„Vernichten“ von Michel Houellebecq. Rezension

Seit ich auf den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq gestoßen bin, verfolge, lese – ja, verschlinge – ich seine Werke mit großer Lust. Oft erfühlt Houellebecq mit den darin erzählten Geschichten den Lauf der Dinge. Der kommenden Dinge und Zeiten, die sich ja aus dem Jetzt und dem Davor ergeben (könnten). Wären wir aufmerksamer und genauer in der Beobachtung unserer Zeit, dem Lauf der Dinge gegenüber, welcher ja Menschenwerk ist, woran wir mehr oder weniger beteiligt sind. Oder vielleicht dem Irrtum zu erliegen, zu denken, unsererseits daran nur anscheinend nahezu unbeteiligt zu sein. Beziehungsweise wie von einem Fluss mitgerissen werden. So werden wir in die Resultate fragwürdiger Politiken hineingelebt. Möglicherweise schwante uns selbst das Kommen-Könnende.

Houellebecq der Visionär. Ein Seismograf auf zwei Beinen mit äußerst klugem Kopf

Aber wir haben ja Houellebecq. Also lesen wir ihn. Gewissermaßen in seinem Denken ist uns ein Vorangehender in eine kommende Zeit. Zweifelsohne ein Visionär. Klug dedektiert Houellebecq mittels ihm ganz offenbar zur Verfügung stehenden seismografischen Fühlern das uns Bevorstehen-Könnende. Ein Seismograf auf zwei Beinen mit einem äußerst klugen Kopf.

Verstehen wir oder versuchen wir es zumindest. Und lernen daraus? Na ja, mal langsam! Die Geschichte zeigt uns – erst recht in diesen Tagen erneut: wir sind offenbar ziemlich unfähig etwas zu lernen aus dem Geschehenen, der Vergangenheit.

Was mir – am Rande bemerkt – neulich wieder deutlich wurde. Da wurde nämlich Paul Craig Roberts (u.a. einst stellvertretender Finanzminister unter US-Präsident Reagan) im privaten Corona-Ausschuss gefragt, warum denn Menschen sich über Jahrzehnte und länger zurück immer wieder von der Politik oder den Medien sozusagen hinter die Fichte führen ließen. Nichts daraus lernten. Schließlich seien doch diese üblen Machenschaften meist herausgekommen. Und auch nachlesbar. Roberts schmunzelte. Ja, das stimme, entgegnete er, doch die Menschen seien halt nun mal vergesslich. Auch würde dafür gesorgt, dass sie vergäßen. Und die Akteure, die Politiker, die Medienmacher wechselte ja doch. Generationen verschwänden, neue wüchsen heran. Und so geschähe es – so bitter dies auch sei – eben, dass neue politische Akteure und deren Hintermänner, abermals mit ähnlichen Manipulationen der Menschen durchkämen.

Nun also Houellebecqs achter Roman. Er trägt den Titel „Vernichten“. Um was geht es?

„Kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen 2027 taucht im Netz ein Video auf, das die Hinrichtung des möglichen Kandidaten Bruno Juge zu zeigen scheint. Paul Raison ist Absolvent einer Elitehochschule und arbeitet als Spitzenbeamter im Wirtschaftsministerium. Als Mitarbeiter und Vertrautem Juges fällt ihm die Aufgabe zu, die Urheber des Videos ausfindig zu machen. Im Laufe seiner Nachforschungen kommt es zu einer Serie mysteriöser terroristischer Anschläge, zwischen denen kein Zusammenhang zu erkennen ist. Aber nicht nur die Arbeit, auch das Privatleben von Paul Raison ist alles andere als einfach. Er und seine Frau Prudence leben zwar noch zusammen, aber sie teilen nichts mehr miteinander. Selbst die Fächer im Kühlschrank sind getrennt. Während Juge um seine Kandidatur kämpft, kann Paul entscheidende Hinweise für die Aufklärung der Anschläge liefern. Doch letztlich verliert Juge gegen einen volksnahen ehemaligen Fernsehmoderator, und die Erkenntnisse aus Pauls Recherche sind nicht minder niederschmetternd für die Politik des Landes.
Als Paul von seiner Arbeit freigestellt wird, kommt es zu einer Annäherung zwischen ihm und seiner Frau und die beiden finden wieder zueinander. Ein unerwartetes, wenn auch fragiles Glück …

