„Verlust und Erwartung“. Erinnerungen. Von Egon Krenz. Rezension

«Es ist vollbracht«, sagte er bei der Vorstellung seines jüngsten Buches. Es ist der dritte und letzte Band der Memoiren des letzten Staatschefs der DDR, Egon Krenz. Der Verlag edition ost hat ihn herausgebracht Nun liegt er im Handel zum Kauf bereit. Er trägt den Titel „Verlust und Erwartung“.

Viel intensive Arbeit liegt gewiss hinter dem inzwischen 88-jährigen Krenz. Einen Ghostwriter, bekannte er auf einer Veranstaltung, habe er nicht. Auch keine Sekretärin oder Sekretär. Briefe an ihn beantworte er selbst. Das Schreiben seiner Erinnerungen hat ihn sicherlich gereizt. Eigentlich wäre er gerne Journalist geworden. Das merkt man nicht nur an seinem ausgezeichneten Schreibstil.

Indes es kam ganz anders. In meiner Rezension zu „Egon Krenz. Aufbruch und Aufstieg. Erinnerungen“ schrieb ich:

«Sein Bildungsweg verlief durchaus nicht so, wie von ihm gewünscht. Zunächst gedachte er 1953 im Dieselmotorenwerk Rostock eine zweijährige Lehre zum Maschinenschlosser zu machen. Sein altgedienter Meister legte alles daran, ihm betreffs der Herstellung eines Werkstücks „deutsche Werkarbeit“ beizubringen.

Doch bald schon trat im Werk ein Mitarbeiter der FDJ-Bezirksleitung auf den Plan: Man brauche ihn. „An den Lehrerbildungsinstituten fehlen Studenten“, beschied ihm der Mann. Inzwischen war Egon Krenz mit 16 Jahren in die SED eingetreten. Der FDJ-Mann appellierte an Krenz (S.93): „Denk dran, die Partei erwartet von dir, dass du dort hingehst, wo es für unsere Sache am wichtigsten ist!“

Krenz (S.94) schreibt: „Niemand hatte mich gezwungen, in die SED zu gehen. Es war meine eigene Entscheidung gewesen. Wenn die Partei nun von mir erwarte, ich sollte ihrem Ruf folgen, sei dies nur logisch, dachte ich mir.“

Er habe schlaflose Nächte gehabt. „Schließlich entschied ich mich für ‚unsere Sache’“, erzählt Krenz. Er machte das Lehrerstudium. Krenz: „Ich greife vor: Bereut habe ich die Entscheidung nicht. Lehrer wurde mein Traumberuf. Ich bedauerte nur, dass ich ihn nicht lange ausüben konnte.“

Auch Journalist, erfahren wir, wäre Egon Krenz gerne geworden. Doch die Partei stellte ihn immer wieder an andere Stellen. Nur die Nationale Volksarmee (NVA) blitzte bei ihm ab: eine Offizierslaufbahn einzuschlagen, lehnte er ab. Krenz sei verblüfft gewesen, dass der zu Besuch weilende damalige Generaloberst und Vize-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann nichts dagegen einzuwenden hatte. Der beschied ihm: „Das ist richtig.“ Auf der Insel Rügen brauchten sie ihn als Funktionär der FDJ. Krenz: Dieses „Kadergespräch“ sei es gewesen, das „mein weiteres Leben bestimmen sollte.“«

Leserinnen und Leser, die (wie ich) in der DDR geboren wurden und dort lange gelebt haben, werden – befragte man sie – unterschiedliche Meinungen über ihren Staat und auch über die Person Egon Krenz (positive wie negative) äußern.

Leute dagegen, die in der BRD sozialisiert worden sind, dürften sich ihre Meinung darüber aus der Berichterstattung dortiger Medien gebildet haben. Die verpassten Egon Krenz gewissermaßen in der Regel einen bestimmten Stempel. Der dann saß und in der Regel betreffs der Stimmigkeit seiner Aussage nicht sonderlich oder überhaupt nicht hinterfragt wurde. Schließlich galt Krenz als Kronprinz Honeckers.

Ich erlaube mir – wie schon in erwähnter Rezension geschehen – eingangs auch dieser Rezension erneut diesen Hinweis:

Menschen müssen immer auch im Kontext der Zeit verstanden werden, in welche sie hineingeboren und fortan aufgewachsen sind. Und auf welche Weise sie sozialisiert und politisiert wurden. Egon Krenz wurde 1937 in Kolberg (Pommern; heute Kołobrzeg, Republik Polen) geboren. Also zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Mutter ist eine einfache Frau. Den Vater lernte er nicht kennen. Egon Krenz entstammt kleinsten Verhältnissen.

Mit Spannung erwartete ich nun den dritten und letzten Band der Erinnerungen von Egon Krenz. Und wurde nicht enttäuscht. Gewidmet hat er diesen Band – wie schon die zwei vorangegangenen Bände – seiner verstorbenen Frau Erika.

Abermals wartet der Autor mit sachlich formulierten Schilderungen und Betrachtungen aus eigenem Erleben und einer Zeit auf, wo es sozusagen letztlich ans Eingemachte und schließlich mit seiner Partei sowie der DDR zu Ende ging. Krenz beschönigt nichts. Er hat seine Memoiren dennoch mit erhobenen Kopf souverän geschrieben. Und er hat kritisiert, was es seiner Meinung nach an Staat und der SED zu kritisieren gibt. Da gibt es kein Ausweichen. Wenngleich andere es auch anders sehen mögen. Denen gesteht er das auch zu. Allerdings kommen selbst heute noch einstige DDR-Bürger freundlich auf ihn zu, um mit ihm zu sprechen oder ihn in seiner Haltung zu bestärken. Und wenn einige Rezensenten westdeutscher Provenienz meinen, das von Krenz Aufgeschriebene auf ihre Weise verstehen zu wollen. Oder müssen zu sollen? Dann ist das halt so. Getreu dem Vorwurf die Erinnerungen von Krenz dienten ihm sozusagen als selber ausgestellten Persilschein. Er habe damit sein Wirken in Partei und Staat schöngeschrieben. Man könnte meinen, die Schreiber solcher Urteile folgten noch heute brav dem einstigen Justizminister Klaus Kinkel, welcher 1991 auf dem Deutschen Richtertag die Justiz aufgefordert hatte, die DDR zu delegitimieren. Aber freilich sollte das – das wurde und sollte wohl auch so verstanden werden – letztlich für den Staat DDR als Ganzes gelten. Nichts Gutes sollte an ihm dranbleiben. Auch recht nichts am letzten Staatschef Egon Krenz. Den im Gegenteil früher sogar manch Westjournalist als Hoffnungsfigur hoch schrieb und dies und jener BRD-Politiker gern mit ihm gesprochen hatte und sich mit ihm sehen und ablichten ließ.

Der Siegerstaat hat der DDR deren Existenz ohnehin immer übelgenommen. Nun wurde abgerechnet.

Nicht einmal mochte man Krenz anrechnen, dass er die Proteste von DDR-Bürgern in Leipzig und anderswo auf seine Befehle und Weisungen hin nicht blutig niederwalzen ließ. Weil er dafür sorgte, dass im Oktober 1989 kein Schuss fiel. Krenz zeichnete zusammen mit den führenden Köpfen der DDR-Sicherheitsbehörden dafür verantwortlich. Er schreibt, dass der damals gar nicht die eigenen Kompetenzen dafür hatte, war doch Erich Honecker zu diese Zeit noch Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates.

Die in der DDR stationierten Truppen der Sowjetarmee hatte Krenz gebeten in den Kasernen zu bleiben: „Der Appell an die Streitkräfte auf unserem Terretorium, in den Kasernen zu bleiben, kam nicht von Gorbatschow. Es war eine souveräne Entscheidung der DDR, wie es eben eine souveräne Entscheidung des sowjetischen Militärs war, dieser Bitte nachzukommen.“

Berechtigt rechnet sich Egon Krenz als Verdienst zu, dass es friedlich im Oktober 1989 im Lande blieb. „Die Gewaltlosigkeit gehört zum humanistischen Erbe der DDR“, schreibt er. (S.126)

Für die Angehörigen der bewaffneten Organe galt die Devise: „keine Gewalt!“

„Niemand in der DDR hatte dem Beispiel von Gustav Noske (SPD) folgen wollen. Der hatte mit dem Satz «Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!« Anfang 1919 den Spartakusaufstand in Berlin niederschlagen lassen.“

Krenz: „Dass ich meinen Teil zum friedlichen Herbst beigetragen habe, würdigte damals selbst die westdeutsche Presse, die sonst kein gutes Haar an mir ließ: «Wie immer das Urteil der Geschichte über den neuen SED-Generalsekretär Egon Krenz ausfallen wird, dass er seinen Deutschen ein Blutvergießen erspart hat, diese historische Leistung ist ihm nicht zu bestreiten«, schrieb am 14. November 1989 Uwe Zimmer, Chefredakteur der Münchner Abendzeitung.“

Heute wird dergleichen gern vergessen. Wie auch immer: Ich gehe mit den Einschätzungen manch heutiger Journalisten nicht d’accord. Egon Krenz hat seine Memoiren aus meiner Sicht nicht niedergeschrieben, um sich von Schuld freisprechen, sich damit sozusagen zu exkulpieren. Von ihm ist überliefert, dass er betreffs seines Gerichtsprozesses damit gerechnet hatte, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden. Schließlich könne er nicht hinnehmen, dass andere DDR-Bürger – etwa Grenzsoldaten – zu Gefängnisstrafen verurteilt würden und er als ein führender Vertreter des Staates nicht.

Besagten Rezensenten lege ich ans Herz noch einmal genau in die drei Krenz-Bände hineinzulesen. Hernach müssten auch sie eigentlich erkennen: Eigene Fehler werden benannt, zu langes Zuwarten, statt die Verhältnisse zu verändern, werden durch Krenz beklagt. Und auch die Gründe dafür werden aufs Tapet gebracht. All das ist glaubwürdig geschrieben. Sein Zögern, statt womöglich entschlossen zu handeln hatte auch mit der verständlichen Rücksichtnahme auf alte und älteste Genossen des Zentralkomitees der SED zu tun, die einst für ihren Kampf gegen den Faschismus in der Hitler-Diktatur ins Gefängnis geworfen oder sogar in Konzentrationslagern hatten leiden müssen und ihnen glücklicherweise entronnen waren. Immerhin betraf dass zehn SED-Politbüromitglieder von insgesamt 22.

Allein Erich Honecker hatte zehn Jahre im Zuchthaus Brandenburg gesessen!

