Deutschlandpremiere von „Anhängerkupplung gesucht!“ : Tjerk Ridder traf in die Herzen der ExtraSchicht-Besucher

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Tjerk Ridder (rechts vor einer projizierten Aufnahme seiner Heimatstadt Utrecht) zu Beginn der Deutschlandpremiere von „Anhängerkupplung gesucht!“ Begleitet wurde er von Matthijs Spek (links mit Bild); Fotos (2) C.-D. Stille

Der niederländische Theaterkünstler Tjerk Ridder hat Mut bewiesen. Und zwar, indem er sich zunächst und dann stets immer wieder aufs Neue Mut machte. Nach einem Brainstorming mit Freunden wurde  einst in seiner Heimatstadt Utrecht eine Idee geboren: Mit einem Wohnwagen wollte Ridder nach Istanbul gelangen. Nicht einfach so aus Jux. Tjerk Ridder wollte u.a. die Kulturhauptstädte von 2010, Essen, Pécs und Istanbul, besuchen und so eine Verbindung zwischen ihnen herstellen. Ein wenig sollte wohl auch ein bisschen mit der Vorstellung „Holländer mit ihren Wohnwagen“ gespielt werden. Die Sache hatte aber zunächst einmal einen Haken. Einen, nicht vorhandenen nämlich. Ridder verfügte nur über einen Eriba-Campingwagen. Ohne  Zugfahrzeug! Wie also nach Istanbul kommen?

Trekhaak gezocht!

Ganz einfach: Man braucht andere, um voranzukommen. Im vorliegendem Falle Leute mit einem motorisierten Fahrzeug, das über eine Anhängerkupplung verfügt. Und darüberhinaus Fahrer, die gewillt sind einen in ihren Augen offenbar verrückten Holländer ein Stück des Weges zu ziehen. Auf Niederländisch heißt Anhängerkupplung Trekhaak. Der Titel des in Angriff genommenen Projektes stand fest: „Trekhaak gezocht!“ Zu deutsch: „Anhängerkupplung gesucht!“ Die Metapher über all dem: „Man braucht andere, um voranzukommen“. Wer wollte das bestreiten? Nur ist uns das sehr oft überhaupt nicht (mehr) bewußt. Ganz einfach eigentlich. Ganz einfach?

Erste Station auf deutschem Boden: Zeche Zollverein

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Der Eriba-Campinganhänger von Tjerk Ridder auf Zeche Zollverein in Essen.

Von Utrechter Bürgerinnen und Bürgern sowie vom Stadtoberhaupt der Domstadt verabschiedet machte sich Tjerk Ridder im eiskalten Januar des Jahres 2010 zu seiner Tour auf. Erster Etappenort war die Kulturhauptstadt Essen. Das Gelände der Zeche Zollverein. Ein Zeche, die dereinst als „schönste und modernste Zeche“ galt. Im bitterkalten Januar 2010 eröffnete dort der damalige Bundespräsident Horst Köhler das Kulturhauptstadtjahr. Tjerk Ridder campte auf dem Gelände von Zollverein. Illegal, aber geduldet.

Vorweg: Tjerk Ridder erreichte – zwar nicht wie geplant in einem Rutsch, so aber doch in zwei Etappen und später begleitet vom Journalisten und Kulturproduzenten Peter Bijl – Istanbul. Auf der Tour entstanden Lieder, Texte Fotos und Videoaufnahmen. Daraus wiederum ein Buch (mit DVD). In englischer, niederländischer und seit vergangenem Jahr auch in deutscher Sprache „Anhängerkupplung gesucht“, erschienen bei Patmos. Das Projekt ist längst ein multimediales. So nimmt es nicht wunder, das selbiges auch als Bühnenprogramm gleichen Namens Reden von sich macht.

Programmpunkt der Extraschicht

Ich sah es im Februar 2014 auf Niederländisch bei Utrecht. Letzten Sonnabend war es nun soweit: Die Zeit wurde als reif für die Deutschlandpremiere dieser Show befunden.  Diese fand sozusagen eingebettet in den Rahmen des Programms der Extraschicht am 28. Juni 2014 statt. Auf dem Gelände des UNESCO-Welterbes Zollverein in Essen. Im großem Saal von Areal A [Schacht XII], Halle 12, der einstigen Lesebandhalle. „Anhängerkupplung gesucht!“ lief gleich dreimal hintereinander: 20, 22, und 24 Uhr. Ich besuchte die erste Aufführung.

Sogar  auf dem Boden sitzen Zuschauer

Die Sitzgelegenheiten im  großen Saal sind kurz vor Beginn alle besetzt. Es haben Gäste sogar auf dem Parkettfußboden platzgenommen. Jemand meint später, es könnten um die 350 Zuschauergewesen sein.

Auf der Bühne ein Schlagzeug, Gitarren und ein Garderobenständer mit Kleidungsgegenständen, welche Tjerk Ridder auf seiner Tour 2010 trug. Auf einer Leinwand im Hintergrund das Coverbild vom Buch projiziert. Es zeigt links den Eriba-Campingwagen (der stand  übrigens am Sonnabend draußen vor der Halle 12) und Tjerk Ridder mit ausgestrecktem Daumen an einer Chaussee stehend. Auf der Suche nach einem Auto mit Anhängerkupplung.

Selbst nur einmal fünf Minuten lang getrampt 

Eingangs der Show und vor dem dann eingeblendeten Bild des winterlichen Utrecht bei Nacht. Tjerk Ridder erzählt wie die Idee zum Projekt geboren wurde. Und ein Geständnis Tjerk Ridders mochte die Zuschauergemeinde zumindest erahnen lassen können, wie dessen Gefühle vor der Tour wohl gewesen sein mussten: Nämlich verdammt mulmig. Der Utrechter selbst war bis dato höchstens einmal fünf Minuten lang getrampt. Und nun sollte er über 3700 Kilometer weit durch acht Länder nach Istanbul trampen? Noch dazu mit einem Campinganhänger ohne Trekhaak, sprich Auto mit Anhängerkupplung! Und wie hatten ihn alle möglichen Leute gewarnt! Auf dem Balkan könnte er bestohlen werden oder ihm noch Schlimmeres drohen. Sich selber Mut machen war also angesagt. Selber mutig empfand sich Tjerk gewiss nicht. Wer wagt gewinnt, sagt der Volksmund. Hier stimmt dies wirklich!

„Eis“ gebrochen

Tjerk Ridder greift zur Gitarre und in die Saiten. Wieder musste sich der Utrechter Mut machen. Wagen und hoffentlich gewinnen. Da ist das Lampenfieber, das immer da ist, wie die meisten Bühnenkünstler sagen: da sein muss. Aber da ist auch die ganz besondere Anspannung. Eine leichte, verständliche Nervosität ist ihm anzumerken. Die Show das erste Mal auf Deutsch! Augenscheinlich liest Ridder ab und an von einem Manuskript auf einem Notenständer ab.  Die Stütze sei ihm gegönnt. Manches Mal geht ihm doch ein Wort in Niederländisch besser von den Lippen als in deutscher Sprache. Besser als zu stocken.  Das Publikum nimmt ihm  das nicht übel.  Bald ist ein „Eis“ gebrochen, das garnicht da gewesen war. Man versteht, staunt und lacht, wenn es heiter oder skurril auf der Tour zugeht.

Matthijs Spek begleitet musikalisch einfühlsam

Die Reise von Utrecht nach Istanbul hat ihren Lauf genommen. Äußerst einfühlsam wird Ridder vom Gitarristen Matthijs Spek begleitet. Wenn Tjerk Ridder von einer Situation auf der Reise berichtet, wenn eine Videosequenz auf der Leinwand zu sehen ist, illustriert Spek das musikalisch sanft aber wo nötig dennoch ausdrucksvoll akzentuiert auf seinem Instrument. Es ist wie bei einer guten Filmmusik, die den jeweiligen Szenen ein ganz bestimmtes Fluidum verleiht. Eine Musik, die gar nicht da zu sein scheint, aber dennoch eine unverzichtbare Rolle spielt, ohne die der Film die Wirkung, die er mit ihr hat eben nicht hätte. Die jeweilige Stimmung am Ort der Tour wird musikalisch koloriert. Und die Stimmung des Wohnwagentrampers in der einen oder anderen erzählten Situation umso nachfühlbarer für die Zuschauer. Vorsichtig vergleichbar vielleicht mit einem vorsichtig eingesetzem Gewürz in einer Speise, das nicht vordergründig herauszuschmecken ist, das Gericht aber erst zu einer ganz besonderen Gaumenfreude werden läßt.