Die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe, das komplexe Zusammenspiel von Gesellschaft und Politik und die weitreichende, oftmals kaum wahrnehmbare Verknüpfung von Politischem und Privatem – das sind die Themen des neuen Romans von Michel Houellebecq, dem großen Visionär der französischen Literatur.“ Quelle: Dumont Verlag

In Houellebecqs Romanen scheinen oft gesellschaftlichen Verwerfungen auf, die Anlass geben, sich bezüglich der Zukunft Sorgen zu machen. Das sind Auswüchse des Neoliberalismus. Oder in „Unterwerfung“ eine satirisch zugespitzte, angenommene Machtübernahme durch Muslime in Frankreich. Was wiederum ein Zeichen für das hier bereits erwähnte seismografische Talent, welches der Autor zweifelsohne besitzt.

Postdemokratische Auswüchse mit moralischem Verfall sogenannter Eliten

Auch in „Vernichten“ blitzen wieder gesellschaftliche Veränderungen auf – und seien es nur solche, die sich in architektonischen Grausamkeiten oder kulturellen, ver- und zerstörenden Veränderungen – wie etwa die durch die Globalisierung ausgelösten – , dem moralischen Verfall sogenannter Eliten äußern, welche Paul in Paris wahrnimmt. Nicht zuletzt hinsichtlich der bevorstehenden Präsidentschaftswahl. Mit all dem Tamtam, dem Schmierentheater der inzwischen üblichen Talkshows, dem von den USA entlehntem Klimbim und dem im Hintergrund werkelnden Politberatern, die die Kandidaten entsprechend briefen, zurechtschustern und aufhübschen, versuchen, sie systemgerecht zurecht zu lutschen, damit sie wählbar erscheinen. Politberater, denen letztendlich die Kandidaten mehr oder weniger herzlich wurscht sind. Für sie ist’s halt ein Job. Hauptsache die Kohle stimmt und ihr Kandidat macht das Rennen. Ein letztlich abstoßendes Bild von Demokratie. Demokratie? Ein Rummel. Postdemokratie nach Colin Crouch. Wie überall. Auch bei uns hierzulande.

Auch in diesem neuen Roman kommt die Rechte vor. Die Partei Rassemblement National (RN) – früher Front National (FN) – mit Marine Le Pen an der Spitze kommt wieder vor. Noch ist sie aber noch nicht so erfolgreich, dass sie die Präsidentschaft erlangt. Zumindest wird aber deren Wandlung kenntlich. Längst erscheint sie vom Personal und dem Erscheinungsbild her nicht mehr so offen radikal-rassistisch wie zuvor unter Marines stramm rechtsextremem Vater.

Paul Raison, Vertrauter seines Ministers. Seine Beziehung zu Prudence ist abgekühlt

Gleichzeitig ist Paul Raison mit seiner äußersten engagierten Tätigkeit für seinen Minister sehr zufrieden ist.

„Pauls wesentliche Rolle, das wurde ihm allmählich bewusst, bestand schlicht darin, Bruno im Bedarfsfall als Vertrauter zu dienen.“

Paul wohnt unweit des Ministeriums mit herrlichem Blick auf einen Park.

Mit der abgekühlten Beziehung zu seiner Ehefrau Prudence hat er offenbar seinen Frieden gemacht. In seiner Freizeit schaut er gern Tierfilme.

