Ruhrfestspiele 2014 mit Besucherrekord beendet: Fast 83.000 Menschen wollten INSELREICHE entdecken

Ruhrfestspielhaus mit Henry-Moore-Plastik im Vordergrund; Foto: C.-D. Stille

Ruhrfestspielhaus mit Henry-Moore-Plastik im Vordergrund; Foto: C.-D. Stille

Ganz offenbar standen die 68. Ruhrfestspiele Recklinghausen insgesamt unter einem guten Stern. Selbst das das Ruhrgebiet und besonders Teile Recklinghausens stürmisch heimsuchende Unwetter konnte dem größten Theaterfestival Europas nichts Schlimmes antun. Die in diesem Jahr unter dem Motto „INSELREICHE. Land in Sicht – Entdeckungen“ vom 1. Mai bis 15. Juni 2014 Inseln stattgefunden habenden Festspiele ist seit Jahren in den Händen ihres Leiters Dr. Frank Hoffmann und seinem hoch engagiert arbeitendem Team augenscheinlich in guten Händen. Seit Jahren befindet sich das Festival im Aufwärtstrend.

Spielzeitreise mit interessanten Stationen

Auf seiner diesjährigen Spielzeitreise – sowohl im geographischen als auch im metaphorischen Sinne – machte das Festival Station in Irland (Eh Joe / I´ll Go On, Quietly, Endspiel, Purpurstaub, Molly Sweeney, Das Ende vom Anfang, Penelope, Warten auf Godot), Großbritannien (Der Sturm, Waisen, Verrat), Sizilien (Heinrich IV.), Japan (The Bee), Australien (Knee Deep), Island (Island One Way), auf den Kanarischen Inseln (Cambuyón) sowie auf der Iberischen Halbinsel (Don Quijote, Dali vs. Picasso).

Herausragender künstlerischer Erfolg

„Die Ruhrfestspiele 2014 landeten einen herausragenden künstlerischen Erfolg“, resümierten die Festspiele in einer Erklärung kurz vor Ende des Festivals. Das dürften viele Zuschauer unterschreiben. Inszenierungen von Werken der Pioniere des absurden Theaters Samuel Beckett und Fernando Arrabál hatten nichts Verstaubtes, sondern sendeten Zeichen in die Gegenwart. Ein Erlebnis der Extraklasse – jedenfalls für micht – war die Inszenierung von Warten auf Godot von Ivan Pateleev (für den verstorbenen Dimiter Gotscheff) mit den hervorragenden Hauptdarstellern Samuel Finzi und Wolfram Koch.

Begeisternde Aufführungen mit herausragenden SchauspielerInnen 

Begeistert wurden klassischere Aufführungen, darunter Marivaux´ „Les fausses confidences“ (in französischer Sprache mit Übertiteln) mit Isabelle Huppert und einem ingesamt glänzend aufgelegtem Schauspielensemble in der Inzenierung von Luc Bondy aufgenommen. Heiße Diskussionen dagegen entbrannten über experimentelle Produktionen wie „Der Sturm“ – rasant, tobend unter der Regie des Isländers Gísli Örn Garðarsson auf die Bühne des Ruhrfestspielhauses gebracht (u.a. mit einem, in der Auführung die ich besuchte, nach einer Erkältung noch stimmlich leicht angeschlagen, aber mit Mikroportverstärkung trotzdem alles gebenden und deshalb letzlich überzeugenden Manfred Zapatka). Oder die „Purpurstaub“-Inszenierung von Regisseur Sebastian Hartmann, der wie bei seiner früheren Ruhrfestspiel-Regiearbeit „Krieg und Frieden“ anscheinend auch diesmal wieder kein Ende finden konnte oder wollte (wegen Pururstaub hatte Kabarettist Hagen Rethers neues „Liebe“-Programm erst um eine Stunde verspätet, weil auf selber Bühne, um 23 Uhr beginnen können).

