ein Jahrhundert geleistet hätten, dürfe die nicht der Vergessenheit anheimfallen. „Kohle und Stahl haben dieses Land – besonders das Ruhrgebiet – groß gemacht!“ Besonders erfreut zeigt sich Bürgermeister Tesche, dass dieses Jahr der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Olaf Scholz, die Ruhrfestspiele besuchen wird. Es geht dabei um die Erinnerung an die Geschichte der Entstehung der Ruhrfestspiele: Kohle für Kunst – Kunst für Kohle. Im bitterkalten Winter 1946/47 halfen Kohlekumpel der Zechen König Ludwig Hamburger Theaterschaffenden solidarisch mit Kohle zur Beheizung ihrer Musentempel – an den Besatzungsmächten vorbei – aus. Dafür revanchierten sich Hamburger Theaterleute mit einem Gastspiel in Recklinghausen. Ohne diese Aktion existierten die Ruhrfestspiele nicht.

Hauptredner ist Norbert Maus, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der RAG Deutsche Steinkohle AG

Für Maus ist die Einführung des Mindestlohns der wichtigste Erfolg des DGB im letzten Jahr: „Sage und schreibe 3,7 Millionen Menschen profitieren inzwischen davon.“ Es bleibe aber noch viel zu tun hierzulande: „Die Vermögen sind extrem ungleich verteilt in diesem Land.“ Und er sagt klipp und

Gesamtbetriebsratsvorsitzender der RAG Deutsche Steinkohle, Norbert Maus.

Gesamtbetriebsratsvorsitzender der RAG Deutsche Steinkohle, Norbert Maus.

klar: „Wer als Arbeitgeber aus der Tarifbindung flieht, verhält sich definitiv verantwortungslos.“ Mit der Sozialpartnerschaft – sagt Maus – habe man gute Erfahrungen gemacht.

Auch Norbert Maus spricht das Flüchtlingsthema an. Die von Rechts erfolgten Angriffe (mehr als 1000 gab es letztes Jahr deutschlandweit) auf Flüchtlingsunterkünfte, auf Einsatzkräfte und Journalisten dürften nicht hingenommen werden. Das Schüren von Hysterie und das gezielte Aufwiegeln von Menschen gegenüber Fremden, gehe gar nicht. Er habe es eigentlich nicht machen wollen, sagt es dann aber doch: „AfD – Amateure für Deutschland oder wie die heißen, geht auch nicht.“ Man werde den Rassisten zeigen, dass sie nicht das Volk sind. „Wir sagen selbstbewusst: wir sind die Mehrheit in Deutschland. Wir lehnen Hetze und Gewalt gegen Menschen definitiv ab“.

Die falsche Krisenpolitik in Europa und die Politik der Schwarzen Null mache die Sozial- und Tarifsysteme kaputt. Europafeindlichkeit und Rechtspopulismus seien die Folge.

Im Bergbau, erinnert Maus, habe man immer schon Menschen aus vielen Ländern integriert. „Wir Bergleute labern nicht lange über Integration.“ Menschen- und fremdenfeindlich seien die Bergleute nicht. Und auf die derbe aber grundehrliche Art der Bergleute sagt Maus: „Ich unterscheide nicht zwischen Nationalität und Glauben. Ich unterscheide immer noch zwischen Arschloch oder Nichtarschloch.“ Beifall.

Zur geplanten Industrie 4.0 sagt Maus: „Wir wollen, dass die Chancen die darin stecken, auch bei den Beschäftigten ankommen.“

Zur ungleichen Vermögensverteilung gibt es für Norbert Maus nur einen Ansatz: „Starke Schultern müssen wieder mehr tragen!“

Nach wie vor stünde er als Bergmann zur Energiewende, sage aber auch ganz deutlich: „Wir brauchen bis dahin weiterhin Braun- und Steinkohle.“ Den völligen Rückzug aus dem deutschen Steinkohlenbergbau (er endet 2018) hält Norbert Maus nach wie vor für falsch. Verspricht aber: „Wir hinterlassen keine verbrannte Erde!“ Den noch verbliebenen 7800 Bergleuten in der Region, wo einst 27 Bergwerke tätig waren, ruft er zu: „Weiterhin keine Endzeitstimmung aufkommen lassen!“

Norbert Maus eröffnet mit „Kumpel“ Frank Hoffmann die 70. Ruhrfestspiele

Ruhrfestspielintendant Frank Hoffmann tritt ans Rednerpult. Norbert Maus führt Regie: „Auf drei sagen wir beide den Satz ‚Die 70. Ruhrfestspiele sind eröffnet‘.“ Und er zählt. Doch Regisseur Hoffmann patzt und spricht den Satz bereits vor drei. Frank Hoffmann dazu schmunzelnd: „Man sieht es

Ruhrfestspielintendant Dr. Frank "Kumpel" Hoffmann und Norbert Maus eröffnen die 70. Ruhrfestspiele.

Ruhrfestspielintendant Dr. Frank „Kumpel“ Hoffmann und Norbert Maus eröffnen die 70. Ruhrfestspiele.

ist sehr schwer für einen Regisseur auf einen anderen Regisseur im richtigen Moment das Richtige nachzusprechen.“

Hoffmann findet die Solidarität, der er jedes Jahr in Recklinghausen begegne, unglaublich toll. „Doch der Begriff“, beklagt Hoffmann, „ist irgendwie so ein bisschen mehr und mehr in Vergessenheit geraten.“ Heute morgen sei er in Gladbeck gewesen, wo ein Film von verd.i TV gelaufen sei. Junge Leute wurden für diesen Film zum Begriff Solidarität befragt. Ein paar hätten es gewusst. Einer habe gesagt: „Weiß nicht, habe ich nie gehört.“ Einer habe den Begriff so erklärt: „Das ist für mich Kompromiss .“ Frank Hoffmann fand das Unwissen furchtbar. Wir lebten in einer Zeit in der es normal geworden sei, „dass wir nur an uns denken.“ Eine Doktrin des Ich sei heutzutage anzutreffen. Er ist dem DGB deshalb dankbar, das Thema Solidarität zum Motto des diesjährigen 1. Mai gemacht zu haben.

