Dortmund: 2. Roma Kulturfestival DJELEM DJELEM mit der Performance „Schubladen“ eröffnet

Ouvertüre zum Festival: Das Projekt "Schubladen" im Dortmunder Theater im Depot; Fotos. C.-D. Stille

Ouvertüre zum Festival: Das Projekt „Schubladen“ im Dortmunder Theater im Depot; Fotos. C.-D. Stille

Jeder Mensch hat Vorurteile. Besser gesagt: eignet sie sich im Laufe des Lebens an. Denn mit Vorurteilen kommen niemand auf die Welt. Wer Vorurteile teilt oder selbst welche fällt, tut sich sich schwer damit, diese zu bekämpfen oder gar abzubauen. Eine empfehlenswerte Medizin, dies zu tun, ist das Buch „Achtung! Vorurteile“ des leider zu früh verstorbenen Sir Peter Ustinov.

Damit alles schön einfach bleibt

Und wo es Vorurteile gibt, existieren auch Schubladen. Schubladen, um Menschen hineinzustecken. Damit alles schön einfach bleibt. Damit das eigne Weltbild bloß nicht ins Wanken gerät.

Am 2. September ist das 2. Roma Kulturfestival „DJELEM DJELEM“ im Dortmunder Theater im Depot auf der Immermannstraße eröffnet worden.

Sozusagen als Ouvertüre zum Festival ging das interessante Projekt „Schubladen“ über die „Bühne“, wo einst Dortmunder Straßenbahnen repariert und gewartet wurden.

Nicht einfach, aus Schubladen wieder herauszukommen

Die zündende Idee dahinter war, dass „Schubladen“ im Sprachgebrauch nicht selten Synonyme für begrenztes, vorurteilsbehaftetes Denken sind. Im Alltag erweist sich ihr Gebrauch als überaus nützlich, um das eigene Weltbild zu pflegen und nur nicht revidieren zu müssen. Gerade in Deutschland sind Schubladen reichlich in Gebrauch. Wer einmal – sei es als Einzelperson oder gar als Volksgruppe in eine solche hineingesteckt wurde, kommt schwerlich wieder heraus. Auch die Medien sind da keine große Hilfe: eher ist das Gegenteil der Fall.

Das Projekt

Blick in eine der Schubladen.

Blick in eine der Schubladen.

Das Projekt „Schubladen“ von kulturpflanzen e. V. hat gemeinsam mit Akteuren in der Nordstadt, insbesondere Roma und anderen Migranten ein Projekt auf die Beine gestellt, das gestern nun erstmalig im Rahmen des Roma Kulturfestivals „DJELEM DJELEM“ präsentiert wurde. Bespielt wurde ein Objekt aus gebrauchten Schubladen, die von bodo e. V. gesammelt wurden.

Hier geht es um Fußball ...

Hier geht es um Fußball …

Zusammengefügt und gebaut wurden sie von der Jakob-Muth-Schule in Bochum. Gefüllt sind die Schubladen mit Geschichten und Gegenständen, die erzählen, wie Roma und andere Migrantinnen und Migranten Deutschland sehen.

Was sie u.a. beschäftigte:

„Wie die Deutschen mit Tieren umgehen, gefällt mir. In Rumänien und Spanien werden sie mit Füßen getreten.“

 

„Ich habe geglaubt, dass in Deutschland mehr Licht ist. U-Bahnen kannte ich vorher nicht.“

 

„Meine Tante in Rumänien wohnt in einem Haus mit Schlangen. Hier gibt es sowas nicht.“

 

„Es ist gut, dass es im Kindergarten so viel Platz zum Spielen gibt.“

Die Akteure, Kinder und Jugendliche, geboren in Spanien, Rumänien oder Deutschland, die alle zusammen in Dortmund leben, vermochten den Grundgedanken dieser Performance mit Bravour herüberzubringen. Jeder und jede hat eben (von Außen) bestimmte Vorstellungen (bzw. Vorurteile) über ein Land und seine Menschen. Nicht selten müssen diese Vorstellungen bei Eintritt in die Wirklichkeit dieses Landes und seiner Menschen revidiert werden. Das Gleiche gilt für hier geborene Menschen, betreffs ihres Blickes auf Ausländer.

Schlummernde Potentiale bei den Zugewanderten

Einer der Höhepunkte von "Schubladen".

Einer der Höhepunkte von „Schubladen“.

Im Verlaufe der kleinen Vorstellung wurde gerade bei der  Eigenvorstellung der Kinder deutlich, welche Potentiale in Migranten vorhanden sind: „Ich heiße … und komme aus Rumänien. Ich spreche Rumänisch, Romanes und etwas Deutsch.“ Oder: „Ich komme aus Spanien und spreche Spanisch, Romanes, Englisch und bisschen Deutsch.“ Und die deutschen Mädchen: „Ich spreche Deutsch und Englisch und … Deutsch.“  Bei den Zuschauern schien für Momente eine Idee auf, wie das Zusammenleben von Migranten und Mehrheitsbevölkerung gegenseitig befruchtend sein könnte.

Künstlerische und pädagogische Leitung des Projektes und Umsetzung:
Manuela Wenz und Lena Leniger, kulturpflanzen e. V.. Förderer & Veranstalter: Interkulturelles Zentrum, bodo, Kultur Rucksack NRW sowie kulturpflanzen e. V.

Guter Start ins Festival

Ausgelasse Stimmung bei den Gästen.

Ausgelassene Stimmung bei den Gästen.

Ein zu Herzen gehendes – engagiert vorgetragenes und mit Leben erfülltes Projekt! Eine hervorragende Ouvertüre zum Start des 2. Roma Kulturfestivals in

Bulgarische Straßenmusiker gaben alles. Im Hintergrund ein Büffett mit Balkanspezialitiäten.

Bulgarische Straßenmusiker gaben alles. Im Hintergrund ein Buffet mit Balkanspezialitiäten.

Dortmund. Für Stimmung sorgten bulgarische Straßenmusiker – dazu wurde ausgelassen getanzt. Dazu bestens passend, stand für die Gäste ein Buffet  mit leckeren Balkanspezialitäten bereit. Wenn das kein guter Start in das Festival war!

Dortmund: Begegnungs- und Willkommensfest für Geflüchtete bei bester Laune und schönem Wetter

Flyer zum Fest; via Projekt Ankommen e.V.

Flyer zum Fest; via Projekt Ankommen e.V.

Für den heutigen Sonntag hatte der neu gegründete Verein „Projekt Ankommen e.V.“ in Kooperation mit dem Verein „Naturfreunde  Kreuzviertel e.V.“ ein Willkommens- und Begegnungsfest für Geflüchtete organisiert.

Eingeladen waren alle Bewohner der Dortmunder Flüchtlingsunterkünfte, aber auch Geflüchtete, die in eigenen Wohnungen untergebracht sind, sowie Ehrenamtliche, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren. Darüber hinaus willkommen waren natürlich auch Nachbarn, Freunde und Interessierte.

„Das Programm kann sich sehen lassen“, hatte Nahid Farshi, die Vorsitzende des Vereins „Projekt Ankommen e.V.“ und Organisatorin des Begegnungsfestes angekündigt: „Hier ist für jeden etwas dabei!“

Und so geschah es dann auch. Schon vor Beginn des Festes um 14 Uhr fanden sich zahlreiche Festgäste bei noch einmal herrlichem Sommerwetter ein.

Bezirksbürgermeister Friedrich Fuß: Alles dafür tun, dass eine humanitäre Einstellung ein Gesetz des Herzens wird

Bezirksbürgermeister Friedrich Fuß (Mitte) eröffnet das Fest; Foto: C.-D. Stille

Bezirksbürgermeister Friedrich Fuß (Mitte) eröffnet das Fest; Foto: C.-D. Stille

Die sonntäglichen Festgäste wurden von Bezirksbürgermeister Friedrich Fuß begrüßt.

Fuß erinnerte daran, dass der Stadtteil vom Regierungspräsidenten den Integrationspreis wegen hervorragender Flüchtlingsarbeit verliehen bekommen hat. Die Bevölkerung des Stadtbezirks, so Fuß, wolle, dass die „wir die Flüchtlinge als unsere Gäste betrachten“. Die Bereitschaft zu Geld- und Sachspenden sei ungebrochen, lobte Friedrich Fuß. „Die Bettlaken mit der Aufschrift ‚Willkommen!‘, die die Gäste als erstes sind Ausdruck einer humanitären Kultur dieses Stadtbezirkes“. Man wisse, hob der Bezirksbürgermeister hervor, dass die Gäste nicht leichtfertig und freiwillig kommen: „Sie fliehen vor Mord und Totschlag. Sie fliehen, weil ihr Leben in Gefahr ist. Sie fliehen vor einer Terrorgruppe, die nicht nur Bilderstürmerei betreibt und wertvolle Kulturgüter zerstört. Nein, sie töten jeden der sich nicht ihrer unmenschlichen Vorstellung von Gesellschaft anpasst und mitmacht. Diese Terroristen wollen zurückkehren in einen vorvernünftige Zeit. In eine Zeit, die nicht von Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit geprägt war.“ Weil Menschen von diesen Terroristen „ins Mittelalter zurückgeschossen werden sollen“, müssten wir bereit sein, sie hier als Gäste aufzunehmen. „Es sind Menschen wie wir, die selbstbestimmt leben wollen“, so Fuß weiter. Niemand wolle gerne seine Heimat verlassen und seine Lieben zurücklassen. Er wisse auch, dass nicht alle Menschen die Meinung teilten, dass die Flüchtlinge hier aufgenommen gehörten. „Einige solcher Menschen leben auch hier im Stadtbezirk.“ Aber es seien nur wenige. Und Rückhalt in der Bevölkerung hätten sie nicht.

Dann redete Fuß Klartext: „Menschen die Häuser in Brand stecken in denen Kindern und Frauen, Alte und Gebrechliche, Schlafende wohnen und leben – solche Menschen sind Terroristen. Wir müssen sie auch so nennen.“ Der Redner betonte, dass jeder Mensch das Recht auf Freizügigkeit und auf ein menschenwürdiges Leben habe. „Wir sollten alles tun, dass diese humanitäre Einstellung ein Gesetz des Herzens wird.“ Als Menschen werden wir weltoffen geboren. Uns steht es frei gut und böse zu handeln. Ich bitte Sie, ich bitte uns alle, sich für ein gutes Handeln zu entscheiden. Für ein Leben mit den anderen, vor allen mit denen, die bei uns Schutz suchen. Bedenken Sie: Wir sind er Garant für ihr Leben! Für ein Leben in Freiheit und in Sicherheit.“ Den Westpark bezeichnete Friedrich Fuß als „Park der Nationen“. Damit war das Fest eröffnet.

Speisen und Getränke waren wie die Gäste multikulturell; Foto: Stille

Speisen und Getränke waren wie die Gäste multikulturell; Foto: Stille

Naturfreunde Kreuzviertel e.V sorgten für Kaffee und Kuchen. Für Kinder stand eine Hüpfburg zur Verfügung. Kinderschminken wurde angeboten. Angeseilt konnte – wer wollte – sich im Kistenklettern versuchen. Eine Fahrradwerkstatt führte kleine Reparaturen an Drahteseln aus. Der Adlerkiosk bot an seinem Stand türkische Grillspezialitäten an. Eine Abordnung des Restaurants „Sweet Chili“ waretete mit leckeren tamilischen und indischen Speisen auf. Alevitische Leckereien waren ebenso gefragt wie von nigeranischen Studenten bereitete Happen.

Es musiziert u.a. die Gruppe "Name"; Foto: Stille

Es musiziert u.a. die Gruppe „Name“; Foto: Stille

Den musikalischen Part bestritt znächst die Gruppe „Name“. “ Name“ ist nicht zu verwechseln mit dem gleichlautenden deutschen Wort, es bezeichnet vielmehr ein langes Lied oder Gedicht in der türkischen Kultur. Die Band greift neben türkischen auch Einflüsse aus der persischen Musik und westlichen Sounds auf.

Zwischen den Auftritten gab es internationale Musik aus der Konserve zu hören, aufgelegt von DJ Frank und DJ Nessano.

Neben Kioomars Musayyebi am persischen Hackbrett „Santour“ sollten weiters spielen einige Veteranen der Dortmunder Worldmusic-Szene: Kioomars Musayyebi – Santour, Hasan Görgün – Darbuka, Percussion, Thomas Hopf – Schlagzeug, Jens Pollheide – Bass und Flöte. Später war eine kurdisch-syrische Musiker-Gruppe angekündigt. Amer und Taher Mohammad sowie Abdulsalam leben seit einem Jahr in Deutschland. Sie spielen und singen kurdische Volkslieder.

Für den Abend standen die Do-Town Wonder Bros auf dem Ablaufplan: „Vier Dortmunder Jazzprofis widmen sich den Motown Sounds der 60er und 70er Jahre, mit Soul- und Motown-Klassikern von Stevie Wonder über James Brown bis zu den Rolling Stones im jazzig-smoothen Barsound. Wah-Wah-Gitarre trifft auf jazziges Saxophon, der Kontrabass knurrt funky über entspannten Percussiongrooves.“

„Es soll ein friedliches Fest werden“, hatte Nahid Farshi im Vorfeld des Willkommensfestes gesagt: „Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Feiern, das gegenseitige Kennenlernen und der interkulturelle Austausch.“ Und so war es auch. Toll war es! Immer wieder wurde auf dem Rasen vor der Bühne spontan zu orientalischer Musik mitgetanzt.

Der Verein „Ankommen e.V.“ wurde im April 2015 gegründet. „Zusammengefunden haben sich die meisten von uns durch unser ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsunterkunft in der Adlerstraße“, hatte Astrid Cramer, stellvertretende Vorsitzende des Vereins vor der Veranstaltung erklärt. Der Verein unterstützt nun vor allem die geflüchteten Menschen, die bereits in ihren eigenen Wohnungen leben. Die Hilfsangebote für diese Menschen sind begrenzt und oft gar nicht bekannt.

„Konkret helfen wir den Menschen bei Auszügen, vermitteln Patenschaften zwischen Dortmundern und den Geflüchteten, helfen bei Arzt- oder Amtsgängen, planen Aktionen, Veranstaltungen und bieten aktuell für rund 30 Geflüchtete einen Deutschkurs mit Kinderbetreuung an“ informierte Cramer. Unterdessen hat der Verein immer öfters Erfolge zu vermelden.

Multikulti ist tot? Der Eindruck vermittelte sich an diesem Sonntag nicht. Jedenfalls nicht im Dortmunder Westpark – einem der schönsten der Ruhrgebietsstadt.