Rundum positive Erfahrungen gemacht

Tjerk Ridder, zusammen mit Peter Bijl, erlebten eine Menge kleinerer und größerer Abenteuer auf dem Weg von Utrecht nach Istanbul und zurück. Die Erfahrungen waren im Nachinein betrachtet rundum positiv. Natürlich gab es hier und da auch mal Schwierigkeiten. Manchmal schien es nicht weiter zu gehen. Dennoch trafen die beiden Niederländer – nicht zu vergessen Hundchen Dachs; auch in Essen natürlich wieder hinten auf der Bühne zugegen – viele interessante und hilfsbereite Menschen. Sie lernten gleich mehrere Länder sowie viele Städte, Landschaften und Dörfer kennen.

Unterwegs kann zu Hause sein

“Unterwegs”, singt Ridder auch an diesem Abend auf Deutsch. Fast mochte ich mitsingen. Weil es so stimmig ist. Der Inhalt in Kürze auf einen Nenner gebracht: Unterwegs kann zu Hause sein. Unterwegs ins Leben hinein. (“Unterwegs”, gesungen von Tjerk Ridder; via Youtube/Peter Bijl) Wie einfach. Wie passend zugleich. Auf die Anhängerkupplung-Gesucht!-Tour, wie aufs Leben eines Menschen im Speziellen.

Träume in Dosen

Orte der Reise erscheinen in bewegten und und unbewegten Bildern auf der Leinwand. Tjerk erzählt die erlebten Geschichten dazu. Menschengesichter tauchen auf. Leute sind zu sehen, die von Ridder während der Tour aufgefordert werden ihre Träume aufschreiben. Ridder doste sie ein, versah die Konserven mit einem Haltbarkeitsdatum. Dieses signalisiert den Tag an welchem die Menschen hoffen, ihr Traum würde bis dahin in Erfüllung gegangen sein. Dann sollen sie die Dose öffnen und ein Fazit ziehen. Ingesamt 73 Traumdosen verschloss Tjerk Ridder mit einer manuellen Konservendosenmaschine.

Ungeschälte Nüsse und der gefährliche  „Papageienmann“

Immer wieder gibt Tjerk Erlebnisse zum Besten, die das Publikum zum Schmunzeln, Stutzen aber auch zum Lachen bringen. Wie das mit dem „Papageienmann“. Wieder einmal warteten sie da an einer Straße und niemand hielt an. Da kam plötzlich ein Mercedes Benz! Mit deutschem Nummernschild. Doch der Mann ist Kroate. Und Tjerk kam der Mann suspekt vor. Selbst Begleiter Peter Bijl, erzählt Tjerk Ridder gestern auf  Zollverein, der sonst immer sofort mit Leuten ins Gespräch kommt, habe sich stumm ans Seitenfenster des Mercedes mit nun angehängtem Wohnwagen gepresst. Und Ridder hinten mit Hund Dachs auf dem Schoss malt sich (Balkan!) aus, was womöglich alles passieren könnte.

Der suspekte Typ lud sie nun auch noch zu sich nach Hause ein! Ridder aber wollte eigentlich lieber weiter. Man blieb. Ridder: „Ein typischer Junggesellenhaushalt. Mit abwaschbarer Tischdecke auf dem Küchentisch. Es wurde Wasser kredenzt. Dazu gab es ungeschälte(?!) Nüsse“ Schließlich schält Ridder Nüsse und weitere düstere Befürchtungen drängen sich ihm auf. Plötzlich, so Ridder, bittet sie der Mann: „Jetzt wollen wir bisschen Spaß machen! In einen, wie der Mann auf Deutsch sagte Schuppen“. In Ridders Hirn ratterte es: „Der Mann ist immerhin Junggeselle!“ Der Mann, erfährt das Publikum, führte sie durch diesen „Schuppen“ hindurch.  Am anderem Ausgang befand  sich eine große Voliere. Mit Papageien darin! Achtundreißig an der Zahl.

Woher kommen nur unsere Ängste und Vorurteile?

Ridder: „Jetzt wurde mir klar wozu der Mann ungeschälte Nüsse in rauen Mengen vorrätig hielt!“ Lachen im Publikum. Ridder dann: „Woher kommen nur unsere Ängste vor anderen Leuten? Woher die Vorurteile?“ Der eben noch „suspekte“ Kroate entpuppte sich als „Papageienmann“ mit einer Tochter in Deutschland. „Also musste der Mann mal eine Frau gehabt haben.“ Und Tjerk sinniert: „Welche Menschen sind denn nun eher gefährlich? Welche mit Kindern oder die ohne?“ Die Moral aus der Geschichte: Weg mit unseren Vorurteilen! Offen sein, zugehen auf Menschen!

Per Hand rüber nach Kroatien

Köstlich auch das Erlebnis von Tjerk und Peter an der ungarisch-kroatischen Grenze. Kroation war dazumal noch kein EU-Mitgliedsland. Da standen noch Grenzer mit Gewehren. Ein Ungar hatte sie mit seinem Wagen an diese Grenze gezogen. Tjerk: „Doch auf die Grenzbürokratie hatte der keine Lust. Da standen wir nun mit unserem Campinganhänger ohne Auto mit Trekhaak!“ Schließlich entschlossen sie sich den Wagen per  Hand über die Grenze zu schieben. Lachen im Saal. Und sie taten es. „Was würden die Grenzer wohl denken?“ Zwei Holländer, bekannt für Drogen und andere ungesetzliche Sachen mit einem Campingwagen ohne Auto. Drei Grenzer kamen heran. In ihren Händen Handys. Einer erklärt: „Das müssen wir festhalten. Uns glaubt das ja keiner, wenn wir das zuhause erzählen!“ Der Saal brüllt vor Lachen. Ridder: „Die ließen uns dann durch. Nicht einmal die Pässe wollten sie noch sehen.“

Stumme Zeugen des Bürgerkrieges

Dann wieder wird es still und die Menschen machen nachdenkliche Gesichter. Da, etwa, wenn in einem von Tjerk und Peter besuchten Ort auf dem Balkan die Spuren von Einschüssen in Fassaden einst so schöner Häuser, wenn Ruinen, zu sehen sind aus Zeiten des ( wie wir inzwischen wissen: sinnlosen) jugoslawischen Bürgerkrieges (“Zerschossene Stadt”) zu sehen sind. An den wir uns erinnern. Natürlich fragten sich Tjerk und Peter: Was hat dieser Krieg mit den Menschen in diesen Orten, in diesen Häusern gemacht? Häuser sind kaputt oder renoviert. Die Menschen leben – müssen mit ihrem schlimmen Erlebnissen weiter leben. Wie sang doch einst Udo Lindenberg: Ein Herz kann man nicht reparieren. Erst recht nicht eine verwundete Seele! Waren die Menschen aus diesen Städten und Dörfern Täter oder Opfer? Oder sogar beides?

Man braucht andere, um voranzukommen. Auch auf der Straße des Lebens

Ein Filmstück – die Szene da Tjerk Ridder des Abends oder nachts an einer Tankstelle auf dem Balkan steht und sich offensichtlich niemanden findet, der sie an sein Auto haken will – ist lang. Denn lange wurden Tjerk und Peter da nicht mitgenommen. In der deutschen Version von „Anhängerkupplung gesucht!“ drückt Matthijs Spek die nervenzehrende Warterei zirka 500 Kilometer von Istanbul entfernt fast körperlich nachlebbar aus, in dem der die anscheinend aussichtslose (Tjerk: sollten wir umkehren?) Lage mit schrillen E-Gitarrentönen (aus-)malt. Die Bühne ist in tintenblaues Licht getaucht. Tjerk Ridder illustriert die  damalige Misere am Schlagzeug. Matthijs Speks „Erzählung“ dieser traurigen Nacht auf dem Balkan und der filmisch konservierte Gesichtsausdruck Tjerk Ridders sagen zusammen mehr als tausend Worte. Schließlich ist es ein schrecklicher Gedanke womöglich irgendwo fern der Heimat zu stehen und nicht mitgenommen zu werden. Im Bauch ein rumorendes Gefühl der Entmutigung. Da ist es wieder: Man braucht andere, um voranzukommen. Wie sehr stimmt das erst auf der Straße des Lebens!

Wofür die „Wohnwagenmetapher“ steht

Das multimediale Bühnenprogramm macht die dem Projekt zugrunde liegende Idee förmlich erfahrbar. Auch weil man selbst gar nicht dabei, unterwegs, mit Tjerk Ridder, Peter Bijl und Dachs war. Die Hauptfrage der Protagonisten während ihrer Reise: “Entschuldigen Sie, haben sie vielleicht eine Anhängerkupplung?” Hinter der “Wohnwagenmetapher” steht ja immer auch die Frage: “Bist du offen dafür, deinen Weg zu ändern?”