Dr. Frank Hoffmann zum diesjährigen Motto der Ruhrfestspiele „Mare Nostrum?“

Die Literatur des Mittelmeerraumes, informiert der Intendant, stehe im Mittelpunkt des Festivals. Aus dieser Region komme ein Großteil unserer Kultur und unserer Werte. Erstmalig kommen mit Houcine Abassi, Generalsekretär des Gewerkschafts-Zentralverbandes, und Widet Bouchamaoui,

Frank Hoffmann zum diesjährigen Programm.

Frank Hoffmann zum diesjährigen Programm.

Präsidentin des Arbeitgeberverbandes aus Tunesien, Friedensnobelpreisträger (am 23. Mai um 18 Uhr) zu den Ruhrfestspielen.

Kunst und Kultur, meint der Ruhrfestspielintendant, ist der beste Schutz gegen Rassismus. Frank Hoffmann freut sich mitteilen zu dürfen, dass man

Gruppenbild zum Abschluss des Eröffnungszermoniells.

Gruppenbild zum Abschluss des Eröffnungszermoniells.

1200 Karten für Menschen aus der Region reserviert hat, die sich ein Ticket nicht leisten können. Zusätzlich gibt es 400 Karten für Flüchtlinge. Die Flüchtlinge aber zu instrumentalisieren, in Bühnenstücke einzubauen – wie es an bestimmten Theater getan worden sei – zur „eigenen Glorie“, das findet Hoffmann „ganz schrecklich“. „Zu uns kommen sie als Freunde.“

Mit einem herzlichen „Glückauf!“ rief Frank Hoffmann die Menschen auf: „Kommen Sie zahlreich!“

2002-02-17 23.56.02Unter dem Motto „Mittelmeer – Mare Nostrum?“ werden ab Dienstag bis zum 19. Juni mehr als 100 Produktionen in über 300 Vorstellungen gezeigt. Die Themen reichen von der Antike bis zur aktuellen Flüchtlingskrise. Als erste Premiere wird am Dienstag Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“ gespielt.

2002-02-18 00.18.03Nach Angaben der Stimberg Zeitung drängten sich am Sonntag etwa 80 000 Menschen auf dem Grünen Hügel beim Großen Kulturvolksfest rundum das Ruhrfestspielhaus.

2002-02-18 00.08.05Mehr zu den diesjährigen Ruhrfestspielen hier.

 

Die Ruhrfestspiele Recklinghausen starten traditionell mit großem Kulturvolksfest ins 69. Jahr

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Ankunft des 1.Mai-Umzuges am Ruhrfestspielhaus im Jahre 2011; Fotos (2) Stille.

In diesen Minuten dürfte der 1.Mai-Zug in Recklinghausen am Ruhrfestspielhaus angekommen sein. Nur noch kurze Zeit bis die 69. Ruhrfestspiele traditionell  mit einem  großen Kulturvolksfest ihren Anfang nehmen. Das „Fest für alle“ wartet nach Angaben der Veranstalter „mit einem vielfältigen Programm für alle Generationen auf. Kultur, Gewerkschaftspolitik und Familie stehen dabei im Vordergrund. Geboten werden Klassik und Pop, „Großes Theater“ und Kleinkunst, kurze Momente und bleibende Eindrücke.“

Und weiter: „Auftakt ist die traditionelle Maikundgebung des DGB um 12.00 Uhr auf der BÜHNE
VOR DEM RUHRFESTSPIELHAUS. Nach einem Grußwort von Bürgermeister Christoph Tesche hält Egbert Biermann, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE, die diesjährige Mai-Rede. Im Anschluss werden die 69. Ruhrfestspiele offiziell eröffnet.

„Wer vieles bringt“, heißt es in Goethes „Faust“, „wird manchem etwas bringen.“  Laut Programm wird im
„GROSSEN HAUS  Peter Schaar, 2003-2013 Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, eindringlich vor zunehmender staatlicher Überwachung warnen. Anschließend bringt der über 100-köpfige menschenREchtechor unter der Leitung von Axel Christian Schullz das Große Haus zum Klingen. „Let us entertain you…“ heißt es im KLEINEN THEATER, wenn die Mini-Sinfos Recklinghausen/Herten, das Jugendsinfonie-orchester Recklinghausen und die Neue Philharmonie Westfalen Kompositionen von Antonio Vivaldi bis Andrew Lloyd Webber zum Besten geben. Musikalisch geht es weiter mit dem Akko Orchestra aus Recklinghausens israelischer Partnerstadt. Im ZEPPELIN erwartet die Besucher ein aberwitziges Bühnenspektakel mit musizierenden Figuren und Unwesen. Anschließend heißt es Bühne frei für die Kreativ-Ergüsse der Poetry Slammer Sulaiman Masomi und Lütfiye Güzel bis sich der Zeppelin in einen Kinosaal verwandelt, in dem der Dokumentarfilm zur Entstehung der Uraufführung „Ein Dorf im Widerstand“ im Rahmen der Ruhrfestspiele 2013 gezeigt wird. Darüber hinaus ist das FOYER Treffpunkt für Führungen zu der Kunstausstellung „Daniel Buren“ an der Glasfassade des Ruhrfestspielhauses.

Das Blockflötenquartett FLAUTANDO KÖLN wird das THEATERZELT mit französischer Musik vom 16. Jahrhundert bis heute zum Swingen bringen. Anschließend bittet Peter Shub zur Lachtherapie und Comedian Sabine Wiegand offenbart dem Publikum in Dat Rosi brennt durch! den ganzen Irrsinn dieser Welt.