Free21 – Das Magazin. Läuft! Eine Begegnung mit Chefredakteur Tommy Hansen

20150808_153409

Free21-Chefredakteur Tommy Hansen (links) mit Verbriebsmitarbeiter Lukas Puchalski am Infostand des Magazins in Dortmund; Foto. C.-D. Stille

So was kommt von so was. Wer den Zustand des Journalismus in diesem Lande in den letzten Jahren kritisch und mit wachen Augen verfolgt, schlägt die Hände über den Kopf zusammen. Nicht einmal bei den so genannten Leitmedien schaut besser aus. Auch über die journalistische Qualität unserer von unseren Beiträgen finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten muss des Sängers Höflichkeit schweigen. Kurzum: Die Vierte Macht im Staate kommt der Erfüllung ihrer Aufgabe nur noch ungenügend war. Und das ist noch geschmeichelt ausgedrückt. Man muss auch gar nicht die doch letztlich fragwürdigen Begriffe „Gleichschaltung“ oder „Lügenpresse“ bemühen. Wie auch immer. Stimmen tut das, was Willam Shakespeare Hamlet in seinem gleichnamigen Stück sagen lässt: Da ist etwas faul im Staate Dänemark. Das sagte sich auch der dänische investigative Journalist Tommy Hansen. Und der Mann weiß: In Deutschland (sh. Einleitung) sieht es kein Stück besser aus.

Die Vierte Gewalt funktioniert einfach nicht mehr

Hansen persönlich verortet den Tag, an dem der seriöse Journalismus seiner Meinung nach „einfach gestorben“ sei, rund um den Anschlag von 9/11. Seitdem würden keine kritische Fragen mehr gestellt: „Man untersucht die Hintergründe (des Anschlags; d. Autor) nicht mehr“, sagte Tommy Hansen auf einer Veranstaltung der „Friedenstournee 2015 kürzlich in Dortmund. Seither mache man „alles was gegen Journalismus spricht“.“ Tommy Hansen: „Die Vierte Gewalt funktioniert einfach nicht mehr.“

Vor  einem Jahr noch hatte Hansen auf einem Feld in Dänemark gesessen und mit Ken Jebsen über sein Idee gesprochen

Am Rande der Veranstaltung hatte ich Gelegenheit mit Tommy Hansen und Lukas Puchalski ein paar Worte zu wechseln. Ich treffe beide am Stand von „Free21“. Die Idee zu diesem Magazin ist ihm noch in Dänemark gekommen. Statt angesichts des in seinen Augen gestorbenen Journalismus zu resignieren, sagte sich Hansen: „Es reicht! Das hat nichts mehr mit Journalismus zu tun.“ Die Bevölkerung wurde mehr und mehr angelogen oder bestimmte Informationen wurden einfach nicht in den Medien transportiert. Die Idee zu einer Art „Fünften Gewalt“ kam ihm. Vor einem Jahr noch hatte Hansen auf einem Feld in Dänemark gesessen habe Ken Jebsen von KenFM von seiner Idee, interessante Geschichten aus dem Internet zu holen, um sie auszudrucken und weiter zu verbreiten (hier das Video). Den Namen „Free21“ leitete der Journalist von einem UN-Begriff, der Agenda 21, ab. Hansens Intension dabei: Es galt einen „freien Journalismus des 21. Jahrhunderts“ zu machen.

Ein Jahr nach der Begegnung mit Jebsen auf einem Feld in Dänemark ist aus der Idee etwas Greifbares geworden, das sich sehen lassen kann. Zunächst war es angedacht kritische Artikel, die woanders unter den Tisch fallen, weil sie von den Chefredaktionen der Leitmedien aus den unterschiedlichsten Gründen nicht gewünscht sind, ins Internet zu stellen. Damit sie von den Lesern als PDF-Dokument ausgedruckt und somit vor eventuellem Löschen im Netz zu bewahrt würden und weiter verteilt werden konnten. Nun ist darüber hinaus ein entsprechend gelayoutetes gedrucktes Magazin herausgekommen. Nicht unwesentlich verdanken wir diese Weiterentwicklung von Hansens Idee Free21-Mitstreiter Lukus Puchalski aus Köln, der vergangenen Samstag auch mit am Info-Tisch in Dortmund saß. Inzwischen gibt es zwei Ausgaben. „Free21“ erscheint Quartalsweise.

Keine schlechte Bilanz

Wie ist nun der Stand der Dinge, will ich in Dortmund wissen. Free21-Chefredakteur Tommy Hansen und der hauptsächlich für den Vertrieb zuständige Lukas Puchalski berichten stolz von 1300 Lesern, die Free21 bereits abonniert hätten. Ich erfahre, jeder dieser Abonnenten erhält für den Preis von 15 Euro jeweils 20 Exemplare. Das heißt, behält man eines dieser Magazin-Ausgaben, können jeweils 19 andere an Freunde und Kollegen abgeben werden. Oder sie werden an Orten ausgelegt, wo viele Leute vorbeikommen. In der Uni, auf dem Arbeitsamt – der Möglichkeiten sind ja viele. Unterdessen erreiche Free21 zwischen 30- und 40 000 Leute, sagte mir Lukas Puchalski. Keine schlechte Bilanz!

Traum vom „weltgrößten Printmedium“

Inzwischen sind die Fühler auch in andere Länder, etwa nach Ungarn, ausgestreckt worden. Die Free21-Beiträge werden von Muttersprachlern in die jeweilige Landessprache übersetzt. So vernetzt sich Free21 immer mehr. Tommy Hansen kann sich vorstellen, dass Free21 weitere Kreise in der Welt zieht. Eigentlich könne Free21 in jedem Land reüssieren. Und Visionen hat dieser inzwischen in Berlin wohnende Däne: Er träumt betreffs Free21 sogar vom vielleicht einmal „weltgrößtem Printmedium“. Ein völlig neues Medium in gewisser Beziehung. Inzwischen ist von Free 21 sogar das erste Youtube-Video transkribiert worden. Wahrscheinlich weltweit einmalig! Es geht dabei um ein spannendes Referat von Professor Rainer Mausfeld („Warum Schweigen die Lämmer?“).

Viele sind an Free21 beteiligt

Am Projekt Free21, hörte ich, sind viele andere Menschen beteiligt: Transkribierer, Rechercheure, Layouter und Crowdfunding-Unterstützer. Gesucht würden noch Leute aus diesen Gebieten und muttersprachliche Übersetzer für Sprachen, in welchen künftig das Magazin auch erscheinen soll. Die Zentralredaktion liegt in Händen von Tommy Hansen. Lukas Puchalski kann sich jeder an Free21 beteiligen. Journalist muss man nicht unbedingt sein. Allerdings müsse seinen „Background transparent machen“. Des Weiteren einverstanden sein mit den Richtlinien von Free21. Die Themen für einen Artikel sollten gut recherchiert sein.

Die Zielgruppe

Für wen ist Free21 nun interessant? Da wären wir wieder beim Anfang des Artikels. Aufgrund der breiten miserablen Qualität des deutschen Journalismus fühlen sich bestimmt Menschen bemüßigt Informationen anderswo zu suchen. Nur gebricht es dazu vielen Menschen gewiss an der nötigen Zeit dafür. Schließlich ist es nicht einfach unseriösen von seriösen Journalismus zu unterscheiden. Das mühsame Recherchieren und Ausklamüsern übernimmt Free21. Denken wir nur an die NachDenkSeiten, leisten in ähnlicher Weise einen nicht zu unterschätzenden Dienst an ihren Leserinnen und Lesern. Von solchen Medien, Davids in der Branche – kann es angesichts der Goliaths auf dem Markt – also gar nicht genug geben. Free21 bringt nun journalistische Beiträge auch in gedruckter Form an die Leser. Auf dem Papier finden diese auch Verweise auf Links im Netz. So hoffen die Macher von Free21 auch Menschen für das Stöbern im Netz zu erwärmen. Free21 will also keine Einbahnstraße sein. Auch die Leser sind gefordert sich zu beteiligen und die Idee weiter zu tragen.

Tommy Hansen: „Es gibt keinen Weg zurück!“

Wohin geht es mit Free21? Tommy Hansen weiß das freilich nicht. Nur soviel: „Es gibt keinen Weg zurück!“ Läuft!, schätze ich mal Free21 betreffend ein. Hansen spricht davon, dass er täglich Vorschläge für Beiträge erhält. Von Wissenschaftler gar und von Buchautoren. Von Journalisten, deren Artikel absichtlich oder unabsichtlich unterdrückt werden. Tommy Hansen ist egal wie es sich im Einzelnen verhält. Er möchte einfach wieder seine Arbeit als Journalist machen und für guten Journalismus werben.

Der Däne aus Berlin zeigte sich jedenfalls optimistisch. Und auch von Dortmund angetan. Oder soll ich schreiben von den Dortmunderinnen? Jedenfalls sollen ihn viele überaus nett gegrüßt haben. Befragt wurde Tommy Hansen jedenfalls an jenem Sonnabend von vielen interessierten Menschen beiderlei Geschlechts. Denn es ging ja um die Sache.

Die deutschen Printmedien verlieren seit Jahren an Lesern. Dass hat zwar nicht nur damit zu tun, dass sie die Aufgaben der Fünften Gewalt nicht mehr ordentlich wahrnehmen. Aber auch. Da ist es nur gut, dass neue Medien wie etwa Free21 auftauchen. So was kommt eben (auch) von so was …

Friedenstournee 2015 mit engagierten Beiträgen in Dortmund

Friedenstournee 2015 in Dortmund; alle Fotos: Claus-Dieter Stille

Friedenstournee 2015 in Dortmund; alle Fotos: Claus-Dieter Stille

Das Wetter in Dortmund ist angenehm. Noch ein bisschen schwül zwar, aber nicht drückend heiß, wie befürchtet. Der Platz, den die Behörden für die Veranstaltung genehmigt haben, ist gut gewählt: Der Reinoldikirchplatz nämlich, unmittelbar am Fuße der Reinoldikirche. Mitten im Zentrum. Dort wo stündlich tausende Passanten in beiden Richtungen vorbeiströmen. Um einen Einkaufsbummel zu machen, oder die Außengastronomien zu frequentieren. Gegenüber einem noblen Juweliergeschäft und einem Fastfoodrestaurant liegt ein schwarzes aufgeblasenes Gummiungetüm, eine „Zinsbombe“, am Wegesrand. Daneben können Interessierte Fragen zum Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) beantworten. Etwa derart: Würden Sie noch arbeiten, wenn es das BGE gäbe? Für die jeweiligen Antworten muss ein Holzwürfelchen in das entsprechende Antwortkästchen auf der großen Bodenzeitung gelegt werden. Ein paar Meter weiter sind diverse Infostände aufgebaut. Es geht um die Themen: Kampagne Ramstein für 25. und 26.9., Kalkar 3.10., TTIP TISA CETA (10.10. Berlin), Solidarität mit Griechenland ein Verein wirbt für die Unterstützung von syrischen Flüchtlingen und ein Stand von Free21 – Das Magazin (mehr dazu hier). Darüber hinaus ein Stand, an welchen gegen Spenden Gebäck und Getränke erworben werden können.

Alubehütete Provokateure und Polizeipräsenz

Auch das: Ringsum Mannschaftsbusse der Polizei. Offenbar gibt es Befürchtungen, dass es zu Störungen kommen könne. Was sich schon bald bestätigen soll. Überdies hat es im Vorfeld der Friedenstourneee Bekundungen der Partei Die Rechte, die ihre Hochburg in der Stadt hat, sich mit den Zielen der Veranstaltungen zu solidarisieren. Mitveranstalter Peter Jüriens tritt dem eingangs der Veranstaltung vehement entgegen und warnt, dieser Personenkreis nebst irgendwelchen Symbolen sei unerwünscht. Bei Zuwiderhandlungen werde die anwesende Polizei gebeten sie des Platzes zu verweisen und das Zeigen entsprechender Symbole zu unterbinden. Dieser Hinweis wird nun Stunde um Stunde wiederholt. Allerdings bleiben die Rechtsradikalinskis, solange der Chronist anwesend war, weitgehend unsichtbar. Dafür tauchen schon bald Leute der Aluhutfraktion, so genannte Antifaschisten und Antideutsche auf. Hin und wieder versuchen sie Rednerinnen und Redner zu beschimpfen („Faschisten“. Und natürlich haben sie es auf die Band „Die Bandbreite“ und Sänger „Wojna“ Marcel Wojnarowicz aus Duisburg abgesehen. Die Band steht immer wieder in der Kritik nicht nur so genannte Verschwörungstheorien (z.B. mittels des Songs „Selbstgemacht“ zu 9/11) zu verbreiten, sondern auch rechts verortet zu sein. Die Band weist das kategorisch von sich. Zu direkten Konfrontation kommt es nicht. Die Provokateure mit den putzigen Alufoliehüten, „Alufa“, wie sie René Rebell auf Facebook nennen wird, schreien sich die Seele aus den Hälsen. Aber stets ist die Bereitschaftspolizei zur Stelle, die die Schreihälse abdrängt und wohl auch Platzverweise erteilt. Eine Israel-Fahne muss eingerollt werden. Die Veranstalter hatten generell dafür aufgefordert Nationalflaggen nicht zu zeigen.

Die Friedenstournee, die sich explizit auf die Friedensbewegung von früher bezieht, wird offenbar von den Protestlern noch immer mit den in der Tat diskussionswürdigen „Mahnwachen für den Frieden“, auf denen auch Redner vom rechten Rand auftreten durften, in Verbindung gebracht.

Ingo Meyer fordert UMfairTEILUNG und eine „soziale, solidarische Gesellschaft“

Ingo Meyer

Ingo Meyer

Erster Redner nach einem musikalischen Auftritt von René Rebell an diesem Sonnabend ist der hoch engagierte Dortmunder DUW-Kreisvorsitzende und Huckarder Bezirksvertreter Ingo Meyer. Er spricht für das BündnisUmfairTEILEN“ seiner Stadt. Meyer kritisiert die massive ungleiche Vermögensverteilung hierzulande und fordert eine „soziale, solidarische Gesellschaft“ (dazu hier mehr in meinem älteren Artikel).

Couragiert: Carmen Dörhöfer-Müller

Carmen Dörhöfer-Müller

Carmen Dörhöfer-Müller

Auf der Friedenstournee in Dortmund redet  auch  Carmen Dörhöfer-Müller (Bonn, Thema: UNO). Eine Frau, die sich schon dreißig Jahre in der Friedensbewegung verschrieben hat. Couragiert setzte sich Dörhöfer-Müller, so richtig in Rage gekommen, mit den wütenden Zwischenrufern der Aluthutfraktion auseinander. Als Faschistin wolle und müsse sie sich nun gerade nicht bezeichnen lassen. Im Verlaufe der verbalen Auseinandersetzung wird klar, dass die jungen Leute einiges durcheinanderbringen, weil sie offenbar desinformiert, beziehungsweise auch in der Geschichte nicht besonders bewandert sind. Dörhöfer-Müller geißelte den „Weltfaschismus“, erinnert daran, dass Deutschland 1999 mit dabei als Serbien das dritte Mal angegriffen wurde.  Wir trügen, sagt sie, die Verantwortung für das was heute geschieht. Und mahnt: „Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt sie zu wiederholen“.

