Das Straßenmagazin für Bochum und Dortmund „bodo“ erschien erstmalig vor 25 Jahren

Am 1. Februar 1995 erschien die erste Ausgabe der„bodo“. 25 Jahre und ungefähr 300 Ausgaben später ist aus dem damals ungewöhnlichen Projekt ein einzigartiges, ansehnliches Magazin für Soziales, Kultur und Geschichten – für die Region geworden, das in der Verbindung von professionellem Journalismus und sozialer Arbeit ein besonderes Ziel vor Augen hat: Menschen zu unterstützen, ihr Leben nach Niederlagen und Krisen wieder selbst in die Hand zu nehmen. Ein Heft kostet 2,50 Euro, die Hälfte behalten die Verkäufer*innen. Höhepunkt der Feier war der Auftritt des Hamburgers Dominik Bloh, der einst selbst auf der Straße lebte. Er las aus einem Bestseller „Palmen aus Stahl“.

Kleine, aber feine bodo-Jubiläumsfeier in der Werkhalle des Union Gewerbehofs

Am vergangenen Freitag wurde das bodo-Jubiläum gebührend gefeiert. Um miteinander auf das Jubiläum anzustoßen, waren„bodo“ Leser- und Unterstützer*innen, Wegbegleiter- und Kooperationspartner*innen in die Werkhalle des Union Gewerbehofs in der Rheinischen Straße eingeladen worden. In Talkrunden, moderiert von bodo-Redaktionsleiter Bastian Pütter wurde über das Magazin und seine VerkäuferInnen, über Journalismus und soziale Arbeit geredet.

Die zahlreich erschienenen Gäste der kleinen Jubiläumsfeier wurde von bodo-Geschäftsführerin Tanja Walter herzlich begrüßt. Sie richtete ihren Dank an alle, die dazu beigetragen haben, dass man nun das 25-jährige Bestehen des Straßenmagazin feiern könne.

Mit einer Mischung aus Sturheit und vorsichtigem Zukunftsoptimismus geht es voran, erzählte bodo-Redaktionsleiter Bastian Pütter

bodo-Geschäftsführerin Tanja Walter begrüßt die Gäste. Fotos: Claus Stille

Redaktionsleiter Bastian Pütter erzählte, man treibe die Arbeit an diesem Straßenmagazin „mit so einer Mischung aus Sturheit und so was wie ein vorsichtigen Zukunftsoptimismus“ voran. Man unternehme kleine Schritte vorwärts. Weshalb man gar nicht so sehr zurückschaue. Aus dem bodo-Archiv hatte Pütter das erste Heft mitgebracht. Die Nummer eins beschäftigte sich übrigens mit dem Geierabend. Pütter: „Die Gäste des Geierabends sind unsere größten Unterstützter.“ Überzählige Wertmarken würden nämlich stets in eine große Box geworfen. Sie kommen dann bodo zugute.

Daniela Schneckenburgers in der bodo Nr. 1 aufgestellte Forderung weiter virulent

Pütter erinnerte daran, dass die jetzige OB-Kandidatin Daniela Schneckenburger einst in der bodo Nummer 1 eine Forderung aufgestellte, mit der man sich aktuell gerade wieder mit der Pressestelle der Stadt Dortmund herumschlage. Konkret geht es um die Zugänge zur Notübernachtungsstelle. „Es gibt also einen Grund, warum es uns noch gibt“, so Pütter. „Wir sind noch nicht fertig.“

Die Obdachlosigkeit habe man zwar nicht beenden können. Im Moment müsse eher wieder von einer Krise gesprochen werden. Aber erreicht habe man schon viel: aktuell verkauften 200 Menschen das Straßenmagazin bodo.

Positive Lebensgeschichten und Zuversicht: bodo geht es „erstaunlich gut“

Man könne durchaus von vielen positiven Lebensgeschichten berichten, die man in den zurückliegenden Jahren erlebt habe, welche eine gute Wendung genommen haben.