Dr. Frank Hoffmann: „In seinem Reichtum  ist die deutsche Theaterlandschaft einzigartig in der Welt“

In jedem Falle beförderten auch die 68. Ruhrfestspiele wieder kontroverse Debatten. Frank Hoffmann ist’s zufrieden. Denn „eine auf hohem Niveau geführte Diskussionskultur kann dem Theater nur guttun“, meint er. Man kann dem Festivalleiter nur tüchtig zustimmen. Und der Luxemburger Hoffmann betonte ein weiteres Mal, was vielleicht so manchem Politiker in Deutschland gar nicht immer so bewusst ist: „In seinem Reichtum ist die deutsche Theaterlandschaft einzigartig in der Welt. Es ist wichtig, diesen Reichtum zu fördern und kontinuierlich weiterzuentwickeln: durch innovative Formen des Theaters und neue Kooperationen auf internationalem Niveau.“

Positive Publikumsresonanz und gute Auslastung

Zu Recht stolz vermelden die Ruhrfestespiele Folgendes: „Innovativ waren auch in diesem Jahr die Uraufführungen und erreichten erneut eine ausnehmend positive Resonanz bei Publikum und Presse. Mit einer Auslastung von über 80Prozent bestätigte die Halle König Ludwig 1/2 ihren Rang als anerkannte und stark frequentierte Spielstätte des Festivals der Uraufführungen.

Für Kinder und Jugendliche gab es im IN-Festival gleich fünf Stücke zu entdecken. Beginnend mit spielerischem Theater für Kinder ab einem Jahr („Kugelbunt“) bis hin zu anspruchsvollem grenzübergreifenden Jugendtheater („Tahrir Tell“). Vier „schräge“ Jugendproduktionen wurden darüber hinaus im Rahmen des FRiNGE Festivals präsentiert.“

Neue Kooperationen mit anderen Häusern

Neue Kooperationen der Ruhrfestspiele gab es 2014 mit dem Célestins-Théâtre de Lyon aus Frankreich, dem Abbey Theatre Dublin und dem Gate Theatre Dublin aus Irland, dem Tokyo Metropolitan Theatre und NODA MAP aus Japan, dem Casus Circus aus Australien, dem Waktangow Staatstheater Moskau aus Russland, dem Schnawwl Mannheim, dem Theater Gütersloh, dem Deutschen Nationaltheater Weimar, dem Theater Reutlingen Die Tonne, dem HAU Hebbel am Ufer und dem Staatstheater Braunschweig. Claus Peymann, Hermann Beil und Jewgenij Sitochin bereicherten darüber hinaus erstmals die Lesereihe der Ruhrfestspiele.

Schräges

Innovationen bot auch das FRiNGE (schräg) Festival: „So ging das Off-Theaterfestival der Ruhrfestspiele in diesem Jahr in die Verlängerung. Vom 13. Mai bis 7. Juni 2014 bot es eine Woche mehr schräge, schrille und neuartige Kunst. Internationale Künstler aus zehn Ländern präsentierten ein künstlerisches Spektrum von Figurentheater über Zirkus bis hin zu elektronischer Musik. Darüber hinaus eroberte „FRiNGE im Park“ erstmals den Stadtgarten und wurde von den Besuchern begeistert aufgenommen.

Bilanz der Ruhrfestspiele kann sich sehen lassen

Die Bilanz Ruhrfestspielen 2014 kann sich sehen lassen. Die Leitung nennt die erfreulichen Zahlen: 99 Produktionen in 306 Aufführungen“ konnten erlebt werden, „darunter 8 Deutschlandpremieren, 7 Uraufführungen, 5 Premieren der Inszenierungund22 FRiNGE Produktionen.Das Gros der 18 Koproduktionen der Ruhrfestspiele wird an renommierten nationalen und internationalen Theatern weitergespielt.

