„Vernichten“ von Michel Houellebecq. Rezension

Seit ich auf den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq gestoßen bin, verfolge, lese – ja, verschlinge – ich seine Werke mit großer Lust. Oft erfühlt Houellebecq mit den darin erzählten Geschichten den Lauf der Dinge. Der kommenden Dinge und Zeiten, die sich ja aus dem Jetzt und dem Davor ergeben (könnten). Wären wir aufmerksamer und genauer in der Beobachtung unserer Zeit, dem Lauf der Dinge gegenüber, welcher ja Menschenwerk ist, woran wir mehr oder weniger beteiligt sind. Oder vielleicht dem Irrtum zu erliegen, zu denken, unsererseits daran nur anscheinend nahezu unbeteiligt zu sein. Beziehungsweise wie von einem Fluss mitgerissen werden. So werden wir in die Resultate fragwürdiger Politiken hineingelebt. Möglicherweise schwante uns selbst das Kommen-Könnende.

Houellebecq der Visionär. Ein Seismograf auf zwei Beinen mit äußerst klugem Kopf

Aber wir haben ja Houellebecq. Also lesen wir ihn. Gewissermaßen in seinem Denken ist uns ein Vorangehender in eine kommende Zeit. Zweifelsohne ein Visionär. Klug dedektiert Houellebecq mittels ihm ganz offenbar zur Verfügung stehenden seismografischen Fühlern das uns Bevorstehen-Könnende. Ein Seismograf auf zwei Beinen mit einem äußerst klugen Kopf.

Verstehen wir oder versuchen wir es zumindest. Und lernen daraus? Na ja, mal langsam! Die Geschichte zeigt uns – erst recht in diesen Tagen erneut: wir sind offenbar ziemlich unfähig etwas zu lernen aus dem Geschehenen, der Vergangenheit.

Was mir – am Rande bemerkt – neulich wieder deutlich wurde. Da wurde nämlich Paul Craig Roberts (u.a. einst stellvertretender Finanzminister unter US-Präsident Reagan) im privaten Corona-Ausschuss gefragt, warum denn Menschen sich über Jahrzehnte und länger zurück immer wieder von der Politik oder den Medien sozusagen hinter die Fichte führen ließen. Nichts daraus lernten. Schließlich seien doch diese üblen Machenschaften meist herausgekommen. Und auch nachlesbar. Roberts schmunzelte. Ja, das stimme, entgegnete er, doch die Menschen seien halt nun mal vergesslich. Auch würde dafür gesorgt, dass sie vergäßen. Und die Akteure, die Politiker, die Medienmacher wechselte ja doch. Generationen verschwänden, neue wüchsen heran. Und so geschähe es – so bitter dies auch sei – eben, dass neue politische Akteure und deren Hintermänner, abermals mit ähnlichen Manipulationen der Menschen durchkämen.

Nun also Houellebecqs achter Roman. Er trägt den Titel „Vernichten“. Um was geht es?

„Kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen 2027 taucht im Netz ein Video auf, das die Hinrichtung des möglichen Kandidaten Bruno Juge zu zeigen scheint. Paul Raison ist Absolvent einer Elitehochschule und arbeitet als Spitzenbeamter im Wirtschaftsministerium. Als Mitarbeiter und Vertrautem Juges fällt ihm die Aufgabe zu, die Urheber des Videos ausfindig zu machen. Im Laufe seiner Nachforschungen kommt es zu einer Serie mysteriöser terroristischer Anschläge, zwischen denen kein Zusammenhang zu erkennen ist. Aber nicht nur die Arbeit, auch das Privatleben von Paul Raison ist alles andere als einfach. Er und seine Frau Prudence leben zwar noch zusammen, aber sie teilen nichts mehr miteinander. Selbst die Fächer im Kühlschrank sind getrennt. Während Juge um seine Kandidatur kämpft, kann Paul entscheidende Hinweise für die Aufklärung der Anschläge liefern. Doch letztlich verliert Juge gegen einen volksnahen ehemaligen Fernsehmoderator, und die Erkenntnisse aus Pauls Recherche sind nicht minder niederschmetternd für die Politik des Landes.
Als Paul von seiner Arbeit freigestellt wird, kommt es zu einer Annäherung zwischen ihm und seiner Frau und die beiden finden wieder zueinander. Ein unerwartetes, wenn auch fragiles Glück …

