„Ukrainian Agony – Der verschwiegene Krieg“ von Mark Bartalmai im Kölner Odeon gesehen

Über den Krieg in der Ukraine hören und sehen wir derzeit so gut wie nichts. Doch nichts ist dort gut. Davon kann ausgegangen werden. Und als wir noch über die Maßen vom Krieg in der Ukraine hörten war auch nichts gut. In der Ukraine nicht. Und erst recht was die Berichterstattung unserer Medien angelangt. Nicht ohne Grund ist diesen Medien, der Presse der Vorwurf der Einseitigkeit in in Sachen Berichterstattung über die Vorgänge in der Ukraine gemacht worden. Den Westen und die Ukraine, die neuen Machthaber in Kiew nach dem Maidan-Putsch – die Guten. Die Aufständischen in der Ostukraine und Putin – die Bösen. Dazu nahm Eckart Spoo auch in einem Vortrag in Dortmund Stellung. Aber die Welt ist nicht so einfach gestrickt. Wer all der Schwarzweißmalerei überdrüssig war, suchte nach objektiveren Berichten aus der Ukraine. Ich fand sie in der Zeit im Bild (ZIB) des ORF und den Beiträgen von Christian Wehrschütz. Der erfahrene und in vielen Sprachen bewanderte Reporter bemühte und bemüht sich m. E. stets um größtmögliche Objektivität. Gleich ob er nun aus den selbsternannten Volksrepubliken in der Ostukraine, aus Kiew, der Westukraine oder aus Moskau berichtete. Zeitweilig war der einzigen westliche Report vor Ort, der nicht selten unter Lebensgefahr Bericht erstattete. Andere Kollegen, auch aus Deutschland, zogen es dagegen vor über ukrainische Agenturen oder ukrainische Kamerateams an Material zu kommen.

Der freie Journalist Mark Bartalmai lebt seit einem Jahr in Donezk

In der Ostukraine, im Donbass war auch der Fotograf und Journalist Mark Bartalmai. Eigentlich hatte er sich nur über die Hilfstransporte informieren wollen. Schließlich blieb er ein Jahr im Kriegsgebiet. Bartalmai wohnt mit kurzen Unterbrechungen in Donezk. Und damit in der Region der Ukraine, wo ein blutiger Bürgerkrieg und somit Tod und Zerstörung den Alltag der Menschen bestimmen. Ist Russlands Präsident Putin wirklich für den Konflikt verantwortlich, wie westliche Medien ständig tönen?

Mark Bartalmai ging dem nach und mit seiner Kamera direkt an die Kriegsfront. Dort entstand reichlich Filmmaterial. Daraus wurde in Zusammenarbeit mit Frank Höfer ein bewegender Film. Am Mittwoch nun zeigte ihn das Odeon Lichtspieltheater in Köln. Zu danken ist das der Initiative und dem unermüdlichen Engagement von Lukas Puchalski vom Magazin Free21. Das Kino war ausgesprochen gut besucht.

Der Film, weil eine Antithese zur Mainstream-Medien darstellend, ist umstritten

Die Vorführung dort ist (wie zuvor auch die Premiere in Berlin) umstritten, da er eine Antithese zur Mainstreamberichterstattung aufzeigt und aus diesem kühlen Grunde offenbar von gewissen Kreisen nicht erwünscht ist. Kino-Chef Jürgen Lütz weist nach den einführenden Worten von Lukas Puchalski daraufhin. Er merkt jedoch an, die Kinobesucher seien ja alle alt genug, um sich selbst eine Meinung bilden.

Filmemacher Mark Bartalmai stellt, wohl um Irritationen von vornherein vorzubeugen, klar: „Es ist mein Film“ (das ist dann auch am Anfang des Films eingeblendet) „und es ist auch meine Sichtweise“. Der Film sei nämlich „auf eine bestimmte Art und Weise gemacht worden … quasi als eine dokumentarische Erzählung“. Schon weil er in Donezk wohne, habe er „eben eine ganz eigene Sichtweise auf die Dinge dort“. Mark Bartalmai spricht von „seinem ganz persönlichen Blickwinkel“. Der Film zeige deshalb Dinge aus einer anderen Perspektive „als wir sie hier, nicht nur in Deutschland – sondern grundsätzlich hier in den westlichen Medien wahrnehmen. Die Gesprächsrunden im Anschluss an den Film seien bisher „immer sehr fruchtbringend gewesen“. Man sei „inzwischen an einem Punk,t wo man auch kontrovers werden muss, weil wir uns in einer Situation befinden in Europa, die sehr sehr gefährlich ist und die vor allem geschürt wird in den Köpfen von Menschen und durch Medien.“

Deshalb wäre es wichtig die Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten. Er nähme für sich nicht in Anspruch – „weil ich nicht an allen Stellen gleichzeitig sein konnte“- „die allumfassende Wahrheit zu sagen“. Bartalmai: „Ich wünsche Ihnen erhellende Momente.“

Und die gibt es durchaus in diesem Film mit seinen oft düsteren, traurig und nachdenklich stimmenden Bildern. Als Zuschauer bekommt man schon in den ersten Minuten des Films den Hauch einer Ahnung davon, was Krieg bedeutet. Krieg in einem Teil von Europa! Gar nicht einmal so weit von uns entfernt. Die wir Feste feiern, grillen und uns bei Sport und Spiel tummeln. Ist uns das bewusst? Dies alles, wie überdies viele Menschen sind – ist inzwischen wohl mehr als 6000, ist in der Ostukraine er- und gestorben. Bartalmais Film macht uns deutlich, was Krieg bedeutet. In der Kriegsregion hatten die meisten der Menschen bestimmt nicht einmal einen bescheidenen Wohlstand. Aber sie lebten in teils schönen Städten in intakten Häusern und schmuck eingerichteten Wohnungen. Sie hatten Kindergärten, Schulen, Spielplätze, Kinos, Kulturhäuser, Theater und Parks. Vieles von dem ist heute nicht mehr. Einer der seinerzeit modernsten Flughäfen, die Airport von Donezk, ist heute nahezu vollständig zerstört.

Nebenbei bemerkt: Es gibt Bilder von der Eröffnung des schicken Flughafens, die auch Petro Poroschenko zeigen. Den Mann, der neben anderen heute für dessen Zerstörung verantwortlich zeichnet. Die noch intakten weitläufigen Tunnelsysteme darunter werden heute als Basar benutzt.

Wir erfahren, dieser Flughafen war schon im Zweiten Weltkrieg – weil schon damals strategisch wichtig – hart umkämpft. Viele Böden in der Ostukraine sind blutgetränkt. Neues kommt in unseren Tag hinzu. Völlig sinnlos vergossen.

Die Menschen sind ratlos, verzweifelt und wütend

Besonders nahe geht einem der Film, wenn vom Krieg betroffene Menschen darin zu Wort kommen. Die Alten etwa. Sie haben noch den Krieg der Deutschen gegen ihr Land erlebt. Weinend verstehen sie nicht was heute mit ihnen geschieht. Eine Frau meint: Nicht einmal die Deutschen hätten so brutal gehandelt. Die eigne Bevölkerung zu bombardieren! Warum macht das Poroschenko? Die Menschen sind ratlos, verzweifelt und wütend. Auch die im Film zu Wort kommenden Rentner, die in langen Schlangen vor der Bank stehen, um an ihre fällige Rente zu kommen. „Fünfzig Jahre“, sagt dabei weinend eine Seniorin, „habe ich in einem Betrieb schwer gearbeitet. Und jetzt? Nicht einmal die Rente bekomme ich!“

Ihr Landsmann und Präsident hat dafür gesorgt, dass sie und andere die Rente nicht bekommen. Im Film ist ein Einblendung von einer Poroschenko-Rede. Die Ostukrainer hat er abgeschrieben. Kaltschnäuzig und zynisch klingen seine Worte (sinngemäß): Die Menschen, die mit uns sind, werden Rente bekommen. Die Menschen in den Rebellengebieten nichts. Die Kinder in der Westukraine werden in Kindergärten gehen. Die in Rebellenland nicht. Und so weiter und so fort. So redet der Präsident eines Landes!

Die Kinder – welches Leben können, werden sie später führen?

Und erst die Kinder! Drei Mädchen erzählen vor Bartalmais Kamera über ihre Erlebnisse im Krieg. Freundinnen, Klassenkameraden oder Familienmitglieder – Papa oder Mama, Bruder oder Schwester sind tot oder gesundheitlich beeinträchtigt. Die Kinder in Westeuropa, sagen sie, sollen froh sein, dass sie in Frieden leben können. Was macht all das mit den gewiss traumatisierten Kindern? Welches Leben können, werden sie später führen? Wie werden sie mit den schrecklichen Erfahrungen umgehen? Machen sich, kam mir in den Sinn, führende Politiker im Westen – wo sie doch immer die europäischen Werte und die Menschenrechte so verdammt hochhalten – darüber Gedanken?