Mit dem Herzen sehen

Nur die jeweilige Landessprache hält – das Teil betreffend, worauf es ankommt, um weiter zu kommen – immer andere Worte bereit. Der Gedanke dahinter bleibt der gleiche. Trekhaak. Anhängerkupplung. Kuka. Das sind ja nur technische Begriffe jeweils anderer Zunge. Der springende Punkt ist jedoch: Man braucht andere, um voranzukommen. Wichtig ist das Menschliche. Es gilt das eigene Herz und andere Herzen für Neues zu öffnen. Wie schrieb doch Antoine de Saint-Exupéry in “Der kleine Prinz” so einfach wie richtig: “Man sieht nur mit dem Herzen gut” und beklagte damit das einseitige Denken der “Großen Leute”.

Vorurteile abbauen und Grenzen überwinden

Das großartige Projekt “Anhängerkupplung Gesucht!” führt uns vor – auch wenn wir selbst nicht dabei waren: Mögliche Vorurteile abbauen, Grenzen überwinden (nicht nur im geografischem Sinne) ist machbar. Etwas lernen von anderen und über andere – letztlich über einen selbst – ist eine unbezahlbare Bereicherung. Seine Träume zu leben bedeutet zunächst, sie zu formulieren. Tjerk Ridder erinnert in seiner Show auch an   einen Franzosen, dessen Foto auf der Leinwand eingeblendet wird, welchen sie auf der Tour trafen. Der hatte sich nach der Pensionierung als Erstes ein Fahrrad gekauft. In ihrem Buch nennen  ihn Ridder und Bijl “Seelenverwandter Zweiradfahrer”. Guy, so der Name des Franzosen, wollte von der Quelle der Donau bis zur deren Mündung ins Schwarze Meer strampeln.

„Istanbul!“

Dann endlich: Der Sultanahmet-Platz in Istanbul ist erreicht. Im Bild zu sehen. Der befreiende Ruf Tjerks und Peters: „Istanbul!“ Der dazugehörige Film zeigt wie sie in einem Transporter auf einer Istanbuler Schnellstraße dahinrauschen und Tjerk ruft einem Fahrer in einem anderen Auto durchs offene Fenster zu: „We are from Holland. Wir hitchhiking with a caravan without hook …“ Dann fällt das andere Auto zurück …

Fazit:  So verschieden sind die Menschen in unterschiedlichen Ländern gar nicht

Gemeinsam friedlich leben. Und den Frieden bewahren. Und Tjerk Ridder hat es selbst erlebt: So verschieden sind die Menschen in unterschiedlichen Ländern gar nicht. Wie konnten ihm andere vor der Reise nur Angst machen? Vor dem Balkan. Und den schlimmen Sachen, die ihm da geschehen könnten. Heute hatte Ridder dafür nur ein Kopfschütteln übrig. Diese Leute die das taten, waren gewiss nie selbst auf dem Balkan. Hatten alle Vorurteilen offenbar von den Medien übernommen. Es geschah ja gerade das Gegenteil, des von ihnen an die Wand gemalten. Viele herzliche, warme Begegnungen wurden den Protagonisten des Projektes auf der Reise zuteil. Und Tjerks Augen strahlen dabei. Die Anspannung fällt endlich von ihm ab.

Ridders Programm machte Tour und dahinter stehenden Gedanken nacherlebbar

Die Wärme, die Tjerk Ridder und Matthijs Spek während der Extraschicht auf Zollverein ausstrahlten, aber auch die vermittelte Nachdenklichkeit, hat das Publikum nun auch auf Deutsch ergriffen. Welches seinerseits Wärme zurück zu den  Protagonisten auf die Bühne in Halle 12  auf Zollverein zurücksendete. Die Geschichten von der Reise erwärmten die Herzen, atmeten Melancholie, ließen aber auch den Spass nicht zu kurz kommen.

Lebendig nacherleb- und nachvollziehbar

Das Bühnenprogramm macht auf sympathische Weise unaufdringlich deutlich und vor allem die dem Projekt zugrundeliegende Methapher „Man braucht andere, um voranzukommen“ lebendig nacherleb- und nachvollziehbar. Und die Geschichte funktioniert auch in deutscher Sprache. An der muss Tjerk Ridder freilich noch etwas arbeiten. Dann wird die Show (noch) runder. Wenngleich Ridder seine leichten Unsicherheiten bei der Deutschlandpremiere überbrückte, indem er deutsche kurz durch niederländische Worte ersetzte, der Aufführung beileibe keinen Schaden zufügten. Allesfalls winige Kratzer. Der Verständlichkeit insgesamt tat das keinen Abbruch.

In die Herzen tief  hineingetroffen

Die Herzen hat „Anhängerkupplung gesucht!“ jedenfalls nicht nur erreicht und erobert. Sondern tief in sie hineingetroffen. Davon zeugt nicht nur der öfter ertönende Zwischenapplaus sondern auch der begeisterte Beifallssturm am Schluss. Sowie die Gespräche vieler Menschen hinterher im Foyer beim Signieren der Bücher und beim Entgegennehmen von Autogrammen mit Tjerk Ridder und dem eigens aus Berlin angereisten Buchmitautor Peter Bijl, der am Projekt keinen unerheblichen Anteil hatte.

Matthijs Spek, ein wirklich hervorragender Instrumentalist und damit eine unverzichtbare Bereicherung der Show, ist offenbar zu bescheiden, um sich nach der Aufführung zu zeigen. Bescheidenheit ist zwar eine Zier, doch war sie fehl am Platze hier. Lob dem virtuosen  Spieler! Gewiss hätte mancher auch gern ein Autogramm von ihm  gehabt. Dafür zeigte sich der Tour- wie medienerfahrene Dachs und schwarzwenzelte ein wenig zwischen den Gästebeinen hin und her. Und erhielt prompt  seine Streicheleinheiten.

Mehr davon! Tot zienst in Duitsland!

Manche Leute dürften sich vielleicht nun auch mit Gedanken tragen, mal aus den eingefahrenen Bahnen etwas auszubrechen. Mehr davon! „Anhängerkupplung gesucht!“ auf weitere deutsche, österreichische und deutschschweizerische Bühnen, möchte ich rufen!

Tjerk Ridder ist bestimmt nicht mutiger wie wir selbst. Ein Mensch wie wir. Ein sympathischer Zeitgenosse zumal. Der Utrechter hat nur Mut bewiesen, indem er sich immer wieder Mut machte. Und so weiter kam.Mulmig war ihm vorher und auch unterwegs nach Istanbul. Es wird auf weiterer Lebensbahn auch ab und zu wieder so sein. Doch Ridder hat immerhin schon einmal gewagt und – seien wir ehrlich: ziemlich viel gewonnen. Ach, würden wir uns doch auch mal etwas Ähnliches trauen!

Eine tolle Deutschlandpremiere auf Zollverein war das gestern. Dort wo 2010 alles begann. Tjerk Ridder bekannte, das Ruhrgebiet längst als „zweite Heimat“ zu empfinden. „Anhängerkupplung gesucht!“ war als einer von vielen Programmpunkten auch ein Glücksfall für die Extraschicht 2014. Wie es ein absoluter Treffer für Tjerk Ridder und Matthijs Spek war die Deutschlandpremiere auf Zollverein gleich dreimal zu spielen. Wie man neudeutsch sagt, eine Win-win-Situation. Ein gelungener Einstand allemal, wie ich finde. Glückwunsch! Tot ziens in Duitsland, Tjerk, Matthijs und Dachs!  Peter Bijls Bemerkung vor der Show hat sich doch tatsächlich erfüllt: „Das ist Zollverein, Tollverein und Vollverein ..“

Zu seinem Aufenthalt im Ruhrgebiet im Kulturhauptstadtjahr 2010 und auf der Essener Zeche Zollverein schrieb Tjerk Ridder den Text “Tief-be-Ruhr-t”.

„Anhängerkupplung Gesucht!“ bei der ExtraSchicht 2014 erstmalig in deutscher Sprache

BildTjerk Ridder im Sommer 2010 auf dem Balkan; Foto: Peter Bijl

Ein bisschen verrückt oder zumindest tollkühn muss schon jemand sein, der mit einem Wohnwagen zu trampen beschließt. Einen Campinganhänger wohlbemerkt, ohne eigenes Zugfahrzeug! Ein Niederländer besaß diese Tollkühnheit. Ach so!, werden nun bestimmt einige unter den Leserinnen und Lesern denken und gelangweilt abwinken: Ein Holländer? Die sind doch berüchtigt wegen ihrer Wohnwägen! Gemach. Berüchtigt zu recht oder nicht, das sei mal dahingestellt: Was schon ist ein Holländer mit Wohnwagen, der ohne Zugmaschine wohin will? Nach Istanbul auch noch? Von Utrecht aus? Da sieht die Sache schon ganz anders aus.