Die 68. Ruhrfestspiele erreichten laut Informationsdienst Ruhr vom 13. Juni 2014 „knapp 83.000 Besucher“. Das ist nach eignen Angaben das zweitbeste Ergebnis der Geschichte der Ruhrfestspiele. Es entspreche einer einer Auslastung von knapp 80 Prozent. Ruhrfestspiele:Überaus positiv fiel das Ergebnis des FRiNGE Festivals aus. Das Off-Theater Festival hat mit über 13.000 Besuchern den Zuschauerrekord von 2012 eingestellt. Neben dem Theaterpublikum besuchten etwa 80.000 Menschen das Kulturvolksfest am 1. Mai. Hinzu kommen die zahlreichen Besucher der Ausstellung „SAGA. Kunst aus Island – Wenn Bilder erzählen“ in der Kunsthalle in Recklinghausen.

„Nachschlag“ bei der ExtraSchicht

Im Anschluss an das Abschlusskonzert mit Jupiter Jones am 14. Juni 2014 auf dem Rathausplatz Recklinghausen feierten die Ruhrfestspiele gemeinsam mit ihrem Publikum am Ruhrfestspielhaus den Ausklang der Festspiele. Einen kleinen „Nachschlag“ gibt es in diesem Jahr noch. Mit ihrer Beteiligung an der Nacht der Industriekultur legen die Ruhrfestspiele erstmals eine ExtraSchicht ein: am 28. Juni 2014 in der Halle König Ludwig 1/2.

Ansonsten: Schön war’s wieder. Auch wenn man verständlicherweise nicht überall dabei sein konnte, wo man gern dabei gewesen wäre. Also dann auf ein Neues im kommenden Jahr!

Ruhrfestspiele Recklinghausen mit bewegender „Hommage an Maximilian Schell“

"Hommage an Maximilian Schell" - Programmzettel Ruhrfestspiele; Foto: C.-D. Stille

„Hommage an Maximilian Schell“ – Programmzettel Ruhrfestspiele; Foto: C.-D. Stille

Am 15. Juni gingen die Ruhrfestspiele 2014 zu Ende. An diesem Sonntag sollte er lesen: Der große Maximilian Schell. Aus seiner Autobiographie „Ich fliege über dunkle Täler“. Als die diesjährigen Ruhrfestspiele beschließender Programm-Höhepunkt war diese Lesung gedacht. Es kam bekanntlich anders. Anfang des Jahres ist der legendäre Charakterdarsteller, Regisseur und Schriftsteller Maximilian Schell von der Weltbühne abberufen worden. Um fortan woanders besetzt zu sein?

Leitung der Ruhrfestspiele reagierte schnell

Die Leitung der Ruhrfestspiele Recklinghausen hat seinerzeit nach dem Erhalt der Todesnachricht schnell reagiert. Man kündigte eine Hommage an Maximilian Schell an, organisierte diese und richtete sie ein.

„Lieben Sie Schell …“

Am Sonntagvormittag nun war es soweit: Die avisierte Hommage wurde unter dem Titel „Lieben Sie Schell …“ auf der Bühne des Ruhrfestspielhauses präsentiert. Der Titel spielt auf die Inszenierung „Lieben Sie Strindberg …“ von Ruhrfestspielchef Frank Hoffmann an. Darin im Jahre 2009 bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen zu sehen: Maximilian Schell. Nebenbei bemerkt: Ein Erlebnis, damals diesen vielseitigen Künstler einmal life erlebt haben zu dürfen …

Für die Hommage konnten Kollegen und Familienmitglieder gewonnen werden

Festspielleiter Frank Hoffmann – der Schell in den letzten Jahren künstlerisch und menschlich sehr verbunden war – ist es prächtig und mit viel Fingerspitzengefühl gelungen, ein Programm für eine Hommage an Schell zu kreieren. Dafür konnte Hoffmann enge Vertraute und Kollegen des großen Künstlers, sowie Familienmitglieder  gewinnen, um mit ihnen gemeinsam mit dem Publikum Abschied von Maximilian Schell zu nehmen.

