„Niemand soll hungern, ohne zu frieren“ von Wolfgang Bittner – Rezension

Bereits der Maidan-Putsch 2014 in der Ukraine stellte für mich einen großen Einschnitt dar. Nicht, dass zuvor alles in Butter gewesen wäre. Was ich jedoch zu diesem Zeitpunkt und weiter ab 2015 feststellte war, dass der Journalismus in Deutschland zunehmend auf den Hund kam. Beziehungsweise sich selbst auf den Hund gebracht hatte. Oder sich durch gewisse Umstände dahin hat bringen lassen. Der Journalist und Autor Patrik Baab nennt den Journalismus „verkommen“. Und fügt hinzu: Viele der Journalisten merkten das nicht einmal selbst. Im Sinne der vierten Gewalt agiert der Journalismus grosso modo jedenfalls kaum mehr. Ganz im Gegenteil schrieb, tönte er immer öfters fast unisono als regierungspropagandistischer Lautsprecher und demzufolge unkritisch. Ein Watchdog-Journalismus geht anders.

Ganz schlimm wurde es dann zu Zeiten der Corona-Krise

Die Regierenden in Bund und Ländern suspendierten Grundrechte, verfolgten Kritiker vielfach und taten Alten und Kindern Unsägliches an . Auch hier ließ sich der Journalismus wieder als Komplize missbrauchen, beziehungsweise agierte sogar noch härter gegen Kritiker der vielfach unsinnigen und im Sinne der Virus-Bekämpfung sogar weitgehend unwirksamen Maßnahmen. Nebenbei empfehle ich das Buch „Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen“ von Marcus Klöckner und Jens Wernicke (1).

Die Weltuntergangsuhr ist auf 90 Sekunden vor Mitternacht gerückt

Mittlerweile steht die Weltuntergangsuhr [Doomsday Clock] (2) auf 90 Sekunden vor Mitternacht. So nahe an einem drohenden Atomkrieg war die Menschheit bislang noch nie. Unlängst griff der Iran in Reaktion auf den dieses Jahr verübten tödlichen Luftangriff Israels auf ein Konsulargebäude der iranischen Botschaft in der syrischen Hauptstadt Damaskus und nach den Israel zugeschriebenen Morden an führenden Persönlichkeiten von Hamas und Hisbollah Israel mit Raketen an. Israel bombardiert den Libanon und marschiert wieder mit Bodentruppen in den Zedernstaat ein. Die Welt hält den Atem an. Teheran hat zwar derweil die Angriffe wieder eingestellt. Dies und die Reaktion Israels (und vielleicht der USA) darauf könnte den Nahen Osten endgültig in Brand setzen. Droht gar ein Dritter Weltkrieg? Im Gaza-Streifen forderte der mutmaßliche Massenmord Israels an den Palästinensern inzwischen über 40 000 Tote, darunter Frauen, Babys, Kinder und Alte.

Kippt ein zunehmender Autoritarismus in einen Totalitarismus um?

Hierzulande wächst sich offenbar ein zunehmender Autoritarismus aus, der womöglich in einen Totalitarismus umzukippen droht. Kritischen Bürgern werden Bankkonten gekündigt. Kritischen Medien und einzelnen Bürgern sind Löschungen im Internet ausgesetzt, beziehungsweise werden über fragwürdig konstruierte Verbote zum Schweigen gebracht. Wie erst künstlich betreffs des Magazins Compact geschehen, indem Frau Faeser Compact als Verein behandelte. Man muss das Magazin nicht mögen, aber das von Innenministerin Faeser veranlasste Verbot entbehrte jeder juristischen Grundlage. Es liegt bislang über Jahre hinweg nichts gegen das Magazin vor, das justiziabel wäre. Und dennoch rückt da in aller Frühe ein vermummtes polizeiliches Rollkommando in der Redaktion ein, beschlagnahmt Papiere, technisches Equipment und „verhaftet“ ganz und gar Tische und Bürostühle? Ja, wo sind wir denn (hingekommen)?! Momentan darf das Magazin zwar einstweilig wieder erscheinen (das beschlagnahmte Equipment wird zurückgebracht), allerdings sind ihm mittlerweile alle Konten gekündigt worden, einschließlich der Privatkonten des Ehepaares Elsässer!

Nun, so zeigt uns ein Rückblick in die Geschichte, ist es wahrlich nichts Neues, dass die Obrigkeit gegen hartnäckige Kritiker vorgeht.

Der Buchtitel geht auf eine Verballhornung eines Slogans seitens des Volksmundes zu NS-Zeiten zurück: „Niemand soll hungern, ohne zu frieren“

Der Schriftsteller und Publizist Dr. Wolfgang Bittner hat abermals ein neues, wichtiges Sachbuch geschrieben. Es trägt den Titel „Niemand soll hungern, ohne zu frieren“ (Untertitel: „So wie es ist, kann und wird es nicht bleiben“). Mit dem Buchtitel lehnt sich Bittner (geboren 1941) an Folgendes an: Die nationalsozialistische Volkswohlfahrt hatte während es Zweiten Weltkriegs das «Winterhilfswerk des deutschen Volkes« gegründet, das Sach- und Geldspenden sammelte. „Dazu hielt Adolf Hitler im Oktober 1943, wie jedes Jahr“, so schreibt Wolfgang Bittner, „eine Rede, in der er die nationale Solidarität rühmte und beschwor. Der Slogan lautete: «Keiner soll hungern, keiner soll frieren!«. Im Volksmund wurde daraus bald die Verballhornung: «Keiner soll hungern, ohne zu frieren!« (S.11)

Ich kann Wolfgang Bittner eins zu eins nachfühlen, wenn er bekennt: «Seit Monaten muss ich mich vorsehen, nicht depressiv zu werden. Wenn ich in die Zeitungen schaue, Rundfunk höre oder den Fernseher anstelle, überkommt mich ein Gefühl des Ausgeliefert sein an dunkle Mächte. Die kann ich zwar mittlerweile benennen, aber darüber zu sprechen vermag ich nur mit wenigen Menschen meiner Umgebung. Einige meiden mich, halten mich wahrscheinlich für einen Querdenker und Verschwörungstheoretiker.« (S.19)

Ein Auszug aus dem Buch „Niemand soll hungern, ohne zu frieren“ von Wolfgang Bittner. (aus Resümee; S.199):

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“, schrieb der Dichter und politisch engagierte Journalist Heinrich Heine 1844 im Pariser Exil. In Deutschland herrschte damals Kleinstaaterei und politische Repression. Mit Verboten, Hausdurchsuchungen, Verhören und Inhaftierungen ging die Obrigkeit gegen alle vor, die sich ihrem Regime nicht unterwarfen.