Gegen Anfang des Romans – als Paul mit seinem Minister auf Dienstreise in Afrika ist und mit ihnen in der Bar zwei Prostituierte sitzen, bekommt Paul Lust auf Sex. Geniert sich aber vor Bruno. Über Sex lässt Houellebecq Paul sinnieren, der gehörte zu den „natürlichen, aber nicht notwendigen Begierden, jedenfalls aus Sicht der Männer, bei Frauen war es vielleicht eher ein Erfordernis“.

Der Einschnitt: der Schlaganfall von Pauls Vater

Später erleidet sein Vater, der vor seiner Pensionierung für den Geheimdienst tätig gewesen war, einen Schlaganfall. Im Krankenhaus wird er in ein künstliches Koma versetzt. Ein harter Einschnitt im Leben von Paul.

In Pauls Heimatdorf im Beaujolais – dem krassen Gegensatz zu Paris – kommen nostalgisch Erinnerungen hoch

Er bringt ihn zurück in sein Heimatdorf im Beaujolais. Wo ihm Erinnerungen, besonders der an seine dort verbrachte Jugend, nostalgisch hochkommen. Und Paul gewissermaßen auflebt, Kraft tankt. Ein krasser Gegensatz zum Glamour und dem Morast von Paris.

„Das Beaujolais stellte den selten gewordenen Fall einer lebendigen ländlichen Umgebung dar, es gab kleine Geschäfte, Ärzte, Taxis, mobile Pflegedienste, so in etwa musste wohl die ‚Welt von früher‘ ausgesehen haben. Seit einigen Jahrzehnten hatte Frankreich sich in ein heikles Nebeneinander von Ballungszentren und menschenleeren ländlichen Regionen verwandelt.“

Wiederaufeinandertreffen der Familie mit und auch Leid

Es kommt zum Aufeinandertreffen der Familie auf dem Landsitz im Beaujolais. Eine Wiedervereinigung mit Tücken und auch Leid durch den tragischen Suizid eines Bruders aufgrund von schweren Schuldgefühlen.

Sie waren wieder vereint, dachte Paul, wie lange war es wohl her, dass Brüder und Schwester zuletzt so zusammengesessen hatten. (…) trotzdem überkam ihn wenige Minuten nach dem Zubettgehen eine quälende Angst, die Gewissheit, dass diese Wiedervereinigung eine Illusion war, dass sie zum letzten oder beinahe letzten Mal zusammen gewesen waren, dass bald alles wieder seinen gewohnten Lauf nehmen, alles wieder auseinanderfallen und sich auflösen würde.“

Altenheime als „scheußliche Sterbestationen“

Der gelähmte Vater macht kleine Fortschritte und wird in ein Pflegeheim verlegt. Wo es nicht nur übel riecht, sondern auch die Zustände im Allgemeinen ein Übel darstellen. Wenn Houellebecq die diesbezüglichen Szenen beschreibt, wird auch deutlich – wie bei uns in Deutschland nicht anders – welche Defizite das Pflegesystem aufweist. Es fehlt an Personal.

Die alten Leute werden recht und schlecht aufbewahrt dort. Houellebecq nimmt betreffs dieser Altenheime kein Blatt vor den Mund. Er nennt sie „scheußliche Sterbestationen“.

Die aus Afrika stammende Krankenpflegerin Maryse ist erschrocken darüber, wie mit den Alten in Europa umgegangen wird.

Wir lesen:

Diejenigen Bewohner, die nicht mehr zum Aufstehen in der Lage seien, hätten fast alle furchtbare Wundgeschwüre. Sie habe zehn Minuten, um sie zu waschen, was bei Weitem nicht ausreiche, und viele Bewohner könnten nicht mehr selbständig zur Toilette gehen, sie werde ständig auf dem Handy angerufen, ganz zu schweigen von den Patienten, die aus ihren Zimmern schrien, jemand solle kommen und sich um sie kümmern, manchmal, wenn sie dann ins Zimmer komme, habe der arme alte Mensch, weil er nicht länger einhalten konnte, sich selbst und den Boden vollgeschissen, sie müsse dann alles sauber machen, die Scheiße und die verschmutzten Laken seien schon unangenehm, aber das Schlimmste seien die flehenden Blicke, wenn sie zu ihr sagten: ‚Sie sind sehr freundlich, Mademoiselle.‘ Bei ihr zu Hause in Afrika hätte es so etwas nicht gegeben, wenn das der Fortschritt sei, dann tauge er nichts.“

