Am 7. August sendete das ZDF heute-journal einen Beitrag von Ulf Röller, in welchem er sich kritisch und sehr faktenreich mit dem milliardenteuren US-Wahlkampf beschäftigte. Offenbar zu kritisch, denn aus der Mediathek wurde der Beitrag entfernt.
Titel: „Gekauft – Die Milliardäre und der US-Wahlkampf“
Heimlich, still und leise aus der Mediathek gelöscht: Ulf Röllers Bericht über milliardenteuren US-Wahlkampf
Til Schweiger würde man sicher nicht nach einem Statement zu politischen Ereignissen fragen, um sich davon tiefgreifende Erkenntnisse zu erhoffen. Seine klare humanistische Haltung in Sachen Flüchtlingselend hat ihn dennoch zu einem Zoon Politikon gemacht, zu einem Wutbürger der anderen Sorte – der vorbildlichen.
In einem aktuellen facebook-Post empört sich Schweiger zurecht über eine hanebüchene Schönfärbung des Staatssenders ZDF, wo man ein verharmlosendes und rückgratloses Zitat der Bundeskanzlerin über die virulente Gewalt gegen Flüchtlinge zu „klaren Worten“ umgedeutet hat.
Jürgen Todenhöfer muss man keinem politisch interessierten Beobachter lange vorstellen. Der Autor, Publizist, Friedensaktivist und ehemalige Bundestagsabgeordnete hielt am 27.3.2015 in der Münchner Muffathalle eine Lesung, in der er u.a. von den katastrophalen gesellschaftlichen und humanitären Zuständen in Irak und Afghanistan berichtete.
Sein Buch „Du sollst nicht töten – Mein Traum vom Frieden“ ist ein glühendes und persönliches Plädoyer gegen die amerikanischen Interventionen in Irak und Afghanistan. acTVism Munich zeichnete die komplette Lesung auf, die nun auf youtube in vier Teilen verfügbar ist.
Bild anklicken, um zum Beitrag auf acTVism Munich zu gelangen
So sieht die Zeitung aus; Grafik via VdK-Internetauftritt.
Der Sozialverband VdK hat beachtliche 1,7 Millionen Mitglieder in Deutschland. Und natürlich auch ein Presseorgan. Sie nennt sich schlicht „VdK-Zeitung“. „Mit einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren gehört die VdK-Zeitung zu den größten Mitgliederzeitungen bundesweit. Die Zeitung wird von Bundes- und Landtagsabgeordneten, in Ministerien, Behörden, und Verbänden ebenso gelesen wie vom Einzelmitglied“, präsentiert und rühmt sich die VdK-Gazette auf ihrem Internetauftritt selbst. Professor Albrecht Goeschel, Präsidiumsmitglied der Accademia ed Istituto per la Ricerca Sociale Verona, ist ein gewohnt scharfer Kritiker des VdK. Seine gepfefferten Anwürfe dem Verband gegenüber sind durchaus fundiert und durch mehrere Arbeiten des Instituts belegt. „Wenn ein Printmedium sich ‚Zeitung‘ nennt und haptisch und optisch eine Ta-
geszeitung nachahmt, dann erwartet das ungewarnte Publikum Aktualität und Brisanz und Themen, zu denen es sich eine Meinung bilden kann“, schreibt Goeschel einleitend. In seinen darauf folgenden Zeilen seiner Kritik belegt er, warum die VdK-Zeitung gerade diesbezüglich nach so etwas wie ein Rohrkrepierer ist.
Die BÄCKERBLUME des VdK?
Nun hat sich der Professor das einmal monatlich erscheinende VdK-Blatt, sozusagen das Zentralorgan des Sozialverbands, zur Brust genommen. Goeschels Text ist provokant-frech mit “VdK-Zeitung: Meinungsvermeidung durch Demenzjournalismus” (erschienen im Magazin des Büros für Altersdiskriminierung) überschrieben. Albrecht Goeschel fragt sich in seinem Artikel, “warum diese ob ihres „Bäckerblumejournalismus“ immer wieder verhöhnte VdK-Zeitung überhaupt Beachtung verdient”. Der Autor rekurriert da auf die oft in Sketches oder Satiren der Lächelichkeit preisgegebene “BÄCKERBLUME” hin. Laut Wikipedia Süddeutsche Zeitung ätzte damals „Hier ist der Spott das tägliche Brot“. Allerdings ist BÄCERBLUME eine Kundenzeitschrift. Nähme man kein Blatt vor den Mund wie der Professor aus Verona/Martenstein könnte man auch die VdK-Zeitung durchaus als Kundenzeitschrift bezeichnen. Nach Albrecht Goeschel nimmt ja der VdK seine Mitglieder durchaus auch als Kunden her. Mitgliederdaten werden verkauft und so schreibt Goeschel einmal:
Schauen wir uns doch einmal die VdK-Bäckerblume, pardon: die VdK-Zeitung an. Es wird einen dann dabei nicht verwundern, dass diese als Sprachrohr und Organ der Interessenvertretung der Alten daherkommt. “Fest ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat sich ein Satz des früheren Bundesarbeitsministers Norbert Blüm: „Die Rente ist sicher“ schreibt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher in ihrem “Kommentar: Verdiente Sicherheit”. Und weiter: “Noch 1997 versprach er dies in einer Bundestagsdebatte, in der es um deutliche Einschnitte in der Rentenversicherung ging. Leider sahen und sehen sich viele Rentnerinnen und Rentner von diesem Versprechen enttäuscht. “ Gegen Ende des Kommentars wird Mascher dann auch noch etwas kritisch: “Doch leider stoppt auch die gegenwärtige Bundesregierung den Abwärtstrend beim Rentenniveau nicht.” Krokodilstränen des SPD-Mitglieds Ulrike Mascher. Indem sie wegen dessen berühmten Renten-Satz (der im Übrigen gerne falsch verstanden wird: denn Blüm meinte das deutsche Rentenumlagesystem) Blüm gewissermaßen prügelt, blendet sie offenbar aus, wer für die größten Verwerfungen im Rentensystem,die quasi als faktische Rentenkürzungen wirken die Hauptverantwortung trägt: Die rot-grüne Bundesregierung unter Schröder und Fischer und deren “Reformen”. Aber auch die Auswirkungen von Altersarmut ist die VdK-Zeitung mit Rat in Gestalt des Beitrags “Je früher zur Schuldnerberatung, desto besser” zur Stelle.