Nachdem es 1848 zu Aufständen gekommen war, wurde der Demokrat und Vorkämpfer der Märzrevolution, Robert Blum, in Wien hingerichtet. Heine floh nach Frankreich, wo die Gedanken der Revolution von 1789 noch nachwirkten und wohin sich auch Karl Marx, der Journalist Ludwig Börne und der Schriftsteller Georg Büchner vor Verfolgung in Sicherheit bringen mussten. Sie starben im Exil: Heine und Börne in Paris, Büchner in Zürich, Marx in London.

Ähnlich wie Heinrich Heine und anderen seinerzeit verfolgten „Querdenkern“ geht es im heutigen Deutschland Kritikern obrigkeitlicher Repression sowie Menschen, die vorurteilsfrei eine Entwicklung wahrgenommen haben, die zu einem dritten Weltkrieg führen könnte, und sich dagegen engagieren. Sie sind „um den Schlaf gebracht“, wenn sie Verlautbarungen von Politikern und Politikerinnen vernehmen, die Nachrichten und Kommentare im Rundfunk hören oder in der Zeitung lesen, und wenn sie die Berichte, Talkshows oder Hetzfilme im Fernsehen schauen. Einigen ist die Existenzgrundlage entzogen worden, manche sind ins Ausland gegangen.

Kaum jemand wird gleich eingesperrt oder umgebracht, heutzutage gibt es andere Mittel, um Kritiker mundtot zu machen. Dazu gehören Kündigungen, Hausdurchsuchungen, Zensur, Kontensperrungen oder die Entziehung von Verdienstmöglichkeiten. Politiker ermuntern zu Denunziation, sie reden von Verschwörungstheoretikern, Putin-Verstehern und Demagogen, fordern „Kriegstüchtigkeit“, „deutsche Führung“ und immer mehr Waffen.

Auf dem Weg in den Obrigkeitsstaat

Wer sich dem Zwang zur Impfung mit einem zweifelhaften Vakzin widersetzte, wurde Covidiot genannt und geächtet. Wer gegen Waffenlieferungen in die unglückliche Ukraine ist, muss sich in Acht nehmen. Wer das Vorgehen der israelischen Regierung in Gaza verurteilt, wird als Antisemit gebrandmarkt. Vortragsräume werden verweigert, Bankkonten gekündigt, unerwünschte Veröffentlichungen bei YouTube und anderen Videoportalen gelöscht.

Wir befinden uns auf einer abschüssigen Bahn in faschistoide Verhältnisse. Wenn es so weitergeht wie bisher, rutschen wir immer tiefer in einen Obrigkeitsstaat, in dem alles reglementiert, überwacht und digital erfasst wird, in dem kein Ausweg mehr für Menschen bleibt, die das nicht mitmachen wollen.

Es gibt in Deutschland keine Konzentrationslager, keine staatlich genehmigten Folterungen oder Hinrichtungen, die physische Gewalt hält sich in Grenzen. Aber es gibt wieder politisch gerechtfertigte Drangsalierungen, Einschüchterungen, Schikanen, Verfolgungen. Es gibt wieder Menschen, die Angst haben, die schweigend in die Depression abrutschen oder in die „innere Emigration“ gehen. Es gibt wieder Parias, Menschen, die sich im eigenen Land fremd fühlen, manche bedroht.

Als ich mit einem Freund darüber sprach, meinte er: „Ich weiß nicht, was du hast. Ich kann doch in diesem Land – natürlich im Rahmen der Gesetze – alles sagen, was ich will.“ Ich antwortete ihm: „Du kannst alles sagen, weil du nichts zu sagen hast.“ Das war das Ende unserer Freundschaft. Er ging dann auf Demonstrationen für die Demokratie und gegen die AfD und schien sich dabei recht wohlzufühlen.

Wenn der Faschismus wiederkehrt …“

Der italienische Schriftsteller Ignazio Silone (1900–1978) sagte an dem Tag, als er aus dem Schweizer Exil in seine Heimat zurückkam: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus‘.“[1] Denjenigen, die arm sind, Millionen, die nicht mehr ein noch aus wissen, ist das egal. Den anderen, der Mehrheit, die mehr oder weniger am relativen Wohlstand teilhaben, ist das nicht bewusst. Und sie können es auch nicht wissen, weil ihnen die Grundlagen dafür fehlen. Das ist nicht allein eine Bildungsfrage oder eine Frage der Intelligenz, vielmehr werden sie von Politik, Medien und einer Pseudowissenschaft in die Irre geleitet. Wir haben es mit einem Führungspersonal zu tun, das nicht nur unbedarft oder korrumpiert ist, sondern gefährlich.

Die Verantwortungslosigkeit dieser Akteure kennt keine Grenzen. Ende Mai 2024 verschärfte die westliche Allianz den Konflikt mit Russland unter Mitwirkung der Kiewer Regierung mit einem „ukrainischen“ Drohnenangriff auf das russische Frühwarnradarsystem.[2] Gleichzeitig beschlossen die NATO-Außenminister auf einem Treffen in Prag den Einsatz westlicher Waffensysteme durch die Ukraine im russischen Hinterland.[3] Das Geschäft der Kriegstreiber, die das nukleare Ende der Menschheit heraufbeschwören, nimmt immer wahnsinnigere Formen an.

Was in dieser Lage noch bleibt, ist Widerstand. Die Weltuntergangsuhr zeigt 90 Sekunden vor Mitternacht, aber wir können aufklären, Koalitionen bilden, demonstrieren … Aufgeben ist keine Option, denn so, wie es ist, kann und wird es nicht bleiben.

Bezugnehmend auf den letzten Satz müssen wir alles uns persönlich Mögliche dafür tun, dass es nicht so bleibt. Wolfgang Bittner wird jedenfalls nicht müde, seine Leser aufzuklären und aufzurütteln. Dafür nimmt er in Kauf angefeindet, diffamiert und bedroht zu werden. In der Ukraine wurde Bittner samt anderer respektabler Leute auf die schwarzer Liste des ukrainischen Zentrums für Desinformationsbekämpfung gesetzt. (7)

