Bemerkenswerter Redebeitrag des Friedensaktivisten Jan Veil auf einer Friedenskundgebung auf dem Frankfurter Römer

EİNFÜHRUNG İN DİE REDE

auf der Friedenskundgebung ‚Ein weltweites Friedenszeichen‘ am 04.04.26 auf dem Frankfurter Römer

organisiert von diversen Gruppen aus der Neuen Friedensbewegung

Liebe Leute, liebe Friedensbewegte, Hallo Frankfurt!

Ich gebe heute mal auf etwas andere Art Kunde, als man dies gemeinhin im Rahmen solcher Veranstaltungen gewohnt ist. Den folgenden Text fand ich neulich irgendwo, und weil er doch die eine oder andere bemerkenswerte Passage enthält, möchte ich ihn an dieser Stelle einfach mal wiedergeben. 

Denn heutzutage, in Zeiten von Gesetzesinhalten wie dem Beleidigungsparagrafen 185, dem Volksverhetzungsparagrafen 130 oder auch dem Politikerschutzparagraphen 188 StGB, die allesamt mit mehr oder weniger unbestimmten Rechtsbegriffen operieren, wird es zunehmend unklarer, was auf deutschen Straßen überhaupt noch ungestraft gesagt werden darf. 

Das sagt, neben vielen anderen Journalisten aus den alternativen Medien, mittlerweile auch ein Ronen Steinke, Jurist und leitender Redakteur im Politikressort der SZ. Wörtliches Zitat Steinke hinsichtlich des noch bzw. nicht mehr Sagbaren: 

„Dass man auf jedes gesellschaftliche Problem mit einem Gesetz antwortet, ist strafrechtlicher Populismus.“ Dies ist noch verhältnismäßig harmlos ausgedrückt, aber: Recht hat er.

Man kann sich heute also ganz schnell strafbar machen und gilt – bei entsprechender Rechtsprechung – ggf. als vorbestraft. Ich distanziere mich also bereits jetzt von diesem Text – und trage ihn lediglich vor.

Dennoch möchte ich mich hiermit – insbesondere gegenüber den anwesenden Staatssicherheitsbehörden – vorsichtshalber sowohl auf die Meinungs- als auch auf die Freiheit in der Kunst berufen; denn dem Autor ist es – trotz größter Bedachtsamkeit – möglicherweise nicht durchgängig gelungen, Ironie, Vereinfachungen, Zuspitzungen und ja, auch Polemiken vollends außen vor zu lassen. Nach eigenem Bekunden begründet er das ziemlich allgemein mit „den völlig verrückten Zeiten“ … was immer er damit meinen mag.

Im Text wird übrigens vieles nicht bzw. nicht direkt thematisiert: 

weder der 24.02.22, 

noch der 07.10.23, 

weder die vernichtenden Angriffe auf das weitestgehend schutzlose palästinensische Volk, 

noch die jüngsten Enthauptungsschläge auf die iranische Führung oder die Angriffe auch auf die iranische Zivilbevölkerung, 

noch zahlreiche weitere kriegerische Konflikte, die gegenwärtig stattfinden. 

Hier setze ich auf Euer Verständnis. Denn ein Text kann nicht alles ‚abdecken‘.

Wer jedoch etwas genauer hinhört, mag hie und da gewisse Zusammenhänge ausmachen.

Jan Veil | 01.04.26

WENN’S UM KRIEG UND FRIEDEN GEHT

1.

Die Welt hat ein Imperium

’ne Art American Panoptikum

Führungsanspruch fordert’s ein

Gut, okay, recht soll’s mir sein

solang’s auf uns’rer Seite steht

und – wo’s passt – dazwischengeht

Zudem steht’s ein für Eigentum,

den Freien Markt und Konkurrenz

Im Wolkenkuckucksheim erwachet nun

wer bisher vertrat solch Hirngespinst

Ach, und die NATO, die dient der Verteidigung

so lautet die Legendenbildung

Ja die NATO ist strikt defensiv

so des deutschen Michels Glaubens-Mief

Doch wie im Kleinen, so in Groß:

Man sieht’s in Brüssel, in Davos

da, wo’s ganz besonders schmerzt

Dort planen – in Europas Schoß –

gebriefte Menschen – nein, kein Scherz –

den schrittweisen Sozial-Abbau

und – gut getarnt – Vermögensklau

Politische Entscheidungsträger

in Tateinheit mit Wirtschaftslenkern

dabei auch Militärvertreter

Massen-Medien, Royals und Banker:

Tja, sie beraten, wie sie tarnen

ganz eig’ne Interessenlagen

und wie man die für’s Volk verpackt

alternativlos schafft den Fakt

vorzugsweise mit Soft Power

spart deutlich Kosten, so auf Dauer

Ihr Kalkül gilt aber auch den Kriegen

und wie sie zuletzt den Feind besiegen

2.

Die Welt, beherrscht von destruktivem Wettbewerb,

ihr Antlitz immer immer immer mehr verzerrt

‚Wettbewerb‘ nach Fairness klingt

rechtsstaat-, demokratie-bedingt

Doch fair, das war er bisher nie real

schon gar nicht, so gar nicht international

Denn:

Der Freie Markt wird abgeschafft

Der Mittelstand verliert an Kraft

und er’s auch viel zu langsam rafft

Die Schere derweil immer weiter klafft

Doch die Multis, stetig mehr im Saft

eifrig bündeln alle Sorten Macht

Das ist system-immanent bewirkt

was nun vielen immer klarer wird

Der Lobbyismus täglich mehr verwächst

in einem Maß, das Du nicht checkst

mit den herrschenden Partei’n

in Hinterzimmern, streng geheim

supranationale Jurisdiktion

übernimmt das jeweils nationale Recht

erdrosselt es, seit Langem schon

für uns’re Volkswirtschaft ganz besonders schlecht

Diese Hierarchie – das liegt auf der Hand –

führt zuletzt zu härtestem sozialen Brand

zum Tod der sogenannten öffentlichen Hand

fährt die Gesellschaft an die Wand

sodass die Stärksten stets gewinnen

Geld und Macht anhäufen wie von Sinnen

3.

Wir ham‘ lang schon eine 5. Säule

die ist wie eine Eiterbeule

die all die anderen stark dominiert

sie zu Statisten letztlich degradiert

Obacht, ist nichts für Naive:

Nun, das ist die Lukrative

die die besten Deals auslotet

auch das Gemeinwohl dabei krass ausbootet

ohne störende Moralität

doch mit satter, satter Rentabilität

Wer immer nur auf ‚Wachstum‘ setzt

und bloß auf’s eigene zumal

wie man’s schon kennt: markt-radikal

und schwäch’re Länder – schlau vernetzt – bis ins Jetzt –

mit Schulden in die Armut hetzt

and’re Volkswirtschaften schlicht zersetzt

der schreckt am End‘ auch nicht zurück

vor Fake News und Kriegspolitik

4.

Denn aufgemerkelt:

Einst für Verständigung erdacht

wird Sprache heut‘ aus Niedertracht

missbraucht von Menschen mit viel Macht,

Gewaltbereitschaft und dem Wahn

die Welt zu formen nach dem Plan

sich all‘ zu machen Untertan

Getreu dem Alten Testament

auf dass man die Brisanz erkennt

ein Spruch, fürwahr nicht frei von Wahn:

„Macht Euch die Erde Untertan!“

Erstes Buch Mose 1,28

das wirkt nun doch ein wenig ranzig

Die Meinungsfreiheit gilt bald bloß

noch auf den wohnungseig’nen Klos

falls nicht grad‘ Freund Polizei

dein Haus durchsucht auf ‚Schweinereien‘

gegen die Systemparteien

Zugleich setzt man den Heil’genschein

des ‚Werte-Westens‘ sich noch auf

kocht’s hoch mit Propagandaschleim

und lässt dann der Hybris freien Lauf

mit Narrativen, krud‘ erdacht

von des Russen Hang zur Macht,

der konventionell zwar viel zu schwach

an Kämpfern, Bombern, Feuerkraft,

um ganz Europa zu gefährden

„Doch seht nur: Putins Drohgebärden!“

heult da auf der Medienapparat

gestützt von Politik und Staat

„Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit:

alternativlos in der heut’gen Zeit!“

5.