Erzählungen, Anekdoten, Fotografien und Filmausschnitte  aus dem reichhaltigen Leben des Künstlers

Nachdem die Saalbeleuchtung sanft verloschen war, glimmte die Szenenbeleuchtung zurückgenommen auf. Ein Flügel, Stühle, ein Tisch und ein paar Mikrofone. Die dann jeweils rezitierenden Personen wurden jeweils nur im Moment ihres Auftritts beleuchtet. Stille Auf- und Abtritte. Gespannte Ruhe im Saal.  Hinter der Szene auf eine Leinwand projiziert das Konterfei Maximilian Schells. Wie man ihn kannte: mit einen um den Hals geschlungenen Schal.

Mit „Lieben Sie Schell…“ hat man es verstanden, anhand von Erzählungen, Anekdoten, Fotografien und Filmausschnitten die verschiedenen Facetten des Menschen und des Künstlers Maximilian Schell noch einmal Revue passieren zu lassen.

Festspielintendant Hoffmann sagte jeweils das Nötigste an, stellte vor oder ergänzte. Der Schauspieler Christian Wolff trug „Die Klage der Engel und Blick zurück ohne Zorn“ aus Schells Autobiographie „Ich fliege über dunkle Täler“ vor.

Der Engel mit dem schwarzen Schal

Berührend der Vortrag von Maximilian Schells Neffe Oliver Schell. Schell ersetzte ihm offenbar den Vater, der keine Zeit für ihn hatte. Der Onkel sei immer für ihn da gewesen. Für Oliver Schell war er der Engel mit dem schwarzen Schal. Der Onkel, selbst manchmal von Depressionen erfasst, habe immer verstanden Mut zu machen: Arbeiten, so meinte der Onkel, sei gut gegen derlei düstere Anwandlungen.

Andrea Glanz-Schell, Oliver Schells Frau, trug einen Text von Margarethe Schell von Noé, der Mutter Maximilian Schells, vor.

Der Schauspieler Wolfram Koch las aus Schells Autobiographie eine Passage vor.  In welcher erzählt wird, wie der junge Maximilian Schell mit dem Filmstar Marlon Brando zusammentraf. Schell war damals im Film „Die jungen Löwen“ als deutscher Offizier besetzt worden. Schells da noch schlechtes Englisch hatte Anlaß zu Heiterkeit gegeben. Brando musste vor Lachen eine  Szene abbrechen. Von da an hatte aber Brando ein Narren an dem Schell  gefressen. Machte ihm sogar ein Buch zum Geschenk.

Ein Filmausschnitt von „Die jungen Löwen“ (Regie: Edward Dmytryk) führte noch einmal deutlich vor Augen, welch hervorragendes Schauspieltalent schon in dem jungen Schell schlummerte und zur Wirkung kam.

Das Klavier in Marias Zimmer

Der Drehbuchautor Steffen Lerchner, der eng mit Maximilian Schell zusammenarbeitete, sprach über das Haus von Maria Schell, Maxmilians große Schwester. Erzählte, das ihr Bruder das ohne Innenwände gebaute Zimmer der Schell unter dem Zimmer lag, in welchem Schell und Lerchner an einem Drehbuch arbeiteten. Als es erforderlich wurde, ein Klavierstück erklingen zu lassen, um die Wirkung zu erkunden, stellte sich heraus, dass das einzige Klavier in Marias Zimmer stand. Dies jedoch war noch deren Tod versiegelt und galt als tabuisiert. Schließlich aber, so Lerchner, schloss es Maximilian Schell auf. Alles war so wie im Augenblick ihres Todes der Maria Schell verblieben. Sogar die Kuhle im Bett, die Maria Schells Körper hinterlassen hatte, war so gelassen worden. Schließlich habe sich Maximilian Schell an das Klavier gesetzt und gespielt. Im Spiel habe er das Drehbuch vergessen …

Iva Mihanovic-Schell, Maximilian Schell Witwe, sang, auf der Gitarre begleitet von Oliver Schell, ein Lied aus „Die Brücke“.