Aber bodo selbst habe viele Krise und Brüche überlebt – manchmal gar knapp vorm Ende gestanden. Inzwischen gehe es bodo „erstaunlich gut“. Trotzdem es keine staatliche Förderung gebe. Wenn etwas gut gehe, dann mache man es einfach weiter. Andernfalls disponiere man neu.

Gesprächsrunde mit Vertretern Dortmunder Hilfangebote

 

Richard, Christiane Danowski, Thomas Bohn und bodo-Redaktionsleiter Bastian Pütter.

Während einer Gesprächsrunde informierten Vertreter von Dortmunder Hilfsangeboten für wohnungslose und an ansonsten bedürftige Menschen Richard für das Gast-Haus (Ökumenische Wohnungslosen-Initiative e.V.), Christiane Danowski (Kana-Suppenküche) und Thomas Bohne (Zentrale Beratungsstelle für wohnungslose Menschen der Diakonie Dortmund) über ihre Arbeit und ihr Anliegen. Allesamt Partner auch für das Straßenmagazin bodo. Wichtig für die Betroffenen, aber dennoch schlimm, meinte Bastian Pütter, dass es all diese Einrichtungen weitergeben muss: „Wir sind halt noch nicht fertig mit unserer Arbeit.“

Gastfreundschaft ist ein Grundprinzip der Arbeit. Die Menschen dürfen nicht vergessen werden

Allen geht es im Prinzip darum, Gastfreundschaft für gesellschaftlich ausgegrenzte Menschen auf der Basis vielfältiger niederschwelliger Angebote zu bieten. Ohne jeweils die Bedürftigkeit der Menschen zu prüfen.

Insgesamt, so Richard vom Gast-Haus, sei ein bedauerliches Wachstum an Hilfesuchenden festzustellen. Alle sind als Bürger*innen dieser Gesellschaft bemüht,den Anforderungen ans sie gerecht zu werden. Und das mache durchaus auch Spaß.

Thomas Bohne gab zu bedenken, man müsse sehr aufpassen, dass sich der Sozialstaat nicht immer mehr auf ehrenamtliche Projekte zurückzieht.

Wohnungslose Menschen müssten aktiviert werden. Um eines Tages wieder eine eigene Wohnung zu bekommen. Wofür es aber bezahlbare Wohnung brauche. Die Zahl der wohnungsloser Menschen sei beängstigend gestiegen. Wohnungslosenhilfe dürfe nicht zu einer Almosenversorgung werden. Da tue den Menschen nicht gut.

Christiane Danowski: „Wir teilen miteinander. Diese Menschen dürfen nicht vergessen werden.

Autor und Filmemacher Sascha Bisley über ein ZDFinfo-Projekt: „Auf der Straße – unter Obdachlosen

Sascha Bisley.

Im Gespräch mit Autor und Filmemacher Sascha Bisley berichtete dieser Bastian Pütter von einem Projekt mit ZDFinfo. In Stuttgart hatte Bisley dafür unter dem Titel „Auf der Straße – unter Obdachlosen“ in einem kaltem Februar zwei Wochen im Freien zugebracht. Dafür war er in die Rolle eines Wohnungslosen geschlüpft. Für ihn, sagte Bisley, sei das gar nicht ungefährlich gewesen. Er habe sich daran erinnert gefühlt, wie er einst selbst mit 19 Jahren einen Obdachlosen so schwer verletzt hatte, dass dieser an den Spätfolgen verstarb (und Bisley dafür in Haft kam): „Was, wenn jetzt so ein Idiot, wie ich einst einer war, käme und mich angriff?“ Eine Katharsis! Er habe sich nun plötzlich selbst in sein Opfer von damals versetzen können. Schlimm sei auch das Gefühl für ihn gewesen als Obdachloser binnen Stunden quasi unsichtbar für Passanten zu werden. Er versuchte auch eine örtliche Obdachlosenzeitung in Stuttgart zu verkaufen. Er sei kläglich gescheitert. Bisley: „Mein größtes Kompliment allen, die das mal eben so hinkriegen!“

Die „wichtigsten Leute von bodo“ im Gespräch mit Bastian Pütter

In einer weiteren Gesprächsrunde kamen, wie Bastian Pütter, nun einmal auch „die wichtigsten Leute von bodo zu Wort. Die da waren, der bodo-Verkäufer Dennis, früher drogensüchtig, der Verkäufer*innen-Betreuer, Oliver Philipp (Vertriebsleiter bodo) sowie der Ehrenamtliche Olaf Berger.

Wer Verkäufer des Straßenmagazins werden will, erklärte Philipp, muss sich „zur Einhaltung unserer Regeln verpflichten. Wir erstellen einen Verkäuferausweis und suchen gemeinsam einen Verkaufsplatz aus. Wir stellen die rote Verkäuferkleidung und geben sieben Magazine zum Start.“

Olaf Berger ist einer von denen, die im Rahmen von „Kaffee & Kniffte“ auf festen Routen durch die Stadt geht. In umgebauten und bodo-rot lackierten Bollerwagen haben sie heiße Getränke, belegte Brote, Hygieneartikel und Schlafsacke dabei.

Dennis ist einer derjenigen, welcher für bodo Soziale Stadtführungen in Dortmund anbietet. So können Interessierte einmal den Tag eines Wohnungslosen erleben. Entsprechende Stationen werden angelaufen. Da könnten für einen Wohnungslosen schon einmal 14 bis 15 Kilometer am Tag zusammenkommen, erzählte Dennis.

Der Hamburger Wohnungslosenaktivist Dominik Bloh las aus „Palmen aus Stahl“

Absoluter, lohnender Höhepunkt war die Lesung des Hamburger Wohnungslosenaktivisten Dominik Bloh. Bloh war durch widrige familiäre Umstände obdachlos geworden. Die Straße wurde sein Zuhause. Seine Erlebnisse hat er aufgeschrieben   „Unter Palmen aus Stahl“ wurde ein Bestseller. Eine berührende Lesung. Bloh freute sich über reichlich Applaus, den er so an den gelesenen Stellen woanders nicht bekommen hatte. Auch über den ihm hingestellten Blumenstrauß – auch das ein Novum für ihn bei einer Lesung.

Zwischendurch erzählte Dominik Bloh immer wieder Erlebnisse aus der für ihn schlimmen Zeit, da er von heute auf morgen auf der Straße zu leben gezwungen war. Erschreckend für ihn, wie er zwischen einzelnen Behörden, die sich für ihn jeweils „leider nicht zuständig“ erklärten und ihn weiterschoben. Einmal hatte er die Nacht in einer fremden Laube zugebracht. Das war ihm unangenehm. Weshalb er dem Besitzer eine Nachricht hinterließ und ihn um Erlaubnis bat, dort zu übernachten. Als er wieder zurückkehrte, hatte der Besitzer ihm tatsächlich einen Zettel hinterlassen und ihm gestattet für ein paar Wochen dort zu schlafen. Er hätte

Autor Dominik Bloh.

diesen Menschen gern einmal persönlich kennengelernt. Aber der Besitzer ist dort nicht mehr zu finden.

Eine Anekdote erzählte Bloh noch von einer Podiumsdiskussion zu welcher er eingeladen worden war. Eine dort vertretene Sozialpolitikerin (sic!) hatte zu seinem Fall nur zu sagen, man lebe nun einem in diesem System und müsse mit so etwas umgehen. Dominik Bloh dazu: „Ich habe der Dame gesagt, in einem solchen System möchte ich nicht leben.“

Er sei jetzt 31 Jahre alt, stellte Bloh fest. Früher habe er mal gedacht: „Mit 30 bist du tot oder im Gefängnis.“ Heute ist seine Zuversicht geradezu mit Händen zu greifen. Anderen gibt er aber vorsichtig zu bedenken: „Jeder kann in eine solche Situation kommen.“

Eine interessante Jubiläumsfeier. Um das Musikalische kümmerten sich die bodo-Redaktions-DJs.