Zappenduster für die Demokratie

In Erinnerung bleiben die Worte der Piraten-Politikerin Regula Rickert aus Kassel. Sie spricht über das so genannte Freihandesabkommen TTIP. Das führe zu nichts anderem als einer „Oligarchie der Wirtschaft“. Käme es, würde es „zappenduster für die Demokratie“. Sie sieht uns „an der Schwelle der Demokratie“ stehen.

Rainer Braun: „Von deutschem Boden geht permanent Krieg aus!“

Rainer Braun

Rainer Braun

Der altgediente Kämpe der deutschen Friedensbewegung, Rainer Braun, erinnert in seinem Redebeitrag an die US-amerikanischen Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Schildert, wie es sich damals zutrug, den unvorstellbaren Schrecken und das Leid, das sie auslösten. Wohl keiner habe den Gedanken von Hiroshima in deutlichere und mahnendere Worte formuliert als der türkische Schriftsteller Nazim Hikmet. Zwei Gedanken zitiert Braun sinngemäß aus dessen Gedicht „Das Mädchen“. Bei Hikmet heißt es (Auszug):

(…) „Zuerst fing Feuer mein Haar,
dann sind mir die Augen verbrannt,
bis ich zu einer Handvoll Asche wurde,,
die durch die Luft wirbelte.

Für mich verlange ich
nichts von euch, nichts.
Ein Kind, das wie Papier brannte,
kann nicht einmal mehr Bonbons essen. (…)

Rainer Braun: „Hat die Menschheit aus Hiroshima und Nagasaki gelernt? Dazu müssen wir als erstes sagen: Nein!“ Denn noch immer gebe auf diesen Planeten 16 000 Atomwaffen. Von denen 4300 stationiert sind, dass sie in Stunden einsatzfähig sind. Und 1800 können sofort abgeschossen werden. Und diese 16 000 Atomwaffen sollen modernisiert werden!“ Effektiver, kleiner und einsatzfähiger auch bei regionalen Konflikten sollen sie werden. „Diese Modernisierung kostet in den nächsten Jahren ein Billiarde US-Dollar! Wie viel Kinder könnten davon zur Schule gehen, wie viel Gesundheitszentren gebaut werden, wie viel Hungern bekämpft und beseitigt werden!“ Von diesem Atomkrieg seien wir nach wie vor bedroht. Sogar wieder so stark wie einst schon einmal. Die von siebzehn Nobelpreisträger herausgegebene Zeitung „Atomic Scientist“ habe im Februar dieses Jahres ihre Atomuhr von fünf Minuten vor Zwölf auf drei Minuten vor Zwölf vorgestellt.

„So nah an Zwölf stand sie das letzte Mal 1984“, gibt Rainer Braun zu bedenken. „Es ist überhaupt nicht ausgeschlossen, dass sich der Konflikt in der Ukraine zu einem großen Krieg auch unter Einsatz von Atomwaffen entwickeln kann. Das muss nicht sein. Aber wer es ausschließt, handelt fahrlässig und unverantwortlich!“ Das müsse verhindert werden. „Atomwaffen müssen weltweit abgeschafft werden“, fordert Braun. Erschreckend sei es, „dass diese Atomwaffen auch immer noch in Deutschland stationiert seien“. 20 Atomwaffen lagerten in Büchel in Rheinland-Pfalz. Diese Atomwaffen seien dafür bestimmt, durch deutsche Flugzeuge, von deutschen Soldaten eingesetzt zu werden. Stichwort: „Nukleare Teilhabe“. Was völkerrechtswidrig sei, jedoch von unserer Regierung praktiziert würde. Die Gefahr, so Braun, „ist nicht vom Himmel gefallen. Sondern Ergebnis einer aggressiven Strategie, die das westliche Bündnis Nato immer weiter nach Osten Richtung Russland ausdehnen ließ. Für den Friedensbewegten gibt es nur einen Weg: „Wir müssen an die Nato gehen. Wir müssen dieses Militärbündnis überwinden!“ Weil es Unfrieden schaffe. Dann geht Rainer Braun noch auf US-Militärstützpunkt Ramstein ein. Den größten außerhalb der USA. „Ramstein ist das Zentrum für den Drohnenkrieg. Kein Drohneneinsatz auf dieser Welt ist möglich ohne Ramstein. Durch die Krümmung der Erde“, erklärt Braun, „ist die Relaisstation Ramstein zur Weiterleitung der Befehle aus den USA zum endgültigen Einsatzgebiet unabdingbar notwendig.“ Braun: „Von deutschem Boden geht permanent Krieg aus!“ In Ramstein sei auch einen Raketenabwehrzentrum im Aufbau, dass solle den atomaren Erstschlag ermöglichen. Ramstein sei so etwas wie eine Drehscheibe für Kriegspolitik und Kriegseinsätze. „Ramstein muss geschlossen werden“, ruft Rainer Braun. Und zum Schluss seiner Rede ruft er zur Beteiligung an der Aktion „Stopp Ramstein!“ auf. Des Weiteren rief Braun dazu auf, zur Demonstration und zur ersten Kundgebung vor der Air Base Ramstein am 25. und 26. September 2015 zu fahren. Zwei Prozent wolle die Bundesregierung künftig für Rüstung ausgeben. Statt bislang 33 Milliarden wären das dann 56 Milliarden. Das Geld müsse woanders hin: „In dieser Stadt Dortmund sieht man es doch, wo das Geld an jeder Ecke fehlt.“ Angesicht der exorbitanten Rüstungsausgaben, die für Krieg in aller Welt genutzt werden könnten, sei dies Diskussion um die angeblich schwierige Aufnahme von Flüchtlingen eine Gespensterdebatte, so Braun zum Abschluss seiner Rede.

US-Tourist: Für Dialog mit Russland

Spontan meldet sich ein Mann bei den Veranstaltern. Er möchte sprechen. Der Tourist ist nach eignen Angaben früherer US-Militär bei einer Panzereinheit. Auf Englisch (später übersetzt durch Peter Jüriens) legt er Wert auf die Anmerkung, das Volk der USA hege keine Feindschaft gegen Russland. Er sähe keinen Konflikt mit Russland und trete für den Dialog beider Länder ein. Herzlicher Beifall auf dem Reinoldikirchplatz.

Spenden für die Flüchtlinge

Vertreter des Vereins Keine Grenzen für Hilfe - Courage zeigen e.V.

Vertreter des Vereins Keine Grenzen für Hilfe – Courage zeigen e.V. Links im Bild Jürgen Lutterkordt Mitveranstalter.

Junge Leute Verein „Keine Grenzen für Hilfe – Jugend zeigt Courage e.V. bitten um Spenden für Flüchtlinge aus dem Nordirak und Syrien: „Jeder kann helfen. Wir wollen ein Zeichen für Frieden setzen. Wir als Menschen müssen den Menschen dort helfen, wenn wir nicht helfen sind wir egoistisch. Und egoistisch wollen wir nicht sein.“

Wojna“: „Wir sind für den Frieden hier“

Wojna von "Die Bandbreite".

Wojna von „Die Bandbreite“.

Vor seinem nächsten Auftritt spricht Bandbreite-Sänger Wojna über faschistische Tendenzen in der Ukraine und dem Verbot der Kommunistischen Partei des Landes. Das sei der Anfang einer Diktatur. Hierzulande werde nicht darüber geredet. Die Massakrierung von Menschen des Rechten Sektors der Ukraine werde medial totgeschwiegen. „Und dann demonstrierten Leute gegen sie, die behaupteten wir sind rechts“, schmetterte Wojna den Störern entgegen. „Wie kommen klar mit jedweder Couleur. Wir kommen klar mit jedem Glauben. Egal jemand Jude, Christ, Moslem oder von mir aus auch Atheist ist. Das ist uns egal. Wir sind für den Frieden hier!“ Nazis hätten ein Problem im Kopf und im Herzen, sagt der Sänger unter Beifall. Dann folgt der „Bandbreite“-Song „Kein Sex mit Nazis“.

Tommy Hansen über das Magazin Free21

Tommy Hansen.

Tommy Hansen.

Nun nimmt der eigens aus Berlin angereiste Chefredakteur des Magazins „Free21“, der Däne Tommy Hansen, das Mikrofon in die Hand. Hansen verortet den Tag an dem Journalismus „einfach gestorben“ sei an 9/11. Seitdem würden keine kritische Fragen mehr gestellt, „man untersucht die Hintergründe nicht mehr“ und „macht alles was gegen Journalismus spricht“. Tommy Hansen: „Die

vierte Gewalt funktioniert einfach nicht mehr. Der investigative Journalist habe sich damals gesagt: „Dann machen wir uns eine Fünfte.“ Hansen erzählt wie mit Ken Jebsen (KenFM) auf einem Feld in Dänemark gesessen habe und ihm von seiner Idee, interessante Geschichten aus dem Internet zu holen, um sie auszudrucken und zu verbreiten (hier das Video). Seine Idee habe auch damit zu tun, dass damals viele seiner Kollegen die Leitmedien verließen, um eigenen Webseiten zu produzieren.

Der Journalist spricht von einer „Weltpremiere“. Man habe nämlich interessante und kritische Artikel vorbereitet und formatiert, ins Netz gestellt und im gedruckten Magazin veröffentlicht. Auch Videos, etwa mit Vorträgen und Interviews des bekannten Schweizer Professors Daniele Ganser, der in drei Sätzen fünfzig verschiedene Fakten aufliste, habe man transkribiert. „Man kann das einfach nicht im Kopf haben. Das geht aber wenn man es auf Papier hat.“ Ebenso verfahren sei man mit einem Referat von Professor Rainer Mausfeld („Warum Schweigen die Lämmer?“): „Ich möchte behaupten, der welterste Youtube-Beitrag, der auf Papier gebracht worden ist.“ Nun könne dieser Vortrag im Netz nicht mehr gelöscht oder zensiert werden. „Das Papier kann kopiert, das kann verteilt werden.“ Vor einem Jahr, resümiert Hansen, sei er mit seiner Idee allein gewesen. „Inzwischen haben wir zwischen 30 und 40 gute Leute, hauptsächlich Deutsche, auch Ungarn und der Türkei, die mitmachen.“ Die Artikel beisteuern. „Wir haben 1300 Leute, die dieses Magazin schon abonniert haben. Was heißt, wir haben 1300 Verteiler von diesem Magazin. Jeder bekommt zwanzig Exemplare für 15 Euro. Dadurch erreichen wir zwischen dreißig- und vierzigtausend Leute mit einer neuen Ausgabe. Jede Woche kommen neue Abonnenten dazu.“

Auch die Anzahl der Helfer wachse: Korrekturleser, Researcher, Layouter, Webleute und muttersprachliche Übersetzer. Nun sei man in der Lage dieses Konzept in sieben verschiedenen Sprachen zu übertragen. I“n Deutschland mache man nun vier Ausgaben im Jahr. Hansen zu seinem Selbstverständnis: „Ich behaupte keine Wahrheit zu kennen. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich bin einfach nur Journalist. Ich möchte gerne Berichterstattung machen. Ich möchte es gerne euch überlassen, die politische Entscheidung zu treffen. Was uns fehlt, ist einfach die andere Hälfte der Geschichte.Die Wahrheit besteht aus vielen kleinen Elementen. Keiner allein kann das überschauen.“

Wenn man die Weltgeschichte seit 1945 objektiv beobachte und bedenke, dass wohl seither über 30 Millionen Menschen in Kriegen ums Leben umgebracht worden sind, „dann muss man sich doch auch angucken von wem“.

„Ist da jemand immer dabei gewesen? Die Antwort ist ja. Gibt es imperiale Kräfte, die gerne die Welt übernehmen wollen? Die Antwort ist ja.“

Hansen verweist auf seinen Artikel – „Die Firma des Präsidenten, die größte Kriegsindustrie der Welt“ – im ersten Magazin. Den solle man mal lesen. Und ihm dann sagen, ob er spinne. Darin geht es um die „Carlyle Group“. „Jeder Bürger im Westen solle“ sie kennen. Angestellt seien da ehemalige Präsidenten, Bundesbankdirektoren, ehemalige Top-Politiker, die nach ihrer Dienstzeit ihre Belohnung bekommen.“ Ein einziger Skandal sei das. „Avancierte, fortschreitenden Korruption ist das“, stellt Tommy Hansen nüchtern fest.

9/11 hält der Journalist nicht für erklärt. Fakten deuteten daraufhin, dass Kräfte außerhalb der Demokratie in den USA gibt, die nicht nur diese Tragödie geplant und durchgeführt haben, sondern das ist ein Modus Operandi. Es deutet darauf hin.“ Das habe den „Krieg gegen den Terror“ und die ganze Überwachung und zwei, drei Kriege ausgelöst. Anderthalb Millionen Menschen habe man umgebracht. „Wenn es da den geringsten Zweifel gibt, dann können wir doch nicht die Augen zumachen und einfach weitergehen.“ Und sagten Leute: „Wir trauen den USA. Ich muss dann fragen: Warum? Aus welchem Grund eigentlich? Aufgrund dieser Massenvernichtungswaffen die es nie gab? Oder aufgrund dieser Torabora-Höhle, wo Osama bin Laden sich nie versteckte? Oder aufgrund dieser Brutkastenlüge, die uns in den ersten Irakkrieg hineinzwang?“

Hansen: „Das geht einfach nicht! Das geht in meiner Welt nicht. Da fehlen mir eben die kritischen Blicke in den Leitmedien. Sie machen generell mit.“ Aber Tommy Hansen nimmt die Kollegen auch in Schutz. Es gebe auch gute Artikel in den Leitmedien. Und gute Beiträge im Fernsehen. Nur die kämen auch nur einmal und meist spät Abends. Oder beim Print „auf Seite 42, weil wir so viele schönen Katastrophen haben“. Und gute Journalisten, die gebe es auch in Leitmedien. „Und sie leiden!“ Doch: „Sie haben Familie, Kinder, eine Karriere gemacht und ein schönes Auto, ein schönes Leben. All das wird in Gefahr gebracht wenn sie nicht da mitmachen.“ Hansen sei sehr froh, dass er da nicht dabei ist. „Ich leide nur, wenn ich diese Gehirnwäsche sehe.“

Er sei froh  an einer neuen Möglichkeit Journalismus zu machen arbeiten zu können. Wer mitmachen möchte – nicht jeder müsse Journalist sein – sei aufgerufen sich zu melden.