Gegen ihn nun zu putschen – gar einen Staatsstreich anzuzetteln – das kam für Krenz, so schreibt er, in keiner Weise infrage. Und das ist ihm abzunehmen.

Dazu kamen noch die Veränderungen beim Großen Bruder, Sowjetunion, seit Michail Gorbatschow dort Generalsekretär der KPdSU geworden war. Er hatte sich für eine Politik von Perestroika und Glasnost entschieden. Diese fand auch bei manchem SED-Genossen und DDR-Bürgern Anklang. Es regte sich der Wunsch, die DDR möge sich einer solchen Politik anschließen.

Diesen Gedanken allerdings standen Äußerungen etwa des Mitglieds des Politbüros des ZK der SED, Kurt Hager, entgegen, welcher seinerzeit in einem Interview mit dem Stern meinte: „Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“

Der dritte Band der Erinnerungen von Egon Krenz beginnt mit dem Kapitel „Neunzehnneunundachtzig“. Er schreibt: „Zwischen Weihnachten und Silvester 1988 wollte ich einige Tage frei machen. Honecker war im Lande, und ich brauchte ihn nicht zu vertreten.“ […]

„Den Kopf bekam ich trotzdem nicht frei. Mich plagten vorrangig die in den vergangenen Monaten verpassten Gelegenheiten, im Schulterschluss mit Moskau notwendige Veränderungen unserer Politik vorzunehmen. Manchmal war ich der Resignation sehr nahe. Ich richtete mich dennoch immer wieder auf. Ich trug schließlich ebenfalls dafür Verantwortung und stand in der Pflicht, zu der ich mich bekannte.

Kurz vor Weihnachten hatte mir mein langjähriger Freund und Wegbegleiter Wolfgang Herger gesagt: «Wenn Erich Honecker Altersweisheit besäße, würde der jetzt zurücktreten. Wenn er es auf der nächsten Tagung des Zentralkomitees nicht macht, werden ich ihn dazu auffordern.« Wolfgang leitete seit 1985 im ZK die Abteilung Sicherheitsfragen, zuvor die Abteilung Jugend. Beide gehörten wir dem Zentralkomitee an.

Ich glaubte nicht an eine solche Einsicht des Generalsekretärs. Aus verschiedenen Gründen. Zunächst natürlich politische. Gorbatschow hatte unlängst in einer Grundsatzrede von einer «Krisensituation« in der Sowjetunion gesprochen und vor Kräften gewarnt, «die die Perestroika missbrauchen, um zu den Zuständen vor der Oktoberrevolution 1917 zurückzukehren. Das klang nach Konterrevolution und machte Honecker hellhörig. Mehr noch: Er verhielt sich, wenngleich für kurze Zeit, solidarisch mit dem sowjetischen Parteiführer. Dieser wiederum fürchtet Instabilität in der DDR, käme es dort zu einem Führungswechsel. Sie konnte er nicht gebrauchen, jetzt schon gar nicht. Das sah und spürte auch Honecker. Für ihn war das wie eine Aufforderung zum Bleiben.“

Krenz weiter (S.10): „Ich erinnere mich an eine internationale Konferenz in Moskau 1984. Wir sahen, wie dem 73-jährigen KPdSU-Generalsekretär Tschernenko, bereits sehr hinfällig, das Redemanuskript entglitt. Gorbatschow an seiner Seite ging in die Knie und sammelte die Blätter ein. Honecker zeigt sich angesichts dieser ziemlich traurigen Peinlichkeit angefasst und beugte sich zu herüber: «Du musst unbedingt aufpassen, dass uns nicht Ähnliches passiert.«

Honecker habe zwar fünf Jahre nach diesem Vorall seine Redemanuskripte noch fest in der Hand gehalten. „Aber war eben auch nicht jünger geworden“, so Egon Krenz.

„In seiner Selbstwahrnehmung war er fit und gesund. Von Altersstarrsinn spürte er selbstverständlich nichts, nichts von zunehmender Eitelkeit und Selbstüberschätzung.“ (S.11)

Krenz: „Selbstkritisch muss ich bekennen, dass ich zu jenem Zeitpunkt der – später als illusionär zu bezeichnenden – Auffassung war, die notwendigen Veränderungen in der Partei und in der Gesellschaft mit und nicht gegen Honecker einleiten zu können. Zumal er in großen Teilen der Bevölkerung – bei aller Kritik – aufgrund seines auch international geachteten aktiven Beitrages zur europäischen Friedens- und Sicherheitspolitik noch immer viel Zuspruch erfuhr.“

Krenz schätzte, das Honecker sich in den frühen achtziger Jahren dem Raketenwahnsinn widersetzt hatte. „Auch sowjetische Raketen waren für ihn Teufelszeug.“

Bekanntlich ist man später immer klüger. So auch Egon Krenz: „Im Nachhinein sage ich heute: Hätte der Antifaschist Honecker nach seinem Staatsbesuch in der BRD 1987 seinen Hut genommen, wäre man vielleicht später anders mit ihm umgegangen. Er hatte sich nachweislich um den Frieden verdient gemacht, was man noch immer im Volke hochschätzen würde.“

Unumwunden nennt Krenz auch die existiert habende emotionale Beziehung zwischen Honecker und ihm. Honecker habe ihn – sie trennten fünfundzwanzig Jahre Altersunterschied – sehr lange gefordert und gefördert. Weshalb Krenz ihm gegenüber Dank und Respekt empfunden habe.

All das bedenkend habe Krenz veranlasst, Wolfgang Herger von seinem Vorhaben abzubringen, Erich Honecker zum Abtritt zu bewegen. Zumal er merkte, dass sich alle im Politbüro bedeckt hielten. Keiner habe damals sagen können, ob sich dort eine Mehrheit hätte finden lassen, um den ersten Mann im Gremium zum Rückzug zu bewegen.

Krenz schreibt über ein Treffen mit Gerhard Schürer, dem Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission und Mitglied des Politbüros, im Keller dessen Wochenendhauses. Schürer dort: „Wir müssen Honecker stürzen.“

Schürers Offenheit imponierte Egon Krenz. „Eine Verjüngung der gesamten Führung war zweifellos notwendig. In diesem Punkt stimmten wir überein. Doch sein Plan roch mir zu sehr nach Verschwörung. Ein Putsch war meine Sache nicht. Das passte auch nicht zu unserer marxistischen Weltanschauung.“

Dennoch teilte Krenz Schürers Urteil. «Ja, sagte ich, «auch ich glaube, dass Erich Honecker seinen Funktionen nicht mehr gewachsen ist. Weder physisch noch psychisch.«

Krenz war allerdings auch von der Sorge getragen, dass die Schulden der DDR gegenüber dem Westen unablässig wüchsen.

Jeder Nachfolger Honeckers, so Krenz damals beim Keller-Gespräch, werde daran scheitern.

Überdies trug er dort Bedenken vor, dass auch außerhalb der DDR ein solcher „Staatsstreich“ möglicherweise Unverständnis hätte hervorrufen können.

Hätte besagtes Keller-Treffen im Februar 1989 – Risiken hin oder her -, wäre Schürers Forderung umgesetzt worden, das Blatt zum Positiven wenden und die DDR retten können? Wir wissen es nicht. Hätte, hätte, Fahrradkette. Spekulationen verbieten sich deshalb. Der richtige Zeitpunkt, einen Wechsel und damit einen Wandel einzuleiten, war m.E. längst verpasst worden. Weshalb wohl betreffs dessen von vergossener Milch gesprochen werden muss.

Probleme wuchsen im Innern der DDR, aber wirkten auch von außen auf sie.

Krenz bekennt: „Die Dringlichkeit eines kontinuierlichen Generationswechsels in der politischen Führung hatte ich unterschätzt.“ […]

Der Große Bruder Sowjetunion hatte mit Gorbatschow und dessen Ansatz, eine Politik von Glasnost und Perestroika zu verfolgen, einen anderen Weg eingeschlagen, den Honecker nicht mitzugehen bereit war. Obwohl DDR-Bürger und selbst auch Genossen der SED darin durchaus eine Chance sahen und deshalb Hoffnungen damit verbanden. Währenddessen es im Land immer mehr kriselte. Die Unzufriedenheit unter den Menschen wuchs. Dafür, dass Hoffnungen von DDR-Bürgern zunehmend zerstoben, macht der Autor sich nicht erfüllende Wünsche nach Erich Honeckers BRD-Besuch 1987 verantwortlich. Er nennt eine »spürbare Verschlechterung der Lebensbedingungen« – Regale mit klaffenden Lücken in den Geschäften, sowie längere Wartezeiten auf Pkw. Hoffnungen auf eine liberale Reisepolitik erfüllten sich nicht (Egon Krenz verweist auf einen Grund dafür: Die ins westliche Ausland reisen wollenden DDR-Bürger brauchten dafür Devisen. Woher die in ausreichender Menge nehmen?).

Mehr noch: Die Anzahl der Ausreiseanträge unzufriedener DDR-Bürger nach dem Westen mehrten sich in Folge dessn. All das schwächte das Land. Und begann selbst diejenigen DDR-Bürger anzustecken, die eigentlich gedachten dazubleiben. Ich selbst bin nur e i n Beispiel dafür. Obwohl meine Gründe durchaus vielschichtiger waren. Dabei hatte ich lange auf folgendem Standpunkt gestanden: Es können doch nicht alle fortgehen! Hier im Lande müsse etwas verändert werden. Und zwar möglichst gemeinsam. Dennoch fühlte ich mich getrieben: Im September 1989 verließ ich die DDR über Ungarn und Österreich …

Interessant zu lesen wie Egon Krenz das Jahr 1989 erlebte. Nicht weniger fesselt es, darüber zu lesen, welche Erfahrungen Krenz in den 35 Jahren danach im politischen und privaten Leben gemacht hat. Bekanntes aber auch weniger Bekanntes kommt zur Sprache. Letzte Geheimnisse der DDR, die nur er noch kennt, werden offenbart.

Ein zartes Pflänzchen namens Neuanfang betreffs der Gestaltung einer besseren DDR hatte im Grunde genommen keine Chance zu gedeihen. Die Karten waren dem Land sozusagen bereits gelegt.

Im Herbst 1989 wurde Krenz in der Nachfolge Erich Honeckers Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender.