Im FRiNGEZELT kombinieren die Clowns von ARTiX Pantomime, Akrobatik, Jonglage, afrikanische Tänze, HipHop und Breakdance zu einer irren Show und Emscherblut machen dem Publikum in ihrer fulminanten Impro-Show im wahrsten Sinne des Wortes eine Szene. Auch das Tanzbein wird im FRiNGEZELT geschwungen: Während American Dance und Tangetto maevo zum Zuschauen einladen, dürfen alle Besucher mit Rhythmus im Blut im RUNDBOGEN AM FRiNGEZELT selbst eine Tänzchen wagen.

Auf der MUSIKBÜHNE AN DER DORSTENER STRASSE geben lokale Bands den Ton an: ob gradliniger Deutschrock von Mission 13, Rockmusik von Noplasticinside, amerikanische Roots-Music von Harmonica-Pete & The Blues-Jukes, Musik aus Lateinamerika von Carretera Sur, Swing von Memphis PC, Funk und Soul von SocietyBe oder deutscher Gitarren-Rock gepaart mit Elektro-Sounds von ASTROLAUT – hier ist für jeden Musikgeschmack etwas dabei.

Die WIESE AM HIRSCHGEHEGE wird dank der 9 Musiker von Compagnie Zic Zazou zur musikalischen Baustelle, während bei sur mesure bis zuletzt die Frage offen bleibt: wer ist hier eigentlich Musiker und wer Artist?

Zum Programm der diesjährigen Ruhrfestspiele wird der deren Leuter, Dr, Frank Hoffmann (Foto von 2013) etwas sagen.

Zum Programm der diesjährigen Ruhrfestspiele wird deren Leiter, Dr, Frank Hoffmann (auf dem Foto von 2013 links) etwas sagen.

Auf der MITTLEREN WIESE HINTER DEM RUHRFESTSPIELHAUS macht die Initiative „Kinder stark machen“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Kooperation mit der Drogenhilfe Recklinghausen und Ostvest e.V. (DROB) und dem StadtSportVerband Recklinghausen e.V. ein spannendes Erlebnisland. An verschiedenen Mitmachstationen und auf der Aktionsbühne können Mut, Vertrauen, Teamgeist und Geschicklichkeit getestet werden. Mit dabei ist Singa Gätgens, KiKA-Moderatorin und Botschafterin von „Kinder stark machen“. Auf der WIESE AN DEN TENNISPLÄTZEN präsentieren sich Gewerkschaften, Vereine und Initiativen mit Info-Ständen.

Und ÜBERALL UND NIRGENDS tauchen schräge Gestalten und Akrobaten auf: die Besucher erwartet spektakuläre Hochseilakrobatik von retouramont vor dem Ruhrfestspielhaus, temperamentvolle Samba-Rhythmen, freches Stelzentheater, französische Chansons, magische Zaubertricks, es tummeln sich eigentümliche Wesen wie die Rhinos oder Schnappviecher und mit ein bisschen Glück lässt sich sogar Louis de Funès blicken.

Auch in diesem Jahr sorgen internationale Spezialitäten und Leckereien aus der heimischen Küche für das leibliche Wohl. Und die Vestische richtet zwischen dem Recklinghäuser Hauptbahnhof bzw. dem Kreishaus und dem Ruhrfestspielhaus ab 10.21 Uhr einen Bus-Pendelverkehr ein.

Das komplette Programm finden Sie hier.“

Informationen via Ruhrfestspiele.

Zum diesjährigen Programm mein Artikel.

Ruhrfestspiele 2015: „Tête-à-tête. Ein dramatisches Rendezvous mit Frankreich“

Blick auf den gläsernen Vorbau des Ruhrfestspielhauses mit Henry-Moor-Plastik davor; Fotos (2) Claus-D. Stille

Blick auf den gläsernen Vorbau des Ruhrfestspielhauses mit Henry-Moor-Plastik davor; Fotos (2) Claus-D. Stille

Es ist nicht Bayreuth. Aber einen grünen Hügel hat es auch in Recklinghausen. Im Stadtgarten. Auch da ziehen Festspiele Besucher an. Alljährlich. Wie in Bayreuth. Nicht der einzige Unterschied zu Bayreuth jedoch ist allerdings zugleich der wesentlichste von gleich mehreren. Bei den Ruhrfestspiele Recklinghausen, der Stadt im gleichnamigen größten Kreis Deutschlands, geht es nicht annähernd so glitzernd-elitär zu, wie es in Bayreuth zu sein pflegt. Und das ist auch gut so. Das Festival in Recklinghausen ist geerdet. Menschen und die Kunst stehen dort im Mittelpunkt. Es findet ein Dialog statt. Tradition seit mehr als sechzig Jahren. Die Ruhrfestspiele sind nicht nur eines der ältesten, sondern auch auch eines der größten Theaterfestivals Europas.

Ein altes Motto: “Kohle für Kunst – Kunst für Kohle”

Den Grundstein für dieses stets begeistert erwartete Festival wurde unmittelbar nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg von Kohle-Kumpeln aus dem Ruhrpott und Theaterleuten der Hansestadt Hamburg gelegt. Im bitter kalten Winter des Jahres 1946/47 standen die Hamburger Theater vor der Schließung. Sie verfügten über kein Heizmaterial mehr. Unmöglich Kohlen für die Beheizung ihrer Bühnen aufzutreiben.

Von ihrer Not  getrieben, fuhren Abgesandte Hamburger Theater samt Bühnenverwaltungschef daraufhin mit einem Holzvergaser-LKW ins Ruhrgebiet. Auf den dortigen Kohlenzechen wollten sie um Unterstützung ansuchen. Doch legal war da an kein Brikett zu kommen. Schließlich sollten die Theaterschaffenden dennoch Erfolg haben. Die Kumpel der Zeche König Ludwig 4/5 halfen ihnen. Unter geschickter Umgehung der Kontrolle seitens der Besatzungsmächte erhielten die Theaterleute Kohle von den Ruhrpottkumpeln. Diese noch einige Male wiederholten illegalen Aktionen halfen die Hamburger Theater wieder warm zu bekommen. Aus tiefer Dankbarkeit über die Kohle-Hilfe reisten im Sommer 150 Hamburger Theaterschaffende ins Ruhrgebiet. Sie gastierten unter dem Motto “Kunst gegen Kohle” vom 28. Juni bis zum 2. Juli 1947 im Städtischen Saalbau Recklinghausen (heute abgerissen und somit Geschichte). Eine allzu menschliche Geschichte.

