“Auschwitz-Appell” von AnStiftern gestartet – „Wir könnten auch alles verfallen lassen und dann wird es zu Staub, …

… aber dann würden wir der Nachwelt nichts hinterlassen.” Am Holocaust-Gedenktag 2020, dem 27. Januar, hat das Stuttgarter Bürgerprojekt Die AnStifter mit einem „Auschwitz-Appell“ eine Aktion gestartet, die zum dauerhaften Unterhalt und Ausbau der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau aufruft. „Kein anderer Ort symbolisiert den Terror der Nationalsozialisten und den Holocaust so sehr wie das ehemalige deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau”, heißt es in dem Aufruf: die-anstifter.de. Von Hermann Zoller.


Vor dem Hintergrund zunehmender antisemitischer und fremdenfeindlicher Übergriffe fordern zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die Öffentlichkeit und die Bundesregierung auf, alles zu tun, um dieses Mahnmal auf Dauer als Erbe der Menschheit zu erhalten. Auschwitz-Birkenau sei der Inbegriff einer bürokratisch perfektionierten Mordmaschinerie und Symbol für Barbarei und Gnadenlosigkeit. Gedenkstätte und Museum Auschwitz-Birkenau werden täglich von tausenden Menschen besucht – für Unterhalt, Betrieb, Konservierung und Forschung seien große Summen erforderlich, um die immer wieder gekämpft werden müsse, heißt es in dem Appell.

Zu den Erstunterzeichnern gehören Gerhard Richter Maler / Udo Lindenberg Gretchen Dutschke-Klotz / Maram Stern Brüssel, Stellv. Geschäftsführer  Jüdischer Weltkongress / Beate + Serge Klarsfeld Paris, Söhne und Töchter der aus Frankreich deportierten Juden / Max Herre Berlin, Musiker / Muhterem Aras MdL, Präsidentin des Landtags / Carola Rackete Ökologin / Cornelia Füllkrug-Weitzel Präsidentin Brot für die Welt + Rainer Weitzel / Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin Bundesministerin der Justiz a.D. / Prof. Barbara Traub Vorstandssprecherin Isr. Religionsgemeinschaft (IRGW) / Prof. Micha Brumlik Publizist / Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama Vorsitzender Allg. Rabbinerkonferenz / Dr. Martin Stankowski / Wolfgang Niedecken / Joe Bauer / Arnulf Rating / Hans D. Christ / Iris Dressler Württ. Kunstverein / Gudrun + Werner Schretzmeier / Dr. Hans Pöschko Ludwigsburg, Förderverein Zentrale Stelle zur Aufklärung der NS-Verbrechen Gunter + Katja Demnig Elbenrod, Stolpersteine / Peter Lenk Bodman, Bildhauer / Günter Pabst Schwalbach, Stadtrat, Gesellschaft für Christl. Jüdische Zusammenarbeit (MTK) / Prof. Dr. Michael Müller Stuttgart, Hochschule der Medien / Dr. Michael Blume Antisemitismus-Beauftragter Landesregierung BaWü / Frank-Markus Barwasser / Malte Rauch / Prof. Niklas FranK Rainer Osnowski Köln, lit.COLOGNE / Leni Breimayer MdB / Carl Wilhelm Macke Journalist*ten helfen Journalist*en / Hasko Weber Weimar, Deutsches Nationaltheater,Staatskapelle / Walter Sittler, Hermann Zoller / Iris Berben / Jörg Armbruster / Hannelore HogerEva Zinke Frankfurt, Berufsverband Bildender Künstler / Kurt Blank-Markard / Michael Müller Naturfreunde / Judith Aviva Kessler / Roland Sing VdK-Vorsitzender / Patrick von Blume Festival politischer Film / Wolfgang Nicht Deutsch-Polnische Gesellschaft / Volker Lösch / Christine Prayon / Zentrum für politische Schönheit / The Leonard-Cohen-Project / Zeichen der Erinnerung / Ulrich Schreiber Berlin, Intern. Peter-Weiß-Gesellschaft Ute Scheub / Goggo Gensch / Wolfgang Fritz Haug / Stephan Moos / Dr. Frieder SchmidtAngelika Matt-Heidecker Oberbürgermeisterin Kirchheim/T. / Burkhard C. Kosminski / Tim Schleider / Sevim Dagdelen / Jo Frühwirth / Anne-Sophie Mutter / Uli Röhm / Hilde Mattheis / Albrecht Müller / Gerd Klatt / Cuno Brune-HägeleMsgr. Dr. Hermes Stadtdekan Stuttgart / Mauthausen-Komitee / Prof. Dr. Oskar Negt + Prof. Dr. Christine Morgenroth u.v.m.