Erich Honecker war nicht zurückgetreten, sondern von seinen Funktionen entbunden worden. (S.107) Ministerpräsident Willi Stoph vorm SED-Politbüro: «Ich schlage vor. Erster Punkt der Tagesordnung: Entbindung des Genossen Erich Honecker von seiner Funktion als Generalsekretär und Wahl von Egon Krenz zum Generalsekretär.«

Interessant zu lesen, wie sich Günther Mittag, „der sich als angeblich bester Freund Honecker verstand“, die Seiten wechselte. Er habe sich“, so Krenz, „gewohnheitsmäßig auf die Seite der gefühlten Mehrheit“ geschlagen. Andere Genossen hatten ihm bewusst gemacht, dass sich der Wind gedreht hatte. „Er hisste sein Fähnchen.“

Krenz: Ausgerechnet Mittag sprach davon, dass Erich Honecker das Vertrauen der Partei verloren habe: „Der als sein engster Berater Honecker oft zu falschen Entscheidungen gedrängt hatte. Mittag selbst war ursächlich für diese Politik verantwortlich, über die nun ein Scherbengericht gehalten wurde.“ (S.108/109)

Egon Krenz nach seiner Wahl im DDR-Fernsehen: „Die Rede, die ich in Adlershof in die Kamera sprach, erreichte nicht die Wirkung, die sich jene versprochen hatten, die mich dazu aufgefordert hatten. Ich war unzufrieden. Allein die Verwendung der Anrede «Liebe Genossinnen und Genossen« wurde scharf kritisiert. Es sei der Eindruck entstanden, ich würde mich nur an die Parteimitglieder wenden. Viele Zuschauer fühlten sich von der SED vereinnahmt. Es war kein guter Start. (S.115)

Egon Krenz fragte sich: „Woran war Honecker gescheitert?“ Er scheue sich nicht, „die Zeit nach dem VIII. Parteitag der SED die Ära Honecker zu nennen.“ Dort ging es um die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ als neuen politischen und wirtschaftlichen Kurs der SED.

Damit spricht Krenz auf„den äußerst widerspruchsvollen und vorerst verlorenen Start, ein glaubwürdiges, für die Menschen attraktives Modell des Sozialismus im Zeitalter von Wissenschaft und Technik, im Zeitalter einer bewusst wahrgenommenen Ganzheitlichkeit der Welt zu verwirklichen“, an. (S.116)

„Woran ist er konkret gescheitert?

Meines Erachtens am verhängnisvollen Erbe Stalins, von dem er sich in der Politik und im persönlichen Denken nicht hatte frei machen können. Er scheiterte an der – unabhängig von seinem Willen gewachsenen – Unfähigkeit des sozialistischen Systems in Europa, die Produktivkraftentwicklung des kapitalistischen Westens zu erreichen und dabei die sozialistische Alternative einer in jeder Hinsicht freien Entwicklung der Gesellschaft und des Einzelnen zu präsentieren.“

Das Kapitel abschließend, gesteht Krenz Honecker zu: „ Er war ein Mann seiner Zeit – wie wir alle: geprägt von den Umständen, die ihr eigen waren.“

Im August des Jahres 1989 hatte Erich Honecker bei der Übergabe eines elektronischen Bauteils den Satz «Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf«. Krenz: „In der DDR löste er bitteres Hohngelächter aus, westlichen Kommentatoren interpretierten diesen trotzigen Spruch als Ausdruck einer seltsamen Entrücktheit, als Realitätsverlust oder schlicht als Altersstarrsinn. Damit lagen sie vermutlich nicht ganz falsch.“

In jenen Tagen bekam Krenz von einem Mitarbeiter von einer Begebenheit erzählt, welche sich angeblich vor zweihundert Jahren zugetragen hatte. „Der Kammerherr Ludwigs XVI. – der französische König sollte 1793 auf dem Schafott enden – eilte nach dem Sturm auf die Bastille nach Versailles, um dem Monarchen von den Ereignissen am 14. Juli 1789 in Paris zu berichten. Dessen besorgte Frage, ob dies eine Revolte sei, beantwortete der Kammerherr abschlägig: «Nein, Sire, das ist eine Revolution

Ich hatte den Eindruck, dass der Genosse mir damit sagen wollte, dass das, was gegenwärtig auf unseren Straßen und Plätzen stattfand, nicht nur ein Revolte, sondern ebenfalls eine Revolution sei.

Ich sah das nicht so. Zwar war die DDR-Führung nicht mehr in der Lage, die Macht in der gewohnten Weise auszuüben, und das Volk seinerseits war nicht mehr bereit, alles hinzunehmen – doch eine Revolution gegen den Sozialismus, nein, das war es nicht. Die Menschen wollten eine andere, eine bessere DDR. Und wir mussten nun gemeinsam mit dem Volk dafür die entsprechenden Reformschritte gehen.“

Hier stimme ich Egon Krenz zu. Auch darin, dass es sich um keine Revolution gegen den Sozialismus handelte. Meine Meinung: Es war in keiner Hinsicht eine Revolution. Wenngleich es freilich durchaus auch DDR-Bürger gab, die etwas anderes wollten (letztlich ohne alle sich daraus ergebenden Konsequenzen zu bedenken) – für viele Menschen in der DDR galt mit ziemlicher Gewissheit: Sie wollten eine andere, bessere DDR.

Aber vergessen wir nebenbei bemerkt nicht: Die Propaganda des Westens lief längst auf Hochtouren. Daniela Dahn, die zusammen mit Rainer Mausfeld das Buch „Tamtam und Tabu. Die Einheit: Drei Jahrzehnte ohne Bewährung“ (meine Rezension) geschrieben hat, macht darauf aufmerksam. Ich schrieb dazu:

«Propaganda- und Fahnenmaterial wurde in die strauchelnde DDR gekarrt. Der Slogan „Wir sind das Volk“ wurde in „Wir sind ein Volk“ gedreht. Heute würde man das Ganze wohl Nudging nennen – die DDR-Menschen wurden dahin geschubst, wohin man sie haben wollte.«

Egon Krenz war von Anfang an sehr eng mit der DDR verbunden. Der Verlag schreibt dazu: «Als sie vor 35 Jahren unterging, verlor er mehr als nur seine Arbeit.

Er reflektiert diese auch für andere Ostdeutsche sehr komplizierte Zeit. Und wie sie nimmt er die Gegenwart nicht teilnahmslos hin: Krenz ist der politische Mensch geblieben, der er immer war. Er ist ein einzigartiger Zeitzeuge deutscher Zweistaatlichkeit.« Auch seine Partei, die SED, verlor er, welcher er 1955 beigetreten war. Der Ausschluss aus der inzwischen zur SED/PDS umgerubelten SED Anfang 1990 schmerzte ihn. Bis heute ist er parteilos geblieben.

Die drei Bände seiner Memoiren erzählen u.a. einen wichtigen Teil deutscher Geschichte. Welcher nicht der Vergessenheit anheim fallen darf. Deshalb: Unbedingte Leseempfehlung.

Krenz will niemanden seine Sicht aufdrängen. Weshalb er zu bedenken gibt: „Zum Ende der DDR gab es rund 16 Millionen Einwohner. Das heißt, es gibt auch Millionen individueller Sichten auf die DDR. Die auf eigener Erfahrung beruhende Deutungshoheit sollte ausschließlich diesen Menschen überlassen bleibe und nicht einer «Aufarbeitungsindustrie« und deren Apologeten. Ginge es nach diesen Unwahrheitsaposteln, wäre die DDR ein Millionenhäuflein gegängelter Kreaturen, verzwergt, gedemütigt, bevormundet eingesperrt hinter einer Mauer, lebend mit einer maroden Wirtschaft, umgeben von Mief und Muff und der Staatssicherheit. Nein. So war die DDR nicht.“

Anlässlich einer Veranstaltung der Zeitung junge Welt zum 75. Jahrestag der Gründung der DDR am 7. Oktober 2024 im Berliner Kino Babylon war Egon Krenz um eine Rede gebeten worden. Der Text ist den Schluss des Buches gesetzt worden

Überschrieben ist er mit der Leitfrage der Veranstaltung: »Was bleibt?«

Krenz zitierte darin aus Brechts Gedicht

»An die Nachgeborenen«

»Ihr aber, wenn es soweit sein wird / Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist / Gedenkt unserer / Mit Nachsicht«

Krenz weiter: „Es gibt viele Grüne, die DDR zu mögen. Und auch mancher, ihre Unzulänglichkeiten scharf zu kritisieren. Doch über allem steht das Wort Frieden. Die DDR hat niemals Krieg geführt. Sie war der deutsche Friedensstaat.

Egon Krenz merkt hinsichtlich gegenwärtiger Auswüchse in Deutschland an: „Kriegspropaganda und Rassenhass einschließlich Russophobie waren in der DDR verboten. Unsere Staatsdoktrin lautete: «Von deutschem Boden darf niemals wieder ein Krieg ausgehen.« Es wäre in der DDR undenkbar gewesen, dass die Bevölkerung «kriegstüchtig« gemacht worden sei. Ein Minister, der solches gefordert hätte, wäre seines Amtes verlustig gegangen. Kriegspropaganda in den Medien hätte sofortige Konsequenzen nach sich gezogen. Bei uns hatte die Erziehung zum Frieden Prioriät.“

Ein Satz aus dem Text ist Egon Krenz besonders wichtig:

«Nein, es wird ihnen nicht gelingen, die DDR zu einer Fußnote der deutschen Geschichte herabzuwürdigen. Sie ist mindestens ein Kapitel. Und nicht das schlechteste. Man kann mir vorwerfen, ich idealisiere die DDR. Mag sein. Na und?«

Lohnenswerte Lektüre! Und zwar alles drei Bände.

Hier meine Rezensionen der zwei vorangegangenen Bände der Erinnerungen von Egon Krenz:

Egon Krenz. Aufbruch und Aufstieg. Erinnerungen

Egon Krenz: Gestaltung und Veränderung. Erinnerungen


Egon Krenz

Verlust und Erwartung

Erinnerungen

384 Seiten, 14,5 x 21 cm, gebunden
mit 32 Seiten Bildteil

sofort lieferbar

Buch 26,– €

ISBN 978-3-360-02817-4

Das Jahr 1989 und die Zeit danach
— Teil III – letzter Teil der Memoiren des ehemaligen Staatschefs der DDR —

Mit dem dritten Band seiner Memoiren schließt Egon Krenz seine Autobiografie ab. Darin nimmt er den Herbst 1989 in den Blick, als er Staats- und Parteichef wurde, seine Vertreibung aus dem Amt und der Wohnung, den Verlust seines Landes, schließlich die juristischen Auseinandersetzungen einschließlich seiner Haft. Als die Republik vor 75 Jahren gegründet wurde, war er zwölf. Er hat sie nicht nur erlebt, sondern aktiv gestaltet. Als sie vor 35 Jahren unterging, verlor er mehr als nur seine Arbeit. Er reflektiert diese auch für andere Ostdeutsche sehr komplizierte Zeit. Und wie sie nimmt er die Gegenwart nicht teilnahmslos hin: Krenz ist der politische Mensch geblieben, der er immer war. Er ist ein einzigartiger Zeitzeuge deutscher Zweistaatlichkeit. Krenz überzeugt, weil er glaubwürdig ist. Seine Memoiren offenbaren die letzten Geheimnisse der DDR, die nur er noch kennt.