Statt des Floretts zückt Albrecht Goeschel den Hammer
Ob der vom VdK ins Blatt gehobenen Themen zückt Albrecht Goeschel ohne Rücksicht auf Verluste statt eines Floretts erbarmungslos den Hammer und haut drein: “Demenzjournalismus” sei das. Fast archaisch sei das Bild-Konzept der – in der sicherlich nicht ohne Grund in Anführungszeichen gesetzten “Redaktion”. Goeschel geißelt auch, dass was er wohl als Personenkult wahrnimmt. Ähnlich wie früher in der DDR, da der 1. Sektretär des ZK der SED, Erich Honecker gleich mehrfach in nur einer Zeitungsnummer erschien. Albrecht Goeschel: “Immer das gleiche Foto von ‚Präsidentin‘ Ulrike Mascher und das in hohen Dosen. Eine Art VdK-Maoismus. Wenn das noch nicht hilft, bringt es die Gruppenfoto – Ikonographie: Ortsgruppe, Kreisgruppe, Bezirksgruppe, Landesverbändegruppe, Bundesverbandsgruppe, Präsidentin-Politiker(innen)gruppe: Austauschbarkeit als Einmaligkeit.”
Des Weiteren beklagt der Professor “Inhaltsarmut” und will “Alltagsbanalität als Erkenntnisevent” erkannt haben, wofür auch gleich ein Beispiel anführt: „Frauen haben öfter kalte Füße“ (Originalzitat).
Meinungsvermeidung
Nun beantwortet Albrecht Goeschel auch die eingangs gestellte Frage noch, warum die VdK-Zeitung überhaupt Beachtung verdient, so:
“Zunächst ist da die schiere Massenauflage und die Reichweite in eine wichtige Teilgruppe der ‚Sozialen Mitte‘ hinein. Vor allem ist es aber die Eigenschaft der VdK-Zeitung als eine Art ‚medialer Fingerabdruck‘ der Berliner GroKo mit ihrem bauchredenden Unheil im Kanzler(innen)amt: Die gleiche Methode, das gleiche Resultat – nicht einmal Verbiegung, sondern vor allem Vermeidung von Meinung.”
Gegen Schluss seines Beitrags zieht Prof. Goeschel dann noch einmal ordentlich vom Leder. Hat die „VdK-Bäckerblume“ vielleicht noch einen bedeutenderen Platz im Konzert der Medien vor sich? „Das mittlerweile die VdK-Zeitung im Kartell der ‚Leitmedien‘ als Mittäterin durchaus anerkannt ist, zeigt ein Vorgang, der vor ein paar Jahren von den Münchner Boulevard- und Qualitätszeitungen noch mit Hohn und Spott beworfen worden wäre: Der ‚Herausgeber‘ der VdK-Bäckerblume, ein Michel Pausder, ist in den Vorstand des bislang jedenfalls renommierten ‚Münchner Presseclub‘ aufgenommen worden.
Vergessen was war
Wie man es von Albrecht Goeschel kennt, ist die Gefahr unbegründet, dass er am Schluss seines Textes in wohlgefälliges Geseibel – wie man es aus den gefühlt tausend Talk-Shows unseres Fernsehens längst nicht mehr hören kann. Er schließt bezüglich des von ihm mit harten Bandagen beklagten „Demenzjournalismus“ sarkastisch: „Vergessen wir was war“, ‚Wahlkampfslogan der Liste Alzheimer Regensburg, 2 Mandate bei den Kommunalwahlen 1996’“.
Bereits kurz nach dem Absturz von MH17 starteten westliche Medien eine Propagandaschlacht, in der den Separatisten und Russland vorgeworfen wurde, für die Katastrophe verantwortlich zu sein. Das Gebell war so laut und die Fakten – bis heute – so dünn, dass der Eindruck, hier solle etwas vertuscht werden, sich jedem Beobachter geradezu aufdrängen muss.
Zum Vergleich: der Absturz der Germanwings-Maschine war innerhalb weniger Tage aus Sicht der Verantwortlichen vollkommen aufgeklärt. Rund um MH17 hingegen werden von den für die Aufklärung Verantwortlichen sämtliche relevanten Informationen zurückgehalten. Aus unserer Sicht besonders bemerkenswert: Die westlichen Medien macht keinerlei Anstalten diese Informationen (Flugschreiberdaten, Flugroutendaten, Fluglotsendaten, Radar- und Satellitendaten der USA und NATO, Ergebnisse der Obduktionen und Untersuchungen der Wrackteile, etc) einzufordern.
Statt zu recherchieren, veröffentlichen westliche Medien unseriösen Social-Media-Frickelkram unqualifizierter Hilfsanalysten, weil diese eine Spur nach Russland basteln. Die grundsätzliche Verantwortung der Ukraine, die den verbrecherischen Krieg im Donbass überhaupt führt…
Manchmal sind es Kleinigkeiten, auf die man achten muss, um den Puls der Zeit zu erahnen. Ein unbedachtes Wort hier, eine falsche Geste dort und plötzlich erschließt sich das Weltgeschehen von ganz alleine zwischen den Zeilen.
So einen lichten Moment präsentierte die ARD tagesschau um 20.00 Uhr. In einem Beitrag über die neu aufgenommenen Beziehungen der USA zu Kuba kommt ein kubanischer Experte zu Wort, der seine Hoffnungen angesichts der neuen Entwicklung zum Ausdruck bringt:
„Ich bin froh, dass Kerry hier ist, um sich die Realität anzusehen. Er wird uns helfen, so wie Gorbatschow euch damals in der DDR geholfen hat.“
Nicht ausgeschlossen, dass er recht behält. Der Zusammenbruch der USA könnte die Wiedervereinigung Kubas mit dem besetzten Guantanamo tatsächlich möglich machen. Viel Glück dabei!
Über den Krieg in der Ukraine hören und sehen wir derzeit so gut wie nichts. Doch nichts ist dort gut. Davon kann ausgegangen werden. Und als wir noch über die Maßen vom Krieg in der Ukraine hörten war auch nichts gut. In der Ukraine nicht. Und erst recht was die Berichterstattung unserer Medien angelangt. Nicht ohne Grund ist diesen Medien, der Presse der Vorwurf der Einseitigkeit in in Sachen Berichterstattung über die Vorgänge in der Ukraine gemacht worden. Den Westen und die Ukraine, die neuen Machthaber in Kiew nach dem Maidan-Putsch – die Guten. Die Aufständischen in der Ostukraine und Putin – die Bösen. Dazu nahm Eckart Spoo auch in einem Vortrag in Dortmund Stellung. Aber die Welt ist nicht so einfach gestrickt. Wer all der Schwarzweißmalerei überdrüssig war, suchte nach objektiveren Berichten aus der Ukraine. Ich fand sie in der Zeit im Bild (ZIB) des ORF und den Beiträgen von Christian Wehrschütz. Der erfahrene und in vielen Sprachen bewanderte Reporter bemühte und bemüht sich m. E. stets um größtmögliche Objektivität. Gleich ob er nun aus den selbsternannten Volksrepubliken in der Ostukraine, aus Kiew, der Westukraine oder aus Moskau berichtete. Zeitweilig war der einzigen westliche Report vor Ort, der nicht selten unter Lebensgefahr Bericht erstattete. Andere Kollegen, auch aus Deutschland, zogen es dagegen vor über ukrainische Agenturen oder ukrainische Kamerateams an Material zu kommen.