Pedram Shahyar.

Pedram Shahyar.

Pedram Shahyar: „Solidarisch, freundschaftlich und kooperativ handeln und leben!“

Nach einem weiteren Musikblock tritt  nun Pedram Shahyar mit einem sehr ausführlichen Vortrag auf. Er kritisierte die zunehmende Militarisierung der Politik und die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Einen Konflikt mit Russland müsse man entschieden ablehnen. Beim Sozialen werde dagegen gekürzt. „Da stimmt doch irgendetwas nicht!“ Die Demokratie sieht Shahyar ausgehöhlt und missbraucht. Es würden Versprechungen bei Wahlen gemacht, die dann nicht eingehalten würden, seien die Parteien dann an der Macht. „Hier stimmt was konkret nicht mit unserem politischen System!“ Beifall erhält folgende Feststellung: „Wir haben ein Problem mit der Demokratie. Weil diese Demokratie überhaupt keine richtige ist.“ Gebraucht werde ein neues Verständnis von Politik. Derzeit sei diese nicht im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung, erst recht nicht im Interesse der sozial Schwächeren. Nötig sei eine wirkliche Demokratie, auch eine Wirtschaftsdemokratie.

„Kooperation ist viel besser als Wettbewerb. Kooperation sollte zum gesellschaftlichen Prinzip werden. Kooperation und Freundschaft statt Wettbewerb und Feindschaft. Kooperation und Freundschaft in den Kommunen, in Stadt, Land und in Europa. Und auch weltweit.“ Pedram Shahyar, kommt ja von Attac her und so stellt er denn auch das Motto der Organisation „Eine andere Welt ist möglich“ groß in seinem Vortrag heraus. Leicht abgewandelt sagt der Aktivist: Eine andere Welt wird möglich, durch unser tagtägliches Tun.“ Es müsse auch Druck gegen die übermäßig Reichen gemacht werden. Wie Ingo Meyer zu Anfang plädiert auch Shahyar für Umverteilung von oben nach unten. Als Beispiel, dass etwas verändert werden könne, führt der Referent den jahrelangen Kampf der Bolivianer gegen die Wasserprivatisierung, den sie schließlich gewonnen hätten. „Sogar der Regen sollte privatisiert werden. Niemand sollte mehr Regenwasser sammeln können. So weit war es gekommen!“ Nun ist Wasser wieder ein öffentliches Gut in Bolivien. Man müsse halt im Kleinen anfangen. „Solidarisch, freundschaftlich und kooperativ handeln und leben!“ Shahyar ruft noch zur aktiven Solidarität mit Griechenland und zur Teilnahme an der schon von Rainer Braun angekündigten Kampagne gegen die US-Base Ramstein auf.

Klaus Hartmann: Raus aus der Nato und Schluss mit den entsprechenden und kriegführenden Einrichtungen in Kalkar, Büchel und Ramstein!“

Klaus Hartmann.

Klaus Hartmann.

Auch Klaus Hartmann (Freidenker) spricht von zunehmenden Kriegsgefahr, der sich man sich vielleicht gar nicht bewusst sei. Zunächst rückte er den Begriff Antisemitismus zurecht. Gerade auch weil sich in den Reihen des Freidenkerverbandes auch viele Antifaschisten wie etwa Emil Carlebach befanden oder befinden. Deshalb wende man sich heute „gegen das dumme Geschwätz, das uns heute von Hirnlosen entgegengehalten wird über den so genannten Antisemitismus Stellung zu nehmen.“ Der Begriff sei falsch, weil er von denen stamme, die ihre Judenfeindschaft rassistisch begründet haben, Ende des 19. Jahrhunderts und sich mit Stolz als Antisemiten bezeichnet haben. Weil sie die Juden als eine Rache imaginiert haben, haben sie diesen Begriff Antisemiten gewählt.“ Es gehe dabei um eine neue Spielart von Judenhass, der historisch alt sei. Deshalb wäre eigentlich „Judenhass“ das richtige Wort. Hartmann bleibt aber beim eingebürgerten Begriff Antisemitismus. Und fragt: „Ist es antisemitisch von einer jüdischen Lobby zu reden?“ Er bezieht sich auf die Tagesschau vom letzten Mittwoch 20 Uhr 15. Da habe der offizielle Tagesschausprecher von „der mächtigsten jüdischen Lobby in den USA“ zu sprechen. Man habe uns erklären wollen, dass die mächtige jüdische Lobby in den USA namens AIPAC sich an alle Kongressabgeordneten mit dem Anliegen gewandt hatten, das neue Abkommen mit Iran auf jeden Fall abzulehnen. Weil es die Pläne ihrer eigenen Herren, aktuell angeführt von Netanjahu, einen Krieg gegen den Iran zu führen, etwas unwahrscheinlicher mache. Hat die Bezeichnung „jüdische Lobby“, ausgesprochen durch den Sprecher der öffentlich-rechtlichen Tagesschau etwas antisemitisches, fragt Hartmann? Er meint ja. „Es ist von einer jüdischen Lobby die Rede.

Damit werden Juden samt und sonders, egal wie ihre politische und sonstige politische Einstellung ist in einen Sack mit den Verbrechern um Netanjahu und Co. gesteckt. Es ist eigentlich ein prozionistische Lobby. Alle Juden in Sippenhaft zu nehmen für die verbrecherischen Politik die Israel in Palästina betreibt mit ungebremsten Landraub, mit Vertreibung, mit der Drangsalierung der dortigen Bevölkerung – das ist nicht jüdische Politik. Auch wenn sie sagen sie seien der Judenstaat. Wenn also in der Region ein Judenhass aufkommt, der sich gegen die israelische Politik richtet, dann hat das einen zentralen Grund: nämlich, dass sie selbst ihre Politik demagogisch verkaufen als die Politik eines jüdischen Staates. Dies ist eine Anmaßung, eine Schweinerei und eine Diskriminierung aller anständigen Juden!“

Es habe also durch die AIPAC verhindert werden sollen, dass das Abkommen mit dem Iran in Kraft tritt. Nun sei festgeschrieben, dass Iran, der selbst nie Atomwaffen bauen wollte, einer Kontrolle unterliege, die das unmöglich macht. Hartmann weist darauf hin, dass nie die israelischen Atomwaffen problematisiert wurden. Wenn man eine atomwaffenfreie Zone in der Region haben wollte, hätten zuvor auch keine israelischen gebaut werden dürfen, ehe überhaupt andere welche zu bauen gedachten.

Klaus Hartmann spricht die zerstörten und ins Chaos gestürzten. Länder Libyen, Syrien und den Irak an – in all diesen Ländern habe es eine religiöse Toleranz und ein annehmbaren sozialen Standard gegeben. Den Westen hätten diese Länder in ihren Beherrschungsplänen im Wege gestanden. Immerhin sei es Putin gelungen den schon geplanten Bombenkrieg auf Syrien zu vereiteln.

Die gegen die genannten Kriege gegen arabische Staaten sei „hierzulande von den Medien orchestriert worden mit einer permanenten Hetze gegen den Islam und gegen die Muslime.“ Und diese Hetze sei auf „fruchtbaren Boden gefallen“.

„Jetzt wo die antiislamische Begleitmusik in die Köpfe der Menschen gehämmert wurde, jetzt wo die entsprechenden Bomben auf diese Länder gefallen sind, kommen tausende, zehntausende, hunderttausende Flüchtlinge, die vor diesen Zuständen dort fliehen. Sie kommen auch hierher. Was passiert hier?“ Nun demonstrierten hier Leute, denen man den Antiislamismus in die Köpfe geredet habe gegen diese Flüchtlinge. Werde hier nun gegen Hartz-IV-Unrecht oder gegen Mietwucher protestiert, fänden diese Demonstranten keine Adressaten oder Gehör bei der Bundesregierung. „Aber wenn PEGIDA demonstriert, gibt es plötzlich ein Aufwallen in den Medien und auch die Bundeskanzlerin erklärt die Sorgen für doch sehr berechtigt.“ Die Proteste würden auf die noch Schwächeren, die noch Ärmeren abgeleitet. Die einen spiele man gegen die anderen aus. Die Bewegungen würden gespalten. Nur derjenige Feind, der sie alle zusammen verarscht – nur getrennt fertig mache – den sähen sie nicht.

Schließlich empört sich Hartmann, dass die Bundeswehr mit den „im Krieg befindlichen restlichen Soldaten der Ukraine, hauptsächlich den faschistischen Freikorps, wie man die Bevölkerung in der Ostukraine noch entsprechend effektiver massakrieren kann als bisher schon. Das ist die Wertegemeinschaft Nato! Von dieser Wertegemeinschaft haben wir uns definitiv zu verabschieden. Es ist bereits fünf nach zwölf! Raus aus der Nato und Schluß mit den entsprechenden und kriegführenden Einrichtungen in Kalkar, Büchel und Ramstein!“

Manfred  Büddemann zu TiSA

Manfred Büddemann (DIE LINKE, Krefeld) ist trotz anderer Beschlusslage betreffs Teilnahme an Mahnwachen seiner Partei nach Dortmund gekommen. Nun rechnet er mit Ärger. Doch, sagt der Mann aus Krefeld, er halte es mit seiner Rede hier wie Diether Dehm. Der lasse sich von der Partei auch nicht vorschreiben wo er singe. Büddemann spricht über das für die Demokratie nicht weniger gefähriche TiSA-Abkommen (Dienstleistungen).

Das Bedingungslose Grundeinkommen und seine Möglichkeiten

Felix Coeln informiert anhand seines eigenen Beispielsweise über Möglichkeiten und Praxis des Bedingungslosen Grundeinkommens. Für den weiteren Abend sind noch weitere musikalische Darbietungen geplant. Überdies bleiben die Infostände geöffnet.

René Rebell, ein weiterer Musiker an diesem langen Samstag in Dortmund.

Youngster neben René Rebell, und „Die Bandbreite“, ein weiterer Musiker an diesem langen Samstag in Dortmund.

Fazit

Abgesehen von den Provokateuren, die dank Polizeieinsatz nicht besonders störend ins Gewicht fallen konnten, eine gelungene Veranstaltung im Rahmen der Friedenstournee 2015.

Friedenstournee macht morgen für sieben Stunden Station in Dortmund

via Facebook Friedenstournee.

via Facebook Friedenstournee.

Einmal mehr ist der Frieden bedroht. Nehmen wir die weiter schwelende Ukraine-Krise. Das Hetzen des Westens gegen Russland. Den neuen Kalten Krieg. Schauen wie uns an, was der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan derzeit für ein gefährliches Spiel spielt. Aber vergessen wir auch nicht was in Europa einschließlich in unserem eignen Land geschieht: Tausenden Flüchtlinge kommen tagtäglich zu uns. Wie gehen wir mit ihnen um? Weltweit sind momentan über fünfzig Millionen Menschen auf der Flucht. Das hat auch mit der Politik des Westens zu tun. Die Friedensbewegung war einst in Zeiten der alten Bundesrepublik groß. An diese Zeiten mit hohen Teilnehmerzahlen konnte bislang nicht wieder angeknüpft werden. Dennoch: Friedensbewegte gibt es immer. Und die engagieren sich unermüdlich. Am morgigen Samstag beispielsweise in Dortmund.

In der Ruhrgebietsmetropole macht die Friedenstournee – Generationen für Frieden Station. Und zwar nicht nur auf einen Sprung, sondern für mindestens sieben Stunden!

Die Friedenstournee hat ihren Ursprung in der Friedensbewegung. In Dortmund war es, als am 09.08.2014 Menschen aus ganz NRW zusammen kamen und und ein zehnstündiges Programm auf die Beine gestellt hatten, um Mitmenschen niveauvoll zu unterhalten und zu informieren. Aber vor allem um ein stärkeres Bewusstsein für das Miteinander zu zelebrieren.

Nach eignen Angaben lehnt sich das Konzept der Friedenstournee lehnt an Veranstaltungen wie „VeganStreetDays“ an und kombiniert Redebeiträge und politische Musik auf der Bühne mit einer bunten Vielfalt an Infoständen verschiedenster friedens- und sozialpolitischer Bewegungen.“

Und weiter: „Bei uns treffen sich Aktivisten aus dem gesamten Bundesgebiet und nutzen dieses zur Netzwerkbildung und Öffentlichkeitsarbeit mit den Besuchern. Ausgerichtet werden diese Kundgebungen vom Verein Bildung für Frieden.

Bei höchstwahrscheinlich sehr gutem Wetter ist für morgen ein Termin der Friedenstournee angekündigt. Der Veranstaltungsort ist zentral in der Dortmunder City gelegen. Neben zahlreichen Redebeiträgen, politischen Musikbeiträgen werden zahlreiche Infostände vor Ort sein.
Die Themen: Kampagne Ramstein für 25. und 26.9., Kalkar 3.10., TTIP TISA CETA (10.10. Berlin), Solidarität mit Griechenland, Unterstützung von syrischen Flüchtlingen, Informationen zum Bedingungslosen Grundeinkommen, Infos zum Wirtschaftssystem, u.v.m. – somit ein bunter Mix aktueller Themen und etablierter sozialer Bewegungen.

DORTMUND 8.8.2015 – Facebook Veranstaltung

Redeliste:

Musiker:

Infostände/Aktionen:

Sa 08.08.2015  Dortmund Reinoldikirchvorplatz Beginn:  12.00 Uhr Dauer: mind. 7h – max. bis 22 Uhr.

Es verspricht eine interessante Veranstaltung – sicher auch mit durchaus umstrittenen Teilnehmern – morgen in Dortmund zu werden. Wer Zeit, Lust und Interesse hat und nun womöglich neugierig auf die Friedenstournee geworden ist, sollte mal vorbeischauen in Dortmund am Reinoldikirchvorplatz.

Ich werde über die Veranstaltung berichten.

Dortmund: 2. Roma Kulturfestival beginnt am 2. September

Programmheft via AWO-Unterbezirk Dortmund.

Programmheft via AWO-Unterbezirk Dortmund.

Das erste Roma-Kulturfestival fand vor einem Jahr in Dortmund statt. Es hat seinerzeit von sich reden gemacht, wurde herzlich begrüßt und auch medial positiv zur Kenntnis genommen. Erfreulicherweise gibt es in diesem Jahr eine Neuauflage. Abermals steht es unter dem Titel „Djelem, Djelem“. „Djelem, Djelem“ ist der Name der internationalen Roma-Hymne. Man kann es mit „Ich gehe“ übersetzen.

