Geschichten, die auf der Straße liegen: „Heimat132“ – Ein Projekt von Peyman Azhari

Martina Plum (rechts) interviewt Peyman Azhari (links) und Mohamad Alkadah (Mitte) anläßlich einer Veranstaltung zum Antikriegstag; Foto: C. - D. Stille

Martina Plum (rechts) interviewt Peyman Azhari (links) und Mohamad Alkadah (Mitte) anläßlich einer Veranstaltung zum Antikriegstag; Foto: C. – D. Stille

Jeder Mensch hat eine Geschichte. Doch zu selten interessieren wir uns dafür. Für das Gegenüber. Für die Nachbarin, den Nachbarn. Oder: für das Leben der Arbeitskollegen. Wir begegnen uns. Auf der Straße. In den öffentlichen Verkehrsmitteln. Wir rennen aneinander vorbei. Oft genug reden wir sogar aneinander vorbei. In der Dortmunder Nordstadt leben Menschen aus 132 Nationen. Auch die haben freilich ihre oft ganz speziell, eigene Geschichte. Man muss diese Geschichten nur aufheben. Sie lagen quasi auf der Straße!
Der gebürtige Iraner Peyman Azhari hat sich ein Herz gefasst und beschlossen diese Geschichten aufzuheben.

Die persönliche Geschichte als Antrieb

Wie kam der junge Mann darauf? Nicht zuletzt deshalb, weil er selbst eine ganz spezielle Geschichte hat. Und dementsprechend dürfte er ein Draht zu solcherart Geschichten haben.
Der aus der wohlhabenden Mittelschicht stammende Iraner – die Familie: drei Kinder, Vater, Mutter – ist bereits seit vielen Jahren in Deutschland. Über Nacht war die Familie damals  im ersten Golfkrieg mit einem kleinen Fiat über die Türkei nach Deutschland geflohen. Peyman war damals gerade einmal vier Jahre alt. Kurz nach der Ankunft in Deutschland erlebten die Azharis erst einmal viele Schwierigkeiten und ernteten manches Mal auch Unverständnis darüber, was die Fluchtgründe anging. Peyman Azhari sagte kürzlich auf einer Veranstaltung zum Antikriegstag, sein Vater sei nie richtig hier in Deutschland angekommen. Zu groß war der Schmerz über den Verlust der Heimat, der Wohnung und der eigenen Firma. Angekommen in der BRD hatte die Familie zunächst in nur einem Zimmer wohnen müssen. Anders sein Sohn. Wird Peyman heute über seine neue Heimat Dortmund befragt, so erklärt er, sich hier in gut aufgenommen zu fühlen. Tolle Menschen habe er kennengelernt. Ein Studium sei ihm ermöglicht worden. Inzwischen ist Peyman Azhari Fotokünstler.

Sich sensibel fotografisch der Frage nähern: Wie sieht die Heimat der in der Nordstadt lebenden Menschen 132 verschiedenen Nationen aus?

Vor diesem privaten wie persönlichen Hintergrund entstand die Idee, sich fotografisch der Frage anzunähern: Wie sieht die Heimat der in der Dortmunder Nordstadt lebenden aus 132 verschiedenen stammenden Menschen aus?
Zusammen mit der Auslandsgesellschaft wurde das Projekt „Heimat132“ gestartet.
Azhari begibt sich sooft er kann mit einem Fahrrad, Fotoausrüstung, Notiz und Schreibstift auf Pirsch durch die Dortmunder Nordstadt, um diese Geschichten einzufangen konservieren.
Vorgenommen hatte er sich, von April bis September 2014 Menschen unterschiedlicher Nationen und Kulturen z.B. zuhause, bei der Arbeit, bei Familienfeiern oder kulturellen Ereignissen zu treffen und jeweils für eine Stunde in ihrer Heimat, der Nordstadt, zu begleiten.
Der Fotokünstler geht bei seiner Dokumentation äußerst sensibel vor. Dabei helfen ihm die Erfahrungen seiner Biografie ungemein.
Menschen aus über 40 Nationen hat Peyman Azhari unterdessen getroffen. Aus Ländern Europas, Afrikas und Asien stammen sie.

Bildband soll im November erscheinen

Als Ziel dieses überaus lobenswerten und überdies interessanten Projektes ist angepeilt, den kulturellen Reichtum dieses in den Nachrichten oft nur als sozialer Brennpunkt dargestellten Stadtteils der Ruhrgebietsmetropole zu präsentieren und ihm gleichzeitig das Gefühl des Fremden, Problematischen zu nehmen. Schon im November soll aus dem zusammengetragenen Fotomaterial ein Bildband entstehen.
Nicht zuletzt möchte der Autor sicherlich auch darstellen, welche Chancen ein solcher meist nur als sozialer Brennpunkt betrachteter Stadtteil für Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen ihre Heimat verlassen haben bzw. aufgrund von unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben mussten und nun in der Dortmunder Nordstadt ihren Lebensmittelpunkt haben oder dort arbeiten – neben Schwierigkeiten – auch bereithält.

Wer möchte dabei sein?

Einige Nationalitäten und die Geschichten dieser  Menschen dazu  fehlen Fotokünstler Azhari in seiner Sammlung noch. Er ist unermüdlich im Einsatz, sie auf der Straße zu entdecken und sozusagen aufzuheben. Wer Interesse hat, kann sich aber durchaus auch selbst beim Künstler melden. Voraussetzung ist natürlich, dass Sie in der Nordstadt leben oder arbeiten.

Folgende Fragen sind von Interesse:

Was ist Ihre Geschichte? Wie sieht Ihre Heimat aus? Wie sind Sie hier her gekommen? Was bedeutet Heimat für Sie? Was vermissen Sie aus der alten Heimat? Was fehlt Ihnen hier, damit Sie sich hier heimisch fühlen?

Melden können sich Interessenten bitte direkt bei Peyman Azhari (heimat@peymanazhari.com) oder bei
Martina Plum, Auslandsgesellschaft Deutschland in der Steinstr. 48 in 44147 Dortmund.

Sobald der avisierte Bildband von Peyman Azhari erschienen ist, werden Sie, liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle eine Rezension darüber vorfinden.

Hier noch ein Link zu einem Beitrag der WDR-Lokalzeit Dortmund zu Peyman Azharis Projekt.

Dortmund: Impressionen vom Treffen historischer Traktoren auf dem Schultenhof

Hier ein historischer  Framo-Transporter vor der Kulisse des Landgasthauses; Fotos: C. - D. Stille

Hier ein historischer Framo-Transporter vor der Kulisse des Landgasthauses; Fotos: C. – D. Stille

Am 31. August 2014 fand auf dem Schultenhof der Arbeiterwohlfahrt Dortmund ein Traktorentreffen (historische Fahrzeuge statt). Sehen Sie einige Impressionen von diesem Treffen.

Von Traktor per Keilriemen angetriebene Dreschmaschine

Von Traktor per Keilriemen angetriebene Dreschmaschine

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Dieser Mini-Traktor zog natürlich die kleinsten Gäste besonders magisch an.

Dieser Mini-Traktor zog natürlich die kleinsten Gäste besonders magisch an.

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Aufschrift auf Hinterteil des FRAMO: "Nimm dir Zeit und nicht das Leben!". Bleibt aktuell.

Aufschrift auf Hinterteil des FRAMO: „Nimm dir Zeit und nicht das Leben!“. Bleibt aktuell.

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Kirchentag „Mensch und Tier“: Eugen Drewermann wirbt für Mitleid und mahnt neue Ethik an

Eugen Drewermann während seines Vortrages in der Dortmunder Pauluskirche; Fotos: C.-D. Stille

Eugen Drewermann während seines Vortrages in der Dortmunder Pauluskirche; Fotos: C.-D. Stille

Der Theologe, suspendierte katholische Priester, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann kommt von hinten durchs Kirchenschiff der evangelischen Pauluskirche zu Dortmund. Er nimmt das vorbereitete Handmikrofon vom Rednerpult auf der „Bühne“.

Zum Soundcheck hatte er sich schon einmal kurz vorher eingefunden. Mikrofonabstand zum Mund, Tonhöhe gab er professionell vor. Spricht: „Westfälischer Dialekt dürfte keine Schwierigkeit sein, komme ja von hier.“ Die Technik korrigiert. Drewermann fragt das Publikum, ob alles in Ordnung ist. Es müsse ja in dessen eignen Interesse liegen, alles deutlich zu verstehen. Ein Zischen hört er. Es wird abgestellt.

Wie ausprobiert, hält Eugen Drewermann das Mikrofon. Seine Worte sind deutlich zu verstehen. Der gebürtige Bergkamener hat sich neben das Rednerpult gestellt. Hinter eine weiße Skulptur, welche einen sitzenden Hund darstellt. „Eigentlich“, so hebt Drewermann an, müsste ich jetzt über das Schreckliche reden, was in der Ukraine, in Gaza und anderswo passiert …“ Aber ja, gewiss: er ist da, um zum Thema „Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer) zu sprechen.

Lebewesen, viel stärker als der Mensch bringen sich gewissermaßen dem Menschen zum Opfer

Ideologen sähen ein Problem, in der Verbreitung des menschlichen Speisezettels von pflanzlicher zu tierischer Nahrung. In den hunderttausenden Jahren „der Eiszeit vor allem auf der Nordhalbkugel hätten wir keine Überlebenschance gehabt, ohne auf die Jagd zu gehen. Unter Lebensgefahr.“ Zur Erhaltung der Art habe da Fleisch gegessen werden müssen. Man verwertete die Knochen und anderes. Essentiell zum Leben. Fast religiös das Gefühl: „Lebewesen, gewissermaßen viel stärker als der Mensch bringen sich „gewissermaßen zum Opfer, damit die Menschen leben können.“

Drewermann spricht vom Bär. Der könne auf zwei Beinen gehen. Er wurde noch im 20. Jahrhundert von sibirischen Stämmen wie ein göttliches Wesen verehrt. „Wenn wir sie schon töten, dann nicht ohne sie an den Himmel zu setzen“: Das Sternbild Großer Bär. Göttliches zu töten, verursachte Schuldgefühle. Bei bestimmten Stämmen, etwa in Afrika, pflege man noch heute durch eigene Versöhnungsriten, wenn man Tiere hat töten müssen. „Man möge ihnen die Entnahme von Lebensnotwendigen nicht verargen.“

Hemingway: „Man kann einen Menschen vernichten oder ihn nicht mehr lieben“

Dann kommt Eugen Drewermann auf Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ zu sprechen. Nie hatte der alte Mann so einen mächtigen Fisch an der Leine, den er drillt, bis dieser sich aus dem Wasser heraus in die Sonne hebt. Der alte Mann fragt sich, welches Recht er habe, das zu tun.

Dann erlebe der Mann die Unbarmherzigkeit der Natur. Nachdem er den Fisch erlegt hat, sammeln sich die Haie. Fressen ihn bis aufs Skelett ab. So kommt der Mann mit der nach langer Fahrt mit der leeren Fracht im Hafen an. Die Formel Hemingways sei, so Drewermann: „Man kann einen Menschen vernichten oder nicht mehr lieben. Vom Kampf ums Dasein.“

Kulturen, die buchstäblich noch von der Jagd auf Tiere leben und leben müssen, brächten ein ungleich intensiveres, innigeres, sensibleres, respektvolleres Verhältnis zu den an unserer Seite lebenden Arten“ auf, als „wir Bewohner der Wohlstädte“. In späteren Zeiten – „seit 6000 Jahren, seit dem Beginn des Ackerbaus“ hätten wir zunehmend die Notwendigkeit zunehmend entbehren können, Tiere zu erlegen. Nur sie als Speise zu verwerten.“

Und Drewermann wirft die Frage in den Raum: „Was verbindet uns mit einem lebenden Tier?“

Gewiss sei es selbstverständlich, dass die Anwesenden für den Tierschutz eintreten. Wären sie sonst gekommen?

Jeden Tag werden auf der Erde etwa 150 Tier- und Pflanzenarten ausgerottet

Drewermann: „Es ist gar nicht mehr nötig, dass wir auf die Tiere Jagd machen.“ Die Jäger aber würden ihre Existenzberechtigung mit der Hege und Pflege des Tierbestandes beschwören, mit dem Artengleichgewicht. Natürliche Gegner existierten nicht, man müsse sie kurzhalten. Ihr Ersatz seien die Jäger. „Ob die Begründung zutrifft, stehe dahin.“

Für das Artengleichgewicht dürften sie von Nutzen sein und als Waldschützer notwendig. Stichwort: Verbiss durch Tiere. Aber das Töten dieser Tiere, so Drewermann, sei im Grund fast marginal im Gegensatz zu dem Schicksal, was wir allein durch die Tatsache, dass wir so existieren wie wir existieren den Tieren auferlegen. „Auch der heutige Tag wird nicht zu Ende gehen, ohne das im Durchschnitt etwa 150 Tier- und Pflanzenarten auf dieser Erde ausgerottet sein werden. Das geht seit etwa 30, 40 Jahren so.“

Das Zauberwort „Wachstum“ – „Der Druck, der dahintersteht ist die Bevölkerungsexplosion

All das interessiere so gut wie Niemanden. „Dass wir dabei sind, die uns am nächsten stehenden Artgenossen, biologische betrachtet: unsere Vettern auszurotten …“

All dies scheine den Regierenden egal zu sein. .„Der Druck, der dahintersteht ist die Bevölkerungsexplosion.“ Als Lösung für scheinbar alles fungiere stattdessen das uns gut bekannte, der wie ein Zauberwort Wort verwendet Begriff „Wachstum“. „Arbeitsplätze generieren, die Wirtschaftskrise lösen: Wachstum soll die Lösung sein. Für das Wachstum brauchen wir eine wachsende Zahl von Konsumenten.“

„Die Wirtschaft hat immer mehr an Wünschen.“

Zur Zeit seiner Geburt, 1940, sagt Drewermann, habe man noch bei 3,5 Millionen Erdbewohnern gestanden.

Fruchtbarkeit predigt die Kirche – Wir haben das kultiviert

Zu Jesus von Nazareths Zeiten – vor 2000 Jahren – leben auf der Welt 250.000 Millionen Menschen. Zu Luthers Zeit schon eine halbe Milliarde. In der Goethe-Zeit um 1800 leben

80 Prozent der Menschen auf dem Lande. Bis zu zwölf Kinder gebar eine Frau damals. „Die Hälfte starb vor der Zeit.“ Schreckensausblick: Im Jahre 2050 könnten 9 Milliarden Menschen unseren blauen Planeten bevölkern..

Diese Tatsache habe man kultiviert: Fruchtbar sein. Die katholische Kirche predigt das.

So habe Papst Johannes Paul II. noch vor Jahr und Tag in Nigeria erklären können, es sei „die Warnung vor der Bevölkerungsexplosion ein übertriebener Pessimismus“.