Ulrich Kuhlmann und Jaqueline Macaulay tauchten dann wieder in „Ich fliege über dunkel Täler“ ein und lasen davon, wie eine Begegnung Maximilian Schells mit der großen Judy Garland – die zusammen drehten – verlief. Die Filmpartnerin hatte ihn aufgefordert in einer Szene sehr hart zu ihr zu sein. Schell aber hatte Bedenken: Er, ein junger unbekannter Schauspieler sollte noch dazu eine Frau und bekannte Schauspielerin anschreihen?! Letztlich funktionierte es: Garland war in der Stimmung, die sie für die Szene brauchte.

Über die Leinwand flimmerte die Szene aus „Das Urteil von Nürnberg“ (Regie: Stanley Kramer). Für seine Rolle bekam Schell seinerzeit den Oskar. Schell: Grandios!

Nach dem Drehen hatte er sich, wie Schell schreibt, dazu verstiegen die Garland zum Essen einzuladen. Mit einem Leihwagen sei sie mit ihm am Meer entlang gefahren. Plötzlich war im Autoradio „Over the Rainbow“ (Einspielung im Saal), gesungen von Judy Garland erklungen. Ein ganz besondere Stimmung habe sich sofort über sie gesenkt. Dann aber als die schrecklichen Commercials, die Werbeeinspielungen, übers Radio kamen, hatte Schell weitergekurbelt. Und plötzlich ein Klassiksender gefunden. Mozart erklang! Garland fasziniert: „Wer ist das?“ Schell: „Mozart.“ Judy Garland hatte nie Mozart gehört. Schell schreibt: Sie nahmen einander die Hände. Garlands Hand sei nass gewesen. So ergriffen hatte sie offenbar Mozart…

Rainer Klaas am Flügel spielte zwischendurch die Sätze 1 und 3 von Beethovens Mondscheinsonate.

Ein Brief am Grab

Der bildende Künstler Ben Willikens verlas einen bewegenden  Brief an Maximilian Schell, den er nur noch an dessen Grab übermitteln konnte. Festspielleiter Frank Hoffmann erinnerte daran, wie er Schell erstmalig in Willikens Atelier er traf. Und sich dann aus dieser Begegnung eine gute Zusammenarbeit entwickelte.

Schell und die Dietrich

Später erfahren die Zuschauer in Recklinghausen noch über die Begegnung von Schell mit Marlene Dietrich, die damals abgeschlossen hinter zugezogenen Gardinen in Paris lebte. Schell machte einen beachtenswerten Dokumentarfilm  („Marlene“) über die Dietrich. Mit all den dazugehörigen Schwierigkeiten. Einmal, wird vorgelesen, wird Schell in Russland von der Münchner Abendzeitung angerufen und gefragt, ob er einen Nachruf über die Dietrich schreiben würde. Nachruf? Schell fand es zunächst einigermaßen deplatziert einen Nachruf über eine noch Lebende zu schreiben. Schließlich rief er Marlene Dietrich an und fragte sie, was sie davon hielte. Die fragte zurück: „Bezahlen die gut?“ Schell: „Ja, viel.“ Die Dietrich zurück: „Dann machen Sie es!“

Geplantes Filmprojekt

Der US-Filmemacher Lawrence David Foldes sprach in Recklinghausen (in Englisch) noch über geplantes Filmprojekt („Pre-School for the Next Dimension“) zusammen mit Maximilian Schell und über diesen in voller Bewunderung und mit großem Respekt.

Begegneten sich Beethoven und Napoleon?

Auch der Drehbuchautor Steffen Lerchner arbeitete ja mit Schell an einem Filmprojekt. Darin wird, obwohl freilich Historiker keinen Hinweis darauf haben, einmal vorausgesetzt Beethoven und Napoleon hätten sich getroffen. Immerhin, so Lerchner, war Napoleon in Wien. Möglich wäre es also gewesen. Wie immer – auch Festspielleiter Dr. Frank Hoffmann sprach davon – hatte auch betreffs dieses Filmpojektes Schell Vorschläge unterbreitet. So wollte er die Szene mit Napoleon und Beethoven in einem Wiener Bordell, das es wirklich gab, spielen lassen. Die Szene wurde von Wolfram Koch (Beethoven) und Ulrich Kuhlmann (Napoleon) gelesen. Köstlich!

