Katharina. Aufstieg und Niedertracht II. Von Diether Dehm. Rezension

Helmut Kohl benutzte in einer Rede im Deutschen Bundestag 1995 dieses Zitat: „Wer die Geschichte nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“. Es wird oft in Zitaten wie ähnlich verwendet: „Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“ (George Santayana).

Die heutige Zeit macht uns jedoch tagtäglich bitter deutlich, wie wenig herrschende Politik nahezu im gesamten EU-Bereich und ihnen nach dem Munde schreibenden und sendenden Medien – in besonders erschreckendem Maße in Deutschland – offenbar von in ihrer Auswirkung auf die aktuelle Politik gefährlicher Geschichtsunkenntnis befallen ist. Das betrifft bereits weit in der zurückliegende Geschehnisse im Ersten und im Zweiten Weltkrieg und deren Ursachen. Sehr betrüblich ist es, dass sogar die Zeit in Deutschland nach 1945 für viele Menschen hierzulande eher im Dunkeln zu liegen scheint , beziehungsweise verklärt wird.

Diether Dehm ist zu verdanken, dass er Licht in wichtige Kapitel bundesrepublikanische Geschichte bringt. Der Politiker und Künstler bringt uns als Leser seiner jüngsten Romane im Rahmen einer Trilogie verronnene BRD-Geschichte zurück und führt sie uns spannend erzählt vor Augen. Was nicht nur für jüngere, sozusagen spätgeborene Leser, interessant ist, sondern auch für uns Frühgeborene (ich selbst kam 1956 auf die Welt) mit bestimmten hängengebliebenen Erinnerungen von hohem Wert ist: Der Mensch ist ja bekanntlich oft vergesslich oder auch uninformiert. Trifft beides zusammen wird es zappenduster.

Dehm hat eine Romantrilogie unter dem Titel „AUFSTIEG UND NIEDERTRACHT“ verfasst. Sie beginnt mit einem Kriminalfall, welcher die junge Bundesrepublik erschütterte: „Aufstieg und Niedertracht 1: Rebecca“. In meiner Rezension dazu (hier) informierte ich betreffs des Inhalts: «Es geht um den Mord an der Frankfurter Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt, deren „Künstlernamen“ Rebecca gewesen war. Der Fall hat Dr. Diether Dehm nach seiner eigenen Aussage sein Leben lang verfolgt. Denn er hat eine persönliche Verbindung zu dem Fall: „Meine Mutter und Oma waren Hauptzeuginnen im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder Heinz Pohlmann, der unser Wohnungsnachbar war“« Dieser erste Teil der Trilogie erschien im Verlag Das Neue Berlin.

Nun folgte der nächste Band von Aufstieg und Niedertracht II mit dem Titel „Katharina“. Allerdings erschien dieser Band – meiner Information nach, auf ausdrücklichen Wunsch des Autors – nun im Verlag KRASSER GURU.

KRASSER GURU: «„KATHARINA“ ist Band II der Trilogie „AUFSTIEG UND NIEDERTRACHT“ aus der Saga einer sozialdemokratischen Familie. „KATHARINA“ folgt auf den Roman „REBECCA“ (Berlin 2025) über den Nitribitt-Mord 1957, als Rudi noch ein Kind war – und über seine Eltern, die unfreiwillig Zeugen im Mordprozess wurden.

Zu „REBECCA“ schrieb die konservative „Fuldaer Zeitung“: ein „erzählgewaltiges Werk“; das „rechte“ Magazin „Compact“: „Roman des Jahres, der noch in hundert Jahren gelesen“ werde; die linke „UZ“: „Früher musste man Böll lesen, um den Rheinischen Kapitalismus zu begreifen, jetzt kann Dehm zu Rate gezogen werden … spannend bis zum Schluss.“; der kommerzielle Sender „Hitradio FFH“: ein „großes Sittengemälde“; die Alternativ-Plattform „NachDenkSeiten“: eine „Hommage an die Arbeiterklasse“, ein „Friedensbuch“ mit „starken weiblichen Hauptfiguren“.« All diesen Zitaten kann ich vollumfänglich zustimmen und nur empfehlen: Lesen!

