Ruhrfestspiele 2017: Mit politischem Programm „eines der besten Ergebnisse“ erzielt

„Kopfüber Weltunter“ – Motto der 71. Ruhrfestspiele. Foto: C. Stille

Die Welt ist wieder einmal aus den Fugen. Und Besserung ist anscheinend nicht in Sicht. Insofern konnte deren prekärer Zustand nicht besser durch das Motto der Ruhrfestspiele 2017 „Kopfüber Weltunter“ Ausdruck finden.

„Die Welt ändert sich. Stetig“, erklärten die Ruhrfestspiele Anfang dieses Jahres. „Und immer schneller, so zumindest ist der Eindruck. Angesichts des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels und der radikalen Umbrüche, die unsere Weltordnung zunehmend ins Wanken bringen, meint man mitunter, die Welt stehe Kopf. Oder schlimmer noch, sie stehe kurz vor dem Untergang. Ein Zustand, der Ängste schürt, Ratlosigkeit auslöst, Ungewissheit hervorruft, in welche Richtung die Zukunft führt: abwärts oder aufwärts? Dabei vergisst man häufig, dass der Veränderung auch stets eine Chance innewohnt: auf Fortschritt, Verbesserung, Neubeginn.“

Unter dem Motto „Kopfüber Weltunter“ (meine Ankündigung) also setzten sich die Ruhrfestspiele vom 1. Mai bis 18. Juni 2017 mit diesem schwer fassbaren Schwebezustand auseinander.

Resümee der Ruhrfestspiele

Das Programm der Ruhrfestspiele sei in diesem Jahr „so politisch wie selten zuvor“ gewesen.  82.668 Besucher sahen die präsentierten Aufführungen auf Recklinghausens grünen Hügel im Stadtpark.

„Unter dem Leitthema „Kopfüber Weltunter“ setzten sich die diesjährigen Festspiele mit dem Gefühl des Chaos und der Unsicherheit in Zeiten des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels und der radikalen Umbrüche künstlerisch auseinander.

„Das Thema ‚Kopfüber Weltunter‘ traf ins Schwarze, die Ruhrfestspiele sind am Puls der Zeit“, so Festspielleiter Frank Hoffmann. „Das Programm veranschaulicht mehr denn je, wie die politische Lage auf die menschliche Psyche einwirkt, wie sie Einfluss nimmt auf jeden Einzelnen und auf die Gesellschaft als Ganzes. Das Interesse, Politik zu hinterfragen, nimmt gegenwärtig merklich zu. Mit unserem Spielzeitprogramm haben wir diese Diskussionskultur noch befeuert.“

Blick von der Bar im Ruhrfestspielhaus ins Freie. Foto: C. Stille

Produktionen wie Strindbergs atemloser „Rausch“, Akhtars pointiertes „Geächtet“ und Canettis entgleiste „Hochzeit“ beschäftigten sich ganz konkret mit der Angst und Verunsicherung des Menschen, der sich zunehmend selbst in Frage stellt. Fundamentale Wende­punkte standen im Fokus: von der Reformation über die Russische Revolution bis zur ukrainischen Revolution, die in „Counting Sheep“ besonders bewegend auf die Bühne gebracht wurde. Inszenierungen wie die Uraufführung von „Hool“ und die atemberaubende Street Dance-Performance „FLEXN“ in der Regie von Peter Sellars und Reggie (Regg Roc) Gray setzen sich eindrucksvoll mit dem Thema Gewalt auseinander, Stücke wie „Bomben­stim­mung“ und „Schlaraffenland“ sprachen das Thema Terror mit durchaus bissigem Humor an.

Die Ruhrfestspiele 2017 spiegeln die neuesten Entwicklungen der Theaterlandschaft in all ihrer Vielfalt. Die einzelnen Produktionen zeigen eine beachtliche Bandbreite an Inszenierungsansätzen in der Auseinandersetzung mit dem Motto „Kopfüber Weltunter“, die jeweils einer ganz eigenen Bühnenästhetik folgen. Von Robert Wilsons bildgewaltiger Inszenierung von „Der Sandmann“ über die avantgardistischen Choreogra­phien „Lego/Antitesi“ und den dekonstruierten „Berlin Alexanderplatz“ bis hin zu der szenisch-musika­lischen Lesung von „Prome­theus/ Egmont“ und dem chorischen Doppelabend „Die Maß­nahme/Die Perser“. In jeder Insze­nierung wurde eine andere Facette des Themas beleuchtet – und dies genreübergreifend: Von Schauspiel über Musiktheater und Tanz bis hin zu den Lesungen und der dies­jäh­ri­gen Kunstausstellung „Zwischen Krieg und Frieden – Der schwie­­rige Weg zur Avantgarde“ – das Leitthema „Kopfüber Weltunter“ war allgegenwärtig.