Ab welcher Größenordnung soll denn der reale Pessimismus einsetzen?“

„Eure Heiligkeit“, ruft Eugen Drewermann dem gewesenen Papst nach: „Es sterben auf der Welt jedes Jahr 50 Millionen Menschen. Das ist so viel wie im Zweiten Weltkrieg, in 6 Jahren. Absichtliche Vernichtung in Europa und Ostasien hat Menschenmassen gefressen. Krankheiten, Seuchen und Hunger lassen die Menschen heute sterben. Ja, auch Kriege. „Ab welcher Größenordnung. wann soll denn der reale Pessimismus einsetzen? Ab einer Milliarde Verhungernder? Ab 3 Milliarden Verhungernder? Die wir haben werden, wenn wir so weiter machen.“ Mit Blick auf den Menschen sollten wir das vermeiden können.

Drewermann erinnert: Eine Bevölkerungskontrollkommission und Konferenz hat zuletzt 1995 (!) in Kairo stattgefunden. „Der Vatikan, die Ayatollahs und der amerikanische Bibelgürtel hat Beschlüssen verhindert. Seit dem denkt niemand mehr daran.“ Wachstum muss als zentrales Problem begriffen werden.

Im Mittelmeer lassen wir jährlich 3000 Flüchtlinge ertrinken. Was wird erst für eine Rücksicht den Tieren gegenüber herrschen?

„Sollen wir Südgrenze Europas einfach absprengen“ Eugen Drewermann die Menschen im Kirchenschiff. „Aus dem Mittelmeer einfach ein Massengrab machen? 3000 Tote im Jahr. Frontex ist da, um „sie abzutreiben“. „Was wird erst für eine Rücksicht den Tieren gegenüber herrschen?“

Im Flächen zu gewinnen werde weiter Urwald gerodet, verbrannt. Die Menschen werden erst wach, wenn das Smog in Singapur auslöst. Tiere. Können Menschen wirklich auf sie Rücksicht nehmen? Wie mit dem Messer schneide man Straßen in die Natur. „Vom Wattenmeer bis zu den Hochalpen gibt es das, was man Natur nennt, gar nicht mehr. Renaturierung wird versucht.

Horrorvision für 2050

Der Referent spricht Stuttgart 21 an. Wir erinnern uns: ein seltener Käfer ist in Gefahr. „Was wird passieren?“ so Drewermann nüchtern, realistisch.

„Es gibt ein Moratorium. Aber kein Gericht wendet sich gegen die Interessen des Kapitals.“

„2050“, entwirft Eugen Drewermann eine Horrorvision, „werden wir nur noch das von der Natur sehen, was eigenen Überlebensinteressen dient. Was Unterhaltungswert besitzt. Parklandschaften. Krickenten in einem Teich.“

Die Menschheit vernichte heute Pflanzen, die wir nicht einmal kennen. „Vielleicht enthalten sie ein Pharmakon? „Helmut Kohl, als er noch regierte, konnte einmal sagen Man kann den Urwald ja wieder aufforsten.“ Gelächter. Drewermann gibt zu bedenken: Das ist ein so komplexes Ökosystem. Das kann man nicht nachbauen.

Und gesteht zu:

„Vieles geschieht aus Blindheit, ist nicht einmal böser Wille.“

Hintergrund unserer Ethik habe sehr viel – fast immer – mit Religiosität zu tun. Verantwortung aber müsse generell übernommen werden. Ein rechter Umgang mit Leben vermittelt werden. Doch es läuft anders: „Schützenswert sind im Zweifelsfall nicht die Tiere, einzig die Menschen. Das verstünde man unter Verantwortung.

Gegen Tiere immer. Gegen die heilige Kuh Auto nimmer

Nun werden die Anwesenden an die 1990er Jahre erinnert. Haben wir es schon vergessen? Die Krankheit BSE machte in Großbritannien und der ganzen Welt Schlagzeilen. In der Tat: Warum ging damals kein Aufschrei anderer Natur durch die Welt? Der alleinige Verdacht, dass durch den Verzehr von Rindfleisch auch menschliches Gehirn befallen könnte, reichte aus! Keinen einzigen Nachweis hatte es dafür gegeben. Es reichte, um die Gesundheitsminister Europas zu Krisensitzungen einzuberufen. Ganze Rinderbestände Großbritanniens beschloss man zu töten.

Viele Millionen Tiere töten und verbrennen. „Wenn Sie Holocaust einen wörtlichen Sinn geben: Die Ganzkörperverbrennung. Man hat die Tiere krankgemacht. Durch falsche Ernährung. Rinder sind Pflanzenfresser. Ihnen verabreichte man Tiermehl. So fraßen die Tiere Ihresgleichen. Warum? Weil es billiger ist, Tiere mit Tieren füttern.

„Der bloße Verdacht, ein unschuldiges Tier könnte Menschen krankmachen, reicht, es auszurotten“, klagt Eugen Drewermann an.

Nicht so bei des Deutschen heiliger Kuh, dem Auto. Jeden Tag stürben auf deutschen Straßen „nur“ noch 10 Personen. Zirka 3500 im Jahresdurchschnitt. Glaubten wir denn, wenn die Verkehrspolizei an Weihnachten, auch auf Grund schlechter Wetterprognosen, Grund zur Annahme hätte, dass enorme Unfallraten drohten – mit mehreren 100 Toten -, dass man da Autos von den Straßen nähme, um Menschen zu schützen? „Autoindustrie und die Wirtschaft schrien wie am Spieße.“

Gegen Tiere ginge man ohne Skrupel unbedingt vor. Beispiel Vogelgrippe.

„Sofort mussten wir Millionen Tiere töten. Vergasen am Besten. Nur die Möglichkeit, die Krankheit könne sich auf den Menschen übertragen, langte. Man schießt die Vögel vom Himmel ab, wenn ihr Kot schädlich wäre für die Menschen. Rottet aus die Vögel, sobald sie gefährlich werden!“

Der Mensch soll herrschen über die Tiere.“ (Gen 1, 27)

Das ist unsere Ethik. Sie kann es nicht besser. Weil sie im Kreis eines selbst geschaffenen Gefängnisses, denke.

Richard Dawkins, ein atheistischer Biologe, erwähnt Drewermann. Dawkins, liebe es den amerikanischen Bibelgürtel mit seinen Vorträgen aufzumischen. Die Ethik eigene Art wende sich gegen den Rest der Welt. Der Vatikan sei gegen jegliche Vernunft dafür die Abtreibung zu verhüten.

Es stimmt: Wir brauchen ein andere Ethik!

Die eigene Religion wirkt stark fehlerhaft. „Wie verkehrt die ganze Einstellung der Bibel zu den Tieren ist. Keine einzige Stelle, die günstig gegenüber den Tieren wäre“, weiß Eugen Drewermann. Unter den zahlreichen mosaischen Gesetzen findet sich auch nichst. Nur wie man schlachten soll, steht dort. Erwähnt was unrein ist. Respekt, dahingehend, weil sie Tiere sind, finde man absolut nicht.

Dagegen lese man: „Der Mensch soll herrschen über die Tiere.“ (Gen 1, 27) Radah heiße herrschen auf Hebräisch. Das könne auch auf das Treten, keltern von Trauben passen. Und auf das Niederhalten eben auch von Menschen. Im neunten Kapitel Genesis (Sintflut) steht zu lesen: „Schrecken soll sein den Tieren vor den Menschen.“

Eugen Drewermann: Kurzsichtig und eng ist die Weltbetrachtung in der Bibel

Ein Bischof habe einmal gesagt: Tiere können keine Rechte haben, weil sie keine Pflichten haben. „Aber haben Vögel keine Pflichten?“, fragt der suspendierte Priester. „Nester bauen. Jungen großziehen endlos Futter suchen.“

Man brauchte es den Vögeln „nicht von außen auf steinernen Tafeln verkünden. Sie folgen eine innerem Antrieb.

Anders andere Kulturen. Indianerkulturen beispielsweise. Die Achtung vor Natur, ist ihnen eingeschrieben. Wir jedoch setzen unser Wissen um Tiere ein, um sie immer besser auszubeuten. Ja, man erinnert sich durch Drewermanns Worte: Wie lehrreich war damals die Radiosendung „Der Tierfreund erzählt“. Man erfuhr etwa, warum eine Katze den Nachwuchs erst einmal geheim hält, versteckt. Wir lernten mit den Tieren zu fühlen.

Tierfilme heute sind mit einer Spitzentechnik aufgenommen, die es damals nicht gab. Wir wissen von den Tieren mehr als je zuvor. Etwa, dass Wale über tausende Kilometermiteinander kommunizieren. Doch dann kam das Dampfschiff. Und deren Lärm. Heute schlimmer als je zuvor. Begehen Wale deswegen massenhaft Selbstmord? Ist es der Dauerlärm? Drewermann: „Es ist uns egal“.

Veterinär-Studium ohne Vermittlung von Verhaltenforschung

„Was machen Leute, die durch das eigne Studium mit Tieren beschäftigt sind? Zum Beispiel Tierärzte.“ Wie können sich manche von ihnen nur in den Dienst von der nicht artgerechten Massentierhaltung stellen und den Tieren mit Medikamenten vollpumpen.

Erst wenn Pharmaka über das Fleisch Menschen in Gefahr bringt, reagieren zuständige Stellen. Vor dem Vortrag hat Eugen Drewermann eine Tierärztin gesprochen. Sie wies ihn daraufhin, im gesamten Studium (!) nichts über Verhaltensforschung gelehrt bekommen zu haben.

Tierschützer sollen sich strategisch gegen Massentierhaltung wenden

Tierschützer kämpfen für viele einzelne Zielen. Das sei nicht grundsätzlich falsch, sagt Drewermann. „Doch wenn wir Interessen der Tiere schützen wollen müssen wir strategisch denken.“ Da könne man sogar einmal vom Militär lernen. Von Clausewitz: Werde an einem einzigen Punkt der Durchbruch erzielt wird, bewege sich alles andere. Konzentrisch von früh bis spät müsse demzufolge gegen die Massentierhaltung angegangen werden.

Nicht generell müsse man gegen Fleischgenuss sein. Grüne Landwirtschaft könne sein. Früher war Fleisch viel zu teuer. Einmal die Woche kam es in der Regel auf den Teller. „Als die Amerikaner mit ihrer neuen Kultur kamen“, sei das vorbei gewesen. Warum sollen wie die Trapper leben, die nach schwerer Arbeit abendlich Steaks verzehren? Eugen Drewermann: „Wir sind keine Trapper.“

Nicht auf der Basis eines gemachten schlechten Gewissens agieren

Nachdenken sei angesagt. Nahrungsgewohnheiten müssten geändert. Aber nicht auf Basis eines gemachten schlechten Gewissens. Da wird auf den Philosoph Schopenhauer verwiesen, der durchaus für jeden nachvollziehbar meinte: Man kann den Glauben so wenig erzwingen wie die Liebe. Wenn man es versucht, erzielt man Atheismus oder Hass.

Also dessen eingedenk: „Du bist ein schlechter Mensch. Ich hab dich ertappt, wie du eine Wurst ist. Das geht gar nicht. Das ist eine Schweinerei. Ich bin gut.“ So ist es nach Drewermann garantiert falsch.

Eine neue Ethik – auch nach Schopenhauer – gelte es aufzubauen.

Mitleid ist das Gegenteil von Herablassung

Eugen Drewermann fordert eindringlich Mitleid mit Mensch und Tier, sowie eine neue Ethik.

Eugen Drewermann fordert eindringlich Mitleid mit Mensch und Tier, sowie eine neue Ethik.

Tiere verstehen sofort. Die Katze tue das, egal ob man Deutsch oder Französisch redet. Es sei der Tonfall. Die Katze ist verführerisch. Nicht die Herrin herrscht über die Katze, sondern die über Herrin.

Unsere Gefühle müssten sich mit den Tieren verbinden. Vernunft allein reiche nicht. Starke Gefühle sind es, die nötig seien. Mitleid wäre entscheidend, nicht wie Viele meinen: Mitgefühl. Schließlich bedeute Sympathie im Griechischen genau das: Mitleid.

Schon Schopenhauer habe das betont: Mitleid sei das Gegenteil von Herablassung. Vielmehr sei es eine Identifikation mit anderen. Drewermann bringt als Beispiel das des auf der Straße sitzenden Bettlers. Dächten nicht wenige Zeitgenossen: Der ist selbst schuld. Hätte besser aufpassen sollen, in der Schule. Und nach Alkohol riecht er auch! „Um dann selbst im nächsten Kaufhaus verschwinden.“ Man kann allerdings auch sagen, begreifen. Aber das mir selber auch geschehen.

„Irgendetwas kann im nächsten Moment zwischen meinen beiden Schläfen passieren.“ Und dann: Krankheit, Hartz IV. „Wenn ich aus der Kirchentür rausgehe, kann es passieren“, gemahnt der Referent.

Mitgefühl heiße etwa mit anderen zu lachen. Mitleid ist etwas, das einem etwas kostet.

Auch die Tiere können leiden. Ihnen müssten wir beistehen. Wenn wir Zahnschmerzen bekämen, könnten wir Medizin einnehmen, den Schmerz bekämpfen, bis der Zahnarzt 9 Uhr montags öffnet. Eine Tier habe keine Ahnung wie lange ein Schmerz anhalten. Ob er jemals wieder verginge. „Das Tier weiß nichts und liegt still in der Ecke.

Angriffsziel müsse die Massentierhaltung sein. Noch einmal Schopenhauer: Was wir den Tieren antun, tun wir uns an.

Eugen Drewermann ruft die Atomversuche der Amerikaner auf: 40 000 Tiere nimmt man damals mit. Herauszufinden, wann Trommelfelle platzen. Was effizient zum Tode führt.Mitleid kommt da nicht vor

„Glauben Sie man könnte den Gazastreifen bombardieren wie in dieser Stunde, wenn es ein Mitleid mit den Menschen die da getötet und verkrüppelt werden, gäbe?

Tiere erhalten, schon aus eigenen Gründen. Wunden in der Landschaft an anderer Stelle wieder schließen

Indianer feierten eine Zeremonie ähnlich dem Erntedankfest. „Sie wissen, dass man den Tieren nichts wegnehmen kann ohne einen Diebstahl an ihnen zu begehen.“ Ein Stamm mache sich die Bohnenmaus zunutze. Er bete zu ihnen, um ihnen Weisheit zu geben. „Man muss erhalten schon aus eigenen Gründen. Die kleinen Tierchen lagern Bohnen ein. Die Indianer entnehmen Bohnen aus deren Lagern. Aber eben nur so viel wie sie brauchen. Wir vergasen die Hamster, Weizen sammeln. Wir haben riesige Überproduktion. Aber die Hamster müssen wir als Schädlinge ausrotten.“

Dass Tiere eine Seele haben, wird immer noch bezweifelt. Wer so etwas sagt zeige eigentlich nur, dass er selber keine hätte.