Schell noch einmal grandios im Film  „Die Räuber“

Last but not least flimmerten noch „Die Räuber“, ein von Frank Hoffmann inzenierter Film, mit Maximilian Schell und u.a. Wolfram Koch über die Leinwand. Auch da stellt – nun der alte Schell – noch einmal großartig unter Beweis, welch hohe Schauspielkunst er beherrschte. Die Mimik, der sprachliche Ausdruck – einfach genial. Wie einen solchen Künstler ersetzen?

Schlucken und schluchzen

Die zweistündige Hommage an Maximilian Schell neigte sich dem Ende. Immer wieder musste man, mussten hörbar viele im Saale, schlucken und schluchzen. Die Augen wurden desöfteren feucht. Taschentücher wurden aus Taschen genestelt. Keine Schande. Auch bei den Beteiligten auf der Bühne, Versenkung und Gedanken an den großen Schell.

Iva Mihanovic-Schell mit „Ave Maria“

Nun rollten die Tränen erst recht: Maximilian Schells Frau Iva Mihanovic-Schell sang hellen Klanges, abermals einfühlsam von Rainer Klaas am Flügel begleitet, Schuberts „Ave Maria“ …

Beifall gen Bühnenhimmel

Ein Riesenapplaus am Ende. Stehende Ovationen für die Leistungen eines großen Künstlers und für die Mitwirkenden dieser gelungenen Hommage (Einrichtung: Frank Hoffmann, Mitarbeit: Andreas Wagner; Assistenz: Ceyda Söyler). Tränen drücken, kullern über Zuschauerwangen. Nein, das ist nicht einer sentimental verkitschten Inszenierung geschuldet. Es ist der Ausdruck einer großen Verehrung eines facettenreichen Künstlers, für die sich niemand schämen muss.  Es war das Wissen und die tief im Herzen empfundene Trauer – auf der Bühne und im Publikum – darüber, einen wirklich ganz Großen verloren zu haben. Über den heute vormittag in Recklinghausen noch einmal schmerzhaft fühlbar gewordenen Verlust des Menschen Maximilian Schell. Der Anfang des Jahres von der Weltbühne abberufen – nun woanders? besetzten – Künstlers. Ob Schell – anderswo, nun in anderer Rolle – den tosenden Applaus zum Ende hin wohl hörte? Der Schauspieler Wolfram Koch schien daran zu glauben: Applaudierend erhob er die Arme und blickte gen Bühnenhimmel. Und manch Zuschauer tat es dem Mimen nach.

Immer wenn etwas Schönes passiert, geschieht bald wieder auch etwas Schlimmes

Danach ging es für mich vorbei an vom letzten Sturm gefällten Bäumen, einen von einem schweren Ast zertrümmerten Pkw, durch eine Allee in Recklinghausen zur Busstation. Der Hauptbahnhof arbeitet seit dem Unwetter noch nicht wieder. Die Ruhrfestspiele enden heute mit einem Konzert vorm Rathaus von Recklinghausen. Dennoch: ein schöner Tag in Recklinghausen. Auch wenn Tränen der Rührung tropften. Wie hieß es doch eben noch in von Schauspielern vorgetragenen Zeilen aus Schells Autobiographie: Immer wenn etwas Schönes geschieht, passiert auch bald wieder auch etwas Schlimmes …

Ruhrfestspiele 2014: Rether später

Viertel vor Rether ...; Foto: Claus-Dieter Stille

Viertel vor Rether …; Foto: Claus-Dieter Stille

Den Letzten beißen die Hunde, heißt es im Volksmund. Nun, im Falle von Spitzenkabarettist Hagen Rether, seinem abermals „Liebe“ benamten Programm – am vergangenen Freitag bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen unter der Rubrik „Late Night Kabarett“ eingeladen – griff dieser Volksmundsatz. Late Night bedeutet bei den Ruhrfestspielen: Beginn 22:00 Uhr. Und das ist spät, wie schon der englische Titel der Rubrik androht. Das ist hart. Sehr hart. Erst recht, wenn man wie ich am nächsten Morgen sehr früh zur Arbeit muss! Aber sich Hagen Rether entgehen lassen? Das geht gar nicht!