Wiederannäherung an Prudence – auch sexuell

Auf dem Landsitz der Familie kommen sich Paul und Prudence auch wieder näher. Auch sexuell. Im schmalen Bett seiner Jugendzeit. Über Jahre hatten sie nicht mehr miteinander geschlafen.

„Sie legte zuerst eine Hand auf seine Taille und schob sie dann in Richtung seiner Brust. (…) Ihre Münder waren wenige Zentimeter voneinander entfernt. Ohne einen Augenblick zu zögern, presste Prudence ihren Mund auf seinen, schob ihre Zunge hinein und bewegte sie langsam, verflocht ihre Zunge mit seiner.“

Entführung“ von Vater Èdouard aus dem dem Altenheim

Im Altenheim möchte man den Vater nicht dahinvegetieren lassen. Eine Gruppe, die im rechten Spektrum verortet wird, welche auf Derartiges abonniert ist, wird beauftragt Pauls Vater Édouard aus dem staatlichen Altenheim zu entführen. Generalstabsmäßig geplant gelingt die Aktion.

Schreckliche Diagnose für Paul

Als die Entführung publik wird, muss Paul beurlaubt werden. Als der wegen Zahnschmerzen und üblen Mundgeruchs einen Zahnarzt aufsucht, schickt der ihn zu weiteren Untersuchungen. Die harte Diagnose: Mund-Krebs …

Der einzigartige Schreibstil Houellebecqs vermag wie immer zu fesseln

Bei der Lektüre dieses nunmehr achten Houellebecq-Romans mögen einen inhaltliche Unterschiede, andere vom Autor gesetzte Schwerpunkte zu den Vorgängerromanen auffallen – dennoch ist es wieder ein Houellebecq, wie man ihn als sein Fan liebt. Es ist der einzigartige Schreibstil, der immer auch humorvolle Elemente beinhaltet. Und, wie bereits erwähnt: es das Visionäre, das der Autor in seinen Romanen zum Ausdruck bringt. „Vernichten“ spielt 2027. Das ist gar nicht mehr soweit entfernt. Wir sollten das bedenken und auch beunruhigt sein. Der Autor selbst sieht das allerdings so: „Nicht das Böse, sondern die Versuchung des Guten“ wäre treibe ihn zum Schreiben an, sagte Houellebecq zur Veröffentlichung seines neuen Romans gegenüber der Presse.

Am Ende seines Romans dankt Michel Houellebecq den Experten Medizin und einem Notar, welche der für seinen Roman besucht hat. Er schreibt: „Zu den Ärzten, die ich regelmäßig konsultiere, gehört der HNO-Arzt Dr. Alain Correé, der sicherlich derjenige ist, der die größte Verantwortung zu tragen hatte; angesichts des Lebens, das ich geführt habe, wäre ich sicherlich dafür prädistiniert gewesen, an HNO-Krebs zu erkranken. Neben den wertvollen medizinischen Informationen verdanke ich ihm die Formulierung, dass Dr. Nakaches Ton ‚martialisch, ein bisschen nach Vietnamkrieg‘ klang; hierfür sei ihm gedankt.“ – Darf man annehmen, dass Michel Houellebeqc – der als starker Raucher galt – nun das Qualmen aufgegeben hat?