Das 2. Dortmunder Roma Kulturfestival findet vom 2.-12. September 2015 statt.
„Zehn Tage lang“, melden die Veranstalter – die AWO, JUROMA, Kultur K, die Stadt Dortmund, das Theater im Depot, TERNODROM – gibt es im Rahmen des Dortmunder Roma Kulturfestivals eine Vielzahl von Veranstaltungen zu Musik, Theater, Film, Fortbildung und Begegnung vom Depot über den Nordmarkt bis in die Dortmunder City. Dieses Festival bietet zum zweiten Mal die Gelegenheit, Theater und Musik, Lebensweisen und Speisen, kurzum die vielen Facetten der reichen Roma Kultur(en) zu erfahren und zu genießen. In der öffentlichen Wahrnehmung in Dortmund sollen somit die positiven Facetten der Herkunftskulturen in den Vordergrund gerückt werden.

Offenbar hat der 1. Roma Kulturfestival über Dortmund hinaus Ausstrahlung bewirkt. Immerhin hat keine keine Geringere, als Staatsministerin Aydan Özuguz, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration die diesjährige Schirmherrschaft des Festivals übernommen. Zusammen mit Musiker Peter Maffay.

„Jenseits aller Klischees“, schreibt Özuguz unter anderem, „bietet das Kulturfestival allen Interessierten die Möglichkeit, die vielen Facetten der reichen Roma-Kulturen zu erfahren und genießen. Denn über Europas größte Minderheit wird auch in Deutschland zwar viel geredet und geschrieben, aber wenig gewußt. Über Jahrhunderte gepflegte Vorurteile und neue Ressentiments gegen ‚Armutszuwanderer‘ und ‚Problemfälle‘ prägen so manche Debatte und werden wohl auch nicht von heute auf morgen verschwinden.“

Peter Maffay: „Ich bin groß geworden in Siebenbürgen, das heut zu Rumänien gehört, und kenne heute noch – oder besser ich habe sie wiederentdeckt – viele großartige Romamusiker. Herzliche, zugewandte, wissende Menschen, denen ich mich verbunden fühle.“

Hier das Lied „Djelem, Djelem“ via  Minotaurus 110/You Tube:

Beide unterstützen das Anliegen der Veranstalter, „mit „Djelem Djelem“ die Willkommenskultur in Dortmund zu fördern und Vorurteile durch Begegnung abzubauen. Die Veranstalter werten „dies als Ermutigung „Djelem Djelem“ als wichtiges Kulturangebot in Dortmund zu etablieren“.

Die Festivalveranstalter weisen besonders auf die Fortbildung für „Pädagogische und kulturelle Arbeit mit Roma-Jugendlichen“ hin:
„Unter anderem wird es um Themen wie geschlechterspezifische Arbeit, den Übergang von der Schule in den Beruf sowie theaterpädagogische Ansätze gehen. Experten, die in der praktischen Arbeit mit Roma-Jugendlichen tätig sind, werden in Arbeitsgruppen Best-Practice Beispiele vorstellen und mit den Teilnehmern relevante Aspekte der Arbeit mit der Zielgruppe diskutieren und erarbeiten.

Im Dortmund Konzerthaus wird es am Samstag, den 12. September, 20.00 Uhr einen Abend mit Esma Redžepova und Mostar Sevdah Reunion geben.
Hinweis: Hier gibt es das vollständige Programmheft zum Download als PDF: Flyer DJELEM DJELEM 2015 web

Weitere Infos auf www.facebook.com/DJELEM_DJELEM.Dortmund

Wie dem medialen Einheitsbrei entgehen? Wolfgang Lieb gab seine Erfahrungen in Dortmund weiter

Wolfgang Lieb, der Herausgeber der NachDenkSeiten während seines Referats in Dortmund; Foto: Claus-Dieter Stille

Wolfgang Lieb, der Herausgeber der NachDenkSeiten, während seines

Wolfgang Lieb ist 1944 in Stuttgart geboren. Als promovierter Jurist, Publizist und ehemaliger Politiker (SPD) hat er ein erfülltes Arbeitsleben hinter sich. Seit Gründung der NachDenkSeiten (NDS) ist Lieb (zusammen mit Albrecht Müller) deren Herausgeber. Seine umfassenden beruflichen und politischen Erfahrungen möchte er gerne weitergeben. Das hat er abermals am vergangenen Montag in Dortmund getan. In die Auslandsgesellschaft NRW e.V.  war  Dr. Lieb zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung – organisiert vom NachDenktreff, der Regionalgruppe attac Dortmund sowie des Stadtverbandes des DGB – gekommen. Das Thema seines Vortrages: „Wie und Wo die Medien versagen und ihre „Wächterrolle“ in der Demokratie nicht mehr erfüllen “. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt.  Das Publikum: Attacies, Gewerkschafter, Interessierte am Thema allenthalben – vermutlich viele Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten. Dazu mein Artikel.

Unmittelbar an das informative und engagiert vorgetragene Referat von Dr. Wolfgang Lieb schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Im Vorlaufe des letzten Teils des Abends ergaben sich aus den verschiedenen Wortmeldungen auch Fragen. Fragen, die Wolfgang Lieb geduldig beantwortete.

Sind linke Regierungen jederzeit erpressbar?

Thematisiert wurde etwa das neoliberale Wüten in Großbritannien seit Margareth Thatcher. Wobei der produktive Sektor zugunsten der Finanzwirtschaft stark geschrumpft worden war. Sowie, dass linke Regierungen  ja wohl jederzeit erpresst werden könnten, wie eine Zuhörerin vermutete. Um diese Regierungen zum Kurswechsel zu veranlassen. Beziehungsweise zu desavouieren, um sie schlussendlich zu stürzen. Als Zuhörer hatte man da direkt den Militärputsch gegen die Regierung Allende in Chile vor Augen.

Oder ein Szenarium, dass wir alle ganz aktuell verfolgen können: Die Diskreditierung der linken SYRIZA-geführten Regierung von Griechenland. Mit dem Ziel  diese am Ende aus dem Amt zu fegen. Denn darauf läuft ja wohl das Athen Am-langen-Arm-verhungern-lassen seitens der Institutionen letztlich hinaus.  Eine Alternative zum neoliberalen Europa soll offenbar nicht zu Nachahmungen anderswo animieren.

Deregulierung, die Diktatur der Finanzmärkte und Merkels „marktkonforme Demokratie“

Wolfgang Lieb erinnerte hinsichtlich des Thatcherismus in Großbritannien und dessen schweren Folgen für die dortige Gesellschaft daran, dass – wenngleich erst später und weniger den industriellen Sektor dabei zerstörend – auch Deutschland in der Schröder-Ära aufs Deregulieren setzte. Man die Finanzmärkte hatte groß werden lassen. Und diese auch nach der Finanzkrise „frei gelassen“ habe. Die Folge: Finanzspekulationen sind weiterhin möglich. Ja, und auch der Umgang mit Griechenland bereite Sorge. Nicht wegen der wirtschaftlicher Größe und Bedeutung des Landes – die ist ja für Europa quasi beinahe zu vernachlässigen. Vielmehr gehe es für den Fall, dass wenn Griechenland aus dem europäischen Projekt, mindestens aber aus dem Euro herausfalle, darum, zu verhindern, dass „die Märkte“ in selber Manier gleich gegen die nächsten Kandidaten Italien und Spanien spekulieren. Stets verlaute von den Regierungen, „das Vertrauen der Märkte“ müsse zurückgewonnen werden. Dieses Narrativ wird ja tatsächlich – vornweg von Bundeskanzlerin Angela Merkel postuliert. Und in der europäischen Politik wie eine Monstranz vor sich  hergetragen. Auf dem Punkt gebracht: In Wirklichkeit herrschen die Märkte und bestimmen wo es lang zu gehen hat. Nicht die demokratisch  gewählten Regierungen. Und auch da wieder an erster Stelle sage ja gerade Angela Merkel unverblümt, was angestrebt sei: eine marktkonforme Demokratie. Die dann aber – was sie jedoch nicht dazu sage: letztlich keine Demokratie mehr ist. Die muss der Diktatur der Finanzmärkte weichen. Ähnlich hat es der inzwischen verstorbene Stéphane Hessel in „Empört euch!“ thematsiert. Und mit Blick auf den an der Demokratie entstehenden Schäden entsprechend einer Kritik unterzogen.

Zum Ist-Zustand der Medien

Eine anwesende Englisch/Deutsch-Lehrerin kritisierte ihrerseits den immer mehr um sich greifenden Kampagnen-Journalismus. Selbst die FAZ habe doch in der Vergangenheit immer auch Lichtblicke enthalten. Vorbei. Wie es vergangenes Jahr Eckkart Spoo an gleicher Stelle – in der Dortmunder Auslandsgesellschaft – herausgearbeitet hatte – machte auch die Lehrerin auf gravierende sprachlichen Unterschiede der Medien betreffs der Beschreibung gleicher Situationen  aufmerksam. Nach dem Muster: Der Westen warnt. Putin jedoch droht.

Eckart Spoo seinerzeit:

Gleichfalls wie diese Worte stimmig geblieben sind, wird in weiten Teilen der Presse auf alte Muster zurückgegriffen. Mit Blick auf den Ukraine-Konflikt heißt das, so Spoo, was etwa die westlichen Medien tun, werde unter dem Stempel „Aufklärung“ verkauft, was die „Gegenseite, die anderen, die Bösen betreiben – ist  böse Propaganda.“ Soll heißen: „Die wir Putin keinesfalls glauben dürfen. Die politische Sprache ist voll von bösen Wörtern und Gegenwörtern.

Wer der einen Seite als Freiheitskämpfer gilt, gelte  der anderen als Terrorist. So schafft man vor allem durch häufiges Wiederholen ein  tiefsitzendes Freund- bzw. Feindbild.“

Das gelänge auch und gerade mit den Alltagsworten  „drohen“ und „warnen“. „Putin droht. Obama warnt. Täglich mindestens zwei bis dreimal wiederholt.“

Wolfgang Lieb stimmte der gut informierten Lehrerin zu. So werde immer gleich deutlich: Wir, der Westen, sind die Guten. Putin und Russland aber  immer nur die Bösen. Ein gefährliches Schwarz-Weiß-Denken. Ausgewogene Berichterstattung war einmal. Des Weiteren machte die Zuhörerin darauf aufmerksam, dass auch viele Journalisten selbst unter großem Druck stünden. Ganz einfach: weil sie abhängig beschäftigt sind. Oder gar als nur befristet oder als Freie arbeiteten.   Die Frau sprach von einem „journalistischen Proletariat“:  Über ihnen der mächtige Chefredakteur, die Herausgeber. Ebenso verhalte es sich  an den Universitäten: Nahezu allmächtige Professoren ganz oben in der Hierarchie: Unter ihnen lohnabhängige Dozenten. Wissenschaftliches Proletariat. Oben landeten doch oft nur noch die Nachplapperer und Schönredner. Kritische Köpfe blieben aus Gründen, die man sich gut denken, kann außen vor. Der Mittelstand dünne aus.

Wolfgang Lieb gibt der Dame im Wesentlichen Recht.  Nicht aber in puncto Amerika.  In den USA  sei es gar nicht so viel besser um die Medien bestellt.  Im Gegenteil: „Versuchen Sie einmal in der amerikanischen Provinz eine „New York Times“ oder die „Washington Post“ zu bekommen!“ Allenfalls ein so gut wie nichtssagendes Tagblatt bekomme man da. Klar, die „New York Times und die „Washington Post“ seien immer noch recht plurale Medien. Und das Fernsehen? Lieb: „Beim Sehen von Sendern wie Fox stehen Ihnen die Haare zu Berge! Die machen richtige Agitation. Und was für welche!

In Deutschland sei die „Financial Times Deutschland“ eine veritable und plurale Wirtschaftszeitung gewesen. Sie aber wurde eingestellt. Heute – hob der Referent hervor – sei immerhin noch das Handelsblatt pluraler als der Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung.

Und ja, die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Bis in die Ära Schirrmacher hinein habe für die journalistischen Inhalte in der FAZ ein Dreiklang gegolten: Schwarz (Wirtschaft) Rot (Feuilleton) sowie Gold (blau-gelb, Richtung FDP-Denke). Diesen Dreiklang fnde man kaum wieder.

Wenn die Upperclass ihre Sprösslinge auf private Schulen schickt

Und zu den Unis? Im Ruhrgebiet, wo es einst keine Universitäten gab, habe man seinerzeit gleich mehrere Hochschulen gebaut. Kinder aus anderen – wie man heute sagt: bildungsfernen – Schichten, aus Arbeiterhaushalten erhielten damals die Chance und die Möglichkeit zu studieren. Wie sieht es dagegen heute aus? Hochschullehrer stammten in unseren Tagen eigentlich fast ausschließlich nur noch aus Akademikerhaushalten. Mediziner aus Medizinerhaushalten. Die Ausstattung der Schulen bezeichnete Lieb als  zunehmend schlecht. Englische Verhältnisse kehrten auch hierzulande ein:  die Upperclass schicke  ihre Sprösslinge in private Schulen. Die Aufstiegsmöglichkeiten müssten heute als miserabel bezeichnet werden, stellte Lieb fest. Schlimmer noch: Bestimmte Schichten glitten unterdessen regelrecht ab, statt aufsteigen. Die OECD bescheinige Deutschland, dass dieser Umstand hier stärker als in vergleichbaren Ländern sei.

Das neue Säbelrasseln und das Schwarz-Weiß-Denken

Dann kam die Sprache auf das Säbelrasseln der Nato-Staaten gegenüber Russland. Jemand brachte in Erinnerung, dass es vor Kurzem geheißen habe, es sei geplant, 5000 Panzer in den baltischen Staaten zu stationieren. Wolfgang Lieb zeigte sich  darüber genauso besorgt wie andere Veranstaltungsteilnehmer. Erstmals nach dem Ende des Kalten Krieg geschehe wieder so etwas. Der Westen rücke immer näher an die russische Grenze heran. 5000 US-Panzer in den baltischen Staaten! Man solle sich doch nur einmal vorstellen, Russland stationierte in Südamerika an der Grenze zu den USA massiert Kriegsgerät! Das Schwarz-Weiß-Denken des Westens sei unerträglich. Da höre man etwa, russische Militärmaschinen schalteten bei Flügen außerhalb ihres Territoriums die  Transponder aus. Was nach schlechten Absichten klingt und wohl auch klingen solle. Nun erfahre man aber auch: Nato-Kriegsflugzeuge täten genau dies auch. Lieb: „Beides ist schlecht!“ Die Aufgabe  der Medien sei es auf beides hinzuweisen. Den Manichäismus in Politik und Medien des Westens kritisierte der Referent.