Sähen wir die Tiere von innen her, könnten wir durch eine Schule der Weisheit gehen.

Gleichgewicht zwischen Natur und Kultur ist dringend herzustellen.

Und wenn wie mit dem Messer Straßen in die Landschaft geschnitten sein, müsse dem Minister gesagt werden: „Das muss du wieder ersetzen. Die Wunden wieder schließen an anderer Stelle.“

In 30 Jahren könne es durchaus so sein, dass wir Vögel nur noch in den Lautsprechern der Kaufhäusern zwitschern hören, wir ins Museum gehen, um die Schönheit eines Kolibris zu betrachten …

Und noch einmal ernstlich zu Bedenkendes. Man habe gehört, Obama wolle die IS ausrotten wie eine Geschwulst. „Das Böse töten. Dann ist die Welt besser? Können dann nicht auch die Hungernden töten, dann ist sie satter vielleicht. Oder die Traurigen töten?

Fazit des interessanten Abend mit Eugen Drewermann:

Mitleid verdienen die Menschen. Die Tiere ebenso. Ein anderes Menschenbild ist vonnöten, eine andere Verantwortung gefragt. Es gilt unsere eigene Liebe zu retten.

Schaden, den wir der Natur zufügen wird linear unmittelbar uns schaden. Dies muss uns im Hinterkopf sein. Es bedarf unbedingt einer neuen Ethik.

Eugen Drewermann blickt auf seine Armbanduhr. Anderthalb Stunden hat er geredet. Davon ist einem fast alles fest im Sinn. Sein ganz besonderer Sprachduktus macht es möglich. Es ist zu spät für eine Teilnahme an der nachfolgend geplanten Podiumsdiskussion geworden. Mit einer leichten Kopfbewegung signalisiert Eugen Drewermann dies Pfarrer Friedrich Laker, der den Kirchenkritiker herzlich dankt. Langer, verdient Applaus für den Referenten. Ein Vortrag, von dem gewiss viel hängen bleibt in den Köpfen der Leute. Womöglich nicht nur bei denen, die ohnehin für Tierschutz erwärmt sind.

Durch die Kirchentür Richtung Paderborn

Dann geht Eugen Drewermann mit seiner Aktentasche durch die Kirchentür hinaus auf die Dortmunder Schützenstraße. Möge lange nichts zwischen seinen beiden Schläfen geschehen, dass diesen großen Geist beeinträchtigt. Wir brauchen ihn noch lange. Zielstrebig, gewiss die frische Abendluft genießend, schritt er Richtung Hauptbahnhof. Wohl um den Zug nach Paderborn,  wo der Schriftsteller, Psychoanalytiker und suspendierte Priester Eugen Drewermann lebt und arbeitet, zu erreichen.

Lesen Sie zum Kirchentag „Mensch & Tier“  in Dortmund auch diesen Beitrag.

Kirchentag „Mensch & Tier“ in Dortmund: Für eine „Theologie des Lebens“

Pfarrer Friedrich Laker (links) in der Dortmunder Pauluskirche begrüßt Eugen Drewermann (rechts im Bild); Fotos: C.-D. Stille

Pfarrer Friedrich Laker (links) in der Dortmunder Pauluskirche begrüßt Eugen Drewermann (rechts im Bild); Fotos: C.-D. Stille

Haben Tiere eine Seele? Der evangelische Pfarrer Friedrich Laker der Lydia-Gemeinde in Dortmund dürfte der festen Überzeugung sein, dass dem so ist. Das bundesdeutsche Tierschutzgesetz, heißt es zur Erklärung auf Wikipedia, sei zum Zweck erlassen worden „aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen”. Um die Kirche im Dorf zu lassen: Was tut sie eigentlich dafür – für unsere Mitgeschöpfe?

Pfarrer Friedrich Laker: Die Kirche vernachlässigt die Tiere

Friedlich Laker gab es diesbezüglich bei seinem „Verein“ offenbar – und das ist wohl noch sehr euphemistisch ausgedrückt – nicht allzu viel zu entdecken. Laker wirft der Kirche vor, zu wenig für den Tierschutz zu tun.

Dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte der Theologe Laker: „In der kirchlichen Lehre würden Tiere meist nur als Nutztiere für den Menschen und selten als Wesen mit eigenem Wert angesehen.“

„Die Kirche habe in den 80er Jahren zwar die Bewahrung der Schöpfung als Aufgabe entdeckt, die Tiere aber weiterhin vernachlässigt, kritisierte Laker gegenüber dem Portal „evangelisch.de“. „Es gab da keine Tradition innerhalb der Kirche.“

Bewusstsein für ein neues Menschen- und Weltbild“ wächst

In seinem Kommentar für „dieKirche“ (Druckausgabe) übte Laker ebenfalls Kritik. Jedoch konzediert er auch mit einem inzwischen auch öffentlich geschärften Blick auf Tiere als Mitgeschöpfe, das „Bewusstsein für ein neues Menschen- und Weltbild“ wachse. Das geschieht gewiss auch im Wissen um die gestiegene Massentierhaltung und dem nicht artgerechten Ausbau von Schlachthofgiganten.

Für den Gottesdienst gilt: „Tiere müssen draußen bleiben!“, aber „kein Gemeindefest“ kommt „ohne Bratwurst, kein Martinsfest ohne Gans“ aus

Pfarrer Laker kritisiert, im Umgang mit Tieren sei „vielfach Überheblichkeit, Ignoranz und ein längst überholtes Menschenbild“ zu konstatieren. Was nicht zuletzt auch der Institution Kirche anzukreiden ist. Die, so Friedrich Laker, habe den Tieren schon früh die Seele abgesprochen. Wen man von menschlicher Verantwortung rede, ende die „vielfach vor Tierställen und Schlachthöfen“. Für den Gottesdienst gelte: „Tiere müssen draußen bleiben!“. Dagegen komme „kein Gemeindefest ohne Bratwurst, kein Martinsfest ohne Gans“ aus.

Längst nicht ausgemacht, dass der Mensch „Die Krone der Schöpfung“ ist

Tiere scheinen also ein blinder Fleck in der christlichen Religion und ihrer Moral zu sein. Fast singulär der „Ausnahmetheologe Albert Schweitzer“ habe ganz anders auf Tiere geblickt. Und diesen emphatischen Blick auch im Umgang mit ihnen gelebt. Schweitzer hatte sich u.a. auch mit Tieren und Tierschutz befasst.

Friedrich Laker schreibt an Schweitzer angelehnt, dass „längst nicht ausgemacht sei, ob der Mensch Die Krone der Schöpfung sei. Der Dortmunder Pfarrer gibt zu bedenken, die Schöpfung sei nicht auf den Menschen angewiesen. Benötigt werde längst eine „Theologie des Lebens“, die anstelle einer Theologie des Menschen treten müsse.

Harte Kritik an den Zuständen und ein engagiertes Plädoyer für mehr Mitgefühl mit den Tieren

Um gehört zu werden bedarf es mitunter knackiger Worte, die ungeschönt ein Bild von der Wirklichkeit zeichnen. Nur so kann es womöglich gelingen, alte Denkmuster zu hinterfragen. Und bestenfalls aufzubrechen. So nimmt denn auch Friedrich Laker in seinem Kommentar für das Kirchenzeitung kein Blatt vor den Mund. Indem er betreffs des Umgangs mit unseren im Gesetzestext als „Mitgeschöpfe“ bezeichneten Tieren gegenüber von „Vergewaltigung des Lebens“, der „Verhöhnung der Schöpfung“ und der „Ignoranz der Kirche“ gegenüber unseren „Mitgeschöpfen“, den Tieren.

Aus der zunächst hart tönenden Kirchen-Kritik, spricht ein engagiertes Plädoyer für mehr Mitgefühl mit den Tieren, ergeben sich mindestens diese Fragen: „Kann man mit Tieren machen was man will? Haben sie eine Würde oder eine Seele?“

Zweiter „Kirchentag für Mensch und Tier“ in Dortmund

Pfarrer Lakers Handeln kann man getrost mit dem Satz „Tiere haben eine Seele“ überschreiben. Erstmals 2010 unternahm es Friedrich Laker einen Kirchentag „Mensch und Tier“ ins Werk zu setzen. Staub wirbelte dabei ein Gottesdienst unter Einbeziehung von Tieren auf. Hunde, Katzen, Vögel, Mäuse und auch eine Ratte kamen – wie Friedrich Laker kürzlich im WDR-Lokalfernsehen erzählte – mit den Menschen, die sie als Gefährten erkoren hatten, ins Kirchenschiff. Ein weibliches Gemeindemitglied erinnerte daran, dass damals aus dem Kirchenvorstand nicht nur Kritik sondern zunächst auch Ablehnung geäußert wurde. Doch der Kirchentag fand statt. Stieß auf Zustimmung.

Ambitioniertes Kirchentagsprogramm

20140823_172925Vom 22. bis zum 24. August fand nun der zweiter Kirchentag „Mensch und Tier“ in und um die Dortmunder Pauluskirche auf der Schützenstraße statt. Mit einem ambitionierten Programm. Nämlich einer Kulturveranstaltung mit Konzerten (Auftaktkonzert mit der Band EXTRABREIT), Kunst rund um das Tier und die Beziehung von Mensch und Tier (Kunstausstellung von und mit den Künstlerinnen Heike Fischer und Verena Schuh) sowie eine Podiumsdiskussion über industrielle (Massen-)Tierhaltung und mögliche Alternativen mit Vertretern aus Politik, Tierschutz, Kirche und Wirtschaft. Im Kirchgarten informierten Tierschützer über ihre Arbeit. Es wurden vegane und vegetarische Erzeugnisse angeboten.  Ein Stand bot vegetarische Speisen, Kuchen und Torten an.

Nina Hagen wegen Peta-Unterstützung ausgeladen

Für Kritik im Vorfeld des Kirchentages für „Mensch und Tier“ hatte die Absage des geplanten Auftritts der Musikerin Nina Hagen seitens der Veranstalter „wegen Hagens Unterstützung der Tierschutzorganisation Peta“ gesorgt: „Peta ist innerhalb der Tierschutzszene umstritten, weil sie den Fokus auf provokante Aktionen legen“, erklärte Pfarrer Laker.

Der prominente Kirchenkritiker, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann als ein Höhepunkt

Eugen Drewermann hielt einen spannenden Vortrag, welcher nicht nur fesselnde, sondern auch zum  Nachdenken anregte.

Eugen Drewermann hielt einen spannenden Vortrag, welcher nicht nur fesselnde, sondern auch zum Nachdenken anregte.

Als ein Höhepunkt gab es am Freitagabend ein Vortrag des prominenten Kirchenkritikers, Psychoanalytikers und Schriftstellers Eugen Drewermann zum Thema „Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer). Mein Bericht darüber hier in Kürze.

Gottesdienst für Mensch und Tier

Über Tierschutz, vegetarische und vegane Produkte informierten Vereine.

Über Tierschutz, vegetarische und vegane Produkte informierten Vereine.

Für den Sonntag war abermals ein „Gottesdienst für Mensch & Tier“ geplant.

Der kleine, aber feine Kirchentag drehte sich ausschließlich rund um den Tierschutz.

Er war nicht nur eine Protestveranstaltung gegen die industrielle (Massen)-Tierhaltung, sondern auch ein Fest des Tierschutzes in Zusammenarbeit mit dem Tierschutzverein Dortmund und anderen Initiativen und Organisationen. Und last but not least ein weiterer kultureller Höhepunkt an diesem Wochenausgang nicht nur in der Paulus-Kulturkirche, sondern darüber hinaus auch der Stadt Dortmund. Haben Tiere ein Seele? Diese Frage dürften viele Besucher des Kirchentages in Dortmund für sich wohl mit einem Ja beantwortet haben.

Heinz Ratz macht mit der Aktion „Fluchtschiff“ auf die Situation von Flüchtlingsfrauen aufmerksam

Heinz Ratz mit Band "Strom & Wasser" und den Flüchtlingsfrauen; Fotos: C.-D. Stille

Heinz Ratz mit Band „Strom & Wasser“ und den Flüchtlingsfrauen; Fotos: C.-D. Stille

Den Musiker und Schriftsteller Heinz Ratz traf ich erstmals im März 2011 im Bahnhof Langendreer in Bochum. Dort trat er im Rahmen der „Tour der 1000 Brücken“ auf. Ratz, der sich selbst als “Liedermacher und Radikalpoet” bezeichnet, trat damals zusammen mit seiner Band “Strom & Wasser” für eine menschliche Flüchtlingspolitik in die Pedalen.

Heinz Ratz: “Ich möchte, dass sich beide Seiten kennen- und schätzen lernen. Und zwar unabhängig von “Kultur, Sprache, Hautfarbe und Religion…”

Über seine Motivation und die Situation von Flüchtlingen in Deutschland stand mir Heinz Ratz seinerzeit in einem Interview, das ich mit ihm im Bahnhof Langendreer führte, Rede und Antwort. Ratz forderte, wir sollten die hier lebenden Flüchtlinge so behandeln, wie wir in ähnlich prekärer oder auch in der Situation eines Reisenden in anderen Ländern behandelt werden wollen. Brücken zum Herzen bauen war damals das Hauptanliegen des Liedermachers. Ratz sagte:

“Ich möchte, dass sich beide Seiten kennen- und schätzen lernen. Und zwar unabhängig von “Kultur, Sprache, Hautfarbe und Religion…”

Das Anliegen ist geblieben. Auch das Engagement des Heinz Ratz für Flüchtlinge. Ebenfalls weiter existent sind leider die Probleme der Flüchtlinge und deren prekäre Lebenssituation vielerorts in Deutschland.

Fluchtschiff“ gastiert heute im Bahnhof Langendreer

Am heutigen Abend wird Heinz Ratz mit seiner Band wieder im Bahnhof Langendreer auftreten. Diesmal allerdings ist er nicht mit dem Rad zu Lande, sondern mit zwei Flössen zu Wasser unterwegs. Die neueste Aktion trägt den Titel „Fluchtschiff“. Nicht zufällig ruft dieser Titel Assoziationen zu den Flüchtlingsschiffen im Mittelmeer hervor, die rappelvoll mit Flüchtlingen besetzt aus Afrika kommen und Asyl in der EU zu nehmen gedenken. Für viele von ihnen ist das Mittelmeer bekanntlich zum nassen Grab geworden. Eine Schande für die EU. Doch immer kommen Flüchtlinge auch durch. Gelangen unter Umständen auch zu uns nach Deutschland.