Auf dem Maidan fing alles an

Noch einmal erinnert uns der Film daran, wie alles anfing, nachdem sich die Ukraine unter Präsident Viktor Janukowitsch vorläufig gegen das Assoziationsabkommen mit der EU entschieden hat. An die Kämpfe vom friedlichen Protest in ein blutiges Chaos abdriftenden Bürgerkriegsszenario auf dem Kiewer Maidan. Der Film berichtet von einer Weisung, wonach die Janukowitsch-Regierung selbst nach der Eskalation der Situation auf dem Platz die Polizei angewiesen hatte, sich in keiner Weise provozieren zu lassen und keine Gewalt anzuwenden. Zu sehen sind auf Archivaufnahmen, wie Molotowcocktails auf Polizisten geworfen werden. Wie diese dann als lebenden Fackeln über den Platz wanken und von Kollegen gelöscht werden müssen. Wie sie mit Fäusten und Stangen verprügelt werden. Wie sich nicht zur Wehr setzen

Mit der Frage, wer die Sniper gewesen sein könnten, die von den Dächern des Maidans, vom Hotel „Ukraina“ auch, auf Polizisten und Aufständische schossen, sagte Mark Bartalmai später, hat er sich im Film absichtlich nicht beschäftigt.

Tod in Odessa

Wir bekommen auch schreckliche Szenen aus dem Archiv zu sehen, die zeigen, was sich in der Schwarzmeerstadt Odessa zutrug, als das Gewerkschaftshaus in Brand gesetzt wurde und viele Menschen dabei den Tod gefunden haben. Welchen Kräfte haben warum dieses Gewerkschaftshaus angezündet, zuvor die Zelte der Anti-Kiew-Protestler zerstört? Im Film sieht man, während die Zelte zerstört werden, einen Streifenwagen der Polizei. Jedoch keine Polizisten, die gegen die Zerstörer einschreiten und die Angegriffenen vor dem tobenden Mob zu schützen. Sollte diese Tat – von wem auch immer sie angeordnet und begangen wurde – die gegen die neue Regierung protestierenden Menschen in der Ostukraine abschrecken? Als Kinobesucher schaut an zur Leinwand und in die Gesichter der Mütter und Eheleute, die um ihre Lieben, die am lebendigen Leib verbrannt wurden oder sich aus den Fenstern des Gewerkschaftshauses zu Tode gestürzt haben und fühlt mit ihnen. Man versteht mit ihnen nicht: Warum das alles?

Das Grauen steht Mark Bartalmai ins Gesicht geschrieben

Nach heftigen und aufwühlenden Szenen kommt weich überblendet immer wieder Mark Bartalmai ins Bild. Wenn er Situationen beschreibt, schaut der Kinozuschauer in dessen Gesicht. Kennt man ältere Fotos von ihm, dann sieht man, dass der Krieg auch einen Kriegsreporter, einen Menschen, der Furchtbares mit hat ansehen müssen, diesen Mark Bartalmai von den Erlebnissen gezeichnet. Das Gesicht ist gealtert. In den Augen Erschrecken und Trauer. In den Pausen zwischen den Sätzen istzu hören, wie der Kriegsberichterstatter schlucken muss. Das sitzt ein Mensch vor der Kamera, der dem Grauen, dem Tod ins Gesicht geschaut hat.

Im Krieg

Dieser Mark Bartalmai ist mit den Kämpfern der Ostukraine auf einem Schützenpanzer mit ins Gefecht gefahren. Zuvor erzählen diese Leute woher sie kommen, warum sich sich freiwillig in Gefahr begeben. Sie tun es, weil sie ihre Region vor den Faschisten – wie sie sagen – in Kiew bewahren wollen. Ja, auch Kämpfer aus Russland sind dabei. Der eine erzählt, er habe einen Großvater hier und oft die Schulferien bei ihm verbracht. Diese Verbänden der nationalen Befreiung sind nicht die furchterregenden Verbrecherbanden, die mancher sich vielleicht vorstellt, wenn er von ihnen in den westlichen Medien hört.

Es sind Ingenieure, Bankangestellte oder IT-Spezialisten die eine gute und nicht schlecht bezahlte Arbeitsstelle hatten. Es sind Menschen, die die Heimat verteidigen und Eltern oder Geschwister beschützen wollen. Die Panzer fahren in die dunkle Nacht. Weit hinten brennt es lichterloh. Man hört die Geschosse pfeifen und einschlagen. Hinterher, tags, wird das Schlachtfeld besichtigt. Verwüstung, Verbranntes und tote ukrainische Soldaten, die von Poroschenko verheizt wurden. Sie werden samt ihren Ausweispapieren an die andere Seite übergeben werden. Andere, anderswo – noch lebende – sind gefangen. Die Ortsbevölkerung beschimpft sie. Eine ältere Frau ist außer sich, ruft ihnen Schlimmste hinterher. Eine andere Frau kann sie gerade noch beiseite und wegziehen, sonst hätte sie sich wohl in ihrer Wut vergessen.

Aber, auch das wird im Film deutlich: Gängige Klischees treffen ebenso nicht auf in die Ostukraine beorderte reguläre junge ukrainische Soldaten zu. Die Gezeigten sind entweder der Kiewer Propaganda auf den Leim gegangen oder belogen worden. Wie etwa die zwei jungen Männer, die Bartalmai als Gefangene der Rebellen trifft. Ihren Aussagen im Film zufolge sind sie anständig behandelt worden. Sie dürfen mit Bartalmai mitfahren und werden ihren weinende Müttern übergeben. Mögen sie nie wieder in diesen Krieg zurückkehren (müssen), hofft der Filmautor an dieser Stelle des Streifens.

Und im Film steht immer wieder eine Frage im Raum. Sie wird auch von Menschen vor Ort wieder und wieder gestellt: Warum schießt die Armee auf die eigene Bevölkerung? Warum wirft sie Bomben auf sie? In anderen Ländern, sagen Leute im Film, wird bei Aufständen die Polizei geschickt.

MH 17

Mark Bartalmai hat auch die Absturzstelle des malaysischen Flugzeug MH17 besucht. Und er stellt Fragen im Film. Warum sind Blackbox und Voicerecorder – die sich in London befinden – bis heute nicht ausgewertet, bzw. warum werden die Auswertungen nicht öffentlich gemacht? Er, viele andere Reporter, kamen immer an die Absturzstelle heran. Warum mussten aber OSZE-Mitarbeiter mehrfach ihre Fahrt dorthin unterbrechen?

Der kleine tote Junge

Sehr authentisch wirkt der Film immer dann auf seine Zuschauer, wenn persönliche Schicksale, Leid und Verzweiflung ins Bild gerückt sind oder in den Berichten der von Bartalmai befragten Menschen darüber zu hören ist. Das ist vor allem deshalb so, weil Bilder zu sehen bekommen, die uns unsere Medien vorenthalten. Aus Rücksicht auf uns? Der kleine tote Junge im Film zum Beispiel. Und wie er später dann mit einem Anzug bekleidet im Sarg im von nackten Leichen förmlich übersäten Leichenschauhaus liegt. Ein Mitarbeiter streicht ihm noch über den Kopf, um sich dann rasch wieder anderen Leichen zuzuwenden.

Noch einmal mit dem Leben davongekommen

Bartalmai selber ist zu sehen, wie er durch Donezk läuft. Wieder sind irgendwo Granaten eingeschlagen. Die Straßenbahnschienen sind zerstört worden. Deshalb läuft man. Andere Berichterstatter sind schon da. Plötzlich wieder ein Einschlag. Wieder einmal ist man mit dem Leben davongekommen. Die Leute sind in Agonie und froh, dass es nicht in ihrem Block oder Hauseingang eingeschlagen hat. Sie sind müde, wollen das all das Schreckliche endlich aufhört.

Die Ukraine, wie sie einmal war, wird es nicht wieder geben

Wer diesen, wie ich meine wichtigen – weil so anders gemachten – Film gesehen hat, weiß: Die Ukraine, wie sie einmal war, wird es so nicht wieder geben. Bartalmai: „Dazu ist zu viel passiert.“

Ergriffenheit, Trauer und auch Wut bei den Zuschauern im Odeon

Am Ende Applaus. In ihm schwingt Trauer mit Ergriffenheit und auch Wut. Die Zuschauer im Kölner Odeon sind betroffen. Aus dem Applaus ist jedoch auch Anerkennung für den Regisseur herauszuhören. Fraglos ein wichtiger Film.

Der Wunsch von Odeon-Chef Lütz dürfte in Erfüllung gegangen sein: Die Menschen haben sich eine eigene Meinung gebildet. Und Mark Bartalmai kann wohl ebenfalls zufrieden sein. Erhellende Momente in diesem dürsteren Film dürften die Kinobesucher gehabt haben. Nun ist auch der Saal erhellt. Bartalmai steht vor dem geschlossenen Vorhang. Mit dem von Marcel Reich-Ranickis Abwandlung eines Brecht-Zitats könnte man sagen: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Bereit für die Fragen des Publikums. Der Filmemacher steht vor eben diesen Vorhang des Kinos auf der Kölner Severinstraße. Sein Gesicht wirkt von der Fußrampenbeleuchtung angestrahlt mystisch. Schon kommen erste Fragen von unten aus dem Parkett. Mark Bartalmai schien nur darauf gewartet zu haben. Jede Frage beantwortet in äußerster Ausführlichkeit. Das Saalmikrofon wandert von Reihe zu Reihe.

