Projekt unter Leitung von Dr. Sebastian Kurtenbach und Mirza Demirovic´ erforschte die Lebensbediungen von Roma in Plowdiw-Stolipinowo

Dr. Sebastian Kurtenbach. Archivfoto: Stille

Im April 2019 weilte eine Seminargruppe des B.A. (Bachelor of Arts) Studiengangs Soziale Arbeit an der FH Münster, zur Feldforschung in Plowdiw-Stolipinowo. Geleitet wurde der Aufenthalt in Bulgarien von Dr. Sebastian Kurtenbach und Mirza Demirović. Auf diese Zeit haben sie sich ein halbes Jahr intensiv vorbereitet. Geforscht wurde in drei Themengruppen zu Familie, Diskriminierung und Armut in einem der größten mehrheitlich von Roma bewohnten Stadtteil der Europäischen Union.

Auf ihren Blog „Transnationaler Raum – Fieldwork Polviv-Stolipinovo 2019“ heißt es:

„Durch diesen Blog wollen wir einerseits Eindrücke unserer Feldphase und andererseits Ergebnisse unserer Forschung einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen. Dazu haben wir während der Feldforschungsphase im April 2019 regelmäßig aus Plowdiw berichtet, wozu Eindrücke aus dem Feld, Reflexionen zur Forschungserfahrungen und Gedanken zu unterschiedlichen Themen gehören. Ab Herbst 2019 stehen dann auch unsere Ergebnisse zum Download zur Verfügung.“

Im Rahmen des Roma Kulturfestivals „Djelem Djelem“ wurde kürzlich in Dortmund über die vorliegende Arbeit berichtet

Vom 3. bis 13. April 2019 befanden sich 15 Studierende der FH Münster im Rahmen eines Forschungsprojekts in Plowdiw, der zweitgrößten Stadt Bulgariens. Sie erforschten unter der Leitung von Dr. Sebastian Kurtenbach und Mirza Demirović die Lebensbedingungen von Roma im Vorort Stolipinowo. Das ForscherInnenteam forschte in drei Themengruppen zu Familie, Diskriminierung und Armut. Die Ergebnisse der Feldstudien wurden vergangene Woche im Dietrich-Keuning-Haus in Dortmund im Rahmen des Roma Kulturfestivals „Djelem Djelem“ zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Im Anschluss bestand die Möglichkeit mit Jugendlichen aus Plowdiw ins Gespräch zu kommen, die gemeinsam mit Jugendlichen aus Dortmund ihr transnationales Radioprojekt „Radio Plovmund“ unter dem Titel „Geschichten einer Jugendbewegung“ multimedial vorstellten.

Dortmund, speziell die Dortmunder Nordstadt, steht in vielfältiger Beziehung zu Stolipinowo. Denn in dort sind neben rumänischen Bürgern auch bulgarische Bürger ansässig geworden bzw. halten sich sporadisch dort auf, um Geld zu verdienen, das sie ihren Familien in beiden Ländern schicken. Unter ihnen befinden sich auch Roma.

Mirza Demirovic. Foto (bearbeitet) Klaus Hartmann.

Mirza Demirović, der die Gruppe Diskriminierung in der Feldforschungsarbeit leitete, regte an mehr über transnationale Zusammenhänge – besonders mit den Schulen – zu sprechen. Auch hält er einen regen Austausch zwischen beiden Städten für unverzichtbar. In Sachen Teilhabe findet er, müsse ebenfalls noch mehr geschehen.

Das sei um so wichtiger, da Demirović in Plowdiw aufgefallen sei, dass Dortmunder Rechte nach dorthin vernetzt sind und auch ab und an dort auftauchen und sich mit bulgarischen Rechten treffen. Die Sozial- und Aufklärungsarbeit, regte er an, müsse unbedingt ernster genommen und dementsprechend intensiviert werden.