Der Autor hat auf Manches, das er auch in diesem neuen Buch ausführt bereits in vorangegangenen fünf anderen Büchern hingewiesen. Immer wieder befasst sich Bittner mit den geostrategischen Verwerfungen und den damit verbundenen Problemen. Nun hat er Vieles abermals genau analysiert und dabei auf neue, oft besorgniserregende Entwicklungen aufmerksam gemacht. Dass ist äußerst verdienstvoll. Denn wir Menschen sind vergesslich. Weshalb sich das neue Buch gewissermaßen auch als Nachschlagewerk eignet, wenn uns in den Medien oder seitens der Politik etwas begegnet, das mit (bewusst ins Werk gesetzten) Lücken behaftet ist, die nicht das Ganze offenbaren, sondern Ereignisse im Sinne westlicher Narrative darstellen. Da wird gern auch mit Weglassungen gearbeitet. Die meiner Meinung nach fast noch schlimmer sind als Lügen. Nicht zuletzt geschieht das rund um den Ukraine-Krieg, indem westliche Medien geflissentlich die lange Vorgeschichte dieses Konfliktes weglassen. Aber wie notierte Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831): «Das Wahre ist das Ganze«. Der Chefredakteur von Die Weltwoche, Roger Köppel, schreibt in einem Editorial: «Diesen Satz Hegels verstehe ich so, dass man die Welt nur begreifen kann, wenn man alles in seinen Zusammenhängen und Gegensätzen als das Produkt geschichtlicher Prozesse, eben als Ganzes sieht. Nichts ist allein aus sich selbst heraus verständlich, die Wirklichkeit ist ein dauerndes Werden und Vergehen, ein Gemenge von Kräften und Gegenkräften, Tendenzen und Widertendenzen, die sich gegenseitig erzeugen und erklären.« (8)

Zweifelsohne arbeitet auch Wolfgang Bittner im Sinne des Hegelschen Satzes.

Und wir Leser profitieren davon. Dank der vom Autor akribisch zusammengetragenen Fakten halten wir auch eine Fülle Argumentationshilfen in der Hand. Wir können so, wenn uns mal wieder jemand ein X für ein U vormachen will, faktenreich dagegenhalten. Gesetzt den Fall, man brächte den Mumm dazu auf! Den nötigen Mumm aufzubringen müssen wir dringend endlich auch von den Medien und den Journalisten einfordern. Beachtet werden muss allerdings wiederum dabei auch, was uns die chinesische Journalistin Danghong Zhang, welche 30 Jahre für die Deutsche Welle gearbeitet hat, ins Stammbuch schreibt und aus eigener Erfahrung heraus zu bedenken gibt: «Nur die richtige Meinung ist frei“ (9).

Wolfgang Bittner legt in seinem Buch den Finger in viele Wunden. Natürlich auch in alte Wunden, die durch eine falsche, gefährliche Politik wieder aufgerissen werden. Etwa die des Agierens unseres Landes gegenüber Russland. Die Früchte der Ostpolitik von Willy Brand und Egon Bahr werden unbedacht zerstört. Unsere Außenministerin, Mitglied einer Partei – welche sich einst als Friedenspartei verstanden wissen wollte – will Russland ruinieren, der Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter (CDU) möchte den Krieg nach Russland tragen und Verteidigungsminister Pistorius will uns kriegstüchtig machen! Im Kapitel „Friedensopposition“ (S.89) gibt es die Unterkapitel: „Wer sich nicht anpasst, wird diffamiert“ (S.90) und „Das Ziel: ein Regime Change in Moskau“ (S.94)

Bittner sieht Deutschland vor einem drohenden Krieg, in welchen wir offenbar immer mehr hineingezogen werden sollen.

Nur einige wichtige Kapitel seien hier neben anderen wahrlich nicht weniger unwichtigen Kapiteln seien hier genannt:

  • „Die Teilung der Welt  und der Gesellschaft in Gut und Böse“ (S.33)
  • „Deutschland unter Vormundschaft“ (S.59)
  • „Die Feindstaatenklausel in der UN-Charta“ (S.69); Ist uns eigentlich allen bewusst, dass Deutschland nach der sogenannten Feindstaatenklausel in den Artikeln 53 und107 der UN-Charta immer noch ein Feindstaat der Gegner des Zweiten Weltkriegs ist? (S.70) Und der Zwei-plus-Vier-Vertrag kein Friedensvertrag ist und wir nach wie vor im Zustand eines Waffenstillstands befinden? Bittner: «Deutschland steht unter Kuratel der USA sowie unter latenter Beobachtung Großbritanniens und Frankreichs, auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen.«(S.72)
  • Russland und Wladimir Putin im Trommelfeuer der Propaganda (S.97)
  • Im Kriegsmodus (S75)
  • „Selbstverteidigung der Ukraine und Israels?“ (S.117)
  • „Die Außerkraftsetzung der Grundrechte nach Belieben“ (S.121)
  • Politisierung der Kultur (S.133)
  • Europäische Gemeinsamkeiten und Perspektiven; Ein Europa souveräner Staaten (S.139)

Der Autor zieht daraus entsprechende Schlüsse und formuliert die wichtigsten Ziele einer vernünftigen Politik für Deutschland:

  • Austritt aus der NATO, die schon lange gegen ihre eigenen Statuten verstößt
  • Kündigung der Stationierungen ausländischen Militärs auf deutschem Territorium
  • Wiederaufnahme preiswerter Gaslieferungen aus Russland
  • Einstellung von Waffenlieferungen insbesondere an Kriegsparteien
  • Wiederaufnahme normaler Beziehungen zu Staaten, zu denen das Verhältnis zurzeit gestört ist.

Des Weiteren lässt Wolfgang Bittner die Leser an seinem Eindrücken auf vergangenen Lesereisen „Hinter dem neuen Eisernen Vorhang“ in Russland teilhaben (S.149).

Sehr empfehlenswert – vor allem für jüngere Leser – dürften die Seiten im Buch sein, auf welchen der Autor auf die Kontinuität der Verfolgung Andersdenkender in Deutschland erinnert (S.175). Besonders an das KPD-Verbot 1956 in Westdeutschland und die damit verbundene Verfolgung des kommunistischen Politikers Josef (Jupp) Angenfort, der immerhin seinerzeit für vier Jahre und vier Monate hinter Zuchthausmauern verschwand (S.181). Sowie über die Verfolgung von Menschen in Reaktion auf die Berufsverbote (Radikalenerlass) in Westdeutschland am Fall von Silvia Gingold.

Zu danken ist Wolfgang Bittner, dass er gegen Ende des Buches noch Politikeräußerungen veröffentlicht. Zum einen die Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 17.Februar 2024 (S.203) und zum anderen das Interview, welches vom US-amerikanischen Journalisten Tucker Carlson, mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin geführt hat (S.211). Ebenso erscheint im Buch ein Aufruf der russischen Staatsduma an den Deutschen Bundestag (S.208).

Fazit

Mit dem jüngsten Buch von Wolfgang Bittner liegt uns ein an Seiten überschaubares, gut lesbares Buch vor, welches jedoch viele wichtige Informationen und augenöffnende Analysen enthält, welche man sich nicht entgehen lassen sollte. Das Buch hat zudem aufrüttelnde Wirkung, wie hoffen ist.

