Dortmund: David Dushman, einer der letzten Zeitzeugen der Auschwitz-Befreiung, sprach vor und mit Gymasiasten

David Dushman referiert vor Dortmunder Gymnasiasten; Fotos: C.-D. Stille

David Dushman referiert vor Dortmunder Gymnasiasten; Fotos: C.-D. Stille

Ein Gedenktag vermag gerade durch die Gegenwart von Zeitzeugen immer einen ganz besonders starken Eindruck zu vermitteln. Insofern muss der Dortmunder Mahn- und Gedenkstätte Steinwache (Ort des früheren Gestapo-Gefängnisses) gedankt werden, dass es gelang anlässlich des diesjährigen Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts einen Zeitzeugen einzuladen. Die Jüdische Gemeinde München hatte signalisiert, dass der nunmehr 92-Jährige David Dushman bereit sei zum Gedenktag nach Dortmund zu kommen. Dushman ist einer der letzten Zeitzeugen der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. An diesem Dienstag, 71 Jahre danach, sprach der 92-Jährige russische Jude, seit 1996 in München lebende David Dushman in der Steinwache vor und mit Schülerinnen und Schülern des Max-Planck- und des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums über seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs.

Freiwillig zur Roten Armee

David Dushmann hatte sich nach dem Überfall des faschistischen Deutschland auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 als 17-Jähriger freiwillig zur Roten Armee gemeldet. Als Panzersoldat war er später an der Befreiung des weißrussischen Minsk sowie der größten Panzerschlacht der Weltgeschichte von Kursk und dem Kursker Bogen beteiligt. Als Angehöriger der Roten Armee gehörte er zu den Einheiten, die am 27. Januar 1945 das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz erreichten. Von den 12.000 Mann seiner Division lebten bei Kriegsende noch 69. Nach dem Krieg studierte Dushman, Kind einer jüdischen Familie, Medizin und Sport in Moskau. Während seines Studiums wurde er sowjetischer Meister im Fechten und später Fechttrainer der sowjetischen Nationalmannschaft. Er trainierte zahlreiche Weltmeister und Olympiasieger. 1996 zog David Dushman nach München, wo er bis heute lebt und noch regelmäßig trainiert.

Mit den vielen Auszeichnungen an der Brust zog David Dushman die Aufmerksamkeit auf sich

Der Gast als begehrtes Fotoobjekt.

Der Gast als begehrtes Fotoobjekt.

Schwer ordenbehangenen Sakkos zog der rüstige, aufrecht stehende Zweiundneunziger einstige Soldat schon vor seinem Vortrag die Aufmerksamkeit der anwesenden Jugendlichen sowie der Presse und eines TV-Teams von Sat 1, deren weibliche Mitarbeiterin er galant mit einem Handkuss begrüßte, auf sich. David Dushman spricht Deutsch, hatte aber einen Freund mitgebracht, der kompliziertere Fragen auf Russisch bzw. die Antworten des Referenten auf Deutsch übersetzte. Dushman hatte rasch mitbekommen, dass einige Schülerinnen und Schüler Russisch sprechen, da sie ihn in dessen Muttersprache willkommen geheißen hatten.

Der Panzersoldat überlebte schwere Verletzungen und Panzerbrände

David Dushman stand die ganze Zeit in fast soldatischer Haltung seines über eine Stunde währenden Vortrags hinter dem Stuhl, der eigentlich als Sitzplatz für ihn vorgesehen gewesen war. Der frühere Panzersoldat berichtete von seiner von 1941 bis 1945 dauernden Mitgliedschaft in der Roten Armee und dass er in dieser Zeit dreimal verwundet worden sei. Er wies auf ein rotes Abzeichen (leichtere Verwundung) und eine gelbe Plakette (schwere Verwundung) an seinem Sakko. Dushman erlitt einen Bauchschuss, wobei er eineinhalb Meter Darm verlor, dann wurde ihm in die Brust geschossen und er verlor eine halbe Lunge. In dieser Zeit überlebte Dushman allein drei Panzerbrände. Heute leben noch drei von den 12.000 Mann seiner Panzerbrigade. David Dushman hatte viel Glück während des Krieges, der „eine schreckliche Zeit“ gewesen sei. Dushman: „Ich hoffe, dass wird nie mehr sein!“ Krieg sei für alle Menschen, egal welcher Herkunft – „für die ganze Welt“ fürchterlich gewesen. Die vielen Toten und Invaliden – für was? „Kinder haben ihre Eltern verloren. Eine europäische – eine Weltkatastrophe“, sagte Dushman rückblickend.