Plowdiw ist Kulturhauptstadt des Jahres 2019

Der Fernsehkanal Arte zu seinem Video:

„In der Bewerbung plante Plovdiv noch seine bedeutende Roma-Minderheit in zahlreiche Projekte einzubinden und ein gesellschaftsschichten-übergreifendes Programm als Europäische Kulturhauptstadt 2019 anzubieten. Viel ist davon nicht realisiert worden. Kritiker und ehemalige Projektpartner sprechen gar von einer verpassten Chance.“

Diese Feststellung machte auch die Forschungsgruppe aus Deutschland vor Ort. Viele Roma, hieß es, wüssten nicht einmal, dass Plowdiw Kulturhauptstadt Europas ist, geschweige denn, dass sie Kenntnis über die im Rahmen dessen stattfindenden Veranstaltungen in der Altstadt besäßen. Stadtobere Plowdiws sagen allerdings etwas anderes. Jedoch die Realität sieht offenbar anders aus. Nach wie vor haben die Roma (wie leider überall) auch in ihre Heimat mit vielen Vorurteilen, Diskriminierung und sogar mit Gewalt gegen sie zu kämpfen. Die Roma wissen, sie sind eigentlich nur gefragt, wenn mal wieder Wahlen anstehen. Dann verspreche man ihnen das Blaue vom Himmel.

Hinweis 1: Zur erwähnten Feldstudie und den Einzelheiten des damit verbundenen Besuchs der Seminar Studiengangs Soziale Arbeit an der FH Münster lesen sie alles auf dem eigens eingerichteten Blog.

Hinweis 2: Ein Beitrag der Nordstadtblogger über den Besuch einer Delegation der Stadt Dortmund in Plowdiw finden Sie hier.

Hinweis 3: Weitere Beiträge im Zusammenhang mit Roma finden Sie hier und hier.

Beitragsbild: via Blog „Transnationaler Raum – Fieldwork Plovdiv-Stolipinovo 2019.

„Dortmunder Passagen“ – Ein Stadtführer erzählt Dortmund neu

Am Modell des Reinoldikirchturms im MKK: Michael Küstermann, Stefan Mühlhofer, Wolfgang Sonne und Barbara Welzel.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag 2019 beginnt bekanntlich nächste Woche. Da ist es freilich gut und ausgesprochen passend, dass er nicht zuletzt aus diesem Anlass da ist: Der Stadtführer „Dortmunder Passagen“ soll Dortmund neu erzählen. Er dürfte über den Kirchentag hinaus Besuchern Dortmunds gute Dienste leisten.

Auf 287 Seiten werden fünf Themen-Routen beschrieben. Sie erschließen das Stadtgebiet anhand von Drehscheiben und Leitobjekten und machen dadurch Geschichte, Gegenwart und geografische Gegebenheiten an konkreten Orten sichtbar und an konkreten Orten sichtbar und verständlich. Flaneuren werden so verschiedene Möglichkeiten praktisch, im wahrsten Sinne des Wortes, in Form eines Lesebuches in die Hand gegeben, um die Stadt neu zu entdecken. Die Präsentation des im Jovis Verlag Berlin erschienen Stadtführers fand am Donnerstag während eines Pressegesprächs im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) in Anwesenheit der HerausgeberInnen Stefan Mühlhofer, Wolfgang Sonne und Barbara Welzel statt. Der Stadtführer ist für 15 Euro im „reinoldiforum“ und während des Evangelischen Kirchentags (19. bis 23. Juni) im Pavillon „stadt paradies sanktreinoldi“ an der Reinoldikirche erhältlich. Später dann auch im Buchhandel. Initiatorin und Initiator des anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentages entstandenen Stadtführers waren Prof. Barbara Welzel (TU Dortmund) und Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor der Dortmunder Kulturbetriebe).

Die Geschichte und das Werden der Stadt Dortmund so erzählen, dass es zu unserer Jetztzeit passt

Eingeflossen in den Stadtführer, wie Pressesprecherin Katrin Pinetzki mitteilte, sind die Arbeiten von über 20 AutorInnen. Er dürfte in dieser Art derzeit konkurrenzlos auf dem Markt sein. Ein klassischer Reiseführer ist er hingegen nicht. Es geht darin darum, die Geschichte und das Werden der Stadt Dortmund zu erzählen. Und zwar so, dass es zu unserer Jetztzeit passe, wie Dr. Stefan Mühlhofer anmerkte. Lange genug sei die Geschichte von Kohle, Stahl und Bier erzählt worden. Manche Leute in Bayern, wo Mühlhofer herkommt – mittlerweile 17 Jahre in Dortmund ansässig -, meinten immer noch, dass in Dortmund die draußen aufgehängte Wäsche schwarz wird vom Kohlestaub. Die Stadt habe sich jedoch auf spannende Weise in eine positive Richtung entwickelt. Mit dem vorliegendem, handlichen Stadtführer könne man hier gut schlendernd durch die Stadt auf Reisen gehen. Oder auf dem Sofa liegend „gedanklich sozusagen durch diese Stadt reisen“. Sogar interessant könnten die „Dortmunder Passagen“ für Leute sein, die schon immer in Dortmund leben.