Nicht nur Genre- auch Landesgrenzen wurden in der Spielzeit 2017 überwunden, denn auch in diesem Jahr war das Festival wieder international aufgestellt. „Your Love is Fire – Deine Liebe ist Feuer“ stellte den Krieg in Syrien in den Mittelpunkt, mit „Ein Mann, der hoch zum Himmel fliegt“ bereicherte ein regimekritisches Stück aus China den Spielplan und der südafrikanische Autor und Regisseur Mpumelelo Paul Grootboom blickte in „Out in Africa – Tief in Afrika“ aus der verzerrten Perspektive des Europäers auf den afrikanischen Kontinent.

Bemerkenswert in Hinblick auf die Besucherzahlen ist in diesem Jahr die überdurchschnittliche Anzahl verkaufter Karten während des Festivals. Viele Besucher haben sich offenkundig auf Grund von Empfehlungen zum Kartenkauf entschlossen – sei es durch Berichte anderer Besucher oder durch die Presseberichterstattung. 14.784 Karten wurden seit dem 1. Mai verkauft, so viele wie nie zuvor.“

Insgesamt seien bei den Ruhrfestspielen 2017 108 Produktionen in 328 Aufführungen und 21 Spielstätten zu erleben gewesen. Darunter 10 Uraufführungen, 1 Weltpremiere, 1 Europa­premiere, 1 Deutsche Erstaufführung, 1 Deutschsprachige Erstaufführung, 5 Deutschland­premieren und 25 FRiNGE Produktionen. Erfreulich: „Das Gros der 17 Koproduktionen der Ruhr­­­­festspiele wird an renommierten nationalen und internationalen Theatern weitergespielt.“

Nach Informationen der Veranstalter erzielten die 71. Ruhrfestspiele mit 82.668 Besuchern eines der besten Ergebnisse der Ruhrfestspiele. Dies entspreche einer Auslastung von 83,9 %. Das Kulturvolksfest am 1. Mai besuchten trotz Regenwetters immerhin noch 40.000 Menschen. Im vergangenem Jahr waren ca. 100.000 Menschen gekommen.

Der persönliche Blick. Vorm Ruhrfestspielhaus und der Henry-Moore-Plastik. Foto: C. Stille

Meine persönlichen Favoriten des Festivals 2017

In diesem Jahr waren dies folgende Veranstaltungen: „Der Sandmann“ nach E.T.A. Hoffmann in einer Inszenierung (Ruhrfestspiele Recklinghausen/Düsseldorfer Schauspielhaus) bei der jedes Theaterzahnrädchen perfekt ineinandergriff und das SchauspielerInneensemble betrefffs seiner  Leistungen dem nicht nachstand. Kein Wunder, hatte doch Robert Wilson („The Black Rider“) als Theatermagier alle Fäden (Regie, Bühnenbild und Lichtkonzept) in der Hand. Frappierend. Grandios!

Nicht weniger begeisterte mich Sebastian Hartmanns „Berlin Alexanderplatz“ (Deutsches Theater Berlin) trotz der Spieldauer von 4 Stunden 30 Minuten. Ist aber nur Menschen e2mfohlen, welche Döblins Roman oder Fassbinders Film kennen. Denn, wie auch Stück berlinernd zum Besten gegeben wird: Wer eines von beiden nicht kennt, „der vasteht sowieso nüscht“.

Zu früher sonntäglicher Stunde gab ich mich der nachdenklich machenden Lesung

Claudia Amm und Günter Lamprecht beim Signieren. Foto: Stille

von „Der Engel schwieg“ (Heinrich Böll). Seinerzeit hatte man dies despektierlich „Trümmerliteratur“ genannt. Einfühlsam gelesen von Günter Lamprecht und seiner Frau Claudia Amm. Am meisten freute es mich für Lamprecht, dass der nun wieder ohne Stock laufen konnte. Seinerzeit hatte man dies despektierlich „Trümmerliteratur“ genannt. Ein großartiger Vormittag!