Der Sieg, der fühlt sich gut an – sagt man

Verhandlungen? – dagegen kaum

So rüstet man von Stund‘ an – auf!

für’s Schießen, Bomben, Hacken, Hau’n

Auch wird so’n Krieg im Vorfeld durchgerechnet

von A bis Z – man glaubt es kaum! –

Abweichler wie Jacques Baud geächtet

entehrt im so bunt-medialen Raum

George Friedman vom Think Tank ‚Stratfor‘

sagte schon elf Jahr‘ zuvor:

„’ne Freundschaft Deutschlands mit den Russen,

die werden wir niemals begrußen

im Geygentail: Die darf nicht sain:

Denn die könnt‘ zu erfolgraisch sein!“

6.

Kontaktschuldnarrative spalten

können Widerstände geil verwalten

Der Kampf wird ins Parterre verschoben

derweil im Penthouse, ganz, ganz oben,

sind kühle Spin Doctors extrem gut drauf:

„Läuft ja noch besser als beim Probelauf!“

Die Medien spei’n – mal Angst, mal Eiter

derweil der ‚Meinungskorridor‘ schrumpft weiter

Doch viele wähl’n wie früher weiter

der Deutsche war schon mal gescheiter

obwohl man ihn macht immer pleiter

Er ist nun mal nicht grad‘ ein Fighter

Erst wenn’s massiv an’s Geld geht, schreit er

Hans und Liesl hält man so im Zaum

doch hab‘ ich dennoch einen schönen Traum:

7.

Wann werden es die Leut‘ versteh’n

an sich sollt‘ dies sein: kein Problem

Ich mein‘: rein intellektuell

daher nochmal – rein strukturell:

Soll Widerstand breit möglichst sein,

kann nicht jeder Inhalt rein

für den die Lager sonst so steh’n

Auch wenn Ihr zuckt! Echt unbequem!

Das ist nun mal nicht angenehm

Auch wenn Ihr muckt: „Des geht gaa net!

Bleibt bloß mir mit den Nazis weg!“

Denn wenn’s um Krieg geht oder Frieden

so sei es uns zuletzt beschieden:

Nur gemeinsam schaffen wir den Schritt:

Bei Kriegen machen wir nicht mit!

Nur gemeinsam schaffen wir den Schritt:

Bei Kriegen machen wir nicht mit!

8.

Die solchen Konsens unterlaufen

sollten mal das Hirn sich raufen

denn was kann denn noch rechter sein

als Russland nennen: „Ew’ger Feind!“

Nachdem man schon im Weltenkriege

gegen Russland aufmarschierte

fabulierend damals schon vom Siege

und zig Millionen massakrierte

Was könnt‘ reaktionärer sein

unter’m deutschen Heil’genschein

als Russland nennen: „Ew’ger Feind!“

Nachdem man ihm zu Leib gerückt

ein Bürgerkrieg ward angefacht

und die Gesamt-Ukraine argst ‚beglückt‘

zu schlüpfen unter’s NATO-Dach

Also, nochmal aufgemerkelt:

Wenn’s um Krieg und Frieden geht

wenn Frieden auf dem Spiele steht:

Alles sonst zur Seite steht

Nicht mehr die Zeit für Grabenkämpfe

für No-Go’s und Kontaktschuldkrämpfe

Denn dies ist der zentrale Schritt:

Bei Kriegen machen wir nicht mit!

Gemeinsam bloß ist es zu schaffen:

Handeln mit Worten statt mit Waffen!

Ja, dies bleibt der zentrale Schritt:

Bei Kriegen machen wir nicht mit!

Nur gemeinsam noch ist das zu schaffen:

Handeln mit Worten statt mit Waffen!

Jan Veil | 01.04.26

Quelle: Jan Veil

Hinweis: Gastbeiträge geben immer die Meinung des jeweiligen Autors wieder, nicht meine. Ich veröffentliche sie aber gerne, um eine vielfältigeres Bild zu geben. Die Leserinnen und Leser dieses Blogs sind auch in der Lage sich selbst ein Bild zu machen.