Golineh Atais Film als Antithese zu Mark Bartalmais Film

Seinen Film betreffend sagt Bartalmai: „Wenn wir diesen nun einmal als These bezeichnen wollen, gibt es auch dazu eine Antithese“. Er weist damit auf die vor sechs Wochen erschienen TV-Reportage der ARD-Korrespondentin Golineh Atai, „Die zerrissene Ukraine“ hin. Diesen Film möge man sich ansehen und mit dem seinen vergleichen. Weil er freilich eine ganz andere Sichtweise habe. Mark Bartalmai habe Atai selbst einmal getroffen, als über die Wahlen in den selbsternannten Volksrepubliken berichtet wurde. Seiner Meinung nach waren die frei gewesen und die Menschen hätten sogar freudig ihre Stimme abgeben. Vergleiche man jedoch seine Bildern mit denen von Golineh Atais Team gedrehten, bewirke die dabei gewählte Kameraeinstellung – man nahm die Führer und deren Begleiter der Volksrepublik von unten auf. Das bewirke schon eine gewisse Dämonisierung in den Augen der Zuseher.

Antworten auf Fragen aus dem Publikum

Mark Bartalmai beantwortet nach der Filmvorführung Fragen der Zuschauer; Foto: C.-D. Stille

Mark Bartalmai beantwortet nach der Filmvorführung Fragen der Zuschauer; Foto: C.-D. Stille

Auf die Frage nach russischen Truppen in der Ostukraine – Poroschenko behaupte ja immer wieder, 200 000 russische Soldaten sein dort – antwortet der Regisseur: „Das sind ja mehr als die Bundeswehr hat. Ich sehe sie dort nicht.“ Zu einer Geschichte, wonach ein – britischer Reporter einen russischen Militärkonvoi gesehen habe, sagt Bartalmai: „Es gab keine Fotos. Nichts.“ Irgendwann habe es ein offizielle Verlautbarung Kiews worin gesagt wurde: „Man konnte den Konvoi nicht sehen, weil er sofort vernichtet worden sei.“ Mark Bartalmai spricht von „unfreiwilliger Komik“ betreffs solcher Meldungen. Momentan, so berichtet der Journalist kreisten des Öfteren Drohnen über Donezk. Geschützfeuer war überdies zu hören gewesen.

Wie ist Kräfteverteilung im Krieg? Derzeit stünden ungefähr 80 000 reguläre ukrainische Soldaten, antwortet Bartalmai, 40 000 NAV-Leute (bewaffnete Separatisten der Ostukraine (Novarussia Armed Forces, der LNR und DNR – Lugansker Volksrepublik und Donezker Volksrepublik; d. Verf.) gegenüber. Wir hörten hier bloß immer in den Medien die Rebellen hätten den Waffenstillstand gebrochen. Was solle man sich darunter vorstellen? Um diesen Abstraktionen ein Gesicht zu geben, habe man diesen Film gemacht. Im Film komme nicht ein „profaschistisches Monster vor“. Abgesehen einmal von den Bataillonen Asow und Ajdar seien wohl keine ukrainischen Truppen in die Ostukraine gekommen, um „im Blutrausch zu morden“.

Sie verstehen nicht, dass der Westen sie quasi verarscht“

Bartalmai erklärt: „Das Volk wird instrumentalisiert.“ Auf der einen und auf der anderen Bürgerkriegsseite finden man durchaus auch Leute, die in den Krieg zögen, weil sie vielleicht im Leben gescheitert seien, die auch auf Krawall stünden. Aber es gibt eben auch die anderen, die den Kampf hier oder dort als gerecht und richtig empfänden. Überhaupt werde das Land vorwiegend (vom Westen) instrumentalisiert und benutzt, damit es für NATO-Stützpunkte nutzen kann. Oder für „eine EU als Absatzmarkt“. Mark Batalmai: „Ich rate den Ukrainiern skeptisch zu sein.“ Viele glaubten einfach den Worten Poroschenkos oder anderen bald in die EU zu kommen und im Wohlstand zu leben. „Sie verstehen nicht, dass der Westen sie quasi verarscht.“ Monsanto hat quasi das Monopol auf Saatgut in der Ukraine. Das Land galt einst als Kornkammer der Sowjetunion!

Der SPIEGEL-Mann und die Nachtwölfe

„In Moskau“, erzählt Mark Bartalmai, „im Hauptquartier dieser ach so furchtbaren Nachtwölfe“, habe er einen Spiegel-Reporter getroffen. Will sagen: Man stünde sich als Kollegen nicht einmal feindlich gegenüber. „In bestimmten Bereichen herrscht durchaus Konsens. Warum sie es dann nicht schreiben, konnte er mir auch nicht erklären.“

Sie haben der Ukraine die Heirat versprochen. Aber sie wollten sie nur für eine Nacht“

Und noch einmal kommt der Filmemacher auch die EU zu sprechen: „Sie haben der Ukraine die Heirat versprochen. Aber sie wollten sie nur für eine Nacht.“ Die Menschen in der Westukraine täten ihm leid. „Sie werden fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Sie haben das Pech in einer strategisch wichtigen Gegend zu wohnen.“ Der nun kaputte Flughafen von Donezk wäre inzwischen zu einem „Marktplatz“ geworden. Auch für Waffen. Die wechselten auch die Seiten. „Es gibt in diesem Krieg kein Schwarz und kein Weiß“, so Bartalmai. „Es gibt in diesem Krieg furchtbar viel Grau. Und es gibt in diesem Film furchtbar viel Rot. Ohne, dass wir es zeigen.“ Blut überall. Weg habe man von den Abstraktionen gewollt: „Bruch eines Waffenstillstands“, oder „Artillerie beschießt Positionen“ – „Nein, da sterben die Kinder! Und Zivilisten. Auf der anderen Seite sterben Soldaten“.

Mark Bartalmai wird momentan von in der Ukraine verfolgt. Er sei „angeklagt der Spionage und des Terrorismus und bezichtigt, offiziell wegen diesem Film“.

Auch mal das eigene Weltbild hinterfragen

Zur durchaus berechtigten Kritik an den Mainstreammedien sagt der Filmemacher etwas, dass jeder für sich mit nachhause nehmen und darüber nachdenken kann. Der Umkehrschluss nämlich daraus, wenn man den Mainstream generell als unseriös verteufelt, sei ja: „Was in den Alternativmedien steht, ist alles richtig. Das ist Käse.“ Die Menschen seien so gestrickt, dass sie sie gerne ihre einmal erlangte Meinung, ihr Weltbild, immer wieder bestätigt sehen haben wollten. Sie meinten sozusagen, alles sei grün. Und wenn die dann um die Ecke guckten und plötzlich rot sähen, seien sie verunsichert. Da gebe es eine Gruppe von Leuten, „die sagt, das will ich gar nicht wissen. Kann nicht sein.“ Die Einen hätten eben ihr Narrativ und die Anderen das ihre. Es spielten eben auch Erziehung und Erfahrung jedes Einzelnen eine Rolle. Auch käme hinzu, „was die Gesellschaft transportiert“. Dies im Hinterkopf, sagt uns nichts weiter als das: Wir sollten alles und jedes einem gesunden Zweifel unterziehen. Selbst auf die Gefahr hin, dass unser festgefügten und eingeschliffenes Weltbild aus den Fugen gerät.

Da kommt Bartalmai darauf zu sprechen, dass er in der DDR aufgewachsen ist. Als er in die BRD gekommen sei, habe man ihm erzählt, dieses DDR-System sei der völlige Schrott gewesen. „Ich bin quasi aus meiner Höhle gekommen und hatte keine Ahnung, was da abgeht.“ Dann in der Freiheit und der Demokratie der BRD – „und ich hab‘ daran geglaubt und ich habe auch lange in diesem BRD-System funktioniert“ – musste Bartalmai feststellen, dass „PR eigentlich heute der Journalismus ist und nicht mehr so wie früher“: dann musste der BRD-Neubürger ein zweites Mal im Leben konstatieren, dass auch das neue journalistische System „vorsichtig ausgedrückt, nicht hält was verspricht“. „Da ist für mich das zweite Mal eine Welt zusammengebrochen“, so der freie Journalist in Köln.