Später wurde das Ruhrfestspielhaus im Stadtgarten von Recklinghausen erbaut. In den 1990er Jahren wurde der Musentempel renoviert. Alljährlich gehen unter dem Motto “Kohle für Kunst – Kunst für Kohle” die Ruhrfestspiele Recklinghausen über Bühne. Diesmal vom 1. Mai bis zum 14. Juni 2015. Mehr zur Entstehung der Ruhrfestspiele und weiteres Wissenswertes finden Sie hier (via Wikipedia; das Porträt des Festivals hier).

Vorverkauf läuft seit heute

Am heutigen 22. Januar ist der Vorverkauf angelaufen. Viele der Aufführungen sind bereits gut verkauft bzw. reserviert. der Vorverkauf für die Ruhrfestspiele 2015. Das erfährt, wer den Spielzeitkalender auf der Website der Ruhrfestspiele auf der Suche nach Inszenierungen durchsucht, die man möglicherweise zu besuchen gedenkt.

Das Motto des diesjährigen Festivals lautet „Tête-à-tête. Ein dramatisches Rendezvous mit Frankreich“. Die Ruhrfestspiele setzen vom 1. Mai bis 14. Juni 2015 voll auf die Literatur und Dramatik Frankreichs.

Klassiker und hochkarätige Schauspielgrößen

Auf die Bühne kommen Klassiker wie Molière, Eugène Labiche, Gustave Flaubert und Émile Zola. Aber auch zeitgenössische Autoren à la Bernard-Marie Koltès, Yasmina Reza, Joël Pommerat, Olivier Py, Fabrice Melquiot und Florian Zeller. Die Ruhrfestspiele informieren:

„Renommierte Theater aus Frankreich wie das Théâtre de la Manufacture aus Nancy und das Festival d´Avignon sind in diesem Jahr bei den Ruhrfestspielen zu erleben. Und wer könnte die Theaterkunst Frankreichs auf der Bühne besser verkörpern als hochkarätige französische Schauspielgrößen wie Juliette Binoche, Michel Piccoli, Hervé Pierre und André Marcon. Darüber hinaus sind gefeierte internationale wie nationale Schauspielerinnen und Schauspieler wie Jane Birkin, Isabella Rossellini, Ute Lemper, Nina Hoss, Corinna Harfouch und Wolfram Koch auf der Ruhrfestspielbühne zu erleben. Auch die sehr prominent besetzte Lesereihe widmet sich fast ausschließlich dem Frankreich-Schwerpunkt.

Die Vestlandhalle wird 2015 zur Kulisse einer beeindruckenden Performance: „François & Claire“ lautet der Titel der unkonformistischen Kreation des renommierten französischen Künstlers und Regisseurs Jean Michel Bruyère, die Hermbei den Ruhrfestspielen ihre Weltpremiere feiert. Darüber hinaus zeigt sich die Glasfassade des Ruhrfestspielhauses während der Festspielzeit in neuem Gewand – durch die schöpferische Hand des französischen Malers und Bildhauers Daniel Buren.

Spannende Uraufführungen von zeitgenössischen Autoren wie Albert Ostermaier, Christoph Nußbaumeder, Armin Petras und Dirk Laucke bereichern den Spielplan ebenso wie internationale Theater-, Tanz-, Musik- und Artistik-Produktionen, ob aus England oder Luxemburg, aus Tschechien oder Russland.

Das diesjährige FRiNGE Festival entführt die Besucher vom 12. Mai bis 6. Juni 2015 in eine Welt jenseits des Alltäglichen. Schräg, schrill, rasant und experimentierfreudig geht es dabei zu, wenn 25 Ensembles aus 11 Ländern ihre innovative Kunst präsentieren, die von Pantomime und Figurentheater über Artistik und Clownerie bis hin zu Percussion und Jazz reicht.

‚Was immer auch kommt‘, das Festivalfinale feiern die Ruhrfestspiele gemeinsam mit ihrem Publikum beim traditionellen Abschlusskonzert. Diesmal zur mitreißenden Musik des Swing- und Jazzsängers Roger Cicero. Wer die ganze Nacht durchfeiert, darf sich am darauffolgenden Morgen auf ein weiteres Konzert-Highlight freuen: Dominique Horwitz singt Jacques Brel, begleitet von der Neuen Philharmonie Westfalen – unter freiem Himmel im Stadtgarten.“

„Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“

Claus Peymann (links) und Hermann Beil (rechts) beim Signieren eines Buches.

Claus Peymann (links) und Hermann Beil (rechts) beim Signieren eines Buches im Jahr 2014.

Zu einem der Höhepunkte – unter vielen anderen der Ruhrfestspiele 2015 – dürfte sich auch Thomas Bernhards legendäres Dramolett „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“ mit Claus Peymann und Dramaturg Hermann Beil am 1. Juni gestalten. Beide waren bereits bei den vorangegangenen Ruhrfestspielen begeistert gefeiert worden (hier).

Eiffelturm und Förderturm in Kontrast gesetzt

Grafisch wird das aktuelle Motto der Ruhrfestspiele, „Tête-à-tête. Ein dramatisches Rendezvous mit Frankreich“, sehr markant und augenfällig auf der Titelseite der Festivalbroschüre und dem Internetauftritt mit dem geografischen Ort in Kontrast gesetzt, wo die Aufführungen stattfinden: Links bildet es den Eiffelturm ab, rechts einen Förderturm. Manch Kohlekumpel dürfte letzteren mit Wehmut anschauen: Ende 2015 ist für das Recklinghausen nahe Bergwerk Auguste Victoria Schluss, Ende 2018 endet der Steinkohlebergbau in Deutschland.