Der freie Journalist Mark Bartalmai lebt seit einem Jahr in Donezk
In der Ostukraine, im Donbass war auch der Fotograf und Journalist Mark Bartalmai. Eigentlich hatte er sich nur über die Hilfstransporte informieren wollen. Schließlich blieb er ein Jahr im Kriegsgebiet. Bartalmai wohnt mit kurzen Unterbrechungen in Donezk. Und damit in der Region der Ukraine, wo ein blutiger Bürgerkrieg und somit Tod und Zerstörung den Alltag der Menschen bestimmen. Ist Russlands Präsident Putin wirklich für den Konflikt verantwortlich, wie westliche Medien ständig tönen?
Mark Bartalmai ging dem nach und mit seiner Kamera direkt an die Kriegsfront. Dort entstand reichlich Filmmaterial. Daraus wurde in Zusammenarbeit mit Frank Höfer ein bewegender Film. Am Mittwoch nun zeigte ihn das Odeon Lichtspieltheater in Köln. Zu danken ist das der Initiative und dem unermüdlichen Engagement von Lukas Puchalski vom Magazin Free21. Das Kino war ausgesprochen gut besucht.
Der Film, weil eine Antithese zur Mainstream-Medien darstellend, ist umstritten
Die Vorführung dort ist (wie zuvor auch die Premiere in Berlin) umstritten, da er eine Antithese zur Mainstreamberichterstattung aufzeigt und aus diesem kühlen Grunde offenbar von gewissen Kreisen nicht erwünscht ist. Kino-Chef Jürgen Lütz weist nach den einführenden Worten von Lukas Puchalski daraufhin. Er merkt jedoch an, die Kinobesucher seien ja alle alt genug, um sich selbst eine Meinung bilden.
Filmemacher Mark Bartalmai stellt, wohl um Irritationen von vornherein vorzubeugen, klar: „Es ist mein Film“ (das ist dann auch am Anfang des Films eingeblendet) „und es ist auch meine Sichtweise“. Der Film sei nämlich „auf eine bestimmte Art und Weise gemacht worden … quasi als eine dokumentarische Erzählung“. Schon weil er in Donezk wohne, habe er „eben eine ganz eigene Sichtweise auf die Dinge dort“. Mark Bartalmai spricht von „seinem ganz persönlichen Blickwinkel“. Der Film zeige deshalb Dinge aus einer anderen Perspektive „als wir sie hier, nicht nur in Deutschland – sondern grundsätzlich hier in den westlichen Medien wahrnehmen. Die Gesprächsrunden im Anschluss an den Film seien bisher „immer sehr fruchtbringend gewesen“. Man sei „inzwischen an einem Punk,t wo man auch kontrovers werden muss, weil wir uns in einer Situation befinden in Europa, die sehr sehr gefährlich ist und die vor allem geschürt wird in den Köpfen von Menschen und durch Medien.“
Deshalb wäre es wichtig die Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten. Er nähme für sich nicht in Anspruch – „weil ich nicht an allen Stellen gleichzeitig sein konnte“- „die allumfassende Wahrheit zu sagen“. Bartalmai: „Ich wünsche Ihnen erhellende Momente.“
Und die gibt es durchaus in diesem Film mit seinen oft düsteren, traurig und nachdenklich stimmenden Bildern. Als Zuschauer bekommt man schon in den ersten Minuten des Films den Hauch einer Ahnung davon, was Krieg bedeutet. Krieg in einem Teil von Europa! Gar nicht einmal so weit von uns entfernt. Die wir Feste feiern, grillen und uns bei Sport und Spiel tummeln. Ist uns das bewusst? Dies alles, wie überdies viele Menschen sind – ist inzwischen wohl mehr als 6000, ist in der Ostukraine er- und gestorben. Bartalmais Film macht uns deutlich, was Krieg bedeutet. In der Kriegsregion hatten die meisten der Menschen bestimmt nicht einmal einen bescheidenen Wohlstand. Aber sie lebten in teils schönen Städten in intakten Häusern und schmuck eingerichteten Wohnungen. Sie hatten Kindergärten, Schulen, Spielplätze, Kinos, Kulturhäuser, Theater und Parks. Vieles von dem ist heute nicht mehr. Einer der seinerzeit modernsten Flughäfen, die Airport von Donezk, ist heute nahezu vollständig zerstört.
Nebenbei bemerkt: Es gibt Bilder von der Eröffnung des schicken Flughafens, die auch Petro Poroschenko zeigen. Den Mann, der neben anderen heute für dessen Zerstörung verantwortlich zeichnet. Die noch intakten weitläufigen Tunnelsysteme darunter werden heute als Basar benutzt.
Wir erfahren, dieser Flughafen war schon im Zweiten Weltkrieg – weil schon damals strategisch wichtig – hart umkämpft. Viele Böden in der Ostukraine sind blutgetränkt. Neues kommt in unseren Tag hinzu. Völlig sinnlos vergossen.
Die Menschen sind ratlos, verzweifelt und wütend
Besonders nahe geht einem der Film, wenn vom Krieg betroffene Menschen darin zu Wort kommen. Die Alten etwa. Sie haben noch den Krieg der Deutschen gegen ihr Land erlebt. Weinend verstehen sie nicht was heute mit ihnen geschieht. Eine Frau meint: Nicht einmal die Deutschen hätten so brutal gehandelt. Die eigne Bevölkerung zu bombardieren! Warum macht das Poroschenko? Die Menschen sind ratlos, verzweifelt und wütend. Auch die im Film zu Wort kommenden Rentner, die in langen Schlangen vor der Bank stehen, um an ihre fällige Rente zu kommen. „Fünfzig Jahre“, sagt dabei weinend eine Seniorin, „habe ich in einem Betrieb schwer gearbeitet. Und jetzt? Nicht einmal die Rente bekomme ich!“
Ihr Landsmann und Präsident hat dafür gesorgt, dass sie und andere die Rente nicht bekommen. Im Film ist ein Einblendung von einer Poroschenko-Rede. Die Ostukrainer hat er abgeschrieben. Kaltschnäuzig und zynisch klingen seine Worte (sinngemäß): Die Menschen, die mit uns sind, werden Rente bekommen. Die Menschen in den Rebellengebieten nichts. Die Kinder in der Westukraine werden in Kindergärten gehen. Die in Rebellenland nicht. Und so weiter und so fort. So redet der Präsident eines Landes!