„Lass Gott aus dem Spiel. Mitch Bergers dritter Fall“ von Harald Lüders – Rezension

Nun gibt es also den dritten Mitch-Berger-Krimi von Harald Lüders. Ich kannte bislang keinen einzigen der Vorgänger. Und auch Harald Lüders nicht. Lüders war über dreißig Jahre als Autor, Reporter und Redakteur für das Fernsehen gearbeitet.

Also ging es munter los und hinein in den Thriller Mitch Bergers dritten Fall; „Lass Gott aus dem Spiel“.

Mitch Bergers Konto hatte schon bessere Zeiten gesehen. Da kommt ihm der Auftrag eines bekannten Magazins eigentlich ganz recht:

Der neue Job ist einfach und doch anspruchsvoll Mitch hat diesmal ein Heimspiel gewonnen. Das Magazin will einen großen Artikel über das Frankfurter Bahnhofsviertel, über das Quartier, das gerade einen Riesenhype erfährt, in dem die Preise für Immobilien explodieren, was Investoren aus aller Welt anzieht. Die paar Straßen zwischen Hauptbahnhof und Städtischen Bühnen, zwischen Mainzer Landstraße und dem Main standen bis vor Kurzem für eine runtergekommenes Rotlichtmilieu, für eine krasse Junkieszene, aber auch für ein weitgehend friedliches Multikultimit- oder besser -nebeneinander.“ (S.10)

Gentrifizierung ist ein großes Thema geworden. Nicht wird mehr sein, wie es einmal war. Alte Mieter und Rotlichtbetriebe werden verdrängt. Leute mit viel Kohle investieren in Luxuswohnungen.

Also frisch ans Werk. Wenn da nur nicht ein Haken wäre: Das Magazin besteht darauf, ihm einen türkischstämmigen Journalistenkollegen, Enis, an die Seite zu geben, der am Artikel mitarbeitet. Die Redaktion wird seiner Meinung wohl so entschieden haben: „Einfache Logik: Tritt man einen Muslim auf die Füße, macht das besser ein anderer Muslim. So machen das deutsche Redaktionen.“ (S.11)

Mitch trifft sich mit Enis in einer Frankfurter Bar, die er noch nicht kennt. Enis erzählt ihm, dass er schon öfters für das Magazin gearbeitet hat, (…)“dass aber aber nach der Affäre um einen fälschenden Reporter neuerdings gerne mit zwei Autoren gearbeitet werde“.

Wir sollen wohl gegenseitig drauf achten, dass hier keinem die Fantasie durchgeht.“

Mitch stimmt grummelnd zu.

Und leistet sich dann gleich einen Fauxpas: „Von wo aus der Türkei kommst du eigentlich?“

Enis ist natürlich sofort bedient: „Nicht dein Ernst jetzt, ich komme aus Bornheim, habe mein Leben lang hier gelebt, frag bitte nicht so ne dumme Scheiße.“

Das Geplänkel geht weiter. Über dies und das sowie Fußball und die Türken.

Dann sagt Enis etwas sehr Wahres: (…)“Und noch was, ich sage dir, es verdammt schwer sich in dieses Deutschland einzuleben. Weißt du, warum? Weil viele Deutsche zu sich selbst und ihrem Land ein total verklemmtes Verhältnis haben. Manchmal denke ich, die Deutschen ersticken an ihrer Geschichte. Entweder sind sie total stolz darauf, dass ihr Großvater ein verdammter Nazi war. Die ganze 68er-Generation ist doch so drauf. Nur, was habe ich mit dem verdammten Opa zu tun?“ (S.14)

Da wird Mitch nachdenklich und stimmt Enis zu.

Ein Thriller aus der Hauptstadt des Verbrechens

Sein dritter Fall führt den Journalisten Mitch Berger in seine Stadt – mitten hinein in das Frankfurter Bahnhofsviertel, um vor Ort einen brisanten Auftrag zu erledigen.