US-Einfluss auf Politik und Medien: legitim, aber es sollte kenntlich gemacht werden

Eine andere Dame, die einmal selbst bei der dpa gearbeitet haben will, wollte  die Frage beantwortet haben, ob sich die hier verbreiteten Nachrichten stark aus US-Nachrichten speisten. „Und 1 : 1 transportiert“ würden. Dazu Lieb: „Die USA setzten weltweit viel Geld ein, um in ihrem Sinne zu informieren. „Was legitim ist.  Es wäre jedoch besser, dies würde kenntlich gemacht.“  In diesem Zusammenhang brachte der NachDenkSeiten-Mann in Erinnerung, dass die USA über Jahre hinweg fünf Milliarden Dollar aufwandten, um die Ukraine-Politik in ihrem Sinne zu beeinflussen. All dies sei nichts Neues. Auch in Deutschland habe die CIA Medien finanziert. Als Beispiel führte Lieb die 1948 gegründete  Zeitschrift „Der Monat“ an. Die USA „gingen da halt clever vor“. Aber auch heute könne man beobachten, dass ab und an deutsche „Wochenjournale wie etwa der Spiegel zuweilen fast bis hin zum Deckblatt Beiträge von „Time“, „Newsweek“ übernähmen.  Bei diesen Informations-Bios ginge es dann stets vorrangig um  die „Verteidigung westlicher Werte“. Wie immer man das auch bewerte: Es sei legitim. Das Schlimme daran jedoch sei, dass in der Regel eine Aufklärung darüber nicht geschehe. Geschähe dies, könne der Rezipient die Beiträge entsprechend kritisch bewerten und sich eine eigene Meinung bilden.

Der militärisch-industrielle Komplex und interessengeleitete Geopolitik

Einem Zuhörer antwortend, stimmte er diesem zu, dass das Zusammenspiel innerhalb des militärisch-industriellen Komplexes unbedingt sehr  kritisch beobachtet werden müsse.

Für Lieb hält ist ein  erstaunlicher, wie empörender,  Vorgang, dass vor dem Hintergrund der Probleme mit dem G 3 vom Hersteller der Gewehre versucht wurde  mithilfe des Militärisches Abwehrdienstes (MAD) kritisch berichtende Journalisten überwachen zu lassen.

Ebenfalls kritisch betrachtete Wolfgang Lieb, dass die Geopolitik nach 1990 wieder einen immer größer werdenden Stellenwert einnehme. Er wies daraufhin, dass auch dies nichts Neues sei. Als Beispiel nannte er die Containment-Politik oder Eindämmungspolitik der USA ab 1947 gegenüber der UdSSR.

Nicht umsonst unterhielten  die USA Militärstützpunkte überall auf der Welt. Es seien dies wohl weltweit um die 800. Zum Vergleich: Russland unterhalte einen einzigen in Tartus (Syrien). „Die USA sehen sich in der Rolle des Weltpolizisten. Sie begreifen sich als auserwählte Nation.“ Militärisches Eingreifen stelle Washington stets  „als Kampf umd Menschenrechte und Demokratie in der Welt dar“. Dabei steckten „massive ökonomische Interessen dahinter“. Nach Meinung des Referenten dürfte  Geopolitik in den nächsten Dekaden verstärkt auf der Tagesordnung bleiben.  „Wenn die Amis doch nur einen Bruchteil des Geldes, dass sie seit vierzehn Jahren für den sogenannten Krieg gegen den Terror ausgäben in die Entwicklungshilfe steckten,  könnte die Welt heute womöglich friedlicher aussehen“, kann sich Wolfgang Lieb vorstellen.

Mediennutzung der Jugend – Junge Frau hat schon seit zehn Jahren keine Zeitung mehr gelesen

Eine junge Frau fragte den Referenten, warum die Kinder wohl die Medien so nutzen wie sie sie nutzten. Lieb hatte am Beispiel seiner studierenden Kinder erklärt, dass die eigentlich gar keine Zeitungen mehr benutzten, sondern halt das Internet. Lieb meinte,  er wolle die jungen Leute überhaupt nicht schelten. Oft hätten sie im Gegenteil zu ihm früher gar keine Zeit mehr für Zeitungslektüre. Das Studium heutzutage brächte sie so stark unter Druck, dass sie hinterher gar keine Kraft mehr hätten. „Da chillt man lieber. Vielleicht bei Germany next Topmodell.“

Die junge Frau aus dem Publikum scheint das zu bestätigen: Zehn Jahre schon habe sie keine Zeitung mehr gelesen! Und warum – fragt sie – weise denn der Referent auf  die Bild-Zeitung als fragwürdiges Medium hin? Schließlich wäre  das doch jedem bekannt. Was habe sie denn von dieser Information ?

Lieb darauf: „Ich kann Ihren Frust gut verstehen.“ Als er Sozialwissenschaften studiert habe und dem Vater etwas hatte darlegen wollen, habe  der Vater geantwortet: „Das hätte ich dir auch früher sagen können.“ Ja, warum informiere er darüber? Er wolle den Menschen ganz einfach Argumente an die Hand geben, wie die Situation der Medien einzuschätzen ist. Nächster Schritt wäre dann, dass das Gesagte im besten Falle als Anstoß dienen könne,  sich eigene Gedanken zu machen. Stattdessen Pessimismus zu verbreiten, dass sei doch keine Alternative! Erst recht nicht in Resignation zu verfallen. Vielmehr müsse doch eine Antwort auf die Frage, was man tun könnte, um dem medialen Einheitsbrei zu entgehen, gegeben werden. Freunde und Freundinnen und Kollegen sollten in diesen NachDenk-Prozess einbezogen werden. So könnte auch diesen der Gedanke nahegebracht werden, „dass man die Dinge auch ganz anders sehen könnte“.

Freilich könne man – er selbst wisse das nur zu gut – „sehr schnell zum Außenseiter, wenn man Positionen abseits vom Mainstream“ vertrete.

Ein Mann im Publikum stimmte ihm zu. Er bekannte, diesbezüglich ein gebranntes Kind zu sein. Aufgeben wolle er aber nicht.

Wenn man von der „Mehrheitsmeinung abweicht“, wird das nicht einfach, so Lieb. „Über Fußball streiten tut nicht so weh“. Wenn wir aber an Merkel Kritik wegen deren Griechenland-Politik  üben und uns der Erzählung entgegenstellten, die da heiße – Noch mehr bezahlen? Wir haben doch schon viel bezahlt! – muss man den Druck schon aushalten. Und der sei gewiss, wenn man abweichend vom Mainstream sage: Die Banken haben das meiste Geld aus der sogenannten Griechenland-Rettung erhalten. Die griechische Bevölkerung nicht.

Das harte Brot des Bloggers

Ein anwesender Blogger bestätigte was Wolfgang Lieb zuvor gesagt hatte: Gegenöffentlichkeit herzustellen kostet Kraft. Er erzählte von einer Recherche, die er betrieben habe, um etwas über den Ukraine-Konflikt zu schreiben: „Ein Wochenende ist dabei draufgegangen. Dreißig Quellen zu studieren, dass kostete einen Haufen Arbeit.“

Sich zusammen mit Anderen engagieren

Till Strucksberg von Attac Dortmund warb ausdrücklich dafür, sich zu engagieren und kein Einzelkämpfer zu bleiben. Änderungen seien möglich. Getreu dem Attac-Motto: „Eine andere Welt ist möglich.“  Nicht alleine Probleme eruierenzu  müssen, mache stark und könne Zuversicht zur Folge haben und Kraft zum Weitermachen geben. Als Möglichkeiten sich für Demokratie und gegen Demokratieabbau zu engagieren nannte Strucksberg TTIP, CETA, TiSA und die Problematik der geplanten Schiedsgerichtsbarkeit. Wider dem Mainstream. Till Strucksberg empfahl zum Thema Griechenland die Zeitung Faktencheck HELLAS.

Damit die Menschen nicht auf die Rattenfänger von heute hereinfallen

Zum Abschluss der Fragestunde berichtete Wolfgang Lieb von kleinen Fortschritten. Welche er in seinem Umfeld erreichen konnte. Leute zum Umdenken zu bewegen sei oft nicht einfach. Besonders wenn sie gewissermaßen in einer „anderen Welt oder besser: in einem anderen Bewusstsein leben“.

Seine Erfahrung wolle er gerne an andere weitergeben. Wichtig sei es, sich gegen die einfachen Rezepte stellen. Seine Erfahrungen aus der Geschichte und seiner ganz persönlichen Lebensgeschichte heraus, wolle Lieb an andere Generationen weitergeben. Nicht nach dem Motto: Früher war alles besser. Es gehe  um einen ganz bestimmten Erfahrungshozizont. Wir sollten ganz einfach Reflektieren: Ist diese momentane Entwicklung eine richtige? Dass bedeute nicht dass er und die  NachDenkSeiten den Stein der Weisen gefunden hätten. Aber es sei „sinnvoll und wichtig alternative Denkanstöße“  zu geben. Damit die Menschen nicht auf die Rattenfänger von heute hereinfielen. Es komme eben darauf an, wohin die Entwicklung hinauslaufe. Ob sie eine fortschrittlich-emanzipatorische Richtung nähme, oder in eine äußerst rechte, gar diktatorische  laufe. Was gewiss eine Katastrophe darstellte. Wir als Deutsche könnten das wissen.

Eine spannende Diskussion, die so interessant war, dass man sich eigentlich wünschte, sie würde noch lange weitergehen. Doch da mahnte Nachdenk-Treff-Gastgeber Peter Rath- Sangkhakorn: „Man kann über alles diskutieren. Nur nicht über 9 Uhr hinaus.“ Und tatsächlich: die zwei Stunden waren im Fluge vergangen: Die Uhr zeigte auch bereits 21:00 Uhr …

Landesparteitag DIE LINKE NRW: Sahra Wagenknecht umriss die Positionen ihrer Partei – Landessprecher Ralf Michalowsksy voll des Lobes; dann ein Abendmahl beim Griechen

Sahra Wagenknecht (hier bei einer früheren Wahlkampfveranstaltung in Essen) umriss heute beim Landesparteitag der Partei DIE LINKE die Positionen ihrer Partei; Foto: Claus Stimme

Sahra Wagenknecht (Bildmitte; hier bei einer früheren Wahlkampfveranstaltung in Essen) umriss heute beim Landesparteitag der Partei DIE LINKE in Dortmund die Positionen ihrer Partei; Foto: Claus Stimme

Am Sonnabend fand in Dortmund der Landesparteitag der Partei DIE LINKE statt. Prominenteste  Rednerin dort dürfte die Erste Stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion DIE LINKE, Sahra Wagenknecht, gewesen sein. In einer engagiert vorgetragenen Ansprache an die Landesparteitagsdelegierten umriss Wagenknecht einmal mehr die Positionen ihrer Partei. Sie vergaß dabei nicht rote Linien aufzuzeigen, die die LINKE ihrer Meinung nach keinesfalls und zu keinem Preis überschreiten dürfe. Wobei sie  gleichzeitig auch etwaigen Überlegungen in Teilen ihrer Partei, die vielleicht mit einer Regierungsbeteiligung im Bund 2017 oder später liebäugeln, Schranken setzte. Aber hören Sie sich die Rede selbst an. Quelle: DIE LINKE NRW (Die ersten Minuten der Rede fehlen leider.)

Landessprecher Ralf Michalowsky zeigte sich via Facebook volllauf zufrieden mit dem Parteitag:

Superguter Landesparteitag DIE LINKE. NRW heute in Dortmund. Geschlossener Landesverband. Einvernehmen in allen Sachfragen. Kein Streit um des Kaisers Bart. Ich liebe diese Partei. So kann es gern weitergehen. Hab mir gerade vor Freude ein Abendmahl beim Griechen gegönnt. Das muss drin sein

Wolfgang Lieb zum Zustand der Medien und wie die Vermachtung der veröffentlichten Meinung aufzubrechen wäre

Wolfgang Lieb referierte an der Auslandsgesellschaft Dortmund; Foto: Claus-D. Stille

Wolfgang Lieb referierte an der Auslandsgesellschaft Dortmund; Foto: Claus-D. Stille

Wolfgang Lieb ist 1944 in Stuttgart geboren worden. Als promovierter Jurist, Publizist und ehemaliger Politiker (SPD) hat er ein erfülltes Arbeitsleben hinter sich. Seit Gründung der NachDenkSeiten (NDS) ist Lieb (zusammen mit Albrecht Müller) deren Herausgeber. Seine umfassenden beruflichen und politischen Erfahrungen möchte er gerne weitergeben. Das hat er abermals am vergangenen Montag in Dortmund getan. In die Räume der Auslandsgesellschaft NRW e.V. ist Dr. Lieb zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung – organisiert vom NachDenktreff, der Regionalgruppe attac Dortmund sowie des Stadtverbandes des DGB – gekommen. Das Thema seines Vortrages: „Wie und Wo die Medien versagen und ihre „Wächterrolle“ in der Demokratie nicht mehr erfülle“. Der Saal ist brummend voll. Stühle müssen noch herein gebracht werden. Das Publikum: Attacies, Gewerkschafter, Interessierte am Thema allenthalben – vermutlich viele Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten.

Zur Person

Dr. Wolfgang Lieb arbeitet von 1979 bis 1983 in der Planungsabteilung
des Bundeskanzleramtes und wurde anschließend Leiter des
Grundsatzreferates in der Landesvertretung Nordrhein-Westfalens in Bonn.
Ab 1987 war er zunächst stellvertre­tender, später Regierungssprecher
und Leiter des Landes­presse- und Informationsamtes des Landes
Nordrhein-Westfalen unter Ministerpräsident Johannes Rau.  Zuletzt war
er von 1996 bis 2000 Staatssekretär im nordrheinwest­fälischen
Wissenschaftsministerium.
Heute gibt er zusammen mit Albrecht Müller die kritische Website
NachDenkSeiten heraus. In dieser Funktion nahm er 2009 den Alternativen
Medien­preis entgegen.

Der Vortrag

Zunächst spricht Dr. Lieb von seiner Studentenzeit im geteilten Berlin. Der spätere Regierende Bürgermeister „Diepgen war AstA-Chef und Landowski, schon damals sein Zuträger, die liefen auf dem Campus mit Schaffnermütze herum“. Lieb erlebt Sit-ins, erste Studentenproteste, und macht die Erfahrung, selbst schwer verknöcherte Zustände können sich schnell ändern: „Daraus ziehe ich eigentlich meine Zuversicht, dass obwohl man meint, es sei alles festgebacken und festgefahren – wenn der richtige Zeitpunkt kommt und der richtige Funken schlägt, sich etwas sehr rasch zum Besseren ändern kann.“ Hoffentlich zum Besseren, flicht er ein: ins Fortschrittliche oder Emanzipatorische oder er es auch vielfach beobachten ins rechtsextreme, rechtspopulistische Lager. „Der Grund, warum ich die NachDenkSeiten nach wie vor als Fulltimejob betreibe, ist ein Stückchen dazu beizutragen, dass wenn es dann zu einer Änderung käme, diese in ein in eine vernünftiger politische Richtung geht bzw. gelenkt werden kann.