Die Kinder – welches Leben können, werden sie später führen?
Und erst die Kinder! Drei Mädchen erzählen vor Bartalmais Kamera über ihre Erlebnisse im Krieg. Freundinnen, Klassenkameraden oder Familienmitglieder – Papa oder Mama, Bruder oder Schwester sind tot oder gesundheitlich beeinträchtigt. Die Kinder in Westeuropa, sagen sie, sollen froh sein, dass sie in Frieden leben können. Was macht all das mit den gewiss traumatisierten Kindern? Welches Leben können, werden sie später führen? Wie werden sie mit den schrecklichen Erfahrungen umgehen? Machen sich, kam mir in den Sinn, führende Politiker im Westen – wo sie doch immer die europäischen Werte und die Menschenrechte so verdammt hochhalten – darüber Gedanken?
Auf dem Maidan fing alles an
Noch einmal erinnert uns der Film daran, wie alles anfing, nachdem sich die Ukraine unter Präsident Viktor Janukowitsch vorläufig gegen das Assoziationsabkommen mit der EU entschieden hat. An die Kämpfe vom friedlichen Protest in ein blutiges Chaos abdriftenden Bürgerkriegsszenario auf dem Kiewer Maidan. Der Film berichtet von einer Weisung, wonach die Janukowitsch-Regierung selbst nach der Eskalation der Situation auf dem Platz die Polizei angewiesen hatte, sich in keiner Weise provozieren zu lassen und keine Gewalt anzuwenden. Zu sehen sind auf Archivaufnahmen, wie Molotowcocktails auf Polizisten geworfen werden. Wie diese dann als lebenden Fackeln über den Platz wanken und von Kollegen gelöscht werden müssen. Wie sie mit Fäusten und Stangen verprügelt werden. Wie sich nicht zur Wehr setzen
Mit der Frage, wer die Sniper gewesen sein könnten, die von den Dächern des Maidans, vom Hotel „Ukraina“ auch, auf Polizisten und Aufständische schossen, sagte Mark Bartalmai später, hat er sich im Film absichtlich nicht beschäftigt.
Tod in Odessa
Wir bekommen auch schreckliche Szenen aus dem Archiv zu sehen, die zeigen, was sich in der Schwarzmeerstadt Odessa zutrug, als das Gewerkschaftshaus in Brand gesetzt wurde und viele Menschen dabei den Tod gefunden haben. Welchen Kräfte haben warum dieses Gewerkschaftshaus angezündet, zuvor die Zelte der Anti-Kiew-Protestler zerstört? Im Film sieht man, während die Zelte zerstört werden, einen Streifenwagen der Polizei. Jedoch keine Polizisten, die gegen die Zerstörer einschreiten und die Angegriffenen vor dem tobenden Mob zu schützen. Sollte diese Tat – von wem auch immer sie angeordnet und begangen wurde – die gegen die neue Regierung protestierenden Menschen in der Ostukraine abschrecken? Als Kinobesucher schaut an zur Leinwand und in die Gesichter der Mütter und Eheleute, die um ihre Lieben, die am lebendigen Leib verbrannt wurden oder sich aus den Fenstern des Gewerkschaftshauses zu Tode gestürzt haben und fühlt mit ihnen. Man versteht mit ihnen nicht: Warum das alles?
Das Grauen steht Mark Bartalmai ins Gesicht geschrieben
Nach heftigen und aufwühlenden Szenen kommt weich überblendet immer wieder Mark Bartalmai ins Bild. Wenn er Situationen beschreibt, schaut der Kinozuschauer in dessen Gesicht. Kennt man ältere Fotos von ihm, dann sieht man, dass der Krieg auch einen Kriegsreporter, einen Menschen, der Furchtbares mit hat ansehen müssen, diesen Mark Bartalmai von den Erlebnissen gezeichnet. Das Gesicht ist gealtert. In den Augen Erschrecken und Trauer. In den Pausen zwischen den Sätzen istzu hören, wie der Kriegsberichterstatter schlucken muss. Das sitzt ein Mensch vor der Kamera, der dem Grauen, dem Tod ins Gesicht geschaut hat.
Im Krieg
Dieser Mark Bartalmai ist mit den Kämpfern der Ostukraine auf einem Schützenpanzer mit ins Gefecht gefahren. Zuvor erzählen diese Leute woher sie kommen, warum sich sich freiwillig in Gefahr begeben. Sie tun es, weil sie ihre Region vor den Faschisten – wie sie sagen – in Kiew bewahren wollen. Ja, auch Kämpfer aus Russland sind dabei. Der eine erzählt, er habe einen Großvater hier und oft die Schulferien bei ihm verbracht. Diese Verbänden der nationalen Befreiung sind nicht die furchterregenden Verbrecherbanden, die mancher sich vielleicht vorstellt, wenn er von ihnen in den westlichen Medien hört.
Es sind Ingenieure, Bankangestellte oder IT-Spezialisten die eine gute und nicht schlecht bezahlte Arbeitsstelle hatten. Es sind Menschen, die die Heimat verteidigen und Eltern oder Geschwister beschützen wollen. Die Panzer fahren in die dunkle Nacht. Weit hinten brennt es lichterloh. Man hört die Geschosse pfeifen und einschlagen. Hinterher, tags, wird das Schlachtfeld besichtigt. Verwüstung, Verbranntes und tote ukrainische Soldaten, die von Poroschenko verheizt wurden. Sie werden samt ihren Ausweispapieren an die andere Seite übergeben werden. Andere, anderswo – noch lebende – sind gefangen. Die Ortsbevölkerung beschimpft sie. Eine ältere Frau ist außer sich, ruft ihnen Schlimmste hinterher. Eine andere Frau kann sie gerade noch beiseite und wegziehen, sonst hätte sie sich wohl in ihrer Wut vergessen.
Aber, auch das wird im Film deutlich: Gängige Klischees treffen ebenso nicht auf in die Ostukraine beorderte reguläre junge ukrainische Soldaten zu. Die Gezeigten sind entweder der Kiewer Propaganda auf den Leim gegangen oder belogen worden. Wie etwa die zwei jungen Männer, die Bartalmai als Gefangene der Rebellen trifft. Ihren Aussagen im Film zufolge sind sie anständig behandelt worden. Sie dürfen mit Bartalmai mitfahren und werden ihren weinende Müttern übergeben. Mögen sie nie wieder in diesen Krieg zurückkehren (müssen), hofft der Filmautor an dieser Stelle des Streifens.
