Soeben bei Westend erschienen: Krieg nach innen, Krieg nach außen – und die Intellektuellen als „Stützen der Gesellschaft“?

Mit gutgemeinten Wünschen gehen wir nun gemeinsam ins neue Jahr 2020. Werden nun abermals Goldene Zwanziger Jahre anbrechen – wie schon einmal? Wobei wir freilich wissen sollten, dass diese Jahre so golden wiederum – schon gar nicht für alle – waren. Wir werden sehen.

Kein gutes Zeichen m.E. ist die Tatsache, dass 2020 (…) „19 NATO-Mitgliedsländer die Militärübung „Defender 2020“, abgekürzt: DEF 20“ abhalten. „Die Führung dieses Manövers übernehmen die USA, die dazu insgesamt 37.000 Soldaten abstellen wollen. Davon sind 17.000 bereits in Europa stationiert. Der Rest wird zusammen mit zusätzlichen Panzern und anderem Gerät aus Nordamerika eingeflogen und eingeschifft, wie die US-Streitkräfte in Europa gestern bekannt gaben. Mit 20.000 Mann wären das so viele, wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr für eine einzelne Militärübung über den Atlantik gebracht wurden“, schreibt Peter Mühlbauer auf Telepolis.

Die Welt steht zwei Minuten vor Mitternacht, also kurz vor der Apokalypse

Dass der Adressat dieses Manövers Russland ist und für Moskau mit Sicherheit und verständlicherweise eine Provokation bedeuten muss ist klar. Freilich muss nicht gleich vom Schlimmsten ausgegangen werden. Doch zu bedenken gilt aber – wenn man es uns auch in Geschichts- und anderen Büchern so darlegt: Kriege brechen nicht einfach so aus. Auch schlafwandelt man nicht einfach so in sie hinein, wie es der australische Historiker Christopher Clark in seinem Sachbuch „Die Schlafwandler“ darstellt. Kriege werden in der Regel geplant. Das Schlimme: Wie ein Krieg ausgeht, ist nicht zu planen. Kriege entwickeln bekanntlich eigne Dynamiken. Fakt ist, so sagt es das „Bulletin of the Atomic Scientists“ 2018 aus und die „Doomsday Clock“ (Weltuntergangsuhr) – sie besteht seit 1947 – erneut vorgestellt: „Damit steht die Welt zwei Minuten vor Mitternacht, also kurz vor der Apokalypse.“ Darauf verweist das soeben im Westend Verlag erschienene Buch „Der kritische Wegweise der Psychologie“, herausgeben von Klaus-Jürgen Bruder, Christoph Bialluch und Jürgen Günther.

Der Hintergrund des Buches

Im Vorwort des Buches heißt es zur Erklärung nach dem Warum dieses Buches: „Mit dem Symposium „Trommeln für den Krieg“ 201 und dem Kongress „Krieg um die Köpfe2 2015 hat sich die NGfP (Neue Gesellschaft für Psychologie; C.S.) eingehend mit den institutionellen und psychologischen Vorbereitungen auf Kriege und die Rechtfertigung von Kriegen aus angeblicher Verantwortung heraus, beschäftigt. Wir wollen erneut die von der Mehrheit der Bundestagsabgeordneten angemahnte stärkere Beteiligung Deutschlands ans Kriegseinsätzen, die ausgeweitete deutsche Waffenproduktion und die zunehmenden Feind-Erklärungen nach außen und nach innen thematisieren und in ihren Zusammenhängen, ihren Ursachen und Auswirkungen, verstehen.“

Es gehe doch, heißt es, letztlich um „die Zementierung der bestehenden Macht- und Reichtumsverhältnisse“. Dafür werde „das innenpolitische Klima mit allen Mitteln nach rechts gerückt, soziale Sicherheiten abgebaut, Kontrollen der staatlichen Apparate über Bord geworfen, wird ein Klima des Verdachts und des Misstrauens untereinander geschaffen“.

Hingewiesen wird auf den bedenklichen Zustand unserer Gesellschaft. Darauf, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht, es an der Teilhabe an Bildung und Arbeit fehlt, die Löhne „weiterhin eingefroren“ und die Arbeitsplätze prekär seien.