Wie stellt sich die gegenwärtige Lage dar?

„Statt Vielfalt als Voraussetzung vernünftiger politischer Entscheidungsprozesse, ist die Einfalt zur Durchsetzung einseitiger wirtschaftlicher Interessen zur herrschenden Meinung geworden.

Die Einseitigkeit der Berichterstattung hat sich zuletzt etwa in der Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt gezeigt. Ob es um die Darstellung der Finanz- und Wirtschaftskrise, die Situation auf dem Arbeitsmarkt, um die Rentenpolitik oder die Schuldenbremse geht: selbst sog. Qualitätsmedien erfüllen oft nicht die Mindeststandards journalistischer Arbeit. Auch der Wissenschaftsjournalismus wird mehr und mehr abgelöst durch Wissenschafts-Public Relations.

Einigen meinungsführenden Journalisten ist es gelungen eine Deutungshoheit der gesellschaftlichen und ökonomischen Wirklichkeit zu erringen, denen ein Fußvolk schlecht bezahlter und überforderter Journalisten und kaputtgesparten Medien nachplappert. Statt kritische Aufklärung bestimmt Kampagnen-Journalismus mehr und mehr das MedienBILD.
Gibt es Möglichkeiten die „Vermachtung“ der veröffentlichten Meinung aufzubrechen? Welche Chancen bietet das Internet?“

Lügenpresse“?

Wolfgang Lieb kommt ad hoc auf den Begriff „Lügenpresse“ – Unwort des Jahres 2014 – zu sprechen. Ende letzten Jahres – auf dem Höhepunkt der PEGIDA-Demnstronstratioen – spricht ein Freund Lieb ungefähr so an: „Na, da haben die NachDenkSeiten wohl endlich ihre Gegenöffentlichkeit gefunden?! Ihr hackt doch auch ständig auf der Lügenpresse rum.“ Lieb ist geschockt und sprachlos. Mit Pegida hatte man doch nichts am Hut! Er weist den Freund auf die historische Belastung des Begriffs „Lügenpresse“ in der NS-Zeit („jüdische Lügenpresse“) und später in der DDR („kapitalistische Lügenpresse“) hin. Der Freund möge ihm doch ein Platz zeigen, wo die die NachDenkSeiten (NDS) den Begriff „Lügenpresse“ verwendet haben.

Es stellt sich heraus, dass die NDS Thinktanks oder Politikern durchaus Lügen vorgeworfen haben: „Aber nur dann, wenn wir das im konkreten Fall belegen konnten.“ Wenn bewusst gelogen wurde, ideologische Scheuklappen oder borniertes und Interessen bezogenes Handeln zu Lügen führte. Ein Fall: Das Ummodeln der Finanzkrise in eine „Staatsschuldenkrise“. Oder das Verfälschen oder Uminterpretieren von Statistiken im ideologischem Interesse u.s.w., sagt Lieb in Dortmund: „Es ist auch Ihnen bekannt, dass halbe Wahrheiten schlimmer sein können als ganze Lügen.“ Die NDS wolle aber Gegenöffentlichkeit sein gegen Mainstream und Meinungsmache. Schließlich sei klar: Wenn die Meinungsvielfalt stirbt, stirbt auch die Demokratie ein Stück weit.

Die NDS haben täglich 75000 bis 80000 Zugriffe

Gewiss: Die NDS sind ein David gegen die Goliaths der Medienwelt. Immerhin, wirft Lieb ein: Die NDS haben täglich 75000 bis 80000 Zugriffe und ungefähr zehn Millionen Seitenaufrufe. „Wenn man das dann mit Auflage der taz vergleicht isses ganz nett.“ Das Wort „Lügenpresse“ hält Dr. Lieb „für falsch und sogar für gefährlich.“ Gefährlich deshalb, weil man sich mit diesem historisch negativ belasteten Begriff in eine rechtspopulistische Ecke begebe und es „den etablierten Medien viel zu einfach macht, berechtigte Kritik abzuwehren.“ Vielmehr müsse ganz klar am Einzelfall nachgewiesen, wann und wie Medien im Sinne der Kontrolle von Politik und der Demokratie versagen.

Einfalt statt Vielfalt am Beispiel Ukraine-Krise sowie betreffs  Griechenland

Wolfgang Lieb nimmt die Ukraine-Krise genauer unter die Lupe. „Putin sei die Inkarnation des Bösen. Er ist an Allem schuld. ´Stoppt Putin‘, so titelte nicht nur die Bild-Zeitung sondern auch DER SPIEGEL und zwar mit gleichen Titelbild (den Opfern des Flugzeugabsturzes von MH17). Vom deutschen Presserat gerügt.“ Einseitigkeit müsse man hier nicht aus sich selbst heraus unterstellen, sondern nur den Programmbeirat der ARD (PDF via Selectra; Update vom 10.5.2019; C.S.) zitieren.

Auch betreffs der Berichterstattung über die Griechenland-Krise und der Finanzkrise übt Lieb Kritik an den Medien. Und benennt dabei besonders schlimme Finger in Sachen Meinungsmache und Einseitigkeit, wie die BILD und die „Bildzeitung für Intellektuelle, den Spiegel“ mit ihrem Kampagnen-Journalismus“. Sozusagen zur BeBILDerung hat der Referent zwei Bild-Zeitungen mit widerlichster Hetze gegen Griechenland nach der Abstimmung über das zweit sogenannte Rettungspaket) mitgebracht. Lieb: „Ich lese die Bild jeden Tag – sie erspart mir zwei Tassen Kaffee.“ Zu sehen sind u.a. zwei Seiten, auf denen alles Mitglieder des Deutschen Bundestages abgedruckt sind, die für das Rettungspaket gestimmt haben. Angegeben Wahlkreis und Internetadresse. „Man könnte so etwas auch als Nötigung bezeichnen“, sagt Wolfgang Lieb. Und er weist daraufhin, dass auch die anderen Zeitungen nicht besser seien – sie hetzten nur etwas verdeckter – bis in die sogenannten Qualitätsmedien hinein der gleiche (einseitige) Tenor zu Russland und gegenüber Athen. Bild gehe jedoch stets unverblümt zur Sache.

Und Lieb kommt da auch auf die Jauch-Sendung vom vergangenen Sonntag zurück. Da habe der CDU-Politiker Bosbach wieder weitgehend unwidersprochen behaupten können, die Griechen gingen 56 in Rente. Bei Eurostat könne man jedoch nachlesen, dass die Griechen durchschnittlich 61,4 Jahren und die Deutschen mit 61,7 Jahren in Rente gingen. Einmal in die Welt gesetzt, glaubten viele Menschen dies. Wolfgang Lieb wünschte, so mancher würde mal jetzt nach Griechenland fahren und sich sie Zustände dort anschauen. Lieb hat es getan. Ist mit der Straßenbahn durch Athen gefahren. „Wer meint man könne die Menschen dort noch mehr ausquetschen, der soll man darüber nachdenken was in Deutschland passieren würde, wenn das Bruttosozialprodukt um 30 Prozent sinkt, die Löhne um 20 Prozent, die 25 Prozent Arbeitslosigkeit beträgt und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit herrscht …“ Da habe es in Deutschland Zeiten gegeben, da aus solchen Situationen Führer entstanden. „Wer meint, er könne noch mehr auf diese Leute aufpacken, der hat meines Erachtens jeden Realitätsbezug verloren“, so Lieb.

Sturmgeschütz der Demokratie“, das war einmal

Der Referent resümiert, in puncto kritischer Medien sei da schon einiges weggebrochen in Deutschland. Man solle doch einmal an das einst „Sturmgeschütz der Demokratie“ genannte Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, an Panorama-Sendungen, an Henry Nannens Stern und die inzwischen eingestellte Financial Times Deutschland denken. Heute dagegen fast überall neoliberal geprägte Medien und entsprechende Meinungsmache. Stattdessen allenthalben eingebetteter Journalismus. Von der Mitgliedschaft in Thinktanks zur Verbreitung „sogenannter westlicher Werte und transatlantischer Interessen“ wie der Atlantikbrücke, Trilateralen Kommission, der Akademie für Sicherheitspolitik u.s.w. inspirierte oder tatsächlich in dieser Hinsicht überzeugte Journalisten wie z.B. Claus Kleber und Co. Lieb verweist bezüglich dessen auf die Studie von Uwe Krüger („Meinungsmacht“). Uwe Krüger verweise auf eine intellektuelle oder verstandesmäßige Vereinnahmung von Journalisten und sogenannter Eliten. Denn oft bekommt man „als elitekompatibler Journalist“ nur auf diese Weise Zugang zu den höchsten Kreisen, könne so Karriere machen. Eine kolossale Konzentration im Medienbereich könne konstatiert werden: Stichtag 31.12.2013 – Neunundfünfzig Prozent der verkauften Auflagen in Deutschland werden von zehn (!) Zeitungskonzernen herausgeben.

Medienvielfalt adé. Stattdessen monopolartige Zeitungsstrukturen

Vielerorts gebe es gar keine Medienvielfalt mehr. Stattdessen monopolartige Zeitungsstrukturen im Verbund mit Fernseh- und Radiostationen. Viele Journalisten schreiben für gleich mehrere Medien, höchstens um einen Halbsatz mehr oder weniger verändert. „Für den Verlust an Vielfalt“, sagt Wolfgang Lieb, sind am Wenigsten die Journalisten verantwortlich, meint Lieb. Im letzten Herbst seien etwas 5000 Journalisten bei der Bundesarbeitsagentur arbeitslos gemeldet gewesen. Als arbeitssuchend waren 9000 Journalisten verbucht. Der Arbeitsdruck ist enorm. Genauer Recherchen eigentlich kaum noch möglich. Vielfach schreibe ein Journalist nur noch beim anderen ab. Herauskomme das, was Kurt Tucholsky „Papageienjournalismus“ genannt habe. 30- 50000 PR-Mitarbeitern stünden hierzulande 48000 hauptamtliche Journalistinnen und Journalisten gegenüber. Die Einkommen sinken. Da ziehe es manche Journalisten in den PR-Bereich.

Konform, uniform, chloroform“ – Heribert Prantl beklagte es schon vor Jahren

Dr. Lieb beklagt, dass in den Talkshows immer wieder die gleichen Vertreter einer bestimmten (neoliberalen) Richtung zu finden sind. Oft welche, die mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft verbunden sind. Obwohl es in Deutschland wohl an die 30000 Wirtschaftswissenschaftler gebe, säßen regelmäßig abwechselnd nur ein Dutzend von ihnen in TV-Shows. Selten werde etwas kritisch hinterfragt. Allein schon weil ein Gegenpart fehle. Oft würden in den Medien nur noch Presseerklärungen verlautbart, Studien wohl kaum vollständig gelesen und analysiert. Lieb weist auf ein früheres Buch von Heribert Prantl mit dem Titel „Kein schöner Land“ hin. Prantl schrieb einen Artikel zum Einzug des Neoliberalismus in Deutschland und wie die neoklassische Ökonomie zur allein herrschenden Lehre wurde: 4. Konform, uniform, chloroform („Die neue Scholastik in Wissenschaft und Medien“). Was sich eben seit Jahren auch tief im deutschen Mainstream-Journalismus niederschlägt.

Die Macht der Finanzmärkte

Die Finanzmärkte hätten doch „in eklatanter Weise versagt“. Der Politik ging es nur darum das Vertrauen der Märkte wiederherzustellen. Die Medien tönten entsprechend. Lieb: „Was den Parlamenten nicht gelang, den Märkten gelang es: Sie zwingen Regierungen aus ihren Ämtern, sie setzen drastische Sparmaßnahmen durch, die nicht von der Bevölkerungsmehrheit goutiert werden, weil zur Verarmung führen. Wie z.B. in Griechenland. „Angela Merkel spricht ganz offen von marktkonformer Demokratie und meint damit nichts anderes, dass die Politik das zu exekutieren hat, was die Finanzmärkte angeblich verlangen.“ Und Dr. Lieb nennt noch ein weiteres Beispiel für „gelungene Gehirnwäsche“: Die „Finanzkrise in eine Staatsschuldenkrise umzudrehen.“ Wolfgang Lieb ruft dann noch einige Beispiele ins Gedächtnis der Zuhörerinnen und Zuhörer, die unter „Neusprech“ zu rubrifizieren sind: Die sogenannten „Lohnnebenkosten“. Deren Absenkung angeregt durch die INSM gebetsmühlenartig mithilfe der Medien gefordert und schließlich von der Politik umgesetzt wurde. „Kein Arbeitgeber, sagt Lieb, „unterscheidet zwischen Lohn- und Lohnnebenkosten. Sondern nur für das Kapital und des Faktor Arbeit.“ Bei der Senkung der Lohnnebenkosten würden ja nur die Kosten des Unternehmens gesenkt. Und die Kosten für Gesundheit und Rente auf die Arbeitnehmer verlagert. Die Krankenkassenbeiträge für Arbeitgeber wurden gedeckelt. Für alles was zusätzlich anfällt, zahlen die Arbeitnehmer. „Agenda 2010“, „Personalserviceagenturen“ und „Umbau des Sozialstaates“ – all das höre man nun auch bezogen auf Griechenland.: das Land soll „fit gemacht werden für die Zukunft“ und der skandalöse Gerede von der „Überalterung der Gesellschaft“ und vieles andere mehr – das seien fast tagtäglich ventilierte „alles Falschwörter“, so Lieb. Die dahinter steckende Ideologie müsse aufgedeckt werden. Was die NachDenkSeiten täglich leisten.

Der Arbeitsmarkt ist kein Kartoffelmarkt

Dahinter stecke die Ideologie der „angebotsorientierten Wirtschaftstheorie“. Alles was die Investitionsbedingungen der Unternehmen erleichtert, würde Wachstum und damit Wohlstand schaffen. „Der Arbeitsmarkt wird betrachtet wie ein Kartoffelmarkt. Das heißt, wenn der Marktt zu Ende geht gegen zwei Uhr, dann gibt es die Kartoffeln die es vorher für drei Euro gab für ein Euro. Und wenn der Kartoffelpreis tief genug gesunken ist wird der Markt geräumt. So stellen sich die angebotsorientierten Ökonomen den Arbeitsmarkt vor. Das der Arbeitsmarkt auch über die Löhne eine Nachfragekomponente hat und dass die Nachfrage in einer Volkswirtschaft immer noch den größten Anteil am wirtschaftlichen Wachstum ausmacht, dass wird völlig venachlässigt.“

Links der Union darf es keine linke Alternative geben

Es werde alles daran gesetzt, jede politische Alternative links der Union zu verhindern. So würde auch immer gegen Linke gearbeitet. Gegen den „Warmduscher“ Brandt wurde Helmut Schmidt hochgelobt, bei den Grünen Stimmung gegen die „Fundis“ gemacht. So ergeht es auch der Linkspartei: da lobt man die „guten Reformer aus dem Osten“ und macht die „Radikalos aus dem Westen“ nieder. Und die SPD habe durch die „Abgrenzeritis“ bis heute nicht begriffen, dass für sie damit jede Regierungsoption obsolet wird.