Deshalb: Unbedingte Leseempfehlung! Da sich dass Buch auch als Nachschlagewerk eignet, sollte es immer an griffbereiter Stelle im Regal stehen.

Das Buch

Titel:Niemand soll hungern, ohne zu frieren
Untertitel:So wie es ist, kann und wird es nicht bleiben
Autor:Wolfgang Bittner
Genre:Sachbuch
Aufmachung:Broschiert (mit Klappen)
Umfang:280 S., mit 25 Abb.
Format:13 x 21 cm
Erscheint am:11. September 2024
ISBN:978-3-943007-54-1 (gedruckte Ausgabe)
Preis:19,90 € (gedruckte Ausgabe)

Zu Wolfgang Bittner

Foto: Graeser.

Der Schriftsteller und Publizist Dr. jur. Wolfgang Bittner ist Autor zahlreicher Bücher, u.a. „Die Eroberung Europas durch die USA“, „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“ (3), „Deutschland – verraten und verkauft“ (4), „Der neue West-Ost-Konflikt“ (5) und „Ausnahmezustand – Geopolitische Einsichten und Analysen unter Berücksichtigung des Ukraine-Konflikts“ (6).

Kurzbeschreibung von der Buchrückseite:

Seit 1945 befindet sich Deutschland im Zustand eines Waffenstillstands und gilt der Charta der Vereinten Nationen zufolge noch immer als Feindstaat. Das hindert die Bundesregierung nicht daran, einen waghalsigen Kurs zu fahren: So ist wieder die Rede von deutscher Führung, von Kriegstüchtigkeit und der Wiedereinführung der Wehrpflicht. Zugleich werden Milliarden für immer mehr Waffen und den Stellvertreterkrieg in der Ukraine ausgegeben.

Das wird gravierende Folgen haben, zumal sich global eine tektonische Verschiebung abzeichnet: Russland, China und viele Staaten des globalen Südens wenden sich gegen die stets auf den eigenen Vorteil bedachte Außenpolitik der USA, der sich die Berliner Regierung indes weiter verpflichtet fühlt.

Aufgrund der wachsenden Kriegsgefahr bleibt Aufklärung über die Hintergründe das Gebot der Stunde. Denn so wie es ist, kann und wird es nicht bleiben. Wolfgang Bittner dokumentiert, analysiert und zeigt Perspektiven auf.

Klappentext:

Bis vor wenigen Jahren noch in der ersten Reihe der Industrienationen, treibt Deutschland unter Vormundschaft der USA in die Bedeutungslosigkeit. Wirtschaftlich geht es bergab, die Gesellschaft ist tief gespalten, chaotisiert und soll auf Kriegskurs gebracht werden.

Es gibt wieder Menschen hierzulande, die Angst haben, schweigend in die Depression abrutschen oder in die „innere Emigration“ gehen. Es gibt wieder Parias – Menschen, die sich im eigenen Land fremd fühlen, manche bedroht. Wer sich den zunehmenden Zwängen entgegenstellt, muss sich vorsehen. Zensur, Hausdurchsuchung, Kontensperrung, die Entziehung der Verdienstmöglichkeit bis hin zur Kündigung sind nur einige Maßnahmen obrigkeitlicher struktureller Gewalt.

Setzt sich die Entwicklung so fort, steht am Ende ein autoritärer Staatsapparat, der alles erfasst, überwacht und reglementiert. Digitalisierung und KI-Technologie eröffnen der Unterdrückung weitreichende Möglichkeiten.

Links:

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(2)

(3)

(4)

(5)

(6)

(7)

(8)

(9)

Anbei ein Gespräch, das Dirk Pohlmann mit Dr. Wolfgang Bittner führte:

https://apolut.net/im-gespraech-wolfgang-bittner/

Nur die richtige Meinung ist frei. Von Danghong Zhang – Rezension

Das erste Mal, dass ich etwas über die am 1. Oktober 1949 gegründete Volksrepublik China erfahren habe, kann in der vierten oder fünften Klasse zu DDR-Zeiten in meiner Polytechnischen Oberschule gewesen sein. Und zwar in einer Geographiestunde. Die VR China war damals sehr arm. Ein Entwicklungsland. Nicht bewusst war uns Schülern damals, dass China ein Land mit tausenden von Jahren Geschichte und einer hochentwickelter Kultur ist. Welches durch westliche Interventionen und Zerstörungen in der Entwicklung weit zurückgeworfen worden war.

Unser Lehrer erzählte uns damals, dass sich China unter Mao Zedong anschickte Stahl in kleinen Hinterhofhochöfen zu produzieren.

«Die Stahlproduktion galt neben der Getreideproduktion für die chinesische Führung als „Hauptkettenglied“ für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und die Erhöhung der Stahlproduktion galt deshalb als ein entscheidendes Element für den Erfolg des Großen Sprungs« (1).

Unsere hiesigen Medien verbreiten über Jahre hinweg meist die immer gleichen Klischees über China und stellen in erster Linie ständig durch Peking verletzte Menschenrechte in den Vordergrund ihrer Berichterstattung oder kritisieren eine die angebliche exorbitante Umweltverschmutzung in China. Es wird in der Regel ein allgemeines China-Bashing geritten Dabei sind die allermeisten deutschen Journalisten, die über die Volksrepublik China schreiben weder je dort gewesen und schon gar nicht beherrschen sie die Landessprache. Noch dürften sie einen blassen Schimmer von der mehrere tausend Jahre alten Kultur Chinas haben. Mag sein, es handelt sich bei vielen von ihnen um „Sitzjournalisten“. So bezeichnet der Politikwissenschaftler, Publizist und last but not least, erfahrene langjährige Journalist Patrik Baab diejenigen Schreibtischtäter, welche in der mehr oder weniger komfortablen Redaktionsstube vorm Computer sitzen und aus dem, was da heraus poppt eine Story zusammenkloppen. Negativer Höhepunkt in letzter Zeit bezüglich China: Völlig undiplomatisch entblödete sich unsere Außenministerin Baerbock nicht den chinesischen Staatschef Xi als „Diktator“ zu bezeichnen. Was Peking so sehr verstimmte, dass der deutsche Botschafter einbestellt wurde.

Ich kann nur empfehlen zunächst einmal die westliche Brille wegzuwerfen, wenn wir uns angemessen und unvoreingenommen über die VR China informieren wollen. Persönlich waren mir zu diesem Behufe Bücher von Wolfram Elsner Das chinesische Jahrhundert (2) und Rolf Geffken Mein China (3) sowie ein Vortrag Egon Krenz, beruhend auf dessen China-Buch CHINA. Wie ich es sehe (4) sehr dienlich.