Des Weiteren werden Bedenken geäußert, die beileibe nicht aus der Luft gegriffen sind (S.11): „Die neuen Gesetze aus Bayern – sie werden vermutlich in den Bund exportiert -, das Polizeigesetz und das Psychiatriegesetz, muss uns als Psychologen und Psychotherapeuten beschäftigen.“

Schon Bert Brecht fragte nach der Verantwortung der Intellektuellen

Und es geht um „Die Verantwortung der Intellektuellen“, heißt es auf der folgenden Seite, „also unsere Verantwortung?“

Von den Mächtigen werde den Intellektuellen zugemutet, „sie von ihren Verbrechen reinzuwaschen, die diese sich auf Kosten der Bevölkerung geleistet haben oder vorhaben.“

Und weiter: „Wenn die Intellektuellen diese Aufgabe übernehmen, so nicht ohne sie zugleich zu verleugnen, denn sie verletzt ihr Selbstbild des von der Macht unabhängigen nur der Wahrheit verpflichteten Vernunftbürgers.“

Die Herausgeber erinnern an Bert Brecht und dessen Auseinandersetzung mit der Figur des Intellektuellen in zwei seiner Stücke: „Leben des Galilei (1939) und „Turandot oder der Kongress der Weißwäscher (1953/54).

Es wird gefragt: „Müssen wir uns als Psychologen nicht den Vorwurf gefallen lassen, den Subjekten noch bei ihrer Anpassung an im Grunde unmenschliche Zustände zu helfen, sie im Sinn der herrschenden Verhältnisse zu subjektivieren und gegebenenfalls zu pathologisieren?“

Sowie wird daran erinnert: „Die Intervention der NgfP von 2014 in die Kampagne der Bundeswehr und der Bundespsychotherapeutenkammer, deren Ziel es war, die Psychotherapeuten in die Kriegsvorbereitung einzuspannen, hat mit ihrer begrenzten Wirkung gezeigt, wie weit das Bewusstsein dieser Gruppe der Intellektuellen von der Wahrnehmung der Bedrohung entfernt ist.“

Die im Buch versammelten Beiträge von den Teilnehmer*innen des Kongresses sind hochinteressant und geeignet, sich selbst ins Bild zu setzen und mit anderen Menschen darüber zu diskutieren.

Die Leser*innen erwarten in dieser umfangreichen Sammlung gehaltvolle Beiträge von Norman Paech, Susanne Schade und David Lynch, Werner Ruf, Werner Rügemer, Katharina Stalhlmann und vielen anderen.

Stützen der Gesellschaft“

Hochinteressant und kennzeichnend ist bereit der erste Beitrag (ab s.14) im Buch: „Stützen der Gesellschaft“ – Die Position der Intellektuellen im Diskurs mit der Macht.

Da geht Bruder auf die jüngsten Entwicklungen in Venezuela ein, wo „der Putschist als Staatsmann herumgereicht“ worden ist. Bruder verweist auf den Völkerrechtler Norman Paech: „Dem beabsichtigten Völkerrechtsbruch geht die Zerstörung der Demokratie im Inneren voraus. Den ‚Rückfall in die koloniale Praxis‘ kann sich nur eine Kolonialmacht leisten, beziehungsweise eine, die diesen Status anstrebt und auch innenpolitisch vorbereitet.“

Dies Krieg seien nur möglich, so Bruder, „wenn dem Krieg nach außen ein Krieg im Inneren sekundiert. Wenn die Straßen nach Osten Panzerfest gemacht werden, wenn der Transport von Kriegsmaterial Vorfahrt vor dem zivilen bekommt, sind die Verspätungen bei der Bahn, Staus auf den Autobahnen also Kriegstribute auf Kosten Bevölkerung (IMI-Analyse, 1/2019).“ Hier nachzulesen.

„Stützen unserer Gesellschaft – diese Bezeichnung“, erklärt Klaus-Jürgen Bruder auf S.15 unten, „haben wir von einem Bild von George Grosz (1893-1959) übernommen.“

Welches der Autor erklärt. In der Schwarzweißabbildung allerdings etwas schwer zu erkennen. Hier ist es besser zu sehen und ausführlich beschreiben.

Grosz, so Bruder, habe „mit diesem Bild der Weimarer Republik den Spiegel vorgehalten: Die Stützen der Gesellschaft sind die des alten Regimes.“

Unsere wichtigsten Intellektuellen“?

Und wie schaut es heute aus?

Da bildet Bruder „Unsere wichtigsten Intellektuellen“, erschienen zum 1. Mai 2006 in der Zeitschrift „Cicero“ ab.