Und im Film steht immer wieder eine Frage im Raum. Sie wird auch von Menschen vor Ort wieder und wieder gestellt: Warum schießt die Armee auf die eigene Bevölkerung? Warum wirft sie Bomben auf sie? In anderen Ländern, sagen Leute im Film, wird bei Aufständen die Polizei geschickt.
MH 17
Mark Bartalmai hat auch die Absturzstelle des malaysischen Flugzeug MH17 besucht. Und er stellt Fragen im Film. Warum sind Blackbox und Voicerecorder – die sich in London befinden – bis heute nicht ausgewertet, bzw. warum werden die Auswertungen nicht öffentlich gemacht? Er, viele andere Reporter, kamen immer an die Absturzstelle heran. Warum mussten aber OSZE-Mitarbeiter mehrfach ihre Fahrt dorthin unterbrechen?
Der kleine tote Junge
Sehr authentisch wirkt der Film immer dann auf seine Zuschauer, wenn persönliche Schicksale, Leid und Verzweiflung ins Bild gerückt sind oder in den Berichten der von Bartalmai befragten Menschen darüber zu hören ist. Das ist vor allem deshalb so, weil Bilder zu sehen bekommen, die uns unsere Medien vorenthalten. Aus Rücksicht auf uns? Der kleine tote Junge im Film zum Beispiel. Und wie er später dann mit einem Anzug bekleidet im Sarg im von nackten Leichen förmlich übersäten Leichenschauhaus liegt. Ein Mitarbeiter streicht ihm noch über den Kopf, um sich dann rasch wieder anderen Leichen zuzuwenden.
Noch einmal mit dem Leben davongekommen
Bartalmai selber ist zu sehen, wie er durch Donezk läuft. Wieder sind irgendwo Granaten eingeschlagen. Die Straßenbahnschienen sind zerstört worden. Deshalb läuft man. Andere Berichterstatter sind schon da. Plötzlich wieder ein Einschlag. Wieder einmal ist man mit dem Leben davongekommen. Die Leute sind in Agonie und froh, dass es nicht in ihrem Block oder Hauseingang eingeschlagen hat. Sie sind müde, wollen das all das Schreckliche endlich aufhört.
Die Ukraine, wie sie einmal war, wird es nicht wieder geben
Wer diesen, wie ich meine wichtigen – weil so anders gemachten – Film gesehen hat, weiß: Die Ukraine, wie sie einmal war, wird es so nicht wieder geben. Bartalmai: „Dazu ist zu viel passiert.“
Ergriffenheit, Trauer und auch Wut bei den Zuschauern im Odeon
Am Ende Applaus. In ihm schwingt Trauer mit Ergriffenheit und auch Wut. Die Zuschauer im Kölner Odeon sind betroffen. Aus dem Applaus ist jedoch auch Anerkennung für den Regisseur herauszuhören. Fraglos ein wichtiger Film.
Der Wunsch von Odeon-Chef Lütz dürfte in Erfüllung gegangen sein: Die Menschen haben sich eine eigene Meinung gebildet. Und Mark Bartalmai kann wohl ebenfalls zufrieden sein. Erhellende Momente in diesem dürsteren Film dürften die Kinobesucher gehabt haben. Nun ist auch der Saal erhellt. Bartalmai steht vor dem geschlossenen Vorhang. Mit dem von Marcel Reich-Ranickis Abwandlung eines Brecht-Zitats könnte man sagen: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
Bereit für die Fragen des Publikums. Der Filmemacher steht vor eben diesen Vorhang des Kinos auf der Kölner Severinstraße. Sein Gesicht wirkt von der Fußrampenbeleuchtung angestrahlt mystisch. Schon kommen erste Fragen von unten aus dem Parkett. Mark Bartalmai schien nur darauf gewartet zu haben. Jede Frage beantwortet in äußerster Ausführlichkeit. Das Saalmikrofon wandert von Reihe zu Reihe.
Golineh Atais Film als Antithese zu Mark Bartalmais Film
Seinen Film betreffend sagt Bartalmai: „Wenn wir diesen nun einmal als These bezeichnen wollen, gibt es auch dazu eine Antithese“. Er weist damit auf die vor sechs Wochen erschienen TV-Reportage der ARD-Korrespondentin Golineh Atai, „Die zerrissene Ukraine“ hin. Diesen Film möge man sich ansehen und mit dem seinen vergleichen. Weil er freilich eine ganz andere Sichtweise habe. Mark Bartalmai habe Atai selbst einmal getroffen, als über die Wahlen in den selbsternannten Volksrepubliken berichtet wurde. Seiner Meinung nach waren die frei gewesen und die Menschen hätten sogar freudig ihre Stimme abgeben. Vergleiche man jedoch seine Bildern mit denen von Golineh Atais Team gedrehten, bewirke die dabei gewählte Kameraeinstellung – man nahm die Führer und deren Begleiter der Volksrepublik von unten auf. Das bewirke schon eine gewisse Dämonisierung in den Augen der Zuseher.
Antworten auf Fragen aus dem Publikum
Mark Bartalmai beantwortet nach der Filmvorführung Fragen der Zuschauer; Foto: C.-D. Stille
Auf die Frage nach russischen Truppen in der Ostukraine – Poroschenko behaupte ja immer wieder, 200 000 russische Soldaten sein dort – antwortet der Regisseur: „Das sind ja mehr als die Bundeswehr hat. Ich sehe sie dort nicht.“ Zu einer Geschichte, wonach ein – britischer Reporter einen russischen Militärkonvoi gesehen habe, sagt Bartalmai: „Es gab keine Fotos. Nichts.“ Irgendwann habe es ein offizielle Verlautbarung Kiews worin gesagt wurde: „Man konnte den Konvoi nicht sehen, weil er sofort vernichtet worden sei.“ Mark Bartalmai spricht von „unfreiwilliger Komik“ betreffs solcher Meldungen. Momentan, so berichtet der Journalist kreisten des Öfteren Drohnen über Donezk. Geschützfeuer war überdies zu hören gewesen.
Wie ist Kräfteverteilung im Krieg? Derzeit stünden ungefähr 80 000 reguläre ukrainische Soldaten, antwortet Bartalmai, 40 000 NAV-Leute (bewaffnete Separatisten der Ostukraine (Novarussia Armed Forces, der LNR und DNR – Lugansker Volksrepublik und Donezker Volksrepublik; d. Verf.) gegenüber. Wir hörten hier bloß immer in den Medien die Rebellen hätten den Waffenstillstand gebrochen. Was solle man sich darunter vorstellen? Um diesen Abstraktionen ein Gesicht zu geben, habe man diesen Film gemacht. Im Film komme nicht ein „profaschistisches Monster vor“. Abgesehen einmal von den Bataillonen Asow und Ajdar seien wohl keine ukrainischen Truppen in die Ostukraine gekommen, um „im Blutrausch zu morden“.