Debattiert darüber und geschrieben „wie man die Stadt heute erzählen kann“

Prof. Barbara Welzel formulierte ihre auf Reisen gemachten Erfahrungen um eine Nuance anders: Eigentlich wisse jeder, dass Dortmund heute ganz anders ist, „aber keine neue Erzählung hat“. Die Leute wüssten einfach nicht für was Dortmund heute stehe. Der Stadtführer sei von den Autoren zusammen auch kontrovers diskutiert und geschrieben worden. Eben nicht so, dass jeder nach einer gemachten Gliederung ein Thema bekommen und den entsprechenden Text eingereicht hat. In einer Kerngruppe von neun und dann 21 Autoren insgesamt plus drei Fotografen habe man darüber debattiert „wie man die Stadt eigentlich heute erzählen kann“.

Fünf erlebbare Routen, die jeweils mit einem Objekt aus der Sammlung des MKK verankert ist

Am Ende hätten sich fünf lohnend erlebbare Routen herauskristallisiert wie die Stadt am besten heute erzählt werden könne. Man müsse das alles einmal zusammen sehen. Die einzelnen Kapitel sind mit „Wege“, „Wasser“ (Emscher, Ruhr; seit wann gibt es in einer Stadt, die zur Großstadt wird, Abwässer?), „Materialien“ (z.B. im Mittelalter die Kirchen aus Stein, das normale Wohnhaus aus Fachwerk mit Lehm gefüllt, aber dann auch Gebäude aus Backstein als Gefach), „Stadt und Land“ und „Spielräume“ überschrieben. Die Route „Spielräume“ steuert die repräsentativen und politischen, kulturellen und wissenschaftlichen, sportlich oder geistliche bedeutsamen Orte an. Im Kapitel „Wege“ geht es um moderne und mittelalterliche Strukturen: Wall und Hellweg sind ebenso Thema wie Brücken, Kanal und Flughafen. Drehscheiben der möglichen Stadterkundungen sind dabei u.a. Museen, Industriedenkmäler, der Botanische Garten Rombergpark und die Stadtkirche St. Reinoldi, das Baukunstarchiv, die Kokerei Hans sowie das U.

Wolfgang Sonne, Stefan Mühlhofer, Michael Küstermann und Barbara Welzel vor dem Modell des Reinoldikirchturms.

Eine besondere Drehscheibe ist das MKK: Jede der fünf Routen ist mit einem Objekt aus der Sammlung des Museums verankert, so dass jeder Rundgang dort beginnen kann. Zu den Leitobjekten zählen u.a. ein Modell der Stadtkirche St. Reinoldi und ein Modell des historischen Lunaparks im Fredenbaumpark, der Dortmunder Goldschatz und glasierte Backsteine eines mittelalterlichen Partrizierhauses.

Alle Autoren brachten ihr spezielles Wissen ein, um Dortmund in ganzer Breite und Tiefe darzustellen

Alte Taufbecken finden im Stadtführer Erwähnung, weil die oft die ältesten und markantesten Zeugnisse für Zentren seien. Es wurde über die Eisenbahn geschrieben und nachgeschaut, wann die ersten Alleen angelegt worden sind.

Alle Autoren, so Prof. Welzel, hätten ihr ganz spezielles Wissen eingebracht. Aus dem Stadtarchiv, aus der Gedenkstättenarbeit, „mein kunsthistorisches Wissen“ und ganz viel Architekturwissen. Dazu trug Dr. Christian Walda, Sammlungsleiter des MKK, einige Informationen bei. Die Metropole Ruhr, höre man oft, sei anders. Aber man frage sich da zugleich: „Anders als was?“ Man schaue viel auf die Infrastruktur. Beispielsweise den Umbau, die Renaturierung der Emscher. Übersehen werden „ein bisschen, dass es im Ruhrgebiet Städte mit Stadtkern gebe, die wirklich Städte sein wollten und wollen“. Etwa in Brechten den alten Dorfkern mit steinerner Kirche und den alten Dorfplatz mit dem Fachwerk. Es sei durchaus eine alte Städteregion.