Ruhrfestspiel-Fans oder solche, die es werden möchten, sollten nun schnell in die Tasten greifen, um via Internet zu buchen. Beziehungsweise sich auf den Weg in die Vorverkaufsstellen machen. Die Tickets gehen nämlich erfahrungsgemäß weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln.

Ruhrfestspiele 2014 mit Besucherrekord beendet: Fast 83.000 Menschen wollten INSELREICHE entdecken

Ruhrfestspielhaus mit Henry-Moore-Plastik im Vordergrund; Foto: C.-D. Stille

Ruhrfestspielhaus mit Henry-Moore-Plastik im Vordergrund; Foto: C.-D. Stille

Ganz offenbar standen die 68. Ruhrfestspiele Recklinghausen insgesamt unter einem guten Stern. Selbst das das Ruhrgebiet und besonders Teile Recklinghausens stürmisch heimsuchende Unwetter konnte dem größten Theaterfestival Europas nichts Schlimmes antun. Die in diesem Jahr unter dem Motto „INSELREICHE. Land in Sicht – Entdeckungen“ vom 1. Mai bis 15. Juni 2014 Inseln stattgefunden habenden Festspiele ist seit Jahren in den Händen ihres Leiters Dr. Frank Hoffmann und seinem hoch engagiert arbeitendem Team augenscheinlich in guten Händen. Seit Jahren befindet sich das Festival im Aufwärtstrend.

Spielzeitreise mit interessanten Stationen

Auf seiner diesjährigen Spielzeitreise – sowohl im geographischen als auch im metaphorischen Sinne – machte das Festival Station in Irland (Eh Joe / I´ll Go On, Quietly, Endspiel, Purpurstaub, Molly Sweeney, Das Ende vom Anfang, Penelope, Warten auf Godot), Großbritannien (Der Sturm, Waisen, Verrat), Sizilien (Heinrich IV.), Japan (The Bee), Australien (Knee Deep), Island (Island One Way), auf den Kanarischen Inseln (Cambuyón) sowie auf der Iberischen Halbinsel (Don Quijote, Dali vs. Picasso).

Herausragender künstlerischer Erfolg

„Die Ruhrfestspiele 2014 landeten einen herausragenden künstlerischen Erfolg“, resümierten die Festspiele in einer Erklärung kurz vor Ende des Festivals. Das dürften viele Zuschauer unterschreiben. Inszenierungen von Werken der Pioniere des absurden Theaters Samuel Beckett und Fernando Arrabál hatten nichts Verstaubtes, sondern sendeten Zeichen in die Gegenwart. Ein Erlebnis der Extraklasse – jedenfalls für micht – war die Inszenierung von Warten auf Godot von Ivan Pateleev (für den verstorbenen Dimiter Gotscheff) mit den hervorragenden Hauptdarstellern Samuel Finzi und Wolfram Koch.

Begeisternde Aufführungen mit herausragenden SchauspielerInnen 

Begeistert wurden klassischere Aufführungen, darunter Marivaux´ „Les fausses confidences“ (in französischer Sprache mit Übertiteln) mit Isabelle Huppert und einem ingesamt glänzend aufgelegtem Schauspielensemble in der Inzenierung von Luc Bondy aufgenommen. Heiße Diskussionen dagegen entbrannten über experimentelle Produktionen wie „Der Sturm“ – rasant, tobend unter der Regie des Isländers Gísli Örn Garðarsson auf die Bühne des Ruhrfestspielhauses gebracht (u.a. mit einem, in der Auführung die ich besuchte, nach einer Erkältung noch stimmlich leicht angeschlagen, aber mit Mikroportverstärkung trotzdem alles gebenden und deshalb letzlich überzeugenden Manfred Zapatka). Oder die „Purpurstaub“-Inszenierung von Regisseur Sebastian Hartmann, der wie bei seiner früheren Ruhrfestspiel-Regiearbeit „Krieg und Frieden“ anscheinend auch diesmal wieder kein Ende finden konnte oder wollte (wegen Pururstaub hatte Kabarettist Hagen Rethers neues „Liebe“-Programm erst um eine Stunde verspätet, weil auf selber Bühne, um 23 Uhr beginnen können).

Dr. Frank Hoffmann: „In seinem Reichtum  ist die deutsche Theaterlandschaft einzigartig in der Welt“

In jedem Falle beförderten auch die 68. Ruhrfestspiele wieder kontroverse Debatten. Frank Hoffmann ist’s zufrieden. Denn „eine auf hohem Niveau geführte Diskussionskultur kann dem Theater nur guttun“, meint er. Man kann dem Festivalleiter nur tüchtig zustimmen. Und der Luxemburger Hoffmann betonte ein weiteres Mal, was vielleicht so manchem Politiker in Deutschland gar nicht immer so bewusst ist: „In seinem Reichtum ist die deutsche Theaterlandschaft einzigartig in der Welt. Es ist wichtig, diesen Reichtum zu fördern und kontinuierlich weiterzuentwickeln: durch innovative Formen des Theaters und neue Kooperationen auf internationalem Niveau.“

Positive Publikumsresonanz und gute Auslastung

Zu Recht stolz vermelden die Ruhrfestespiele Folgendes: „Innovativ waren auch in diesem Jahr die Uraufführungen und erreichten erneut eine ausnehmend positive Resonanz bei Publikum und Presse. Mit einer Auslastung von über 80Prozent bestätigte die Halle König Ludwig 1/2 ihren Rang als anerkannte und stark frequentierte Spielstätte des Festivals der Uraufführungen.