Das Unmögliche möglich gemacht

Die wohl bislang spektakulärste Tour absolvierte Heinz Ratz und seine Band

„Strom & Wasser“ im vergangenen Jahr. Das Unmögliche gelang ihnen möglich zu machen. Trotz Reise- und Arbeitsverbote (für Flüchtlinge besteht die sogenannte Residenzpflicht) ging Ratz mit Band und Musikern aus Flüchtlingslagern dank Sondergenehmigungen,, die im Ermessen der zuständigen Behörden stehen auf Tour.

Heim? Lager!

Heinz Ratz nennt die Asylantenheime übrigens ganz bewusst „Lager“. Denn, so meint er: Suggeriere der Begriff „Heim“, nicht, dass man sich dort „heimisch“ fühlen könne? Dies ist aber sehr oft überhaupt nicht der Fall. Vielmehr würden die hier Hilfe und Zuflucht suchenden Menschen aus aller Welt und unterschiedlichen Kulturkreise in diversen Unterbringungen förmlich „abgelagert“. Weshalb seiner Meinung nach der Begriff „Lager“ eben schlagender wäre.

In Bayern steht einem Hund mehr Platz zu als einem Flüchtling

Und in der Paulus-Kultur-Kirche auf der Dortmunder Schützenstraße, wo die Band gestern Station machte, erklärte Ratz auch warum er das so sieht. Immerhin hat der Künstler und Aktivist bisher 150 Flüchtlingslager besucht (was im Übrigen nicht so einfach ist) und weiß wovon er redet. Nur zur Orientierung: Einem Hund, so Ratz, stünden in Bayern laut Tierschutzgesetz acht, einem Flüchtling jedoch nur 5,5 Quadratmeter Fläche zu.

Die „Männerlastigkeit“ wurmte Ratz – Frauen in den Fokus!

Ein weltweites Medienecho fand eine Kinodokumentation über das Musikprojekt „Heinz Ratz & The Refugees“(Quelle: 3sat-Kulturzeit) von 2013, welches mehr als 200.000 Zuschauer erreichte. Eine große öffentliche Sympathie begleitete die Musiker. Hunderte von ehrenamtlichen Helfern konnten für die Flüchtlingshilfe konnten nicht zuletzt auch dank steigenden Medieninteresses gewonnen und viele regionale und sogar bundesweite politische Entscheidungen positiv für Flüchtlinge beeinflusst werden. Ein Punkt allerdings wurmte Ratz immer sehr: Die Männerlastigkeit des Projektes.

Während seiner Besuche in den Flüchtlingslagern und in Gesprächen, die er dort u.a. auch mit Frauen führen konnte, musste Ratz feststellen, dass die Hauptleidtragenden sehr oft die alleine oder mit ihren Kindern fliehenden Frauen sind, „die jedoch gleichzeitig eine große Scheu haben, an die Öffentlichkeit zu treten.“

Das war der Grund, weshalb Heinz Ratz auf der Tour 2014 unter dem Motto „Fluchtschiff“ nicht nur noch einmal die Situation der Flüchtlinge, sondern explizit die Flüchtlingsfrauen in den Fokus rückte.

Mit zwei Flössen von Nürnberger gen Norden

Am 14. Juli brach er mit zwei großen Flößen, umgestaltet zu Flüchtlingsbooten, in Nürnberg auf. Es ging Main-, Neckar und Rheinabwärts. Und soll dann entlang des Mittellandkanals u.a. bis nach Berlin führen. Die Verletzlichkeit dieser Transportmittel in

direktem Kontrast zu den Luxusjachten und Ausflugsdampfern der touristisch genutzten Binnengewässer soll auf die dramatische Situation von Flüchtlingen allgemein, die abendlich stattfindenden Konzerte auf die besonders tragische und bedrohliche Situation von fliehenden Frauen und Kindern aufmerksam machen.

Heinz Ratz‘ Begleitcrew setzt sich aus Flüchtlingen und deutschen Unterstützerinnen und Unterstützern, zum Beispiel vom Potsdamer Verein „Women in Exile e.V. zusammen. Am 27. August machen die Flösse in Berlin (SO 36) fest. Die Aktion wird am 31. August in Bremen (Lagerhalle) enden. Tagsüber reist man mit den auffälligen Flössen, abends finden die gemeinsamen Auftritte auf den jeweiligen Bühnen statt.

Am Donnerstag machten die Flösse im Dortmunder Stadthafen fest

Die Flösse machten gestern im Dortmunder Stadthafen fest; alle Fotos: Claus-Dieter Stille

Die Flösse machten gestern im Dortmunder Stadthafen fest; alle Fotos: Claus-Dieter Stille

Heinz Ratz beim WDR-Interview

Heinz Ratz beim WDR-Interview

An diesem Donnerstag nun liegen die „Fluchtschiff“-Flösse im Dortmunder Stadthafen gegenüber dem Alten Hafenamt fest. Nur etwas mehr als einen Steinwurf entfernt, in der Pauluskirche, geht das Konzert über die Bühne. Die WDR-Lokalzeit Dortmund ist zugegen. Es gibt sogar eine Lifeschalte mit einem Kurzinterview, das die Außenreporterin mit Heinz Ratz in der Kirche geführt wird. (Quelle: WDR-Lokalzeit, ab Minute 17:10)

Konzert in der Paulus-Kultur-Kirche

Zu Beginn des Konzerts erläutert Ratz noch einmal die Fokussierung auf die Situation von Frauen. Nicht selten seien diese ja vor und auch während der Flucht Gewalt und auch sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Leider seien Flüchtlingsfrauen auch im Lager solchen Gefahren ausgesetzt. Die Frauen trauen sich in der Regel nicht die Polizei zu rufen. Schließlich ist die Polizei in ihren jeweiligen Herkunftsländern oft negativ besetzt. Über verantwortlichen Politikern hierzulande äußert sich Ratz enttäuscht.

Politische „Entscheidungsträger“ haben oft kein Kontakt zur Wirklichkeit

Die meisten von denen – in Gesprächen habe er das feststellt haben in ihrem Leben noch keines dieser Flüchtlingslager besucht. Sie reden demzufolge wie der Blinde von der Farbe.

Und selten, erlebte  Heinz Ratz, habe er einen der Bürgermeister – die manchmal seine Veranstaltungen besuchten und Grußworte sprächen – erlebt, der bis zum Schluss der Veranstaltung geblieben sei. Sprechblasen, das bleibe zumeist von ihnen, die noch zerplatzt sind, bevor der Redner das Podium verlassen hat. Gestern in Essen habe der Sozialdezernent die Flüchtlingsarbeit seiner Stadt gelobt. Ratz habe ihn gefragt, wie viele Stellen sie denn dafür zusätzlich geschaffen habe, die Stadt. „Vier“, habe er zur Antwort erhalten. Ratz: „Die Stadt dürfte mindestens 1000 Flüchtlinge haben. Wo bleiben denn Psychologen, Bildungsangebote?“

Von diesen „Entscheidungsträgern“, die oft kein Kontakt zur Wirklichkeit haben, hält Heinz Ratz daher nicht viel.

Schmähmails

Kaum, so Ratz weiter, war die neue Aktion gestartet, da seien auch schon die ersten Schmähmails bei ihm eingegangen. Insgesamt 200 dieser Beschimpfungen habe er erhalten. Einer dieser Schmierfinken hat die Flüchtlinge „Todbringenden Menschenmüll“ genannt.

Soziales Denken am Wertegerüst indianischer Völker orientieren

Heinz Ratz sagte mir 2011 betreffs diverser, vielen Menschen Leid zufügenden inhumanen Zuständen:

“Diese Welt wurde von uns so gestaltet. Sie zu verändern liegt ebenfalls in unserer Macht.”

Heinz Ratz tut mit seinen unterschiedlichen Aktionen seinen Teil dazu.

Es komme darauf an, unser Verhältnis zur Welt und speziell der Gesellschaft nicht nur zu reflektieren, sondern auch gesellschaftliche Werte zu verändern. Demzufolge gelte: „nicht Gier und Besitz sollten den Menschen bestimmen, sondern soziales Denken“. Soziales Denken, weiß der Sohn einer peruanischen Indigina und eines deutschen Arztes, könne sich im Idealfall am Wertegerüst indianischer Völker orientieren: „Angesehen ist dort, wer abgibt, nicht wer besitzt”.

Musik aus Kenia, Somalia, dem Sudan und von Luca Seitz alias Graf Itty

Eine der Flüchtlingssfrauen musiziert mit Heinz Ratz

Eine der Flüchtlingssfrauen musiziert mit Heinz Ratz

Musik, kündigt der Aktivist an, aus Kenia, Somalia und dem Sudan komme zur Aufführung. Ein bunter Mix traditioneller Musik, Reggae, Ska und Tango erklingt an diesem tollen, tief berührenden Abend in der Dortmunder Pauluskirche. Spontan habe sich ein 15-Jähriger Kieler Musiker seiner Tour angeschlossen und 50 Tage seiner Ferien gern dafür genutzt. Wie sich herausstellt, ein aufgeweckter, talentierter Bursche. Sein Name: Luca Seitz alias Graf Itty. Rapper Seitz gilt bereits jetzt als „vielleicht jüngste politische Stimme in Deutschland“. Luca spielt Bass und Schlagzeug. Die Texte seiner Titel schreibt er selbst. Die Aktivistin Eva Weber unterstützt die Band spontan im Ruhrgebiet, indem sie bei einigen Titel die Geige spielt.

Heiteres, Besinnliches und ein teuflisch-gruseliges Lied

Es gibt an diesen Abend eine Menge heiterer aber auch sehr besinnlicher Momente. Und dazu zwischendurch allerhand zu Herzen gehender Informationen aus dem Leben der Flüchtlingsfrauen. Da ist das Lied „Träumerchen“ über ein behindertes Kind. Dieses ansonsten von einem Äthiopier – der keine Reisegenehmigung mehr erhalten hat – gesungene Lied weiter im Programm zu bringen, diesem Wunsch kommt Ratz gerne nach.

Ratz stülpt die Kapuze seines Hoodies über den Kopf. Es ist die Kostümierung für das teuflisch-gruselige Schlaflied für die Innenminister. Das sollte einmal verboten werden. Weil es so treffend ist? Innenminister kommen ob ihrer Möglichkeiten für Heinz Ratz „kurz vor Gott“. Die brennende Frage im Lied: „Warum schauen Sie nicht hin, Herr Minister?“ Es heiße, die Selbstmordrate bei permanent von Abschiebung bedrohten Flüchtlingen ist groß. Können sie noch gut schlafen, die Innenminister?

Flüchtlingsfrau fordert Bewegungsfreiheit

Zwischen zwei Musiktiteln spricht eine Flüchtlingsfrau, die im einzigen Aufnahmelager von NRW, in Dortmund-Hacheney, untergebracht ist über die Angst mancherorts nachts über den Hof zur Toilette zu gehen, über unpassende Esspakete, die Flüchtlinge in Bayern erhalten oder Gutscheine und Gewalt, von der Frauen zuweilen in Lagern bedroht sind. Und auf ihrem orangenen T-Shirt steht, was die Flüchtlinge vermissen: „Bewegungsfreiheit“. Die Frau fordert Bildung für die Kinder. Und sie beklagt das Arbeitsverbot für Flüchtlinge.

Napuli ging für ihren Kampf auf den Baum

Napuli ist eine Kämpferin. Man kennt sie aus den Medien. Es ist die Frau, welche bei den Refugee-Protesten in Berlin nicht vom Oranienplatz weichen wollte. Die Frau aus dem Sudan kletterte auf einen Baum. Dort harrte sie drei Tage aus. (Quelle: Tagesspiegel). „Alles klar?“, fragt sie das Publikum forsch. „Mein Deutsch kaputt.“ In Englisch sagt sie, was Flüchtlingen wie ihr auf dem Herzen liegt. „I’m not come to pleasure here!“ – Ich bin nicht zu meinen Vergnügen hierhergekommen, ruft sie in die Kirche hinein. Und sie sagt deutlich, Flüchtlingssein darf nicht als Verbrechen behandelt werden!

„No tolerance for intolerance!“ Eine Individuum könne viel tun. Sie hat es bewiesen, indem sie auf die Berliner Platane stieg und die Welt auf die Probleme der Flüchtlinge aufmerksam machte. Und bevor auch sie beeindrucked sang, wendet sich die selbstbewusste Frau noch gegen das allgemeine „Blabla“, das nichts verändere. Sie als Christin vermisse oft wirklich christliches Handeln.

Fatuma kämpft für ihr Recht mit einer Ausstrahlung, die die Herzen der Menschen wärmt

Fatuma erzählt im Kirchhof ihre Geschichte

Fatuma erzählt im Kirchhof ihre Geschichte

Auch ihre „Sister“ Fatuma wird singen. Ein wunderschönes Liebeslied. Fatuma Musa ist mir schon schon draußen vor dem Konzert im Kirchhof sympathisch aufgefallen. Hereinkommenden Gästen reichte sie freundlich offen lächelnd die Hand und stellte sich geduldig deren Fragen. Oder bringt ihr Anliegen mit einer selten zu erlebenden strahlenden Natürlichkeit zum Ausdruck. Heinz Ratz im Hof zu mir:“Fatuma ist ganz gut ansprechbar“. In der Tat.

Die 24-jährige Fatuma aus Somalia ist erst seit März in Deutschland. Rasch engagierte sie sich bei „Women in Exile“. Ihr droht die Abschiebung nach dem Dublin-III-Abkommen. Es bedeutet, dass sie jederzeit nach Italien abgeschoben werden kann. Dort würde sie auf der Straße leben müssen. Aber Fatuma glüht optimistisch durch und durch. Vom Kopf bis zu den Zehen, wie es scheint. Für ihre Rechte wird sie kämpfen.

Fatuma singt von Heinz Ratz begleitet

Fatuma singt von Heinz Ratz begleitet

Was für eine Frau! Fatuma verströmt so viel Lebensfreude. Obwohl sie doch von Abschiebung bedroht ist. Als Muslima, sagt sie mit Blick hoch ins Kirchenschiff in englischer Sprache, freue sie sich sehr in diesem christlichen Gotteshaus auftreten zu können. Eine Welt ohne Grenzen wäre der Wunsch der 24-Jährigen. Wo waren wir noch gestern, fragt sie sich selbst. „Ah food … Essen!“

Und Fatumas  leuchtende Augen, ihr ganzes Gesicht strahlt wie ein starker Scheinwerfer dessen Licht durch einen natürlichen Weichzeichner fällt und so das ganze Publikum in seinen Bann zieht. Woher kommt diese Energie? Fatuma, die in jungen Jahren viel Leid bereits erfahren haben mag sendet so viel Menschlichkeit aus, dass sie auch die Herzen des Publikums wärmt und Vielen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Eine Fremde in einem ihr fremden Land. Mit welcher Zukunft? Plötzlich kommen mir die oft grimmigen, ernsten oder verbissenen Gesichter mancher Passanten in unseren Fußgängerzonen in den Sinn. Fatuma denkt, man müsse Talente fördern und Türen öffnen. Ja …

Tolles Konzert. Tief berührend

Schlussapplaus

Schlussapplaus

Dann kamen auch schon die letzten drei Lieder des Abend. Luca Seitz brachte noch seinen „Überwachungskamerad“. Und auch Heinz Ratz nahm noch einmal Fahrt auf, um dann mit einem leisen Titel zu schließen.