Der Utrechter Theaterkünstler und Liedermacher Tjerk Ridder gebar die Idee zum Projekt „Trekhaak Gezocht!“ („Anhängerkupplung Gesucht!“) in einer Kneipe. Und gewiss spielte er bei dem ins Auge gefassten Projekt am Rande ein ein Stück weit damit, dass Niederländer und Wohnwagen für manche Menschen so eine Art Schreckgespenst darstellen, dem man auf den Straßen am liebsten nicht begegnen möchte. Beispielsweise als Deutscher (Ausnahmen bestätigen die Regel) auf deutschen Autobahnen. Weil ihnen die Wohnwagen hinter sich her schleppenden Holländer vermeintlich die so geliebte „Freie Fahrt für freie Bürger“ (es gibt sogar eine Facebook-Gruppe unter diesem Titel!)  nähmen. Wobei Behinderungen deutscher Autolenker und der von ihnen geforderten und fest für sich und auf ewig reklamierten „Freien Fahrt“ zwar in der Tat stattfinden, jedoch vielfältige Ursachen haben. Die allerwenigsten davon dürften bei Lichte betrachtet holländischen Campern ankzukreiden sein.

Ein Mann und sein Wohnwagen – Per Anhalter durch Europa

Wie dem auch sei, Tjerk Ridder ging es um etwas ganz anderes. Nämlich wollte er das Projekt „Anhängerkupplung Gesucht!“ als eine Metapher verstanden wissen, welche praktisch auf das Leben verweist: „Man braucht andere, um voranzukommen.“ Eine Schnapsidee? Allerdings mit dem Unterschied, das es bei selbiger nicht blieb.

Denn Tjerk Ridder trampte schlussendlich drei Monate lang durch Europa. Mit einem Wohnwagen der Marke „Eriba“. Ausgestattet mit einer Solaranlage zum Erzeugen von an Bord benötigter Elektroenergie. Jedoch ohne Auto. Ridders erstes Etappenziel dieser ungewöhnlichen Reise im Jahr 2010 war das UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen. Die Eröffnungsfeier für die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 erlebte Ridder bei bitterer Kälte. Dachs, der Hund des Niederländers und treuer Begleiter auf der Reise Utrecht – Istanbul war ebenso dabei.

Am Ende der Reise via eines Stopps in der zweiten europäischen Kulturhauptstadt, dem ungarischen Pécs und quer durch den Balkan stand wie geplant die Kulturhauptstadt Numero drei Istanbul. Dazwischen lagen etliche Abenteuer.

Mehr darüber erfahren sie in meinen Beiträgen dazu hier und hier.

Zurück im Pott

Im Juli 2010 kehrten Tjerk Ridder, Hundchen Dachs und Begleiter Peter Bijl glücklich zurück in den Ruhrpott, der ersten Station Anfang des Jahres 2010 nach dem Start in der Heimat Utrecht. Diesmal herrschte brütende Hitze. Mein Bericht darüber können Sie hier lesen.

Die Reise künstlerisch reflektiert

Während der Reise entstanden Videos, Notizen und Lieder, in denen Tjerk Ridder das Erlebte verarbeitete und reflektierte. Inzwischen gibt es auch ein zusammen mit dem Journalisten Peter Bijl verfasstes Buch, das über das große Abenteuer Auskunft gibt. Auf Englisch und Niederländisch. Und auch eine deutsche Ausgabe des Buches „Anhängerkupplung Gesucht!“ (darin eine DVD mit Liedern und Videos) ist bei Patmos erschienen. Auf Neopresse  wurde es u.a. vorgestellt.

Niederländische Aufführung von "Trekhaak Gezocht!". Rechts im Bild Tjerk Ridder im Herman-van-Veen-artscenter auf De Paltz; Foto: Claus-D.Stille

Niederländische Aufführung von „Trekhaak Gezocht!“. Rechts im Bild Tjerk Ridder im Herman-van-Veen-artscenter auf De Paltz; Foto: Claus-D.Stille

Mit Fug und Recht firmiert „Anhängerkupplung Gesucht!“ längst als Multimedia-Projekt. Auch eine überzeugende Bühnenversion hat Tjerk Ridder auf die Beine gestellt. Begleitet wird der Utrechter auch da von Hundchen Dachs. Ridders hervorragender musikalischer Begleiter ist Matthijs Spek. Für die freitag-community-Leserinnen und Leser besuchte ich im Februar die niederländische Aufführung im Herman-van-Veen-Artscenter auf De Paltz in der Nähe von Utrecht. Mit diesen hier beschriebenen Eindrücken kehrte ich zurück nach Deutschland.

Deutschland-Premiere

Nun endlich hat das Warten für uns Deutsche ein Ende: Tjerk Ridder kommt mit seinem Theater-Multimediaprojekt nach Deutschland! Spielen wird er es erstmalig in deutscher Sprache am 28. Juni 2014 anlässlich der „ExtraSchicht 2014 – Die Nacht der Industriekultur“ auf Zeche Zollverein in Essen. Dieser Ort der Industriekultur hat sich Tjerk Ridder fest eingeschrieben. Wie und warum das so ist, davon erzählt Ridder in seiner für das Erzählprojekt verfassten „Mein Zollverein“-Geschichte „Tief be-ruhrt“.

„Vier Jahre später“, vermelden die Organisatoren,  „am 28. Juni 2014, kehrt der niederländische Theaterkünstler und Liedermacher Tjerk Ridder anlässlich der ExtraSchicht mit einem multimedialen Bühnenprogramm voller Reiseerfahrungen auf das ehemalige Industriegelände in Essen zurück. Erstmalig präsentiert er dort in Zusammenarbeit mit der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“ das theatrale Roadmovie „Anhängerkupplung gesucht!“ auch in deutscher Sprache.“

Das Thema der diesjährigen ExtraSchicht ist „Europa“. Ridders „Anhängerkupplung Gesucht!“ passt bestens ins Programm. Und die Zeit! Europas Politiker sollten sich die damit transportierte Metapher zu Herzen nehmen und leben: Du brauchst andere, um voranzukommen. Zweifelsohne ist gerade „Anhängerkupplung gesucht!“ ein europäisches Kunstprojekt, das Menschen unterschiedlicher Herkunft zu verbinden imstande ist.

Mit mehr als 40 einzelnen Programmpunkten wird ein bunter Mix aus Ausstellungen, Musikbeiträgen, Licht- und Kunstinstallationen, Walk Acts und internationalen Straßentheater-Inszenierungen präsentiert. „Anhängerkupplung Gesucht!“ ist einer dieser Programmschwerpunkte.

In der Pressemitteilung zu seinem Aufritt heißt es: Tjerk Ridder erzählt in Liedern, Bildern und Videos von „seiner Reise von Utrecht aus durch acht Länder, unter anderem über die drei europäischen Kulturhauptstädte Essen, Pécs und Istanbul. 3700 Kilometer lang war seine außergewöhnliche Reise – ein Sprung ins Ungewisse, eine Begegnung mit eigenen und fremden Grenzen, eine einzigartige Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen im heutigen Europa. Insgesamt 53 Fahrer halfen dem Niederländer, sein Ziel am Bosporus zu erreichen.“ Und weiter: „Der Zuschauer erlebt, was möglich ist, wenn Menschen es wagen, sich für Unbekanntes zu öffnen.“

Tjerk Ridder, einfühlsam musikalisch begleitet von Matthis Spek, nimmt das Publikum mit „auf eine Reise durch Themen wie Heimat, Träume, Tatkraft, Einsamkeit, Gastfreundschaft, Vorurteile und Vertrauen.“

Wir dürfen gespannt auf die Begegnung mit Tjerk Ridder und seinem erstmalig am 28. Juni gleich dreimal auf Deutsch präsentierten Programm sein.

Informationen

Mehrsprachiger Trekhaak-Schutz; Foto: C.-D.Stille

Mehrsprachiger Trekhaak-Schutz; Foto: C.-D.Stille

Veranstaltung: Tjerk Ridder. Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen. Eine außergewöhnliche Reise durch Europa mit Bildern, Liedern und Geschichten

Termin: 28.6.2014, 20.00 | 22.00 | 24.00 Uhr

Veranstalter: „Welterbe Zollverein – Mittendrin“ im Rahmen der ExtraSchicht | Die Veranstaltung wird durch die RAG-Stiftung und das Königreich der Niederlande gefördert.

Ort: Areal A [Schacht XII], Halle 12, großer Saal

Eintritt: Für den Besuch des Programms ist ein ExtraSchicht-Ticket erforderlich, Tickets unter: http://www.extraschicht.de

Informationen unter: Anhängerkupplung Gesucht! und Zollverein.