Zur Abbildung schreibt Bruder: „Die Intellektuellen selbst verstehen sich ja gerne als kritische Mahner ihrer Zeitgenossen, als Gewissen der Gesellschaft:“

Wen sehen wir da als „Unsere wichtigsten Intellektuellen“? Hans-Werner Sinn, Hans-Magnus Enzensberger, Martin Walser, Jürgen Habermas, Peter Handke, Alice Schwarzer, Thilo Sarrazin, Peter Sloterdijk, Stefan Aust und Elfriede Jelinek.

Bei dem einen oder anderen Namen dürften meine Leser*innen mit Kopf schütteln.

Ausgerechnet die Medien!“

Klaus-Jürgen Bruder fragt: „Wie ist diese Liste zustande gekommen?“ Und führt aus: „Die Grundlage bilden die 160 wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften. Aus diesen wird erhoben, wie häufig auf die einzelnen Personen Bezug genommen wird. Sodann werden in einer Internetrecherche deren Zitate erfasst und Treffer in der wissenschaftlichen Literaturdatenbank ‚Google Scholar‘ gezählt. Schließlich wird ihre Vernetzung anhand von Querverweisen im biografischen Archiv Munzinger festgestellt.“ Aha!

Vielleicht fragt daraufhin Bruder nicht zu unrecht: „Wird damit – mit dieser Methode der Erhebung der ‚wichtigsten Intellektuellen‘ Deutschlands nicht gerade ihre Rolle (Funktion) als Stützen der Gesellschaft bestätigt? Die Intellektuellen als diejenigen, die die Medien uns als solche präsentieren?“

Und wenige Zeilen weiter trifft der Autor den Nagel auf den Kopf: „Ausgerechnet die Medien! – jene „Vierte Gewalt“, deren Gewalt (Macht) darin besteht, dass sie die Ideen der Herrschenden zu herrschenden Ideen macht – und dafür sorgen, dass diese es bleiben.“

Wenn Intellektuelle zu aalglatten Opportunisten werden

Apropos Hans-Magnus Enzensberger. Im Kapitel „Die Medienintellektuellen und der Kreuzzug gegen die Aufklärung und die konkrete Utopie“ merkt Michael Schneider auf Seite 32 – nachdem er an den das Willy Brandt-Wort „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts“, welches wiederum auf dem Konsens „Nie wieder Krieg!“ beruhte, erinnert hat, an: „Doch mit dem Zweiten Golfkrieg von 1991 wurde dieser Konsens zu ersten Mal schwer erschüttert. Im Trommelfeuer US-amerikanischer Kriegspropaganda transformierten sich smarte, wortgewandte Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftler zu aalglatten Opportunisten und Bellizisten. Allen voran Hans-Magnus Enzensberger, der – getreu der CIA-Sprachregelung – in Saddam Hussein einen ‚Widergänger Hitlers‘ sah, und die deutsche Friedensbewegung der Appeasement-Politik beschuldigte.“ Ins gleiche Horn habe damals Wolf Biermann getutet, schreibt Schneider zu Biermann, den, wie ich finde, der Bildhauer Alfrede Hrdlicka seinerzeit in einem Offenen Brief zurief: „Arschloch!“ – „Verbrecher“ – DU bist ein Arschkriecher – ein Trottel!“

Später habe auch der NATO-Krieg gegen Jugoslawien, den Joschka Fischer damals gerecht nannte, weil der neues Auschwitz verhindere, in Enzensberger einen Befürworter gefunden. Enzensberger hat noch öfters derartige Volten geschlagen, ohne dass es ihm schadete. Schneider nennt auch andere deutsche und französische Intellektuelle wie André Glucksmann, Alain Finkielkraut und Bernard-Henri Lévy, die sich ähnlich bellezistisch äußerten.

Schneider dazu (S.33): „Statt öffentlich darüber zu räsonieren, warum sich Kriege nun mal nicht vermeiden lassen – stünde es Intellektuellen und Wissenschaftlern nicht viel besser an, öffentlich darüber nachzudenken, wie und unter welchen Umständen sich Kriege vielleicht doch vermeiden ließen?“

Das Buch ist in vier Hauptkapitel unterteilt. Jedes für sich kann im Wesentlichen mit Gewinn gelesen werden:

Eine neue reaktionäre Hegemonie“ (S.39). Für mich ragten darin besonders Susanne Schade und David Lynch mit ihrem Beitrag „Blasphemie in Michel Houllebecqs Roman „Unterwerfung“ – Eine linguistische und psychoanalytische Interpretation“ (S. 81) heraus.