Ein tolles, außergewöhnliches und tief berührendes Konzert der Flüchtlingsfrauen, Heinz Ratz und seiner Band „Strom & Wasser“. Apropos Wasser: Ich schäme mich mancher Tränen nicht, die mir angesichts der Berichte der Flüchtlingsfrauen da und dort aus den Augen rollten. Aber welch Freude die Darbietung der von ihnen gesungenen Lieder verströmten, war wiederum so erbaulich schön, dass man selber übers ganze Gesicht zu strahlen begann. In den Gängen neben den Kirchenbänken tanzten wildfremde Menschen verschiedener Hautfarbe im Takte der Musik mit. Kinder tollten quietschend durch die Kirche.

Damla, damla göl olur – Aus Tropfen wird ein See

Was aber am meisten hervorgehobenen werden muss: Diese neue Aktion des umtriebigen Heinz Ratz gibt Flüchtlingen im Allgemeinen – hier den Flüchtlingsfrauen im Speziellen – ein Gesicht! Sonst ist ja immer nur von den Flüchtlingen die Rede. Da hören ja Viele gleich wieder weg. Wieder Flüchtlinge in Lampedusa gestrandet oder gar im Mittelmeer jämmerlich ersoffen. Jeder dieser Menschen hat ein Gesicht und eine Geschichte. Heinz Ratz macht ein paar von ihnen sichtbar und ihre Geschichte erzählen die Flüchtlingsfrauen selbst.

Auf der Bühne. Oder vorher und in der Pause im Kirchhof wie gestern oder anderswo vielleicht in einem Foyer. Ein Tropfen auf einen heißen Stein nur? Natürlich. Es gibt ein türkisches Sprichwort. Es lautet: Damla, damla göl olur – Aus Tropfen wird ein See. Das ist es. Mehr von diesen Tropfen! Heinz Ratz hat nun schon die dritte der Aktionen für Flüchtlinge ins Werk gesetzt. Ich fürchte, es wird nicht die Letzte sein. Man muss sich nur einmal anschauen, was derzeit in der Welt passiert.  Heinz Ratz sagte mir 2011: Eigentlich müsste für Flüchtlinge nur unser Grundgesetz gelten. Dem ist nichts hinzufügen.

Wie am Anfang erwähnt: Heinz Ratz mit „Strom & Wasser“ und die Flüchtlingsfrauen sind heute Abend in Bochum. Im Bahnhof Langendreer. Wer in der Nähe ist: Hin! Es ist ein Erlebnis, das einem nicht alle Tage geboten wird.

Über Heinz Ratz via laut.de

Flüchtlingsfrauen werden laut! Logbuch

Naziangriff auf Dortmunder Rathaus zog Protest nach sich – Ältestenrat erwartet rückhaltlose Ermittlung

BildTrotz Nieselregens versammelten sich am Abend des 28. Mai ca. 400 Menschen zum Protest gegen Nazigewalt vorm Dortmunder Rathaus; Fotos: Claus-Dieter Stille

Am Abend des vergangenen Wahltages (Europawahl/Kommunalwahl) kam es zu äußerst unschönen Szenen vor dem Rathaus in Dortmund. Während die Wahlparty der im Rat vertretenen Parteien noch im Gange war, näherte sich der stadtbekannte Neonazi Siegfried Borchardt („SS-Sigi“),  der im künftigen Rat für die Partei „Die Rechte“ einen Sitz einnehmen wird, dem Dortmunder Rathaus. Eskortiert wurde er von  einer Schar  augenscheinlich  gewaltbereiter Anhänger. Sie alle trugen gelbe T-Shirts.

Erst schmetterten die Neonazis ausländerfeindliche Parolen, dann flogen auch Flaschen

Augenzeugen zufolge bildeten wehrhafte Demokraten aus verschiedenen Parteien und Organisationen, die das beobachtet hatten, kurzerhand eine Menschenkette vorm Rathauseingang. Die Neonazis schmetterten ihnen zunächst Parolen wie „Ausländer raus – Deutschland den Deutschen“ entgegen, dann auch Flaschen. Die Nazis sprühten zudem Pfeffergas. Es gab Verletzte. Einige der Angreifer ließen ob ihres Auftretens Rückschlüsse darauf zu, dass sie Anhänger des NWDO sind. NWDO ist das Kürzel für „Nationaler Widerstand Dortmund“, eine rechte Organisation, die vor einiger Zeit vom NRW-Innenminister verboten worden ist. Wie noch am Sonntagabend bekannt wurde, war – für den Fall, dass „Die Rechte“ in den Rat gewählt wäre –  durchaus mit einem „Auftritt“ der Neonazis am oder im Rathaus gerechnet worden.

Warum kam die Polizei so spät?

Fragt sich nur, warum die Polizei im Ernstfall schließlich kaum präsent war. Noch vor Polizeikräften in nennenswerter Zahl trafen Ambulanzen ein. Stärkere Polizeikräfte erreichten den Friedensplatz – so berichteten Augenzeugen – erst nach ca. 20 Minuten. Und das, obwohl sich das Polizeipräsidium unweit des Rathauses befindet!

Aus Opfern werden Täter – Ein TV-Bericht läßt jedoch kaum zweifeln, wer die Täter waren

Einen Tag später relativierten Polizei- und einige Presseberichte die empörenden Vorkommnisse. Beinahe werden darin die eigentlichen Opfer zu Tätern gemacht. Ein TV-Bericht des WDR lässt allerdings betreffs der wahren Gewalttäter kaum Fragen offen (viaYouTube „Frau Maja“/WDR).  Inzwischen stellen sich Fragen nach dem Verbleib der Aufnahmen einer Webcam auf dem Friedensplatz vom Sonntagabend. Anhand der Aufnahmen dürfte zu ermitteln sein wie lange die Polizei brauchte, um stärkere Kräfte zum Ort des Geschehens heranzuführen.  Sie selbst bestreitet  beinahe 20 Minuten dazu benötigt zu haben.

Protest „Gegen rechte Gewalt“ am Tag danach

BildLetzten Mittwoch nun, am 28. Mai 2014, hatte das Bündnis BlockaDO  in Dortmund vor dem Rathaus auf dem Friedensplatz zu einer Protestdemonstration „Gegen rechte Gewalt“ aufgerufen.

Trotz kühlem Wetter und leichtem Nieselregen hatten sichlaut Polizeibericht  zirka 400 Menschen (das Bündnis BlockaDO nennt die Zahl 500) vor dem Rathaus eingefunden. Auch die Medien zeigten Interesse. TV-Teams von WDR und SPIEGEL TV waren vor Ort.

Bevor sich der Demonstrationszug in Richtung Nordstadt in Bewegung setzte, wo der Neonazi Borchert seinen Wohnsitz hat, berichteten zwei Augenzeugen über den empörenden Angriff der Neonazis auf Demokraten und das Rathaus der Stadt.

Der erste Augenzeuge schilderte, wie er am fraglichen Abend bemerkte, dass sich die Neonazis dem Rathaus näherten. Es sei, so der junge Mann, sofort ersichtlich gewesen, dass sich martialisch gebärdende Gruppe auf Krawall ausgewesen sei. Seiner Meinung nach bestünden kaum Zweifel daran, dass dieser Angriff auf das Rathaus geplant gewesen sei. Auf der Stelle habe er dann Leute im Rathaus alarmiert. Daraufhin sei es spontan  zur Bildung einer Menschenkette gekommen. Zu allem Überfluss wurde der junge Demokrat bald daraufhin auch noch  von einem Polizisten zur Herausgabe seiner Personalien gezwungen. Ein Neonazi, so die Begründung des Polizeibeamten, habe ihn wegen Beleidigung angezeigt.

Ausdrückliches Lob für fünf mutige Polizisten

BildDer Demonstrationszug verläßt den Dortmunder Friedensplatz Richtung Nordstadt

Der zweite Augenzeuge machte klar, wie gefährlich das Ganze gewesen sei. Da man sich zu einer Menschenkette eingehakt hatte, habe man die schon bald erfolgenden Flaschenwürfe vonseiten der Neonazis nicht abwehren können.

Dieser Zeuge lobte ausdrücklich die ersten am Ort eingetroffenen  zwei Polizisten und die wenig später hinzugeeilten drei weiteren Ordnunghüter. Sie hätten die das Rathaus schützenden Menschen vor dem Schlimmsten bewahrt. Dafür gebühre den mutigen Polizisten Lob. Beifall auf dem Friedensplatz.

Demgegenüber kritisierte der Mann jedoch das späte Eintreffen massiverer Polizeikräfte und die Darstellung der Vorfälle am nächsten Tag durch die Polizei selbst.

Borchardts Ziel: „Mit einem Schlag ins Rathaus“

Dabei hätten sowohl Staatsschutz wie Polizei zumindest alarmiert und dementsprechend vorbereitet sein können.

Befand sich vor der Wahl doch auf der Facebookseite  des Spitzenkandidaten der Partei  „Die Rechte„, Siegfried Borchardt, eine Botschaft,  die Gewalt zumindest befürchten lassen musste:  Auf einem Bild präsentiert sich dort Borchardt mit Sonnenbrille und schwarzem Tuch über dem Kahlkopf. Borchardts Faust zielt in die Kamera. Darunter im Text das anvisierte Ziel: „Mit einem Schlag ins Rathaus!“

Dortmunder haben Nazis satt

Nach den Schilderungen der empörenden Vorkommnisse  vom Vortag seitens der zwei Augenzeugen lief der Zug der Dortmunder, die längst die Nazis satt hat – wie auf einem Transparent zu lesen stand – und erst recht die Nase von Nazigewalt voll haben, vom Friedensplatz los.

Dazu, wie der Protest vom Mittwochabend  „Gegen rechte Gewalt“ – den ich selbst nicht bis zum Schluß begleiten konnte – weiter verlief, einen abschließenden Bericht des Redaktionsleiters des Straßenmagazins bodo, Bastian Pütter, auf Facebook:

Schweigeminute an der Gedenktafel für NSU-Mordopfer Mehemet Kubasik ruhiger Ausklang des Protestes

Laut, bunt friedlich, nassgeregnet endete die Demonstration gegen rechte Gewalt am Dortmunder Hafen.
Zwischenkundgebungem in der Innen- und Nordstadt, eine Schweigeminute am Schauplatz des NSU-Mordes an Mehmet Kubasik
(Lesen Sie dazu hier mehr; d. A.)
Kurze Aufregung nur, als ein verirrter Nazi nur wenige Meter davon entfernt es mit 400 Demonstrierenden aufnehmen wollte. Die Ordner deeskalierten und alles blieb ruhig.
Die Polizei hielt sich zurück, die Dortmunder Reiterstaffel regnete einsam im Blücherpark ein. Die und alle anderen gehen sich jetzt was Trockenes anziehen. So, Feierabend.“ (Bastian Pütter)

 

Unterdessen hat sich der Ältestenrat des Dortmunder Kommunalparlamentes mit dem Vorfall am Wahlabend befasst (via Facebookseite von Utz Kowalewski, Ratsherrr DIE LINKE im Dortmunder Rat):

Erklärung des Ältestenrates der Stadt Dortmund zu den Vorfällen am Abend der Kommunalwahl am 25. Mai 2014 (im Ältestenrat vertreten sind derzeit SPD, CDU, Grüne, LINKE und FDP)

Der Ältestenrat der Stadt Dortmund verurteilt auf das Schärfste den gewalttätigen Angriff von Rechtsextremisten auf das Rathaus der Stadt Dortmund. Unser Rathaus ist ein Ort der Demokratie und des Dialogs. Hier haben Gewalt und rechtsextreme Gesinnungen nichts zu suchen.

Der Ältestenrat bedankt sich bei denen, die sich aus wohlverstandenem bürgerschaftlichen Engagement den Neonazis gewaltfrei in den Weg gestellt und unser Rathaus geschützt haben.

Unsere Gedanken sind bei all denen, die bei dem gewaltsamen Angriff der Rechtsextremisten verletzt wurden.

Unser Respekt gilt denjenigen Beamtinnen und Beamten der Polizei, die zuerst vor Ort waren und sich den braunen Schlägern in den Weg gestellt haben.

Der Ältestenrat erwartet, dass der gesamte Vorgang weiter aufgearbeitet wird. Dabei sollte der Tätigkeit des Staatsschutzes besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Der Ältestenrat erwartet weiterhin, dass gegen die Gewalttäter schnell und rückhaltlos ermittelt wird und eingeleitete Strafverfahren möglichst bald zum Abschluss gebracht werden.

Wir erwarten von der Verwaltung, dass sie alle Maßnahmen ergreift, damit sich ein solches Ereignis nie wieder ereignet.

Der Ältestenrat“.

 

Dortmund: „Stein mit Vollausstattung“

BildDer Kunstfelsen in Dormtund; Foto: C.-D.Stille Aus einige Entfernung betrachtet sieht dat Dingen – wie die Menschen im Ruhrpott zu sagen pflegen – zunächst einmal wie ein grauer Haufen aus, den jemand mitten auf Kreuzung Kampstraße/Hansastraße in Dortmunds Innenstadt gesetzt hat. Nicht zuletzt ist dieser Eindruck dem trüben Wetter mit bedecktem Himmel geschuldet. Welcher am Tag meines Ganges das Zentrum der Ruhrgebietsmetropole verdüsterte. Der Haufen hebt sich exakt an der Stelle vom Boden ab, wo vor Jahren noch die Straßenbahn entlangrumpelte und beim Einbiegen in die Kurve ein fieses Quietschen produzierte.

Die Strategie des Steines

Angekommen, davor stehend, wird rasch klar: Der Haufen ist ein Stein. Ist ein Stein. Ich muss unwillkürlich an Holm Friebes Buch „Die Stein-Strategie. Von der Kunst nicht zu handeln“ (erschienen beim Hanser Verlag) denken. Darin geht es darum, was wir von Steinen lernen könnten: nämlich warten können und wenig tun. Das Wenige dann aber mit durchschlagender Wirkung ins Werk setzen. Also: das Gegenteil von Aktionismus.