Nach dem Krieg wurde David Dushman Fechtmeister und führte  eine seiner Schülerinnen sechzehn Mal zur Weltmeisterin

Nach dem Krieg und seinem Studium brachte David Dushman in seiner Funktion als Fechtmeister eine seiner Schülerinnen allein sechzehn Mal zur Weltmeisterin. Emil Beck aus Tauberbischofsheim war sein Schüler „und ein bisschen auch Thomas Bach“, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, erzählte der Gast. Dushman arbeitete sieben Jahre in Graz. Selbst heute arbeite er noch etwa dreimal pro Woche. Und fährt „als alter Hund“ noch immer Auto.

Die Umzäunung des Vernichtungslagers Auschwitz wurde mit den Tanks niedergerissen, Verpflegung dort gelassen

Dann berichtete der Referent von Auschwitz. Als man damals dort angekommen sei, habe man nicht gewusst, was da passierte. Seine Panzerabteilung hätte auf dem Weg nach Warschau den Befehl bekommen, nach Auschwitz zu fahren. Dort rissen sie mit ihren T-34-Tanks die Zäune des Vernichtungslagers nieder. Die faschistischen deutschen Wachmannschaften waren bereits geflohen.

Viel gesehen habe er nicht. Durch den kleinen Sehschlitz im Panzer sahen sie völlig abgemagerte Gestalten, die Häftlinge des Lagers in ihrer gestreiften Kleidung und mit ihren auf die Arme tätowierten Nummern. Essen, Konserven und Brot, ließ man dort zurück und fuhr dann weiter Richtung Deutschland. „Eine schreckliche Zeit. Ich hoffe, dass werden Sie nie mehr sehen“, sprach Dushman zu den Schülerinnen und Schülern. Und schob nach: „Viel besser, wenn wir zusammen Bier trinken.“

Krieg macht aus Menschen wilde Tiere“

Was hätten, sagte David Dushman ins Publikum, ihre Großväter ihm getan? Menschen wollten doch normalerweise Frieden. Der Dolmetscher erklärte, zunächst sei den sowjetischen Soldaten das ihnen unbekannte Auschwitz überhaupt nicht so schlimm vorgekommen, weil niemand wusste was da passierte. Sie sahen nicht die Krematorien. Nicht die Berge von Schuhen und Kleidung der zur Vernichtung durch Arbeit und Gas bestimmten Häftlinge. Unterwegs hätten sie – so meinte man – viel Schlimmeres erlebt: Berge von Toten und Blut über Blut sehen müssen. Erst nach dem Krieg sei ihnen klar geworden, was in diesem KZ getan wurde. Wie habe man die Panzerschlachten ertragen können? Es gab jeden Morgen eine Schale voll Spiritus. Dermaßen benebelt habe man drauf losfahren können. Wie sonst könne man Menschen töten? Schlimm! Ob Bäume, Tiere oder Menschen – man sei imstande gewesen, alles niederzumähen. „Krieg macht aus Menschen wilde Tiere.“

Komisches und Tragisches

Und er erzählt, wie sie einmal in Polen unter Hunger litten. Da sahen sie ein Haus und darin Licht brennen. Leute saßen beim Essen. Mit dem Panzer seien sie ganz dicht ans Haus herangerollt. Mit der sechs Meter langen Panzerkanone hätten sie das Fenster des Hauses zerstoßen und dann die Familie aufgefordert, Nahrungsmittel in die Kanone zu stecken. „Komisch und tragisch war das.“ Sie hoben die Kanonen an und nahmen das Essen drin im Tank an.

Nazitum und Antisemitismus darf nie mehr Duldung finden

Nach Dushmans Bericht konnten die Schülerinnen und Schüler Fragen an den Kriegsveteran stellen. Was sind David Dushmans Lehren aus diesem Krieg? Das Nazitum und der Antisemitismus dürfe nie mehr geduldet werden. Nach dem Krieg habe er wohl auch Hass gefühlt. Wie auch nicht, nachdem, was Deutsche seinem Volk angetan haben. Die vielen niedergebrannten, manchmal mit Menschen darin niedergebrannten Häuser und die vielen Toten – da kam schon Hass auf im und nach dem Krieg. Aber heute habe er mehr deutsche als russische Freunde. Wie kann man künftige – überhaupt Kriege verhindern? Dushman rät den jungen Leuten sich nicht von Medien bevormunden propagandistisch oder von Vorurteilen anderer Menschen negativ beeinflussen zu lassen. Kriege dürfte generell nicht sein: „Sprechen Sie mit den Menschen in anderen Ländern von Angesicht zu Angesicht!“

David Dushman: „Gott gibt Leben und nur Gott kann Leben nehmen. Krieg, das ist nicht normal. Für alle Völker, alle Menschen. Alles kann sein, aber kein Krieg!“ Die Leute wollten leben, lieben und glücklich sein. Wozu also Krieg?

David Dushman gab zu bedenken: „Gegen Russland kann niemand gewinnen“

Dann stellt Dushman betreffs seiner Heimat Russland klar und gibt zu bedenken: „Gegen Russland kann niemand gewinnen.“ Zerstören, das könne man sehr wohl – „aber gewinnen: nein!“ Dschingis Khan hätte das versucht und auch Napoleon. Sie alle seien gescheitert, wie auch später Hitlerdeutschland. „Wir bekommen das von der Muttermilch vom ersten Tag an“, weiß David Dushman: „Das ist Heimatliebe.“ Wenn Russland angegriffen würde, werde gekämpft.“ Das war auch unter Stalin nicht anders. Obwohl unter ihm zwischen 1933 bis 1953 viele Menschen verschwanden und ums Leben gebracht wurden. Dushmans private Meinung: Hätte Stalin nicht so viele hohe Militärs töten lassen – die deutsche Wehrmacht hätte nie so tief in die Sowjetunion vorrücken können.

Bei Stalin war es wie im Bus

Wie das in der Stalin-Zeit gewesen sei, möchte ein Schüler vom Referenten wissen. Das habe er selbst schmerzlich erfahren müssen, sagte Dushman. Sein Vater, der ein großer Mann in der Sowjetunion gewesen sei, ein Militärarzt im Generalsrang, war seinerzeit verhaftet gewesen. 1949 starb er im Lager Workuta. Später habe man ihn rehabilitiert. Eine Entschädigung, die man der Mutter anbot, lehnte er ab: „Man verkauft seinen Vater nicht.“

Dushman beschreibt wie die Stalin-Zeit mit einem damaligen Witz. Fragt einer jemanden, wie lebst du? Antwortet der andere: „Wie im Bus. Die einen sitzen, die anderen zittern.“

Verschiedenen Mentalitäten

Dann kam David Dushman auf die verschiedenen Mentalitäten der Deutschen und der Russen zu sprechen. Er lebe nun schon geraume Zeit in Deutschland, könne jedoch eines nicht verstehen: „Ich gehe mit einem Fräulein in Restaurant. Ich zahle. Sie zahlt selbst. Mache ich das in Russland, werden alle mit dem Finger auf mich zeigen!“ Die Mädchen und jungen Frauen im Publikum lachten. „Das ist unmöglich! Wenn ich mit einer Dame ausgehe, muss ich bezahlen. Nicht die Dame! Und zwar alles, immer!“ Wieder Heiterkeit Raum.

Wie Hass entstehe, warf Dushmans Dolmetscher ein, sehe man doch schon nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht. Einigen Frauen, was zu verurteilen sei, sei Schlimmes widerfahren. Und schon macht sich ein Hass auf bestimmte Gruppen in Deutschland breit. In der Nazizeit sei das alles viele Nummern größer geschehen.

Auf die Frage, was David Dushman von dem zunehmenden Rechtsruck in Europa und auch in Deutschland – die AfD liege ja inzwischen bei Umfragen um die 10 Prozent – äußerte sich der Referent vorsichtig. Er selbst habe solche Wahrnehmungen nicht gemacht. So etwas dürfe allerdings nicht geduldet werden, beschied David Dushman. Russen, Amerikaner, Deutsche, Schwarze oder gelbe Menschen – das spiele keine Rolle: „Alle sind Menschen.“ Niemandem dürfe erlaubt sein, dem anderen Böses anzutun.

Das sei eine politische Frage, ergänzte der Dolmetscher. Aber mache man so weiter, fürchte er, erreiche die AfD vielleicht bald 20 Prozent.

Großer Antisemitismus auch in der Sowjetunion

Ein weiterer Zuhörer wollte wissen wie es sich mit dem Antisemitismus in der Sowjetunion verhalten habe. Ja, den habe es gegeben. „Es war ein großer Antisemitismus.“ Und er brachte ein Beispiel dafür: Von 200 Abiturienten an der Universitätsakademie hätten nur fünf Juden sein dürfen. „Nicht mehr.“ – „Warum? Sind sie keine Menschen?“

David Dushman kennt keine Angst. Nur Schlangen kann er nicht einmal im Fernsehen ertragen

Er sei immer ein sehr starker Menschen gewesen. „Und die Leute hatten Angst vor mir.“ Wenn es sein musste, habe er zugeschlagen. Seine Kraft und sein starkes Selbstbewusstsein habe ihm immer geholfen im Leben. In seiner Schulklasse habe es einen jüdischen Knabe gegeben. Noch dazu sehr schmal und schwächlich von körperlicher Verfassung. Auf die Schwachen schlage man stets ein. Er als Starker habe den Schwachen geschützt, der sich immer an ihn gehalten habe.

Angst kenne er nicht, so bekannte David Dushman. Niemals. Eine Ausnahme: Nur Schlangen lernten ihm das Fürchten. Nicht mal im Fernsehen kann er sie ertragen. Warum auch immer. Nie hat ihn eine gebissen. Einmal sei ihm am Schwarzen Meer in Bulgarien eines dieser Reptilien begegnet: „Ich war nie wieder in Bulgarien.“

An die Jugend: Krieg darf niemals sein

An die jungen Leute gerichtet sagte er noch einmal eindringlich: „Krieg darf niemals sein. Dafür müssen Sie sorgen!“ Deshalb informiere er immer wieder über seine Geschichte und den Krieg.

„Besser Bier trinken, lieben, heiraten und Kinder bekommen.“

Aber Dushman hatte nebenbei auch Kritik an manchen jungen Leuten in Russland wie in Deutschland anzubringen. Geld spiele heute eine zu große Rolle im Leben. Er habe früher nie einen Rubel auf der Bank gehabt. „Ich wusste nicht was eine Bank ist. Ich ging mit schönen Frauen ins Restaurant. Gab alles aus.“

Es gibt keine Männer mehr

Auf ein Auto musste man Jahre warten. Schöne Kleidung war nicht zu kaufen. Ins Ausland fahren konnte man nicht. Wer heute Geld habe, könne alles kaufen. In Russland gebe es alles. Mehr als in Deutschland. Allein in Moskau könne man inzwischen mehr Mercedes-Autos oder Ferraris auf den Straßen sehen wie in München.

Wenn Dushman heute in Russland junge Frauen, achtzehn seiner Schülerinnen etwa, treffe, seien bis auf zwei unverheiratet. Warum? Es gebe keine Männer mehr. Ins Theater gingen sie nicht. Kein Interesse. „Drogen oder Alkohol.“ Auch in München, wie Dushman meinte: Keine Männer. „Keine Kinder haben die Frauen.“

Rat an die Jugendlichen: Unbedingt ein Konzentrationslager besuchen!

Und was war Davids unvergesslichstes Erlebnis? Das sei die Rehabilitation seines Vaters gewesen. Den jungen Dortmunderinnen und Dortmundern gab er auf den Weg, sie mögen unbedingt einmal ein Konzentrationslager – etwas das in Buchenwald bei Weimar – besuchen. „Wer das gesehen hat, der macht so etwa nicht.“ Allein in Auschwitz sind vielleicht mehr als eine Million Menschen ermordet worden.

Ein Späßchen zum Schluss

In puncto Reaktion war dem 92-Jährigen Kriegsveteran nichts vorzumachen.

In puncto Reaktion war dem 92-Jährigen Kriegsveteran nichts vorzumachen.

Zum Schluss gönnte sich der rüstige und geistig fitte David Dushman noch ein Späßchen: Er forderte ein paar junge Leute zum Zweikampf in puncto Reaktion heraus. Etwa beim Schnappen nach einen Geldschein. Bis auf einmal ging der 92-Jährige als Sieger hervor. Damit schloss der Ehrengast des Nachmittags in der Dortmunder Steinwache seinen Vortrag. Und wurde in seinem schwer ordenbehangenen Jackett noch einmal das begehrte Objekt von Fotografen sowie des Sat1-TV-Teams. Und die jungen Damen genossen offensichtlich das ihnen gegenüber galante Auftreten des russischen Kriegsveterans und eines der Befreier des KZ Auschwitz

Esther Bejarano in Köln: „Ihr tragt keine Schuld für das was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn es euch nicht interessiert“

Vertreterin der DIDF-Jugend mit der geistig jung gebliebenen 92-Jährigen Esther Bejarano am Dienstag beim DGB-Köln-Bonn; Fotos: C.-D.Stille

Vertreterin der DIDF-Jugend mit der geistig jung gebliebenen 92-Jährigen Esther Bejarano am Dienstag beim DGB-Köln-Bonn; Fotos: C.-D.Stille

Die DGB-Jugend zusammen mit der DIDF-Jugend hatte am vergangenen Dienstag zur Lesung aus Esther Bejaranos „Erinnerungen“ ins DGB-Haus am Hans-Böckler-Platz in Köln eingeladen.

Zur Person

Esther Bejarano wurde am 15. Dezember 1924 in Saarlouis als Esther Loewy geboren. Als Tochter eines Oberkantors verschiedener jüdischer Gemeinden wurde sie 1941 im Zwangsarbeitslager Neuendorf bei Fürstenwalde/Spree interniert und am 20. April 1943 mit allen anderen InsassInnen des Arbeitslagers und weiteren über 1000 jüdischen Menschen nach Auschwitz deportiert. Sie überlebte Auschwitz als Musikerin im weiblichen Häftlingsorchester, dem sogenannten „Mädchenorchester von Auschwitz“. Von Auschwitz-Birkenau nach Ravensbrück verbracht, konnte sie auf einem der folgenden Todesmärsche entfliehen.

Die Organisatoren der Lesung in Köln.

Die Organisatoren der Lesung in Köln.

Esther Bejarano las vor vollem Saal in Köln

Im letzten Jahr jährte sich die Befreiung von Auschwitz zum 70. Male. Nun, einundsiebzig Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch Truppen der Roten Armee, las Esther Bejarano vor vollem Saal in Köln. 1937, las sie, schickten ihre Eltern die beiden ältesten Geschwister von Esther in Ausland. Dann ging auch noch Schwester Ruth aus dem Haus. Sie wollte nach Palästina gehen. Esther blieb als einziges Kind bei den Eltern. Die Mutter konnte die Trennung nicht verwinden. Sie wurde nervenkrank. 1938 verwüsteten in Ulm und Neuulm wie auch in vielen anderen deutschen Städten SA-Horden jüdische Geschäfte. Synagogen brannten. Der Vater von Esther Bejarano wurde ins Gefängnis nach Augsburg gebracht. „Mein Vater“, trägt die Autorin vor, „der deutsche Patriot, konnte seine Verhaftung wollte seine Verhaftung nicht so ohne Weiteres hinnehmen.“ Wie viele Männer mit jüdischen Wurzeln. Hatten sie doch im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft. Schließlich wurde er entlassen, weil er eine christliche, arische, wie man damals sagte, Mutter. Die finanziellen Mittel (die Bürgschaft für die Einreise in die USA) reichten nicht aus, das die Familie nach Übersee auswandern konnte. Der Vater bewarb sich auf eine Stelle als Oberkantor in Zürich. Die Stelle in Zürich bekam er nicht, da er ein sogenannter Halbjude war.

Die Eltern, erfuhr Bejarano später, wurden aus der gemeinsamen Wohnung in Breslau verbracht und danach ermordet. Der Vater als Halbjude hatte sich nicht von seiner Gattin trennen können. So ging er mit ihr gemeinsam in den Tod.

Aus dem Buch

Die Bejarano liest aus ihren "Erinnerungen".

Die Bejarano liest aus ihren „Erinnerungen“.

Esther Bejaranos Bericht über ihren Transport in Viehwaggons ins KZ Auschwitz ist düster und anschaulich. Leute, alte und schwache Menschen – dicht an dicht in den Waggon gepfercht – starben während der Fahrt. Die Lebenden mussten über diese hinweg zum Kübel gehen, um dort ihre Notdurft zu verrichten.

Dass Esther Bejarano das Konzentrationslager überlebte, grenzt an mehrere Wunder. Sie entging der Selektion in den Tod durch den berüchtigten Lagerarzt Dr. Mengele. Glück war es, dass sie in das „Mädchenorchester von Auschwitz“ aufgenommen wurde. Sie konnte zwar Klavier spielen, doch da im Lager keines existierte, sollte sie auf dem Akkordeon – ein Instrument, das sie nie in der Hand gehabt hatte, musizieren. Ihr gelang es! So spielte sie sogar den seinerzeit bekannten Schlager „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami!“ von Willi Forst. Als eine studierte Musikerin, das Akkordeon übernahm, da sie viel besser Akkordeon spielte als Esther, besann sich diese darauf, dass sie Blockflöte beherrschte. Dann aber erkrankte sie mit 18 Jahren an Keuchhusten. Und abermals hatte sie Glück in Unglück: die Orchesterleiterin Frau Tschaikowska beauftragte eine Gitarristin damit Esther die nötigsten Griffe beizubringen. Nun spielte Esther auch Gitarre.

Es war meine zweite Geburt“

Schließlich bot sich Bejarano als „Viertelarierin“ die überraschende Möglichkeit ins Frauenstraflager Ravensbrück überstellt zu werden. Dann kam sie zu Siemens, wo Schalter für U-Boote hergestellt wurden. Über Kommunisten im Lager, die heimlich ein Radio in eine Zimmerdecke eines Blocks eingebaut hatten, erfuhr sie vom Näherrücken der Roten Armee.

Das Lager wurde evakuiert. Wer auf dem Marsch schlapp machte, wurde von den SS-Leuten gnadenlos zusammengeschossen. Als plötzlich nicht mehr geschossen wurde, setzte sich eine Frau nach der anderen ab. Auch sieben Mädchen, darunter Esther Bejarano, verschwanden in der Deckung eines Waldes eins nach dem anderen. Sie erhielten Unterkunft bei einem Bauern. Bald trafen sie auf US-Soldaten, die sie auf ihren Panzern mitnahmen. Als sie die eintätowierten Nummern auf den Armen der Mädchen umarmten sie die Mädchen. Sie wurden zum Essen eingeladen und sangen zusammen. Ein US-Soldat hatte ein Akkordeon besorgt, dass er Esther schenkte. Plötzlich tauchte die Rote Armee auf. Russen und US-Amerikaner fielen sich in die Arme. Gemeinsam verbrannte man auf dem Marktplatz ein riesengroßes Hitler-Bild. Ein russischer und eine US-amerikanischer Soldat hatte es angesteckt. Esther Bejarano spielte auf dem Akkordeon. Die Mädchen aus dem KZ und die Soldaten tanzten um das Bild herum. Bejarano: „Dieses Bild werde ich nie vergessen. Das war meine Befreiung vom Hitler-Faschismus. Und ich sage immer, „ schloss die Autorin, „das war nicht nur meine Befreiung. Es war meine zweite Geburt.“

Fragen an die Autorin

„Was“, fragte eine Zuhörerin Esther Bejarano, „hat dich damals im KZ jeden Tag aufstehen lassen?“ Bejarano wollte einfach am Leben bleiben, um später den Menschen von den Verbrechen der Nazis erzählen zu können. Auch hatte sie „Rache“ im Sinn. Das habe ihr Hoffnung gegeben. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen im Lager, welche das dort herrschende schreckliche Regime nicht länger ertragen konnten und den Tod suchten, indem sie sich in den mit Hochspannung geladenen elektrischen Stacheldrahtzaun warfen.

1945 wollten sie nicht mehr in Deutschland bleiben. Bejarano ging nach Palästina.

Angesichts der heutigen Welt und des Rechtsrucks bekommt Esther Bejarano Angst.

Angesichts der heutigen Welt und des Rechtsrucks bekommt Esther Bejarano Angst.

Jemand aus dem Publikum spricht auf die „Rache“ an: Wie sah die denn aus? Bejarano lachte. Sie habe dabei an nichts genaues gedacht. Schon gar nicht daran, irgendeinem Nazis, der ihr womöglich über den Weg lief, etwas anzutun. „Ich sage heute, das ist meine Rache, dass ich in die Schulen gehe und den Schülern erzähle, den Jugendlichen erzähle, was ich damals erlitten habe. Damit so etwas nie wieder geschieht. Denn ich stehe auf dem Standpunkt, alle Menschen müssten wissen, was damals passiert ist. Wenn sie das nicht wissen, kann auf jeden Fall es vorkommen, dass wir wieder so eine Situation bekommen. Und“, gab Esther Bejarano zu bedenken, „so wie die Welt heute aussieht, wo so viele Nazis rumlaufen und so ein Rechtsruck ist, da krieg ich wirklich Angst.“ Sie sehe Parallelen zur damaligen Zeit.

Als Beispiel nannte Bejarano die Karikaturen von Charlie Hebdo, die ihrer Meinung nach den Islam und die Muslime verächtlich machen. Gleiche Hetze habe in der Nazizeit „Der Stürmer“ betreffs der Juden betrieben.

Wie und wann habe Esther Bejarano, fragte ein Zuhörer – dessen Großmutter vor 80 Jahren in der Türkei ein Massaker überlebt hat, darüber aber bis heute nicht sprechen könne – über ihr eigenes Schicksal so flüssig wie bei dieser Lesung von ihren fürchterlichen Erlebnissen sprechen können. Bejarano gab zurück, bei ihr habe es sehr sehr lange gedauert, bis ihr das gelang. Ihrem Mann und den Kindern habe sie in ihrer Zeit in Israel auch nicht davon sprechen können.

Aufgrund des ihr unerträglichen Klimas in Israel und weil ihr Mann nach dem Sinai-Krieg in keinen der späteren, ihm ungerecht dünkenden – weil seiner Meinung nach gegen die Palästinenser gerichteten Kriege Tel Avivs – ziehen wollte war sie gemeinsam mit der Familie nach Deutschland zurückgekehrt. Der einzig gerechte Krieg sei der gegen die britische Mandatsmacht gewesen. Als sie die deutsche Grenze passiert hatte, habe sie den Schritt der Rückkehr beinahe bereut: Die Uniformen erinnerten sie plötzlich an die Kluft der SS-Leute.

Später, fuhr sie fort, habe sie in Hamburg eine kleine Boutique betrieben. Eines Tages, wohl 1978, hatte sich ein Infostand in der Straße vor ihrem Laden aufgebaut. Als sie nachschaute, wer das sei, musste sie mit Erschrecken feststellen: „Das war die NPD.“ Sie gewahrte Transparente mit antisemitischen und ausländerfeindlichen Aufschriften. Und war empört. Anderseits freute sie sich, dass sich dem junge Leute, Antifaschisten, entgegenstellten. Aber was tat die herbeigekommene Polizei? Sie schützte die Nazis gegen die Antifaschisten! Empört packte Esther Bejarano einen der Polizisten am Revers und fragte den: „Wieso schützen Sie denn diese Leute? Das sind doch die Nazis! Die haben doch Deutschland ins Unglück gebracht! Sie schützen doch die falschen Leute!“ Der Polizist sagte: „Lassen Sie mich los, sonst werde ich Sie verhaften.“ Bejarano: „Verhaften Sie mich ruhig. Ich hab Schlimmeres erlebt. Ich war in Auschwitz.“ Darauf habe einer der Nazis gerufen: „Die Frau müssen Sie unbedingt verhaften. Die ist eine Verbrecherin. Alle die in Auschwitz eingesessen haben, das waren alles Verbrecher.“

Esther Bejarano: „Das hat mir gereicht. Da habe ich gesagt, jetzt muss ich etwas tun!“ Und sie tat etwas. Mithilfe der VVN, der sie beitrat, machte sie fortan antifaschistische Arbeit. Sie ging in Schulen und informierte dort über die Nazizeit. Leicht sei das nicht gewesen. Anfangs habe sie nicht selten dabei weinen müssen. Als man erfuhr, dass sie Sängerin ist, förderten sie auch das. Viele Jahre tourte sie mit der Band „Coincidence“.

Die „älteste Rapperin der Welt“ feiert Erfolge mit der Microphone Mafia

In jüngerer Zeit hatte die Kölner Band Microphone Mafia, angeregt vom DGB – zunächst Kontakt über Esther Bejaranos Sohn Yoram gesucht. Gefragt waren antifaschistische Lieder. Yoram war zunächst nicht begeistert vom Rap. Schickte aber eine CD mit Musik an die Band. Es kamen tolle Texte darauf zurück. Und Yoram sagte der Microphone Mafia: „Jetzt darfste Mutti anrufen.“ Bandmitglied Kutlu rief direkt bei Esther Bejarano an. Als das Telefon klingelte, erzählte Bejarano in Köln, habe Kutlu gesagt: „Hallo, hier ist Microphone Mafia.“ Und Bejarano habe entrüstet zurückgegeben: „Also mit der Mafia will ich nichts zu tun haben.“ Kutlu räumte das Missverständnis augenblicklich aus. Den Bandnamen fand sie dennoch „bescheuert“. Inzwischen feiert die Microphone Mafia zusammen der Bejarano große Erfolge (hier, hier, hier und hier). Mindestens 250 Konzerte habe man unterdessen schon gegeben.

Auf einer Veranstaltung kündigte Moderator Dr. Seltsam die Bejarano gar als „älteste Rapperin der Welt“ an. So meldete es die Zeitung „junge Welt“ in diesem Jahr.

Esther Bejarano zur Situation in Israel

Sie gab zu nach Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst in eine Organisation geraten zu sein, die Juden auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitete. Esther Bejarano war begeistert bei der der Sache: „Ich war damals eine glühende Zionistin.“ Was sie wohl heute nicht mehr nachvollziehen kann: „Ich hatte keine Ahnung!“ Was sie antrieb? „Wir wollten Palästina aufbauen. Aber gemeinsam mit den Palästinensern! Dass das anders gekommen ist, das ist eine Katastrophe, meiner Meinung nach“, urteilt sie heute. „Solange der Netanjahu da ist“, beschied sie, „wird es keinen Frieden geben, sondern eher noch schlimmer werden.“ Viele Leute verarmten in Israel. „Das ganze Geld geht in die Armee und zu den Orthodoxen. Die arbeiten ja nicht. Die lernen nur.“ Sie lernten aber wohl das Falsche. Verheerend sei die Entwicklung in Israel. „Meiner Meinung sind die, die jetzt an der Macht sind in Israel Faschisten“, sagte Bejarano in Köln.

Zur Situation in Europa und hierzulande

Die Bejarano zeigte sich betreffs der Zukunft wenig optimistisch: „Wenn sich nicht eine große antifaschistische Bewegung gegen den europaweiten Rechtsruck stellt, sehe ich sehr schwarz.“ Dabei gebe es doch so viele linke Gruppen. „Jeder kocht sein Süppchen“ Alle zusammentun müssten sich! Selbst wenn irgendwelche Meinungsverschiedenheiten bestehen. „Gemeinsam sind wir stark“, heiße es immer, „wo sind wir denn gemeinsam?! Müssen alle gemeinsam an einer Strippe ziehen!“

Dreimal war Esther Bejarano nach 1945 noch in Auschwitz

Im vergangenen Jahr war das überlebende Mitglied des Mädchenorchesters von Auschwitz noch einmal an der Stätte ihres seinerzeitigen Leidens. Sie sprach in einer polnischen Schule in Oświęcim. Begleitet von Mitglieder der DGB-Jugend. Was wunderbar gewesen sei. Nur ein Israeli habe sich feige hintenrum beschwert: Unmöglich, dass man die Esther Bejarano eingeladen habe. Wohl weil sie eben eine andere, kritische Meinung über Israel vertrete. In Auschwitz zurück lange gedauert.

Vor Jahren hatte man sie und andere ehemalige Häftlinge auf dem Boden der Gedenkstätte des vormaligen deutschen KZ-Lagers einquartiert. Dort wo die SS-Mannschaften früher untergebracht waren. Sie als Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in der BRD habe dort zugegen sein müssen, erzählt Bejarano. Nie wieder wolle sie das erleben müssen: Kein Auge habe man zugemacht. Das Geschehe das noch einmal, käme sie nicht wieder.

Esther Bejarano zur aktuellen Situation

Die einstige KZ-Insassin wurde deutlich im Kölner DGB-Haus: „Ich möchte, dass die Nazis verschwinden“ und fragt empört: „Was macht denn die Regierung dagegen? Wenn wir nichts dagegen machen, macht niemand etwas dagegen.“ Sie erinnerte mit Unverständnis an die bisher nicht aufgeklärten NSU-Morde.

Und was ist mit den Flüchtlingen, fragte jemand. Oder mit den „besorgten Bürgern.“

Bejarano stellte klar: „Wer bedroht in seinem Lande ist, muss aufgenommen werden. Jedoch müssten alle Europäer das tun!“

Zu den Entwicklungen in Polen und Ungarn sagte sie unumwunden: „Das ist das Allerletzte!“ Die Länder, welche sich nicht beteiligen, sollten eigentlich aus Europa ausgeschlossen haben. Der Westen übrigens trage viel Schuld daran, dass es so viele Flüchtlinge gebe. Und sie selbst, respektive ihre Schwester habe es am eignen Leibe erlebte, wie das sei, wenn ein Land Verfolgte nicht einlasse. Die Schweiz habe damals große Schuld auf sich geladen. „Und“, fragt die Bejarano, „warum hat Amerika so viel Geld von jedem haben wollen, der in die USA wollten?!“

Was die schlimmen Vorgänge in der Kölner Silvester/Neujahrsnacht angelangt, ist sich Esther Bejarano sicher: „Das hilft den Leuten, die nicht wollen, dass die Flüchtlinge hierher kommen.

Eine Zuhörerin zitiert Sahra Wagenknechts (die nebenbei bemerkt an diesem Abend zur gleichen Zeit in der Kölner Uni spricht) Äußerung, wonach das Gastrecht verwirke, wer gegen Gesetze verstoße. Esther Bejarano: „Hat sie das gesagt?“ Sie könne dem im Grunde zustimmen.

Fazit

Eine sehr interessante Lesung war das am vergangenen Dienstag in Köln. Für die Organisation ist dem DGB-Köln – der DGB-Jugend und DIDF – Dank zu sagen. Diese Zeitzeuginnen-Gespräche – hier mit der großartigen Esther Bejarano – sind allein schon deshalb unverzichtbar, weil diese Jahr für Jahr weniger werden.

Esther Bejaranos Diktum kann nur doppelt unterstrichen werden: „Ihr tragt keine Schuld für das was passiert ist, aber ihr macht euch schuldig, wenn es euch nicht interessiert.“

 

Als kleine Dreingabe das Video Bejarano & Microphone Mafia vom ethecon Konzert 2003

Update: 26. Januar 2020 (via Weltnetz.de/You Tube/Gerhard Hallermeyer