Wolfgang Sonne (TU Dortmund) fand, dass in Dortmund trotz der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und der Abrisse danach, sei doch einiges Wichtiges erhalten geblieben. Etwa die vier mittelalterlichen Kirchen im Zentrum. Anliegen sei es gewesen im Stadtführer die Stadt in ihrer ganzen Breite und Tiefe darzustellen.

Pfarrer Michael Küstermann wies daraufhin, dass die Reinoldikirche in diesem Stadtführer öfter prominent vorkommt, weil sie Dortmund in vielerlei Hinsicht mit verkörpere. Sie habe sich immer neuen Herausforderungen stellen müssen.

Interessanter Aspekt: ein Reisepass aus dem Jahre 1800

Bei der Frage wie man Stadt und Land zeigen könne, sagte Frau Prof. Welzel, sei man auf einen Reisepass aus dem Jahre 1800. gestoßen. Der findet sich nun mit Ansicht und Beschreibung auf Seite 184 und 185 im Stadtführer. Ein interessanter Aspekt: Dortmund war damals freie Reichsstadt und umgeben von Preußen und lag damit sozusagen „mitten im Ausland“. Um aus der Stadt herauszukommen wurde ein Pass benötigt.

Das Entstehen des Stadtführers auf amüsante Weise karikiert

Mit einer Anekdote karikierte Werner Sonne das Zusammenschreiben des Stadtführers von so vielen Autoren (Prof. Welzel: „Wie beim Kindergeburtstag die Texte hin und hergeschickt“) und charakterisierte den Autorenkreis amüsant so: „Da sind verknöcherte Universitätsprofessoren und verstaubte Behördenleiter, alle die von Amts wegen mit dem Ort und mit der Geschichte zu tun haben. Die haben sich zusammengetan und einen lebendigen Stadtführer geschrieben. Und das in einer fast jugendlich-kollektiven Weise.“

Prof. Barbara Welzers Fazit: In zirka einem Jahr Arbeit an dem nun vorliegendem Stadtführer ist alles was man derzeit über die Stadt wissen kann zusammengetragen worden.

Der Stadtführer „Dortmunder Passagen“ entstand in Kooperation der Kulturbetriebe Dortmund und der Denkmalbehörde mit der TU Dortmund, der Stadtkirche St. Reinoldi sowie der Stiftung Industriedenkmalpflege und dem LWL-Industriemuseum Zeche Zollern.

Lückenloses Verbot für Glimmstängelwerbung gefordert. Bundestagsabgeordnete überklebten Tabakreklame

Überklebten Tabakreklame in Potsdam: Lothar Binding (MdB, SPD), Johannes Spatz (Forum Rauchfrei), Kathrin Vogler (MdB, DIE LINKE) und Giovanni Schulze (v.l.n.r); Foto via Forum Rauchfrei

Überklebten Tabakreklame in Potsdam: Lothar Binding (MdB, SPD), Johannes Spatz (Forum Rauchfrei), Kathrin Vogler (MdB, DIE LINKE) und Giovanni Schulze (v.l.n.r); Foto via Forum Rauchfrei

Rauchen ist Privatsache. Und da wohl heute jeder weiß, dass Rauchen schädlich ist, müssen sich Rauchende auch mit den möglichen Gesundheitsrisiken abfinden. Der Nichtraucherschutz – so ungenügend der im Einzelfall  bzw. durch unterschiedliche gesetzliche Länderregelungen auch noch so verschieden ausfällt – ist nötig, um Menschen vor den Folgen des Passivrauchens zu schützen. Inkonsequent finden darüberhinaus Viele, die dem Rauchen kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, dass bis dato Tabakwerbung erlaubt geblieben ist.
Denn eigentlich sollte man meinen: Wer raucht, raucht ohnehin und kauft sich seine tägliche Ration Gift. Wozu braucht man da noch Werbung für Glimmstängel? Doch so naiv denkt die mächtige Tabakindustrie gewiss nicht. Die dürfte die bisherigen Konsumenten nicht nur bei der Stange, respektive dem (Glimm-)Stängel halten, sondern neue über Werbung gewissermaßen visuell „anfixen“ wollen.