Kritik von Grimme-Preisträger Frieder Wagner

Dann meldet sich ein Mann, den man kennen sollte: Frieder Wagner, der in letzten dreißig Jahren freier Journalist und Filmemacher. Die Blicke gehen nach hinten. Und anerkennender Beifall brandet auf. Manche erinnern sich: der Herr ist u.a. Grimme-Preisträger. Er, sagte Wagner, er hätte sich am Filmende eine größere Spanne erwartet. Vermisst habe er Hinweise darauf, was die USA und ihre Koalitionen der Willigen, auch die NATO, für eine Politik betreibe, die das Ziel verfolge, den Machtbereich der USA immer mehr auszuweiten. In Bosnien, im Kosovo, im Irak, Afghanistan, in Libyen, im Libanon, in Gaza. Da stecke ein System dahinter, so Wagner. Gefehlt habe ihm der Hinwies darauf, dass „die ukrainische, schreckliche Auseinandersetzung die Fortsetzung ist, dessen ist was lange, lange geplant gewesen sei. Wagner: „Es gibt ja Präsidentenberater, die haben Bücher geschrieben, da steht das alles drin. Man hätte den Teufel schon beim Namen nennen müssen.“ Es könne durchaus sein, dass in den nächsten Jahren schwerst missgebildete Kinder geboren werden.“

Mark Bartalmai erklärt, daran habe man gedacht, sich aber – damit der Film jetzt herauskommen könne – ein tieferes Loten zunächst zu unterlassen. Allerdings verspricht der Regisseur, dies „ist jetzt nicht der letzte Film, der nächste ist in Planung“.

Möge der Film auch den Weg in andere Kinos finden

Was zu begrüßen ist. Beifall. Ein ergreifender Film und eine sachliche, befruchtende Diskussion im Anschluss. Übrigens reißt die Diskussion selbst noch nicht ab, als sich Türen des Kinos Odeon längst geschlossen hatten. Auch die Fragen gehen nicht aus. Kurzerhand wird Diskussion und Fragestunde hinaus auf die nächtliche Kölner Severinstraße verlegt.

Dank an das Engagement betreffs des Organisierens der Filmvorführung seitens Lukas Puchalski von Free21, sowie an Odeon-Chef Lütz. Möge der Film Mark Bartalmais den Weg auch in andere Kinos der Republik finden, denn er ist eine Art fehlender Part. Ein andere Seite der Medaille gewissermaßen. Mark Bartalmai zeigt sich bereit, zu Film- und Diskussionsabenden in anderen Städten anzureisen. Der Film funktioniert besonders gut, wenn sich ihm eine Diskussion anschließt.

Alles über den Film hier. Übrigens steht er auch zum Kauf bereit. Den Trailer kann man hier anschauen. Zu einem Interview zum Film mit Lukas Puchalski geht es hier.

Nachtrag

Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass nicht nur der Film „Ukrainian Agony“ neben viel Lob auch Kritik hervorruft, wie die Person Mark Bartalmai selbst. Hier und hier. Jeder mag sich eine eigene Meinung darüber bilden und schauen, von wem die Kritik geübt wird. Fakt scheint jedenfalls: Wer vom Mainstream abweicht wird leicht in die Ecke der Verwörungstheoretiker oder gar der Neurechten und sogenannten Querfrontler gerückt. Ich sage es einmal angelehnt an die Worte des Kölner Kino-Chefs: Meine Leserinnen und Leser alt genug sein, sich selbst eine Meinung zum Film wie zur Person Mark Bartalmai, der ja eigentlich Mirko Möbius heißen soll. In manchen dieser Ergüsse, schreibt ein gewisse Sven. Dessen Profil soll jedoch inzwischen gelöscht sein. Dieser Nachtrag erfolgt hier nur der journalistischen Sorgfalt wegen. Wie bereits erwähnt: Jeder soll sich eine eigene Meinung dazu bilden.

Buchtipp: Albert F. Reiterer Denkwende – Zur „Schlacht um den Euro“, erschienen bei pad

Wie geht es weiter?, Photo: I-vista via Pixelio.de

Wie geht es weiter?, Photo: I-vista via Pixelio.de

Das „Griechenland-Problem“ lenkt ab. Soll ablenken? Von einer Misere der Europäischen Union überhaupt. Es ist kein Alarmismus, zu behaupten: Die EU befindet sich in einer schweren Krise. Sie kann schon bald so scheitern, dass das eigentlich großartige europäische Projekt dahin ist. Der Euro ebenso. Beides hängt zusammen. Gewissermaßen ist der Euro der eigentliche Sargnagel, am Projekt EU. EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft; der Verf.) war m.E. der ehrlichere Begriff. EU tönt unverdächtiger. Klar, wir Europäer haben die Vorteile von Freizügigkeit und Reisefreiheit ohne Grenzkontrollen. Nicht zu verachten. Wohl vermutlich eher ein süße Dreingabe, gedacht für die Masse der Menschen, damit sie alles andere ohne großes Murren schlucken. Mehr denn je dient und nützt die EU aber der Wirtschaft. Das walte Hugo!

Albert F. Reiterer: „Der Euro ist ein höchst effektives Instrument der Gesellschaftsspaltung.“

Anton F. Reiterer erinnert uns eingangs seiner aktuellen Veröffentlichung „Denkwende – Zur Schlacht um den Euro“ daran, dass alles so gedacht gewesen war: „Euro und WU (Währungsunion; der Autor) wurden als Automatismus einer neoliberalen Zentrum-Peripherie-Struktur in Europa entworfen. Das sollte ständige politische Eingriff zu Gunsten des Großkapitals und der Finanz-Oligarchie überflüssig machen. Alle, die lesen können und wollen, können dies in der Debatte seit Anfang der 1970er nach verfolgen, im Werner- und Tindemans-Plan, im Delors-Bericht, auch im gescheiterten EWS der Prägung von Helmut Schmidt und V. Giscard d‘ Estaing. Der Kern ist: Nicht mehr Abwertungen mit ihrer vergleichsweise schonenden Verteilung der Lasten sollen zum Ausgleich von Produktivitäts-Differenzen zwischen den Starken und den Schwachen eingesetzt werden. An ihre Stelle soll die ‚Innere Abwertung‘ treten, der sinkende Lebensstandart ausschließlich für die Arbeitenden.“ (S. 5/6)

Es gab bekanntlich Experten, die rechtzeitig vor den Folgen der Einführung des Euro warnten, koordinierte man nicht gleichzeitig auch die Sozial- ,Finanz- und Steuerpolitiken der Euro-Länder. Man könnte sagen, die Todesursache trug der Euro sozusagen bereits bei seiner Geburt in seinen Genen.

Reiterer macht den Euro in seiner Wirkung kenntlich: „Der Euro ist ein höchst effektives Instrument der Gesellschaftsspaltung.“

Mit dem Euro in der Falle

Reiterer schreibt von einer „Euro-Falle“. Und in der säßen nicht nur Länder wie Griechenland (Tsipras scheiterte u.a. an ihr), sondern auch wir „in den Ländern des Zentrums, zumindest, soweit wir nicht der Oberschicht und den wenigen Gewinnern aus der Politik des Imperiums angehören“. Reiterer erinnert süffisant daran, dass Deutschland ironischerweise „zu seinem Glück gezwungen werden“ musste. Den Kohl wollte ja zunächst die Währungsunion gar nicht. Doch der französische Präsident Mitterand „stellte Kohl vor die Wahl: deutsche Einigung und WU, oder keines von beiden.“ Kohl schluckte die vermeintliche Kröte. Vermeintlich deshalb, weil Deutschland heute der Hauptprofiteur der WU ist. Frankreich schadet sie eher. Es konnte eine Struktur entstehen, „welche es der deutschen Politik ermöglicht, ihren Willen brutal durchzusetzen.“ (S. 11) Nichts anderes erleben wir im Umgang mit Griechenland. Was ein Volker Kauder (CDU) forderte ist längst bittere Realität: Es wird Deutsch gesprochen in Europa.

Zum Inhalt

Reiterer beschäftigt sich im Kapitel 2 „Denkumkehr – Die „gute“ EU, der Euro und die Folgen auch kritisch mit dem Buch „Nur Deutschland kann den Euro retten. Der letzte Akt beginnt“ von Heiner Flassbeck und Costas Lapavitsas sowie einer Vorbemerkung darin, geschrieben von Ex-Finanzminister Oskar Lafontaine. Sowie mit „Die Konservativen, Sozialdemokraten und Piketty / „Refeudalisierung“? Finanzialisierung: Die Rückkehr des Kapitals – Aus Anlass einer Arbeiter von Piketty/Zucman.

Überhaupt die Sozialdemokraten: Sie tragen nicht wenig Schuld an der derzeitigen Misere. Und da darf man dann auch nicht von den Gewerkschaften schweigen. Gerade in Deutschland, wo sie traditionell eng mit der SPD verbunden sind. Was die Crux ist. In der Zeit Der Schröder-Fischer-Regierung hatten sie bekanntlich deshalb Beißhemmung und verkauften viel von ihrer Seele. Professor Reiterer rät am Schluss seines Büchleins: „Die Gewerkschaften brauchen auf der einen Seite eine Partei, die allgemeinpolitisch in ihrem Interesse handelt. Aber sie dürfen sich von einer solchen Partei nicht abhängig machen, sie müssen Autonomie bewahren.“

Das europäische Volksvertretung, ein „Pseudo-Parlament“

Überhaupt zeichnet der Autor und im Unterkapitel „Und die Gewerkschaften?“

„Das Zentralproblem repräsentativer Demokratie. Das seltsame Gewand der Frage darf uns nicht darüber hinweg täuschen. Vor allem ist es das Hauptproblem der unteren Schichten in der Demokratie. Denn die Vertreter der Mittel- und Oberschichten treten nicht in eine andee Lebenswelt über, wenn sie z.B. Abgeordnete werden. Wohl aber trifft dies für die Abgeordneten zu, die selbst aus den unteren oder den Mittelschichten knapp darüber kommen. Sie werden nicht nur in eine materiell radikal veränderte Lage versetzt: Sie verdienen nu z. B. das Vierfache des mittleren Einkommens. Sie treten auch in eine Berufs- und Lebenswelt ein, die mit der ihren, bisher gewohnten, nichts mehr zu tun hat.“

Auch das Europaparlament – Albert F. Reiterer benennt es als das, was es real ist: als „Pseudo-Parlament“ – wird entsprechend beleuchtet.