Dass die VR China seit den Wirtschaftsreformen 1978 mehr als 850 Millionen Menschen aus der Armut befreit hat – was in der Weltgeschichte seinesgleichen sucht – , hören wir dagegen eher selten hierzulande. Es passt wohl nicht ins Narrativ.

Da hängen sich die Medien und Politiker schon eher an der fehlenden Meinungsfreiheit in China auf.

Diesbezüglich gibt es sicher Kritikpunkte. Besonders wenn Kritik an der Partei- und Staatsführung Chinas geäußert und verfolgt wird.

Aber wie sieht es eigentlich hierzulande damit aus? Wir sind doch angeblich die Guten in nahezu jeder Beziehung. Weshalb wir gerne andere Länder, die nicht zum „Wertewesten“ gehören, oberlehrerhaft belehren. Da steht bei uns China ganz vorn auf der Liste. Welch Hybris! Wie ich finde, sollten wir uns der Redewendung „Hochmut kommt vor dem Fall“ besinnen.

Die in China geborene Journalistin Danhong Zhang, die lange Zeit in der China-Redaktion der Deutschen Welle arbeitete, hat das Buch „Nur die richtige Meinung ist frei“ geschrieben. Es ist soeben bei Fiftyfifty erschien. Der Verlag dazu:

«Leben wir in einem Land mit Meinungsfreiheit? Die allermeisten würden die Frage mit einem klaren „Ja“ beantworten und den in der Frage implizierten Zweifel mit Empörung beiseiteschieben. Hier kann jeder seine Meinung kundtun, ohne im Gefängnis zu landen. Wir haben doch keine chinesischen Verhältnisse. China dagegen hat den Ruf, keine freie Presse zu haben und auch die Meinungsfreiheit nicht einzuhalten. Doch ausgerechnet eine chinesischstämmige Journalistin ist sich da nicht so sicher,was Situation in Deutschland angeht. Nach ihren eigenen Erlebnissen zu urteilen, ist der Unterschied zu China vielleicht ein quantitativer, und aber nicht unbedingt ein qualitativer.Immerhin: laut einer aktuellen Allensbach Umfrage glauben nur noch 40 Prozent der Deutschen ihre politische Meinung frei äußern zu können. Da fällt es besonders ins Auge, dass eine chinesischstämmige Journalistin der deutschen Mainstream-Medien ihre Stelle bei der Deutschen Welle nach dreißig Jahren kündigt, weil sie den Maulkorb der ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln der deutschen Medien abschütteln will. Dass sie nach China zurückkehrt, um frei über ihre Erfahrungen schreiben zu können, statt wie die Kollegen Kritik an China zu üben, scheint noch überraschender.
Nach dem Erfahrungsbericht der Journalistin Danhong Zhang, der am31.Septemberunter dem Titel Nur die richtige Meinung ist frei Deng erschienen ist, stellt sich durchaus die Frage: Entspricht das Bild des bösen China und der gerechten und freien öffentlich-rechtlichen Medien nicht so vollumfänglich der Realität, wie die Berichterstattung uns glauben lässt?«

Auf Frau Zhangs Buch war ich gespannt. Allein schon der Titel triggerte mich. Schließlich musste ich – der ich aus der DDR komme und von dort aus immer den in der BRD gängigen Meinungspluralismus geschätzt hatte – etwa ab 2014 mit zunehmendem Erschrecken und enormer Ent-Täuschung konstatieren, dass der Journalismus in Deutschland zunehmend auf den Hund kam, beziehungsweise gebracht wurde. Als vierte Gewalt spielt er im Grunde genommen die ihm diesbezüglich zugedachte Rolle nicht mehr.

Danhong Zhang ist weit davon entfernt ihre Heimat nur in rosarotes Licht zu tauchen. Lebte sie doch in ihre Kindheit in den Wirren der Kulturrevolution. Sie erinnert sich: «Ein Nachbarjunge wurde für mehrere Monate in ein Arbeitslager gesteckt, weil er versehentlich aus einer Zeitschriftenseite mit dem Konterfei von Mao ein Schiffchen gebastelt hatte. Öffentliche Kritik am Großen Vorsitzenden mussten etliche Chinesen mit dem Leben bezahlen. Von der Meinungsfreiheit war China soweit entfernt von Peking zum Mond und wieder zurück.«

Weiter schreibt sie: «Da ich von der Gnade der späten, aber nicht zu späten Geburt profitierte, durfte ich während meiner Studienzeit Mitte der 1980er Jahre das liberalste China der letzten Jahrzehnte erleben. Von 1983 bis 1988 studierte ich Germanistik an der Peking-Universität. Damals lenkte der Reformpolitiker Deng Xiaoping die Geschicke Chinas.« (S.12) Der süße Duft der Freiheit und auch der Meinungsfreiheit wehte und zog Zhang in die Welt.

In ihrer zweiten Heimat Deutschland wurde ihr Kindheitstraum, Journalistin zu sein, wahr. Ernüchtert zieht sie Bilanz: «In den dreißig Jahren meiner journalistischen Laufbahn, von 1989 bis 2019, wurde ich jedoch Zeugin eines besorgniserregenden Prozesses, bei dem der Korridor für die «Meinungsfreiheit immer weiter verengt wurde.« (S.13)

Weiter: «Kurz nach meiner Rückkehr nach China kam, aus heiterem Himmel, die Corona-Pandemie, gefolgt vom Ukraine-Krieg. Die Berichterstattung der Mainstream-Medien fiel von einem Tiefgang zum nächsten. Der Riss in meinem Glauben an die Meinungsfreiheit wurde zu einem riesigen Loch.«

Folgendes sollte uns allen – aber vor allem den Journalisten hierzulande – wirklich zu denken geben und endlich zum Handeln bringen. Danghong Zhang:

«Inzwischen hege ich ernsthafte Zweifel, ob die von der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit überhaupt noch das Papier wert ist, auf dem sie steht. Mit diesem Buch möchte ich einen winzigen Beitrag leisten dieses hohe Gut zu verteidigen, bevor es zu spät wird.«

Frau Zhang, die dreißig Jahre lang Journalistin bei deutschen Mainstream-Medien war, hat die beklagte Diskursverengung am eigenen Leib gespürt.

Zhang stellt heraus: «Dass ich von der „Causa Zhang“ und anderen Anekdoten aus der Deutschen Welle berichte, soll nicht als Abrechnung mit meinem damaligen Arbeitgeber verstanden werden. Ich schreibe dieses Buch, weil mir durch meine Biografie und meinen Journalistenberuf die Meinungsfreiheit besonders ab Herzen liegt.« (S.12)

Dass das so ist, atmet jede Zeile ihres interessanten Buches. Mit der Kündigung bei der Deutschen Welle, schreibt sie, habe sie ihre Rede- und Meinungsfreiheit wiedergewonnen. Und, dass Frau Zhang davon gebraucht machte, davon profitieren wir, indem wir ihr Buch lesen.