Sein letzter Roman? Das wäre schade

Houellebeqc endet so: „Grundsätzlich sollten französische Schriftsteller nicht davor zurückschrecken, mehr zu recherchieren; es gibt Menschen, die ihren Beruf lieben und den Laien gerne erklären, was sie tun. Ich bin glücklicherweise gerade zu einer positiven Erkenntnis gelangt; für mich ist es Zeit aufzuhören.“

Wirklich? Ich fände es sehr schade, wenn das letzte Roman von Michel Houellebeqc gewesen wäre …

Michel Houellebecq

Vernichten

Roman

624 Seiten

Erscheinungstag: 11.01.2022
ISBN 978-3-8321-8193-2

Übersetzung: Stephan Kleiner i , Bernd Wilczek i

Preis: Hardcover 28,00 Euro

Erklärung des US-Friedensrats zur Militärintervention Russlands in der Ukraine

(uspeacecouncil.org)

24. März 2022

Was wir alle nicht gehofft hatten, ist eingetreten. Die Russische Föderation hat am 24. Februar Truppen in die Ukraine entsandt, als Reaktion auf die jahrzehntelange unerbittliche US-geführte NATO-Provokation. Die gegenwärtige Situation stellt die globale Friedensbewegung vor viele ernsthafte, grundlegende Fragen.

Eine heftige Propagandakampagne, die seit langem mit Russiagate und dem Beginn eines neuen Kalten Krieges brodelt, hat die Dämonisierung des russischen Präsidenten und des Staates intensiviert. Die pauschale Verurteilung Russlands hat globale Ausmaße angenommen, angestiftet von den USA und ihren Verbündeten und unterstützt von ihren kriecherischen Medien. Alternative Ansichten und Stimmen der Opposition zum offiziellen antirussischen Narrativ wurden unterdrückt oder abgeschaltet.

Es überrascht nicht, dass viele Menschen, die diesem giftigen Bombardement massiver imperialistischer Propaganda ausgesetzt sind, die ganze Schuld auf die russische Aggression schieben. Verschiedene Gründe werden angeführt, um ihre aus unserer Sicht gefährliche Position zu rechtfertigen. Sehen wir uns einige dieser Begründungen an und bewerten den Grad ihrer moralischen, rechtlichen und politischen Gültigkeit.

Anwendung der UN-Charta

Der erste und moralisch vertretbarste Grund ist das Argument, dass Russlands Invasion in der Ukraine gegen die Charta der Vereinten Nationen verstößt. Sollte der US-Friedensrat, ein entschiedener Befürworter und Verfechter der Charta, ausgehend von diesem Grundprinzip nicht auch Russland als Übertreter verurteilen?

Schauen wir uns die UN-Charta an, um zu sehen, ob wir fest entscheiden können, dass Russland gegen sie verstößt:

Artikel 2

3. Alle Mitglieder werden ihre internationalen Streitigkeiten mit friedlichen Mitteln so beilegen, dass der internationale Frieden und die internationale Sicherheit sowie die internationale Gerechtigkeit nicht gefährdet werden.

4. Alle Mitglieder enthalten sich in ihren internationalen Beziehungen der Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit oder politische Unabhängigkeit eines Staates oder auf andere Weise, die mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbar ist.

Artikel 51

Nichts in der vorliegenden Charta darf das inhärente Recht auf individuelle oder kollektive Selbstverteidigung beeinträchtigen, wenn ein bewaffneter Angriff auf ein Mitglied der Vereinten Nationen erfolgt ….

Betrachtet man Artikel 2, insbesondere Absatz 4, kann argumentiert werden, dass Russland gegen das Gesetz verstößt. Aber auf der Grundlage von Artikel 51 hat die Russische Föderation ihr Recht auf Selbstverteidigung geltend gemacht und den Sicherheitsrat ordnungsgemäß informiert. Russland bringt wichtige Argumente für seine Anwendung von Gewalt nach Artikel 51 vor.