Egon Krenz

Egon Krenz, geboren 1937 in Kolberg (Pommern), kam 1944 nach Ribnitz-Damgarten, wo er 1953 die Schule abschloss. Von einer Schlosserlehre wechselte er an das Institut für Lehrbildung in Putbus und schloss mit dem Unterstufenlehrerdiplom ab. Seit 1953 FDJ-Mitglied, wurde er 1961 Sekretär des Zentralrates der FDJ, verantwortlich für die Arbeit des Jugendverbandes an den Universitäten, Hoch- und Fachschulen. Nach dem Besuch der Parteihochschule in Moskau war er von 1964 bis 1967 Vorsitzender der Pionierorganisation und von 1974 bis 1983 der FDJ, ab 1971 Abgeordneter der Volkskammer, ab 1983 Politbüromitglied. Im Herbst 1989 wurde er in der Nachfolge Erich Honeckers Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender. Im sogenannten »Politbüroprozess« wurde Krenz 1997 zu einer Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren verurteilt und 2003 aus der Haft entlassen, der Rest der Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Krenz legte bereits zwei seiner auf drei Bände angelegte Erinnerungen vor (»Aufbruch und Aufstieg«, 2022, und »Gestaltung und Veränderung«, 2023).

Foto: ©Claus Stille.
Egon Krenz (links) auf einem Pressefest der Zeitung UZ in Dortmund.

Anbei:

Egon Krenz im Gespräch mit dem Holger Friedrich, dem Verleger der Berliner Zeitung.

Dazu auch:

„Die Faust nicht nur in der Tasche ballen. Ein Willi Hoffmeister Buch“. Rezension

Persönlichkeiten wie Willi Hoffmeister werden wohl kaum nachkommen. Das hat viele Gründe. Einer davon: was man Arbeiterklasse nennen könnte, gibt es so nicht mehr. Und damit fehlt es auch an Masse, welche Vertreter der arbeitenden Menschen im Rücken haben müssen, wenn sie einen Kampf für die Rechte der arbeitenden Menschen führen wollen, der erfolgreich ist. Die Gesellschaft, die Menschen sind bis kleinste Einheiten gespalten.
Das ist nicht einfach so geschehen. Es ist nicht auf ein Naturgesetz zurückzuführen. Das wurde von regierenden Politikern und den hinter ihnen stehenden mächtigen Einflussgruppen in Konzernen und noch mächtigeren Akteuren des Finanzkapitals, welche die Politik vor sich hertrieben, bewusst ins Werk gesetzt. Der berühmte Frosch im Wasserkessel auf der Herdplatte wurde Jahr um Jahr mehr erhitzt. Heute haben wir es mit einer total gespaltenen Gesellschaft zu tun. Erst Corona. Jetzt der Ukraine-Krieg. Die Doomsday Clock, die Weltuntergangsuhr, ist inzwischen auf 90 Sekunden vor Zwölf gestellt worden! Sind wir schon im dritten Weltkrieg, wie sich kürzlich Linke-Politikerin Sevim Dagdelen in junge Welt fragte? Auf jedem Fall befinden wir uns durch unfähige Politiker und unvernünftige, ihnen in deren gefährlichen Dummheit nicht nachstehende unbedarfte und naive nur noch moralisierenden Journalisten auf eine gefährlich abschüssige Rutschbahn gebracht, auf den Weg in einen möglichen dritten Weltkrieg.

Das die Entwicklung in eine falsche Richtung lief, hatte Willi Hoffmeister längst registriert

Der Dortmunder Friedensaktivist, Gewerkschafter, Antifaschist und Kommunist Willi Hoffmeister musste diese gefährlich Eskalation nicht mehr erleben. Er verstarb im August 2021 im Alter von 88 Jahren in Dortmund. Der politisch stets hellwache Willi Hoffmeister hatte allerdings längst registriert, dass die Entwicklung in eine falsche Richtung lief. Er zeigte sich in den letzten Jahren angesichts der verschlechterten Beziehungen zum heutigen Russland äußerst besorgt. Er meinte, es wäre aktuell wieder eine Diskussion über die Rolle Russlands in der Welt angebracht und ein fruchtbarer Dialog mit Moskau unbedingt vonnöten. Die deutsch-russische Freundschaft müsse unbedingt wieder befördert werden. Und nun das: der Ukraine-Krieg!

Willi Hoffmeister nahm das Bundesverdienstkreuz stellvertretend für seine Mitstreiter entgegen

Sozusagen auf den letzten Drücker, weil bereits auf dem Totenbett liegend, war der überzeugte Gegner von Militarisierung und Krieg noch mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt worden. Der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes erfolgte auf Vorschlag des DGB. Willi Hoffmeister äußerte Bedenken. So schrieb er seinerzeit an die DGB-Vorsitzende in Dortmund und Umgebung, Jutta Reiter:

War mein Wollen doch ein anderes Deutschland, ein vereintes, neutrales Land, ohne Militär, Rüstung und ohne alte und neue Nazis. Ein Land, in dem der Mensch und nicht das Kapital im Mittelpunkt steht.“
Er hat schließlich eingewilligt, die Ehrung entgegenzunehmen. Jedoch wollte er alle seine Mitstreiter in seinem langem Engagement stellvertretend auch mit gemeint und geehrt sehen. Spät war damit Hoffmeister »selbst von „offizieller Seite“», wie Markus Bernhard in seinem Nachruf in »unsere zeit» schrieb, für sein lebenslanges politisches Engagement gewürdigt worden.»

Nicht nur das Buch über ihn wird dafür sorgen, dass Willi Hoffmeister nicht vergessen wird

Willi Hoffmeister wird nicht vergessen werden. Dazu dürften nicht nur die Menschen sorgen, welche dem bescheidenen, aber stets ehrlich und entschlossen handelnden Menschen Willi Hoffmeister erlebt und auf seinem Weg auf die eine oder andere Weise begleitet haben. Sondern auch „Ein Willi Hoffmeister Buch“ mit dem Titel „Die Faust nicht nur in der Tasche ballen“, das 2022 vom Neue Impulse Verlag GmbH (Ulrich Sander / Felix Oekentorp (Hg.) herausgebracht wurde.

Willi Hoffmeisters Motto: Zusammenführen statt spalten

Ich lege dieses Buch meinen Leserinnen und Lesern – besonders der Jugend – ausdrücklich ans Herz. Empfehlen Sie das Buch gerne auch weiter an Freunde, Bekannte und Verwandte. Denn es zeichnet nicht nur den interessanten Lebensweg des Menschen Willi Hoffmeister nach, sondern kann nicht zuletzt auch als ein Geschichtsbuch gelten und gelesen werden. Wer Hoffmeister je getroffen hat – und ich tat das öfters – war immer wieder tief beeindruckt und von Respekt für den freundlich, herzlich und vorbildlich auftretenden Mann erfüllt. Sein Motto kann kurz und bündig so auf einen Nenner gebracht werden: Zusammenführen statt spalten.
Neben dem Buch möchte ich den verehrten Leserinnen und Lesern zusätzlich bzw. ergänzend meinen älteren Blogbeitrag „Urgestein der Dortmunder Friedensbewegung Willi Hoffmeister bei #Friedensfragen in der Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund“ empfehlen. Das damalige Gespräch von Willi Hoffmeister mit Moderator Mark Brill wurde von WELTNETZ TV aufgezeichnet und kann hier abgerufen werden.

Willi Hoffmeister und seine Zeit“
In seinen einleitenden Worten zum Buch setzt Ulrich Sander „Willi Hoffmeister und seine Zeit“ ins Bild. Als Hintergrundbetrachtung zu Hoffmeister Leben unerlässlich. Zunächst les wir noch etwas zur Biografie: „Willi Hoffmeister, geboren 1933, stammt aus einem Dorf im Landkreis Lübbecke, weit östlich des Ruhrgebietes. 1947 bis 1950 absolvierte er eine Schreinerlehre, danach zwei Jahre Geselle. Seine hauptamtliche Tätigkeit war dann viele Jahre die des Stahlarbeiters in Dortmund.“
Dann folgt ein Rückblick betreffs historischer Vorgänge.

Willi Hoffmeisters Vorprägung

Willi Hoffmeisters Engagement für den Frieden erfuhr gewissermaßen eine Vorprägung. Bei Willis Geburt soll dessen Großvater, der kein Freund Hitlers war, gesagt haben: „Wieder ein Soldat für Hitler.“ Später musste Hoffmeister den Zweiten Weltkrieg erleben. Zuvor als Schüler hatte er es mit einem Lehrer zu tun, der ein über hundertprozentiger Nazi war und einem Lehrmeister , der bekannte, „sozial“ und national“ zu sein. Hoffmeisters Eltern waren links. Die Mutter spürte damals bereits: „Hitler bedeutet Krieg.“ Und wäre sie damals im Ort nicht als besonders hilfsbereit bekannt gewesen, hätte die Nazis sie wohl ebenfalls „wegholen“ lassen. Wie einer von deren Brüdern, der 1934 verhaftet wurde und bis 1945 im KZ eingekerkert war. Die Kinder erfuhren davon erst nach dem Krieg. Gleich nach dem Krieg traten die Eltern in die KPD ein. So erfuhr Hoffmeisters Lebensweg bereits früh eine Vorprägung. Im Jahre 1950 anlässlich des Deutschlandtreffens der Jugend in Berlin wurde Hoffmeister nicht zuletzt durch seinen Onkel Franz klargemacht: So etwas wie Krieg und Faschismus dürfe es nie wieder geben. Onkel Franz schärfte Willi ein: „Junge, tu alles, damit es nie wieder zu Faschismus und Krieg“ kommt.“ (S.10, Fettung im Buch). Dies war letztlich die Initialzündung, die ausgelöst hatte, dass Willi Hoffmeister sich bis zu seinem Tod immer wieder die Frage stellte: Was kann ich dafür tun?