Danhong Zhang hilft uns dankenswerterweise auf die Sprünge:

«Was ist überhaupt die Meinungsfreiheit? Wie ist sie definiert?
Werfen wir einen Blick ins Grundgesetz. In Artikel 5 steht:

(I) «Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.«

Will man von der Meinungsfreiheit Gebrauch machen, gibt Donhang Zhang zu bedenken, müsse man freilich erst einmal eine Meinung haben.
Also muss man sich informieren. Zumeist täten wir das über die Massenmedien.

Zhang zitiert den Soziologen und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann: «Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.«

Aus diesem Grund, so die Autorin, setze sie sich in ihrem Buch mit den Medien und deren Machern auseinander. Sie ging deshalb folgenden Fragen nach:

«Können wir uns auf die Medien verlassen? Ist das, was wir durch die Medien erfahren, tatsächlich die Wirklichkeit? Oder ist sie verzerrt, verformt oder gar verfälscht? Und was ist mit der Meinung? Wird die Breite des Meinungsspektrums in unseren Medien gespiegelt? Anscheinend nicht.« Sie ruft Worte des Kabarettisten Dieter Nuhr auf. Diesem sei aufgefallen, dass er mit der Bemerkung «Nie war die Differenz zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung so groß wie heute« seinen sichersten Szenenapplaus habe.

Dank ihres Fleißes und des dadurch erreichten hohen Niveaus im Beherrschen der deutschen Sprache hatte es Zhang bald zu einer Festanstellung bei der Deutschen Welle gebracht. Was sie zu recht stolz machte. Die Eltern waren zunächst nicht begeistert, da ja der deutsche Staatssender in China als „Feindsender“ gesehen worden war.

In Deutschland war sie mit dem oft negativ gezeichneten Bild seitens der Mainstream-Medien über China konfrontiert. Sie wusste, dass westliche Medien grundsätzlich kritisch berichten: «Nur bad news sind good news.« (S.36)

Nach der Frühgeburt ihren zweiten Tochter war Danghong Zhang fast drei Jahre nicht in China gewesen. Erst 2006 kam sie wieder in ihre Heimat. Und sie fand ein so ganz anderes Land vor als es die deutschen Medien gezeichnet hatten: „Die Medienlandschaft war vielfältig, die sozialen Missstände wurden schonungslos angesprochen. Den meisten Menschen ging es materiell besser.“ Selten sah sie unzufriedene Menschen.

Die Reise hatte sie sehr nachdenklich gemacht. Sie konstatierte: «Die deutschen Medien haben es geschafft, dass sogar eine gebürtige Chinesin ihr eigenes Land durch deren Brille betrachtete.«

Danghong Zhang: «Nach meiner Heimatreise 2006 habe ich mich entschlossen, gegen den Strom zu schwimmen und das schiefe Bild über China in Deutschland zurechtzurücken.« (S.37)

Am Anfang ihrer journalistischen Karriere ahnte sie nicht, dass sie sich an der Verbreitung von Fake-News beteiligt hatte. Es war die Zeit der irakischen Invasion Kuweits. Die Rede ist von der sogenannten «Brutkastenlüge« im Ersten Golfkrieg. (S.26) [dazu (5), Quelle: Wikipedia; C.S.]

Mit der Zeit bekommt Zhang mit wie es um die Meinungsfreiheit in der BRD bestellt ist: Solange man im Einklang mit den gängigen Narrativen schreibt, fährt man als Journalist ganz gut. Aber wehe man weicht ab. Mit der steiler werdenden Karriere spürt sie bald, dass dann auch die Fallhöhe steigt.

Bloß nicht allzu positiv über die Entwicklungen in China berichten! Selbst dann nicht, wenn diese Entwicklungen zweifelsohne der Wahrheit entsprechen. Das Negativ-Narrativ bezüglich Chinas darf ja keine Kratzer bekommen und muss hochgehalten werden! Im Kapitel „«Expertin lobt Chinas KP« – die Kampagne kommt ins Rollen“ (S.56) lesen wir, was passiert, wenn man journalistischen Grundsätzen folgt. Die Lektion lernen freilich auch in Deutschland geborene Journalisten in der Regel recht schnell. Blitzen sie mit Artikelvorschlägen vielleicht dreimal beim Redaktionsleiter ab, haben sie verstanden. Sie schreiben wie gewünscht. Meist sogar ohne, dass der Redakteur ihnen das sagen muss. Schließlich brauchen sie ihre Stelle, haben vielleicht Familie und ein Haus abzuzahlen. Ob sie damit glücklich werden, ist eine andere Frage. Es kommt auf den jeweiligen Charakter an.

Manche Journalisten haben sich diesen Beruf aber womöglich ganz anders vorgestellt. Während sich die einen quasi erst rundlutscht werden müssen – bringen wiederum andere schon von Hause aus (die meisten deutschen Journalisten kommen aus gut situierten Haushalten) einen entsprechenden Stallgeruch und die passende Denke mit) und spuren. Manch ehrlichere Naturen mögen womöglich auch zur Flasche greifen müssen.

Einschub: Mir fällt da nebenbei bemerkt ein Kulturredakteur eines Parteiorgans aus DDR-Zeiten ein. Der hatte sich immerhin in die Nische des Kultur- und Kunstjournalismus gerettet, wo er wohl nicht ganz zu Unrecht glaubte, weniger der obligatorischen Parteipropaganda verpflichtet zu sein. Dennoch schien er nicht so recht glücklich zu sein. Was mir damals durch Gespräche mit ihm mehr oder weniger deutlich durchschien. Bei Premierenfeiern nach Theateraufführungen, über welche er Kritiken zu schreiben hatte, schoss er sich regelmäßig mit Alkohol ab. Was wohl aus ihm geworden sein mag? Neben anderen aufkommenden Bedenken beim mir gab übrigens dessen Beispiel den Ausschlag für meine Entscheidung, den zunächst verlockendem Vorschlag der Lokalredaktion, mich zu einem Journalistik-Studium zu delegieren, dankend, aber schweren Herzens, abzulehnen. Als schließlich die DDR gefallen war – ich hatte mich bereits zuvor über Ungarn und Österreich in die BRD verabschiedet -, schrieb ich einmal auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz eine Karte an die Kollegen der Lokalredaktion in meiner Heimatstadt und beglückwünschte sie dazu, nun endlich ehrlichen und kritischen Journalismus betreiben zu können. Ein bisschen schäme ich mich heute dafür. Denn da war ich wohl doch etwas zu naiv.