Für Kinder und Jugendliche gab es im IN-Festival gleich fünf Stücke zu entdecken. Beginnend mit spielerischem Theater für Kinder ab einem Jahr („Kugelbunt“) bis hin zu anspruchsvollem grenzübergreifenden Jugendtheater („Tahrir Tell“). Vier „schräge“ Jugendproduktionen wurden darüber hinaus im Rahmen des FRiNGE Festivals präsentiert.“

Neue Kooperationen mit anderen Häusern

Neue Kooperationen der Ruhrfestspiele gab es 2014 mit dem Célestins-Théâtre de Lyon aus Frankreich, dem Abbey Theatre Dublin und dem Gate Theatre Dublin aus Irland, dem Tokyo Metropolitan Theatre und NODA MAP aus Japan, dem Casus Circus aus Australien, dem Waktangow Staatstheater Moskau aus Russland, dem Schnawwl Mannheim, dem Theater Gütersloh, dem Deutschen Nationaltheater Weimar, dem Theater Reutlingen Die Tonne, dem HAU Hebbel am Ufer und dem Staatstheater Braunschweig. Claus Peymann, Hermann Beil und Jewgenij Sitochin bereicherten darüber hinaus erstmals die Lesereihe der Ruhrfestspiele.

Schräges

Innovationen bot auch das FRiNGE (schräg) Festival: „So ging das Off-Theaterfestival der Ruhrfestspiele in diesem Jahr in die Verlängerung. Vom 13. Mai bis 7. Juni 2014 bot es eine Woche mehr schräge, schrille und neuartige Kunst. Internationale Künstler aus zehn Ländern präsentierten ein künstlerisches Spektrum von Figurentheater über Zirkus bis hin zu elektronischer Musik. Darüber hinaus eroberte „FRiNGE im Park“ erstmals den Stadtgarten und wurde von den Besuchern begeistert aufgenommen.

Bilanz der Ruhrfestspiele kann sich sehen lassen

Die Bilanz Ruhrfestspielen 2014 kann sich sehen lassen. Die Leitung nennt die erfreulichen Zahlen: 99 Produktionen in 306 Aufführungen“ konnten erlebt werden, „darunter 8 Deutschlandpremieren, 7 Uraufführungen, 5 Premieren der Inszenierungund22 FRiNGE Produktionen.Das Gros der 18 Koproduktionen der Ruhrfestspiele wird an renommierten nationalen und internationalen Theatern weitergespielt.

Die 68. Ruhrfestspiele erreichten laut Informationsdienst Ruhr vom 13. Juni 2014 „knapp 83.000 Besucher“. Das ist nach eignen Angaben das zweitbeste Ergebnis der Geschichte der Ruhrfestspiele. Es entspreche einer einer Auslastung von knapp 80 Prozent. Ruhrfestspiele:Überaus positiv fiel das Ergebnis des FRiNGE Festivals aus. Das Off-Theater Festival hat mit über 13.000 Besuchern den Zuschauerrekord von 2012 eingestellt. Neben dem Theaterpublikum besuchten etwa 80.000 Menschen das Kulturvolksfest am 1. Mai. Hinzu kommen die zahlreichen Besucher der Ausstellung „SAGA. Kunst aus Island – Wenn Bilder erzählen“ in der Kunsthalle in Recklinghausen.

„Nachschlag“ bei der ExtraSchicht

Im Anschluss an das Abschlusskonzert mit Jupiter Jones am 14. Juni 2014 auf dem Rathausplatz Recklinghausen feierten die Ruhrfestspiele gemeinsam mit ihrem Publikum am Ruhrfestspielhaus den Ausklang der Festspiele. Einen kleinen „Nachschlag“ gibt es in diesem Jahr noch. Mit ihrer Beteiligung an der Nacht der Industriekultur legen die Ruhrfestspiele erstmals eine ExtraSchicht ein: am 28. Juni 2014 in der Halle König Ludwig 1/2.

Ansonsten: Schön war’s wieder. Auch wenn man verständlicherweise nicht überall dabei sein konnte, wo man gern dabei gewesen wäre. Also dann auf ein Neues im kommenden Jahr!

Ruhrfestspiele Recklinghausen mit bewegender „Hommage an Maximilian Schell“

"Hommage an Maximilian Schell" - Programmzettel Ruhrfestspiele; Foto: C.-D. Stille

„Hommage an Maximilian Schell“ – Programmzettel Ruhrfestspiele; Foto: C.-D. Stille

Am 15. Juni gingen die Ruhrfestspiele 2014 zu Ende. An diesem Sonntag sollte er lesen: Der große Maximilian Schell. Aus seiner Autobiographie „Ich fliege über dunkle Täler“. Als die diesjährigen Ruhrfestspiele beschließender Programm-Höhepunkt war diese Lesung gedacht. Es kam bekanntlich anders. Anfang des Jahres ist der legendäre Charakterdarsteller, Regisseur und Schriftsteller Maximilian Schell von der Weltbühne abberufen worden. Um fortan woanders besetzt zu sein?

Leitung der Ruhrfestspiele reagierte schnell

Die Leitung der Ruhrfestspiele Recklinghausen hat seinerzeit nach dem Erhalt der Todesnachricht schnell reagiert. Man kündigte eine Hommage an Maximilian Schell an, organisierte diese und richtete sie ein.

„Lieben Sie Schell …“

Am Sonntagvormittag nun war es soweit: Die avisierte Hommage wurde unter dem Titel „Lieben Sie Schell …“ auf der Bühne des Ruhrfestspielhauses präsentiert. Der Titel spielt auf die Inszenierung „Lieben Sie Strindberg …“ von Ruhrfestspielchef Frank Hoffmann an. Darin im Jahre 2009 bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen zu sehen: Maximilian Schell. Nebenbei bemerkt: Ein Erlebnis, damals diesen vielseitigen Künstler einmal life erlebt haben zu dürfen …

Für die Hommage konnten Kollegen und Familienmitglieder gewonnen werden

Festspielleiter Frank Hoffmann – der Schell in den letzten Jahren künstlerisch und menschlich sehr verbunden war – ist es prächtig und mit viel Fingerspitzengefühl gelungen, ein Programm für eine Hommage an Schell zu kreieren. Dafür konnte Hoffmann enge Vertraute und Kollegen des großen Künstlers, sowie Familienmitglieder  gewinnen, um mit ihnen gemeinsam mit dem Publikum Abschied von Maximilian Schell zu nehmen.