Das Imperium mit Demokratiedefiziten

Die EU erscheint (neben dem US-amerikanischem) als Imperium (mit gravierenden Demokratiedefiziten): Die „wichtigste Ausprägung des nachnationalen Staates, die gegenwärtig erkennbar ist“. In diesem Brüsseler Imperium herrsche die „Allmacht des Marktes und der Finanzoligarchie“. Dass das in der Tat so ist, kann man beim griechischen Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis – wenn er über die „Verhandlungen“ im Nachhinein Bericht erstattet. Überhaupt macht der Umgang mit Griechenland deutlich, dass sogar nicht nur von „Institutionen“, sondern auch von den mächtigen europäischen Eliten Demokratie wohl eher als störend empfunden wird.

Fraglos braucht es in Sachen Europa und Euro eine „Denkwende“. Mir sagt das Buch: Wir sollten uns von dem Griechenland-Problem nicht ablenken lassen. Zum Aufwachen sollte es uns bringen! Es ist m. E. kein Alarmismus, zu behaupten: Die EU und der Euro befinden sich in einer schweren Krise. Mir scheint ziemlich sicher: EU und Euro könnten in den nächsten Jahren zerstört und am Ende sein. Eine Neugründung der EU, die nicht nur der Wirtschaft und der Finanzoligarchie zu Vorteilen verhilft, sondern die sozial, gerecht und solidarisch mit ihren Mitgliedern ist, scheint nötig.

Tabula rasa machen

Dafür müsste jedoch erst einmal Tabula rasa gemacht werden. So lese ich es Reiterers Zeilen. In „Politische Konsequenzen“ – aus der Griechenland-Misere – (S. 58) notiert Reiterer an die Adresse der Linken: „Raus aus dem Imperium! Vielleicht sollten wir weniger erratische Marxisten sein, eher konsquente. (…) Man kann die EU nicht in ein soziales Europa verwandeln. Man muss den alten Staat zerschlagen, man muss die Eurozone zerschlagen, man muss die EU zerschlagen.“

Doch vor diesem – wohl unumgänglichen, wenn das Imperium sich nicht selbst den Garaus macht – Schritt muss freilich erst einmal die „Denkwende“ oder, wie es auf Seite 9 der Broschüre steht: eine „Denkumkehr“ erfolgen.

Dann denken Sie mal schön, liebe Leserinnen und Leser. Und lesen Sie – ich empfehle es dringend – als „Denkhilfe“ Reiterers Broschüre! Eine weitere, wieder wie gewohnt liebevoll von Peter Rath-Sanghakorn redaktionell betreute Veröffentlichung im Rahmen des für äußerst lobenswerten pad-Projektes „Ökonomisches Alphabetisierungsprogramm“. Die wachsende Anzahl dieser Veröffentlichungen leisten – jede für sich – einen nicht unerheblichen Beitrag im Sinne des von Immanuel Kantschen „Sapere aude“ .

Albert F. Reiterer: Denkwende. Zur Schlacht um den Euro. pad-Verlag, Bergkamen 2015, 76 Seiten, 5 Euro (für jede Broschüre Staffelpreis ab fünf Exemplaren 4,50 Euro, ab zehn Exemplaren 4 Euro).

Bezug: pad-Verlag, Am Schlehdorn 6, 59192 Bergkamen, E-Mail: pad-Verlag@gmx.net

KünstlerInneninitiative Unruhestiften.de: „Es gibt keine „guten“ und „schlechten“ Flüchtlinge. Nicht Flüchtlinge, sondern Fluchtursachen müssen bekämpft werden“

Über 50 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Über die Fluchtursachen wird so gut wie nicht gesprochen. Auch gestern beim Talk von Anne Will in der ARD  war aus dem Munde der  CSU-Politikerin Monika Hohlmeier darüber nichts zu hören. Allenthalben ist von Überforderung der Kommunen hinsichtlich der Unterbringung von Flüchtlingen die Rede. Dabei wäre die Aufnahmen von noch viel mehr Flüchtlingen in Deutschland gar kein Problem für unser so reiches Land. Der Fehler liegt im System. Man gewinnt bei dem Gerede einiger Politiker nicht nur hierzulande den Eindruck die Flüchtlinge – und eben nicht die Fluchtursachen – gehörten bekämpft. Jetzt werden beträchtliche Summen ausgeben um den Eurotunnel gegen den nicht versiegenden Strom von Flüchtlingen, die von Frankreich nach Großbritannien zu gelangen hoffen, dicht zu machen. Nähmen die Befürworter dieser Maßnahme die Realität zur Kenntnis, sie wüssten, dass das „Flüchtlingsproblem“ nur verdrängt würde. Vielleicht die Flüchtllinge  sogar nur für einige Zeit aufgehalten sein würden.  Auch hier ist anscheinend mit keinem Wort an die Fluchtursachen gedacht. Als existierten sie nicht und Europa hätte keinen Anteil daran!  Andere Länder – wie ausgerechnet Ungarn, das einst die Grenzen für DDR-Flüchtlinge unter dem Beifall der Weltöffentlichkeit  öffnete! – errichten nun ironischerweise Grenzzäune gegen den Flüchtlingsstrom. Solange aber die Fluchtursachen nicht beseitigt werden, wird man dagegen letztlich nur als Verlierer dastehen. Und eine nicht geringe Verantwortung dafür tragen, dass Flüchtlinge bei von purer Verzweifelung getrieben auf der Flucht  im Mittelmeer oder woanders den Tod finden.

Dringend nötig ist ein Paradigmenwechsel betreffs des Umgangs mit Flüchtlingen. Schon die Wortwahl ist da schon oft genug von Übel und führt in Irre. Nehmen wir doch nur den Begriff „Flüchtlingsproblematik“! Impliziert dieser doch: Flüchtlinge sind das Problem.

Heute erreichte meine Redaktionsstube eine Pressemitteilung der KünstlerInneninitiative www.unruhestiften.de, die ich gerne hier auf meinem Blog veröffentliche. Darin heißt es sehr richtig:

„Es gibt keine „guten“ und „schlechten“ Flüchtlinge. Nicht Flüchtlinge,
sondern Fluchtursachen müssen bekämpft werden. Das sind Kriege und eine
Weltwirtschaftsordnung, die maßlosen Reichtum auf der einen Seite, und
auf der anderen massenhaft Hunger und Elend produziert. Wir brauchen
eine andere Welt!“

Pressemitteilung 20150729

Flüchtlinge brauchen offene Grenzen –
wir alle brauchen eine andere Welt!

Im Mittelmeer und an den Landesgrenzen Europas spielen sich
unbeschreibliche Flüchtlingstragödien ab, von denen die Öffentlichkeit
in den Medien nur wenig erfährt. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht auch
hierzulande Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte oder tätliche Angriffe
auf Flüchtlinge erfolgen.
Es ist unerträglich, daß Flüchtlinge wie unerwünschte Personen behandelt
oder gar mit dem Tod bedroht werden!

Mit Abschottung, weiterer Verschärfung der Asylgesetzgebung und
Entrechtung von Flüchtlingen werden Menschenrechte verletzt – und
Rechtsextremisten der Boden bereitet.

Es gibt keine „guten“ und „schlechten“ Flüchtlinge. Nicht Flüchtlinge,
sondern Fluchtursachen müssen bekämpft werden. Das sind Kriege und eine
Weltwirtschaftsordnung, die maßlosen Reichtum auf der einen Seite, und
auf der anderen massenhaft Hunger und Elend produziert. Wir brauchen
eine andere Welt!

Eine gastfreundliche Aufnahme und menschenwürdige Versorgung, die
Schaffung von sozialen Kontakten und die Eröffnung von
Zukunftsperspektiven sind zentrale Aufgaben einer humanitären
Flüchtlingspolitik.

In vielen Gemeinden und Städten unseres Landes engagieren sich
Bürgerinnen und Bürger in der Flüchtlingsbetreuung. Ihre Arbeit ist von
unschätzbarem Wert für Menschen, die nach traumatisierenden
Kriegserlebnissen und Heimatverlust einen Neubeginn in der Fremde wagen
müssen.

Unterstützung leisten auch Kulturschaffende, Theater, Musikgruppen,
SchriftstellerInnen und bildende KünstlerInnen, die gemeinsam mit
Flüchtlingen Lesungen, Ausstellungen, Konzerte und Veranstaltungen vor
Ort durchführen.
Wir brauchen eine Kultur der Begegnung, Freundschaft und Solidarität mit
Flüchtlingen – statt einer Unkultur der Feindschaft, des Hasses und der
Gewalt gegenüber Fremden.