„Sie verstehen nicht, dass der Westen sie quasi verarscht“
Bartalmai erklärt: „Das Volk wird instrumentalisiert.“ Auf der einen und auf der anderen Bürgerkriegsseite finden man durchaus auch Leute, die in den Krieg zögen, weil sie vielleicht im Leben gescheitert seien, die auch auf Krawall stünden. Aber es gibt eben auch die anderen, die den Kampf hier oder dort als gerecht und richtig empfänden. Überhaupt werde das Land vorwiegend (vom Westen) instrumentalisiert und benutzt, damit es für NATO-Stützpunkte nutzen kann. Oder für „eine EU als Absatzmarkt“. Mark Batalmai: „Ich rate den Ukrainiern skeptisch zu sein.“ Viele glaubten einfach den Worten Poroschenkos oder anderen bald in die EU zu kommen und im Wohlstand zu leben. „Sie verstehen nicht, dass der Westen sie quasi verarscht.“ Monsanto hat quasi das Monopol auf Saatgut in der Ukraine. Das Land galt einst als Kornkammer der Sowjetunion!
Der SPIEGEL-Mann und die Nachtwölfe
„In Moskau“, erzählt Mark Bartalmai, „im Hauptquartier dieser ach so furchtbaren Nachtwölfe“, habe er einen Spiegel-Reporter getroffen. Will sagen: Man stünde sich als Kollegen nicht einmal feindlich gegenüber. „In bestimmten Bereichen herrscht durchaus Konsens. Warum sie es dann nicht schreiben, konnte er mir auch nicht erklären.“
„Sie haben der Ukraine die Heirat versprochen. Aber sie wollten sie nur für eine Nacht“
Und noch einmal kommt der Filmemacher auch die EU zu sprechen: „Sie haben der Ukraine die Heirat versprochen. Aber sie wollten sie nur für eine Nacht.“ Die Menschen in der Westukraine täten ihm leid. „Sie werden fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Sie haben das Pech in einer strategisch wichtigen Gegend zu wohnen.“ Der nun kaputte Flughafen von Donezk wäre inzwischen zu einem „Marktplatz“ geworden. Auch für Waffen. Die wechselten auch die Seiten. „Es gibt in diesem Krieg kein Schwarz und kein Weiß“, so Bartalmai. „Es gibt in diesem Krieg furchtbar viel Grau. Und es gibt in diesem Film furchtbar viel Rot. Ohne, dass wir es zeigen.“ Blut überall. Weg habe man von den Abstraktionen gewollt: „Bruch eines Waffenstillstands“, oder „Artillerie beschießt Positionen“ – „Nein, da sterben die Kinder! Und Zivilisten. Auf der anderen Seite sterben Soldaten“.
Mark Bartalmai wird momentan von in der Ukraine verfolgt. Er sei „angeklagt der Spionage und des Terrorismus und bezichtigt, offiziell wegen diesem Film“.
Auch mal das eigene Weltbild hinterfragen
Zur durchaus berechtigten Kritik an den Mainstreammedien sagt der Filmemacher etwas, dass jeder für sich mit nachhause nehmen und darüber nachdenken kann. Der Umkehrschluss nämlich daraus, wenn man den Mainstream generell als unseriös verteufelt, sei ja: „Was in den Alternativmedien steht, ist alles richtig. Das ist Käse.“ Die Menschen seien so gestrickt, dass sie sie gerne ihre einmal erlangte Meinung, ihr Weltbild, immer wieder bestätigt sehen haben wollten. Sie meinten sozusagen, alles sei grün. Und wenn die dann um die Ecke guckten und plötzlich rot sähen, seien sie verunsichert. Da gebe es eine Gruppe von Leuten, „die sagt, das will ich gar nicht wissen. Kann nicht sein.“ Die Einen hätten eben ihr Narrativ und die Anderen das ihre. Es spielten eben auch Erziehung und Erfahrung jedes Einzelnen eine Rolle. Auch käme hinzu, „was die Gesellschaft transportiert“. Dies im Hinterkopf, sagt uns nichts weiter als das: Wir sollten alles und jedes einem gesunden Zweifel unterziehen. Selbst auf die Gefahr hin, dass unser festgefügten und eingeschliffenes Weltbild aus den Fugen gerät.
Da kommt Bartalmai darauf zu sprechen, dass er in der DDR aufgewachsen ist. Als er in die BRD gekommen sei, habe man ihm erzählt, dieses DDR-System sei der völlige Schrott gewesen. „Ich bin quasi aus meiner Höhle gekommen und hatte keine Ahnung, was da abgeht.“ Dann in der Freiheit und der Demokratie der BRD – „und ich hab‘ daran geglaubt und ich habe auch lange in diesem BRD-System funktioniert“ – musste Bartalmai feststellen, dass „PR eigentlich heute der Journalismus ist und nicht mehr so wie früher“: dann musste der BRD-Neubürger ein zweites Mal im Leben konstatieren, dass auch das neue journalistische System „vorsichtig ausgedrückt, nicht hält was verspricht“. „Da ist für mich das zweite Mal eine Welt zusammengebrochen“, so der freie Journalist in Köln.
Kritik von Grimme-Preisträger Frieder Wagner
Dann meldet sich ein Mann, den man kennen sollte: Frieder Wagner, der in letzten dreißig Jahren freier Journalist und Filmemacher. Die Blicke gehen nach hinten. Und anerkennender Beifall brandet auf. Manche erinnern sich: der Herr ist u.a. Grimme-Preisträger. Er, sagte Wagner, er hätte sich am Filmende eine größere Spanne erwartet. Vermisst habe er Hinweise darauf, was die USA und ihre Koalitionen der Willigen, auch die NATO, für eine Politik betreibe, die das Ziel verfolge, den Machtbereich der USA immer mehr auszuweiten. In Bosnien, im Kosovo, im Irak, Afghanistan, in Libyen, im Libanon, in Gaza. Da stecke ein System dahinter, so Wagner. Gefehlt habe ihm der Hinwies darauf, dass „die ukrainische, schreckliche Auseinandersetzung die Fortsetzung ist, dessen ist was lange, lange geplant gewesen sei. Wagner: „Es gibt ja Präsidentenberater, die haben Bücher geschrieben, da steht das alles drin. Man hätte den Teufel schon beim Namen nennen müssen.“ Es könne durchaus sein, dass in den nächsten Jahren schwerst missgebildete Kinder geboren werden.“
Mark Bartalmai erklärt, daran habe man gedacht, sich aber – damit der Film jetzt herauskommen könne – ein tieferes Loten zunächst zu unterlassen. Allerdings verspricht der Regisseur, dies „ist jetzt nicht der letzte Film, der nächste ist in Planung“.