Eine Nachbemerkung

Auf Seite 17 des Buches hat Ulrich Sander es für notwendig erachtet seiner Einleitung eine „Nachbemerkung“ hinzuzufügen.
Er spricht darin an, dass Russland ein halbes Jahr nach Willi Hoffmeisters Tod […][„seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine“ eröffnete. Das haben wir von der Friedensbewegung nicht für möglich gehalten, und wir verurteilen es. Und sicher hätte Willi es auch getan. Er hätte zudem – so wie wir heute auch – die Vorgeschichte, die aggressive Kriegsvorbereitung der NATO gegen Russland gebrandmarkt (Siehe Seite 199). […]

Ab Seite 17 werden „Willis Erinnerungen“ wiedergegeben

Als Leser erfahren Interessantes über den Sohn einer wenig begüterten Familie von Nazigegnern, über seine Zeit als Schüler, Schreinerlehrling, Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ) – wurde in der BRD verboten -, sowie als Bauer in der DDR (die dortige Organe allerdings schickten ihn wieder zurück nach Westdeutschland, weil er dort als Kommunist mehr bewirken könne), seine Zeit als Hafenarbeiter, wo er Schwerstarbeit hatte verrichten müssen, seinen Wechsel ins Stahlwerk, sein Wirken als Jungkommunist, Arbeiter bei Hoesch (25 Jahre lang), als Kleingärtner, Gewerkschafter (für Hoffmeister bedeutete Gewerkschaftsarbeit immer auch Friedensarbeit), als DKP-Gründungsmitglied 1968 (die KPD war 1956 in der BRD verboten worden), als Reisenden in der Sowjetunion und später Russlands, als Aktivist gegen Neonazismus, Bezirksvertreter und Aktivist der Hoesch-Friedensinitiative.
Ostermarschierer der ersten Stunde
Als Ostermarschierer (der erste Ostermarsch fand 1960 im Norden der BRD statt) trat Willi Hoffmeister erstmalig beim Ruhr-Ostermarsch am Ostersamstag 1961 in Erscheinung. Es war ein Tag des Protestes gegen das atomare Wettrüsten und gegen die Wiederholung faschistischer Verbrechen (S.12). Später war das „Urgestein der Friedensbewegung“, wie Hoffmeister später immer öfter genannt wurde, dann als Mitorganisator des Ostermarschs Rhein-Ruhr, wo er in erster Reihe mitlief. Unter anderem ihm ist es zu verdanken, dass der Ostermarsch nach der Wiedervereinigung Deutschlands nicht einschlief.

Tief beeindruckt vom Besuch Michail Gorbatschows bei HOESCH

Besonders tief hat sich der Besuch es damaligen KPDSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow bei HOESCH in Dortmund bei Willi Hoffmeister eingeprägt. (Lesen Sie, so Sie mögen meinen Beitrag „Vor 30 Jahren kam Michail Gorbatschow auf Einladung deutscher Betriebsräte nach Dortmund und sprach vor 9000 begeisterten Hoeschianern“)
Gorbatschow sprach damals am 15. Juni 1989 vor 9000 begeisterten Hoeschianern! Auch an die Teilnahme an den Fahrten der Arbeiterzüge in die Sowjetunion erinnert Willi Hoffmeister.

Hoffmeister ein «Revolutionär« und „im besten Sinne ein Wert-Konservativer“

Seiner Geburtstagsrede (S.159) zum 75. Geburtstag von Willi Hoffmeister setzte Reiner Braun, damals Geschäftsführer der IALANA, ein Zitat von Bertold Brecht voran:
»Die Schwachen kämpfen nicht.
Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang.
Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre.
Diese sind unentbehrlich.»
Reiner Braun machte weiter deutlich (S.160): „Dass die Abschaffung der Atomwaffen zumindest in Ostermarsch-Ruhr-Aufrufen eine zentrale Rolle spielt, ist sicher auch maßgeblich Willis Verdienst. Nicht alle Friedensfreunde und Friedensfreunde hat er bei dieser Prioritätensetzung immer und sofort auf seiner Seite.“ und Braun befindet: „In diesem Punkt war aber der »Revolutionär» Willi Hoffmeister im besten Sinne ein Wert-Konservativer.“
Hoffmeister erlebt immer Höhen und Tiefen in seiner Friedensarbeit
Willi Hoffmeister bekannte, immer Höhen und Tiefen in seiner Friedensarbeit erlebt zu haben. Man kann sich das gut vorstellen. Schließlich war der Friedenskämpfer bei den Kommunisten. Und deshalb sei er „in Gewerkschaftskreisen nie gerade gefördert“ worden. Auch nicht in der IG Metall. „Nach kräftigem Wirken meiner lieben Freunde von der SPD“ ist er mal das der betrieblichen Vertretung geflogen. Dennoch war Gewerkschaftsarbeit in Verbindung mit dem Engagement für den Frieden immer ein Bestandteil seines persönlichen Wirkens. Darin war und ist Hoffmeister immer anerkannt worden. So bekam er auch den Spitznamen „Friedenswilli“. Darauf ist er stolz. Zu recht.

Hoffnungen in Fridays For Future, die sich nicht erfüllten

Ich erinnere mich noch gut daran, dass Willi Hoffmeister äußert angetan war von der Bewegung Fridays For Future (FFF). Endlich engagierten sich wieder junge Leute für eine gute Sache! Ein erfreuliches Aufbäumen der Jugend sei diese Bewegung, wie er es sich manchmal gewünscht hätte selbiges in der Friedensfrage zu erleben. Der Friedensaktivist regte an einmal darüber nachzudenken, was alleine nach dem 2. Weltkrieg an Hinterlassenschaften an Weltkriegs – Munition und chemischen Waffen allein in Ost- und Nordsee versenkt worden ist. Welche Gefahren da schlummerten! Er wünschte sich sehr, dass FFF auch den Kampf gegen das Militär und das Agieren der USA (schließlich gilt allein das US-Militär als der größte Umweltverschmutzer auf der Welt) in ihren Protest einbezieht. Willi Hoffmeister seinerzeit: „Aufrüstung und Krieg sind eine der größten Umweltverschmutzer auf der Erde. Wer das nicht kapiert und mitaufnimmt, der vergibt sich etwas im Erfolg dieser Sache. Wir sollten alles dafür tun: Und wenn sich jeder ein Schild malt mit der Aufschrift „Abrüsten ist der größte Umweltschutz.
Ein Wunsch des 2021 verstorbenen Friedensaktivisten, der leider bislang nicht in Erfüllung ging.
Ich wünsche dem Buch „Die Faust nicht nur in der Tasche ballen“ viele Leserinnen und Leser. Ja, es sollte auch im Schulunterricht behandelt werden. Auf der Buchrückseite lesen wir: „Ein ungewöhnliches Buch ist dies »Die Faust nicht nur in der Tasche ballen».

Das Buch handelt von einem wahrem Vertreter der Arbeiterklasse, einem Gewerkschafter, Antifaschisten, Friedenskämpfer und Kommunisten.“
Ob Persönlichkeiten wie Willi Hoffmeister wohl künftig noch nachkommen steht in den Sternen. Schließlich gibt es so etwas wie eine Arbeiterklasse kaum noch. Aber es gibt jede Menge Probleme, der sich Menschen annehmen müssen. Gerade jetzt werden sie gebraucht. Denn wir stehen am Abgrund …

Die Faust nicht nur in der Tasche ballen“ – Ein Willi Hoffmeister Buch
Von Ulrich Sander und Felix Oekentorp
ISBN 9783000724954,
Neue Impulse-Verlag Essen,
200 Seiten, 16,80 €)
Es ist erhältlich im Buchhandel oder auch beim Alois Stoff Bildungswerk der DFG-VK NRW
Bestellungen an DFG-VK_Bildungswerk_NRW@t-online.de

Willi Hoffmeister. Foto: Claus Stille

Willi Hoffmeister am Gedenk-Obelisken für die von den Nazischergen ermordeten sowjetischen Zwangsarbeiter des Stalag 326 in Stukenbrock. Foto: Claus Stille

„Darf ich Genosse sagen?“ Von Kurt Gossweiler. Der Briefwechsel mit Peter Hacks. – Rezension

Der Eulenspiegel Verlag wartet mit der Veröffentlichung einer hochinteressanten Korrespondenz von Kurt Gossweiler und Peter Hacks auf.

Der Begriff Sozialismus war ja um 1989 herum und zeitgleich mit der Wende in den einst sozialistisch genannten Staaten sowie schließlich erst recht mit dem Zerfall der Sowjetunion zum Unwort geworden. Er war für lange Zeit diffamiert. Kaum jemand traute sich diesen Begriff noch in den Mund zu nehmen oder gar diese Gesellschaftsordnung irgendeiner Weise in Schutz zu nehmen oder zu verteidigen – der war sofort des Teufels. Für mich persönlich hat es einen wirklichen Sozialismus allerdings noch nie gegeben. Schon gar nicht einen (in jeder Hinsicht) demokratischen. Doch das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Im Westen Deutschlands dürften 1989/90 die Sektkorken geknallt haben

Die sich einst als Sozialisten verstanden habenden Menschen in der DDR hatten andere Probleme als darüber zu räsonieren. Sie leckten ihre Wunden, denn sie wurden aus Ämtern, Funktionen gejagt und sogar aus den Universitäten geworfen, nachdem sie „evaluiert“ worden waren. Der Kapitalismus hatte seines Erachtens gesiegt und danach benahmen sich dessen Vertreter auch. Betreffs der DDR und anderswo hatte man im Westen mindestens seit 1949 darauf gewartet und alles dafür getan, dass dieser Tag kam. Und war nun zweifelsohne im Westen Deutschlands 1989/90 voll der Freude, dass er endlich hatte herbeigeführt werden können. Sektkorken dürften geknallt haben …

Doch bezüglich dieses Wende oder gar Revolution (m.E. trifft dieser Begriff am allerwenigsten zu) genannten Ereignisses wurde kaum erforscht, welchen Anteil und welche Verantwortung wichtigen Vertretern des Sozialismus selbst für das Scheitern des Sozialismus zuzuschreiben ist . In der Beschreibung des hier zu besprechenden Buch lesen wir:

„Erst nach der Konterrevolution von 1989 begegnen sich zwei Kommunisten aus der DDR über den gleichen, gleich grundsätzlichen Fragen.“

Meine Wenigkeit kann der Einordnung „Konterrevolution“ noch am ehesten zustimmen. Der Kapitalismus, die Kapitalisten holten sich 1989/90 zurück, was ihnen einst nach dem Zweiten Weltkrieg genommen worden war. Und niemand dürfte es eigentlich wundernehmen, dass ab diesem Zeitpunkt peu á peu ein Sozialabbau in der BRD eingeleitet wurde. Westdeutsche Gewerkschaftsfunktionäre sagten: Die DDR saß im Grunde bei Tarifverhandlungen immer unsichtbar mit am Verhandlungstisch. Mag sein, dass sie die DDR damals verklärten. Aber es gab dort nun einmal soziale Errrungenschaften auf die West-Gewerkschafter verweisen konnten. Nach der „Konterrevolution“ fiel das weg. Darauf brauchten die Kapitalisten von nun also keine Rücksicht mehr zu nehmen. Und den Gewerkschaften war dieses Ass aus dem Ärmel genommen.