BildElekroanschluss im Stein; Foto: C.-D. Stille

Beim näheren Betrachten des Steines stellt sich heraus: Dieser hat blaue Steckdosen.  Auf deren, die Steckkontakte verdeckenden, Klappen pappt ein gelber Aufkleber: „max. 1200 W“. Ein Stein mit Elektroanschluss mitten in der Stadt? Ja. Genau!

Kunstfelsen mit Windrad und Solarpanelen

BildWind- und Sonnenenergie wird zur Stromerzeugung genutzt; Foto: Stille

Es handelt sich also um einen Stein der besonderen Art. Der Stein ist nicht einfach nur ein Stein, sondern „ein partizipatorisches Projekt für den öffentlichen Raum in Dortmunds Innenstadt“. So jedenfalls beschreiben es die Initiatoren. Zu dem Kunstfelsen gehört ein Mast mit Windrad und Solarpanelen. Schon ist eine Verbindung zu den blauen Steckdosen im Stein hergestellt.

Der Kunstfelsen trägt den Titel „Stein mit Vollausstattung“. Der Begriff „Vollausstattung“ kommt aus der Automobilbranche. Die über Windrad und Solarpanele gewonnene Elektroenergie speist nicht nur die blauen Steckdosen, sondern auch einen Router. Der Stein bietet nämlich offenes WLAN. Die Skulptur ist mit Gadgets  (technische Werkzeuge) ausgestattet. Diese sollen ein Angebot an deren Nutzer sein. Kreiert und entwickelt wurde diese außergewöhnliche Skulptur von den Künstlerduos Lutz-Rainer Müller/Stian Ådlandsvik sowie Mark Pepper und Thomas Woll. Und zwar auf Einladung des Dortmunder Kunstvereins.

Involviert in die Zusammenarbeit war und ist die Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik, insbesondere das Institut für Energieeffizienz der TU Dortmund. Dort wird weiter an den effizientesten Möglichkeiten der Energiegewinnung am angegebenen Standpunkt geforscht.

Die Skulptur wird gewiss auch die Diskussion über erneuerbare Energien befördern

Der Standort der Skulptur „Stein mit Vollausstattung“ ist gut gewählt. Liegt der doch inmitten des Dortmunder Zentrums und in Nachbarschaft zu Geschäftshäusern und den Fußgängerzonen der Stadt. Entsprechende Aufmerksamkeit dürfte dem Projekt sicher sein. Die Skulptur wird gewiss auch die Diskussion über erneuerbare Energien befördern. Ebenfalls wird sie wohl dazu anregen, über die kostenlose Nutzung des Internet für jedermann nachzudenken. Zweifelsohne wird der „Stein mit Vollausstattung“ quasi gleichermaßen als „Stein des Anstosses“ Wirkung entfalten. Wird der Dortmunder Stein bei den Menschen auch ein deutliches Bewusstsein für die alternative anstelle der konventionellen Art Stromerzeugung generieren? Es ist immerhin zu hoffen.

Interessant dat Dingen!

Allemal interessant dat Dingen. Und mehr als nur ein grauer Haufen, der da anscheinend mitten auf die Kreuzung Kampstraße/Hansastraße gesetzt wurde. Um noch einmal auf Holm Friebes Buch zurückzukommen: Vom Dortmunder „Stein mit Vollausstattung“ können wir sehr wohl etwas lernen. Das Kunstwerk regt dazu an zu Handeln. Nicht aktionistisch. Es ruft uns sozusagen zu: Tut das Wenige, aber mit Bedacht! Am Ende könnte (müsste!) die durchschlagende Wirkung stehen.

Dortmund: ver.di brachte 24.000 Menschen des öffentlichen Dienstes zum Warnstreik auf die Beine

BildFür Lohnverbesserungen der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes gingen am Donnerstag 24.000 Menschen in Dortmund auf die Straße; Foto. C-D.Stille

Die Tarifverhandlungen für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes stehen bis dato unter keinem guten Stern. Während die Gewerkschaft ver.di für die Bediensteten eine Lohnerhöhung von 3,5 Prozent und 100 Euro monatlich, sowie die Übernahme der Auszubildenden fordert, sprechen die Arbeitgeber des Öffentlichen Dienstes diesbezüglich von „überzogenen Forderungen“.
Die Arbeitgeber bewegten sich auch nach den ersten Warnstreiks von ver.di nicht wesentlich.

Bereits gestern gab es an mehreren Orten in Deutschland abermals Warnsteiks, um den Druck auf ie öffentlichen Arbeitgeber zu verstärken.
Auch am heutigen Donnerstag wird weiter gestreikt. Der öffentlichen Nahverkehr und viele kommunale Einrichtungen ruht, sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Sparkassen legten die Arbeit nieder. So auch in Dortmund und Umgebung.

„Die zweite Runde der Tarifverhandlungen für die 2,1 Mio. Beschäftigten von Bund und Kommunen sind ohne Ergebnis geblieben“, informiert ver.di Dortmund auf der eignen Internetseite. „Die Gespräche haben in einigen Punkten zwar Annäherungen gebracht“, so Michael Bürger, Geschäftsführer von ver.di Dortmund, „aber gerade bei den Forderungen nach einem Sockelbetrag von 100 € und einem Zuschlag von 70 € für die Beschäftigten im Nahverkehr liegen die Positionen noch sehr weit auseinander. Wir wollen deshalbden Druck vor der nächsten Verhandlungsrunde erhöhen und rufen zu weiteren Warnstreiks auf.“

Ebenfalls ganztägig gestreikt wird u.a. in Dortmund bei der Telekom . In dieser bereits seit 6 Wochen laufenden Tarifrunde fordert ver.di eine monatliche Erhöhung um 5,5 % und die überproportionale Anhebung der unteren Einkommen.

Für den Warnstreik am kommenden Donnerstag erwartete ver.di nicht nur 8.000 bis 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Dortmund, Lünen, Castrop-Rauxel und Schwerte. Mit ebenso vielen Streikenden aus den benachbarten Städten und Regionen Hamm,Unna, Münster, der Hellwegschiene, dem Hochsauerlandkreis, dem Siegerland, aus Südwestfalen mit Hagen, Gevelsberg und Lüdenscheid, aus Bochum, Herne und dem Kreis Recklinghausen wurde gerechnet.
Und tatsächlich: In Dortmund knubbelten sich die Menschen! Von überall her strömten Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter heran. Eine riesige Menschenmenge setzte sich vom Friedensplatz von dem Dortmunder Rathaus bei herrlichem Sonnenschein in Bewegung. Über sonst stark von Autos befahrenen Hauptverkehrsadern Ost- und Königswall liefen die Menschen mit Transparenten, Fahnen und in neonfarbenen ver.di-Westen. Gegenüber dem Hauptbahnhof stoppte die jetzt schon unübersehbare Menge: Von der Katharinentreppe her kommend reihten viele Sparkassenangestellte ein und verstärkten so den Demonstrationzug.

Auf dem Südwall angekommen, dauerte es lange bis sich alle herangeströmten Gewerkschafter auf den breiten Fahrspuren verteilt hatten. Auf der Straße, kurz vor der großen Verkehrskreuzung am Adlerturm war ein Lkw quer zur Fahrbahn gestellt worden: Dessen Ladefläche war die Bühne für die Abschlusskundgebung.

Der örtliche Gewerkschaftsfunktionär informierte eingangs über den Stand der Tarifverhandlungen in Potsdam. Sein Fazit: Die öffentlichen Arbeitgeber hätten dort nur altbekannte Phrasen gedroschen und inhaltsleere Blasen vonsichgegeben. Man zeigt sich überwältigt von der hohen Beteiligung am heutige Warnstreik in Dortmund. Die Polizei habe die Zahl ebenfalls bestätigt: 24.000 Menschen stehen zu diesem Zeitpunkt auf dem Südwall vor der Bühne.

„Für mich seid ihr 24.000 Heldinnen und Helden!“

Direkt vor ihr die Auszubildenden. Sie fordern und skandierten es auch gleich laut: „Übernahme, Übernahme, Übernahme!“ Und Beifall brandete auf. Nacheinander sprechen von den 24.000 zwei junge Frauen, gewerkschaftliche Vertreterinnen der Auszubildenden, über deren Sorgen und Nöte anno 2014. Die erste Auszubildenden-Vertreterin ist so überwältigt, vor so vielen Menschen sprechen zu dürfen, dass sie – und damit bewertet sie gleichzeitig auch die Arbeit der Menschen im öffentlichen Dienst: Für mich seit ihr alle Helden! Warum? Irgendein Dichter hat einmal geschrieben: ‚Wer tut, was er kann, ist ein Held‘. Für micht seid ihr 24.000 Heldinnen und Helden!“

BildDiese junge Frau spach die Forderungen der Auszubildenden aus; Foto: C.-D.Stille

Viele von den Auszubildenden, sagt die Nachfolgerin am Mikrofon, hätte lange Wegstrecken zu ihren Ausbildungsorten zurückzulegen. Die Arbeitgeber sagten: „Zieht doch näher heran!“ Nur, so fragt die zweite junge Rednerin ins Mikrofon: Wie die Miete, den Strom zahlen und den Kühlschrank füllen, mit dem geringen Salär eines Auszubildenden?

Später trat Achim Meerkamp vom ver.di-Bundesvorstand ans Rednerpult. Er ist gleichzeitig auch der stellvertretende Verhandlungsführer bei den Verhandlungen in Potsdam. Meerkamp berichtet von Verhandlungen. Auf die Jugendlichen eingehend, sagte der Funktionär, deren Probleme habe man Innenminister Thomas de Maiziére (CDU) dargestellt. Verbunden mit der Forderung nach Anhebung der Lehrlingsentgelte. De Maiziére jedoch habe nur eine lapidare Antwort darauf gehabt. Die richtete er an den ver.di-Vorsitzenden und Ersten Verhandlungsführer in den Tarifverhandlungen: „Lehrjahre sind nun mal keine Herrenjahre, Herr Bsirske.“ Achim Meerkamp findet, dies zeige in welchen veralteten Denkmustern ein Mann wie Dr. Thomas de Maiziére offenbar noch gefangen sei.

Achim Meerkamp von ver.di: „Als ich 1973 in den öffentlichen Dienst gegangen bin, hatte man da noch eine Perspektive“

BildAxel Meerkamp, stellvertretender Verhandlungsführer von ver.di; C.-D. Stille

Und natürlich drohten die öffentlichen Arbeitgeber schon wieder für den Fall, die Forderungen von ver.di hätten Erfolg mit Privatisierungen. Der Inneminister: Es sei kein Geld da. Ver.di: Dabei hätten der Staat doch reichlich Steuern eingenommen. Jahrelang wurden Lohneinbußen bzw. Stagnation hingenommen. Und die Frage, wer denn wohl den nächsten Jahrzehnten noch im öffentlichen Dienst arbeiten sollen wurde in den Raum gestellt. Schon jetzt werden immer mehr Menschen des öffentlichen Dienstes schlechter als langjährige Kollegen. Etwa im Nahverkehr. Da seien inzwischen Löhne von 1880 Euro für Neueingestellte „normal“. Gewiss: die Gewerkschaften hätten das unterschrieben, um weitere Privatisierungen zu verhindern. Aber hat das gefruchtet? Wie zu sehen ist: nicht.

Achim Meerkamp sprach auch die „sogenannten Leistungsgeminderten“ an. Menschen sind das, welche gesundheitliche Beeinträchtigungen hätten. Seit 2005 sahen die keine Lohnerhöhungen!
Es sei nun darüber mit den Verhandlern auf Arbeitgeberseite zu sprechen, wie man künftig mit den Menschen im öffentlichen Dienst umzugehen gedenke. Schließlich stiegen seit Jahren die Anforderungen an sie. Und damit auch der Stress.
Ausdrücklich lobte Meerkamp den auch heute wieder deutlich gewordenen Zusammenhalt, den gemeinsamen Kampf der Gewerkschafter. Was kämen denn auch heraus, wenn jede Fachgruppe für sich kämpfe?
Meerkamp zum Ist-Zustand der Beschäftigten des öffentlichen Dienstes: „Als ich 1973 in den öffentlichen Dienst gegangen bin, hatte man da noch eine Perspektive.“ Das müsse wieder erreicht werden.
Nächsten Montag fänden die nächsten Verhandlungen in Potsdam statt. Nun müssten die Arbeitgeber sich endlich bewegen. Meerkamp: „Und wir wollen noch einmal klarmachen, was wir wollen.“ Für den Fall, dass sich die Arbeitgeber wieder nicht bewegten, „müssen wir uns wieder bewegen“, so der stellvertretende Verhandlungsführer von ver.di. Das hieß Streik. Dann aber länger.

Gegen Ende der Abschlusskundgebung erhielt noch der Betriebsrat der Dortmunder Firma MM Graphia, der im Stadtteil Aplerbeck angesiedelt ist, Gelegenheit zu reden. Der Betrieb soll zum 30. Juni geschlossen werden. 80 Familien, so der Betriebsrat, seien davon betroffen. Immerhin erwirtschafte die Firma acht Prozent Rendite. Jedoch gelte heuzutage international eine Rendite von von 20 Prozent als das Mindeste. Was seien das für Zeiten? Auf Deutsch und auch auf Griechisch, sagte der griechischstämmige Betriebsrat hat man uns „verarscht!“ Kampflos wolle man das nicht hinnehmen.

Und wie wird es nun weitergehen beim Kampf der 2,1 Millionen ver.di-Beschäftigten? Was, wenn die Arbeitgeber stur bleiben? Wird ver.di-Chef Frank Bsirske respektive die Große Streikkommission dann zu einem längeren Streik aufrufen? Doch schon sagt so mancher: Wer die Backen aufbläst, muss auch schließlich auch blasen! Und nicht wieder Zusgeständnisse machen, wie schon manches Mal zuvor. Zwar hören sich 3,5 Prozent plus 100 Euro mehr ich viel an. Aber wie sieht das in der Realität bzw. in den Brieftaschen der Einzelnen nach Jahren der Lohnzurückhaltung und diversen Preissteigerungen aus? Denn die ver.di-Mitglieder wissen freilich aus Erfahrung, dass beim Tarifabschluss nie die geforderte Lohnverbesserung herauskommt. Wie weit könnte man vom jetzt Geforderten noch heruntergehen? Anfang nächster Woche wissen wir mehr.