Die ukrainische Regierung hat bei der feindlichen Einkreisung der Russischen Föderation als Stellvertreter der USA und der NATO gehandelt. Militär und Paramilitärs der Ukraine haben seit 2014 Donezk und Lugansk angegriffen, was zum Tod von etwa 14.000 Menschen geführt hat, von denen viele Russisch sprachen und einige Doppelbürger waren. Vor kurzem entdeckte Russland einen unmittelbar bevorstehenden Plan der ukrainischen Regierung für eine groß angelegte Invasion der an Russland grenzenden Gebiete Donezk und Lugansk. Russland erkennt diese beiden Republiken nun als unabhängige Staaten an, nachdem sie Russland um Hilfe bei ihrer Verteidigung gebeten haben. 

Russland forderte eindeutig Sicherheitsgarantien von den USA und der NATO, die sich weigerten, angemessen auf Russlands Bedenken einzugehen. Die Ukraine plante, US/NATO-Atomwaffen auf ihrem Territorium zu stationieren, die Moskau innerhalb von fünf Minuten erreichen könnten. Dies geschah im alarmierenden Kontext der Entscheidung der USA im Jahr 2019, sich aus dem Vertrag über nukleare Mittelstreckenwaffen (INF) mit Russland zurückzuziehen.

Wenn dies kein Kriegsakt gegen Russland ist, was ist es dann? Sind diejenigen, die an einem Mord beteiligt sind, nicht gleichermaßen des Mordes schuldig? Das soll nicht heißen, dass Russland mit seiner Entscheidung Recht hatte. Vielmehr bestehen wir darauf, dass die UN-Charta auf der Grundlage von Fakten und als spezifischer Fall mit einem gegebenen historischen Hintergrund auf die Ukraine angewandt werden sollte.

Zweitens ist es den Vereinten Nationen selbst nicht gelungen, ihre eigene Charta angesichts eklatanter Verletzungen durch die NATO-Staaten aufrechtzuerhalten. Hier geht es uns nicht darum, das russische Vorgehen zu rechtfertigen, sondern einen realistischen Kontext für die Notwendigkeit zu schaffen, die UN-Charta aufrechtzuerhalten.

Seit dem Ende der Sowjetunion, als die USA die alleinige Supermacht wurden, hat Washington die UN-Charta in seinem Bestreben, eine globale „Vollspektrum“-Dominanz durchzusetzen, eklatant ignoriert. Wir sollten die NATO als mehr als nur eine „Allianz“ nominell souveräner Staaten verstehen, sondern als imperiales Militär von Staaten, die unter US-Kommando integriert sind.

Schauen wir uns zwei der relevanten Artikel der UN-Charta an, die seit Ende des Jahrhunderts von den imperialistischen Mächten mit Füßen getreten wurden:

Artikel 6.

Ein Mitglied der Vereinten Nationen, das dauerhaft gegen die in dieser Charta enthaltenen Grundsätze verstoßen hat, kann auf Empfehlung des Sicherheitsrates von der Generalversammlung aus der Organisation ausgeschlossen werden.

Artikel 25.

Die Mitglieder der Vereinten Nationen kommen überein, die Beschlüsse des Sicherheitsrates in Übereinstimmung mit dieser Charta anzunehmen und auszuführen.

Die USA, die NATO und ihre Verbündeten haben in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend gegen diese und andere Artikel der UN-Charta verstoßen. Hier nur einige Beispiele:

— 1999 griff die NATO 78 Tage lang ohne Zustimmung der Vereinten Nationen an, warf 28.000 Bomben ab und zerschlug Jugoslawien in Stücke.

– 2001 erklärten die USA als Reaktion auf den 11. September 2001 einen unbefristeten „Krieg gegen den Terror“, der mindestens 60 Länder betraf, darunter sieben, die Ziel eines illegalen Regimewechsels waren.

– Im Jahr 2003 griffen die USA und die Mitglieder ihrer „Koalition der Willigen“ den Irak illegal an und marschierten unter Missachtung des UN-Sicherheitsrates ein.