Weiter heißt es in der Beschreibung:

„Im Briefwechsel lernen sie einander kennen und schätzen, ermutigen und prüfen – mit Respekt, Scharfsinn, Vertrauen …“

Die beiden im Briefwechsel stehenden Herren sind Kurt Gossweiler (1917-2017), Historiker mit den Schwerpunkten Faschismusforschung, Revisionismusanalyse, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, und Peter Hacks (1928-2003), Dramatiker, Lyriker, Essayist.

Der Kracher

Der – soll ich schreiben: Kracher? – ist für mich bei der Lektüre dieses Buches gewesen, dass sich währen des Briefwechsels herauskristallisiert, dass darin Chruschtschow (vom Westen als Nachfolger Stalins eigentlich mehr oder weniger posititv gesehen) als jemand angesehen wird, der den Zerfall des Sozialismus in der Sowjetunion und in der DDR eingeleitet hat. Und Gorbatschow (vom Westen hochgelobt) als jemand angesehen wird, der den Zerfall des Sozialismus (und zusätzlich der Sowjetunion selbst) schließlich vollendet hat. Da muss man zunächst erst mal schlucken. Obwohl da nach genauerem Be- und Nachdenken da doch durchaus etwas dran sein könnte.

Exkurs

Außerhalb des Buches, auf der seite kurt-gossweiler.de, fand ich etwas Auführlicheres dazu: „Oktober 1959: Von seiner USA-Reise zurückgekehrt, wirbt Chruschtschow auf einer Großkundgebung um Vertrauen für den USA-Präsidenten Eisenhower (eben jenen Präsidenten, der Ethel und Julius Rosenberg auf den Elektrischen Stuhl schickte), indem er ausführte: “Von dieser Tribüne aus muss ich vor den Moskauern, vor meinem ganzen Volk, vor der Regierung und vor der Partei sagen, dass der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Dwight Eisenhower, der Mann, der das absolute Vertrauen seines ganzen Volkes genießt (gehörten für Chruschtschow die amerikanischen Kommunisten nicht zum Volk?) staatsmännische Klugheit bewiesen hat.”

1960/61: Bruch mit der Volksrepublik China und der KP Chinas. Zuspitzung des Konflikts seitens der Sowjetunion bis zu der Behauptung, die Hauptkriegsgefahr gehe nicht mehr von den imperialistischen USA, sondern von China aus.

Was ist allen diesen Aktionen und Stellungnahmen gemeinsam? Jede von ihnen kam überraschend und unerwartet. Keine war ausreichend stichhaltig begründet, bei einigen – darunter den /67/ wichtigsten – entsprach die zur Begründung angegebene Behauptung offenkundig nicht der Wahrheit, wie etwa bei der Totalrehabilitierung Titos, oder sie stellte eine schlimme Mischung von Wahrheit und Erdichtetem dar, wie in der Geheimrede auf dem XX. Parteitag. Jede stellte eine mehr oder minder schroffe Wendung dar und eine Absage an bisherige elementare marxistisch-leninistische Grundsätze. Jede war ein Angriff auf das bisherige kommunistische Wertesystem. Durch jede wurde bisher für richtig Gehaltenes als falsch bzw. feindlich abgestempelt, und umgekehrt, bisher als falsch und feindlich Betrachtetes für richtig bzw. vertrauenswürdig erklärt.

Was damit – großenteils unmerklich – bewirkt wurde, war seinem Wesen nach eine Vertauschung von Freund- und Feindbild: die eigene Vergangenheit wurde schließlich zum Gegenstand des Abscheus, dem gegenüber es nur noch “unversöhnliche Abrechnung” geben kann; der imperialistische Todfeind der eigenen Sache und der Menschheit dagegen avancierte zum vertrauenswürdigen Partner beim Kampf um eine gerechte Weltordnung und den Weltfrieden und imperialistische Spitzenpolitiker zu Duz-Freunden des Führers der führenden kommunistischen Partei.

Was also ist der gemeinsame Wesenskern all der erwähnten und nicht erwähnten überraschenden Wendungen?

Sie alle waren Teil eines lang währenden Prozesses, in dem die kommunistische Identität der kommunistischen Parteien und der sozialistischen Länder Stück für Stück bis zur Unkenntlichkeit abgebaut wurde, bis sie ihre Identität so weit verloren hatten, dass ihre Gegner sich ausrechnen konnten, sie durch eine Politik des “Wandels durch Annäherung” vollends aufweichen und vernichten zu können.

Dieser Prozeß war von der Chruschtschow-Mannschaft eingeleitet wurden. Er wurde nach Chruschtschow zwar gebremst, aber nicht gestoppt. Gorbatschow wurde als Produkt des ersten Schubs dieses Identitätswandels sein Fortführer und Beschleuniger bis zum folgerichtigen Abschluss: der Auflösung der Kommunistischen Partei und der Sowjetunion und seinem Bekenntnis in dem berühmt-berüchtigten Spiegel-Interview: “Meine politischen Sympathien gehören der Sozialdemokratie und der Idee von einem Sozialstaat nach der Art der Bundesrepublik Deutschland.” /68/“

Verzeihen Sie mir den ausführlichen Exkurs, liebe Leserinnen und Leser. Zum besseren Verständnis (und Ihnen zur Diskussion gestellt) fand ich ihn notwendig.

Der vorliegene Briefwechsel erschien erstmals 2005

Hinweis seitens der Verlags: „Der vorliegende Briefwechsel erschien erstmals 2005 in der von André Thiele und Johannes Oehme unter dem Titel <<Am Ende verstehen sie es. Politische Schriften 1988 bis 2003<< im Eulenspiegel Verlag herausgegebenen Sammlung von Hacks-Schriften. Diese war rasch vergriffen. In der zweiten Ausgabe, <<Marxistische Hinsichten. Politische Schriften 1955-2003<<, ist dieser Briefwechsel nicht enthalten.“

In einem Brief, sei hier noch erwähnt, von Hacks an Gossweiler (S.63) lesen wir zur Person Gorbatschow: „Erst bei Gorbatschow ist klar, dass er, spätenstens seit seiner Wahl zum Generalsekretär, den Imperialismus bewußt anstrebte. Alles Unheil, das in diesen Tagen über die Menschheit hereinbricht, ist die Folge dessen, wass 1985 oder 1989 geschah. Die toten Serben gehen auf Gorbatschows Konto, wie die toten Iraker und die toten Kaukasusvölker aus sein Konto gingen, und man wir ihn unter den großen Massenmörer dieses Jahrhunderts zu rechnen haben.“

Eine hochinteressantes Korrespondenz

Diese Korrespondenz ist hochinteressant. Sie offenbart sehr deutlich wie beide Briefpartner politisch denken, zeigt worin sie übereinstimmen oder Differenzen geltend machen. Da geht es auch hin und wieder um Alltags- und Gesundheitsprobleme. Detaillierte Fragen sozialistischer Theorie werden diskutiert. Geschichliche Ereignisse werden beleuchtet und intensiv besprochen. Vieles, was man aus diesem Briefwechsel erfährt hat man so noch nicht gehört oder gelesen. Auch darin vorkommende (zum Teil widersprüchlich agierende) politische Figuren oder betreffs ihres Tuns und Schreibens erwähnte Journalisten sozialistischer Blätter wie von Neues Deutschland oder junge Welt hat man so noch nicht betrachtet. Im Briefwechsel kommentierte Irrnisse und Wirrnisse in der DDR lassen gemachte Fehler erkennen. Nicht als gering zu bezeichnende Fehler, welche letztlich dazu beitrugen, das die DDR zugrunde ging. Ja, vielleicht: geradezu zugrunde gehen musste, werden den Lesern überdeutlich.

Hacks ein zweiter <<parteiloser Kommunist>>

Woher der Titel des Buches kommt? In einem Brief zu Hacks Geburtstag schreibt Kurt Gossweiler in der Anrede (S.73): „Lieber (darf ich: Genosse sagen?) Peter Hacks!“

Dazu muss man wissen, dass Hacks nicht Mitglieder der SED war. Gossweiler nennt Hacks in seinen Nachbetrachtungen (S.158) einen „zweiten <<parteilosen Kommunisten>> neben Bert Brecht in der Zunft der <<Stücke- und Gedichte-Schreiber“ (…)

In seinem Antwortschreiben schreibt Hacks (S.76): “ Lieber Genosse Gossweiler, vielleicht machen wir es so: In Geburtstagsbriefen nennen Sie mich immer Genosse, und dann fühle ich mich immer geschmeichelt.“

Die Briefe von Hacks und Gossweiler sind stets in respektvoller, höflicher Form und unter Verwendung von ausdrucksstarken, bestimmt ausgewählten Worten verfasst.

Manche einst gewonnene Einschätzungen müssen unter Umständen revidiert oder korrigiert werden

Leserinnen und Leser, die freilich nicht so tief in der Materie stecken und so tief wie Gossweiler und Hacks freilich keinesfalls stecken können, werden gewiss bei der Lektüre der Korrespondenz hin und wieder einst gewonnene, oder angelesene Einschätzungen von geschichtlichen Ereignissen beziehungsweise betreffs bestimmter Personen revidieren, korrigieren oder schmerzhaft anzweifeln wollen. Es wird beispielsweise auch in diesem Buch (wie in den Erinnerungen von Egon Krenz ebenfalls) die Person Walter Ulbrichts anders beurteilt als sie für gewöhnlich allgemein gezeichnet wird. Das betrifft u.a. die Tatsache, dass Ulbricht die Möglichkeit einer deutschen Einheit lange im Auge behielt und etwa deshalb auch dafür war, „Deutschland einig Vaterland“, in der DDR-Nationalhymne zu belassen.