Die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe, das komplexe Zusammenspiel von Gesellschaft und Politik und die weitreichende, oftmals kaum wahrnehmbare Verknüpfung von Politischem und Privatem – das sind die Themen des neuen Romans von Michel Houellebecq, dem großen Visionär der französischen Literatur.“ Quelle: Dumont Verlag

In Houellebecqs Romanen scheinen oft gesellschaftlichen Verwerfungen auf, die Anlass geben, sich bezüglich der Zukunft Sorgen zu machen. Das sind Auswüchse des Neoliberalismus. Oder in „Unterwerfung“ eine satirisch zugespitzte, angenommene Machtübernahme durch Muslime in Frankreich. Was wiederum ein Zeichen für das hier bereits erwähnte seismografische Talent, welches der Autor zweifelsohne besitzt.

Postdemokratische Auswüchse mit moralischem Verfall sogenannter Eliten

Auch in „Vernichten“ blitzen wieder gesellschaftliche Veränderungen auf – und seien es nur solche, die sich in architektonischen Grausamkeiten oder kulturellen, ver- und zerstörenden Veränderungen – wie etwa die durch die Globalisierung ausgelösten – , dem moralischen Verfall sogenannter Eliten äußern, welche Paul in Paris wahrnimmt. Nicht zuletzt hinsichtlich der bevorstehenden Präsidentschaftswahl. Mit all dem Tamtam, dem Schmierentheater der inzwischen üblichen Talkshows, dem von den USA entlehntem Klimbim und dem im Hintergrund werkelnden Politberatern, die die Kandidaten entsprechend briefen, zurechtschustern und aufhübschen, versuchen, sie systemgerecht zurecht zu lutschen, damit sie wählbar erscheinen. Politberater, denen letztendlich die Kandidaten mehr oder weniger herzlich wurscht sind. Für sie ist’s halt ein Job. Hauptsache die Kohle stimmt und ihr Kandidat macht das Rennen. Ein letztlich abstoßendes Bild von Demokratie. Demokratie? Ein Rummel. Postdemokratie nach Colin Crouch. Wie überall. Auch bei uns hierzulande.

Auch in diesem neuen Roman kommt die Rechte vor. Die Partei Rassemblement National (RN) – früher Front National (FN) – mit Marine Le Pen an der Spitze kommt wieder vor. Noch ist sie aber noch nicht so erfolgreich, dass sie die Präsidentschaft erlangt. Zumindest wird aber deren Wandlung kenntlich. Längst erscheint sie vom Personal und dem Erscheinungsbild her nicht mehr so offen radikal-rassistisch wie zuvor unter Marines stramm rechtsextremem Vater.

Paul Raison, Vertrauter seines Ministers. Seine Beziehung zu Prudence ist abgekühlt

Gleichzeitig ist Paul Raison mit seiner äußersten engagierten Tätigkeit für seinen Minister sehr zufrieden ist.

„Pauls wesentliche Rolle, das wurde ihm allmählich bewusst, bestand schlicht darin, Bruno im Bedarfsfall als Vertrauter zu dienen.“

Paul wohnt unweit des Ministeriums mit herrlichem Blick auf einen Park.

Mit der abgekühlten Beziehung zu seiner Ehefrau Prudence hat er offenbar seinen Frieden gemacht. In seiner Freizeit schaut er gern Tierfilme.

Gegen Anfang des Romans – als Paul mit seinem Minister auf Dienstreise in Afrika ist und mit ihnen in der Bar zwei Prostituierte sitzen, bekommt Paul Lust auf Sex. Geniert sich aber vor Bruno. Über Sex lässt Houellebecq Paul sinnieren, der gehörte zu den „natürlichen, aber nicht notwendigen Begierden, jedenfalls aus Sicht der Männer, bei Frauen war es vielleicht eher ein Erfordernis“.