Zum Band Numero II sollte der Text von KRASSER GURU zwecks der Information potentieller Leser ausreichend sein:

«Die Oberkellnerin Katharina in Honeckers Jagdschloss „Hubertusstock“ wird für den hessischen SPD-Staatssekretär Rudi Hermann bei einem Weihnachtsausflug an den Werbellinsee in der DDR zu einer Engels­gestalt intimer und gesellschaftlicher Sehnsüchte. Ihre ungekünstelte Art, zu sehen und zu reden, bildet einen extremen Kontrast zum westdeutschen Parteienmorast, in dem Rudi zu versinken droht. Als linker SPD-Star muss er nämlich gerade hart gegen rätselhafte Skandalisierungen aus dem geheimdienstlich-medialen Komplex ankämpfen. Zudem ist Rudi Hermann einem Grundwasserskandal im profitablen Atommülllager „Asse“ auf der Spur.

Obwohl Katharina Rudis Drängen, ihn in Frankfurt am Main zu heiraten, nicht nachgeben will und bei ihrer Tochter Vivienne in Ostberlin bleibt, gibt sie ihm Halt und Hilfe – gemeinsam mit einigen wenigen Freunden in SPD und SED. Gegen den geheimdienstlich-medialen Komplex des „großen Geldes“ und gegen dessen Skandalisierungsanschläge auf Rudi. Aber auch gegen „eigene“ Parteifreunde, die den prominenten Bankengegner weghaben wollen – mit Fallenstellereien des Parlamentarismus, die in diesem Liebeskrimi so detailgetreu wie spannend ausgemalt sind.«

Beim Lesen der erzählten Geschichte wurde mir immer wieder klar, welchen Intrigen Politiker wohl jeder Partei im Laufe ihrer politischen Karriere ausgesetzt sein können. Ich wurde schon bald auch an die bekannte Steigerungsformel „Feind – Todfeind – Parteifreund“, die Konrad Adenauer zugeschrieben wird, erinnert. Beileibe kein Alleinstellungsmerkmal betreffs der einzelnen Parteien. Schon Voltaire bekannte: „Mein Gott, bewahre mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden werde ich allein fertig“ . Und es nimmt nicht wunder, dass ich auch an die Parteeinkritik Richard von Weizsäckers denken musste: „Machtversessen und machtvergessen“ nannte Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1992 die bundesdeutschen Parteien. Am Rande angemerkt: Heute ist zu konstatieren, dass die Kritik von Weizsäckers nicht fruchtete, denn inzwischen ist alles nur noch viel übler geworden. Ich selbst betrachte die bei uns herrschende Parteidemokratie eher schadend, als unserem Lande nutzend. Und als ich wieder einmal – derlei bedenkend -, das Buch absetzte, sah ich einen älteren Mann wieder vor meinem geistigen Auge, welchen wir als junge Leute beim Camping in Riesengebirge in der ČSSR vor unserem Zelt getroffen hatten, der verächtlich postulierte: „Die Politik ist die größte Hure.“ Nun ja, das Postulat des Greises mag gewiss nachvollziehbare Gründe gehabt haben: Inzwischen lege ich aber unbedingt Wert darauf, Huren, die man heute Sexarbeiterinnen zu nennen pflegt, bloß nicht mit bestimmten Politikern in Vergleich bringen und gesondert betrachten. Denn ansonsten täte man den Huren schweres Unrecht an.

Diether Dehm wurde von frühster Jugend an politisiert und war auch in der Politik aktiv. Er war von 1966 bis 1998 SPD-Mitglied und saß auch für die SPD im Deutschen Bundestag. Dann ging er in die PDS und darauf in DIE LINKE. Heute ist er parteilos. Dehm kennt sich somit ganz gut aus in den Maschinenräumen von Parteien, bis in deren Kreis- und Bezirksebenen hinein. Was seinem Roman sehr zugutekommt und authentisch macht. Es ist spannend zu erleben, wie es in Parteien und hinter den jeweiligen Kulissen zugeht, aber auch zu sehen, welchen Problemen sich ein SPD-Staatssekretär Rudi Hermann im Roman in der hessischen Landesregierung gegenübersieht. Nur wenige Klarnamen, wirklich existent gewesener Persönlichkeiten, kommen im Roman vor. Andere werden jedoch kenntlich, wenn man bisher mit wachen Augen und Ohren durchs Leben gegangen ist. Auch anhand der Namen, welche er ihnen im Buch gegeben hat. Weitere auftauchende Charaktere wiederum sind erfunden, sie entsprechen aber Typen, wie sie in den Parteien, den Medien und der Gesellschaft im Allgemeinen vorkommen. Dehm hat sie sehr gut gezeichnet.