In „Intellektuelle als freie Radikale“ (S.119) möchte ich besonders herausheben: Kurt Gritsch: „Gegen Krieg und Propagandasprache – Peter Handkes „Gerechtigkeit für Serbien“ im Kontext seiner Journalismuskritik (S.132).

In „Die Verantwortung von Intellektuellen in der Wissenschaft“ (S.187) war ich besonders gefesselt von Werner Ruf: „Die Domestizierung der Friedensforschung“ – Paradigma für die neoliberale Gleichschaltung der Wissenschaft?“ (S.189).

Interessant aber auch: Ansgar Schneider: „Wissenschaft, Medien und der 11. September“ (S.213)

Das Kapitel „Nicht ohne Umwälzung der Verhältnisse“ (S.255) zog mich besonders in Bann mit Fabian Scheidler „Ausstieg aus der Megamaschine. Warum sozialökologischer Wandel nicht ohne eine Veränderung der Tiefenstrukturen unserer Wirtschaft zu haben ist (S.287).

Auch wäre aus meiner Perspektive zu nennen: Werner Rügemer mit seinem Beitrag „Aus der Defensive gegen das Kapital. Gründung und Vorgehen der Aktion gegen Arbeitsunrecht (S.306)

In „Psychotherapie und Gesellschaft“ weckten beide Unterkapitel Katharina Stahlmann: „Das Gesellschaftliche am individuellen Leiden – Das Politische an Psychotherapie – Die politische Verantwortung von Psychotherapeut*innen“ (S.319) und Falk Sickmann. „Ethik und Psychoanalyse – Normierende Effekte in der psychoanalytischen Kur“ (S.334) näheres Interesse bei mir.

Andere Leser*innen werden sich gewiss an anderen Texten festlesen und diese Beiträge favorisieren.

Ein wichtiges Buch hinsichtlich der Vergewisserung der darin versammelten Autor*innen, der Intellektuellen betreffs deren Verantwortung angesichts der immer mehr ausgeweiteten Kriege und ihrer politischen Rechtfertigung.

Uns Leser mahnt dieses Buch genau hinzuschauen und hinzuhören, was uns nicht nur Politiker, sondern auch bestimmte Intellektuelle – agierend als „Stützen der Gesellschaft“ – beibiegen oder schönreden wollen. Erinnern wir uns der eingangs erwähnten Weltuntergangsuhr, die auf zwei Minuten vor Mitternacht gestellt worden ist. Und der damit einhergehenden Gefahr eines wieder für führbar (mit kleineren, modernisierten, Atombomben) gehaltenen Atomkriegs.

Die Bezeichnung, der Stempel – besonders, wenn von den Medien ausgeteilt – „Intellektuelle“ sollte uns nicht dazu verleiten das von ihnen Verlautbarte unhinterfragt und blindlings zu glauben. Diesbezüglich dürfte auch Albrecht Müllers Buch im Westend Verlag gewordener Hinweis „Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst“ hilfreich anzuwenden sein.

Der kritische Wegweiser der Psychologie

Die hier versammelten AutorInnen fragen nach der Verantwortung der Intellektuellen angesichts der immer mehr ausgeweiteten Kriege und ihrer politischen Rechtfertigung. Sie thematisieren die zunehmende und stärkere Beteiligung Deutschlands an Kriegseinsätzen, die ausgeweitete deutsche Waffenproduktion und bieten Ansätze, diese in ihren Zusammenhängen, ihren Ursachen und Auswirkungen zu verstehen. Mit Beiträgen von: Norman Paech, Susanne Schade und David Lynch, Werner Ruf, Werner Rügemer, Katharina Stahlmann und vielen anderen.

 

Klaus-Jürgen Bruder, Christoph Bialluch, Jürgen Günther

Krieg nach innen, Krieg nach außen

und die Intellektuellen als „Stützen der Gesellschaft“?

Herausgegeben von Klaus-Jürgen Bruder, Herausgegeben von Christoph Bialluch, Herausgegeben von Jürgen Günther

Erscheinungstermin: 201912
Seitenzahl: 350
Ausstattung: Klappenbroschur
Artikelnummer: 9783864892905

28,00 Euro

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.