Zum Verständnis meinerseits angemerkt: „Ulbricht war bestrebt, die Abhängigkeit von der Sowjetunion zu vermindern, was ihm letztendlich nicht gelang. Mit Nennung der vergleichsweise großen wirtschaftlichen Erfolge der DDR im RGW Raum propagierte Ulbricht Ende der 60er Jahre das „Modell DDR“ als Vorbild aller Sozialistischen Industriegesellschaften und geriet dadurch in Konflikte mit der KPdSU, der Partei der Sowjetunion. Ulbricht sah die DDR auf dem Weg in ein „entwickeltes gesellschaftliches System des Sozialismus“ und sah darin eine eigenständige Gesellschaftsform. Die Sowjetunion hingegen stand auf dem Standpunkt sie hätte bereits als erster den Sozialismus realisiert und wäre auf dem Sprung zum Kommunismus.

Ab 1967 verlor Ulbricht durch die Deklaration der DDR als Musterland des Sozialismus die Unterstützung von Leonid Breschnew, dem damaligen Führer der UDSSR. Es war auch Ulbricht, der eine Reformation der sozialistischen Planwirtschaft einleitete. Das sogenannte „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung“ (NÖS oder NÖSPL) war ein staatliches Programm zur Reform der Planwirtschaft in der DDR. Es sah Elemente wie Leistungsboni für Arbeiter sowie eine stärkere Eigenständigkeit von Betrieben, eine Dezentralisierung, vor und war in der Tat effektiver als die bisherige Planwirtschaft. Das neue System war an die Ideen Lenins zur Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) angelehnt. Ja, schon Lenin, der Urvater der Sozialisten, dachte an eine leistungsorientierte Wirtschaft. Dieses leistungsorientierte System war innerhalb der Parteiführung kontrovers umstritten, auch wenn es der Planwirtschaft überlegen war. Honecker schaffte das neue und effektivere System wieder ab und fiel in die Planwirtschaft zurück.“ (Quelle: DDR Geschichte: Die Walter Ulbricht Ära; aus DDR-Erinnerungen)

Egon Krenz kommt in einem Brief von Hacks an Gossweiler als tragische Figur vor (S.40/41): An Biermann, wenn Sie sich entsinnen wollen, haben Sie eine Erinnerung. Während der Konterrevolution, also noch unter Krenz, wurde Biermann eingeflogen, empfangen und instruiert von Dietma Keller, einem Leutnant des Kulturministers Hoffmann (…) Nach dieser Szene auf der Treppe des Kulturministeriums eilte Biermann nach Sachsen, gab ein Konzert und sang, dass Krenz zu den <<ruchlosen Greisen>> auch gehöre, und Krenz wurde sofort gefeuert und Modrow eingesetzt, so wie es die Russen von Anfang an beabsichtigt hatten.“

Peter Hacksens Hoffnung auf einen neuen revolutionären Aufschwung

In seinem Nachwort (im Mai 2005 zur Ausgabe 2005) zeigt sich Kurt Gossweiler davon überzeugt, dass „ein neuer revolutionärer Aufschwung, soll er zum Ziel, zum Sieg einer neuen sozialistischen Revolution führen, einer fest in den Massen verwurzelten kommunistischen Parte Marxistisch-Leninscher Prägug bedarf.“ (…) Und er schließt und schreibt das Buch betreffend: „Möge seine Verbreitung dazu beitragen, daß die Zahl derer – besonders unter der Jugend -, die die Erfüllung dieser Forderungen mitarbeiten, durch neue Aktivisten erweitert wird!“

Kaum zu glauben, aber wahr: die beiden Briefeschreiber sind sich nie persönlich begegnet. Und als sich endlich die Möglichkeit einer solche Begegnung anbot, war Peter Hacks bereits zu krank, um zu kommen.

Unbedingte Lese-Empfehlung! Dem Eulenspiegel Verlag sei gedankt für diese interessante Veröffentlichung.

Matthias Oehme (Hrsg.), Kurt Gossweiler, Peter Hacks

Darf ich Genosse sagen?

Der Briefwechsel mit Peter Hacks

224 Seiten, 16,5 x 22,2 cm, broschiert

sofort lieferbar

Buch 12,– €

ISBN 978-3-359-50099-5

Matthias Oehme

Matthias Oehme, geboren 1954, ist promovierter Germanist.


Kurt Gossweiler

Kurt Gossweiler (1917-2017), Historiker mit den Schwerpunkten Faschismusforschung, Revisionismusanalyse, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung


Peter Hacks

Peter Hacks, (1928–2003), Dramatiker, Lyriker, Essayist und Kinderbuchautor. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Nationalpreis der DDR I. Klasse, der Heinrich-Mann-Preis und der deutsche Jugendliteraturpreis.


»Darf ich Genosse sagen? Der Briefwechsel mit Peter Hacks« erscheint im Eulenspiegel Verlag, einem Imprint der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

Kurt Gossweiler im Briefwechsel mit Peter Hacks (1996–2003)
Die 52 Briefe, die die Partner im Laufe von mehr als 6 Jahren wechseln, bezeugen eine außerordentliche Intensität auf beiden Seiten. Sie sind verbunden im gemeinsamen Nachdenken über den gleichen, gleich grundsätzlichen Fragen:
Welches sind die Klassen und die Klassenkämpfe in sozialistischen Gesellschaften? Welchen Anteil hatten Persönlichkeiten wie Nikita Chruschtschow am Zerfall des Sozialismus in der Sowjetunion und in der DDR? Wie wäre die Niederlage von 1989-90 zu vermeiden gewesen? Und welcher Organisationsformen, Bildungsformen, Kampfformen bedarf es für einen zukünftigen Sozialismus?
Sie lernen einander in diesem Briefwechsel kennen und schätzen, ermutigen und prüfen – mit Respekt, Scharfsinn, Vertrauen … so intensiv, dass der eine den andern schließlich fragt: „Darf ich Genosse sagen?“
Die neue, überarbeitete und erweiterte Ausgabe nach der gar zu rasch vergriffenen ersten Ausgabe von 2005 bietet auf 220 Seiten auch ausführlichere Anmerkungen mit weiterführenden Materialien und einigen bisher unveröffentlichten Dokumenten.

Eine Veranstaltungsempfehlung zum Schluss:

Dienstag, 27. September 2022

Kurt Gossweiler/Peter Hacks »Darf ich Genosse sagen«

Eine Niederlage, aber kein grundloser oder unerklärlicher Niedergang

FMP1
Münzenbergsaal
10243 Berlin

Uhrzeit: 10:00 Uhr

In ihrem intensiven Briefwechsel beschäftigen sich Peter Hacks und Kurt Gossweiler mit grundsätzlichen Fragen: Welches sind die Klassen und die Klassenkämpfe in sozialistischen Gesellschaften? Welchen Anteil hatten Persönlichkeiten wie Nikita Chruschtschow am Zerfall des Sozialismus in der Sowjetunion und in der DDR? Wie wäre die Niederlage von 1989-90 zu vermeiden gewesen? Und welcher Organisationsformen, Bildungsformen, Kampfformen bedarf es für einen zukünftigen Sozialismus?
In der Veranstaltung werden einige der Briefe zu Gehör gebracht.

Referent: Dr. Matthias Oehme, Verleger und Herausgeber von Kurt Gossweiler: Darf ich Genosse sagen? Der Briefwechsel mit Peter Hacks
Moderation: Dr. Inge Pardon

Kosten: 2,00 Euro

https://www.helle-panke.de/de/topic/3.termine.html?id=3381

Petersburger Dialog vorläufig perdu. Bleibt bald kein Gesprächsfaden mehr nach Russland?

Frieden stiften ... Foto: Reinhard Sandbothe via Pixelio.de

Frieden stiften … Foto: Reinhard Sandbothe via Pixelio.de

Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg schlafwandelt man mal wieder in der Welt herum. In langwierigen Verhandlungen erreichte politische Errungenschaften und Verbesserungen in den Beziehungen zwischen Ost und West – wie etwa durch die sozialliberale Koalition mit Bundeskanzler Willy Brandt an der Spitze – im Rahmen des Wandels durch Annäherung (vorgedacht durch Egon Bahr) diplomatisch-geduldig befördert – drohen siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in nur kurzer Zeit vernichtet zu werden. Das zeugt nicht nur von enormer unbegreiflicher Geschichtsvergessenheit, offensichtlicher politischer Dummheit führender Politiker in Europa, sondern ist aufgrund von heute noch nicht abzusehender Folgen auch brandgefährlich. Wenn auch im Moment ein Krieg – gar ein neuer Weltkrieg – wenig wahrscheinlich ist, so besteht doch die Gefahr des Ausbruchs eines neuen kalten Krieges. Manche sehen diesen längst im Gange.

Anhaltende Repressalien der russischen Führung gegen Nichtregierungsorganisationen in Russland sowie die Ukraine-Krise sind Grund für Absage

Von den einstigen Blöcken West und Ost sind inzwischen nur noch „der Westen“ und Russland übriggeblieben. Aber auch nach der (scheinbaren; wie man heute sagen muss) Beendigung der Ost-West-Konfrontation war eingesehen worden, wie wichtig und unabdingbar für beide Seiten gute Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind (und eigentlich immer gewesen sind).

Ein nicht unwichtiges Instrument gute Beziehungen über die regierungsamtlichen hinaus auf vielen gesellschaftlichen Ebenen zu pflegen, stellt der „Petersburger Dialog“ dar. Der Petersburger Dialog wurde 2001 von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Wladimir Putin ins Leben gerufen. Erstmals seit nun 13 Jahren hat die deutsche Bundesregierung den „Petersburger Dialog“ auf unbestimmte Zeit verschoben. Das Forum sollte Ende Oktober in Sotschi stattfinden, schrieb die russische Zeitung „Kommersant“ am Mittwoch. Und zwar vom 29. bis 31. Oktober 2014. Grund für Absage seine anhaltende Repressalien der russischen Führung gegen Nichtregierungsorganisationen in Russland sowie die Ukraine-Krise selbst.

Bundeskanzlerin Merkel traf Entscheidung angeblich allein, Außenminister Steinmeier wohl anderer Meinung

Bundeskanzlerin Angela Merkel, so verlautete, habe die Entscheidung zur Absage allein getroffen. Und zwar im Gegensatz zur Linie als Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der angeblich darauf gesetzt habe, dass der Petersburger Dialog in Sotschi stattfinden solle.