2000 KünstlerInnen und Kulturschaffende, andere Persönlichkeiten und
Organisationen haben seit Sommer 2009 den bundesweiten Aufruf
http://www.unruhestiften.de unterzeichnet. Es ist ein Aufruf gegen rechts,
gegen die Abwälzung der Krisenfolgen und für die Umverteilung von oben
nach unten, gegen die Kriegspolitik der Bundesregierung – und für die
Förderung der kulturellen Vielfalt.

Für die KünstlerInneninitiative www.unruhestiften.de
c/o Werner Lutz
Kontaktmail: einheiztext@t-online.de

Indem Brüssel Athen vor den Kopf stößt, kommt die EU ihrem Ende selbst näher

Am Umgang mit Griechenland wird sich erweisen, ob die EU Bestand haben wird; Foto. Gerd Fischer via Pixelio.de

Am Umgang mit Griechenland wird sich erweisen, ob die EU Bestand haben wird; Foto. Gerd Fischer via Pixelio.de

Die „Mittelbayerische“ titelt am 28. Juni „Athen wird der Geldhahn zugedreht“. Im Untertitel steht zu lesen: „Die Griechen bekommen keine weiteren Finanzhilfen. Dennoch setzt Athen ein Referendum über die Reformauflagen am 5. Juli an.“ Das liest sich, als sei von unartigen Kindern, die nicht folgen wollen die Rede. Und dazu im Kontext kommt bestimmt bei manchen Lesern der Gedanke auf: Dann müssen sie eben fühlen! Fast unisono brausen die Medien deutschlandweit wütend gegen die (im Sinne der Institutionen und den diese sekundierenden Politikern) nicht folgsame Regierung Tsipras auf. Auch die Tagesthemen wollten offenbar dahinter nicht zahm abstinken und präsentierten – darauf machte Niema Movassat (MdB DIE LINKE) auf seinem Facebook-Account empört aufmerksam – einen ehrverletzenden Kommentar von Alois Theisen (HR) zu Griechenland: „Theisen bezeichnete die griechische Regierung als „Schurken“ und Tsipras als „angeblichen Demokraten“. Das ist kein Journalismus mehr. Das ist pure Hetze auf Bild Niveau. Die Entscheidung, dass Volk zu befragen, ist das souveräne Recht des Landes und urdemokratisch.“

Beleidigende und erniedrigende verbale Ausfälle gegenüber Griechenland suchen ihresgleichen

Man kann lange zurückdenken und wird dennoch nicht fündig werden. Wann hat es je von Politikern oder Journalisten dermaßen beleidigende und erniedrigende verbale Ausfälle gegen ein Mitgliedsland der Europäischen Union gegeben? Diese Ausfälle treffen ja nicht nur die Regierung in Athen, sondern Millionen Menschen in Griechenland, die seit Jahren unter der Knute, dem Diktat, der heute „die Institutionen“ genannten Troika darben und sogar sterben mussten und weiter müssen.

Was ist falsch am Referendum?

Was also spricht dagegen, wenn die SYRIZA-geführte Athener Regierung um etwas mehr Luft bittet, um dem Land künftig wieder eine Chance zur Erholung gibt? Was ist falsch daran, wenn Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis daraufhin weist, dass neue Kredite die Not des Landes nur weiter verlängern würden? Und ist denn nicht richtig, wenn – wie von Ministerpräsident Alexis Tsipras verkündet, und nun auch vom griechischen Parlament mit Mehrheit beschlossen – am 5. Juli das griechische Volk über die Kürzungsdiktate der „Institutionen“ in einem Referendum befinden soll?

Linke politische Alternative zu neoliberaler Wirtschafts- und Austeritätspolitik soll abgedreht werden

Nein, nach Meinung demokratisch nicht legitimierter „Institutionen“ und sich Demokraten nennender EU-Minister nicht. Diese paar Tage bis zur Volksabstimmung wollten sie nicht warten. Sie sind sogar allesamt über die Maßen erbost darüber, dass in Griechenland – der Wiege der Demokratie immerhin – die Bevölkerung demokratisch befragt werden soll, ob sie gewillt ist, weitere soziale Einschnitte und finanzielle Belastungen hinzunehmen. Es geht wohl hauptsächlich darum, eine mit SYRIZA in Europa auf den Plan getretenen politische und noch dazu linke Alternative zu neoliberaler Wirtschafts- und Austeritätspolitik, abzudrehen. Auf, dass sie nicht Schule mache in Europa. Dieses Jahr nämlich sind Wahlen in Spanien. Und Podemos („Wir können“) erstarkt derzeit. Dabei ist doch längst deutlich geworden, dass die besagte Politik gescheitert es. Auch wenn Medien und Regierende – vornweg in Deutschland – nicht müde werden zu wiederholen, die Austeritätsmedizin hätten doch bestens gewirkt in Spanien, Portugal und Irland. Man sollte mal die Menschen in diesen Ländern fragen, die sie bitter bezahlen mussten und weiter müssen!

EU eines Friedensnobelpreises unwürdig. Heiner Flassbeck: „Die Nationalisten werden Europa den Todesstoß geben.“

Die EU ist schon des Längeren permanent in der Krise. Nicht einmal die Ursachen der Finanzmarktkrise sind bis dato wirksam beseitigt. Nationalismus erhält munter Zulauf. In vielen EU-Ländern. In Finnland, Schweden, Belgien und den Niederlanden. Der rechtsextreme bzw. rechtspopulistische französische Front National kann sich mit deren Chefin Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2017 sogar ziemlich gute Chancen ausrechnen.

Der Ökonom Heiner Flassbeck befürchtet eine trübe Zukunft: „Die Nationalisten werden Europa den Todesstoß geben.“

Zu Unrecht hat die EU den Friedensnobelpreis erhalten. Tausenden Flüchtlinge lässt man im Mittelmeer ertrinken. Der Grund: die Gemeinschaft hat sich zu Lande fast vollkommen abgeschottet. Auch dem Weg mit dem Flugzeug in EU ist ein Riegel vorgeschoben. Nur die gefährliche Route über das Mittelmeer ist den Flüchtlingen geblieben, damit sie in Europa einen Antrag auf Asyl stellen können. Aber der EU fällt angesichts steigender Flüchtlingszahlen nur ein, die Schlepper zu stoppen und deren Boote zu zerstören, bevor sie Kurs auf Europa nehmen können. Statt die wahren Ursachen für den wachsenden Flüchtlingsstrom zu bekämpfen! Kürzlich haben sich die verantwortlichen EU-Minister nicht einmal über die Verteilung der Flüchtlinge auf die einzelnen Mitgliedsländer einigen können. Der in stundenlanger Sitzung herausgekommene „EU-Flüchtlingskompromiss“ ist eine einzige Frechheit und ein skandalös für den Friedensnobelpreisträger EU: man setzt betreffs der Aufnahme von Flüchtlingen nun auf die Freiwilligkeit [sic!] der Länder!

Schroffe Behandlung Griechenlands schlägt dem Fass den Boden aus

Dass man aber nun auch noch einem tief in Not geratenem Mitgliedsland wie Griechenland, das bei weitem nicht nur selbst Schuld an seiner Misere hat – wie oft der Eindruck erweckt wird – schlägt dem Fass den Boden aus! Auf welche Werte will sich die EU des Jahres 2015 denn künftig überhaupt noch glaubwürdig berufen?

Ich schreibe es offen hinaus: Indem man einem Mitgliedsland Solidarität und nötige Unterstützung schroff, im Ton überheblich und auf arrogante Weise verweigert, hat man der EU, dem dahinter stehenden Europäischen Gedanken den vielleicht entscheidenden Todesstoß versetzt. Wird dieser auch den Euro fällen? Man handelte offenbar nur so unverantwortlich, weil die nach der Pfeife der Finanzmarktdiktatur (oder soll man Mafia schreiben?) tanzenden EU-Granden meinten an Griechenland ein Exempel statuieren zu müssen. Ihr Tun könnte ihnen – uns allen – noch schwer auf die Füße fallen.

Ist diese EU noch eine zivilisierte Gemeinschaft?

„Die Europäische Einigung hat eine zivilisierte Gemeinschaft von Staaten zum Ziel“, schreibt Brigitte Trojahn in einem Text für die Uni Ulm. Frage: Ist diese EU noch eine zivilisierte Gemeinschaft?

Schirrmachers Text bleibt im gegenwärtigen Kontext gelesen  aktuell

Betreffs des von Alexis Tsipras anberaumten Referendum über die neuen Zumutungen aus Brüssel an das griechische Volk, kommt einen rasch ins Gedächtnis, dass es schon einmal ein griechischer Premier – nämlich Georgios Papandreou – gab, der die Chuzpe besaß, ein Referendum ins Auge zu fassen. Bekanntlich wussten das die Brüsseler Diktatoren zu vereiteln. Papandreou musste gehen. Der schmerzend viel zu früh verstorbene Frank Schirrmacher schrieb dazu am 1. Januar 2011 im Feuilleton der FAZ einen Text mit der Überschrift „Der griechische Weg – Demokratie ist Ramsch“ Und im Untertitel heißt es: „Wer das Volk fragt, wird zur Bedrohung Europas. Das ist die Botschaft der Märkte und seit vierundzwanzig Stunden auch der Politik. Wir erleben den Kurssturz des Republikanischen.“ Wir können – sollten! – Schirrmachers Zeilen heute bezüglich des neuen Referendums lesen.