Welche Möglichkeiten gibt es die Vermachtung der veröffentlichten Meinung aufzubrechen – kann das Internet da eine Rolle spielen?

Sicherlich könnten Blogs – Social Media wie Facebook und Twitter überhaupt- und auch Kleinverlage wie der pad-Verlag von Peter Rath-Sangkhakorn (der übrigens Wolfgang Lieb nach Dortmund eingeladen hat) oder das Mittel der Demonstrationen Chancen darstellen mit denen die Einzelnen ohne viel Kapital der Vermachtung entgegentreten könnten. Allerdings, macht Wolfgang Lieb klar, könne mit alldem kaum ein politische Bewegung mit konkreten Forderungen oder Zielen aufbauen.

Das Wohin muss klar sein

Zwar könne die Occupy-Bewegung zu einer politischen Massenbewegung werden, wenn es ihr gelänge genau zu vermitteln, wohin die Bewegung gehen solle. „Offene Bewegungen sind gut, Aktivismus ist gut, soziale Bewegungen sind gut. Aber irgendwann müsse die Diskussion zu einer Meinungsfindung kommen, irgendwann müsste man wissen, was die Aktivisten konkret wollen.“ Alternativen müssten aufscheinen.

Blogs leisten einen beachtlichen Beitrag zur Meinungsvielfalt, können am nur „eine wenig Sand im Getriebe der Maschinerie einer gelenkten Demokratie sein“

Blogs seien momentan allenfalls in der Lage „ein wenig Sand ins Getriebe der Maschinerie einer gelenkten Demokratie zu streuen“. Politische Blogs, gibt Lieb zu bedenken, hätten es in Deutschland nicht einfach. „Unter den ersten zwanzig sind es gerade einmal vier neben den NachDenkSeiten.“ Man brauche da noch einen ziemlich langen Atem, viel Kraft und Fleiß, konstatierte der Referent. Dazu kommt: „Nur jeder Fünfte Deutsche liest überhaupt Blogs.“

„Der Vorteil des Internets, dass jeder seine Stimme erheben kann, ist gleichzeitig sein Nachteil“, sagt Lieb. Es gibt 500000 Blogs in Deutschland. Aufgrund dieser Unübersichtlichkeit ist es ungeheuer schwierig mit einem einzelnen Blog durchzudringen.“ Immerhin leistete die Blogs eine beachtlichen Beitrag zur Meinungsvielfalt. Dennoch seien „Blogs eher ein Rauschen im Hintergrund“.

Nach wohin wird sich die allgemeine Unzufriedenheit mit der Demokratie ihr Ventil verschaffen?

Längst jedoch sei „ein hoher Prozentsatz der Menschen in Deutschland mit der Funktionsweise der Demokratie weniger oder gar nicht zufrieden“. Alarmzeichen für die Demokratie. Wolfgang Lieb mahnt jedoch zur Aufmerksamkeit: Es sei bei weitem nicht klar, wo sich diese allgemeine Unzufriedenheit mit der Demokratie ein Ventil verschafft: „Ob es eher eine rechtspopulistische Wendung nimmt oder eine fortschrittliche, emanzipatorische Entwicklung“. Man müsse sich ja nur einmal bei unseren europäischen Nachbarn umschauen, wo rechtspopulistische Parteien bei Wahlen erhebliche Zugewinne einfahren. „Fortschrittliche Kräfte – und ich denke, die sind hier mehrheitlich unter uns – sollten alles in ihrer Kraft stehende tun, um zu helfen, dass die Entwicklung und die Unzufriedenheit ihren Ausweg in eine fortschrittlichen, in einer friedlichen, in einer sozialen Politik findet. Und nicht in einer Politik, die der einfachen Rezepte, der einfachen Sündenböcke. In der man alles auf den Islam – oder was noch schlimmer ist – schon wieder auf Zionisten schiebt. Und damit von den wirklichen Problemen und den Inhalten der Politik ablenkt.“

Fazit: Spannend von A -Z

Ein von A – Z spannender Vortrag des Herausgebers der NachDenkSeiten, Dr. Wolfgang Lieb, in der Auslandsgesellschaft Dortmund. Und ein voller Saal, mit mit- und nachdenkenden Zuhörerinnen und Zuhörern. Von Bürgerinnen und Bürgern, denen die Demokratie und eine gerechte Gesellschaft Herzensanliegen sind. Mitmenschen, die wohl tagtäglich nach oder vor dem Frühstück gegen 9 Uhr die Hinweise des Tages der NachDenkSeiten lesen. Die nicht mehr ohne diese kritische Website leben mögen. Oder Leute, die künftig zu deren Lesern gehören werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die anwesenden Stammleser ihre Erfahrungen mit den NachDenkSeiten auch Freunden und Kollegen mitteilen. Um auch sie dazu ermuntern, etwas kritischer zu denken. Auch wenn das – wer wüsste das besser als ich – bei Mitmenschen, die jahrelang einem Feuerwerk von neoliberaler Meinungsmache ausgesetzt waren und weiter sind, äußerst schwierig bis zuweilen unmöglich ist. Aber wie heißt es: Steter Tropfen höhlt den Stein. Wolfgang Lieb kann da Mut machen: Er machte die Erfahrung, dass sich selbst schwer verknöcherte gesellschaftliche Zustände sich schnell ändern können.

Dem interessanten Referat von Wolfgang Lieb schloss sich eine lebhafte, nicht weniger interessante Diskussion an. Dazu mehr in einem gesonderten Beitrag.

Dortmund #protestbamfdo – Protestcamp syrischer Flüchtlinge ist nun auf einen Platz unweit des Hauptbahnhofes gezogen

Fotos vom Protestcamp syrischer Flüchtlinge in der Innenstadt von Dortmund; Claus-Dieter Stille

Fotos vom Protestcamp syrischer Flüchtlinge in der Innenstadt von Dortmund; Claus-Dieter Stille

Die Flüchtlinge sind fast täglich in der Tagesschau. Und doch weit weg. Es gelingt ihnen zuweilen bis nach Lampedusa in Italien zu gelangen. Andere haben Pech: Friedensnobelpreisträger EU schottet sich ab und lässt viele der Flüchtlinge einfach im Mittelmeer ertrinken. Denn die italienische Rettungsmission „Mare Nostrum“ wurde eingestellt. Den Italienern war sie zu teuer geworden. Andere EU-Länder hatten sich finanziell nicht beteiligen wollen. Trotz aller Abschottung und sonstiger Widrigkeiten kommen Flüchtlinge durch nach Europa. Sogar bis nach Dortmund ins Ruhrgebiet. Über 2000 Flüchtlinge soll es derzeit in Dortmund geben. Zuständig für sie: ganze 6 Sozialarbeiter. Die Menschen sind für gewöhnlich nicht im Gesichtsfeld der Dortmunderinnen und Dortmunder. Was sich nun von einen Tag auf den anderen geändert hat.

Die Bearbeitung der Asylanträge verläuft zu schleppend

20150617_124938Seit vergangener Woche demonstrieren die Syrerinnen und Syrer, Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland, vor der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Dortmund. Ihre Forderung: eine schnellere Bearbeitung ihrer Asylanträge. Viele warten auf ihre Anhörung. Schon seit Monaten. Manche gar seit einem Jahr. Erst nach dieser Anhörung können sie einen Aufenthaltstitel bekommen. Ohne diesen sie haben sie keine Chance z.B. ihre Familien, welche sich noch im syrischen Kriegsgebiet befinden, nachzuholen. Um die stehen sie fürchterliche Ängste aus. Mütter und Kinder sterben jeden Tag dort. Doch das Amt ist anscheinend überfordert. Die Bearbeitung der Asylanträge verläuft schleppend.
Neonazis mobilisierten gegen das Flüchtlingsprotest-Camp
Mit ihrem Protestcamp im Dortmunder Westen wollten die syrischen Flüchtlinge friedlich auf ihre Lage aufmerksam machen. Doch die Partei Die Rechte , Neonazis, mobilisierten gegen das Camp. Schon am ersten Tag des Flüchtlingsprotestes marschierten zirka 20 Dortmunder Neonazis auf deren Camp zu. Sie skandierten rechten Parolen wie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ und trugen (wie schon einmal beim Sturm auf das Dortmunder Rathaus in der Kommunalwahlnacht) gelbe T-Shirts mit dem Aufdruck „Stadtschutz“.

Polizei spricht von „Methoden wie in der Nazizeit“

20150617_130329Die Dortmunder Polizei, die in der Vergangenheit auf rechte Demonstrationen nicht selten fragwürdig reagierte, war diesmal rechtzeitig vor Ort präsent. Rechtsextremen erhielten von der Polizei Platzverweise. Es gab einige Festnahmen. Auch der rechte Ratsherr Michael Brück kam in Gewahrsam. Vergangenen Freitag dann versuchte sich ein syrischer Flüchtling, sich selbst anzuzünden. Der Versuch misslang glücklicherweise. Dessen Mitstreiter verstanden dessen Verzweiflung, distanzierten sich aber davon. Man sprach von einer „falschen Botschaft“. Nicht wenige Dortmunderinnen und Dortmunder zeigten sich solidarisch mit den Flüchtlingen. Sie brachten Isomatten, warme Getränke und Essen ins Camp. Viele Helfer sind via Twitter unter dem Hashtag #protestbamfdo organsisiert. Ein Syrer namens Khatib: „Wir sind der Polizei und den Dortmundern unbeschreiblich dankbar für alles.“ Die Polizei selbst sprach betreffs der Aktionen der Rechtsextremen von „Methoden wie in der Nazizeit“. Der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange versprach alles zu unternehmen, um den Schutz der Flüchtlinge, deren Demonstration genehmigt ist, sicherzustellen.

Das Protestcamp wurde nun ins Dortmunder Zentrum verlegt

20150617_130127Am Dienstag dieser Woche nun marschierten die Flüchtlinge von Unterstützern aus der Dortmunder Bevölkerung begleitet und unter ständigen Polizeischutz in die Innenstadt. Hin zu einem neuen Platz für ihre Protestcamp oberhalb der Katharinentreppen gegenüber dem Dortmunder Hauptbahnhof.
Und zwar obwohl die Neonazis den Platz für ihre wöchentliche Mahnwache nutzen. Das Camp wird nach Absprache mit der Polizei nun erst am Dienstag in die Innenstadt verlegt. Eine Konfrontation möchten die Syrer indes vermeiden. Kathib: „Wir vermissen Syrien. Wir haben uns die Situation nicht ausgesucht, aber jetzt gebt uns doch die Gelegenheit, gute Mitbürger zu sein.“

Ein gut gewählter Platz

Der Chronist besuchte heute Mittag das Camp an der Katharinenstraße. Unter Planen und zeltähnlichen Gebilden sitzen die Syrer auf Decken und Kissen nun vor einem Gebäude, dass der Stadt Dortmund gehört und irgendwann einmal zu einem Hotel umgebaut werden soll. Auf Facebook schlug heute jemand vor, die Stadt könne das ohnehin nicht genutzte Haus ja temporär den Flüchtlingen als Unterkunft zur Verfügung stellen. Während meines Besuches ist alles ruhig. Mehrere Polizeifahrzeuge stehen links und rechts des Weges. Die Polizeibeamten sind in Bereitschaft.

20150617_125049Mein Eindruck: Der Platz ist gut gewählt. Schließlich gehen hier täglich tausende auf dem Weg vom Bahnhof in die Stadt oder umgekehrt vorbei. Und die Passanten schauen auch nach dem Camp. Sie studieren die selbstgemalten Plakate und Schilder. Darauf steht zu lesen „Unsere Familien sind noch im Kriegsgebiet“, „Wir wollen uns integrieren“ oder „Wir wollen hier arbeiten und lernen“ . Ab und an kommen sogar Passanten mit den Flüchtlingen ins Gespräch. Ein Kamerateam interviewt gerade einen Flüchtling. Dieser erklärt die Aktion und spricht von der schlimmen Situation zuhause in Syrien. Der Mann mahnt Europa an, den Flüchtlinge wieder legale Möglichkeiten zu eröffnen, um nach Europa zu gelangen, damit man dort einen Asylantrag stellen könne. Diese Möglichkeiten seien unterminiert worden. Weshalb viele Flüchtlinge die gefährliche Fahrt übers Mittelmeer in letzter Verzweiflung wagten. Über die Aufnahme durch hilfsbereite Menschen und die netten Behandlung äußert sich der Mann sehr erfreut und dankbar. In anderen Ländern sei das so nicht der Fall. Eine älterer Frau aus Dortmund spricht das die Reporterin des Kamerateams an. Sie erzählt spontan, dass auch ihre Mutter einst nach dem Zweiten Weltkrieg mit zwei Kindern als Flüchtling in die Region gekommen war. Sie könne also ziemlich gut verstehen, was die Flüchtlinge fühlen und wie sie litten, weil sie ihre Heimat hinter sich lassen und die Familien zurücklassen mussten.

50 Millionen Menschen sind momentan weltweit auf der Flucht

Die Flüchtlinge des Dortmunder Protestcamps wollen einfach verstanden werden. Womöglich gelingt das in gewisser Weise an diesem prominentem Ort in der Dortmunder Innenstadt. Die Flüchtlinge sind fast täglich in der Tagesschau. Und doch so weit weg. Aber plötzlich stehen sie vor der eignen Haustür, tauchen in der eignen Stadt auf. Wann begreifen wir endlich, dass die Abschottungspolitik nicht auf Dauer funktionieren kann? Über 50 Millionen Menschen sind momentan in der Welt auf der Flucht! Nicht mitgerechnet viele Binnenflüchtlinge in Krisenländern wie Syrien. Dort sind es um die 6 Millionen. Das die Flüchtlingszahlen steigen, hat mit uns Europäern zu tun.
Neue Mauern in Europa

Heute lese ich, dass Orbans Ungarn plane, einen Grenzzaun an der Grenze zu Serbien zu errichten. Welch Wahnsinn! War es doch Ungarn, dass einst die Grenze für Flüchtlinge aus der DDR öffnete, den Stacheldraht öffentlichkeitswirksam durchtrennen ließ. Und nun baut Budapest wieder eine Stacheldrahtzaun?! Kann diese Europa, die EU, noch eine nennenswerte Zukunft haben? Es wird seitens herrschender Politik oft von europäischen Werten geschwafelt – welche sind denn das konkret?