Und last but not least nach zwei Jahren wieder einmal Late-Night-Kabarett mit Hagen Rether. In der neuen Ausgabe seines Programmes „Liebe“ bekam wieder so mancher auf den Hut. Und es konnte einem passieren, dass einem selbst das Lachen im Halse steckenblieb. Denn keiner ist ohne Fehler. Rether stellt wie angekündigt den sogenannten gesellschaftlichen Konsens vom Kopf auf die Füße. Bravourös. Das saß wieder einmal!

(mit Ruhrfestspiele)

 

 

 

Ruhrfestspiele 2014 mit Besucherrekord beendet: Fast 83.000 Menschen wollten INSELREICHE entdecken

Ruhrfestspielhaus mit Henry-Moore-Plastik im Vordergrund; Foto: C.-D. Stille

Ruhrfestspielhaus mit Henry-Moore-Plastik im Vordergrund; Foto: C.-D. Stille

Ganz offenbar standen die 68. Ruhrfestspiele Recklinghausen insgesamt unter einem guten Stern. Selbst das das Ruhrgebiet und besonders Teile Recklinghausens stürmisch heimsuchende Unwetter konnte dem größten Theaterfestival Europas nichts Schlimmes antun. Die in diesem Jahr unter dem Motto „INSELREICHE. Land in Sicht – Entdeckungen“ vom 1. Mai bis 15. Juni 2014 Inseln stattgefunden habenden Festspiele ist seit Jahren in den Händen ihres Leiters Dr. Frank Hoffmann und seinem hoch engagiert arbeitendem Team augenscheinlich in guten Händen. Seit Jahren befindet sich das Festival im Aufwärtstrend.

Spielzeitreise mit interessanten Stationen

Auf seiner diesjährigen Spielzeitreise – sowohl im geographischen als auch im metaphorischen Sinne – machte das Festival Station in Irland (Eh Joe / I´ll Go On, Quietly, Endspiel, Purpurstaub, Molly Sweeney, Das Ende vom Anfang, Penelope, Warten auf Godot), Großbritannien (Der Sturm, Waisen, Verrat), Sizilien (Heinrich IV.), Japan (The Bee), Australien (Knee Deep), Island (Island One Way), auf den Kanarischen Inseln (Cambuyón) sowie auf der Iberischen Halbinsel (Don Quijote, Dali vs. Picasso).

Herausragender künstlerischer Erfolg

„Die Ruhrfestspiele 2014 landeten einen herausragenden künstlerischen Erfolg“, resümierten die Festspiele in einer Erklärung kurz vor Ende des Festivals. Das dürften viele Zuschauer unterschreiben. Inszenierungen von Werken der Pioniere des absurden Theaters Samuel Beckett und Fernando Arrabál hatten nichts Verstaubtes, sondern sendeten Zeichen in die Gegenwart. Ein Erlebnis der Extraklasse – jedenfalls für micht – war die Inszenierung von Warten auf Godot von Ivan Pateleev (für den verstorbenen Dimiter Gotscheff) mit den hervorragenden Hauptdarstellern Samuel Finzi und Wolfram Koch.

Begeisternde Aufführungen mit herausragenden SchauspielerInnen 

Begeistert wurden klassischere Aufführungen, darunter Marivaux´ „Les fausses confidences“ (in französischer Sprache mit Übertiteln) mit Isabelle Huppert und einem ingesamt glänzend aufgelegtem Schauspielensemble in der Inzenierung von Luc Bondy aufgenommen. Heiße Diskussionen dagegen entbrannten über experimentelle Produktionen wie „Der Sturm“ – rasant, tobend unter der Regie des Isländers Gísli Örn Garðarsson auf die Bühne des Ruhrfestspielhauses gebracht (u.a. mit einem, in der Auführung die ich besuchte, nach einer Erkältung noch stimmlich leicht angeschlagen, aber mit Mikroportverstärkung trotzdem alles gebenden und deshalb letzlich überzeugenden Manfred Zapatka). Oder die „Purpurstaub“-Inszenierung von Regisseur Sebastian Hartmann, der wie bei seiner früheren Ruhrfestspiel-Regiearbeit „Krieg und Frieden“ anscheinend auch diesmal wieder kein Ende finden konnte oder wollte (wegen Pururstaub hatte Kabarettist Hagen Rethers neues „Liebe“-Programm erst um eine Stunde verspätet, weil auf selber Bühne, um 23 Uhr beginnen können).