Mikis Theodorakis und Manolis Glezos für ein anderes Europa

Ebenfalls in der FAZ vom 23. Juni 2015 wird der weltbekannte griechisches Komponist Mikis Theodorakis u.a. mit folgenden Worten wiedergeben:

„Wenn man Druck macht auf ein Volk, dann steht es irgendwann auf. Das sei an die Adresse jener gerichtet, die uns hier jeden Tag an die Wand stellen wollen. Das vom Geld dirigierte Europa erscheint mir inzwischen wie eine riesige Spinne, und jeder, der in ihr Netz gerät, ist verloren.“ (…)

Zweifelsohne stehen Griechenland schwere Zeiten bevor. Aber glaube niemand, Europa werde von bestimmten Auswirkungen verschont bleiben. Welchen Ausweg gibt es aus der Misere Griechenlands und der schweren Krise Europas?

Mit ihrem Appell aus dem Jahre 2011 haben Manolis Glezos, jener legendäre Antifaschist, der einst die Nazi-Fahne von der Akropolis holte, und Mikis Theodorakis bereits aufgezeigt, was zu tun wäre. Hier geht es zum Appell der beiden berühmten Griechen. Unter diesem Text finden Sie den Aufruf auch noch einmal im Wortlaut und ganzer Länge.

Letztlich werden wir nicht umhinkommen die Wirtschafts- und Sozialpolitik der EU grundsätzlich zu überdenken. Und Europa neu zu begründen. Wie es Gewerkschafter in einem Aufruf fordern.

Gestern mit der Entscheidung der Brüsseler Marionetten der Finanzmarktdiktatur das griechische Volk fallenzulassen wie eine heiße Kartoffel, ist viel Porzellan zerschlagen worden. Der Anfang vom Ende des Europäischen Projektes? Die Europäer, die Völker der EU, haben es in der Hand …

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Gemeinsamer Appell für die Rettung der Völker Europas

 

65 Jahre nach dem Sieg über Nazismus und Faschismus stehen die europäischen Völker heute einer dramatischen Bedrohung gegenüber, dieses Mal nicht militärischer, sondern finanzieller, sozialer und politischer Art.

 

Ein neues »Imperium des Geldes« hat in den letzten 18 Monaten systematisch ein europäisches Land nach dem anderen angegriffen, ohne substantiellen Widerstand zu erfahren. Den europäischen Regierungen misslingt es nicht nur, die europäischen Völker gegen die Märkte zu verteidigen, stattdessen versuchen sie, die Märkte »zu beruhigen«, in dem sie Politiken einführen, die uns an die Art und Weise erinnern, wie Regierungen versucht haben, dem Nazismus in den 30ern zu begegnen.

 

Sie organisieren »Schuldenkriege« zwischen den Völkern Europas, genauso wie damals, als sie von der belle époque bis zum Ersten Weltkrieg getrieben wurden.

Die Marktoffensive begann einen Krieg gegen Griechenland, einen EU-Mitgliedsstaat, dessen Bevölkerung eine entscheidende Rolle im Widerstand gegen Barbarei und in der Befreiung Europas im Zweiten Weltkrieg gespielt hat. Zu Anfang war dieser Krieg ein Kommunikationskrieg, der uns an die Kampagnen gegen feindliche, ausgestoßene Länder, wie Irak und Jugoslawien, erinnerte.

 

Diese Kampagne präsentierte Griechenland als ein Land fauler und korrupter Bürgerinnen und Bürger, während sie versucht, die »PIIGS« Europas und nicht die internationalen Banken für die Schuldenkrise verantwortlich zu machen.
Schnell entwickelte sich diese Offensive in eine finanzielle, die die Unterwerfung Griechenlands unter einen Status der eingeschränkten Souveränität und die Einmischung des IWF in die internen Angelegenheiten der Eurozone verursachte.
Nachdem sie bekommen hatten, was sie von Griechenland wollten, zielten die Märkte auf die anderen kleineren oder größeren Länder in der europäischen Peripherie. Das Ziel ist in allen Fällen ein und dasselbe: Die umfassende Gewährleistung der Interessen der Banken gegenüber den Staaten, die Zerstörung des europäischen Wohlfahrtstaates, der ein Grundpfeiler der europäischen Demokratie und Kultur gewesen ist, die Zerstörung der europäischen Staaten und die Unterwerfung der übrigen staatlichen Strukturen unter die neue »Internationale des Geldes«.

 

Die EU, die ihren Völkern als ein Instrument des kollektiven Fortschritts und der Demokratie präsentiert wurde, tendiert dazu, das Instrument für die Beendigung von Wohlstand und Demokratie zu werden. Sie wurde als ein Instrument des Widerstandes gegen die Globalisierung eingeführt, aber die Märkte wünschen sie sich als ein Instrument dieser Globalisierung.

Sie wurde dem deutschen und anderen europäischen Völkern als ein Instrument der friedvollen Mehrung ihrer Macht und ihres Wohlstandes vorgestellt, aber die Art und Weise, wie alle Völker den Finanzmärkten als Opfer vorgesetzt werden, zerstört das Bild von Europa und verwandelt die Märkte in Akteure eines neuen Finanztotalitarismus, in die neuen Bosse Europas.

 

Wir stehen momentan der Gefahr gegenüber, das Finanzäquivalent des Ersten und Zweiten Weltkriegs auf unserem Kontinent zu wiederholen und in Chaos und Zersetzung aufzugehen, zugunsten eines internationalen Imperiums des Geldes und der Waffen, in dessen ökonomischem Epizentrum die Macht der Märkte liegt.
Die Völker Europas und der Welt stehen einer historisch noch nie dagewesenen Konzentration von finanzieller, aber auch politischer und medialer Macht durch das internationale Finanzkapital, d.i. einer Handvoll von Finanzinstituten, Ratingagenturen und einer von ihnen gekauften politischen und medialen Klasse, mit mehr Zentren außerhalb als innerhalb Europas, gegenüber. Das sind die Märkte, die heute ein europäisches Land nach dem anderen angreifen, in dem sie den Hebel der Verschuldung nutzen, um die europäischen Wohlfahrtstaaten und die europäische Demokratie zu zerstören.

 

Das »Imperium des Geldes« fordert nun eine schnelle, gewaltsame und brutale Transformation eines Eurozonenlandes, Griechenlands, in ein Drittweltland durch ein sogenanntes »Rettungs«-Programm, welches tatsächlich die »Rettung« der Banken ist, die dem Land Geld geliehen haben. In Griechenland hat die Allianz der Banken und der politischen Führungen – durch die EU, die EZB und den IWF – ein Programm verhängt, dass einem »wirtschaftlichen und sozialen Mord« an diesem Land und seiner Demokratie gleichkommt, und organisiert die Ausplünderung des Landes vor dessen kalkuliertem Bankrott, mit dem Wunsch, das Land zum Sündenbock der globalen Finanzkrise zu machen und es als ein »Paradigma« zur Terrorisierung aller europäischen Völker zu nutzen.

 

Die gegenwärtig in Griechenland ausgeübte Politik, die versucht sich auszuweiten, ist die gleiche, die in Pinochets Chile, in Jelzins Russland oder Argentinien angewandt wurde und sie wird die gleichen Ergebnisse liefern, wenn sie nicht sofort unterbrochen wird. Infolge eines Programms, das angeblich beabsichtigt, dem Land zu helfen, ist Griechenland jetzt an der Schwelle des wirtschaftlichen und sozialen Desasters; es wird als ein Versuchskaninchen genutzt, die Reaktion der Bevölkerung auf Sozialdarwinismus zu testen und die gesamte Europäische Union damit in Schrecken zu versetzen, was einem ihrer Mitglieder passieren kann.
Die Märkte können auch die deutsche Führung bedrängen und dazu benutzen, die Zerstörung der Europäischen Union voranzutreiben. Aber es stellt einen Akt extremer politischer und historischer Blindheit für die herrschenden Kräfte in der EU und in erster Linie für Deutschland dar, zu glauben, dass es irgendein Projekt europäischer Integration oder auch nur einfacher Kooperation auf den Ruinen eines oder mehrerer Mitglieder der Eurozone geben kann.

 

Die geplante Zerstörung der großen, global bedeutenden politischen und sozialen Errungenschaften der europäischen Völker kann keine Art von Europäischer Union etablieren.

Dies wird zu Chaos und Desintegration führen und das Aufkommen faschistischer Lösungen auf unserem Kontinent fördern.