Möge der Film auch den Weg in andere Kinos finden
Was zu begrüßen ist. Beifall. Ein ergreifender Film und eine sachliche, befruchtende Diskussion im Anschluss. Übrigens reißt die Diskussion selbst noch nicht ab, als sich Türen des Kinos Odeon längst geschlossen hatten. Auch die Fragen gehen nicht aus. Kurzerhand wird Diskussion und Fragestunde hinaus auf die nächtliche Kölner Severinstraße verlegt.
Dank an das Engagement betreffs des Organisierens der Filmvorführung seitens Lukas Puchalski von Free21, sowie an Odeon-Chef Lütz. Möge der Film Mark Bartalmais den Weg auch in andere Kinos der Republik finden, denn er ist eine Art fehlender Part. Ein andere Seite der Medaille gewissermaßen. Mark Bartalmai zeigt sich bereit, zu Film- und Diskussionsabenden in anderen Städten anzureisen. Der Film funktioniert besonders gut, wenn sich ihm eine Diskussion anschließt.
Alles über den Film hier. Übrigens steht er auch zum Kauf bereit. Den Trailer kann man hier anschauen. Zu einem Interview zum Film mit Lukas Puchalski geht es hier.
Nachtrag
Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass nicht nur der Film „Ukrainian Agony“ neben viel Lob auch Kritik hervorruft, wie die Person Mark Bartalmai selbst. Hier und hier. Jeder mag sich eine eigene Meinung darüber bilden und schauen, von wem die Kritik geübt wird. Fakt scheint jedenfalls: Wer vom Mainstream abweicht wird leicht in die Ecke der Verwörungstheoretiker oder gar der Neurechten und sogenannten Querfrontler gerückt. Ich sage es einmal angelehnt an die Worte des Kölner Kino-Chefs: Meine Leserinnen und Leser alt genug sein, sich selbst eine Meinung zum Film wie zur Person Mark Bartalmai, der ja eigentlich Mirko Möbius heißen soll. In manchen dieser Ergüsse, schreibt ein gewisse Sven. Dessen Profil soll jedoch inzwischen gelöscht sein. Dieser Nachtrag erfolgt hier nur der journalistischen Sorgfalt wegen. Wie bereits erwähnt: Jeder soll sich eine eigene Meinung dazu bilden.
Das „Griechenland-Problem“ lenkt ab. Soll ablenken? Von einer Misere der Europäischen Union überhaupt. Es ist kein Alarmismus, zu behaupten: Die EU befindet sich in einer schweren Krise. Sie kann schon bald so scheitern, dass das eigentlich großartige europäische Projekt dahin ist. Der Euro ebenso. Beides hängt zusammen. Gewissermaßen ist der Euro der eigentliche Sargnagel, am Projekt EU. EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft; der Verf.) war m.E. der ehrlichere Begriff. EU tönt unverdächtiger. Klar, wir Europäer haben die Vorteile von Freizügigkeit und Reisefreiheit ohne Grenzkontrollen. Nicht zu verachten. Wohl vermutlich eher ein süße Dreingabe, gedacht für die Masse der Menschen, damit sie alles andere ohne großes Murren schlucken. Mehr denn je dient und nützt die EU aber der Wirtschaft. Das walte Hugo!
Albert F. Reiterer: „Der Euro ist ein höchst effektives Instrument der Gesellschaftsspaltung.“
Anton F. Reiterer erinnert uns eingangs seiner aktuellen Veröffentlichung „Denkwende – Zur Schlacht um den Euro“ daran, dass alles so gedacht gewesen war: „Euro und WU (Währungsunion; der Autor) wurden als Automatismus einer neoliberalen Zentrum-Peripherie-Struktur in Europa entworfen. Das sollte ständige politische Eingriff zu Gunsten des Großkapitals und der Finanz-Oligarchie überflüssig machen. Alle, die lesen können und wollen, können dies in der Debatte seit Anfang der 1970er nach verfolgen, im Werner- und Tindemans-Plan, im Delors-Bericht, auch im gescheiterten EWS der Prägung von Helmut Schmidt und V. Giscard d‘ Estaing. Der Kern ist: Nicht mehr Abwertungen mit ihrer vergleichsweise schonenden Verteilung der Lasten sollen zum Ausgleich von Produktivitäts-Differenzen zwischen den Starken und den Schwachen eingesetzt werden. An ihre Stelle soll die ‚Innere Abwertung‘ treten, der sinkende Lebensstandart ausschließlich für die Arbeitenden.“ (S. 5/6)
Es gab bekanntlich Experten, die rechtzeitig vor den Folgen der Einführung des Euro warnten, koordinierte man nicht gleichzeitig auch die Sozial- ,Finanz- und Steuerpolitiken der Euro-Länder. Man könnte sagen, die Todesursache trug der Euro sozusagen bereits bei seiner Geburt in seinen Genen.
Reiterer macht den Euro in seiner Wirkung kenntlich: „Der Euro ist ein höchst effektives Instrument der Gesellschaftsspaltung.“
Mit dem Euro in der Falle
Reiterer schreibt von einer „Euro-Falle“. Und in der säßen nicht nur Länder wie Griechenland (Tsipras scheiterte u.a. an ihr), sondern auch wir „in den Ländern des Zentrums, zumindest, soweit wir nicht der Oberschicht und den wenigen Gewinnern aus der Politik des Imperiums angehören“. Reiterer erinnert süffisant daran, dass Deutschland ironischerweise „zu seinem Glück gezwungen werden“ musste. Den Kohl wollte ja zunächst die Währungsunion gar nicht. Doch der französische Präsident Mitterand „stellte Kohl vor die Wahl: deutsche Einigung und WU, oder keines von beiden.“ Kohl schluckte die vermeintliche Kröte. Vermeintlich deshalb, weil Deutschland heute der Hauptprofiteur der WU ist. Frankreich schadet sie eher. Es konnte eine Struktur entstehen, „welche es der deutschen Politik ermöglicht, ihren Willen brutal durchzusetzen.“ (S. 11) Nichts anderes erleben wir im Umgang mit Griechenland. Was ein Volker Kauder (CDU) forderte ist längst bittere Realität: Es wird Deutsch gesprochen in Europa.