Dr. Frank Hoffmann: „In seinem Reichtum  ist die deutsche Theaterlandschaft einzigartig in der Welt“

In jedem Falle beförderten auch die 68. Ruhrfestspiele wieder kontroverse Debatten. Frank Hoffmann ist’s zufrieden. Denn „eine auf hohem Niveau geführte Diskussionskultur kann dem Theater nur guttun“, meint er. Man kann dem Festivalleiter nur tüchtig zustimmen. Und der Luxemburger Hoffmann betonte ein weiteres Mal, was vielleicht so manchem Politiker in Deutschland gar nicht immer so bewusst ist: „In seinem Reichtum ist die deutsche Theaterlandschaft einzigartig in der Welt. Es ist wichtig, diesen Reichtum zu fördern und kontinuierlich weiterzuentwickeln: durch innovative Formen des Theaters und neue Kooperationen auf internationalem Niveau.“

Positive Publikumsresonanz und gute Auslastung

Zu Recht stolz vermelden die Ruhrfestespiele Folgendes: „Innovativ waren auch in diesem Jahr die Uraufführungen und erreichten erneut eine ausnehmend positive Resonanz bei Publikum und Presse. Mit einer Auslastung von über 80Prozent bestätigte die Halle König Ludwig 1/2 ihren Rang als anerkannte und stark frequentierte Spielstätte des Festivals der Uraufführungen.

Für Kinder und Jugendliche gab es im IN-Festival gleich fünf Stücke zu entdecken. Beginnend mit spielerischem Theater für Kinder ab einem Jahr („Kugelbunt“) bis hin zu anspruchsvollem grenzübergreifenden Jugendtheater („Tahrir Tell“). Vier „schräge“ Jugendproduktionen wurden darüber hinaus im Rahmen des FRiNGE Festivals präsentiert.“

Neue Kooperationen mit anderen Häusern

Neue Kooperationen der Ruhrfestspiele gab es 2014 mit dem Célestins-Théâtre de Lyon aus Frankreich, dem Abbey Theatre Dublin und dem Gate Theatre Dublin aus Irland, dem Tokyo Metropolitan Theatre und NODA MAP aus Japan, dem Casus Circus aus Australien, dem Waktangow Staatstheater Moskau aus Russland, dem Schnawwl Mannheim, dem Theater Gütersloh, dem Deutschen Nationaltheater Weimar, dem Theater Reutlingen Die Tonne, dem HAU Hebbel am Ufer und dem Staatstheater Braunschweig. Claus Peymann, Hermann Beil und Jewgenij Sitochin bereicherten darüber hinaus erstmals die Lesereihe der Ruhrfestspiele.

Schräges

Innovationen bot auch das FRiNGE (schräg) Festival: „So ging das Off-Theaterfestival der Ruhrfestspiele in diesem Jahr in die Verlängerung. Vom 13. Mai bis 7. Juni 2014 bot es eine Woche mehr schräge, schrille und neuartige Kunst. Internationale Künstler aus zehn Ländern präsentierten ein künstlerisches Spektrum von Figurentheater über Zirkus bis hin zu elektronischer Musik. Darüber hinaus eroberte „FRiNGE im Park“ erstmals den Stadtgarten und wurde von den Besuchern begeistert aufgenommen.

Bilanz der Ruhrfestspiele kann sich sehen lassen

Die Bilanz Ruhrfestspielen 2014 kann sich sehen lassen. Die Leitung nennt die erfreulichen Zahlen: 99 Produktionen in 306 Aufführungen“ konnten erlebt werden, „darunter 8 Deutschlandpremieren, 7 Uraufführungen, 5 Premieren der Inszenierungund22 FRiNGE Produktionen.Das Gros der 18 Koproduktionen der Ruhrfestspiele wird an renommierten nationalen und internationalen Theatern weitergespielt.

Die 68. Ruhrfestspiele erreichten laut Informationsdienst Ruhr vom 13. Juni 2014 „knapp 83.000 Besucher“. Das ist nach eignen Angaben das zweitbeste Ergebnis der Geschichte der Ruhrfestspiele. Es entspreche einer einer Auslastung von knapp 80 Prozent. Ruhrfestspiele:Überaus positiv fiel das Ergebnis des FRiNGE Festivals aus. Das Off-Theater Festival hat mit über 13.000 Besuchern den Zuschauerrekord von 2012 eingestellt. Neben dem Theaterpublikum besuchten etwa 80.000 Menschen das Kulturvolksfest am 1. Mai. Hinzu kommen die zahlreichen Besucher der Ausstellung „SAGA. Kunst aus Island – Wenn Bilder erzählen“ in der Kunsthalle in Recklinghausen.