Erzählungen, Anekdoten, Fotografien und Filmausschnitte  aus dem reichhaltigen Leben des Künstlers

Nachdem die Saalbeleuchtung sanft verloschen war, glimmte die Szenenbeleuchtung zurückgenommen auf. Ein Flügel, Stühle, ein Tisch und ein paar Mikrofone. Die dann jeweils rezitierenden Personen wurden jeweils nur im Moment ihres Auftritts beleuchtet. Stille Auf- und Abtritte. Gespannte Ruhe im Saal.  Hinter der Szene auf eine Leinwand projiziert das Konterfei Maximilian Schells. Wie man ihn kannte: mit einen um den Hals geschlungenen Schal.

Mit „Lieben Sie Schell…“ hat man es verstanden, anhand von Erzählungen, Anekdoten, Fotografien und Filmausschnitten die verschiedenen Facetten des Menschen und des Künstlers Maximilian Schell noch einmal Revue passieren zu lassen.

Festspielintendant Hoffmann sagte jeweils das Nötigste an, stellte vor oder ergänzte. Der Schauspieler Christian Wolff trug „Die Klage der Engel und Blick zurück ohne Zorn“ aus Schells Autobiographie „Ich fliege über dunkle Täler“ vor.

Der Engel mit dem schwarzen Schal

Berührend der Vortrag von Maximilian Schells Neffe Oliver Schell. Schell ersetzte ihm offenbar den Vater, der keine Zeit für ihn hatte. Der Onkel sei immer für ihn da gewesen. Für Oliver Schell war er der Engel mit dem schwarzen Schal. Der Onkel, selbst manchmal von Depressionen erfasst, habe immer verstanden Mut zu machen: Arbeiten, so meinte der Onkel, sei gut gegen derlei düstere Anwandlungen.

Andrea Glanz-Schell, Oliver Schells Frau, trug einen Text von Margarethe Schell von Noé, der Mutter Maximilian Schells, vor.

Der Schauspieler Wolfram Koch las aus Schells Autobiographie eine Passage vor.  In welcher erzählt wird, wie der junge Maximilian Schell mit dem Filmstar Marlon Brando zusammentraf. Schell war damals im Film „Die jungen Löwen“ als deutscher Offizier besetzt worden. Schells da noch schlechtes Englisch hatte Anlaß zu Heiterkeit gegeben. Brando musste vor Lachen eine  Szene abbrechen. Von da an hatte aber Brando ein Narren an dem Schell  gefressen. Machte ihm sogar ein Buch zum Geschenk.

Ein Filmausschnitt von „Die jungen Löwen“ (Regie: Edward Dmytryk) führte noch einmal deutlich vor Augen, welch hervorragendes Schauspieltalent schon in dem jungen Schell schlummerte und zur Wirkung kam.

Das Klavier in Marias Zimmer

Der Drehbuchautor Steffen Lerchner, der eng mit Maximilian Schell zusammenarbeitete, sprach über das Haus von Maria Schell, Maxmilians große Schwester. Erzählte, das ihr Bruder das ohne Innenwände gebaute Zimmer der Schell unter dem Zimmer lag, in welchem Schell und Lerchner an einem Drehbuch arbeiteten. Als es erforderlich wurde, ein Klavierstück erklingen zu lassen, um die Wirkung zu erkunden, stellte sich heraus, dass das einzige Klavier in Marias Zimmer stand. Dies jedoch war noch deren Tod versiegelt und galt als tabuisiert. Schließlich aber, so Lerchner, schloss es Maximilian Schell auf. Alles war so wie im Augenblick ihres Todes der Maria Schell verblieben. Sogar die Kuhle im Bett, die Maria Schells Körper hinterlassen hatte, war so gelassen worden. Schließlich habe sich Maximilian Schell an das Klavier gesetzt und gespielt. Im Spiel habe er das Drehbuch vergessen …

Iva Mihanovic-Schell, Maximilian Schell Witwe, sang, auf der Gitarre begleitet von Oliver Schell, ein Lied aus „Die Brücke“.

Ulrich Kuhlmann und Jaqueline Macaulay tauchten dann wieder in „Ich fliege über dunkel Täler“ ein und lasen davon, wie eine Begegnung Maximilian Schells mit der großen Judy Garland – die zusammen drehten – verlief. Die Filmpartnerin hatte ihn aufgefordert in einer Szene sehr hart zu ihr zu sein. Schell aber hatte Bedenken: Er, ein junger unbekannter Schauspieler sollte noch dazu eine Frau und bekannte Schauspielerin anschreihen?! Letztlich funktionierte es: Garland war in der Stimmung, die sie für die Szene brauchte.

Über die Leinwand flimmerte die Szene aus „Das Urteil von Nürnberg“ (Regie: Stanley Kramer). Für seine Rolle bekam Schell seinerzeit den Oskar. Schell: Grandios!

Nach dem Drehen hatte er sich, wie Schell schreibt, dazu verstiegen die Garland zum Essen einzuladen. Mit einem Leihwagen sei sie mit ihm am Meer entlang gefahren. Plötzlich war im Autoradio „Over the Rainbow“ (Einspielung im Saal), gesungen von Judy Garland erklungen. Ein ganz besondere Stimmung habe sich sofort über sie gesenkt. Dann aber als die schrecklichen Commercials, die Werbeeinspielungen, übers Radio kamen, hatte Schell weitergekurbelt. Und plötzlich ein Klassiksender gefunden. Mozart erklang! Garland fasziniert: „Wer ist das?“ Schell: „Mozart.“ Judy Garland hatte nie Mozart gehört. Schell schreibt: Sie nahmen einander die Hände. Garlands Hand sei nass gewesen. So ergriffen hatte sie offenbar Mozart…

Rainer Klaas am Flügel spielte zwischendurch die Sätze 1 und 3 von Beethovens Mondscheinsonate.