Verspätung

So stapfte ich denn nach kleiner Stärkung und ein paar Runden ums Festspielhaus erwartungsvoll die Treppe zum Großen Theatersaal hinauf. Ebenso andere erwartungsvoll gestimmte Kabarettfreundinnen und Freunde. Doch die Türen fanden wir zehn vor zehnd noch immer verschlossen. Davor die stets sehr freundlichen Einlaßkräfte des Hauses. Nun aber in Funktion von achselzuckend abweisenden Türwächtern. Leider, so wurde uns beschieden, müsse Hagen Rether später anfangen. Später? Later! So um eine Stunde könnte es wohl dann losgehen. Herzstillstand! Krampfend sah ich meine Felle, bzw. die bis zum frühen Dienstbeginn am nächsten Tag ohnehin schon knapp bemessene Schlafenszeit davonschwimmen. Murren und Brummen beim verdutzten Publikum. Was war geschehen?

„Purpurstaub“ mit Überlänge

Hagen Rether und uns Rether-Fans wurden betreffs des letzten Programmpunktes nicht von den vom Volksmund so bezeichneten Hunden gebissen, sondern von Regisseur Sebastian Hartmann. Der hatte das Stück „Purpurstaub“ von Sean O’Casey inszeniert und offenbar betreffs der Spielzeit auch dieser Inszenierung wieder einmal kein Ende gefunden. Mir trat der Schweiß auf die Stirn. Ich erinnerte mich an Hartmanns Inszenierung an gleicher Stelle vor einiger Zeit: „Krieg und Frieden“. Das war außergewöhnlich, verrückt, fesselnd aber auch fast fünf Stunden lang gewesen.

Getränke für Umme gingen auf’s Haus

Die Festspielleitung schenkte zur Besänftigung der wartenden Massen O-Saft, Sekt und Grappa für Umme – aufs Haus-  aus. Und es klappte: bis auf Wenige blieben alle Rether-Fans. Die sind hart im Nehmen.

Fleischgeruch und ein Angebot zur Güte

Nachdem ein ZDF-Fernsehteam aus einer Tür getreten war, das „Purpurstaub“-Publikum von viereinhalb Stunden (ohne Pause!) dauernden Inzenierung (die Zuschauer hatten selbst bestimmen können, wann sie Pause machten, herausgehen und wann wieder hineingehen wollten- wie demokratisch!) geschieden und Saal geleert hatte, vergingen noch viele Minuten: Die Bühne musste noch umgebaut werden. Mein Herz!

Als dann unter erlösendem Applaus der arme Hagen Rether endlich auf die Bühne treten konnte, war es bereits nach 23.00 Uhr. Aber alles wurde gut. Rether machte wie wir alle gute Miene zum anstrengendem Spiel. „Und das“, waren Rethers erste Worte, „wo ich bekannt bin für meine kurzen Programme!“ Lachen im Saal. Unter drei Stunden (mit Pause) macht der Rether es nicht. Man war hin- und hergerissen. Zwischen beginnender Müdigkeit und Rether unbedingt und zwar bis zum Schluss erleben zu wollen. Schließlich machte der ein Vorschlag zur Güte, der Zustimmung fand: „Es ist ja auch schwer, sich um diese Zeit zu konzentrieren. Wir machen so bis gegen halb zwei und lassen die Pause weg.“ Und so geschah es. Leichte Schwaden ziehen sichtbar vom hinterm Vorhang kommend gen Scheinwerfer auf der Zuschauerbrücke. Rether: „Grillen die hier? Fleisch! Sauerei, die wissen das ich Vegetarier bin. Wollen die mich ärgern?“