«Die Aufgabe des Journalismus in der DDR war vorbestimmt durch die herrschende Politik in der DDR. Die Journalisten waren die Hand der Partei auf dem Gebiet der politischen Propaganda und Agitation«, bemerkt Karl-Heinz Röhr, der bis zum Ende der DDR Journalisten an einem Institut der Leipziger Universität ausbildete. (6)

DDR-Journalisten bekamen eine hervorragende Ausbildung, mussten aber linientreu im Sinne der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zu sein. Kurzum: Sie hatten sich als Parteijournalisten zu verstehen.

Seit einiger Zeit ist hierzulande der sogenannte Haltungsjournalismus in Mode kommen, dem sich nicht wenige Journalisten verpflichtet sehen. Das tönt Danhong Zhang in ihrem Buch auch kritisch an. Für mich selbst hat dieser Haltungsjournalismus ein Geschmäckle. Was nicht heißen soll, dass Journalisten keine Haltung haben sollten. Doch dieser Haltungsjournalismus ist meines Erachtens ein ähnliches Übel wie der Parteijournalismus zu DDR-Zeiten. Denn auch er verpflichtet Journalisten auf eine bestimmte Linie. Was sich mit den Grundsätzen eines ordentlichen Journalismus beißt. In schlimmer Ausformung erlebten wir das in der Corona-Zeit und nun wieder in Sachen Ukraine-Krieg. Wer da nicht die „richtige“ Meinung hat, ist schnell weg vom Fenster. Danghong Zhang orientiert sich wohl eher an Hanns Joachim Friedrichs Credo:

 „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung hält; dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er immer dabei ist, aber nie dazugehört.“

Zum Haltungsjournalismus schreibt Zhang: «Jeder Journalist weiß, was eine gute Haltung ausmacht: Die Grünen loben – hui, die AfD für einen Gesetzesvorschlag lobend erwähnen – pfui; Willkommenskultur hochhalten – hui, Probleme der Migration ansprechen – pfui; China für alles anprangern – hui, Fortschritte in der chinesischen Gesellschaft würdigen – pfui. Haltungsjournalismus beginnt schon bei der Themenauswahl. Denn Themen, die nicht ins Weltbild der Mainstream-Journalisten passen, fallen einfach weg.« (S.108)

Zhang lehnt den Begriff „Lügenpresse“ vehement ab. Sie neigt realistisch – nämlich aus eigener Erfahrung – eher der Einschätzung des Politikwissenschaftlers und Sachbuchautors Ulrich Teusch zu, der stattdessen den Begriff „Lückenpresse“ prägte.

Im Abschnitt „Cursor-Journalismus – Wissen wo der Cursor steht“ (S.112) verweist die Autorin auf den Philosophen Richard David Precht und den Soziologen Harald Welzer, die den Begriff „Cursor-Journalismus“ prägten. Ihnen zufolge, so Zhang, habe «das Links-Rechts-Muster sowohl bei den Parteien also auch im Journalismus längst ausgedient. Alle tummeln sich in der unscharf definierten Mitte. Das ist der Schwarm. Dazu muss man gehören.“

Danhong Zhang musste erkennen, dass in Deutschland eine Mehrheit der Medien, respektive der Journalisten rotgrün ticken. Sie schreibt: «Meine Kollegen waren mehrheitlich rot und grün« (S.27)

Sie erlebte das sogar in optischer Form, als eine rotgrüne Koalition unter Bundeskanzler Gerhard Schröder nach der Bundestagswahl ans Ruder abzeichnete. Da hätten sich nach der Bundestagswahl sogar Kolleginnen und Kollegen am nächsten Tag erfreut in entsprechend gefärbter Kleidung gezeigt.

Donghang Zhang aber blieb sich treu, gegen das hierzulande verbreitete schiefe Bild über ihr Heimatland anzuschreiben. Sie schrieb auch gegen das schräge Bild an, was anlässlich der in China stattfindende Olympischen Spiele hierzulande verbreitet wurde. Wobei sie aber nie berechtigte Kritik aussparte. Berichte, welche China entlasten, sagte ihr einmal ihr Chef, wolle niemand lesen. Zhang verfuhr nach journalistischen Kriterien, wonach stets beide Seiten angehört werden müssten und eine Nachricht mindestens auf zwei Quellen basieren muss.

Deutsche Medien hätten oft Vorwürfe von chinesischen Dissidenten ungeprüft wiedergegeben. In der China-Redaktion sei das gängige Praxis gewesen, „nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. So werden chinesische Dissidenten automatisch zu Verbündeten der westlichen Staaten. Leider wird dabei übersehen, dass ein Anti-Kommunist noch längst kein Freund der Demokratie sein muss. Aber das ist für manche deutsche Kollegen zu kompliziert. Dass dadurch Unwahrheiten verbreitet werden können, kümmert die meisten Kollegen ebenfalls nicht.“ (S.42)

Danhong Zhang arbeitete weiter nach journalistischen Kriterien, so gut es eben ging. Freilich rief das Gegner aus unterschiedlichen Ecken auf den Plan. Entsprechend ideologisch gestrickte – und in Deutschland gern zitierte chinesische Dissidenten, sowie treu das Böse-Narrativ bezüglich Chinas befördernde Journalisten oder Politiker schossen verbal gegen sie. Manche von ihnen werfen ihr vor, Propaganda für die Volksrepublik China zu machen oder gar ein verkapptes KP-Mitglied zu sein. Das schlägt Wellen in Politik und Medien. Es erscheinen offene Briefe, die die Journalistin der Deutschen Welle quasi auf eine Anklagebank setzten. Es gab eine – wie sonst sollte man es nennen? – Gesinnungsprüfung (ein Abgeordneter hatte Zhang zu diesem Behufe in Begleitung des Intendanten der Deutschen Welle eingeladen), der die Journalistin Zhang unterzogen wurde. Ein Mikrofon-Verbot und die Enthebung von ihrer damaligen Leitungsfunktion (bei Beibehaltung des Gehalts) wurden ins Werk gesetzt. Sie wurde in die Wirtschaftsredaktion versetzt. Wurde Frau Zhang zu Vorträgen oder Podiumsgesprächen eingeladen, musste sie sich erst die Erlaubnis der Intendanz einholen. Diese Zeit erlebte sie als „weichen“ «Hausarrest«. Dieser dauerte ganze drei Jahre. (S.93)

All das roch nach Zensur. Die ja in unserem Land laut Grundgesetz nicht stattfindet. Dafür sprach sich aber dem zum Trotz ein offener Brief eines Autorenkreises aus.

Unfassbar! Nicht in China fand das statt, sondern im angeblich ach so freien Deutschland.