Das Aktionszentrum des Forum Rauchfrei wirkt diesem Ansinnen mit seinen ihm zur Verfügung stehenden eher bescheidenen Mitteln und Möglichkeiten entgegen. Man will die Tabakwerbung unbedingt verboten sehen. Am besten von jetzt auf gleich. Öffentlichkeitswirksam müssen dem Zwecke dienenden Aktionen dann aber schon in Szene gesetzt werden.

Wie aus einer Presseerklärung des Aktionszentrum Rauchfrei hervorgeht, griffen die Aktivisten des Forum Rauchfrei zu Leim, Pinsel und bedrucktem Papier und überklebten gemeinsam mit zwei Bundestagsabgeordneten Tabakwerbung in der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam. Genau genommen erfüllt diese Aktion den Tatbestand der Sachbeschädigung. Doch für eine, ihrer Meinung nach nötige Tat, um einem guten Zweck zu dienen, wird das in Kauf genommen.

Aus der Presseerklärung des Forum Rauchfrei vom 10. Oktober 2014:

„Heute haben zwei Mitglieder des Bundestags bei einer Protestaktion des Forum Rauchfrei in Potsdam ein Tabakwerbeplakat überklebt. Ziel ist es, das längst überfällige Verbot aller Formen der Tabakwerbung, der Förderung des Tabakverkaufs und des Sponsorings einzufordern.

 

Lothar Binding, MdB, SPD: „Ein vollständiges Tabakwerbeverbot ist längst überfällig. Deutschland hat sich in einem internationalen Vertrag 2005 verpflichtet, bis 2010 sämtliche Tabakwerbung zu verbieten. Leider ignoriert Deutschland diesen Vertrag bis heute, weil offensichtlich die Tabaklobby im politischen Berlin gegen ein Verbot massiv Front macht. Wir müssen jetzt endlich handeln, um zu verhindern, dass weiterhin jährlich über 100.000 Menschen an den Folgen des Rauchens sterben.“

 

Kathrin Vogler, MdB, Die Linke: „Wer Kinder und Jugendliche vor der perfiden Manipulation durch die Tabakkonzerne schützen will, der muss Tabakwerbung im öffentlichen Raum rigoros unterbinden. Nikotinabhängigkeit ist ein Gesundheitsrisiko, dem Jahr für Jahr 110.000 Menschen in Deutschland zum Opfer fallen. Deutschland muss endlich das WHO-Tabakrahmenabkommen umsetzen!“

 

Johannes Spatz, Forum Rauchfrei: „Wir fordern ein lückenloses Werbeverbot auf den Straßen und im Kino, aber auch an den Orten des Verkaufs, wie in Kiosken oder Tabakgeschäften. Jeder zweite Raucher stirbt an den Folgen dieser Sucht. Eine Regierung, die Tabakwerbung zulässt, trägt daran eine Mitschuld. Die Bundesregierung soll noch in diesem Jahr den von der damaligen Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner vorgelegten Gesetzesentwurf für ein Tabakwerbeverbot aus der Schublade ziehen und dem Bundestag zur Abstimmung vorlegen.“

 

Giovanni Schulze vom Amt für Werbefreiheit und gutes Leben, das sich für das Zurückdrängen der Werbung einsetzt: „Außenwerbung schränkt unsere Freiheit ein, weil wir uns ihr nicht entziehen können. Weniger Werbeplakate stellen einen Freiheitsgewinn dar.“

Eine ebensolche Aktion hatten die Rauchfrei-Aktivisten bereits dieses Jahr in Dortmund durchgeführt. Da schritt der Grünen-Politiker Dr. Mario Krüger, ein bekennender Kettenraucher mit zur Tat und „beschädigte“ ein Plakat durch Überkleben von Tabakwerbung. Eine Reaktion darauf ist nicht bekannt.

Der Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) ist – zum Leidwesen des Forum Rauchfrei und manch anderer Gegner des Hofierens von Glimmstängeln – bis jetzt dem guten  Beispiel seines Mitgenossen, des Bundestagsabgeordneten seiner Partei Lothar Binding, nicht gefolgt, sich ebenfalls glaubhaft gegen Tabakwerbung zu engagieren. Im Gegenteil: Bis heute darf eine Stadttochter Dortmunds in den Westfalenhallen eine Tabakmesse durchführen. Aus diesem Grunde wollte Johannes Spatz (Forum Rauchfrei) Sierau kürzlich zum „Kippenkaiser“ krönen. Ullrich Sierau indes entzog sich dieser Negativehrung erfolgreich (mein Bericht dazu hier).