Ein Brief am Grab

Der bildende Künstler Ben Willikens verlas einen bewegenden  Brief an Maximilian Schell, den er nur noch an dessen Grab übermitteln konnte. Festspielleiter Frank Hoffmann erinnerte daran, wie er Schell erstmalig in Willikens Atelier er traf. Und sich dann aus dieser Begegnung eine gute Zusammenarbeit entwickelte.

Schell und die Dietrich

Später erfahren die Zuschauer in Recklinghausen noch über die Begegnung von Schell mit Marlene Dietrich, die damals abgeschlossen hinter zugezogenen Gardinen in Paris lebte. Schell machte einen beachtenswerten Dokumentarfilm  („Marlene“) über die Dietrich. Mit all den dazugehörigen Schwierigkeiten. Einmal, wird vorgelesen, wird Schell in Russland von der Münchner Abendzeitung angerufen und gefragt, ob er einen Nachruf über die Dietrich schreiben würde. Nachruf? Schell fand es zunächst einigermaßen deplatziert einen Nachruf über eine noch Lebende zu schreiben. Schließlich rief er Marlene Dietrich an und fragte sie, was sie davon hielte. Die fragte zurück: „Bezahlen die gut?“ Schell: „Ja, viel.“ Die Dietrich zurück: „Dann machen Sie es!“

Geplantes Filmprojekt

Der US-Filmemacher Lawrence David Foldes sprach in Recklinghausen (in Englisch) noch über geplantes Filmprojekt („Pre-School for the Next Dimension“) zusammen mit Maximilian Schell und über diesen in voller Bewunderung und mit großem Respekt.

Begegneten sich Beethoven und Napoleon?

Auch der Drehbuchautor Steffen Lerchner arbeitete ja mit Schell an einem Filmprojekt. Darin wird, obwohl freilich Historiker keinen Hinweis darauf haben, einmal vorausgesetzt Beethoven und Napoleon hätten sich getroffen. Immerhin, so Lerchner, war Napoleon in Wien. Möglich wäre es also gewesen. Wie immer – auch Festspielleiter Dr. Frank Hoffmann sprach davon – hatte auch betreffs dieses Filmpojektes Schell Vorschläge unterbreitet. So wollte er die Szene mit Napoleon und Beethoven in einem Wiener Bordell, das es wirklich gab, spielen lassen. Die Szene wurde von Wolfram Koch (Beethoven) und Ulrich Kuhlmann (Napoleon) gelesen. Köstlich!

Schell noch einmal grandios im Film  „Die Räuber“

Last but not least flimmerten noch „Die Räuber“, ein von Frank Hoffmann inzenierter Film, mit Maximilian Schell und u.a. Wolfram Koch über die Leinwand. Auch da stellt – nun der alte Schell – noch einmal großartig unter Beweis, welch hohe Schauspielkunst er beherrschte. Die Mimik, der sprachliche Ausdruck – einfach genial. Wie einen solchen Künstler ersetzen?

Schlucken und schluchzen

Die zweistündige Hommage an Maximilian Schell neigte sich dem Ende. Immer wieder musste man, mussten hörbar viele im Saale, schlucken und schluchzen. Die Augen wurden desöfteren feucht. Taschentücher wurden aus Taschen genestelt. Keine Schande. Auch bei den Beteiligten auf der Bühne, Versenkung und Gedanken an den großen Schell.

Iva Mihanovic-Schell mit „Ave Maria“

Nun rollten die Tränen erst recht: Maximilian Schells Frau Iva Mihanovic-Schell sang hellen Klanges, abermals einfühlsam von Rainer Klaas am Flügel begleitet, Schuberts „Ave Maria“ …

Beifall gen Bühnenhimmel

Ein Riesenapplaus am Ende. Stehende Ovationen für die Leistungen eines großen Künstlers und für die Mitwirkenden dieser gelungenen Hommage (Einrichtung: Frank Hoffmann, Mitarbeit: Andreas Wagner; Assistenz: Ceyda Söyler). Tränen drücken, kullern über Zuschauerwangen. Nein, das ist nicht einer sentimental verkitschten Inszenierung geschuldet. Es ist der Ausdruck einer großen Verehrung eines facettenreichen Künstlers, für die sich niemand schämen muss.  Es war das Wissen und die tief im Herzen empfundene Trauer – auf der Bühne und im Publikum – darüber, einen wirklich ganz Großen verloren zu haben. Über den heute vormittag in Recklinghausen noch einmal schmerzhaft fühlbar gewordenen Verlust des Menschen Maximilian Schell. Der Anfang des Jahres von der Weltbühne abberufen – nun woanders? besetzten – Künstlers. Ob Schell – anderswo, nun in anderer Rolle – den tosenden Applaus zum Ende hin wohl hörte? Der Schauspieler Wolfram Koch schien daran zu glauben: Applaudierend erhob er die Arme und blickte gen Bühnenhimmel. Und manch Zuschauer tat es dem Mimen nach.

Immer wenn etwas Schönes passiert, geschieht bald wieder auch etwas Schlimmes

Danach ging es für mich vorbei an vom letzten Sturm gefällten Bäumen, einen von einem schweren Ast zertrümmerten Pkw, durch eine Allee in Recklinghausen zur Busstation. Der Hauptbahnhof arbeitet seit dem Unwetter noch nicht wieder. Die Ruhrfestspiele enden heute mit einem Konzert vorm Rathaus von Recklinghausen. Dennoch: ein schöner Tag in Recklinghausen. Auch wenn Tränen der Rührung tropften. Wie hieß es doch eben noch in von Schauspielern vorgetragenen Zeilen aus Schells Autobiographie: Immer wenn etwas Schönes geschieht, passiert auch bald wieder auch etwas Schlimmes …