Der Weihnachtsausflug des hessischen SPD-Staatssekretärs Rudi Hermann in Honeckers Jagdschloss „Hubertusstock“ an den Werbellinsee in der DDR markiert einen bald schwer wiegenden Einschnitt in dessen Leben. Nicht allein, weil er dort auf den DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker trifft, sondern ihm hauptsächlich die dort tätige Oberkellnerin Katharina auffällt, die ihn als Mann aufgrund ihrer körperlicher Reize, sowie ihres Wesens insgesamt, heftig elektrisiert. Sobald der Westdeutsche Hermann mit der in der Regel so erfrischend anders als BRD-Frauen, weil auf so natürliche Weise und selbstbewusst auftretenden DDR-Frau näher in Kontakt kommt, ist es fortan um ihn geschehen.

Eine von Diether Dehm spannend und einfühlsam erzählte Geschichte, vom Verlag zutreffend als „Liebeskrimi“ bezeichnet, welche fesselt, nimmt ihren turbulenten Verlauf. Und zwar über die sogenannte Wiedervereinigung hinaus bis in die folgende Zeit hinein. Dehm macht den Mantel der Geschichte weit auf mit seiner Trilogie. Das lässt uns vieles verstehen und nachvollziehen. Und manches lässt uns auch aufmerken und wir können dies oder jenes für uns daraus lernen. Nicht zuletzt Leserinnen und Leser, welche in der BRD sozialisiert wurden und demzufolge bezüglich der DDR vorwiegend mit Klischees gefüttert worden sind. Als Leser bin ich schon jetzt neugierig auf den letzten Teil der Trilogie.

Betreffs der erotischen Träume und beschriebenen Empfindungen der Romanfigur Rudi Hermann gegenüber im Band vorkommenden Frauen – vornweg Katharina – dürfte der Autor gewiss reichlich aus sich selbst geschöpft haben. Was Verbissene, wie weiland im Falle Martin Walser geschehen, auf den Plan rufen und veranlassen könnte über „Altmänner-Erotik“ zu schimpfen. Nun ja. Denen täte ich – als bald Siebzigjähriger entgegnen : Gemach! Bin ich so viel anders? Sonst schreien wiederum andere, über Dehm ihre schützenden Hände ausbreitend: Altersdiskriminierung!

Ich habe auch diesen zweiten Band sehr gerne gelesen. Nicht zuletzt deshalb, weil es im Wesentlichen ein deutsch-deutscher Roman ist. Sehr deutlich arbeitet Dehm in der Person Rudi Hermann, dem sie ins Auge springen, auch die Unterschiede von BRD und DDR heraus, Nicht zuletzt die der Menschen. Die, welche im Kapitalismus leben und zu denen, die in der DDR sozialisiert sind. Die, die zuweilen überheblich und anspruchsvoll sind, oft eloquenter zu reden gelernt haben und meinen, halt die besseren zu sein. Nach Wende und sogenannter Wiedervereinigung beschrieb dies der in Ostdeutschland aufgekommene Begriff „Besserwessi“ sehr gut. Und diejenigen Menschen in der DDR, welche in der Regel bescheiden auftreten und eher über Bodenhaftung verfügen. Welche sich von Hause aus damit schwertun, sich in irgendeiner Weise zu verkaufen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen. Was nicht zuletzt Katharina bewog nicht bei Rudi Hermann in Frankfurt am Main zu bleiben und nach ihrem Westbesuch wieder in die Hauptstadt der DDR, Berlin, zurückzukehren. Weil sie sich sozusagen ihren Schneid nicht abkaufen lassen wollte. Und zwar von Anfang an der Bekanntschaft mit Rudi Hermann nicht. Was aber Hermann tatsächlich nie im Sinn hatte.