Das verzwickt und zugenähte Geflecht aus politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten

Niemand bereute es. Das behaupte ich hier mal. Rether war wieder einmal scharfzüngig, auf dem Laufenden und angriffslustig und Nach-Denken anregend gut. Die Welt und das uns nicht minder betreffende Innere hierzulande wurde von unterschiedlicher Seite seziert. Und die nicht zufriedenstellende Umstände benannt und gegeißelt. Dabei bedenkend, das unsere Welt ständig immer komplizierter wird. Und das verzwickt und zugenähte Geflecht aus politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten zunehmend undurchsichtiger wird (bzw. gemacht wird).

Medialer Radau als Ablenkung

All das lotet Rether aus und macht sich laut Gedanken darüber, die sich auch das Publikum machen dürfte. Freilich bennent er die Strippenzieher hintern den Konzern- und Regierungskulissen und macht klar, wer die Marionetten, Strohmänner und wer die Sündenböcke sind, die das Verzapfte dann mehr oder weniger bitter ausbaden müssen. Rether gibt sich Mühe, den nicht selten mit Vorsatz verborgenen Nutzen von Klischees und Drohkulissen aufzudecken. Und er entdeckt dem Publikum, das zu Sensationen Gemachtes nichts als Radau mit Bedacht ist. Mediale Ablenkungsmanöver, die verdecken sollen, wie das Volk letztlich verarscht und abgezogen wird. All spricht Rether an und hinterfragt es. Eröffnet, wie Politik- und Talksendungen mehr verwirren, als das uns aufklären.

„Warum machen wir das?“

„Warum lassen wir uns das gefallen?“, fragt Hagen Rether. Oder: „Warum machen wir das?“ Ist es wirklich nötig – um das fragen, muss man gewiss kein Vergetarier sein – das in einem Fleischbetrieb in Rheda-Wiedenbrück täglich (täglich!) ca. 14 000 Schweine geschlachtet werden? Und damit kam Hagen Rether zur Verantwortung des Einzelnen.  Auf den Punkt gewissermaßen! Klar ist es richtig die zu nennen, die uns das alles einbrocken. Meist aus purer Profitgier.

Doch der springende Punkt ist doch: Nicht nur „die da oben“ drehen dieses Rad. Das große. Vielleicht. Aber sind nicht wir alle viele kleine Räder, die machen, dass das große Rad seine Runde nahezu ungehindert drehen kann? Darüber lohnt es sich doch einmal nachzudenken. Was wir als Konsumenten eigentlich für eine Macht haben! Warum nutzen wir sie dann nicht? Gewohnheit. Ja. Aber kann das denn eine Entschuldigung sein? Wo wir doch um mit Nietzsche zu sprechen doch wohl längst am Abgrund stehen. Schaut man lange genug in einen Abgrund hinein, schaut der irgendwann in uns zurück. Mit Sicherheit schaut der schon eine Weile, meine ich.

Hoffnung, das Aufklärung nützt und Umkehr möglich ist, bleibt

Doch Hagen Rether hat es noch nicht aufgegeben, daran zu glauben, dass Aufklärung etwas bringen kann. Und Möglichkeiten zur Umkehr bestehen. Wir müssten es nur tun! Das ist die Quintessenz des Abends. Beziehungsweise der frühen Nacht. Die für mich in den frühen Morgen und von Recklinghausen wieder nach Dortmund führte.

Dass ich am Sonntagfrüh sehr müde in die Arbeit ging und von dieser am Nachmittag noch müder wieder nach Hause schlich – auf dem Zahnfleisch sozusagen – muss ich doch wohl nicht extra betonen?

Den Letzten beißen eben die Hunde. Aber von Hagen Rether gebissen zu werden, hat schon was …

Hagen Rether Homepage

Informationen zu den Ruhrfestspielen 2014