„Nachschlag“ bei der ExtraSchicht

Im Anschluss an das Abschlusskonzert mit Jupiter Jones am 14. Juni 2014 auf dem Rathausplatz Recklinghausen feierten die Ruhrfestspiele gemeinsam mit ihrem Publikum am Ruhrfestspielhaus den Ausklang der Festspiele. Einen kleinen „Nachschlag“ gibt es in diesem Jahr noch. Mit ihrer Beteiligung an der Nacht der Industriekultur legen die Ruhrfestspiele erstmals eine ExtraSchicht ein: am 28. Juni 2014 in der Halle König Ludwig 1/2.

Ansonsten: Schön war’s wieder. Auch wenn man verständlicherweise nicht überall dabei sein konnte, wo man gern dabei gewesen wäre. Also dann auf ein Neues im kommenden Jahr!

Ruhrfestspiele 2014: Rether später

Viertel vor Rether ...; Foto: Claus-Dieter Stille

Viertel vor Rether …; Foto: Claus-Dieter Stille

Den Letzten beißen die Hunde, heißt es im Volksmund. Nun, im Falle von Spitzenkabarettist Hagen Rether, seinem abermals „Liebe“ benamten Programm – am vergangenen Freitag bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen unter der Rubrik „Late Night Kabarett“ eingeladen – griff dieser Volksmundsatz. Late Night bedeutet bei den Ruhrfestspielen: Beginn 22:00 Uhr. Und das ist spät, wie schon der englische Titel der Rubrik androht. Das ist hart. Sehr hart. Erst recht, wenn man wie ich am nächsten Morgen sehr früh zur Arbeit muss! Aber sich Hagen Rether entgehen lassen? Das geht gar nicht!

Verspätung

So stapfte ich denn nach kleiner Stärkung und ein paar Runden ums Festspielhaus erwartungsvoll die Treppe zum Großen Theatersaal hinauf. Ebenso andere erwartungsvoll gestimmte Kabarettfreundinnen und Freunde. Doch die Türen fanden wir zehn vor zehnd noch immer verschlossen. Davor die stets sehr freundlichen Einlaßkräfte des Hauses. Nun aber in Funktion von achselzuckend abweisenden Türwächtern. Leider, so wurde uns beschieden, müsse Hagen Rether später anfangen. Später? Later! So um eine Stunde könnte es wohl dann losgehen. Herzstillstand! Krampfend sah ich meine Felle, bzw. die bis zum frühen Dienstbeginn am nächsten Tag ohnehin schon knapp bemessene Schlafenszeit davonschwimmen. Murren und Brummen beim verdutzten Publikum. Was war geschehen?

„Purpurstaub“ mit Überlänge

Hagen Rether und uns Rether-Fans wurden betreffs des letzten Programmpunktes nicht von den vom Volksmund so bezeichneten Hunden gebissen, sondern von Regisseur Sebastian Hartmann. Der hatte das Stück „Purpurstaub“ von Sean O’Casey inszeniert und offenbar betreffs der Spielzeit auch dieser Inszenierung wieder einmal kein Ende gefunden. Mir trat der Schweiß auf die Stirn. Ich erinnerte mich an Hartmanns Inszenierung an gleicher Stelle vor einiger Zeit: „Krieg und Frieden“. Das war außergewöhnlich, verrückt, fesselnd aber auch fast fünf Stunden lang gewesen.

Getränke für Umme gingen auf’s Haus

Die Festspielleitung schenkte zur Besänftigung der wartenden Massen O-Saft, Sekt und Grappa für Umme – aufs Haus-  aus. Und es klappte: bis auf Wenige blieben alle Rether-Fans. Die sind hart im Nehmen.

Fleischgeruch und ein Angebot zur Güte

Nachdem ein ZDF-Fernsehteam aus einer Tür getreten war, das „Purpurstaub“-Publikum von viereinhalb Stunden (ohne Pause!) dauernden Inzenierung (die Zuschauer hatten selbst bestimmen können, wann sie Pause machten, herausgehen und wann wieder hineingehen wollten- wie demokratisch!) geschieden und Saal geleert hatte, vergingen noch viele Minuten: Die Bühne musste noch umgebaut werden. Mein Herz!