Tjerk Ridder mit „Anhängerkupplung Gesucht!“ im Herman-van-Veen-Artscenter

BildTjerk Ridder am Schluss seines multimedialen Bühnenprogramms „Trekhaak Gezocht!“ am vergangenen Sonnabend auf der Bühne des Herman-van-Veen-Artscenter; Foto: Stille

De Paltz. Mitten im Wald. In einem Park, mit einer alten Villa aus dem Jahre 1867 darin. Zu welcher durchs Grüne ein langer Weg führt, der  auf einer aus knirschendem Kies bestehenden Hausvorfahrt vor einem herrschaftlichen Treppenaufgang ausläuft, taucht im Dunkel des Abends gleich linker Hand ein kleiner Kulturtempel – transparent mit seitlichen großen Glascheiben – auf. Dass das Gebäude früher eine Scheune war, ist höchstens noch zu erahnen. Das hundertfünzig Jahre alte einstige Landgut liegt in Soestduinen, unweit von Soest (Niederlande). Etwa 25 Kilometer von Utrecht entfernt beherbergt es seit Kurzem erst das „Herman van Veen Arts Center“. Kein Schild weist daraufhin. Weder am zweiflügeligen Haupttor, noch am hinteren. Selbst der Taxifahrer ist zunächst ahnungslos. Was dem Rezensenten etwas kostet: Taxen sind nicht gerade billig in Holland. Nach einem Anruf öffnet sich das gusseiserne Haupttor von unsichtbarer Hand gesteuert lautlos und geheimnisvoll. Fast wie im Film …

Betreffs der Kultureinrichtung und dessen einstiger Funktion, kommt mir der Begriff „Kunstscheune“ in den Sinn. Der Vorgängerbau des Stadttheaters meiner Heimatstadt Halle trug einmal diesen Namen.

Das Herman-van-Veen-Artscenter möchte Talente fördern

Nette, ehrenamtlich tätige Frauen und Männer – die guten Geister des Abenddienstes auf De Paltz – erkären mir in der Küche im Keller der früheren hochherrschaftlichen Villa bei Kaffee und Spekulatius die Idee, die hinter dem Herman-van-Veen-Artscenter steckt. Der großartige, vielseitige und auch in Deutschland seit Jahrzehnten bekannte und beliebte niederländische Künstler Herman van Veen hat gemeinsam mit der Gitarristin Edith Leerkes, die Villa, umliegende kleinere Gebäude und ein großes Arreal Land von der Provinz gekauft. Das Landgut De Paltz soll jungen Künstlerinnen und Künstlern als Podium dienen. Herman van Veen möchte Talente fördern. Einen freien Verkauf für Veranstaltungen im Kunstzentrum gib es indes nicht. Interessierte können sich einen Stuhl für drei Jahre und zum Preis von 1200 Euro kaufen. Womit das Recht erworben wird, alle Vorstellungen oder Ausstellungen welche dort veranstaltet werden, zu besuchen. Stuhlbesitzer können aber ihren Platz auch an andere verschenken. Stück für Stück soll das Herman-van-Veen-Artscenter weiter renoviert und ausgebaut werden.

„Anhängerkupplung Gesucht!“ und die damit verbundene Metapher

Letzten Sonnabend spielte der Niederländer Tjerk Ridder im Herman-van-Veen-Artscenter. Im Jahre 2010 ging Ridder mit dem Projekt „Trekhaak Gezocht!“ („Anhängerkupplung Gesucht!“) von Utrecht aus auf eine ganz besondere Tour. Mit einem Campinganhänger. Ohne Zugmaschine. Die musste er sich jeweils unterwegs suchen. Und somit Leute finden, die ihn und seinen Eriba-Campingwagen anhaken und ein Stück des Wegs ziehen. Dem Ziel, Istanbul, entgegen. Dieses Projekt sollte die Metapher „Man braucht andere, um voranzukommen.“, transportieren. Ich schrieb damals darüber (hier).

Tjerk Ridder, zusammen mit seinem Freund Peter Bijl, erlebten eine Menge kleinerer und größerer Abenteuer auf dem Weg von Utrecht nach Istanbul und zurück. Die Erfahrungen waren im Nachinein betrachtet rundum positiv. Natürlich gab es hier und da auch mal Schwierigkeiten. Manchmal schien es nicht weiter zu gehen. Dennoch trafen die beiden Niederländer – nicht zu vergessen Hundchen Dachs! – viele interessante und hilfsbereite Menschen und lernten gleich mehrere Länder sowie viele Städte und Dörfer kennen. Musiker und Theatermacher Tjerk Ridder verarbeitete das Abenteuer in Liedern und Texten. Auch ein Buch entstand zum und übers Projekt. Vergangenes Jahr kam es auch auf Deutsch heraus (hier).Herman van Veen schrieb das Vorwort dazu. Wer eine Reise tut, kann etwas erzählen, sagt der Volksmund.

Multimediales Bühnenprogramm „Trekhaak Gezocht!“

Tjerk Ridder tut das seit einiger Zeit auch mittels eines multimedialen Bühnenprogramms. Nun stand es auf dem Programm vom Herman-van-Veen-Artscenter. Warmes Licht empfängt die Zuschauer, die auf transparenten Plastiksesseln im Innern der „Kunstscheune“ platzgenommen haben. Alle Plätze sind besetzt. Auf die Leinwand ist das Coverfoto des Buches „Trekhaak Gezocht!“ projiziert. Es zeigt den Wohnwagen und Tjerk Ridder, welcher an einer Chaussee die Hand trampen ausgestreckt hat.

Matthijs Spek begleitet einfühlsam auf der Gitarre

Dann betritt Tjerk Ridder mit Dackel Dachs auf dem Arm von hinten durch eine Gasse neben den Stuhlreihen den Theaterraum. Dachs wird in ein Körbchen im hinteren Bereich der Bühne gesetzt. Ridder ergreift die Gitarre. Die Reise von Utrecht nach Istanbul kann losgehen. Einfühlsam wird Ridder vom Gitarristen Matthijs Spek begleitet. Wenn Tjerk Ridder von einer Situation auf der Reise berichtet, wenn eine Videosequenz auf der Leinwand zu sehen ist, illustriert dies Spek musikalisch sanft aber dennoch ausdrucksvoll akzentuiert auf seinem Instrument. Es ist wie bei einer guten Filmmusik, die den jeweiligen Szenen ein ganz bestimmtes Fluidum verleiht. Eine Musik, die gar nicht da zu sein scheint, aber dennoch eine unverzichtbare Rolle spielt, ohne die der Film die Wirkung, die er mit ihr hat eben nicht hätte. Vergleichbar vielleicht mit einem vorsichtig eingesetzem Gewürz in einer Speise, das nicht vordergründig herauszuschmecken ist, das Gericht aber erst zu einer ganz besonderen Gaumenfreude werden läßt.

Unterwegs kann zu Hause sein

Das Bühnenprogramm an diesem 22. Februar 2014 inmitten von Herman van Veens Kunst- und Gartenreich ist auf Niederländisch. Ihm zu folgen fällt mir dennoch nicht schwer. Zumal ich viel über dieses Projekt weiß und die Lieder auch auf Deutsch kenne. „Unterwegs“, singt Ridder als einziges Lied an diesem Abend auf Deutsch. Fast mochte ich mitsingen. Weil es so stimmig ist. Der Inhalt in Kürze auf einen Nenner gebracht: Unterwegs kann zu Hause sein. Unterwegs ins Leben hinein. („Unterwegs“, gesungen von Tjerk Ridder; via Youtube/Peter Bijl) Wie einfach. Wie passend zugleich. Auf die Anhängerkupplung-Gesucht!-Tour, wie aufs Leben eines Menschen im Speziellen.