– Im Jahr 2011 griffen die USA, Großbritannien und Frankreich einseitig und ohne Zustimmung des UN-Sicherheitsrates Libyen an und töteten seinen Staatschef Muammar Gaddafi.

– Ab 2011 begannen die USA, die NATO und regionale Verbündete einen Stellvertreterkrieg in Syrien, indem sie terroristische Gruppen bewaffneten und finanzierten, ein Krieg, der immer noch unschuldige Menschenleben fordert.

— 2014 inszenierten die USA mit Hilfe von Neonazi-Kräften einen Staatsstreich in der Ukraine und errichteten eine pro-NATO-Regierung, was zu einem Massaker an russischsprachigen Menschen in der Ostukraine führte.

— Während dieser Zeit haben die USA und ihre europäischen Verbündeten illegale einseitige Wirtschaftssanktionen gegen mehr als 40 Länder der Welt verhängt, die den Tod von Hunderttausenden unschuldiger Menschen verursacht haben.

– Und natürlich sollte man die illegale Besetzung und Annexion syrischer und palästinensischer Gebiete durch Israel mit voller Unterstützung der Vereinigten Staaten erwähnen.

Die Krise, mit der wir heute in der Ukraine konfrontiert sind, ist das Ergebnis der Unfähigkeit der UNO, ihre Charta gegen solche illegalen Aktionen der einzigen Supermacht und ihrer NATO-Verbündeten aufrechtzuerhalten, was es den USA/NATO ermöglicht hat, Russland und andere Zielnationen der Welt in eine solche unmögliche Lage zu drängen.

Ja, wir sollten die UN-Charta verteidigen, aber nicht selektiv, wie es der Imperialismus heuchlerisch will. Wir sollten uns nicht täuschen lassen von der imperialistischen „Schuld dem Opfer“-Erzählung, wenn das Opfer gezwungen ist, sich zu verteidigen.

Zwischenimperialistischer Krieg

Viele, insbesondere Linke, haben die Position vertreten, dass Russland ein kapitalistisch-imperialistischer Staat ist, dass dies ein Krieg zwischen den Imperialisten sei und dass wir beide Seiten gleichermaßen verurteilen müssen. Aber ob Russland ein imperialistischer Staat ist oder nicht, ist für die vorliegende Frage unerheblich.

Erstens impliziert eine solche Position, dass nur Länder mit bestimmten sozioökonomischen Systemen gegen imperialistische Aggression verteidigt werden müssen und andere sich selbst überlassen werden sollten. Angesichts der Tatsache, dass die Mehrheit der vom Imperialismus ins Visier genommenen Länder selbst kapitalistisch sind, führt eine solche Position zu einer Schwächung des antiimperialistischen Kampfes.

Das zweite und wichtigere Problem bei dieser Art von Argumentation ist, dass sie das ganze Thema der Aggression aus dem Bild entfernt. Es spielt keine Rolle mehr, wer der Aggressor und wer das Opfer ist. Es vermeidet die Tatsache, dass die USA danach streben, der Welthegemon mit globaler „Vollspektrum“ –Dominanz zu sein. Kurz gesagt, der US-Imperialismus hat einen Krieg erzeugt, ohne US-Soldaten einzusetzen.

Nehmen wir der Argumentation halber an, dass Russland tatsächlich ein imperialistischer Staat ist und dass das, was vor sich geht, nichts anderes als ein Krieg zwischen den Imperialisten ist. Wird dieser interimperialistische Krieg nicht trotzdem die Zukunft der Menschheit beeinflussen? Haben wir nicht alle einen Anteil an seinem Ergebnis?

Falsche Äquivalenz der Rollen der USA/NATO und Russlands

Als Friedensorganisation können wir der Eskalation des Ukraine-Konflikts auf das Niveau einer militärischen Konfrontation grundsätzlich nicht zustimmen. Wir lehnen jedoch die einseitige Position ab, nur Russland zu verurteilen.