Streikbereitschaft ist vorhanden

Gestern und heute jedenfalls standen im Bereichen des öffentlichen Dienstes erst einmal viele Räder still und wichtige Einrichtungen blieben geschlossen. Viele tausend Menschen beteiligten sich bundesweit am ver.di-Warnstreik. Die ver.di-Mitglieder – in Dortmund kam das klar rüber – sind empört über die Negativhaltung der öffentlichen Arbeitgeber. Sie wären gewiss bereit, auch länger als eine Woche zu streiken. Beispiele dafür gibt es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Dortmunder Stadttochter wegen Organisation der „Inter-tabac ASIA“ in der Kritik

2013-07-13 15.51.46Rauchen ist ungesund. Rauchen kann töten. Heutzutage bestreiten das wohl nicht einmal schwer nikotinsüchtige Mitmenschen. Gewiss auch die Stadt Dortmund nicht. Es gibt das Nichtraucherschutzgesetz auf deren Einhaltung mehr oder weniger geachtet wird. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ordnungsamtes kontrollieren im Stadtgebiet. Treffen sie Kinder und Jugendliche beim Rauchen an, konfiszieren sie die Zigaretten und informieren die Eltern.

Yosef aus Indonesien und Max aus Dortmund fordern: Stadt Dortmund muss „Inter-tabac ASIA“ absagen

Wie aber ist es zu erklären, dass eine Tochter der Stadt Dortmund mit dem Tabakhandel in Indonesien – vorsichtig ausgedrückt – in Verbindung gebracht werden könnte, während zuhause gegen das Nikotin gekämpft wird? Noch dazu, wo Zigaretten in Indonesien an Kinder legal verkauft werden dürfen!

Es hat vielleicht damit zutun, dass der Kapitalismus vielfach janusköpfig daher zu kommen pflegt. Die Stadt Dortmund hat eine Tochter, die Westfalenhallen Dortmund GmbH. Das Messeunternehmen organisiert am 27. und 29. Februar 2014 erstmalig die Tabakmesse „Inter-tabac ASIA“ auf Bali im fernen Indonesien.

Yosef Rabindanata Nugraha (22) aus Bogor (Indonesien) und der Dortmunder Max Vollmer (27) vom Deutschen Jugendschutzverband meinen, damit fördere die Stadt Dortmund „indirekt die Tabakvermarktung in einem Land, in dem Kinder nicht vor den Gefahren des Rauchens geschützt werden“. Die Forderung der jungen Männer lautet deshalb: Die Stadt muss die Tabakmesse „Inter-tabac ASIA“ absagen. Zur Information: Die Tabakmesse in Indonesien ist keine Verbrauchermesse.

Verbündeten via Internet gefunden

„Mich“, erklärt Yosef Rabindanata Nugraha aus Indonesien, „haben sie gekriegt, als ich 12 Jahre alt war. Ich habe es zum Glück geschafft, mit 19 Jahren wieder mit dem Rauchen aufzuhören, aber viele meiner Freunde nicht. Ich möchte nicht, dass mein Land eine Zielscheibe für die Zigarettenindustrie ist.“

Max Vollmer aus Dortmund ist entsetzt darüber, „dass sich meine Heimatstadt so unverantwortlich am Tabakgeschäft beteiligt. Der Oberbürgermeister „, beklagt Vollmer „und die Stadtratsfraktionen sind bisher nicht bereit, etwas an der Situation zu ändern. Sie entziehen sich einfach ihrer Verantwortung. Als ich erfahren habe, dass Dortmund diese Tabakmesse in Indonesien organisiert, wollte ich sofort etwas dagegen tun. Ich habe im Internet nach Verbündeten in Indonesien gesucht und dabei Yosef und seine Organisation Indonesia Bebas Rokok gefunden. Wir haben uns sofort verstanden.

Es ist so schwierig, etwas gegen die globale Tabakindustrie zu tun. Jetzt gibt es eine konkrete Möglichkeit, die eine große Wirkung hat. Wenn viele Menschen unterschreiben, kann die Stadt keine Investitionen gegen den Willen ihrer Bürger tätigen.“

Zur Petition geht es hier. Sie wurde über das Portal Change.org gestartet.  Darin wird von „Ullrich Sierau, Oberbürgermeister Dortmund, und Friedhelm Sohn, den Aufsichtsratsvorsitzenden der Westfalenhallen GmbH“ gefordert:

„1.) Stoppen Sie die Inter-tabac ASIA 2014.

2.) Weisen Sie die Westfalenhallen Dortmund GmbH an, keine Tabakmessen mehr in Entwicklungs- und Schwellenländern zu organisieren.

3.) Distanzieren Sie sich in einem öffentlichen Statement von der Tabakindustrie.“

Tabakindustrie sucht nach neuen Absatzmärkten

Ein Grund für das Engagement der Zigarrettenindustrie könnte der Rückgang der Zahlen von Raucherinnen und Rauchern in den westlichen Industrieländern sein. Nun ist Tabakindustrie offenbar auf der Suche nach neuen Absatzmärkten in Entwicklungs- und Schwellenländern.

In Indonesien kann die Tabakindustrie noch zügellos agieren

„Indonesien“, so erfahren wir durch die Petenten, „gilt unter Zigarettenfirmen als tabakfreundlich und rasch wachsender Absatzmarkt. Das Land gehört zu den weltweit ganz wenigen Staaten, in denen die Tabakindustrie noch zügellos agieren kann. Es gibt nahezu keine durchsetzbaren Gesetze, um die Bevölkerung vor dem Einfluss der Tabakindustrie zu schützen.“ Viele Jungen im Alter von 13 bis 15 Jahren sollen dort rauchen.

Förderung des Tabakverkaufs verstärkt Armut

Tabakkonsum gilt als Armutsproblem. „In Indonesien leben über 40% der 247 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner von weniger als 1,50 Euro am Tag (45 Euro/Monat). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt an, dass Raucherinnen und Raucher in Indonesien im Durchschnitt monatlich 28 Euro für Zigaretten ausgeben. Eine Förderung des Tabakverkaufs verstärkt folglich die Armut.

Dilemma bleibt Dilemma

Rauchen ist ungesund und kann töten. Die Stadt Dortmund und auch deren Oberbürgermeister Ullrich Sierau werden das sicher nicht anders sehen. Dadurch jedoch, dass eine Stadttochter aber nun eine Tabakmesse im fernen Indonesien organisiert, steckt man quasi in einem Dilemma. Die WHO gibt an, dass das Rauchen jährlich weltweit 6 Millionen Menschen den Tod bringt. Die alleinige Gesellschafterin der Westfalenhallen Dortmund GmbH, die Stadt Dortmund, tut unbestritten viel im Kampf gegen die schädliche Nikotinsucht. Andererseits trägt sie Verantwortung dafür, dass in ihrem Namen, sozusagen am andern Ende der Welt ein Produkt beworben wird, das eben diese Nikotinsucht fördert. Die Petenten kritieren das. Ärtze sind erbost. Nun hat man im Dortmunder Rathaus wohl ein schlechtes Gewissen. Weder war man dort bereit von Max Vollmer Unterschriften in Empfang zu nehmen, noch auf eine entprechende Nachfrage einen Vertreter der Stadt ins WDR-Landesstudio Dortmund zu entsenden, wo man sich am gestrigen Abend mit dem Thema beschäftigte. Der Kapitalismus kommt eben anusköpfig daher. Wie wäre der Zwiespalt, in welchen man sich vielleicht unbedacht hineinmanövriert hat, zu überbügeln gewesen?

Dass die Stadt sich nicht äußern möchte und auch alle Stadtratsfraktionen zurückhalten bleiben dürfte, ist bis zu einem gewissen Maße verständlich: Niemand will sich dafür stark machen, dass den Westfalenhallen Einnahmeeinbußen in zweistelliger Millionenhöhe entstehen. Weil klar ist, dass die Millionen eben dann an anderer Stelle wieder weggekürzt werden müssen. Das Dilemma bleibt ein Dilemma. Die Hoffnungen der Petenten, dass die Dortmunder Verantwortlichen die Messe in Indonesien abblasen, dürften sich indes kaum erfüllen. Aber liegen sie mit ihrem Anliegen völlig falsch? Drüber nachdenken sollte erlaubt bleiben.

 Die Petenten werden unterstützt von der Kampagne  Dortmund Kills und wird organisiert von Forum Rauchfrei, Deutscher Jugendschutzverband, Indonesia Bebas Rokok, Unfairtobacco.org und Stiftung rauchfrei leben.

WDR-Lokalzeit Dortmund vom 15.1.2014 mit einem Beitrag zum Thema.

Artikelfoto (Claus Stille): Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau

Wider den Ressentiments: „Arme Roma, böse Zigeuner“ – Ein Buch von Norbert Mappes-Niediek

Im Verlaufe des Jahres machte das so genannte „Roma-Haus“ in Duisburg wiederholt negative Schlagzeilen. (Hier ein Artikel der Deutschen Welle dazu.) Im vergangenen Winter dieses Jahres war von vermüllten „Problemhäusern“ in der Dortmunder Nordstadt die Rede. Die MONITOR-Redaktion des WDR machte damals einen und später noch einen weiteren Bericht zu der Situation.

Die Probleme haben größtenteils etwas damit zu, dass – wie ich am 27. Januar 2013 schrieb – in den letzten Jahren immer mehr Menschen aus den EU-Mitgliedsländern Bulgarien und Rumänien nach Deutschland zugezogen sind: „Sie sind Armut und Ausgrenzung in ihren Heimatländern entflohen. Letzteres trifft besonders auf die Bevölkerungsgruppe der Roma zu. Allesamt versuchen sie in Deutschland ein paar Euro zu machen, um ihre Familien daheim durchzubringen.

Nicht wenige Roma fanden in Zeiten des Staatssozialismus in Bulgarien und Rumänien wenigstens noch als Hilfsarbeiter Verwendung und konnten sich so immerhin ihr kärgliches Brot verdienen. Damit war nach dem Ende des Staatssozialismus bald Schluß. Mehr und mehr Roma wurden entlassen. Den von der Bevölkerungsmehrheit meist verhassten Roma wurde als erstes die Tür gewiesen. Erst recht ging es ihnen an den Kragen (nicht selten sogar physisch in Form rassistischer Übergriffe) als ihre Heimatländer Mitglied in der Europäischen Union wurden.“

Aus berufenem Munde

In diesem Jahr bestrand in Dortmund die Möglichkeit einmal etwas mehr über die Situation der Roma zu erfahren. Und zwar jenseits gängiger Vorurteile und anscheinend nicht tot zu kriegender Ressentiments gegenüber diesen Menschen. Sowie aus berufenem Munde. Norbert Mappes-Niediek (Jahrgang 1953) lebt seit 1992 als freier Korrespondent für Österreich und Südosteuropa in Graz, Österreich und war 1994/95 Berater des UNO-Sonderbeauftragten für das ehemalige Jugoslawien, Yasushi Akashi. Mappes-Niediek schreibt u. a. für die Frankfurter Rundschau, den Standard (Wien) und NRC Handelsblad (Rotterdam). Zu verdanken war die Veranstaltung Planerladen e.V. und der Auslandsgesellschaft NRW e.V. Sie hatten gemeinsam zur Lesung mit Norbert Mappes-Niediek im Dietrich-Keuning-Haus eingeladen. Der Vortrag von Norbert Mappes-Niediek orientierte sich am Titel des vom Autor verfassten Buches „Arme Roma, böse Zigeuner“ (erschienen im Ch. Links Verlag).

Der Journalist und Autor ging folgenden Fragen nach: „Warum kommen die Roma in Osteuropa aus ihrem Elend nicht heraus? Sind sie arm, weil sie diskriminiert werden, oder werden sie diskriminiert, weil sie arm sind? Sind sie arbeitsscheu, kriminell und womöglich dümmer als andere?“ Wer von uns ist diesen Fragen noch nicht begegnet? Auch die Antwort ist uns geläufig. Sie orientieren sich an von Generation zu Generation weiter gegebenen Ressentiments. Meist lautet sie: Dies sei halt „typisch Roma“. Der langjährige Balkan-Korrespondent Norbert Mappes-Niediek hat einen Faktencheck unternommen. Und damit kommt zu überraschenden Befunden.

Das Interesse an der Veranstaltung war – wie auch der Moderator zugeben musste – groß. Man hatte mit vielleicht 20 Besuchern gerechnet. Aber das war kein Beinbruch: Kurzerhand wurde von dienstbaren Geistern eine Begrenzungswand beiseite geschoben. Und der Raum so einfach vergrößert. Berichterstatter u. a. vom Straßenmagazin „bodo“ und der Deutschen Welle waren anwesend.

Die hässlichen Hintergründe

Zunächst, so gestand, Mappes-Niediek, habe er mit gewohnt journalistischem Blick das Objekt (die Roma) scharf in den Blick nehmen wollen. Der Autofokus jedoch habe stets die hässlichen Hintergründe herausgearbeitet. So habe die von besorgten deutschen Zeitungsredakteuren angeregte Recherche eben auch unerwartete Resultate erbracht.

Dafür, dass Mappes-Niediek einräumte letztlich (zu) wenig über die Roma zu wissen, öffnete er dem Publikum doch ziemlich die Augen.

Wieder einmal wurde klar, wie sehr Menschen doch von Vorurteilen geprägt sind. Und nicht alle haben das Glück (fällt mir ein), des verstorbenen Theatermachers George Tabori, davon bereits in Kinderjahren geheilt zu werden: Tabori war aus der Schule gekommen und hatte seinem Vater den Satz „Alle Rumänen sind schwul!“ entgegen geschleudert. Worauf er von von dem eine schallende Ohrfeige und den für den Rest des Lebens langenden Ratschlag „Die gibt es nicht!“ erhielt.

So war eben auch von Norbert Mappes-Niediek zu lernen, dass es auch „die“ Roma nicht gibt. Der Autor teilt sie in „Assimilierte“, in eine „Mittelschicht“ (wenngleich die auch der unsrigen nicht vergleichbar ist) und in die „ganz Armen“.

Die Ärmsten der Armen, so der Autor, lebten etwa in Rumänien in verfallenen Hütten im wahrsten Sinne des Wortes am Rande der Gesellschaft. Abhängig von Gaben wohlwollender Menschen. Völlig vergessen seien Roma, welche z.B. in Siebenbürgen in den Wäldern dahinvegetierten. Als am assimiliertesten gelten die Roma Mazedoniens. Da finde man schon einmal Roma-Polizisten und selbst Bürgermeister. Aus einer vom Staat gebauten Siedlung für Roma seien immerhin schon eine Krankenschwester und ein Rechtsanwalt hervorgegangen.

„Mittelschicht“ kommt nach Dortmund

Die Roma, die z.B. nach Dortmund kämen, rechnet Mappes-Niediek zur „Mittelschicht“. Sie bieten ihre Dienste auf dem „Arbeiterstrich“ oder versuchten sich und ihre Familien daheim durch das Sammeln von Metall über Wasser zu halten. Wieder andere Roma – auch das gibt es freilich – hielten es mit der Prostitution und Diebereien.