Es wurden jedoch auch Widerworte laut und öffentlich. Und zwecks Unterstützung und Verteidigung für die angegriffene Journalistin wurde am 16. Oktober 2008 ein offener Brief von über hundert China-Wissenschaftlern, Publizisten und Politikern unterschrieben. Zhang: «Die größte Überraschung war für mich Günter Grass.« Nach eingehender Recherche hatte er, so äußerte er sich damals, seine Unterschrift unter den offenen Brief gesetzt. [Quelle (7): Böll-Stiftung]

Sogar kam es zu einer Anhörung (ohne Publikum) im Deutschen Bundestag. Zur „Causa Zhang“ hat sich Volker Bräutigam, der dieser Anhörung beiwohnte (und danach Danghong Zhang darüber in Kenntnis setzte), geäußert. [Quelle: (8)]

Bräutigam hatte die Kampagne gegen die Deutsche Welle seinerzeit aus rundfunkrechtlicher Sicht zerpflückt. (S.83)

Einen Tag vor der Bundestagsanhörung hatte Intendant Bettermann seinen Freund, Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert, gebeten, den Fall Zhang zu übernehmen. Dessen in einen Bericht eingeflossene Recherchen bedeuteten einen hundertprozentigen Befreiungsschlag für Danghong Zhang.

Sie notierte: „Ulrich Wickert und Hans Leyendecker (er berichtete in Süddeutsche Zeitung; Anm. C.S.), zwei Lichtgestalten des deutschen Journalismus, haben mich freigesprochen. Eine Freundin von mir sagte: «Den Bericht kannst du in Gold einrahmen lassen und an die Wand hängen.«“ (S.85)

Danghong Zhang hätte freilich diesem Ärger aus dem Weg gehen können. «Herdenjournalismus – mit dem Strom schwimmen ist am sichersten« (S.106) schreibt sie.

Im Kapitel 5 gibt Danhong Zhang zu bedenken: «Der Weg nach China ist kürzer, als man denkt« (S.175)

Ein Kollege der Journalistin sagte auf einer Redaktionskonferenz des chinesischen Programms der Deutschen Welle: «Wir werfen China jeden Tag seine fehlende Presse- und Meinungsfreiheit vor. Nun hat Danghong einen Maulkorb verpasst bekommen, weil sie China in Schutz genommen hat. Sind das nicht chinesische Verhältnisse? Redaktionsleiter Matthias von Hein konterte: „Nein, da gibt es einen großen Unterschied. Im Gegensatz zu China droht Danghong hier keine Gefängnisstrafe.“

Das ist tatsächlich ein Unterschied, aber ein wesentlicher?« Im Buch bringt Zhang ein Sprichwort an: «Fünfzig Schritte lachen über hundert Schritte.« Das geht auf den Gelehrten Meng Ke zurück. Der erzählte dem König die Geschichte von zwei Deserteuren: Zwei Soldaten ergreifen die Flucht nach einer verlorenen Schlacht. Derjenige, der fünfzig Schritte gelaufen ist, macht sich lustig über den anderen, der hundert Schritte zurückgelegt hat.«

Was bedeute: «das über dem Beklagen von Defiziten anderer die eigenen Probleme übersehen werden. Tatsächlich stellen die Defizite anderer und die von einem selber nur einen quantitativen Unterschied und keinen qualitativen dar. In den Bezug auf den Vergleich von zwischen Deutschland und China in Sachen Presse- und Meinungsfreiheit eine sehr gewagte These?«

Danghong Zhangs ehrlichen Erfahrungsbericht kann ich nur viele Leserinnen und Leser ans Herz legen. Mögen darunter viele Journalisten sein! Und zu empfehlen, so sie denn den Mut dazu aufbringen, ist dieses Buch auch jungen Menschen, die sich damit tragen, den Beruf des Journalisten zu ergreifen. Nicht etwa zur Abschreckung, sondern, um sich zu befragen, ob sie dazu bereit sind, die Kraft aufzubringen in ihrer künftigen Laufbahn wieder journalistische Kriterien in den Vordergrund ihrer Arbeit zu stellen.

Denn es steht außer Frage, dass der Journalismus im vergangenen Jahrzehnt hierzulande größtenteils auf den Hund gebracht wurde. Wachhund sein, sich als vierte Gewalt zu verstehen die die Herrschenden kontrolliert, das erleben wir kaum noch. Stattdessen, Haltungs- und „Cursor-Journalismus“ sowie Beteiligung an der Einengung des Meinungskorridors und unkritische Verbreitung von Regierungspropaganda, wie er es schlimm in der Corona-Zeit erlebten und weiter konstatieren müssen betreffs des Ukraine-Kriegs.

Danghong Zhang hat das alles am eigenen Leibe erfahren. Als sie nach China zurückgekehrt war, warf man ihr auf Twitter vor, eine Diktatur vorgezogen zu haben. „Aber“, so schreibt sie. „China ist nun mal auch meine Heimat. Ein chinesisches Sprichwort besagt, dass gefallene Blätter zum Baumstamm zurückkehren. Ich fühle mich noch nicht wie ein gefallenes Blatt. Aber Heimat ist Heimat. Den Duft der Pfirsichblüten in Peking kann ich endlich wieder einatmen.“

Und, fährt sie fort: „In Peking habe ich dem Deutschlandmythos den Kampf angesagt. In Kurzvideos erkläre ich den Chinesen, wie das Land im Herzen Europas von innen wirklich aussieht. Seit 2024 baue ich den Chinesen eine Brücke nach Deutschland. Im Kant-Jahr habe ich natürlich mit Immanuel Kant angefangen. Sein Appell an die Menschen «Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen« ist heute immer noch hochaktuell, sowohl für die Deutschen als auch für die Chinesen. Ich hoffe, dass viele der Botschaft zuhören.“

Sich des eigenen Verstandes zu bedienen, das empfehle ich auch den Lesern und Leserinnen meines Blogs. Und zwar täglich!

Dieses hier besprochene Buch empfehle ich ohne Einschränkungen. Geschrieben von einer verantwortungsbewussten klugen Journalistin, die aus einem anderen Kulturkreis stammt, aber in unserem dreißig Jahre tätig war, vermag es auch den Blick auf unser eigenes Land zu schärfen. Wir hier mittenmang sehen womöglich oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und ein deutscher Journalismus, der inzwischen vielfach verkommen ist, lässt sich leider dazu missbrauchen, dass es auch weiterhin so bleibt. Möge das Buch zum Nachdenken anregen.

Danhong Zhang

NUR DIE RICHTIGE MEINUNG IST FREI

Erfahrungsbericht einer Journalistin

SOFTCOVER

24,00 €*

 Neuerscheinung / Neuauflage Oktober 2024

Links/Quellen:

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Anbei: Walter Van Rossum hat mit Danhong Zhang gesprochen:

Danhong Zhang spricht mit Walter van Rossum.