 

2008 haben private Bankgiganten der Wall Street die Staaten und staatliche Banken gezwungen, sie aus der Krise, die sie selbst kreiert haben, freizukaufen, indem sie mit dem Geld der Steuerzahler die Kosten ihres enormen Betrugs, wie etwa Hypotheken, aber auch die operationellen Kosten eines in den letzten zwanzig Jahren aufgezwungenen unregulierten Kasino-Kapitalismus, bezahlt haben. Sie haben ihre eigene Krise in eine öffentliche Verschuldungskrise verwandelt.

 

Jetzt nutzen sie die Krise und die Verschuldung, die sie selbst kreiert haben, um die Staaten und ihre Bürgerinnen und Bürger ihres noch wenigen übrig gebliebenen Einflusses zu berauben.

Dies ist ein Teil der Schuldenkrise. Der andere ist, dass das Finanzkapital zusammen mit den politischen Kräften, die es global unterstützen, eine Agenda der neoliberalen Globalisierung verhängt, die unweigerlich zu einer Produktionsverlagerung außerhalb Europas und zu einer absteigenden Annäherung der sozialen und ökologischen Standards Europas mit denen der Dritten Welt führen wird. Für viele Jahre haben sie diesen Prozess hinter Krediten versteckt, aber jetzt nutzen sie diese Kredite, um ihn zu vollenden.
Die »Internationale des Geldes«, die jeglichen Ansatz von Staaten in Europa vernichten möchte, bedroht heute Griechenland und morgen Italien und Portugal. Sie fördert die Konfrontation zwischen den Völkern Europas und stellt die EU vor das Dilemma, sich entweder in eine Diktatur der Märkte zu wandeln oder sich aufzulösen. Sie zielt darauf ab, Europa und die Welt in einen Zustand ähnlich dem vor 1945 zu stürzen oder sogar in einen noch früheren vor der Französischen Revolution oder der Aufklärung.

In früheren Zeiten legte die sogenannte Seisachtheia-Reform, die Aufhebung der Schulden durch Solon, die die Armen dazu zwang, die Sklaven der Reichen zu werden, das Fundament für die Geburt des antiken Griechenland, der Ideen von Demokratie, Zivilgesellschaft, Politik und Europa, das Fundament europäischer und Weltkultur.

 

Im Kampf gegen die Klasse der Wohlhabenden ebneten die Bürger von Athen den Weg zur Verfassung des Perikles und der politischen Philosophie des Protagoras, welcher erklärte, dass »der Mensch das Maß aller Dinge« sei.
Heute versuchen die wohlhabenden Klassen diesen menschlichen Geist zu ahnden: »Die Märkte sind das Maß aller Dinge« ist das Motto, das unsere politische Führung bereitwillig unterstützt, in einer Allianz mit dem Teufel des Geldes, gerade so wie Faust dies tat.

 

Eine Handvoll internationaler Banken, Ratingagenturen, Investmentfonds – eine globale Konzentration des Finanzkapitals ohne historischen Vergleich – möchte in Europa und der Welt die Macht an sich reißen und bereitet sich auf eine Beseitigung der Staaten und unserer Demokratie vor, indem es die Waffe der Schulden nutzt, um die Völker Europas zu versklaven und anstelle der unvollständigen Demokratie, in der wir leben, eine Diktatur des Geldes und der Banken zu errichten; die Macht des totalitären Empires der Globalisierung, dessen politisches Zentrum sich außerhalb Kontinentaleuropas befindet, trotz des Bestehens mächtiger Banken im Herzen dieses Empires.

 

Sie begannen in Griechenland, indem sie es als ein Versuchskaninchen benutzten, um sich dann zu anderen Ländern an der europäischen Peripherie fortzubewegen und sich langsam dem Zentrum zu nähern. Die Hoffnung einiger europäischer Länder, dem letztendlich zu entkommen, zeigt nur, dass die europäische Führung von heute gegen die Bedrohung eines neuen »Finanzfaschismus« nicht besser gewappnet ist, als gegen die Bedrohung durch Hitler während der Zeit zwischen den Weltkriegen.

 

Es ist kein Zufall, dass ein großer Teil der von Bankern kontrollierten Medien sich entschlossen, die europäische Peripherie anzugreifen, in dem sie diese Länder als »Schweine« betitelten und eine verachtenswerte, sadistische und rassistische Medienkampagne starteten, nicht nur gegen die Griechen, sondern auch gegen das Erbe des antiken Griechenland und der antiken griechischen Zivilisation. Dieser Fokus zeigt die tieferen, dahinter liegenden Ziele dieser Ideologie und der Werte des Finanzkapitals, welches einen zerstörerischen Kapitalismus vorantreibt.
Der Versuch eines Teils der deutschen Medien, Symbole wie die Akropolis oder die Venus von Milo zu verunglimpfen, Monumente also, die selbst von Hitlers Offizieren respektiert wurden, ist nichts weiter als der Ausdruck der tiefen Verachtung der Banker, die diese Medien kontrollieren; nicht so sehr gegen die Griechen, sondern hauptsächlich gegen die Ideen der Freiheit und Demokratie, welche in diesem Land ihre Geburtsstunde hatten.

Das Finanzmonster hat für das Kapital vier Jahrzehnte der Steuerfreiheit geschaffen, alle möglichen Arten von »Marktliberalisierung«, weitverbreitete Deregulierung, Aufhebung aller Barrieren des Kapital- und Warenflusses, permanente Angriffe auf den Staat, massive Übernahme von politischen Parteien und Medien, im Besitz des globalen Überschusses einer Handvoll von »Vampirbanken« der Wall Street. Jetzt wurde aufgedeckt, dass dieses Monster, ein wahrer »Staat hinter den Staaten«, versucht, den finanziellen und politischen »dauerhaften coup d’état« zu vollenden, welcher seit vier Jahrzehnten vorbereitet wird.

 

Diesem Angriff unmittelbar ausgesetzt, scheinen die politischen Kräfte des europäischen rechten Flügels und der Sozialdemokratie kompromittiert, angesichts von Jahrzehnten des Hereindrängens des Finanzkapitals, dessen wichtigste Zentren sich nicht in Europa befinden.

Es besteht der dringende Bedarf an unmittelbarer, grenzüberschreitender Koordinierung aller Aktionen von Intellektuellen, Künstlern und Künstlerinnen, spontanen Bewegungen, sozialen Kräften und Persönlichkeiten, die die Bedeutung der Lage erkennen; wir müssen eine mächtige Widerstandsfront gegen das nahende »totalitäre Empire der Globalisierung« aufstellen, bevor es zu spät ist.

 

Europa kann nur überleben, wenn wir den Märkten vereinten Widerstand entgegenstellen, eine größere Herausforderung als ihre, einen neuen europäischen »New Deal«.

– Wir müssen die Angriffe auf Griechenland und andere EU-Staaten der Peripherie sofort unterbinden; wir müssen die unverantwortliche Spar- und Privatisierungspolitik stoppen, die direkt in eine schlimmere Krise als die von 1929 führt.

– Öffentliche Schulden müssen europaweit radikal restrukturiert werden, insbesondere zu Lasten der privaten Bankgiganten. Die Kontrolle über die Banken muss wieder in staatliche Hände fallen, ebenso wie die Finanzierung der europäischen Wirtschaft, die unter nationaler und sozialer Kontrolle stehen muss. Man darf die Schlüssel zum Geld nicht Banken wie Goldman Sachs, JP Morgan, UBS, Deutsche Bank usw. überlassen. Wir müssen die unkontrollierten Derivate, die die Speerspitze des destruktiven Finanzkapitalismus sind, verbannen und echte wirtschaftliche Entwicklung erzeugen statt spekulativer Profite.

– Die momentane Architektur des Finanzwesens, welche auf den Verträgen von Maastricht und der WHO basiert, hat in Europa eine Schuldenerzeugungsmaschine geschaffen. Wir brauchen eine radikale Änderung aller Verträge, die Unterordnung der EZB unter die politische Kontrolle durch die Völker Europas, eine »goldene Regel« für soziale, fiskalische und ökologische Mindeststandards in Europa. Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel, die Rückkehr zur Wachstumsstimulation durch die Stimulation der Nachfrage, durch neue europäische Investitionsprogramme, eine neue Regulierung, Besteuerung und Kontrolle des internationalen Kapital- und Warenflusses; eine neue Form des vernünftigen und bedachten Protektionismus in einem unabhängigen Europa, welches der Protagonist im Kampf um einen multipolaren, demokratischen, ökologischen und sozialen Planeten sein wird.

 

– Wir rufen die Kräfte und Individuen, die diese Ideen teilen, auf, so bald wie möglich zu einer breiten europäischen Aktionsfront zu verschmelzen; ein europäisches Übergangsprogramm zu erstellen, unsere internationalen Aktionen zu koordinieren, um so die Kräfte einer öffentlichen Bewegung zu mobilisieren, das gegenwärtige Mächteverhältnis rückgängig zu machen und die momentanen historisch verantwortungslosen Führungen unserer Länder zu stürzen, um unsere Völker und Gesellschaften zu retten, bevor es für Europa zu spät ist.

 

Athen im Oktober 2011
Mikis Theodorakis
Manolis Glezos