Obgleich es zugegebener Maßen freilich auch andere Frauen in der DDR gegeben hat. Die sich etwa während der Leipziger Messe prostituierten (oft benutzt vom Ministerium für Staatssicherheit, um Messebesucher von Interesse aus dem Westen abzuschöpfen). Wie mir einmal ein Mann aus Dortmund erzählte, war ihm seinerzeit während eines Messebesuchs in Leipzig eine Frau aus der DDR untergekommen, die sich für ein paar Weststrumpfhosen zu ihm ins Bett legte. Wohlgemerkt: Dies war allerdings eine Ausnahmeerscheinung in der DDR.

Fragen könnte man sich anhand der Darstellung Diether Dehms stellen, wenn er die relativ einfache Genehmigung des Westbesuchs von Katharina in der BRD ins Spiel bringt. Hätten „die Organe“ der DDR in der Realität tatsächlich einen solchen Besuch – noch dazu zu einem Staatssekretär in Hessen genehmigt? Wo doch Oberkellnerin Katharina gewiss als eine Geheimnisträgerin gegolten hätte? Es sei denn, Katharina wäre eine Mitarbeiterin des MfS gewesen.

Ansonsten in „Katharina“ ein tatsächlicher „Liebeskrimi“, der nachvollziehbar den Leser in einem im Wesentlichen gut lesbaren Stil präsentiert wird. Und „nebenbei“ umweht uns noch ein Stück weit der Mantel der Geschichte. Hervorzuheben ist darüber hinaus noch, dass uns Autor Diether Dehm immer wieder aufzeigt, welche Rolle der geheimdienstlich-mediale Komplex (eine treffende Begriffsschöpfung von Dehm) von Mal zu Mal in unserer Gesellschaft spielt.

Was bleibt mir zu sagen? Lesen Sie diesen zweiten Band von Diether Dehms Trilogie „Aufstieg und Niedertracht“ – „Katharina“. Genau so wie den ersten spannenden Teil „Rebecca“ und freut euch auf dritten noch kommenden Band dieser hochinteressanten Trilogie. Bereuen werden Sie es bestimmt nicht. Lassen Sie sich den Mantel der Geschichte um die Ohren wehen, haben Sie Freude an dieser Trilogie, welche auch eine Familiensaga ist.

Katharina

Aufstieg und Niedertracht II

24,90 €

inkl. MwSt.

Verlag:

KRASSER GURU

ISBN:

978-3-911834-07-0

Seitenzahl:

528

Zu Diether Dehm

Diether Dehm, geb. 1950 in Frankfurt a. M., Autor, Komponist, promovierter Psychosomatiker; siebzehn Jahre Mitglied des Bundestages für SPD und Linkspartei. 1979–1995 Mitarbeiter der Unterhaltungsabteilungen von ARD, ZDF und RTL; Musikverleger, Sänger von 17 Schallplatten und CDs (zuletzt: „Dass ein gutes Deutschland blühe!“, Alte und neue Arbeiterlieder). Er schrieb rund sechshundert Lieder auf Tonträgern, darunter Hits wie „1000mal berührt“, „Was wollen wir trinken“, „Monopoli“, „Faust auf Faust (Schimanski)“ und „Das weiche Wasser“, u. a. für Klaus Lage, Bots, Joe Cocker, Curtis Stigers, Melanie Thornton, Katarina Witt, Ute Lemper, Gisela May, Udo Lindenberg, Zupfgeigenhansel, Heinz Rudolf Kunze, Christopher Cross, STOMP, Anne Haigis, Uwe Steimle, Reiner Kröhnert. Für Dieter Hallervorden schrieb er diverse Satiren und Texte (z.B. Gaza Gaza). Daneben: diverse Musicals und Theaterstücke. Bisherige Romane: „Die Seilschaft“ (2004), „Bella ciao“ (2007, deutsch, englisch, türkisch), „REBECCA – Aufstieg und Niedertracht Bd. 1“ (2025).