Träume in Dosen und die „Zerschossene Stadt“

Orte der Reise scheinen in bewegten und und unbewegten Bildern auf. Tjerk erzählt die erlebten Geschichten dazu. Menschengesichter tauchen auf. Leute sind zu sehen, die von Ridder während der Tour aufgefordert werden ihre Träume aufschreiben. Ridder dost sie ein, versieht die Konserven mit einem Haltbarkeitsdatum. Dieses signalisiert den Tag an welchem die Menschen hoffen, ihr Traum könnte in Erfüllung gegangen sein. Dann sollen sie die Dose öffnen und ein Fazit ziehen. Immer wieder gibt Tjerk Erlebnisse zum Besten, die das Publikum zum Schmunzeln aber auch zum Lachen bringen. Dann wieder wird es still und die Menschen machen nachdenkliche Gesichter. Da, etwa, wenn in einem von Tjerk und Peter besuchten Ort auf dem Balkan die Spuren von Einschüssen in Fassaden einst so schöner Häuser, wenn Ruinen, zu sehen sind aus Zeiten des jugoslawischen Bürgerkrieges („Zerschossene Stadt“) zu sehen sind. An den wir uns erinnern. Natürlich fragten sich Tjerk und Peter: Was hat dieser Krieg mit den Menschen in diesen Orten, in diesen Häusern gemacht? Häuser sind kaputt oder renoviert. Die Menschen leben – müssen mit ihrem schlimmen Erlebnissen weiter leben. Wie sang doch einst Udo Lindenberg: Ein Herz kann man nicht reparieren. Erst recht nicht eine verwundete Seele! Waren die Menschen aus diesen Städten und Dörfern Täter oder Opfer? Oder sogar beides?

Man braucht andere, um voranzukommen. Auch auf der Straße des Lebens

Ein Filmstück – die Szene da Tjerk Ridder des Abends oder nachts an einer Tankstelle auf dem Balkan steht und sich offensichtlich niemanden findet, der sie an sein Auto haken will – bekommt man momentan das Gefühl, das sei zu lang geraten. Aber schon bald – und wieder ist es auch die untermalende, die Situation skizzierende, musikalische Begleitung des Matthijs Spek, die einen nur Minuten später zu einer wieder ganz anderen Bewertung kommen läßt. Hierin und im abgefilmten Gesichtsausdruck Tjerk Ridders bekommt der Betrachter nämlich einen gewissen Begriff davon, wie sich dieser in jener Situation wohl gefühlt haben muss. Schließlich ist es ein schrecklicher Gedanke womöglich nicht mitgenommen zu werden. Dass sich da vielleicht im Bauch ein Gefühl der Entmutigung breitzumachen versucht. Da ist es wieder: Man braucht andere, um voranzukommen. Wie sehr stimmt das erst auf der Straße des Lebens!

Das multimediale Bühnenprogramm macht die dem Projekt zugrunde liegende Idee förmlich erfahrbar. Auch weil man selbst gar nicht dabei, unterwegs, mit Tjerk Ridder, Peter Bijl und Dachs war. Die Hauptfrage der Protagonisten während ihrer Reise: „Entschuldigen Sie, haben sie vielleicht eine Anhängerkupplung?“ Hinter der „Wohnwagenmetapher“ steht ja immer auch die Frage: „Bist du offen dafür, deinen Weg zu ändern?“

Mit dem Herzen sehen

Nur die jeweilige Landessprache hält – das Teil betreffend, worauf es ankommt, um weiter zu kommen – immer andere Worte bereit. Der Gedanke dahinter bleibt der gleiche. Trekhaak. Anhängerkupplung. Kuka. Das sind ja nur technische Begriffe jeweils anderer Zunge. Der springende Punkt ist jedoch: Man braucht andere, um voranzukommen. Wichtig ist das Menschliche. Es gilt das eigene Herz und andere Herzen für Neues zu öffnen. Wie schrieb doch Antoine de Saint-Exupéry in „Der kleine Prinz“ so einfach wie richtig: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ und beklagte damit das einseitige Denken der „Großen Leute“.

Das großartige Projekt „Anhängerkupplung Gesucht!“ führt uns vor – auch wenn wir selbst nicht dabei „on the road“ waren: Mögliche Vorurteile abbauen, Grenzen überwinden (nicht nur im geografischem Sinne) ist machbar. Etwas lernen von anderen und über andere, ist bereichernd. Seine Träume zu leben beginnt damit, sie zu formulieren. Tjerk Ridder spricht am vergangenen Sonnabend auf De Paltz von einen Franzosen, dessen Foto in dem Moment auf der Leinwand eingeblendet wird, welchen sie auf der Tour trafen. Der hat sich nach der Pensionierung als Erstes ein Fahrrad gekauft. In ihrem Buch bezeichnen ihn Ridder und Bijl als „Seelenverwandter Zweiradfahrer“. Guy, so der Name des Franzosen, wollte von der Quelle der Donau bis zur deren Mündung ins Schwarze Meer strampeln.

Der europäische Gedanke wohnt in „Anhängerkupplung Gesucht!“

Man muss überhaupt nicht bescheiden sein: Was das Projekt „Anhängerkupplung Gesucht!“ in praxi lebte, dürfte sehr in Übereinstimmung stehen mit dem eigentlichen europäischen Gedanken. Dieser Grundgedanke wohnt quasi in Ridders Idee. Dem wir uns wieder oder endlich einmal wirklich zu eigen machen sollten. Jetzt wo die Finanzmärkte die EU beuteln, Austeritäspolitik Armut verursacht und Demokratieabbau zu befürchten ist. Gerade da sollte doch mehr denn je gelten: Zusammenstehen, den Nachbarn mitnehmen: Einander an- und unterhaken! Jeder braucht andere, um im Leben voranzukommen. Simpel und doch so wahr! Das zu leben, heißt nicht zuletzt Verständnis für die Verhältnisse des jeweilig anderen Mitmenschen aufbringen. Gemeinsam friedlich leben. Und den Frieden bewahren. Und Tjerk Ridder hat es selbst erlebt: So verschieden sind die Menschen in unterschiedlichen Ländern gar nicht. Auf der Bühne vom Herman van Veen Artscenter musste er abermals daran denken, wie Manche ihm vor der Reise hatten Ängste einreden wollen. Vor dem Balkan. Und den schlimmen Sachen, die ihm da geschehen könnten. Heute kann er darüber nur noch schmunzeln. Es geschah ja gerade das Gegenteil. Viele herzliche, warme Begegnungen wurden den Protagonisten des Projektes auf der Reise zuteil, erzählt der Utrechter seinem Publikum. Und Tjerks Augen strahlen dabei.

Ridders Programm machte Tour und dahinter stehendem Gedanken nacherlebbar

Eine schöne Erfahrung, dieses mulitmediale Bühnenprogramm im gemütlichen Herman-van-Veen-Artscenter unweit des niederländischen Soest. Die Wärme, die Tjerk Ridder und Matthijs Spek von der Szene ausstrahlten, hatte das Publikum ergriffen. Ab und an las man in deren Gesichtern aber auch ein Anflug von Nachdenklichkeit, wenn Ridder Geschichten von der Reise vortrug, die zu Herzen gingen oder in denen Melancholie mitschwang.

Um zu Herzen zu gehen, meine ich, ist dieses einzigartige Projekt – das es in Buchform (mit beilegter DVD) und multimedial als Bühnenprogramm (auch auf Deutsch) gibt – geradezu geeignet. „Man braucht andere, um voranzukommen“ – das macht auch das Bühnenprogramm auf sympathische Weise unaufdringlich deutlich und vor allem: Im Nachhinein nacherlebbar.

Die Zeit vergeht während der Aufführung wie im Fluge. Die Reise mit Tjerk Ridder und Matthijs Spek von Utrecht bis nach Istanbul und wieder zurück, wird fesselnd erzählt. Tausende Kilometer im Nu zurückgelegt. Zum Schluss meldet sich dann Hundchen Dachs mit lautem Gebell aus seinem Körbchen in der Ecke hinten auf der Bühne zu Wort: Er musste wohl eine „Wurst“ machen. Matthijs Spek tauscht seine Gitarre, die er virtuos beherrscht, gegen den Dackel und trägt ihn hinaus aus Herman van Veens „Kunstscheune“ ins Dunkel der Nacht und dessen Naturreich. Das Multitalent Van Veen, so war zu hören, konnte zur Aufführung leider nicht da sein. Er weilte zu einem Gastspiel in Belgien. Van Veen will einen Besuch des Programms aber wohl bald nachholen. Tjerk Ridder beschließt den unterhaltsamen wie nachdenklich machenden Abend, indem er sich den Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer stellt.

Gastspiele in Deutschland, Österreich und der Schweiz wären dem Programm zu wünschen

Übrigens soll es bereits auch in Deutschland Interesse am von mir in den Niederlanden gesehenem Bühnenprogramm geben. Freilich müsste sich hierzulande erst einmal eine Agentur finden, die das organisierte. Dem potentiellen Publikum wie auch den Akteuren von „Anhängerkupplung Gesucht!“ wären Gastspiele hierzulande oder auch in Österreich und der Schweiz zu wünschen.

Zu seinem Aufenthalt im Ruhrgebiet im Kulturhauptstadtjahr 2010 und auf der Essener Zeche Zollverein schrieb Tjerk Ridder kürzlich den Text „Tief-be-Ruhr-t“.