Nach 1990: Die Roma waren die Verlierer

Zu Hause in Rumänien und Bulgarien sind nach dem Ende des Staatsozialismus 1990 Slums entstanden bzw. haben sich erheblich vergrößert. Der Grund: Viele Roma verloren ihre Arbeit. Mappes-Niediek: In den 1970er und 1980er Jahren hatten viele von ihnen regelmäßig Einkommen. Mancher hat sich gar beruflich weiter qualifizieren können. Mit der Marktwirtschaft war es damit vorbei. Der Autor nannte Zahlen: Bis 1990 hatte Rumänien 8,4 Millionen Arbeitsplätze. Von denen blieben 4 Millionen übrig!

Norbert Mappes-Niediek gibt nebenbei zu bedenken, was wir wohl selber in so einer Situation machen würden, um zu überleben?

Der Niedergang belebte alte Traditionen, etwa die Institution Großfamilie (die wir für eine Art Naturgesetz bei den Roma halten). Dabei dient sie nun (wieder) hauptsächlich dazu, sich gegenüber der abweisenden Umwelt zu behaupten.

Am Beispiel Kroatien erläuterte der Autor den Unterschied zu den Verhältnissen bei uns: Dort beträgt das Verhältnis arm zu reich 1 zu 3. Hierzulande: Mecklenburg-Vorpommern (1) zu Bayern „nur“ 1,8.

Gewaltkriminalität in Roma-Vierteln gering

n Rumänien traf der Autor einen niederländischen Pfarrer, der sich seit 10 Jahren um die Roma dort kümmert. Dieser kann ihm von nichts schlimmes über die Roma berichten. Und auch Mappes-Niediek bekennt, sich dort angstfrei bewegt zu haben. Wo es doch immer heiße: Die Roma klauen. Der Autor: „In die Farvelas von Rio de Janeiro oder in den Townships von Soweto würde ich mich nicht trauen.“ Das Vorkommen von Gewaltkriminalität in Roma-Viertel sei eher als gering zu bezeichnen.

In den Herkunftsländern hatten schon immer Vorbehalte gegenüber den Roma Bestand. Inzwischen weiteten die sich die zu zunehmenden Diskriminierungen aus. Die Mehrheitsgesellschaft meint ihre Roma zu kennen: Die sind eben so, hört man oder: Die wollen einfach nicht.“

Das grundlegende Problem ist die Armut

Mappes-Niediek bestreitet nicht, dass es gewisse negative Erscheinungen, welche den Roma zuschrieben werden, gibt. Allerdings kämen die auch in anderen Gruppen vor. Für ihn steht fest: Das herausragende und grundlegende Problem ist die Armut. Diskriminiert wurden in den USA die Farbigen. Selbst heute, da in Washington ein Farbiger Präsident sei, wirkt das bis heute noch nach. Auch von den Schwarzen sei behauptet worden, sie würden nicht arbeiten wollen, sie seien unehrlich und noch dazu unsauber.

Es gäbe einfach Ressentiments gegenüber den Armen. Schließlich werde auch Weißen rasch das Etikett „asozial“ angeklebt, wenn sie arm sind. Die Mehrheitsgesellschaft möchte Armut verständlicherweise ausblenden. Man pfeift diesbezüglich auch im Wald. Nach dem Motto: Mir kann das nicht passieren: Die sind doch selber schuld. Wir lernen also: Die Armut ist der Dreh- und Angelpunkt.

Osteuropäische Roma waren Sklaven

Zurück zu den Roma: Mappes-Niediek ermöglicht einen Blick in die Geschichte. Während wir vielleicht noch wissen, dass Roma in Westeuropa immer schon ausgegrenzt worden sind, dürfte die Wenigsten von uns wissen, dass die Roma in Osteuropa einst Sklaven waren. Etwa Mitte des 19. Jahrhunderts ge- und verkauft von rumänischen Fürstentümern.

Ob Afroamerikaner, ob Langzeitsarbeitslose in Großbritannien, es gilt: Armut reproduziert sich all überall selbst. Da ensteht u.a. auch Kriminalität.

Fantasie und Vorurteile spielen eine Rolle

Uns hat sich tief eingeschliffen wie vor allem Roma seien. Immer wieder frischte der Autor seinen Vortrag durch eigne Erlebnisse auf. Ein Polizist in Dortmund hätte ihm einmal vom besorgten Anruf eines Anwohner erzählt. Dieser habe beobachtet wie Roma immer wieder mit Kindern in Haus gegangen aber ohne diese wieder herausgekommen seien. Kinderhandel? Ich musste sogleich an die Türkei denken: Einmal hörte ich dort wie einem unartigen Kind gedroht wurde: „Wenn du nicht folgst, holen dich die Zigeuner!“ Der Dortmunder Fall war keiner: Es handelte sich lediglich um einen Kindergeburtstag.

Autor Mappes-Niediek: Fantasie und Vorurteile spielen bei der Be- oder Verurteilung von Roma eine nicht zu unterschätzende Rolle. Desgleichen sei hinsichtlich der Lebensverhältnisse von Roma schwer zu unterscheiden, was aus Zwang getan werde oder weil es quasi „naturgegeben“ sei.

Auch mit anderen Vorurteilen räumte der Journalist auf. Von Bandenkriminaliät, wie es nicht selten die Medien darstellen, könne betreffs der Roma nicht gesprochen werden. Diebereien im Familienverband und Schmuggel kämen dagegen schon vor.

Reiche Roma?

Und was ist mit den ach so reichen Zigeunerbaronen? Immer wieder würden deren angeblich prunkvolle Villen im Fernsehen gezeigt. Mappes-Niediek: Die wirklich reichen Roma könne man an wenigen Fingern einer Hand abzählen. Er selbst habe so eine „Prunk-Villa“ besucht. Viel Kitsch sei ihm da aufgefallen und „falscher Marmor“. Manche hätten nicht einmal einen Wasseranschluss.

Ebenfalls könne den Roma kein in ihnen verwurzelter Chorgeist unterstellt werden, welcher sich gegen Integration stelle.

Was tun gegen das Armutsproblem?

Der Buchautor meint, die Armutswanderung sei nicht zu verhindern. So auch die der Roma nicht. Italien habe das versucht, Frankreich ebenfalls. Die italienischen Behörden hätten die Roma in die letzte Pampa verdrängt und so gehofft, sie regelrecht weg zu ekeln. Es hat nichts genützt: Die Roma blieben oder kehrten wieder.

Deutschland wiederholt Fehler der Vergangenheit

Auch die deutsche Politik gebe sich Illusionen hin. Man wolle Roma zu Touristen machen, die keine Sozialhilfe beanspruchen könnten. Und den schon hier her gekommenen das Kindergeld verwehren. Mappes-Niediek: Deutschland wiederhole die Fehler, die nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht wurden. Bis in die Siebzigerjahre hinein habe es gedauert bis Sinti-Siedlungen hierzulande der Vergangenheit angehörten. „So schlecht kann man die Bedingungen hier gar nicht machen, dass keine Roma mehr nach Deutschland kämen“, sagte der Journalist. Und begründet das auch: „Dreißig Euro kann man hier am Tag mit Betteln verdienen. Da Doppelte des Durchschnittsverdienstes in Bulgarien.“

Praktisch alle Versuche des Staates sich dieses Armutsproblems zu entledigen seien untauglich. Redaktionen hätten ihn nach der Abschiebung von Leuten aus dem Kosovo, die zuvor in Deutschland Aufnahme gefunden hatte, dorthin geschickt, um zu sehen was aus ihnen geworden sei. Aber kaum jemand habe er finden können: „Die waren alle schon wieder in Deutschland. Diesmal aber illegal.“

Druck auf die Herkunftsländer ist wohl keine gute Lösung

Darüber zu Lamentieren helfe nicht. Auch seitens der EU Druck auf die Herkunftsländer der Roma brächte keine Besserung. Wieder flocht der Vortragende etwas aus der Praxis sein: Druck der EU habe dazu geführt, dass Mazedonien ein Gesetz gemacht, das Asylbetrug oder das Werben dafür unter Strafe stelle. Strafmaß: 4 Jahre Haft. Die Gelackmeierten wären nun Reisebüros und Busunternehmen. Wie sollten die erkennen, wer Asylbetrug begehen wolle? Also vertrauten sie auf den „Roma-Blick“. Leute, von denen man sich einbilde (dunkle Hautfarbte etc.) sie wären Roma, kriegen keine Fahrkarte. Und das Verrückt: Mazedonien bekommt das im Fortschrittsbericht zur EU-Tauglichkeit als Rassimus angekreidet! In Serbien schlüge solche Kritik in Volkszorn gegen die Roma um.

Die Armut müsse bekämpft werden. Strukturhilfe zur Selbsthilfe sei nötig. Dazu habe die EU sogar Geld dafür. Sie sei jedoch „schlecht aufgestellt“.

Was wäre nun zu tun?

Norbert Mappes-Niediek ruft dazu auf, die Roma hier menschenwürdig zu behandeln. Wir bräuchten eine Willkommenskultur. Den Menschen sollten Sozialleistungen gegeben und Kleiderkammern für sie eingerichtet werden. Bildung müsse vorangebracht werden. Das mag unpopulär sein. Illusionen zu nähren, führe aber nicht zu positiven Veränderungen.

Er erinnerte daran, wie US-Präsident Roosevelts New Deal in den 1940er Jahren Millionen Menschen Chancen verschaffte. Heute spreche kaum noch jemand davon. Roosevelts damalige Politik werde sogar als Sündenfall betrachtet.

Gegen Ende seines Vortrags bekannte Mappes-Niediek noch einmal eigentlich nicht viel über Roma gelernt zu haben. Sondern etwas über Armut, unterfinanzierte Gesundheitssysteme und jede Menge über Vorurteile. Vorallem müsse mit den Roma selbst gesprochen werden. Da habe der rumänische Staat Roma Siedlungshäuser gebaut. Die hätten sie aber angelehnt. Der Grund: Sie leben vom Metallsammeln und hätten den Schrott nicht über die Treppe ins Haus bekommen.

Niedrigschwellige Angebote sind besser

Von großen Programmen und die Schaffung von Roma-Beiräten hält der Autor nichts. Düsseldorf habe etwa ironischerweise einen Roma-Beirat, jedoch so gut wie keine Roma. Während sich die Probleme in Duisburg und Dortmund, den Städten mit viel Roma-Zuzug, ballten. Deshalb sei eine gewisse Steuerung nötig. Es müssten eher kleine Ziele anvisiert werden. Vielleicht hätten kirchliche Hilfsorganisationen deshalb mehr Erfolg: Sie orientierten sich eben an den Grundbedürfnissen. Der Autor hält die niedrigschwelligsten Hilfsangebote und Projekte allemal für die Besten. Überhaupt solle man mit den Roma selbst sprechen und fragen, was ihnen wichtig sei.

Die feine Nase des Lehrerinnen-Ehemannes

Mit Sicherheit muss sich das Denken ändern. Wieder hatte der Autor ein Beispiel parat. Eine slovakische Lehrerin habe ihm gesagt, sie würde ja gerne Roma-Kinder unterrichten, aber ihr Mann habe „so eine feine Nase“.

Jene Äußerung hatte Mappes-Niediek empört. Sie war nihm nicht aus dem Kopf gegangen. Später sprach er eine Roma-Mutter darauf an. Sie könne die Wäsche im Winter wohl waschen, aber nicht trocknen. Entweder müsste sie den Kindern die Wäsche nass anziehen lassen, dann würden sie krank. Die Alternative: Sie müssen stinken.

Ausklang

Nach dem interessanten Vortrag jenseits gängiger Roma-Klischees und schlimmer Vorurteile konnten aus dem Publikum noch Fragen gestellt werden. Eine Lehrerin, die u.a. auch Roma-Kinder in der Dortmunder Nordstadt unterrichtet, berichtete von deren Müttern, die immer öfters Deutschkurse nachfragten. Allein es fehlt wohl an Lehrern dafür. Dortmund hat sich offenbar nicht darauf eingestellt. Die Stadt Mannheim, so Norbert Mappes-Niediek, dagegen schüttele über Dortmund den Kopf. Vonnöten sei halt eine flexible Verwaltung. Augenwischerei bringe nichts.

Eine andere Zuhörerin sagte etwas sehr Treffendes: „Armut ist eine Menschenrechtsverletzung.“ Es wurde an den Grundgesetzartikel 1 erinnert. Da stehe ja bekanntlich: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und nicht die Würde der Deutschen ist unantastbar.

Die an die Wand gemalte Gefahr, dass die Roma 2014 die Arbeitnehmerfreizügigkeit nutzen, um in Scharen nach Deutschland oder Österreich kommen, hält Mappes-Niediek für  unbegründet. Die Menschen hätten einfach nicht die nötigen Qualifikationen. Überdies sei das auch nicht in den anderen Ländern der EU geschehen, die sich schon längst für Bulgaren und Rumänen geöffnet hätten. Illusionen dagegen erteilte der Autor zum Schluss noch einmal eine Absage: „Die Öffnung der Sozialsysteme müssen wir aushalten.“ Während es freilich aber logischerweise auch nicht das Ziel sein kann, dass alle kommen könnten. Die Lösung der Probleme müsse schlicht aber ausgeglichen sein.

Roma und Religion

Übrigens, was auch kaum jemand gewusst haben dürfte: Die Roma, die ja selbst keine eigne Religion besitzen, sind vielfach zu Teilen Katholiken, orthodox, muslimisch, Evangelikale oder werden von den Pfingstkirchen umworben.

Einfache Antworten gibt es nicht

Ein rundum informativer, viele Aspekte anreißender, hoch interessanter und aufklärender Vortrag eines kompetenten Autors. Norbert Mappes-Niediek, dem Autor des jüngst veröffentlichten Buchs „Arme Roma, böse Zigeuner” meint, dass vor allem die Armut vieler Sinti und Roma, die Sicht der deutschen Mehrheitsgesellschaft prägt.

Die Klischees, mit denen sich Einwanderer aus Südosteuropa konfrontiert sehen, haben für ihn keinen ethnischen Hintergrund. Vielmehr behindere die Armut aber auch die Integration der dieser Menschen. Aus diesem Kreislauf auszubrechen, sei für die Betroffenen schwer. Der Autor möchte um eine differenzierte Wahrnehmung der Lage dieser Einwanderer werben. In Dortmund ist ihm das gelungen. Natürlich blieben auch Fragen offen. Wie könnte das auch anders sein bei diesem Thema? Einfache Antworten gebe es nicht, so Mappes-Niediek.

Zum Abschluss warb der Autor noch einmal um Verständnis für Roma, für die Armen. Er empfahl, vielleicht einmal Geschichten aus den Konzentrationslagern zu lesen, um das Handeln von Menschen in misslichen Situationen zu verstehen. Eine Zuhörerin sekundierte mit Bert Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral …