„Lügen in Kriegszeiten“ Von Arthur Ponsonby. Rezension

Man mag sich in seinem Leben durchaus schon ab und an der Hoffnung hingegeben haben, dass der Mensch lernfähig sei. Zumal wenn man nach 1945 – nach dem schrecklichen Zweiten Weltkrieg geboren ist. „Nie wieder Krieg!“, so schworen sich manche, die mehr oder weniger lebendig aus diesem Krieg zurückgekommen waren. Je älter ich werde, desto mehr schwindet indes meine Hoffnung, die Menschen mögen gelernt bzw. wenigstens dazu gelernt haben. Pustekuchen! Denn Kriege hat es durch die Bank immer wieder gegeben. Und der Mensch ist bekanntlich vergesslich. Aktuell beschäftigt uns der Ukraine-Krieg. Und eines steht fest wie das Amen in der Kirche: Im Krieg wird gelogen. Manchmal so stark, dass sich die Balken biegen. „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ – schon im Ersten Weltkrieg zeigte sich das Phänomen, das für uns heute alltäglich geworden ist und welches Arthur Ponsonby mit seinem weltbekannten Ausspruch zusammenfasste. Wer hat diesen Satz noch nicht gehört oder gelesen?

Die Ursprünge all dessen hat Arthur Ponsonby akribisch in seinem Buch „Lügen in Kriegszeiten“ aus dem Jahr 1928 untersucht, sowohl am Beispiel seines Heimatlandes Großbritannien als auch den USA, Frankreich, Italien und Deutschland. Ein aufklärerischer und friedenspolitischer Klassiker von erschreckender Aktualität, der nun dankenswerterweise mitten hinein in den Ukraine-Krieg in einer Neuübersetzung aus dem Englischen (besorgt von Lena Gundrum und Charlyne Huckins) im Westend Verlag erschienen ist.

Dank der Lektüre dieses Buches können die Leserinnen und Leser in diesen düsteren Zeiten, in welchen der Journalismus – von der derzeit herrschenden Politik, welche unser Land vor die Wand fährt ganz zu schweigen – hierzulande dermaßen auf den Hund gekommen ist, dass man sich von früh bis abends schämt, erfahren – wie im Verlauf des Ersten Weltkriegs gelogen und verbogen wurde. Und sie können auf Basis dessen, was sie dadurch erfuhren, mindestens erahnen, in welchem Maße derzeit Ähnliches geschieht. Ebenso mit wachem Geist erspüren, wie hier einem fürchterlichen Schwarzweißdenken gefrönt wird: Der „regelbasierte Wertewesten“ ist der Unschuldige und Gute – Putin ist der Aggressor und der Böse, ja (nach Saddam Hussein und Milosevic) ein neuer Hitler, den manche mit Schaum vorm Mund dann abgewandelt zynisch Putler nennen. Schaut man Nachrichten der Tagesschau oder das heute journal (was ich mir längst erspare) spritzt einem üble Propaganda und Meinungsmache entgegen, dass es einem nur so graust.

Die öffentlich-rechtlichen Sender arbeiten längst nicht mehr so, wie es einmal gut gedacht gewesen war, handeln nicht mehr nach den festgelegten Grundsätzen. Da stimmt es einen nicht verwunderlich, dass für den heutigen Tag zu Mahnwachen vor Rundfunkanstalten und Medienhäusern aufgerufen worden war. Der Blog tkp schrieb gestern: „ Am historischen Tag des 14. Juli ruft die Initiative >>Leuchtturm ARD<< zu bundesweiten Mahnwachen vor rund 50 Rundfunkanstalten und Medienhäusern in ganz Deutschland auf. Die Initiative des Filmemachers Jimmy Gerum fordert Presse- und Informationsfreiheit und will ein sichtbares Zeichen gegen Diskursverengung setzen.“ Möge dieses Zeichen wahrgenommen werden und schnellstmöglich ein Ruck durch die Anstalten gehen. Einen solchen Ruck durch Deutschland hatte bekanntlich schon einmal Bundespräsident Roman Herzog gefordert. Doch es ruckte nicht bzw. der Ruck ging nach hinten los, ins Zurück …

Eine Erklärung aus der Einleitung des Buches: „Wir wir alle wissen, wird nicht nur in Kriegszeiten gelogen. Der Mensch, so wurde gesagt, ist kein >>wahrheitsliebendes Tier>>, doch ist seine Gewohnheit zu lügen nicht annähernd so außergewöhnlich wie seine erstaunliche Bereitschaft zu glauben. Tatsächlich ist es die menschliche Leichtgläubigkeit, die Lügen aufblühen lässt. Doch in Kriegszeiten wird die maßgebliche Organisation der Lüge nicht ausreichend anerkannt. Die Täuschung ganzer Völker ist keine Angelegenheit, die auf die leichte Schulter genommen werden kann.“ (…)

Und, heißt es: „Es gibt verschiedene Arten von Verkleidungen, in die sich Unwahrheiten hüllen können. Es gibt die vorsätzliche offizielle Lüge, die entweder der Täuschung der Menschen in Inland oder der Irreführung des Feindes im Ausland dient; dafür gibt es verschiedene Beispiele. Wie ein Franzose gesagt hat:

>>Solange die Völker bewaffnet sind, die einen gegen die anderen, werden sie lügende Staatsmänner haben, genau wie sie Kanonen und Maschinengewehre haben>> (S. 16)

Was heute nicht viel anders ist. Außer, dass es nun auch lügende Staatsfrauen (welch Fortschritt!) und Atomwaffen gibt. Und die sogenannten sozialen Medien. Sowie den technischen Fortschritt, welcher digitale Möglichkeiten eröffnet, Fotos noch überzeugender zu fälschen. Wer einen Krieg anzetteln will, muss die Menschen zunächst einmal reif dafür schießen. Erst mal mit publizistischen, medialen Kanonen. Der Feind muss dämonisiert – am Besten als ein neuer Hitler – und zum allein Schuldigen am Krieg erklärt werden. Dazu muss er entmenschlicht oder zumindest zum Irren gestempelt werden.

Die zehn „Prinzipien der Kriegspropaganda“ nach Lord Arthur Ponsonby, dem britischen Politiker und Diplomaten

  1. Wir wollen keinen Krieg
  2. Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg
  3. Der Feind hat dämonische Züge
  4. Wir kämpfen für eine gute Sache und nicht für eigennützige Ziel
  5. Der Feind begeht mit Absicht Grausamkeiten. Wenn uns Fehler unterlaufen, dann nur versehentlich
  6. Der Feind verwendet unerlaubte Waffen
  7. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners aber enorm.
  8. Unsere Sache wird von Künstler und Intellektuellen unterstützt
  9. Unsere Mission ist heilig
  10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter.

Anne Morelli, 2004 in deutscher Übersetzung

Propaganda, die nur der Gegner macht, doppelte Standards und zweierlei Maß

Der Diplom-Journalist, Medienwissenschaftler und Autor („Meinungsmacht“), Dr. Uwe Krüger fragte sich auf einer Medientagung (hier mein damaliger Bericht) einmal in einem Vortrag, worauf das Wort Propaganda eigentlich zurückgehe.

Krüger ging dazu an die Wurzel und ins Herkunftswörterbuch. Dort finde man, so Krüger, das Wort „propagare“, was nichts anderes als verbreiten, ausdehnen oder fortpflanzen bedeute.

Später im Ersten Weltkrieg sei Propaganda zur „Herrschaftstechnik“ geworden. Und Edward Bernays, der „Vater der Public Relations“, habe im Folgenden auch die Produktwerbung befeuert und festgestellt, ob man nun eine Waschmaschine oder einen Krieg verkaufen wolle sei egal und letztlich dasselbe. Durch die Nazis habe der Begriff später einen äußerst negativ konnotierte Bedeutung bekommen. Heute gehe man halt davon aus, dass es in liberalen Demokratien keine Propaganda, sondern höchstens Public Relations gebe. Selbst in der Kommunikationswissenschaft sei der Begriff Propaganda nahezu verschwunden, bzw. habe diesen, kritischer ausgedrückt, „marginalisiert“. Propaganda machen nur die anderen, die Gegner.

Da werden bestimmten Rahmungen („Frames“) zu Ereignissen und Personen, oder deren Dämonisierung (etwa gegnerischer Staatschefs oder von Positionen im eignen Land) benutzt oder bestimmte Hintergründe unerwähnt gelassen oder in ein gänzlich anderes Licht gerückt und so weiter. Fakten oder Statements würden durch deren Platzierung in den Medien heruntergespielt. „Es werden Etiketten verteilt, die nicht zur Faktenlage passen“, etwa „Hitler-Vergleiche“, die unpassend sind.

Krüger weiter: „Oder, dass man Gräueltaten unserer Gegner betont oder übertreibt. Auch bei unsicherer Faktenlage.“ Dazu: „Wir erwarten unkritische Akzeptanz von bestimmten Prämissen, wenn es um uns und unsere Freunde geht – etwa, dass wir Frieden und Demokratie wollen, Terrorismus bekämpfen und die Wahrheit sagen – Prämissen, die bei Feindstaaten nicht angenommen werden.“

Andersherum jedoch, „wenn dasselbe von uns oder unseren Freunden ausgeht, das also da das genaue Gegenteil passiert“. Was heruntergespielt werde. Ein Übel nicht nur unserer Tage: Doppelte Standards. Zweierlei Maß.

Beispiel betreffs Bombardierungen etwa von Krankenhäusern in Syrien durch russische Flugzeuge und Bombardierungen von Krankenhäusern in Afghanistan durch US-amerikanische Flugzeugen Bei Ersteren ist Putin schuld. Im zweiten Fall ist Obama nicht schuld gewesen, obwohl er Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte war. Und was erleben wir heute im Ukraine-Krieg?

Uwe Krüger stellte damals klar: Das sei „sozusagen eine These“, aber nicht immer so. Aber es sei „ein Schema, eine Brille, ein Werkzeugkasten mit dem man auf Berichterstattung schauen kann – auch als Normalbürger“. Es müsse stets auch auf die Nachrichtenquellen geschaut werden.

Ganz in diesem Sinne wurde das bereits vor hundert Jahren erschienene Buch „Lügen in Kriegszeiten“ ein Werkzeugkasten mit welchem man Lügen von Politikern und Militärs entlarven konnte (meist leider erst im Nachhinein). Und das Buch – mit dem von Lord Ponsonby zusammengetragenem Material – ist dennoch heute umso mehr ein Werkzeugkasten, aus welchem man sich reichlich zu seinem Nutzen bedienen kann. Es hat quasi an Wert nichts verloren. Das Buch sollte in keinem Haushalt fehlen.

Wie im Ersten Weltkrieg gelogen, betrogen und verbogen wurde

In 30 Kapiteln lässt sich im Buch lesen, wie gelogen, betrogen und verbogen wurde. Ob es nun um die (behaupteten) Ursachen des Ersten Weltkriegs und (angebliche) Alleinschuld Deutschlands daran geht (S.43 und S.50) oder um einen vermeintlichen Durchmarsch russischer Truppen durch Großbritannien (S.55) – da hatte fortgesetzter Wahnsinn Methode. Und Leute sollten dran glauben. Nicht wenige auf allen kriegsbeteiligten Seiten mussten letztlich dran glauben und mit ihrem Leben bezahlen.

Im Kapitel 6. „Die verstümmelte Krankenschwester“ (S.58) lesen wir: „Es wurden viele Gräueltaten in Umlauf gebracht die sich weder beweisen noch widerlegen ließen, doch in den ersten Monaten des Krieges wurde die Öffentlichkeit von einer schrecklichen Geschichte barbarischer Grausamkeit erschüttert, die vollständig wiedergegeben kann. Sie ist ein bemerkenswertes Beispiel für den Einfallsreichtum eines einzelnen, vorsätzlichen Lügners.“ Von schrecklichen Grausamkeiten deutscher Soldaten ist da die Rede. Eine Krankenschwester in Belgien sei gestorben nachdem ihr die Deutschen die Brüste abgeschnitten hätten. Schließlich wurde klar, dass sich sich die Briefe, die Zeitungen kolportiert hatten, in welchen von diesen Gräueltaten die Rede war, als Fälschungen herausstellten.

Ein weitere Ungeheuerlichkeit machte die Runde durch Westeuropa und Amerika bis in den Fernen Westen. (S. 67 „Der belgische Säugling ohne Hände“. Es ging um einen belgischen Säugling, dem die Deutschen angeblich die Hände abgeschnitten hatten. „Niemand wurde stutzig und fragte sich, wie lange ein Säugling mit abgetrennten Händen überleben könnte, wenn nicht fachkundige chirurgische Hilfe zur Stelle wäre, um Arterien zu verschließen (die Antwort lautet: nur wenige Minuten). Jeder wollte die Geschichte glauben, und viele gingen so weit zu behaupten, sie hätten den Säugling gesehen. Die Lüge wurde genauso allgemein akzeptiert wie der Durchmarsch der russischen Truppen durch Großbritannien.“

Auch eine Erklärung für die Tat war parat: „Am 2. September 1914 zitiert der Korrespondent der Times französische Flüchtlinge, die behaupten: >>Sie schneiden den kleinen Jungen die Hände ab, damit es keine weiteren Soldaten mehr für Frankreich gibt.<<

Da fühlt man sich als Leser doch gleich an die „Brutkastenlüge“ erinnert:

„Als Brutkastenlüge wird die über längere Zeit als Tatsache verbreitete Lüge bezeichnet, dass irakische Soldaten bei der Invasion Kuwaits im August 1990, dem Beginn des Zweiten Golfkriegs, kuwaitische Frühgeborene getötet hätten, indem sie diese aus ihren Brutkästen gerissen und auf dem Boden hätten sterben lassen. Diese Behauptung wurde 1990 von Nayirah as-Sabah (auch Naijirah) im Kongress der Vereinigten Staaten kolportiert. Sie hatte Einfluss auf die öffentliche Debatte über die Notwendigkeit eines militärischen Eingreifens zugunsten Kuwaits und wurde unter anderem vom damaligen US-Präsidenten George H. W. Bush und von Menschenrechtsorganisationen vielfach zitiert. Erst nach der US-geführten militärischen Intervention zur Befreiung Kuwaits stellte sich die Geschichte als Erfindung der amerikanischen PR-Agentur Hill & Knowlton heraus. Diese war von der im Exil befindlichen kuwaitischen Regierung bezahlt worden, um eine Rückeroberung Kuwaits mittels Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen.“ Quelle: Wikipedia

Apropos Lügen und Krieg! Da fällt mir doch glatt noch Karl Kraus ein:

„Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s lesen.“


Karl Kraus | (1874 – 1936), österreichischer Schriftsteller, Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker und Dramatiker Quelle: Kraus, Nachts. Aphorismen, 1924.

Ich weiß nicht, ob das Buch Schullektüre ist. Wenn nicht, sollte es zukünftig zur Pflichtlektüre gemacht werden. Dem Westend Verlag kann nicht genug gedankt werden, dass er diese Neuübersetzung jetzt herausgebracht hat. „Lügen in Kriegszeiten“ sollte auch in Journalistenschulen (aus Gründen!) gelesen, besprochen und letztlich der Inhalt dieses wichtigen Buches auch in der Ausübung des Berufes gefälligst beherzigt werden. Und angesichts des Tuns unserer derzeitigen Bundesregierung, muss man eigentlich ernsthaft fragen: Kennen die Ministerinnen und Minister und der Herr Bundeskanzler dieses Buch etwa nicht? Das wäre erschreckend. Also: Lesen! Anbei angemerkt: Ich vermute ja, als die Grünen noch nicht olivgrün waren kannten sie das Buch und zitierten gewiss auch ab und an daraus auf Demos. Doch das ist lange her und vorbei …

Werden wir eines Tages endlich dazugelernt haben? Wird uns unsere unterirdische Bundesregierung noch Zeit dafür lassen – möglichst noch vor dem Knall gegen die Wand? Fraglich. Denn die Bundesregierung hat sich für ein Sondervermögen der Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro ausgeprochen.

Nachdenklich machende Worte von Anne Morelli

“Wir schenken heute Lügenmärchen genauso Glauben wie die Generationen vor uns. Das Märchen von kuwaitischen Babys, die von irakischen Soldaten aus ihren Brutkästen gerissen wurden, steht dem von belgischen Säuglingen, denen man angeblich die Hände abgehackt hat (dies wurden den deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg zugeschrieben), in nichts nach. Beide haben ihren Zweck erfüllt, unser Mitgefühl zu wecken … Vielleicht im ersten Golfkrieg noch bereitwilliger, hat sich doch die Kommunikation inzwischen zu einer perfekten Kunst entwickelt. Da ohne die Zustimmung der Bevölkerung heute ein Krieg weder erklärt noch geführt werden kann, haben sich die persuasiven Methoden, mit denen diese Zustimmung erreicht werden soll, immer mehr verfeinert. …

Die Schaffung eines geradezu hypnotischen Zustands, in dem sich die gesamte Bevölkerung im tugendhaften Lager des gekränkten Gutmenschen wähnt, entspricht wahrscheinlich einem pathologischen Bedürfnis. Wie gerne reden wir uns selbst und anderen ein, wir würden uns an einer noblen Operation beteiligen, das Gute gegen das Böse zu verteidigen”

Und bedenkt:

„Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ (George Santayan)

Ich fürchte, wir sind gerade dabei …

Arthur Ponsonby

Lügen in Kriegszeiten

Kritische Betrachtungen

Übersetzt von Lena Gundrum, Übersetzt von Charlyne Huckins

Erscheinungstermin:11.07.22
Seitenzahl:176
Ausstattung:Broschur
Artikelnummer:9783864893872

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Lügen in Kriegszeiten

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ – schon im Ersten Weltkrieg zeigte sich das Phänomen, das für uns heute alltäglich geworden ist und welches Arthur Ponsonby mit seinem weltbekannten Ausspruch zusammenfasste. Die Ursprünge all dessen hat Ponsonby akribisch in seinem Buch „Lügen in Kriegszeiten“ aus dem Jahr 1928 untersucht, sowohl am Beispiel seines Heimatlandes Großbritannien als auch den USA, Frankreich, Italien und Deutschland. Ein aufklärerischer und friedenspolitischer Klassiker von erschreckender Aktualität, der nun in einer Neuübersetzung erscheint. Ein Auszug.

Unwahrheiten sind eine anerkannte und extrem nützliche Waffe bei der Kriegsführung und jedes Land setzt sie bewusst ein, um die eigene Bevölkerung zu täuschen, Neutrale anzuziehen und den Feind in die Irre zu führen. Die unwissenden und unschuldigen Massen in jedem Land sind sich zu der Zeit nicht bewusst, dass sie getäuscht werden, und wenn alles vorbei ist, werden die Unwahrheiten nur vereinzelt erkannt und aufgedeckt. Da alles in der Vergangenheit liegt und die Geschichten und Stellungnahmen den gewünschten Effekt bereits erzielt haben, macht sich niemand die Mühe, die Fakten zu untersuchen und die Wahrheit offenzulegen.

Wie wir alle wissen, wird nicht nur in Kriegszeiten gelogen. Der Mensch, so wurde gesagt, ist kein »wahrheitsliebendes Tier«, doch ist seine Gewohnheit zu lügen nicht annähernd so außergewöhnlich wie seine erstaunliche Bereitschaft zu glauben. Tatsächlich ist es die menschliche Leichtgläubigkeit, die Lügen aufblühen lässt. Doch in Kriegszeiten wird die maßgebliche Organisation der Lüge nicht ausreichend anerkannt. Die Täuschung ganzer Völker ist keine Angelegenheit, die auf die leichte Schulter genommen werden kann.

Daher kann im Zeitraum des sogenannten Friedens eine Warnung, die die Menschen in aller Ruhe prüfen können, nützlich sein, dass die Behörden jedes Landes zu dieser Methode greifen, sogar greifen müssen, um sich erstens selbst zu rechtfertigen, indem sie den Feind als reinen Verbrecher darstellen, und um zweitens die Leidenschaft des Volkes hinlänglich zu entfachen, um Rekruten für die Fortsetzung des Kampfes zu gewinnen. Sie können es sich nicht leisten, die Wahrheit zu sagen. In manchen Fällen muss sogar zugegeben werden, dass sie zu dem Zeitpunkt nicht einmal wissen, was die Wahrheit ist.

Der psychologische Faktor im Krieg ist genauso wichtig wie der militärische Faktor. Die Moral der Zivilisten muss, genau wie die der Soldaten, aufrechterhalten werden. Die Kriegsämter, Marine- und Luftfahrtministerien kümmern sich um die militärische Seite. Für die psychologische Seite müssen Abteilungen gebildet werden. Die Menschen dürfen unter keinen Umständen ihren Mut verlieren; daher müssen Siege überhöht und Niederlagen, falls nicht vertuscht, um jeden Preis heruntergespielt werden, und Empörung, Entsetzen und Hass müssen durch »Propaganda« gewissenhaft und fortlaufend in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht werden. […]

Der Einsatz der Waffe der Unwahrheiten ist in einem Land, in dem die Wehrpflicht nicht im Gesetz verankert ist, notwendiger als in Ländern, in denen alle Männer der Nation automatisch in die Armee, die Marine oder die Luftwaffe eingezogen werden. Die Öffentlichkeit kann durch trügerische Scheinideale emotional aufgewühlt werden. Eine Art kollektive Hysterie verbreitet und steigert sich, bis sie schließlich die Überhand über nüchterne Menschen und seriöse Zeitungen gewinnt.

Mit einer Warnung vor Augen ist die Allgemeinheit vielleicht eher auf der Hut, wenn die Kriegswolke das nächste Mal am Horizont erscheint, und weniger geneigt, die Gerüchte, Erklärungen und Behauptungen, die für ihren Konsum verbreitet werden, als Wahrheit zu akzeptieren. Sie sollte sich bewusst machen, dass eine Regierung, die sich dazu entschieden hat, sich auf die gefährliche und schreckliche Unternehmung des Krieges einzulassen, von vornherein eine einseitige Argumentation zur Rechtfertigung ihres Handelns vorlegen muss und es sich nicht leisten kann, dem Volk, gegen das sie zu kämpfen beschlossen hat, in irgendeinem Punkt auch nur das geringste Maß an Recht oder Vernunft zuzugestehen. Tatsachen müssen verdreht, wichtige Sachverhalte verheimlicht und ein Bild muss präsentiert werden, das die unwissenden Menschen durch seine grobe Färbung davon überzeugt, dass ihre Regierung schuldlos, ihre Gründe rechtmäßig und die unbestreitbare Bosheit des Feindes zweifellos bewiesen ist. Ein kurzer Moment des Nachdenkens würde jede vernünftige Person davon überzeugen, dass solch eine offensichtliche Einseitigkeit nicht der Wahrheit entsprechen kann. Aber ein kurzes Nachdenken ist nicht erlaubt; Lügen werden mit großer Schnelligkeit verbreitet. Die gedankenlose Masse nimmt sie an und ihre Aufregung beeinflusst das Übrige. Die Menge an Unsinn und Schwindel, die in Kriegszeiten in allen Ländern unter dem Namen des Patriotismus verbreitet wird, reicht aus, um anständige Menschen erröten zu lassen, wenn sie nachträglich ihre Illusionen verlieren. […]

Möglicherweise hat nichts die öffentliche Meinung stärker beeindruckt – und das gilt für sämtliche Länder – als die Unterstützung der Propaganda durch Intellektuelle und literarische Berühmtheiten. Sie verstanden es besser als die Staatsmänner, den schwierigen Stoff der Unwahrheit mit literarisch wertvollen Formulierungen und wortgewandten Äußerungen zu bedecken. Auch ohne den Schatten eines Beweises konnten sie mithilfe ihrer literarischen Fähigkeiten dieser oder jener Lüge einen Stempel unzweifelhafter Glaubwürdigkeit aufdrücken oder sie beiläufig als eine anerkannte Tatsache ausgeben, manchmal durch Ausdrücke falscher Unvoreingenommenheit, ein anderes Mal durch rhetorische Empörung. Der engstirnigste Patriotismus konnte edel erscheinen, die widerlichsten Anschuldigungen konnten als entrüsteter Ausbruch von Menschlichkeit dargestellt werden und die bösartigsten und rachsüchtigsten Ziele konnten fälschlicherweise als Idealismus getarnt werden. Alles war legitim, was die Soldaten zum Weiterkämpfen bewegen konnte. […]

In diesem Nebel der Unwahrheiten, ein großer Teil davon unentdeckt und als Wahrheit anerkannt, werden Kriege geführt. Der Nebel entsteht aus Angst und wird durch Panik genährt. Jeder Versuch, auch nur die unwahrscheinlichste Geschichte anzuzweifeln oder abzustreiten, muss sofort als unpatriotisch, wenn nicht gar als verräterisch verurteilt werden. Dadurch hat die rasche Verbreitung von Lügen freie Bahn. Würden sie nur dazu dienen, den Feind im Kriegsspiel zu täuschen, wären sie nicht die Mühe wert, sich darüber Gedanken zu machen. Da aber die meisten von ihnen darauf abzielen, Empörung zu entfachen und die Blüte der Jugend des Landes darauf vorzubereiten, das höchste Opfer zu bringen, werden sie zu einer ernsten Angelegenheit. Daher kann ihre Enthüllung auch nach dem Kampf noch nützlich sein, um den Betrug, die Heuchelei und den Schwindel aufzudecken, auf denen jeder Krieg beruht, sowie die unverhohlenen und geschmacklosen Mittel, die seit so langer Zeit angewandt werden, um das arme, unwissende Volk daran zu hindern, den wahren Sinn des Krieges zu erkennen. Quelle: Westend Verlag

Arthur Ponsonby

Arthur Ponsonby, 1. Baron Ponsonby of Shulbrede (geb.1871; gest.1946) war ein britischer Staatsbeamter, Politiker, Schriftsteller und Pazifist. Zunächst war Ponsonby Mitglied der Liberal Party, für die er 1908 in das Unterhaus einzog. 1914 gründete Ponsonby mit anderen die „Union of Democratic Control“ (UDC). Ziel dieser Gruppe war es, den vermeintlichen militärischen Einfluss auf die britische Regierung zurückzudrängen und sich für den Frieden einzusetzen. Die UDC war insbesondere gegen die Zensur und die Einführung der Wehrpflicht anstelle des im Vereinigten Königreich üblichen Freiwilligensystems. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wechselte Ponsonby zur Labour Party (die er 1940 wieder verließ) und war seit 1922 wieder Mitglied des Unterhauses. Er war von 1934 bis 1937 Vorsitzender der „War Resisters International“.