Kontakt zum Management von „Trekhaak Gezocht!“ in den Niederlanden: boekingen@trekhaakgezocht.com

Buch: „Anhängerkupplung gesucht!“ – Unterwegs kann zu Hause sein

Peter Bijl und Tjerk Ridder mit Hundedame Dachs vor ihrem Wohnwagen; v.l.n.r. (Foto: Claus Stille)

Peter Bijl und Tjerk Ridder mit Hundedame Dachs vor ihrem Wohnwagen; v.l.n.r. (Foto: Claus Stille)

Auf unserer Lebensbahn ohne andere zurechtzukommen ist schwierig. Eigentlich unmöglich. Sich dessen einmal zu vergewissern, kann kein Fehler sein. Dem niederländischen Liedermacher und Theaterkünstler Tjerk Ridder brachte das auf einen außergewöhnlichen Einfall. Dieser kam ihm in einer Kneipe. War allerdings alles andere als eine Schnapsidee!

Mit einem Wohnwagen von Utrecht nach Istanbul trampen …

Ridder setzte das Ausgedachte nämlich um. Lebte es geradezu. Dass die Idee nebenbei mit einem berüchtigten Klischee spielte, nämlich: Holländer und ihre Wohnwagen, dürfte dabei ganz bewusst in Kauf genommen worden sein. Tjerk Ridder wollte mit einem Campingwagen von Utrecht nach Istanbul reisen. Um so die Kulturhauptstädte des Jahres 2010, Essen, Pécs und Istanbul sozusagen miteinander zu verbinden.

…ohne eigenes Zugfahrzeug

Der Clou, wenn wir so wollen – der skurrile Gedanke dabei: Der Campingwagen würde ohne eigenes Zugfahrzeug auskommen müssen! Damit stand sogleich der Name der ins Auge gefassten Aktion fest: „Trekhaak gezocht!“. Auf Deutsch: „Anhängerkupplung gesucht!“

Eiseskälte zur Eröffnung der Ruhr.2010 – Mutterseelenallein drei Tage an einer Tankstelle im Süden

Am 3. Februar 2010 brach Tjerk Ridder, zunächst gezogen vom Wagen des Bürgermeisters der Stadt, von Utrecht aus mit einem Eriba-Wohnwagenanhänger zu seiner langen Reise auf. Über Arnhem, Nijmwegen, Baarle, Venlo und Mastricht langten Ridder und Hundedame Dachs gerade noch rechtzeitig in der Kulturhauptstadt Essen an. Wo die Eröffnung der “Ruhr.2010″ anstand. Übrigens bei bitterkaltem Winterwetter. Eine erste harte Bewährungsprobe für Ridder. Aber es sollte noch härter kommen. Danach ging es durch’s Ruhrgebiet nach Köln und schließlich gen Süddeutschland. Dort, an einer kalten, zugigen Tankstelle nahe Würzburg saß Tjerk Ridder über drei Tage fest. Mutterseelenallein. Immerhin zusammen mit Hundchen Dachs. Dass einem da ein wenig traurig zumute wird, kann man sich denken.

Alles war so schön ausgedacht. Der Wohnwagen abgestellt, um Beobachtern ins Auge zu stechen. Die sich mindestens zwei Fragen stellen sollten. Erstens: Wie ist dieser Wohnwagenanhänger hier hin gekommen? Und zweitens: Wie soll der hier wieder wegkommen? Was aber, wenn es dabei blieb? Und man, wie Ridder in dem Fall, da bei Würzburg und knackiger Kälte fest steht und einfach nicht mitgenommen wird? Dieses einschneidende Erlebnis mag dazu geführt haben, dass Tjerk Ridder im weiteren Verlauf seiner Reise – die in ja dann, wie wir unterdessen wissen, schließlich doch weg von dieser kalten Tankstelle im Süden Deutschlands und weiter bis ins ferne Istanbul führte – seinen Landsmann, den in Berlin lebenden Journalisten und Kulturproduzenten Peter Bijl, bat, ihn fortan zu begleiten.

Im zweiten Anlauf an den Bosporus

Nach Istanbul ging es aber dann doch erst, in einem zweiten Rutsch. In der ungarischen Kulturhauptstadt Pécs entschloss sich Ridder von dort, nach einer Pause daheim in den Niederlanden, später wieder zum Endspurt an den Bosporus anzusetzen. Nicht nur die zu überwindende Distanz war riesig. Auch die Erlebnisse unterwegs waren so vielfältig gewesen, hatten sich tief eingeprägt und  Tjerk förmlich überwältigt. All das schrie nach Verarbeitung. Tjerk Ridders Kopf war regelrecht vollgestopft. Überdies sollte es Ende Mai ohnehin zwischendurch zur Weltausstellung nach Shanghai gehen. Dort präsentierte Tjerk Ridder äußerst erfolgreich und hochbeachtet Lieder, die auf Inspirationen basierten, welche den niederländische Musiker auf der Stecke von Utrecht nach Pécs erlangten.

Die Idee funktionierte

Eines war Ridder dennoch bereits in Pécs klar geworden: Die Idee funktionierte! Samt Wohnwagen zu trampen. Um so weiter und weiter zu kommen. Nicht allein nur geographisch, Kilometer machend, betrachtet. Die hauptsächliche Idee hinter dem Ursprungseinfall, ergab sich aus der Notwendigkeit, immer wieder Leute mit Autos, die Anhängerkupplungen haben, finden zu müssen. Wie die ungewöhnlichen Tramper auf ihrer Internetseite erklären, war nämlich die Reise als “eine Metapher” gedacht, “die buchstäblich zeigt, dass man im Leben andere Menschen braucht, um weiter zu kommen.”

Träume in die Dose

Unterwegs wurden die Menschen nicht nur gefragt, ob sie die Niederländer samt Campinganhänger ein Stück mitnehmen würden. Tjerk Ridder wollte von den Leuten auch deren gute Vorsätze erfahren. Wenn sie wollten, konnten sie diese Träume notieren und versehen mit einem Haltbarkeitsdatum (an dem der Vorsatz erfüllt sein soll) in einer Blechdose konservieren lassen. Die von Ridder mit seiner an Bord des Campinganhängers befindlichen Konservendosenmaschine verschlossene Dose bekamen die Leute dann mit nach Hause, wo sie diese dann zum vorgesehenen Zeitpunkt öffnen können und damit überprüfen können, ob ihr guter Vorsatz in Erfüllung gegangen wäre.

Zurück auf Zollverein

Ich informierte seinerzeit über diese einmalige, auf den ersten Blick verrückt und abenteuerlich anmutenden, Aktion „Trekhaak gezocht!“ (hier, hier und hier). Leider zunächst nur aus der Ferne. Denn bei Tjerk Ridders Abstecher in meinem Wohnort Dortmund hatte ich nicht dabei sein können. Als ich Tjerk Ridder, Hundchen Dachs und Peter Bijl – das letzte Stück auf der Rückfahrt von Istanbul nach Utrecht, noch einmal von Landsmann Remco Timmermans PKW von Passau aus bis zur Zeche Zollverein in Essen gezogen – endlich einmal persönlich treffen durfte, war ich überwältigt von deren Herzlichkeit. Und was sie alles zu erzählen hatten! Tjerk Ridders Projekt konnte als sehr gelungen bezeichnet werden. Im Februar 2010 hatte er bei zwickender Kälte Station in Essen anläßlich der Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres durch den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler gemacht. Nun war er Anfang Juli 2010 wieder zurück auf Zeche Zollverein. Bei brütender Sommerhitze.

Peter Bijl: Überall warmherzige Menschen getroffen

Aus Peter Bijl sprudelte es an diesem Freitag bei dem Pressetermin im Juli 2010 nur so hervor: “Egal wo. Wir haben unterwegs – und zwar überall entlang der Strecke – immer warmherzige Menschen getroffen.” Und Tjerk Ridder, der immer ein bisschen wie ein großer Junge wirkt, ergänzte damals mit Begeisterung im Blick, von den Menschen im Balkan sei man besonders positiv überrascht gewesen. Was hatte man ihm betreffs des Balkans daheim für Angst einzujagen versucht! Bis hin zum möglichen Verlust des Lebens! Keines der Vorurteile fand Ridder bestätigt. Nichts von ihrem Hab und Gut kam weg. Schon deshalb mag sich die Reise gelohnt haben. Unvoreingenommen zu reisen, so Ridder wäre im Grunde genommen das Beste.