Integrationsprobleme, Drogenhandel, offene und versteckte Prostitution, Bandenkriege und die immer heißer werdende Spekulation mit Immobilien im Viertel bilden den Hintergrund dieses atemlosen Thrillers. Was im multikulturellen und schaurig schönen Rotlichtviertel zunächst harmlos beginnt, steigert sich zu einem blutigen Verwirrspiel mit Menschen, die nichts zu verlieren haben – außer ihrem Leben.“ Quelle: Westend Verlag)

Na, da ist man doch gleich „angefixt“. Der Thriller verspricht eine spannende Lektüre zu sein. Und das ist sie tatsächlich. Es dauert nämlich nicht lange und das weltoffene Frankfurt erlebt eine Krise. Ein Anschlag auf eine Moschee ruft ein explosives Klima aus Wut und Hass hervor. Bürgerkriegsähnliche Zustände schaukeln sich hoch. Mitch Berger ist dabei. Und zwar mittendrin. Zwischen den Fronten. Im Visier von Ausländerfeinden, Islamisten und eiskalten Killern. Und selbst die CIA mischt mit. Jede Menge zwielichtige Typen sind ebenfalls im Spiel. Ein verdammt saftige Mischung. Mit brenzligen Momenten. Da kann es gar nicht langweilig werden. Schüsse. Action. Terror. Tote. Es fließt jede Menge Blut. Der Leser glaubt sich immer wieder auf der richtige Fährte und muss dann doch wieder feststellen, dass er sich hat täuschen lassen. So soll ein Thriller auch „gestrickt“ sein.

Früher hieß es Blut ist dicker als Wasser, heute heißt es Geld ist dicker als Blut. Willkommen in der Wirklichkeit.“ (Quelle: Westend Verlag)

Da fließen auch wahre Geschichten ein, die Mitch Berger seinem Kollegen Enis erzählt (S.20/21): „Ja, es gibt hier eine Menge starker Geschichten. Mich fasziniert die Story der Beker-Brüder, die lange Zeit als die heimlichen Chefs des Viertels galten. Dass nur gut drei Jahrzehnte nach dem Holocaust sich zwei Juden in einem deutschen Rotlichtviertel durchsetzen konnten, aus dem Stoff würde man in Hollywood einen Blockbuster machen. Aber für unsere Story sind das natürlich alte Kamellen, unsere Geschichte spielt heute und muss danach fragen: Ist das hier wirklich ein friedliches Multikulti-Biotop, oder laufen unter er bunten Decke ganz andere Sachen ab? Wir dürfen auf keinem Fall eine Friede-Freude-Eierkuchen-Story abliefern. Wir müssen auch die bösen Jungs beschreiben, die Konflikte zwischen den alten Bewohnern und den neu Angekommenen. Und dann sehen, wie der Einmarsch des Geldes alles verändert.“ (Zu den Beker-Brüdern hier etwas; Quelle: Spiegel)

Gleich mehrmals bringt Mitch bei seinen Recherchen sich selbst – und das als investigativer Journalist! – ziemlich riskant und geradezu dilletantisch zu Werke gehend, in höchste Gefahr. Das soll gewiss die Spannung steigern. Doch es verstimmt eher. Und ist – jedenfalls für mein Empfinden dann doch ein bisschen zu viel – weil schwer nachvollziehbar.

Während andere Klischees, die bei dem beleuchteten Spektrum an Problemen und Erscheinugen kaum auftauchen, kam Lüders offenbar an einem nicht vorbei: Ein gedungener Killer wird natürlich in Ex-Jugoslawien geordert! Man erinnert sich an manchen Fernsehkrimi in den 1990er-Jahren bis manchmal noch ab und an ins Heute hinein, wo der Bösewicht stets ein Serbe sein musste.