Der Einschnitt: der Schlaganfall von Pauls Vater

Später erleidet sein Vater, der vor seiner Pensionierung für den Geheimdienst tätig gewesen war, einen Schlaganfall. Im Krankenhaus wird er in ein künstliches Koma versetzt. Ein harter Einschnitt im Leben von Paul.

In Pauls Heimatdorf im Beaujolais – dem krassen Gegensatz zu Paris – kommen nostalgisch Erinnerungen hoch

Er bringt ihn zurück in sein Heimatdorf im Beaujolais. Wo ihm Erinnerungen, besonders der an seine dort verbrachte Jugend, nostalgisch hochkommen. Und Paul gewissermaßen auflebt, Kraft tankt. Ein krasser Gegensatz zum Glamour und dem Morast von Paris.

„Das Beaujolais stellte den selten gewordenen Fall einer lebendigen ländlichen Umgebung dar, es gab kleine Geschäfte, Ärzte, Taxis, mobile Pflegedienste, so in etwa musste wohl die ‚Welt von früher‘ ausgesehen haben. Seit einigen Jahrzehnten hatte Frankreich sich in ein heikles Nebeneinander von Ballungszentren und menschenleeren ländlichen Regionen verwandelt.“

Wiederaufeinandertreffen der Familie mit und auch Leid

Es kommt zum Aufeinandertreffen der Familie auf dem Landsitz im Beaujolais. Eine Wiedervereinigung mit Tücken und auch Leid durch den tragischen Suizid eines Bruders aufgrund von schweren Schuldgefühlen.

Sie waren wieder vereint, dachte Paul, wie lange war es wohl her, dass Brüder und Schwester zuletzt so zusammengesessen hatten. (…) trotzdem überkam ihn wenige Minuten nach dem Zubettgehen eine quälende Angst, die Gewissheit, dass diese Wiedervereinigung eine Illusion war, dass sie zum letzten oder beinahe letzten Mal zusammen gewesen waren, dass bald alles wieder seinen gewohnten Lauf nehmen, alles wieder auseinanderfallen und sich auflösen würde.“

Altenheime als „scheußliche Sterbestationen“

Der gelähmte Vater macht kleine Fortschritte und wird in ein Pflegeheim verlegt. Wo es nicht nur übel riecht, sondern auch die Zustände im Allgemeinen ein Übel darstellen. Wenn Houellebecq die diesbezüglichen Szenen beschreibt, wird auch deutlich – wie bei uns in Deutschland nicht anders – welche Defizite das Pflegesystem aufweist. Es fehlt an Personal.

Die alten Leute werden recht und schlecht aufbewahrt dort. Houellebecq nimmt betreffs dieser Altenheime kein Blatt vor den Mund. Er nennt sie „scheußliche Sterbestationen“.

Die aus Afrika stammende Krankenpflegerin Maryse ist erschrocken darüber, wie mit den Alten in Europa umgegangen wird.

Wir lesen:

Diejenigen Bewohner, die nicht mehr zum Aufstehen in der Lage seien, hätten fast alle furchtbare Wundgeschwüre. Sie habe zehn Minuten, um sie zu waschen, was bei Weitem nicht ausreiche, und viele Bewohner könnten nicht mehr selbständig zur Toilette gehen, sie werde ständig auf dem Handy angerufen, ganz zu schweigen von den Patienten, die aus ihren Zimmern schrien, jemand solle kommen und sich um sie kümmern, manchmal, wenn sie dann ins Zimmer komme, habe der arme alte Mensch, weil er nicht länger einhalten konnte, sich selbst und den Boden vollgeschissen, sie müsse dann alles sauber machen, die Scheiße und die verschmutzten Laken seien schon unangenehm, aber das Schlimmste seien die flehenden Blicke, wenn sie zu ihr sagten: ‚Sie sind sehr freundlich, Mademoiselle.‘ Bei ihr zu Hause in Afrika hätte es so etwas nicht gegeben, wenn das der Fortschritt sei, dann tauge er nichts.“

Wiederannäherung an Prudence – auch sexuell

Auf dem Landsitz der Familie kommen sich Paul und Prudence auch wieder näher. Auch sexuell. Im schmalen Bett seiner Jugendzeit. Über Jahre hatten sie nicht mehr miteinander geschlafen.