Als dann unter erlösendem Applaus der arme Hagen Rether endlich auf die Bühne treten konnte, war es bereits nach 23.00 Uhr. Aber alles wurde gut. Rether machte wie wir alle gute Miene zum anstrengendem Spiel. „Und das“, waren Rethers erste Worte, „wo ich bekannt bin für meine kurzen Programme!“ Lachen im Saal. Unter drei Stunden (mit Pause) macht der Rether es nicht. Man war hin- und hergerissen. Zwischen beginnender Müdigkeit und Rether unbedingt und zwar bis zum Schluss erleben zu wollen. Schließlich machte der ein Vorschlag zur Güte, der Zustimmung fand: „Es ist ja auch schwer, sich um diese Zeit zu konzentrieren. Wir machen so bis gegen halb zwei und lassen die Pause weg.“ Und so geschah es. Leichte Schwaden ziehen sichtbar vom hinterm Vorhang kommend gen Scheinwerfer auf der Zuschauerbrücke. Rether: „Grillen die hier? Fleisch! Sauerei, die wissen das ich Vegetarier bin. Wollen die mich ärgern?“

Das verzwickt und zugenähte Geflecht aus politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten

Niemand bereute es. Das behaupte ich hier mal. Rether war wieder einmal scharfzüngig, auf dem Laufenden und angriffslustig und Nach-Denken anregend gut. Die Welt und das uns nicht minder betreffende Innere hierzulande wurde von unterschiedlicher Seite seziert. Und die nicht zufriedenstellende Umstände benannt und gegeißelt. Dabei bedenkend, das unsere Welt ständig immer komplizierter wird. Und das verzwickt und zugenähte Geflecht aus politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten zunehmend undurchsichtiger wird (bzw. gemacht wird).

Medialer Radau als Ablenkung

All das lotet Rether aus und macht sich laut Gedanken darüber, die sich auch das Publikum machen dürfte. Freilich bennent er die Strippenzieher hintern den Konzern- und Regierungskulissen und macht klar, wer die Marionetten, Strohmänner und wer die Sündenböcke sind, die das Verzapfte dann mehr oder weniger bitter ausbaden müssen. Rether gibt sich Mühe, den nicht selten mit Vorsatz verborgenen Nutzen von Klischees und Drohkulissen aufzudecken. Und er entdeckt dem Publikum, das zu Sensationen Gemachtes nichts als Radau mit Bedacht ist. Mediale Ablenkungsmanöver, die verdecken sollen, wie das Volk letztlich verarscht und abgezogen wird. All spricht Rether an und hinterfragt es. Eröffnet, wie Politik- und Talksendungen mehr verwirren, als das uns aufklären.

„Warum machen wir das?“

„Warum lassen wir uns das gefallen?“, fragt Hagen Rether. Oder: „Warum machen wir das?“ Ist es wirklich nötig – um das fragen, muss man gewiss kein Vergetarier sein – das in einem Fleischbetrieb in Rheda-Wiedenbrück täglich (täglich!) ca. 14 000 Schweine geschlachtet werden? Und damit kam Hagen Rether zur Verantwortung des Einzelnen.  Auf den Punkt gewissermaßen! Klar ist es richtig die zu nennen, die uns das alles einbrocken. Meist aus purer Profitgier.

Doch der springende Punkt ist doch: Nicht nur „die da oben“ drehen dieses Rad. Das große. Vielleicht. Aber sind nicht wir alle viele kleine Räder, die machen, dass das große Rad seine Runde nahezu ungehindert drehen kann? Darüber lohnt es sich doch einmal nachzudenken. Was wir als Konsumenten eigentlich für eine Macht haben! Warum nutzen wir sie dann nicht? Gewohnheit. Ja. Aber kann das denn eine Entschuldigung sein? Wo wir doch um mit Nietzsche zu sprechen doch wohl längst am Abgrund stehen. Schaut man lange genug in einen Abgrund hinein, schaut der irgendwann in uns zurück. Mit Sicherheit schaut der schon eine Weile, meine ich.

Hoffnung, das Aufklärung nützt und Umkehr möglich ist, bleibt

Doch Hagen Rether hat es noch nicht aufgegeben, daran zu glauben, dass Aufklärung etwas bringen kann. Und Möglichkeiten zur Umkehr bestehen. Wir müssten es nur tun! Das ist die Quintessenz des Abends. Beziehungsweise der frühen Nacht. Die für mich in den frühen Morgen und von Recklinghausen wieder nach Dortmund führte.

Dass ich am Sonntagfrüh sehr müde in die Arbeit ging und von dieser am Nachmittag noch müder wieder nach Hause schlich – auf dem Zahnfleisch sozusagen – muss ich doch wohl nicht extra betonen?

Den Letzten beißen eben die Hunde. Aber von Hagen Rether gebissen zu werden, hat schon was …

Hagen Rether Homepage

Informationen zu den Ruhrfestspielen 2014