Einige andere haben eine „ausgewogenere“ Position eingenommen, indem sie beide Seiten verurteilten, indem sie gleichzeitig einen Stopp der NATO-Erweiterung und den Abzug der russischen Streitkräfte aus der Ukraine forderten. Aber auch diese Position ignoriert die kausalen Zusammenhänge, die der Ukraine-Situation innewohnen. Es stellt Ursache und Wirkung auf die gleiche Ebene, während es die Tatsache ignoriert, dass die NATO-Erweiterung der wesentliche Grund für die militärische Antwort Russlands ist. Aus diesen Gründen sieht die Position der äquivalenten Schuld oberflächlich betrachtet ausgewogen aus, ist es aber in Wirklichkeit nicht.

Zweitens sind die beiden Forderungen unterschiedlicher Natur. Die erste ist eine allgemeine, strategische, langfristige Forderung; die zweite ist eine unmittelbare und konkrete. Bei einer solchen Formulierung der Forderungen führt eine solche Position zwangsläufig dazu, dass der Hauptdruck allein auf Russland ausgeübt wird.

Drittens ist die erste Forderung nach einer NATO-Erweiterung nicht spezifisch für den Fall der Ukraine, die zweite hingegen schon. Es ignoriert die Tatsache, dass die USA/NATO die Ukraine mit militärischer Ausrüstung im Wert von Hunderten Millionen Dollar überschwemmt und gleichzeitig militärisches und verdecktes Operationspersonal entsandt haben, um „zu beraten“. Eine korrekte Forderung wäre die Anerkennung der Ukraine als neutraler Staat, die Entfernung aller ausländischen Waffen und Militärangehörigen (einschließlich Söldner) aus der Ukraine und die vollständige Umsetzung des Minsk-II-Abkommens.

Der Erfolg der NATO bei ihren Bemühungen, bis zur ukrainisch-russischen Grenze zu expandieren, würde eine höllische Welt schaffen und zur Möglichkeit eines Atomkriegs führen. Vergessen wir nicht, dass die Geschichte damit nicht enden würde und Weißrussland das nächste Ziel sein könnte. Daher ist es zwingend erforderlich, dass die Friedensbewegung alles in ihrer Macht Stehende tut, um die Neutralität der Ukraine und ihre Anerkennung durch die USA/NATO zu garantieren.

Bewertung des US-Friedensrates

Die USA und ihre NATO-Verbündeten haben diese Tragödie nicht nur provoziert, sondern versuchten, sie in die Länge zu ziehen, indem sie sich weigerten, Verhandlungen über einen Waffenstillstand aufzunehmen. Während niemand in einem Krieg gewinnt, hatten die USA am meisten zu gewinnen: die weitere Vereinigung der NATO unter US-Dominanz, die Reduzierung der wirtschaftlichen Konkurrenz Russlands auf dem europäischen Energiemarkt, die Rechtfertigung einer Erhöhung des US-Kriegsbudgets und die Erleichterung des Verkaufs von Kriegsmaterial an NATO-Vasallen. Ein Europa, das weiter zwischen der EU/Großbritannien und Russland gespalten ist, nützt niemandem außer den imperialen USA.

Auf der Grundlage dieser Einschätzung der gegenwärtigen Situation in der Ukraine erhebt der US-Friedensrat die folgenden unmittelbaren Forderungen, geordnet nach Priorität und Dringlichkeit:

1. Sofortiger Waffenstillstand und Entsendung humanitärer Hilfe in die Ukraine, einschließlich der selbsternannten unabhängigen Republiken.

2. Anerkennung der Neutralität der Ukraine.

3. Abzug von ausländischem Militär, Waffen und Ausrüstung – einschließlich Söldnern – aus der Ukraine.

4. Wiederaufnahme der Verhandlungen über eine dauerhafte Beilegung interner Konflikte in der Ukraine unter Beteiligung aller betroffenen Parteien

Originalquelle

Deutsche Übersetzung

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