Positive Erlebnisse haben überwogen

Im Rückblick auf die gesamte Reise sind sich die Akteure zusammenfassend einig: Die positiven Erlebnisse und Reaktionen der Leute auf ihr Ansinnen unterwegs haben – wo auch immer – überwogen. Tjerk Ridder zeigte sich sicher: “Das ist nicht abhängig von der jeweiligen Kultur oder dem Land, bzw. der Nationalität oder dem Alter der Menschen. Es geht um einen bestimmten Geist. In allen Ländern gibt es einfach tolle Leute.” Um den Menschen unterwegs begreiflich zu machen, welches der Sinn der Reise ist, bedurfte es nicht allzu viel: Es genügte oft ein Stück Karton, mit in den nötigsten Worten – „Anhängerkupplung gesucht!“ in den jeweiligen Landesprachen.

Multimediaprojekt

„Anhängerkupplung gesucht!“ ist inzwischen längst zu einem Multimediaprojekt aus Geschichten, Fotos, Songs, Filmszenen und einem Bühnenprogramm geworden. In diesem September ist „Anhängerkupplung gesucht! – Man braucht andere, um voranzukommen“ nun auch als Buch im Patmos Verlag, übersetzt von Bärbel Jänicke, auf Deutsch erschienen. Tjerk Ridder hat unterwegs auf seiner abenteuerlichen Reise Tagebuch und mehrere Lieder geschrieben. Die Texte im Buch fußen auf diesen Reisenotizen. Peter Bijl hat Ridders Tagebucheinträge überarbeitet und Geschichten daraus gemacht. Bijls Texte wiederum sind von Ridder überarbeitet worden.

DVD mit Filmen und Liedern liegt dem Buch bei – Vorwort von Herman van Veen

Das Tolle an diesem Buch: Es liegt ihm eine DVD mit Filmen und Liedern, die auf der Reise entstanden sind, bei. Diese exklusive Buch- und DVD-Präsentation hatten Ridder und Bijl 2011 zunächst auf Niederländisch und Englisch im Eigenverlag herausgebracht (Trekhaak Gezocht! – You need others to keep you going“; ISBN 978-90-817624-0-3)

Für die deutsche Ausgabe haben Tjerk Ridder und Peter Bijl alle Texte überarbeitet und neue eigene Texte dazu gegeben.Kein Geringerer, als Herman van Veen hat speziell dazu ein sehr herzliches und geistvolles Vorwort geschrieben.

Sprung aus der „durchstrukturierten Gesellschaft“

Das Buch nimmt uns, die wir den Sprung aus einer „durchstrukturierten Gesellschaft“ (Tjerk Ridder) womöglich noch nicht wagten, vielleicht nie wagen werden, mit auf eine abenteuerliche Reise quer durch Europa von Utrecht nach Istanbul. Begleitet werden die diversen Tagebucheinträge zwischendurch immer wieder von Fotos, die uns Leserinnen und Lesern die Reiseerlebnisse von Ridder und Bijl so anschaulich als möglich bebildern.

Gastfreundschaft und Bilder, die an Erschröckliches erinnern

Wir erfahren von den unterschiedlichsten Begegnungen. Sind begeistert von der Gastfreundschaft, mit welcher den Wohnwagentrampern on the road immer wieder begegnet wurde. Wir  Leser hätten manches Mal auf mancher Strecke vielleicht gern dabei sein mögen. Und schrecken doch Buchseiten weiter wieder zurück. Wenn wir nämlich lesen, wie es gerade einmal nicht so läuft unterwegs. Können ungefähr nachfühlen, wie man sich da allein in der Fremde, bei grimmiger Kälte, stehengelassen am Straßenrand, wohl fühlen muss.

Lernen aber doch wieder ein paar Seiten weiter: Es geht doch immer irgendwie weiter. Nach Regen folgt Sonne. Jemand hilft weiter. Auf unserer Reise durch das Buch werfen manche von uns vielleicht beschämt eigne Vorurteile über Bord. Es wäre ein guter Effekt! Oder die Bilder von der zerschossenen Stadt Vukovar in Kroatien, die uns den Irrsinn des verflossen Bürgerkriegs eingehend vor Augen führen, lassen uns an anderer Stelle für eine Zeit in Nachdenklichkeit versinken.  Wahrlich erschröckliche Nachrichtenbilder erwachen im Leser.  Zerschossene Häuser. Und die Menschen, die in ihnen lebten, liebten? Wer waren die Toten? Wie leben die Zurückgebliebenen  jetzt mit dem vergangenen Leid? Sind sie Vertriebene? Brodelt in den Menschen Hass weiter unter der Oberfläche?

Etwas zum Schmunzeln

Dann wieder müssen wir schmunzeln, wenn wir lesen, wie Tjerk und Peter den Wohnwagenanhänger einmal aus der Not heraus von einem Land über die Grenze ins andere Land schieben. Die Zöllner machten Fotos. So etwas erlebten sie noch nicht.

Wirkliche Abenteuer sind heutzutage selten geworden

Tjerk Ridder hat sich auf das Wagnis eines solchen Abenteuers mit unvorgesehenen Geschehnissen und allen möglichen Problemen eingelassen. Jedoch nicht aus purer Abenteuerlust. Tjerk Ridder notierte:

„Ich mache mich auf den Weg. Per Anhalter mit einem Wohnwagen quer durch Europa, von einem Ende zum anderen. Auf der Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen, nach Freiraum in einer völlig durchstrukturierten Gesellschaft und nach einem Leben ohne Schubladendenken. Eine Reise, die mich meinen eigenen Träumen, aber auch meinen Grenzen näherbringt. Eine inspirierende Reise, ein Sprung ins Ungewisse.“

Ridder hat die Reise auch für uns gemacht, die wir vielleicht seine Idee so nicht leben können

Tjerk Ridder, begleitet von Peter Bijl, hat diese Reise gewissermaßen auch für uns gemacht. Die wir bestimmt hin und wieder ähnliche Träume haben. Die wir Einfälle haben, was wir mal gerne Verrücktes machen würden. Einfälle, die dann gar nicht mal so selten leider Schnapsideen bleiben. Aber nicht jede, nicht jeder, muss oder kann solche Ideen leben.

Unbestritten dürfte immerhin sein, dass wir auf unserer Lebensbahn nicht nur völlig auf uns gestellt vorankommen können. Wieder und wieder brauchen wir andere dazu. Macht das nicht gerade – und zwar einschneidend, womit nicht nur die knackige Winterkälte gemeint ist – im vorliegenden Buch jene Stelle bitter deutlich, da Tjerk Ridder von seiner Zurückgeworfenheit auf sich selbst, an einer Tankstelle in Süddeutschland (über drei Tage saß der Niederländer da fest!) Kunde gibt?

Die Lektüre des Buches verschafft seinen Lesern Gewinn

Dieses Buch ist sehr zu empfehlen. Es ist nicht nur unterhaltsam, sondern regt facettenreich in Text und Bild gestaltet auch zum Nachdenken an. Wer bislang noch nichts von diesem zunächst skurril wirkendem Projekt „Anhängerkupplung gesucht!“ gehört hat, wird womöglich von diesem außergewöhnlichen Reisebericht so angezogen sein, dass er das Buch in einem durchliest.

Ich aber empfehle, doch hin und wieder – wie Tjerk und Peter es auf ihrem kuriosen Roadtrip auch taten: zuweilen tun mussten – Rast beim Lesen einzulegen, um die zum Buch gehörende DVD „anzuschmeißen“. Ein Lied oder ein kleiner Film zum Text, lassen die Leserinnen und Leser noch ein wenig tiefer die interessanten, amüsanten oder freilich auch nachdenklich machenden Reisegeschichten der Akteure eintauchen.

Ich verspreche, das Buch wird jede(r) auf seine Weise mit Gewinn lesen. Nach dessen Lektüre muss nicht sofort zu einem ähnlichen Abenteuer aufgebrochen werden. Aber warum nicht mal aus der eignen allzu festgefügten, nicht selten verkrusteten, Welt ausbrechen? „Anhängerkupplung gesucht!“ ist m. E. auch in Korrelation zum Europäischen Gedanken zu lesen. Gerade in der herrschenden Dauerkrise sollte doch allen Europäern, allen voran den in der EU herrschenden Politikern, brennend heiß wohl eines klar sein: Man braucht andere, um voranzukommen!

Aber ob besagte Politiker das hier besprochene Buch lesen – und verstehen – werden? Zu empfehlen wäre es ihnen. Wir müssen sie ja nicht gleich mit einem zugfahrzeuglosen Campinganhänger auf die Reise durch Europa schicken. Oder etwa doch?

Bilderstrecke zum Projekt „Trekhaak gezocht!“

Links zum Projekt: (hier, hier, hier und hier)

Das Buch:

Tjerk Ridder mit Peter Bijl

Anhängerkupplung gesucht! – Man braucht andere, um voranzukommen

Patmos

Verlagsgruppe Patmos in der Schwabenverlag AG

ISBN 978-3-8436-0422-2

EUR 19,99