„Sie legte zuerst eine Hand auf seine Taille und schob sie dann in Richtung seiner Brust. (…) Ihre Münder waren wenige Zentimeter voneinander entfernt. Ohne einen Augenblick zu zögern, presste Prudence ihren Mund auf seinen, schob ihre Zunge hinein und bewegte sie langsam, verflocht ihre Zunge mit seiner.“

Entführung“ von Vater Èdouard aus dem dem Altenheim

Im Altenheim möchte man den Vater nicht dahinvegetieren lassen. Eine Gruppe, die im rechten Spektrum verortet wird, welche auf Derartiges abonniert ist, wird beauftragt Pauls Vater Édouard aus dem staatlichen Altenheim zu entführen. Generalstabsmäßig geplant gelingt die Aktion.

Schreckliche Diagnose für Paul

Als die Entführung publik wird, muss Paul beurlaubt werden. Als der wegen Zahnschmerzen und üblen Mundgeruchs einen Zahnarzt aufsucht, schickt der ihn zu weiteren Untersuchungen. Die harte Diagnose: Mund-Krebs …

Der einzigartige Schreibstil Houellebecqs vermag wie immer zu fesseln

Bei der Lektüre dieses nunmehr achten Houellebecq-Romans mögen einen inhaltliche Unterschiede, andere vom Autor gesetzte Schwerpunkte zu den Vorgängerromanen auffallen – dennoch ist es wieder ein Houellebecq, wie man ihn als sein Fan liebt. Es ist der einzigartige Schreibstil, der immer auch humorvolle Elemente beinhaltet. Und, wie bereits erwähnt: es das Visionäre, das der Autor in seinen Romanen zum Ausdruck bringt. „Vernichten“ spielt 2027. Das ist gar nicht mehr soweit entfernt. Wir sollten das bedenken und auch beunruhigt sein. Der Autor selbst sieht das allerdings so: „Nicht das Böse, sondern die Versuchung des Guten“ wäre treibe ihn zum Schreiben an, sagte Houellebecq zur Veröffentlichung seines neuen Romans gegenüber der Presse.

Am Ende seines Romans dankt Michel Houellebecq den Experten Medizin und einem Notar, welche der für seinen Roman besucht hat. Er schreibt: „Zu den Ärzten, die ich regelmäßig konsultiere, gehört der HNO-Arzt Dr. Alain Correé, der sicherlich derjenige ist, der die größte Verantwortung zu tragen hatte; angesichts des Lebens, das ich geführt habe, wäre ich sicherlich dafür prädistiniert gewesen, an HNO-Krebs zu erkranken. Neben den wertvollen medizinischen Informationen verdanke ich ihm die Formulierung, dass Dr. Nakaches Ton ‚martialisch, ein bisschen nach Vietnamkrieg‘ klang; hierfür sei ihm gedankt.“ – Darf man annehmen, dass Michel Houellebeqc – der als starker Raucher galt – nun das Qualmen aufgegeben hat?

Sein letzter Roman? Das wäre schade

Houellebeqc endet so: „Grundsätzlich sollten französische Schriftsteller nicht davor zurückschrecken, mehr zu recherchieren; es gibt Menschen, die ihren Beruf lieben und den Laien gerne erklären, was sie tun. Ich bin glücklicherweise gerade zu einer positiven Erkenntnis gelangt; für mich ist es Zeit aufzuhören.“

Wirklich? Ich fände es sehr schade, wenn das letzte Roman von Michel Houellebeqc gewesen wäre …

Michel Houellebecq

Vernichten

Roman

624 Seiten

Erscheinungstag: 11.01.2022
ISBN 978-3-8321-8193-2

Übersetzung: Stephan Kleiner i , Bernd Wilczek i

Preis: Hardcover 28,00 Euro

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.