Peter Grohmann zum „Auschwitz-Appell“:
Ein Netzwerk der Bürgergesellschaft schaffen, das kritisch hinterfragt

Es kann Wirklichkeit werden, was eigentlich kaum jemand für möglich halten würde: dass Auschwitz-Birkenau, die Gedenkstätte, die Museen existenziell bedroht sein könnten. Weil diese Gefahr besteht, haben die AnStifter einen „Auschwitz-Appell“ der Öffentlichkeit übergeben. Im Rahmen der Landespressekonferenz Baden-Württemberg wurde er am 27. Januar vorgestellt und damit gestartet.

Schon im Rahmen der Vorbereitungen, während der Suche nach prominenten Unterstützern wurde der Appell bereits sehr bekannt und schon schnell konnten über tausend Unterschriften verzeichnet werden. Das Ziel haben sich die AnStifter gesteckt, bis zum 27. Januar 2021 mindestens 100.000 Unterschriften zu sammeln. Peter Grohmann: „So soll die Gesellschaft öffentlich Farbe bekennen. Mit dem Appell und der Aktion kann so ein Netzwerk der Bürgergesellschaft entstehen, das alle Kultur und alle Politik kritisch hinterfragt, ein Netzwerk der Vielen und der Initiativen der Zivilgesellschaft, der Verbände, der Schulen und Universitäten, das Impulse in die Betriebe und Verwaltungen trägt, in die Öffentlichkeit.“

Auschwitz dürfe nie eine Frage des Geldes werden, betonte Peter Grohmann. Als „Nation der Täter“ könnten wir trefflich darüber streiten, welche Form des Gedenkens angemessen sei. Das dürfe aber nie eine Frage des Geldes sein. Grohmann: „Auschwitz soll das Synonym für deutsche Geschichte werden, für Fragen, Debatten, Auseinandersetzungen, Streit, für Forschung, die zur Lehre wird, für klare Köpfe, für Emotionen, für Tränen und Trauer.“

„Wir könnten auch alles verfallen lassen und dann wird es zu Staub, aber dann würden wir der Nachwelt nichts hinterlassen.”

Eigentlich sollte es anders sein, aber so ist nun mal die Realität: bei Auschwitz müssen wir auch über Geld reden. Dr. Klaus Kunkel hat die Situation unter die Lupe genommen und am 27. Januar vor der Landespressekonferenz unter anderem erläutert:

Zum Zeitpunkt der Gründung der Auschwitz-Birkenau-Stiftung im Jahr 2009 wurde davon ausgegangen, dass aus dem Stiftungskapital jährlich 4 bis 5 Millionen Euro erzielt werden müssen, um dem Stiftungszweck annähernd gerecht zu werden. Dazu sollte die Stiftung mit 120 Millionen Euro ausgestattet werden.

Zum 31. Dezember 2018 (neuere Zahlen liegen nicht vor) belief sich das Stiftungsvermögen auf 111 Mio Euro. Das angestrebte Ergebnis wurde bisher in keinem Jahr erreicht. Im Gegenteil. Aufgrund der aktuellen makroökonomischen Lage vermindern sich die zu realisierenden Erlöse.

Konnten 2016, bei 10 Mio Euro weniger Stiftungsvermögen und ungünstigerem Wechselkurs, noch 11,8 Mio PLN (2,7 Mio Euro) erzielt werden, so weist die Gewinn- und Verlustrechnung für 2018 nur noch einen Ertrag von 8,65 Mio PLN (2,01 Mio Euro) aus.

Da sich die Verhältnisse an den Finanzmärkten auf absehbare Zeit voraussichtlich nicht wesentlich ändern werden, risikoreicheres Agieren im Markt ggf. den Bestand der Stiftung gefährden könnte, wird angestrebt, das Stiftungsvermögen über die 120 Millionen Euro hinaus aufzustocken.

Die Bundesrepublik Deutschland leistet dazu mit bis zu 60 Mio Euro in den nächsten zwei Jahren einen Beitrag.

Aber: Selbst wenn das Stiftungskapital in kurzer Zeit auf 240 Millionen Euro anwachsen würde, wäre es eine äußerst schwierige Aufgabe, das 2009 gesteckte Ziel, einen Erlös von 4 bis 5 Millionen Euro jährlich, zu erreichen.