Und noch ein Fauxpas, wenn ich mehr die Mäkelei erlauben darf, die Autor „den neuen Star der Frankfurter Mordkommission“ (S.36), Canan Aydin (auf die toughe und gut aussehende Kriminalistin hat Mitch Berger sofort ein Auge geworfen) an die Adresse ihrer Sekretärin sagen (S.297): „Mach mir rasch einen Termin beim Staatsanwalt. Wir beantragen einen Durchsuchungsbefehl für die Kronberger Villa von Dr. Carl Steinhoff.“

Wieder so ein Begriff, wo sich bei mir so manchem TV-Krimi immer die sträuben! Schließlich heißt es doch juristisch korrekt: Durchsuchungsbeschluss.

Das ist in etwa so, als ob ein Elektriker von einer Glühbirne statt – wie es korrekt wäre – von einer Glühlampe spräche. Heute müsste eigentlich von einem Leuchtmittel die Rede sein. Schließlich sind Glühlampen out und durch LED-Leuchtmittel ersetzt.

Oder mir geht der Hut leicht hoch, wenn ein Aufzug oder Lift „Fahrstuhl“ genannt wird. Mir sagte mal ein Fachmann bei einer Einweisung zum betrieblich Aufzugführerschein: „Fahrstuhl fährt jemand, der den Aufzug regelwidrig benutzt hat!“ Wollte bedeuten, dass derjenige dann in der Regel behindert ist.

Gewiss ist manches halt eingebürgert und Alltagssprache. Aber eine Kriminalhauptkommissarin sollte doch wohl schon fachlich sauber sprechen, oder? Doch nun genug mit der Korinthenkackerei.

Doch sorry, halt, noch eine kleine Stichelbeere: Als Mitch wieder einmal in die Bredouille geraten ist, hat er eine Idee (S.294). Er wählt die 112 (!) Mitch flüstert in den Hörer, um die Polizei zu alarmieren: „Ich glaube, ich beobachte gerade einen Einbrecher, Am Unterberg direkt am Golfplatz.“

Dann schreibt der Autor: „Mitch kalkuliert, dass er einige Minuten hat, bis ein Streifenwagen am Eingang der Villa vorfährt.“ Er wählt also den Feuerwehrnotruf, um die Polizei rufen? Das funktioniert sicher auch. Aber sollte ein Journalist den Polizeiruf 110 nicht kennen? Schwer vorstellbar.

Ein spannender Thriller, der mit vielen Überraschungen aufwartet. Interessant dabei, dass Autor Harald Lüders auch reale Personen und Ereignisse, die so geschehen sind, in seinem Thriller verwendet bzw.benannte hat. Das verleiht dem Buch etwas Authentisches. Und man sagt sich: So ist die Welt. Weniger gut als mancher denkt eben. War es je anders? Und man kann sich angesichts eines Blicks auf die Gegenwart auch des Eindrucks nicht erwehren: Es ist auch so, dass es kaum besser geworden ist. Im Gegenteil.

Noch nie hatte Geld eine solche Macht wie heute. Geld regiert die Welt. Sagt der Volksmund. Und Oskar Lafontaine meinte nach der Finanzkrise: Noch nie habe dieser Satz, Geld regiert die Welt, so gestimmt wie heute. Allein Blackrock verwaltet heute nahezu 8 Milliarden US-Dollar! Mehr als ein einziges Land zur Verfügung hat. Bei Deutschland dürften es etwa um die 4 Milliarden sein. Jean Ziegler konnte sagen: „Die 85 reichsten Milliardäre besitzen einen so großen Anteil an allen pro Jahr weltweit produzierten Reichtümern wie die 4,5 Milliarden ärmsten Menschen. Das muss man sich mal vorstellen. Diese Oligarchen haben eine Macht, wie kein König, kein Kaiser und kein Papst sie je hatte. Deshalb braucht es einen Aufstand des Gewissens, der von der Zivilgesellschaft kommt.“

Ich gebe eine Leseempfehlung für „Lass Gott aus dem Spiel“. Und kann mir sogar eine Verfilmung des Thrillers vorstellen.

Harald Lüders

Lass Gott aus dem Spiel. Mitch Bergers dritter Fall

 

Erscheinungstermin: 03.08.2020
Seitenzahl: 336
Ausstattung: Klappenbroschur
Artikelnummer: 9783864893056

16,95 Euro

Harald Lüders liest aus seinem Buch spricht zur Thematik