Lothar de Maizière will „zivilgesellschaftlichen Charakter des Dialogs schützen“

Der Vorstandsvorsitzende des Petersburger Dialogs, Dr. Dr. h.c. Lothar de Maizière, begründete die Absage des Treffens so: Man habe sich nicht in die politischen Auseinandersetzungen hineinziehen und instrumentalisieren lassen wolle. Laut Spiegel Online sagte der letzte DDR-Ministerpräsident weiter: „Durch die Verschiebung wollen wir den zivilgesellschaftlichen Charakter des Dialogs schützen“.

Präsident Putin hält Verschiebung des Dialog unter jetzigen Bedingungen für richtig

In Moskau artikulierte sich Enttäuschung. Jedoch machte sich der russische Präsident Wladimir Putin offfenbar selbst keine Illusionen. Angesichts der momentan komplizierten Beziehungen zwischen Russland und Europa sei es laut Wladimir Putin richtig, den für den Oktober geplanten Petersburger Dialog zu verschieben. „Unter den jetzigen Bedingungen und angesichts unserer komplizierten Beziehungen mit Europa ist es besser, den Petersburger Dialog zu verschieben, um ihn zu retten und dem Prozess selbst keinen Schaden zuzufügen“, sagte Putin am Dienstag, wie RIANOVOSTI meldete.

Der Petersburger Dialog sei als eine Plattform für das Zusammenwirken von Zivilgesellschaften beider Länder gedacht worden, führte er laut RIANOVOSTI weiter aus. Er biete die Möglichkeit, Lösungen für bestehende Probleme zu finden.

„So ist aber die Logik unserer deutschen Partner“ sagte Putin und sprach davon diesbezüglich von einem wahrscheinlich rationalem Kern.

Bereits vor der Bekanntgabe der Verschiebung des Petersburger Dialogs bis auf Weiteres hatte Deutschland die diesjährigen Regierungskonsultationen mit Russland abgesagt.

Lothar de Maizière hält Kritikern „Vorverurteilung und Gesprächsablehnung“ vor

Lothar de Maizière ist anscheinend nicht von der Entscheidung überzeugt. Kritikern hat er „Vorverurteilung und Gesprächsablehnung“ vorgeworfen. Man müsse auch „verstehen, wie Russland die Probleme versteht“, schreibt er. Das Gespräch mit Russland müsse „auf Augenhöhe“ geführt werden, „nicht von oben herab, nicht moralisch belehrend, aber mit klaren und ehrlichen Argumenten“. Lothar de Maizières Offener Brief kann auf „Themen der Zeit“ nachgelesen werden.

Lothar de Maizières Vorstandstuhl wackelt

Schon dürfte sich de Maizière darob in der Kiste mit der warnenden Aufschrift „Russland-“ bzw. „Putin-Versteher“ wiederfinden. Es wird bereits über eine Ablösung de Maizières nachgedacht. Als Nachfolger hatten seine Kritiker den CDU-Politiker Ruprecht Polenz ins Visier genommen. Der aber winkte zunächst dankend ab. Er machte eine Übernahme der Funktion von einer „wirklichen Reform“ des Forums abhängig. De Maizières Vorstandsstuhl wackelt jedenfalls. So rennt das in unsere Demokratie. Man darf zwar alles sagen, muss sich dann aber über die Konsequenzen nicht wundern. Wie ebenfalls auf RIANOVOSTI zu lesen war, haben deutsche Menschenrechtler eine Unterschriftensammlung für den Appell an Bundeskanzlerin Angela Merkel initiiert, den Petersburger Dialog im laufenden Jahr nicht zu streichen, wie Michail Fedotow, Chef des Menschenrechtsrates beim russischen Präsidenten, der Nachrichtenagentur mitteilte. Auch Antje Vollmer und mehrere andere Personen, die ihre Teilnahme am Petersburger Dialog zugesichert hatten, halten die Absage für grundfalsch. Auf die Vernünftigen, die die Absage des Petersburger Dialogs nicht mit zu tragen bereit waren, sei immenser Druck ausgeübt worden.

Jagden die Bellizisten in der Böll-Stiftung die Bundeskanzlerin ins Bockshorn?

Kritische und an der Aufrechterhaltung aller vorwärts bringenden Beziehungen Deutschlands zu Russlands interessierte deutsche Bürgerinnen und Bürger wollen die Absage des Petersburger Dialogs seitens Merkels nicht so einfach schlucken. Sie werfen der Bundeskanzlerin vor, sie habe sich von der den Grünen nahen Böllstiftung „ins Bockshorn jagen lassen“. Dort haben zunehmend bellizistisch agierende Alt-Grüne, Ex-Radikalinskis, die einst meist im Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) organisiert waren, das Sagen. Nebenbei bemerkt: Namensgeber Heinrich Böll dürfte deshalb inzwischen täglich im Grabe rotieren. Gegen die Benutzung (um nicht Missbrauch zu schreiben) seines Namens kann er sich (leider) nicht mehr wehren.

Kritische Bürgerinnen und Bürger schreiben Mails und Brief, „um Verhandlungen und Ausgleich mit Russland zu fördern“

Wehren gegen die Absage des Treffens tun sich immerhin kritische und an guten Beziehungen Deutschlands zu Russland interessierte Bürgerinnen und Bürger. Empört führen sie aus: „Das entspricht nicht deutschen Interessen. Wir brauchen Frieden in Europa.“. Längst haben sie begonnen den Teilnehmern des Petersburger Dialogs E-Mails bzw. Briefe zu schreiben, „um Verhandlungen und Ausgleich mit Russland zu fördern.“ An folgenden Punkten sollen sich deren Schreiben orientieren:

„1. Ich schätze Ihre Teilnahme am Petersburger Dialog.
2. Damit leisten Sie einen Beitrag für den Frieden in Europa, den die Menschen brauchen.
3. Das Sterben in der Ukraine kann man nur durch Verhandlungen und einen fairen Interessenausgleich beenden.
4. Vielen Dank für alles was Sie tun.
5. Viele Menschen in Deutschland sind auf Ihrer Seite.
6. Bitte setzen Sie sich weiterhin für Frieden mit Russland ein.“

Nichtsdestotrotz, der Petersburger Dialog ist für dieses Jahr nicht mehr zu retten. Und daran, dass das deutsch-russische Forum 2015 stattfindet, glauben jetzt schon nicht mehr allzu Viele. Es wird – so hat es den Anschein – wieder schlafgewandelt in der Welt, in Europa. Diese politisch-dumme Geschichtsvergessenheit gepaart mit einer Portion Nichtdiplomatie kann einen nur auf die Palme bringen. Fast, muss ich denken, war der Kalte Krieg der Blöcke West gegen Ost geradezu für ein Fest, möchte ich beinahe schreiben! Egon Bahr, Willy Brandt und die sozialliberale Koalition unternahmen das anscheinend Unmögliche. Im Interesse des Friedens und der Menschen auf beiden Seiten des sogenannten Eisernen Vorhangs.

Zerplatzte Hoffnungen

Welche Hoffnungen verbanden die Menschen nicht damals mit den Verhandlungen etwa zum Viermächte-Abkommen und den deutsch-deutschen Verhandlungen zwischen  BRD-DDR! Bundeskanzler Willy Brand auf dem Balkon mit DDR-Ministerpräsident Willy Stoph am Fenster im Hotel „Erfurter Hof“ im thüringischen Erfurt. Im Jahre 1970 geschah das! In der achten Klasse einer DDR-POS war ich damals. Und via Westmedien tags mit dem Ohr über ein  kleines sowjetischen Transistorradion namens „Kosmos“ und abends via „Tagesschau“ so nahe wie möglich am Geschehen. Oder später das Treffen Bundeskanzler Helmut Schmidt mit DDR-SED-Generalsekretär Erich Honecker auf Schloss Hubertusstock am Werbelinsee.

Und eine Verbesserung der Beziehungen und Erleichterung für Menschen im Osten wurden mit einer „Politik der kleinen Schritte“ (Willy Brandt) erreicht.

Die nächste Hoffnung war schließlich Michail Sergejewitsch Gorbatschow, der mit seiner Politik von Glasnost und Perestroika, das Ende des Kalten Krieges einleitete. Ein Mann, dem Deutschland die Wiedervereinigung verdankt.

Wie es weiterging wissen wir. Verlorene, weil in vielerlei Hinsicht vertane 1990er Jahre. Ein Rollbackpolitik wurde, von bestimmten Interesse geleitet ins Werk gesetzt. Und Gorbatschows Visionen von einem „gesamteuropäischen Haus“, von einer „gemeinsamen friedlichen politischen Lösung aktueller Probleme“ – was ist daraus geworden?

Haben „wir“ eigentlich den Verstand verloren?!

Haben „wir“ eigentlich den Verstand verloren?! Wo driften, schlafwandeln, wir hin? Schlafwandeln? Sehenden Auges geschieht das doch alles! Geschichtsvergessene, von niederen Interessen geleitete, westliche, deutsche, Politiker sind am Ruder. Hat Merkel (Staatsdoktrin) eigentlich von Washington Anweisung erhalten, den Petersburger Dialog zu kippen? Oder hat man’s aus eingefleischter Vasallentreue zum „Partner“ USA in vorauseilendem Gehorsam tatsächlich selbst entschieden? Es ist schnurzegal. Weil es dumm und falsch ist. Wie es zuvor dumm und falsch war, sich für Sanktionen gegen Russland auszusprechen.

Müsste man in Berlin nicht froh sein den Petersburger Dialog zu haben? Um diese Institution zu nutzen, damit eine Anzahl gesellschaftlicher Vertreter aus Kultur, Politik und Wirtschaft aus Russland wie aus Deutschland auch in Krisenzeiten miteinander reden.  Wie es sogar in Zeiten des verflossenen und durch Gorbatschow beendeten Kalten Krieges möglich war? Wie viele Gesprächsfäden zwischen dem Westen und Russland sollen denn noch gekappt werden?!

Sapere aude!

Müssten nun nicht die vernünftigen Menschen unter unseren Völker – des russischen wie des deutschen – das Heft des Handelns in die Hand nehmen, um zu verhindern, dass nicht noch mehr politisches Porzellan zerschlagen wird? Sapere aude – Habt im Sinne Immanuel Kants Mut, euch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien! Dies  möchte man angesichts von derart viel politischen Unverstand und Geschichtsvergessenheit auf einem Haufen ausrufen. Ein kleiner Anfang ist gemacht. Wie die zuvor erwähnten kritischen Bürger zeigen. Ist auf die Mächtigen im Westen überhaupt noch Verlass? Oder fahren sie das Ganze voll gegen die Wand? Das kann doch nicht gewollt sein. Oder etwa doch?