Es kommt hinzu, dass der Faktor Zeit eine wesentliche Rolle spielt. Je später die notwendigen Erhaltungs- und Restaurierungsarbeiten ausgeführt werden, um so aufwendiger und teurer werden sie sein.

Wir haben starke Zweifel, dass der Erhalt dieses Welterbes, dieses Ortes der kollektiven Erinnerung und Begegnung, der Aufklärung nur mit Hilfe der Stiftung mit ihrer derzeitigen und auch künftigen finanziellen Ausstattung zu gewährleisten ist. Auch die weiteren Ziele der Stiftung können so nicht erreicht werden. Wir erwarten deshalb von der Bundesrepublik Deutschland, dass sie mit geeigneten Maßnahmen dafür Sorge trägt.

Am 6. Dezember 2019 berichtete der Mitteldeutsche Rundfunk:

„700 Menschen haben zwischen 1941 und 1945 in der Baracke 138 des Vernichtungslagers Birkenau gehaust. In drei Etagen haben sie auf Pritschen geschlafen – die unterste war blanker Stein. Heute bewahren ein paar Stützbalken die Baracke vor dem Einsturz. 45 dieser ehemaligen Häftlingsunterkünfte stehen in Birkenau. Sie alle befinden sich in einem kritischen Zustand.“

Nach Einschätzung der Restauratoren betragen die Renovierungskosten für eine dieser 45 Baracken rund 350.000 Euro, für alle also fast 16 Millionen Euro.

Das Gelände hat eine Fläche so groß wie 280 Fußballfelder. Ein Team von Spezialisten hat nun die Aufgabe, diesen Ort zu erhalten. Die Größe des Geländes, es umfasst fast 200 Hektar, stellt das Team dabei vor eine große Herausforderung. Darauf befinden sich 150 Gebäude und weitere 300 Ruinen. Dazu kommen Wege, Straßen, Bahngleise und Stacheldrahtzäune.

Das Ziel der Konservatoren ist es, so viel wie möglich von der historischen Substanz dieser Objekte zu erhalten. Die Kunsthistorikerin Joanna Chrząszcz-Wronka verbindet mit ihrer Arbeit einen besonderen Sinn:

“Wenn wir uns nicht damit beschäftigen, dann würde sich irgendwann niemand mehr daran erinnern. Wir könnten auch alles verfallen lassen und dann wird es zu Staub, aber dann würden wir der Nachwelt nichts hinterlassen.” mdr 6.12.19

Der Eintritt in die Museen Auschwitz I und II ist kostenlos. Im Museum selbst und seinen Forschungsabteilungen u.a.m. arbeiten rund 200 Menschen. Für diese Kosten kommt allein der polnische Staat auf.

Einen Überblick der erforderlichen Konservierungsarbeiten erhalten Sie hier.

Detaillierte Auskünfte zur finanziellen Lage erhalten Sie hier.

Starkes Echo auf Auschwitz-Appell

„Wir haben in kürzester Zeit und oft sehr schnell viele Rückmeldung bekommen“, konnte Monika Kneer berichten. Die Liste der Erstunterzeichner enthalte schon mehr als 1000 Unterschriften. Interessant sei, dass viele Menschen auch Statements übersenden. Dies mache deutlich, dass „der Appell richtig und Manchem auch persönlich sehr wichtig ist“. Beispiele:

Als Person der stets weiblichen Nachfolge meiner jüdischen Urgroßeltern… bin auch ich eine Jüdin, ohne dies zu leben. Aber es schauert mich beim Gedanken an ein Erstarken der rechten Kräfte. (Gina Z.)

Auschwitz ist das Synonym für viele andere Vernichtungslager und das darf niemals vergessen werden (Wolfgang W.)

Es ist unsere Pflicht, die Erinnerung an den II. Weltkrieg und den Holocaust und an alle anderen Opfer wie Sinti und Roma, Widerständler und Euthanasie-Opfer aufrecht zu erhalten. Ein Besuch in Auschwitz verändert das Leben nachhaltig. Selbst wenn man noch so viel darüber gelesen hat. (Birgit G.)

Der Holocaust bleibt ein beispielloses Verbrechen der Deutschen. Mehr als 6 Millionen Juden wurden von Deutschen während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes in “Todesfabriken” ermordet. Dies muss permanent und nicht nur am 27. Januar jeden Jahres als Gedenktag in Erinnerung gebracht werden (Lothar M.)

Wer durch diese grauenvollste Stätte der Nazi-Verbrechen gegangen ist, kann wohl kaum mehr rechtsradikale Äußerungen ohne massiven Widerspruch übergehen.

Quelle: NachDenkSeiten