Zum Inhalt
Reiterer beschäftigt sich im Kapitel 2 „Denkumkehr – Die „gute“ EU, der Euro und die Folgen auch kritisch mit dem Buch „Nur Deutschland kann den Euro retten. Der letzte Akt beginnt“ von Heiner Flassbeck und Costas Lapavitsas sowie einer Vorbemerkung darin, geschrieben von Ex-Finanzminister Oskar Lafontaine. Sowie mit „Die Konservativen, Sozialdemokraten und Piketty / „Refeudalisierung“? Finanzialisierung: Die Rückkehr des Kapitals – Aus Anlass einer Arbeiter von Piketty/Zucman.
Überhaupt die Sozialdemokraten: Sie tragen nicht wenig Schuld an der derzeitigen Misere. Und da darf man dann auch nicht von den Gewerkschaften schweigen. Gerade in Deutschland, wo sie traditionell eng mit der SPD verbunden sind. Was die Crux ist. In der Zeit Der Schröder-Fischer-Regierung hatten sie bekanntlich deshalb Beißhemmung und verkauften viel von ihrer Seele. Professor Reiterer rät am Schluss seines Büchleins: „Die Gewerkschaften brauchen auf der einen Seite eine Partei, die allgemeinpolitisch in ihrem Interesse handelt. Aber sie dürfen sich von einer solchen Partei nicht abhängig machen, sie müssen Autonomie bewahren.“
Das europäische Volksvertretung, ein „Pseudo-Parlament“
Überhaupt zeichnet der Autor und im Unterkapitel „Und die Gewerkschaften?“
„Das Zentralproblem repräsentativer Demokratie. Das seltsame Gewand der Frage darf uns nicht darüber hinweg täuschen. Vor allem ist es das Hauptproblem der unteren Schichten in der Demokratie. Denn die Vertreter der Mittel- und Oberschichten treten nicht in eine andee Lebenswelt über, wenn sie z.B. Abgeordnete werden. Wohl aber trifft dies für die Abgeordneten zu, die selbst aus den unteren oder den Mittelschichten knapp darüber kommen. Sie werden nicht nur in eine materiell radikal veränderte Lage versetzt: Sie verdienen nu z. B. das Vierfache des mittleren Einkommens. Sie treten auch in eine Berufs- und Lebenswelt ein, die mit der ihren, bisher gewohnten, nichts mehr zu tun hat.“
Auch das Europaparlament – Albert F. Reiterer benennt es als das, was es real ist: als „Pseudo-Parlament“ – wird entsprechend beleuchtet.
Das Imperium mit Demokratiedefiziten
Die EU erscheint (neben dem US-amerikanischem) als Imperium (mit gravierenden Demokratiedefiziten): Die „wichtigste Ausprägung des nachnationalen Staates, die gegenwärtig erkennbar ist“. In diesem Brüsseler Imperium herrsche die „Allmacht des Marktes und der Finanzoligarchie“. Dass das in der Tat so ist, kann man beim griechischen Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis – wenn er über die „Verhandlungen“ im Nachhinein Bericht erstattet. Überhaupt macht der Umgang mit Griechenland deutlich, dass sogar nicht nur von „Institutionen“, sondern auch von den mächtigen europäischen Eliten Demokratie wohl eher als störend empfunden wird.
Fraglos braucht es in Sachen Europa und Euro eine „Denkwende“. Mir sagt das Buch: Wir sollten uns von dem Griechenland-Problem nicht ablenken lassen. Zum Aufwachen sollte es uns bringen! Es ist m. E. kein Alarmismus, zu behaupten: Die EU und der Euro befinden sich in einer schweren Krise. Mir scheint ziemlich sicher: EU und Euro könnten in den nächsten Jahren zerstört und am Ende sein. Eine Neugründung der EU, die nicht nur der Wirtschaft und der Finanzoligarchie zu Vorteilen verhilft, sondern die sozial, gerecht und solidarisch mit ihren Mitgliedern ist, scheint nötig.
Tabula rasa machen
Dafür müsste jedoch erst einmal Tabula rasa gemacht werden. So lese ich es Reiterers Zeilen. In „Politische Konsequenzen“ – aus der Griechenland-Misere – (S. 58) notiert Reiterer an die Adresse der Linken: „Raus aus dem Imperium! Vielleicht sollten wir weniger erratische Marxisten sein, eher konsquente. (…) Man kann die EU nicht in ein soziales Europa verwandeln. Man muss den alten Staat zerschlagen, man muss die Eurozone zerschlagen, man muss die EU zerschlagen.“
Doch vor diesem – wohl unumgänglichen, wenn das Imperium sich nicht selbst den Garaus macht – Schritt muss freilich erst einmal die „Denkwende“ oder, wie es auf Seite 9 der Broschüre steht: eine „Denkumkehr“ erfolgen.
Dann denken Sie mal schön, liebe Leserinnen und Leser. Und lesen Sie – ich empfehle es dringend – als „Denkhilfe“ Reiterers Broschüre! Eine weitere, wieder wie gewohnt liebevoll von Peter Rath-Sanghakorn redaktionell betreute Veröffentlichung im Rahmen des für äußerst lobenswerten pad-Projektes „Ökonomisches Alphabetisierungsprogramm“. Die wachsende Anzahl dieser Veröffentlichungen leisten – jede für sich – einen nicht unerheblichen Beitrag im Sinne des von Immanuel Kantschen „Sapere aude“ .
Albert F. Reiterer: Denkwende. Zur Schlacht um den Euro. pad-Verlag, Bergkamen 2015, 76 Seiten, 5 Euro (für jede Broschüre Staffelpreis ab fünf Exemplaren 4,50 Euro, ab zehn Exemplaren 4 Euro).
Bezug: pad-Verlag, Am Schlehdorn 6, 59192 Bergkamen, E-Mail: pad-Verlag@gmx.net
ARD und ZDF, die mit Milliarden Euro gemästeten Staatssender haben verschiedene Methoden, mit Demonstrationen umzugehen – je nachdem, ob die Demonstration den Zielen der Regierung dienlich ist oder eben nicht.
Was dem Staat nicht genehm ist, findet im Staatssender nicht statt oder wird kriminalisiert. Was der Staat selbst organisiert, wird ausgiebig als Top-Nachricht des Tages ausgeschlachtet und von servilen Maulhuren abgefeiert wie Führers Geburtstag. ARD und ZDF sind – bei vollkommen objektiver Betrachtung – übelster Staatsfunk auf dem mitunter grotesken Niveau totalitärer Regime.
In diesem Blog werden montags selbst verfasste Gedichte veröffentlicht und je nach Anlass Gedanken übers Zeitgeschehen festgehalten. Im Ganzen behandelt der Blog Ansichten und Eindrücke über Politik, Gesellschaft, Alltag, Liebe und (Pop-)Kultur. Respekt, Hoffnung, Nachdenklichkeit, Friedensfähigkeit und Menschlichkeit werden diesen Blog kennzeichnen.